The World of BattleTech
Registrierung Kalender Mitgliederliste Teammitglieder Suche Häufig gestellte Fragen Zur Startseite

The World of BattleTech » Suche » Suchergebnis » Hallo Gast [Anmelden|Registrieren]
Zeige Beiträge 1 bis 20 von 682 Treffern Seiten (35): [1] 2 3 nächste » ... letzte »
Autor Beitrag
Thema: Kritik: Hinter den feindlichen Linien
Tyr Svenson

Antworten: 1.374
Hits: 111.469
15.02.2020 15:21 Forum: Kurzgeschichten


Ich sollte ja nicht so sehr den Rebenstock des Centurios schwingen (Cunningham. du bist dann natürlich Legat Augenzwinkern ) - aber ist bei Gelegenheit mal wieder mit einem Text von einem von euch zu rechnen?
Thema: [OT ]Crimson Sky: Next Chapter
Tyr Svenson

Antworten: 29
Hits: 537
13.02.2020 17:50 Forum: Kurzgeschichten


Prolog:

„Das ist es also“, murmelte Dave leise. Er hätte gelacht, wenn ihn das nicht an die blau geschlagenen Augen, die dick geschwollenen Wangen und die diversen blauen Flecke und Rippenbrüche auf seinem Oberkörper erinnert hätte. Seine Handgelenke schmerzten und das atmen fiel ihm schwer. Verdammt, wie hatte er nur in diese Situation kommen können?
Wieso saß er jetzt hier, auf einen Stuhl gefesselt, die Augen verbunden und furchtbar verprügelt?
Wann war er so unachtsam geworden? Er, der immer auf der Flucht vor der Gestapo und der RSHA gewesen war, der dem militärischen Geheimdienst immer ebenso einen Schritt voraus gewesen war wie privaten Häschern, die den Preis auf seinen Kopf hatten kassieren wollen.
Er, der sich in der Welt der Piraten durchgeschlagen hatte und nebenbei noch auf ein kleines Mädchen hatte aufpassen müssen.
Er, der… Nun, in irgendeiner Lagerhalle in Seattle oder Umgebung saß, der heftig mit den Schmerzwellen zu kämpfen hatte, die ihn regelmäßig überfielen und nicht wusste, wann man ihm einfach eine Kugel durch den Kopf jagen würde.
Wer hatte ihn überhaupt erwischt? Die Offiziellen? Geheimagenten? Kopfgeldjäger? Gekaufte Schläger?
Die Offiziellen und der Geheimdienst wollten ihn eher tot sehen als die Chance zu haben, dem Verräter Marquardt in Berlin den Schauprozess zu machen.
Kopfgeldjäger würden sich zumindest vergewissern, dass sie mit ihm die richtige Beute hatten, bevor sie ihm den Kopf von den Schultern bliesen.
Und gekaufte Schläger würden gar nichts tun, bevor sie nicht neue Anweisungen bekamen.
So oder so, er saß in der Scheiße und er konnte nichts dagegen machen.
Dabei waren die Zeiten ohnehin nicht rosig für ihn und die NORTH STAR gewesen…

1.
Nach der Aktion gegen die Kommunisten und die Japaner in Kanada war die NORTH mit vollen Lagerräumen weiter gezogen. Die Beute war dick und fett gewesen, wenngleich ein wenig einseitig. Immerhin hatten sie vier Zigarren gekapert und einer fünften kräftig den Arsch versohlt, obwohl sie der Köder in einer Falle gewesen war – der sie selbstredend auch entkommen waren.
Nachdem sie sich von ihren weißen Verbündeten getrennt hatten, die sehr viel mehr gelitten hatten als die Besatzung der NORTH, hatte Dave Befehl gegeben, den erstbesten kanadischen Flughafen anzusteuern der sie landen lassen würde.
Gegen ein erhebliches Bestechungsgeld, der Mountie nannte es Beteiligung am schwachen Stand der Sozialkassen, war es ihnen erlaubt worden, auf Victoria Fields zu landen, nahe der großen Stadt Victoria, der größten Siedlung auf Vancouver Island.
Armstrong hatte einiges des Erdöls verkauft, dass sie erbeutet hatten, nicht jedoch Pelze und dergleichen. In dieser Region hatten die Kanadier selbst genug davon und hätten nur zu Dumpingpreisen gekauft.
Anders würde es in Seattle aussehen, das sich zu einem beträchtlichen Umschlagplatz für Kaperer entwickelt hatte, die im Nordpazifik auf Beutefang gingen.
Nun, immerhin hatte ihnen diese Entwicklung erlaubt, ihre Verletzten, Klutz und Happy, zu einem verdammt guten Wundarzt zu schaffen.
Dave hatte die Gunst der Stunde und diesen hervorragenden Arzt genutzt, um ihm ein sehr unmoralisches Angebot zu machen.
Als sie drei Tage später abflogen begleitete sie der beste – beileibe aber nicht der einzige – Arzt von Vancouver Island.
Für seine Entscheidung sprach nicht nur der erwartete Offiziersanteil an der Beute, sondern auch die einmalige Prämie von eintausend Greenbucks, die ihm Dave im Voraus für drei Monate Dienst auf der NORTH gezahlt hatte.
Das Geld ruhte jetzt fest verzinzt auf einer Bank in Victoria und die NORTH hatte einen extrem kompetenten, aber noch sehr jungen Arzt, der sich sein Selbstvertrauen durch sein erhebliches Können erst verdienen musste.
Das spielte vielleicht auch eine Rolle bei seiner Entscheidung. Der junge Mann war vorher nur für das Studium in Vancouver von der Insel fort gekommen und gleich nach seiner Doktorarbeit zurückgekehrt. Viel gesehen hatte er also nicht von der Welt und als junger Mensch war es nur zu verständlich, dass er ein wenig von der großen weiten Welt erschnuppern wollte.
Zwei Tage später verließen sie kanadisches Territorium, eskortiert von einer Staffel Mountie-Piloten in Avengers. Ein kleines Dankeschön des Captains von Vancouver Island für die großzügige Spende an den Sozialfonds. Aber vielleicht wollte Jenkins auch nur sichergehen, dass Armstrong mit seiner Kapererbande auch wirklich das kanadische Gebiet verließ.

„Doktor Mertens!“
Der Arzt der NORTH sah erschrocken auf. Gerade hatte er mit Hilfe eines seiner Sanitäter, die von den Marines gestellt wurden – er hatte schon danach gefragt, ob ihm nicht permanentes Pflegepersonal zugewiesen werden konnte, und eine Schwester würde das Budget der Zigarre sicher nicht überlasten – einen Verband bei Klutz gewechselt, was der dicke Mann von Empire dazu genutzt hatte, um lautstark mit seinen fliegerischen Leistungen anzugeben und wie er der Übermacht der Kommunisten entkommen war, lautstark begleitet von Stick, seinem Heckschützen aus den Industrials, der jede freie Minute bei seinem Partner verbrachte, als Sam den Doc aus seiner Arbeit aufschreckte.
„Sam, verdammt, schleiche dich nicht von hinten an! Und brüll mir nicht ins Ohr!“, mahnte der Nachfahre deutscher Einwanderer ernst, nachdem sein Puls wieder die Ruhezone erreicht hatte.
Mit einem unverschämten Grinsen, das ihre kurz gemurmelte Entschuldigung ad acta legte, winkte sie ihm, ihr zu folgen.
Arthur Mertens war beinahe sofort mit allen am Bord gut klar gekommen, was nicht zuletzt daran lag, dass es sich keiner mit jemandem verscherzen wollte, der vielleicht mal das eigene Leben unter dem Skalpell hatte, aber er hatte schnell die Hierarchie an Bord verstanden. Er wusste dass Samantha als Chefin der Techniker ganz oben auf der Fressleiter stand, noch über den meisten Piloten. Ausgenommen natürlich Steel, dem Chef der zweiten Staffel und den Commander selbst. Deshalb folgte er ihr nach einer kurzen Einweisung an den Pfleger, damit dieser seine Arbeit zu Ende führte.

Er folgte Sam durch die halbe Zigarre und fragte sich dabei irritiert, wieso der schlotternde Overall, mit dem die Frau aus Texas zu arbeiten pflegte, ausgerechnet bei der kleinen, schlanken Frau am Hintern so eng sitzen musste. Nicht, dass er es als wirklich unangenehm empfand.
Als sie im Hangar ankamen, erwartete ihn ein Höllenlärm. Steel drillte Cat Pack und Dog Pack wieder einmal im Nachtflug und übte die Landung am Haken. Wie es schien verlief die Übung ohne Schwierigkeiten und würde ihm keine neuen Patienten bescheren.
Zufrieden folgte er Sam weiter und landete an der großen Hangartür.
Dort stand Dave Stone, der Chef der fliegenden Zigarre, hielt sich an einem Handgriff fest und sah Silence dabei zu, wie er mit seiner Mühle aus dem Schiff kippte.
Armstrong lächelte dünn, als der schwere zweisitzige Jagdbomber vom Typ Brigand durchsackte, bevor der mundfaule Indianer die Maschine abfangen konnte. Dabei schoss sie aus dem Erfassungsbereich der Scheinwerfer und tauchte auch nicht wieder darin auf.
„Nettes Schauspiel, Chef!“, rief Arthur über den Lärm hinweg.
Armstrong grinste ihn an, nickte Sam zu, die sich mit einem freundlichen Lächeln entfernte und bedeutete dem Kanadier, sich an einem Griff festzuhalten.
„Was kann ich für Sie tun, Chef? Kneift es irgendwo?“
Das sollte ein Scherz gewesen sein, aber seit er an Bord der Zigarre war, hatte er festgestellt, dass vor allem die männlichen Piloten eine ausgenommen sture Rasse waren. Bevor ihr Blut nicht zu zwei Dritteln in einem Cockpit verschmiert war oder sie vor Schmerzen nur noch kriechen konnten, kamen sie nicht gerne zum Doc.
Armstrong grinste breit. Dann deutete er hinaus.
Arthur Mertens folgte der Handbewegung automatisch…Und erstarrte in Ehrfurcht.
Vor ihm breitete sich ein Lichtermeer aus, wie er es noch nie gesehen hatte. Dicht an dicht reihten sich die Lampen, bildeten ein komplexes Netz aus Straßen, Gassen und Winkeln. In der Ferne verschmolzen sie zu einer uniformen Masse.
„Wow.“
Armstrong grinste ihn an. „Ist ein wenig was anderes als Victoria bei Nacht, was?“
„Das können Sie laut sagen. Welche Stadt ist das?“
„Erlauben Sie mir, Sie einander vorzustellen. Doktor Arthur Mertens, Seattle. Seattle, Doktor Arthur Mertens. Die Hauptstadt von Pacifica.“
Dave Stone grinste nur noch breiter. „Habe ich Ihnen zuviel versprochen, Doc?“
„Das…Das ist…Ich hätte nie gedacht, dass…Ich meine, ich kenne Vancouver bei Nacht, aber aus so einer Perspektive habe ich noch nie eine so große Stadt gesehen. Das ist wie ein Wunder.“
„Und die Wunder enden hier nicht. Warten Sie erstmal ab, bis Sie Los Angeles, Sky Haven, Chicago oder New York bei Nacht gesehen haben.“
Armstrongs grinsen verschwand. „Wir werden ein paar Tage hier bleiben. Verkaufen, was wir hier abstoßen können, Treibstoff, Ersatzteile und Munition bunkern. Und dann machen wir uns weiter auf nach Sky Haven, wo wir den Rest verkaufen werden. Dort sehen wir uns auch nach einem neuen Piloten um.“
Müde rieb sich Armstrong den Nacken. „Ich musste bei dieser Kampagne frustrierender weise feststellen, dass meine Planung einen dicken Fehler enthält. Ich hätte von vorne herein einen Reservepiloten mitnehmen sollen. Eine Maschine, die man nicht in die Luft bringt ist wertlos. Und unsere Ersatzmühle, die Devastator, hätte uns ab und an hilfreich sein können.
Außerdem brauchen wir Ersatz in der Luft, solange Klutz ausfällt. Von Happy ganz zu schweigen.“
„Ein paar Tage, hm?“, erwiderte der Doc und offenbarte damit, dass er überhaupt nicht zugehört hatte. Mit glänzenden Augen sah er auf die Stadt nieder. „Kann man sich hier irgendwo amüsieren? Ich meine nicht gerade ne Kneipenschlägerei. Aber eine gemütliche Bar, nette Leute, etwas Weltstadtflair…“
„Durchaus. Pacifica ist eine der Nationen, die in Prohibition lebt. Aber das hiesige Gesetz ist etwas…Flexibel. Es verbietet, Alkohol zu produzieren oder ins Land zu bringen. Es verbietet nicht, ihn zu lagern oder zu verkaufen. Oder sogar zu trinken. Das heißt, die Menschen hier sind sehr findig dabei, wie sie dennoch an ihre Ration kommen. Und dementsprechend gibt es schon einige nette Läden in der Stadt, die Sie sich mal ansehen sollten, Doc.
Außerdem gibt es drei, vier ziemlich wohltätige Familien mit riesigen Vorräten an Alkohol, die sie bei Festivitäten recht freimütig ausschenken. Gegen eine Spende für einen wohltätigen Zweck können ordentlich gekleidete und gesittete Menschen wie Sie und ich durchaus auf diese Feiern kommen.“
„Verstehe.“ Mertens deutete auf eine Ansammlung naher Lichter. „Was ist das? Ein Vorort?“
Armstrong kramte in seiner Erinnerung. Die Richtung, die Position. Er suchte nach markanten Gebäudemerkmalen, nach Straßen und anderen Hinweisen und verglich sie mit der Karte in seinem Kopf, die er von Seattle hatte. Schließlich kam ihm die Erkenntnis. „Ach. Ein Zeppelin.“
„Ein Zeppelin?“ Verwundert rieb sich der Doc mit der freien Hand das Kinn.
„Ein ganz besonderer. Um genau zu sein, eigentlich eine Bar.“
„Haben Sie nicht gerade gesagt, es sei ein Zeppelin?“
Armstrong lachte rau auf. „Die Geschichte ist etwas länger. Das da war früher mal der letzte Schnapstransport, der Pacifica vor der Prohibition erreichte. Aber anstatt vorschriftsmäßig zu landen, stürzte das Ding dort ab. Die Fracht blieb nahezu unversehrt, und da man nichts Besseres damit anzufangen wusste, machte man eine Bar draus, um den Alkohol gleich an Ort und Stelle zu verkaufen. Jeder Gast hat so genannte zwei Shots, die er pro Abend bekommt. Das bezieht sich auf den Whisky, der an Bord ist.
Das Geschäft wird so lange laufen, wie die Vorräte nicht erschöpft sind.“ Er nickte in Richtung der Lichter. „Deshalb die zwei Shots pro Gast und Abend. Aber der Schuppen ist dennoch sehr gut besucht, auch wenn der Whisky ziemlich teuer ist. Und merkwürdigerweise gibt es selbst jetzt, nach Jahren, noch immer kein Anzeichen, dass die Vorräte zur Neige gehen…“
„Was wollen Sie damit andeuten, Chef? Das sich die Bar immer wieder mit neuem Stoff versorgt?“
Armstrong klopfte dem Arzt mit der freien Hand auf die Schulter. „Der Gedanke liegt nahe, oder? Die Prohibition hat nicht funktioniert. Warum Pacifica sie nicht aufhebt weiß ich nicht, aber in manchen Vororten kann man sehen, wozu sie geführt hat. Es gibt einige kleinere Städte dort draußen, in denen schlimmer gesoffen und gehurt wird als in New Orleans.“
„Oh.“ Arthur sah den Commander erstaunt an. Natürlich kannte er die Gerüchte über Dixie und auch die Gerüchte über New Orleans, den Sündenpfuhl der modernen Welt. Einen solchen Vergleich zu treffen bedeutete einiges.
„Kö…Können wir uns da mal umsehen? Bei Gelegenheit? Ein wenig vielleicht, Chef?“
Armstrong grinste. „Sicher. Wie sicher sind Sie mit der Pistole, Doc?“
„Geht so.“
„Dann sollten wir definitiv ein paar Marines mitnehmen.“

Scheinwerfer schossen in den Nachthimmel, griffen nach de NORTH STAR. Der riesige Zeppelin korrigierte nach und hielt nun auf die Scheinwerfer zu.
„Nett“, kommentierte Armstrong. „Seattle lässt uns tatsächlich bei Nacht landen.“ Er runzelte die Stirn. „Was das wieder kosten wird…Gehen Sie wieder an Ihre Aufgaben, Doc. Ich wollte Ihnen nur mal einen Hauch der großen weiten Welt zeigen.“
Arthur nickte, obwohl er diese Worte auch als Beleidigung hätte auffassen können. Als kleiner Hinweis auf sein eher ländliches Weltbild. Als…Ach, es war müßig, darüber nachzudenken und einfach, die Worte als das zu nehmen, was sie sicherlich waren: Mit freundlichem Spott unterlegte Wahrheit.
„Das werde ich. Vor dem Abendessen wollte ich mir Happy noch mal ansehen.
Ach, und danke, Chef.“
„Danke wofür, Doc?“
„Danke, dass Sie mir einen Hauch der großen weiten Welt gezeigt haben.“
Armstrong schmunzelte dünn. „Gern geschehen“, murmelte er, während Silence zwanzig Meter hinter ihnen an den Haken genommen wurde. Nachtflug erfolgreich.
Thema: [OT ]Crimson Sky: Next Chapter
Tyr Svenson

Antworten: 29
Hits: 537
13.02.2020 17:49 Forum: Kurzgeschichten


NKVD-Oberst Oleg Bergmann saß an seinem Schreibtisch. Der Geheimdienstoffizier las konzentriert. Die Papiere, die vor ihm auf dem Tisch lagen, waren das Ergebnis der Verhaftung und des Verhörs eines Verräters. Der Mann hatte in der staatlichen Lufttransportdienststelle gearbeitet und Informationen an Weiße und Piraten weitergegeben – wenn es da überhaupt einen Unterschied gab. In seinem Haus waren nicht nur Devisen, sondern auch einige interessante Dokumente gefunden worden. Aufbauend darauf hatte man den Verräter verhört – achtundvierzig Stunden, rund um die Uhr und ohne Gnade. Er war schon nach zwanzig Stunden „kooperationsbereit“ gewesen. Danach hatten die Verhörspezialisten des NKVD aus dem Mann alles herausgeholt, was er wusste – ALLES. Es ging um schnelle Ergebnisse, deshalb hatte man auf körperliche Gewalt gesetzt. Von dem Verräter war nichts geblieben, als ein wimmerndes, blutendes Bündel.
Oleg Bergmann sah auf seine Armbanduhr, dann las er weiter. Er zuckte nicht einmal zusammen, als von Draußen eine schneidende Stimme „OGON’!“ brüllte und eine Salve erklang.
Ruhig nahm Oberst eine andere Akte auf, die auf seinem Tisch lag und schrieb: „Urteil vollstreckt.“ Dann unterzeichnete er mit seinem Namen.

Mit einem kurzen Anflug von Unbehagen fragte er sich, ob bald ein anderer NKVD-Offizier unter eine Akte mit SEINEM Namen das gleiche schreiben würde. Die Operation war keineswegs verlaufen, wie erhofft. Die Verluste waren zu verkraften – aber es war nicht gelungen, die angreifenden Piraten zu vernichten. Natürlich hatten sie schwere Verluste erlitten, die in den Berichten gebührend herausgestrichen worden waren – aber es war keineswegs ein klarer Sieg gewesen. Die PUSCHKIN war schwer beschädigt worden. Sie hatte zwar ihren Zielhafen erreicht, aber den Rest der Strecke hatte die DIMITRI DONSKOJ Nahsicherung fliegen müssen. Dementsprechend waren weitere Piratenangriffe weitestgehend ausgeblieben. Immerhin konnten die Roten Flieger noch zwei Piratenflugzeuge abschießen, als eine andere Piratenbande sich etwas zu nahe heranwagte, bevor sie den hastigen Rückzug antrat. Das Gold hatte sicher (und ohne dass die List erkannt wurde) den Bestimmungsort erreicht.
Jetzt hing alles davon ab, wie die Führung entschied. Um das Militärische Oberkommando Fernost machte sich Bergmann keine großen Sorgen. General Grigori Shukow war roh, oft rücksichtslos, aber nicht ungerecht. Wenn ihm das Ergebnis nicht gefiel, würde er die beteiligten Mitglieder der Streitkräfte und der GRU zusammenscheißen, vielleicht auch jemanden degradieren – aber das würde alles sein.
Wenn hingegen die Dienststelle Fernost des NKVD zu der Ansicht kam, die Mission ein Reinfall gewesen war – nun, dann konnte Bergmann von Glück reden, wenn er mit einer Degradierung davonkam. Wahrscheinlicher aber würden dann zehn oder mehr Jahre Straflager sein. Oder das Todesurteil. Es war schwer abzuschätzen.
Doch diese Gedanken waren dem Oberst nicht anzusehen – man wurde nicht NKVD-Offizier, ohne zu lernen, sich Unsicherheit oder Unruhe nicht anmerken zu lassen.
Als es gegen die Tür hämmerte und auf Bergmanns „Wojdite!“ ein NKVD-Oberleutnant eintrat und salutierte, erwiderte Bergmann den Gruß ruhig und souverän.
„Genosse Oberst, Ein Fernschreiben aus Wladiwostok!“
„Geben Sie her.“ Auch Bergmanns Stimme klang ruhig und beherrscht. Wenigstens war nicht seine sofortige Verhaftung befohlen worden, ansonsten wäre der Oberstleutnant nicht alleine erschienen. Bergmann nahm den Papierstreifen und las. Er hätte fast gelächelt. Sie hatten Glück gehabt. Auch wenn die Führung den Erfolg für „geringer als erwünscht“ einstufte, zeigte sie sich insgesamt mit dem Konzept zufrieden.

Als Bergmann fünfzehn Minuten später Oberst Rybatows Büro betrat, grinste der Armeeoffizier frostig: „Ich habe die Nachricht bereits erhalten.“
„Die NKVD-Zentrale Fernost empfiehlt außerdem, die Aktion noch ein paar Mal mit anderen Risiko-Transporten zu wiederholen. Wenn sich das herumspricht, vor allem wenn wir passende Gerüchte lancieren, wird dies den Piraten und Weißgardisten einiges ihres Schneides abkaufen.“
„Nun, wir werden sehen was sich tun lässt. Moskau ist aber eher besorgt über diesen dilettantischen Versuch, uns auf die Japaner zu hetzen. Laut unseren GRU-Berichten…“ Rybatow grinste wieder dünn, die Rivalität zwischen NKVD und GRU war ein offenes Geheimnis, „…will Texas am liebsten einen neuen japanisch-russischen Krieg anstiften. Verdammte Hurensöhne. Wir haben strikte Anweisung – jedweder bewaffneter Zusammenstoß ist zu vermeiden, außer zur Selbstverteidigung.
Und GRU und NKVD sollen versuchen, mehr über die Aktivitäten dieser texanischen Banditen und Diversanten herauszufinden. Die GRU hat einen Mann an einer angeblich sicheren Quelle – aber diese Informationen gehen direkt nach Moskau. Wer weiß, was wir davon zu sehen bekommen – und wann. Wie sehen Ihre Möglichkeiten aus?“
„Wir sehen den Angriff auf die PUSCHKIN in direktem Zusammenhang mit der texanischen Provokation gegenüber Japan vor ein paar Tagen. Vermutlich wissen die Weißen, die an dem Angriff auf die PUSCHKIN beteiligt waren, mehr. Wir haben einige interessante Informationen und lose Enden, denen wir folgen können.“
„Moskau können Sie nicht mit diesen Versprechungen abspeisen, Genosse. Machen Sie bitte Druck.“
„Selbstverständlich. Inzwischen sollten wir jedoch die Piratenjagd…“
„Ich kenne meine Befehle. Ich werde sehen, was ich machen kann.“


Gleichzeitig, japanischer Marinegeneralsstab

Admiral Isoruko Yamamoto richtete sich auf. Seine Stimme klang ruhig und autoritär: „Wir sind uns also einig. Wir werden auf diese Aggression entschlossen, aber beherrscht reagieren. Der Flottenbesuch der ‚Akagi’ und ‚Shoho’ in Port Arthur dürfte das richtige Zeichen sein. Außerdem wird die Presse die Verlagerung der 12. Marineinfanterie-Division nach Manschuko…gebührend würdigen. Diese Verlegung war ohnehin geplant – und die Russen wissen das wahrscheinlich. Aber sie werden das Zeichen verstehen. Der…Vorfall auf den Aleuten wird hingegen vorerst nicht weiter thematisiert werden. Nicht, bevor wir nicht genauere Informationen über die Angreifer haben. Erfolgte der Angriff wirklich durch russische Maschinen? War es eine gezielte Provokation der Sowjetstreitkräfte? Oder nur ein lokaler Schlag von Militärs, die eine Entscheidung erzwingen wollen? Es hat solche Vorfälle schon gegeben.“
Im Kreis der Admiräle wurde geschmunzelt. Die japanischen Streitkräfte hatten mit eigenmächtigen Aktionen schon mehrfach die schwache und zögerliche Regierung zum Handeln gezwungen.
Admiral Nagumo schüttelte den Kopf: „Sie wissen genau, dass es in der Armee Kräfte gibt, die ein Losschlagen gegen die Russen bevorzugen. Sie wollen eine Revanche.“
„Und sie glauben wirklich, dass das Ergebnis diesmal ein anderes wäre? General Shukov hat uns zweimal sehr deutlich die Grenzen aufgezeigt. Es fehlt unserem Heer immer noch an genügend Panzern. Und auch die Luftstreitkräfte des Heeres müssen verstärkt werden. Der Krieg in China bindet weiterhin einen Großteil unserer Armee. Großangelegte Operationen in der Weite des russischen Raumes können wir uns nicht leisten. Vielleicht sähe es anders aus, wenn Russland in Europa gebunden wäre. Aber unsere Verbündeten haben trotz der Versprechungen ihres ‚Führers’ noch nicht einmal eine gemeinsame Grenze zur Sowjetunion. Außerdem wäre es Wahnsinn mit Frankreich und England als Nachbarn einen Krieg gegen Russland zu beginnen. Von dieser Seite können wir substanzielle Hilfe deshalb wohl kaum erwarten. Bestenfalls bindet das Deutsche Reich durch seine bloße Existenz und sein Potential einen Großteil des französischen Heeres und der britischen Flotte und Luftwaffe.
Unsere vordringliche Aufgabe muss weiterhin die Errichtung der großasiatischen Wohlstandszone sein. Und die Sicherung der nötigen Ressourcen an Lebensmitteln und Rohstoffen, die dem Kaiserreich Autarkie und die Verteidigung seiner Grenzen gewährleistet. Amerika ist zerfallen. Damit ist unserer Hauptgegner im Pazifik effektiv als Großmacht ausgefallen. Heute fürchten die Amerikaner eher eine Invasion ihres Kontinents, als dass sie sich bei einem Krieg gegen uns irgendwelche Chancen ausrechnen. Der pazifische Raum, die Kolonien der alten Kolonialmächte, sind zum Greifen nahe und nur schlecht verteidigt. In Indochina kann Frankreich noch nicht einmal die einheimische Bevölkerung kontrollieren. Singapur ist mehr ein Name, ein Propagandagespinst, als eine echte Festung. Aber ihr Fall würde die Herrschaft der Europäer endgültig als schwach und angreifbar entlarven. Großbritannien befindet sich in einem unerklärten Konflikt mit unseren Verbündeten. Frankreich ist immer noch geschwächt durch den letzen Krieg und starrt wie gebannt auf seine Nordgrenze. Diese Situation gilt es auszunutzen.
Und dies bedeutet vor allem den Ausbau der Marine und unserer Luftstreitkräfte – auch denen der Armee. Die Formierung neuer Luft- und Marinelandedivisionen. Es gibt in der Armee genug Offiziere, die wie wir nach Süden schauen. Wir müssen es nur verstehen, sie auf unsere Seite zu ziehen. Dann haben wir die Macht, der Regierung die nötigen Schritte abzunötigen.“
„Und der Kaiser?“
„Wird tun, was für Japan das Richtige ist.“ Die Blicke der Offiziere richteten sich bei diesen Worten unwillkürlich auf das Bild Kaiser Hiroitos. Sie alle wussten, der Kaiser war ein wenig entschlossener Mann, während die Politik de facto in den Händen des Militärs lag. Aber dennoch, wenn Hiroito eine Entscheidung treffen sollte, dann würden auch sie seinem Wort folgen. Er war der Kaiser. Und der Kaiser war Japan.

***
In der Deutschen Botschaft, Tokio

„Unsere japanischen Freunde scheinen ziemlich aufgebracht. Und diese Texaner sind wirklich versessen drauf, einen Weltkrieg auszulösen. Sie sind wirklich verrückt.“ Eugen Ott lachte bellend, während er noch einmal den letzten Funkspruch des deutschen Agenten überflog, der sich auf dem texanischen Kaperer eingeschleust hatte. Dann blickte der deutsche Botschafter auf und runzelte die Stirn: „Ist etwas, Richard?“
Richard Sorge schüttelte nur den Kopf und verzog den Mund zu einem bitteren Lächeln: „Manchmal schmerzen die alten Wunden wieder.“
Eugen Ott glaubte zu begreifen: „Glaub mir, Richard, ich verstehe dich. Verdammt, ich weiß doch, was ihr damals in den Schützengräben durchgemacht habt. Aber glaub mir, dieser Krieg wird anders werden. Ganz anders. Diesmal werden die Bolschewisten uns nicht mehr in den Rücken fallen.“
„Ja. Dieser Krieg wird anders werden…“ Dann wirkte das Gesicht Sorges wieder ruhig und entschlossen: „Nun, genug mit den alten Grillen. Deswegen hast du mich ja nicht hergerufen.“
„Ich wollte dir eigentlich nur mitteilen, dass Berlin deine Expertise in den höchsten Tönen gelobt hat. Mach so weiter, und sie ernennen mich noch zum Botschafter England. Wie würde dir das gefallen?“ Eugen Ott lachte. Der Botschafterposten in England wurde nur von den besten Beamten des Auswärtigen Amtes bekleidet. Gleichzeitig aber war der Posten ein Schleudersitz – nur wenige Männer hielten sich dort länger als ein, zwei Jahre, bis eine politische Krise, eine Agentenaffäre, eine gewollte oder ungewollte diplomatische Indiskretion die Ablösung erzwangen.
„Ich würde dich vermissen, Eugen.“ Das meinte Richard Sorge sogar ernst.
„Du würdest natürlich mitkommen, Richard.“
„Was soll ich in London? Ich hasse das englische Wetter. Und die Engländer…Die Japaner haben wenigstens nicht drei Jahre lang versucht, mich umzubringen.“
„Und die englischen Frauen können wohl auch nicht mithalten, nicht wahr?“ Eugen Ott lachte schallend.
Richard Sorge lächelte nur: „Mein Platz ist hier, Eugen.“ Und auch das meinte er ernst. Und im Stillen schwor er sich, alles – ALLES - zu unternehmen, damit diese neue Provokation nicht das wurde, was sich diese verdammten texanischen Kapitalisten erhofften. Und worauf Botschafter Ott spekulierte. Dieses hinterhältige Intrigenspiel würde sich nicht zu einem neuen Krieg ausweiten – einem Krieg, der leicht den gesamten asiatischen Raum, die Sowjetunion, Japan und China in einen blutigen Taumel der Vernichtung stürzen könnte.
Ein paar Schüsse in Sarajewo hatten vor zwanzig Jahren den Imperialisten gereicht, einen weltweiten Krieg zu entfachen, der ihm selber seine Gesundheit und Millionen Menschen das Leben gekostet hatte. Was immer in seiner Macht stand, um eine Wiederholung dieses Wahnsinns zu verhindern, musste er tun. Und würde er tun.

***
Etwas Später, Berlin, RSHA

„Also Seattle.“ Sturmbannführer Friedrich Hoffmann grinste raubtierhaft. Sein ‚Mann’ bei der Abwehr – wenn man diesen Päderasten einen Mann nennen konnte – lieferte weiterhin und pünktlich alles, was dieser Abwehragent von Bord des Piratenluftschiffs sendete.
Er hatte allen Grund zur Zufriedenheit. Denn jetzt fühlte er die lang ersehnte Beute schon beinahe in Reichweite. Er würde nicht länger warten. Wenn Friedrich Hoffmann seine Möglichkeiten jetzt klug nutzte, dann würde Thomas David Marquardt bald in seiner Hand sein. Lebendig oder tot. Und dann wäre endlich dieser Makel aus seiner Akte und seinem Leben getilgt. Marquardt wusste es natürlich nicht. Aber wenn er, Sturmbannführer Friedrich Hoffmann – und bald vermutlich wieder Obersturmbannführer – etwas zu sagen hatte, dann würde Marquardt in Seattle bereits erwartet werden. Und dieser verdammte verjudete Verräter würde dies erst dann bemerken, wenn es zu spät war.

***
Kaum einer der Männer und Frauen an Bord der NORTH STAR konnte richtig ermessen, wie viel Unruhe und Befürchtungen die zwei unbedeutenden Angriffe hervorgerufen hatten, an denen sie teilgenommen hatten. Und keiner von ihnen wusste, wie viel wirklich über sie bereits bekannt war und welche Kräfte sie zu entfesseln riskierten. Hätten Sie es gewusst, vielen an Bord wäre es wohl schwer gefallen zu schlafen. Aber nicht einmal Ernst von Stahlheim kannte die Ausmaße und die Gefahren des unsichtbaren Netzes, dass sich langsam um die NORTH STAR zusammenzuziehen drohte. Nachdem der Agent seine letzte Funkmeldung abgesetzt hatte, hatte er das Gerät wieder versteckt. Bis Seattle wollte er Funkstille halten, alles andere wäre zu riskant gewesen. Während er noch einmal die Wandplatte, die das Funkgerät verbarg, nach verräterischen Kratzspuren absuchte, wanderten seine Gedanken unwillkürlich zu einer bestimmten, rothaarigen Abwehr-Agentin in Sky Haven. Der deutsche Offizier lächelte kurz, fast wehmütig.
Thema: [OT ]Crimson Sky: Next Chapter
Tyr Svenson

Antworten: 29
Hits: 537
13.02.2020 17:49 Forum: Kurzgeschichten


„Es hat Klutz übel erwischt“, stellte Blue fest. „So schnell kommt der in kein Cockpit rein. Wir sollten ihn so schnell es geht zu einem guten Arzt bringen.
Die Brigand wurde auch ordentlich angenagt. Sam hat eine Woche veranschlagt. Minimal. Stick hat auch ein paar Kratzer abbekommen, aber nichts, worüber wir uns Sorgen machen müssten.
Bei Rocket sieht es schlimmer aus. Hoher Blutverlust, gebrochener linker Arm. Er fällt mindestens für zwei Monate aus. Und ich brauche wohl nicht zu sagen, dass er ebenfalls einen guten Arzt gebrauchen könnte. Seine Mühle hat fast Schrottwert. Wenn wir einen Ersatzpiloten hätten, müssten wir ihn in die Reservemaschine stecken. Die Bloodhawk fliegt jedenfalls nicht mehr.“
Armstrong faltete die Hände vor dem Gesicht zusammen und zog die Stirn kraus. „Keine Toten bei uns. Der Rest lässt sich zusammenflicken. Also gut, Jeff, Kurs auf die nächste größere kanadische Stadt, die uns landen lässt.“
„Verstanden.“
Armstrong sah auf, blickte in die Runde. Rocket hatte sich die Verletzungen bei einem Dogfight mit einer Devastator geholt, die ihn und die Gyros eingeholt hatte. Rocket hatte verbissen gekämpft, aber den Abschuss eines weiteren Drehflüglers nicht verhindern können. Zudem war er selbst verletzt worden, seine Mühle hatte es ordentlich zerfleddert. Rainmaker hatte es zur gleichen Zeit mit einer Peacemaker zu tun gehabt und nicht helfen können. Geschweige denn von den anderen zerrupften Weißen auf Fluchtkurs. Sie hatten bei dem Angriff der schnelleren Flieger noch eine Maschine eingebüsst, im Tausch für zwei Verfolger und ihren zweiten Gyro.
Anjas Gruppe hatte fürchterlich gelitten. Ob sie sich jemals davon erholte war fraglich. Das es eine Falle gewesen war hingegen nicht.

