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Geschrieben von Cunningham am 20.12.2018 um 11:20:

 

*Platzhalter*



Geschrieben von Tyr Svenson am 18.01.2019 um 17:08:

 

Zentralsystem des Akarii-Imperiums


Das Shuttle drehte bei, verlangsamte und glich seine Geschwindigkeit der sehr viel größeren XAN an. Auch wenn das Schiff bestenfalls von mittlerer Größe war, wirkte das Shuttle daneben wie ein Schiffshalter, der sich an einen Weißen Hai heften wollte. Und dennoch bestand die Möglichkeit, dass das so winzig wirkende und nur schwach bewaffnete Shuttle das Schicksal der XAN mit sich trug. Oder zumindest das Schicksal ihrer Passagiere…

Cpatain Thera Los überprüfte noch einmal den Sitz ihrer Uniform – ein nervöser Tick, der nicht wirklich dabei half, ihre unguten Vorahnungen zu unterdrücken. Die voll aufgeladene und entsicherte Laserpistole in ihrem Gürtelholster und die vier bewaffneten Marines hinter hier – sowie das knappe Dutzend in voller Gefechtsausrüstung, die in Rufweite warteten – waren da schon ein wenig wirkungsvoller, aber eben doch nicht wirklich genug. Sie unterdrückte den Impuls, sich zu den Marineinfanteristen umzudrehen oder gar noch einmal Admiral Taran anzufunken. Beides hätte sie schwach wirken lassen – und das konnte sie sich nicht leisten. Nicht ausgerechnet jetzt. Die Würfel waren geworfen. Jetzt blieb nur noch, die Augen zu zählen. Kurz zuckten ihre Hände, die sie hinter dem Rücken verschränkt hatte, direkt neben dem Pistolenholster. ‚Oder den anderen Spieler über den Haufen zu schießen.‘ Wenn sie sich nur sicher gewesen wäre, dass das tatsächlich etwas bringen würde…
Ein leiser Summton und das Aufleuchten einer Signallampe informierten Thera Los, dass der Druckausgleich erfolgt war. Unwillkürlich straffte sie sich, unterdrückte noch einmal den Drang, nach der Waffe in ihrem Gürtel zu tasten – und biss die Zähne zusammen, als die Sicherheitsluke aufglitt.

Der Captain, der das Shuttle betrat, war in mehrfacher Hinsicht eine Überraschung. Zum einen war er jung, vielleicht in Thera Los Alter. Außerdem war er alleine – sie hatte damit gerechnet, dass wer auch immer in dem Shuttle war, zumindest einen Adjutanten mitbringen würde. War das ein gutes Zeichen – oder ein schlechtes?
Ansonsten…der Offizier war hochgewachsen und breitschultrig, bewegte sich mit der wachsamen Eleganz eines Drehh-Fechters, was ihm in Kombination mit der dunklen Dienstuniform und dem dunkelgrauen Farbton seiner Schuppen eine leicht bedrohliche Aura verlieh. Gutaussehend war er – und sich dessen anscheinend auch bewusst. Thera Los stutzte. Dunkelgraue Schuppen? Das konnte doch nicht sein. Der einzige hochrangige Akarii-Offizier mit dieser Schuppenfärbung, den sie bisher kennengelernt hatte war…
„Captain. Ich bin Yelak Taran. Bringen Sie mich zu meinem Bruder.“
Das kam ebenso überraschend wie logisch, sodass Thera Los ein paar Augenblicke nicht viel mehr tun konnte, als den – jüngeren? –Bruder des Admirals anzustarren. Offenbar einige Herzschläge zu lange: „Gibt es ein Problem, Captain? Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit.“
Unwillkürlich stellte sich Thera Los Nackenkamm auf: „Sie hatten Zeit genug, hierzufliegen, CAPTAIN. Angesichts einer Flugzeit von wie viel – zehn Stunden? – sollten fünf Sekunden Sie nicht belasten. Identifizieren Sie sich.“
„Ich sagte doch bereits…“
„Ich habe Sie gehört. Jetzt würde ich gerne eine Bestätigung dafür erhalten.“ Sie spürte die Anspannung der hinter ihr stehenden Marinesoldaten. Vielleicht hätte sie einen etwas weniger konfrontativen Ton anschlagen sollen. Aber sie kannte ihre Pflicht. Trotz der offensichtlichen Ähnlichkeit – wenngleich Yelak Taran muskulöser war als sein älterer Bruder – und obwohl sie irgendwann schon mal eine allerdings schon etwas veraltete Aufnahme von Admiral Tarans Bruder gesehen hatte, durfte sie nichts als gegeben hinnehmen. Sich unter einer falschen Identität Zugang zur Zielperson zu verschaffen, war ein beliebter Meuchelmörder-Trick. Zumindest, wenn man nicht die Fähigkeiten der Cha’kal besaß, die angeblich durch Wände gehen konnten und nicht einmal durch das Vakuum des Weltraums aufhalten ließen.
Außerdem genoss sie die Möglichkeit, dem für ihren Geschmack etwas zu selbstsicheren Neuankömmling seine Grenzen aufzuzeigen. Gerade WEIL sie bis vor ein paar Sekunden halb damit gerechnet hatte, sich vor den Läufen eines Enterkommandos wiederzufinden. Das war vielleicht nicht klug – die Nerven lagen auch so blank – aber nur natürlich.

Offenbar war sie allerdings nicht die einzige, deren Zivilisationslack leichte Kratzer zeigte: „SIE…“, der Captain schluckte herunter, was er offensichtlich hatte sagen wollen, und aktivierte mit einer abgehakten Bewegung die Identifikationssoftware seines Handgelenkkoms.
Kurz zuckte es um Thera Los Mundwinkel, auch wenn sie es sich verbot, ihre Befriedigung zu offensichtlich zu zeigen, während sie die überspielten Daten sichtete. Yelak Taran wippte währenddessen ungeduldig mit dem Fuß – freilich ohne Thera Los zur Eile drängen zu können.
Die Identifikation schien zu stimmen – wenn auch die Freigabeorder für den Flug etwas vage wirkte. Thera Los runzelte die Stirn. Konnte es sein, dass…
Dann erinnerte sie sich. Wie sein älterer Bruder hatte Yelak Taran zu der sich gegen Prinz Jor formierenden Offiziersverschwörung gehört, die nach ihrem Scheitern zwar geschwächt aber nicht völlig zerschlagen worden war und immer noch einen nicht zu unterschätzenden Machtfaktor darstellte. ‚Interessant. Ist er ein Bote der Fronde? Oder geht es Yelak darum, seinen Bruder zu warnen? Es geht auf jeden Fall nicht nur darum, ihn zu Hause willkommen zu heißen.‘

Offenbar dauerte ihre Inspektion Yelak Taran zu lange: „Was ist eigentliche Ihre Funktion? Sind Sie Captain der XAN?“
„Captain Okami ist auf der Brücke. Mein Name ist Thera Los. Ich bin Stabschefin von Admiral Taran.“
Ihr Name schien dem Bruder des Admirals nichts zu sagen. Thera Los war sich nicht sicher, ob sie darüber froh oder ein klein wenig beleidigt sein sollte. Und deshalb schwang in Ihrer Stimme immer noch eine leichte Schärfe mit: „Und da Sie jetzt nicht nur meinen Namen sondern auch meine Position kennen, wäre es schön, wenn wir da gleichziehen würden. Oder ist das hier ein Familienbesuch?“
Kurz zuckte es in dem Gesicht von Yelak Taran – ‚Treffer!‘ – aber seine Stimme blieb sarkastisch wie vorher: „Ich komme von der Admiralität. Und da ein Captain bei der Admiralität wohl den Captain eines Admirals aussticht, wie wäre es, wenn Sie mich endlich zu `Kas bringen würden?“
Thera Los hätte die Behauptung Yelaks zwar zur Diskussion stellen können, entschied sich aber dagegen. Zumindest für den Augenblick. Sie signalisierte den Marines, zurückzubleiben und wandte sich brüsk um: „Kommen Sie schon!“

Statt hinter ihr zu bleiben, setzte sich Yelak Taran neben sie, auch wenn das in den engen Gängen des Kurierschiffes etwas zu eng war, um wirklich bequem zu sein: „Stabschefin sagten Sie? An Bord eines Kurierschiffs? Und sehr viel scheinen Sie ja nicht über meinen Bruder zu wissen, da Sie mich nicht erkannt haben. WAS GENAU ist eigentlich Ihre Aufgabe?“
‚DAS schon wieder.‘ Langsam war Thera Los es leid. Nicht, dass sie sich dafür schämen würde, hin und wieder von ihrem Aussehen profitiert zu haben. Aber dass manche automatisch davon ausgingen, dass das das einzige – oder zumindest erste – war, dem sie ihren Rang verdankte, war schon ziemlich beleidigend.
„Ich dachte, Sie sind beim Stab der Admiralität. Dann sollten Sie eigentlich die Aufgaben eines Stabschefs kennen. Wenn auch nicht aus eigener Erfahrung. Und was mir Ihr Bruder erzählt hat…
Nun, er hat mir zum Beispiel von seiner Verlobten erzählt.“ Das Erreichen des gemeinsamen Ziels verhinderte, dass Yelak die nächste verbale Salve abfeuern konnte, die er zweifellos bereits vorbereitet hatte. Thera Los nickte den beiden Soldaten zu, die vor Admiral Tarans Quartier Wache hielten und betätigte den Summer. Fast lautlos glitt die Kabinentür auf – der Admiral hielt sich nicht damit auf, die Gegensprechanlage zu aktivieren.

Ganz offenbar hatte auch er nicht mit DIESEM Besuch gerechnet: „Was bei allen Göttern der Sternenleere machst DU hier?!“
Über das Gesicht von Yelak Taran huschte ein rasches, fast spitzbübisches Lächeln: „Hallo Bruder. Das ist genau die Begrüßung, die ich erhofft habe.“
„Ist irgendetwas geschehen? Hast du…“
Yelak Taran winkte ab: „Entspann dich. Es geht allen gut. Na ja – zumindest allen, auf die es ankommt…“
Thera Los fragte sich, ob Tarans Bruder damit vielleicht den kürzlich verstorbenen Kriegsminister meinte. ‚Allerdings, SO neu ist das nun wieder auch nicht.‘
Währenddessen fuhr Yelak fort: „Und du musst auch keine Angst haben, dass diesmal ICH in die Peripherie verbannt werde. Außerdem wäre das auch ein verdammt schlechtes Timing, wo du gerade dein Flottenkommando abgegeben hast.“
Thera Los verdrehte die Augen. Dass Admiral Taran seine ‚Versetzung‘ in den Draned-Sektor seiner Beteiligung an der Offiziersfronde verdankte, war ein offenes Geheimnis. Aber dennoch nichts, was man leichtfertig vor einigen Marines erwähnen sollte.
Offenbar war ihr Vorgesetzter derselben Meinung: „Nun komm schon rein, bevor mich die Rührung überwältigt. Und du bist doch sicherlich nur hierhergekommen, weil du glaubst, dass ich deine schlechten Witze vermisst habe.“ Während er seinen Bruder in sein Quartier dirigierte, warf er Thera Los einen kurzen Blick zu und fuhr sich mit einem Finger der rechten Hand unauffällig über die linke Seite seines Halses. Thera Los neigte leicht den Kopf und wandte sich zum Gehen, während sich das Kabinenschott hinter den beiden Taran-Brüdern schloss.

Keine zwei Minuten später lehnte sie sich zurück und erlaubte sich ein kurzes Lächeln. Ganz offensichtlich war Yelak Taran NICHT an Bord gekommen, um seinen Bruder zum Selbstmord zu überreden. Und offensichtlich würde auch niemand anderes mit dieser Aufgabe betraut werden. ‚Zumindest vorerst.‘ Außerdem hatte sie sichergestellt, dass niemand das Gespräch der beiden Brüder belauschen würde. Nun ja, niemand – außer ihr.

„Ihr habt WAS versucht?!“
„Du hast mich schon verstanden! Und vor ein paar Jahren haben wir immerhin fast dasselbe schon einmal geplant. Vor deinem ‚Urlaub‘ im Draned-Sektor klang das bei dir noch ganz anders, als es um Jor ging. Also spar dir deine Entrüstung!“
„Damals hatten wir aber unter anderem eine ganze Reihe Admiräle, Generäle, Gouverneure und einen Marschall hinter uns! Nicht nur ein paar subalterne Offiziere, unzufriedene junge Adlige und eine Handvoll desillusionierter Gardisten. Die Offiziersfronde wurde dezimiert…“
„Da bist du nicht mehr auf dem Laufenden. Du bist nicht der einzige, den sie aus der Verbannung nach Hause holen.“
„Und ihr hattet nicht einmal die traurigen Überreste der Fronde hinter euch.“
„Mehr als du denkst. Und es wären noch wesentlich mehr gewesen, wenn Rallis und diese anderen alten Fossile nicht…“
„Dass ihr ausgerechnet auf DEN gesetzt habt, zeigt doch schon, wie verzweifelt ihr wart.“
„Du solltest ihn nicht unterschätzen. Und er war der einzige in der kaiserlichen Familie, der offen gegen die Allecars Stellung bezogen hat!“
„Abgesehen von Tobarii, meinst du.“
„Bah! Nur als er nicht mehr ignorieren konnte, dass Dero Allecar es mit seiner Frau treibt! Davor waren die beiden ein Herz und eine Seele in der Anbiederei an die Menschen. Es war so widerlich…“
„Was wirfst du den beiden eigentlich vor? Wir brauchten den Frieden mit der Konföderation. Ansonsten…“
„Hätten die CN und TSN Illis‘ Flotte im Raum zerfetzt, ich weiß. Es ging mir…uns doch nicht darum, DAS der Frieden mit der Konföderation geschlossen wurde. Sondern WIE.
Wie beide sich darin überboten haben, die Glatthäute als die besseren Akarii zu präsentieren.“
„Ich hoffe sehr, dass das nicht alles war, was euch dazu bewogen hat, einen Staatsstreich zu planen. So einen Blödsinn erwarte ich vielleicht von ein paar durchgeknallten Expansionisten im Gefolge von Jor und Karrek Thelam, aber von dir…“
„Und da liegt dein Irrtum. Für dich ist Dero immer noch der Nichtsnutz, mit dem du dich vor zwanzig Jahren herumgetrieben hast. Klar, heute vögelt er die Prinzessregentin, aber abgesehen davon…“
„Sei nicht so vulgär! Du spricht über eine kaiserliche Prinzessin.“
„Nau und? Immerhin ist es wahr! Und dank den verstiegenen Ambitionen der Allecars weiß das inzwischen das ganze Imperium. UND unsere Gegner. Was meinst du, was das für die Moral unserer Truppen oder das Ansehen des Imperiums bedeutet – gerade jetzt? Mal abgesehen davon, dass Dero auch noch den Kriegsminister umbringen musste! Und das alles nur, weil Meliak Allecar und sein widerlicher Sprössling es sich in den Kopf gesetzt haben, dass jetzt SIE an der Reihe sind.
Vor unseren Augen rollt ein verdammter Staatsstreich ab! Und nur wir waren bereit, das Richtige zu tun!“
„Indem ihr selber einen Putsch lostretet? Und dazu noch einen schlecht vorbereiteten!“
„Wir wollten die Dinge wieder ins Lot bringen!“
„Hast du vergessen, warum wir uns damals gegen Jor gestellt haben? Es ging uns nicht darum, irgendeine Blutlinie oder Dynastie auf den Thron zu bringen oder sie dort zu halten. Es ging darum, einen verblendeten Dilettanten die Waffen aus der Hand zu schlagen, mit denen er in seiner Dummheit ins Fleisch des Imperiums schnitt…“

Thera Los hätte beinahe aufgelacht. Sie erkannte diese Worte, auch wenn sie bezweifelte, dass ihr Vorgesetzter sich dessen bewusst war, dass er aus dem Zyklus ‚Der blutige Himmel‘ zitierte.

„Und das gleiche haben wir versucht.“
„Dero ist nicht Jor. Er ist nicht der Kronprinz, er ist nicht Kriegsminister – und schon gar nicht ist er ein Großadmiral. Er war Sonderbotschafter und hat uns einen Frieden gesichert, dank dem wir wieder in die Offensive gehen konnten. Dass er Tobarii herausgefordert hat, das WAR eine Dummheit – aber das macht ihn nicht zu Jor. Er hat weder einen Krieg zur falschen Zeit vom Zaun gebrochen und mit der falschen Strategie geführt, noch damit angefangen, die Streitkräfte nach irgendwelchen vorsintflutlichen Vorstellungen zu säubern und unsere besten Kommandeure kaltzustellen.“

Thera Los fragte sich, ob Admiral Taran damit auch sich selbst meinte. Vermutlich, denn er litt nicht unter falscher Bescheidenheit. Vielleicht hatte seine Opposition gegenüber Prinz Jor schon an dem Tag begonnen, als der Kronprinz den unter anderem von Taran entworfenen Plan für die Mantikore-Offensive drastisch verändert hatte, um seinen sehr viel weitreichenderen und waghalsigeren Offensivplänen zu entsprechen.

