A Cavaliers Legend

Ace Kaiser
Zenturio Hannes Faber musste an sich halten, um nicht nervös in der Zentrale der SWASHBUCKLER auf und ab zu laufen. Stattdessen saß er auf einem Gastsitz im Hintergrund und verfolgte den Anflug des Union-Landungsschiffs aus der Flugparabel ins Conrad-Mittelgebirge. Genauer gesagt ins Norad-Tal, in dem die Miliz vor ewigen Zeiten Fort Wegener angelegt hatte, um eine schlecht angreifbare Position zu haben, während man gleichzeitig die Pässe übers Gebirge schützen konnte. Eigentlich eine gute Idee für den Fall, dass die als Conrad-Zacke bekannte Tiefebene südlich der Berge ins Weltmeer ragte, Aufmarschgebiet für eine Invasion wurde.
Nun gab es zwar besagte Invasion, aber sie erfolgte von zwei Seiten, da die Miliz des Planeten gleichzeitig gegen die amtierende Gouverneurin putschte. Zumindest jene Teile der Miliz, die sich mit dem Kopf des Putsches, der Wengenbaum-Familie, gemein gemacht hatten. Damit verlor Fort Wegener keinesfalls seine Aufgabe. Aber seine Position war dadurch prekär, weil von zwei Seiten Angriffe geführt wurden.
Nun war das Fort von vorne herein kein großer Stützpunkt und kaum ausgerüstet. Aber eben eine Festung. Solange die Besatzung still gehalten hätte, zum Beispiel wenn die Akugawa-Miliz das Gebirge unbehelligt hätte überqueren können, hätte man Stützpunkt und Besatzung ignorieren können. Aber zwei Faktoren waren hinzu gekommen, die sich nicht ignorieren ließen.
Einerseits, dass die Familie Wengenbaum die Parole ausgegeben hatte, dass wer nicht mit ihr war, gegen sie war.
Und andererseits, dass sich Zorn Kenderson in diesem Tal befinden sollte, jener junge, charismatische Anführer der Kenderson Cavaliers, der nicht nur ein ganzes Regiment an nagelneuem, zeitlos eingelagertem Kriegsgerät gefunden haben sollte, sondern schon auf einem anderen Planeten ein anderes Depot entdeckt und geplündert hatte. Was die Einheit theoretisch reich genug gemacht hatte, damit jedermann in den vorzeitigen Ruhestand hätte gehen können. Kenderson aber hatte sich dazu entschieden, sich und seine Einheit aktiv zu halten. Die Details waren Faber nicht bekannt, aber er wusste, dass militärische Macht ein guter Antrieb war. Wenn es auf Allans World wirklich ein ganzes Regiment aus Mechs und Panzern gab, die während der Nachfolgekriege hier versteckt worden waren, dann war das ein Milliardenwert! Mehrfach! In C-Noten! Jene Einheit, die darauf ihre Hand legen und die Beute auch noch vom Planeten abtransportieren konnte, würde genug ausgesorgt haben, um sich einen Peripherieplaneten samt Bevölkerung zu kaufen.

Soweit das Briefing diese Themen behandelt hatte, war ihm und seinen Leuten gesagt worden, dass Kenderson einen Überfall auf die Conrad-Zacke angeführt hatte. Während der Mission sei er mit einem zweiten Mech von seinen Leuten getrennt worden und beide Piloten hatten hier oben Zuflucht gefunden. Das machte ihn zu einem Ziel auf dem Präsentierteller, denn sein Leben oder sein Tod würden eine Eintrittskarte ins Brian-Kastell sein, in dem die Kriegsmaschinen verborgen gewesen waren. Wengenbaumspione berichteten, dass diese Beute real war. Andere Spione wiederum berichteten, dass Kenderson im Norad-Tal mittlerweile um die zwanzig Mechs aller Klassen zusammengezogen haben sollte.
Das hatten die Wengenbaums aber verworfen. Eher waren sie bereit daran zu glauben, dass Kenderson noch vor der Mission auf der Zacke einen Teil seiner Leute ins Tal entsandt hatte, um hier auf ihn zu warten. Da es mindestens acht verschiedene gesichert beobachtete Mechs bei den Verteidigern gab, welche den Südpass und die Straße im Nordwesten verteidigten, schien das plausibler. Aber warum sollten die Spione lügen? Oder konnte man ihnen nicht trauen?
