Geschrieben von Andai Pryde am 06.10.2026 um 13:38:
Red Reapers – A Mercenary´s Tale
Red Reapers – A Mercenary´s Tale
Kapitel 1
Avalon City, New Avalon
20. April 3067
Der erste PPC-Schuss verfehlte den Night Gyr um kaum mehr als eine Mechbreite, strich blauweiß zwischen den Häusern hindurch und überstrahlte Vivians rechte Außenkamera, ehe die Entladung hinter ihr in die Fassade eines Bürogebäudes fuhr. Beton brach aus zwei Stockwerken, Fenster zerplatzten, und eine graue Wolke quoll über die Straße. Vivian Estelle McFairley hatte den fünfundsiebzig Tonnen schweren OmniMech bereits aus der Schusslinie gezogen. Sein rechter Fuß setzte zwischen zwei ausgebrannten Personenwagen auf, der linke zerdrückte den niedrigen Sockel einer Verkehrsinsel, und mit dem nächsten Schritt brachte sie eine Gebäudeecke zwischen sich und den Schützen.
Der zweite Schuss ging tiefer. Er traf die Fahrbahn, riss Asphalt aus seiner Bettung und schleuderte faustgroße Bruchstücke und Staub gegen die Beine des Night Gyr. Auf dem Panzerdiagramm leuchteten zwei Bereiche für einen Augenblick gelb auf; die darunterliegende Struktur blieb unbeschädigt.
„Valkyrie Actual, Slate. Kontakt bestätigt. Uziel, Zwei-Sierra.“
Jonas Kerr klang, als melde er einen verspäteten Transporter. Je schwieriger eine Lage wurde, desto sorgfältiger setzte Slate seine Worte, und nach Jahren gemeinsamer Einsätze erkannte Vivian inzwischen an kleinen Veränderungen seiner Stimme, ob er eine Information weitergab oder bereits überlegte, wie er sie nutzen konnte.
Sie zog das Fadenkreuz über die Hausecke, aus deren Richtung die beiden Schüsse gekommen waren, und erhöhte die optische Vergrößerung. Knapp fünfhundert Meter entfernt stand der UZL-2S hinter dem vorspringenden Teil eines Parkhauses. Kopf, oberer Torso und beide Arme lagen frei, Beton deckte Hüfte und Beine. Seine beiden PPCs folgten bereits dem Night Gyr.
„Guter Platz“, murmelte Vivian.
„Leider ja“, antwortete Slate.
Sie nahm die Vergrößerung zurück und verzog den Mund. „Ich meinte den Uziel.“
„Das dachte ich mir.“
Der Night Gyr ging dicht an der Häuserfront weiter. In der breiten Straße fanden sich ausgebrannte Fahrzeuge, umgestürzte Beleuchtungsmasten und Teile einer Stadtbahn, deren Vorderwagen quer über zwei Fahrspuren lag. Wochen des Kampfes hatten Fahrbahn und Gehwege mit Einschlägen überzogen, Fassaden geöffnet und an mehreren Stellen die Versorgungsleitungen unter dem Asphalt freigelegt. Wasser quoll aus einem geborstenen Schacht, lief zwischen Glasscherben über den Gehweg und sammelte sich in einem flachen Krater.
Weiter nördlich blitzte eine Energiewaffe zwischen zwei Hochhäusern auf. Eine Salve Langstreckenraketen stieg fast gleichzeitig hinter einem Gebäuderiegel hoch, zog über die Dächer und verschwand einige Straßenzüge weiter östlich. Sekunden später rollten die Detonationen durch die Häuserschluchten. Von Westen antwortete eine Autokanone mit einem langen, harten Feuerstoß, und im Bataillonsnetz meldete eine der Lanzen der dritten Kompanie einen schweren Kontakt, den sie nur für wenige Sekunden gesehen hatte.
Auf Vivians taktischer Karte lagen die drei Kompanien über mehrere Häuserblocks verteilt. Slates erste Kompanie arbeitete sich westlich ihrer Position durch die Querstraßen vor; seine eigene Lanze stand am nächsten zu ihr. Adrienne Locke führte die zweite Kompanie einige Blocks weiter östlich. Die dritte hielt südlich versetzt den Anschluss an die nachrückende Infanterie und die übrigen Elemente der Sechsten.
Adrienne hieß im Funk Ledger, ein Rufname, der ihr geblieben war, nachdem der Stab begriffen hatte, dass sie selbst nach einer durchwachten Nacht wusste, welche Lanze noch Ersatzteile erwartete, welchem Piloten Cockpitzeit fehlte und welcher Tech bei der letzten Personalplanung übersehen worden war. Vivian hatte in mehr als zwanzig Jahren auf Schlachtfeldern und in Stäben nur wenige Stellvertreter erlebt, deren Anwesenheit ihre eigene Arbeit so spürbar erleichterte. Adrienne gehörte als Mechkriegerin zum soliden Mittelfeld des Regiments; als Offizierin brachte sie beinahe alles mit, was Vivian von einer Stellvertreterin erwartete. Sie verstand Menschen, behielt Reparaturstände und Personalprobleme im Kopf und erfasste Vivians Absicht oft, bevor diese einen Befehl vollständig ausgesprochen hatte. Gerade bei der Logistik besaß sie einen Instinkt, den Vivian selbst nach all den Jahren nur mit Disziplin und Erfahrung ausglich.
Zwischen den Mechgruppen bewegten sich Groundhogs Infanteristen durch Bürohäuser, Tiefgaragen und Innenhöfe. Kleine Trupps verschwanden in Seiteneingängen, tauchten an rückwärtigen Zufahrten wieder auf und durchsuchten jene Bereiche, die sich aus zehn Metern Cockpithöhe kaum einsehen ließen. Panzerabwehrwaffen in einem dritten Stockwerk oder einer Tiefgaragenrampe konnten einem BattleMech mehr Schwierigkeiten bereiten als ein offen sichtbarer Gegner auf der Straße.
Auch die Sensoren machten Avalon City nicht übersichtlicher. Radarechos sprangen zwischen den Fassaden hin und her, während im Infrarotbild Brände, Generatoren, beschädigte Fahrzeuge und aufgeheizte Gebäudefronten übereinanderlagen. Der Gefechtsrechner markierte nördlich des Uziel mehrere mögliche Kontakte. Einige bestanden nur wenige Sekunden, verschwanden hinter Beton und tauchten an anderer Stelle wieder auf. Vivian behandelte sie als Gegner, bis jemand das Gegenteil bewies.
Eine klarere Signatur zeigte sich westlich des Parkhauses. Der Mech trat für wenige Augenblicke in eine Querstraße, verschwand wieder und gab dem Rechner bei der nächsten Sichtung genügend Daten für eine Identifizierung.
CES-3R CAESAR.
Vivian vergrößerte den Kartenausschnitt. Der siebzig Tonnen schwere Mech bewegte sich nach Norden und bog anschließend ostwärts. Mit seinem Gaussgeschütz und der ER-PPC konnte er jeden längeren Straßenzug in ein Feuerfeld verwandeln.
„Slate, Caesar westlich vom Uziel. Er geht Richtung Nordblock.“
Ein leises Klacken begleitete Jonas’ Antwort; vermutlich wechselte er gerade eine Anzeige. „Hab ihn. Über die Passage am Parkhaus komme ich ihm links in die Seite und halte mich aus der Linie seiner Gauss. Die Straße sieht allerdings aus, als hätte sie ein persönliches Problem mit Enforcern.“
Vivian legte sein vorgeschlagenes Manöver über das Kartenbild. Zwischen zwei Gebäuden führte eine schmale Zufahrt zur Rückseite des Parkhauses. Für seinen ENF-5D war sie breit genug. Direkt hinter der Einmündung lagen allerdings die Überreste zweier BattleMechs, von denen einer einem Enforcer zumindest ähnlich genug sah, um Jonas’ Misstrauen zu rechtfertigen.
„Nimm deine Lanze mit. Der Rest hält dir den Rückweg offen.“
„Verstanden.“
Vier blaue Symbole lösten sich von Slates Kompanie. Neben seinem Enforcer gingen ein Garm, ein Clint und ein Watchman in die Passage. Sie hielten genügend Abstand, um einander in den engen Straßen Bewegungsraum zu lassen.