„Das war ja ein schönes Fiasko“, meldete sich Steel mit Sarkasmus in der Stimme zu Wort.
„Sie haben Recht, Steel. Es war ein Fiasko. Kein Wunder, dass die Reste der Tartaren und der Kosaken an uns vorbei gerauscht sind, ohne uns eines Blickes zu würdigen oder sich für Rockets Hilfe zu bedanken. Von unserer ganz zu schweigen“, meldete sich Dusk zu Wort.
„Nach den Verlusten wären wir auch nicht in der Stimmung gewesen, uns zu bedanken. Vielleicht sind wir sogar noch Schuld an dieser Falle, immerhin haben wir vier ihrer Zigarren aufgebracht“, tadelte Steel ernst.
„Es war ein Goldtransport“, sagte Dave ernst. „Wir hatten nicht gerade die Kontakte, um gerade einem Goldtransport nachzuspüren. Anja hatte sie schon.“
„Was wollen Sie damit sagen, Armstrong?“
„Nun, Steel, es war eine Falle. Und ich glaube, den Roten war egal, wer ihnen da reintappt. Hauptsache, sie haben was zu feiern.“
Dave stand auf. „Ich werte das Gefecht offiziell als Niederlage. Blue, mach einen entsprechenden Logbucheintrag. Und dann lasst uns hier verschwinden. Ich habe die Schnauze voll von Alaska.“
„Aye, Sir.“

**
Es war spät in der Nacht und der Hangar lag still vor Armstrong. Es brannten ein paar Lampen, sie tauchten die abgestellten Flugzeuge in schummriges Licht. Er selbst lehnte neben dem Heckschott und sah hinaus. Es war bitterkalt, aber die Tasse Kaffee in seiner Hand war ihm im Moment Wärme genug.
„Woran denken Sie, Armstrong?“, klang Steels Stimme auf. „Nimmt Sie der Rückschlag so sehr mit?“
Dave wandte sich um, sah Steel mit einem eigenen Stahlbecher näher kommen.
Der Commander winkte seinen Staffelkommandeur heran, griff nach einer Glasflasche neben sich, entkorkte sie und schenkte dem Industrial einen ordentlichen Schluck ein.
„Ich werte es nicht als Rückschlag“, sagte Armstrong ernst. „Es ist vielmehr unsere erste große Belastungsprobe. Wir haben beinahe zwei Mühlen und drei Leute verloren. Was meinen Sie, wie nimmt die Crew es auf?“
„Unter dem Gesichtspunkt einer Belastungsprobe? Recht gut.“
„Dann bin ich zufrieden. Es hätte schlimmer sein können. Und die Crew hätte anders reagieren können. Gerade die Texaner.“
„Sie sind doch nicht etwa zufrieden? Himmel, wer weiß, vielleicht haben wir einen Krieg zwischen den Russen und den Japanern angezettelt. Von den zwei Maschinen und den Crews ganz zu schweigen.“
„Dem gegenüber stehen vier geplünderte Frachter und ein sehr erfolgreicher Nachtangriff. Von den beiden Russen, die wir bei der letzten Aktion in den Bach schmeißen konnten gar nicht zu sprechen. Doch, auch wenn das für Sie hart klingt, Steel, ich bin zufrieden. Vielleicht nicht als Mensch und Pilot. Aber als Commander bin ich zufrieden.“ Armstrongs Hände krallten sich um die Tasse. „Muss es sein.“
„Dennoch war es ein Fiasko“, erwiderte Steel hartnäckig, nippte an seinem Kaffee und hustete. „Bisschen stark.“
„Wäre ich ein Arsch, würde ich jetzt sagen: Na und? Es waren ja nur Russen.“
„Und was sagen Sie stattdessen?“
„Wir fliegen um zu töten und zu sterben. Genießen wir die Zeit, bis der große Lotse im Himmel unseren letzten Flug leitet.“
„Was für ein Bullshit“, brummte Ernst Stahl über den Rand seiner Tasse hinweg.
„Und es hat uns niemand verboten, bis dahin Spaß am fliegen zu haben, oder?“, fügte Armstrong mit einem dünnen Grinsen an.
„Schon besser.“

Sie schwiegen einige Zeit und tranken den Kaffee. Schließlich nickte Steel und kippte die traurigen Reste aus seiner Tasse die Rampe hinab. „So, ich gehe schlafen. Meine Rotte geht morgen als erste raus. Gute Nacht, Commander.“
„Gute Nacht, Steel. Ach, Steel?“
„Ja?“
„Was denken Sie? Sind wir bereit für die LEVIATHAN?“
Der Industrial zögerte bei dieser Frage. „Nun…Ich denke nicht, dass man dafür bereit sein kann. Aber wenn wir die Gelegenheit bekommen, sollten wir sie nutzen.“
„Gute Antwort.“ Armstrong kippte ebenfalls den kläglichen Rest der Tasse aus und schloss das Heckschott. Es war ein langer Tag gewesen.
Thema: [OT ]Crimson Sky: Next Chapter
Tyr Svenson

Antworten: 29
Hits: 537
13.02.2020 17:48 Forum: Kurzgeschichten


Dave Armstrong Stone stand an diesem Tag sehr früh auf. Zwar ging die Sonne schon auf, aber die Borduhren zeigten erst auf die vier und die zwölf. In diesen Breitengraden pflegten die Tage zu dieser Jahreszeit sehr lang zu werden. Ein Umstand, der ihnen nützen oder sie umbringen würde.
Dennoch saß er fünf nach vier in der Kantine und ließ sich von Johnny Katayama, seinem Steward, ein kräftiges Frühstück servieren. Kaffee, Brot, Marmelade, Pfannkuchen und Ahornsirup.
Erstaunt registrierte der Deutsche, dass es sich noch jemand zur Aufgabe machte, die Küche so früh am Tag mit Arbeit zu terrorisieren. Ernst Stahl griff aber nur zu Kaffeebecher und Kanne, schenkte sich großzügig ein und setzte sich zu seinem Kommandeur.
„Mir gefällt die Sache nicht“, brummte er zwischen zwei heißen Schlucken Kaffee. „Weiße, Rote, das sind doch alles nur Kommunisten.“
„Was soll´s. Einige von ihnen sind gut im Bett“, bemerkte Dave spöttisch und beobachtete den Mann aus den Industrials dabei.
Der zeigte wie erwartet eine Reaktion, aber es war nicht ganz die, die Dave eigentlich vorhergesehen hatte. Der Mann schmunzelte.
„Dennoch, Commander. Das Cat Pack wird nicht die Hauptlast des Angriffs tragen müssen, aber sobald es einen Schuss abfeuert, bedeutet das, dass Sie ganz tief in der Scheiße stecken. Ich habe das Dog Pack in einer halben Stunde wach, getankt und aufmunitioniert.“
Armstrong nickte zufrieden. „Sie sind ein sehr guter Kommandeur, Steel. Das ist auch der Grund dafür, dass ich Sie und das Dog Pack heute zuhause lasse. Wenn es Ärger gibt, und geärgert haben wir die Kommunisten wahrlich genug, dann will ich meine Zigarre gesichert wissen. Sie sind der Mann dafür. Falls es zum äußersten kommt, retten Sie den anderen den Arsch und helfen Sie Blue anschließend, den Zeppelin sicher zurück nach Sky Haven zu bekommen.“
Der Industrial verzog das Gesicht, als hätte er Zahnschmerzen. „In den Einheiten, in denen ich geflogen bin, hat man es als schlechtes Omen verstanden, wenn der Commander von solchen Dingen spricht.“
„In den Einheiten, in denen ich etwas zu sagen hatte, habe ich immer dafür gesorgt, dass die Hackordnung bekannt war und jeder seine Aufgaben kannte. Das hat sich bewährt. Ich sehe keinen Grund, das zu ändern.“
Die beiden Männer maßen sich eine Zeitlang mit Blicken.

Als Melissa Vandersen die Kantine betrat, fand sie zwei sich verbissen anstarrende Männer vor. Sie zuckte die Schultern, nahm sich einen Kaffee und setzte sich neben Armstrong. „Wenn Ihr beide lieber alleine bleiben wollt…“
Irritiert sahen die beiden die Pilotin an. „Was? Dusk, dich soll einer verstehen.“
Die blonde Texanerin lachte. „Entschuldige, Armstrong, aber Ihr habt euch so tief in die Augen gesehen, da dachte ich, es hätte zwischen euch gefunkt.“ Sie zwinkerte dem Industrial zu, was dieser irritiert zur Kenntnis nahm.
„Es…ging um den Angriff“, informierte er die junge Frau kühl. „Ich war dagegen, dass das Dog Pack sich auf den Wachtdienst bei der Zigarre beschränkt.“
„Das bin ich auch“, entgegnete die Texanerin ernst. „Aber ich kenne meinen Armstrong. Wenn er einmal eine Entscheidung getroffen hat, kann man ihn nur noch an eine Rakete binden und abfeuern.“
„Dusk!“, tadelte Dave. „Rede nicht so einen Quatsch. Ich bin durchaus in der Lage, über meine Ansichten konstruktiv zu diskutieren.“
„Du meinst zu zerreden, zerpflücken, vierzuteilen und abzutun. Ja, das kannst du wirklich.“
Die Pilotin schenkte sich Kaffee nach. „Ich gehe mich umziehen und checke dann meinen Vogel. Wir sehen uns auf dem Flugdeck. Und Ernst, passen Sie gut auf die NORTH auf. Wenn wir die Roten gerupft haben, hätte das Cat Pack gerne noch einen Platz zum Landen.“
„Sonst noch was? Soll ich eventuell neben Ihnen herfliegen und Sie bis zum Hangar begleiten?“
„Nein, danke. Ihre Begleitung sollten Sie für gewisse Momente in Sky Haven aufheben“, erwiderte sie trocken.
Dusk verließ die Kantine.
Armstrong zog eine Augenbraue hoch. „Ist das was, das ich wissen sollte?“
„Ich weiß nicht, wollen Sie noch was lernen? Dann sollte ich einen Bericht schreiben.“
Der anzügliche Tonfall des Industrials ließ keine Zweifel offen, was es zu lernen gab.
Armstrong lachte. „Dann müsste ich für Sie wohl ebenfalls einen Bericht schreiben“, meinte er in Anspielung seiner Bekanntschaft mit der russischen Pilotin, die ihn zu dem Angriff auf die Frachterzigarren der Kommunisten überredet hatte. „Vielleicht können Sie auch noch was lernen, Steel.“
„Sicher. Und Washington wird wieder Hauptstadt.“
Armstrong lachte auf, erhob sich und verpasste seinem Becher eine neue Füllung. „Nun, wer weiß? Ich verlasse mich jedenfalls auf Sie, Steel. Und ich meine nicht den Bericht.“
Nun war es am Industrial, kurz aufzulachen. Er nickte, ernst und beinahe verschlossen, als Armstrong ein letztes Mal zurück sah.

**
„Und jetzt die Siebziger.“
„Siebziger aufmunitioniert, Sir.“
„Ich gebe Feuer.“
Die schwere Kanone ruckte einmal, dann rutschte die blinde Patrone ins Abschussrohr. Da sie keinen Treibsatz hatte, schoss sie nicht hindurch, egal wie oft der Hammerbolzen auf den Zündhut hämmerte. Aber es war ein passabler Funktionstest.
„Okay, Sir, die Siebziger funktioniert auch.“ Samantha Rogers lugte an der Waffe vorbei ins Cockpit und lächelte mit ihrem mit Öl verschmierten Gesicht schüchtern.
„Dann machen wir noch den Instrumentecheck. Anschließend laden wir die Waffen.“
„Die übliche Mischung Buntfeuer, Sir? Panzerbrecher, Magnesium, Explosiv, Panzerbrecher, Magnesium?“
Panzerbrecher waren dazu gedacht, die schützende Hülle eines gegnerischen Vogels zu durchschlagen oder nachhaltig abzuschaben. Magnesiumkugeln hatten nicht diese Fähigkeit, neigten aber dazu, zu miesen kleinen Brandherden zu werden, die alles Brennbare in der Umgebung entzündeten. So manche Maschine war vom Himmel gefallen, weil sich Magnesiumkugeln in die Tragflächen und die dortigen Treibstofftanks gefressen hatten. Explosivgeschosse hingegen waren kleine Vorschlaghämmer, die versuchten, jede noch so kleine Schwachstelle nachhaltig auszunutzen und potenziert Schaden anzurichten.
Deshalb neigten die meisten Piloten dazu, gemischte Munition mitzunehmen.
„Wie immer, Sam. Aber bei den Raketen gibt es eine Änderung. Ich nehme diesmal nur Blitz mit. Das Cat Pack unterstützt lediglich. Ich werde mir wohl kaum einen weiteren Abschuss holen müssen.“ Armstrong lächelte dünn. Seit er diese Zigarre hatte, seit er zwei Staffeln unter einen Hut bekommen musste, hatte er lediglich assistiert. Dabei hatte er eigentlich gedacht, als Chef seine Abschüsse etwas in die Höhe treiben zu können. Aber die Verantwortung ließ ihn immer zuerst an seine Leute denken, dann erst an sich selbst.
Es war verrückt.

„Ist gut, Sir“, sagte die Cheftechnikerin und lächelte erneut. Verstohlen wischte sie sich durch ihr Gesicht und verschmierte dabei den Ölfilm.
„Ist irgendwas, Sam?“
„Wie meinen, Sir?“
„Genau das meine ich. Warum dauernd dieses Sir, Sir? Ich dachte, das haben wir mittlerweile hinter uns gelassen.“ Vertraulich legte er der Technikerin eine Hand auf die Schulter.
Nachdrücklich schob die blonde Texanerin die Hand von ihrer Schulter herab. „Bitte, Sir. Nicht das. Nicht jetzt. Ich bin nicht sicher, ob ich da mithalten kann.“
„Sie sprechen in Rätseln, Sam“, tadelte Dave verwundert. „Wo können Sie nicht mithalten?“
Die junge Frau sah verlegen weg. „Ich kann mit Ihrer Russin nicht mithalten, Sir.“
„Mit meiner…Was, bitte? Können Sie es mir bitte so erklären, dass ich es verstehe, Sam?“
Dave fühlte, wie sich ihre schlanken, aber kräftigen Hände in seine Fliegerjacke krallten. Sie zog heftig, und beinahe wäre der Pilot aus dem Cockpit gefallen.
Sam Rogers stoppte ihn, wenngleich nicht ganz auf konventionelle Weise. Ihr intensiver Kuss war in mehrerlei Hinsicht eine echte Überraschung.
Als sie die Hände wieder löste und den harten Kuss beendete sah sie verlegen zur Seite. „Sie haben mit Anja in Sky Haven geschlafen, nicht? Ich komme da nicht hinterher. Nicht so schnell und…“
Dave starrte sie nur mit offenem Mund an. Hatte er da was nicht mitgekriegt? Was war passiert? Und wie hatte es über ihn hereinbrechen können, ohne ihn zu fragen?
„Sam, ich…“
„Ich weiß schon, ich weiß. Das war rein sexuell. Sie wollen keine Beziehung, weil der Tod Ihrer Freundin noch nicht lange genug her ist und Sie haben mich als Partnerin noch überhaupt nicht ins Auge gefasst. Ich mache mir da nur was vor und habe mich von Ihrem selbstsicheren Auftreten und dem hübschen Gesicht verleiten lassen. Nun habe ich mich in etwas verrannt, und ich muß da alleine wieder raus finden. Tut mir Leid, dass ich Sie da mit rein gezogen habe.“
Wütend und unsicher schüttelte Dave den Kopf. „Sam, ich…“
„Schon gut, Sir. Es ist mein Fehler, nicht Ihrer. Gehen Sie da raus, holen Sie ein paar Kommunisten runter und machen Sie sich keine Sorgen. Wenn Sie wieder kommen, bin ich wieder ganz die Alte. Versprochen.“
Armstrong fühlte sich übergangen, verraten und wie nach einem Sprung ohne Fallschirm. Was war gerade geschehen?
Sam verschränkte die Arme ineinander, hob sie über den Kopf und streckte sie. „So, das musste einfach sein. Jetzt fühle ich mich besser. Ich gebe Nick Bescheid, damit er sich um Ihre Raketen kümmert, Sir.“

Die blonde Technikerin wandte sich der Maschine von Dusk zu und Dave starrte ihr hinterher. Irgendwie sehnte er sich nach der Einfachheit eines Luftkampfs gegen eine zehnfache Übermacht.
Steel klopfte gegen das Plexiglas seiner Pilotenkanzel. „Armstrong, ich bin ziemlich sicher, dass mich das nichts angeht, aber was ist hier gerade passiert?“
Dave zog die Stirn kraus und sah den Industrial an. „Das, zum Henker, wüsste ich selbst gerne.“

**
Sie trafen um sechs Uhr einunddreißig mit den beiden Staffeln unter Anjas Kommando zusammen. Sammelpunkt war ein lang gestrecktes Flusstal in Küstennähe, in dem sie leitern konnten. Der Leiterformationsflug wurde normalerweise nach dem Start angewandt und bedeutete, dass die Piloten eine geordnete Schleife flogen, bis die letzte Maschine gestartet war und sich eingereiht hatte.
In diesem Fall schloss das Cat Pack zu den weißen Piloten auf, flog einige Zeit in Formation und verließ mit ihnen zusammen das Tal. Der Kurs ging aufs offene Meer hinaus, dicht über dem Wasser. Vier voll beladene Autogyros folgten ihnen.
„Hier ist der Plan“, kam es von der Führungsmaschine, einer reich verzierten Devastator mit weißem Heck und königsblauem Rumpf. Unverkennbar Anja. „Die erste Staffel, Dnepr-Kosaken, greift die Begleitflugzeuge an. Die zweite Staffel, Amur-Tataren, attackiert die MG-Gondeln der Zigarre. Armstrong, es wäre nett, wenn das Cat Pack nicht nur bei den MG-Gondeln hilft, sondern auch bei den Begleitfliegern ein wenig mithilft.“
„Roger. Rocket, Rainmaker, Ihr helft die MGs auszuschalten. Klutz, Silence, Ihr kämpft die Begleitstaffel mit nieder. Armstrong und Dusk gehen auf hohe Sicherung. Ich wiederhole, Armstrong und Dusk gehen auf hohe Sicherung.“
„Einverstanden. Wir brauchen für die gesamte Aktion maximal eine halbe Stunde. Dnepr-Kosakenleader Ende und aus. Armstrong, kommst du kurz auf meine Privatfrequenz?“
„Roger.“
Neugierig wechselte der Deutsche die Ruffrequenz. „Was kann ich für dich tun, Anjanka?“
„Ich bin nur neugierig, Armstrong. Warum hast du deiner Staffel rote Sonnen verpasst?“
„Ach, weißt du, falls sich die Gelegenheit ergibt, dachte ich, packe ich mal meine zwei, drei Brocken japanisch aus und tue was für die russisch-japanische Freundschaft.“
„Ach. Der Angriff als getarnte Russen auf das japanische Flugfeld reicht dir wohl noch nicht?“
„Nein.“
„Okay. Wenn alles gut geht, sprechen wir nach dem Kampf miteinander.“
„Und wenn nicht alles gut geht?“
„Dann sprechen wir im Kampf miteinander.“
Dave lachte auf. „Verstanden. Sag Bescheid, wann ich hoch ziehen soll.“
„Roger.“

Armstrong wechselte wieder auf die Staffelfrequenz. Ansonsten beschränkte er sich darauf, die Maschine in Formation zu halten. Nach dem Soloauftritt des Dog Pack war sein Cat Pack scharf darauf zu beweisen, dass sie es ebenso drauf hatten wie die Hunde. Nun, er hatte nichts dagegen. Ein wenig Ehrgeiz zwischen den Staffeln erhöhte die Leistungsbereitschaft.
„Zigarre kommt in Sicht. Wir fangen jetzt an.“
„Roger, Anja. Gute Jagd. Rocket, Klutz, ihr kennt eure Aufgaben. Dusk, wir gehen zuschauen.“
„Ich wusste es war ein Fehler, mich an deinen Flügel heften zu lassen“, schimpfte die große Texanerin gespielt. „Nie gönnst du einem den Spaß.“
Die beiden Furys lösten sich vom Hauptfeld und begannen mit dem Aufstieg.

Die Soviets flogen vorschriftsmäßig. Ein Vogel auf hoher Sicherung – meistens das erste Opfer des Dirty Packs, wenn es angriff – und eine Rotte als Außenverteidigung. Diese Aufteilung erlaubte es permanent der Hälfte des Begleitschutzes, an Bord zu sein.
Während Armstrong die Fury klettern ließ, hatte er genügend Gelegenheit, die schnelle Reaktion der Russen zu beobachten. Der Beobachter auf dem hohen Posten ging in den Sinkflug und die Zigarre, namentlich die PUSCHKIN, spuckte die restlichen Flieger zur vollen Staffel aus. Dave zählte zwei Devastatoren, zwei Brigand und zwei Defender.
Die Brigand waren etwas ungewöhnlich, aber als Schlachtflieger, kleine mobile Festungen, nicht zu unterschätzen. Gerade in der Verteidigung machte sie das zu gefährlichen Gegnern.
„NASTUPLENJIE!“, hörte er Anja rufen. Sofort setzte sich ihre vordere Devastator-Rotte vor das Feld und schwenkte auf die Verteidiger ein. Ihr folgte Klutz mit Silence an der Seite.
Der Rest der Staffel folgte.
Danach schwenkte die andere Staffel mit Rocket und Rainmaker in der Formation ein, um der Zigarre saures zu geben.

Armstrong erreichte die von ihm bevorzugte Flughöhe dank der guten Steigleistung der Fury recht schnell, aber nicht schnell genug, um in bequemer Beobachtungsposition für den ersten Abschuss zu sein. Einer der Roten, eine Devastator, von Klutz und einem Weißen in die Zange genommen, stürzte in den Bach, bevor Armstrong wieder in die waagerechte ging.
Melissa Vandersen formierte sich an seinem Flügel. „Geht ja schon mächtig heiß her, da unten.“
„Was, willst du etwa mitspielen?“, scherzte Dave.
„Leichter Wind aus Südwest, stellenweise böig bis Windstärke sechs. Wolkenschichten auf tausend bis dreitausend Fuß. Kein Anzeichen weiterer Feindkräfte“, sagte sie stattdessen. „Nur für den Fall dass du glaubst, ich beobachte den Kampf, anstatt meine Arbeit zu tun.“
„Danke, Dusk, du bist ein Goldstück.“
„Dann bezahl mich auch so“, scherzte sie.

Unter ihnen wurde der zweite Russe in den Bach geschmissen, diesmal aber ein Weißer.
„Die Roten sind ganz schön hartnäckig“, brummte Dave besorgt. Die Kämpfe waren hart, keiner schenkte dem Gegner etwas. Und obwohl acht Maschinen die Staffel der Verteidigung der PUSCHKIN niederhielten und dezimierten, wehrten sich die Roten verbissen und wagten sogar öfter Vorstöße gegen die anderen acht Maschinen, die gegen MG-Nester und Antriebsgondeln vorgingen.
Dennoch fiel ein MG nach dem anderen aus.
„Wir holen jetzt die Gyros nach“, verkündete Anja, als das Verhältnis Angreifer-Verteidiger auf fünf zu zwei gefallen war. Auf der gegnerischen Seite waren nur noch eine Brigand und eine reichlich zerfledderte Defender in der Luft, und Klutz gab sein Bestes, um den Kollegen in seiner Lieblingsmaschine davon zu überzeugen, dass der Bach viel besser zu ihm passte als der Himmel. Aber er selbst hatte auch schon eifrig einstecken müssen. Stick hatte kurz davon berichtet, Klutz wäre verletzt worden. Der Dicke hatte aber sofort dementiert und war im Kampf geblieben. Allerdings war sein Vogel ganz schön gefleddert worden.
Die zweite Staffel der Weißen, die Tartaren, meldete den Abschuss des letzten MG-Nestes. Der Zeppelin verzögerte bereits merklich aufgrund der fehlenden Antriebsstärke. Und die vier Gyros mit der Infanterie kamen schnell für das Entermanöver heran.
„Anja, willst du die PUSCHKIN nicht zur Kapitulation auffordern?“, mischte sich Dave ein.
„Kapitulation? Das mag bei euch Yankees klappen, mein Süßer, aber wir sind Russen. Sie erwarten keine Gnade von uns. Und wir wären ohnehin nicht bereit sie zu gewähren. Diese Narren haben es nicht besser verdient!“, zischte sie.
Unwillkürlich dachte Dave an die Nacht in Sky Haven zurück, an die Leidenschaft, die Zärtlichkeit, ihre weiche Haut und die süße Stimme, als sie dem Höhepunkt entgegenstrebte…Und verglich sie mit der harten, ja, grausam klingenden Stimme dieser Frau. Armstrong wünschte sich Stephanie zurück.

Er hatte ja gewusst, dass es so kommen würde. Er selbst war ein Fremder hier, hatte keinen Hass auf die Roten oder die Weißen, war weder jahrelang unterdrückt worden noch unerträglich arrogant gewesen, hatte die Zarenzeit nicht miterlebt und nie im Großen Krieg gekämpft. Kurz, er konnte ihnen nicht in die Seelen sehen und ihre schweren Wunden erkennen. Er konnte nicht sehen, was da noch heilen konnte und was unrettbar verrottet war.
Und sicherlich wollte er es auch nicht. Also musste er die Russen die Sache unter sich ausmachen lassen und sich so weit wie möglich raus halten. Auch wenn es ihm schwer fiel.
Die unsichtbare Linie, schwor er sich, war erreicht, wenn die Weißen Wehrlose aus dem Zeppelin werfen würden. Denn das war weder gut für das Dirty Pack, noch für seine Nachtruhe. Nicht mehr nach dem, was die LEVIATHAN Wehrlosen angetan hatte. Nie mehr.

Die ersten beiden Gyros gingen per Hangar an Bord. Beinahe sofort schoss eine Stichflamme aus dem Hangar. Armstrong riss sein Fernglas heran, stellte es kurz ein und sah deutlich, wie mehrere Menschen als brennende Fackeln aus dem Zeppelin fielen. Ihnen stürzte ein brennender Gyro hinterher.
In der Funkverbindung knackte es, als sich der verbliebene Gyro meldete. „…Schweres Feindfeuer… Gut ausgebaute Stellungen… Hilfe…“
Die anderen beiden Gyros landeten und dank des Schutzes des noch intakten Drehflüglers aus der ersten Welle schafften sie es auch aufzusetzen.
Die Funkmeldungen aus dem Inneren der Zigarre jedenfalls waren nicht sehr ermutigend.
„…weiterhin schweres Feuer…MG-Stellungen in den Gängen…Wir versuchen sie zu werfen… Handgranaten und andere…“
Wieder erfolgte eine Explosion. Ein Seitenschott des Hangars beulte sich aus und segelte dann in die Tiefe. Drei Tote folgten dem Metallschott in die kalte See. Armstrong korrigierte sich selbst. Eigentlich waren es nur zwei. Es sah nur mehr aus.
„Anja, das ist ein Fiasko“, murmelte er mehr zu sich selbst.
Mittlerweile war auch der letzte Flieger des Geleitschutzes zu den Fischen geschickt worden. Die übrigen Maschinen, die vollen zwei Rotten des Cat Packs und neun Maschinen der Weißen, umkreisten den immer langsamer werdenden Transporter wie Indianer einen Wagentreck.
„Klutz, wie sieht es aus? Wie schlimm sind die Schäden?“
„Es geht, Armstrong. Nichts, was nicht noch ein paar Flugstunden aushält“, kam die Stimme des Dicken über Funk. Sie klang erschöpft, und Dave erkannte keinerlei Anzeichen für eine Verletzung. Dennoch. „Du und Stick habt gute Arbeit geleistet. Fliegt nach Hause und lasst euren Vogel zusammen flicken. Silence, du begleitest Klutz. Hier draußen gibt es keine Vögel mehr, den Rest schaffen wir schon.“
„Aber Armstrong, wir…“
„Keine Widerrede, Klutz. Noch habe ich hier das sagen.“
„Okay. Roger. Melden uns ab.“
Dave wechselte die Frequenz. „Anja, ich schicke meine Brigand nach Hause. Hier ist ohnehin nichts mehr für sie zu tun.“
„Was? Ja, ist in Ordnung. Wir haben sowieso ganz andere Sorgen im Moment.“
„Soll ich helfen kommen?“
„Kannst du mit deiner Fury im Innern einer Zigarre kämpfen?“, spottete sie.
„Dürfte etwas eng werden.“

Armstrong lauschte weiter dem Funk, während er mit dem Fernglas den Horizont absuchte. Die Lage entwickelte sich nicht gerade rosig. Im Gegenteil. Die Infanterie der Weißen bekam, um es mal auf den Punkt zu bringen, tüchtig auf die Fresse.
„Wenn die so weitermachen, schaffen sie es nie über den Hangar hinaus“, bemerkte Dusk sehr treffend.
„Unsere Frachter waren nicht so gut gesichert“, kommentierte Dave ernst. „Tja, scheint so als würden die Kommunisten langsam nervös werden, hm?“
„Gut gesichert nennst du das? Für mich klingt das nach einem Massaker. Einem übrigens sehr einseiten, wenn du mich fragst.“
„Gut, dass wir Piloten sind, was?“, scherzte Dave, obwohl ihm gar nicht danach zumute war. Immer wieder stiegen aus dem Heck und den beschädigten Seitenwänden Rauchwolken auf, die auf das Kaliber schließen ließen, mit dem die Russen einander beharkten. Und das an Bord einer Zigarre.
„Es wird vielleicht Zeit, die Infanterie zurück zu ziehen und die Zigarre einfach in den Bach zu schicken“, murmelte Armstrong halblaut.

„KLUTZ! IN DIE WOLKEN! IN DIE WOLKEN!“ Die Stimme von Silence überschlug sich fast.
„Armstrong hier! Was ist los?“
„Silence! Chef, hier sind überall Russen! Schwarze Maschinen mit silbernen Highlights, fünf Meilen hinter euch. Mindestens acht Stück! Sie fliegen knapp unter der Wolkendecke! Devastator, Coyote und Peacemaker! Verdammt, sie haben Klutz und mich nur deshalb nicht vom Himmel geholt, weil sie uns entgegen kamen und wir schneller in den Wolken waren als sie wenden konnten! Ich stecke mal kurz die Nase raus und…Schlechte Idee! Chef, da kommt ne ziemlich dicke Zigarre hinterher! Hat nen fetten russischen Stern auf der Flanke!“
„Schafft ihr es nach Hause, Silence?“
„Ich…komme schon klar, Chef. Muss…Muss nur aufpassen, dass…Dass der Vogel nicht noch was abkriegt…“
„Silence, vermeidet weiteren Feindkontakt. Aber führt die Russen nicht unbedingt direkt zu unserer Zigarre!“
„Roger. Viel Glück, Chef.“
„Roger. Ende und aus.
Anja, hast du mitgehört? Wir kriegen Besuch! Der große Bruder der PUSCHKIN ist unterwegs! Fünf Kilometer, kommen schnell näher! Wir müssen uns absetzen!“
„Wir können hier nicht weg! Diese Schweine haben unsere Infanterie festgenagelt! Sie kommen nicht zu ihren Gyros zurück. Und ich lasse niemanden in den Händen der Roten zurück, eher sterbe ich!“
„Dusk!“, blaffte Armstrong und drückte die Maschine hinab. Sofort hängte sich The Dusk an seinen Flügel und blieb dort.
„Schick deine langsameren Vögel schon mal vor! Ich bleibe mit meinen zwei Rotten hier und warte bis die Infanterie in den Gyros sitzt und gebe ihnen Begleitschutz!“
„Verdammt, ich habe dir doch schon gesagt, dass sie festsitzen!“
„Halt die Klappe und hör mir zu!“, blaffte Dave ungehalten. „Deine beschädigten und langsameren Vögel sollen sich absetzen! Sofort! Um den Rest kümmere ich mich! Dusk, bleib über der Zigarre und gib mir die aktuelle Lage rüber.“
„Verstanden, Armstrong!“ Die andere Fury löste sich und begann über der PUSCHKIN zu kreisen.
Dave reduzierte die Geschwindigkeit seiner Fury und setzte sich hinter die Zigarre. Nachdrücklich passte er sich dem Zeppelin an, hielt auf den Hangar zu.
„Willst du landen? Na toll, einer mehr, der auf dem Kahn festsitzt!“ Anjas Stimme klang nervös.
„Hast du noch Funkkontakt zu deinen Leuten, Anjanka?“, fragte Dave im freundlichsten Ton, zu dem er im Moment fähig war – mit einem Hangar vor Augen, in dem Dutzende Mündungsblitze aufleuchteten, Blut über den Rand hinab floss als wäre es Wasser und Dutzende Kugeln sogar über seine Fury schrammten. Eine schlug direkt in seinem Cockpit ein und blieb im Plexy stecken. Wäre sie weitergeflogen, hätte sie ihn in der Stirn getroffen.
„Ja. Wieso?“
„Sag ihnen, sie sollen sich sofort zu Boden werfen!“
„Was? Du bist wahnsinnig!“
„Tu es!“

Der Hangar erschien Dave wie ein schwarzes Loch. Nur das gelegentliche Aufblitzen von Mündungsfeuer und kleineren Explosionen erhellte die Finsternis für ihn. Im Klartext, er sah fast nichts. Zumindest aber konnte er die drei Gyros erkennen. Einigermaßen zumindest.
Anjas Stimme gellte auf Russisch auf und Dave reagierte sofort. Er hielt die Fury gerade und zog die Abzüge für die Dreißiger und Vierziger Kanonen durch. Damit schoss er mehrere Runden in den Hangar, ohne Rücksicht auf Freund und Feind und bestrich den gesamten Hangar, so gut es ging. Explosivgeschosse, Panzerbrecher und Magnesiumkugeln machten aus der kleinen Hölle eine richtige.
„Und jetzt raus mit deinen Leuten!“
„Du hast einen der Gyros zerschossen, du Idiot!“, rief Anja aufgebracht.
„Würde mich wundern, wenn du mehr als zwei brauchst, um die Reste von deiner Infanterie zu evakuieren“, blaffte Armstrong zurück.
„Chef, es wird eng. Die Russen sind auf eine Meile ran! Wir sollten stiften gehen!“, meldete Melissa Vandersen.
Dies war der Augenblick, in dem der erste Gyro startete. Kurz darauf gab es mehrere kleinere Explosionen im Hangarinneren, wahrscheinlich von seinen Magnesiumkugeln ausgelöst. Die Flammen und der Druck leckten nach dem zweiten Gyro, der so regelrecht aus dem Hangar hinaus gedrückt wurde. Aber die agile Maschine schaffte es.

