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Zum Ende der Seite springen Chevaliers Season V
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Thorsten Kerensky
Colonel


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Sulafat, Präfektur Buckminster, Militärdistrikt Benjamin, Drakonis Kombinat
Landezone der Danton’s Chevaliers
26. Juli 3067, 07:30 Uhr

Das blasse Licht der ersten Sonnenstrahlen leuchtete beinahe gespenstisch auf dem Nebel, der aus dem dichten Dschungel Sulafats empor stieg und tauchte die gesamte Szenerie in eine unwirkliche Ruhe. Die Landezone der Chevaliers brodelte vor hektischen Vorbereitungen, während sich die Pioniere, die Sanitäter, aber natürlich auch die Kampftruppen bereit machten für eine Konfrontation mit einer unbekannten Anzahl an Clankriegern der Geisterbären. Natürlich waren sie nicht komplett fertig geworden, natürlich hätten sie mehr Zeit gebraucht, bestenfalls sogar noch etwas Ruhezeit obendrauf. Aber sie hatten viel geschafft und erledigten mit jeder verstreichenden Minute etwas mehr von ihrem Arbeitspensum.
Jara wusste, dass es ihre Aufgabe war, zusätzliche Zeit zu erkaufen. Ihre Lanze war vorbestimmt für den ersten Feindkontakt und sollte jetzt eigentlich genauso hektisch beschäftigt sein, wie der Rest der Einheit. Aber hier oben, mehr als zehn Meter über dem Erdboden, im Cockpit ihres Waldwolf-OmniMechs, spürte Jara eine Ruhe und einen Frieden, den sie sonst nirgendwo fand. Diese letzten Augenblicke vor einer Schlacht waren ihr persönlicher Moment der Meditation, hier bekam sie ihren Kopf frei von allen störenden Gedanken und wurde eins mit den fünfundsiebzig Tonnen Stahl, Myomeren und Waffen, die sie ins Gefecht zu führen gedachte.
Ein letztes Mal ging sie im Kopf alles durch, führte sie die Stärken und Schwächen ihrer Lanzenmitglieder vor Augen, fokussierte sich mit einfachen Atemübungen und – vor allem – drückte die Ängste und Zweifel beiseite. Das Gespräch mit Fleischer hatte sie stärker aufgewühlt, als sie ihm oder Copeland oder auch nur sich selbst einzugestehen bereit war und Jara brauchte ein paar zusätzliche Atemzüge, um sich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren.
Einatmen. Corporal Hanna Dünkirch, Callsign Hope, in einem Natter-Mech in der Primär-Konfiguration. Klein, leidlich wendig und flink, starker Punch für die Gewichtsklasse, aber eben auch nur leicht geschützt. Die Pilotin vergleichsweise unerfahren, aber solide in der Führung ihres Waffensystems.
Ausatmen. Sergeant Haruka Yamada, Callsign Katana, ihre Stellvertreterin in einem Bluthund, Beta-Konfiguration. Der Jack-of-all-Trades in der Lanze mit einer guten Mischung aus Reichweite, Feuerkraft und Durchhaltevermögen. Haruka war eine erfahrene, sehr gute Pilotin und hatte sich auch unter Feindfeuer mehr als einmal bewiesen. Jara war froh, sie dabei zu haben.
Einatmen. Corporal Eliden Kush, Callsign Zelot, ein vielversprechender Mechpilot, der als ihr Fanboy den Weg zu den Chevaliers gefunden hatte. Mittlerweile war er davon zum Glück etwas abgerückt und hatte sich gut eingelebt. Ihm fehlte jegliche echte Kampferfahrung, aber er hatte bisher gute Leistungen auf seinem Mech gezeigt. Steuerte einen Bluthund in der Primär-Konfiguration mit massiver Langstrecken-Power.
Ausatmen. Major Jara Fokker höchstselbst, Callsign Sparrow. Je nachdem, wen man fragte, entweder völlig überbewerteter Emporkömmling ohne nennenswerte militärische Qualität oder aber der hellste Stern am Söldnerhimmel. Sie war entschlossen, auch heute wieder zu beweisen, dass sie mit ihrem Waldwolf eine Kraft auf dem Gefechtsfeld war, mit der man rechnen sollte.