Vivian schaltete auf Adriennes Kanal. „Ledger, Caesar läuft nördlich von Slate auf deinen Bereich zu. Uziel südwestlich davon. Dahinter mehrere Kontakte, noch keine saubere Identifizierung.“
„Beide gesehen.“ Adriennes Stimme kam hell und klar durch das Funkrauschen. „Ich nehme Romeo etwas zurück und verteile den Rest an den Fassaden. Wenn der Caesar weiterkommt, bekommt er mehrere schlechte Möglichkeiten.“
„Gib ihm Zeit, sich eine auszusuchen. Vielleicht bekommen wir seine Kameraden dann auch noch.“
„Mit Vergnügen.“
Romeos CN9-D Centurion wich in den Schutz einer zurückgesetzten Häuserfront. Bandits BattleMech ging auf die gegenüberliegende Straßenseite, während Adriennes eigener DGR-3F Dragon Fire etwas weiter hinten blieb und von dort zwei Kreuzungen gleichzeitig einsehen konnte. Ledger machte aus dem Straßenzug keinen komplizierten Hinterhalt. Sie gab jedem Mech eine brauchbare Deckung, einen freien Schussbereich und genügend Platz, um sich wieder zu lösen.
Auf dem Führungsnetz meldete sich die Infanterie. „Valkyrie Actual, Groundhog Actual. Sind in der Westpassage, brauchen noch drei Minuten. Zwei Gefangene, ein Verwundeter. Im dritten und vierten Stock sitzen allerdings noch versprengte Zivilisten.“
Vivian nahm Druck vom Pedal. „Verstanden. Ich bleibe südlich. Meldet euch nach der Tiefgarage.“
„Roger.“
Sie hielt den Night Gyr hinter der Gebäudekante. Die Kühlweste arbeitete zuverlässig, trotzdem hatte sich nach mehreren Einsatzstunden eine dumpfe Wärme im Cockpit festgesetzt. Unter dem Neurohelm klebte ihr Haar an den Schläfen. Eine gelbe Anzeige für einen sekundären Kühlkreislauf blinkte seit fast einer halben Stunde am Rand ihres Sichtfelds.
Miriam Dace würde sich darum kümmern.
Und Miriam würde Vivian dabei ausführlich erklären, wer die Verantwortung dafür trug.
Vor dem Ausrücken hatte die ältere Tech auf den Night Gyr gezeigt. „Bring ihn mir vollständig zurück.“
Vivian hatte den Helm unter den Arm geklemmt und sie angesehen. „Den Mech oder seine Pilotin?“
Miriam hatte über den Rand ihres Datenpads zurückgeblickt. „Eine lebende Pilotin verursacht weniger Verwaltungsaufwand. Einen Clan-OmniMech können viele steuern. Aber nur wenige bringen ihn mir in einem Stück zurück.“
Bei Miriam kam das einer herzlichen Verabschiedung ziemlich nahe. Vivian wusste zugleich, wie sehr die Maschine ihre Gegner anzog. Ein Night Gyr war auf jedem Schlachtfeld ein lohnendes Ziel, und mit seiner Clanbewaffnung gehörte Vivians Prime zu den Maschinen, die ein gegnerischer Kommandeur lieber früh als spät aus dem Gefecht nahm.
„Caesar dreht weiter nach Osten“, meldete Slate. „Und er bringt Freunde mit.“
Vivian sah die Markierungen ebenfalls. Hinter dem bekannten schweren Mech bewegten sich mindestens fünf weitere Dreieckssymbole, einige nur für Sekunden belastbar. Einer der Kontakte war groß genug, dass der Rechner zwischen schwerem und SturmMech schwankte.
„Haben sie euch gesehen?“
„Falls ja, zeigen sie erstaunliche Selbstbeherrschung und beißen nicht an.“
„Genieß es, solange es anhält.“
„Oh, ich beschwere mich nie, wenn man nicht auf mich feuert.“
Drei Autokanonengeschosse schlugen unmittelbar danach in die Fassade über Slates Lanze. Betonstücke regneten auf den Clint und den Watchman, während beide Mechs tiefer in die Deckung gingen.
Jonas räusperte sich. „Ich möchte meine Aussage teilweise zurücknehmen.“
Vivian musste grinsen.
„Groundhog Actual an Valkyrie. Passage frei.“
„Verstanden.“
Sie brachte den Night Gyr wieder in Bewegung. Die Lücke zwischen den Verwaltungsgebäuden war knapp bemessen. Vivian zog den rechten Arm mit der Ultra AC/10 näher an den Rumpf und drehte den Oberkörper leicht gegen die Hüfte. Die Schulterpanzerung strich trotzdem über eine Betonkante und löste mehrere Brocken aus der Fassade.
Unterhalb des Cockpits kamen Infanteristen aus einem Seiteneingang. Zwei führten Gefangene ab, ein dritter trug die Ausrüstung eines verwundeten Kameraden. Dazwischen bewegten sich Zivilisten, einige mit Taschen, eine Frau mit einem Kind auf dem Arm. Ein Sergeant hob kurz die Hand und zeigte zum Ende der Passage. Vivian bestätigte mit einer kleinen Bewegung des Mechkopfs und ging weiter.
Der Innenhof dahinter gab ihr mehr Raum. Niedrige Bäume trennten Reihen von Parkflächen, in der Mitte stand ein trockengelegter Brunnen. Am nördlichen Rand verlief eine Mauer vor einem fünfgeschossigen Bürokomplex.
Der Uziel kam über diese Mauer.
Seine Sprungdüsen zündeten fast gleichzeitig und hoben die fünfzig Tonnen schwere Maschine über die Dachkante eines niedrigen Anbaus. Staub und lose Trümmer schossen unter ihm auseinander, als er mitten im Hof aufsetzte. Die Knieaktivatoren fingen die Landung ab, während beide Arme bereits auf den Night Gyr einschwenkten.
Vivian trat das linke Pedal durch.
Der erste PPC-Schuss fuhr an ihrer Maschine vorbei und hinterließ einen grellen Reflex auf der Cockpitscheibe. Der zweite traf die linke Schulter. Blauweißes Licht fraß sich über die Panzerung, Warnanzeigen sprangen an, und der schwere OmniMech wurde aus seinem Schritt gedrückt. Auf dem Panzerdiagramm wechselte ein größerer Bereich auf Gelb; die darunterliegende Struktur blieb intakt.
Vivian richtete den rechten Arm aus und drückte den Feuergeber der Ultra AC/10.
Die Clanwaffe bellte zweimal kurz hintereinander. Beide Granaten trafen den Uziel am rechten Torso. Große Stücke Panzerung brachen heraus, und die zweite Detonation drückte den mittelschweren Mech mit der Hüfte gegen den Rand des Brunnens.
Vivian brachte den linken Arm nach und feuerte eine der Clan-ER-PPCs. Die azurblaue Entladung schlug in die bereits beschädigte Schulter, ließ Metall im Trefferzentrum aufglühen und riss weitere Panzerung aus der Verankerung. Der rechte Arm des Uziel sank mehrere Grad ab.
„Uh, die Walküre schlägt wieder mal erbarmungslos zu. Jetzt hast du ihn beleidigt“, sagte Slate.
Sein Enforcer erschien fast gleichzeitig auf der erhöhten Zufahrt des Parkhauses.
„Du redest zu viel.“
„Nur wenn es gut läuft.“
Die LB-10X-Autokanone im rechten Arm des Enforcer donnerte. Eine Vollgeschossgranate schlug in die linke Seite des Uziel und drehte dessen Oberkörper herum. Der ER-Large-Laser folgte einen Augenblick später und zog eine glühende Linie über die Brustpanzerung.
Der Uziel schwenkte endgültig zu Slate.