Fakt war, dass sich die Führung der Miliz dazu entschlossen hatte, das Tal zu nehmen und Kendersons Einheit zu vernichten, was die Chance, das Brian-Kastell samt der militärischen Güter in die Hände zu bekommen, massiv erhöhen würde. Der Hauptpreis in diesem Konflikt, der unter ein wenig Zeitdruck stand, denn egal wie sich die Wengenbaums legitimierten, wenn ihr Putsch nicht abgeschlossen war, bevor New Avalon eine kampfstarke Einheit schickte, war mindestens die Beute im Brian-Kastell verloren.
Die Aufgabe seiner Latin Striders würde es sein, mit der SWASHBUCKLER ins Tal zu fliegen, an einem sicheren Punkt, der von der Artillerie des Forts nicht beschossen werden konnte, zu landen, und von diesem Punkt aus den Nordwestpass von innen zu nehmen und damit das Tal für eine Invasion zu öffnen, während zeitgleich die Akugawa-Miliz als Ablenkung von Süden aus angriff. Das würde die acht Mechs unter Kenderson erfolgreich aufsplitten und beschäftigt halten. Soweit sagte es der Plan.

Nun waren die Latin Striders keine große Einheit, sondern nur eine kleine, überschaubare Söldnertruppe aus der Peripherie, die sich nicht den Luxus gönnen konnte, bei ihren Aufträgen wählerisch zu sein. Aber im Idealfall fanden ihre Einsätze, meistens Wachdienste, Verteidigung strategischer Ziele und ab und an mal eine Kampagne gegen Piraten, in der Peripherie statt, jenem Gürtel aus besiedelten Planeten rund um die Innere Sphäre, die keinem der sechs großen Reiche zugeordnet waren. Die Striders eine Kompanie zu nennen, war gerade so gerechtfertigt. Dreizehn Piloten, elf Maschinen, achtzehn Techs, das war alles. Hinzu kamen normalerweise noch die Familien, noch einmal achtundneunzig Leute, aber Hannes hatte sie auf dem letzten Zwischenstopp, einem freundlichen, ruhigen Planeten, untergebracht. Die Unterbringung war bescheiden, aber weit besser, als sie es manches Mal während der Reisen der Striders gewohnt waren.
Zwar zahlte der Auftraggeber gut und hatte im voraus die Hälfte bezahlt, die andere Hälfte bei ComStar hinterlegt, großzügige Prämien für Tote und Verletzte ausgelobt, und kleine, aber immerhin zehn Jahre laufende Hinterbliebenenrenten. Aber genau das war der Punkt, an dem der Zenturio misstrauisch geworden war. Wer sein Geld derart festlegte, nach genau abgesprochenen Konditionen, der brauchte seine kleine Einheit wirklich dringend. Und das war bei der eher nicht so hohen Qualität der Truppe eine gefährliche Aussage. Denn das bedeutete, dass seine Jungs und Mädels als Kanonenfutter benötigt wurden.
Dennoch hatte Faber zugesagt, denn das Geld, das es zu verdienen galt, würde, selbst wenn alle Striders sterben würden, ihren Familien zugute kommen.
Der Verlust der Mechs, einige seit Jahrhunderten in Familienbesitz, und keiner nicht mindestens aus zwei verschiedenden Maschinen bestehend, und nicht immer das gleiche Modell, wurde damit nicht kompensiert. Auch ihre uralten Kampfroboter, tausendfach geflickt, waren Geld wert. Gerade, weil der Zenturio immer Wert darauf gelegt hatte, die besten Techs anzuheuern, die er mit dem Geld der Einheit bezahlen konnte. Und die sich nicht zu fein waren, die jungen AsTechs der Striders auszubilden. Der Sold, welcher bereits geflossen war und noch fließen würde, war bei weitem nicht ausreichend, um selbst den pessimistischen Schätzwert der elf Maschinen zu kompensieren. Aber wurde die Einheit vernichtet und die Striders aufgelöst, war gutes, bares Geld für seine Familien da, das für ein bürgerliches Leben auf ihrer neuen Heimatwelt reichen würde.