Einatmen. Wie gerne hätte sie Kyle Kotare an ihrer Seite gewusst, den ehemaligen Nebelparder, mit dem sie so oft durch Dick und Dünn gegangen war. Sie hatte kurz mit der Idee gespielt, ihn für diesen Einsatz in ihre Lanze zurückzuholen, aber er war als stellvertretender Kompaniechef und Anführer ihrer 2. Lanze zu wichtig.
Ausatmen. Blieben ihre Gegner. Zwei überschwere Giganten, geführt vermutlich von den besten Pilotinnen oder Piloten aus den Reihen der Geisterbären. Jara hatte sich so gut wie möglich über StarCaptain Rhayla informiert und musste zugeben, dass ihre Gegnerin ihr Respekt abverlangte. Das bevorstehende Duell konnte ausgesprochen hässlich werden, zumal die traditionellen Ehrenregeln der Clans hier wohl kaum Anwendung würden finden werden.
Trotzdem – oder gerade deswegen – brannte Jara förmlich darauf, endlich zu beginnen. Am liebsten wäre sie jetzt schon vorgeprescht, um die langsamen feindlichen Maschinen aufzuscheuchen, zu stellen und zu bekämpfen. Aber mehrere Gründe sprachen dagegen. Einerseits hatte das Duell noch gar nicht formell begonnen, andererseits sollte sie möglichst viel Zeit erkaufen. Was auch immer nach diesem ersten Gefecht passierte, sollte die Chevaliers so gut vorbereitet wie möglich treffen. Und zusätzlich sollte sie ihre Lanze mit möglichst geringen Schäden aus der Affäre ziehen, um im Anschluss weiterhin gefechtstauglich zu sein. Und so wurde aus der ganzen Sache tatsächlich eine ambitionierte Herausforderungen.
Die Ruhe wurde abrupt unterbrochen, als eine Folge von Pfiffen über den Lanzenfunk ertönte. Hoch-tief-tief. Hoch-hoch-tief. Hoch-tief-tief. Hoch-hoch-hoch-tief. Lang-kurz-kurz-kurz-lang. Und so weiter. Jara erkannte die Melodie und rollte innerlich mit den Augen.
„Zelot, ist das nicht ein wenig übertrieben? Die Musik zur finalen Schlacht von ‚Ewiger Krieger, Sieg auf Donegal‘? Wäre es eine Nummer kleiner nicht auch gegangen?“, meldete sich Yamada zu Wort.
Kush lachte: „Ich kann auch das Lied des Himmelfahrtskommandos aus ‚Die eiserne Kompanie‘, aber das erschien mir noch unpassender.“
„Es ist beides fürchterlicher Schund“, kommentierte Yamada. „Kulturell bestenfalls Mittelmaß.“
„Oh, kein Problem“, lenkte Kush ein. „Wie wäre es mit einem aus dem Kombinat? ‚Blut auf den Wiesen | noch ist es nicht vorüber | das Schwert in der Hand?‘ Passt das besser?“
Nun musste auch Yamada lachen: „Unbedingt. Das ist vermutlich mit Abstand das schlechteste Haiku, dass jemals gedichtet wurde. Und die Darstellung der Kombinatstruppen war auch sehr… idealistisch.“
„Ein Propaganda-Film. Aber da sind sie am Ende doch alle“, mischte sich Dünkirch ein. „Und nach all den Wochen im Landungsschiff fühle ich mich so gar nicht nach Propaganda.“
„Bessere Vorschläge?“
„Natürlich“, kam es zurück. „Es gibt da ein Gedicht, dass mich sehr bewegt hat. Ist aber nicht aus einem der ganz großen Filme.“
„Lass hören!“, forderten Kush und Yamada fast synchron.
„Na gut“, gab Dünkirch nach und räusperte sich.
„Wohin uns auch der Wind geweht,
wo staubig-stolz die Fahne weht…“
Jara, die bisher nur mit einem Ohr und bestenfalls amüsiert zugehört hatte, während ihre Lanze sich die Wartezeit verkürzte, horchte auf. Sie kannte dieses Gedicht.
„…und wir in Tag und Nacht versinken,
wenn Valkyren grüßend winken.“
Die Worte kamen nach nur einem winzigen Moment wieder ins Gedächtnis geschossen und sie stimmte ein.