Vivian verkürzte die Entfernung und brachte die drei Medium-Pulse-Laser des Prime ins Spiel. Grüne Energieimpulse schlugen dicht beieinander in Torso und Oberarm, während weitere Panzerstücke über den Hof flogen. Die Abwärme der Waffen drückte gegen die Kühlung und ließ die Temperaturanzeige steigen. Der Night Gyr konnte auf kurze Zeit eine beeindruckende Menge Feuer ins Ziel bringen; Vivian wusste ebenso gut, wie schnell daraus ein Mech wurde, dessen Pilotin mehr mit der Wärme als mit dem Gegner kämpfte.
Aus der nördlichen Häuserzeile kamen Raketen.
Die erste Salve ging lang und schlug hinter dem Brunnen in eine Fassade. Die zweite verteilte sich über Slates Stellung, traf den Watchman an Schulter und Torso und jagte Splitter über die Parkhauszufahrt. Fast gleichzeitig zuckte weiter westlich ein schwerer Laser durch eine Lücke zwischen zwei Gebäuden. Der Strahl verfehlte den Clint knapp und zog eine glühende Furche durch einen parkenden Lastwagen.
Vivian sah die Abschusspositionen nur als kurze Sensorblitze.
Der Uziel nutzte die Feuerunterstützung. Seine Sprungdüsen zündeten erneut, trugen die angeschlagene Maschine über die nördliche Mauer und ließen sie hinter dem Bürokomplex verschwinden.
„Kite, ich brauche Augen nördlich des Hofes.“
Mehrere Sekunden vergingen. Helena befand sich bereits wieder weit außerhalb des unmittelbaren Kampfgebiets und musste ihren nächsten Überflug erst aufbauen.
Dann kam ihre Stimme schnell über den Luft-Boden-Kanal.
„Valkyrie Actual, Kite. Caesar bestätigt, Uziel weiter westlich. Hinter dem ersten Gebäuderiegel mindestens fünf weitere Wärmesignaturen. Einer davon sehr groß. Mehr bekomme ich bei diesem Anflug nicht.“
Im Hintergrund lag das hohe Rauschen ihres eigenen Triebwerks.
„Reicht. Halt dich aus ihrem Feuer.“
„Roger. Ich bin raus.“
Kite verschwand wieder aus dem Funk.
Vivian führte den Night Gyr aus dem Hof. Zwei Straßen weiter östlich schlug eine Gausskugel in eine Hausecke und warf eine Wolke aus Beton über die Straße. Ein eigener BattleMech antwortete mit PPC-Feuer. Westlich von Slate wechselte ein weiterer loyalistischer Mech kurz die Position; Vivian sah nur einen Teil des Torsos, bevor er hinter einem Wohnblock verschwand.
Auf dem Bataillonsnetz überlagerten sich Meldungen. Die dritte Kompanie meldete zwei Kontakte nördlich ihrer Stellung und einen beschädigten eigenen Mech. Groundhogs vorderste Gruppen hatten den nächsten Gebäudekomplex erreicht. Von Slates Lanze kam die Warnung vor weiteren Raketenabschüssen.
Vivian betrachtete das Kartenbild. Ihre Leute hatten die größere Zahl an BattleMechs im unmittelbaren Raum und bewegten sich auf mehreren Straßen gleichzeitig nach Norden. Die Loyalisten gaben ihnen jedoch nur einzelne Ziele und deckten diese aus der Tiefe. Wer dem Uziel oder dem Caesar zu weit folgte, lief geradewegs in Schussfelder, deren Grenzen noch niemand kannte.
Sie öffnete den Bataillonskanal. „Alle Elemente: Druck halten. Niemand überschreitet die nördlichen Kreuzungen ohne Freigabe. Groundhog arbeitet weiter durch die Gebäude. Wir lassen sie aus ihren Stellungen kommen.“
Die Bestätigungen folgten nacheinander.
Eine Gausskugel beendete die kurze Ruhe.
Romeos Centurion wurde am rechten Torso getroffen. Die Wucht riss die Maschine aus dem Schritt, Panzerplatten flogen gegen die Fassade hinter ihm, und der Mech musste zwei schwere Schritte seitwärts setzen, um auf den Beinen zu bleiben. Romeo brachte den Centurion hinter die nächste Hausecke, während ein Teil der beschädigten Seitenpanzerung über den Asphalt schliff.
„Romeo, Schaden?“, fragte Ledger.
Seine Antwort kam gepresst. „Rechter Torso aufgerissen. Interne Anzeigen halten. Bin beweglich.“
„Dann raus da. Hinter den nächsten Block.“
„Roger.“
Adrienne wechselte zu Vivian. „Gib mir dreißig Sekunden.“
„Du hast sie.“
„Großzügig.“
Vivian brachte den Night Gyr nach Norden.
Der Caesar stand tief in einem langen Straßenzug und nutzte einen zurückgesetzten Gebäudeeingang als Deckung. Sein Oberkörper war leicht nach Osten verdreht; damit lag das im Torso verbaute Gaussgeschütz ungefähr auf Romeos Rückzugsweg. Der Pilot gab nur so viel von seiner Maschine frei, wie er für einen Schuss brauchte, und veränderte anschließend seine Stellung um wenige Meter.
Slate kam über den Direktkanal. „Noch ein Block, dann habe ich seine linke Seite. Dafür muss ich über eine Kreuzung, die mir überhaupt nicht gefällt.“
Vivian prüfte seinen Weg. Hinter dem Caesar bewegten sich weitere Markierungen, der Uziel konnte jederzeit von Westen zurückkommen.
„Warte, bis ich ihnen etwas zur Beschäftigung gebe.“
„Das klingt verdächtig nach einem richtig bescheuerten Plan.“
„Du darfst dich später beschweren.“
„Ich beschwere mich grundsätzlich vorher. Dann weiß jeder, was er an mir hat.“
Vivian erreichte die Ecke des nächsten Blocks und bekam den Caesar zum ersten Mal vollständig ins Bild. Etwa fünfhundertfünfzig Meter trennten beide Maschinen. Helle Reparaturfelder unterbrachen die dunkle Panzerung des CES-3R; auf der rechten Torsohälfte lagen frische Brandspuren von Ledgers Leuten.
Der gegnerische Pilot bemerkte sie. Der Oberkörper des Caesar drehte sich einige Grad in ihre Richtung. Für die Gauss fehlte ihm nur noch ein kleines Stück.
Vivian feuerte zuerst.
Beide ER-PPCs entluden sich nahezu gleichzeitig. Eine traf zentral in den Torso, die zweite weiter außen an der Hüfte. Panzerung brach in glühenden Stücken aus dem Caesar und schlug gegen Fahrzeuge und Fassaden.
„Slate, los.“
Der Enforcer trat über die westliche Kreuzung. Seine LB-10X feuerte, bevor der Caesar den Torso weit genug zu ihm herumbringen konnte, und jagte eine schwere Granate in dessen linke Seite.
Der Caesar drehte zurück zu Vivian. Das Gaussgeschoss verfehlte den Night Gyr knapp, schlug vor ihm in die Fahrbahn und riss Asphalt und Unterbau auf. Seine ER-PPC fuhr rechts an Vivian vorbei und bohrte sich in eine Hauswand.
Gleichzeitig eröffneten weitere Loyalisten das Feuer.
Autokanonengeschosse hämmerten aus einer Nebenstraße gegen Slates Stellung und zwangen den Clint hinter die Fassade. Raketen schlugen vor Groundhogs vordersten Gruppen in die oberen Stockwerke eines Bürohauses. Weiter östlich zog ein roter Laserstrahl über die Straße und traf einen Mech aus Ledgers Bereich am Arm; zwei eigene PPCs antworteten fast augenblicklich in Richtung des Schützen.
Ledger erhöhte den Druck auf den Caesar. Romeo blieb hinter den Gebäuden, während Bandit zwischen zwei Hausecken wechselte. Adriennes Dragon Fire trat für einen kurzen Feuerstoß weit genug hervor, dass der Caesar-Pilot erneut entscheiden musste, welche Richtung er deckte.
Das Gaussgeschütz des Dragon Fire feuerte.
Der Treffer schlug in die Brust des Caesar und riss Panzerung heraus.
„Er bewegt sich“, meldete Adrienne.
Der CES-3R trat rückwärts aus dem Straßenzug, bog nach Osten und verschwand hinter einem großen Verwaltungsbau.
