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Thema: Kritik: Hinter den feindlichen Linien
Cattaneo

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03.05.2022 20:47 Forum: Kurzgeschichten


Ace: Ich bitte dich, wenn möglich zwei Änderungen vorzunehmen. Zum einen könntest du die Zahl der Leute im HQ runtersetzen? Über 20 scheint mir doch etwas viel, dann würde es doch etwas sehr beengt zugehen in einem umgebauten Shuttle.
Und bei gerade mal 2.000 Leuten können sich die Marines so einen Wasserkopf eigentlich auch nicht leisten. Ein Dutzend sollte Obergrenze sein.

Und wie mein Bruder bitte ich, dass mit den Panzern der Totengräberin zu streichen. Lass Schlüter eher generell warnen, dass nicht abzusehen ist, wie sich die Lage entwickelt und dass die Landezone unter BEschuss steht und sie mit einer unterbesetzten Brigade eine ganze Stadt kontrollieren und sichern muss.
Sonst widerspräche es auch den früheren Texten.
In dem Text zum Angriff wurde erwähnt dass die Panzer erst gesichtet wurden, als der Angriff unmittelbar bevorstand. Und da waren die Abzeichen sicher noch nicht zu erkennen. Schlüter war in dem Moment auch ganz woanders (nämlich im Depot wie ich in meinem Text geschrieben hatte) und kehrte wohl erst als der Angriff gerade begann zum HQ zurück. Würde deine Geschichte dann spielen, müsste man schon was vom Gefecht mitbekommen, zumindest akustisch.
Thema: Kritik: Hinter den feindlichen Linien
Cattaneo

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03.05.2022 08:34 Forum: Kurzgeschichten


Hallo

Hm, das hätte ich vermutlich vorher schon etwas stärker betonen müssen. Das Bild formt sich ja auch erst im Laufe der Zeit, und natürlich ist die Perspektive der einzelnen Personen auch von ihrer subjektiven Wahrnehmung abhängig.
Ich hatte gehofft, der Großangriff der Echsen hätte zumindest etwas deutlich gemacht, dass es ernst aussieht. Die Angaben zu den Truppen, die die Kaiserlichen zusammenziehen, sind meistens in den Kriegssplitter-Texten meines Bruders. Und ja, da kommt noch einiges nach.
Wie hieß es doch bei der Brücke von Arnheim "As you could imagine it is hard to fight tanks with rifles and machine guns." großes Grinsen

Das mag tw. vielleicht nicht wie sehr viel klingen was die Kaiserlichen zusammenkratzen, aber in der Stadt stehen ja auch nur um die 2.000 eher leicht bewaffnete Terraner und Peshten, deren Luftunterstützung wie gezeigt etwas löcherig geworden ist...
Thema: Kritik: Hinter den feindlichen Linien
Cattaneo

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01.05.2022 20:45 Forum: Kurzgeschichten


So, jetzt kommt auch von mir noch ein Text. Ein wenig Action, wenn auch im Rückblick...
Thema: Hinter den feindlichen Linien - Season 7 - Zwischen Himmel und Hölle
Cattaneo

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01.05.2022 20:44 Forum: Kurzgeschichten


Zielwechsel II

Ai’Shan-Park, Arta’Rijen, der Beginn des dritten Tages der Operation ,Markat‘

Majorin Ariane Schlüter wäre lieber an so ziemlich jedem anderen Ort gewesen als diesem – und das schloss die alptraumhaften Tunnel von Hellmountain ein wie auch die ganz persönliche Hölle jedes Marines, nämlich die Grundausbildung.
Gewiss, sie hätte sich in blindwütigen Aktionismus stürzen können, denn zu tun gab es wahrhaftig genug. Sie hätte auch versuchen können etwas Schlaf zu finden, immerhin war sie inzwischen fast 24 Stunden auf den Beinen, und es waren wirklich keine leichten Stunden gewesen.
Und doch war sie hier, hatte sich für den schwereren Pfad entschieden – hier, vor einem Massengrab.
Der feindliche Angriff war vorüber, nicht gescheitert, aber zumindest eingedämmt. Beide Seiten hatten Verluste erlitten und Rückschläge zu verzeichnen. Es war den kaiserlichen Truppen nicht gelungen, bis zur Brücke vorzustoßen, den alliierten Brückenkopf in mehrere kleinere Kessel aufzuspalten. Aber sie hielten inzwischen wieder etwa ein Fünftel des Stadtgebietes von Arta’Rijen.
Die Verluste der Angreifer mochten hoch sein, doch auch die Verteidiger hatten bluten müssen. Fast 150 terranische Soldaten waren tot, verwundet oder vermisst – zusammen mit den Verlusten unmittelbar während der Landung hatte die Brigade Schlüter bereits fast ein Sechstel ihrer Gefechtsstärke eingebüßt.
,Wenn die Echsen weiter so angreifen, dauert es nicht lange, und wir liegen im Rijen.‘ Die Majorin hätte so etwas Defätistisches natürlich nie offen ausgesprochen, aber ihre Gedanken konnte sie schwerlich so gut kontrollieren wie ihre Worte.
Auch die verbündeten Peshten hatte bluten müssen. Sie verzeichneten gut 50 Verluste. Es machte bereits die Runde, dass bei einem Gegenangriff vier geköpfte Leichname gefunden worden waren – Konkordatssoldaten, offenbar von den Imperialen nach der Gefangennahme enthauptet. Das kam wenig überraschend, da das brutale Vorgehen der Kaiserlichen gegen die ,Prinzenmörder‘ bekannt war. Doch fragte sich Schlüter insgeheim, wie sich das auf die Moral der Peshten auswirken mochte. ,Da können wir wohl noch froh sein, dass wir eingekesselt sind. Mit Abhauen ist ja wohl nichts, und zum Gegner überlaufen können sie schon gar nicht.‘

Doch so bitter all diese Verluste waren, die Peshten waren hier, um für die Befreiung ihres Heimatplaneten zu kämpfen – oder im Fall der Söldner für eine ordentliche Bezahlung in einem Job, den sie sich ausgesucht hatten. Und die Terraner waren Berufssoldaten, die sich in bewusster Entscheidung verpflichtet hatten. Das feite einen – natürlich – nicht vor der Angst vor Tod und Verwundung oder machte einen entbehrlich. Nun, jedenfalls nicht entbehrlicher als Soldaten nun einmal waren. Man konnte keinen Krieg ohne Verluste führen.
Aber Gefahr für Leib und Leben waren etwas, was Soldaten aller Streitkräfte in den langen Kriegsjahren mit einer Mischung aus Fatalismus und grimmiger Entschlossenheit zu akzeptieren gelernt hatten.
Doch nichts davon galt für die peshtischen Zivilisten, und ausgerechnet sie hatten am meisten bluten müssen. Wie viele von ihnen gestorben waren, ließ sich nicht einmal mit Sicherheit sagen – es gab keine verlässlichen Listen der Lebenden oder Toten, und manche Leichen waren bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt, förmlich zerfetzt, unter Bergen von Schutt und Stahl begraben. Doch selbst die vorläufigen Angaben beliefen sich auf mindestens 60 Tote und ein Mehrfaches an Verwundeten, die meisten davon im Bereich des Ai’Shan-Parkes. Andere rangen noch mit dem Tod, doch es war abzusehen, dass viele den Kampf verlieren würden.

Wie so oft in solchen Zeiten – und besonders in einer Nation wie dem Konkordat – suchten die Überlebenden Trost im Glauben. Ob es nun Hoffnung auf ein besseres Leben im Jenseits zwischen den Sternen oder in der Tiefe der Erde war, die Wiedergeburt oder ein Fortleben als Ahnengeister, die über das Land und die kommenden Generationen wachten, oder andere, für menschliche Begriffe noch schwerer verständliche Konzepte.
Fackeln – und das bedrohliche Flackern der nur notdürftig eingedämmten Brände, die durch die Kämpfe in der Stadt ausgebrochen waren – tauchten die Szenerie in ein unheilvolles Zwielicht. Es war dem Anlass freilich nur zu angemessen.
Die fremdartigen Stimmen der Peshten – in einem halben Dutzend Sprachen, von denen die meisten nur noch für rituelle Zwecke genutzt wurden – erfüllten die Luft, während sie Abschied von den Toten nahmen. Schlüter hatte sich auf Hinweis ihres Verbindungsoffiziers bereit erklärt, die Leichen nicht wie ursprünglich geplant nach Entnahme von DNA-Proben zu Identifikationszwecken in einem großen Massengrab zu verscharren oder sie alle mit einem Mal zu kremieren. Die meisten würden in der Tat verbrannt werden – ein Krater, gerissen von einer schweren Artilleriegranate, wurde gerade dafür vorbereitet. Aber die terranische Kommandeurin gestattete ein Minimum an Zeremonien, wie etwa das Benetzen der Toten mit Wasser aus dem Rijen. Und bei Angehörigen von Religionen, die besondere Rituale erforderten, hatte sie angeordnet die Leichen in einen tiefen Keller zu bringen und mit Erde und Sand zu bedecken, um sie so gut es ging bis zum Ende der Kämpfe zu bewahren. Natürlich musste es schnell gehen. Es war nicht abzusehen, wann die Echsen das Feuer wieder aufnehmen würden, auch wenn ihre Munitionsvorräte vermutlich ziemlich erschöpft waren und die Kämpfe fürs erste etwas nachgelassen hatten.
Die Aliens mochten Trost in ihrem Brauchtum finden, aber für Schlüter war die Zeremonie eine einzige Erinnerung, dass sie nicht in der Lage gewesen war, die Peshten zu schützen. Sie war nicht so töricht sich Vorwürfe zu machen, weil sie die Kämpfe nach Arta’Rijen gebracht hatte. Auf dieser Welt herrschte Krieg, und dieser konnte nur enden, wenn man den Kaiserlichen dort entgegentrat, wo es möglich und nötig war. Aber dennoch, der Anblick zerschmetterter Kinderleiber – ob tot oder schwer verwundet – war selbst für eine erfahrene Soldatin schwer erträglich, auch wenn es sich nicht um Menschenkinder handelte.
Nur eine Handvoll Angehörige der kleinen medizinischen Abteilung der Brigade standen für die Versorgung der zahllosen verwundeten Zivilisten zur Verfügung – die anderen mussten sich um die militärischen Verwundeten kümmern, oder waren ganz einfach nicht qualifiziert, Nichtmenschen zu behandeln. Glücklicherweise war es gelungen, einen provisorischen Hilfsdienst unter den Zivilisten zu organisieren – ihre schwarz-weißen Armbinden unterschieden sich von den Rotkreuzzeichen der Terraner, waren aber gut genug zu erkennen.
,Ich zweifle allerdings, dass ihnen das bei den Akarii viel nützen würde.‘

Die Majorin nahm sich Zeit um den getöteten Peshten Tribut zu zollen, und die Trauer in ihrer Miene war nicht geheuchelt, obwohl sie auch aus Berechnung hier war. Alles was das Bund zwischen Konkordat und Bundesrepublik festigte – und was war besser geeignet als vergossenes Blut – war von Vorteil, und sie war entschlossen, jede Möglichkeit auszunutzen.
Doch dann musste sie sich ihrer eigentlichen Verpflichtung zuzuwenden. Und die galt den Lebenden, nicht den Toten. Und, um es brutal auszudrücken, der Erfüllung ihres Kampfauftrags, nicht in erster Linie dem Schutz der Zivilisten. Ihr Tod war eine Tragödie, doch wenn sie abwägen musste... Eine scheußliche Situation.

Die Runde im Kommandostand war klein. Alle wirkten abgekämpft, niedergedrückt durch Erschöpfung und Rückschläge. Ariane konnte nur hoffen, dass sie alle durchhielten, denn die Belastungen würden gewiss nicht so schnell nachlassen.
Sie verfügte natürlich über keinen vollwertigen Brigadestab. Die Bataillonskommandeure waren bei ihren Einheiten und koordinierten den Ausbau der Abwehrstellungen, mit Ausnahme von Major Tash. Anwesend war freilich eine Handvoll Kommunikationsexperten und die Leiter der kleinen Logistik- und medizinischen Abteilung. Eine stabile Echtzeitkommunikation mit der COLUMBIA oder gar dem Hauptquartier stand angesichts der unvermeidlichen Störungen und den feindlichen ECM außer Frage. Bei Übertragungen hätte zudem stets die Gefahr bestanden, dass der Feind die Nachricht abfing und entschlüsselte – oder den Senderort anpeilte.
Im Grunde gab es auch nicht viel zu besprechen, denn die Lage war eindeutig. Die Übersichtsdarstellung der Logistiker ließ sich rasch zusammenfassen: „Wir brauchen dringend Verstärkung, und vor allem Munition und schwere Waffen.“
Das war der Kern des Problems. In dem Maße wie sich abzeichnete, dass die Ankunft der 4. Sturmdivision oder gar des 30. Korps sich noch eine Weile verzögern würden, machte sich die leichte Ausrüstung der Brigade schmerzlich bemerkbar. Es war nicht damit zu rechnen, dass weitere Beutefahrzeuge in nächster Zukunft einsatzbereit gemacht werden konnten, außerdem war die Munition für die wenigen schweren Beutewaffen knapp bemessen. Für die terranischen Mörser und schultergestützten Raketenwerfer sah es nicht viel besser aus.
Doch mit dem Nachschub haperte es. Der letzte Versuch, zwei Shuttles durchzubringen, war gescheitert. Die feindliche Luftabwehr war inzwischen so stark, dass das eine Shuttle hatte abdrehen müssen – dem anderen war mit Mühe und Not eine Landung in Nera’Rijen geglückt. Dort war es halbwegs sicher, aber an die Evakuierung von Verwundeten und Zivilisten und an eine gesicherte Versorgung mit Munition, Sprengstoff und dergleichen war unter solchen Bedingungen nicht zu denken.

Ariane nickte Tash zu: „Ich habe versucht, der COLUMBIA wie auch dem Oberkommando – Ihrem und unserem – klarzumachen, dass wir dringend Hilfe benötigen, wenn wir bis zu Ankunft der Vierten halten sollen. Aber ich bin mir nicht sicher, ob ich damit wirklich durchgedrungen bin. Ich habe das Gefühl, es gibt im Moment wichtigere Sorgen für unsere Vorgesetzten.“
Tash gab einen Laut von sich, bei dem es sich wohl um das peshtische Äquivalent eines Schnaubens handelte: „Ich lasse meine Leute aus den feindlichen Fahrzeugen, an die wir herankommen, bergen was nur möglich ist. Und ich habe ein Kommando losgeschickt, um die Blindgänger Ihrer Bomben und der imperialen Artillerieraketen zu entschärfen, ebenso die imperialen Minen, die wir nicht liegenlassen können. Den Sprengstoff werden wir noch brauchen.“
„Gute Idee. Ich wusste nur nicht, dass Sie Pioniere unter ihren Leuten haben.“
„Habe ich auch nicht. Aber bei einem der Züge meines Bataillons hat es so etwas wie eine Panik gegeben. Zivilisten und Guerillas sind eben keine echten Soldaten – und ein paar Leute haben versucht sich ins Innere des Kessels zu verdrücken. Sollen die ihre Feigheit auf diese Weise wieder wettmachen.“
Die Majorin nickte düster. In der populären Darstellung war es ein gern und oft wiedergekäuter Topoi, wie waghalsige Guerillakämpfer und patriotische Zivilisten sich einer erdrückenden feindlichen Übermacht spärlich bewaffnet in den Weg stellten und natürlich am Ende siegreich blieben. Die Wirklichkeit war da weitaus prosaischer. Unprofessionelle Kämpfer hatten oft unverhältnismäßig hohe Verluste, wenn sie es mit regulären Fronteinheiten mit schweren Waffen zu tun bekamen. Und sie brachen unter konzentriertem Beschuss oder angesichts feindlicher Panzer wesentlich leichter zusammen als ausgebildete Soldaten. Sie wusste, dass die Peshten mit ihrer Armee, die sich noch nicht voll von dem schwierigen Start in den Krieg erholt hatte, mitunter auf harsche Disziplinierungsmaßnahmen zurückgreifen mussten: „Und wenn sie noch einmal versuchen zu türmen?“ Blindgänger entschärfen war kaum weniger gefährlich als ein direkter Fronteinsatz.
Der Peshte schloss die drei Augen gleichzeitig, weniger ein Blinzeln, als eine Geste der Resignation: „Die Wachen haben die Freigabe, bei Fluchtversuch zu schießen. Ich möchte darauf verzichten, meine eigenen Leute zu töten, aber für Drückeberger ist in Arta‘Rijen kein Platz.“
Die Marine betete insgeheim, dass sie bei ihren eigenen Leuten nicht würde ebenso weit gehen müssen: „Gut. Was an Sprengstoff geborgen werden kann, verwenden wir für die Herstellung von Sprengfallen. Ich denke wir legen vor allem hier…hier…und dort Sperren an. Vielleicht sollten wir auch ein paar Hochhäuser prophylaktisch sprengen um die gegnerischen Angriffsrouten einzuengen…“ Das mochte die feindliche Infanterie und Kettenfahrzeuge wohl nur verlangsamen, aber Radpanzer und Schweber würden auf Räumfahrzeuge warten müssen. Und in Trümmern ließen sich mühelos Sprengladungen verstecken.
Schritt für Schritt ging Ariane Schlüter die nächsten Schritte durch. Die Kampfgruppe war angeschlagen, aber sie war noch nicht besiegt. Nach den ursprünglichen Plänen hätte Entsatz durch die alliierten Bodentruppen bereits nahe sein müssen. Die Terraner hatten die Brücke nehmen und halten sollen, doch ursprünglich nur für kurze Zeit. Inzwischen sah es so aus, als würde der Kampf weit langwieriger und blutiger werden als angenommen. Die Marines und ihre Verbündeten mussten ihre Ziele neu wählen, denn jetzt hieß es durchzuhalten, und um jeden Preis die Brücke für die Vierte Sturmdivision offen zu halten. Und die Terraner waren entschlossen, den Kaiserlichen einen hohen Blutzoll für weitere Bodengewinne abzufordern.