„Fand ich nicht Ruhm, noch Vaterland,
reicht mir zum Tanz der Tod die Hand,
dort reißt der Krieg mich mit sich fort,
und ich leb dennoch weiter,
klingt mein Name trüb und heiter,
in meiner Kameraden Wort.“
„Seht, seht“, spöttelte Yamada. „Unser Chefin hat nicht nur jedes einzelne Handbuch, sondern auch noch Gedichte gelesen.“
„Man mag es kaum glauben“, gab Jara zurück. „Und da jetzt rausgekommen ist, dass ich lesen kann, wissen wir auch, warum ich die Chefin bin.“
Das brachte ihr ehrliche Lacher ein. Soldaten und Söldner, Kämpfende aller Waffengattungen quer durch die Innere Sphäre und den Clan-Raum mochten so verschieden sein, wie es nur ging. Jara hatte in ihrem kurzen Menschen- und langen Söldnerleben schon so viele unterschiedliche Personen getroffen. Nur eins hatte sie alle, ausnahmslos alle geeint – ein mehr oder weniger offener Hang zum Pathos und ein trockener und teils extrem zynischer Humor. Möglicherweise war das der Preis für ein Leben in einem hochriskanten Beruf.
Allerdings – und das zeigte das Verstummen des Gequatsches über den Funk – schlummerte darunter oft auch eine sehr tiefe Nachdenklichkeit und Verletzlichkeit. Und so blieb jeder von ihnen für sich, still und in sich gekehrt, bei den ganz eigenen Gedanken über Krieg und Frieden, Sieg und Niederlagen, Leben und Tod.

Als ihr Funkgerät erneut zu Leben erwachte, war Jara vollkommen präsent im Augenblick und mit jeder Faser ihres Seins bereit zum Kampf.
„An den Stern der Einheit Danton’s Chevaliers, der unser Gegner für dem Widerspruchstest sein soll! Hier spricht StarCaptain Rhayla von Clan Geisterbär. Ich stelle mich dem Test und bin bereit, das Ergebnis zu akzeptieren. Wer vertritt das Haus Odaga und die Danton’s Chevaliers?“
Jara öffnete ihr Mikrofon und antwortete mit emotionsloser Stimme, fest, klar und deutlich: „StarCaptain Rhayla von den Geisterbären! Hier spricht Major Jara Fokker von den Danton’s Chevaliers. Im Namen von Haus Odaga werde ich im Widerspruchstest gegen dich antreten und bin bereit, das Ergebnis zu akzeptieren. Möge dieser Tag uns allen Ehre bringen.“
„Gut gehandelt und akzeptiert, Jara von den Wölfen“, tönte Rhaylas Stimme mit einer Prise Spott über die Funkverbindung.
Jara war nicht überrascht. Ihr Lebenslauf war kein Geheimnis. Sie fragte sich kurz, was ihre Gegnerin sich von der vermeintlichen Stichelei versprach, verdrängte den Gedanken dann aber wieder. „Bis eine Seite besiegt ist oder sich aus dem Kampfgebiet zurückzieht“, hielt sie der Form halber fest und schloss dann ihr Mikrofon wieder.
Sie wechselte auf den internen Kommunikationskanal ihrer Lanze: „Rhaylas Funkspruch kam über ein offenes Breitband, entsprechend nicht gut zu orten. Das Gefechtsfeld ist mehrere Kilometer in jeder Richtung groß und im Moment können wir dank Sulafats Besonderheiten nur raten, wo sich die beiden Sturmklasse-Mechs aufhalten. Wir haben es aber zum Glück auch nicht eilig. Wir gehen vor wie abgesprochen. Hope, du setzt dich leicht flankierend von uns ab. Zelot, Katana, wir bleiben zusammen, wenn auch mit ausreichend Abstand zwischen unseren Positionen. Achtet auf Eigenschutz. Wir haben es nicht eilig. Haltet den Munitionsverbrauch gering. Passt auf euch auf und gute Jagd!“
Die anderen Lanzenmitglieder bestätigten nacheinander und begannen, in aller Ruhe und Gelassenheit mit der Ausführung der Pläne. Wie geplant ließen sie sich Zeit, vermieden hektische Bewegungen und Jara ließ die Lanze zunächst sehr gründlich und umschauend den dichten Dschungel absuchen. Je länger dies dauerte, je mehr Zeit sie damit zubrachten, desto stärker wurde ihr Eindruck, dass auch StarCaptain Rhayla keine Eile dabei hatte, den Kampf aufzunehmen. Spielte sie ebenfalls auf Zeit?