„Und jetzt weg hier! Rocket, du begleitest die Gyros und passt auf sie auf. Dusk, du bleibst noch etwas.“
„Wir setzen uns jetzt ab. Dieses Debakel hat uns nur Blut gekostet. Was willst du hier noch, Armstrong?“
„Na was wohl, Anjanka? Mich für die Falle bedanken. Seht zu, dass Ihr Land gewinnt!“ Hart zog er die Fury hoch, auf eine Linie mit Dusk. „Ein Anflug, volle Salve auf die Hülle.“
„Die verdammten Kommis sind aber schon ziemlich nahe“, gab sie zu bedenken. „Sechshundert Yards, kommen schnell näher!“
„Folge mir einfach!“ Armstrong machte eine Kehre, sammelte Geschwindigkeit und zog auf die Zigarre zu. „Feuer!“
Die Waffen beider Maschinen bellten auf, rissen große Fetzen aus der Hülle des Zeppelins.
„Das reicht aber nicht, um ihn vom Himmel zu putzen!“
Lautes Prasseln von Metall auf Metall erinnerte Armstrong daran, dass die ungebetenen Gäste eingetroffen waren. „Booster, Dusk!“ „Roger!“
Die beiden Furys zogen über die Zigarre hinweg und aktivierten die Nitrobooster. Sofort machten sie einen Satz aus der Reichweite der russischen Maschinen heraus und in eine trügerische Sicherheit. Armstrong sah zurück und zählte dreizehn Maschinen. Die verdammte Falle hatte nicht ganz funktioniert. Aber es war eng geworden und noch lange nicht vorbei. Den Booster konnten sie auch nicht ewig benutzen. Nun galt es, genügend Vorsprung heraus zu holen, die Steigleistung der Furys auszunutzen, damit die schnelleren sovietischen Defender ihnen nicht zu schnell hinterherkamen. Und wenn sie es doch kamen, dann alleine. Dann konnten die texanischen Kaperer in den Kurvenkampf gehen und sie niederkämpfen.
„Noch mal den Booster“, befahl Dave und drückte den entsprechenden Knopf ein. Wieder machte die Fury einen mächtigen Satz und entkam so zwei Explosivraketen.
Armstrong biss sich auf die Unterlippe. Dann aktivierte er sein Funkgerät und ging auf die Frequenz der Roten. „Diese gemeinsame Aktion von uns und den Weißen Befreiungskräften für Alaska war die Rache für den feigen, hinterhältigen sovietischen Nachtangriff auf Shirow Kuma Ichiban! Weitere Aktionen werden folgen!“
Dave schaltete wieder auf den Staffelkanal.
„Du hättest noch Banzai brüllen sollen. So glaubt dir doch kein Mensch, dass wir Japse sind“, tadelte Dusk. Hinter ihnen zogen tatsächlich die Defender her und versuchten ihren Geschwindigkeitsvorteil auszunutzen.
„Sollen sie ja auch gar nicht. Genauso wenig wie die Japaner glauben sollen, wir wären beim Angriff auf das Landefeld Russen gewesen“, erwiderte Dave konzentriert.
„Was? Und warum dann der ganze Scheiß? So wie das klingt glaubst du ja, die Japaner und die Russen haben uns sofort durchschaut.“
„Natürlich haben sie das, wenn sie keine Vollidioten sind“, erwiderte Dave. „Steigen, Dusk. Wir gehen erstmal auf fünftausend. Dann in die Wolkenformation auf neun Uhr und rüber zur Küste.“
„Also? Warum dann? Warum die Mühe?“
Dave lächelte dünn. „Nun, vielleicht gibt es bei den Japsen oder den Ivans jemanden oder mehrere, denen so ein Vorwand gerade sehr gelegen kommt…Wer weiß? Und wenn sie doch drauf reinfallen, soll uns das auch Recht sein.“
Als die beiden Furys in die Wolken eintauchten, atmete Armstrong erleichtert auf.
„Funkstille ab hier.“
„Roger.“
Thema: [OT ]Crimson Sky: Next Chapter
Tyr Svenson

Antworten: 29
Hits: 537
13.02.2020 17:47 Forum: Kurzgeschichten


Anchorage, sowjetischer Militärbezirk

Alaska galt zu Recht als Hexenkessel, in dem sich Rote, Weiße und die diversen Piratenbanden an die Kehle gingen, misstrauisch beobachtet von den Diadochen der zerfallenen USA und den japanischen Streitkräften, die sich auf den Aleuten festgesetzt hatten. Aber es gab keinen Zweifel darüber, wer Anchorage kontrollierte. Ein komplettes motorisiertes Regiment war hier stationiert, mit Tanks, Flammenwerferpanzern, Tanketten und gepanzerten Spähwagen. Artillerie und Flak sicherte die Stadt, dazu kam ein komplettes Jagdfliegerregiment, Bomber und Aufklärer. Im Hafen war Marineinfanterie stationiert, dazu Zerstörer, Kanonen- und Torpedoboote, und ein U-Boot-Division. Anchorage war ein Drehpunkt für den militärischen Nachschub. Über diesen See- und Lufthafen lief ein Großteil des Waren- und Rohstoffstroms Richtung Sibirien.
In der Stadt herrschte de facto ständig Kriegsrecht. Neben den Patrouillen der Rotarmisten sorgte auch eine Ortsabteilung des NKVD für Ruhe.

Ein Konvoi verließ gerade die Stadt. Ein gutes Dutzend LKW wurden von einer Tankette und einem Panzerspähwagen eskortiert. Der Kommandant der Tankette lehnte in der Zugangsluke, glich mühelos das Rütteln des turmlosen Kleinpanzers aus. Die gepolsterte Kopfhaube hing etwas schief und er rauchte. Aber als der Konvoi die Kommandantur passierte, grüßte er mit der lockeren Eleganz jahrelanger Übung und grinste, als der Posten am Tor seinen Gruß erwiderte. Der Panzerkommandant wusste nicht, dass er auch aus dem Haus des Ortskommandanten beobachtet wurde.
Oberst Rybatow sah noch einem Augenblick dem vorbeirollenden Konvoi hinterher, dann drehte er sich um: „Sie kennen meine Bedenken, Genosse Bergmann.“
Der NKVD-Offizier zuckte leicht mit den Schultern, während der GRU-Major zustimmend nickte, ohne jedoch das Wort zu ergreifen. Major Iwanow war der Rangniedrigste in diesem Raum. Und was die beiden Oberste betraf…Zwar waren sie rangmäßig gleich und Rybatow außerdem der Standortkommandant – aber sogar ein General würde sich gegenüber dem Geheimdienst vorsichtig verhalten. Der NKVD sah sich nicht umsonst als Nachfolger der gefürchteten Tscheka, immer auf der Jagd nach Verrätern und Spionen.
Bergmann war nicht einmal besonders unangenehm, sondern für einen Geheimdienstoffizier recht umgänglich – aber er gehörte nun einmal zum NKVD. Und das bedeutete, dass man in seiner Gegenwart vorsichtig war und etwaige Kritik sehr behutsam formulierte. Bergmann hatte zur Auslandsabteilung des Geheimdienstes gehört, bevor man ihn nach Alaska versetzt hatte – keiner wusste, ob das eine Bestrafung für irgendein eingebildetes oder tatsächliches Fehlverhalten war, aber diese Spekulationen ließen Rybatow und Iwanow noch vorsichtiger werden.
Bergmann lächelte dünn: „Entspannen Sie sich, Genosse Rybatow. Wir drei sind schließlich die EINZIGEN die den vollen Umfang der Aktion kennen. Ich vertraue Ihnen…“, das klang etwas boshaft, Bergmann spielte manchmal mit dem Unbehagen, dass andere Offiziere gegenüber dem NKVD empfanden, „…also kann auch nichts verraten werden – außer dem, was verraten werden soll.“
„Aber das Risiko…“
„Ist notwendig. Sie kennen unser Dilemma. Wir haben einfach nicht genug Kräfte, um unsere Transporte zu eskortieren UND die Piraten zu jagen. Es reicht nicht einmal, um alle Frachtzeppeline ausreichend zu schützen. Das Oberkommando Fernost erwägt sogar die Einführung des Konvoisystems. Gleichzeitig verlangt man von uns, den Piraten – Konterrevolutionäre und imperialistische Agenten – spürbare Schläge zu versetzen. Da wir aber nicht die Kräfte haben, sie aufzuspüren und zu jagen, müssen wir sie anlocken. Und dann zuschlagen. Wir können uns weitere Verluste an Frachtmaterial, Transportern und Mannschaften nicht leisten.“
Major Iwanow schnaubte, sparte sich aber eine Bemerkung, als Bergmann ihn fixierte: „Sie wissen genau, Genosse Major, dass ich keine andere Wahl hatte. Es ist nicht akzeptabel, dass sowjetische Schiffe vor dem Feind kapitulieren. Es geht nicht an, dass eine Bande von Deserteuren und Briganten eine halbe Frachtflotte aufbringt – ohne nennenswerte Verluste. Wer nicht bereit ist, zu kämpfen, für den ist kein Platz in der Union der Vereinigten Sowjetrepubliken.“ Bergmanns Stimme hatte einen leicht dozierenden Klang, und tatsächlich zitierte er frei aus einer offiziellen Direktive. Auf die Nachricht hin, dass bereits der vierte Frachtzeppelin in kurzer Folge von ein und demselben Piraten, dem texanischen Kaperzeppelin NORTH STAR aufgebracht worden war, hatte Bergmann eingreifen müssen. Die überlebenden Piloten und unteren Offiziere waren degradiert und versetzt worden, die Mannschaft wurde ebenfalls versetzt. Der Kapitän und der Erste Offizier allerdings… Bergman war gnädig gewesen – sie hatten beide zehn Jahre Zwangsarbeit erhalten und waren an die Kolyma geschickt worden. Aber es war auch Bergmann klar, dass man so das Problem nicht in den Griff bekam. Deshalb hatte er sich etwas einfallen lassen, was einige dringend nötige Erfolge bringen, den Druck durch das Oberkommando Fernost mildern und hoffentlich die Piratenbanden etwas dezimieren und bei zukünftigen Angriffen auf sowjetische Schiffe weniger enthusiastisch werden ließ.
„Wenn die Piraten Ihnen diese Geschichte abnehmen.“
„Diese Basmatschen wissen, dass wir schon mehrmals Goldtransporte mit nur unzureichender Sicherung losschicken mussten. Es ist dem NKVD gelungen, einen…Kontakt festzustellen, der offenbar diverse konterrevolutionäre Banden mit Informationen versorgt, gegen Geld natürlich. Die zufällig durchsickernde Nachricht von einem verhältnismäßig leicht gesicherten Zeppelin, dass achthundert Kilogramm Gold transportiert, ist ein Leckerbissen, den sich dieser Abschaum nicht entgehen lassen wird. Leider ist der Mann in einer zu wichtigen Stellung, als dass man ihn langfristig mit Spielmaterial füttern kann. Aber für diese Mission ist er noch zu gebrauchen. Danach…“ Bergmans Gesicht verhärtete sich. Man würde den Spion verhaften, aus ihm alles was er wusste herausholen – und ihn anschließend erschießen.
„Und es besteht nicht die Gefahr, dass die Basmatschen die Falle riechen?“
„Der Verräter ist schon mindestens ein Jahr für die Konterrevolutionäre tätig und hat schon mindestens drei Frachtzeppeline verraten – eines davon mit einhundert Kilogramm Gold an Bord. Sie werden ihm vertrauen. Vor allem, da ansonsten die üblichen Sicherheitsstandards voll greifen. Das Frachtzeppelin PUSCHKIN steht unter unauffälliger Quarantäne. Zwanzig Marineinfanteristen wurden an Bord stationiert. Die Ladung wird unter äußersten Sicherheitsvorkehrungen verladen, Route und Zeitplan unterliegt der üblichen Sicherheitsstufe für solche Transporte. Einige zusätzlichen Maschinengewehre wurden an Bord installiert. Außerdem haben wir – auffällig unauffällig sozusagen – unsere Konterspionagemaßnahmen in Anchorage verstärkt. Jeder Spion, jeder Verräter der gut genug ist, von dem Zeppelin zu erfahren, sieht genau dass, was zu erwarten sein muss, wenn wir einen Goldtransporter auf den Weg schicken, aber keine volle Eskorte erübrigen können. Den Mannschaften, Offiziere und Sicherheitskräfte wurde noch einmal eingeschärft, dass die Ladung WICHTIG ist und dass auf Geheimnisverrat Straflager steht. Also wie üblich. Die…weiterführenden Instruktionen sind nur Kapitän Achmatov bekannt und werden erst nach dem Start an die Mannschaften weitergegeben. Und Achmatov ist absolut zuverlässig, Parteimitglied und außerdem einer unserer besten Frachtpiloten. Es gibt keinen Besseren.
„Und unsere…anderen Vorbereitungen?“ schaltete sich Major Iwanow ein. Diesmal antwortete Oberst Rybatow:
„Die zusätzlichen Marinesoldaten wurden in einen unserer Außenposten verlagert. Nicht einmal der kommandierende Leutnant weiß, warum sie ausgewählt, separiert und noch einmal im Nahkampf trainiert werden. Wir haben aber etwas von einer Spezialoperation durchsickern lassen – einem Angriff auf ein Piratenversteck. Die…anderen Kräfte, die wir dort zusammengezogen haben, unterstützen das noch. Die Männer sind handverlesen,…“, er warf Bergmann einen kurzen Blick zu „…der Politruk und das NKVD verbürgen sich für ihre Zuverlässigkeit. Und ihre Vorgesetzten verbürgen sich für ihre Fähigkeiten – es sind alles erfahrene Soldaten. Die Transport-Autogyro sind in einem anderen Stützpunkt konzentriert. Sie erhalten erst dann Einsatzweisung, wenn das Unternehmen anläuft, anschließend wird die Einheit – planmäßig – ins Landesinnere verlegt. Und die DIMITRI DONSKOJ befindet sich zurzeit auf ihrer planmäßigen Patrouillenroute. Nur der Kommandant kennt seine Aufgabe – sie wird erst dann weitergegeben, wenn die Operation anläuft. Die Funker der DIMITRI DONSKOJ und des Transportzeppelins…sind ebenfalls zuverlässig und außerdem durchleuchtet. Von dieser Seite kann nichts schief gehen.“
„Bleibt nur die Frage, ob unsere Kräfte ausreichen.“
Die DIMITRI DONSKOJ verfügt über fast ein komplettes Fliegerregiment – sechzehn Maschinen. Dazu kommt ein weiterer Zug Marineinfanterie und zwei Autogyros, die Unterstützung leisten können und gegebenenfalls abgeschossen Piloten auffischen können.“
„Dennoch es ist ein Risiko...“
„Gar kein Risiko.“ bemerkte Oberst Bergmann selbstsicher, doch Oberst Rybatow schnaubte nur kurz und fuhr fort: „Das meine ich nicht. Die Operation ist nicht gerade billig. Und das Oberkommando Fernost erwartet Erfolge. Wenn wir die nicht liefern können…“
„Zumindest das Gold kommt sicher an.“
„Hoffentlich reicht das.“ Rybatow wandte sich wieder zum Fenster. Diesmal blickte er zum Hafen, wo gerade D-24, ein U-Boot der Dekabrist-Klasse auslief.

Der Kapitän von D-24 wusste nicht, was in den Kisten war, die er zusammen mit Lebensmitteln und Ausrüstung übernommen hatte. Dafür wusste er genau, was seine Anweisungen waren: tagsüber getaucht fahren, Überwasserfahrt nur in der Nacht, jedem Schiffskontakt ausweichen. Sollte er aufgebracht werden, musste das Boot versenkt werden – es durfte auf keinen Fall in die Hand des Feindes geraten. Der Kapitän warf seine Zigarette ins Wasser und sog noch einmal die klare, kalte Luft des Nordmeeres ein. Dann wandte er sich an die Matrosen der Deckwache: „Einsteigen. Fertigmachen zum Tauchen!“

Knapp dreißig Stunden später startete die PUSCHKIN, mit zwanzig Marinesoldaten, acht Jagdflugzeugen und einer Ladung, zu der ein gutes Dutzend kleiner, schwerer Metallkisten gehörte, die sorgfältig versiegelt und verschlossen waren. Noch bevor einer der Eskortjäger startete, erwachten die Bordlautsprecher zum Leben und die harte, schleifende Stimme Kapitän Achmatovs füllte jeden Raum an Bord: „Mannschaft der PUSCHKIN, Genossen, Brüder und Schwestern. Inzwischen weiß jeder an Bord, was wir für eine Ladung haben. Ihr wisst, die verdammten Piraten und Konterrevolutionäre haben in den letzten Wochen alleine fünf unserer Schwesterschiffe aufgebracht. So kann es nicht weitergehen. Die Heimat braucht unsere Fracht. Und die verdammten Banditen und Verräter müssen vernichtet werden. Wir werden unseren Beitrag in diesem Kampf leisten. Wir sind die Falle, die diesen Hunden das Genick brechen soll…“
Die Mannschaft lauschte überrascht. So etwas hatte es in Alaska noch nicht gegeben. Offenbar rechnete der Kapitän mit Angriffen. Schwächere Piratenbanden würden mit Bordwaffen und Begleitjägern abgeschlagen werden, wie üblich. Die PUSCHKIN hatte bereits zweimal solche Angriffe abgewehrt. Aber im Fall eines Angriffs durch eine größere Piratenbande würde man anders vorgehen. Dann kam es vor allem auf Zeitgewinn an. Nach hinhaltendem Widerstand würde man den Feind entern lassen. Dabei würden die Piraten eine unangenehme Überraschung erleben. Und wenn das noch nicht reichte, die Piraten nicht sofort die Flucht ergreifen, dann würde die Falle erst richtig zuschnappen. Denn fünfzig Kilometer hinter der PUSCHKIN würde die DIMITRI DONSKOJ folgen…
Aber nicht einmal Kapitän Achmatov wusste, dass in den verplombten und streng bewachten Metallkisten kein Gold war – sondern nur Blei. Oberst Rybatow und Bergmann hatten kein Risiko eingehen wollen. Es stand zu viel auf dem Spiel – unter anderem ihre Kariere und vielleicht noch mehr.

Ungefähr zur selben Stunde startete eine Abteilung Autogyros mit dreißig Marineinfanteristen und einem Dutzend Soldaten der NKVD-Verbände an Bord. Sie alle waren erfahrene Nahkämpfer, ausgerüstet mit Kampfdolchen, Pistolen, Mpi’s, leichten Maschinengewehren und Panzerbüchsen. In den ausdruckslosen Gesichtern der Elitesoldaten regte sich nichts, als ihr Leutnant mit harter Stimme die Befehle und Einsatzorder verlas: Feueröffnung auf die andockenden Autogyros mit lMg’s, Mpi’s und Panzerbüchsen. Niederkämpfen eventuell gelandeter Entertruppen. Gefangene waren erwünscht, aber nicht notwendig.

Und an Bord der DIMITRI DONSKOJ befahl Kapitän Rischin eine Kursänderung und informierte die Mannschaft. Die Piloten und Marineinfanteristen waren sofort begeistert – diese Aufgabe bot wesentlich mehr Gelegenheiten zu Ruhm und Ehre, als die meist erfolglosen und eintönigen Patrouillenflüge – selbst die überzeugtesten Konterrevolutionäre wichen in der Regel dem Kampf mit einem Militärzeppelin aus. Aber mit diesem Köder würde es etwas anderes sein.
Die Operation „Potemkin“ war angelaufen.
Thema: [OT ]Crimson Sky: Next Chapter
Tyr Svenson

Antworten: 29
Hits: 537
13.02.2020 17:46 Forum: Kurzgeschichten


Obwohl Steel den anstrengenden Nachtangriff hinter sich hatte und seine eigene Staffel ohne Nachbearbeitung nach Aufhebung des Gefechtsalarms in die Kojen geschickt hatte, blieb der große Deutschamerikaner hart zu sich selbst und gesellte sich zu der Runde an Piloten und Gästen, die in der Kantine beieinander saßen und einen Kaffee tranken.
Die vier Gäste, zwei Frauen und zwei Männer, saßen auf einer Seite der Front, Armstrong und Blue auf der anderen. Ohne zu zögern setzte sich Steel dazu, nachdem Armstrong zustimmend genickt hatte.

„Steph, du bist vertrauensselig“, tadelte Armstrong die Pilotin mit dem langen schwarzen Haar. Sie wischte sich eine Strähne des verschwitzten und fettigen Haars von der Schulter und lächelte dünn. „Wie man es nimmt, Dave. Natürlich habe ich mich abgesichert. So gut warst du nun auch wieder nicht.“
Blue Daynes warf dem Freund einen fragenden Blick zu, aber Armstrong winkte ab.
„Und wie sieht diese Absicherung aus? Hast du vielleicht eine Staffel Zigarren in der Hinterhand?“
„Nicht, dass ich nicht bereit bin, dir zu vertrauen, Dave, aber…Sergej!“
Einer der Männer stand auf und öffnete seine Fliegerjacke. Erschrocken raunten die Anwesenden auf, als sie das halbe Dutzend Handgranaten sahen, welches der Russe um Brust und Bauch geschlungen trug.
Nur Armstrong blieb ruhig. Ein dünnes Schmunzeln umspielte seine Mundwinkel. „So viel zu deinem Sicherheitsbedürfnis, Steph. Kommen wir zum Geschäftlichen. Was hast du für mich?“
„Anjanka“, raunte der andere Mann ärgerlich. „Njet.“
„Sei still, Alexi Iwanowitsch. Ich weiß was ich tue.“
Der große blonde Mann wollte etwas erwidern, aber ein gezischter Fluch auf Russisch ließ ihn verstummen.
„Also, Dave. Wir haben zufällig das Feuerwerk mitgekriegt, dass Ihr über Weißer Bär Eins veranstaltet habt. Wir haben eigentlich gedacht, die Roten würden in die längst fällige heiße Phase mit den Japsen gehen. Dabei war es nur eine Gruppe Piraten, die Zielübungen abgehalten haben. Wenngleich mit russischer Bemalung und mit russischem Funk.“
Dave grinste schief. „Freibeuter, bitte. Du verstehst hoffentlich, dass ich da nicht näher im Detail drauf eingehen will. Ich hatte meine Gründe, Steph…Oder soll ich Anja sagen?“
„Anja ist gut. Einverstanden, ich bohre nicht nach. Aber wie ich vorhin schon sagte, willst du mit deinen Leuten etwas Lukrativeres machen als Bomben auf Landefeldern zu verschwenden?“
„Wie wäre es damit, wenn du mir vorher etwas über euch erzählst, bevor wir über…die Gelegenheit sprechen, Anja?“
Die Russin nickte. „Wie ich schon sagte, wir sind Weiße. Nein, wir sind nicht von Adel oder so. Wir sind auch keine Angehörigen hoher Offiziere oder besonders Zarentreu. Wir sind Alasker, die meisten von uns seit Geburt. Wir hatten hier in Alaska ein ziemlich freies und unabhängiges Leben, denn der Zar war weit entfernt. Das änderte sich, als die Bolschewiki kamen. Sie brachten Militär und Gouverneure. Sie brachten kaukasische Bauern unter Waffen, die unsere Freiheiten abschafften, die uns unseren Handel entrissen. Die uns kontrollieren wollten. Und dies nun auch tun. Ich will dich nicht mit Details langweilen, Dave, aber das Ziel meiner Freunde und unserer Verbündeten ist es, die Roten irgendwann aus Alaska raus zu jagen. Und wenn wir uns dazu mit den zarentreuen Weißen einlassen müssen, soll es mir Recht sein.“
„Ich verstehe. Entschuldige bitte, wenn ich, nun, mit Idealismus gerade wenig anfangen kann. Wie ich schon sagte, wir sind Freibeuter. Solange man uns nicht dafür bezahlt, ist euer Freiheitskampf ein Nebenschauplatz für uns.“
Die Russin nickte. „Das verstehe ich. Genauso musst du verstehen, dass uns Geld gerade sehr gelegen kommt, um unsere Streitkräfte auszubauen, um Söldner anzuwerben.
Nun, die Roten bieten uns genügend Gelegenheit dafür. Hast du jemals von den Goldzigarren der Roten gehört?“
Armstrong atmete sichtbar aus. „Wir haben sie uns angesehen. Große Frachtzeppeline mit verstärkter Verteidigung, zusätzlicher Infanterie an Bord, Heliumgefüllter Hülle und unregelmäßigem Flugplan. Neben der Staffel an Bord begleitet sie immer noch ein militärischer Zeppelin. Ein Angriff auf sie muss mindestens mit zwölf Maschinen oder mehr erfolgen.“
„Nun“, begann Anja und schmunzelte, „die Goldzigarren werden nicht immer von militärischen Zeppelinen begleitet. Tatsächlich schicken die Roten gerade so viele Frachter los, dass sie nicht jedem einen Begleitschutz mitgeben können. Wenn man Leute an den richtigen Stellen hat, die Zugang zu Flugplänen und Aufstellungen haben, kann man sich solch eine Zigarre herauspicken. Mit einem Zug Infanterie, zwei gut trainierten Staffeln und vier bis sechs Maschinen in der Hinterhand würde ich es wagen, eine solche Zigarre aufzubringen.
Ich habe die Infanterie und die zwei Staffeln. Was mir fehlt ist etwas Feuerunterstützung.“
„Interessant.“ Armstrong legte beide Hände unter sein Kinn und stützte die Ellenbögen auf dem Tisch ab. „Um wie viel Gold geht es hier, so rein theoretisch?“
„Anjanka!“
Die Russin zischte wieder einen Fluch, den der blonde Russe mit rotem Gesicht quittierte. „Nun, an Bord eines solchen Fluges können eine halbe bis zwei Tonnen Gold sein. Wenn du Zeit und Lust hast, deine Hilfe wäre mir…zehn Prozent wert.“
„Zehn Prozent? Machen wir nicht halbe-halbe?“
„Wenn du die Hälfte des Risikos trägst, Dave…“
„Hm, nein. Vierzig, sechzig?“
„Fünfzehn Prozent.“
„Dreißig.“
„Zwanzig.“
„Fünfundzwanzig, und wir helfen euch erst beim Niederkämpfen der MG-Stellungen und gehen dann auf Sicherung.“
„Abgemacht.“
„Anjanka…“, raunte der Blonde beschwörend.
Armstrong winkte den Steward heran. Der junge Bursche trug ein Tablett mit Wassergläsern und einer Flasche Wodka aus der Beute. Er servierte und schenkte jedem großzügig ein.
„Nastrovje“, sagte Anja und trank ihr Glas auf ex.
Auch die anderen folgten ihrem Beispiel. Armstrong musste kurz den Atem anhalten, nachdem er das Glas getrunken hatte. „Du bist wirklich eine Russin“, stellte er etwas atemlos fest. „Wann geht es los?“
„Wenn meine Informationen korrekt sind, in drei Tagen, hundert Meilen nördlich von uns, auf der Route nach Vladiwostok.“
„Blue, ändere den Kurs. Wir bleiben noch ein wenig hier.“
Der Mann aus Empire grinste. „Aye, Commander.“
Steel sah ihm nach. Und fragte sich, ob ein Viertel des Goldes das Risiko wert war.
Thema: [OT ]Crimson Sky: Next Chapter
Tyr Svenson

Antworten: 29
Hits: 537
13.02.2020 17:45 Forum: Kurzgeschichten


Etwa zur gleichen Zeit: Berlin, RSHA (Reichssicherheitshauptamt)

„Wieso erfahre ich erst jetzt davon?!“ Die Stimme des Sturmbannführers klang laut und herrisch. Hochgewachsen, schlank und athletisch, mit blonden Haaren und blauen Augen, wirkte Friedrich Hoffmann wie das Idealbild eines SS-Offiziers. Doch man täuschte sich in ihm, wenn man annahm, dass er seinen Posten im RSHA nur seinem arischen Stammbaum, den germanischen Idealmaßen und seiner Treue dem Führer gegenüber verdankte. Zu diesen ihn für den Dienst in der SS prädestinierenden Eigenschaften kamen noch eine hohe Intelligenz, brennender Ehrgeiz - und eine rücksichtslose Skrupellosigkeit, sowie ein hoch entwickelter Instinkt für die Intrigen und Grabenkämpfe, die in einer Behörde wie dem Reichssicherheitshauptamt nicht eben selten waren.
Von der allgemeinen SS war er schnell zu den Totenkopf-Verbänden übergewechselt. Nach einem Jahr Dienst in Dachau hatte ihn die Gestapo rekrutiert und er hatte rasch Karriere gemacht. Hoffmann galt als einer der besten Verhörspezialisten in der Berliner Zentrale. Sein Aufstieg war unaufhaltsam gewesen. Bis zu einem bestimmten Punkt...
„Von Tauten behandelt diese Angelegenheit sehr…diskret. Wir haben diese Information erst vor vier Tagen erhalten. Inoffiziell. Sie ist noch ungeprüft...“
„Ich hatte Ihnen doch klar gemacht, dass ich UMGEHENST informiert werden wollte!“
„Die Abwehr...“
Hoffmann schnitt seinem Untergebenen mit einer wütenden Bewegung das Wort ab. Schon wieder die Abwehr! Als damals die von ihm eigenhändig geplante und eingeleitete Aktion schief ging, als der des Hochverrats und der Spionage verdächtige Luftwaffenleutnant Thomas David Marquardt nicht nur der Verhaftung entkommen konnte, sondern auch noch zwei Gestapoagenten erschoss und eine Luftwaffenmaschine entführte, da hatte die Abwehr geradezu kübelweise Hohn und Spott über ihn ausgegossen. Hoffmann hatte als ein Idiot dagestanden, der sich in Dinge eingemischt hatte, die außerhalb seiner Kompetenz lagen – und er hatte außerdem versagt. Die Luftwaffe hatte sich beschwert, nicht von dem Verdacht gegen Marquardt im Allgemeinen, und der Gestapo-Aktion im Besonderen informiert worden zu sein. Reinhard Heydrich, der Chef des RSHA, hatte daraufhin Hoffman kurzerhand den Wölfen zum Fraß vorgeworfen. Vom Obersturmbannführer war er zum Sturmbannführer degradiert und auf eine lächerliche Schreibtischstelle abgeschoben worden. Statt Kommunisten, Verräter und Spione zu jagen, sollte er dem nach Amerika transferierten Geld exilierter Juden nachspüren – eine Aufgabe, die kaum Aufsehen erregende Erfolge versprach. Die er als eine widerliche, unbedeutende Schnüffelarbeit empfand, die unter seinem Niveau lag. Mit seiner Karriere war es seit dem nicht mehr vorangekommen – er hätte bereits Standartenführer sein können, oder mehr...
Aber einen kleinen Trost hatte er gehabt. Über einige alte Kontakte hatte er erfahren, dass sich Marqardt möglicherweise nach Amerika abgesetzt hatte. In den Jahren fruchtloser Schreibtischarbeit und enttäuschter Hoffnungen war es sein Traum gewesen, irgendwann doch noch Marqardts Verhaftung – oder Liquidierung – veranlassen zu können und sich so von dem Makel in seiner Dienstakte reinzuwaschen. Oder sich wenigstens endlich an dem Mann zu rächen, der ihm die Karriere verdorben hatte.
Und jetzt musste er erfahren, dass die Abwehr offenbar einen Agenten in unmittelbarer Nähe Marquardts installiert hatte – ohne die RSHA zu informieren oder auch nur in Erwägung zu ziehen, diesen verdammten Verräter ‚abzuschalten’. Nein, der Abwehr waren offenbar irgendwelche technischen Spielzeuge und Informationen über die amerikanischen Piratenbanden wichtiger.
Hoffmann presste wütend die Lippen zusammen. Offiziell waren ihm die Hände gebunden. Das Agentennetz des RSHA war längst nicht so gut, wie das der Abwehr. Und die würde ihm ganz bestimmt nicht helfen. Und seine Chancen dafür, bei vorgesetzter Stelle eine gegen Marquardt gerichtete Aktion anzuregen, lagen bei null.
Das RSHA stand zwar im ständigen Wettstreit mit dem militärischen Geheimdienst, aber man würde nicht ausgerechnet für IHN in eine Abwehr-Operation eingreifen – oder gar bei der Abwehr um Unterstützung bitten.
Nein, von vorgesetzter Stelle konnte er auf keine Hilfe hoffen.
Dennoch, sein Entschluss stand fest. Dies musste die Gelegenheit sein, auf die er seit Jahren gewartet hatte. Er konnte diese Chance nicht verstreichen lassen. Auch wenn er dazu seine Kompetenzen überschreiten musste und auf keine offizielle Hilfe rechnen konnte. Wenn er Erfolg hatte…Wenn dieser verdammte Hoch- und Landesverräter endlich seine verdiente Strafe erhielt – dann würde endlich dieser Makel in seiner Dienstakte getilgt sein. Und Erfolg rechtfertigte jeden Regelverstoß. Mit dieser Maxime hatte der Führer die Macht erlangt und sie gesichert.
Er würde sich nur auf wenige Leute verlassen können – diejenigen seiner Untergebenen, die ihm Loyalität schuldeten. Ein paar alte Kameraden, denen er vertrauen konnte und die ihm dabei helfen würden, einen Verräter und Kameradenmörder zu liquidieren und vielleicht der Abwehr eins auszuwischen. Und ein paar Menschen, die von seiner Diskretion abhängig waren. Deren Karriere er in den Händen hielt.
„Ich will über jeden Funkspruch informiert werden, den dieser Abwehr-Agent absetzt. Am besten, noch bevor der Funkspruch auf von Tautens Schreibtisch landet.“
„Aber unser Mann bei der Abwehr…“
„Sagen Sie dieser widerlichen Ratte, wenn er nicht im vollsten Umfang kooperiert – und GENAU das tut, was wir von ihm verlangen, dann ist seine Vorliebe für hübsche Jungs morgen Stadtgespräch. Und übermorgen steht er in Sicherheitsverwahrung. Und sagen Sie ihm auch, was das für einen Homo bedeutet.“

Als er alleine war, lächelte Friedrich Hoffmann. Es war ein kaltes, ein dünnes, humorloses – ein gefährliches Lächeln. Es war leider unmöglich, Marquardt ein deutsches Kommando auf den Hals zu hetzen. Das lag außerhalb seiner Möglichkeiten und wäre auch viel zu riskant gewesen.
Aber in Amerika konnte man alles kaufen. Auch Mörder oder Piraten. Sie waren billig in diesem dekadenten, verjudeten Konglomerat lächerlicher Operettenstaaten. Und es wäre eine wahrhaft befriedigende Ironie des Schicksals, wenn Marqardt durch die Hand amerikanischer Totschläger sterben würde, nachdem er der Gestapo und sogar den japanischen Fliegern entkommen war. Vor allem, wenn seine Henker bezahlt werden würden mit dem Geld, dass irgendwelche Finanzjuden nach Amerika verschoben hatten, um dort ihre widerlichen Geschäfte fortführen zu können. Hoffmann war nicht korrupt in dem Sinne. Er hatte eine solche Schwäche immer als einen für seine Karriere allzu gefährlichen Makel empfunden. Aber er hatte auch keine Hemmungen, die Finanzquellen zu nutzen, die ihm zur Verfügung standen. Schließlich würde das Geld letztlich auch dem Reich zugutekommen, indem es dazu diente, einen Verräter zu liquidieren.
Sorgfältig und systematisch begann er das Dossier von Marquardt zu lesen, welches die Abwehr erstellt hatte. Ausnahmsweise schien sie gute Arbeit geleistet zu haben. Hoffmans Lächeln verstärkte sich, wurde bösartig. Marquardt hatte für seinen Verrat offenbar schon einige Opfer bringen müssen. Und er würde noch mehr leiden. Oh ja, das würde er...
Thema: [OT ]Crimson Sky: Next Chapter
Tyr Svenson

Antworten: 29
Hits: 537
13.02.2020 17:44 Forum: Kurzgeschichten


Drei Stunden, nachdem das Dog Pack gestartet war, kam Dave nach einem kurzen Zwischenschlaf zurück auf die Brücke der NORTH, die nun auch als Kommando- und Taktikzentrum fungierte.
Blue kam kurz nach ihm an und schickte seinen Stellvertreter in die Koje.
Dann saßen sie, lediglich eskortiert von der Nachtwache um die Karte der Aleuten herum – übrigens eine der sehr detaillierten Karten, die ihnen ein Händler in Sky Haven für einen horrenden Preis besorgt hatte – und sahen auf die Präzisionsuhr daneben.
Blue hielt eine Stoppuhr in der Hand, die er in diesem Moment betätigte.
„Drei…zwei…eins…Dog Pack erreicht Land.“
„Funker, auf die neue Frequenz gehen.“
Der Bordfunker nickte, verschwand in seiner Funkbude und schaltete einen Lautsprecher zur Brücke durch.
Blue betätigte wieder seine Stoppuhr. „Well, well, well“, murmelte er, unwillkürlich in seinen harten Empire-Akzent fallend. „Drei…zwei…eins…Dog Pack erreicht Landefeld. Noch zehn Sekunden bis zum ersten Abwurf.“
Angestrengt lauschten sie nach dem Funkgerät. Das Dog Pack hatte Funkstille zu halten, bis Max den Angriffsbefehl gab.
Die zehn Sekunden vergingen. Es wurden fünfzehn. Dann zwanzig.
„„NASTUPLENIE!“, erklang plötzlich ihre Stimme auf Russisch über Funk.
Erleichtert atmeten sie beide auf. Das Dog Pack würde nicht angreifen, wenn nicht wenigstens vier Maschinen den Anflug geschafft hätten. Und Max war dabei.
Dass der Angriffsbefehl gegeben worden war konnte nur bedeuten, dass Steel das vernebelte Landegebiet ausgeleuchtet hatte. Nun würde der eigentliche Angriff beginnen.
„Fünf Minuten“, murmelte Blue ernst. Fünf kurze Minuten sollte der Angriff maximal dauern. Fünf endlos lange Minuten, in denen alles Mögliche passieren konnte.
Steel hatte seine Leute gut gedrillt, aber gegen den Zufall hatte niemand eine Chance. Eine verirrte Kugel, die durchs Cockpit zischte…
Kapitän Daynes sah konzentriert auf seine Stoppuhr. „Vier Minuten…Drei Minuten…Zwei Minuten…“
Dave wischte sich den Schweiß von der Stirn. Der Plan war zwar von Steel gewesen, aber er hatte ihn akzeptiert. Und er hatte seine Durchführung befohlen. Wenn etwas schief ging, konnte und durfte er das niemals Steel anlasten. Es war seine Verantwortung, seine Staffel.
„Eine Minute…Dreißig Sekunden…“
Sie hatten keine genauen Informationen darüber gehabt wie stark das Flugfeld befestigt gewesen war. Sie waren sich nur einigermaßen sicher gewesen, dass die Japaner keine Nachtflieger in der Region hatten. Einigermaßen sicher. Aber eine gute Flak-Crew konnte ohne Weiteres einen Vogel runterholen, das wusste Dave nur zu gut.
„Zehn…Fünf…Null…Minus fünf…Minus zehn…Minus zwanzig…Minus dreißig…“
Blue schien erbarmungslos zu sein, zählte eiskalt immer weiter.