„Ich gehe bis zur nächsten Kreuzung“, sagte Ledger. „Wenn er dort weiterzieht, sehe ich es.“
Vivian prüfte den Stadtplan. Die Bebauung gab Adriennes Leuten bis zu dieser Kreuzung mehrere brauchbare Deckungen; jenseits davon öffnete sich eine lange Straße, und einige der unbekannten Kontakte lagen genau in diesem Bereich.
„Bis zur Kreuzung. Halt dich an den Fassaden.“
„Verstanden.“
Der Uziel tauchte wieder auf.
Er kam aus einer westlichen Seitenstraße und lief direkt in Slates Verbindung zu Vivian. Der rechte Arm hing tiefer als zuvor, die Beine arbeiteten weiterhin sauber.
„Slate, links.“
„Gesehen.“
Der Enforcer machte zwei Schritte rückwärts und schwenkte die Autokanone herum. Das LB-10X-Geschoss traf den Uziel tief am linken Bein, genau als dieser den Fuß an den Rand eines Bombentrichters setzte. Der Asphalt brach unter der Last weg, das Knie knickte zur Seite, und der mittelschwere Mech schlug mit der Schulter in eine Gebäudewand. Mauerwerk stürzte über seinen Oberkörper.
Jonas hielt die Waffe auf der liegenden Maschine.
„Lass ihn dort“, sagte Vivian.
Slate atmete hörbar aus. „Er liegt so einladend.“
„Genau deswegen.“
„Schon unterwegs.“
Der Enforcer drehte ab. Sein Watchman deckte den Rückweg, während Garm und Clint näher an die übrige Kompanie herangingen.
Vivians Aufmerksamkeit lag wieder im Osten. Der Caesar war nach seinem Stellungswechsel stehen geblieben. Adrienne hatte ihn ebenfalls.
„Ledger, halt deine Leute an der Kreuzung. Der Caesar wartet dort vorne und ziemlich sicher nicht alleine.“
„Hab ihn.“ Adrienne wechselte kurz auf ihren Kompaniekanal. „Bandit geht auf die Westseite. Romeo bleibt hinten.“
Der Night Gyr bog nach Osten. Noch trennte ihn ein kompletter Häuserblock von Ledgers Kompanie.
Raketen kamen aus dem Norden und schlugen auf beiden Seiten der Kreuzung ein. Splitter und Fassadenstücke prasselten auf Bandits Mech. Ein schwerer Laser zog über die Straße und fraß eine glühende Spur durch ein Parkdeck.
„Die versuchen uns festzuhalten“, sagte Adrienne.
„Sie haben Platz dafür.“
„Dann nehmen wir ihnen den.“
Vivian musste lächeln. Typisch Ledger. Wenn ein Gegner Bewegungsraum hatte, nahm sie ihn ihm weg; über den Rest konnte man danach reden.
„Noch acht Sekunden.“
„Dann mach fünf draus.“
„Unverschämt.“
„Du hast mich eingestellt.“
Vivian erhöhte das Tempo.
Durch den offenen Funk hörte sie Adrienne mit Bandit sprechen. „Zwei Schritte zurück. Er hat deine Schulter.“
Die Antwort des Piloten ging im Rauschen unter.
„Ja, sehe ich. Bleib dort. Wenn er feuert, bekommt er Mauer.“
Ein PPC-Blitz leuchtete am nördlichen Ende der Straße auf. Die Entladung traf die Gebäudeecke vor Bandit. Beton und Glas stürzten auf den Gehweg und schlugen gegen die Beine seines BattleMechs.
Adrienne fluchte. „Er frisst mir die Deckung weg.“
Der Night Gyr hatte noch knapp zweihundert Meter bis zur nächsten Kreuzung.
Der Caesar schob sich einige Meter weiter nach Süden. Hinter ihm zeigte sich kurz die Silhouette eines zweiten BattleMechs, breit in den Schultern und deutlich schwerer als der Uziel. Ein weiterer Waffenblitz kam aus der Tiefe des Straßenzugs. Für eine Identifizierung reichte beides nicht.
Bandit musste seine Stellung räumen.
„Bandit, raus. Zurück hinter den Innenhof“, befahl Adrienne. „Romeo bleibt.“
Bandits BattleMech setzte sich in Bewegung.
Der Caesar drehte den Oberkörper hinter ihm her. Mit jedem Grad kam das im Torso verbaute Gaussgeschütz näher an Bandits Rückzugsweg.
Vivian verstand Adriennes Absicht sofort. Wenn Ledger den gegnerischen Piloten zwang, den Torso wieder zu ihr herumzunehmen, bekam Bandit die nötigen Sekunden für den Rückweg und Vivian zugleich den seitlichen Schusswinkel.
„Ledger, ich bin gleich da.“
„Ich weiß.“
Der Dragon Fire trat an der Gebäudekante hervor.
Sein Gaussgeschütz feuerte.
Der schwere Treffer schlug in die Brust des Caesar und riss weitere Panzerung heraus. Der gegnerische Pilot reagierte und drehte seinen Oberkörper von Bandit weg.
„Caesar hat mich“, sagte Adrienne. Ihr Atem ging schneller, die Stimme blieb klar. „Dein Fenster.“
Die ER-PPC des Caesar antwortete und traf die Fassade neben dem Dragon Fire. Mauerwerk brach über Adriennes Maschine und prasselte über Schulter und Rücken.
Vivian brachte den Night Gyr um die südliche Ecke.
Noch ein kurzes Stück bis zur freien Schusslinie.
„Ledger, Deckung.“
„Noch zwei Sekunden.“
„Ledger.“
Adrienne feuerte die LB-10X. Die Granate traf den Caesar und hielt den gegnerischen Piloten bei ihr, während Bandit hinter der nächsten Häuserfront verschwand.
Vivian sah den Torso des Caesar ein weiteres Stück herumschwenken.
Dann feuerte die Gauss.
Es gab keinen sichtbaren Strahl, dem das Auge hätte folgen können. In einem Augenblick stand der Dragon Fire noch an der Gebäudekante, im nächsten brach seine Kopfsektion auseinander. Panzerung und Cockpitglas wurden nach hinten über die Straße geschleudert. Der fünfundsiebzig Tonnen schwere Mech blieb einen Herzschlag aufrecht, weil die Beine den begonnenen Bewegungsablauf noch ausführten. Der linke Fuß setzte auf, der rechte zog halb nach, dann sackte der Torso nach vorn. Ein Arm schlug gegen die Fassade, der Dragon Fire ging auf die Knie und rutschte über den Asphalt, bis seine Schulter einen abgestellten Lastwagen zerdrückte.
Fast gleichzeitig brach entlang der nördlichen Häuserzeile ein massiver Feuerstoß los.
Laser durchschnitten die Straße, PPC-Entladungen rissen blauweiße Reflexe über Fenster und Fassaden, Autokanonengeschosse schlugen in Asphalt und Beton. Raketen detonierten um Bandits Rückzugsweg und entlang der Gebäude, hinter denen Ledgers Kompanie Deckung suchte. Für einige Sekunden lagen plötzlich fast alle bislang verborgenen Gegner im Gefecht, ohne lange genug sichtbar zu bleiben, dass der Rechner sie sauber identifizieren konnte.
Ledgers Symbol verschwand vom taktischen Display und kehrte grau zurück.
Die Telemetrie war abgebrochen.
Vivian fluchte und öffnete den Kanal. „Ledger, Status.“
Nur statisches Rauschen.
Der Night Gyr ging weiter.
„Ledger, Valkyrie Actual. Status.“
Keine Antwort.
Jetzt lag der Caesar vor ihr. Der schwere Mech begann bereits, hinter den Verwaltungsblock zurückzugehen. Vivian legte das Fadenkreuz auf seinen rechten Torso und drückte den Feuergeber.
Die Ultra AC/10 hämmerte zweimal.
Die erste Granate riss die verbliebene Panzerung weiter auf. Die zweite schlug tiefer ein und brachte den Caesar aus dem Gleichgewicht. Vivian hob den linken Arm für die PPCs, doch der Gegner verschwand hinter der Gebäudekante, bevor die Zielmarkierung stabil wurde.