Bedeutete das tatsächlich eine Invasion durch einen ganzen Sternhaufen an Clan-Mechs? Oder führte sie die Chevaliers nur in Richtung ihres lauernden Trinärsterns? Oder war sie einfach eine sehr defensive Kriegerin, die darauf wartete, dass Jara den ersten Fehler machte?
Ganz egal, was die Gründe waren, das Abtasten zog sich hin und begann, die Söldner langsam zu zermürben. In einer Stresssituation funktionierte das Zeitgefühl anders als üblich. Minuten konnten sich wie Stunden anfühlen, wenn man auf etwas wartete. Stunden konnten sich aber auch wie Minuten anfühlen, wenn man erstmal so richtig tief in der Scheiße steckte.
Gerade die Phase vor einem Gefecht war übel. Während man einerseits lediglich Routineaufgaben ausführte, durfte man andererseits gleichzeitig nie in seiner Aufmerksamkeit nachlassen. Oft genug war das der Punkt, an dem irgendwann die Disziplin nachließ und eine Einheit überrumpelt werden konnte. Jara unterband daher jeglichen SmallTalk und ließ die Lanze ein Suchraster abarbeiten, gründlich und vor allem langsam. Auch wenn sie heimlich hoffte, zu scheitern und nicht genug Zeit rauszuholen, denn der Wunsch zu kämpfen, brannte heiß in ihr. Und auch für die anderen drei Chevaliers ihrer Lanze galt, dass die Anspannung, das ständige Rechnen mit einem Überraschungsangriff und die lauernde Gefahr begannen, Wirkung zu zeigen und eine Belastung darzustellen.
Vielleicht waren es deswegen die Geisterbären, die ihre Gegner zuerst entdeckten.
Wie aus dem Nichts war die Ruhe vorbei. Das erste war Hopes panisches Rufen über den Lanzenfunk: „Waffenfeuer auf meine Position. PPKs und Laser. Ich versuche auszuweichen. Sparrow, ich hab den verdammten Giftzwerg entdeckt. Oder er mich. Ich könnte hier Hilfe gebrauchen.“
„Ruhig bleiben“, befahl Jara. „Katana, vorrücken, Feuerdeckung für Hope. Hope, zwei Schüsse mit deinen PPKs auf die Distanz und dann lass dich auf Katanas Position zurückfallen. Hat wenig Sinn, wenn du dich alleine mit einem Sturmklasse-Mech anlegst.“
„Und ich?“, wollte Zelot wissen.
„Abwarten, ruhig bleiben. Wir greifen nur ein, wenn nötig. Irgendwo läuft hier auch noch ein Höhlenwolf rum.“
Über den Funkkanal drang Gefechtslärm und Jara verschaffte sich auf dem Taktikdisplay eine grobe Übersicht über die Situation. Hope war dem Beschuss ziemlich gut ausgewichen und hatte bisher nur oberflächliche Panzerungsschäden verkraften müssen. Katana schloss zügig auf, würde aber vermutlich zu lange brauchen.
„Hope, Absetzbewegung, jetzt!“
„Verstanden. Eine Salve PPKs, dann bin ich hier weg!“
Das unverwechselbare Knistern und Zischen der Partikelprojektorkanonen dröhnte durch den Äther, dann verschwand das rote Symbol auf Jaras Taktikdisplay so unverhofft wieder, wie es aufgetaucht war und schlagartig setzte wieder diese gespenstische Stille ein.
„Hope, Bericht!“, verlangte Jara.
„Ich… Ma’am… der Giftzwerg ist umgefallen. Mein Bordcomputer berechnet die Schäden, moment… Scheiße, ich glaub es nicht. Ma’am… Ich…“
„Hope!“, blaffte Jara. „Eine ordentliche Meldung! Was ist da los?“
Katana mischte sich ein und ihre Erfahrung machte sich bemerkbar, als sie ruhig und sachlich ein Update zur Lage gab: „Ma’am, Hope hat einen direkten Treffer in das Cockpit des Giftzwergs erzielt.“
„Mit einer PPK?“, hakte Jara nach.
„Korrekt“, bestätigte ihre Stellvertreterin. Nicht dass die Natter nennenswert andere Waffen geführt hätte. „Der Giftzwerg ist raus. Das kann der Pilot nicht überlebt haben.“
„Respekt. Glückwunsch zum ersten Abschuss, Hope. Aber nicht zu früh freuen, einen haben wir noch vor uns. Wir stoßen erst an, wenn hier alles vorbei ist, verstanden?“
„Verstanden, Ma’am“, kam die Bestätigung.