„Natschatch otstuplenie!“, erklang es plötzlich über Funk. Erleichtert atmeten Dave und Jeff Daynes auf. Der Rückzugsbefehl.
Nun würde wieder die Funkstille einsetzen. Drei lange Stunden, wenn alles gut ging und wenn Steel die günstige Luftströmung zurück zur Küste gut zu nutzen wusste.
Zumindest der Angriff war gelaufen. Dave Armstrong hätte gerne zu diesem Zeitpunkt die Verlustliste in Händen gehalten, aber er wusste, dass er damit der Staffel und vor allem der Tarnung seiner Leute als Russen keinen Gefallen getan hatte.
„Tagesanbruch in zwei Stunden, neun Minuten. Eintreffen Dog Pack in zwei Stunden, siebenunddreißig Minuten.“
Dave nickte ernst. „Ich gehe mit Dusk in zwei Stunden raus auf hohe Sicherung. Wetterbericht?“
„Leichte Frühnebelfelder, mäßiger Wind aus Südwest, ab zweitausend Meter böig. Temperaturen um zehn Grad.“
„Ist zu überleben.“
Dave wandte sich um und ging in seine Kabine, um seine Fliegermontur anzulegen.
Danach legte er sich für eine weitere Stunde auf sein Bett.

Exakt zur angekündigten Zeit erhob er sich, ging zum Hangar und begrüßte Dusk. Die groß gewachsene Blondine nickte ihm zu. „Der Angriff ist gut gelaufen?“
„Er wurde zumindest ausgeführt und knapp nach der anvisierten Zeit beendet, Melissa. Das sind alles gute Zeichen.“
„Verstehe.“
Die beiden trennten sich schweigend. Die Aufgabe des Dog Pack endete hier und das Cat Pack übernahm. Sie waren beide schon zu oft draußen gewesen um nicht ihren Platz und ihre Aufgabe zu kennen.
Sam half ihm beim Anschnallen, gab ihm einen wohlmeinenden Klaps auf die Schulter und schloss die Kanzel.
Dave ließ die Maschine anrollen. Neben ihm wurde Melissa Vandersen präpariert.

Zwei Minuten später schraubten sich die beiden Furys in den Morgenhimmel. Sonnenaufgang würde noch zehn Minuten brauchen, aber hier oben war es schon hell.
„Wir fliegen enge Schleifen“, meldete Dave über Funk, „und gehen auf dreitausend. Dann suchen wir mit Ferngläsern den Horizont ab.“
„Verstanden.“
Das lange Warten begann.

Exakt zur errechneten Zeit begann Blue über Funk mit seinem Countdown. „ Eine Minute…Dreißig Sekunden…Zehn…Fünf…Zwei…“
Bei null war noch nichts vom Dog Pack zu sehen, wie Dave nervös feststellte. Er umklammerte sein Fernglas fester, suchte in den Frühnebelbänken.
„Minus eine Minute… Minus fünf Minuten. Minus zehn Minuten.“
„DA!“, rief Dusk plötzlich. „Neun Uhr! Zwei Avenger!“
Dave orientierte sich kurz, schwenkte um und suchte mit seinem Fernglas. Tatsächlich, zwei Avenger mit russischer Bemalung. Zumindest Happy und Piper hatten den Rückweg gefunden. Sie waren etwas vom Kurs, aber das würden die Piloten schon selbst korrigieren können. Dahinter brachen eine Fury und eine Vampire aus einer Nebelbank, dicht gefolgt von zwei Devastators.
„Sieht so aus als hätte Steel alle seine Schäfchen sicher nach Hause gebracht. Holt sie ein, Leute!“
Jubel erklang über die Funkverbindung. Ihr gewagtes Unternehmen war gelungen, verdammt, gelungen! Steel war wirklich ein Teufelskerl!
Nacheinander gingen die Maschinen des Dog Packs an den Haken, lediglich Happy benötigte zwei Anflüge. Seine Vampire war ordentlich gepflückt worden.

Dave wollte schon aufatmen. Aber mit Piloten war es so eine Sache. Manche entwickelten mit der Zeit einen sicheren Instinkt für Gefahren, für unstimmige Situationen. Für Probleme jeder Art.
Aufmerksam suchte Armstrong seinen Beobachtungsradius ab.
Dann begann er leise zu fluchen. Zwei Pärchen Devastator hielten auf die NORTH zu.
„Armstrong, hier Armstrong! Alarm für die Zigarre. Wir kriegen Besuch. Vier Devastator, ich wiederhole, vier Devastator!“
Er besah sich die Bemalung genauer und fluchte herzhaft. „Es sind Russen, wie es ausschaut. Und ich glaube nicht, dass sie hier sind um sich für den Angriff zu bedanken!“
„Cat Pack kommt raus. Und wir betanken das Dog Pack, damit Steels Haufen notfalls eingreifen kann. Wer weiß ob es mit den Devastators getan ist“, erwiderte Blue.
„Roger. Melissa, holen wir uns die Bastarde!“
Armstrong rollte seine Maschine auf den Rücken und zog sie dann nach unten in den Sturzflug. Wieder drehte er die Mühle ein, hielt den Anführer im Fadenkreuz.
Nun, er kam nicht gerade aus der Sonne, und bei dem strahlenden Morgenhimmel zeichnete sich seine Fury sehr gut ab, aber die vier Piloten da vorne hatten hoffentlich gerade genug mit dem Anblick der Zigarre zu kämpfen.
„Bleib so, bleib so. Nur noch ein kleines bisschen“, murmelte Dave und zog den Feuerknopf für die Vierziger durch.
Doch in diesem Moment drehten die vier Maschinen ab und der Feuerstoß ging ins Leere. Nach dem Angriff allerdings lösten sie ihre Formation auf.
Armstrong tauchte unter den Mühlen hindurch, zog wieder hoch und versuchte einen Fokkerhüpfer, den er mit einem Immelmann zu kombinieren dachte. „Hast du was erwischt, Dusk?“
„Die Devastators nicht. Aber du solltest mal die Löcher in der Luft sehen, die ich gerissen habe.“
„Ha, ha.“ Dave riss seine Maschine wieder hoch, ging in einen Looping und drehte sie auf dem Höhepunkt wieder aufrecht. Nur um zu merken, dass ihm zwei der Russen beinahe schon am Arsch klebten. Er lächelte nur gering schätzend und warf die Fury ins Taumeln.
„STOJ!“, erklang die Frauenstimme über Funk. „Sie sind keine Roten.“
„Was spielt das für eine Rolle?“, entgegnete Dave. Hm, irgendwie kam ihm die Frauenstimme bekannt vor.
„Wir sind Weiße“, sagte die Frau ernst. Für sie war damit alles erklärt.
„Hm, verstehe“, meinte Dave und riss seine Mühle aus dem Trudeln und versuchte wieder an Höhe zu gewinnen. „Ich habt also meine als Rote getarnte Staffel entdeckt und gedacht, Ihr kriegt leichte Beute. Dann aber habt Ihr entdeckt, dass wir Freibeuter sind und jetzt brecht Ihr den Angriff ab.“
„So in etwa, da.“
„Warum hören Sie dann nicht auf, mich und meine Flügelfrau zu verfolgen?“
„Warum hören Sie nicht auf zu versuchen uns in Reichweite der MG-Gondeln zu lotsen?“
Dave grinste. Gerissenes Biest. „Bist du das, Stephanie?“ Nein, das wäre ein viel zu großer Zufall gewesen. Ausgerechnet die Russin aus Sky Haven, hier über Alaska?
„Dave? Dave Stone?“, kam es erschrocken zurück.
Armstrong unterdrückte ein heiseres Auflachen. „Na, der Tag beginnt ja lustig.“
„Das kann man wohl sagen, Dave“, erwiderte sie. „Wo ich gerade deine Zigarre sehe, hast du vielleicht Lust auf noch ein paar Abschüsse? Etwas lukrativeres als ein japanisches Flugfeld zu bombardieren?“
„Werden sie eine ebensolche Erfahrung wie neulich in Sky Haven?“
„Mindestens, Dave.“
„Na, dann komm mal an Bord. Blue, sechs Maschinen kommen rein. Freies Geleit. Alarmzustand ist aufgehoben. Schick Klutz und Silence als hohe Sicherung raus.“
„Roger.“
„Jetzt bin ich wirklich gespannt, Mädchen“, murmelte Dave leise.
Die vier Devastators folgten den beiden Cat Pack-Maschinen ohne zu zögern zu den Landehaken. Das Mädchen war ein wenig vertrauensselig. So gut konnte er doch gar nicht gewesen sein, in dieser halben Nacht in Sky Haven. Auch wenn es seinem Ego gut tat.
Thema: [OT ]Crimson Sky: Next Chapter
Tyr Svenson

Antworten: 29
Hits: 537
13.02.2020 17:44 Forum: Kurzgeschichten


In den nächsten zwei Tagen kam Steel kaum zum Schlafen. Zumindest nach außen hin schien er ausschließlich damit beschäftigt, den Angriff vorzubereiten.
Mit einem Nachtflug prüfte er noch einmal die Tauglichkeit seiner Piloten. Das Ergebnis stellte ihn zufrieden, auch wenn er es nicht zeigte. Die Piloten waren gut genug, um den Angriff fliegen zu können – aber wahrscheinlich nicht so gut, dass sie sehr präzise Schläge würden führen können. Und das konnte von Stahlheim nur recht sein.
An den Übungsflug schloss sich eine schonungslose Manöverkritik an. Aber das war nichts Ungewöhnliches.
Die Maschinen wurden in den Farben der russischen Luftstreitkräfte bemalt und noch einmal auf Herz und Nieren geprüft. Sam's Mechaniker lernten den hochgewachsenen Deutschen besser kennen – und fürchten – als ihnen lieb war. Steel akzeptierte weder Verzögerungen noch Entschuldigungen.
Jeder der Piloten erhielt ein spezielles „Überlebenspacket“, das unter anderem eine Leuchtpistole, eine Schwimmweste und neue, wasserabweisende Fliegerkombinationen beinhaltete – Beute von den gekaperten russischen Zeppelinen. Steel gelang es sogar, aus der Bordapotheke Vitamin-B-Pillen zu organisieren, die die Piloten der Staffel unter seiner Aufsicht schlucken mussten.
Außerdem erhielt jeder Pilot ein paar „Muntermacher“, die ihm über dem Ziel oder bei der Landung die nötige Wachsamkeit verleihen würden. Der Flug sollte sich immerhin über mehrere Stunden hinziehen, viel länger als die üblichen Einsätze. Steel hatte sich sogar mit dem Smutje kurzgeschlossen. Vor dem Start würden die Piloten eine gute Mahlzeit bekommen und für jeden hatte Steel außerdem ein „Fresspaket“ für den Flug zusammengestellt.

Mehrmals ging er mit den Männern und Frauen jede Einzelheit des Angriffs durch. Die Maschinen würden nach Mitternacht starten, um den Flugplatz in der Nacht angreifen und im Schutze der Dunkelheit flüchten zu können. Bei der Landung auf dem Zeppelin aber würden sie bereits wieder Tageslicht haben.
In dieser Hinsicht wollte Steel kein Risiko eingehen – die erschöpften, vielleicht sogar verwundeten Piloten mit ihren möglicherweise beschädigten Flugzeugen sollten bei guten Sichtverhältnissen landen. Der Angriff würde über eine recht große Entfernung geflogen werden. Das bedeutete zwar, dass die Maschinen Zusatztanks verwenden mussten, was die Bombenzuladung verringerte, doch dafür sank das Risiko, das die NORTH STAR von Patrouillenschiffen oder Flugbooten gesichtet wurde.
Der Angriff war bis in die kleinste Einzelheit ausgearbeitet. Er würde aus verschiedenen Richtungen und genau choreographiert erfolgen. Zuerst sollten Steel und Max angreifen, die die besten Nachtflieger der Staffel waren. Dann würden die Avenger angreifen. Sie zwar gut bewaffnet, aber nur relativ leicht gepanzert. Deshalb würden sie nur einen Angriff fliegen und dann über dem Flugplatz die Rückendeckung übernehmen, während letzten beiden Maschinen den Fliegerhorst attackierten, unterstützt von Steel und Max. Der Angriff sollte nicht mehr als ein, maximal zwei Minuten dauern, direkte Schusswechsel mit feindlichen Jägern oder der Flak möglichst vermieden werden. Steel hatte jedem Piloten noch einmal eingeschärft, dass er weder Extratouren noch übertriebene Schneidigkeit wollte – sondern alle Maschinen sicher wieder im Hangar.
Der Rückzug sollte einzeln und aufgefächert erfolgen, um eventuellen Horchposten oder Beobachtern die Ermittlung der Rückflugroute zu erschweren. Erst an der Küste würden die Maschinen wieder einen Flugverband bilden.
Steel hatte sich auch sehr intensiv mit der Frage der Kampfmittelbestückung beschäftigt. Wegen der für den Langstreckeneinsatz nötigen Treibstoffmenge trugen die Maschinen keine Raketen für den Luftkampf.
Die Fury und die Devastator schleppten stattdessen neben den Zusatztanks je eine 113-kg-Bombe unter dem Rumpf. Die Avenger hingegen waren mit je zwei 227-kg-Bomben bestückt, die Vampire trug sogar vier. Sollte es jedoch noch vor dem Erreichen des Flugplatzes zu einem Zusammenstoß mit japanischen Fliegern kommen, so hatten die Piloten strikte Anweisung, die Bomben zu lösen und sich sofort zurückzuziehen. Aber dieser Fall war nicht sehr wahrscheinlich. Die Japaner hatten zwar erstklassige Jagdflieger, aber kaum Nachtjäger. Nur die Elitegeschwader hatten entsprechend ausgebildete Piloten – und die Garnisonstruppen auf den Aleuten gehörten nicht gerade zur Elite.
Sobald all dies geregelt war, boxte Steel für seine Piloten ein paar Freiwachen durch. Er wollte nur absolut ausgeruhte und fitte Leute beim Flug dabei haben. Sein Drang nach Perfektionismus mochte dem ein oder anderen an Bord vielleicht übertrieben erscheinen, aber Steel kümmerte dies wenig. Auch wenn er wenig von dem Einsatz hielt, er wollte keine Leute verlieren. Er wollte keinen Angriffspunkt für Kritik oder Verdächtigungen liefern. Es waren sowieso zu viele Leute mit Phantasie an Bord und Steels Position war keineswegs unumstritten...

Nach seinem Dafürhalten hatte von Stahlheim alles getan, um ein Gelingen der Operation zu gewährleisten. Aber er war lange genug im Einsatz gewesen – als Pilot und als Agent – um zu wissen, dass fast zwangsläufig irgendwelche Probleme auftreten würden. Und er hatte sich darin nicht getäuscht.

Es war der Tag vor dem Start. Es dämmerte bereits, die meisten Piloten der Staffel schliefen jetzt – in acht Stunden würden sie abheben. Von Stahlheim inspizierte noch einmal – sehr zu Sams Verdruß, die dies als Mißtrauensvotum gegen ihre Leute wertete – die Maschinen seiner Staffel.
Während Steel sich unter eine der Devastators beugte, hörte er sich rasch nähernde Schritte – und sie kamen hierher. Gewandt, doch ohne unnötige Eile drehte er sich um und richtete sich auf. Der sich nähernde Matrose grüßte locker und sprudelte hastig seine Meldung hervor: „Sie sollen zum Funkraum. Sie können doch Deutsch, oder? Der Funker will den Commander nicht wecken.“
„Können Sie verdammt noch mal nicht anständig Meldung machen?! Vergessen Sie's - ich bin auf dem Weg.“ Ohne ein weiteres Wort ließ er den abgekanzelten Matrosen stehen.

Der Funkraum der NORTH STAR war nicht sehr groß. Wenn die Funkstation mit zwei Mann voll besetzt gewesen wäre, dann war kaum noch Platz zum Umdrehen. Doch momentan tat nur ein Funker Dienst, der frustriert in seine Kopfhörer lauschte und immer wieder ungeduldig zur Tür sah. Als Steel eintrat, atmete der Funker erleichtert auf: „Da sind sie ja endlich!“
„Sind sie in den Wetterfunk der japanischen Marine eingebrochen?“
„Das soll wohl ein Witz sein? Nein, aber ich habe vielleicht etwas Besseres gefunden. Da draußen muss ein deutsches Walfangmutterschiff sein. Sie geben gerade die Wetterdaten an die Fangboote durch, glaube ich. Hören Sie mal.“
Von Stahlheim presste den Kopfhörer gegen sein Ohr und lauschte konzentriert. Nach wenigen Augenblicken verfinsterte sich seine Miene: „Wecken Sie den Commander.“
„Aber der ist eben erst von der Patrouille zurück. Er schläft.“
„Dann wecken Sie ihn, Sie Idiot! Es ist wichtig!“

Nur fünf Minuten später erschien ein sichtlich verschlafener Armstrong in der Funkkabine. Während er seine Kleidung in Ordnung brachte, hörte er zu, wie Steel mit ausdrucksloser Stimme Meldung machte: „...ruhige See, wenig Wind. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte Nachricht ist, dass über dem Zielgebiet bis zu 75 Prozent Wolkendecke gemeldet werden. Wolken und Nebel. Nicht gerade unüblich für diese Gegend. Aber...“
„Wollen Sie den Start verschieben?“
Steel schien zu überlegen, schüttelte dann aber den Kopf: „Zu riskant. Wir dürfen nicht zu lange hier rumgurken. Wenn einer der Marinepatrouillen uns sichtet, dann können wir ihren Einsatz gleich vergessen. Und haben Glück, wenn sie uns keine Jagdflieger auf den Hals hetzen. Sie reagieren sehr empfindlich auf unidentifizierte Eindringlinge.
Nein, wir müssen es diese Nacht durchziehen.“
„Das wird nicht einfach werden.“
„Wann ist es das schon einmal. Damit fällt allerdings der Anflug in Bodennähe weg. Ich will niemanden im Nebel verlieren.“
„Und wie wollen Sie den Angriff dann koordinieren? Sie werden blind durch die Wolkendecke stürzen müssen.“
Steel überlegte kurz, dann schien er eine Idee zu haben: „Ich brauche Leuchtbomben. Oder, wenn wir die nicht haben, eben Brandsätze. Ich leuchte das Ziel aus. Die anderen orientieren sich dann daran, stoßen durch die Wolkendecke und werfen ihre Bomben auf Sicht.“
„Klingt riskant.“
„Das ist der Krieg nun mal.“
„Genug mit den Plattitüden. Glauben Sie, dass sie die Eier präzise genug setzen können?“
„Ja. Ich wäre auch schwer enttäuscht, wenn nicht.“ Steels Stimme klang zynisch, aber selbstsicher. Armstrong musterte den Staffelführer kritisch, suchte nach Anzeichen, dass diese Selbstsicherheit nur vorgetäuscht, nur Angabe war. Aber wie immer fiel es ihm schwer, in dem kantigen, ausdruckslosen Gesicht des Deutschamerikaners zu lesen: „Also gut. Es ist Ihr Flug. Sagen Sie Sam Bescheid.“
Steel grinste sarkastisch und salutierte spöttisch: „Die wird sich freuen...“
„Und Steel – Sie sollten auch noch etwas schlafen. Sie werden es brauchen – immerhin sollen Sie die Ziele markieren. Nehmen Sie das als Befehl.“

***

Acht Stunden später

Jetzt war es soweit. Die Piloten standen in einem lockeren Halbkreis um Steel versammelt, wirkten unförmig, gesichtslos mit ihren schweren Kombinationen, den dicken Fliegerhauben. Steels Stimme klang ruhig und beherrscht, aber hart. Sein deutscher Akzent war sehr deutlich: „Es herrscht Funkstille. Gesendet wird nur im äußersten Notfall, verstanden? Wer Mist baut, den erwürge ich mit seinem eigenen Funkkabel.
Haltet die Formation – und die Augen offen. Unser Job ist, schnell rein und wieder raus zu kommen – also ist Präzision und Schnelligkeit entscheidend. Guten Flug – und kommt heil wieder zurück.
Das war alles – weggetreten.“
Ohne ein weiteres Wort drehte sich Steel um und rannte zu seiner Maschine. Kurz winkte er zu dem Commander hinüber, der mit einigen anderen Piloten am Rande des Hangars stand und den Start beobachtete.
Trotz der schweren Kombination kletterte von Stahlheim gewandt in das enge Cockpit seiner Kabine und schloss die Kanzelverglasung.
Eine nach der anderen starteten die Maschinen des Dog Pack, formierten sich zu einer lockeren Formation und verschwanden in der Dunkelheit. Das Zeppelin, ihre Heimat, blieb zurück.
Im Cockpit der Fury unterdrückte von Stahlheim einen Fluch. Er hatte diesen Einsatz nicht gewollt und er hatte kein gutes Gefühl dabei. Aber es gab kein Zurück mehr...

***

Etwa drei Stunden später

Die Maschinen flogen in einer lockeren Kette, hielten Sichtkontakt, ohne sich gegenseitig zu behindern. Sie flogen schweigend, denn es bestand immer die Gefahr, dass ein Funkspruch aufgefangen wurde. Die Aleuten waren militärisches Sperrgebiet, besetzt und kontrolliert von den japanischen Streitkräften, die auf den unwirtlichen Eilanden Vorposten errichtet hatten, die sowohl gegen die Sowjetunion, als auch gegen die amerikanischen Staaten gerichtet waren.

Steels Jäger befand sich natürlich an der Spitze der Formation. Er traute keinem der Piloten, nicht mal Max, zu, bei einem Langstrecken-Nachtflug ohne Funkfeuer und Einweisung vom Boden aus das Ziel mit der nötigen Akuresse zu finden. Es war kalt im Cockpit, trotz der laufenden Heizung und der dicken Fliegerkombination fror Steel – die Maschinen waren eben nicht für die Verhältnisse so nahe am Polarkreis konstruiert worden, und alle Nachbesserungen mit Bordmitteln konnten daran nichts ändern. Von Stahlheim bewegte reflexartig die Hände, die in schweren Handschuhen steckten und warf einen Blick auf die Instrumente. Nach seiner Kalkulation verlief bisher alles nach Plan. Das Wetter war gut – den Umständen entsprechend. Kaum Wind, das vereinfachte die Navigation. In dieser Höhe war es zwar kalt, aber klar. Und wenigstens war es noch nicht so kalt, dass die eher provisorischen Enteisungsanlagen den Geist aufgaben. Denn dann hätten sie umkehren müssen – wenn sie nicht ganz einfach irgendwann mit leeren Tanks, fern jeder Landebahn, vom Himmel fielen. Es hatte solche Fälle schon gegeben.
Die Treibstoffvorräte nahmen ab, aber nicht stärker als berechnet. Noch ein Indiz dafür, dass alles nach Plan verlief. Momentan wurden die letzten Liter aus den voluminösen Zusatztanks gesaugt, die unter den Tragflächen der Fury hingen. Steel wartete noch ein paar Sekunden, dann klinkte er die leeren Treibstoffbehälter ab, die jetzt nur noch zusätzliches Gewicht und Luftwiderstand waren. Die Maschine machte einen kleinen Satz, aber Steel glich das sofort wieder aus. Mit den Zusatztanks, zwei 45-kg-Brand und zwei 25-kg-Leuchtbomben war der Jäger bis an die Grenze seiner Belastbarkeit beladen gewesen. Deshalb war Steel froh, die Zusatztanks los zu sein.
Aus dem Funkempfänger drang dünn, aber vernehmbar die Stimme des Bordfunkers des Walfangmutterschiffs „Weddingen“. Pünktlich wie ein Uhrwerk funkte er den verstreuten Fangbooten die Wettermeldungen. Von Stahlheim grinste kurz und humorlos. Er war sich der Ironie der Situation nur zu bewusst. Ohne zu wissen, half der deutsche Funker einem deutschen Abwehrargenten, der mit einer als russisch maskierten texanischen Korsarenstaffel ein japanisches Flugfeld angreifen sollte. Es war grotesk.
Das Lächeln erstarrte zu einer hässlichen Grimasse. Dies war kein Spiel. Er würde die Soldaten eines Verbündeten angreifen. Das war keine Kleinigkeit. Das war ein Alptraum. Ein Alptraum, der zudem darauf abzielte, einen Krieg anzuzetteln. Ein Krieg, von dem von Stahlheim nicht ermessen konnte, was er eventuell für Deutschland bedeutete. Auch wenn der Abwehragent nicht wirklich glaubte – nicht glauben wollte – das die reichlich verstiegenen Pläne der Texaner aufgehen würden, die Gefahr bestand. Von Stahlheim hasste es, nicht Herr der Lage zu sein. Obwohl er sich inzwischen eigentlich daran hätte gewöhnen müssen…


Er warf wieder einen Blick auf die Instrumente – und dann nach Draußen, in die Nacht. Sogar seine geübten Augen hatten Schwierigkeiten, die anderen Maschinen der Formation zu finden. Aber anscheinend waren noch alle in Formation. Das war gut – denn eigentlich musste jeden Augenblick die Küste von Unalaska auftauchen. Diese Insel der Aleuten war nicht gerade das Herzstück der japanischen Garnison hier oben im Norden. Das Eiland beherbergte nichts als ein kleines Aerodrom, einen Hafen, den allerdings nur Schiffe bis zur Zerstörergröße anlaufen konnten, und eine Art Vorposten mit einer Batterie 10-Zentimeter-Geschütze, die den Hafen beschützten.
Da war die Küste, direkt voraus, kaum zu erkennen. Denn wie von der „Weddingen“ mit deutscher Präzision und Gründlichkeit vorausgesagt, Nebel und niedrige Wolken verhüllten die Kette der Aleuten-Inseln fast vollständig.
Steel zog den Steuerknüppel leicht an, die Maschine stieg. Mit einer gewissen Verzögerung folgten die anderen Flugzeuge. Die Formation zerfranste sichtlich. Von Stahlheim presste die Lippen zusammen. Nur die von ihm selber angeordnete Funkstille bewahrte die anderen Piloten vor einer Standpauke.
Doch er vergaß seine Verärgerung fast wieder sofort. Er hatte die Küste nur kurz gesehen. Aber in Verbindung mit den Karten und seinen Erfahrungen im Nacht- und Blindflug würde das reichen müssen. Unwillkürlich packte er den Steuerknüppel fester, während er gleichzeitig die Geschwindigkeit verringerte. Jetzt war vor allem Präzision gefragt. Es währe recht kontraproduktiv gewesen, wenn die Staffel ein paar Mal über das Aerodrom hinweg flog, bevor sie es fanden. Die hiesigen Garnisonstruppen mochten vielleicht nicht gerade zur Elite gehören – SO verschlafen waren sie aber auch nicht.

Nicht viel mehr als eine Minute später war es dann soweit – glaubte zumindest Steel. Wenn seine Berechnungen stimmten. Er warf der nächsten Maschine der Formation einen Blick zu, wackelte kurz mit den Flügeln – das verabredete Zeichen – und tauchte nach unten weg.

Fast sofort sank die Sicht auf Null. Kurz kämpfte Steel mit dem automatischen Reflex, den Steuerknüppel wieder zurückzuziehen. Seine Augen klebten förmlich am Höhenanzeiger. Bei solchen Manövern, dem Durchstoßen einer niedrigen Wolkendecke, hatten sich schon ganze Staffeln in den Boden graviert.
Dann war er durch, brachte die Maschine in einen sanften Sinkflug, während er sich umsah. Wo war das Flugfeld?
Zuerst glaubte er, sich verrechnet, das Flugfeld übersehen zu haben. Doch dann erblickten seine fieberhaft suchenden Augen am Boden vertraute Formen: asphaltierte Landebahnen, ein, zwei flache Gebäude – und das da drüben mussten die Hangar sein. Vermutete er. Das Gesicht des deutschen Agenten verzerrte sich vor Anspannung, als er sein Ziel anvisierte. Die Finger schlossen sich um den Bombenabwurfknopf…

Max legte die Maschine in eine flache Kurve und fragte sich zum bestimmt zehnten Mal, wann sich Steel endlich melden würde. Sie war von dem Staffelführer im Verlauf der letzten Monate zu so etwas wie seinem Stellvertreter aufgebaut worden, was allerdings keine weiteren Privilegien, sondern vor allem zusätzliche Arbeit bedeutet hatte.
Das hatte dazu geführt, dass sie jetzt den Angriffsbefehl geben würde. Wenn endlich das erwartete Signal zu sehen war. Kurz stieg in ihr Zweifel auf. Was, wenn die Wolkendecke einfach zu dicht war, um das Signal zu erkennen? Was, wenn Steel sich einfach verflogen, oder sogar abgestürzt war. Was…
Das Aufblitzen der Leuchtbomben unterhalb der Wolken schnitt diese Gedanken ab. Das war das vereinbarte Signal. Max fasste den Steuerknüppel fester und schaltete den Funk ein: „NASTUPLENIE!!“ Angriff!!
Die Maschinen fielen wie Steine durch die Wolken. Der Angriff begann.

Der Platzkommandant hatte vielleicht die Tarnung der Landebahnen und Hangars vernachlässigt. Doch im Bereich der Flugabwehr war er weniger saumselig gewesen. Als die Jagdflugzeuge über dem Flugplatz erschienen, hämmerten bereits die ersten Flaks los.
Von Stahlheim war mit dem Ergebnis seines Angriffs zufrieden. Er hatte die Leucht- und Brandbomben nahe genug am Platz gesetzt, um seinen Piloten den Weg zu weisen. Präzise genug, um glaubhaft zu sein. Aber andererseits doch nicht so zielgenau, dass das Flugfeld vollständig ausgeleuchtet wurde.
Sobald er die Bomben abgeworfen hatte, hatte er die Maschine kurz hochgezogen, war in einer scharfen Kurve umgedreht und hatte das Feuer mit den Maschinengewehren eröffnet. Die Garben der 30er und 40er Mg’s streuten über die Landebahn, ohne groß Schaden anzurichten – aber darauf kam es ja auch nicht an.
Dann fielen die Bomben der zweiten Welle. Die Avenger waren aus allen Rohren feuernd aus den Wolken aufgetaucht, noch ehe sich die Flughafenflak richtig einschießen konnte. Die Piloten warfen ihre Bomben ab, streuten wahllos mit ihren Bordwaffen über den Platz, und zogen dann steil wieder hoch.
Die vier Bomben richteten nur moderate Schäden an – einer der Hangars erhielt allerdings einen Volltreffer und flog regelrecht in die Luft.
Dann waren die Avenger auch schon wieder in den Wolken verschwunden. Steel wollte nicht, dass die eher leicht gepanzerten Jabos am eigenen Leib erfuhren, wie präzise die Kanoniere der leichten Flak schossen.
Bisher schossen nur einige Maschinengewehre und leichte Kanonen – die berüchtigten Fünfundzwanzig-Millimeter-MK’s der Japaner. Der Flugplatz schien weder über schwere Kaliber, noch über Flugabwehrraketen zu verfügen.
Steel riss die Maschine scharf zur Seite, als die Leuchtspurgarben einer MK unangenehm nahe an seinem Cockpit vorbeizischten – und geriet mitten in einen der plötzlich aufleuchtenden Flakscheinwerfer. Ein paar Augenblicke war er geblendet, praktisch blind. Irgendetwas schien die Maschine am Heck zu packen und durchzuschütteln – er wurde beschossen!
Geistesgegenwärtig warf er das Flugzeug auf die Seite, ließ es zu Boden trudeln, nur um es sofort in eine scharfe Kurve zu reißen. Tatsächlich gelang es ihm, den Scheinwerfer loszuwerden. Das Maschinengewehr, das ihn beschossen hatte, verlor sein Ziel.