***

Etwas später, TRS COLUMBIA, Gamma Eridon-System

Einmal mehr waren die Staffelkommandeure der Angels und ihre Stellvertreter versammelt – Ohka glänzte freilich durch Abwesenheit. Bis der Japaner wieder einsatzbereit sein würde, würden wohl noch einige Tage verstreichen. Da an Bord des Trägers gerade auf der Krankenstation nicht sehr viel geheim blieb, hatten bereits einige Gerüchte die Runde gemacht, dass die Imperialen ihn ziemlich durch die Mangel gedreht hatten. Der Chef der Blauen hatte seinerseits erst kürzlich seine Freigabe vom NIC bekommen und vermutlich zumindest einen medizinischen Check-up absolviert, schließlich durfte er keine außerirdischen Krankheitskeime einschleppen, die er sich in seiner Zeit bei der Guerilla eingefangenen haben konnte.
Lieutenant Commander Tatjana Pawlitschenko alias Lilja war froh, dass die beiden für das Gefecht gegen den feindlichen Konvoi zur Verfügung stehen würden. Kano war nun einmal einer der besten Flieger des Geschwaders. Ace war nicht sehr viel schlechter – und als Staffelchef zwar in den Augen der Russin eine nicht immer unproblematische Besetzung, aber weit besser als sein XO.
Sei dem wie es sei, die Einsatzbesprechung war für sie ein Stück weit auch eine Demütigung. Denn Stafford ging im Moment die letzten beiden Einsätze durch, die über Arta’Rijen geflogen worden waren. Und die waren wirklich nicht sehr gut gelaufen.
,Ich hätte es wissen müssen, nicht umsonst heißt es schließlich: kostenlosen Käse gibt es nur in der Mausefalle.‘ – nicht, dass das verbreitete Sprichwort aus ihrer Heimat der Staffelchefin sonderlich Trost bot. Ihre Gedanken wanderten zurück…

*

Im ersten Moment hatte Lilja fast so etwas wie Freude verspürt, als der Einsatzbefehl gekommen war. Sie hatte in den letzten Tagen gehorsam ihre Pflicht getan, die COLUMBIA zu beschützen, auch wenn sie sich danach gesehnt hatte, aktiv in die Luftkämpfe über der feindlichen Invasionsfront, der Landungszone der Vierten Sturmdivision und der Brigade Schlüter einzugreifen. Die Patrouillen waren ereignislos verlaufen. Nun aber hatte es so ausgesehen, als würde sich ihr Wunsch erfüllen – nur nicht so, wie sie gehofft und gedacht hatte.

Der Alarm war überraschend gekommen, ein Hilferuf der gelandeten Marineinfanteristen, der von einem massierten feindlichen Angriff kündete. Normalerweise hätten die Angels darauf mit Stärke reagiert – doch im Moment war gar nichts normal. Die Unterstützung der peshtischen Truppen an gleich zwei Fronten und die Verteidigung des Mutterschiffes waren für sich genommen schon aufreibende Verpflichtungen. Zumindest blieb die Hoffnung, dass die Angels so wieder ein wenig Boden bei den Peshten gutmachen konnten. Denn begreiflicherweise knirschte es nach Staffords kurzsichtiger Paragraphenreiterei und der Verweigerung, den feindlichen Oberkommandierenden auszuschalten, ganz erheblich zwischen den Verbündeten. Die Terraner hatten massiv an Ansehen eingebüßt. ,Wir dürfen uns den Arsch aufreißen – und die Marines bekommen ihren aufgerissen – weil dieser Schwachkopf ein reines Gewissen haben will!‘ war Liljas bitteres inneres Mantra, und zweifellos nicht nur das ihre.
Zusätzlich zu dem ohnehin vollen Programm kamen die aufreibenden Geleitschutzeinsätze. Natürlich für die Shuttles, welche die einzige Verbindung zu den Truppen in Arta’Rijen darstellten – oder bisher dargestellt hatten. Zum Teil aber auch für jene Landungsboote, welche die evakuierten Gefangenen, Verwundeten und Zivilisten von der COLUMBIA weitertransportierten. Man konnte schließlich nicht eine Hundertschaft feindlicher Soldaten längere Zeit auf einem Träger internieren, auf dem es keine volle Kompanie Marines mehr gab. Liljas nur halb scherzhaft gemeinter, rabiater Lösungsvorschlag für dieses Problem war natürlich nicht aufgegriffen worden. Genau so wenig konnten tausend oder mehr peshtische Flüchtlinge an Bord vernünftig untergebracht und betreut werden.
Und so war die Flugbereitschaft geradezu schandhaft gering gewesen. Lilja, die sich gerade von einem weiteren ereignislosen Wachflug erholte, war die einzige Staffelchefin gewesen, die auf die Schnelle alarmiert werden konnte. Und so hatte man acht verfügbare Stallions – Fidai musste nach seinem Abschuss vor wenigen Tagen noch eine Reihenuntersuchung durchlaufen, Marine war auf Dauer ausgefallen, und Sokol und Kicker eskortierten gerade ein paar Shuttles auf dem Flug zu einem peshtischen Raumhafen – sowie sechs Thunderbolts eilends einsatzbereit gemacht und losgeschickt. Während die Abfangjäger je vier Raketen und sechs Streubomben mitführten, waren die Jabos sämtlich mit Lenkbomben bewaffnet worden.

Die Russin hatte sich von vorneherein ausgerechnet, dass die Luftabwehr hart werden würde – schließlich hatte sie die Einsatzberichte vom ersten Angriff auf die Stadt ausgewertet, und es war klar gewesen, dass die Echsen ihre Panzer nicht schutzlos angreifen lassen würden. Doch damit hatte sie nur halb richtig gelegen.
Die Angels waren noch ein gutes Stück von der Stadt entfernt gewesen, als der Alarm losging – freilich nicht bei ihnen, sondern durch einen Funkspruch von der COLUMBIA: „Achtung, feindliche Maschinen auf 3 Uhr näherkommend im Tiefflug, mindestens acht. “
Natürlich – der Gegner machte sich zu Nutze, dass seine Maschinen noch wendiger waren als die terranischen Maschinen, noch besser für den „Konturflug“ geeignet. Die Cockroach-Kampfflieger oder ganz einfach Kakerlaken, wie die Menschen sie nannten, konnten eine vergleichbare Raketenlast wie menschliche und imperiale Kampfflieger mitführen, ihre Bordwaffen waren aber leicht unterlegen. Vor allem fehlten ihnen Schilde. Ihre Beweglichkeit war jedoch unübertroffen – und deshalb taten sie gut daran, nicht den Kampf in größerer Höhe zu suchen, wo die Terraner ihre überlegene Feuerkraft voll ausnutzen konnten.
Lilja hatte vor einem Dilemma gestanden. Wenn sie sich von den Jagdbombern absetzte, waren diese zwar nicht schutzlos – die Thunderbolt konnte sich ziemlich gut ihrer Haut wehren – doch waren die Jabos ein wenig schwerfälliger, und natürlich gehandicapt durch die schwere Bombenlast und ihren Kampfauftrag. Aber wenn sie den Verband geschlossen hielt, gab sie den Vorteil der Beweglichkeit auf und riskierte einen wüsten Nahkampf, in der die in Arta‘Rijen dringend benötigten Jabos zum Ziel werden konnten und in jedem Fall erst einmal festsaßen.
Folglich…
„Können Sie bestätigen, dass das die einzigen sind? Oder sind noch mehr Echsen unterwegs?“
Die Antwort war weit weniger eindeutig als gehofft: „Wir haben nur unvollständige Sensordaten. Soweit wir das beurteilen können sind das aber alle. Aber der Gegner stört die Sensoren. Und es ist ja nicht so, als ob wir direkt über dem Schlachtfeld hocken und uns alles in Ruhe anschauen können.“

Lilja hatte schnell entscheiden müssen: „Imp – nimm den Rest der Staffel und fang die Mistkerle ab. Greift sie am besten von oben an, gleich eine volle Salve mit den Raketen, die ihr habt. Wenn der Kurvenkampf erst einmal losgeht, werdet ihr kaum eine gute Zielerfassung kriegen. Viel Glück.“
Sie hatte sich nicht gut gefühlt, ihre XO und beste Freundin loszuschicken, aber sie konnte auch die Jabos nicht vollkommen allein lassen. Sechs Falcons, davon drei Mehrfachasse, sollten in der Lage sein, acht bis zehn Kakerlaken zu verscheuchen.
Lilja hatte ihre eigene Maschine aufsteigen lassen, um sich und ihren Sensoren ein besseres Sichtfeld zu verschaffen. Damit riskierte sie natürlich die Erfassung durch Langstrecken-SAM, war aber andererseits sicherer vor den verfluchten schultergestützten Raketen und leichten Luftabwehrkanonen, welche die Echsen neuerdings aus jedem verdammten Busch abzufeuern schienen.

„Zielerfassung!“ Der Aufschrei fiel zusammen mit dem Warnheulen ihres Jägers, und Lilja handelte automatisch – und glücklicherweise richtig. Sie ließ ihre Maschine ein paar hundert Meter absacken und brach dann seitlich aus, während sie zeitgleich Täuschkörper abfeuerte. Ihre Anzeigen wurden förmlich von neuen Kontakten überflutet. Da waren natürlich Imp und die fünf anderen Stallions, die es in der Tat geschafft hatten, die feindlichen Kampfflieger abzudrängen, und mindestens zwei mit der ersten massiven Raketensalve ausgeschaltet hatten.
Doch offenbar hatten die Echsen auch noch ein paar zusätzliche Asse im Ärmel gehabt. Sehr wahrscheinlich hatten sie zusammengekratzt, was an Maschinen zur Verfügung stand. Der Angriff auf Arta’Rijen war für sie wohl ähnlich wichtig wie für die Terraner. Und ob sie nun von Anfang an vorgehabt hatten, einen Angriff der Angels abzuwehren oder ursprünglich ihre eigenen Truppen am Boden unterstützen wollten, in dem Moment in dem sie die Angels geortet hatten, hatten sie offenbar entschieden, dass diese das wichtigere Ziel waren.
Die Angreifer waren eine Handvoll Bed Bugs, Kampfhelikopter, für die Sensoren sehr schwer zu erfassen und in der Lage, im extremen Tiefflug zu operieren. Im Luftkampf hatten sie einen schweren Stand, doch waren sie wie keine zweite Maschine geeignet, um überraschend zuzuschlagen. Sie hatten das Terrain ausgenutzt um sich ungesehen zu nähern – dann hatten sie hochgezogen und ihre Luft-Luft-Raketen in einem vernichtenden Alphaschlag ausgelöst.

Eine Thunderbolt zerbarst sofort spektakulär in einem Feuerball, und mindestens zwei weitere waren sichtlich beschädigt. Die Piloten warfen – ob aus Panik oder Berechnung – ihre Lenkbomben ab, um ihre Maschinen leichter und wendiger zu machen. Knight hatte einen Treffer kassiert, doch seine Schilde schienen zu halten.
Lilja wütete wortstark, während sie versuchte, die Gegner ins Visier zu bekommen. Die Hälfte ihres Raketenarsenals – zwei Sidewinder – waren gegen die Stealth-Hubschrauber wenig wert. Die Kanonenbewaffnung der Bed Bugs war vernachlässigbar, denn die Feuerkraft ihrer Impulslaser kam in etwa einer Laserkanone gleich, auch wenn die Feuergeschwindigkeit einiges höher war. Es waren die bis zu acht Lenkraketen, welche die Helis so gefährlich machten.
Das Fadenkreuz der Falcon wanderte über eine Heli, der versuchte sich wieder unsichtbar zu machen. Jahrelange Kampferfahrung in rasanten Kurvenkämpfen machte sich bezahlt, und im letzten Moment hieb die Russin auf den Feuerknopf. Ihre Kanonen sprachen, und eine deutliche Rauchspur kündete von Treffern – offenkundig tödlichen.
Ihre eigene Maschine wurde durchgeschüttelt, als ein Bed Bug in einem verspäteten Versuch seinem Kameraden zu helfen sie mit Lasersalven überschüttete, doch die Russin ließ sich davon nicht irritieren. Sie wusste, ihre Schilde konnten eine ganze Reihe Treffer von den leichten Waffen der Helikopter aushalten.

Die folgenden Minuten hatten sich als ein enervierendes Katz- und Mausspiel gestaltet, bei dem die feindlichen Helikopter immer wieder aus der Deckung von Hügeln und Wäldern hervorgestoßen waren, mit ihren Bordwaffen feuerten und einzelne Lenkwaffen einsetzten. Offenbar wurde auch bei ihnen die Munition knapp, vielleicht, weil sie zum Teil für den Einsatz gegen Bodenziele konfiguriert worden waren. Aber sie hielten die Terraner in Atem, und unterstützten gekonnt die feindliche Luftabwehr. Ein gewagtes Spiel, schließlich waren sie gegen Eigenbeschuss nicht gefeit. Aber es war dem Feind gelungen, einen zweiten Jagdbomber tödlich zu treffen. Dass Knight und die Jabos je einen weiteren Heli herunterholten war da ein geringer Trost.
Als die feindlichen Kampfflieger und Helis schließlich abdrehten, war der Angriffsverband der Angels deutlich gerupft gewesen. Die verbliebenen vier Thunderbolts hatten praktisch alle ihre Lenkbomben verloren und waren mehr oder minder leicht beschädigt, und auch Liljas Staffel war nicht ohne Verluste davongekommen. Lieutenant Cheng Gao alias Crow hatte aussteigen müssen, als eine Kakerlake seinen Jäger mit zwei Raketen getroffen hatte. Sein Schicksal war ungewiss. Mehrere Stallions waren blessiert. Der Feind hatte drei Helikopter und zwei Kampfflieger verloren, mehrere weitere waren beschädigt worden. Aber selbst Lilja war klar gewesen, dass sie mit dem was sie hatte nicht effektiv in die Straßenkämpfe eingreifen konnte. Streubomben waren nicht gerade die Waffe der Wahl, wenn der Gegner und die eigenen Truppen im Nahkampf standen.

Am Ende hatte sie das Beste getan, was möglich war, und im Umfeld von Arta’Rijen einige Stellungen mit den wenigen verbliebenen Bomben und Bordwaffen angegriffen. Das war mehr Augenwischerei und diente dazu, den Gegner zu verunsichern, als dass sie schweren Schaden anrichten konnte.

*

Die Besprechung nach der Rückkehr auf die COLUMVIA war natürlich eine Tortur gewesen. Nicht, dass Stafford sie richtig heruntergemacht hätte. Damit hätte er sich im Moment nur noch angreifbarer gemacht, und gegenüber den eigenen Leuten war er nicht ungerechnet. ,Solange er sie nicht gerade erschießt.‘
Aber Lilja machte sich selber schwere Vorwürfe. Sie hatte mit dem Kampfauftrag versagt, und die Marines in Arta’Rijen hatten die Folgen tragen müssen. All die Auszeichnungen, Kampferfahrung und Abschüsse, die sie über die Jahre angesammelt hatte, waren Beweis, dass sie Besseres leisten konnte.
Letztlich blieb ihr natürlich nichts anderes, als die Zähne zusammenzubeißen. Es tröstete keineswegs, dass der nächste Einsatz über der Stadt – die verpatzte letzte Shuttlemission – nicht auch noch auf ihre Kappe ging.
Sie horchte auf, als Stafford seine Rekapitulation ENDLICH beendete.
„Wir haben nicht mehr lange die Möglichkeit, direkt in die Schlacht einzugreifen. Der Abmarsch in Richtung des feindlichen Raumkonvois steht bevor, und dann werden wir uns mit jeder Sekunde 100 oder mehr Kilometer vom Planeten entfernen. Was bedeutet, jeder Rückflug wird noch einmal ein gutes Stück länger. Deshalb müssen die letzten Einsätze zählen.“
Er rief einige Projektionen auf: „Dies wird ein Einsatz mit allem was fliegt und was wir entbehren können. An Jägern und Jagdbombern, aber auch an Shuttles. Es geht einerseits darum, den Marines noch einmal Luft zu verschaffen – was bedeutet, die Thunderbolts, aber auch Griphen und Nighthawks tragen partiell Lenkwaffen. Grün und Blau bleiben zum großen Teil zum Trägerschutz zurück beziehungsweise geben Deckung gegen mögliche Feindflieger. Die Peshten haben angekündigt, uns einige ihrer Jäger als zusätzliche Absicherung für die COLUMBIA zu schicken. Aber ebenso wichtig wie der Kampfeinsatz ist, dass wir an Landungsbooten durchbringen, was fliegen kann. Sie haben Munition, Medikamente und sonstigen Nachschub geladen, für die Marines und für die Vierte, aber auch einige Verstärkungstruppen.“

Lilja musste an sich halten um nicht sarkastisch zu schnauben. Sie war alles andere als eine Defätistin, aber sie war auch nicht blind. Die Vierte würde mit Sicherheit früher oder später Arta’Rijen erreichen, doch in welcher Verfassung, das war die große Frage. Und Nachschub für die Kampfgruppe Schlüter war zweifellos wichtig, doch was die so genannte Verstärkung anging…nach dem, was sie mitbekommen hatte, hatte die nicht viel Substanz. Schließlich wurden die Shuttles zum Gutteil über die COLUMBIA abgewickelt, und da bekam man einen ganz guten Eindruck.
Mehr als ein oder zwei Dutzend Genesende und Versprengte terranische Marines, und vielleicht das Doppelte an Peshten war wohl kaum zu erwarten. Schließlich schrien auch die alliierten Bodentruppen an der Hauptfront verzweifelt nach Ersatz.
„Auf dem Rückweg – und ich kann die Wichtigkeit der Mission nicht genug betonen – nehmen die Shuttles mit, was an Verwundeten und auch an Zivilisten reinpasst. Wir müssen davon ausgehen, dass es nach unserem Flug eine Weile dauern wird, bis wieder Maschinen in Arta’Rijen landen und starten können. Die Peshten – und auch die terranischen Heeresflieger – haben schon durchblicken lassen, dass in der Hinsicht erst einmal kaum etwas zu erwarten ist. Das ist also die letzte Chance, eine Evakuierung durchzuführen, bis die Vierte oder gar bis das 30. Korps eintrifft. Auch deshalb ist der Luftangriff wichtig – wir müssen nach Möglichkeit die feindliche Abwehr ausdünnen, damit die Shuttles sicher abfliegen können.“
Was leichter klang, als es war, denn ein großer Teil der feindlichen Gefechtsfahrzeuge – angefangen bei vielen Standard-Schützenpanzern bis zu den Artillerieschwebern und Kampfpanzern – konnten Luftabwehrraketen abfeuern.
„Unsere Informationen besagen folgendes…“

„In zwei Stunden geht es los. Bereiten Sie die Staffeln vor.“ Mit diesen Worten schloss Commander Stafford die Besprechung. Auch wenn seine Untergebenen wenig Enthusiasmus zeigten – die letzten Tage waren aufreibend gewesen – wirkten sie Mann für Frau entschlossen. Bei aller Rivalität der Waffengattungen war es ein befreiender Gedanke, den Marines am Boden direkt helfen zu können. Die Frage, wer diesmal nicht zurückkehren würde, verdrängte man – wie so oft.
„Blackhawk und Lilja – Sie bleiben noch hier.“
Die beiden Staffelkommandeure sahen sich verwundert an, aber sie waren erfahren genug, keine Fragen zu stellen. Freilich waren sie beide mehr als angespannt. Lilja war immer noch geplagt von Selbstvorwürfen, und ihr Kamerad, der bei allem Pflichtbewusstsein nicht ganz den fanatischen Diensteifer der Russin aufbrachte, wusste nur zu gut, dass Besprechungen unter vier, Pardon sechs Augen so gut wie nie etwas Gutes bedeuteten.
„Es gibt eine Anfrage von den Peshten für einen Sondereinsatz. Wir haben das überprüft, und es macht diesmal Sinn.“ Lilja musste sehr an sich halten, um ihr Gesicht nicht angewidert zu verziehen, denn Staffords unterschwellige Kritik gegenüber den Verbündeten erinnerte sie natürlich an den verpatzten Enthauptungsschlag – und was sie darüber dachte. Die Art und Weise, wie sie die Lippen zusammenpresste, war an sich schon vielsagend.
„Ich will, dass Sie das übernehmen. Sie gehören zu den erfahrensten Piloten und ihre Maschinen sind schnell und wendig. Und ich gehe davon aus, Ihre XO’s kommen auch ohne sie gut zurecht.“ Er warf Lilja einen Blick zu, nicht direkt hämisch, aber seine Worte konnte man sehr wohl als Kritik auffassen: „Ich nehme an und hoffe, diesmal werden Sie die Mission hinbekommen.“
Natürlich, auch der Geschwaderchef der Angels war nur ein Mensch und Liljas sauertöpfisches Gehabe und permanente unausgesprochene Kritik mussten ihm auf den Geist gehen. Hätte er freilich geahnt, mit welcher Inbrunst die Pilotin ihn in diesem Moment hasste, er hätte es sich vielleicht doch lieber verkniffen.
Diesmal hatte die Russin ihre Miene unter Kontrolle, ihre Stimme klang sehr kühl, aber gelassen. Ihre Worte konnte man freilich in unterschiedlicher Art und Weise deuten: „In meiner Heimat gibt es ein altes Sprichwort, und ich denke, das haben viele unserer Feinde auf die harte Tour lernen müssen. Wir Russen spannen vielleicht langsam an. Aber wir reiten schnell. Und nun – was für ein Zielwechsel erwartet uns?“
Thema: Kritik: Hinter den feindlichen Linien
Cattaneo

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25.04.2022 21:25 Forum: Kurzgeschichten


Also mir gefällt es. Gerade WEIL es kleine Nebenschauplätze öffnet, das ist immer wieder gut zu lesen.
Thema: Kritik: Hinter den feindlichen Linien
Cattaneo

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20.04.2022 13:42 Forum: Kurzgeschichten


Ich denke ja, das dürfte eher anders aussehen. Und vor allem anders gesehen werden.