Nur Augenblicke später überschlugen sich die Ereignisse erneut. „Zweite Ortung“, schrie Katana. „Höhlenwolf, stürmt direkt auf unsere Position zu. Hope, aufpassen!“
„Verflucht, der hat mich in der Ortung. Shit, shit, shit! Ich hau ab, das wird… Argh! Ich bin getroffen. Meine halbe rechte Seite ist weg. Ich brauch hier Hilfe!“
„Schon da“, kommentierte Katana trocken und Jara konnte Langstreckenraketen und Laserstrahlen in der Ferne durch den Dschungel rasen sehen.
„Zelot, los geht’s. Wir gehen auf Gefechtsweite ran. Raketen scharf stellen, wir feuern sobald wir in Reichweite sind. Zwei Salven in der Breite, danach nach eigenem Ermessen.“
„Verstanden“, bestätigte ihr Flügelmann und die beiden schweren Maschinen setzten sich in Bewegung.
Innerlich fluchte Jara lauthals. Wenn sie nicht wollte, dass Rhayla mit ihrem Höhlenwolf einfach durch Hope und Katana durchwalzte, musste sie massives Sperrfeuer legen und ihre Munitionsbestände über Gebühr belasten. Zusammen mit den Schäden an dem leichten Mech hatte sie das Ziel der möglichst geringen Materialbelastung bereits jetzt gründlich verfehlt.

Vielleicht war es die massive Wand aus anfliegenden Langstreckenraketen, vielleicht war es die Aussicht auf den Kampf mit gleich drei schweren OmniMechs – vielleicht war es aber auch etwas völlig anderes, aber der Höhlenwolf brach seinen Sturmlauf abrupt ab und begann eine Absetzbewegung, wobei er weiterhin massives Feuer in Richtung des leichtesten Mechs aus Jaras Lanze gab. Jetzt aber fahriger und schlechter gezielt, was es Hope ermöglichte, weiteren kritischen Treffern auszuweichen.
„Er haut ab!“, jubelte Zelot triumphierend.
„Vorerst“, dämpfte Jara die vorschnelle Siegesfreude. „Wir sind hier noch nicht fertig und müssen immer noch einen Sturmklasse-Mech stellen und zur Strecke bringen.“
Sie studierte ihre Taktik-Bildschirme und freute sich über den Moment der Ruhe. Den Höhlenwolf sich zurückziehen zu lassen, fiel ihr leicht – immerhin war ihre Aufgabe ja vor allem, Zeit zu erkaufen und nur in zweiter Linie ein erfolgreicher Test.
„Hope, du siehst zu, dass du zurück zu unseren Stellungen gelangst und deinen Mech zusammenflicken lässt. Hier kannst du im Moment nicht mehr viel ausrichten. Ich biete dich für den Rest des Tests weg.“
„Wirklich?“, kam der halbherzige Protest. „Ich bin die einzige hier, die bisher einen Abschuss verbucht hat.“
Jara musste grinsen: „Gut gehandelt, aber nicht akzeptiert. Ruh dich aus, pinsel dir einen Abschussmarker unters Cockpit und sieh zu, dass du später fit bist. Ich würde meinen linken Arm darauf verwetten, dass das heute noch ein langer Tag wird.“
„Verstanden, Sparrow“, gab die Mechpilotin nach. „Gute Jagd euch weiterhin, ich geh mich Duschen und frühstücken.“
„Dusche und Frühstück?“, echote Katana. „Ich hätte meinen Mech vielleicht auch zerschießen lassen sollen. Hat nicht funktioniert, wie geht’s dann für uns weiter, Sparrow?“
Mit geschickten Bewegungen markierte Jara taktische Punkte auf ihrer Geländekarte und teilte sie mit den verbliebenen zwei Mitstreitern. „Wir schauen, dass wir den Höhlenwolf langsam und vorsichtig einkreisen. Wir sind ihm vor allem auf der Distanz überlegen, also werden wir versuchen, ihm nicht zu nahe zu kommen. Danach ist der Plan vergleichsweise simpel. Möglichst viel Schaden anrichten bei möglichst großem Eigenschutz. Energiewaffen priorisieren, wir wollen den Munitionsverbrauch nicht noch weiter hochschrauben. Fragen?“
„Negativ“, bestätigten Katana und Zelot und begannen, ihre Mechs entsprechend Jaras taktischer Vorgaben im Gelände einschwenken zu lassen.