Jetzt tauchten die Maschinen der zweiten Welle auf – und flogen mitten in einen Sturm aus Licht und Feuer. Vier Flakscheinwerfer tasteten durch die Dunkelheit. Ihr Licht wurde von den niedrigen Wolken reflektiert, tauchte in den Flugplatz in ein graues Zwielicht. Zwar erleichterte dies den Piloten die Orientierung – doch dafür hoben sich die Maschinen auch als deutlich erkennbare Ziele ab. Fast ein Dutzend Maschinenkanonen und Mg’s feuerte aus allen Rohren, während die Soldaten aus den Mannschaftsquartieren und Wachräumen hasteten, viele fast nackt.
Aber es waren Soldaten der japanischen Marine. Wer von ihnen ein Gewehr, eine Pistole zur Hand hatte, eröffnete das Feuer auf die Angreifer. Schreie und Befehle gellten über den Platz, ertranken in dem Dröhnen der Bombenexplosionen, dem Hämmern der Maschinenwaffen, den Schüssen aus Gewehren und Pistolen.

Max war überrascht über die Heftigkeit des Abwehrfeuers. So etwas hatte sie nicht erwartet, nicht auf einem derart zweitrangigen Flugfeld. Und sie hatte das unangenehme Gefühl, das jeder der Schüsse auf sie gerichtet war. Überall blitzte Mündungsfeuer auf. Sie konnte die Maschine des Staffelführers nicht erkennen – bis eine Reihe von Benzinfässern explodierte. Steels Fury schien praktisch durch die auflodernden Flammen zu schießen, drehte sich dabei leicht, stieg auf und stieß dann wieder auf den Boden hinab.
Rings um sie explodierten die Bomben der zweiten Welle. Ihr eigener Wurf allerdings verfehlte das Ziel, denn als sie auf den Auslöser drücken wollte, packte irgendeine rohe Gewalt die rechte Tragfläche ihrer Devastator, rissen sie aus ihrer Flugbahn. Als sie den Steuerknüppel herumriss, legte sich die Maschine fast auf den Rücken. Erst ein hastiges Gegensteuern stabilisierte sie wieder, dann riss sie die Maschine in eine 180-Grad-Kehre. Da! Sie sah ein einzelnes Fahrzeug, mitten auf einer der Landebahnen. Der Wagen hatte ein Maschinengewehr aufmontiert und schoss immer noch hinter ihr her. Sie kniff wütend die Lippen zusammen – was bildeten sich diese Japse eigentlich ein?! Der Befehl des Staffelkapitäns war vergessen, als sie den Jeep aufs Korn nahm und mit feuernden Bordwaffen ihren Anflug startete.
Die Soldaten in dem Wagen mussten den Angriff kommen sehen. Aber sie versuchten nicht zu fliehen, sie hielten ihre Stellung. Die Einschläge schüttelten Max durch. Das Feuer verstummte erst, als der Wagen in die Luft flog.

Niemand in der Staffel bemerkte das Duell am Rande des Angriffs. Verunsichert durch das unerwartet heftige Abwehrfeuer waren die Bomben der zweiten Welle nicht viel erfolgreicher als die der ersten Welle. Ein paar Baracken brannten, zwei der Hangars waren vernichtet und etliche Treibstofftanks waren nur noch rauchende Trümmer. Andere Hangars und Gebäude waren durch Nahtreffer und Splitter beschädigt. Die Vampire des Dog Pack zog das Abwehrfeuer förmlich auf sich. Hammer musste seinen zweiten Anflug abbrechen und schleunigst in den Wolken untertauchen, als zwei MK’s und mindestens drei Mg’s ihn in ein unangenehm genau liegendes Kreuzfeuer nahmen.
Mitten auf der zentralen Landebahn stand ein japanischer Offizier. Er hatte nicht viel mehr als seine Uniformhose am Leib, doch in der Hand hielt er ein Schwert. Mit wutverzerrtem Gesicht reckte er die Klinge in den Himmel, den Mund zu einem hasserfüllten Schrei verzerrt. Eine kleine Gruppe Soldaten hatte sich um ihn gescharrt, kniete am Boden, oder stand wie er offen, jede Gefahr ignorierend. Sie schossen pausenlos.

Von Stahlheim war froh, dass niemand in der Staffel sein Gesicht sehen konnte. Seine Stimme klang rau und emotionslos: „Natschatch otstuplenie!“ Rückzug antreten! Zum Glück galt aus Sicherheitsgründen Funkstille, bis auf die verabredeten russischen Befehle. Er wusste nicht, ob er ansonsten seine Tarnung hätte aufrechterhalten können. Stumm hob er die Hand, grüßte die japanischen Soldaten, auch wenn sie diese Geste niemals sehen konnten. Dann verschwand seine Maschine in der Wolkendecke. Die anderen Jäger folgten ihm.

Der Rückflug vollzog sich ebenso schweigend wie der Anmarsch. Und zumindest Steel konnte keine Begeisterung aufbringen. Er fühlte sich müde, ausgebrannt. Und einmal mehr verfluchte er die texanischen Narren, die unbedingt Großmacht spielen mussten.

Der Angriff hatte insgesamt nicht viel mehr als drei Minuten gedauert. Acht Japaner waren gefallen, über zwanzig verletzt. Zwei Maschinen der Marineluftwaffe waren am Boden zerstört worden, etliche andere beschädigt. Dazu kamen die Schäden an den Gebäuden und das vernichtete Material.
Allerdings hatten auch fast sämtliche Maschinen des Dog Pack Treffer kassiert. Es war ein Wunder, dass keines der Flugzeuge auf dem mehrstündigen Rückflug abschmierte. Sie schafften es – knapp. Bei Max leuchtete bereits die Warnlampe der Treibstoffanzeige auf. Hammer brauchte zwei Anflüge, bis er landen konnte und sogar Steels Landung wirkte etwas wackelig. Aber alle kehrten zurück.
Thema: [OT ]Crimson Sky: Next Chapter
Tyr Svenson

Antworten: 29
Hits: 537
31.01.2020 19:23 Forum: Kurzgeschichten


Etwas später, in Tokio:

„Das musst du dir ansehen, Richard.“
Der Angesprochene war ein hagerer Mann mittleren Alters, mit eckigen, aber nicht unattraktiven Gesichtszügen, einem schmalen, nachdenklichen Mund, dunklen Augen und Haaren. Er trug einen hellen Anzug bester Qualität, der dennoch etwas leger wirkte.
„Was ist es diesmal, Eugen? Ein japanisches Flottenmanöver? Fahren sich Marine und Armee mal wieder gegenseitig in die Parade? Oder hat die Kempaitai einen unserer Informanten enttarnt?“
Sein Gegenüber lachte jäh auf. Er war hoch gewachsen und schlank, mit bereits schütterem Haar. Im Gegensatz zu Richard trug er eine Uniform – eine deutsche Uniform: „Was du dir immer wieder ausdenkst! Stell dir das mal vor: wie es aussieht haben wir einen Spion bei einem texanischen Kaperer, der gerade die Russen in Alaska rupft.“
„Und? Ich meine, da weiß man doch gar nicht, wem man Glück wünschen soll – den Texanern, oder den Bolschewisten.“
„Das war nur die erste Hälfte der Geschichte. Denn jetzt hat dieser Kaperer den Auftrag bekommen, mit russischen Abzeichen einen Angriff auf einen japanischen Fliegerhorst zu starten.“
„Wollen die Texaner den nächsten Krieg anzetteln?“
„Sie fühlen sich wohl einfach in der Enge. Und da kommt man auf verrückte Ideen. Texas sieht sich immer mehr von Feinden umgeben. Die Tommies versuchen im Empire Fuß zu fassen, wir in den Industrials, die Franzosen in Louisiana, die Spanier in Mexiko und die Japaner in Hollywood. Die Japaner in einen ernsteren Konflikt mit den Russen zu stürzen bedeutet, Ressourcen von Hollywood abzuziehen…“
„Ich glaube nicht, dass das klappen wird. Für die Texaner sind die Japaner vielleicht ein Haufen von Idioten, die sich wegen der Ehre den Bauch aufschlitzen. Aber da täuschen sie sich. Die Marine und die Armee werden sich nicht mit solchen Manövern aus der Reserve locken lassen – außer sie wollen es.“
„Wahrscheinlich hast du Recht. Aber vielleicht starten die Japaner zumindest einen lokalen Gegenschlag. Und so was kann schnell eskalieren.“
„Wir sagen unseren Freunden nicht, was da tatsächlich abgeht?“
Eugen lächelte dünn: „Richard, die Frankfurter Zeitung hat an dir einen erstklassigen Journalisten und ich brauche dich hier, weil du nun mal die Japaner und Chinesen besser kennst, als jeder andere in meinem Stab. Aber du verstehst immer noch nicht, wie die Politik funktioniert.“
„Und deswegen bist du stellvertretender Botschafter und ich nur ein Schreiberling.“
„Mach dich nicht kleiner, als du bist. Aber wenn wir die Japaner vorwarnen, dann werden Sie eine Falle stellen. Wir gefährden damit nur unseren Agenten. Und es kann uns doch nur Recht sein, wenn die Japaner auf die Bolschewiken sauer sind. Irgendwann…“
„Eins nach dem anderen, Eugen. Ich weiß, was der Führer gesagt hat. Aber momentan haben wir nicht einmal eine Grenze zu Russland.“
„Das kann sich schneller ändern, als man denkt.“
Richard grinste etwas spöttisch und wechselte das Thema: „Und, was ist das für ein Mann, den wir bei den Texanern haben? Es ist doch ein Mann?“
„Ein echter Teufelskerl. Fallschirmjäger und Nahkampfausbildung, außerdem Fliegerass. Er war zu jung, um im Großen Krieg mitzumachen. Aber er war in Spanien und in der Mandschurei. Verdammt, manchmal wünsche ich mir…“
„Wir sind aus dem Alter raus, Eugen. Wir haben an der Westfront gekämpft – und ich glaube, wir haben uns einen etwas ruhigeren Posten redlich verdient. Was sagt eigentlich die RSHA zu der Aktion?“
„Gar nichts – und Sie werden das auch nicht erfahren. Ich will diese Prügelknaben nicht dabei haben.“
„Schon gut, Eugen. Ich bin ja auf deiner Seite.“
„Die Sache bleibt unter uns, also innerhalb der Abwehr. Ich brauche von dir eine Expertise – und das schnell – wie sich diese kleine Provokation auswirken könnte. Fallstudien, Eventualitäten, mögliche Implikationen. Der ganze Mist. Schaffst du das?“
„Die Frankfurter Zeitung kann auch ein wenig warten. Bis übermorgen hast du das Papier.“
„Danke, Richard.“
Der lächelte nur kurz, fast spöttisch: „Ich tue nur meine Pflicht. Wir sehen uns dann morgen.“
Als er ging, sah man, dass er leicht hinkte. Er verließ das Gebäude der deutschen Botschaft, das auch der hiesigen Abwehr-Zweigstelle diente. Der Mann schien allgemein bekannt zu sein, nahm sich die Zeit, Vorbeikommende kurz aber freundlich zu grüßen. Jeder schien ihn zu kennen.
Er war Journalist der Frankfurter Zeitung, Mitarbeiter der Abwehr und Parteimitglied der NSDAP. Und er war Agent der GRU, Leiter des Spionagerings ‚Ramsay’ und überzeugter Kommunist – Doktor Richard Sorge.

Der Angriff auf das Flugfeld mochte unbedeutend sein – seine politischen Implikationen aber waren es nicht, das war Sorge klar. Moskau musste informiert werden. Kurz wanderten Sorges Gedanken zu dem deutschen Agenten an Bord des texanischen Kaperers. Er wusste nur zu gut, unter welchem Druck Agent „Parsifal“ stehen musste. Wahrscheinlich war er, Richard Sorge, sogar der einzige Mann in der deutschen Botschaft, der wusste, was dies bedeutete. Einen Augenblick lang fühlte der Spion so etwas wie ein gewisses Gefühl des Verständnisses mit dem deutschen Agenten. Sie beide waren Kämpfer im Schattenkrieg, die fern der Heimat und auf sich alleine gestellt waren.
Aber damit endeten die Gemeinsamkeiten. ‚Parsifal’ arbeitete für die Faschisten und Richard Sorge würde tun, was in seiner Macht stand, um die Mission des deutschen Agenten zu vereiteln.
Thema: [OT ]Crimson Sky: Next Chapter
Tyr Svenson

Antworten: 29
Hits: 537
31.01.2020 19:23 Forum: Kurzgeschichten


Armstrong wollte sich bereits zum Gehen wenden, als ihn Steels Stimme innehalten ließ: „Commander, mir gefällt die Sache überhaupt nicht. Die Japaner, das ist etwas anderes als ein Stippangriff auf ein Piratennest.“
„Gegen die Russen hatten Sie keine derartigen Bedenken.“
„Die Russen – Pah! Außerdem ist es eine Sache, den Bolschewiken ein paar Lastzeppelins abzuknöpfen. Es ist etwas ganz anderes, für einen Furz auf der Landkarte wie Texas die Drecksarbeit zu erledigen und zwei Großmächte zu verarschen. Und das auch noch für lau!“
„Damit hätten Sie rechnen müssen, als Sie auf einem texanischen Kaperer anheuerten.“
„Aber wir sind Freibeuter. Keine beschissene Kommandoeinheit.“
Armstrong war etwas irritiert. Er hatte Steel für etwas wagemutiger gehalten: „Ich habe meine Anweisungen, Steel – und Sie auch. Wollen Sie jetzt mauern, oder tun Sie gefälligst, was man Ihnen sagt?! Ich dachte, bei den Industriels hätte man etwas mehr Mumm in den Knochen. Und etwas mehr Disziplin!“
Dem hochgewachsenen Deutschamerikaner lag offenbar eine bissige Antwort auf der Zunge, aber dann beherrschte er sich. Seine Stimme klang gepresst und fast übertrieben förmlich: „Erlaubnis, einen Vorschlag machen zu dürfen?“
„Lassen Sie den Affenzirkus. Natürlich können Sie das.“
„Die Japse haben gute Fla-Kanoniere und gute Jagdpiloten. Aber sie verfügen weder über Funkmess, noch über sehr viele Nachtjäger. Das könnten wir uns zunutze machen. Lassen Sie uns einen Nachtangriff fliegen. Die Dunkelheit gibt uns Deckung. Wir schmeißen ein paar Bomben, ballern ein wenig rum, lassen unsere Bolschewisten-Mühlen von den Scheinwerfern etwas anleuchten – und verschwinden. Wir können sogar ein paar Bomben beschriften, die Russen machen das manchmal. Wenn wir den Japsen ein paar Blindgänger und Bombensplitter mit kyrillischen Buchstaben dalassen, werden sie schon kapieren, woher die kommen.
Außerdem können wir so auch die Nachtflugfähigkeiten unserer Piloten testen. Und wir minimieren die Gefahr, in heftigere Luftkämpfe oder Flakfeuer zu geraten.
„Wir minimieren auch den Erfolg“ schaltete sich Blue ein, der irgendwie nie so richtig mit Steel warm geworden war.
Der Staffelkapitän tat den Einwand mit einem Schulterzucken ab: „Es geht doch sowieso nur darum, die Japse zu reizen. Mit einer Staffel haben wir doch ohnehin kaum genügend Feuerkraft, den Flugplatz RICHTIG zu verwüsten. Dazu bräuchten wir schwerere Kaliber. Aber das ist ja auch nicht Sinn der Sache…“
Armstrong überlegte kurz. Die Nachtflugübungen waren seine Idee gewesen, deshalb gefiel ihm Steels Vorschlag. Außerdem war es wirklich relativ unerheblich, wie viel Schaden sie anrichteten – solange die Japaner nur ordentlich gereizt wurden und auch erfuhren, wer die „Täter“ waren. Und nicht zuletzt versprach Steels Idee, das Risiko für die Piloten zu verringern – zumindest das Risiko, das von den Japanern ausging…
„Glauben Sie, dass ihre Piloten das schaffen?“
„Wenn sie es jetzt noch immer nicht schaffen, dann haben sie in der Luft nichts verloren.“
„Und Sie glauben, dass sie das Flugfeld finden können?“
„Ich garantiere es ihnen.“ Steel schien sich seiner selbst völlig sicher.
„Also gut, wir machen es so. Bereiten Sie ihre Staffel vor – Sie haben zwei Tage.“
„Jawohl, Commander.“ Steel salutierte knapp und marschierte ab, jetzt wieder selbstsicher und beherrscht wirkend.

Sobald Steel in seiner Kabine war, veränderte sich sein Gebaren schlagartig. Mit einem lautlosen Fluch hämmerte er die Faust gegen die Wand. Das erleichterte ihn allerdings nur unwesentlich. Verdammt!
Mit einer solchen Situation hätte er rechnen müssen – aber er hatte es nicht. Natürlich, im Gegensatz zu diversen Spionageschmökern kam es eigentlich so gut wie nie vor, dass ein Agent aktiv gegen die eigenen Leute oder Verbündete kämpfen musste. Aber genau das stand ihm jetzt wohl bevor.
Japan war ein Verbündeter des Reiches. Schlimmer noch, von Stahlheim hatte selber als Verbindungsmann in der japanischen Armeeluftwaffe gedient. Er hatte dort Freunde gefunden, war für seinen Dienst und den Abschuss eines Piloten der „Flying Tigers“ mit der japanischen Tapferkeitsmedaille geehrt worden. Und das galt ihm viel.
Er hatte amerikanische und russische Piloten abgeschossen, ohne zu zögern. Aber nun…
Er hatte getan, was möglich war. So würde er den Schaden gering halten können, ohne seine Tarnung gefährden zu müssen. Aber er war nicht gerade glücklich damit.
Realistisch betrachtet hatte er sich nicht weigern können, waren sogar seine Bedenken bereits ein Fehler gewesen. Ernst „Steel“ Stahl hatte es egal zu sein, gegen wen er flog.
Kurz hatte er sogar mit dem Gedanken gespielt, den Angriff zu nutzen um überzulaufen. Seine Maschine war mit dem Nitro-Booster ausgerüstet. Wenn er sie sicher landen konnte, würde er auf jeden Fall diesen Teil seines Auftrages erfüllt haben.
Doch er hatte diese Idee sofort verworfen. Es war zu riskant, mitten in einem Luftangriff überzulaufen – er würde Gefahr laufen, von BEIDEN Seiten unter Feuer genommen zu werden. Die Abwehr würde es kaum zu schätzen wissen, wenn der Nitro-Booster zuerst einmal in die Hände Japans fiel, im Rahmen einer überstürzten Flucht, und der japanische Generalstab über die Weitergabe zu befinden hatte. Diese Option war nur für einen Notfall reserviert. Außerdem blieb da immer noch der zweite Teil seines Auftrages: Informationen über die amerikanischen Freibeuterbanden zu sammeln und Kontakte zu knüpfen. Ein so plötzliches Überlaufen würde seine Tarnung garantiert auffliegen lassen und hätte alle jene Agenten gefährdet, mit denen er in letzter Zeit Kontakt gehabt hatte.
Noch einmal fluchte von Stahlheim lautlos. Aber er hatte eigentlich keine Wahl. Er würde den Angriff fliegen müssen. Und er konnte nur die Seelen jener Männer um Verzeihung bitten, die er würde töten müssen. Von Stahlheims Gesicht nahm einen harten, fast grausamen Ausdruck an, während er in Gedanken Armstrong verfluchte. Armstrong und dessen überambitionierte texanische Befehlshaber, die glaubten, unbedingt zwei Großmächte gegeneinander aufhetzen zu müssen, gegen die Texas nur ein Fleck auf der Landkarte war.
Er würde seine Pflicht tun. Doch zuerst…

Jetzt waren seine Bewegungen schnell, kontrolliert, hundertfach geübt. Zuerst vergewisserte er sich, dass die Tür verschlossen war. Dann entfernte er eine Platte der Wandverkleidung. Dahinter kam ein kompaktes Funkgerät zum Vorschein, dessen Einzelteile er bereits in Sky Haven besorgt hatte. Von Stahlheim setzte die Kopfhörer auf – aber so, dass er immer noch mit einem Ohr auf den Gang hören konnte. Diese Technik lernte man als Agent besser früher als später. Sein Gesicht nahm einen konzentrierten, suchenden Ausdruck an. Nach kurzem Suchen hatte er die Frequenz der Abwehrstation gefunden. Der Funkkontakt dauerte nicht einmal eine Minute. Steel sendete die verschlüsselte Botschaft, eine Ziffernkette, und brach den Kontakt bereits ab, bevor der andere Funker sein `Bestätigt’ komplett hatte.
Nur wenige Augenblicke später war die Funkanlage wieder verborgen hinter der Kabinenwand. Von Stahlheim stand auf und verließ die Kabine. Er hatte einen Angriff vorzubereiten und er durfte sich keinen Fehler erlauben.
Thema: [OT ]Crimson Sky: Next Chapter
Tyr Svenson

Antworten: 29
Hits: 537
31.01.2020 19:21 Forum: Kurzgeschichten


„Jahuu! Und wieder einen Kommi zu den Fischen geschickt!“
„Funkdisziplin, Klutz“, ermahnte Armstrong den Brigand-Piloten. Unter ihnen ging eine schwarzlackierte Devastator mit rotem Heck rauchend runter, direkt in die Beringsee.
„Schon gut, Boss“, meldete Klutz amüsiert. „Melde einen Abschuss, Devastator.“
„Registriert, Klutz. Ach, gratulieren Sie Stick von mir. Das war gute Arbeit.“
„Stick hier. Danke, Sir. Man sollte eben die Heckgeschütze einer Brigand mit erstklassiger Crew nicht unterschätzen.“
Armstrong grinste schief. „Über das erstklassig reden wir noch mal. Jetzt helft bei Silence aus.“
„Verstanden!“

Armstrong zog seine Fury in eine enge Kehre und ein wenig hoch, um die Orientierung über den Luftkampf zurück zu bekommen. Sie traten hier mit zwei vollen Staffeln gegen einen Frachtzeppelin und eine Begleitstaffel Devastator an. Zwei der Flieger lagen bereits im Bach, die dritte folgte gerade. Die anderen drei balgten sich mit den anderen Piloten seiner Staffel, während Rotte eins und zwei vom Dog Pack die Zigarre direkt angriffen.
„Armstrong, hier Armstrong. Steel, wie sieht es aus?“
„Sind gleich soweit, Chef. Zwei Antriebsgondeln beschädigt und zehn MG-Nester ausgeschaltet. Gallagher kann ihre Marines schon mal los schicken.“
„Ihr Wort in Gottes Ohr, Steel“, kommentierte Armstrong.
Mit Dusk am Heck ging er wieder tiefer und beharkte eine achtlose Brigand in knallroter Lackierung, die versuchte, Steels Flieger vom Zeppelin abzudrängen.
„Er gehört dir, Dusk.“
„Danke, Chef.“ Melissa Vandersen löste sich von seinem Flügel und fuhr auf die Kommunisten nieder wie ein Racheengel. Aber im Gegensatz zum russischen Devastator-Piloten wusste sie die Heckbewaffnung einer Brigand recht gut einzuschätzen und zu umgehen. Zuerst färbte sich das Glas um den Heckschützen rot, danach das Cockpit.
Es war eine alte Regel aus dem Großen Krieg, aufgestellt von Manfred von Richthofen, der noch immer als einer der Top-Piloten galt und den Ehrentitel Roter Baron trug, selbst Jahre nach seinem Tod: Griff man den Piloten an, schaltete man die ganze Maschine aus. So einfach war das. Und so effektiv.
Führerlos geworden begann die schwere Maschine zu trudeln und in die eisige Beringsee zu stürzen.
„Nummer vier“, murmelte Armstrong mehr zu sich selbst. „Langsam wird es Zeit. Dusk, komm zurück.“
„Verstanden, Chef.“
„KIEV, KIEV, ich rufe Sie. Stellen Sie den Kampf ein und ergeben Sie sich. Ich wiederhole, stellen Sie den Kampf ein und ergeben Sie sich.“
„Niemals, Sie verdammter Imperialist! Wir kämpfen bis zum letzten Blutstropfen für unser Volk und unsere Freiheit! Wir…“
„Der letzte Blutstropfen ist bald erreicht. Wollen Sie sinnlos sterben? Und nützen Sie damit der Revolution?“, konterte er die Stimme mit hartem russischen Akzent. „Ergeben Sie sich und leisten Sie keinen Widerstand. Dann garantiere ich für Ihre Leben, KIEV.“
„Und wer soll Ihnen das glauben, Tovarisch?“, kam die patzige Antwort.
„Wir sind das Dirty Pack“, antwortete Armstrong ernst.
„Das…Oh.“
Mit der KIEV würde das Pack den vierten Frachtzeppelin erobern, der Alaska verließ, um die russische Heimat mit den reichhaltigen Bodenschätzen des neuen Kontinents zu versorgen. Dave war sich sicher, sie hatten sich unter den russischen Piloten und Besatzungen schon einen gewissen Ruf erworben. Das sie in Übermacht angriffen war sicherlich ein Teil davon. Das sie aber keine Piloten und Mannschaften töteten, die sich ergeben hatten, war ein anderer Teil.
„Wir ergeben uns.“
Armstrong atmete auf. Die drei erlösenden Worte, die dem Massaker ein Ende setzten. Und auch der Gefahr, dass doch noch einer meiner Leute abgeschossen wurde.
„Gut. Lassen Sie Ihre beiden überlebenden Devastator landen, KIEV. Sobald dies geschehen ist, schicken wir Hoplites mit Entermannschaften. Danach sehen wir uns mal an, was Sie so geladen haben.“
„Verstanden, Dirty Pack.“
„Steel, schaffen Sie es hier draußen alleine? Ich will mit den Hoplites übersetzen.“
„Wenn Sie mir Dusk und Klutz da lassen, kein Problem.“
„Dusk?“
„Klar, Boss.“
„Klutz, gute Arbeit. Fliegen Sie hohe Sicherung.“
„Verstanden, Chef.“
Okay, Silence, Rocket, Rainmaker, zurück zur NORTH.“
„Verstanden!“
„Klar, Chef.“
„Ja.“
Dave zog seine Fury herum und nahm Kurs auf ihre NORTH STAR, die in der felsigen Küste Alaskas auf den Frachter gelauert hatte. Nummer vier. Das Pack hatte Frachter Nummer vier geentert. Wenn das so weiterging und die Zusammenarbeit innerhalb der Staffeln dank Steel noch besser wurde, konnten sie es durchaus bald mit einem gleichstarken Gegner aufnehmen.
„NORTH STAR, NORTH STAR, Cat Pack Leader hier. Komme mit Rainmaker, Rocket und Silence zurück. Und, Blue, halte einen Hoplite für mich zurück.“
„Verstanden, Chef.“

***
Seit Armstrong auf Shannons Tipp hin mit seiner Zigarre nach Alaska gezogen war, wurde ihm immer mehr klar, wie goldrichtig der Tipp gewesen war. Durch vorsichtiges Navigieren und eine gute Voraufklärung in den russischen Verladehäfen, die wie Pilze aus dem Boden schossen und öfters englische statt russische Namen trugen, hatte sich das Dirty Pack bereits viermal leichte Beute geschossen. Dabei war es Armstrong nicht primär um die Fracht gegangen, eher um die Chance, gegen die russischen Piloten anzutreten und seine beiden Staffeln an den gemeinsamen Kampf heran zu führen.
Die Russen waren keine schlechten Piloten, gut ausgebildet und hoch motiviert.
Aber gegen eine Übermacht und gut eingespielte Teams hatten sie letztendlich keine Chance gehabt. Durch dieses taktisch kluge Vorgehen war es bisher noch nicht zu Verlusten im Dirty Pack gekommen. Aber sobald sie in einen Hinterhalt gerieten – den die Kommunisten sicher bald legen würden – oder an ein Aß der Russen gerieten, würde es diese Verluste geben. Armstrong war irgendwie neugierig, wie seine Leute mit dieser Situation umgehen würden. Und wie sie den ersten Toten in den eigenen Reihen verkrafteten.
Denn irgendwann würden auch Leute aus den eigenen Reihen sterben, das war die Natur im Leben eines Piloten in den ehemaligen USA.
„Wir sind gleich da, Chef“, sage Gallagher ernst.
Armstrong sah auf und erkannte, wie die Zigarre der Russen immer näher kam. Bisher hatten sie mit ihrer Beute Glück gehabt. Es waren nicht gerade Berge von Gold gewesen, die sich ihnen aufgetan hatten, aber für die mangelnde Bewachung waren die Frachträume gut gefüllt gewesen.
Armstrong wurde klar, wie wichtig die Schatzkammer Alaska für die Russen mittlerweile geworden war.

Sie flogen in den Hangar ein, direkt neben zwei weitere Hoplites der NORTH, mit denen bereits Soldaten übergesetzt hatten. Professionell hatten sie das Hangardeck unter Kontrolle gebracht und die anwesenden Piloten und Techniker zusammen getrieben.
Armstrong stieg aus, ging, Gallagher neben sich, auf die Gruppe Russen zu.
„Mein Name ist Dave Stone. Ich bin der Anführer des Dirty Packs. Wenn Sie alle kooperieren, wird Ihnen nichts geschehen, darauf haben Sie mein Wort. Darüber hinaus werden wir Ihre persönliche Habe nicht anrühren, wenn Sie unseren Anweisungen folgen.“
Leises Murren antwortete ihm. Einige schienen kein englisch zu können, aber die geladenen Waffen sprachen eine eigene Sprache.
Armstrong zuckte mit den Schultern. „Frachträume und Brücke besetzen, Captain.“
„Aye, Sir.“

Armstrong folgte der Gruppe, die zur Brücke der KIEV unterwegs war. Er wollte ein paar Takte mit dem Kapitän sprechen.
Sie trafen auf keinen Widerstand.
„Wer hat hier das sagen?“ Stille antwortete ihm. Bis Dave dämmerte, warum sich niemand meldete. Es war ein schlechter Witz unter Piraten und Freibeutern, dass man fragte, wer das Kommando hatte, nur um ihn zu erschießen, damit irgendwann jemand sagte: Sie haben das Kommando.
„Okay, lassen Sie mich das anders formulieren. Wer ist der ranghöchste Offizier an Bord?“
Ein Mann mit langem Bart und khakifarbenen Wollpullover erhob sich. „Ich bin der Kapitän.“
Dave nickte dem Mann zu. „Gut. Wenn Sie kooperieren, haben Sie nichts zu befürchten. Wir nehmen uns nur die Fracht und verschwinden wieder.“
„Verdammte Imperialisten“, zischte eine Stimme neben Dave. „Es muss befriedigend sein für Sie, dem darbenden russischem Volk das wenige zu stehlen was es hat.“
„Vassili!“, rief der Kapitän scharf, aber der Mann hatte sich in Rage geredet.
„Imperialisten und Zarentreue! Die Roten Falken werden das nicht hinnehmen! Eurem menschenverachtendem System…“
Ich zog seufzend meine Waffe und richtete sie auf den Mann. Sofort verstummte er.
„Kümmern Sie sich um ihn, Kapitän, oder soll ich das tun?“
Der bärtige Mann wurde bleich. „Sicher, Sir, ich werde mich um ihn kümmern.“ Er kam herüber und redete auf russisch auf den Mann ein. Der senkte den Blick, blieb aber zornig.
„Übrigens, junger Mann, es geht mir nicht darum, dem russischen Volk zu schaden oder mich mit Ihren Roten Falken anzulegen“, sagte Dave ernst. „Und es geht mir auch nicht darum, den Kapitalismus zu stützen.“
Der Mann sah auf. „Was wollen Sie dann?“
Armstrong zuckte mit den Achseln. „Reich werden. Sie sind einfach nur leichte Beute auf dem Weg dahin. Wir nehmen von jedem: Kommunisten, Imperialisten, Demokraten, Banditen und Anarchisten.“
„Was ist das für ein System?“, fragte der junge Mann erstaunt. Es war offensichtlich, dass die Partei ihn indoktriniert und auf den Klassenkampf vorbereitet hatte.
„Piraterie“, sagte Dave schlicht.