Erstens einmal wäre es vermutlich nicht als Lüge sondern als Versehen verkauft worden (so was kommt schließlich vor), und die Terraner hätten da auch sehr wahrscheinlich brav mitgespielt.
Dass das irgendwie das Verhältnis mehr belastet hätte als die jetzige Situation ist auch unplausibel. Klar wäre Stafford und einige andere Kreuzritter der zivilisierten Kriegsführung angepisst gewesen, aber jetzt sind die Peshten UND etliche Terraner erbittert. Und bei jedem weiteren Toten am Boden (und davon wird es eine Menge geben) steht der Gedanke im Hinterkopf, ob es nicht deutlich besser gelaufen wäre, hätte man die kaiserliche Schlange kurz vor dem Angriff enthauptet. Ob das nun immer stimmt oder nicht spielt keine Rolle.

Froh ist also nur eine Minderheit.
Etliche andere denken nicht groß drüber nach.
Und nicht wenige sehen das ganze als Idiotie, die im sechsten Kriegsjahr keinen Platz mehr hat. Auch wenn sie das nicht unbedingt offen sagen. Es ist die Welt der Peshten, die Peshten leiden am meisten unter dem Krieg und der Besatzung, also wird man ihnen oft zugestehen, dass sie auch mal zu besonderen Mitteln greifen können (es ist ja auch nicht so, dass sie sich nicht die Finger schmutzig machen wollten, die Terraner waren eben gerade greifbar).

Selbst die Admirälin kann das durchaus so sehen, auch wenn sie es aufgrund ihrer angeschlagenen Position nicht aussprechen wird. Zimperlich in der Wahl ihrer Mittel ist sie ja nicht gerade (wenn auch gewiss nicht so rücksichtlos wie die Kakerlaken-Gräuelpropaganda sie mitunter hingestellt hat).

Die Vorstellung, dass Beschwerden der Kaiserlichen in der öffentlichen Meinung irgendwo irgendeine Rolle spielen (außer zur psychologischen Bearbeitung der eigenen Leute), ob nun begründet oder nicht, kann man ja wohl ausschließen. Was die Echsen sagen, das interessiert kaum jemanden in der FRT, die CC ist sowieso aus dem Spiel und vielfach auch nicht in der Stimmung, sich sonderlich zu grämen wenn die Terraner es bei den Akarii nicht zu genau nehmen mit den Kriegsregeln (nach dem Vorgehen der Kaiserlichen auf Hannover und den besetzten Welten der CC schon mal gar nicht). Bei den Peshten würde es natürlich schon gar nicht für Verstimmung sorgen. Im Hintergrundrauschen gegenseitiger Vorwürfe (wobei die meisten Leute sowieso nur die Version ihrer Seite kennen), würde der eine Vorfall einfach untergehen.

Ein Erfolg in der Offensive hätte durchaus das Zeug gehabt, den Krieg auf Gamma Eridon um Monate zu verkürzen und damit tausende, oder eher zehntausende Leben zu retten und schwerste Verwüstungen zu verhindern. Ob der Tod des Oberkommandierenden dafür ausgereicht hätte sei mal offengelassen (gut möglich, dass nicht, mit magischen Kugeln ist das immer so eine Sache).
Aber gerade durch Staffords Gehabe besteht sehr leicht die Gefahr, dass der potentielle Nutzen der Ausschaltung des feindlichen OB im Rückblick noch eher überschätzt wird. Klassische Haltung von Militärs, immer einen Sündenbock zu suchen und meist auch zu finden. Das kannst du bei nicht wenigen Kriegen sehen.

* wenn wir diese und jene Waffen gehabt hätten
* wenn wir den rechten Flügel stark gemacht hätten
* wenn man uns nicht in den Rücken gefallen wäre
* wenn man uns erlaubt hätte den Krieg zu führen wie es nötig ist
* wenn der feindliche OB ausgeschaltet worden wäre...

So was kann sich jahrzehntelang wirkmächtig halten und gar wieder aufgewärmt werden. Von daher hat Stafford die Arschkarte gezogen, und nicht wenige auch in seinem eigenen Geschwader sehen ihn als Versager. Gerade im Vergleich zu Cunningham, der es mit den Regeln nicht so genau nahm, aber Ergebnisse erzielte.
Thema: Kritik: Hinter den feindlichen Linien
Cattaneo

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29.03.2022 21:07 Forum: Kurzgeschichten


Nun ja, dann sehe ich zu, ob mich später dem mal annehmen kann...
Ich denke, da lässt sich durchaus was machen. Es sind nur eben keine sonderlich lustigen oder heroischen Geschichten. Augenzwinkern
Thema: Kritik: Hinter den feindlichen Linien
Cattaneo

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06.02.2022 21:04 Forum: Kurzgeschichten


Hm, du hast Recht, aber ich denke, die politischen Ereignisse in CC und FRT (da steht ja bald die erste Wahl seit Beginn des Krieges an) kann man künftig mal zusammenfassen.

Was freilich die Bodenkämpfe bei den Peshten angeht - wenn du die Texte aus dem imperialen HQ liest, dann wird da ja angedeutet, dass auch die Echsen ziemlich am Rande dessen operieren, was machbar ist. Sie sind ein, zweimal überrascht worden und haben kaum noch Reserven.
Klar, der Wegfall der Angels schadet den Alliierten. Und sollte der imperiale Konvoi durchkommen sieht es wirklich übel aus. Doch falls er NICHT durchkommt, wäre das natürlich auch für die imperialen Truppen ziemlich entmutigend...
Thema: Kritik: Hinter den feindlichen Linien
Cattaneo

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06.02.2022 18:53 Forum: Kurzgeschichten


Klingt sinnvoll. Eventuell sollte ich einen kleinen Text einen Tag oder so nach dem Gegenangriff schreiben, der den Zustand bei den Terranern beschreibt, der sollte aber nur kurz sein. Das dürfte dann langsam der Zeitpunkt sein, ab dem die Angels nicht mehr eingreifen können, oder nur noch einmal oder so.
Thema: Kritik: Hinter den feindlichen Linien
Cattaneo

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06.02.2022 16:48 Forum: Kurzgeschichten


So, hier kommt mein nächster Text, ich hoffe, er ist unterhaltsam (wenn auch nicht unbedingt auf die spaßige Art und Weise... Teufel )

Liebe Mitautoren, was habt ihr für Planungen? Nur, damit wir die Reihenfolge weiterer Texte abstimmen...
Thema: Hinter den feindlichen Linien - Season 7 - Zwischen Himmel und Hölle
Cattaneo

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06.02.2022 16:47 Forum: Kurzgeschichten


Die Stunde der Elefanten II

Im Süden von Arta‘Rijen

Es war von vorneherein naheliegend gewesen, dass die kaiserlichen Truppen über die Hauptstraße angreifen würden. So kurzsichtig es gewesen wäre, sich allein auf diesen Weg zu konzentrieren, so war die breite Trasse, die direkt am Bahnhof vorbei und zur Brücke über den Rijen führte doch viel zu wertvoll, um sie zu ignorieren. Dazu war sie eine der wenigen Einfallsrouten, auf denen sich feindliche Panzerfahrzeuge nicht zwischen zehn- oder mehrstöckigen Hochhäusern eingezwängt fanden. Die gab es zwar auch an den Rändern der Hauptstraße. Doch mit fast 30 Metern Breite bot die Straße weit mehr Platz zum Manövrieren.
Folgerichtig hatte die Brigade Schlüter mehr als ein Zehntel ihrer Truppen, namentlich die Hälfte des 4. Bataillons – eine Kompanie CAV-Soldaten und eine unterbesetzte Alarmkompanie USMC-Marines, die aus versprengten Soldaten und den Insassen einer Militärarrestanstalt formiert worden war – mit dem Schutz der Hauptstraße und der flankierenden Gassen betraut. Die Männer und Frauen, im Unterschied zu den meisten anderen Bataillonen mehrheitlich kampferprobte Veteranen, hatten unterstützt von peshtischen Arbeitskommandos unermüdlich geschanzt, hatten Sprengfallen ausgelegt und sich Feuerstellungen gesucht. Sie hatten sich so gut wie möglich vorbereitet, auch wenn der imperiale Gegenangriff schneller und heftiger erfolgte, als angenommen. Doch sie waren entschlossen, die kaiserlichen Truppen aufzuhalten, koste es, was es wolle.

Die Doppelexplosion war ohrenbetäubend und schleuderte gigantische Wolken von Dreck und Rauch auf. Und dann – wie nahezu zeitgleich sein Zwillingsbruder im Südwesten der Stadt – begann sich der Büroturm zu neigen, bis er schließlich in einer zerschmetternden Lawine von Stahl, Glas und Beton zu Boden stürzte. Ein imperialer Midget-Radpanzer wurde von Trümmern, so groß wie das Fahrzeug selbst, einfach zerquetscht, als wäre er wirklich nur ein lästiges Insekt. Ein Schützenpanzer konnte demselben Schicksal nur um Haaresbreite entgehen, kam aber abrupt zum Stehen, halbverschüttet und mit schwer beschädigtem Turm.
Einzelne der Verteidiger – Soldaten der CAV – stießen schrille Triumphschreie aus, als sie ausschwärmten um die sichtlich erschütterten imperialen Soldaten und Fahrzeuge der feindlichen Vorhut im Nahkampf auszuschalten, die vom Haupttrupp abgeschnitten waren.
In diesem Moment fühlten sie Siegeszuversicht, hatten sich doch die bedrohlichen Stahlgiganten des Gegners als verletzlich erwiesen.

Die vormalige Confederate Army- und jetzige CAV-Majorin Manabe Ashiihi führte ihre Truppen selbst in den Kampf, obwohl sie sich als Bataillonschefin auch hätte zurückhalten können. Doch das hätte weder zu der Tradition gepasst in der sie erzogen war – wenngleich sie nicht WIRKLICH Akariiskalpe und ähnliche Trophäen sammelte, wie man es ihr unterstellte – noch zu ihrem Anspruch, durch Vorbild zu inspirieren. Geduckt hinter einem Stahlträger gab sie eine lange Salve von vielleicht zehn Schüssen ab, welche einen feindlichen Infanteristen wie eine Marionette zu Boden gehen ließ, deren Fäden durchtrennt worden waren. Die typische Drei-Schuss-Salve reichte oft nicht aus, die Panzerung der feindlichen Truppen zu durchbrechen, zumindest wenn es um vollwertige Gefechtsanzüge ging und nicht die veralteten Schutzwesten der Garnisons- und Reserveeinheiten. Vor dem Gegenfeuer des Feindes tauchte sie weg: „GRANATE!“
Das Kläffen eines Unterlaufgranatwerfers antwortete auf ihren Befehl, und wenige Sekunden später zwang das Splittergeschoss die feindliche Infanterie in Deckung. Sie rollte sich ab, so dass sie seitlich an ihrer Deckung vorbeischießen konnte. Wenn sie die feindliche Infanterie noch ein wenig niederhalten konnten, würden die Panzerbekämpfungstruppen die bewegungsunfähigen Fahrzeuge ausschalten. Nur noch ein kleines Stück…
In diesem Moment hörte sie die Panzerketten. Wie ein Monster aus der Legende, riesig, unheilverkündend, walzte sich der gepanzerte Koloss heran.

Der schwere Kampfpanzer kroch vorwärts, zermalmte Trümmer unter seinen Ketten, wuchtete sich über Spalten und Mauerreste. Das Bürogebäude war nach den Sprengungen nicht ganz so zusammengebrochen, wie es für die Absichten der Verteidiger perfekte gewesen wäre – kein Wunder, schließlich waren sie keine professionellen Abrissspezialisten. Wohl war ein beträchtlicher Teil der Trümmer auf die Hauptstraße gestürzte, doch große Teile des Gebäudes waren eher entlang der Straße statt quer zu ihr gefallen. Sie hatten Nachbargebäude beschädigt, doch war die Haupttrasse nicht vollständig blockiert, die Trümmer überwindbar. Und die gegnerische Kommandeurin war nicht gewillt, auch nur einen Moment in ihrem Angriff nachzulassen. Während die restlichen leichten Radpanzer und weniger geländegängigen Schwebefahrzeuge sowie ein Teil der Infanterie ihres Haupttrupps und der Nachhut durch Seitengassen vorrückten, trieb sie die Kettenfahrzeuge voran, um zu der bedrängten Kolonnenspitze aufzuschließen.

Manabe betätigte erneute den Abzug ihres Lasergewehrs, bestrich einen ganzen Abschnitt der Trümmer mit wütendem Sperrfeuer. Ihre Untergebenen taten es ihr gleich, zwangen den Gegner in Deckung und forderten von den geduckt durch die immer noch wabernden Rauch- und Staubschwaden vorgehenden kaiserlichen Infanteristen einen beträchtlichen Blutzoll. Wenn sie es schafften, die Infanterie des Gegners von den Panzern zu trennen…
Direkt vor ihr huschte ein konföderierter Akarii zwischen den Trümmern vor. Er stoppte, hob den Mehrzweck-Raketenwerfer. Der CAV-Soldat wartete auf den richtigen Moment, wohl wissend, dass er nur EINE Chance für den perfekten Schuss hatte, den Schuss, der zählte. In dem Moment, wo der Spitzenpanzer mit einem wütenden Aufheulen der Motoren und Getriebe einen Trümmerberg überwand, handelte er.
Mit einer geschmeidigen Bewegung ließ er sich auf ein Knie nieder, stützte den Werfer auf der Schulter ab. Die Mündung deutete auf die vergleichsweise empfindliche Bodenwanne des Behemoth, den das Ungetüm seinen Gegnern unbeabsichtigt präsentierte. Seine Mitstreiter hielten derweil die feindliche Infanterie nieder. Er krümmte den Finger um den Abzug…
Im letzten Moment – als ahne er das drohende Verhängnis – machte der feindliche Kampfpanzer geradezu einen Satz vorwärts. Der Gigant bäumte sich auf – und überwand die letzte Steigung. In dem Moment, wo die Rakete das Rohr der Schulterwerfers verließ, sackte der schwer gepanzerte Bug des Panzers herab, direkt in die Bahn des Geschosses. Ein Feuerregen, als die reaktive Panzerung die Bedrohung gerade noch rechtzeitig abwehrte – und der Panzer schob sich weiter voran. Seine Impulslaser überzogen die Trümmer mit einem tödlichen Hagel von Energieimpulsen. Majorin Ashiihi sah noch, wie der Raketenwerferschütze von einer Salve niedergeworfen wurde, tödlich getroffen durch dutzende Energieimpulse, dann musste sie selber in Deckung gehen. Und hinter dem schweren Kampfpanzer tasteten sich schemenhaft seine ,Geschwister‘ voran, hielten die Verteidiger nieder und bahnten der Infanterie den Weg.
Diese Stellung war nicht mehr zu halten.