Slate kam über ihren Direktkanal. Der trockene Unterton seiner Stimme war verschwunden. „Ich habe ihn. Nordwest. Wenn ich sofort gehe, bleibe ich dran.“
Der Wunsch, Jonas hinterherzuschicken, war sofort da.
Vivian schob ihn beiseite und betrachtete die gesamte Lage. Slates Kompanie stand über mehrere Straßen verteilt, der beschädigte Uziel war weiterhin kampffähig, und hinter dem Caesar hatten gerade mehrere bislang verborgene Gegner das Feuer eröffnet. Bandit war getroffen, Romeo schwer beschädigt, und Ledgers Kompanie musste sich erst neu ordnen.
„Negativ. Sammel deine Lanze und sicher West.“
Jonas antwortete nach einem Atemzug. „Verstanden.“
Vivian wechselte auf den Kanal der zweiten Kompanie.
„Bandit.“
„Hört.“
Seine Stimme klang angespannt.
„Du übernimmst Ledgers Kompanie. Romeo bleibt zurück. Halt die Kreuzung und geh keinen Meter weiter.“
Eine kurze Pause.
„Verstanden, Valkyrie.“
Auf dem taktischen Display begann sich das Bild zu verändern.
Der Caesar ging weiter nach Norden.
Einer der Kontakte hinter ihm löste sich ebenfalls aus seiner Stellung. Dann ein zweiter. Drei weitere Markierungen bewegten sich nahezu gleichzeitig rückwärts durch die Häuserblocks. Westlich stemmte sich der beschädigte Uziel von der Gebäudewand hoch, brachte sein angeschlagenes Bein unter den Körper und humpelte nach Norden, soweit die beschädigten Aktivatoren es zuließen.
Das gegnerische Feuer wurde dünner.
Eine Autokanone schwieg. Kurz darauf brach das Raketenfeuer ab. Ein PPC-Schuss ging noch über die Straße, dann verschwand auch diese Signatur tiefer zwischen den Gebäuden.
Etwas später kam Kite wieder über Funk. Ihr zweiter Anflug führte sie nur für wenige Sekunden über den nördlichen Teil des Gefechtsraums.
„Valkyrie Actual, Kite. Bestätige Rückzug. Die ganze Gruppe löst sich nach Norden und Nordwesten. Auch der große Kontakt.“
„Verstanden. Weiterfliegen.“
„Roger.“
Slate meldete sich. „Jetzt haben wir sie offen.“
Vivian beobachtete die gegnerischen Symbole. Die Loyalisten waren noch kampffähig. Mehrere ihrer Maschinen hatten aus vorbereiteten Stellungen geschossen und keine erkennbaren schweren Schäden genommen. Trotzdem brachen sie gemeinsam den Kontakt ab.
„Wir laufen ihnen nicht hinterher“, sagte sie. „Halt deine Leute.“
„Roger.“
Der priorisierte Regimentskanal öffnete sich fast unmittelbar danach.
„Alle Elemente der Sechsten im Raum Avalon City: Stellung halten. Offensive Bewegungen einstellen. Feuer nur bei unmittelbarer Bedrohung. Wiederhole: Stellung halten. Weitere Befehle folgen.“
Vivian sah einen Augenblick auf das Funksymbol.
„Valkyrie Actual bestätigt.“
Warum der Befehl kam, wusste sie nicht.
Groundhog meldete sich beinahe gleichzeitig. „Valkyrie Actual, Groundhog Actual. Wir kommen an Ledger ran. Medics unterwegs.“
Vivian stellte den Night Gyr hinter eine Hausecke, die ihr Sicht auf die Kreuzung gab und zugleich den größten Teil der Maschine vor dem Norden deckte. „Meldet ihren Zustand.“
Bandit hatte die zweite Kompanie inzwischen übernommen. Seine nächsten Befehle kamen kontrollierter. Romeo zog sich tiefer in die Straße zurück, die übrigen Mechs verteilten sich an den Fassaden und hielten ihre Waffen auf die nördlichen Zugänge gerichtet.
Sechs Infanteristen rannten geduckt aus einem Hauseingang zum Dragon Fire. Einer trug eine kurze Leiter, zwei medizinische Taschen. Durch die Seitenlage des schweren Mechs hing die zerstörte Kopfsektion tief genug, dass sie ohne Bergefahrzeug an das Cockpit herankamen.
Vivian stand hundertfünfzig Meter entfernt.
Ein Medic stieg am Torso hoch, zog sich an einer Panzerkante vorbei und beugte sich in das beschädigte Cockpit. Er blieb einige Sekunden dort. Als er sich wieder aufrichtete, bewegte er sich langsam und schüttelte nur den Kopf.
Groundhog meldete sich.
Seine Stimme hatte sich verändert.
„Valkyrie Actual.“
Vivian hielt den Steuergriff fester. „Hört.“
„Ledger ist gefallen.“
Sie hatte es gewusst, seit die Gausskugel das Cockpit getroffen hatte. Die Meldung ließ keinen Raum mehr für den kleinen Rest an Unsicherheit, den eine abgebrochene Telemetrie offenließ.
Die Lüftung des Night Gyr arbeitete gegen die Restwärme. Auf dem Schadensdiagramm blinkte die linke Schulter gelb. Unterhalb des Cockpits liefen Soldaten durch die Kreuzung. Weiter nördlich verschwanden die letzten gegnerischen Signaturen zwischen den Gebäuden.
Vivian öffnete das Bataillonsnetz.
„Valkyrie Actual an alle Elemente. Ledger ist gefallen. Bandit führt die zweite Kompanie. Wir halten gemäß Regimentsbefehl die erreichten Positionen. Slate sichert West, Groundhog die Gebäude zwischen den Kompanien. Meldet jeden Kontakt, der wieder nach Süden kommt.“
Die Bestätigungen folgten nacheinander. Einige Stimmen klangen gepresst, andere bewusst nüchtern.
Slate antwortete zuletzt.
„Bei dir, Valkyrie.“
Vivian sah noch einmal zum Dragon Fire. Die Medics waren am Cockpit geblieben; zwei weitere Infanteristen sicherten die Straße.
Dann richtete sie die Außenkameras nach Norden.
Das Feuer in diesem Teil Avalon Citys verstummte allmählich. Weiter entfernt waren noch einzelne Detonationen zu hören, und irgendwo westlich feuerte eine Autokanone ein letztes Mal. Danach blieb nur das Echo zwischen den Häusern.
Vivian hielt ihr Bataillon zusammen und wartete auf den nächsten Befehl.
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Avalon City, New Avalon
23. April 3067
Albert Jehlik hatte Kaffee auf dem Tisch und zwei Personalakten daneben.
Vivian bemerkte zuerst die Akten.
„Das verheißt selten etwas Gutes.“
Albert stand am Fenster und drehte sich zu ihr um. „Sieben Jahre Zusammenarbeit, und du erkennst meine Methoden immer noch hauptsächlich an den unangenehmen Details.“
„Die angenehmen Details sind selten.“
„Ich habe Kaffee.“
Vivian nahm den angebotenen Becher und roch daran. „Tee wäre mir lieber, aber gut gehandelt und akzeptiert.“
Albert lachte und deutete auf den Stuhl gegenüber. „Setz dich, bevor ich meinen neuen Rang missbrauche und dich Möchtegern-Clanabschaum einsperren lasse.“
Vivian sah zu ihrem Becher, dann wieder zu ihm. „Das ging schnell.“
„Ich bin lernfähig.“
„Das behauptest du seit Jahren.“
Sie setzte sich.
Die neuen Rangabzeichen wirkten an Albert noch ungewohnt. Seit Patricia Vineman wenige Tage zuvor gefallen war, hatte ihr bisheriger XO die Führung der 6. Crucis Lancers übernommen. Aus der unmittelbaren Nachfolge auf dem Gefechtsstand war inzwischen ein offizieller Auftrag geworden: Lieutenant General Albert Jehlik sollte den schwer angeschlagenen Verband durch die ersten Schritte des Wiederaufbaus führen.
Seinem Gesicht sah Vivian vor allem an, dass er seit Tagen zu wenig schlief.