***
Abends waren die Umladearbeiten beendet. Die KIEV hatte zweitausend Robbenfelle geladen gehabt, Eisenerz, zwei Tonnen gesalzenen Lachs und noch ein paar Kleinigkeiten, die als Bonmots einiges einbringen würden. Von der Hauptladung, Rohöl, hatte das Dirty Pack soviel übernommen wie es möglich war.
„Die Beute ist etwas einseitig“, stellte Blue fest. „Immer nur Erze, Robbenfelle, Rohöl und konservierte Nahrung.“
„Tut mir Leid, Jeff, aber ich denke nicht, dass wir es bereits mit einem ihrer Goldfrachter und seinem Begleitschutz aufnehmen können.“
„Das meinte ich nicht. Die Felle werden wir in Pazifica teuer verkaufen können, das Erz werden wir relativ gut los. Ebenso das Öl. Aber das Fleisch und der Fisch…Wir servieren bereits seit einer Woche zu jeder Mahlzeit Lachs.“
„Vielleicht sollten wir dann mal einen der Frachter überfallen, die nach Alaska fahren?“, fragte Armstrong. „Vielleicht haben sie ja Kaviar geladen?“
„Ja, ja, mach dich nur lustig über mich. Was ich wissen will ist, wie lange noch, bevor du meinst, wir haben genug mit den Russen geübt?“
„Für dieses Mal streichen wir die Segel, Blue“, sagte Dave ungewöhnlich ernst. „Wir hatten Gelegenheit, jeden einzelnen Piloten unter Druck zu beobachten und zu beurteilen. Wenn wir zurückkommen können wir uns mal einen größeren Fisch aussuchen. Aber erst einmal sollten wir die Waren verkaufen. Nicht, dass wir zu den Bedingungen der Kommunisten auf ein stärkeres Team treffen. Die Russen haben auch Asse hier oben.“
„Und wie lange dauert es, bis wir für deinen speziellen Freund bereit sind?“
Armstrong sah zu Boden. „Noch lange nicht. Und wenn wir ihn angehen, dann nicht allein. Soll meinetwegen der Himmel brennen, aber ich lasse diese Zigarre und keinen einzigen an Bord mit dem Leben davonkommen. Ist es das, was du hören wolltest, Blue?“
„Das nicht alleine gefällt mir besonders. Du hast dabei doch nicht an Cat Shannon gedacht? Ich weiß dass du eine hohe Meinung von ihm hast, aber ehrlich gesagt, komme ich immer noch nicht mit ihm klar.“
Dave lachte leise. Jeff Daines hatte Cat vom Himmel geholt, bevor er Pirat geworden war – ironischerweise unter Shannon. Aber so ganz verziehen hatte Shannon es dem ehemaligen BAS-Piloten noch immer nicht. „Es muß nicht unbedingt Shannon sein. Mittlerweile sollte sich die LEVIATHAN genügend Feinde gemacht haben, dass wir uns unsere Verbündeten aussuchen können. Wir…Ja, Winter?“
Der Erste Offizier der NORTH salutierte vor den beiden. „Commander, Kapitän. Soeben kamen Befehle für uns an.“
„Jetzt schon?“ Armstrong nickte dem Mann zu. „Das erscheint mir etwas früh zu sein. Aber sehen wir uns mal an, was Texas zu sagen hat.“

**
Fünf Minuten später schüttelte Dave nachdenklich den Kopf. „Woher wissen sie, wo wir sind? Ist ihr Agentennetz so gut aufgestellt?“ Er reichte den dechiffrierten Befehl an Blue weiter.
„Aleuten? Okay, denen sind wir gerade näher als Kanada. Aber dort hocken die Japse. Und glaub mir, die haben dort bestimmt einen Haufen guter Piloten sitzen, mit denen sie ständig die Russen ärgern.“
„Lies weiter“, forderte Dave ihn auf.
„D-das…Das ist…Wenn die Japse das dechiffrieren, fliegen wir direkt in die Hölle hinein.“
Armstrong wandte sich der Karte zu, die an der Wand der Brücke hing. „Wenn wir direkt übers Meer fliegen und Rote Route eins kreuzen, können wir in zwei Tagen da sein.“
„Das beraubt uns unserer Deckung, Armstrong“, gab Jeff zu bedenken.
„Richtig, in Küstennähe können wir uns leichter verstecken. Aber ich will da schnell rein und schnell wieder raus.“ Armstrongs Hände verkrampften sich. „Was denkt sich Texas eigentlich dabei? Wir sollen in diesem Hexenkessel als Schürhaken das Feuer noch mehr anfachen?“
Resignierend seufzte er. „Wir ändern sofort den Kurs. Such uns eines der schwächeren Flugfelder aus. Angriff im Morgengrauen. Eine Staffel geht ran, die andere sichert unsere Zigarre. Ach, und gib Sam Anweisung, die Maschinen der zweiten Staffel umzulackieren.“
„Du willst Steel als Kommunist da raus schicken? Welche Ironie.“
Armstrong hustete unterdrückt. „Ja, nicht wahr? Ich glaube zwar nicht dran, dass wir die Japaner mehr als ein wenig ärgern können, aber das ist ja auch nicht unser Auftrag. Steel wird seinen Job machen, wir werden wieder verschwinden, und dann ruhen wir uns ein paar Tage in Seattle aus.“
„Darf ich es Steel sagen? Ach, bitte, Armstrong.“
„Meinetwegen, Blue.“

Der Kapitän der NORTH verließ mit Dave zusammen die Brücke. Vor der Messe ließ Armstrong dem Freund den Vortritt.
Als sie die Tür öffneten, klangen ihnen schon die Stimmen der Marines und Piloten entgegen, die lautstark über den heutigen Kampf diskutierten.
Steel war nicht heraus zu hören, aber Armstrong war sich sicher, dass der Mann mit den anderen Piloten am Tisch saß. Die Gelegenheit, seine Manöverkritik auch an Armstrongs Staffel zu verteilen ließ sich der Industrial sicher nicht entgehen.
Blue grinste Dave noch mal frech an, dann trat er ein. Zielsicher fand er Steel zwischen Hammer und Max. Letzteres ließ ihn kurz die Stirn runzeln.
Armstrong sah dabei zu wie Blue lächelnd auf Steel zuging. Der Industrial-Pilot musterte den Kapitän der NORTH mit hochgezogenen Augenbrauen. Das war mit Sicherheit ein ungewöhnlicher Anblick für ihn.
„Ernst, kann ich Sie kurz sprechen?“
Nun war der Chef des Dog Pack vollends misstrauisch. Doch er erhob sich und folgte Blue auf den Gang, wo Armstrong noch immer wartete.
„Ernst“, eröffnete Jeff Daines, nachdem Steel den Commander fragend gemustert hatte, „wir haben Befehle aus Houston bekommen. Bevor wir runter nach Pazifica fliegen, gibt es noch einen Auftrag auf den Aleuten zu erledigen. Wir sollen ein Flugfeld der Japse ausräuchern. Dafür will der Commander Ihre Staffel aufbieten.“
„Nun, wenn wir uns ein abgelegenes Feld aussuchen sollte das ohne Weiteres möglich sein“, merkte Steel vorsichtig an, der anscheinend noch immer auf den Pferdefuß wartete.
„Ernst, die Befehle sind eindeutig. Ich werde sofort Anweisungen geben, Ihre Maschinen umzulackieren.“ Blue atmete tief ein als fielen ihm seine nächsten Worte sehr schwer. „Die neue Bemalung wird schwarz sein, mit roten und silbernen Hecks und Highlights.“
Steel starrte den Mann aus Empire State an wie einen Geist. „Moment. Sagen Sie mir nicht, wir greifen die Japaner als…Kommunisten an?“
Jeff Daines grinste breit. „Sie haben es erfasst, Ernst.“
„Und der Tag hat gerade so schön aufgehört“, stöhnte der Mann aus den Industrials.
Thema: [OT ]Crimson Sky: Next Chapter
Tyr Svenson

Antworten: 29
Hits: 537
31.01.2020 19:20 Forum: Kurzgeschichten


„Soll das heißen, du brauchst den ganzen Scheiß über die ‚Leviathan‘ gar nicht?“ Elisabeth klang trotz der rüden Wortwahl fast erleichtert – ihr hatte der Gedanke nie gefallen, daß von Stahlheims Commander seine Vendetta verwirklichen könnte.
Der hochgewachsene Deutsche schüttelte den Kopf: „Doch – aber nicht sofort. Wie es aussieht will ‚Armstrong‘ vorher noch ein paar Bolschewisten kaltmachen. Da ist wohl was von der Ausbildung hängengeblieben...“ Seine Stimme klang zynisch.
„Alaska ist ein ziemlich unübersichtlicher Hexenkessel – Rote, Weiße, dazu auch noch Schmuggler und Piraten aller Couleur. Und ich habe gehört, daß die Japaner auf den Aleuten gelegentlich mitmischen. Sie haben dort etliche Kampfstaffeln, ein oder zwei leichte Zeppeline, Zerstörer und U-Boote.“
„Wir sind doch auch vertreten, oder?“
„Du meinst, im Sinne von Waffenbrüderschaft und Freundschaft? Soviel ich weiß, haben wir dort einen Funker. In Alaska selber haben aber jedenfalls die Japse mehr Leute als die Abwehr...“
„Damit kann ich leben. Wenn man sie nur richtig zu nehmen weiß...“
Um Elisabeths Lippen zuckte es, aber sie verkniff sich eine Bemerkung über Stahlheims Umgang mit Geheimdienstkontakten.
„Also hier – das ist alles, was ich über die Gegend auf Lager habe. Ziemlich dürftig.“
„Es muß reichen. Und es ist ja nicht so, als ob wir nach Scapa Flow fliegen.“
„Unterschätze die Russkis nicht. Für ‚Euch‘ sind das vielleicht nur ‚verjudete Untermenschen‘, aber die Roten sind verdammte Cracks. Ihre Infanterie läßt die Ledernacken wie einen Haufen Wohlstandsgören wirken. Und auch wenn die meisten Piloten nur Durchschnitt sind – die haben Asse, die stecken JEDEN Ami in die Tasche.“
„Sie werden nicht gerade die Elite im Einsatz haben – die stehen wohl eher an der polnischen und der chinesischen Grenze oder massakrieren die Weißen...“
„Hoffentlich.“ Sie klang aber immer noch skeptisch.
Von Stahlheim blickte Elisabeth direkt an und jetzt lächelte er, während er ihr einen Arm um die Schulter legte: „Mach dir keine Sorge. Ich pass‘ schon auf. Die Roten werden mich jedenfalls nicht `runterholen.“
„Du sollst überhaupt nicht abgeschossen werden!“ Sie schien selber über ihre Vehemenz überrascht.
„Ich verspreche es, ich werde vorsichtig sein.“
Elisabeth wirkte jetzt etwas verlegen: „Na ja – gut. Dann...wenn du weitere Informationen brauchst – du kennst die Kontaktstellen da oben?“
„Ja...“ Das klang fast abwesend. Von Stahlheim hatte in der Tat etliche Kontaktstellen im Kopf. Doch eine davon...Nun, was das betraf, so würde die Zeit ihm zeigen, was notwendig war.
„Und hier, das wirst du wohl auch noch brauchen.“ Das Päckchen, das Elisabeth ihm jetzt reichte, war ziemlich klein und der Agent nahm es vorsichtig und verstaute es sorgfältig, als wäre es explosiv.
Aber es war keine Bombe, es war der letzte Teil eines Mini-Funkgeräts, dessen Einzelteile von Stahlheim in den letzten Tagen an Bord des Zeppelins geschmuggelt hatte. Die Reichweite war nur begrenzt, Empfang- und Sendeleistung bescheiden und die Sendegeschwindigkeit gering. Dafür ließ sich das Gerät schnell und relativ leicht zusammenbauen und demontieren. Alle Bestandteile waren amerikanischer oder englischer Herkunft, nur der Bauplan war deutsch.
„Aber denk dran – das ist nur ein Kurzstreckengerät. Und wenn die dich anpeilen...Also das kannst du deinem Commander wohl kaum plausibel machen.“
„Es ist nur für den Notfall. Und ich werde es nicht gerade auf dem Nachttisch montieren. Sie müßten schon die Wände meiner Kabine abreißen, um die Einzelteile zu finden – und die meisten an Bord würden nicht mal WISSEN, was das ist.“
Elisabeth lachte sarkastisch: „Ja, vielleicht denken sie dann nur, es ist `ne Bombe...“ von Stahlheim überging das mit einem ironischen Achselzucken: „Eine Bombe kann man noch leichter erklären, ohne meine Tarnung zu gefährden. Egal. Wann gehst du auf Sendung? Von Tauten will...“
„Mach dir keine Sorgen um die alte Spinne. Er bekommt das Material schon rechtzeitig. Die Zentrale in New York geht sowieso nur alle zwei-drei Tage auf Sendung.“
Es entstand ein kurzer Augenblick verlegenes Schweigen. Obwohl beide bereits seit etlichen Jahren im Geheimdienst oder Kriegseinsatz standen, waren sie sich nicht ganz sicher, was sie jetzt sagen sollten. Von Stahlheim beendete die Unsicherheit, indem er Elisabeth umarmte und lange küßte: „Paß auf dich auf.“
„Sollte das nicht eigentlich mein Text sein, Soldat?“
von Stahlheim lachte kurz auf: „Na gut – dann passen wir halt beide auf.“
Und das war es. Mehr gab es nicht zu sagen. Beide wußten, es war vollkommen ungewiß, ob und wann sie sich noch einmal begegnen würden. Und als ‚Illegale‘ kannten sie auch nur zu gut die Gefahr, in der sie ständig schwebten...
Als von Stahlheim das Haus verließ, hatte er wieder den selbstsicheren, aber wachsamen Gang des ehemaligen Industrial-Fliegers und Söldners Ernst „Steel“ Stahl. Nur einmal drehte er sich um und winkte kurz.

***

„Haben Sie Spaß gehabt?“ Die Frage konnte Max sich nicht verkneifen, als Steel wieder auftauchte. Wußte der Geier, warum der Staffelführer noch mal kurzfristig in der Stadt gewesen war – na ja, vermutlich eine Frau.
„Halt die Klappe und kümmere dich um deine eigenen Scheiß-Angelegenheiten“ Aber das klang eher abwesend. Dann aber schien Steel sich wieder voll auf die Gegenwart zu konzentrieren: „Sind die Küken fertig?“
„Sam hat sie gerade rausgeschmissen.“
Da der Commander das „Volle Programm“ für die Neuen befohlen hatte, war Steel alles andere als gnädig gewesen. Zuerst hatte er die Neuen in die Maschinen gejagt und sie „Trockenübungen“ absolvieren lassen – sogar mit verbundenen Augen, um den Nachtflug bei ausgefallener Elektrik zu simulieren.
Dann mußten die Neuen sich medizinisch checken lassen, um anschließend von Sam betreffs ihrer technischen Fertigkeiten examiniert zu werden. Und nun...
„Was haben Sie noch mit denen vor? Ich meine, die werden sie noch auffressen, wenn Sie so weitermachen.“
Steels Lächeln war fast sadistisch zu nennen: „Der Commander wollte einen vollen Tiefencheck – und den kriegt er geliefert. Und wenn diese Idioten nicht parieren können, dann haben sie sowieso nichts verloren hier. Besser sie kriegen gleich jetzt ihre eigene Zähne zu fressen oder fliegen raus, als daß sie im Einsatz versagen.
Jetzt kommt noch mal ein kleines Frage-Antwort-Spiel, Taktik, Manöver, Feindeinschätzung und so – und dann wollen wir mal sehen, wie die Frischlinge fliegen können. Laß meine Maschine klar machen. Und sieh mal zu, wer von den alten Hasen mitmachen will, die Jungspunde über den Himmel zu jagen...“

***

Vier Stunden später

„Und Steel – wie sind sie?“
Von Stahlheim zuckte mit den Schultern und wirkte nicht übertrieben zufrieden: „Gute Mittelklasse würde ich sagen. Natürlich müssen sie sich erst mal in die Staffel einpassen. Und Ihr Nachtflug-Manöver würde ich ihnen noch nicht zutrauen. Aber Brigands sind meiner Meinung nach ja sowieso mehr als Zerstörer und Schlachtflieger geeignet, denn als Jäger - und in diesen Parametern halte ich sie für tauglich.“
„Also...“
„Nehmen wir sie. Etwas Besseres ist hier nicht auf die Schnelle zu finden. Und da Sie so schnell wie möglich in den Einsatz wollen...Die letzte Prüfung müssen sie natürlich erst noch liefern.“
Die ‚letzte Prüfung‘ würde der erste Luftkampf in dieser Einheit sein.
„Wenn wir starten, übernehmen zwei Maschinen ihrer Staffel Geleitschutz – und die Brigands.“
„Ja, Commander.“ Der hochgewachsene Deutschamerikaner straffte sich, nickte seinem Vorgesetzten knapp zu und wandte sich zum Gehen. An der Tür stoppte ihn allerdings Armstrongs Stimme noch einmal: "Steel. Sie sind mein bester Mann. Ich hoffe, das wissen Sie!"
Der Pilot drehte sich noch einmal um, ein knappes Lächeln auf den Lippen: "Danke Commander. Aber ich tue nur meine Pflicht." Er salutierte kurz und ging endgültig.
Das Lächeln blieb, während Steel in Richtung Hangar marschierte, wirkte jetzt zynisch´, aber auch ein wenig unbehaglich. Wenn Thomas Marquardt wirklich wüßte, wer Steel wirklich war und warum er angeheuert hatte...
Thema: [OT ]Crimson Sky: Next Chapter
Tyr Svenson

Antworten: 29
Hits: 537
31.01.2020 19:17 Forum: Kurzgeschichten


Über ihnen zogen zwei Furys dahin. Dave beachtete sie kaum, aber Anderson sah ihnen staunend nach. „Es ist doch schon dunkel. Wie wollen die landen?“, staunte er.
Dave lächelte kalt. „Glauben Sie, wir sind die einzigen, die Nachtflug trainieren? So neu ist die Idee nun auch wieder nicht.“
„Aye, Sir“, murmelte der Marine und kratzte sich nachdenklich an der Stirn.
Rocket grinste zu Dave herüber. „Sicher, wer hier wen beschützen soll?“
Dave winkte ab. „Der Junge ist schon groß. Er wird lernen. Kommen Sie, Marine, wir gehen weiter.“
„Aye!“, rief der junge Mann und holte zu den beiden Piloten auf.

Dave ging voran und führte sie in ein bekanntes Gebiet.
Anderson runzelte die Stirn. „Wollen wir noch mal zu diesem Händler, Sir?“
„Nun… Nicht ganz“, antwortete Dave grinsend. Er blieb vor einem dreistöckigen Holzgebäude stehen. „Sieht doch ganz ordentlich aus, was meinst du, Rocket?“
Der andere Pilot betrachtete den Bau und zuckte mit den Achseln. „Von außen kann man so was immer schwer beurteilen. Gehen wir rein?“ Die beiden Männer grinsten sich an.
„A-aber das ist doch…Ich meine, das…“
„Kommen Sie, Anderson. Das ist ein Befehl“, sagte Dave ernst.
„Ja, Sir“, seufzte der junge Mann und betrat hinter den beiden Piloten das Gebäude. Es hieß La Fleure, und warum es diesen Namen trug erkannten die drei Besucher, als sie in den großen Salon kamen.
„Willkommen“, hallte es ihnen entgegen.
Dave musterte die Gäste und Damen und nickte schließlich. „Ich glaube, das ist ein guter Laden.“
„Es wundert mich, dass du so einen Geschmack hast. Geschweige denn dass du dich mit so etwas auskennst“, raunte Rocket und grinste schief.
„A-aber…aber…“, stammelte Anderson.
„Guten Abend. Ich bin Madame Rochefort. Sie sind zum ersten Mal hier, meine Herren?“, sagte eine Frau in einem aufwändigen Abendkleid. Ohne Zweifel die Herrin des Hauses.
Dave grinste schief und riss die Hacken zusammen. „Commander Dave Stone, Ma´am. Freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen.“
„Oh. Von der Stimme her könnten Sie aus den Industrials kommen. Aber der Name klingt mehr nach Empire“, sagte die Dame und ließ zu, dass Dave einen Kuss auf ihre Hand hauchte. „Und dies sind…?“
„Jebediah McCormick, einer meiner Toppiloten und Thaddeus Anderson, unser Nesthäkchen.“
„Sir!“, protestierte der Marine entsetzt über die Vorstellung.
„So, so“, kommentierte Madame Rochefort. „Und was kann ich Ihnen anbieten? Ich meine, womit können wir Ihnen heute Abend dienen?“
„Wir hätten Lust auf…rot?“
„Ich verstehe. Molly!“
Aus einem Nebensalon kam eine der Damen hervor. Im Gegensatz zum Morgen trug sie ihr Haar nun hochgesteckt und frisiert. Das Make-up tat ihr auch sehr gut und unterstrich das, was man hatte sehen können, noch einmal.
„Ja, Madame? Oh, Sie sind es. Danke noch einmal für heute Morgen.“ Die junge Dame verbeugte sich artig, und in ihren Augen lag ein fröhlicher Schimmer. „Womit kann ich Ihnen hilfreich sein?“
Dave trat einen Schritt zur Seite. „Mr. Anderson hat nach Ihnen gefragt.“
„Was? Aber Sir, ich…“
„Geht schon in Ordnung, Junge. Ich bezahle.“
Anderson protestierte für einen Moment, dann hatte Molly aber schon seine Hände ergriffen, was seinen Widerstand dahin schmolz wie Eis in der Sonne.
„Ist es das, was Sie sich vorgestellt haben, Commander Stone?“, zweifelte die Madame. „Es ist sicher sein erstes Mal. Er könnte es schlimmer treffen als in diesem Haus, aber auch wesentlich besser.“
„Ich verstehe Ihre Sorge, Madame, und ich bedanke mich. Aber es ist nicht verkehrt, wenn der Junge schon jetzt was über das Leben lernt.“
Dave drückte Rocket ein paar Greenbucks in die Hand. „Du bleibst hier und hast ein Auge auf Anderson.“ Er begann zu schmunzeln. „Oder sei zumindest vor ihm fertig.“
„Geht klar, Chef. Was machst du?“
„Ich habe da noch einen Termin“, schmunzelte er. Dann nickte er der Dame des Hauses zu. „Ich lasse meine Leute in Ihren fähigen Händen, Madame.“
„Da sind sie auch gut aufgehoben, Commander.“
„Also dann. Rocket, mach uns keine Schande.“
„Den konntest du dir jetzt nicht verkneifen, was, Dave?“, brummte Jebediah ärgerlich.
„Nein, konnte ich wirklich nicht“, erwiderte der amüsiert.

**
Nachdenklich betrachtete Dave die aufgehende Morgensonne über den Bergen. In diesen Breitengraden ging das relativ fix, und so dauerte es nicht sehr lange vom ersten roten Schimmer in der Luft, bis der gelbe Feuerball selbst in sein Blickfeld geriet.
Er spürte zwei schlanke Arme, die ihn umschlangen. „Woran denkst du, Pilot?“
Er grinste schief. „An das Leben, den Tod und alles, was dazwischen liegt.“
Er wand sich im Griff der Frau herum und sah sie an.
Die junge Frau mochte Anfang zwanzig sein. Ihr Haar war sehr lang und pechschwarz. Nichts hätte Dave mehr irritiert, als sich eine Blonde zu suchen und an Annie erinnert zu werden.
Seltsamerweise war er nicht in den Armen einer Professionellen gelandet. Nein, auf seinem Weg zu einem der gehobeneren Etablissements war er im FORDS hängen geblieben und hatte Stephanie kennen gelernt.
Nach einem spendierten Drink und ein paar Fliegergeschichten hatte Dave schnell gemerkt, dass sie nichts trinken wollte und auch nicht wegen seiner Geschichten neben ihm saß.
Der erste gierige Kuss hatte ihm dann sehr schnell klar gemacht, worum es ihr wirklich ging. Von dort bis zu ihrem Zimmer in dieser Pension war es dann verdammt schnell gegangen.
Sie hatten sich Zeit genommen. Sehr viel Zeit. Und beide hatten sich wirklich angestrengt, so dass es für beide eine mehr als erfüllende Nacht und ein wundervoller Morgen geworden war.
Dave wusste nicht viel von ihr. Nur den Namen und die Tatsache, dass sie Pilotin oder Mechanikerin war. Zudem sprach sie mit einem leichten russischen Akzent, den sie aber stets zu verbergen versuchte.

„Letzte Nacht hat mir viel Spaß gemacht“, begann Dave vorsichtig.
Argwöhnisch hielt sie ihn einen halben Schritt von sich. „Nanu? Du wirst dich doch nicht in mich verknallt haben, Pilot, wegen eines Abschuss?“
Dave legte die Stirn in Falten. Kam er etwa so leicht hier wieder raus? „Moment, das waren ja wohl ein paar mehr“, beschwerte er sich schmunzelnd.
„Zugegeben“, erwiderte die Frau und legte ihren Kopf auf seine breite Brust. „Irgendwie bedaure ich, dass es schon Morgen ist. Für mich könnte das noch eine ganze Weile so weitergehen.“
„Wer verknallt sich jetzt in wen?“, tadelte Dave.
„Sehr komisch“, erwiderte sie. Dabei bewegten sich ihre Hände in Bereiche, die ihm spontan die Nackenhaare aufstellten. „Aber einen guten Flug sollte man eben so lange wie irgend möglich genießen. Und unser war sehr gut.“
„Das kann ich nur bestätigen.“
Sie küsste seinen Halsansatz, dann seine Lippen. „Musst du schon los, oder haben wir noch etwas Zeit?“
Dave überlegte einen Moment. Um Rocket und Anderson abzuholen war es sowieso zu spät. Und die beiden würden ja wohl alleine den Weg finden.
Er küsste die schöne Frau seinerseits, hob sie auf seine Arme und trug sie auf das weiche Bett, welches sie in dieser Nacht beträchtlich ruiniert hatten. „Einen Flug schaffen wir noch.“

**
Gegen Mittag saß Dave in einem der vielen Lokale hier in Sky Haven und aß ein großes Steak mit Bratkartoffeln. Er war müde, regelrecht erschöpft, aber seltsamerweise zufrieden.
Wie er erwartet hatte, war von Stephanie nicht mehr zu erfahren. Aber darum war es ihm auch gar nicht gegangen. Auch hatten weder er noch sie sich die Mühe gemacht, sich zu verabreden. Es war eine traumhafte Nacht und sollte eine solche bleiben.
Dave lächelte bei dem Gedanken. Nur um übergangslos Annies Bild vor Augen zu haben und in ein tiefes Loch des Schuldgefühls zu fallen.
Seine Hand krampfte sich um den Kaffeebecher vor sich, während er sich mühsam immer wieder sagte, dass sie tot war. Und das sie keinesfalls wollen würde, dass er den Rest seines Lebens als Mönch verbrachte.
Außerdem war es nur eine Nacht gewesen. Eine Nacht mit einer Fremden, die vielleicht Pilot, vielleicht Mechaniker war.
Das war es. Keine Liebe, keine Verpflichtungen, keine Wärme über die ihrer Körper hinaus.
Nur Schweiß und Leidenschaft.

Dave erhob sich und bezahlte. Ihm war irgendwie der Appetit vergangen.
Die nächste halbe Stunde lief er rastlos durch Sky Haven, kaum auf seinen Weg achtend. Er sah erst wirklich auf, als sich vor ihm unmittelbar ein Abgrund auftat. Er blieb stehen, sah unmittelbar vor sich herab und erkannte in der Tiefe unter sich mehrere Flugzeugwracks. Eine Vampire, zwei Ford Hoplits und zwei oder drei vollkommen verdrehte Brigands. Sie mussten entweder bei Nebel oder in der Nacht gegen diese Felswand geflogen sein.
Orientierungslos hatten sie vielleicht nur die Lichter der Häuser hier oben auf dem Kamm gesehen, versucht darauf zu zuhalten und waren von Fallwinden in die Felsen gedrückt worden.
Niemand räumte die Wracks weg. Warum auch? Da unten störten sie ja niemanden.
„Ich bin auch so ein Wrack“, murmelte Dave leise. „Und ich war auch kurz davor, an so einer Wand zu enden, angelockt vom falschen Licht. Verzweifelt, übermüdet, und mit dem Gefühl, dass wirklich alles egal ist.“
Er ging in die Hocke und spuckte in die Tiefe. Das waren gut und gerne fünfhundert Meter. Man fiel eine lange Zeit. Eine sehr lange Zeit.
Auch für ihn war es ein tiefer Fall gewesen. Aber noch hatte er Zeit. Noch konnte er das Steuer hoch reißen, wieder in den Steigflug gehen.

Er erhob sich, strich sich über Hose und Fliegerjacke. Ja, an diesem Punkt entschied es sich. An diesem Punkt entschied sich vieles.
Die LEVIATHAN war wie ein Dorn in seiner Seite. Nein, sie war ein Dorn in der Seite eines jeden, der nicht marodierend, mordend und vergewaltigend durch die ehemaligen USA zog, der etwas auf Anstand gab.
Seine Annie war tot, und mit ihr Dutzende, Hunderte andere Unschuldige. Er kannte seine Aufgabe, zu genau. Diesen Zeppelin finden und dafür sorgen, dass seine Mannschaft nie wieder soviel Elend über andere Menschen brachte.
Und danach? Danach blieben ihm immer noch die NORTH und der Auftrag der Republic of Texas.

Langsam ging er weiter. Was also waren die nächsten Schritte? Erstmal musste er mit seiner Staffel bei den Nachtübungen aufholen. Steel hatte einen ganz schönen Vorsprung, und Dave war niemand, der sich gerne geschlagen gab oder in der Rangfolge auf zwei fiel.
Die neuen Karten würden dabei sicherlich sehr hilfreich sein.
Zuvor fehlten ihm aber noch zwei Brigand-Mannschaften. Ob Cat ihm Pip und Boxer auslieh? Wenigstens für eine gewisse Zeit?
Eher unwahrscheinlich. Denn obwohl Cat exzentrisch, egoistisch und außerdem überaus wagemutig war, so war er doch eher der typische Stiergeborene. Ein Gewohnheitsmensch, der ein funktionierendes Team nicht ohne triftigen Grund auseinander riss.
Also nicht, stellte er resignierend fest und überwand eine Hängebrücke auf seinem Weg zurück zum Flughafen.
Okay, die Nachtübungen mit den neuen Karten, dazu zwei Brigands, um seine Staffel endlich auf Soll zu bringen. Danach? Erfahrung sammeln, besser werden. Ein oder zwei Ersatzpiloten konnten auch nichts schaden, denn mit den beiden neuen Brigands und der Defender in Reserve hatte er gewisse Möglichkeiten.
Dann Jagd auf Piraten oder die Frachter feindlicher Nationen, wie es der Kaperbrief erlaubte.
Andererseits, was sprach dagegen, den Soviets auf die Füße zu steigen und einen ihrer Goldtransporte aus Alaska raus zu rauben?
Der Gedanke amüsierte ihn. Cat hatte ihn provozieren wollen. Aber hatte er damit nicht vielleicht genau den nächsten Einsatz vorgegeben?
Außerdem war das weit weg von Sky Haven und damit auch weit weg von der LEVIATHAN. Dave traute sich jetzt, mit seinem dicken Schädel, voller Trauer und einer Mannschaft, die gerade erst lernte, einander zu vertrauen noch nicht zu, es mit diesen Barbaren aufzunehmen. Selbst wenn sie die Lufthoheit hatten. Noch nicht. Diese Zeit würde kommen. Und das schon sehr bald. Das schwor er sich.
Dave ging auf einen wartenden Hoplit zu, verhandelte kurz mit dem Piloten und ließ sich zum Flugfeld bringen.
Aus der Vogelperspektive wirkte die Stadt eher wie eine Kolonie Schwalbennester als wie eine menschliche Ansiedlung. Sie war ein Beweis dafür, was menschlicher Wagemut vollbringen konnte, wenn man nur wollte.
Dave nahm sich vor, diese Lektion zu beherzigen.

***

Bei der Besprechung waren nur die wichtigsten Offiziere seiner Truppe anwesend. Jeff Daines als Kapitän der NORTH – in diese Rolle war er mittlerweile übrigens sehr gut hinein gewachsen – Ernst Stahl als Chef des Dog Packs und Captain Norah Gallagher für die Marines. Dazu Sam Rogers für die Techniker an Bord.
Dave sah in die Runde. „Genug ausgeruht“, sagte er ernst. „Jeder Tag, den wir hier bleiben, kostet uns nur unnötig Geld und Zeit. Außerdem konnte ich sehen, dass jeder hier auf seine Kosten gekommen ist, oder?“
Dave sah zu Blue herüber, der betreten den Kopf senkte. Fünf seiner Leute waren in Prügeleien geraten, was beinahe böses Blut für die NORTH bedeutet hätte.
Sein Blick ging zu Gallagher, die sich offiziell nichts vorzuwerfen hatte. Aber ihre Jungs hatten nach Andersons Spezialmission beschlossen, ebenfalls Felderfahrung zu sammeln und sich schnell einen einschlägigen Ruf erworben.
Danach sah er Sam an, die errötete. Sie hatte die letzten Tage der Ruhe dazu benutzt, um durch die Ersatzteilbestände der Stadt zu toben und das Budget der NORTH erheblich belastet.
Der letzte Blick galt Steel. Der ruhige Industrial-Pilot erwiderte den Blick seines Commanders, ohne mit der Wimper zu zucken. Aber er wusste, worauf Dave anspielte. Immerhin war er zusammen mit seiner Staffel Cat Shannon bei einem Angriff zur Hand gegangen.
„Morgen“, begann Dave und beendete das Thema damit, „kommen die vier Neuen an Bord. Ein Team habe ich über Cat bekommen, es werden also gute Leute sein. Das andere bekam ich über meine alten Kontakte. Steel, ich will, dass Sie mir die vier auf Herz und Nieren prüfen, bevor wir ihnen die Katze auf den Bug pinseln. Und mit Herz und Nieren meine ich, schlimmer als Sie ihre Staffel getrieben haben. Ist das machbar?“
Der Industrial verzog seine Mundwinkel zu einem zynischen Grinsen. „Denke schon, Commander.“
„Gut. Wenn sie unseren Anforderungen gewachsen sind, brechen wir auf.“
„Was ist das Ziel, Armstrong?“, fragte Blue.
„Wir suchen uns erstmal was Leichtes“, erwiderte Dave ernst. „Für uns geht es hoch nach Alaska, die Sowjets ärgern. Ein, zwei Frachtzigarren voller Gold sollten für den Anfang reichen.“

Gallagher ballte entschlossen die Fäuste. Sie hatte die Kommunisten noch nie gemocht. Und wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte sie auch einen Angriff auf das Peoples Collective gutgeheißen. „Ich werde Kaperungsübungen ansetzen“, versprach sie.
Blue nickte. „Ich trimme meine Geschützmannschaften.“
Sam sah in die Runde. „Und meine Jungs und Mädels werden Reparaturen unter Zeitdruck üben, bis sie jede Mühle auf unserem Flugdeck auswendig kennen.“
Steel nickte leicht. Der Gedanke, gegen die Russen zu fliegen, gefiel ihm anscheinend.
„Und ich sorge dafür, dass auf unseren Maschinen bald ein paar rote Sterne prangen“, schloss er.
„Dann ist ja alles gesagt“, schloss Dave die Besprechung.
„Moment, warte mal“, begehrte Blue auf. „Was ist mit der LEVIATHAN?“
Daves Augen verengten sich zu Schlitzen. „Die LEVIATHAN nehmen wir uns vor, wenn wir sicher sind, das wir sie bis auf die letzte Schraube vernichten können. Ich will dabei nicht einen einzigen Mann verlieren, wenn wir sie zerquetschen wie eine reife Frucht. Denn diesen Triumph gönne ich denen nicht, wenn sie zur Hölle fahren. Okay?“
„Okay“, sagte Blue leise.
„Aber wir holen sie uns noch. Das ist ein Schwur…“ Dave sah auf. „An die Arbeit, Herrschaften.“
Thema: [OT ]Crimson Sky: Next Chapter
Tyr Svenson

Antworten: 29
Hits: 537
31.01.2020 19:16 Forum: Kurzgeschichten


Nächster Tag, gegen Mittag

Steel stand vor den Leuten seiner Staffel, die Hände locker vor der Brust verschränkt. Ein paar Piloten aus Cat Shannons Mannschaft lungerten in der Nähe herum und hörten amüsiert zu, wie von Stahlheim eine (vereinfachte und entfremdete) Variante der Luftwaffendoktrin für den Angriff auf ein Luftschiff abspulte: „...ist aber die Eroberung der Ladung das Hauptziel, die NEUTRALISIERUNG nicht VERNICHTUNG des Luftschiffs beabsichtigt, empfiehlt sich eine andere Vorgehensweise – massiver, aber zielgenauer Waffeneinsatz in Verbindung mit koordinierten Angriffen von ALLEN SEITEN. Primärziele sind dabei Maschinengondeln, Steueranlage, Hangartore vor allem aber Kommandobrücke und Flugabwehrstellungen. Dem Gegner darf keine Gelegenheit gelassen werden, sich auf die Abwehr zu konzentrieren, er muß pausenlos unter Druck gesetzt werden, aus allen Flugvektoren. Raketeneinsatz ist dabei unnötig...“
„Na dann kann man aber nur hoffen, daß die Zigarre kein Wasserstoff intus hat!“ Das war Happy – der Pilot, den Steel vor ein paar Tagen ‚aus Disziplinargründen‘ zusammengeschlagen hatte. Das hatte tatsächlich funktioniert: Happy würde Steel ganz bestimmt nicht lieben, aber er hatte kapiert, wer in diesem Rudel der Leitwolf war.
Steel grinste kurz, fast grausam: „Kriegspech.“
Dann bemerkte er, dass Max sichtlich bleich geworden war – vermutlich dachte sie an den Tod dieser texanischen Geliebten ihres ‚Bruders‘. Steel beschloß, dieses Thema nicht weiter zu vertiefen: „Aber da macht euch mal keine Hoffnungen – wer ist schon so bescheuert und spart an der Gasfüllung, leistet aber einem Angriff Widerstand?! Also denkt dran...“ Er brach ab, als bei den Piloten Unruhe ausbrach. Einer von Cat Shannons Piloten sprang auf, deutete in die Luft: „Verfluchte Scheiße, das ist doch...VERDAMMT!“
Von Stahlheim fuhr herum und erkannte, was die Piloten alarmiert hatte: eine einzelne Maschine im Landeanflug, die eine lange Rauchfahne hinter sich her zog. Und zu allem Überfluß hatte sie nur ein Fahrwerk ausgefahren. Der Pilot war in ziemlichen Schwierigkeiten. Und die Maschine gehörte zu Shannons Einheit...
Blitzschnell waren die Piloten hoch und stoben auseinander, als die Maschine nach unten sackte. Einen Augenblick lang sah es so aus, als würde sie sich in den Boden bohren, doch in letzter Minute konnte sie sich fangen. Als das eine Fahrwerk den Boden berührte, brach es sofort ab und wirbelte über die Landebahn, doch der Pilot schaffte es, eine Bauchlandung hinzulegen. Mit dem grauenerregenden Kreischen überlastenden Metalls rutschte die Maschine über den Boden, bis sie zum Stillstand kam. Die Cockpitkanzel flog weg, der Pilot fiel beinahe aus der Maschine. Fluchend rannte Steel auf die zusammensinkende Gestalt zu, doch ein anderer Pilot war schneller, packte den offenbar Verwundeten und zerrte ihn weg von der Maschine. Kaum zehn Sekunden später explodierte die brennende Maschine in einem gigantischen Feuerball.