„Du warst nicht hier. Während deiner Zeit im Exil hat sich vieles geändert. Du hättest miterleben sollen, wie Dero und Tobarii mit ihrer idiotischen Seid-doch-nett-zu-den-Menschen-Strategie die Flotte gespalten, die Reformer diskreditiert und die Traditionalisten gegen sich aufgebracht haben, nur um sich dann gegenseitig an die Gurgel zu gehen! Die kaiserliche Dynastie und die Reformbewegung wird sich vielleicht nie wieder von diesem Schlag erholen – und dass jetzt, da wir gleichzeitig eine starke Führung UND die Bereitschaft und die Fähigkeit zur Reform brauchen. Einen Schritt zu kurz, und die Völker des Imperiums werden sich gegen uns wenden – und dann werden die T’rr-Rebellionen nicht mehr als ein Vorspiel sein.“
„Glaubst du, das weiß ich nicht? Was meinst du, warum…“
„Und einen Schritt zu weit, und wir versinken endgültig im Bürgerkrieg. Dann gibt es kein Imperium mehr, nur noch einen zerfetzten Torso, eine zerbrochene Flotte, die sich selber zerfleischt, während die Menschen, die Peshten und wer weiß noch sich nach Belieben Stücke aus dem Leichnam des Imperiums reißen.“

Offenbar war Mokas Taran nicht der einzige, der die alten Klassiker gelesen hatte. Nun ja, die traditionelle Ausbildung der alten Adelsfamilien. Die Bürde, die eine bis in die Akarii-Antike zurückreichende Ahnenreihe nun einmal mit sich brachte. Thera Los war froh, dass ihr dieses Schicksal erspart geblieben war.

„Und deshalb brauchen wir eine starke Führung!“, fuhr Yelak leidenschaftlich fort: „Aber wen haben wir jetzt? Der Kaiser ist tot. Der Kronprinz auch – und das ist gut so! Und alles, was übrigbleibt, ist eine Prinzessregentin, deren Liebhaber ihren Ehemann ermordet hat. Ob der alte Meliak den Thron für seinen Sohn will oder nur für seinen Enkel...glaubst du, das wird nicht auf Widerstand stoßen? Das kann der Funke sein, der das Reich endgültig zerreißt. Du hast nicht erlebt, wie die Allecars angefangen haben, sich am Hofe breitzumachen. Wir MUSSTEN handeln, bevor sie sich endgültig festgesetzt hatten.“
„Wer auf dem Thron sitzt, ist mir ehrlich gesagt ziemlich gleichgültig. Solange er die Flotte und die Armee das tun lässt, was nötig ist.“
„Und dazu setzt du auf DERO?!“
„Warum denn nicht? Ich gehe mal davon aus, dass er sich nicht auf einmal einbildet, über Nacht zum Flottenstrategen berufen worden zu sein, wie ein anderer Thronprätendent den wir beide gekannt haben. Dero…ist bereit zuzuhören. Und die Allecars werden die Flotte UND die Armee brauchen. Männer – und Frauen – die ihnen zeigen, wie man das Imperium schützt, bewahrt und wieder in ruhige Gewässer führt. Und dann stehen wir bereit. So wie es die Tarans schon seit Jahrtausenden getan haben. Nicht weil wir dazu gezwungen werden. Sondern weil wir es WOLLEN.“
„Du klingst schon genauso wie Vater!“
„Danke…glaube ich.
Aber verrate mir doch, wen wolltet ihr anstatt dessen auf dem Thron? Rallis? Navarr? Sag bitte nicht Lisson oder Karrek Thelam. SO verzweifelt könnt nicht einmal ihr gewesen sein.“
„Rallis und Navarr…waren unsere beste Chance. Ob als Regenten oder auf dem Thron – das hätte Stabilität bedeutet. Jedenfalls sehr viel mehr, als ein ungeborener Imperator mit einer…beschädigten Prinzessregentin und einem Allecar an ihrer Seite. Oder gar einem Allecar auf dem Thron.
Lisson…hat keinen Herrscherwillen. Und Karrek…“
„Ist dir nie der Gedanke gekommen, dass genau DAS das Ergebnis hätte sein können, selbst WENN ihr Erfolg gehabt hättet? Dass während ihr euch mit den Allecar-Loyalisten herumschießt und verzweifelt darum bemüht seid, die Reste der Heimatflotte unter Kontrolle zu bekommen und so etwas wie Normalität und Legitimität vorzugaukeln, Großadmiralin Lay Rian, gestützt auf ihr Amt UND ihre Flotte auf die Idee kommen könnte, ‚ihren‘ Thelam auf den Thron zu hieven?“
„Lay Rian ist keine Idiotin. Sie HASSTE Jor – sie will ganz bestimmt nicht seine Reinkarnation auf dem Thron. Und sie ist Loyalistin.“
„Loyal WEM gegenüber? Dem REICH? Der DYNASTIE? Diesen Schlachtruf kann man sehr verschieden meinen…
Und wenn ihr gescheitert wäret…“

Der Admiral schwieg kurz und statt Ärger und Frustration schwang jetzt etwas anderes in seiner Stimme mit, eine Emotion, die Thera Los nicht sofort einordnen konnte.

„Was wäre dann mit Vater gewesen? Was mit Ciara? Ist dir klar, dass…wenn ihr gescheitert wäret, wenn du…
Was hätte ich dann tun sollen? Was wäre mir übrig geblieben, als in den Draned-Sektor zu flüchten und die Flotte, die ich für das Imperium geschaffen habe, in den Aufstand zu führen? Und bei diesem Versuch entweder zu sterben – oder den Bürgerkrieg zu beginnen, den ihr verhindern wolltet.“
„Was redest du da für einen Unsinn? Du hättest…“
„Du bist mein BRUDER. Im Guten wie im Schlechten. Wir haben uns gemeinsam gegen Jor gestellt. Wenn ihr jetzt tatsächlich losgeschlagen hättet und GESCHEITERT wäret…
Ich wäre so oder so ein Toter auf Abruf gewesen. Einen…Verrat hätte man mir vielleicht nachgesehen. Aber einen zweiten…“

Einige Augenblicke herrschte Schweigen und Thera Los fragte sich schon, ob der Admiral bemerkt hatte, dass die Komm-Anlage aktiviert war und sie abgeschaltet hatte. Doch dann erklang wieder seine Stimme, jetzt mit einem leicht melancholischen Unterton, den die Stabschefin aus einigen der Gespräche mit ihrem Vorgesetzten kannte: „ Das bringt doch alles nichts. Also, wo stehen wir?“
„Was meinst du? Pan’chra? Oder wir beide, Bruderherz?“
Die Antwort war ein amüsiertes Schnaufen: „Fangen wir erst mal mit der Situation in der Hauptstadt an und den Scherben eures geplanten Putschversuches. Was das ‚uns‘ angeht, verschieben wir lieber noch ein bisschen. Bis ich nicht mehr den Wunsch verspüre, dir eine zu kleben, Brüderchen.“
„Na, das möchte ich mal sehen…
Pan’chra…keiner weiß so genau, wie es jetzt weitergeht und was die neuesten Entwicklungen für den Kampf um den Thron bedeutet.“
„Aber die Allecars sind auf dem Vormarsch, sitzen jedoch nicht gerade fest im Sattel. Damit können wir arbeiten. Gut.“
„Na ja. Du wärst nicht der erste, der erst im Nachhinein merkt, dass das Nuron, dass er reiten wollte, in Wirklichkeit ein ungezähmtes Akiti ist.“

Das Nuron war ein vierfüßiges, warmblütiges Reptil von Akar, das schon seit vorgeschichtlicher Zeit von den Akarii als Fleisch- und Lederlieferant, dann als Trage-, Zug- und Reittier domestiziert wurde.
Beim Akiti hingegen handelte es sich um ein sehr viel schwerfälligeres, wechselwarmes und mehr als doppelt so schweres Reptil, das zwar als ein wertvoller Fleisch- und Lederlieferant galt, für Trage- oder Zugdienste jedoch aufgrund seiner Größe, der unterarmlangen Hauer und dem gefährlichen Naturell ungeeignet und nur mit begrenztem Erfolg in den Kriegen der Akarii-Antike als eine Art ‚lebender Panzer‘ eingesetzt worden war.

„Was ist mit den Thronprätendenten?“
„Rallis…der dürfte wie immer auf die Füße fallen.“
„Ja, auch wenn es die Füße von jemand anderem sind.“
„Autsch. Er ist nämlich nicht gerade leichter geworden in den letzten Jahren.
Navarr…haben sie mit Marschall Parin und Admiral Kjani Rau in Richtung Draned-Sektor in Bewegung gesetzt. Zusammen mit oder gefolgt von einer kompletten Trägerkampfgruppe, wenn nicht noch mehr. Wie du ohne Zweifel weißt.“
„Allerdings. Was ich allerdings immer noch nicht weiß ist, wer dahinter steckt. Einen der aussichtsreichsten Thronprätendenten mit zwei derartig hochkarätigen Offizieren – und zusätzlichen Schiffen – in die Peripherie abzustellen...“
„Und dann wäre noch Karrek. Zuerst dachte ich ja, man hätte ihn ebenfalls kaltgestellt, als man ihn zu Lay Rian abgeschoben hat. Aber wenn ich mir das jetzt so ansehe…“
„Haben wir bald ZWEI Thelam-Prinzen mit einer Flotte. Vielleicht seid ihr ja nicht die einzigen, die einer…zu ambitionierten Politik der Allecars vorbeugen wollen.“
„Ja…die Allecars. Die machen sich inzwischen breit wie ein Schimmelpilz. Angeblich haben sie schon bei Rallis wegen Prinzessin Linais Hand nachgefragt.“
Admiral Taran schnaubte: „Ich kann nicht glauben, dass Dero so unverfroren ist. Das war bestimmt sein Vater. Was hat Rallis gesagt?“
„Das weiß keiner so genau. Auch wenn ich gehört habe, dass einige der Alternativbeschäftigungen, die er Meliak Allecar – UND dessen Sohn – vorgeschlagen hat, sehr…farbig gewesen sein sollen.“
„Und Linai?“
„Hält erst einmal formelle Trauer. Es heißt, man hätte sie aufgefordert, die Kaiserliche Garde zu mobilisieren…“
„Wart ihr das?“
„SO verzweifelt waren wir nun wieder auch nicht. Und es hätte sowieso nichts gebracht. Sie tut…gar nichts.“
„Vielleicht ist das erst mal das klügste. Abwarten, bis sich der Staub etwas gelegt hat.“
„Wenn dann überhaupt noch etwas zu tun übrig BLEIBT. Wenn die Allecars genug Zeit haben, sich einzugraben…außerdem laufen Linai jeden Tag, den sie mit Nichtstun verbringt, die Gefolgsleute davon. Zu den Allecars, zu Rallis.“
„Zur Fronde…“
„Wir tun unser Bestes. Und das wär es…“
„Was ist mit Lisson Thelam?“
„Ach verdammt, den habe ich vergessen. Aber das kommt häufiger vor.“
„Manchmal nicht die schlechteste Position um zu starten. Die in der ersten Reihe…“
„Werden als erste erschossen, ich weiß. Aber wenn du jetzt wieder mit Imperator Clodus kommst, dann muss ich dich daran erinnern, wie das letztendlich ausging.“

Imperator Clodus war in einer recht turbulenten Phase der Spätantike auf den Thron gekommen, weil er nach einer blutigen Palastrevolte der einzige männliche Überlebende der herrschenden Kaiserlinie war. Die aufständischen Mitglieder der kaiserlichen Garde hatten den Gelegenheitshistoriker und Freizeitgelehrten ganz einfach vergessen. Als loyale Verbände die Überhand gewannen, fanden sie Clodus in der Palastbibliothek und erhoben ihn umgehend zum Kaiser. Er hatte seine Sache erstaunlich gut gemacht und bescherte dem Reich zwanzig Jahre dringend benötigten Frieden. Nur seine Familienpolitik erwies sich als katastrophal, sodass das Reich nach seinem Tod in einen Bürgerkrieg stürzte, aus dem Xias der Blutige als Sieger hervorging. Dieser wiederum hatte sein Ende gefunden, als sein Blutdurst in Wahnsinn umschlug. Das Haus Allecar und Taran hatten dabei eine wichtige Rolle gespielt…

„….natürlich hat er noch ein paar unverheiratete Töchter, die durchaus noch eine Rolle spielen könnten. Wenn sie passend heiraten, dann könnte Lisson tatsächlich ein Fokus für den Widerstand gegen die Allecars werden. Vor allem, wenn er seine Schmuckstücke mit einem der anderen Thronprätendenten verheiratet…“
Der Admiral schnaubte wieder: „Ich nehme mal an, die fraglichen Damen wollen da auch noch etwas mitzuentscheiden haben. Und wen meinst du bitteschön? Navarr ist wohl etwas jung für die beiden.“
„Gar nicht mal so sehr.“
„Und Rallis ist zu alt.“
„Geht so.“
„Und Karrek…ich hoffe, Lisson ist nicht SO desperat.“
Yelak Tarans Stimme gewann einen leicht sarkastischen Ton: „Das sind natürlich nicht die einzigen möglichen Kandidaten. Es gibt noch den ein oder anderen, der kaiserliches Blut in den Adern, einen Sieg auf seinem Schild und – vielleicht – sogar eine Flotte in der Hinterhand hat. Oder was meinst du, `Kas?“

Die Antwort ließ einige Sekunden auf sich warten, vermutlich weil es Thera Los Vorgesetzten die Sprache verschlagen hatte. Was sie selber anging, so konnte sie sich ein boshaftes Kichern nicht ganz verkneifen.

„Du spinnst doch, Yelak.“
„Was meinst du, warum ich Ciara nicht auf meinen kleinen Trip mitgenommen habe?“
„Hättest du das gemacht, dann hätte ich dich wohl wirklich zusammenschlagen müssen.“
„Warum das denn?“
Auf einmal gewann die Stimme des Admirals an Schärfe und Härte: „Weil ich nicht will, dass sie dabei ist, falls ich verhaftet oder gleich vor ein Erschießungskommando gezerrt werde.“
Thera Los war sich nicht sicher, ob Yela realisierte, wie ernst es seinem Bruder bei diesen Worten war. Falls der jüngere Taran es bemerkt hatte, so war er offenbar sofort zu dem Entschluss gekommen, das lieber zu ignorieren oder vielmehr zu überspielen: „Und ich dachte, weil du Angst hattest, Ciara würde beim Anblick deiner ‚Stabschefin‘ die falschen Schlüsse ziehen. Oder vielleicht die richtigen?“
„Was redest du schon wieder für einen Schwachsinn?!“
„Du musst doch zugeben, das Mädchen ist zum Anbeißen.“
„CAPTAIN Los ist ein fähiger Offizier. Sie ist loyal – jedenfalls insoweit das unter diesen Umständen möglich ist. Und sie verabscheute Jor.“
„Verstehe.“
„Dass Sie daneben auch angenehm anzuschauen ist…“

Thera Los runzelte die Stirn. Sie schätzte sich schon etwas besser ein.

„…ist mir nicht entgangen. Und kann manchmal durchaus von Vorteil sein – und sei es auch nur, weil sie und auch ich deswegen unterschätzt werden. Aber wenn ich bei der Zusammenstellung meines Kommandostabs nach solchen Maßstäben vorgegangen wäre, dann hätte ich mich wohl eher an einer Konkubinenschule umsehen sollen. Ich wähle meine Vertrauten nach ihrer Leistungen, ihrem Können und ihrem Potential aus.“
„Potential hat sie tatsächlich…“

Ein dumpfes Klatschen und ein unterdrückter Fluch ertönten. Thera Los runzelte die Stirn und schnaubte dann amüsiert. Offenbar hatte der ältere Taran-Bruder dem jüngeren doch noch eine verpasst. ‚Jungs…‘

„Reicht das? Was soll das überhaupt? Willst du wissen, ob du freie Bahn hast?
Außerdem ist Thera eine gute Zuhörerin. Eine rare Gabe.“

Wieder fragte sich Thera Los, ob der Admiral wusste, dass sie zuhörte. Manchmal hatte er beunruhigend hellsichtige Anwandlungen.