Zugleich fielen die immensen Wartungskosten weg, die jede Mech-Kampfeinheit stemmen musste. Summa summarum ein guter Deal für die Latin Striders.
Und angenommen, sie wurden nicht verheizt, angenommen, sie, oder das Gros seiner Leute überlebte diesen Kontrakt, dann bestand sogar die Möglichkeit, nein, natürlich nicht einen oder mehrere Mechs aus dem Depot zu erhalten. So vermessen, das zu glauben, war Faber nicht, auch wenn ihr Mittelsmann, dieser Janard Medice, so etwas ein paarmal angedeutet hatte. Aber wenn sich die Sieger an der Beute bedienten, wurden vielleicht andere Mechs in den beiden Milizenn nicht mehr benötigt. Oder es fiel eine Beutemaschine der Cavaliers für sie ab. Jeder weitere Mech mehr war dann ein Segen für seine Leute. Selbst eine uralte, geflickte Maschine war dann in einem besseren Zustand als die Mechs seiner Leute. Zumindest hoffte er das.

„T minus eine Stunde“, sagte Kapitän Björn Philip. Er sah zu Faber herüber. „Besser, Sie machen sich jetzt fertig, Zenturio.“
Der Anführer der Striders nickte und erhob sich. „Danke, dass ich bis hierhin in der Zentrale sein durfte, Kapitän Philip.“
„Gerne. Mit Dingen, die mich nichts kosten, bin ich normalerweise großzügig“, scherzte er. Die beiden Männer nickten sich noch einmal zu, dann verließ Faber die Brücke. Die SWASHBUCKLER war nicht ihr eigentliches Transportmittel zwischen den Sternen. Das war die KAYNE, ein umgebautes Maultier. Für diesen Auftrag war das schlecht bewaffnete zivile Schiff nicht geeignet genug gewesen, sodass ihnen die SWASHBUCKLER zugewiesen worden war, welches der Miliz gehörte. Also im Moment den Wengenbaums.
Der Union war wesentlich besser bewaffnet und auch besser gepanzert als ihr altehrwürdiges Maultier. Es würde den Landeanflug gewiss überstehen. Und anschließend würde Philip mit der Bewaffnung nicht nur dafür Sorge tragen, dass der Anmarschweg zum Pass von den Schiffsgeschützen der SWASHBUCKLER gedecjt wurde. Sondern dass die Striders auch tatsächlich ihren Auftrag erfüllten. Trotzdem, sicher zu Boden kommen war ein Vorteil, weshalb er dankbar für diese Zuteilung war.

Über mehrere Treppen kletterte Faber im Union in die Tiefe, bis er die Ladebucht 1 erreichte. Hier standen acht ihrer Maschinen, darunter auch sein Donnerkeil. Kurz ging er zu den Spinden, um sich bis auf seine Glücksshorts auszuziehen, damit er der kommenden Hitze im Cockpit besser widerstehen konnte. Dann ging er zu seiner Maschine.
MeisterTech Frohn stand schon bereit, in der Hand eine Kühlweste und den Neurohelm. „D's Baby schnurrt“, empfing er den Zenturio mit seinem harten Peripherie-Akzent, und reichte ihm die Ausrüstung. „All' Babies sinh fit“, fügte er an.
„Na, dann wollen wir doch mal das Schlechteste erwarten und das Beste hoffen“, sagte Faber frohgemut, extra ein wenig lauter, damit seine Piloten, die weitestgehend bereits in ihren Cockpits saßen und auf das Ende des Drops warteten, ihn hörten und glaubten, er ginge zuversichtlich in diese sehr gewagte Mission.