Den Piloten hatte es ziemlich erwischt. Es war eigentlich ein Wunder, dass er mit den Verbrennungen an Händen und Beinen und dem gebrochenen Arm den Vogel sicher nach unten gebracht hatte – und sogar noch aus eigener Kraft aus der Maschine gekommen war. Es war ein Neuer aus Cat Shannons Mannschaft, Fox, ein kleingewachsener, drahtiger Rotschopf irgendwo aus den Industrials. Für ihn würde die Fliegerei erst mal eine Weile vorbei sein – und dabei hatte er noch Glück gehabt...

Nur ein paar Minuten später tauchte Cat Shannon auf dem Rollfeld auf. Momentan versprühte er nicht gerade den Charme, um den er sonst bemüht war – er sah vielmehr so aus, als wollte er jemanden erwürgen. Mühsam beherrscht, mit zusammengepressten Lippen und Mord in den Augen, hörte er sich Fox’s Geschichte an.
Offenbar war das Ganze ein typischer Sky Haven-Zwischenfall gewesen: Fox war mit seiner Maschine gestartet, um den nach den Schäden eines früheren Luftkampfs generalüberholten Jäger ‚auf Herz und Nieren zu testen‘ – er traute den Bodentechnikern wohl nicht ganz, eine verbreitete ‚Pilotenkrankheit‘. Während er mit dem Jäger das Übungsprogramm absolvierte, war er einem Duo Fury’s in die Quere gekommen, die eine einzelne Vampire verfolgt hatten und denen es egal war, wer ihnen dabei ins Schussfeld kam. Fox war gleich zu Anfang des Kampfes von einer vollen Salve erwischt worden und hatte versucht sich abzusetzen – doch aus irgendeinem Grund, vielleicht weil die Fury-Piloten keinen Zeugen wollten, war einer von ihnen an Fox drangeblieben. Fox hatte noch ein paar Treffer kassieren müssen, bevor er sich im Tiefflug absetzen konnte. Ende der Geschichte – allerdings nicht für Cat Shannon: „Diese elenden Bastarde! Ich will verdammt sein, wenn ich das durchgehen lasse! Das sollen sie mir teuer bezahlen – ich lasse sie in ihrem eigenen Blut ersaufen!“
Fox konnte zu den angreifenden Maschinen sonst wenig sagen, nur das sie auf den Tragflächen einen schwarzen Totenschädel getragen hatten. Aber das reichte schon.
„Alle Vögel aufmunitionieren und volltanken. Ich will jeden von euch Hurensöhnen bei den Maschinen sehen – oder ich verwende euch als Abwurfmasse! Und ich will mal sehen, wer uns da an die Eier wollte...“

Steel überlegte kurz, dann wandte er sich an Max, die er in den letzten Tagen als so etwas wie seine Adjutantin aufgebaut hatte: „Hast du das gehört? Ich will, daß vier Maschinen aufgerüstet werden. Auch mein Jäger – Beeilung!“
„Glaubst du etwa...“
„Was ich glaube ist scheißegal – solange die Vögel bewaffnet und abgefüllt werden. Mach schon!“
Steels Fury war sowieso praktisch einsatzbereit – sogar die Bordwaffen waren mit „Buntfeuer“ aufmunitioniert, also einem Gemisch aus panzerbrechenden, Explosiv- und Brandgeschossen. Dazu mußten zwar die Munition speziell gegurtet werden und die Ladung verdreckte die Rohre – aber nach von Stahlheims Erfahrung war es das wert. Viele deutsche und englische Asse setzten auf „Buntfeuer“.

Nur fünf Minuten nachdem Max verschwitzt gemeldet hatte „alles fertig“, tauchte Cat Shannon auf – mit einem Gesichtsausdruck, der an einen Hai erinnerte, der Blut gewittert hatte: „Ich habe die Arschlöcher! 'Black Skeletons', eine verdammte Bande von Teilzeitpiraten und Söldnern. Zwei Luftschiffe, etwa zwanzig Jäger insgesamt – aber die Zigarre, die gerade hier vor Anker liegt ist die kleinere – nur acht Flieger, leicht bewaffnet. Sind kaum `nen Tag hier und wollen schon wieder weg – dann war die Sache mit der Vampire wohl so was wie `ne Kopfjagd. Aber so leicht kommen die mir nicht davon!“
Steel trat schnell an den Piratenkapitän heran: „Captain, wenn Sie nichts dagegenhaben – kann ich bei der Party dabei sein?“
„Warum denn das?“ Shannon musterte von Stahlheim etwas mißtrauisch.
Steel zuckte mit den Schultern: „Ich brauch‘ mal wieder etwas Einsatzpraxis. Außerdem – es kann nicht schaden, bei Ihnen einen Gefallen gut zu haben...“
Cat Shannon lachte wiehernd: „Na schön – Sie können mit. Und wenn sie jemand mitnehmen wollen, nur zu – aber ich hab das Kommando, klar?!“
„Klar.“ Von Stahlheim wandte sich an seine Piloten: „Ich brauch‘ ein paar Freiwillige...“
Als Erste meldete sich Dusk zu Wort – allerdings nicht, um sich zu melden: „Sollten wir nicht den Commander benachrichtigen?“ Ihre Stimme klang abweisend, sie machte aus ihrem Ressentiment gegen Steel kein Geheimnis.
„Der Commander ist in der Stadt. Bis wir ihn gefunden haben – oder bis er zurück ist – können noch STUNDEN vergehen. Soviel Zeit haben wir einfach nicht – und ich frage nach FREIWILLIGEN. Keine Angst, niemand wird gezwungen, wenn Sie nicht wollen...“
„Ich HABE KEINE ANGST! Ich fliege gern mit. Ich...“
„Gut, das wäre dann geklärt. Wer noch?“ Es dauerte ein par Sekunden, dann kamen die Hände hoch. Steel überlegte kurz, dann: „Max, Happy – das reicht. Macht euch fertig.“ Er brachte es fertig, unauffällig neben Dusk zu bleiben, als die Piloten zu ihren Maschinen liefen, auch wenn die hochgewachsene, blonde Pilotin keinen Wert auf seine Gesellschaft zu legen schien: „Sie trauen mir nicht – na schön. Damit kann ich leben. Sie sollten daran denken, daß die meisten Piloten hier nicht gerade eine makellose Vergangenheit haben. Spielt es eine Rolle, was ich früher war? Aber eigentlich ist das sowieso egal. Wichtig ist doch wohl, das ich gut fliege – und wie gut SIE fliegen.“ Dusk sparte sich eine Antwort und mit einem Achselzucken und einem zynischen Grinsen wandte sich Steel ab und rannte zu seiner Maschine.

Cat Shannons Plan war einfach aber vielversprechend. Über Kontakte, er hatte nicht gesagt welche, hatte er erfahren, daß die „Black Skeletons“ dabei waren, ihre Zelte in Sky Haven abzubrechen. Der Piratenkapitän hatte sich so weit gezügelt, nicht einfach ihre Flugbahn am anderen Ende der Stadt zu bombardieren – das hätte denn doch zu viel Staub aufgewirbelt. Also würde er den Angriff erst fliegen, wenn das Zeppelin der „Black Skeketons“ bereits in der Luft und etwas außerhalb Sky Havens war. Die Gefahr, daß andere Piraten in den Kampf eingriffen oder verwickelt wurden, war so geringer. Wahrscheinlich würde der Gegner nur einen, höchstens zwei Jäger draußen haben – eine leichte Beute...

Von Stahlheim legte die Maschine leicht auf die Seite und sah nach unten. Lange konnte es nicht mehr dauern – und tatsächlich, da war das Ziel: ein kleines, umgebautes Lastzeppelin, eskortiert von zwei Fury, einer Bloodhawk und einer Brigant. Stahlheim fluchte leise – das waren die Hälfte der Flugzeuge, die angeblich überhaupt an Bord dieses Luftschiffs stationiert waren, die „Black Skeletons“ rechneten wohl mit Ärger. Aber das würde ihnen nicht viel helfen, denn Cat Shannons sechs Maschinen und von Stahlheims vier Jäger waren mehr als genug. Der Feind hatte sie noch nicht gesehen, denn sie flogen weit über ihm und mit der Sonne im Rücken. Steel grinste grausam: ‚Achtet auf die Hunnen aus der Sonne!‘ war eine Warnung im Großen Krieg gewesen, deren Nichtbeachtung viele Entente-Piloten mit ihrem Tod bezahlt hatten...

„ANGRIFF! ANGRIFF!“ Cat Shannon brach die Funkstille und eröffnete die Attacke. Wie Steine ließen sich die zehn Jagdmaschinen fallen, stürzten sich auf die paralysierten Gegner.
„MAX, DUSK – IHR NEMHT EUCH DIE JÄGER VOR! HAPPY – DEN ZEPPELIN!!“ Steel ließ seinen Worten Taten folgen, indem er mit einer leichten Bewegung des Steuerknüppels seine Maschine herum warf und in seinem Fadenkreuz der graue Rumpf des Luftschiffs auftauchte. Eine leichte Korrektur – FEUER!
Die Leuchtspurgarben zuckten durch die Luft, wanderten über die Luftschiffhülle und konzentrierten sich auf eines der Seitenruder. Mit rasender Geschwindigkeit kam das feindliche Luftschiff näher – die Fury passierte die Flanke, viel zu schnell für die hastig hinterher schießenden Flugabwehrgeschütze, legte sich auf die Seite und wendete in einer weit geschwungenen Kurve.
Gleichzeitig griffen drei andere Jäger das Luftschiff an, während die sechs anderen sich auf die vier Eskortjäger stürzten. Mit dem Überraschungsmoment auf ihrer Seite, zahlenmäßig überlegen und aus der Überhöhung angreifend, hatten sie jeden Vorteil auf ihrer Seite.
Inzwischen hatte Steel wieder den Zeppelin im Visier. Während Harpy noch einen Angriff auf die Steueranlage unternahm, hatte sich der Deutsche ein wehrhafteres Ziel ausgesucht – eine Flugabwehrstellung, offenbar bestückt mit Zwillings-MG's Kaliber 0,30 bis 0,50, die mit wenig Erfolg versuchten, den um ihr Überleben kämpfenden Jägern der „Black Skeketons“ Feuerunterstützung zu geben.
Zuerst ließ Steel die 70er MK loshämmern – korrigierte kurz den Schußvorhalt und ließ dann auch noch die 40er und 30er MG’s sprechen. Die Bordschützen der „Black Skeletons“ hatten keine Chance, die Feuerstellung wurde förmlich zersiebt. Auch die provisorischen Panzerbleche konnten sie nicht schützen.
Steel tauchte unter dem Zeppelin hinweg, legte die Fury in einen halben Looping und richtete sein Feuer auf eine der Hilfsmotorgondeln. Seine Maschine wurde durchgerüttelt, als ein einzelnes 50er MG ihn auf’s Korn nahm, aber der Einsatz des Boosters und ein Schraubenzieher-Manöver brachten ihn in Sicherheit. Er sah eine Fury der Piraten abstürzen und grinste kurz – auch wenn der Gegner verbissen Widerstand leistete, der Angriff lief gut. Als er wendete, sah er, daß das Zeppelin an Höhe verlor und aus seinem vorherigen Flugvektor driftete – der Beschuß der Motorengondeln, Ruder und Kommandobrücke zeigte Wirkung. Wenn schon nichts anderes, dann war dieses Gefecht zumindest eine gute Übung für seine Piloten.
„ABBRUCH! ABBRUCH! Wir setzen uns ab!“ Das war Cat Shannons Stimme – warum brach der Piratenkapitän den Angriff ab? Aber Steel reagierte sofort und wandte dem Zeppelin den Rücken zu. Seine Untergebenen folgten.
„Captain Shannon, warum ziehen wir schon ab?“
„Sie haben wohl Appetit bekommen, Steel? Dann schalten Sie mal auf Frequenz 24,3...“
Steel kam der Aufforderung nach und aus dem Funk drang eine gehetzt, fast panisch klingende Stimme: „Hier ist die ‚Night Watch‘ von den ‚Skeleton Warriors‘! Wir werden Angegriffen und brauchen Hilfe! Fünfhundert für jeden, der einen der Angreifer abknallt oder zum Landen zwingt! Ich wiederhole...“
„So ein gerissener Halunke.“
„Wir haben genug erreicht – ich will hier kein Massenraufen. Zwei Maschinen haben wir abgeknallt – eine davon übrigens Ihre Leute. Die Brigand mußte notlanden, wenn sie heil unten angekommen ist. Und die Bloodhawk ist abgehauen. Außerdem glaube ich, haben sie auf ihrer Zigarre nicht nur kosmetische Schäden!“
„Verstehe – wir sehen uns am Boden...“ Steel erlaubte sich ein kurzes, zufriedenes Lächeln. Das war gut gelaufen. Und diese Aktion dürfte seinen Ruf zusätzlich festigen. Zumindest würde kaum jemand vermuten, daß ein Angehöriger der ‚Abwehr‘ wie ein Pirat so einfach bei einer Vendetta mitmachte, die ihn nichts anging...
„Steel an Alle – Gut gemacht!“
Thema: [OT ]Crimson Sky: Next Chapter
Tyr Svenson

Antworten: 29
Hits: 537
31.01.2020 19:15 Forum: Kurzgeschichten


Im Gegensatz zu den meisten Piloten sah Steel die Zeit in Sky Haven auch als eine unbedingt notwendige Gelegenheit an, „seine“ Staffel richtig auf Vordermann zu bringen.
Die Flieger mochten ja teilweise durchaus Erfahrung haben, aber von Stahlheims Luftwaffenansprüchen genügten sie eben nicht – vor allem was das Operieren im Verband betraf, den rotten- und staffelweisen Luftkampf.
Sehr schnell hatte er erkannt, dass die alten Beziehungen seines Commanders zu Cat Shannon geradezu ein Geschenk waren. Es brauchte nur ein paar völlig informelle Gespräche, ein paar Flaschen Whiskey als „Bestechung“ - und Steel hatte bei der Mannschaft von Cat Shannon genug Freiwillige für die Flugübungen, bei denen er seiner Staffel versuchte einzubläuen, was es hieß im Verband zu fliegen und zu kämpfen. Auch wenn er selber gerne das Duell gesucht hatte – eine koordiniert vorgehende Einheit potenzierte das Vernichtungspotential der einzelnen Maschinen.

Nicht allen Piloten waren diese Extratouren ihres Staffelchefs recht – aber in der Beziehung kannte Steel weder Rücksicht noch Pardon. Er selber flog schließlich nicht weniger als seine Untergebenen, eher noch mehr. Nun ja, er reservierte sich von Zeit zu Zeit ein paar Stunden, um bei `Liss vorbeizuschauen, aber das ging niemanden etwas an, sagte er sich, und es gefährdete seine Mission nicht.
Er war sich allerdings schon darüber im Klaren, das seine Beziehung zu der Agentin in Sky Haven alles andere als professionell war – und auch nicht nur eine „Tarnung“. Wenn es ihm nur um Informationen gegangen währe, die hatte er längst erhalten und der Nachrichtentransfer hätte auch über „tote Briefkästen“ erfolgen können…
Aber Elisabeth O’Conner war ebenfalls Agentin der Abwehr. Seit etwa neun Monaten war sie der erste Mensch, gegenüber dem von Stahlheim sich nicht verstellen musste, die wusste was und wer er war – und die auf eine gewisse Art und Weise ihn außerdem mit der Heimat verband. Sie war außerdem intelligent, witzig und schön. Egal wie unprofessionell es sein mochte, er konnte in ihr nicht einfach nur eine "Kollegin" von der Abwehr sehen…
Von Stahlheim wusste allerdings auch, dass er möglicherweise beobachtet wurde und sich an Bord der NORTH STAR zu keiner Zeit sicher fühlen konnte. Er war einer der „Neuen“, auch wenn er Staffelchef war. Man ahnte wohl nicht, dass er ein Agent war – aber ganz sicher hielt man ihn teilweise für einen desertierten Piraten. Und wenn man dann noch die „gemeinsame Vergangenheit“ mit dem Commander dazurechnete, reichte das, um ihm Kopfschmerzen zu machen. Vielleicht schliff er auch deshalb seine Leute besonders gründlich.


Dusk saß am Rande des Rollfeldes auf einer leeren, umgekippten Treibstofftonne und wartete. Steels Staffel musste in absehbarer Zeit zurückkehren – zurückkehren von einer dieser „Schaukämpfe“ die Steel in den letzten Tagen mit den Piraten der MEMPHIS BELLE organisiert hatte. Ein-, zweimal war sie selber mit geflogen. Der Deutschamerikaner war ein hervorragender Pilot und ein guter Staffelführer, das hatte sie bemerkt, der seine Leute rücksichtslos „rannahm“. Steel schien nur das Ziel zu haben, aus seiner Staffel eine hervorragend funktionierende Kampfmaschine zu machen.
Aber dennoch ließ sie irgendetwas an ihm misstrauisch bleiben. Sie wusste nicht genau was…
War er hinter dem Booster her? Sie hatte ihn zwar ein paar Mal an einer Maschine arbeiten sehen, aber das war normal - und jedenfalls hatte sie ihn niemals bei irgendeiner Tätigkeit im Maschinenhangar beobachtet, sie auch nur ungewöhnlich oder verdächtig war...

Da kamen die Maschinen, in einer lockeren „Echolot“-Formation, die dennoch erheblich enger und präziser war, als die üblichen Flugketten. Steel legte Wert auf saubere Manöver und darauf, dass keiner zurückblieb oder abdriftete. Dieser Fehler konnte tödlich sein, das hatte er oft genug gesagt. Man merkte seine "deutsche" Ausbildung in den Industrials.
Die Maschinen setzen eine nach der anderen auf.
Dusk konnte sich vorstellen, wie die Übung verlaufen war. Die Staffel war nicht gerade mit den modernsten Maschinen ausgestattet und viele der Piraten Cat Shannons hatten mehr Flugerfahrung. Steel war zwar ein hervorragender Pilot und Max kannte etliche der „feindlichen“ Piloten von früher – aber das reichte nicht. Und nach dem, was Dusk von Steel bisher mitbekommen hatte, würde er seinen Untergebenen jeden noch so kleinen Fehler ins Gesicht rammen…

Sie hatte sich nicht getäuscht – die Piloten mussten einen Halbkreis um ihren Chef bilden, der ihnen dann offenbar gehörig die Leviten las. Wie immer in solchen Situationen straffte sich dann seine ohnehin hochgewachsene Gestalt. Die Arme hinter dem Rücken verschränkt stand er vor seinen Leuten und seine scharfe Stimme reichte fast bis zu Dusk herüber. Sie hätte gerne gewusst, was er diesmal an ihnen auszusetzen hatte, wollte aber auch nicht zu neugierig erscheinen.
Diesmal schien einer der Piloten protestieren zu wollen, gestikulierte wütend: "Ich habe die Schnauze voll! Wir sind Freibeuter und keine verdammte Armee-Staffel! Schieb dir den Scheißdrill doch in den Arsch! Bloß weil du dem Commander in den Arsch kriechst, bist du doch nichts weiter als ein Industrial-Arschloch das mal Pirat spielen will! Wir..."
Steels Stimme wurde lauter, schneidender, wie immer wenn er verärgert war, wurde sein deutscher Akzent stärker: "Dieser Drill kann dir im Gefecht das Leben retten, Idiot! Es ist mir egal, ob du krepierst - aber ich will verdammt sein, wenn ich zulasse, dass so ein Hanswurst wie du mir auf der Nase rumtanzt oder noch einen Piloten mitnimmt, wenn er endlich abgeknallt wird!"
"Wir lassen uns nicht..." – Auf einmal, ohne Übergang schlug Steel dem Piloten ins Gesicht: einmal, zweimal. Harte, brutale Fausthiebe, die seinen Gegenüber zu Boden schickten. Dann war Steel auch schon über dem Gestürzten und zerrte ihn hoch – nur, um ihn dann mit einem Kinnhaken wieder zu Boden zu schicken.
Das Ganze war so schnell geschehen, dass Dusk nicht einmal daran denken konnte, einzugreifen. Sie konnte nur zusehen, wie Steel, als währe nichts geschehen, mit seiner Manöverkritik fortfuhr – nur seine Rechte lag jetzt demonstrativ auf dem Kolben seiner Automatikpistole.
Dusk stand auf und verschwand im Dunkel eines Hangars. Sie wollte nicht, dass Steel sie bemerkte, wenn er hier vorbeikam. Auf jeden Fall hatte sie wieder etwas über ihn gelernt. Er hatte offenbar keine Hemmungen, seine Leute auf „Piratenmanier“ zu disziplinieren. Und er war ziemlich schnell, selbst für einen Kampfpiloten und vermutlichen Ex-Piraten…

***

Langsam bezweifelte Dusk, daß die „Beschattung“ von Steel irgendeinen Sinn hatte. Sie hatte ihn im Auge behalten so gut es ging, aber nichts gefunden, was ihr instinktives Mißtrauen bestätigt hätte. Allerdings hielt gerade dieser Umstand paradoxerweise ihre unguten Gefühle am Leben.
Und deshalb war sie jetzt unterwegs, etwa zwanzig Meter hinter dem hochgewachsenen Deutschamerikaner, und versuchte, ihn in dem Gewimmel der Straßen von Sky Haven nicht aus den Augen zu verlieren. Sie trug gewollt unauffällige, fast unvorteilhafte Kleidung. Auch wenn sie sonst keine Hemmungen hatte, ihr Aussehen und ihre Wirkung auf die meisten Männer zu nutzen, gerade jetzt wollte sie so wenig wie möglich auffallen. Daß sie sich wachsam umsah und ihre Hand auf dem Kolben der schweren Browning lag, die sie offen am Gürtel trug, war schon in Ordnung – Steel zum Beispiel verhielt sich nicht anders, und das Gleiche galt für viele der Passanten. Sky Haven war ein unsicheres Pflaster. Überfälle, Schießereien, Morde und Vergewaltigungen waren Alltag.
Jetzt hatte Steel offenbar sein Ziel erreicht – er klopfte an die Tür eines recht solide wirkenden Hauses und wurde von einem hühnenhaften Indio eingelassen, der eine Pumpgun locker in der Armbeuge hielt.
Dusk konnte gerade noch in eine Seitengasse verschwinden, sonst hätte sie der Indianer sicher bemerkt, der wachsam, fast feindselig die vorbei strömenden Passanten musterte.
Dusk konnte nur warten und sich fragen, ob sich vielleicht hinter den Mauern dieses Gebäudes der Grund verbarg, wegen dem sie Steel unwillkürlich mißtraute. Sie lehnte sich, mit einem skeptischen Blick auf die verfaulenden Bretter, an die Wand des aufgegebenen Lagerschuppen, der eine Seite der Seitengasse bildete.

Sie mußte nicht lange warten. Nach nur einer halben Stunde trat Steel wieder ins Freie, allerdings nicht mehr alleine. Jetzt war in der Begleitung einer jungen, rothaarigen Frau. Unwillkürlich verzog Dusk kurz die Lippen zu einem sardonischen Grinsen. Wenn DAS der Grund für Steels Ausflug in die Stadt war...Nun, es wäre nachzuvollziehen. Steels Begleiterin war nicht nur verdammt hübsch, sie verstand es auch, das zur Geltung zu bringen.
Allerdings, obwohl Steel jetzt den linken Arm um die Hüfte seiner Begleiterin gelegt hatte und die beiden die Köpfe immer wieder zusammensteckten, fast wie zwei Frischverliebte, der Pilot behielt seine Rechte immer in der Nähe des Pistolenholsters. Und Dusk wäre bereit gewesen zu wetten, daß die Frau ebenfalls bewaffnet war. In Sky Haven, „des Teufels Planschbecken“, überlebten nur die Hechte – und die Haie.
Vorsichtig folgte Dusk den beiden, sorgfältig auf Abstand bedacht. Dadurch entging ihr allerdings auch folgender Dialog:

„So, die gehört also zu deiner Truppe. Dann muß ich wohl geschmeichelt sein, daß du dich nicht an dieses Pinup-Girl in Fliegermontur gehalten hast.“
„Sie ist vor allem ein verdammtes Ärgernis. Ich frage mich, warum sie mich verfolgt...“
„Vielleicht hast du ihr das Herz gebrochen und sie ist einfach zu schüchtern, mal an deine Kabine zu klopfen.“
„...oder wie lange. Verflucht, ich hätte wachsamer sein sollen!“
„Allerdings, ‚Herr Hauptmann‘.“
„Ich frage mich, ob der Commander sie auf mich angesetzt hat.“
„Tja, dann kannst du sie wohl nicht einfach verschwinden lassen...“
„Nein, das wäre etwas zu riskant. Sogar hier. Also spielen wir mal lieber was vor.“
„Natürlich. Und wenn sich unser fliegender Engel über mich umhört, krieg‘ ich das mit. Und außerdem, ich bin ja nur `ne Schieberin und Informationsmaklerin mit Piratenkontakten. Und `nem schlechten Geschmack bei Männern...“

Das Ziel der beiden war offenbar eines der „Restaurants“ der Stadt. Auch wenn die meisten „Dienstleistungen“ Sky Havens auf den recht einfachen, ja primitiven Geschmack vieler Piraten und Schmuggler zugeschnitten waren, konnte man für gutes Geld auch weitaus exquisiter speisen, wenn man Wert darauf legte, oder vielleicht einen Geschäftspartner beeindrucken wollte. Das „Treasure Isle“ wurde angeblich auch von Legenden wie „Black Swan“ frequentiert – was natürlich seine Attraktivität noch steigerte. Das Essen war erstklassig, dafür gab es weder Kleiderordnung, noch Standesschranken – wenn man nur genug Geld hatte. Im Speisesaal und den diversen Sépares waren alltäglich etliche „Lebenslänglich“ oder „Todesstrafe“ zu finden.
Es blieb Dusk nichts anderes übrig, als sich an der Bar niederzulassen und darüber zu spekulieren, worüber Steel und seine Freundin in dem Sépare redeten. Na ja, sie konnte es sich vorstellen. Leider hatten etliche Gäste ein ziemlich gutes Auge und ließen sich von der wenig vorteilhaften Kleidung nicht täuschen, die Dusk gerade trug. In den nächsten zwei Stunden erhielt sie jedenfalls mehr Einladungen, als sie je gewollt hätte... Wenigstens mußte sie nicht die Pistole ziehen, obwohl sie es ein paar Mal gerne getan hätte.

Dusk war jedenfalls erleichtert, als Steel und seine namenlose Freundin endlich aufbrachen. Sie gab den beiden ein paar Augenblicke Vorsprung, warf ein paar Münzen auf die Theke, trat nach Draußen – und hielt abrupt inne.
Vor ihr stand Steel. Und seine rothaarige Begleiterin. Offenbar hatten die beiden auf sie gewartet. Die Rothaarige grinste amüsiert, Steel‘ Gesichtsausdruck hingegen war ausdruckslos, wie auch seine Stimme: „Hallo Dusk. Was für ein Zufall. Gibt’s Probleme – will der Commander was von mir?“ Er schien keine Antwort zu erwarten, es gab ja auch keine.
Jetzt mischte sich auch noch Steel’s Freundin ein: „Wir machen jetzt noch `nen Abstecher zu mir nach Hause. Das könnte etwas länger dauern. Ich weiß nicht, ob du so lange warten willst. Andererseits...“ ihre Stimme bekam einen anzüglichen, billigen Klang: ...wie wäre es mit `nem Dreier, Schätzchen?“
Dusk schluckte wohl oder übel die Bemerkung runter, die ihr auf der Zunge lag. Sie hatte keine andere Möglichkeit, aus der Situation halbwegs anständig rauszukommen, als sich wortlos umzudrehen und davonzugehen, ohne zurückzublicken. Zum Teufel mit diesem verdammten Hunnen!
Thema: Kritik: [OT] Crimson Sky: Next Chapter
Tyr Svenson

Antworten: 9
Hits: 286
26.01.2020 11:39 Forum: Kurzgeschichten


Ich sehe zu, dass jede Woche so ca. 50-70 Seiten dazukommen.

Damit evt. Leser nicht den Anschluss verlieren.
Thema: [OT ]Crimson Sky: Next Chapter
Tyr Svenson

Antworten: 29
Hits: 537
25.01.2020 08:19 Forum: Kurzgeschichten


Die nächsten Tage in Sky Haven vergingen recht gemächlich. Die Mannschaft der NORTH STAR begann, die unverhoffte Bekanntschaft mit der MEMPHIS BELLE anzunehmen und auszubauen. Bereits am Abend nach der Feier hatten sich Piloten beider Zeppeline zum gemeinsamen Trinken in der Stadt verabredet.
Natürlich gab es auch hier wieder den einen oder anderen, der weder etwas mit Piraten, noch ausgerechnet mit dem Dieb der AUSTIN zu tun haben wollte, wie die Zigarre vor dem Diebstahl hieß.
Aber alles in allem war Dave froh über diese Entwicklung.
Man sagte, zwischen Staaten konnte es keine Freundschaft geben.
Zwischen Piraten war das sicher auch nicht möglich. Aber es war gut zu wissen, dass sie mit der rauen Bande um Cat Shannon vielleicht nicht die schlechteste Chance auf ein Bündnis hatten.

Dave grinste schief. Die Party war nun schon zwei Tage her, aber dieser verdammte Scotch verursachte ihm immer noch Kopfschmerzen beim Aufstehen.
Außerdem machten ihm noch ein paar andere Dinge zu schaffen. Er hatte sehr wohl bemerkt, dass er einige sehr schöne Frauen an Bord hatte, von denen die eine oder andere nicht abgeneigt war, etwas mit ihrem Commander anzufangen. Und er selbst war auch nur ein Mann mit Bedürfnissen und Vorlieben.
Annies Tod war schon sehr lange her, und in all der Zeit hatte Dave gelebt als hätte er ein Keuschheitsgelübde abgelegt.
Es war ja nicht so, als wollte er Annie vergessen und sich kopfüber in eine neue Beziehung stürzen. Aber als Commander der Expedition musste er einen kühlen Kopf bewahren. Und so wie das Blut in seinen Ohren rauschte, wurde er langsam aber sicher eine Gefahr für seine Leute.
Wenn er nichts mit den Frauen hier an Bord anfangen wollte, blieb da nur eine Lösung.
„Armstrong, Armstrong, so tief bist du also schon gesunken. Andererseits, die Mädchen wollen ja auch etwas verdienen, oder?“
„Worüber redest du, Dave?“, fragte Maxine, während sie ihre Frühstückswaffeln mit Puderzucker überlud.
„Äh. Habe ich gerade laut gesprochen?“
„Ja, hast du. Irgendwas von Mädchen und tief sinken.“
„Sei nicht so neugierig“, brummte Dave und griff nach seinem Kaffee. Mist, jetzt wo die Kleine was spitz gekriegt hatte, musste seine erste Aufgabe sein, sie abzuschütteln.
„Max, ich habe mit Steel gesprochen. Er meinte, du wärst sehr viel versprechend. Das bedeutet, du kannst noch viel mehr leisten. Schnapp dir nachher deinen Vogel und flieg ein paar Stunden durch die Berge. Übe Tiefflug und dergleichen.“
„Ein paar Stunden gleich? Aber Dave, ich…“
„Willst du die Beste werden oder ruhst du dich auf einem Lob aus?“, konterte Armstrong.
Sie senkte den Blick. „Natürlich hast du Recht.“
„Das Gelände ist schwierig“, fuhr er fort, „sehr schwierig. Aber ich bin sicher, du kannst es meistern. Nimm Papillon mit, sie hat noch einiges zu lernen. Außerdem kannst du so deine Fähigkeiten als Flügelführer verbessern.“
„Ist gut“, gab sie sich geschlagen. „Dann schiebe ich das besser vor das Nachttraining ein, das Steel mit uns veranstalten will. Drei Stunden Theorie.“
„Das solltest du beides schaffen. Es kommt oft genug vor, dass man einen ganzen Tag nicht aus dem Sitz seiner Maschine rauskommt. Stress ist unser zweiter Vorname“, sagte Dave lächelnd. Innerlich aber grinste er breit. Einen hatte er runter geholt.
„So, bin fertig. Ich habe da noch ein paar wichtige Termine in der Stadt. Ein gewisser Docker will mir ein Angebot für zwei Brigand machen.“
„Kauf keinen Schrott, hörst du?“, mahnte Max grinsend.

**
Tatsächlich hatte Dave vor, sich die beiden Brigand in einer Lagerhalle am Ende der Stadt anzusehen. Dazu nahm er Sam Rogers mit, seine Cheftechnikerin sowie drei von Gallaghers Marines. Sky Haven war ein raues, ein sehr raues Pflaster. Und wer da nicht vorsichtig war, hatte schneller ein Messer im Rücken, als ihm lieb war.
Luftlinie waren es anderthalb Kilometer bis zum Händler, weswegen sich Dave entschloss, keinen Hoplit für den Weg zu nehmen und zu laufen. Bei der verschachtelten Bauweise der Stadt würden daraus sicher vier oder mehr Kilometer werden, von den Kletterpartien mal ganz zu schweigen, die sie machen mussten. Aber es hetzte sie ja niemand, und Pausen hatte auch keiner verboten.

Sky Haven war ein merkwürdiger Ort. Die meisten Gebäude waren in die Steilwand gebaut, nur wenige lagen auf geradem Grund, so wie der Flughafen. Aber das machte auch den Reiz dieser Stadt auf, die mit Hilfe von Hoplits erbaut worden war.
Nur die wendigen Ford-Maschinen waren in der Lage, Baumaterial an jeden Punkt der Stadt zu bringen. Nur deswegen war es möglich gewesen, hier Hotels wie das Excelsior, das Hilton oder das Ritz zu bauen. Orte, in denen die erfolgreichsten in ihrem Gewerbe abstiegen. Die besten der besten wie Nathan Zachary oder Black Swan.
Dave grinste schief, als sie das Excelsior auf hundert Meter passierten. Damals, als er mit Max in Sky Haven gelebt hatte, da war ihm immer ein Schauer über den Rücken gegangen, wenn er dieses Gebäude gesehen hatte. Hier wurde selten geschossen, kaum Leichen heraus getragen. Das Hotel war für ihn immer ein Synonym für Sicherheit gewesen, für Ruhe in der ansonsten wilden und gefährlichen Stadt.
Unwillig schüttelte er den Kopf und zwängte den Gedanken zurück, um seinen Weg fortzusetzen.