„Sag bloß, dass du sie auch mit deinen geliebten Reminiszenzen über die vergängliche Größe und Schicksal von Imperien beglückt hast.“
„Da du ja nicht mehr erreichbar warst…“
„Jetzt WEISS ich, dass ihr beide nicht im Bett gelandet seid. Obwohl es natürlich sein kann, dass sie mal währenddessen eingeschlafen ist. Auf einmal tut sie mir richtig leid.“
„Weißt du was, du wirst immer witziger, je älter du wirst. Was soll denn erst werden, wenn du mal erwachsen bist. Nicht auszudenken…“

Übergangslos wurde Admiral Taran wieder ernst und Thera Los realisierte, dass das Geplänkel zwischen den beiden Brüdern nur ein Schattenspiel gewesen war, um die darunter lauernde Anspannung zu verschleiern. Wie Soldaten, die auf dem Schlachtfeld pfiffen.

„Genug damit. Warum bist du wirklich hier? Doch nicht nur, um mich mit dem neuesten Klatsch zu versorgen. Dazu hätte auch ein Komm-Anruf gereicht.“
„Da hören mir zu viele mit. Außerdem fliegt ihr unter Komm-Sperre. Dass ich mich durchgemogelt habe, ist ein verdammtes Wunder.“
„Ja – falls nicht jemand die Taran-Brüder mit einem Schlag erledigen will.“, knurrte der Admiral.
„Vielleicht wollte ich auch einfach meinen Bruder wiedersehen? Oder dir den Kopf zurechtrücken, bevor dir die Allecars das Hirn mit irgendwelchem Blödsinn vernebeln um dich für ihre verstiegenen Ambitionen einzuspannen.“
„Yelak. Ich habe das Scheitern der Fronde überstanden, den Draned-Sektor und die TSN.“
„Ja. Aber jetzt bist du auf Akar. Und das Spiel wird hier inzwischen mit ganz anderen Einsätzen gespielt…“
„Bist du nur hierhergekommen, um mir das zu sagen?“
„Nein. Du bist mein Bruder. Ich bin hiergekommen, damit du der Entscheidung nicht alleine gegenüberstehst, die für dich getroffen wurde. Und bevor du mir sagst, dass dein höchst zweitschneidiges Schwert ist, vergiss nicht – du warst mehr als zwei Jahre weg. Die Leute haben dich nicht vergessen – dank deiner Erfolge, dank Ciara, dank Vater und auch dank mir. Aber du wirst jetzt jeden Fetzen Unterstützung brauchen, den du kriegen kannst.“

Diesmal verzichtete der Admiral darauf, seinem Bruder zu wiedersprechen. Vermutlich, weil er wusste, dass der Recht hatte: „Also gut. Ich muss wissen, wer von unserer alten Runde noch dabei ist. Und wie es in der Admiralität aussieht. Wer zieht die Fäden, wer sind die aufsteigenden Sterne? Und vor wem muss ich mich in Acht nehmen. Und dazu…“

Thera Los Handgelenk-Komm fiepte: „Admiral.“
„Sie können wieder zu uns stoßen. Nachdem wir den brüderlichen Smalltalk abgehakt haben, wird es Zeit, dass wir etwas Flottenpolitik planen. Und da möchte ich Sie dabei haben. UND Ihre Meinung hören.“
Ja, kein Zweifel, der Admiral wusste oder ahnte zumindest, dass sie gelauscht hatte. Noch ein Grund, warum sie inzwischen froh war, NICHT mit ihm ins Bett gegangen zu sein. Mokas Taran wusste auch so schon beunruhigend viel über sie: „Selbstverständlich, Admiral.“



Geschrieben von Cattaneo am 28.01.2019 um 20:24:

 

Schattenspiele

TRS PEGASUS, drei Sprünge vor Deneb, FRT-Grenzgebiet

Normalerweise sprach man davon, dass ein Schiff eine Brücke hatte, und in der Vorstellung vieler Terraner und Konföderierter war dies der Ort, an dem die Entscheidungen fielen. Das mochte auf vielen Schiffen zutreffen – ging aber oft auch an der Realität vorbei. Größere Schiffe, insbesondere Kriegsschiffe, hatten meistens auch eine Ersatzbrücke, die weise Kapitäne selbst außerhalb akuter Gefechtssituationen stets einsatzbereit und bemannt hielten. So konnte im Fall des potentiell katastrophalen Ausfalls der Hauptbrücke eine guttrainierte Ersatzcrew das Kommando übernehmen. Viele Schiffe waren so gerettet, manch verzweifeltes Gefecht gewonnen worden.
Dann gab es natürlich auf wirklich GROßEN Schiffen wie Flottenträgern ein separates Kommandozentrum um Dinge wie den Flugbetrieb und die Bewegungen des unterstellten Flottenverbandes zu koordinieren. Das ließ sich schlecht mit dem mitunter hektischen Betrieb auf der eigentlichen Brücke in Einklang bringen. Die wirklich wichtigen Entscheidungen aber, die wurden oft in einem kleinen, an das Kommandozentrum angrenzenden Besprechungsraum gefasst, wo der oder die Kommandeur beziehungsweise Kommandeurin der Trägergruppe sich mit den Schwadronskommandeuren und anderen Offizieren abstimmen konnte – direkt von Angesicht zu Angesicht oder via hochentwickelter Kommunikationsmittel. Die letztendliche Entscheidung lag immer bei einer einzelnen Person – sah man natürlich von den generellen Anweisungen aus dem Flottenstab und von Terra ab. Doch selbst im hochtechnisierten und zentralisierten Krieg des 27. Jahrhunderts hatten die Flottenchefs immer noch viel Spielraum, zumal wenn sie weit entfernt von Terra operierten. Nur ein schwacher Kommandeur ließ sich in seinem Handeln durch seine Untergebenen bestimmen. Nur ein kompletter Idiot aber ignorierte ihre Einwände und Vorschläge.

Admiral Maike Noltze war gewiss weder schwach noch eine komplette Idiotin – wiewohl sie sich nur zu bewusst war, dass es im Moment eine Menge Terraner, kaiserliche Akarii und wohl auch etliche Konföderierte und Neutrale gab, die sie genau so bezeichneten. Mit ein wenig Glück würde sie diesen Narren bald das Gegenteil beweisen.
Der jüngste Vorstoß des imperialen Admirals Ersten Ranges Kal Ilis gegen die FRT – nicht etwa gegen die von der TSN besetzten imperialen Gebiete, sondern auf ureigenes terranisches Territorium – hatte nicht nur sie überrascht, das war nicht zu leugnen. Die operativen Analysen hatten den Kaiserlichen nach den hohen Verlusten des letzten Jahres keine weitere Großoffensive an dieser Front zugetraut. Ilis hatte zwar die Konföderation aus dem Feld geschlagen, dabei aber zugleich seine eigene Flotte kastriert – und ihr darüber hinaus noch einen Arm abschlagen lassen. So zumindest hatten die Einschätzungen gelautet. Doch das war, offenbar, eine Fehleinschätzung gewesen. Sie hätte es nach den bitteren Lehren von Karrashin, Hannover und Sterntor vermutlich voraussehen müssen. Aber wie sollte man vernünftig Krieg führen, wenn man sich nicht einmal mehr auf die eigene Aufklärung verlassen konnte?
Glücklicherweise hatte der Nachrichtendienst diesmal nicht ganz so skandalös versagt wie mehrfach in den letzten Monaten. Ilis‘ Flotte und Marschrichtung waren entdeckt worden, lange bevor er in Angriffsreichweite kam. Dennoch hatte Noltze sich mit diesem dringenden Problem befassen müssen. Sie hatte die konföderierten Invasoren im Shifang-System laufengelassen, anstatt ihnen die verdiente Lektion einzubläuen.
,Nun ja, vielleicht erledigen das ihre eigenen Leute ja jetzt für mich.‘ Sie gönnte Okamba und seinen Schoßhunden nun wirklich jede Unannehmlichkeit, die ihnen zustoßen mochte. Leider würde das die Dinge für sie nicht verbessern, selbst wenn die CC ihre eigenen Militärs für die fragwürdig autorisierte ‚Rettungsaktion‘ abstrafte.
Noltze wusste, sie persönlich würde für die Schlappe in Shifang ebenfalls noch bezahlen. Das Operationsgebiet der Vierten Flotte unterstand ihrer Verantwortung, und damit hatte sie jeden Rückschlag an dieser Front zu verantworten. Einzig der Kopf von Rear Admiral Kilian Scotlands „Scotty“ saß noch lockerer als ihr eigener, denn immerhin war er für die Feindaufklärung hauptverantwortlich.
Aber sie konnte einen so massiven Vorstoß – zwei komplette verstärkte imperiale Trägerkampfgruppen die in wenigen Sprüngen so wichtige FRT-Systeme wie Deneb, Winston und Thordall erreichen konnten – nicht ignorieren und auf ihre weit verstreuten Deckungsverbände und die lokalen Systemverteidigungskräfte vertrauen.

Deshalb hatte sie rasch gehandelt. Und dabei kam die Expertise einiger ausgewählter Untergebener ins Spiel, denn mit Hilfe ihres Flottenstabes war ein ambitionierter Reaktionsplan ausgearbeitet worden. Seine Bewilligung hatte sie viel Überzeugungsarbeit gekostet, und sie wusste, damit hatte sie jeglichen noch vorhandenen Kredit auf Terra aufgebraucht. Ging jetzt etwas RICHTIG schief, dann gab es keine Macht im Universum, die sie retten konnte – immer vorausgesetzt, dass sie überlebte. Aber sie hatte vom Oberkommando und von der Präsidentin grünes Licht bekommen. Befehle an die übrigen Verbände der Vierten waren hinausgegangen, doppelt und dreifach verschlüsselt. Ein Teil des Planes war noch während seiner Umsetzung modifiziert worden, als die ,Mitspieler‘ sich mit Verbesserungsvorschlägen gemeldet hatten. Noltze war sich nicht darüber erhaben, die Anregungen erfahrener Kommandeure anzuhören und zu berücksichtigen.

Doch alles stand und fiel mit Noltzes eigenem Verband. Sie hatte ihr Flaggschiff zusammen mit den beiden begleitenden Majestic-Trägern von Shifang aus auf einen Abfangkurs gebracht und dabei das Wagnis in Kauf genommen, direkt durch kaiserliche Grenzsysteme zu springen. Diese waren zwar unbewohnt – während des jahrzehntelangen Kalten Krieges hatten sie als Pufferzone gedient, mit deren Hilfe sich das Imperium vor Überraschungsangriffen absichern, die sie aber gleichzeitig auch als potentielle Aufmarschgebiete nutzen wollte. Sie waren kaum vermint, denn auch das Imperium hatte nur begrenzte Mittel zur Verfügung, dass es lieber für die Sicherung strategisch wichtiger Systeme und Sprungpunktknoten nutzte. Doch es war zu erwarten, dass die Grenzsysteme mit Sensoren gespickt waren oder von leichten Patrouilleneinheiten überwacht wurden. Die terranischen Schiffe würden also nicht unbemerkt bleiben, was die Gefahr barg, dass Ilis SIE abfing oder aber den dritten imperialen Flottenträger, der in diesem Frontabschnitt nachgewiesen war, auf sie hetzte. Nach der Art und Weise, wie der gegnerische Admiral seine eigenen Leute über Hannover verheizt hatte, war ihm dies zuzutrauen, um sich seinen nächsten „großen Sieg“ über…sagen wir Deneb…zu sichern. Man musste Noltzes Schiffe ja nicht schlagen, nur dafür sorgen, dass sie Ilis nicht in die Suppe spuckten. Aber sie war bisher durchgekommen, und hatte so wertvolle Zeit gespart.
Ein konventioneller Kommandeur hätte vermutlich die übrigen, weit verstreuten Schiffe der Vierten – vier leichte Träger, den Pegasus-Träger KIEW und den Lexington-Träger YAMATO mit ihren unterbesetzten Begleitgeschwadern sowie einigen schwachen Hilfsverbänden – bei den wichtigsten Systemen konzentriert. Aber wenn sie sich etwas nicht mehr leisten konnte, dann ein rein konventionelles Vorgehen. Dazu war der Raum, den sie abzusichern hatte viel zu groß, und ihr Gegner neigte zu sehr zu irrationalen, irrwitzigen Entscheidungen. Sie musste versuchen, ihm die Schlacht zu ihren eigenen Bedingungen aufzuzwingen. In den nächsten Stunden würde sich zeigen, ob ihr dies gelang.

Der Verband unter ihrem Kommando bot einen beeindruckenden Anblick – neben der PEGASUS, als Typschiff ihrer Klasse schon mehr als 20 Jahre alt, aber bestens in Schuss und grundlegend modernisiert, waren da vor allem die WARSPITE und NAPOLEON. Die Majestic-Träger waren zwar noch nicht in den Genuss eines Umbaus zum ,Hammerkopf-Typ“, der MK III gekommen. Aber sie verdoppelten die Kampfliegerzahl der Pegasus mit einer beeindruckenden Mischung moderner Jäger und Jagdbomber. Begleitet wurden die drei Träger von insgesamt fünf schweren Ticonderoga-Kreuzer, drei Dauntless-Flakkreuzern und sieben leichten Achilles-Kreuzern. Dazu kamen mehr als dreißig Zerstörer, Fregatten und Korvetten sowie ein Dutzend Hilfsschiffe – Minensucher, Flottentanker und -transporter. Gut drei Dutzend Kampfflieger sowie ein Dutzend Radar-Shuttles sicherten im Moment den Verband vor Überraschungen. Und im Notfall standen insgesamt gut 200 Jäger, Bomber und Jagdbomber zur Verfügung. Die sechszehn Staffeln der drei Träger stellten eine formidable Streitmacht dar.
Da waren natürlich zunächst einmal die Black Aces der PEGASUS, ein Geschwader, das so alt war wie der Träger auf dem es diente, das erste acht-Staffeln-Bordgeschwader – neun, wenn man die Shuttles mitzählte – der TSN überhaupt. The Old Guard von der NAPOLEON führte ,natürlich‘ die Bärenfellmütze vor einer gekreuzten Muskete und Adlerstandarte als Abzeichen. Ihre Staffeln waren nach den Kavallerieeinheiten der Vieille Garde des Ersten Französischen Kaiserreichs benannt. Die King’s Dragoon Guards oder KDG von der WARSPITE – bekannter unter ihrem Spitznamen King’s Dancing Girls – waren ein deutlich jüngeres Geschwader, hatten sich aber ebenfalls bereits einen Namen machen können.
Sie alle hatten zwar nicht an der Hauptfront, bei der ,Mächtigen Zweiten‘ gefochten. Das hieß aber nicht, dass sie und ihre Begleitschiffe in den letzten Jahren nicht in eine Vielzahl von Gefechte verwickelt gewesen waren. Freilich handelte es sich dabei zumeist um kleinere Scharmützel, lokale Vorstöße, Zufuhrkrieg und die Jagd nach imperialen Raidern. Maike hoffte, dass Schiffe, Crews und Ofiziere sich bei ihrer ersten großen Schlacht genauso bewähren würden wie im ‚Kleinen Krieg‘. Aber solche Zweifel durfte sie sich natürlich nicht anmerken lassen.

Die Offiziere in der Kommandozentrale sahen in etwa so überarbeitet aus, wie sie sich fühlte – dies galt besonders für Scotty. In den letzten Tagen hatten sie alle sich nicht mehr als ein paar Stunden Schlaf gönnen können. ,Das dürfte mal ein Beispiel sein, bei dem die höheren Dienstgrade länger arbeiten mussten als die Schiffscrews.‘ dachte sie mit grimmiger Belustigung. Sie fühlte sich wie ein Jongleur, der mit einem Dutzend Fackeln und Messern jonglierte. Wenn man einmal danebengriff, verbrannte man sich die Finger – oder verlor sie.
Maike gratulierte sich insgeheim selbst, dass sie es geschafft hatte, ihr Aussehen makellos zu halten. Das war zwar ein etwas billiger Taschenspielertrick, aber das Militär war nun einmal ein konservativer Verein – und eine Admirälin mit schlecht sitzender Dienstuniform oder Ringen um die Augen war ungeeignet, Vertrauen zu erwecken. Sie hatte sich nicht umsonst nach oben gedient, ehrgeizig, unermüdlich und wenn nötig rücksichtlos. Schwäche durfte man niemals zeigen, ganz besonders nicht, wenn man gerade verwundbar WAR.