Albert strich mit einem Finger über eines der neuen Rangabzeichen. „Seit sechs Uhr vierzig offiziell. Um sechs Uhr zweiundvierzig standen drei Leute in meinem Büro und wollten Dinge von mir, die ich als Major offenbar noch nicht leisten konnte.“
„Vielleicht werden Ersatzmechs zusammen mit den Sternen ausgegeben.“
„Dann fehlt meiner Lieferung einiges.“
Vivian nahm einen Schluck und verzog das Gesicht. „Der Kaffee macht deine Beförderung auch nicht überzeugender.“
„Du hast ihn akzeptiert.“
„Unter Vorbehalt.“
„Zu spät.“
Sie lächelte. Sein Blick wanderte zu den Akten.
„Patricia ist noch keine Woche tot, und ich habe bereits Leute, die wissen wollen, wie die Sechste in einem Jahr aussehen soll.“ Albert nahm seinen Becher und schüttelte leicht den Kopf. „Im Augenblick wäre ich froh, wenn ich vernünftig sagen könnte, wie sie nächsten Monat aussieht.“
„Wie schlimm?“
„Schlimm genug. Zu viele Maschinen stehen. Zu viele Leute fehlen. Und genug vom Regiment ist übrig, dass niemand auf die Idee kommt, uns ein Jahr in Ruhe zu lassen.“
Vivian kannte diese Art von Bilanz. „Also wiederaufbauen.“
„Also wiederaufbauen.“
Albert nahm die obere Akte.
„Die hier lag schon vor dem Zwanzigsten.“
Er schob sie über den Tisch.
Vivian erkannte ihren Namen auf dem Deckblatt. Die ersten Seiten ihrer Personalakte kannte sie: Verwendungen, Beurteilungen, Auszeichnungen und die trockene Zusammenfassung einer Laufbahn, die fast fünfundzwanzig Jahre umfasste. Auf der zweiten Seite fand sie etwas Neues.
Vorgeschlagene Beförderung: Colonel.Vorgesehene Verwendung: Kommandierende Offizierin, BattleMech-Regiment, 6. Crucis Lancers.
Vivian las die beiden Zeilen zweimal und hob den Kopf.
„Du wolltest mir das Mech-Regiment geben.“
„Ja.“
„Seit wann?“
Albert drehte den Kaffeebecher ein Stück zwischen den Händen. „Der Vorschlag ist älter als diese Woche. Patricia kannte ihn.“
Vivian blickte wieder auf die Akte. „Und war einverstanden?“
„Sie hat ihn unterstützt.“
Das überraschte Vivian weniger, als es vielleicht sollte. Patricia Vineman hatte Lob selten großzügig verteilt, aber sie hatte immer gewusst, welche ihrer Offiziere welche Aufgaben bewältigen konnten.
„Und du?“
Albert schnaubte. „Ich hatte keinerlei Interesse, das Mech-Regiment zu übernehmen. Ich war Patricias XO und hatte dort bereits genügend Möglichkeiten, mir den Tag verderben zu lassen.“
Vivian sah zu seinen neuen Rangabzeichen.
„Jetzt sitzt du auf ihrem Stuhl.“
Sein Gesicht wurde für einen Augenblick ernst. „Ja. Das war in keinem unserer Pläne vorgesehen.“ Er tippte auf Vivians Personalakte. „Dein Teil schon. Patricia sollte die Sechste führen, ich ihren Stab zusammenhalten, und du solltest das BattleMech-Regiment übernehmen, sobald die Neuordnung durch war. Dann ist Patricia gefallen, und innerhalb von drei Tagen sieht die ganze Führungsebene anders aus.“
„Bis auf meinen Teil.“
„Genau. Den wollte ich behalten.“
Vivian lehnte sich zurück. „Sehr rücksichtsvoll.“
„Ich habe gelegentlich lichte Momente.“
Albert deutete auf ihre Akte. „Du kennst die Sechste, du kennst das Regiment und die Leute, die noch da sind. Beim Wiederaufbau bekomme ich neue Piloten, zurückkehrende Verwundete, Ersatzmaschinen und Offiziere aus Verbänden, die anders geführt wurden. Ich wollte oben im Mech-Regiment jemanden, dessen Lageberichte ich verstehe, ohne vorher ein Wörterbuch anzulegen.“
Vivian hob den Blick. „Das ist das Netteste, was du seit Monaten zu mir gesagt hast.“
„Dann solltest du es genießen. Die Quote ist verbraucht.“
Sie lächelte und sah zur zweiten Akte.
Alberts Miene veränderte sich.
„Die gehörte zum selben Plan.“
Er schob die Mappe zu ihr.
LOCKE, ADRIENNE.
Vivian ließ die Hand einige Sekunden auf dem Deckblatt liegen, bevor sie es öffnete.
Vorgeschlagene Beförderung: Major.
Vorgesehene Verwendung: Kommandierende Offizierin, 2. Bataillon, BattleMech-Regiment, 6. Crucis Lancers.
Der Aufbau war sauber gewesen. Vivian sollte das BattleMech-Regiment übernehmen, Adrienne ihr bisheriges Bataillon.
„Sie wusste davon nichts.“
„Ich wollte zuerst mit dir sprechen und danach mit ihr.“
Vivian lehnte sich zurück. „Sie hätte mich mindestens zwei Monate lang für den Zustand des Bataillons verantwortlich gemacht.“
„Am zweiten Tag hätte sie dir die erste Liste geschickt.“
„Listen. Mehrzahl.“
Albert lächelte müde. „Personal, Maschinen und diese dritte Liste, die sie offiziell nie geführt hat.“
Vivian lachte. Es kam leichter, als sie erwartet hatte, und schmerzte gleichzeitig.
„Und sie hätte behauptet, die dritte Liste existiert überhaupt nicht.“
„Während sie daraus vorliest.“
„Natürlich.“
Albert fuhr mit zwei Fingern über den Rand von Adriennes Akte. „Sie war bereit.“
Vivian sah auf den Namen.
„Ja.“
Eine Weile sagte keiner von beiden etwas.
Dann schob Vivian ihre eigene Mappe ein Stück von sich fort.
Albert bemerkte es sofort. „Was?“
„Ich nehme das Regiment nicht.“
Seine Stirn legte sich in Falten. „Vivian, das ist keine Frage des Wollens.“
„Ich trete aus.“
Jetzt schwieg er.
Im Korridor vor dem Büro ging jemand vorbei. Stimmen entfernten sich wieder. Durch das Fenster hinter Albert sah man Kräne zwischen den beschädigten Gebäuden von Avalon City arbeiten.
Er stellte seinen Becher langsam ab. „Seit wann?“
„Der Gedanke? Vielleicht ein Jahr. Die Entscheidung ist jünger.“
„Liegt es am Zwanzigsten?“
Vivian nahm sich Zeit mit der Antwort. „Der gehört zu allem, was gerade in meinem Kopf herumgeht. Adrienne ist der Grund, weshalb es sich heute härter anfühlt. Sie ist nicht der Grund, weshalb ich gehe.“
Albert stützte die Unterarme auf den Tisch und wartete.
Bei ihm konnte sie auf eine sauber ausgearbeitete Begründung verzichten. Nach sieben Jahren gemeinsamer Arbeit hätte er ohnehin gemerkt, wenn sie ihm einen Satz verkaufte, den sie sich vorher zurechtgelegt hatte.
„Ich bin seit 3042 im Dienst“, begann Vivian. „Als die Clan-Invasion kam, hatte ich schon Jahre hinter mir. Danach die Hussars, Suk II, die Guards, Bulldog, die Sechste und der Bürgerkrieg. Dazwischen lagen genügend kleinere Einsätze, Verlegungen und Bereitschaften, um die Lücken zu füllen.“
Albert nickte leicht.
Vivian strich mit dem Daumen über eine Schramme im Tisch. „Fast fünfundzwanzig Jahre lang wusste ich meistens, wo ich im nächsten Quartal sein sollte, weil irgendein Operationsplan es mir gesagt hat. Ich habe mehr Zeit in Gefechtsständen, Transportern und Mechcockpits verbracht als an irgendeinem Ort, den man Zuhause nennen könnte.“ Sie hob den Blick. „Ich glaube, ich habe genug davon.“
Albert musterte sie. „Vom Kämpfen?“
„Das wäre einfacher, aber nein.“
Sie nahm den Becher, stellte ihn wieder hin und schob ihn einige Zentimeter von sich fort.