Er nahm die Sachen entgegen und wollte gerade die Strickleiter zum Cockpit erklimmen, da legte der MeisterTech seine Hand auf seine Schulter. „Nich' vergess'n. Kenderson isn feiner Kerl. Wenn sich wer ergibt, schießt er nich' mehr.“
„Äh, ja“, machte Faber. Er hatte nicht vor, mit schießen aufzuhören, bevor der Auftrag nicht erfüllt war. Vor allem nicht, wenn ihre einzige Fluchtmöglichkeit in Form des Unions jederzeit anfangen konnte, auf sie zu schießen, um sie für einen weiteren Angriff zu motivieren. Rechnerisch würden sie gewinnen. Allein von der Tonnageverteilung konnte es nicht anders sein. Sie und das 5. Bataillon der Miliz gegen vier oder fünf BattleMechs? Das konnte doch nur gutgehen, vor allem weil die Sprengladungen, die in den Steilwänden rund um den Pass installiert worden waren, von der Zündung abgetrennt waren. Aber man wusste ja nie, und vielleicht waren es sogar sechs Mechs. So oder so, sie würden die Passage mindestens bis zur SWASHBUCKER öffnen, etwas anderes war logisch gesehen unmöglich. Oder es musste ein Wunder für die Cavaliers geschehen.
Die Frage für ihn war nur, wie hoch der Preis war, den die Latin Striders dafür bezahlen mussten. Wieder einmal.
Faber kletterte ins Cockpit, warf die Weste über und schloss sie an. Nach dem kalten Schauder des Kühlmittels, welches nun zu zirkulieren begann, setzte er den Neurohelm auf, vergewisserte sich, dass die neuronalen Sensoren an den richtigen Stellen saßen und schloss die Riemen. Sein letzter Blick ging zu seiner Notfallausrüstung im Sockel der Pilotenliege. Darin waren unter anderem ein Nadler und eine Autopistole. Falls er abgeschossen wurde. Falls er sich mit der Pilotenliege raus schießen konnte. Falls er es schaffte, lebend auf dem Boden anzukommen. Falls er es schaffte, am Boden zu überleben. Lang genug, dass er sich den Weg in eine Deckung freischießen konnte.Wirklich, konnte er nicht positiver denken? Eigentlich lagen alle Karten bei der Miliz, den Dracs und ihnen, den Striders. Aber sie standen gegen einen Mann und seine Leute, die jetzt schon das zweite Sternenbunddepot entdeckt hatten. Der einen Überfall auf die Conrad-Zacke nicht nur überstanden, sondern seine Leute heil rausgebracht hatte und selbst entkommen konnte. Der mit nur einem einzigen Mech vom Typ Tomahawk einen gut ausgedachten Hinterhalt nahezu pulverisiert hatte. Gut, das war gewesen, weil seine Gegner viel zu nahe herangekommen waren und offenbar keine Ahnung hatten, was die große Karbonstahlaxt mit genau so unvorsichtigen Gegnern anrichten konnte. Aber dennoch. Kenderson war auf der einen Seite, sie waren auf der anderen Seite. Und es wäre ein Fehler gewesen, ihn zu unterschätzen. 'Na wenigstens', dachte Faber in einem Anflug von Sarkasmus, 'hat er nicht auch noch die Wolfs Dragoner in der Hinterhand'.

***

Während die SWASHBUCKLER dem Boden entgegen fiel, begann Kapitän Philip ruhiger und ruhiger zu werden. Er begann vor jeder Landung eigentlich immer mit etwas Nervosität oder einem dummen Tick, wie populäre Melodien pfeifend, auf Dinge klopfend, mit einem Fuß wippend, sowas halt. Je näher aber der Grund für die Anspannung kam, desto gelassener wurde er. Manchmal verglich er das mit Lampenfieber, welches verschwand, sobald sich der Vorhang der Bühne hob – und oh Boy, der Vorhang hob sich rasant.
Der schwierige Part der Mission war nicht unbedingt der Parabelflug. Die Berechnungen waren korrekt, auf den Millimeter genau, und wenn sich die Landezone nicht radikal verändert hatte, würden sie sicher aufsetzen. Einen direkten Anflug zu nehmen wäre wegen der Berge riskanter gewesen, oder wenn sein Schiff höher geflogen wäre, um über die Bergspitzen zu kommen, hätten sie ein leichteres Ziel geboten. Eine Landung nach Parabelflug aber bot große Sicherheit, Präzision, und das kleinste Zeitfenster, in dem die Artillerie von Fort Wegener sie beschießen konnte.