Dennoch krampfte sich ihr Herz zusammen und sie musste an sich halten, um nicht zusammenzuzucken, als auf den primären Bildschirmen Dutzende neue Symbole auftauchten, direkt am Sprungpunkt in Richtung Deneb. Im Moment waren nur Transitechos zu erkennen, doch es war bereits klar, dass es mehr als dreißig waren. Für eine Prüfung der FFI-Kennung waren sie noch zu weit entfernt, zudem störte die Hintergrundstrahlung des Sprungpunktes die Erkennung. Die Schiffe selbst verschwanden deshalb unmittelbar nach ihrem Eintritt in das System wieder von den Bildschirmen – angezeigt wurde nur ihre alte Position.
Wenn es sich dabei um die Vorhut von Ilis’ Flottenverband handelte, würden ihnen nur zu bald weitere folgen, bereiteten sich die Imperialen vermutlich bereits auf den Angriff auf die PEGASUS und ihre Begleitschiffe vor. Sekunden dehnten sich zu scheinbaren Ewigkeiten – dann kam die befreiende Nachricht: „Admiral – verschlüsselter Funkspruch! Terranische Codierung.“
Maike Noltze atmete auf: „Entschlüsseln.“
Der Signaloffizier bediente einige Tasten, runzelte die Stirn, wiederholte den Vorgang: „Doppelcodierung, maximale Sicherheitsstufe…Funkspruch liegt nun vor.“
Die Admiralin straffte sich. Sie ahnte bereits, wie die Botschaft lauten würde, und nickte Scotty zu: „Ich denke, das sollten Sie vorlesen.“
Ihre rechte Hand war sich der Bedeutung des Augenblickes nur zu bewusst. Seine Stimme klang selbstsicher und ruhig, als er die Botschaft ablas. Sie bestand aus gerade einmal zwei Worten: „Niitakayama Nobore.“*
Noltze gestatte sich ein Lächeln, das alle Männer und Frauen im Raum – und vermutlich das ganze Universum gleich mit – umfasste: „Die Yamato ist hier.“ Sie sprach es nicht aus, aber die Botschaft besagte auch, dass ihr Schlachtplan angelaufen war.
Dann wurde sie übergangslos ernst: „Funkspruch an die Flotte – bereitmachen für Rendezvous. Gefechtsbereitschaft bleibt bestehen. Sie neigte den Kopf: „Scotty, Sie übernehmen. Ich bin gleich wieder zurück.“

Sie hatte es nicht weit bis zum Besprechungsraum. Hier konnten kontroverse Diskussionen geführt werden, ohne dass die ,Normalsterblichen‘ davon erfuhren. Der Raum verfügte auch über einige der besten und sichersten Kommunikationsanlagen des ganzen Trägers, die angeblich nicht einmal der Bord-NIC mitlesen konnte. Was hier herausging, war mindestens doppelt, meist aber drei- oder vierfach verschlüsselt und komprimiert.
Die Admirälin hatte ihre Gründe, dieses Gespräch allein zu führen. Geheimhaltung war von entscheidender Bedeutung, weshalb die Kommunikation zweimal bestätigt werden musste, mit Codes, die neben Noltze nur eine Handvolle Menschen kannten.
Sogar viele ihrer engeren Mitarbeiter kannten nicht jedes Detail des Schlachtplans, oder wussten, wer mit welcher Aufgabe betraut war. Das mochte übervorsichtig wirken, aber seit dem Verrat der Konföderation war ein wenig Paranoia nur angebracht. Offenkundig hatten die Konföderierten lange vor ihrem Kurswechsel Spione in der TSN eingeschleust, und das Ausmaß ihrer Zusammenarbeit mit dem Imperium war auf dramatische Art und Weise demonstriert und enthüllt worden. Auch wenn Cochranes Schicksal besiegelt schien, musste das nicht für alle seiner Lakaien gelten. Und dass der konföderierte Geheimdienst bei der eigenen Sicherheit schandhaft versagt hatte, war ebenfalls nur zu bekannt.

Als die drei Bildschirme nacheinander zum Leben erwachten, Zeichen, dass die Verbindung stand, zögerte Maike Noltze für einen Augenblick. Sie wusste, dies war möglicherweise ein Wendepunkt, zumindest im Leben von tausenden Männern und Frauen, und natürlich auch für ihr eigenes Geschick und ihre Karriere. Und damit nicht genug - ihre Befehle mochten auch noch sehr viel weitergehende Konsequenzen haben. Doch es war zu spät, viel zu spät, um noch auf Nummer sicher zu gehen, oder Skrupel zu hätscheln. Die Würfel waren geworfen, und jetzt blieb nur noch abzuwarten, wie das Spiel enden würde.
Die Gesichter, in die sie blickte, waren die von Profis – zwei Männer und eine Frau. Jeder einzelne war einiges älter als sie selbst, hatte den Krieg vom ersten Tag an mitgemacht und bereits lange zuvor in der TSN gedient.
„Gorgo – Einsatzbefehl erteilt.“
Die Antwort kam einige Sekunden später. Die große Entfernung und die Notwendigkeit, die Nachricht zu kodieren und dekodieren führte zu einer Verzögerung, die ein echtes Gespräch erschwerte. Doch dies war ohnehin nicht der Augenblick für lange Diskussionen, und die Antwort war denkbar knapp: „Bestätige.“ Die stämmige, dunkelhäutige Frau auf dem Bildschirm machte sich nicht einmal die Mühe zu salutieren.
„Echidna – Sie haben die Freigabe.“ Der grauhaarige Offizier auf dem zweiten Bildschirm nahm Haltung an. „Wir sind bereit!“
„Chimäre – schlagen Sie los.“ Der dritte Adressat, ein Rear Admiral, schien beinahe zu lächeln, aber es war kein gutes Lächeln, vielmehr eines, das nicht die Augen erreichte. Er verneigte sich leicht, um den Empfang zu bestätigen: „Admiral.“
Und dann erloschen die Bildschirme einer nach dem anderen. Die Spielfiguren begannen mit ihren Zügen.
Maike Noltze starrte noch für einige Herzschläge auf die schwarzen Monitore. Dann drehte sie sich um. Es wartete Arbeit auf sie.

*****

Imperialer Flottenträger QUASAR, einen Sprung vor Deneb

Kal Ilis war vor allem eines – alt. So alt, dass er mit dem verstorbenen Kaiser auf der Akademie ein Zimmer geteilt hatte, so alt, dass er sich seine ersten Sporen in Kriegen verdient hatte, die inzwischen lediglich noch die Historiker interessierten. Er war im festen Glauben an die Borealis-Doktrin aufgewachsen, die den Akarii die Führungsrolle, und allen anderen, niederen Rassen bestenfalls einen Platz als Diener zuwies. Das glaubte er noch immer, aber er war nicht zu alt, um dazuzulernen. Die minderwertigen Rassen – nicht nur die Menschen, aber besonders sie – hatten gerade in den letzten Jahren einiges an Einfallsreichtum und Widerstandskraft bewiesen. Das Imperium hatte Rückschläge hinnehmen müssen, sogar bittere Niederlagen. Sie waren zum Teil selbst verschuldet, durch Ignoranz und Einfallslosigkeit, aber nicht nur.
Doch wenn es etwas gab, an dem das großartigste Reich in der Geschichte der Galaxis gewachsen war, dann an Widerständen. Den Akarii war ihr Platz als auserwählte Herrscher nicht einfach zugefallen, sie hatten ihn sich erkämpfen müssen, genauso wie die kaiserliche Familie nicht kampflos zum uneingeschränkten Herrscher des Imperiums geworden war. Und er würde bis zu seinem letzten Atemzug darum kämpfen, damit sein Volk den ihm zustehenden Platz behaupten konnte.
Und deshalb war er hier, einmal mehr im feindlichen Territorium. Fast wie in den guten alten Zeiten. Und doch war nichts so wie damals.

Das Zentrum des Imperiums war in Aufruhr. Der Kriegsminister war tot, seine Nachfolge unklar. Wer auch immer das Amt übernahm, er oder sie musste damit rechnen, dass nicht nur die ohnehin gigantischen Herausforderungen eines Krieges um das Überleben des Imperiums zu bewältigen waren. Es würde auch sofort ein Gezerre einsetzen, um die entsprechende Person fest an eine der widerstreitenden Fraktionen auf der Hauptwelt zu binden oder aber, falls er oder sie zu einer ,feindlichen‘ Partei gehörte, die Amtszeit abzukürzen.
Ilis hatte auf Linai gesetzt, von dem Tag an als sie zur Regentin ernannt worden war – eine Überzeugung, die er vor den meisten anderen Akarii, selbst guten Kameraden, verheimlichen musste. Die Vorstellung, eine wirkliche Herrscherin auf dem Thron zu sehen, galt vielen – gerade aus Ilis‘ eigener Generation – als bizarr, abstoßend, geradezu undenkbar. Und das ziemlich erbärmliche Schmierentheater auf der Hauptwelt mochte diese Traditionalisten noch in ihren Ansichten bestärken. Der Admiral konnte ihr Gerede geradezu hören…
Ilis hatte vor langer Zeit einmal Dero Allecar gedroht, ihn zu töten, wenn dieser Linai hintergehen sollte. So langsam fragte er sich, ob er nicht tatsächlich seine Kampffähigkeiten aufpolieren musste. Der junge Allecar hatte zwar den törichten Gatten der Prinzessin beseitigt, doch er hatte das auf eine Art und Weise getan, die mehr Schaden anrichtete als Nutzen, und nun benahmen er und sein Vater sich keinen Deut besonnener.

Da war es fast schon zu genießen, dass er hier an vorderster Front stand. Ilis unterschätzte die generischen Kommandeure nicht – aber wer von ihnen kam schon auch nur im Entferntesten an seine Erfahrung heran? Wer von ihnen hatte mit zwei Schlachten eine ganze Nation aus dem Krieg gezwungen? Nein, hier draußen gab es niemanden, der ihm ebenbürtig war – anders als im Spiel der Lügen, falschen Versprechungen und verborgenen Dolche, das im imperialen Palast tobte.
Allerdings durfte er natürlich nicht ZU siegesgewiss sein. Das hatte schon mehr als einen imperialen Admiral Entehrung oder den Tod beschert. Und deshalb war ihm das Dilemma nur zu bewusst, in dem er sich momentan befand.

Er hatte darauf gebaut, dass Noltze mit den Konföderierten beschäftigt war und niemals rechtzeitig auf seinen Angriff reagieren konnte. Zwar war ausgeschlossen, dass ihm noch ein solcher Sieg wie über Hannover gelingen würde. Selbst wenn er einen lokalen Ministerpräsidenten in die Kapitulation prügeln konnte, hatte der Menschling gar nicht die Befugnisse, für die regulären Bodenstreitkräfte zu kapitulieren. Eine offizielle Kapitulation von…sagen wir Deneb…wäre deshalb nicht mehr als ein erfreulicher aber letzten Endes leerer Propagandasieg gewesen. Der Gegenschlag der Vierten Flotte wäre unweigerlich erfolgt.
Nein, er hatte darauf gebaut, ein wichtiges System zusammenschießen zu können und mit viel Glück einen der feindlichen Flotten- oder leichten Träger zu stellen, mindestens aber die TSN-Front ins Chaos zu stürzen. Doch Admiralin Noltze hatte schneller reagiert als er es für möglich gehalten hatte. Jetzt stand sie mit ihrem Verband nur einen Sprung von seiner Position entfernt und hatte sich mit der YAMATO zusammengetan.

Und deshalb war es an der Zeit, das weitere Vorgehen zu beraten. Ilis bedauerte es, dass er Yon Ataki nicht bei sich hatte. Er hatte sie als fähige Kommandeurin kennen und schätzen gelernt. Aber die junge Admiralin war mit ihrem erst kürzlich wieder notdürftig einsatzbereit gemachten Träger YONDER im Ibari-System zurückgeblieben. Sowohl das Schiff als auch das Bordgeschwader und die begleitenden Kriegsschiffverbände hatten sich immer noch nicht von den Verlusten bei den Schlachten von London und Hannover erholt.
Stattdessen war Admiral Zweiten Ranges Teleri Sattala von der TORVA RAT, Ilis‘ zweitem Quasar-Träger, seine rechte Hand – ein Neuzugang in diesem Frontabschnitt. Ilis kannte ihre Akte, aber sonst wusste er wenig über sie. In den Besprechungen war sie bisher ungewöhnlich zurückhaltend ihm gegenüber gewesen – sicherlich nicht aus Schüchternheit, denn das hätte weder zu einer Admirälin noch zu einer Sattala gepasst.
Im Moment war sie die Wortführerin, die knapp die Fakten zusammentrug.
„Ausgehend von den Informationen unserer Aufklärer müssen wir kalkulieren, dass der Gegner über das Gegenstück dreier terranischer Trägerkampfgruppen verfügt. Dem stehen auf unserer Seite die beiden Quasare gegenüber, dazu drei Tormalin-Flugdeckkreuzer. Wir haben sechs Reva-Angriffstransportern,“ Ilis hatte sich dafür entschieden, die Schiffe mitzunehmen – teils zur Verwirrung des Gegners und um ihn glauben zu machen, dass er bereit war, eine Invasion zu starten: „davon ist einer zum Träger für die neuen Schnellboote des Typs Shajan umgerüstet worden. Und ein weiterer, die ZEHNTAUSEND TEKA, gehört zur neuen Ashigaco-Klasse, das heißt, er ist so viel wert wie zwei Tormalin – außer im direkten Schlagabtausch.“ Außerdem waren da noch drei Dutzend leichte und schwere Kampfkreuzer, fast sechzig Zerstörer, Fregatten und Korvetten und einige Hilfsschiffe.
„Mit dieser Flotte sollte es uns theoretisch möglich sein, den feindlichen Flottenverband zu überwältigen.“
Ilis unterdrückte ein Stirnrunzeln. Das klang recht zögerlich für eine Admirälin der imperialen Flotte.
„Sollten wir aber auf Deneb vorstoßen, gehen wir das Risiko ein, zwischen die Schiffe Noltzes und ein planetares Geschwader – vielleicht gar verstärkt durch die KIEW oder einen, vielleicht auch zwei der leichten Träger der Vierten – zu geraten. Wir haben keine ausreichenden Informationen über den Standpunkt der defensiven Trägerverbände, wir kennen nicht die Minenfelder im Deneb- oder anderen wichtigen terranischen Systemen, und wir müssen davon ausgehen, dass die TSN- und Nationalgardegeschwader längst vorgewarnt sind und ähnlich verbissen kämpfen werden wie im Sterntor-System.“
Teleri führte dies nicht weiter aus, aber mit den imperialen Kriegsschiffen von vor fünf Jahren wäre das noch kein Grund zur Sorge gewesen. Doch inzwischen waren die terranischen Jäger besser als damals, hatten die Menschlinge an Kampferfahrung gewonnen. Die imperialen Geschwader bestanden aus zu vielen jungen, unerfahren Piloten, und der Kampfgeist der übrigen Crews war weniger stabil, als es sich für kaiserliche Soldaten gehörte. Der Ausgang einer solchen Konfrontation wäre ungewiss, eine Niederlage war sogar wahrscheinlich. Das mochte man beklagen und damit hadern, aber leugnen konnte man es nicht. Ilis hatte wahre Wunder vollbracht, den Kampfgeist der Männer und Frauen unter seinem Kommando wieder aufzubauen – doch nicht einmal er konnte zaubern. Und anders als viele seiner Untergebenen nahm Admiral Sattala das offenbar auch nicht an.