Danach breitete sich konzentrierte Stille aus, die Jara Zeit ließ, ihren Gedanken nachzugehen.
Sie war von Kindesbeinen an Söldnerin und seit ihrem sechszehnten Geburtstag nahm sie als Mechkriegerin an Gefechten teil. Man konnte mit gutem Recht sagen, sie sei auf dem Schlachtfeld aufgewachsen und bisher hatte ihr das einen enormen Vorteil verschafft. Jara war geradezu stolz darauf, im Einsatz wie eine Maschine zu funktionieren, sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen und auch in kritischen Momenten hochkonzentriert zu sein. Auch deswegen hatte sie es bei den Chevaliers geschafft, in vergleichsweise kurzer Zeit eine extrem steile Karriere hinzulegen. Die Einheit und die Mission an erster Stelle zu sehen, Entscheidungen ohne Rücksicht auf sich selbst treffen zu können und jede Herausforderungen und jeden Rückschlag stoisch zu ertragen, das waren ihre Markenzeichen geworden. Das alles hatte Jara zur perfekten Kriegerin und Offizierin gemacht und zu einer Hoffnungsträgerin für so viele verschiedene Gruppen.
Und jetzt?
Sie seufzte leise genug, um das Funkgerät nicht auszulösen. Was war jetzt?
Jetzt hatte sie das Gespräch mit Dr. Fleischer geführt. Ein Gespräch, das sie nachdenklich stimmte, das sie aus ihrem inneren Gleichgewicht gebracht hatte. Fragen, die durch ihren Kopf kreisten, Sorgen, Unsicherheiten. Und zum ersten Mal, zum allerersten Mal war da ein neues Gefühl, eines, das sie noch nicht gekannt hatte. So eine Mischung aus Angst und Hoffnung und Ungeduld und Widerspenstigkeit und ganz vielen anderen Dingen.
Jara versuchte, dieses Gefühl nicht an sich heranzulassen, es zur Seite zu schieben. Sonst war sie darin sehr gut, aber diesmal wollte es ihr nicht ganz gelingen.
Hätte sie auf Fleischer hören sollen? Zurückbleiben? Die Verantwortung, ihr Kommando abgeben? Aber an wen? Und was hätte das für einen Effekt auf die Moral gehabt?
Wieder seufzte sie leise, während die Minuten sich zu Stunden dehnten.
Wohin war der Höhlenwolf verschwunden? Warum stellte er sich nicht zum Kampf? Wie konnte man ein derart schweres und gewaltiges Stahlungetüm verstecken? Und mit welcher…
Ein Laserblitz riss Jara aus den Gedanken und ins Hier und Jetzt zurück.
„Beschuss aus 10 Uhr!“, rief Zelot über Funk. „Scheint, als hätten wir ihn gefunden.“
„Oder er uns“, kommentierte Katana bissig, während sie selber Laserfeuer in die Richtung abgab, aus der sie beschossen worden sind.
„Ortung?“, wollte Jara wissen.
„Negativ, ich hab nichts auf den Sensoren“, antwortete ihr Flügelmann. „Aber Sparrow, das ist seltsam…“
„Was ist seltsam?“, hakte Jara nach.
„Ich hab einen Treffer am Bein kassiert. Direkter Beschuss. Der Schaden ist aber minimal. Der Höhlenwolf hat so kleine Laserwaffen aber doch gar nicht, oder?“
„Zumindest keine, die er einsetzen könnte, bevor wir ihn orten“, pflichtete Jara bei. Wenn aber nicht der feindliche Mech auf sie gefeuert hatte, wer dann?“
„Kurzstreckenraketen aus 03 Uhr!“, gellte Katanas Stimme plötzlich auf.
Und dann sah Jara den Grund, als sich mehrere kleine Gestalten auf Sprungdüsenstrahlen aus ihren versteckten Stellungen erhoben und die beiden Bluthund-Mechs mit Laser- und Raketenfeuer eindeckten.
„Kröten!“, schrien Zelot und Katana fast gleichzeitig, als sie von den Clan-Elementaren angegriffen wurden.
„Zurückfallen!“, kommandierte Jara und schob ihren Waldwolf vor, um ihre schwerere Laserbewaffnung zum Tragen zu bringen. „Lasst sie nicht an euch rankommen.“
Sie feuerte auf den ihr nächsten Elementar, verfehlte ihn und grunzte zufrieden, als sie durch puren Dusel den dahinter laufenden Angreifer mit ihren Laserstrahlen aufspießte.