***

Ai’Shan-Park, Arta’Rijen

„Ja, es ist mir bewusst, dass auch die Truppen auf dem Nordufer im Gefecht stehen, aber ich brauche verdammt noch mal das Mörserfeuer im Süden. Also führen Sie den Befehl aus, oder ich übergebe das Kommando jemandem, der es tut!“
Majorin Schlüter war gemeinhin niemand, der gleich laut wurde. Aber angesichts der bedrohlich auf den Bahnhof vorrückenden Kaiserlichen zeigte auch sie Nerven. Umso mehr, da sie den feindlichen Vormarsch auf den taktischen Anzeigen verfolgen konnte, trafen doch sporadisch Meldungen von den Gefechtskompanien ein. Idealerweise hätte sie natürlich präzise Echtzeitinformationen erhalten müssen, und ebenso unverzüglich mit ihren Untergebenen kommuniziert um zu reagieren. Tatsächlich jedoch wurde die Verbindung in beide Richtungen immer wieder zeitweilig unterbrochen, waren Übertragungen schwer verständlich oder unvollständig. Feindliche Störsender, Interferenzen infolge der Kämpfe und der künstlichen Gebirgslandschaft, welche die Stadt nun einmal darstellte, dazu störanfällige Ausrüstung, die überhastet für den Einsatz der Brigade aus allen möglichen Quellen zusammengesammelt worden war, trugen zu dieser frustrierenden Situation bei. Wenigstens musste man…noch…keine Meldegänger losschicken, aber die Realität unterschied sich eben wieder einmal deutlich von irgendwelchen sterilen Kriegsspielchen.
Als Einheitskommandeurin war es Schlüters Aufgabe, in der Krise zu führen. Das Problem war, dass ihr kaum Mittel blieben, die sie führen konnte, um dem Gegner Paroli zu bieten.
Einen ihrer wenigen Trümpfe – wenngleich diese Bezeichnung etwas zu prahlerisch klang – hatte sie bereits ausgespielt. Die Sprengung der Hochhäuser entlang der naheliegenden Einfallsstraßen hatte in einem Fall sogar wie gehofft funktioniert. Doch an der Hauptstraße war es weniger gut gelaufen und der feindliche Angriff ging kaum gebremst weiter. Für mehr als diese zwei Hochhäuser – und zwei weitere auf naheliegenden alternativen Einfallsrouten, welche die Akarii aber bisher ignorierten – hatte der Sprengstoff und die erbeutete Munition nicht gereicht. Ein Gutteil war sowieso auf kleinere Sprengfallen draufgegangen.
So hatte sie sich schweren Herzens entschlossen, aufs Ganze zu gehen. Und das hieß, auch noch die letzten Reserven mobil zu machen, egal wie riskant dies war. Zumindest schien der Gegner ebenfalls über sehr begrenzte Mittel zu verfügen. Es gab bisher keine Anzeichen, dass die Akarii jenseits der beiden Hauptangriffskeile mehr als begrenzte Störangriffe durchführten. Und so dirigierte sie Alarmkompanien von den Bataillonen ab, die andere Abschnitte der Stadt verteidigten, um die feindlichen Vorstöße zu bremsen. Sie komplett stoppen oder gar im Gegenangriff zurückzuwerfen, dafür würde die Brigade Schlüter freilich mehr als Infanteristen benötigen. Sie brauchte konzentrierten Beschuss mit schweren Waffen – und so forderte die Kommandeurin auch Feuerunterstützung von den Mörsern in Nera’Rijen an, obwohl das 5. Bataillon selber im Gefecht stand. Und betete, dass die Brigade durchhielt, bis ENDLICH die Piloten der COLUMBIA ihre weichen Betten und reichgedeckten Speisesäle verließen und sich bequemten, ein paar Bomben zu schmeißen. Natürlich hatte Schlüter längst Luftunterstützung angefordert. Aber ihr Mutterschiff war etwas vage geblieben, wann die Hilfe kommen würde. Bis dahin mussten sie alleine durchhalten.
„Hören Sie, Major Tash, ich brauche mindestens eine Kompanie ihrer Leute. Lösen Sie am besten aus jeder Gefechtskompanie ein Platoon, ich brauche aber immer jeweils mindestens ein schweres Waffenteam und zwei, drei Schützen mit Granatwerfern pro Platoon. Ein paar Scharfschützen wären auch gut. Schicken Sie die nach…“

***

Im Süden von Arta’Rijen, auf der Hauptstraße

Majorin Danik Atara versagte es sich, lauthals zu fluchen, obwohl der Angriff sich keineswegs nach Wunsch entwickelte. Ihre eigene Kolonne war zwar noch im Zeitplan, aber die Verluste waren bereits jetzt höher als erhofft. Vor allem, die zweite Sturmtruppe steckte offenkundig fest und hatte wohl ein halbes Dutzend Fahrzeuge verloren, darunter zwei schwere Kampfpanzer – im Moment so gut wie unersetzbar. Und das gegen eine Handvoll weichhäutiger Affen und peshtischer Verräter!
Eine traditionell denkender Kommandeur hätte ein systematischeres Vorgehen angeordnet, gewartet, bis der Angriff zwischen ihrer Kampfgruppe, ihren dezimierten Mitstreitern, der Artillerie und am besten noch der imperialen Luftwaffe koordiniert worden war. Doch Danik wusste, dass die Effektivität der Heeresflieger auf einem Gefechtsfeld wie Arta’Rijen begrenzt war. Und wenn sie wartete, bis alle Vorbereitungen getroffen waren, mochte es leicht geschehen, dass die terranischen Kampfflieger sie mit einer ähnlichen Wucht trafen wie diese Hochhäuser, die die Weichhäute gesprengt hatten.
Sie MUSSTE einfach weiter Druck machen, so lange es noch vorwärts ging. Sie musste die Brücke erreichen oder zumindest nahe genug herankommen, um sie dauerhaft unter Feuer nehmen zu können. So lange die Menschen und Peshten nach Wunsch über den Fluss setzen konnten, war es unmöglich die Schlinge um den Hals der Vierten Sturmdivision zuzuziehen. Eine Division, die mit jeder Stunde weiter auf den Rijen vorrückte.

Im Moment hatte die Intensität des Kampfes etwas nachgelassen. Die Terraner hatten das Scheitern ihrer kleinen Falle nur schwer verkraftet. Abgesehen von einigen leichten Sprengfallen – von denen die meisten rechtzeitig geortet worden waren – hatte es keine derartigen Überraschungen mehr gegeben. Allerdings waren die feindlichen Heckenschützen weiterhin aktiv, und Danik vergaß keine Sekunde, dass die meisten ihrer Fahrzeuge und Soldaten nicht annähernd so gut geschützt waren wie sie selbst in ihrem Krat-Panzer. Immerhin hatte ihre Einheit bereits drei leichte Fahrzeuge verloren – abgeschossen oder bewegungsunfähig und damit für den weiteren Vormarsch auf den Ai’Shan-Park und die Brücke nutzlos. Egal wie gründlich die imperialen Streitkräfte potentielle Schützennester unter Feuer nahmen, wie gut die Infanterie den Vormarsch der Panzer abzusichern suchte – in einer Stadt gab es einfach zu viele Verstecke, in denen sich ein Terraner mit einem Raketenwerfer oder ein Peshte mit einem panzerbrechenden Scharfschützengewehr verstecken konnte. Dazu kamen Minen, improvisierte Sprengladungen unter dem Straßenbelag und in Gullys… Man konnte unmöglich jede potentielle Gefahr bedenken und vorausschauend neutralisieren, oder die Fahrt zum Fluss hätte ein paar Tage gedauert. Sogar ihr eigener Kampfgigant war angeschlagen – obwohl sie nicht einem Gegner gesichtet hatte, der auch nur halbwegs ebenbürtig war. Danik hatte den Überblick verloren, wie oft ihr Panzer angesprengt oder beschossen worden war. Die reaktive Panzerung wies bereits deutliche Lücken auf, und ihr Munitionsvorrat für Kanone und besonders den Granatwerfer war deutlich zusammengeschmolzen, einer der Impulslaser ausgefallen. Zwei ihrer Kameras waren inzwischen zerstört, doch glücklicherweise arbeitete das Fahrzeug mit redundanten Systemen, so dass sie nicht wirklich blinde Flecken hatte.

Danik Atara war zwar jung, aber bereits eine erfahrene Panzerkommandeurin. Doch selbst für sie gab es Momente, in denen alle Erfahrung versagte. Eben noch war die Kolonne vorgerückt, die Panzer auf der Hauptstraße, begleitet von leichten Fahrzeugen, die immer wieder in die flankierenden Seitenstraßen vorstießen, um Widerstandsnester niederzukämpfen und sicherstellen sollten, dass der Gegner die Truppe nicht von hinten angriff.
Und so erkannte sie zu spät, dass der Chr’Chr-Schützenpanzer, der seitlich aus einer Gasse schoss, keine korrekte digitale Kennung aufwies, sondern eine veraltete Signatur der Garnison. Doch dieser Fehler wurde ihr erst bewusst, als der Schweber den Turm schwenkte, und sein Raketenwerfer drei panzerbrechende Geschosse ausspuckte – direkt auf Daniks Panzer. Die Terraner und Peshten hatten es offenbar geschafft, eine Beutemaschine in Gang zu setzen.
In einem Film hätte dieser gewagte Streich den Sieg, zumindest aber einen Teilerfolg gebracht. Doch in der Realität schossen die drei Raketen knapp am Turm des Kampfpanzers vorbei. Die Crew der Fahrzeugs – zweifelsohne zusammengewürfelt aus ehemaligen Kriegsgefangenen verschiedener Einheiten, ohne viel Erfahrung in einer imperialen Maschine und angesichts eines mindestens doppelt so schweren Gegners und eines Dutzend weiterer kaiserlicher Fahrzeuge begreiflicherweise mehr als nervös – hatte viel zu früh gefeuert. Der Schützenpanzer feuerte Rauchgranaten, während er eilends zurückstieß, und um dieselbe Häuserecke verschwand, hinter der er hervorgeschossen war.
Doch Danik war zwar jung, aber sie war bereits erfahren: „Zwei Vollgeschosse, 45 und 47 Grad!“
Der Krat schwenkte sein Rohr und feuerte, zwei peitschende Schüsse, so schnell hintereinander wie die Lademechanik es erlaubte. Die Geschosse durchschlugen ohne Probleme Häuserwände – und sie durchschlugen auch den Schwebepanzer HINTER dem Haus.
Die Kommandeurin fühlte keine Genugtuung über ihren Sieg. Es war nötig, dieses Peshten-Ungeziefer zu zerquetschen, aber dass sie mit ihren stinkenden Hintern imperiale Kampftechnik besudelten war eine Beleidigung, nicht zuletzt für diese feigen Versager, die zugelassen hatten, dass ein funktionstüchtiges Panzerfahrzeug in die Hand des Feindes gefahren war.
„Vorwärts!“
Nur noch wenige Kilometer, und der Fluss, die Brücke – der Sieg waren in Reichweite.

***

„Stopp!“ Der Befehl wurde in Englisch gegeben, auch wenn nur einer der drei Insassen des Fahrzeugs ein Mensch war. Aber die dominierende Sprache der FRT und CC war ein Idiom, das in den Söldnerverbänden der Peshten verbreitet genutzt wurde, da praktisch alle menschlichen und auch viele nichtmenschliche Soldaten es zumindest leidlich verstanden. Das Panzerfahrzeug erschauderte, und weiter vorne war ein besorgniserregendes Knirschen zu hören.
Der Kommandeur schickte ein stummes Gebet gen Himmel – an seine Götter und an alle anderen himmlischen Wesen, die zuhören mochten.
Im Grunde war ihr Einsatz eine reine Verzweiflungstat, aber dasselbe konnte man auch von der Landung der Vierten Sturmdivision und dem gesamten Einsatz der Brigade Schlüter sagen.
Entgegen aller Bemühungen hatten die Mechaniker hatten es natürlich nicht geschafft, den erbeuteten leichten imperialen Artilleriepanzer wieder in Gang zu setzen. Doch davon hatte man sich nicht aufhalten lassen. Als die Annäherung feindlicher Panzer gemeldet worden war, hatte man kurzerhand das bewegungsunfähige Fahrzeug an eine schwere Zugmaschine angekoppelt. Und so rumpelten sie als Tandem los, um in die Schlacht zu ziehen. Denn eines war klar, eine stationäre Feuerstellung wäre angesichts der feindlichen Artillerieüberlegenheit Selbstmord gewesen. Solange sie sich bewegten, hatten sie zumindest eine gewisse Chance und konnten kämpfen. Mit einem Munitionsvorrat, der besorgniserregend gering war – und dazu zusammengestückelt aus Raketen, die man in zerschossenen Feindfahrzeugen und gestürmten Stellungen geborgen hatte und bei denen keiner so genau wusste, ob sie noch funktionierten. Mit Kommunikationsmitteln, die bestenfalls rudimentär mit den peshtischen und terranischen Systemen kompatibel waren. Und einer Crew, deren Erfahrung mit imperialen Fahrzeugen bestenfalls begrenzt zu nennen war.
Na ja, besser hier, als an der Frontlinie mit einem Sturmgewehr in der Hand…

Der menschliche Funker fluchte lauthals, während er versuchte, vernünftige Zielpeilungen zu bekommen. Es war fast unmöglich, die Sensorangaben der wenigen Drohnen und Kameras der Verteidiger in das imperiale System einzuspeisen, und selbst der Funkkontakt war bestenfalls sporadisch. Schließlich gab es auf und widmete sich den aktiven und passiven Ortungssensoren: „Achtung, habe eine erste Funkpeilung. Werfer schwenken für Beschuss Planquadrat A-15…nein 16.“
Da die Terraner und Peshten von vorneherein damit gerechnet hatten, dass ihre Kommunikation nicht reibungslos funktionieren würde, hatten sie vorsorglich digitale Stadtkarten mit Planquadraten ausgegeben, die eine grobe Orientierung boten. Zur Verfeinerung der Zielerfassung griff man auf fast archaische Methoden zurück. Die Infanterietrupps, die ohnehin dicht am Gegner blieben, setzten automatisch sendende Funkgeräte als Funkbaken ein. Und dazu…
„Achtung, Sekundärpeilung, zweite Funkbake…Triangulation läuft…DA!“
Der Soldat brüllte beinahe, als er auf den Bildschirm deutete. Zwischen den Rauchschwaden und verwaisten Häusern stieg weit voraus eine giftgrüne Leuchtkugel auf, gefolgt von einer roten: „Zielangabe 1200, fünf Grad Abweichung, Schusswinkel 80 Grad…FEUER!“
Der Werfer spuckte vier Raketen aus, die mit einem schrillen Jaulen emporstiegen. Eine driftete zu weit zur Seite und detonierte an einer Häuserwand, aber die anderen waren offenbar auf gutem Weg. Sie kamen außer Sicht – dann kündete ein dumpfes Grollen und ferner Flammenschein von den Einschlägen.
„25 Meter weniger…Feuer!“ und vier weitere Raketen folgten.
Der Kommandant schaltete sich ein: „Zugmaschine – bringt uns hier weg, und zwar schnell!“
Natürlich – die Kaiserlichen würden versuchen, die terranische Artillerie anzupeilen.
Während das Tandem Fahrt aufnahm beugte sich der Kommandant über die Munitionsanzeige. Lange würden ihre Raketen nicht mehr reichen…
Blieb nur zu hoffen, dass sie etwas ausrichteten.

***

Südlich der Stadt

„WAS?! Sie wissen nicht, wo Major Danik ist oder wie man sie erreichen kann? Bei den Göttern der Sternenleere, sie ist Ihre verdammte Einheitskommandeurin! Dann FINDEN SIE SIE – oder jemand, der an ihrer Stelle übernimmt!“
Major Varran war sich halb bewusst, dass er sein Gegenüber in etwa auf dieselbe Art und Weise anschnauzte, wie ihn besagte Majorin Danik ihrerseits vor wenigen Minuten angefahren hatte, weil es immer noch nicht gelungen war, die feindliche Artillerie zum Schweigen zu bringen. Der Gegner hatte nicht viel – ein, zwei Mehrfach-Raketenwerfer und maximal ein Dutzend leichte und mittelschwere Mörser auf beiden Seiten des Flusses. Aber irgendwie schaffte er es, sowohl das Feuer aufrecht zu halten als auch sich der Erfassung zu entziehen. Die Kaiserlichen hatten nicht genug Aufklärungsdrohnen – von Kampffliegern ganz zu schweigen – um die gegnerische Artillerie aus der Luft zu orten oder gar zu zerstören. Natürlich störten die Terraner die Kommunikation der Drohnen und schossen jede herunter, die sie erblickten. Und die Sichtverhältnisse waren ja auch alles andere als optimal. So musste sich Varran vor allem auf sporadische Funkmeldungen und das Radar verlassen – das angesichts der Stadtlandschaft und des sprichwörtlichen Nebel des Krieges nicht sehr verlässlich arbeitete. Selbst wenn es ihm gelang, eine gegnerische Feuerstellung anzupeilen, schaffte es der Gegner immer wieder, sich rechtzeitig abzusetzen. Vermutlich verlagerte er die Mörser nach wenigen Schüssen per Lastenschweber – oder hatte sie gleich auf Rad- oder Kettenfahrzeuge montiert und feuerte von diesen Behelfs-Selbstfahrlafetten. Aber Majorin Danik war nicht in der Stimmung gewesen, zu diskutieren was möglich war und was nicht.

Und jetzt war auch noch der Kontakt zu ihr abgebrochen. Der Artillerie-Major ahnte Unheil. Irgendetwas, etwas GROßES war in der Stadt in die Luft geflogen, etwa dort, wo der Hauptangriff lief. Vielleicht ein gegnerisches Munitionsdepot, vielleicht irgendein ziviles Warenhaus, dessen explosiver Inhalt nicht geräumt worden war…vielleicht aber auch ein Krat-Panzer mit seinem Treibstoff und halbvollem Raketendepot.
Das wäre in jedem Fall ein schwerer Schlag, sollte es sich aber gar um Daniks Panzer handeln, dann war das eine Katastrophe. Für den laufenden Angriff, die Kampfmoral, ja für die ganze Schlacht – denn wer sollte die ,Totengräberin‘ ersetzen? Sicher nicht Oberst Golis…
Deshalb versuchte er verzweifelt, eine Verbindung herzustellen, während er zugleich so handelte, wie Danik es vermutlich erwartet hätte: „Haben wir jetzt eine vernünftige Peilung?“
„Nein. In den letzten Minuten hat der Gegner aus mindestens zehn Feuerstellungen auf dem Süd-, und sieben Feuerstellungen auf dem Nordufer mit indirekten Waffen gefeuert. Zeitlicher Abstand legt nahe, dass sie ständig verlagern. Kein Bewegungsmuster erkennbar.“
Natürlich, das wäre ja auch zu schön gewesen, wenn die Weichhäute einfach immer dieselbe Straße rauf- und runtergefahren wären.
Aber irgendetwas musste geschehen. Und wenn er schon die Hände des Gegners nicht abschlagen konnte…
„Achtung, an alle – Standortwechsel. 3000 vorwärts… Zielkoordinaten folgen“
Er musste ein Risiko eingehen, sich dem Kampfgebiet gefährlich nähern, doch vertraute der junge Offizier darauf, dass die feindliche Artillerie zu schwach war und eine zu geringe Reichweite hatte, um wirksam Konterbatteriefeuer geben zu können.
Wenige Minuten später waren sie am Ziel – die umkämpfte Stadt war schon gut zu erkennen.
Die Sa’toko Artilleriepanzer richteten ihre primären Werfer neu aus, ebenso die schweren Schwebepanzer, die als Geleitschutz dienten, und auch die leichten Hilfsartilleriefahrzeuge. Mehr als fünfzig Rohre schwenkten synchron nach Varrans Vorgaben: „FEUER!“

***

Ai’Shan Park


Das erste Mal seit Beginn des Angriffs gab es echten Grund zu Hoffnung. Nera’Rijen hatte den nicht sehr energischen Angriff von Norden abschmettern können, und eine Angriffskolonne in Alta’Rijen war gut einen Kilometer zurückgegangen und schien im Moment eher damit beschäftigt, sich zu reorganisieren. Sie würden zweifellos wieder angreifen, aber nachdem sie zwei von drei schweren Kampfpanzern und einiges an leichten Fahrzeugen und Infanterie eingebüßt hatte, konnten die Imperialen kaum darauf hoffen, entscheidende Erfolge zu erzielen. Hoffentlich war ihnen das auch klar.
Die Angriffskolonne auf der Hauptstraße lag ebenfalls fest, auch wenn sie weit, sehr weit vorgestoßen war. Im Moment befand sie sich anderthalb Kilometer vor dem Hauptbahnhof und damit zweieinhalb vom Park entfern. Die Terraner und Peshten hatten den gegnerischen Verband – mit ebenso viel Glück wie Verstand und Wagemut – aufspalten können, als konzentrierter Beschuss der Artillerie und tollkühne Angriffe von Infanteristen kurz nacheinander mehrere feindliche Fahrzeuge ausgeschaltet hatte. Die Wracks und Granattrichter bildeten zusammen mit dem pausenlosen Beschuss der Infanterie und dem Beschuss der terranischen schweren Waffen eine Barriere, welche die Echsen bisher nicht hatten überwinden können. Sie hatten einen ihrer schweren Panzer verloren, ein zweiter war offenbar lahm geschossen. Zwei Versuche des Gegners, wieder Fühlung zwischen den Kampfgruppen herzustellen, waren abgeschlagen worden, wenn auch nur um Haaresbreite. Natürlich würde das nicht mehr lange gutgehen. Schlüter hatte nicht genug Artilleriemunition, um den Druck beliebig lange aufrecht zu erhalten.
Was die Brigade im Moment so dringend – dringender – brauchte wie das Brot zum Essen, waren ein paar Thunderbolt-Jagdbomber, die Lenkbomben warfen. Und zwar bald, so lange der Feind seine Angriffskeile nicht ausweiten konnte. Noch hielten die Kaiserlichen im Grund nur zwei lange ,Schläuche‘ im Stadtgebiet, mit bestenfalls ein paar Seitengassen zu beiden Seiten der Hauptstraßen, auf denen sie angegriffen hatten. Man musste sie packen eher sie die Einbrüche ausweiten, ihre Fahrzeuge besser verteilen und Luftabwehr nachziehen konnten. Und wenn man dann mit den zusammengekratzten Reserven nachsetzte, bestand eine Chance, den Einbruch der Echsen weitgehend, wenn nicht gar vollständig zu beseitigen. Dass die feindliche Artillerie ihre Feuerstellung verraten hatte und ebenfalls zum Ziel werden konnte, kam hinzu.