„Und was würden Sie empfehlen, Admiral Sattala?“
Die Offizierin zögerte kurz, doch dann straffte sie sich: „Diese Operation basierte auf dem Angriff der Konföderierten auf ihre bisherigen Verbündeten. Die Terraner haben zu schnell reagiert, als dass wir den erhofften Nutzen daraus ziehen konnten. Dennoch haben wir damit ihre gesamte Front in Aufruhr versetzt, und sie haben wichtige Faustpfänder gegenüber den Konföderierten verloren. Es ließ sich nicht voraussagen, dass Cochranes Position so instabil ist, dass er dennoch gestürzt werden konnte. Ich empfehle angesichts all dessen, die Operation abzubrechen. Wir können auf unserem Rückzug durch ein, maximal zwei terranische Systeme niederer Priorität marschieren und dort militärische Ziele angreifen – dies sollte es dem Gegner unmöglich machen, uns zu stellen, während wir ihn zugleich vorführen. Die Menschlinge würden als die Narren dastehen, die von einem Krisenpunkt zum nächsten hasten, ohne etwas zu erreichen.“

Admiral Ilis antwortete nicht sofort. Er ließ die Reaktionen der versammelten Runde auf sich wirken. Die Mienen seiner Untergebenen zeigten deutlich, dass sie in ihrem Urteil gespalten waren. Einige Offiziere stimmten Teleri offenbar zu, zurückhaltend, aber dennoch bestimmt. Die meisten aber waren anderer Meinung. Sich aus dem gegnerischen Gebiet ohne eine Schlacht zurückzuziehen entsprach nicht dem Ehrenkodex der imperialen Flotte – und ganz bestimmt nicht den hochfliegenden Hoffnungen und Erwartungen, die sie in eine Operation unter dem Kommando des Siegers von Hannover gesetzt hatten. Ilis selbst wollte sich ebenfalls nicht zurückziehen – hatte er nicht die Konföderierten geschlagen, trotz all ihrer Stärke und Entschlossenheit? – doch er teilte einige Bedenken seiner Untergebenen.
Wichtiger jedoch war, dass ein kampfloser Rückzug im Moment aus anderen Gründen undenkbar war. Das Kaiserreich brauchte Siege, um sein Selbstbewusstsein aufrecht zu erhalten. Linai brauchte einen Sieg, damit ihre Rivalen nicht den Tod ihres Gatten in ein schlechtes Omen umdeuteten, in einen Rückschlag, den nur ein ,echter Mann‘, ein ,echter Imperator‘ zu bewältigen vermochte. Diese Gefahr drohte ihr sowohl von den Anwärtern auf den Thron, als auch von Seiten der Allecar. Dero mochte Linai aufrichtig lieben – oder sich das einreden – aber sein Vater liebte vor allem die Macht. Er würde sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, das Wohl seines Hauses und vor allem seine Position im Kampf um den Thron zu stärken. In der vergifteten, aufgeheizten Atmosphäre auf der Hauptwelt konnte eine Schlacht – oder ein Rückzug – viele Lichtjahre entfernt dramatische Konsequenzen haben. Aus diesem Blickwinkel blieb ihm eigentlich nur eine Wahl…

Als der alte Admiral sich erhob, nahmen alle anderen Offiziere Haltung an. Ilis‘ Führungsanspruch war unangefochten, nicht nur wegen seines Ranges – mochten einzelne auch Bedenken gegen seine Entscheidungen haben: „Wir werden uns nicht kampflos zurückziehen. Diese Flotte ist nicht auf die Hilfe der Konföderierten angewiesen. Wir haben die Menschlinge gelehrt uns wieder zu fürchten – es wird Zeit, ihnen diese Lektion noch einmal ins Gedächtnis zu brennen. Aber…das heißt nicht, dass wir blindlings dreinschlagen. Wir werden Admiral Noltze jagen, wir werden sie stellen, und wir werden ihre Flotte vernichten! Bereiten Sie die Schiffe auf den Sprung vor – und aufs Gefecht.“

*****
* Niitakayama Nobore (Ersteigt den Berg Niitaka) war der Code für den Angriffsbefehl der Imperialen Kaiserlichen Flotte für den Angriff auf Pearl Harbour 1941.



Geschrieben von Cattaneo am 20.03.2019 um 23:01:

 

Mit den Augen des Imperiums

„Die Götter schenken dir Siege, um dich zu täuschen. Sie bereiten dir Niederlagen, um dich Weisheit zu lehren.“
Altes Akarii-Sprichwort, wird von vielen als unpatriotisch angesehen

Terranisch-Imperiales Grenzgebiet, Gegenwart

Die gegnerische Salve schüttelte Tias Jäger durch. Ein schneller Blick auf die Anzeigen verriet der Pilotin, dass im Moment noch kein Grund zur Besorgnis bestand – zumindest, solange ihr Gegner nicht schwerere Geschütze auffuhr. Das Zwitschern des Zielerfassungsalarms warnte sie jedoch, dass es jederzeit soweit sein konnte. Wenn es dem Gegner gelang, eine Rakete auf sie abzufeuern… In diesem Nahkampf waren die Möglichkeiten zu Gegenmaßnahmen beschränkt. Also ließ riss sie den Steuerknüppel herum und ließ ihren Jäger rotieren, gefolgt von einer 90-Grad-Wende. Sie kannte die Parameter der feindlichen Waffen – die Infrarot-Raketen, die einen großen Teil der gegnerischen Gefechtssätze ausmachten, hatten bei aller Durchschlagkraft einige entscheidende Schwächen, und das war ihre vergleichsweise lange Aufschaltzeit, und dass sie nur dann gute Trefferchancen hatten, wenn man sie auf das Heck eines Jägers abfeuerte.
Auf Rückendeckung konnte Tia in diesem Kampf nicht rechnen. Ihr Flügelmann hatte gleich zu Beginn des Gefechts einen Volltreffer kassiert und musste sich dank seiner weitestgehend ausgefallenen Schilde aus dem Kurvenkampf heraushalten. Wäre er nähergekommen, wäre das nur die Einladung für den opportunistischen Angriff eines der Gegner gewesen. Er hatte zwar Feuerunterstützung gegeben, aber aus der großen Entfernung waren die Gegner seinen Raketen ausgewichen. Inzwischen konnte er die Feinde nur noch anpingen, so dass sie glaubten, erfasst zu werden und Ausweichmanöver einleiteten. Aber irgendwann nutzte sich der Trick natürlich ab, man musste nur zählen, wie viele Raketen der Havarist schon abgefeuert hatte. Dieses Gefecht wurde sowieso mit einem Arm auf den Rücken geführt – Tias Kameraden hatten Zusatztanks mitgeschleppt, und das begrenzte ihre Kampfladung.
Die Anzeigen signalisierten, dass ihr Feind durch ihr Schussfeld driftete. Sie hämmerte auf die Feuerknöpfe und schickte mehrere Salven hinaus. Die Sensoren meldeten Treffer, allerdings war ihr Gegner zu schnell wieder aus ihrem Feuerbereich verschwunden, so dass er schwereren Schäden entgangen war. Tia zischte einen unflätigen Fluch zwischen den zusammengebissen Zähnen. Das dauerte ihr einfach zulange…
Sie öffnete die Verbindung zu ihrem havarierten Kameraden.

Die feindliche Pilot war gut, dass musste man ihm – oder ihr – lassen. Wie Tia hatte er seinen Flügelmann verloren. Aber das schien ihn nicht auszubremsen. Er hielt im Kurvenkampf mit, obwohl Tias Jäger einiges wendiger war. Dieser Kampf musste langsam ein Ende finden!
Tia riss einmal mehr ihren Jäger herum, betätigte den Nachbrenner, als wollte sie aus dem Gefecht fliehen. Sie ignorierte die bedrohlichen Warntone des Erfassungsalarms. Die Sensoren verrieten ihr, dass der Gegner mithielt. Sparsame Ausweichbewegungen bewahrten sie vor dem Schlimmsten, zudem hatte sie alle Energie auf die Heckschilde umgeleitet – dennoch wurde ihre Maschine durchgeschüttelt, als ihr Feind seine Bordwaffen abfeuerte. Ihre Finger huschten über die Anzeigen…Feuer!
Ihre Raketen zischten davon…und beschrieben einen perfekten Kreis, geleitet von der Zielerfassung ihres Flügelmannes. Ihre Anzeigen wurden mit einmal von Statik überlagert – und als die Anzeigen wieder klar wurden, sah sie, wie ihr Gegner abmontierte. Der gegnerische Pilot stieg aus.

Die Pilotin überprüfte die Meldungen ihrer Untergebenen und gönnte sich ein raubtierhaftes Grinsen. Das war ja ziemlich gut gelaufen. Bei dem Gefecht, in dem auf beiden Seiten acht Maschinen beteiligt gewesen waren, waren zwei feindliche Jäger und ein Jagdbomber abgeschossen worden. Tias Piloten hatten nur einen eigenen Jäger verloren, ein weiterer war schwerer beschädigt. Der Gegner versprengt, zum Teil deutlich beschädigt, so dass man sich sicher noch ein paar Havaristen auf dem Rückzug herauspicken konnte. Sie musste nur ihre Piloten sammeln und…

In diesem Moment sprang ihr Funkgerät an – eine Meldung vom Mutterschiff.
„Lieutenant Dekar – kehren Sie umgehend zurück.“
Die Pilotin hätte um ein Haar den Mund geöffnet und widersprochen – aber wenn es etwas gab, was eine imperiale Offizierin niemals tat, dann einen Befehl diskutieren. Also presste sie ein „Bestätige.“ hervor. Ein KLEINES Quäntchen Aufmüpfigkeit konnte sie sich freilich nicht ganz versagen: „Was ist mit unserem Piloten und den Menschlingen? Ich benötige jemanden, um sie aufzusammeln.“
„Ein Evari ist bereits unterwegs. Lassen Sie zwei Hyak zurück als Eskorte. Menschlinge nur aufsammeln, wenn es ohne Zeitverlust geht.“
Aha, also NOCH ein Grund, mit den Zähnen zu knirschen. Wenn sie die ausgestiegenen Schuppenlosen nicht einsammelten, der Gegner würde es mit Freude tun. Für einen frevelhaften Moment dachte sie über Alternativoptionen nach…aber sie brachte es nicht über sich, die schiffbrüchigen Piloten einfach abschießen zu lassen. Es gab auf beiden Seiten der Front ohnehin zu viele, die genau das taten. Vielleicht konnte sie ja wenigstens einen der Terraner einsammeln, wenn sie seine Position ermittelte und er dicht genug an ihrem eigenen Havaristen war…
„Staffel, Befehl ausführen. Ich bleibe hier und…Nummer drei. Viel Glück.“ Sie wusste, sie würde noch Stunden haben, ihren geheimen Groll zu hätscheln.

Die letzten zwölf Tage waren ein Wechselbad der Gefühle gewesen. Die Flotte des Kaiserreiches war in Gefechtsformation gesprungen, bereit den Gegner zu stellen – nur um festzustellen, dass die Terraner den Rückzug angetreten hatten. Ilis‘ Flotte versperrte ihnen zwar die kürzeste Route in sichere Häfen – aber Maike Noltze hatte sich ganz einfach in Richtung des spärlich gesicherten imperialen Grenzgebietes und unbewohnten Niemandslandes zwischen den alten Grenzen zurückgezogen. Zweifellos baute sie darauf, durch einen kurzen Umweg wieder eigenes Territorium zu erreichen. Nicht gerade das, was man an Bord der QUASAR und TORVA RAT erhofft hatte, doch die Flucht des Feindes war natürlich ein Ansporn gewesen. Jene, die insgeheim gezweifelt haben mochten, hatten Zuversicht gefasst. Es gab wenig, was mehr Mut machte als ein fliehender Feind. Die Imperialen hatten die Verfolgung aufgenommen – auf die höhere Geschwindigkeit ihrer Schiffe vertrauend.

Sie hatten schnell gelernt, dass die Terraner vielleicht nicht die Mutigsten waren – an ihrer Gerissenheit konnte aber kein Zweifel bestehen. Die TSN hatte den Verfolgern zunächst mit Minengürteln zugesetzt. Unter normalen Umständen war das Legen von Sperren beim Kampf zwischen zwei frei beweglichen Flotten nicht wirklich praktisch. Der Raum durch den sich die Schiffe bewegten war einfach zu groß. Aber die Terraner hatten nicht lange gebraucht um auszurechnen, wo die kaiserlichen Schiffe marschieren würden – schließlich wählten diese den kürzesten Weg, um den Abstand zu den Menschlingen zu verringern oder aber um ihnen den Weg zu Sprungpunkten zu verlegen, durch die sie zurück in terranisches Gebiet fliehen konnten. Diese Umwege waren ein notwendiges Übel, freilich eines, welches die Verfolger Zeit kostete. Und es machte sie berechenbar. Auf den aussichtsreichsten Routen hatten die menschlichen Großkampfschiffe heimlich schwere, hatten Bomber und Shuttles leichte Minen ausgebracht. Und da die Imperialen mit Volldampf marschierten, hatte die Präzision ihrer Minenaufklärung gelitten.
Die Explosion einer Korvette durch einen schweren Minentreffer hatte ein böses Erwachen bedeutet. Ilis hatte den Vorausschleier noch einmal verstärkt, aber selbst das hatte nicht verhindern können, dass zwei Tage später eine Fregatte so schwer getroffen worden war, dass sie aufgegeben werden musste. Andere Schiffe hatten leichtere Beschädigungen erlitten. Dann, als man auf Seiten der kaiserlichen Flotte schon geglaubt hatte, auf alles vorbereitet zu sein, hatten die Terraner einen gemischten Jäger- und Jagdbomberverband „kalt“ – mit herunterfahrenen Sensoren und antrieblos – in der Route der imperialen Aufklärungsschiffe platziert. In einem Überraschungsangriff hatten sie zwei Minenräumer ausgeschaltet, drei Shuttles und mehr als ein halbes Dutzend Jäger abgeschossen, und waren unter geringen eigenen Verlusten entwischt.

Etwa zu diesem Zeitpunkt war die Zuversicht in der kaiserlichen Flotte deutlich abgesackt. Man kam zwar den Terraner immer näher – aber die Störmanöver hatten auch die Optimisten daran erinnert, dass der Gegner nicht zu unterschätzen war. Die Kampfmoral der kaiserlichen Flotte war inzwischen – auch wenn das niemand zugeben mochte – eine recht fragile Sache, die Rückschläge nicht mehr so einfach verkraftete. Außerdem zehrte die ständige Einsatzbereitschaft an den Nerven. Dies galt vor allem für die Shuttle- und Kampffliegerbesatzungen, die besonders stark gefordert waren. Sie flogen immer und immer wieder der eigenen Flotte voraus, was neben den eigentlichen Patrouillen stundenlange Marschflüge bedeutete. Und seit dem Hinterhalt hatten die Kämpfe nie ganz aufgehört. Langstreckenjäger der Terraner bedrohten permanent die Vorhut, manchmal belästigten sie diese durch Probeangriffe. Besonders die feindlichen Nighthawks mit ihren verdammten Langstreckenraketen waren ein beständiges Ärgernis. Die Kaiserlichen verfügten nur über wenige der neuen Überlegenheitsjäger aus der Hyak-Familie, und die Kacha-Jagdbomber sollten nicht zu sehr beansprucht werden, schließlich würde man sie noch für die eigentliche Schlacht benötigen.
Und auch in anderer Hinsicht waren die Terraner ein reines Ärgernis gewesen. Thunderbolts feuerten ihre Atomraketen auf Maximalentfernung auf die Minenräumer des Imperiums ab und entwischten unter dem Schutz von Falcon-Staffeln.

Tia hatte registriert, dass in den Rängen der Piloten gemurrt wurde. Warum schickte Ilis‘ – ein Kommandeur, der für seinen Wagemut bekannt war – nicht ALLES was an Kampffliegern fliegen konnte in einem massierten Angriff gegen die Menschlinge? Offene Kritik war natürlich undenkbar, aber die Unzufriedenheit war da.
Die junge Offizierin hatte sich nicht an dem Gerede beteiligt. Sie war ein „Kind“ des Krieges, erst zur Flotte gestoßen, als sich das Blatt bereits gewendet hatte, nach der Schlacht von Corsfield. Sie war stolz auf die Traditionen der kaiserlichen Flotte, aber sie wusste auch, dass dieser Krieg nicht den glorreichen Waffengängen der letzten Jahrhunderte glich. Ein reiner Kampffliegerangriff gegen einen Feind, der über gleich mehrere dieser verdammten Flakkreuzer verfügte, war für sich genommen bereits ein Wagnis. Nahm man hinzu, dass der Gegner die Kaiserlichen lange im Voraus kommen sah und sich in Ruhe vorbereiten konnte, während die Angreifer nach Stunden des Marschfluges mit halbleeren Tanks, ermüdet und mit reduzierten Kampfsätzen ins Gefecht gehen mussten, dann standen die Chancen nicht gut. Selbst die schnellsten kaiserlichen Kriegsschiffe würden Stunden hinter den Jägern und Bombern hinterherhinken, so dass ein koordinierter Angriff unmöglich war – jedes verdammtes terranische Geschütz konnte sich folglich auf die erste Welle konzentrieren. Zu viele der jungen Piloten kamen frisch aus dem – ohnehin reduzierten – Ausbildungsprogramms, zu wenig kampferprobte Veteranen lebten noch. Gerade der Sieg über die Konföderation waren mit einem furchtbaren Aderlass unter den Piloten erkauft worden.
So war sie anders als viele ihrer Kameraden nicht enttäuscht gewesen, als der Befehl zum Großangriff nicht – noch nicht – erteilt worden war. In ein, zwei Tagen, wenn der Abstand zwischen den Verbänden ENDLICH gering genug für einen koordinierten Angriff war, ja dann...

Sie hatte es natürlich genossen, ihre Kampfflieger – acht Maschinen ihrer Staffel – in den Einsatz zu führen, als die Gelegenheit kam, den Gegner zu packen. Sie hatten Voraussicherung geflogen, und waren tatsächlich auf vier Falcons und vier Thunderbolts gestoßen, die Verstecken gespielt hatten, um sich an einen Minenräumer heranzupirschen. Tia hatte die Gegner – die ihre Aktivortung ja heruntergefahren hatten – weiträumig umgangen und dann in die Zange genommen. Aber gerade in dem Moment, als sie dachte, sie könne noch ein paar offene Rechnungen begleichen, hatte man sie zurückgepfiffen! Was, beim Imperium, ging da eigentlich vor…

***

Grenzregion des Kaiserreiches, Planet Charkar im Tozan-System, zwei Tage zuvor

Mit knapp 90 Jahren hatte Adan Yukat ein für Akarii reifes, wenn auch nicht überragendes Alter erreicht. Im Moment fragte er sich, ob es nicht besser für ihn gewesen wäre, wenn er sich bereits mit der Sternenleere vereinigt hätte. Dann hätte er nicht diesen Tag erleben müssen. Er war der Erstgeborene Charkars, der allererste Akarii, der auf diesem Planeten das Licht der Welt erblickt hatte. Natürlich verdankte er nicht diesem Umstand seine Position als Oberster Administrator, de facto das zivile Oberhaupt der Welt. Doch sie hatte ihm gewiss auch nicht geschadet.