Als sie eine einigermaßen ebenerdige Passage erreichten, kamen sie in eine belebte Region der Stadt. Hier gab es viele Kneipen für jeden Geldbeutel, einige Läden für Kram jeder Art, vom teuren Herrenausstatter bis hin zum Kolonialwarenladen. Und natürlich die gewissen Gebäude, aus deren Fenstern abends rotes Licht fiel. Es gab in ihnen ebenso Excelsiors wie Pinten, in denen man für einen Dollar zur Sache kam.
Da es noch früh am Morgen war, waren die Damen nicht im Geschäft und gingen normalen Tätigkeiten nach. Eine gute Gelegenheit, sie sich näher zu besehen und eine Entscheidung zu treffen, welchen Laden er besuchen wollte. Sauber sollte er sein, und nach Möglichkeit hatten die Damen hübsch zu sein, mehr Ansprüche stellte Dave ja gar nicht.

„Sir“, sagte Anderson leise, einer der Marines.
„Was gibt es, Tad?“
Der breitschultrige, aber junge Mann deutete auf eine Szene am Rande. Eine Frau wurde von einem grobschlächtigen Kerl zwischen zwei Häuser gezogen. Sie wehrte sich verbissen, kam aber gegen die Kraft nicht an.
„Da will es wohl einer umsonst haben“, brummte Dave nachdenklich. „Eine wichtige Regel in Sky Haven lautet, mische dich nicht ein, oder du kannst sterben.“
„Aber Sir“, begehrte der Marine auf.
Dave besah sich den Mann genauer. Anderson war fast zwei Meter groß, blond und blauäugig. Man konnte ihm seine anständige Erziehung geradezu ansehen.
„Nein“, verbot er.
Er zog seine Pistole und gab ohne hinzusehen einen Schuss ab. „Je weniger man sich einmischt, desto weniger Feinde hat man.“
Ein Schmerzenslaut erklang und der bärbeißige Typ umklammerte sein blutendes Bein. Genügend Gelegenheit für die junge Frau, sich los zu reißen.
Der Schuss hatte natürlich Aufmerksamkeit erregt und aus dem Geschäften und Etablissements reckten Männer ihre Köpfe hervor.
Der jungen Frau war es nun gelungen, sich zu befreien. Sie lief auf einen der Männer zu und wechselte atemlos ein paar Worte mit ihm.
Wütend wandte er sich nach drinnen und pfiff drei weitere Männer heran. Zusammen gingen sie zu dem Verletzten und begannen ihn systematisch zu verprügeln. Nebenbei nahmen sie ihm auch noch alles ab, was wertvoll genug war.
„So läuft es in Sky Haven, verstehen Sie das? Wenn man nicht stark genug ist um sich zu nehmen was man will, dann bezahlt man auf andere Weise dafür.“ Dave steckte seine Pistole wieder ein. „Also sollten Sie immer genügend Geld dabei haben – falls Sie es mal nötig haben.“
Die anderen beiden Marines lachten leise und Anderson wurde rot.
„Kommt jetzt, wir wollen kein Aufsehen erregen.“ Leiser fügte er hinzu: „Nicht mehr als bisher schon.“
Innerlich ärgerte er sich über seine Reaktion. Er verstieß gegen seine eigenen Regeln.

Die Gruppe ging weiter und erreichte eine Hängebrücke, die über einem Schwindelerregenden Abgrund hing.
„Sie hätte sich wenigstens bedanken können“, murrte Sam Rogers plötzlich.
„Wer?“, fragte Dave erstaunt.
„Na, die Kleine von vorhin. Immerhin habe Sie sie gerettet, oder?“
„Ich glaube nicht, dass sie nach der Sache einen Gedanken daran verschwendet hat, woher der Schuss kam“, brummte Dave amüsiert. „Wir…“
„E-entschuldigen Sie bitte. Wenn ich Sie einen Moment aufhalten darf…“
Überrascht wandten sich die fünf Leute von der NORTH um.
Vor ihnen stand die junge Frau von vorhin, in ihrer Begleitung einer der Schläger.
Dave betrachtete sie genauer. Sie hatte langes, rotes Haar und schien für ihr Gewerbe bestens gerüstet. „Doc Miller hat mir gesagt, dass jemand aus Ihrer Gruppe geschossen hat. Ich wollte mich dafür bedanken.“
Dave runzelte die Stirn. Na Klasse. Das hatte ja gerade noch gefehlt.
Anderson deutete auf seinen Boss, aber der winkte harsch ab. „Sie müssen sich irren, junge Dame. Wir verschwenden keine Kugel, um hier den Ritter zu spielen.“
„Hört, hört“, kam es leise von Sam, zum Glück so leise, dass es nur Dave und Patridge mitbekamen.
„Ich weiß aber genau, dass…“, begann die junge Frau und wurde rot.
Ihr Beschützer legte ihr eine Hand auf die Schulter und schüttelte den Kopf. „Du wolltest doch einkaufen gehen, Molly. Hol das nach. Und lass dich nicht wieder von so einem Typen anquatschen.“
„Okay, Eddie.“ Sie nickte noch einmal verlegen in die Richtung der Freibeuter und ging dann wieder zurück.
Der Mann, den sie mit Eddie angesprochen hatte, grinste breit. „Ist schon in Ordnung, wenn Sie sich nicht in die Rolle drängen lassen wollen. Wenn man ein weiches Herz hat, wird man viel zu schnell ausgenutzt. Ach, egal wo die Kugel herkam. Molly arbeitet im La Fleure. Vielleicht wollen Sie oder einer Ihrer Männer mal vorbei kommen. Wir machen Ihnen einen guten Preis.“
Anderson wurde rot, verschluckte sich und musste husten.
Mitfühlend klopfte Dave ihm auf den Rücken. „Sagen Sie doch nicht so was. Unser Nesthäkchen wird ja ganz verlegen.“
„Ich sehe, wir verstehen uns“, brummte Eddie grinsend und winkte, bevor er ging.

„So, das war aber genügend Aufregung für heute“, sagte Dave amüsiert.
Er legte in einer kameradschaftlichen Geste einen Arm um den jungen Marine und meinte: „La Fleure, nicht vergessen. Wenn Sie einen Vorschuss brauchen, der Laden sah teuer aus.“
„SIR!“, rief der junge Mann entrüstet.
„Ich muss mal mit Ihrem Sarge reden, junger Mann“, tadelte Dave ihn grinsend. „Eigentlich hat er dafür zu sorgen, dass alle Männer in seinem Platoon auch trocken hinter den Ohren sind. Nicht, Patridge?“
Der Marine grinste. „Ich werde es ihm ausrichten, Chef.“
„Männer“, brummte Sam amüsiert.
**
„Sehen Sie sich diese Schönheiten genau an“, sagte der Händler und rieb sich die Hände. Sein Name war Docker, und er galt nicht gerade als bester Händler vor Ort. Aber er war in der Mittelklasse angesiedelt. Und solange die NORTH noch nicht in einer Liga mit der Legion oder den Fortune Hunter spielte, mussten Geschäftsbeziehungen langsam geknüpft werden.
„Sam“, sagte Dave leise und ließ seine Technikerin damit von der Leine.
Das ließ sie sich nicht zweimal sagen. Sie begann sofort mit einer Inspektion und ließ sich dabei von einem der Marines helfen.

„Und?“, fragte Dave beiläufig. „Was haben Sie noch so in Ihrem Angebot, Mister?“
Der ältere Mann mit dem ergrauten Haarkranz grinste schief und offenbarte dabei mehrere Goldzähne. Allzu schlecht konnte es ihm nicht gehen. „Nun, natürlich habe ich auch Munition, Ersatzteile und andere Versorgungsgüter im Angebot. Wenn Sie mir etwas Zeit geben, könnte ich sogar ein paar Booster auftreiben.
Aber falls Ihnen der Sinn eher nach Mädchen steht…“
Dave brummte amüsiert. „Wir sind an den Bordellen vorbei gekommen.“
„Dann brauche ich Ihnen darüber ja nicht viel zu erzählen“, schloss er. „Gibt es denn einen anderen Bereich, in dem ich…Ah, nützlich sein könnte?“
Dave legte den Kopf schräg, als denke er nach. „Karten.“
„Karten?“
Der Chef des Dirty Packs nickte ernst. „Karten. Karten von den ehemaligen USA, Kanada, Alaska, Mexiko, alles was wir kriegen können. Alles mit topographischen Ausführungen sowie in mehrfacher Ausfertigung.“
„D-die ganze USA? Und Kanada? Und Alaska? Haben Sie Größeres vor?“, staunte der Alte.
„Und zudem offizielles Material. Nicht der Quatsch, mit dem sich manche Piraten hier begnügen. Bis wann haben Sie mir das Material beschafft?“
„Welcher Maßstab?“
„Eins zu zehntausend, eins zu fünfzigtausend. Jede Karte in zehnfacher Ausfertigung.“
„Fünf Tage.“
„Das ist zu lange. Ich brauche das Material in zwei.“
Die beiden taxierten sich mit einem sehr langen Blick.
„Fünftausend Greenbucks.“
„Vier.“ „Fünftausend, und keinen Cent weniger.“
„Gut. Fünftausend. Dafür munitionieren Sie die Brigands aber voll auf. Gratis, versteht sich.“
„Einverstanden. Übermorgen zur gleichen Zeit bringe ich Ihnen die Karten zur NORTH STAR.“
Die beiden reichten einander die Hände. Dave drückte fest zu und der Mann mit der Halbglatze erwiderte den harten Händedruck. Damit war der Kauf besiegelt.

„Sam!“, rief Dave Stone. „Sir?“
„Was meinen Sie, Sam? Sind die Dinger ihr Geld wert?“
„Na ja, die letzten Wartungen wurden schlampig durchgeführt und hier und da leckt Öl, aber nichts, was man mit ein paar neuen Dichtungen nicht wieder hinkriegen könnte. Die eine Brigand hat Beschussspuren in der Tragfläche und im Rumpf, aber die Schäden wurden gut geflickt. Ich würde gerne bei beiden den Motor hören, aber auf den ersten Blick machen wir ein Schnäppchen.“
Dave schlug sich eine Hand vor sein Gesicht. „Sam, einkaufen müssen Sie noch lernen.“
Die Cheftechnikerin der NORTH sah ihren Chef mit Unverständnis an. Dann dämmerte ihr langsam, was sie gerade getan hatte. „Tu-tut mir Leid, Chef.“
„Ist schon in Ordnung, Sam. Hören Sie sich die Motoren an, ja? Danach will ich einen abschließenden Bericht.“
„Ja, Sir“, sagte sie zerknirscht und ging zurück zu den Brigands.

Bevor die Motoren anliefen, führte der grauhaarige Mann den Piloten in ein Büro im Hintergrund der Halle. Er zog eine Flasche Whisky hervor und schenkte jedem ein Glas voll. „Ein guter Abschluss sollte begossen werden. Ich nehme an, Sie akzeptieren den Verkaufspreis?“
Dave grinste schief. „Da mein Cheftechniker gesagt hat, die Maschinen sind ihr Geld wert…“
Er ergriff den Drink, stieß mit Docker an und nahm einen kräftigen Hieb.
„Nicht schlecht, das Zeug. Louisiana?“
„Sie haben einen guten Geschmackssinn, Armstrong. Bester Sprit von unseren französischen Freunden. Kann ich vielleicht noch etwas für Sie tun?“
„Ja, Sie können mir erklären, warum die Maschinen so günstig sind.“
Sie sahen einander wieder in die Augen.
„Hat es etwas damit zu tun, dass im Motor noch immer alle Originalteile verwendet werden? Mein Mädchen hätte es mir gesagt, wenn Reparaturen durchgeführt worden wären“, hakte er nach.
„Nun, solche…Maschinen wie die beiden Brigands da draußen sind etwas…schwierig zu verkaufen. Sie…Sie gehörten mal STI.“
Dave klappte die Kinnlade herab. „Sacred Trust? Sie verkaufen mir Maschinen eines Sicherheitsdienstes?“
Der Ältere hob abwehrend die Arme. „Es waren nur Trainingsmaschinen. Ein paar junge Spunde haben sie geklaut, weil sie von einem Leben als Piraten träumten. STI hat ihnen ein paar Kugeln hinterher geschickt, aber sie haben es bis Sky Haven geschafft. Hier haben sie dann gemerkt, dass das Leben teuer ist. Und das man Maschinen mit den Farben eines Sicherheitsdienst nicht vertraut. Sie haben mir die Mühlen dann weit unter Preis verkauft, aber selbst ich hatte Mühe, ehemalige STI-Maschinen weiterzuverkaufen.“
Er zwinkerte. „Es braucht schon jemanden mit Eiern, um sich der Möglichkeit auszusetzen, dass der Trust Rache nehmen wird.“
„Ich habe nicht vor, mich mit ihnen anzulegen“, sagte Dave. „Aber rausrücken werde ich die Vögel auch nicht wieder.“
„Also kaufen Sie sie“, stellte Docker fest.
„Selbstverständlich“, erwiderte Dave und trank sein Glas leer. „Ich bin Pirat, nicht der Weiße Ritter in strahlender Rüstung.“
„Gute Einstellung. Damit werden Sie in Sky Haven überleben“, meinte der Händler und goss großzügig nach.

**
Dave ließ es sich nicht nehmen, eine der Maschinen selbst zum Zeppelin zu überführen. Wie versprochen waren beide Vögel voll aufmunitioniert worden. Dave Stone hatte es sich abgewöhnt, in einer unbewaffneten Maschine über Sky Haven zu fliegen. Die Luft konnte zu schnell bleihaltig werden, wie er aus bitterer Erfahrung wusste.
Knapp hinter ihm flog Sam. Es war nicht üblich, kam aber vor, dass Techniker die Maschinen, die sie warteten auch fliegen konnten. Nicht, dass sie als vollwertige Pilotin getaugt hätte oder gar einen Luftkampf überstehen würde. Aber um mit den Fallwinden hier in den Bergen fertig zu werden reichte es allemal.
Dave genoss die Gelegenheit in der schweren Maschine zu fliegen, wenngleich seinem Passagier auf der Heckschützenbank schon seit einiger Zeit schlecht war.
„B-bitte nicht noch ein Luftloch, Sir“, kam es gequält von hinten.
Dave grinste leicht. Als wenn er darauf einen Einfluss gehabt hätte.
„Stehen Sie es durch wie ein Mann, Anderson“, spöttelte er. „Es ist ja nicht mehr weit.“
„Sir…“
„Ich versuche die Mühle ja ruhig zu halten, Anderson.“
„Sir…“
„Anderson, kotzen Sie meinetwegen. Aber…“
„SIR!“
Armstrong wandte sich um. „Was ist denn…“
Er erschrak und riss die Brigand in einen Sturzflug. Neben ihm vollführte Sam das gleiche Manöver, wenngleich nicht so elegant. Knapp über ihnen sauste eine blaulackierte Bloodhawk hinweg, verfolgt von den gierigen Lichtfingern der Leuchtspurmunition einer schwarzen Vampire.
Die Bloodhawk rauchte bereits und eine Tragfläche brannte. Dennoch blieb die Vampire dran und versuchte ihrem Gegner den Todesstoß zu versetzen.
„So-sollen wir nicht helfen, Sir?“
„Welchem denn?“, blaffte Dave. „Welchem sollen wir helfen? Wer ist der Aggressor? Wer das unschuldige Opfer? Oder sind beide gleich schuldig? Gleichermaßen Opfer? Kämpfe wie dieser finden andauernd statt, gewöhnen Sie sich dran. Sky Haven ist ein heißes Pflaster und ein sehr ungerechter Ort.“
Dave riss die Brigand wieder hoch und ging auf den alten Kurs zurück. Weit vor ihnen explodierte die Bloodhound in der Luft, der Pilot konnte nicht mehr aussteigen.
Die Vampire begleitete den Sturzflug der Trümmer einen Moment, wackelte höhnisch mit den Flügeln und flog dann eine Schleife Richtung Landefeld.
„Passiert jeden Tag, so was…“, murmelte Armstrong zu sich selbst. „Wir können es nicht ändern.“

Als sie neben der NORTH landeten, pfiff Sam sofort ihre Techniker heran, um die beiden Maschinen für die notwendigen Wartungsarbeiten vorzubereiten. Danach kam sie zu Dave und dem jungen Infanteristen herüber. „Das war verteufelt knapp. Wenn ich nicht gesehen hätte, wie Sie in den Sturzflug gegangen sind und ich nicht nachgekommen wäre, dann…“
Dave winkte ab. „Ich war nachlässig. Wir waren nicht das Ziel des Angriffs, aber die blaue Bloodhawk wollte meinen Vogel als Schild gegen den Verfolger benutzen. Wenn Anderson mich nicht gewarnt hätte, hätten wir mindestens eine Salve eingesteckt.“
Dave klopfte dem jungen Mann auf die Schulter. „Gute Arbeit. Lust auf eine Ausbildung als Bordschütze?“
„N-nein, Sir.“
„Schon gut, nur ein Scherz. Gehen Sie zurück zu Ihrer Einheit. Aber bereiten Sie sich auf eine weitere Mission vor, heute Abend, neunzehn Uhr.“
„Ja, Commander.“

Der junge Marine trat ab. Dave Stone sah ihm lange nach. „Was ist das für eine Mission, Sir?“, hakte Sam nach.
„Na, was wohl? Wir brauchen Piloten und Bordschützen für diese Mühlen hier.“ Armstrong schlug gegen die Schnauze der Brigand. „Ich will endlich zwei vollständige Staffeln haben.“
Er sah in den Morgenhimmel hinauf. „Und dann will ich wieder dorthin zurück, wo ich hingehöre. In den unendlichen Himmel.“
„Das klingt sehr romantisch, Sir“, hauchte Sam ergriffen.
„In den unendlichen Himmel, um Geld zu verdienen“, setzte Dave hinzu und grinste die Technikerin an.
„Sir!“, rief sie mit gespielter Entrüstung.
Dave lachte und klopfte ihr auf die Schulter. „Kommen Sie nachher auch mit. Wir könnten vielleicht auch noch Mechaniker gebrauchen.“
„Gerne, Sir.“

***

Armstrong betrat die Zigarre. Dort blieb er stehen und sah zur MEMPHIS BELLE herüber. Der alte Pirat Cat Shannon war immer noch festgemacht. Anscheinend hatte er gute Beute gemacht. Gut genug, um ein oder zwei Wochen auszuruhen.
Dave kannte die Geschichte seines letzten Überfalls. Das war eine typische Shannon-Methode gewesen. Nur warum machte sich der alte Pirat nur immer und überall Todfeinde?

„Dave? Hast du einen Moment?“
„Was ist los, Dusk?“
Melissa trat neben ihn. Ihr langes Haar flatterte in der Morgensonne. Sie trug nicht mehr als eine enge Jeans und eine halb aufgeknöpfte Bluse, unter der ihr BH hervor blitzte. Die große texanische Blondine kannte ihre Wirkung auf Männer. Und setzte diese nur allzu gerne ein.
Dave seufzte leise. In einer anderen Zeit, einer anderen Welt hätten sie ein verdammt tolles Gespann abgegeben. Leider stand zwischen ihnen die tote Annie und Melissas Angewohnheit, nicht mit Vorgesetzten zu schlafen.
„Ich traue Steel nicht“, sagte sie ernst.
„Er ist ein sehr guter Pilot“, wandte Dave ein.
„Trotzdem. Ich weiß nicht wieso, aber irgendetwas an ihm ist merkwürdig. Kann er nicht ein Agent sein, der uns ausspionieren soll? Ich meine, so wie er in Corpus Christi aufgetaucht ist, so kurz nach dem Überfall der TRINIDAT…“
„Klar kann er das. Aber im Moment gebe ich ihm seinen Sold. Und seien wir doch ehrlich – die NORTH ist noch nicht lange genug unterwegs, um sich wirklich schon Feinde gemacht zu haben, oder?“
„Dann ist er hinter unserem Booster her“, schloss sie ernst. „Schmeiß ihn vom Schiff, Dave, bevor er Ärger machen kann.“
„Nein“, sagte Armstrong ernst. „Er bleibt und fliegt für mich, solange er loyal ist. Sollte er mich – sollte er uns hintergehen, dann darfst du es sein, die ihn aus fünfhundert Meter Höhe aus dem Hangar stößt. Bis dahin gehe ich davon aus, dass er ein Söldner ist, der dem gegenüber loyal ist, der ihn bezahlt.“
„Wie du meinst, Dave. Aber ich werde ihn dennoch im Auge behalten“, erwiderte die Pilotin, stieß sich ab und ging.
Dave sah ihr nicht einmal nach. Sie hatte ja Recht. Und eine andere Sache stimmte ebenfalls. Die NORTH konnte sich noch gar keine Feinde gemacht haben. Er hingegen schon.
Der Gedanke amüsierte ihn.
„Steel“, murmelte er leise, „egal wie die Sache mit uns beiden ausgeht, wir werden eine Menge Spaß haben.“
Thema: [OT ]Crimson Sky: Next Chapter
Tyr Svenson

Antworten: 29
Hits: 537
25.01.2020 08:18 Forum: Kurzgeschichten


Zwei Tage später

„Und das ist alles?“
„Was hast du denn erwartet? Eine Geschwaderchronik und eine Materialliste? Informationen über eigenständig operierende Piraten zu bekommen – und besonders über DIE – ist nicht so einfach.“
„Nun ja, das zeigt ja wohl nur, dass wir auch nicht gerade allmächtig sind...“ von Stahlheim überflog das Blatt Papier, das ihm Elisabeth in die Hand gedrückt hatte. Darauf stand so ziemlich alles, was die New Yorker Zentrale der Abwehr über die Piratenbande von Michael Jerome wusste. Es war nicht sehr viel.

Über die Leviathan selber war nur bekannt, dass es sich um ein mit Helium gefülltes, zum „Hilfskreuzer“ umgerüstetes Transportluftschiff handelte: das bedeutete zusätzliche Panzerung und Bewaffnung, angeblich sowohl Flugabwehrgeschütze und Raketenwerfer, wie auch etliche Lufttorpedos.
Die Flugeinheiten wurden auf zehn bis vierzehn Stück eingeschätzt und die Piloten überwiegend als 4-B klassifiziert. Das bedeutete, sie waren gut, aber nicht überragend – würden aber wohl bis zum letzten Mann kämpfen. Angesichts dessen, was ihnen bei einer Gefangenschaft blühte, war das allerdings nicht überraschend. Die meisten Piraten starben lieber im Kampf, wenn im Falle einer Gefangennahme der Galgen, das Erschießungskommando oder der elektrische Stuhl gewiss war.
Die Piraten schienen vor allem auf schwerere Einheiten zu setzen: sie verfügten auf jeden Fall über eine Anzahl Brigands, etliche Peacemaker und zwei oder drei Vampire. Dazu kamen ein paar Defender, Fury und auf jeden Fall eine Bloodhawk – die Maschine des Kapitäns.
Was Sichtungen in letzter Zeit betraf, so sah es eher dünn aus. Ein Piratenüberfall im südlichen Texas und eine Schießerei über dem Golf von Mexiko wurden als mögliche Aktionen Kapitän Jeromes aufgeführt. ‚Nur etwas vage...‘

„Nun mal sehen, was unser Chef damit anfangen kann. Andererseits, wenn ich ihm zu gute Informationen liefere, würde er vielleicht misstrauisch werden.“
„Sag ihm doch einfach, du hast es von mir. Eine Gefälligkeit war die andere wert und so...“ Elisabeths Grinsen war eindeutig zweideutig gemeint. Momentan trug sie nur einen offenen Morgenrock und es schien ihr ziemlich egal zu sein, was man darunter sehen konnte. Andererseits hatte von Stahlheim sie schließlich auch schon nackt gesehen und war selber momentan nicht unbedingt vorzeigefähig, da er nur mit einer Hose bekleidet war.
Er grinste schief zurück und küsste sie. Das dauerte einige Zeit.

Aber als er sich dann dem zweiten Funkspruch zuwandte, war seine gute Laune schnell verflogen. Während die Nachricht über die Leviathan wie üblich verschlüsselt war, hatte man die andere Botschaft zweifach verschlüsselt. Und was darin stand...
Von Stahlheim musste einen Fluch unterdrücken, während er las. Und Elisabeth, die ungeniert mit las, pfiff leise durch die Zähne.

Der wahre Namen von „Armstrong“ war also Thomas David Marquardt.
Deutsch-französischer Herkunft, Dienst in der Luftwaffe auf Helgoland. Seine Mutter sollte angeblich Kontakte zum französischen Geheimdienst oder irgendwelche Oppositionsgruppen im Reich gehabt haben – was das betraf, waren die Angaben vage. Offenbar war die RSHA nicht sehr Kooperationsbereit gewesen, betreffs Informationen über Marquartdt’s Mutter. ‚Schweinerei!’
Jedenfalls hatte sich die Gestapo für den Piloten interessiert. Das Ganze hatte damit geendet, dass zwei Mitglieder der Geheimen Staatspolizei sterben mussten und „Armstrong“ mit einer Messerschmitt desertiert war. Etliche Offiziere aus Marquardts Einheit waren daraufhin strafversetzt, degradiert oder mit einer Beförderungssperre belegt worden.
Marquardt war offensichtlich über verschiedene Stationen bis nach China gekommen, wo er für die Chinesen und die amerikanischen „Freiwilligen“ geflogen war. Schließlich landete er offenbar in Amerika und wurde Pirat.
‚Wie passend für einen Hochverräter und Deserteur. Aber diese ganze Geschichte war mal wieder typisch Gestapo! Hätten sie das nicht einfach uns überlassen können?! Verdammt! Schade, dass ich diesem Verräter nicht während seiner Zeit in China begegnet bin. Dann hätte ich jetzt wohl nicht mehr dieses Problem...‘
Offenbar hatte der Deserteur an lebenden Verwandten noch die Familie seiner Mutter in Frankreich – zu der aber irgendwelche Beziehungen als ‚mehr als unwahrscheinlich’ eingestuft wurden. Sein Vater, früher selbst bei der Luftwaffe, war wegen seiner politischen Einstellung entlassen worden und ziemlich abgesackt. Kurz wunderte sich von Stahlheim, warum die Gestapo nach Marquardt’s Desertion sich den Mann nicht gründlicher vorgeknöpft hatte – aber die ganze Aktion erschien ihm sowieso eher wie die Eigenmächtigkeit eines mittleren Führungsoffiziers, als von Oben durchorganisiert. Außerdem schien Marquardt’s Vater aus seiner Zeit bei der Luftwaffe noch gewisse Beziehungen zu haben, die ihm vor dem Schlimmsten bewahrt hatten.
Und dann gab es noch einen jüngeren Bruder von „Armstrong“.
Von Stahlheim lächelte dünn und kalt. Das alles bot gewisse Ansatzpunkte, die benutzt werden konnten, um „Armstrong“ unter Druck zu setzen. Nicht das er so ein Vorgehen liebte, aber wenn es sein musste, dann war es gut, diese Möglichkeit zu haben.

Während er noch einmal den Lebenslauf überflog, rumorte „Armstrongs“ echter Name in seinem Hinterkopf herum. Er hatte doch...
Und dann wußte Ernst Karl von Stahlheim wieder, woher er seinen momentanen Kommandanten kannte. Und diesmal fluchte er wirklich lauthals.
„Was ist denn los?! Du kennst ihn wohl doch?“
„Allerdings – verdammt! Wir sind uns schon einmal begegnet. Wie konnte ich das nur vergessen?! Das war auf der Geburtstagsfeier von General von Richthofen. Unser Geschwader hatte ein paar Offiziere geschickt, darunter auch mich. Aber auch andere Einheiten waren vertreten – es war ein ziemliches Ereignis. Göring hatte seinen Adjutanten geschickt...“
Jetzt erinnerte von Stahlheim sich wieder glasklar. Mehrere hundert Luftwaffenangehörige waren auf dem Fest gewesen und er selber, ein junger Leutnant des JG Richthofen, nur weil ein Kamerad mit guten Beziehungen ihm geholfen hatte. Das Fest war mit großem Pomp zelebriert worden, einschließlich des Überflugs einer Staffel Jagdmaschinen. Es hatte hervorragendes Essen gegeben, Wein und Champagner und schöne Frauen. Die „alten Generäle“ wussten den Prunk zu schätzen, der sie vielleicht an die „guten Zeiten“ im Kaiserreich erinnerte.
Und irgendwann im Laufe des Abends hatte sich von Stahlheim einer kleinen Gruppe von Piloten angeschlossen, die von den Luftkämpfen über der Ostsee berichteten. Und zu denen hatte auch Marquardt gehört...
„Das ist so ziemlich das Dümmste, was mir passieren kann...“
„Weiß er, dass du bei der Abwehr bist?“
„Nein. Selbst wenn er sich an mein Gesicht erinnert. Ich wurde erst später angeworben. Und so etwas wurde nie an die große Glocke gehängt.“
„Na, das ist doch sowieso inzwischen Jahre her. Und er wird ganz bestimmt nicht damit rechnen, ausgerechnet hier jemanden aus seinen Luftwaffentagen zu treffen.“
„Und was, wenn doch? Ich sollte mir wohl besser eine GUTE Tarngeschichte ausdenken, warum ich nicht mehr bei der Truppe bin.“
„Na auf jeden Fall darf es kein politischer Grund sein, wegen dem du abgehauen bist. Das würde sogar den Typen misstrauisch machen, klingt zu sehr nach seiner eigenen Geschichte. Es muss einen unverfänglichen Grund geben, warum du in die Privatwirtschaft gewechselt bist...“ Plötzlich ließ Elisabeth dem Agenten wieder ein ziemlich amüsiertes Grinsen zukommen und fuhr fort: „Gib dich doch als Hundertachtundfünfziger aus!“
Von Stahlheim lachte gallig: „Das wäre sicherlich ein Grund, warum man jemanden aus der Luftwaffe schmeißt. Aber glaubst du nicht, wenn ich ihm mit der Tarngeschichte komme, könnte er sich fragen, was ich dann bei dir gemacht habe?“
„Nun, das war dann rein platonisch. Und er weiß es ja nicht unbedingt.“
„Nein, lieber nicht. Wenn ich als warmer Bruder auftrete, muss ich todsicher den ein oder anderen verprügeln, um die Staffel im Griff zu behalten. Wer hört schon auf einen Homo? Gerade in der Armee – und irgendwelche Informationsgewinnung und Kontaktaufnahmen könnte ich dann auch vergessen. Nein, ich glaube, ich nehme etwas weniger ausgefalleneres.“
„Damit fällt dann wohl Spionage für die Briten oder Franzosen auch flach. Bleibt dann wohl irgendeine ‚Ehrensache‘. Ihr Deutschen seid doch da ganz wild...“
„Hm... Ja, das könnte passen. Am besten irgendetwas, was nicht sehr schmeichelhaft für mich klingt. Dann hab ich halt was mit der Frau eines Kameraden angefangen. Das reicht immer noch für ein Ehrengericht und für verhagelte Karrierechancen. Es sind Leute aus weniger guten Gründen ausgestiegen...“

Während von Stahlheim seine Reservegeschichte in Gedanken nach Schwachstellen abklopfte, las er weiter. Angesichts des Vorschlages, Armstrong wenn nötig „unter falscher Flagge“ anzuwerben, lachte er nur kurz auf. So etwas kam natürlich nicht mehr in Betracht. Nicht, wenn auch nur der Hauch einer Chance bestand, dass sich der Mann an ihr früheres Zusammentreffen erinnerte.
Ansonsten meldete der Funkspruch nur lapidar, dass Thomas David Marquardt in Abwesenheit wegen Mord, Hochverrat und Desertion zum Tod durch das Beil verurteilt worden war.
‚Damit ist dann wohl jede Chance dahin, ihm eine Rückkehr schmackhaft zu machen. Da er zwei Gestapoleute ermordet hat, weiß er sicherlich, dass alle Brücken hinter ihm abgebrochen sind. Und er wird sich wohl auch kaum für unsere Interessen hier in Amerika werben lassen. Außer wir liefern ihm wirklich zwingende Gründe.‘
Der Funkspruch der Abwehrzentrale schloss mit der Anweisung, Marquardt in zukünftigen Funksprüchen nur noch Commander zu nennen und betonte, dass die ursprüngliche Aufgabe Priorität besaß: Informationen über die Piratenaktivitäten, Konfliktlinien und politische Verhältnisse sammeln und den neuen texanischen Nitroboster testen und wenn möglich in Besitz bringen.
‚Die wollen wohl nicht, dass einer meiner Funksprüche dem RSHA in die Hände fällt und die dann eine Eliminierung anordnen. Ihnen ist wohl der Nitroboster momentan wichtiger, als die Hinrichtung eines Verräters...‘
Nun, das konnte von Stahlheim im Grunde nur Recht sein. Es dürfte einfacher sein, sich einen Nitroboster zu besorgen, als den Befehlshaber einer Piratenbande zu beseitigen und dann mit heiler Haut davonzukommen. Außerdem war ersteres vielleicht für künftige Konflikte von Bedeutung, während „Armstrongs“ Tod nur die Liquidierung eines Verräters darstellte.

„Nun, willst du das weiter durchziehen?“ `Liss Stimme klang fast etwas besorgt.
„Ich muss wohl. Das hast du doch gelesen – obwohl der Funkspruch eigentlich nur für mich bestimmt war.“
„Ach lass doch den Quatsch. Das ist ein verdammt riskantes Spiel. Ich würde es hassen, wenn die dich ohne Fallschirm außenbords gehen lassen.“
„Ich werde einfach vorsichtig sein. Und mit dem, was du mir über die Leviathan beschafft hast, steht der Commander dann in meiner Schuld. Er ist genauso ein Typ, der das nicht vergessen wird. Und ja - wenn er fragt, woher ich das weiß...Ich werde versuchen, dich da rauszuhalten. Aber wenn er zu sehr nachhakt, dann sage ich, dass ich das von dir habe. Bei deinem Ruf als Informationsmaklerin…“
„Na schön. Aber nur im äußersten Notfall. Eigentlich gefiel mir der Posten hier ganz gut – ich will nicht auffliegen, weil du nicht mal deinen desertierten Landsmann ruhig halten kannst. Und wenn du ihm ein paar dreckige Geschichten über mich auftischst, lass mich mal nicht zu schlecht wegkommen. Ich habe einen Ruf zu verlieren.“ Bei diesem Einwurf musste von Stahlheim wieder grinsen. Dann fuhr er fort: „Wenn er erst einmal hinter der Leviathan her ist, dann wird er nicht mehr so in seinen Erinnerungen nachkramen. Und dann ist es ihm auch egal, woher ich das habe.“
„Pass aber bloß auf, dass du deinem Kapitän Ahab nicht den Starbuck machst. Dieser Wal ist zwar schwarz und fliegt...“
Es überraschte von Stahlheim immer wieder, dass Elisabeth O’Conner trotz ihrer oft recht ruppigen Ausdrucksweise fundierte Literaturkenntnisse besaß: „Nun, den indianischen Harpunier hast ja eher du. Was hast du eigentlich deinem schweigsamen indianischen Freund erzählt, was wir so lange machen?“
„Na was wohl – Nüsse knacken?! Frag doch nicht so dämlich...“
Zeige Beiträge 1 bis 20 von 682 Treffern Seiten (35): [1] 2 3 nächste » ... letzte »

Forensoftware: Burning Board 2.3.6, entwickelt von WoltLab GmbH