„Wenn morgen draußen eine feindliche Einheit auftaucht, sitze ich wahrscheinlich als Erste wieder im Cockpit. Das kann ich. Vielleicht kann ich es sogar zu gut.“ Sie atmete langsam durch. „Ich bin des Soldatenlebens müde, Albert. Zumindest gerade. Ich möchte ein paar Monate haben, in denen niemand von mir erwartet, dass ich eine Kompanie auffülle, einen Marschbefehl unterschreibe oder herausfinde, welche meiner Leute dieses Mal nicht zurückkommen.“
Albert senkte den Blick auf die Akten.
„Das klingt ziemlich endgültig.“
„Der Austritt ist endgültig.“
„Der Rest?“
Vivian hob die Schultern. „Keine Ahnung.“
Jetzt musste Albert trotz allem lächeln. „Ich glaube, ich habe diesen Satz von dir in sieben Jahren genau einmal gehört.“
„Dann solltest du den Tag markieren.“
„Was machst du jetzt?“
„Zunächst fliege ich nach Hause.“
„Argyle?“
Vivian nickte. „Argyle.“
„Das ist ein Anfang. Und was machst du dann dort?“
„Mehr habe ich gerade nicht.“
Albert drehte den Becher zwischen den Händen. „Willst du das Familienunternehmen übernehmen?“
Vivian lachte. „Meine Mutter würde wahrscheinlich noch vor meiner Landung einen Vertragsentwurf vorbereiten.“
„Also ja?“
„Also: Ich weiß es wirklich nicht.“ Sie strich eine Haarsträhne hinter das Ohr. „Vielleicht helfe ich meinen Eltern eine Weile. Mein Vater wird genügend Arbeit finden, bei der niemand mit einer PPC auf mich schießt.“
Albert hob eine Braue. „Du und Landwirtschaft.“
„Ich bin auf einem landwirtschaftlichen Betrieb aufgewachsen.“
„Du bist mit zwölf auf eine Militärschule gegangen.“
„Ich kann trotzdem Getreide von einem BattleMech unterscheiden.“
„Das beruhigt mich ungemein.“
Vivian grinste und griff wieder nach dem Kaffee, offenbar überzeugt, dass er sich durch Zeit doch noch in Tee verwandeln könnte. Der nächste Schluck widerlegte diese Hoffnung.
„Fiona ist ebenfalls auf Argyle. Meine Eltern sind Anfang siebzig. In den letzten Jahren habe ich mehr Zeit auf Feldzügen als bei ihnen verbracht.“ Sie stellte den Becher endgültig ab. „Vielleicht gehe ich einfach nach Hause und sehe, wie sich das anfühlt.“
Albert lehnte sich zurück und rieb sich über das Kinn.
„Verdammt.“
„Überzeugend?“
„Bedauerlich.“
Der Humor verschwand aus seiner Stimme.
„Ich hatte wirklich mit dir geplant, Vivian. Deine Akte ist dabei der unwichtigere Teil.“ Er tippte mit einem Finger auf die Mappe. „Ich weiß nach sieben Jahren, wie du führst. Du sagst mir, wenn ein Plan Unsinn ist. Wenn ich danach daran festhalte, setzt du ihn um und sorgst dafür, dass deine Leute verstehen, wofür. Vor allem sorgst du dafür, dass möglichst viele wieder zurückkommen. Bei Problemen bekomme ich von dir eine Meldung, bevor jemand versucht, sie in einem Bericht kleiner zu machen.“ Albert schüttelte leicht den Kopf. „Solche Offiziere ersetzt man ungern.“
Vivian hielt seinen Blick.
„Ich werde die Zusammenarbeit mit dir auch vermissen.“
Seine Brauen gingen hoch. „Das klang beinahe freundlich.“
„Gewöhn dich nicht daran.“
„Zu spät. Ich habe Zeugen im Flur.“
„Die Tür ist geschlossen.“
„Ich bin Lieutenant General. Ich finde welche.“
Beide lachten. Für einige Sekunden war es wieder das vertraute Miteinander aus sieben Jahren, aus langen Stabssitzungen, schlechten Mahlzeiten, Karten voller unbrauchbarer Pfeile und Gesprächen, die erst begonnen hatten, nachdem alle anderen gegangen waren.
Albert nahm Adriennes Akte an sich.
„Ihre Beförderung geht durch.“
Vivian wurde wieder ernst. „Postum.“
„Die Entscheidung war getroffen. Der Papierweg war langsamer als der Krieg.“ Seine Hand blieb auf der Mappe liegen. „Ich will in ihrer Akte den Rang stehen haben, für den sie vorgesehen war.“
Vivian nickte.
„Major Locke.“
„Major Locke.“
Sie stellte sich Adriennes Reaktion vor und musste lächeln. „Sie hätte zwei Tage lang über den zusätzlichen Papierkram geschimpft.“
„Und jeden korrigiert, der sie am dritten Tag noch Captain nennt.“
„Wahrscheinlich schon am ersten.“
Albert schloss die Mappe.
Dann nahm er Vivians Akte wieder auf.
„Deine Beförderung geht übrigens ebenfalls durch.“
Vivian blinzelte. „Nein.“
„Doch.“
„Albert.“
„Vivian.“
Der Ausdruck in seinem Gesicht war ihr aus sieben Dienstjahren vertraut. Er hatte eine Entscheidung getroffen und war geradezu unangemessen zufrieden damit.
„Ich trete mit Wirkung zum fünften Mai aus der AFFS aus.“
„Das habe ich verstanden.“
„Dann brauche ich die Beförderung zum Colonel nicht.“
„Das interessiert mich nur begrenzt.“
Vivian starrte ihn an.
Albert lehnte sich zurück und verschränkte die Arme. „Die Empfehlung ist vorbereitet, deine Leistung rechtfertigt sie, und ich bekomme sie noch vor deinem Ausscheiden durch. Das Mech-Regiment geht an jemand anderen. Mit dem Colonel wirst du leben müssen.“
„Für ein paar Tage.“
„Auch ein paar Tage reichen für eine Personalakte.“
Vivian begann zu lachen. „Du machst das nur, weil ich das Regiment abgelehnt habe.“
„Das spielt möglicherweise eine befriedigende Nebenrolle.“
„Kleinlich.“
„Ich nenne es Abschlussverwaltung.“
„Machtmissbrauch.“
„Frühe Gewöhnung an meinen neuen Dienstgrad.“
Sie schüttelte den Kopf. Albert hatte sichtlich Spaß daran.
„Ich kann die Beförderung ablehnen.“
„Dann findet dein Schreiben drei Wochen lang den falschen Schreibtisch.“
„Du hast vorhin behauptet, mit dem neuen Rang mehr Verantwortung zu haben.“
„Verantwortung heißt, Prioritäten zu setzen und das System zu kennen.“
Vivian sank etwas tiefer in den Stuhl. „Du bist unmöglich.“
„Und du wirst als Colonel aus der AFFS ausscheiden.“
Sie betrachtete ihre Personalakte.
Jahrelang hätte eine solche Beförderung einen neuen Abschnitt ihrer Laufbahn eröffnet. Jetzt bekam sie den Rang unmittelbar vor deren Ende und würde das damit verbundene Kommando nie antreten. Die Ironie war zu offensichtlich, um sie bitter zu finden.
„Gut“, sagte sie schließlich. „Dann kannst du irgendwann erzählen, dass Colonel McFairley dein Regiment abgelehnt hat.“
Albert grinste. „Ich werde die Geschichte jedes Jahr besser machen.“
„Davon gehe ich aus.“
Er legte ihre Akte neben Adriennes.