„Seine“ Welt verdankte ihren Namen Duran Charkar, Elitepilot und Held des Krieges gegen die Tonari. Er hatte hier das erste Blatt in seiner ruhmreichen Geschichte geschrieben, vor über 100 Jahren, als der Planet gleich zu Anfang des Konflikts erobert worden war. Die Tonari-Flotte im System hatte erbitterten Widerstand geleistet, doch sie hatte keine Chance gehabt. Die eigentlichen Probleme hatten erst später begonnen. Teile der unterworfenen Bevölkerung hatten den Besatzungstruppen erbittert Widerstand geleistet, und selbst Kollektivstrafmaßnahmen hatten daran nichts geändert. Da sich der Krieg nach einem verheißungsvollen Anfang hinzog und es sogar einige ernst Rückschläge gab, hatte man im Oberkommando die Geduld verloren. Die überlebenden Tonari waren samt und sonders deportiert worden. Akarii ersetzen sie – darunter auch Adans Eltern. Er hatte die Welt heranwachsen sehen bis sie zu einer zwar nur dünn besiedelten aber doch lebendigen und prosperierenden Grenzwelt des Imperiums mit etwas über 10 Millionen Einwohnern geworden war.
Während er durch die Gänge des uralten Kommandobunkers eilte – ein Erbe der ursprünglichen Herren dieser Welt – fragte er sich unwillkürlich, ob ihn nicht die Geister der Tonari aus den dunklen Ecken beobachteten, voller Genugtuung, dass der Tag der Rache gekommen war.

Es war nunmehr 48 Stunden her, als praktisch aus dem Nichts eine terranische Flotte ins System gesprungen war. Sie bestand aus drei Großschiffen – Trägern oder Landungsschiffen – einer guten Handvoll leichter und schwerer Kreuzer, zwei Flottillen leichter Schiffe und einigen Frachtern oder Tankern. Zunächst hatte noch Hoffnung bestanden, dass rechtzeitig Entsatz eintreffen könnte oder die Terraner nur auf dem Durchmarsch waren – aber ihr Kurs führte sie zu schnell zu nah am Planeten vorbei.
An Gegenwehr mit den lokalen Streitkräften war kaum zu denken gewesen. Das System verfügte über eine uralte Kampfstation, deren Feuerkraft etwa einem leichten Kreuzer entsprach, und eine gemischte Flottille leichter Kriegsschiffe, die im Konvoi- und Patrouillendienst in diesem und den benachbarten Systemen tätig waren. Das größte Schiff war ein betagter Teka-Zerstörer. Dazu kamen drei Staffeln ebenfalls veralteter Jäger und Sturmjäger, sämtlich vom Typ His und Chork, die bereits zu Beginn des Krieges aus den Frontlinientruppen abgeschoben worden waren. Auch die Piloten waren alles andere als Gardematerial.
Mit Hilfe von außen war, wie sich schnell herausstellte, ebenfalls nicht zu rechnen – das Grenzgebiet war praktisch von modernen Schiffen entblößt worden. Erst durch die Mobilisierung für den Angriff auf Hannover – viele Schiffe waren nicht zurückgekehrt – und dann für die letzte Operation gegen die Bundesrepublik. Niemand hatte gerade jetzt mit einer terranischen Gegenoffensive gerechnet, erst Recht nicht HIER.

Der Flottenkommandeur, der zugleich den militärischen Oberbefehl im System innehatte, hatte dann auch eine harte, aber aus seiner Sicht unvermeidbare Entscheidung getroffen. Er hatte die Kriegsschiffe und zivilen Frachter gesammelt und sich zurückgezogen, um genügend Abstand von den nahenden Terranern zu gewinnen. Er hatte auch jedes tiefraumtaugliche Shuttle mitgenommen, obwohl man natürlich nur einen kleinen Teil der Einwohner evakuieren konnte. Viele Einwohner mochten ihn dafür verfluchen, und es war nicht abzusehen, ob seine Vorgesetzten ihn dafür belobigen oder zum Tode verurteilen würden – aber insgeheim hatte Administrator Yukat Verständnis für die Entscheidung. Er hatte jedoch auf einen Platz auf einem der Shuttles verzichtet. Er hatte sein ganzes Leben auf Charkar verbracht und würde seine Heimat nicht in dieser dunkelsten aller Stunden verlassen.
Das Imperium konnte sich den Verlust von Schiffen und von Spezialisten nicht mehr leisten – jedenfalls nicht, wenn praktisch keine Hoffnung bestand, dass sie vor ihrem Ende ausreichend Schaden beim Gegner anrichten konnten. Und im Kampf gegen einen Feind, der in etwa so viele Träger und Kreuzer aufzuweisen hatte wie die Kaiserlichen Fregatten und Korvetten, war das Ende abzusehen.

Die Flotte war dennoch nicht ungeschoren davongekommen. Die Terraner hatten ihr drei Staffeln Kampfflieger hinterhergehetzt. Die auf Charkar stationierten Jäger hatten nicht eingreifen können, da ihre Kameraden schon zu weit weg gewesen waren. Die Menschlinge hatten zwei Frachter, eine Fregatte und eine Korvette vernichtet und selbst nur geringe Verluste erlitten. Und jetzt kamen sie, um sich mit Charkar zu befassen.

Als Adan die Kommandozentrale betrat, registrierte er als erstes Vors Irak. Der blutjunge Armeeoffizier – de facto der militärischer Oberbefehlshaber der Bodenstreitkräfte und in einer akuten Gefechtssituation auch Adans Vorgesetzter – kämpfte sichtlich mit der Fassung. Dafür hatte er auch gute Gründe. Er kommandierte gerade einmal eine unterbesetzte Brigade mit 3.000 Soldaten, ohne schwere Artillerie, Heeresflieger – und nur mit einer Handvoll Panzer und mobiler SAM-Einheiten. Dazu kamen vielleicht noch einmal 7.000 überhastet mobilisierte irreguläre Kämpfer. Das waren Polizisten, Angehörige der paramilitärischen Jugendverbände, die schon genug Kampftraining erhalten hatten, ehemalige Soldaten, die als dienstunfähig aus den Streitkräften entlassen worden waren. Doch gegen sie standen allein an Bord der feindlichen Kriegsschiffe mindestens zwei Regimenter trainierte Marines, und sicher acht mechanisierte, zum Teil auch gepanzerte Regimenter in den Landungstransportern – vielleicht noch mehr.

Adan wunderte sich, warum man ihn in die Kommandozentrale gerufen hatte – er war Zivilist und hatte in dieser Situation nichts zu sagen. Aber Vors Irak musste gute Gründe haben.
Der Administrator hielt sich jedoch – natürlich – zurück. Er brauchte keine Erläuterung um zu erkennen, dass die Schlacht – wenn man es so nennen konnte – schlecht lief.
Die Terraner gingen systematisch vor. Das war kein wütender Sturmangriff – vielmehr begnügten sie sich, aus Maximalentfernung die Station mit ihren Marschflugkörpern in Stücke zu schießen. Die Impulslaser und leichten Waffen der Imperialen – unterstützt von den Jägern – mochten einen Teil der Atomraketen abfangen, doch es blieben noch mehr als genug übrig. Die Menschlinge hatten ihrerseits genug Zeit, auf das schwache Gegenfeuer zu reagieren – die Station konnte ja nicht einmal ihre schweren Partikelgeschütze einsetzen. Terranische Kampfflieger und der gegnerische Flakkreuzer boten ausreichend Schutz vor jedem möglichen Gegenangriff der kaiserlichen Verteidiger. Und tatsächlich – als die imperialen Jäger einen Angriff versuchten, wurden sie lange vor dem Ziel von terranischen Jägern abgefangen und abgedrängt. Die wenigen Sturmjäger, die sich aus den Kurvenkämpfen lösen konnten, wurden vom koordinierten Abwehrfeuer der Kreuzer und Zerstörer empfangen.

Die Rivalität zwischen der kaiserlichen Flotte und Armee war legendär, aber der ebenso tapfere wie offenkundig vergebliche Kampf der Flottensoldaten war auch für Vors Irak ein kaum erträglicher Anblick. Nicht nur, weil klar war, was auf den unvermeidlichen Sieg der Terraner folgen würde.
Das Ende kam schnell. Das Feuer der Menschlinge war einfach zu übermächtig. Die Schilde der Station kollabierten, die nächste Salve sprengte riesige Brocken Panzerung und Struktur heraus. Die letzten Geschütze und Raketenwerfer verstummten, Rettungskapseln starteten. Die feindlichen Schiffe gewährten den Flüchtlingen eine kurze Atempause – dann folgte der Fangschuss.
Die Station war für die Bewohner des Planeten ein ebenso selbstverständlicher Teil ihres nächtlichen Himmels gewesen wie der Doppelmond. Jetzt war sie nicht mehr als eine expandierende Trümmerwolke. Die wenigen kaiserlichen Kampfflieger, die noch einsatzbereit waren, flohen – aber es war klar, dass es eine sichere Zuflucht für sie nicht mehr gab.

Der junge Armeeoffizier atmete tief durch, als der letzte Widerstand der Flotte zusammengebrochen war. Jetzt lag die Verteidigung Charkars endgültig in seiner Hand.
Er schauderte, und kniff für einen Moment die Augen zusammen: „Administrator, Sie wundern sich sicher, warum ich Sie habe rufen lassen.“
Der ältere Akarii nickte: „Ich fürchte, Kriegsführung gehört nicht zu den Dingen, in denen ich ausgebildet wurde.“
Vors neigte leicht den Kopf: „Selbstverständlich habe ich meine Truppen bereits in Stellung gehen lassen. Das Gros ist um die Hauptstadt konzentriert, wo der Gegner vermutlich landen wird, FALLS er landet. Ich meine, wir können nicht einfach so kapitulieren. Nicht bedingungslos.“
Adan spürte, wie sich sein Herzschlag beschleunigte. Er erkannte, was ihm der junge Offizier sagen wollte. Eine Kapitulation auch nur in Erwägung zu ziehen war nichts, was zum Ehrenkodex und der Tradition des Imperiums passte.

„Aber unsere Kameraden von der Flotte haben ihr Leben riskiert – und einige haben es auch geopfert – um die Ehre des Imperiums zu wahren. Wenn der Feind landet, dann fürchte ich, werden meine Soldaten und die Irregulären nicht viel mehr als genau das tun können. Gewiss, wenn die feindlichen Soldaten am Boden sind, sind sie verwundbar. Aber sie haben die totale Luftherrschaft, haben Panzer – und die Geschütze der Flotte über uns. Unter normalen Umständen würde die Einsatzdoktrin des Imperiums dennoch verlangen, dass wir kämpfen. Aber unsere Mittel sind im Vergleich zu den zu erwartenden zivilen Opfern in einem solchen Missverhältnis, dass wir…Alternativen in Betracht ziehen sollten.“
Er straffte sich: „Administrator, ich ersuche und ermächtige Sie in meiner Eigenschaft als Oberbefehlshaber, mit dem Gegner über einen Waffenstillstand zu verhandeln – und über weitergehende Fragen.“

Für einen Moment zögerte Adan. Er wusste, Vors ging damit ein großes Risiko ein. Dies konnte leicht seine ewige Entehrung bedeuten, ja die seiner ganzen Familie. Und natürlich konnte es auch für den Administrator Folgen haben – aber die Ehre eines Zivilisten wurde nun einmal anders bewertet, Selbstaufopferung wurde gar nicht von ihm erwartet. Dennoch, es würde Akarii geben – auf dieser Welt und mehr noch auf anderen – für die es schon ein todeswürdiges Verbrechen war, eine kampflose Kapitulation auch nur in Erwägung zu ziehen.
Doch dann verneigte er sich: „Vielen Dank für Euer Vertrauen. Ich werde alles in meiner Macht stehende tun, um mich dessen würdig zu erweisen.“
Er trat nach vorne, nahm auch physisch den Platz des Armeeoffiziers ein: „Rufen Sie den Gegner. Sagen Sie, wir wollen verhandeln.“

Als der Bildfunkmonitor von Statik auf ein Bild umschaltete, zeigte er die Brücke eines Kriegsschiffes, wie Adan erwartet hatte. Doch nicht der Kapitän des Schiffes – eine Menschenfrau – dominierte das Bild. Das Zentrum des Monitors wurde von einem hochgewachsenen, hageren Menschling in Admiralsuniform beherrscht, der sich aus seinem Sessel vorbeugte. Die Sitzgelegenheit wies Sicherheitsgurte auf, war also für Schwerkraftverlust und Erschütterungen eines Gefechts ausgelegt. Die grauweißen Haare kündeten von einem fortgeschrittenen Alter. Der Terraner artikulierte seine Worte bedächtig – obwohl Adan ihn natürlich nicht verstand und die Übersetzung abwarten musste. Es war Jahre her, dass er einen Menschling von Angesicht zu Angesicht gesehen hatte. Vor dem Krieg waren manchmal konföderierte Schiffe nach Charkar gekommen. Es waren aber nie viele gewesen, und die wenigsten Besucher hatten direkten Kontakt mit ihm gesucht. In den letzten Jahren hatte der Administrator die vernunftbegabten wenn auch barbarischen Säugetiere nur auf dem Bildschirm gesehen. In den Filmen, welche die kaiserlichen Unterhaltungsmedien zeigten, tauchten zwar oft Menschen auf – zumeist computergenerierte Simulationen. Da ihre Mimik aber für Akarii unverständlich blieb, schnitten sie meistens so übertriebene Grimassen, gestikulierten so ausholend und legten so viel Emphase in ihre Worte, dass es schon geradezu komisch wirkte. Das war hier – natürlich – nicht der Fall. Die eintönige Stimme des Admirals klang aber deshalb nicht weniger bedrohlich als jede gebrüllte und mit Fäusteschütteln begleitete Tirade des menschlichen Bösewichts aus einem Film.
„Hier spricht Rear-Admiral der Terran Space Navy Chris Mithel, TRS RELENTLESS.“

Adan musste sich zusammenreißen. Er war fast ein bisschen stolz auf sich, dass ihm nicht die Knie weich wurden. Allerdings machte es vermutlich sowieso wenig Unterschiede, ob er seine Würde wahrte oder zu Kreuze kroch. Erwartete der Menschling das vielleicht und würde sich durch ein würdiges Auftreten nur provoziert fühlen?
„Ich bin Oberster Administrator Adan Yukat. Ich spreche auch im Namen der kaiserlichen Streitkräfte. Als Vertreter des Imperiums ersuche ich Sie, über Bedingungen für einen Waffenstillstand zu verhandeln.“
Der Mensch wartete, bis er die Übersetzung gehört hatte. Dann antwortete er – er hob nicht einmal die Stimme: „Waffenstillstand? Denken Sie denn, Sie haben uns etwas anzubieten außer die bedingungslose Kapitulation?“
Vors, der sich außerhalb des Erfassungsbereiches der Bildfunkverbindung hielt, knirschte sichtbar mit den Zähnen. Die Arroganz des Barbaren war selbst für einen nahezu machtlosen kaiserlichen Offizier schwer erträglich.
Der Administrator hatte sich besser im Griff, auch wenn er innerlich vor Empörung zitterte. Was für eine Arroganz! Dies war IHRE Welt, was erdreistete sich der Terraner!
„Ihre Übermacht ist mir nur zu bewusst. Doch Sie wissen, mit welcher Entschlossenheit die Soldaten des Imperiums bereit sind zu kämpfen, wenn sie müssen. Ehe wir über eine Übergabe verhandeln, benötigen wir Garantien für die Angehörigen der Streitkräfte und natürlich für die Einwohner dieser Welt. Wir können und wir werden nicht bedingungslos kapitulieren.“

Der Menschling straffte sich. Er verzog seine schmalen Lippen, so dass die Mundwinkel sacht nach oben zeigten. Es war eine sparsame Bewegung – ganz anders als in den Filmen – und Adan fragt sich unwillkürlich, was sie bedeutete. Wut, Triumph, Verachtung? Die Stimme des Admirals blieb ruhig, sorgfältig modulierte er weiterhin jedes Wort – obwohl diese ja ohnehin übersetzt wurden – und wenn in seiner Rede eine Emotion lag, konnte der Akarii sie unmöglich deuten. Er lauschte mit wachsendem Entsetzen: „Sie verstehen mich nicht. Ich bin an Ihrer Kapitulation gar nicht interessiert. Mein Auftrag ist es nicht zu verhandeln oder zu erobern, sondern die Akarii daran zu erinnern, was es bedeutet, besiegt zu werden. Wie sich eine Niederlage, wie Versagen sich anfühlt. Sie an den Preis zu erinnern, den sie für ihren Krieg zu zahlen haben. Den Preis für Mantikor. Für Hannover. Für Masters. Ich sehe mich leider gezwungen…Ihre Welt zu zerstören.“
Adan spürte einen eisigen Schauer seinen Rücken herunterlaufen. Das konnte der Mensch doch unmöglich gesagt haben, das musste ein Übersetzungsfehler sein! Er öffnete den Mund zu einer Frage, einem Protest, doch der Mensch kam ihm mit einem kurzen Satz zuvor – und diesmal übersetzte er seine Worte gleich selbst in fließendes Sekurr: „Primär- und Sekundärbatterien…FEUER!“ Dann wurde die Verbindung unterbrochen.
Im nächsten Moment brach in der Kommandozentrale das Chaos aus. Meldungen, Befehl, vor allem aber Entsetzensschreie gelten durcheinander: „RELENTLESS feuert Marschflugkörper ab!...Kreuzer Zwei und Drei feuern…Zerstörer…Marschflugkörper mit Ziel…Bordgeschütze feuern!“
Adan Yukat konnte nur hilflos zusehen wie die feindlichen Schiffe Salve um Salve auf ihr wehrloses Ziel abfeuerten, wie die Symbole von einigen Dutzend, einhundert, noch viel mehr Marschflugkörper mit dem Symbol des Planeten, seiner Heimat verschmolzen. Das letzte Bild, das der Hauptbildschirm zeigte, war ein blauer Himmel. Über den schneebedeckten Berggipfeln leuchteten am helllichten Tage Sterne auf – die terranischen Raketen, die in die Atmosphäre eintraten. Die flammenden Punkte erstrahlten immer heller, als wollten sie selbst die Sonne übertreffen.
Dann kam die Dunkelheit.