Die kritische Zeit war natürlich kurz vor dem Bodenkontakt. Sein Union musste stark reduzieren, fast die ganze Fahrt aufheben, um nicht zu hart aufzusetzen, damit er einerseits hinterher noch ein Schiff hatte, und andererseits die Mech-Kompanie, welche er absetzen sollte, nicht schon an Bord zerstört wurde. Oder so sehr durcheinander geschüttelt, dass der ganze Überraschungsvorteil dahin war und Kenderson Zeit hatte, Mechs am Lander zusammen zu ziehen, um das Ausschiffen zu sabotieren. Oder zumindest zu erschweren. Da machte sich Philip nichts vor. Die Maschinen, die Kenderson besaß, waren von wesentlich besserer Qualität als jene der Latin Striders. Diese brauchten die Überraschung, den Vorteil, um selbst mit einer Kompanie Mechs die Nordwestpassage zu öffnen. Je mehr Verteidiger auf der Sohle des Passes warteten, desto schwieriger würde es werden, selbst mit dem 5. im direkten Angriff.
„T minus zehn“, sagte Trondheim, der Navigator.
Zehn Minuten noch. Das bedeutete, die Steuerdüsen feuerten bereits, um die Fallgeschwindigkeit aufzuzehren. Davon hatte die SWASHBUCKLER nicht viel aufgebaut, nur so viel, um die Anziehungskraft des Planeten zu überwinden und der Parabel zu folgen. Zeit hatten sie genug gehabt. Aber trotzdem kamen sie jetzt runter wie ein nach allen Seiten leuchtender Komet. Zehn Minuten bedeuteten noch etwa dreitausend Meter. Weniger ging nicht, weil die Parabel die Höhe vorgegeben hatte. Immerhin, jetzt erst waren sie sehr gut am Nachthimmel zu sehen, und bisher hatte sie keine Radarsignale getroffen.
„ORTUNG!“, kam es von Lieutenant Lucksteen, „WIE ES SCHEINT VON EINEM KAMPFSCHÜTZE!“
Na, das hatte ja gut funktioniert. Ein Kampfschütze war einer jener Mechs, die auf Luftabwehr ausgelegt waren. Dabei wurden sie Luft/Raum-Jägern, VTOL und atmosphäregebundenen Jägern natürlich gefährlicher als einem militärischen Landungsschiff, aber dennoch würden seine Waffen Schäden verursachen. Zusätzlich zu jenen Schäden, die zweifellos dazu kommen würden, wenn die SWASHBUCKLER in den Neigungswinkel der Fort-Artillerie eintrat und ohnehin fast keine Fahrt mehr hatte. Für über eine Minute würden sie eine wunderbare Zielscheibe abgeben, und man konnte nur hoffen, dass die Artillerie in der Zeit nicht allzu häufig schoss.
Und durch den Wall aus militärischem Rauch, den sein Schiff kurz vor der Landung erzeugen würde, natürlich so wenig wie möglich treffen würde. Der Rauch war nicht nur optisch undurchsichtig, sondern verhinderte auch Radar-, und Magnetbandortung. Aber jeder halbwegs kompetente Gunner würde sich die Fallgeschwindigkeit seines Unions nehmen, zweimal kurz drüber rechnen und dann genau wissen, wohin er mit seiner Kanone zielen und wann er nur noch abdrücken musste. Dazu kam, dass die Ortungsfähigkeit des Kampfschütze den Überrraschungsmoment teilweise aufgehoben hatte. Nun konnten sie nur noch auf ein wenig Glück hoffen – und dass ihre Panzerung dick genug war. Ein unglücklicher Treffer, der eine Landeluke außer Betrieb setzte und verhinderte, dass ein Teil der Latin Striders sofort ausschleusen und gefechtsbereit werden konnte, wäre ein absoluter Horror, der den ganzen Plan womöglich scheitern lassen würde.
„T minus fünf.“
Noch etwa tausendzweihundert Meter. Llord, sein Pilot, reduzierte mit Hilfe des Bordcomputers genau in dem Maß, wie die Parabel es vorschrieb. Leider machte es ja auch berechenbar. Aber schnell runterkommen hielt Philip für besser als ein oder zwei irrationale Manöver, um der direkten Schusslinie zu entgehen, die zudem Zeit kosten würden. Und wer wusste das schon, vielleicht hatten sie Glück, und die besten Kanoniere von Fort Wegener waren nicht an den Lafetten? Eine irrwitzige Hoffnung, zugegeben.