Schlüter hatte nicht wirklich Gelegenheit gehabt, Angst zu empfinden. Zum einen, so viel Zeit war noch gar nicht vergangen – keine Stunde seit dem Beginn der Kämpfe. Ihr Befehlsstand war zwar ziemlich exponiert – ein umfunktioniertes Shuttle, das vor Boden- und Luftsicht notdürftig getarnt war, aber eben doch im Freien stand. Aber die massiven Panzerplatten boten ziemlich verlässlichen Schutz vor allem was der Gegner auffahren konnte, unterhalb einer überschweren Lenkbombe oder Direktbeschuss mit einer Railgun. Natürlich hatte sie Nervosität gespürt, als die Symbole der feindlichen Angriffsspitzen scheinbar unaufhaltsam auf ihre eigene Position zu gekrochen waren. Aber nach den Kämpfen in der, nun ja, Hölle von Hellmountain war sie relativ abgehärtet gegen solche Schrecken. Hier hatte man wenigstens freien Himmel über dem…
„Beschuss!“
Der Ruf schnitt durch das Stimmengewirr des Kommandostandes. Schlüter blickte auf: „Was…?“
Sie kam gar nicht dazu, eine Frage zu artikulieren, denn ihr Untergebener fiel ihr ins Wort: „Orte massierten indirekten Beschuss auf den Park, Einschlag in…“ Er schluckte sichtlich: „Jetzt.“

Schlüter blickte unwillkürlich zum Geschützturm des Shuttles. Er bot keinen wirklichen Schutz vor massiertem Beschuss, konnte bestenfalls einzelne Geschossenen abfangen. Und natürlich bestand strikte Anweisung, nur im Fall eines drohenden Volltreffers zu feuern – zu groß war die Gefahr, die eigene Stellung zu verraten. Das wäre eine Einladung für konzentrierten Feindbeschuss gewesen.
Im Innern des Shuttles – immerhin ausreichend versiegelt, um gefahrlos durch den luftleeren Raum zu fliegen – war von den Detonationen ringsum nichts zu hören. Alles was man spürte, war ein leichtes Schaukeln, als der Luftdruck der Explosionen auf den Rumpf traf, gefolgt von einem kaum hörbaren Trommeln, wie Regentropfen auf einem Fahrzeugdach – emporgeschleuderte Erde, Trümmerteile, vermutlich auch Geschosssplitter. Nichts davon war eine Gefahr für ein Shuttle mit geschlossenen Luken.
Die Kommandeurin wurde dennoch kreidebleich. Sie wusste, ihre Pflicht lag darin, Befehle zu geben, doch sie konnte nicht anders, als versteinert auf die Bildschirme zu starren, welche die Aufnahmen der Außenkameras zeigten.
Es war nicht der Anblick der gegnerischen Geschosse, der sie erschütterte – auch wenn die Salven flammenspuckender Raketen ein beängstigendes Bild boten. Die wenigen erbeuteten Luftabwehrgeschütze, die im Bereich der Brücke standen, gaben Sperrfeuer mit ihren Zwillings- und Vierlingslasern, richteten aber wenig aus. Weit schrecklicher war jedoch der Anblick, der sich im Park selber bot.
Der Park, gleich zu Beginn der Landung vom COLUMBIA-Bataillon besetzt und tief in der von den Terranern befreiten Stadt gelegen, war von Anfang an zur primären Start- und Landebahn für die Nachschubsshuttles der Brigade avanciert. Er lag zentral, war damit für zu evakuierende Verwundete und Gefangene relativ schnell zu erreichen, und umgedreht ließen sich hier ausgeladene Mannschaften und Güter zügig verteilen. Und noch immer lagerte einiges an Fracht hier, das noch nicht hatte verteilt werden können. Weiträumig und frei von hohen Gebäuden bot er mehr als ausreichend Platz, und war weit entfernt von den verbliebenen Widerstandsnestern der Imperialen.
Auch die Evakuierung der Zivilisten war deshalb hier abgewickelt worden. Als der feindliche Angriff begann, hatten wohl einige der Peshten Zuflucht in umliegenden Häusern und Kellern gesucht, etwa in der naheliegenden Hauptbibliothek, die den Kaiserlichen als HQ gedient hatte. Was der Grund war, aus dem die Terraner das Gebäude gründlich durchsucht, aber anschließend wohlweißlich gemieden hatten. Andere waren im Tempel der namensgebenden Sonnengöttin im Zentrum des Parks verschwunden – viele andere waren aber auch im Freien geblieben. Sie waren so verzweifelt erpicht darauf, eine Maschine aus der Stadt zu erwischen, dass sie um keinen Preis ihren Platz in der Schlange aufgeben wollten. Außerdem lag der Park nun einmal weit von der Kampffront entfernt – und das Näherkommen der feindlichen Verbände hatte eher noch mehr Flüchtlinge ins Innere der befreiten Zone getrieben. Die Terraner hatten sich bemüht, die Zivilisten von dem Teil des Parks fernzuhalten, der für militärische Zwecke genutzt worden war, aber die letzten Aufpasser waren kurz nach Beginn des Angriffs abgezogen worden. Schlüter brauchte jeden an der Front, der eine Waffe halten konnte.

Der Anblick war grauenerregend. Rings um das Shuttle – manchmal nur wenige Dutzend Meter entfernt – schlugen imperiale Artillerieraketen ein, eine nach der anderen, in Wellen der Vernichtung, so schnell der Gegner feuern konnte. Sie schleuderten Fontänen von Dreck, Rauch und Feuer empor – und zerfetzte Körper. Zwischen den kleinen Nebentempeln und Schreinen, den Bäumen und Hecken, welche die Eroberung der Stadt durch die Akarii und dann den Angriff der Terraner relativ unbeschadet überstanden hatten, irrten buchstäblich hunderte vollkommen panische Zivilisten umher wie Ameisen, deren Haufen von einem gleichgültigen oder boshaften Kind zertreten wurde. Wohin sie sich auch wandten, immer wieder schlug der Tod ebenso wahl- wie erbarmungslos zu, zermalmte, zerfetzte, verbrannte, verstümmelte.
Schlüter beobachtete regungslos, wie eine kleine Gruppe Zivilisten in Richtung des Shuttles rannte. Eine Peshtenfrau mit zwei kleinen Kindern, ein Baby auf dem Arm. Ein Marine hob den Arm, um die Luke zu öffnen, doch noch ehe die Majorin etwas sagen konnte, ließ er ihn bereits wieder sinken. Es war ausgeschlossen, mitten im feindlichen Beschuss die Sicherheit des Kommandostandes zu gefährden. Für die Zivilisten gab es im Moment keine Hilfe – ob sie starben oder lebten entschied allein der Zufall.
Schlüter wandte sich ab. Auch wenn sie die brutalen Kämpfe in den Tunneln von Hellmountain gesehen hatte – das wahre Gesicht des Krieges, die wahre Hölle waren Dinge wie diese.
Ihre Stimme klang belegt: „Funkspruch an das Feldlazarett. Sie sollen sich bereitmachen, Teams herzuschicken, so wie der feindliche Beschuss eingestellt wird.“
Dann verbannte sie jeden Gedanken an die Zivilisten. Sie hatte eine Schlacht zu führen. Und vielleicht konnte sie diese immer noch gewinnen. Wenn es Hoffnung für ihre Leute und auch für die Peshten gab, dann nur durch diesen Sieg.
„Geben Sie mir die Reservekampfgruppen, ich will sie in spätestens zehn Minuten in Position haben. Und wo zum Teufel bleiben die verdammten Jagdbomber?!“
Thema: Kritik: Hinter den feindlichen Linien
Cattaneo

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29.01.2022 19:24 Forum: Kurzgeschichten


Ok, ok, du hast ja Recht mit dem ersten. traurig
Das Thema spielt tatsächlich nur eine Rolle in Schlüters genervten Gedanken über die JAG-Typen die unbedingt fünf Minuten vor der Katastrophe im Landungskopf reinschneien und sich aufführen, als gäbe es nichts Wichtigeres zu tun... Augenzwinkern

Ace, wenn es für dich nicht zu umständlich ist, falls du antworten willst, kannst du das bitte als PN oder Mail machen?

Und du hast in jedem Fall Recht mit dem zweiten, dass es kein ZU großes Opfer ist... großes Grinsen
Aber he, das heißt ja nicht, dass es keine Arbeit macht... Teufel
Thema: Kritik: Hinter den feindlichen Linien
Cattaneo

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29.01.2022 16:26 Forum: Kurzgeschichten


Ace: Wir haben eine recht gute Historierung der Kriegsverbrechen in Vietnam. Auf beiden Seiten wurde meines Wissens nach niemand verantwortlich gemacht.

Nicht ganz. Es gab schon ein paar Versuche, schließlich ist der Verantwortliche für My Lai zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Allerdings wurde daraus einen Tag nach dem Urteil Hausarrest und drei Jahre später wurde er vollkommen amnestiert...
Sicher war er nicht der einzige, der angeklagt und verurteilt wurde. Aber es waren sehr wenige. Und da ging es in erster Linie um Verbrechen gegen Zivilisten (die man ja angeblich beschützen sollte).

Ace: Oder aber, jemand fürchtet, wie ausgeführt, um sein eigenes Leben, wenn er die Anklage den Dienstweg gehen lässt. Womöglich zusammen mit den Beweisen.

Eben. Und das ist schon recht paranoid.
Jeder Mensch mit gesundem Menschverstand weiß, dass das Corps keine Bande mordgieriger Psychopathen sind, die sich - von der kommandierenden Majorin bis zum letzten Soldaten - blutgierige auf den noblen Recken stürzt. Es gibt auch kaum Beispiele für so etwas.

Das heißt nicht, dass er viel erreicht hätte, aber die Vorstellung, dass er sich nicht an einen anderen Offizier wenden kann aus Angst umgebracht zu werden beweist, er hat einen sehr blühende Phantasie.
Da fragt man sich, wo er noch jenseits aller Maßen aufbauscht oder gleich ganz was erfindet. Vermutlich so einiges.

Ace: Oder dass die Person wirklich schlechte Erfahrungen mit dem Dienstweg gemacht hat. Wahrscheinlich sind derartige Ansagen komplett versandet, und Mordred hat dann noch obendrauf Drohungen gegen Leib und Leben gekriegt, wenn er nicht "die Schnauze hält".

Oder er ist ein Wichtigtuer, der aus anderen Gründen unbeliebt ist, und meint sich aufspielen zu können. Die von ihm gemalte Darstellung die eher erscheint als Wahnvorstellung einer lebensbedrohlicher Verschwörung gegen ihn bis in die oberen Offiziersränge ist schon ziemlich unplausibel. Vielleicht waren seine früheren Verdächtigungen auch irgendwelche halbgaren Vorwürfe.
Jemand, der selbst in eklatanter Weise gegen geltende Gesetze verstößt, sollte schon auf einiges Mißtrauen stoßen...
Dies sind Punkte, die ein pedantisch-gründlicher JAG zumindest ernsthaft in Erwägung zeihen sollte. Anstatt den Worten eines Mannes der ihm selber Verbrechen gestanden hat sofort blind zu vertrauen.

Ace: Oder einen wirklich großen Wurf machen, eine spektakulären Prozess initiieren, ihn womöglich auch noch gewinnen? Könnte mir vorstellen, dass das ein gewaltiger Karriereschub sein dürfte.

Darauf bereitet man sich aber nicht vor, indem man sich als Freizeitrambo beschäftigt. Das hilft einem nicht wirklich.
Und Lärm schlagen empfiehlt einen keineswegs automatisch, schon gar nicht wenn man nur "womöglich" gewinnt. Man kann sich damit auch sauber ins Abseits im Militär wie im Zivilleben manövrieren. Wenn er künftig in die Abteilung für eingezogene militärische Kennzeichen versetzt werden will, oder Fälle von Falschparkens mit Dienstfahrzeugen bearbeiten, dann ist er schon mal auf dem richtigen Weg. Freude

Ace: Aber jemand, der sich mit der halben Flotte anlegt und gewinnt, hat in der Zivilgesellschaft im Anwaltsbüro eine große Karriere zu erwarten. Ein Anwalt muss nicht beliebt sein. Er muss seine Prozesse gewinnen.

Das halte ich für zweifelhaft, erst Recht im Militär. Gute Connections zu haben ist weitaus mehr wert. Ein guter Teamplayer zu sein auch. Und nicht, immer gleich auf die Worte von mental instabilen Personen zu lauschen oder großes Aufsehen zu erregen. Das Militär wäscht seine Wäsche gerne auch mal mit Schon- und Leisegang.
Auf die laute Tour wird man vielleicht der Anwalt, dem die Aluhutträger vertrauen... großes Grinsen
Wenn es das ist, was ihn antörnt...

Was Yamashida anging - vielleicht war sie einfach ein wenig realistischer als der Freizeitrambo Augenzwinkern
Außerdem ist sie doch nicht dafür zuständig, Unfallermittlungen durchzuführen. Denn als das wurde es ja dargestellt. Sie hat sicher an einigen Punkten nicht aufgepasst - aber DAS war nun wirklich nicht so sehr ihre Schuld. Und es hat natürlich ihr auch nicht irgendwie geschadet. Das war die Sache mit Cunningham, glaube ich.
Thema: Kritik: Hinter den feindlichen Linien
Cattaneo

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29.01.2022 14:49 Forum: Kurzgeschichten


So, ich habe meinen neuesten Text reingestellt. Es geht etwas zur Sache am Boden...
Fortsetzung folgt dann in etwa einer Woche.

Übrigens wollte ich an dieser Stelle anmerken, dass inzwischen die Season die 2.000 Word-Seiten (Times New Roman Schriftgröße 12, anderthalb Zeilen Abstand) geknackt hat.
Ich vermute, wir werden am Ende etwas mehr haben als die ca. 2.220 der vorherigen Season.
Natürlich bedeutet viel nicht immer gut Augenzwinkern , aber ich hoffe doch, es bleibt ausreichend gut gelungen... smile
Thema: Hinter den feindlichen Linien - Season 7 - Zwischen Himmel und Hölle
Cattaneo

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29.01.2022 14:45 Forum: Kurzgeschichten


Die Stunde der Elefanten I

Arta’Rijen, ca. zwei Tage nach Beginn der Operation ,Markat‘, gut zwölf Stunden nach der Landung der Terraner

Majorin Ariane Schlüter war wahrhaftig eine vielbeschäftigte Frau. Schließlich hatte sie nicht nur den Einsatz ihrer ,Brigade‘ zu koordinieren, sondern zugleich die Zusammenarbeit mit dem bunten Sammelsurium an verbündeten Einheiten. Ehemalige Kriegsgefangene und Guerilla sowie einige Freiwillige unter den verbliebenen Einwohnern und Flüchtlingen waren so gut es ging in Verbände gegliedert und in die Verteidigungsfront der Terraner integriert worden. Und manchmal ging das eben NICHT gut. Zwar hatten die Armeeführung der Konkordats kategorische Anweisung erlassen, dass die lokalen Guerillagruppen sich der Verteidigung von Arta’Rijen unterstellen sollten. Ihr Nutzen im freien Gelände war schließlich sehr begrenzt, außer als kurzfristige Ablenkung und minderes Ärgernis für die Imperialen – im Moment galt sicherzustellen, dass Operation Markat glückte.
Aber bei weitem nicht jeder Partisanenkommandeur schien willens, den Befehl auszuführen – oder erwies sich zumindest als schwieriger Untergebener. Das peshtische Oberkommando hatte ebenso rasch wie pragmatisch reagiert und dem ranghöchsten Verbindungsoffizier der Brigade, Major Tash, den Brevet-Rang eines Lieutenant-Colonels und Schlüter gar den Rang eines Colonels verpasst. Damit waren sie jedem tatsächlichen oder selbsternannten Guerillakommandeur der Region vorgesetzt. Aber so ganz perfekt schien das immer noch nicht zu funktionieren.
,Ich hoffe, ich muss keinen dieser selbsternannten Majore oder was auch immer erschießen lassen.‘
Und schließlich waren da noch die Arbeitskommandos, die von Offizieren des Konkordats unter den Zivilisten aufgestellt worden waren. Sie waren auch da sehr pragmatisch verfahren – die Angehörigen von Familien, aus denen sich ein arbeitsfähiger Mann oder Frau zur Verfügung stellte, wurden bevorzugt aus der Stadt evakuiert. So verfügten die Brigade und ihre Verbündeten zumindest über ausreichend Hilfskräfte für den Stellungsbau, Verwundetentransport und ähnliche manuelle Aufgaben. Es stellte sich natürlich die Frage, wie weit man den Peshten trauen konnte.
Auch sonst gab es Probleme. Die befreiten Kriegsgefangenen und vor allem Guerilla taten sich schwer, Teile ihrer Ausrüstung abzugeben – mochten dies nun Fahrzeuge oder schwere Waffen sein. Schlüter hatte einige Male zurückstecken müssen, schließlich wollte sie nicht, dass Tash sich allzu unbeliebt machte, wenn er ihren Standpunkt vehement unterstützte. Das gemischte Peshtenbataillon, das der frischgebackene ,Lieutenant-Colonel‘ inzwischen kommandierte, war noch stärker zusammengewürfelt und improvisiert als die ohnehin recht heterogenen Einheiten von Schlüters Brigade. Sie hatte so ihre Zweifel, dass es wirklich einsatzbereit war. Aber im Moment blieb gar keine Wahl, als zusammenzukratzen, was eben ging.