***

Imperialer Träger QUASAR, terranisch-imperiales Grenzgebiet, Gegenwart

Für einen Moment starrte Admiral Ilis blicklos vor sich hin. Seine altersdürre Hand war um den Griff des Sirah geklammert, als die Waffe das einzige, was ihm Halt blieb – oder als überlege er, seinem Leben hier und jetzt ein Ende zu machen. Dazu gab es natürlich keinen Grund – NOCH nicht – aber dennoch spürte er mit einmal seine Jahre. Spürte etwas, das er sehr, sehr lange nicht mehr so unmittelbar gefühlt hatte: Furcht, und den bitteren Geschmack der Niederlage.
Er hatte Admiral Noltzes Findigkeit Respekt gezollt, mit der sie das Unvermeidbare hinausgezögert hatte. Sie hatte sich als ausgesprochen geschickt erwiesen, jedem Versuch auszuweichen, in eine Ecke gedrängt zu werden. Das konnte natürlich nicht ewig so gehen, aber sie war wirklich eine fähige Gegnerin. Dennoch, das Ende war in Sicht gewesen – hatte Ilis zumindest geglaubt.
Er war so ein Narr gewesen! Hatte sich übertölpeln lassen von einer Kommandeurin, die weit weniger als die Hälfte, vielleicht gar nur ein gutes Drittel seiner Lebensjahre aufzuweisen hatte.

Während die TSN-Kommandeurin mit ihm Katz und Maus gespielt hatte, hatten die Terraner unversehens eine Gegenoffensive gestartet. Diesmal waren sie es gewesen, die nicht weniger als drei Kampfgruppen auf Schleichpfaden tief ins feindliche Gebiet geführt hatten. Dass die Front auf Seiten des Imperiums nahezu entblößt worden war, hatte das Vorhaben der Verbände – die die Menschlinge offenbar nach Ungeheuern aus ihrer Mythologie benannt hatten – deutlich erleichtert.

Die Angriffe für sich waren schlimm genug. Zwar waren die Verluste vom militärischen Gesichtspunkt betrachtet bisher nicht einmal schwer zu nennen. Das Kaiserreich hatte ein halbes Dutzend leichter Kriegsschiffe – keines größer als ein Zerstörer – eine Handvoll Frachter sowie einige Dutzend veralteter Kampfflieger verloren, während die Terraner bisher außer einigen Kampffliegern nur einen Zerstörer verloren hatten.
Aber das war nur ein Teil der Wahrheit. Zum einen hatten die Menschen auch sonst brutal zugeschlagen. Ein Verband hatte die Abbaueinrichtungen im Asteroidengürtel seines Zielsystems verwüstet. Das war nicht annähernd mit den Schäden zu vergleichen, die etwa der junge Taran in Sterntor angerichtet hatte, aber das Imperium konnte sich Verluste seiner Industriekapazitäten momentan kaum noch leisten. Die beiden anderen Angriffe…waren schlimmer gewesen. Die Kampfverbände hatten erst die Verteidigung in den imperialen Systemen vertrieben oder zerschlagen – dann hatten sie die Planeten gezielt ins Visier genommen, beides Kolonialwelten mit zehn bis fünfzehn Millionen Einwohnern.
Auf Charkar waren von den Schiffen der Kampfgruppe SCHIMÄRE neben einigen tausend Schüssen mit den schweren Schiffsgeschützen gut 600 Marschflugkörper abgefeuert worden. Eigentlich genug Feuerkraft, um einen ganzen Kontinent in eine thermonukleare Gluthölle zu verwandeln. Allerdings…die Exocet waren nicht mit ihren üblichen Megatonnen-Gefechtsköpfen bestückt gewesen. Die Menschlinge hatten die Kernsprengköpfe offenbar durch hochexplosive konventionelle Sprengsätze im Gewicht von gut zwei Tonnen ersetzt. Und so betrug der Zerstörungsradius eines Einschlags – verstärkt durch die mehrfache Schallgeschwindigkeit, mit der die Raketen ihr Ziel trafen – gerade einmal 60, 70 Schritte. Splitter und Druckwelle verheerten natürlich ein viel größeres Gebiet.
Die Terraner hatten offenbar genau, verblüffend genau gewusst, worauf sie zielen wollten. Sie hatten die wenigen Militäreinrichtungen auf Charkar förmlich pulverisiert, ebenso die Raumflughäfen. Dann waren industrielle Ziele an die Reihe gekommen – und schließlich die restliche Infrastruktur. Kraftwerke, Umspannstationen, die Brücken der Magnetschwebebahn, welche die Städte des Planeten verband, Kommunikationszentren, Staudämme…

Ilis hatte den Bericht des leitenden Administrators gesehen – dieser Adan Yukat war sichtlich am Ende gewesen, nachdem man ihn nach 48 Stunden aus dem Kommandobunker befreit hatte, dessen Eingangstunnel durch eine Rakete verschüttet worden war. Admiral Mithel hatte seine Ankündigung nicht wirklich erfüllt, aber er hatte der Zivilisation auf Charkar einen schweren, vielleicht tödlichen Schlag versetzt. Gut zwei Drittel der Einwohner fand sich mit einem Mal in einem Notstandgebiet wieder – ohne funktionierende Energie- und Wasserversorgung, ohne Kommunikation, mit vollkommen überlasteten Notdiensten, die immer noch darum kämpften, die ausgebrochenen Brände unter Kontrolle zu bekommen. Die Zahl der Opfer ging vermutlich in die Tausende. Die Zerstörung war nicht annähernd so total wie etwa auf Hannover, verteilte sich aber auf ein wesentlich größeres Gebiet und war einiges präzisier eingesetzt worden.

Zu guter Letzt hatte die RELENTLESS – wie um ihrem Namen Ehre zu machen – der Verletzung noch die Demütigung hinzugefügt. Im Zentrum der Hauptstadt von Charkar hatte seit mehr als einem Dreivierteljahrhundert die Halle der Erinnerung gestanden, sakrales Denkmal und Herz der imperialen Präsenz in einem. Umgeben von einem großen Park hatte sie die unsterblichen Helden geehrte, die bei der Eroberung und Sicherung der Welt gefallen waren, die Männer und Frauen aus der Bevölkerung, die in Krieg und Frieden besondere Taten vollbracht hatten. Die Bevölkerung hatte dort die Siege des Imperiums gefeiert, die Geburt eines Mitglieds der kaiserlichen Familie. Mehr als sieben Jahrzehnte lang – bis die Bordgeschütze des terranischen Kampfkreuzers Park und Halle in einen Krater und einige hundert Hektar verbrannte Erde verwandelt hatten.
Der zweite Angriff war ähnlich gründlich, aber deutlich verlustärmer verlaufen. Der Kommandeur dieses terranischen Flottenverbandes hatte der angegriffenen Welt auf allen Kanälen eine Liste seiner Ziele zugesandt und ihnen zwei Stunden zur Evakuierung gegeben. Dann hatten Geschütze und Raketenwerfer auch hier ihr Zerstörungswerk vollbracht.

Ilis wusste, der Angriff würde zumindest in diesem Frontabschnitt Schockwellen aussenden, die auf dutzenden Welten Nachwirkungen haben würden. Doch es war nicht das, was ihn schockierte. Ihn dauerte natürlich das Schicksal der Bürger des Imperiums – es ging immerhin um Akarii, nicht um Menschen oder Unterworfene. Aber er hatte vor allem in seiner Jugend wesentlich Schlimmeres gesehen, als die kaiserliche Flotte die Welten der Tonari und Soridachi bombardierte und besetzte. Er hatte immer gewusst, wozu die Menschen fähig waren – das hatten sie auf Troffen und Wron bewiesen.
Was ihn jedoch WIRKLICH schockierte war der Umstand, dass die Terraner nicht weniger als anderthalb Dutzend Kreuzer, die doppelte Zahl leichterer Kriegsschiffe sowie mindestens zwei leichte Träger, vermutlich aber auch noch einen dritten Majestic oder gar einen Flottenträger in Schlagreichweite auf das Sektorenhauptquartier Ibari gebracht hatten, ehe die imperiale Aufklärung davon Wind bekommen konnte.
Die Menschen waren noch nicht über Ibarii, aber das konnten sie sehr bald sein, und ihre Marschvektoren wiesen darauf hin, dass sie genau das vorhatten. In einem Moment, da es zwischen ihnen und dem System nichts gab, was sie aufhalten konnte. Und über Ibari stand die YONDER mit ihren Begleitschiffen. Ein Träger, dessen Geschwader sich gerade erst wieder im Prozess der Wiederaufstellung befand, dessen Eskorte auf ein Skelett ihrer normalen Stärke reduziert worden war…
Wenn die Terraner weiter vorstießen, dann konnten sie einen kostbaren Quasar-Träger vernichten, ein halbes Dutzend Kreuzer und zwei Dutzend kleinerer Schiffe. Schlimmer noch, wenn sie Ibari eine ähnliche Behandlung angedeihen ließen wie beispielsweise Charkar, würde das schwere Konsequenzen haben. Oder wenn sie die Sprungverbindungen nach Ibari versiegelten, wie es die Akarii mit der Sprungroute von Mantikor ins terranische Gebiet getan hatten…

Das wäre militärisch eine schwere Niederlage. Und für die Prinzess-Regentin konnte es leicht den Untergang bedeuten. Mit solch einem vernichtenden Rückschlag, der unter ihrer Führung das Imperium getroffen hatte, würden selbst viele ihrer Unterstützer ihre Position überdenken. Selbst wenn er die volle Verantwortung übernahm, ja sogar wenn er rituellen Selbstmord beging, würde es genügend Traditionalisten geben, die die bei vielen verfemte Regentschaft einer Frau als ,Ursache“ der Katastrophe bezeichnen würden – ein Symptom wie der letzte Skandal, der Schande über das Kaiserhaus gebracht hatte.
Dazu DURFTE es nicht kommen. Ilis war die Ironie der Situation nur zu bewusst. Im Versuch, Schlimmeres von Linai abzuwenden, hatte er sich in eine Position manövriert, die umso gefährlich für die von ihm so sehr verehrte Prinzessin war. Es war an ihm, diesen Fehler wiedergutzumachen, gleichgültig, was ihn dies persönlich kosten würde.
Und im Moment gab es nur eines, was er tun konnte – den Rückzug anordnen. Mit höchster Geschwindigkeit in den imperialen Raum zurückzukehren, um die Invasoren zu verscheuchen, vielleicht gar Ibari rechtzeitig zu erreichen, um das Kommando zu übernehmen. Er machte sich wenige Illusionen, dass ihm die zwei terranischen Träger, die er bisher verfolgt hatte, auf dem Fuß folgen würden. Jetzt war es ein Wettrennen.
Er hoffte nur, dass es nicht bereits zu spät war.

Ende



Geschrieben von Tyr Svenson am 01.06.2019 um 14:33:

 

„Was schert, wer auf dem fernen Throne sitzt?
In uns’rer Hand allein liegt das Geschick des Reiches.“
Ein (meist) namenloser Grenzkommandant aus dem bronzezeitlichen Akarii-Dramenzyklus „Der blutige Himmel“. Nach einer (vermutlich ahistorischen) Bearbeitung des Werks ein Mitglied des Hauses Taran


Auch unter normalen Umständen brauchte ein mit Höchstgeschwindigkeit fliegender Transporter mehr als einen Monat von der imperialen Hauptwelt in den Draned-Sektor. Und inzwischen waren die Umstände schon lange nicht mehr normal. Ganz besonders nicht für den Transporter, auf dem sich Navarr Thelam befand.
Das Schiff war keiner geraden Route gefolgt, sondern einem verwirrenden Zickzackkurs, der es durch unbewohnte Systeme und über kaum benutzte Sprungverbindungen geführt hatte. Die ganze Zeit über hatte das Schiff strikte Funkstille gehalten.
Die Mannschaft und Passagiere des Transporters wussten es nicht, aber ihr Kurs spiegelte die Reise des ehemaligen Kommandeurs des Draned-Sektors, der von diesem Vorposten des zerbröckelnden Imperiums zurück nach Akarr berufen worden war, noch bevor Navarr Thelam das System der Hauptwelt verlassen hatte. Hätten sie es gewusst, sie hätten vermutlich die falschen Schlussfolgerungen gezogen. Und der ein oder andere Bordgenosse Navarrs wäre vielleicht versucht gewesen, etwas Unbesonnenes zu tun, alles zu riskieren in dem Versuch, der imperialen Innenpolitik eine Wende aufzuzwingen.

Aber das war nicht passiert. Die jungen Männer und Frauen, die meist unwillig und keineswegs freiwillig den jungen Thronprätendenten auf seinem Weg in die umkämpfte Peripherie begleiteten, hatten die reichlich zur Verfügung stehende Zeit so gut es ging genutzt. Der ziemlich spartanische Bordsportraum war fast rund um die Uhr in Betrieb – tatsächlich war es bald nötig geworden, Schichten einzuführen. Gleichzeitig war das geistige Training nicht zu kurz gekommen. Elektronische Übungssimulationen wechselten sich mit taktischen und strategischen Rollenspielen ab. Selbstgewählte Vorträge und hitzige Diskussionen über militärische, politische aber auch philosophische Themen sorgten für Abwechslung.

Navarr Thelam bildete sich ein, dass das zum Gutteil sein Verdienst war – aber er war sich der Tatsache bewusst, dass er es alleine niemals geschafft hätte. Nicht ohne Maran Otrano, Dical Katall und einige andere der ‚Halbverbannten‘ wie sie sich inzwischen teilweise spöttisch nannten und die seinen mehr als inoffiziellen ‚Hofstaat im Exil‘ bildeten.
Viele der jungen ‚Passagiere‘ hatten vor Jahren der Offiziersfronde gegen Prinz Jor angehört – oder zu denjenigen, die sich verschworen hatten, den plötzlichen Aufstieg von Haus Allecar zu stoppen. Oder beides. Keiner von ihnen hatte den leichten Weg gewählt. Ihr Scheitern hatte das in den jungen Männern und Frauen brennende Feuer nicht löschen können. Denn es wurde bei vielen von dem alten Bewährungs- und Führungsethos des imperialen Schwertadels genährt. Ein Ethos, der Navarr nur zu vertraut war. Ein gnadenloser Anspruch an sich selbst, hinter dem die nichtadligen ‚Halbexilanten‘ an Bord natürlich auf keinen Fall zurückstehen wollten.
Selbstverständlich ging es auch darum, dass eigene Schicksal wieder selbst in die Hand zu nehmen – oder zumindest um die Illusion, dazu in der Lage zu sein. Darum, eine Perspektive zu haben. DESHALB hatten sich die meisten der abgeschobenen Offiziere und Adligen Navarr angeschlossen – sie brauchten ihn genauso, wie er sie brauchen würde. Auch wenn noch nicht einmal er genau wusste, WOZU…

Irgendwo am Rande der Kernregionen hatten sich vier Zerstörer dem Transporter angeschlossen. Schweigend, ohne die Funkstille zu brechen, hatten die Kriegsschiffe den Transporter begleitet – als Schutz oder Wache? Später war noch ein Minenräumer hinzugestoßen. Die Funkstille war geblieben, ebenso wie der erratische Kurs, der sie ein Dutzend Systeme passieren ließ, die vermutlich noch niemals zuvor mit der Anwesenheit eines Thelam-Prinzen beehrt worden war. Das jedenfalls hatte Lieutenant Katall amüsiert konstatiert und ihnen in jedem der Systeme eine passende Huldigungsadresse vorgetragen, mit der ‚seine Majestät Navarr Thelam‘ begrüßt werden sollte – plus die entsprechende gnädige Ansprache, die der Prinz zu halten hätte. Damit hatte er mehr als einen Lacher auf seiner Seite gehabt – natürlich gab es allerdings auch sonst wenig, was zur Heiterkeit einlud.