„T minus eine Minute!“
„Ortung jetzt auch von Fort Wegener“, meldete Lucksteen, diesmal wesentlich ruhiger. Gut. Ihre schrille Stimme hatte fast eintausend Meter Fallweg lang in seinen Ohren geklingelt.
„Waffenmaat“, sagte der Kapitän. „Feuer frei.“
„Aye, Sir“, erwiderte Jensen und feuerte die vorbereitete Vierziger-Salve LSR ab. Die Raketen verließen die Werferrohre genau wie in einer unspektakulären Übung, und detonierten, als wären Zielmarkierungen für Jensen vorhanden gewesen, sehr exakt auf dem Kamm westlich des Passwegs, der sich hier schon deutlich ins Tal eingeschnitten hatte. Schnell bildete sich eine dichte, undurchdringliche Wand aus Nebel. Sein Sichtschutz.
„Signal zur Landung“, sagte er. Damit gab es keinen Weg zurück, kein Durchstarten und Entkommen mehr. Allerdings hielt er das Risiko auch für vertretbar.
„Aye, Sir.“ Der Signalmaat ließ die Sirene durchs Schiff hallen. Wer noch keinen Sitz, festen Halt oder eine Stelle zum Anschnallen gefunden hatte, sollte spätestens jetzt erfolgreich suchen.
Leise Glockenschläge gingen durch die Hülle. Der Kampfschütze schickte mit seinen Autokanonen auf fünfhundert Meter seine ersten Grüße hoch. Philip lächelte verbissen. Das konnte sein altes Ross ab, das war nicht so schlimm.
„T minus dreißig Sekunden!“
Weitere Erschütterungen kamen hinzu, als die Artillerie von Fort Wegener eingriff. Drei schnelle Treffer, zwanzig Sekunden Pause, wieder drei Treffer. Dann waren sie im Deckschatten der Nebelwolken, und das Feuer hörte auf. Eventuell, weil die Geschütze nachladen mussten. Eventuell, weil die Nebelwand doch wirkte.
„TOUCHDOWN!“
„Gut gemacht, EinsWO! Hangartore öffnen! Die Striders können ausschiffen!“, rief er. Na, abgesehen vom Beschuss war das doch eine Landung wie im Bilderbuch gewesen. Alles, was sie jetzt noch tun mussten, war, den Pass zur Tal-Innenseite zu decken, bis das 5. Bataillon den Weg hoch kam. Das würden sie auch noch hinkriegen.
Auf einem seiner Monitore sah er Hangarbucht eins. Die große Rampe war bereits fast heruntergefahren, und die ersten Mechs machten sich bereit, verließen ihre Transportbühnen und stampften aus dem Hangar in Richtung Gefechtsfeld. Der Donnerkeil von Faber war der dritte. Sehr diszipliniert, die Burschen. Immerhin das. Man konnte sich einiges von dieser Truppe erhoffen.
Das Ausschiffen ging zügig vonstatten und dauerte nicht mal eine Minute. Dann bewegten sich die Latin Striders schon auf ihr Einsatzgebiet zu. Wirklich, ihre Mechs mochten alt sein, ihr Training aber war akkurat.
„Auf FeindMechs achten!“, mahnte Philip. Immerhin, die Polkuppe der SWASHBUCKLER war jetzt unterhalb der Felsklippe, wenn auch nur lausige zwei Meter, aber damit konnten sie nicht mehr direkt beschossen werden. Ihre größte Gefährdung waren jetzt die Mechs, und mit vier bis acht Maschinen sollte ein Union eventuell fertig werden. Aber so viele konnte Kenderson kaum einsetzen, wegen der Angriffe auf beiden Seiten. Eigentlich lief es doch gut für sie. Bis er den Fluch von Kershaw hörte.
„Was ist, EinsWo?“
„Schäden an der Hydraulik von Hangarrampe eins, Sir. Ich schicke die Techs hin, um das zu flicken!“
„So schnell wie möglich. Ich mag es nicht, mitten in Feindgebiet mit offenen Luken rumzusitzen!“
„Aye, Sir!“
War das auch geklärt. Also, Zorn Kenderson, was war der nächste Zug nach dieser unheilvollen Überraschung?

***