Wenigstens standen ausreichend leichte Infanteriewaffen und Munition zur Verfügung, zumindest vom Schnellfeuerlaser an abwärts. Auch Lebensmittel waren reichlich vorhanden, wenngleich weniger dank menschlicher Planung und Logistik – da sah es ziemlich mies aus, vor allem falls die Ankunft der Konkordatsstreitkräfte länger als geplant auf sich warten lassen würde. Vielmehr war einiges an Material in imperialen Kasernen und Vorratslagern erbeutet worden. Akarii-Rationen waren für Menschen und Peshten zumindest notdürftig verwendbar, Güter wie Schokolade und Tabak oder deren Ersatz galten sogar bei einigen als hochwertig. Zudem waren die Echsen ohnehin gezwungen gewesen waren, auf einheimische Produkte zurückzugreifen. Deshalb wurde die Ausbeute gesichtet und kategorisiert – je nachdem, was man wem vorsetzen konnte, ohne gesundheitliche Folgen (oder eine Meuterei) zu riskieren. Vorsorglich hatte Schlüter zudem strickte Order erlassen, dass Peshtenzivilisten bei ihrer Evakuierung alles an Verbrauchsgütern abzuliefern hatten, namentlich Lebensmittel und Medikamente. Requirierungskommandos aus einigen wenigen Terranern der rückwärtigen Dienste und zivilen Arbeitern plünderten systematisch die örtlichen Supermärkte, namentlich alle Regale und Lagerhallen mit haltbaren Produkten. Es kursierten bereits Witze, dass ein Koch seinen Soldaten Gulasch aus Fleischkonserven serviert hatte, die eigentlich für einheimische Haustiere gedacht gewesen waren…
Die Brigadekommandeurin ließ darüber hinaus sämtliche Apotheken und Arztpraxen in ihrem Einflussbereich ausräumen. Sie handelte weniger aus direkter Not oder weil sie sich auf eine lange Belagerung vorbereiten wollte – ihre Handvoll Soldaten würden das wohl kaum lange überstehen.
Aber Schlüter dachte voraus – wenn die Vierte Sturmdivision ankommen würde, war anzunehmen, dass es um ihre Versorgung nicht zum Besten stand. Und deshalb erschien ratsam, vorsorglich etliche tausend Rationen bereitzuhalten die schnell verteilt werden konnten, Quartiere für abgekämpfte Soldaten vorzubereiten – und Behelfskrankenhäuser, in denen die Verwundeten warten konnten, bis das 30. Korps eingetroffen war oder ein Shuttleflug in die Sicherheit möglich war. Diese Arbeiten machten tatsächlich gute Fortschritte. Die Stadt war von den Peshten so schnell aufgegeben worden, anschließend von den Akarii nur unvollständig ausgeplündert und dann so rasch an die Terraner gefallen, dass sich immer noch viel Material finden ließ, und Platz war natürlich ebenfalls genug da.
Selbstverständlich war an eine flächendeckende funktionierende Strom- und Wasserversorgung nicht zu denken, diese war nach der Besetzung durch das Imperium weitgehend zusammengebrochen. Aber nach Jahren des Krieges verfügte alle relativ frontnahen Konkordatsstädte über eine Anzahl redundanter Noteinrichtungen, die in den einzelnen Stadteilen für den Fall feindlicher Luft- und Raketenangriffe zumindest eine grundlegende Versorgung sicherstellen sollten. Die Kaiserlichen hatten diese Notsysteme für eigene Zwecke genutzt und dies kam jetzt ihren ,Nachmietern‘ zugute.

In anderer Hinsicht sah es düsterer aus. Schwere Waffen waren knapp, und auch mit Fahrzeugen war man nur dürftig ausgestattet. Natürlich hatten die Peshten auf ihrer Flucht von den Imperialen die meisten Transportmittel mitgenommen.
Die Evakuierung der verbliebenden Zivilisten war ein zusätzliches logistisches Problem. Da sich weit über 5.000 Männer, Frauen und Kinder in Arta’Rijen aufhielten – so genau kannte keiner die Zahl – zog sich der Abtransport hin. Die Angst unter den Einheimischen war förmlich spürbar, nicht zuletzt wegen der Luftangriffe der Angry Angels und der Furcht vor einem imperialen Gegenangriff. Schlüter hatte festgelegt, dass Verwundete – Peshten wie Terraner ohne Unterschied – zuerst ausgeflogen wurden, dann kamen die Gefangenen an die Reihe, und zuletzt unverletzte Zivilisten. Das war den verängstigten Einwohnern freilich nur schwer zu vermitteln.
Und so drängten sich viele Zivilisten im Herzen des Landungskopfes, zwischen Bahnhof und Ai’Shan-Park, in der Hoffnung rechtzeitig mit einem Shuttle ausgeflogen zu werden. Die wenigen verfügbaren peshtischen und terranischen Sicherheitskräfte hatten Mühe, die Lage unter Kontrolle zu halten. Man konnte schließlich nicht erwarten, dass sie zu robust gegen angsterfüllte Frauen und Kinder vorgingen…
Die Evakuierung der Zivilisten würde wohl noch mindestens einen Tag dauern.

All dies war wahrlich ausreichend, um graue Haare zu bekommen. Doch nicht genug damit, gab es offenbar immer noch Leute, welche die feste Absicht hatten, ihr zusätzlich Probleme zu bereiten. Und damit waren nicht einmal nur die Kaiserlichen gemeint. Wie sie erfahren hatte, schnüffelten ein JAG-Anwalt und seine ,Kettenhündin‘ tatsächlich im Landungskopf herum und hatten es sogar geschafft, sich Zugang zum HQ zu verschaffen.
,Es ist wirklich unfassbar. Ich mühe mich ab, mit meinen paar Leuten eine zehn Kilometer lange Front ohne ausreichend Waffen zu sichern und tausende Zivilisten zu evakuieren, und diese Idioten haben nichts Besseres zu tun, als meine Leute von der Arbeit abzuhalten!‘
Natürlich war das ungerecht. Viele Angehörige des JAG leisteten tatsächlich gute Arbeit und kultivierten ein gutes Betriebsklima. Sie kooperierten mit ihren Offizierskollegen und sogar dem NIC, wofür man weiß Gott fast schon die Geduld eines Heiligen brauchte, standen den Soldaten in juristischen Fragen bei – und sie hatten im Laufe der Jahre auch gelernt, dass man die Buchstaben des Gesetzes nicht immer ganz genau nehmen durfte. Egal wie die eigene Position aussah, mitunter musste man nun einmal Kompromisse machen, aus Pragmatismus, im Sinne des Gefechtsauftrages. Spätestens seit den Kämpfen im Graxon-System hatte sie diese Lektion verinnerlicht.
Aber manche beim JAG realisierten offenbar selbst nach mehr als einer halben Dekade Krieg nicht, dass ihre Hauptaufgabe darin bestand, der Truppe zu helfen. Nicht aber von gesundem Menschenverstand unbeleckt in der Feuerlinie herumzuturnen und den Prinzipienreiter um jeden Preis zu spielen. Aber vermutlich mussten sie sich mit Gewalt von der eigenen Relevanz überzeugen.
,Das kommt davon, dass diese Typen seit Jahren nicht mit der Nase im Dreck gelegen haben, wenn überhaupt jemals. Sobald Männer und Frauen mit verbrannten Gesichtern wimmern wie kleine Kinder, mit zerfetzten Gedärmen wie Tiere heulen, sehen die Dinge eben anders aus als von der sicheren Perspektive hinter einem bequemen Schreibtisch.‘
Natürlich hatte sie es sich versagt, persönlich etwas zu unternehmen. Ihre Verpflichtung als Kommandeurin ließ das gar nicht zu. Aber sie hatte in einer Nachricht an die COLUMBIA und an den NIC klargemacht, was sie davon hielt, und dass sie dringend Aufklärung erwartete.
Es war jedenfalls zu erwarten, dass die Anwesenheit der Schnüffler sich im Laufe der Zeit herumsprechen – und bei den Soldaten natürlich nicht gut ankommen würde. Genau das, was ihr gerade noch gefehlt hatte.
,Irgendjemand sollte den JAG-Typen mal verklickern, dass wir verfickt nochmal im Krieg sind – und er im Moment nicht so gut läuft, wir um unser verdammtes Leben kämpfen!‘

Als Befehlshaberin gehörte Schlüter zu den wenigen, die permanent eine Transportmöglichkeit zur Verfügung hatte. Die meisten Soldaten und Offiziere mussten laufen, denn die erbeuteten Fahrzeuge wurden benötigt, um einerseits Material zu den Stellungen und deszentralen Versorgungsdepots im Innern des Landungskopfes zu schaffen und andererseits Verwundete, Gefangene und Zivilisten zum Ai’Shan-Park zu transportieren.
Ungeachtet dieser und anderer Probleme hatte sie es sich nicht nehmen lassen, einen Abstecher zur zentralen Reparaturwerkstatt der Imperialen zu unternehmen. Diese befand sich neben einem der Depots, die von den Besatzungstruppen eingerichtet worden waren. Die Kaiserlichen hatten bei ihrem Rückzug natürlich sämtliche fahrtaugliche Vehikel mitgenommen und versucht, in den Anlagen und fahruntauglichen Fahrzeugen Feuer zu legen. Aber da aus dem Rückzug schnell eine regellose Flucht geworden war, hielten sich die Schäden in Grenzen. Die Terraner hatten sogar ein halbes Dutzend Rad-, Ketten- und Schwebertransporter erbeutet, und auch eine schweres Pionierfahrzeug – geeignet als Baugerät wie als Bergepanzer – flottmachen können. Solche nicht kampftauglichen Maschinen zu zerstören hatte nicht an der Spitze der Dringlichkeitsliste der Kaiserlichen gestanden.
Die Reparaturwerkstatt bot sogar für eine Veteranin einen beeindruckenden Anblick. Die Militärfahrzeuge hatten durch das Feuer zumeist nur leichten Schaden genommen – und bildeten eine erlesene Sammlung. So waren allein drei schwere Kampfpanzer und ein Artillerieschweber sowie fast ein Dutzend leichterer Gefechtsfahrzeuge zurückgeblieben. Leider waren sie sämtlich weit von der Fertigstellung entfernt, ihre Munitionsmagazine waren leer, und sie hätten noch eine Menge Zeit und Ersatzteile benötigt, bevor sie wieder einsatzbereit waren. Die Ersatzteile waren zweifellos noch immer da – doch fehlten die geschulten Techniker, und mit Sicherheit auch die Zeit. Einige Konkordatssoldaten hantierten gerade an einem Midget-Radpanzer, der noch den besten Eindruck machte. Das Fahrzeug verfügte über einen vierrohrigen Raketenwerfer. Wenn es gelang, ihn einsatzbereit zu machen, würde er das wohl schwerste Stück Artillerie darstellen, über das die Brigade verfügte. Was einiges über ihre Situation aussagte…
Doch es sah nicht so aus, als ob die Reparatur so schnell abgeschlossen sein würde – immerhin verfügte das Gefährt im Moment nicht einmal über einen Motor, nachdem der Antrieb offenbar in einem früheren Gefecht durch ein Geschoss ausgeknockt worden war.

Dieser Ortstermin diente einerseits dazu, sich einen persönlichen Überblick von der Beute zu machen – jedes instandgesetzte schwerere Gefechtsfahrzeug würde die Schlagkraft der Marines deutlich verbessern. Es ging aber auch um Bilder für die peshtische, sekundär auch für die terranische Heimatfront, denn die Moral von Truppen und Zivilisten waren fast ebenso wichtig wie die materielle Ausstattung. Auch wenn die wenigsten Menschen Gamma Eridon auf einer Sternkarte gefunden hätten…
Die Majorin wusste, was sie sich schuldig war, und so trat sie ganz als die souveräne Siegerin auf, welche das zurückgelassene Kriegsgerät der geschlagenen Gegner besichtigte. Zwar war die schwarzhaarige Offizierin für eine Marine nicht sehr hochgewachsen und eher drahtig als muskulös, aber sie konnte ebenso einschüchternd wie zuversichtlich auftreten. Als Offizierin war man eben immer auch ein Stück weit Selbstdarstellerin – gegenüber den Vorgesetzten, den Untergebenen, wenn man Glück hatte auch den Medien, und manchmal auch für sich selbst. Sie hatte ihre Eskorte aus drei schwerbewaffneten Marines Abstand nehmen lassen, schließlich sollte nicht zu offensichtlich sein, dass man innerhalb der Stadt bei weitem noch nicht in Sicherheit war.
Aber es war, wie sie befürchtet hatte – eine Lösung ihrer Probleme würde sie auf absehbare Zeit hier kaum finden. Namentlich des Problems, dass sie mit weniger als 2.500 kampftauglichen Terranern, Peshten und Söldnern hinter den feindlichen Linien festsaß, keinen verlässlichen Zugriff auf Fernartillerie oder Luftunterstützung hatte, und der Entsatz durch das 30. Korps und die Vierte Sturmdivision allem Anschein nach noch etwas auf sich warten lassen würde.
In diesem Moment meldete sich ihr Funkgerät. Wenigstens funktionierte die Kommunikation – im Moment.
„Aufklärung meldet Bewegung, schwere Fahrzeuge in mindestens Kompaniestärke von Süden. Noch keine eindeutige Identifizierung.“
Schlüter war hin- und hergerissen von Hoffnung und düsteren Ahnungen. Kam dort die Rettung, das 30. Korps? Oder waren es die Kaiserlichen?
Mit wenigen Sätzen – zum Teufel mit der Würde – war sie bei ihrem Fahrzeug und winkte ungeduldig ihren Leibwachen zu: „Fahren Sie los, zum HQ!“
Während das Fahrzeug beschleunigte, hängte sie sich ans Funkgerät…

***

Nera’Rijen, kurz darauf

„ALAAAARM!“
Der Schrei gellte in den Ohren – physisch wie auch über Sprechfunk, riss die Soldaten und Offiziere hoch, ob sie nun in Stellung lagen oder sich von den Anstrengungen des Ausbaus ihrer Verteidigungspositionen zu erholen suchten. Es war nicht wirklich Zeit gewesen, Schützengräben auszuheben, aber glücklicherweise war selbst ein Vorort wie Nera’Rijen im Grunde ein dreidimensionales Stellungssystem, wenn man es nur richtig zu nutzen verstand. Barrikaden und Sandsackbarrieren waren ohnehin von begrenztem Nutzen gegen einen Gegner mit überlegener Feuerkraft, doch glücklicherweise boten sich Alternativen. Es gab massive Bauten, die als Bunker dienen konnten – freilich auch die Gefahr boten, als erstes vom Gegner zerschossen zu werden. Dächer und Türme boten sich für Aufklärer und Scharfschützen an, vorzugsweise, wenn es nicht nur ein oder zwei gab, damit man nicht Gefahr lief, prophylaktisch heruntergeschossen zu werden, wenn ein Angreifer die wenigen herausragenden Punkte ausschaltete. Hausecken und Kellerluken sowie die Fenster mehrgeschossiger Gebäude eigneten sich als Feuerstellungen, die vom Gegner nur schwer aus der Distanz zu identifizieren waren. Natürlich brauchte der Ausbau der Positionen Zeit, doch der Anfang war definitiv gemacht.
Das Fünfte Bataillon war durch eine Anzahl befreiter terranischer Kriegsgefangener verstärkt worden, die man direkt den Kompanien eingegliedert hatte. Leider hatte dies kaum ausgereicht, die bisherigen Verluste auszugleichen. Zudem war eine peshtische Kompanie in Stellung gegangen, doch der buntscheckige Haufen mit seiner nicht minder farbenfrohen Ausstattung aus terranischen, peshtischen und imperialen Handfeuerwaffen wirkte eher wie eine Räuberbande als eine militärische Einheit. Andererseits musste man froh über jedes bisschen Hilfe sein. Mit weiterer Verstärkung war nicht zu rechnen.

Urutu brauchte einen Moment, um wach zu werden. Hinter ihr lag nach den Kämpfen bei der Einnahme der Stadt und einer allzu kurzen Pause ein nervenzerfetzender Einsatz in Alta‘Rijen, während dessen sie ihr Konto um zwei weitere gesicherte Abschüsse hatte erweitern können. Die Marine hatte auf der anderen Flussseite als Scharfschützin ausgeholfen, denn an Spezialisten mangelte es in allen Einheiten. Die meisten Bordmarines hatten ihre Langstreckenwaffen seit Jahren nur unter simulierten Bedingungen abgefeuert und auch der Kampf im Gelände war nur begrenzt geübt worden. Dies war nicht dasselbe wie Praxiserfahrung, und so war sie eingesprungen. Denn in Arta‘Rijen waren die feindlichen Stellungen noch in Schussweite, während die Kaiserlichen am Nordufer mehrere Kilometer zurückgewichen waren.
So hatte sie dazu beigetragen, den Ausbau der feindlichen Stellungen zu behindern und feindliche Feuerstellungen niederzuhalten. Die gegnerischen Sniper taugten nicht viel, zweifellos weil die örtlichen Verbände eher Reservetruppen waren.