Wie ernst ihre Situation wirklich war, wurde offensichtlich, als sie die Grenze des Imperiums erreichten – oder vielmehr das Niemandsland, dass die TSN vor mehr als zwei Jahren aus dem Imperium herausgeschnitten und so den Draned-Sektor vom Rest des Reiches getrennt hatten. Es war keine echte Frontlinie mehr. Tatsächlich hatte es seit mehr als einem Jahr keine größeren Kämpfe mehr gegeben, da sowohl das Imperium als auch die Menschen die meisten Kriegsschiffe an andere Fronten verlegt hatten. Beide Seiten hatten stattdessen die wichtigsten Sprungrouten vermint und die Überwachung der feindlichen Flottenbewegungen durch den Einsatz von Spähsonden und Satteliten so weit wie möglich automatisiert.

Dennoch blieb es ein riskantes Unterfangen, das Niemandsland zu queren. Ein Risiko, dass ein Thelam-Prinz niemals hätte eingehen dürfen. Jedenfalls nicht mit so wenigen Begleitschiffen. Nur waren es eben keine normalen Zeiten. Und die weiterhin schattenhaft bleibenden Kräfte, die hinter Navarrs ‚Exil‘ steckten, hielten es offenbar für sicherer, als ihn auch nur einen Tag länger auf dem Territorium des Kernimperiums zu halten. Entweder das – oder sie spielten noch ein ganz anderes Spiel…
Navarr war jung, vielleicht idealistisch und im gefährlichen Fahrwasser der Hofpolitik immer noch ein relativer Neuling – wie ihn Rallis Thelam immer wieder gerne ins Gedächtnis rief. Aber er war nicht dumm. Und deshalb wusste er natürlich, dass der Durchbruch in den Draned-Sektor eine perfekte Gelegenheit darstellte, falls jemand DIESEN Thronprätendenten sehr viel dauerhafter und sicherer aus dem Spiel nehmen wollte, als durch ein informelles Exil. Ein ‚nachlässig‘ verschlüsselter Funkspruch, den die TSN – und vielleicht auch die Separatisten oder T’rr-Rebellen – auffingen, ein paar ‚vom Schicksal platzierte‘ Antischiffsminen, ein Sprengsatz an Bord des Transporters…

Aber nichts war passiert in den Wochen, die der Durchbruch, der eher eine Schleichoperation gewesen war, gedauert hatte. Und als sie endlich wieder auf imperialem Gebiet waren, hatte sie bereits ein Empfangskomitee in Gestalt des Flugdeckkreuzers KALLEH erwartet. Kommandantin Inas Zanni, eine selbst in Navarrs Augen für ihren Posten noch ziemlich junge Offizierin, war offenbar eingeweiht. Sie hatte sich sofort vergewissert, dass der avisierte Thelam-Prinz tatsächlich an Bord des Transporters und wohlauf war. Zusammen mit den anderen ‚Exilanten‘ war er an Bord der KALLEH gegangen. Einige seiner ‚Leidensgenossen‘ waren sofort in den Dienstbetrieb des Flugdeckkreuzers integriert worden – offenbar hatte Zanni vor dem Aufbruch zu ihrer Mission eine ganze Reihe Offiziere an andere Schiffe abgegeben. Ob die nun ihrerseits Verstärkung brauchten – oder wegen der speziellen Natur ihrer Mission…

Navarr hingegen hatte keinen offiziellen Posten erhalten. Wie Maran und diejenigen der ‚Exilanten‘, die zuvor im zivilen Sektor tätig gewesen waren, war er erst nur ein Passagier gewesen. ‚Tote Fracht‘, wie einer der Exilanten bissig gespöttelt hatte. Aber immerhin hatte Zanni ihm – unaufgefordert – einen umfassenden Rapport zur momentanen Lage im Draned-Sektor gegeben. In den folgenden Tagen war dieser Informationsaustausch vertieft worden.
Es gab genug zu lernen: die Sezessionisten, die Front zur TSN, das Aufrüstungs- und Mobilisierungsprogramm, das Admiral Taran vor seiner Abberufung angestoßen hatte – und seine Verhandlungsinitiative mit der Taran den seit Jahrzehnten mal mehr, mal weniger offenen schwelenden Konflikt mit den notorisch rebellischen T’rr, der sich im Verlauf des Krieges mit der terranischen Republik zu einem regelrechten Großbrand ausgewachsen hatte, zu beendigen beabsichtigte…

Doch abgesehen davon hatte Zanni Abstand gehalten. Was übrigens auch für die meisten Männer und Frauen unter ihrem Kommando galt. Natürlich hatte Navarr keine Willkommenshymnen erwartet. Insgeheim war er sogar froh, nicht ZU begeistert empfangen worden zu sein. Schon mancher Prinz war von unzufriedenen Offizieren aufs Schild gehoben worden, um eine Rolle zu spielen, die er gar nicht wollte. Und die auch Navarr – jedenfalls NOCH – nicht zu übernehmen gewillt war. Und dennoch, ETWAS mehr hatte er schon erwartet – zumindest ein gewisses Interesse, Neugier. Und vielleicht auch den einen oder anderen Versuch, über den Namen Navarr Thelam Bonuspunkte für die eigene Karriere zu sammeln. Etwas, womit er arbeiten und seine immer noch gefährlich ungewisse Situation stabilisieren konnte. Immerhin WAR er Prinz, Thronprätendent und Cousin des verstorbenen Kronprinzen…

Aber stattdessen…
Da war keine offene Feindschaft – aber eine gewisse Reserviertheit, eine unsichtbare Mauer, ein skeptisches Abwarten, unterlegt mit einem Hauch Verbitterung und in manchen Fällen sogar unterschwelliger Arroganz oder kaschierter Verachtung, die er bei vielen Offizieren wahrnehmen zu können glaubte. Auch bei Zanni, obwohl ihre knappe, sardonische bis zynische Art vielleicht auch dem Umstand geschuldet war, dass sie aufgrund ihres Alters und Geschlechts – Frauen dienten zwar schon seit Jahrtausenden in den Streitkräften, auch in Kommandopositionen, was aber nichts daran änderte, dass sie bei einigen ihrer männlichen Kollegen immer noch auf Ressentiments stießen – sich schon früh einen harten Panzer hatte zulegen müssen.
Zuerst hatte Navarr gedacht, dass es an seiner Jugend, seinem fehlenden Offiziersrang oder an der jeweiligen Positionierung der Betreffenden im Streit um den Thron lag. Sicherlich gab es auch im Draned-Sektor etliche, die lieber Linai Thelams ungeborenen Sohn auf dem Thron gesehen hätten. Oder Navarrs Cousin Karrek.
Aber dann war Navarr klar geworden, dass es das nicht war – oder zumindest nicht nur. Der Draned-Sektor war über JAHRE vom Kernimperium getrennt gewesen und schon zuvor bei der Zurverfügungstellung von Nachschub, Truppen und Schiffen vernachlässigt worden.
Auch wenn Zannis Leute im Gegensatz zu einer Reihe ihrer Kameraden dem Imperium gegenüber loyal geblieben waren, sie waren lange auf sich allein gestellt gewesen. Zu lange. Natürlich hatten in den Grenzregionen stationierte Truppen schon seit der Antike immer mit einer Mischung aus Neid und Herablassung auf die Garnisonstruppen der Kernregionen geblickt – aber das hier ging tiefer.
Diese Männer und Frauen hatten auf sich alleine gestellt kämpfen müssen. Akarr hatte ihnen zu viel abverlangt und zu wenig gegeben. Gleichzeitig hatten die Soldaten des Draned-Sektors mit wachsendem Unverständnis und zunehmender Verbitterung ansehen müssen, wie sich auf Akar die verschiedenen Machtgruppen im Kampf um den Thron aufrieben, statt sich auf den Krieg gegen die TSN zu konzentrieren. Einen Thron, den es nach Meinung der Soldaten des Draned-Sektors nur deswegen noch gab, weil Männer und Frauen wie sie die Grenzen des Imperiums verteidigten.
‚Wer auch immer am Ende auf dem Thron sitzt – er wird viel zu tun haben, um diesen Schaden zu reparieren.‘ Denn natürlich war der Draned-Sektor nur EINE Front. Ähnlich musste es an anderen Fronten und in anderen Flottenverbänden aussehen. Unter diesen Umständen machte es auch aus rein praktischen Gründen Sinn, dass man ihn in die Grenzregion geschickt und seinen Cousin Karrek Großadmiralin Rian unterstellt hatte, die einen Großteil der noch für Offensivoperationen zur Verfügung stehenden Großkampfschiffe kommandierte. ‚Die Flotte und die Armee müssen sehen, dass wir sie nicht vergessen haben. Dass das imperiale Zentrum um ihre Bedeutung weiß.
Freilich…wenn einer von uns versuchen SOLLTE, die Grenz- und Frontverbände gegen die Zentralwelt zu führen…‘
Navarr hatte diesen gefährlichen Gedanken rasch verdrängt. So weit war er noch lange nicht. Außerdem war er sich nicht sicher, ob die unterschwellig schwelende Verbitterung dann nicht zu einem Feuer auflodern würde, die den Möchtegern-Imperator, die Thelam-Dynastie – und vielleicht das ganze Imperium verzehrte…

Also hatte er sich in Geduld geübt und darauf konzentriert, soviel wie möglich über den Draned-Sektor und dessen Flotte zu lernen. Auch wenn es ihm schwer fiel, ‚den Kopf unten zu halten‘ und gleichzeitig den Erwartungen und Rollenvorstellungen gerecht zu werden, die ein Thelam-Prinz zu erfüllen hatte. Ein Prinz, der formell allerdings immer noch nur ein Kadett der Flottenakademie von Akar war…
Was ihn ein wenig überrascht hatte, war die trotz der unterschwelligen Verbitterung einiger Offiziere immer noch erstaunlich hohe Kampfmoral an Bord – ein grimmiger Wille zur Selbstbehauptung, der auf dem starren Korsett der Flotten-Traditionen basierte. Und paradoxerweise teilweise eben auch daraus, dass die Männer und Frauen der KALLEH dem Imperium die Treue gehalten und den Draned-Sektor so lange auf sich alleine gestellt verteidigt hatten – und im letzten Jahr sogar in der Lage gewesen waren, weiter auf das Gebiet der TSN vorzustoßen, als jede andere imperiale Flotte vor ihnen. Auch wenn die Flotte von Admiral Taran sich nach einem blutigen Patt unter hohen Verlusten aus dem Parrak-System hatten zurückziehen müssen – der ‚Staub‘ den diese Offensive aufgewirbelt hatte und die Truppen, die die Rikata-Kampfgruppe vernichtet oder gebunden hatten, hatten maßgeblich zum Gelingen von Großadmiralin Rians Gegenoffensive beigetragen. So jedenfalls sahen es die Männer an Bord der KALLEH und Navarr war klug genug, nicht zu wiedersprechen.
Navarr Thelam war sich nicht sicher, was er von dem bisherigen Kommandeur des Draned-Sektors halten sollte. Er hatte Admiral Mokas Taran vor Jahren einmal flüchtig kennengelernt, bevor der wegen seiner Verwicklung in die gegen Kronprinz Jor gerichtete Verschwörung in den Draned-Sektor abgeschoben worden war. ‚Genauso wie jetzt ich.‘
Aber der junge Admiral hatte es anscheinend geschafft, aus Überresten der Garnisonsflotten und versprengten Frontverbänden eine Waffe zu schmieden, die scharf schnitt und auch nach einigen wuchtigen Schlägen nicht zerbrach. ‚Oder jedenfalls ist das das Bild, dass mir Zanni präsentieren will.‘ Aber vielleicht war es ganz gut, dass man Admiral Taran abgelöst und in die Heimat verlegt hatte. Ein Mann seiner Herkunft und so offensichtlich…eigensinniger Loyalität an der Spitze eines unabhängigen Flottenverbandes und eines ganzen Raumsektors…

Doch jetzt hatte das Warten offensichtlich ein Ende. Nach Wochen, in denen der kleine Flottenverband aus inzwischen einem Flugdeckkreuzer, vier Zerstörern, einem Minensucher und einem Transporter mehrere anscheinend unbewohnte Systeme passiert hatte, würde der nächste Sprung sie an ihr – vorläufiges – Ziel bringen. Was Navarr dort allerdings erwartete, das war in mehr als einer Hinsicht immer noch ungewiss…

Navarr Thelam warf einen Blick in die Runde. Die Brücke der KALLEH unterschied sich deutlich von den wenigen Kommandozentralen, die er bereits hatte besichtigen können. Sie war kleiner und kompakter als auf einem Träger, aber mehr als anderthalb mal so groß wie die Brücke eines Kampfkreuzers oder Großtransporters. Besonders auffällig war die Zahl und Ausstattung der Feuer- und Flugleitstationen sowie die ECM/ECCM-Ausstattung, die selbst die modernsten Flottenträger in den Schatten stellte.
Das Design war natürlich traditionell-spartanisch und trotz der äußerst effizienten Platzausnutzung wirkte der Raum fast überfüllt. Was auch daran liegen mochte, dass Captain Zanni Navarr und zu seiner Überraschung auch Maran Otrano aufgefordert hatte, anwesend zu sein. Es hatte wohl DOCH seine Vorteile, aus dem Hochadel zu kommen…

Navarr Thelam zwang die in ihm aufsteigende Nervosität zurück. Inzwischen hatte er Übung darin. Kurz empfand er einen irrationalen Anfall von Eifersucht. Gegenüber dem abwesenden Admiral Taran, der anscheinend jede persönliche Niederlage in einen Sieg umwandeln und sich dabei auch gegen jahrtausendealte Traditionen stellen konnte, gegenüber Captain Zanni, die als eine der jüngsten Schiffskommandeurin der Gegenwart offenbar mühelos eines der modernsten Schiffe der imperialen Flotte kommandieren konnte…
„Captain, die KALLEH ist bereit zum Sprung.“
Zanni nickte dem Navigator zu, die Stimme knapp und beherrscht, die schlanke Gestalt in dem Kapitänssessel hoch aufgerichtet: „Danke. Kommunikation?“
„Alle Schiffe sind sprungbereit.“
„Ausgezeichnet. Navigator, Starten Sie den Countdown.“
„Zehn, Neun, Acht…Drei, Zwei, Eins. Sprung.“

Der Übergang geschah wie immer zwischen zwei Herzschlägen, unmöglich mit Sinnen zu erfassen, die niemals dafür gedacht waren, den Sprung durch den Hyperraum wahrzunehmen. Navarr musste mit einem kurzen Schwindelgefühl kämpfen und schob diese Schwäche energisch beiseite.
Nach den Wochen und Monaten, die er auf dem Flug durch praktisch unbewohnte Grenzsysteme verbracht hatte, war der Anblick, dass sich ihm jetzt bot, auf eine seltsame Art und Weise ergreifend. Im All schwebte eine einsatzbereite imperiale Kampfgruppe:
Ungefähr achtzig Schiffe, darunter fast zwanzig Kreuzer und über dreißig Zerstörer, dazu zahlreiche Hilfseinheiten sowie Hilfsträger, Schnellboot-Mutterschiffe und ein weiterer Flugdeckkreuzer – und als Herz des Verbandes ein gigantischer Flottenträger.
„Captain, Funkspruch von der KAHAL. Operation BRÜCKENSCHLAG läuft wie geplant und ist im Zeitlimit. Erwartete Ankunftszeit vier Stunden.“
„Gut. Hoheit…bitte kommen Sie mit. Und ihre Begleitung ebenso.“ Kurz zuckte es um Zannis Mundwinkel: „Es wird Zeit, dass Sie einige Leute kennen lernen...“


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