„Wann fliegst du?“
„Am fünften. Der Abflug ist bestätigt. Wenn wir am Sprungpunkt keinen Anschluss verpassen, bin ich in zehn, vielleicht zwölf Tagen auf Argyle.“
Albert nickte. „Das ist ja fast unverschämt bequem.“
„Ein Sprung. Ich hatte nach den letzten Jahren offenbar einmal Glück.“
„Der Night Gyr reist mit?“
„Natürlich.“
Albert hob die Hände. „Man durfte hoffen.“
„Darauf, dass ich dir einen fünfundsiebzig Tonnen schweren Clan-OmniMech schenke?“
„Ich habe seit heute Sterne. Offenbar macht das optimistisch.“
„Dann wirst du enttäuscht.“
„Wäre nicht das erste Mal.“
Vivian stand auf. Albert folgte ihr.
„Also Argyle.“
„Argyle.“
„Familienunternehmen vielleicht.“
„Vielleicht.“
„Und danach weißt du es tatsächlich nicht.“
Vivian lächelte. „Du lernst schnell.“
Albert sah sie einen Moment lang an. „Dann finde es heraus.“
Sie trat um den Tisch und hielt ihm die Hand hin.
Albert blickte darauf. „Nach sieben Jahren bekomme ich einen Handschlag?“
„Ich könnte salutieren, Lieutenant General.“
„Nimm sofort die Hand zurück und gib sie mir.“
Vivian lachte und schlug ein.
Der Griff hielt länger als bei einem gewöhnlichen dienstlichen Abschied. Albert legte seine freie Hand kurz auf ihren Unterarm.
„Flieg nach Hause, Vivian.“
„Bau die Sechste wieder auf.“
„Ich fange damit an.“
Er ließ sie los, und Vivian ging zur Tür.
„Colonel“, rief Albert ihr hinterher.
Sie blieb stehen und drehte den Kopf.
Er grinste.
Vivian zeigte ihm wortlos den Mittelfinger und verließ das Büro, während er hinter ihr lachte.
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Avalon City, New Avalon
28. April 3067
Victor Steiner-Davions Ansprache wurde in einer Fahrzeughalle übertragen, die man für einige Stunden freigeräumt hatte. Mehrere hundert Soldaten, Mechkrieger, Techs und Angehörige der Unterstützungseinheiten standen zwischen Versorgungsfahrzeugen und mobilen Werkbänken. Verwundete hatten Plätze am Rand bekommen; manche saßen auf Stühlen, andere auf Werkzeugkisten oder zusammengelegten Decken.
Vivian lehnte mit einer Schulter an einem Pfeiler und hielt einen Becher starken schwarzen Tee in beiden Händen.
Auf der großen Projektionsfläche sprach Victor über das Ende des Bürgerkriegs, über Katherine, die Zukunft der Vereinigten Sonnen und der Lyranischen Allianz und über den Wiederaufbau nach Jahren, in denen sich ein Staat gegen sich selbst gewandt hatte.
Die Menschen in der Halle hörten sehr unterschiedlich zu.
Ein junger Lieutenant neben Vivian trug die linke Hand in einem festen Verband und stand während der gesamten Ansprache beinahe regungslos. Einige Reihen weiter vorn saß ein Mechkrieger mit frischen Verbrennungen auf einer Gesichtshälfte. Ein Infanterist hatte die Krücken quer über die Knie gelegt und klopfte mit zwei Fingern unregelmäßig gegen einen der Griffe.
Bei einigen Passagen kam Beifall auf. Andere ließen die Halle ruhig.
Vivian hörte Victor bis zum Ende zu. Seine Worte gehörten zu demselben Krieg wie die Kreuzung vom zwanzigsten April, Adriennes Dragon Fire und die Namen in den Verlustmeldungen, nur aus einer anderen Entfernung betrachtet.
Als die Übertragung endete, blieb es einige Sekunden still. Dann standen die ersten Leute auf, Gespräche begannen zwischen den Reihen, Stühle wurden zur Seite getragen. Ein Tech zog seine Werkzeugkiste bereits wieder zu einem Radpanzer, während auf der Projektionsfläche noch das Abschlussbild der Übertragung stand.
Vivian trank den letzten Schluck Tee, stellte den Becher auf einen Arbeitstisch und ging mit den anderen hinaus.
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Raumhafen Avalon City, New Avalon
05. Mai 3067
Das Landungsschiff stand auf einem der äußeren Pads, umgeben von Frachtcontainern, Zugmaschinen und Bodenmannschaften. Unterschiedliche Farbtöne auf den Rumpfplatten verrieten ältere Reparaturen; mehrere Wartungsbereiche waren frisch versiegelt worden, und an der Backbordseite zog sich neue Lackierung über einen größeren Abschnitt der Außenhaut.
Vivians Night Gyr stand seit dem Morgen verzurrt in der Mech-Transportbucht des Landungsschiffs.
Sie hatte sich die Sicherung selbst angesehen. Der Lademeister hatte ihre Gegenwart eine Weile mit professioneller Höflichkeit ertragen und schließlich gefragt, ob sie auch während des Starts neben der Maschine stehen wolle.
Vivian hatte erklärt, sie denke darüber nach.
Der Mann hatte sie einige Sekunden angesehen und danach beschlossen, wieder zu arbeiten.
Jetzt standen nur noch eine Reisetasche und ein Hartschalenkoffer bei ihr. Weitere persönliche Dinge würden später folgen. Ein Vierteljahrhundert Dienstzeit ließ sich ohnehin schlecht in zwei Gepäckstücke aufteilen.
Vom Nachbarpad hob ein anderes Landungsschiff ab. Die Triebwerke bauten Schub auf, und der Druck rollte über den Raumhafen. Warme Luft trieb Staub zwischen den Markierungen hindurch, während die Maschine über die Gebäude stieg und langsam kleiner wurde.
Hinter dem Raumhafen lag Avalon City.
Von hier aus wirkten viele Schäden weniger unmittelbar als aus dem Cockpit eines BattleMechs. Zwischen den Hochhäusern standen Kräne, an einigen Türmen fehlten ganze Fassadenteile, und Kolonnen von Arbeitsfahrzeugen bewegten sich durch Straßen, in denen zwei Wochen zuvor noch geschossen worden war.
Wenn die Verbindung am Sprungpunkt hielt, würde Vivian in zehn oder zwölf Tagen auf Argyle sein.
Ihre Eltern warteten dort.
Fiona ebenfalls.
Vivian konnte sich ziemlich genau vorstellen, wie die ersten Stunden ablaufen würden. Ihr Vater würde wissen wollen, ob sie auf der Reise ordentlich gegessen hatte. Ihre Mutter würde spätestens nach dem ersten gemeinsamen Essen nach dem Wartungszustand des Night Gyr, der Ersatzteilversorgung und den Kosten von Clan-Technik fragen. Fiona würde wahrscheinlich mehrere Fragen stellen, während irgendjemand noch die erste beantwortete.
Was Vivian einige Wochen später tun würde, konnte sie deutlich schlechter vorhersagen.
Ein Besatzungsmitglied trat aus der geöffneten Passagierschleuse und überprüfte die letzten Namen auf seinem Datenpad.
„Colonel McFairley?“
Vivian reagierte mit einer kleinen Verzögerung.
Der Mann sah noch einmal auf sein Pad. „Colonel Vivian Estelle McFairley?“
Sie hob ihre Reisetasche auf.
„Ja. Das bin ich.“
Er setzte einen Haken neben ihren Namen. „Kabine C-achtzehn. Das Handgepäck können Sie mitnehmen.“
„Danke.“
Vivian ging über das Pad zum Landungsschiff.
Am Fuß der Einstiegstreppe musste sie kurz warten, bis eine Zugmaschine mit zwei Frachtcontainern den Weg geräumt hatte. Danach stieg sie hinauf und trat durch die Schleuse.
Im Inneren nahm ihr ein Besatzungsmitglied den größeren Koffer ab und wies ihr den Weg zu den Passagierkabinen. Vivian fand C-achtzehn, schob die Reisetasche unter die untere Liege und setzte sich auf die schmale Matratze.
Wenig später meldete der Bordlautsprecher den Beginn der Startvorbereitungen. Vivian zog den Sicherheitsgurt über die Schulter und schloss ihn. Kurz darauf ging ein tiefes Vibrieren durch die Schiffszelle, als die Systeme für den Start hochfuhren.