Todmüde, nachdem das Adrenalin aus der Blutbahn gewichen war, hatte Mariza sich schließlich nach Ende dieser ,zweiten Schicht‘ zu ihrer Einheit zurückgetrollt und in einem ausgeräumten Keller im Garten eines Apartmentblockes bequem gemacht. Oder vielleicht war es ja auch ein heiliger Ort gewesen, das wusste man bei den Peshten nie so genau. Jedenfalls war er unterirdisch und der Eingang aus der Luft nicht gut zu erkennen, das genügte ihr.
Sehr lange hatte sie jedoch nicht ausruhen können – es war immer noch hell draußen, auch wenn es auf den frühen Abend zuging.
Sie unterdrückte den fast unwiderstehlichen Drang, den außerhalb des Bunkers wachestehenden Soldaten, der sie aus dem Schlaf gerissen hatte, in die Genitalien zu treten – ja, natürlich behielt sie ihre Stiefel beim Schlafen an, man wusste nie, wann es mal schnell gehen musste, so wie jetzt – und stand schwankend auf. Ihr Spotter und ein paar andere Soldaten, die den Unterstand ebenfalls als Schlafstätte genutzt hatten, rappelten sich ebenfalls fluchend auf. Metallisches Klappern erklang, als die Männer und Frauen ihre Waffen hoben, sie kurz überprüften – das letzte, was jeder Marine vor dem Einschlafen tat, und das erste, wenn er oder sie aufstand – und einer nach dem anderen aus dem Keller huschten. Urutu wusste, wohin sie musste. Als Scharfschützin war ihr Platz ein Stück flankierend von der Hauptstraße in einem Wohnblock, von dem aus sie gutes Schussfeld auf anrückende Gegner aus dem Norden und Osten hatte. Es sah so aus, als ob es wieder einmal ernst wurde…

Wenige Minuten darauf war Mariza in Position. Sie überprüften ein letztes Mal ihre Waffe – ein nervöser Tick, den sie mit vielen Scharfschützen teilte. Die Fensterscheiben des Gebäudes waren natürlich herausgeschlagen worden, damit der Luftdruck nahebei explodierender Granaten und Raketen das Glas nicht in Schrapnelle verwandelte. Die Marine prüfte ihre improvisierte Waffenauflage in Gestalt eines Tisches: „Wie sieht es aus?“
Ihr Beobachter spähte durch den Feldstecher: „Staubentwicklung mehrheitlich direkt aus dem Norden, mehrere Fahrzeuge…verdammt, jetzt wird es ernst!“
Letzteres bezog sich auf ein fernes, aber charakteristisches Jaulen – ein schwerer Mehrlingsraketenwerfer, vielleicht auch mehr als einer. Wie stets in solchen Momenten fühlte Urutu den Drang sich zu einem Ball zusammenzurollen. Es nützte wenig, dass sie sich selbst sagte, dass die Wahrscheinlichkeit sehr gering war, dass eine Rakete ausgerechnet ihr Gebäude traf.
Die Einschläge folgten wenige Sekunden später, dumpfe Schläge, die Fontänen von Dreck und zerschmettertem Stein und Metall emporschleuderten. Sie lagen ein gutes Stück entfernt, so dass die Zerstörung beinahe klinisch wirkte. Natürlich, für die unglücklichen Seelen, die in diesem Teil der Stadt in Stellung lagen, musste es wahrhaftig die Hölle sein. Glücklicherweise war selbst eine Vorstadt wie Nera’Rijen vergleichsweise großflächig, und die Kaiserlichen hatten offenbar weder unbegrenzt viel Waffen noch Munition, so dass sie keinen flächendeckenden Beschuss anordnen konnten.
Mariza zwang sich, ihren Blick von dem Inferno abzuwenden, das durch weitere Raketensalven noch vergrößert wurde, und spähte durch das Visier ihrer Waffe dorthin, wo Staubwolken die näherkommenden Feinde ankündigten. Die genaue Zahl des Gegners ließ sich unmöglich mit Sicherheit abschätzen. Wenigstens waren bisher keine feindlichen Flieger aufgetaucht. Die Luftabwehr der Gelandeten beschränkte sich auf eine Anzahl Infanterie-SAM und die wenigen Luftabwehrwaffen, die sie intakt erbeutet hatten.

„Warum feuern wir nicht?“ Zolins Stimme klang so nervös, wie Mariza sich fühlte. Er war kampferfahren, wie die meisten Angehörigen ihrer Kompanie, aber dieses Festsitzen tief hinter den feindlichen Linien war nicht leicht zu verkraften.
Die Scharfschützin versuchte, sich gelassen zu geben: „Munitionsmangel. Ohne klare Zielerfassung kannst du mit unseren paar Mörsern nicht viel gegen Fahrzeuge ausrichten.“
Ihr Bataillon verfügte nur über zwei terranische V/S-31 Granatwerfer und einen erbeuteten 90-Milimeter-Werfer der Kaiserlichen, der von einigen Peshten bedient wurde. Das war nicht viel – doch die vier – mit den Peshten fünf – restlichen Bataillone auf der anderen Seite des Flusses verfügten INSGESAMT über bestenfalls die doppelte Anzahl eigene und Beute-Mörser und einige wenige andere schwere Waffen. Terranische Waffen waren rar, und die Munition und trainierte Bedienungsmannschaften für Beutewaffen sogar noch knapper. Von daher wäre es zwecklos gewesen, Granaten oder schultergestützte Raketen auf Fahrzeuge zu verschwenden, die mit Höchstgeschwindigkeit und im Zickzack fuhren. Die Marines mussten abwarten, bis der Gegner näher herankam.
Dann blitze es drüben auf, als die leichten feindlichen Fahrzeuge – Pot-belly-Schützenpanzerwagen und Midget-Radpanzer – das Feuer eröffneten. Mariza atmete tief durch und fasste die Waffe fester. Der Kampf begann.

***

Arta’Rijen, etwa zur selben Zeit

Nach der Einnahme einiger weniger der verbleibenden imperialen Widerstandsnester im Stadtgebiet – jene, die besonders isoliert oder störend erschienen – hatten die Kämpfe in Arta‘Rijen erst einmal weitgehend aufgehört. Schusswechsel beschränkten sich auf das Katz-und-Maus-Spiel der Scharfschützen, oder jener, die sich dafür hielten. Sowohl die Terraner als auch die Kaiserlichen hatten einfach nicht genug Munition, um sich großzügig mit Raketen und Mörsergranaten zu beschießen, und es fehlte ihnen an Fahrzeugen und Truppen um größere Angriffsoperationen durchzuführen. So hatte es über den Tag hinweg nur sporadische Feuergefechte innerhalb der Stadt und einige Mörserduelle an den Stadtgrenzen gegeben. Auch die schwere Artillerie der Echsen hielt sich zurück – nicht zuletzt, weil man sicher Angst hatte, die Aufmerksamkeit der Angels auf sich zu ziehen. Tatsächlich hatten die Kampfflieger noch einige sporadische Angriffe geflogen, auch wenn ihre Präsenz in punkto Zahl deutlich nachgelassen hatte. Angels begleiteten die sporadisch startenden und landenden Shuttles, und warfen mitunter Lenk- und Streubomben im Umland ab. Die feindliche Luftabwehr war freilich noch nicht völlig ausgeschaltet, und spätestens ab dem Nachmittag zeichnete sich ab, dass das terranische Trägergeschwader nur noch sehr sporadisch Maschinen verfügbar machen konnte. Schließlich mussten die Piloten auch einmal ausruhen, die Maschinen nach dem zweiten oder dritten Einsatz gründlich überprüft werden.

Und so hieß es für die Brigade Schlüter ,Warten‘. Auf einen imperialen Gegenangriff – oder auf das Eintreffen von Horoks Panzertruppen und der Vierten Sturmdivision. Optimistisch gestimmte Marinelandetruppen hatten sogar angefangen zu wetten, welche der verbündeten Einheiten den Rijen zuerst erreichen würde. Und sie waren bereit gewesen, ferne Truppenbewegungen, schwach an ihre Ohren dringenden Fahrzeug- oder Gefechtslärm und das Ausbleiben einer imperialen Konterattacke als Zeichen zu werten, dass der ersehnte Ersatz sich näherte.
Erfahrenere Soldaten und Offiziere waren weitaus vorsichtiger mit ihren Hoffnungen und Erwartungen. Oder sie hüteten sich jedenfalls davor, diese laut werden zu lassen. Denn wann hatte ein Plan schon einmal reibungslos funktioniert?
Dennoch waren Hoffnungen aufgeflammt, als die am Stadtrand stationierten Vorposten das Anrücken einer Kolonne schwerer Kanonenpanzer aus Richtung Süden meldeten – verzichtete doch der Standart-Kampfpanzer der Imperialen zugunsten einer Raketenbewaffnung auf ein Magnetgeschütz als Primärwaffe. Aber es war nicht das 30. Korps, das in die von den nächtlichen Kämpfen und Luftangriffen schwer gezeichnete Stadt einrollte. Es waren die Akarii. Während das dumpfe Dröhnen der schweren Kampfwagenmotoren, das Surren der Schweberrotoren und das metallene Klirren der Panzerketten immer lauter wurde, entfaltete sich vor den Augen der angespannt lauernden Marines das furchteinflößende Panorama einer imperialen Angriffskolonne.

Dem Plan von Kampfkommandantin Danik Atara folgend drangen die Truppen in zwei massierten Angriffskeilen in das Stadtgebiet ein. Voraus rollten leichte Späh- und Schützenpanzer gefolgt von den schweren Kampfpanzern. Dann kam der Hauptpulk der Transport- und Schützenpanzer. Einige Spähpanzer bildeten den Schluss.
Im letzten Augenblick hatte sich Danik dagegen entschlossen, auch ungepanzerte Transportfahrzeuge mitzuschicken. Zu groß war das Risiko, dass sie abgeschossen wurden und sich in brennende Hindernisse für ihre Kameraden verwandelten. Das bedeutete freilich auch, dass ein Teil der Infanterie als Reserve zurückbleiben und ein anderer Teil auf den Panzerfahrzeugen mitfahren musste. Die aufgesessenen Soldaten konnten zwar schneller in den Kampf eingreifen als ihre im Inneren der Transporter wartenden Kameraden und zudem die Fenster, Dächer, Innenhöfe und Seitengassen der an die Straße angrenzenden Gebäude im Auge behalten. Allerdings boten sie auch leichtere Ziel, trotzdem es sich bei ihnen ausschließlich um gepanzerte Sturminfanterie handelte. Die wenigen Stücke imperiale Artillerie – selbstfahrende Raketenwerfer, aber auch einige gezogene Rohr- oder Raketenwaffen und Infanteriemörser, gesichert durch die wenigen schweren Schwebepanzer – gaben aus sicherer Entfernung Feuerschutz für die Annäherung der Kolonnen. Wenige Salven genügten, um am Stadtrand die ersten Rauchsäulen aufsteigen zu lassen, Staubschwaden legten sich wie ein tödlicher Nebel über die Straßen.

Die westliche Kampfgruppe stieß zügig vor. Ein übereifriger Verteidiger feuerte eine schultergestützte Panzerabwehrrakete, doch die reaktive Panzerung des Ziels – der vorderste schwere Kettenpanzer – fing das Geschoss mühelos ab. Der Gegenschlag erfolgte mit vernichtender Wucht, denn das schwere Magnetgeschütz des Panzers legte das halbe Haus in Trümmern, aus dem der Angriff gekommen war. Die leichten Waffen der Kampfpanzer und begleitenden Fahrzeuge tasteten die Fensterhöhlen ab – zum Gutteil wohl reine Einschüchterungstaktik, die freilich durchaus effektiv war. Immer wieder bellten Magnetkanonen und winselten Raketenwerfer, bahnten der Formation den Weg in einer Bahn der Verwüstung.
Doch sobald die Kaiserlichen den Stadtrand passierten, stießen sie auf härteren Widerstand. Die Straße vor ihnen – eine der Hauptmagistralen – schien frei zu sein, terranische Sperren waren erst ein gutes Stück im Stadtinneren gemeldet worden. Doch schon aus der zweiten Seitengasse grüßte ein kurzer, aber intensiver Hagel aus Laserimpulsen die Angreifer. Die Waffen waren zwar zumeist zu schwach, die gepanzerten Fahrzeuge zu gefährden – doch gelang es den Terranern, mehrere aufgesessene Infanteristen herunterzuschießen. Leichte Granatwerfer – vermutlich Unterlaufmodelle – feuerten indirekt, ihre Splitter- und Phosphorgranaten detonierten inmitten der Angriffskolonne.
Ein modifizierter Schützenpanzer rollte vor, der statt eines Raketenwerfers einen Plasma-Flammenwerfer trug. Er badete die Seitenstraße in tödliches Feuer und der Vorstoß ging weiter.

Keinen halben Kilometer weiter im Stadtinnern steigerte sich die Intensität des Feuergefechts. Hier hatte sich ein Zug der kaiserlichen Garnison in einem quadratischen Häuserblock eingeigelt, unterstützt von einem Schützenpanzerwagen im Innenhof. Die Terraner hatten nicht die Zeit und Feuerkraft gehabt, die Kaiserlichen hinauszuwerfen – auch wenn zwei Lenkbomben Teile des Gebäudes verwüstet hatten. Der Angriffsverband stellte Verbindung mit den Eingeschlossenen her, doch zugleich geriet er unter verstärktes Feuer.
Die Terraner agierten überaus flexibel. Sie feuerten aus Fenstern und Kellerluken, nur um sofort abzutauchen, ehe der Gegner seine schwere Feuerkraft effektiv einsetzen konnte.
Eine schultergestützte Rakete riss einen Schützenpanzer auf, nur ein Teil der Insassen konnte sich – vielfach verletzt – ins Freie retten. Wütend tauschten kaiserliche und terranische Infanteristen Schützenfeuer aus. Als eine weitere Rakete einen der schweren Panzer nur knapp verfehlte, ein Scharfschützengewehr einen Kacha-Radpanzer mit drei schnellen Schüssen schwer beschädigte, reichte es dem imperialen Kommandanten.
Die Panzerfahrzeuge steigerten ihre Geschwindigkeit. Die überschweren Krat-Panzer übernahmen die Führung. Hinter ihnen formierten sich die leichteren Einheiten. Magnetkanonen bellten, Impulslaser strichen die flankierenden Gebäude ab, um die Verteidiger in Deckung zu zwingen. Granat- und Raketenwerfer deckten die Umgebung mit Sperrfeuer ab, unterstützt durch die Fernartillerie. Ein schneller Vorstoß, wenige Kilometer noch – dann würde man sich dem Ai’Shan-Park im Bogen von Südwesten nähern, und zusammen mit den Panzern der ,Totengräberin‘ die feindliche Landungszone in die Zange nehmen. Und dann käme die Brücke an die Reihe…

***

Nera‘Rijen

Es begann mit einem seltenen Glückstreffer – der feindliche Schützenpanzer kassierte einen Volltreffer durch eine lasergelenkte Mörsergranate. Der terranische Artilleriespotter war wahrlich vom Schicksal begünstigt gewesen, dass er die Zielerfassung die entscheidenden Sekunden hatte halten können. Schultergestützte Raketen suchten sich ihre Ziele, und auch wenn etliche ihr Ziel verfehlten oder abgewehrt wurden – dicke, schwarze Rauchschwaden kündeten von beschädigten oder zerstörten Fahrzeugen. Natürlich war das Gefecht alles andere als einseitig. Die imperialen Waffen nahmen jede potentielle Feuerstellung unter konzentrierten Beschuss, und dazu schoss die kaiserliche Artillerie Sperrfeuer.
Mariza blendete all dies aus. Die Befehle über Funk, gemischt von den schrecklichen, nur zu vertrauten Schmerzensschreien und Hilferufen, die Explosionen. Nichts davon hatte eine Rolle zu spielen. Was zählte, waren die Zielangaben ihres Spotters, der Blick durch das Visier, die Anzeigen ihrer Waffe – der sich verstärkende Druck auf den Abzug und das befreiende Gefühl des Schusses. Selbst die Genugtuung über einen Treffer, der Ärger über einen Fehlschuss drang nur seltsam gedämpft an ihr Bewusstsein. Zielen…Einatmen…Ausatmen…FEUER! Auf die feindlichen Fahrzeuge, auf die Infanterie der Kaiserlichen, die versuchte, im Schutz der Panzerfahrzeuge nach Nera’Rijen einzusickern…

WAMMM!
Die dumpfe Explosion – nah, viel zu nah – riss die Schützin aus der Halbtrance.
„Granatwerfer!“ Die Stimme ihres Spotters überschlug sich. Er packte sie an der Schulter und zerrte sie in Richtung der Tür. Mariza stolperte, wäre um ein Haar hingefallen. Mit einem scharfen Zischen flog ein silbrig glänzendes Geschoss durch eines der Fenster, landete auf dem Fußboden des Zimmers, rollte über den Boden wie eine groteske Murmel und prallte an der Wand ab – eine 50-Milimeter-Granate.
Urutu handelte mehr instinktiv als bewusst, als sie sich förmlich im Schlusssprung aus dem Raum katapultierte.
Die Explosion traf sie wie ein brutaler Faustschlag – akustisch, und gleich darauf in Form des Luftdrucks, obwohl sie bereits draußen im Hausflur auf dem Boden lag. Ein stechender Schmerz schien förmlich in ihrem Kopf zu explodieren, dann deckte ein Leichentuch aus pulverisiertem Beton und Staub zu.

Als Mariza wieder zu sich kam – wenige Sekunden und zugleich gefühlte Stunden später – erkannte sie ihr Umfeld, ihren Kameraden, sich selbst kaum wieder. Alles war mit Staub und Dreck bedeckt. Alle Geräusche klangen seltsam gedämpft und unreal. Und als sie unwillkürlich die Hand erst an das eine, dann an das andere Ohr hielt, klebte beim zweiten Mal Blut daran.
Nur mit Hilfe ihres Spotters – er schien in deutlich besserem Zustand, wenngleich ebenfalls von Kopf bis Fuß mit Dreck bedeckt – kam sie auf die Beine. Die beiden Marines stolperten das Treppenhaus hinab.
Erst beim dritten Versuch verstand Mariza, dass Zolin sie fragte, ob sie einen Sanitäter braucht. Sie schüttelte den Kopf. Es fiel ihr schwer die eigene Stimme zu verstehen, aber sie brachte einen halbwegs klaren Satz heraus: „Haben…Wichtigeres zu tun. Los. Schauen wir, wie es steht.“
Sie überprüfte ihre Waffe. Das Visier hatte sich zweifellos verzogen, aber glücklicherweise konnte man mit einem Lasergewehr auch ohne Zielfernrohr vergleichsweise effektiv schießen. Da Wind, Bahnneigung der Kugel und dergleichen keine Rolle spielte, war die Waffe auch ohne Hilfsmittel auf mehrere hundert Meter präzise und tödlich. Sie lud nach und betete, dass die Waffe keine weiteren Schäden abbekommen hatten. Dann begann sie mühsam zu laufen, auf der Suche nach einer neuen Feuerstellung.

Doch ein weiterer Beitrag zum Kampf war an diesem Tag nicht mehr von Nöten. Als das Scharfschützenteam eine neue Stellung bezogen hatte, waren die Kaiserlichen bereits abgerückt. Zu schwach waren ihre Kräfte, zu stark die Gegenwehr. Sie ließen zwei zerstörte Panzerfahrzeuge und über 20 Gefallene zurück.
Doch Freude kam unter den Verteidigern nicht auf. Sie hatten selbst Verluste hinnehmen müssen – und der vom anderen Flussufer herüberschallende Kampflärm bewies, dass Nera’Rijen nur ein Nebenschauplatz gewesen, der Vorstoß vielleicht nicht mehr als ein energischer Täuschungs- oder Erkundungsvorstoß.
Die Entscheidung fiel an anderer Stelle, im Süden.

***

Alta‘Rijen

Die westliche Panzerkolonne stieß vor. Die Straßensperre der Terraner flog auseinander, als konzentrierter Beschuss aus drei schweren Magnetgeschützen – die diesmal Streumunition feuerten – die Barriere aus Sandsäcken und schwer beschädigten imperialen Fahrzeugen förmlich auseinanderriss. Ein weiser Entschluss – zwei schwere Explosionen verrieten, dass die Terraner die Barrikade von vorneherein als reines Täuschungsmanöver geplant hatten. Wären die Panzer einfach durchgewalzt…
Vorbei an den rauchenden Resten der Barriere rollten die Panzer, scheinbar unaufhaltsam. Bis zu dem Moment, da die Explosion ertönte.
Es war ein dumpfes Wummern, eine Explosion, nein, zwei, ja drei fast gleichzeitig – und viel stärker als jedes Geschütz oder Rakete der Kaiserlichen, ganz zu schweigen von den erbärmlichen Waffen der Terraner und ihrer Verbündeten am Ufer des Rijen.
Direkt neben der Straße schossen Fontänen von Dreck und pulverisiertem Beton aus einem zehnstöckigen Hochhaus. Für einen Moment stand der Gigant noch, unbesiegt in Rauch und Staubschwaden – dann neigte er sich, einem ebenso bedächtigen wie zerstörerischem Titanen gleich, auf die Kolonne der Kaiserlichen zu. Mit erderschütternder Gewalt stürzten hunderte Tonnen von Stahl und Beton herab – und begruben den mittleren der drei Führungspanzer, stoppten die Angriffskolonne.
Und während emporgeschleuderter Staub und Rauch auf hunderte Meter im Umkreis die Sicht nahmen, schwärmten die Terraner vor.

Das Gefecht war reines Chaos. Die imperialen Fahrzeuge waren geblendet, einige durch herumfliegende Trümmerteile beschädigt, Sensoren beeinträchtigt. Der unverhoffte Rückschlag hatte ihre Kampfmoral erschüttert. Zwischen ihnen schlugen Granaten und Raketen ein – die Terraner wussten genau, wo die feindliche Kolonne sich befand. Da sie sich auf dem Straßenabschnitt vor dem gigantischen Trümmerhaufen des gesprengten Wohnblocks staute, den die Radpanzer und Schweber unmöglich überwinden konnten, brauchten die Marines nur draufzuhalten – die Wahrscheinlichkeit eines Treffers war hoch genug. Die imperialen Fahrzeuge rammten sich gegenseitig beim Versuch Bewegungsfreiheit zu gewinnen, und es war ihnen in dem Staub fast unmöglich, den Gegner zu erfassen. Blindlings feuerten sie sie in alle Richtungen – doch auch wenn sie auf gut Glück immer wieder einmal ein Ziel trafen, der gegnerische Beschuss lag deutlich präziser.
Das Ende für den vordersten, vom Rest der Einheit getrennten und durch herumfliegende Trümmer bereits beschädigten Krat kam, als ein Marine sich durch den Staub vorarbeitete, und aus nicht mehr als 30 Metern Entfernung eine Rakete auf das Heck des Kampfgiganten abfeuerte. Die Hohlladung zerstörte den Motor und machte das Fahrzeug bewegungsunfähig. Kurz darauf traf eine weitere Rakete den Turm und blockierte den Drehkranz. Damit war das Fahrzeug effektiv ausgefallen.
Der Kommandant des Angriffsverbandes konnte nichts anderes tun, als den Rückzug befehlen. Hier war einfach kein Durchkommen. Zwei seiner schier unersetzbaren schweren Panzer und zu viele seiner leichten Fahrzeuge waren verloren oder beschädigt, die Infanterie dezimiert. Er wusste, seine Vorgesetzte erwartete von ihm, dass er weiter angriff. Doch er würde seine Männer nicht in einem blindwütigen Frontalangriff verheizen. Auch wenn das hieß, dass er zurückstoßen musste. Eine neue, wenngleich weniger breite Straße finden. Die Kolonne in Ordnung bringen und das weitere Vorgehen mit den übrigen Verbänden koordinieren.
Der Tag war nicht verloren, doch der Weg zum Sieg war zweifellos noch weit.
Thema: Kritik: Hinter den feindlichen Linien
Cattaneo

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24.01.2022 20:00 Forum: Kurzgeschichten


Aber ein Gesetz, für das sich kaum jemand interessiert, könnte genau so gut nichtexistent sein. Das ist es, wie es oft zu Kriegsverbrechen kommt.
Sie geschehen oft genug in einer Atmosphäre der Komplizenschaft zwischen Offizieren und Soldaten, in der man geltende Gesetze einfach ignoriert (wenn man sie denn kennt - viele der amerikanischen Soldaten in Vietnam waren wohl nicht mal belehrt worden, was die Konventionen besagen).

Was an der Story windig ist/erscheinen könnte?
Es ist eine anonyme Anschuldigung, von einem Kerl (oder Frau), der offenkundig paranoid ist, sich nicht an den Dienstweg hält (da wäre es seine oder ihre Pflicht gewesen zuerst dem Vorgesetzten Meldung zu machen - oder selbst einzuschreiten wenn sie/er Offizier ist), einen absonderliche Fixierung auf alte Legenden an den Tag legt (das muss ich nicht ausführen), und dazu noch einige recht abartige Handlungen unternommen hat. Anstatt, sagen wir, Aufnahmen an den JAG zu schicken, müssen wir ein bisschen Leichenschändung betreiben oder Steinchen im Kriegsgebiet auslegen... großes Grinsen
Da hat ganz offenkundig jemand bei WEITEM zu viel Freude an recht absurden Spielchen. Augenzwinkern

Das könnte schon zu der Ansicht führen, dass er oder sie nicht ganz ernstzunehmen ist.

Und was die Heimkehrer angeht - jene die austicken sind aber keineswegs automatisch Leute, die unbedingt Verbrechen gegen Kriegsgefangene begangen haben. Es dürfte auch etwas mit der generellen Waffenmentalität zu tun haben, und der sozialen Situation der Heimkehrer.
Die Mehrheit von denen, die Verbrechen begangen hat (wie die Mehrzahl jener die es in anderen Kriegen getan haben), haben sich relativ problemlos wieder eingefügt. Auch Leute, die WEITAUS schlimmere Dinge getan haben. Und glaub mir, ich habe mich mit dem weiteren Leben von so manchem Verbrecher beschäftigt.

Und was den JAG angeht - ich fand nur, dass die Häufung ALLER dieser Dinge ein bisschen viel ist. Zwei von vier Dingen wäre auch noch nicht schlecht gewesen...
Wenn er wirklich der Karriere wegen zum JAG gegangen ist, dann doch sicher nicht, weil er dem Schlachtfeld nachweint.
Sollte er dann zugunsten besagter Karriere nicht eher wie Yamashida über Akten brüten, Gesetztexte büffeln und sich sonst weiterbilden?
Die Rambo-Medaille bringt ihm keinen Pluspunkte in der Karriere... großes Grinsen

Und nein, ich habe das nicht ganz so in Erinnerung. Yamashida war nach meiner Erinnerung kein Ekelpaket. Wurde sie nicht in dem Moment zur Buhfrau, als sie gegen Cunningham ermittelte?
Daneben war das einzige Schlechte was man über sie sagen konnte (wenn ich nicht ganz falsch liege), dass sie etwas oberflächlich war und einen schlechten Geschmack in Sachen Männer hatte... Augenzwinkern
Thema: Kritik: Hinter den feindlichen Linien
Cattaneo

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22.01.2022 08:36 Forum: Kurzgeschichten


Dies ist unbestritten.
Aber ich habe doch gewisse Zweifel, dass man auf die Weise einfach mal so Kampfkunst bis zur höchsten Schülerstufe (ziemlich dicht unter dem Meistergrad) beherrscht, UND dann auch noch gewisse grundlegende Kenntnisse in einer zweiten, UND sich generell fit hält, UND regelmäßig schießen geht.
Da hat aber jemand eine Menge zu kompensieren... großes Grinsen

Kann natürlich sein, das JAG ist so ziemlich die einzige Dienststelle an Bord eines Trägers im Kriegseinsatz wo man Freizeit zur Genüge hat... Augenzwinkern

Ace, wie soll das eigentlich weitergehen? Soll er vor der geplanten Gegenoffensive der Akarii die Tyr in seinem letzten Text angekündigt hat rauskommen, oder nicht?
Das wäre ja wichtig dafür, wie wir die Texte timen.

Was Yamashida anging, die war vor allem unten durch, als die Sache mit Cunningham die Runde machte, glaube ich.
Thema: Kritik: Hinter den feindlichen Linien
Cattaneo

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21.01.2022 19:59 Forum: Kurzgeschichten


Na ja, es ging mir ja vor allem um Nuancen.
Ich fand halt nur man hätte die Fähigkeiten des JAG vielleicht etwas herunterschrauben können. So erscheint er doch ziemlich sehr perfekt, und es gibt nicht viele perfekte Leute.
Fast maßgeschneidert für einen Fall, von dem er nicht ahnen konnte, dass er je eintreffen würde.
Er ist Anwalt. Piloten halten sich fit, weil sie ihre Körper extrem belasten, und sie trainieren für den Kampf weil zumindest eine gewisse Chance besteht, dass sie nach einem Abschuss mit dem Gegner konfrontiert sind. Marines halten sich fit weil...na ja das muss ich nicht ausführen.
Wenn man jahrelang einen Schreibtisch fliegt, besteht diese Notwendigkeit und auch irgendeine Gefahr in eine Notsituation zu kommen NORMALERWEISE nicht. großes Grinsen

Und hätte es nicht vielleicht sein können, dass bei seiner Dienststelle und bei der MP es eben durchaus etliche gibt, die bei
a) so einer doch ziemlich windigen Story, die man mit Fug und Recht anzweifeln kann
und/oder
b) bei so einem (in ihren Augen, auch wenn sie es nicht offen sagen) unwichtigen Vergehen (wenn sie es denn überhaupt als eines sehen)
nicht unbedingt eifrig bei der Sache sind? Dass er spürt, dass die Begeisterung schwankend von Person zu Person und in etlichen Fällen doch sehr begrenzt ist, und es Skepsis gibt? Klar unterstützen ihn einige, aber eben nicht alle und andere sagen, lassen wir das lieber, das ist nur ein anonymer Spinner etc. (und denken insgeheim vielleicht "sind doch nur Akarii").

Ich denke, das wäre SO unplausibel nicht gewesen.

Aber vor allem anderen, die Einschätzung, Soldaten die so etwas tun würden signifikant häufig auch auf eigene Leute schießen, die hat mich irritiert, denn die stimmt natürlich nicht. Und das sollten sie eigentlich auch wissen.
Glücklicherweise ist mir aber auch eine gute Erklärung eingefallen, die diese Fehleinschätzung erklärt.
Kann natürlich sein, dass es Leute gibt, die es fälschlicherweise glauben, weil diejenigen wenigen die wirklich auffliegen die Extremfälle sind und eben jene, die wirklich außer Kontrolle geraten, während die meisten anderen gar nicht auffallen und damit nichts in Raster aufgenommen werden - wie eben Cunningham, Lilja, Cliff, Ghosthawk, Darkness... verwirrt
Thema: Kritik: Hinter den feindlichen Linien
Cattaneo

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20.01.2022 08:41 Forum: Kurzgeschichten


Nun, in dem Fall trügt dein Eindruck. Ich will es in einen realistischen Kontext setzen. Und der ist, dass die Vorstellung, dass solche Verbrechen primär von diagnostizierbar krankhaften Naturen begangen werden, nicht zutrifft.
Es wäre eine "schöne" Vorstellung, weil man sich dann sagen könnte, dass böse Taten nur von abgrund tief bösen Menschen begangen werden (die auch immer böse waren, sind und sein werden). Irgend etwas, was man auf eine kleine spezifizierbare Minderheit begrenzen kann.
Aber in Wahrheit sind es oft genug relativ "normale" Leute ohne eine nennenswerte Vorgeschichte. Und ich rede dabei auch von Dingen, die oft noch viel schlimmer sind als das was die Marines hier getan haben.

Und warum es nicht verfolgt wird? Weil selbst funktionierende Demokratien trotz aller geltenden Bestimmungen große Zurückhaltungen an den Tag legen, Verbrechen ihrer Soldaten gegen feindliche Kämpfer (und auch gegen Zivilisten) konsequent zu verfolgen. Die Beispiele kennen wir ja wohl alle genug.
Die FRT ist keine idealisierte Gesellschaft wie sagen wir die Föderation (die auch keinen wirklich reinen Track-Record in der Hinsicht hat), und deshalb gehe ich in der Tat davon aus, dass im sechsten Jahr eines verlustreichen Krieges der Drang, auf Grund anonymer Anschuldigungen etwaige Verbrechen gegen imperiale Soldaten zu untersuchen...sehr begrenzt ist.
Und warum dieses deprimierende aber etwas realistischere Bild nicht zeigen? Sollte man Krieg nicht zumindest ein bisschen so abscheulich zeichnen, wie er ist, anstatt ein geschöntes Bild vermitteln, in dem die "Guten" gut handeln, und der Konflikt ein "sauberes" Kräftemessen ist?

Und ich denke ja, wenn man Begriffe wie "enthemmte Bestien" und "Krebsgeschwür" verwendet, dann ist das doch irgendwie schon eine Meinung... verwirrt
Jedenfalls wohl kaum eine nüchterne Tatsachen- oder Rechtsanalyse...

Warum sollten denn die Täter eine Psychose entwickeln? Die meisten tun genau das eben nicht, auch jene nicht, die weiß Gott noch viel Abscheulicheres getan haben. Die haben sich anschließend relativ problemlos wieder integriert. Nicht alle, gewiss, aber doch die große Mehrheit.

Was Enthemmung angeht, die gibt es natürlich, aber die findet doch nicht erst oder primär durch die kriminellen Taten gegen Gegner statt, sondern beginnt bereits damit, dass man Leute zum Töten trainiert und ihnen jahrelang erzählt, dass der Gegner um jeden Preis vernichtet werden muss. Ihnen feindliche Kriegsverbrechen mitteilt (im Fall der Konföderation auch schon mal erfundene). Möglicherweise ein Bild von der kompletten angeblichen Anders- oder gar Minderwertigkeit des Gegners vermittelt (sei es gezielt oder durch kulturelle Vorprägung). Und natürlich durch die Erfahrung von Gewalt und die Ausübung von Gewalt und die leichte Verfügbarkeit von Waffen als Mittel um relativ einfach Gewalt auszuüben.

Die Gefahr, dass Soldaten sich gegen eigene Leute wenden, ist natürlich immer gegeben, aber sie hängt nicht in erster Linie davon ab, wie sie den Feind behandeln. Sondern eher von der Binnenstruktur der Einheit, der Frage ob etwa Offiziere und Mannschaften sich als Gegner sehen oder nicht, wie der Korpsgeist intern ist (ob von Schikanen geprägt oder nicht) und anderen Dingen - und natürlich ganz entscheidend von der jeweiligen Persönlichkeit.

Es wäre meiner Ansicht nach in der Tat realistisch gewesen zu warten bis die Stadt gesichert ist.
Ich vermute, unsere Vorstellungen von "ein wenig können" gehen ein wenig auseinander. Ständig schießen gehen und Gürtel dies und Rang das? Augenzwinkern Das ist schon etwas mehr.

Warum sollte ein Anwalt, der sicher auf einem Träger sitzt und niemals damit rechnen musste, einen feindlichen Soldaten von Angesicht zu Angesicht gegenüberzustehen, den Wunsch verspüren, unbedingt in Kampfkunst zu brillieren oder ständig schießen zu gehen. Außer, weil er sich unbedingt als "echter Soldat" vor sich selbst beweisen muss...
Er konnte ja wohl kaum ahnen, dass ihn irgendwann ein Artusfixierter Informant in eine Kampfzone schicken würde. großes Grinsen
Thema: Kritik: Hinter den feindlichen Linien
Cattaneo

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19.01.2022 19:48 Forum: Kurzgeschichten


Nun, es ist durchaus unterhaltsam, wieder was von Ace zu lesen (wobei du dir auch die von Ironheart erdachte und von mir weitergenutzte Eda Waskiewisz hättest ausleihen können, als ihre weitaus attraktivere Kollegin großes Grinsen ).

Ich würde keiner attraktiven Frau trauen, die Dolores heißt, das kann ein schlimmes Ende nehmen... fröhlich

Gewisse Bedenken habe ich beim zweiten Teil.
Also Ace, ich hoffe du nimmst mir das nicht übel zu, aber wenn der JAG und die MP glauben, dass jene die auf Gegner die kapitulieren wollen oder schon kapituliert haben schießen "statistisch gesehen" auch viel zu oft auf Kameraden schießen, beweist das meiner persönlichen Meinung nach nur eines.

Nämlich, dass sie gründlich falsch liegen und ihre Kenntnis vom Krieg und Kriminalität aus mittelmäßigen Romanen und Filmen haben, und nicht aus Prozessen, Akten und Berichten, geschweige denn aus eigenen Erfahrungen mit den Verdächtigen.
Die traurige Wahrheit ist nämlich, dass solche Dinge beispielsweise auf der Erde in beiden Weltkriegen bei so ziemlich allen Streitkräften (und in vielen, vielen Kriegen davor und danach auch) vorgekommen sind (und nicht zu knapp) und mit Gewissheit auch heute noch vorkommen. Und natürlich auch bei der Army und dem Marines Corps der FRT. In diesem krieg, tw. sicher auch bei Aktionen wie der Jagd auf Aufständische auf Pandora etc.

Zugleich aber ist es auch wahr, dass es weit, weit häufiger vorkommt als das Schießen auf eigene Leute (und dass etliche, die auf eigene Leute schießen, nie einem Gefangenen was getan haben).
Entgegen gern bedienter Vorstellungen sind es nämlich keineswegs nur oder primär Sadisten, Psychopathen oder ein enthemmter Mob (wiewohl es das natürlich alles auch gibt), die diese Art Kriegsverbrechen begehen.

Und ein bisschen wundere ich mich, wenn ich die Anwälte und Ermittler sehe, die in Kriminellen/Verdächtigen stets "Krebsgeschwüre" und "enthemmte Bestien" sehen, erst Recht von vorneherein, allein auf Hörensagen hin...
Da fragt man sich schon, was für Vorbilder die eigentlich hatten als sie ihren Beruf angetreten haben. Augenzwinkern

Die Wahrheit ist, in vielen Fällen sind die Täter "ganz normale" Soldaten, die ansonsten auch weitgehend (im militärischen Sinne) normal "funktionieren". Und weder im Einsatz noch im Zivilleben sonderlich auffallen.

Wie man ja in unserem Beispiel auch an den Piloten sieht, denen so etwas anzulasten ist was an der Grenze zum Kriegsverbrechen liegt oder auch über die Grenze hinausgeht - wie Lilja (mehrfach), Imp (mindestens einmal) oder Cunningham (dito, der hat, glaube ich, mindestens einen Imperialen gebraten). Oder Cliff, oder...
Und vermutlich etliche weitere im Geschwader auch.

Hätte es nicht zumindest sein können, dass es unter den JAG oder MP einige gibt, die dem Kreuzzug des Anwalts mit weniger Begeisterung gegenüberstehen?

Und ich muss sagen, der gute JAG ist ja ein echter Alleskönner. Augen rollen
Fürchtest du nicht, andere Charakter sehen da etwas wie Versager aus gegen solche Hansdampfe auf allen Gassen?
Ich hätte die Marine-Scharfschützin vermutlich doch zu einer begnadeten Malerin oder Konzertpianistin machen sollen, um mitzuhalten. rotes Gesicht
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