Dann öffnete sie den Funkkanal zur Einheit. „Copycat von Sparrow! Hörst du mich?“
„Sparrow, hier ist Copycat. Ich höre dich laut und deutlich. Meldung!“, antwortete die ruhige Stimme von Harrison Copeland aus dem Aufmarschbereich der Chevaliers.
„Wir werden von Elementaren angegriffen. Scheint als sei der Test hinfällig. Sollen wir an dem Höhlenwolf dranbleiben, franeg?“
„Negativ. Kümmert euch um die Elementare, bevor ihr… Moment!“
Der Funkkanal wurde für einen Augenblick stumm, während Jara und ihre beiden Mitstreiter damit beschäftigt waren, die Elementare auf Abstand zu halten.
Endlich drang Copelands Stimme wieder über den Äther: „Sparrow, sammelt euch und fallt bis auf unsere Höhe zurück!“
„Verstanden, Copycat. Sammeln und zurückfallen. Ich nehme an, das liegt nicht daran, dass die Geisterbären ihren Fehler eingesehen haben und aufgeben?“
„Leider nicht. Eher das Gegenteil. Ich hätte euch gerne wieder zurück bei uns. Bevor ihr Sternhaufen eintrifft.“

__________________
Ama-e-ur-e
is-o-uv-Tycom‘Tyco
is-o-tures-Tesi is-o-tures-Oro
is-u-tures-Vo-e-e

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Es kam nicht oft vor, dass Anisha Gourdel, ihres Zeichens SternColonel und Kommandeurin des 2. Regulären Geisterbären-Sternhaufens, unsicher war. Im Moment musste sie sich leider eingestehen, dass genau das der Fall war. Natürlich war sie erzürnt über die Luft/Raumjäger-Angriffe auf ihren Clan. Natürlich nahm sie die Attacke mit einem genmodifizierten, tödlichen Virus, der höchstwahrscheinlich von Sulafat stammte, mehr als persönlich, und natürlich juckte es ihr in den Fingern, in ihren Mech zu steigen und mit dem den Tätern in den Arsch zu treten. Aber sie fragte sich nicht das erste Mal, warum die Faktenlage mit dem Ursprung der biologischen Waffe so gefährlich offensichtlich gewesen war. So eindeutig. So beweisbar.
Dazu kam, dass die Draconier auf der anderen Seite der Grenze ihren eigenen Ärger hatten. Unbekannte Claneinheiten hatten die Planeten der Häuser Shimatze und Odaga attackiert und teils schwerste Verwüstungen angerichtet, vor allem auf der Odaga-Hauptwelt. Während Haus Shimatze relativ glimpflich davon gekommen war. Ein Schelm, der dabei dachte, dass die Clanner im Kombinat und unbekannte freigeborene Söldner auf Geisterbärengebiet ganz zufällig zur gleichen Zeit und quasi auf gegenüberliegenden Seiten der gemeinsamen Grenze in Aktion getreten waren.
Der überraschende Aufbruch von SternCaptain Rhayla hatte ihr dann keine Wahl gelassen. Wollte sie ihr Gesicht nicht verlieren, ihren Blutnamen nicht beschädigen, musste sie sofort hinterher kommen. Und Rhayla wusste das natürlich.
Die Frage, die sich ihr nun stellte, war, was die nächsten Stunden bringen würden? Rache, oder Schadensbegrenzung? Ihr Sprung zum Sprungpunkt Lagrange 2 auf der dem Mond gegenüberliegenden Seite von Sulafat bedeutete, dass ihre Ankunft mit etwas Glück erst spät bemerkt werden würde. Auch waren ihre Trinärnovas bereits kampfbereit. Der Piratensprungpunkt ermöglichte auch eine sehr schnelle Annäherung an den Planeten. Vielleicht schnell genug, sodass die Sphärler nicht würden reagieren können. Oder zumindest nur beschränkt.

„Anisha?“, fragte SternCaptain Frank Gourdel, ihr Stellvertreter und Vertrauter.
Die SternColonel erwachte aus ihrer Grübelei und kam an den Holotisch zurück. „Was gibt es, Frank?“ Ja, sie beide kamen so gut miteinander aus, dass keiner den vollen Namen ihres Blutshauses an den Eigennamen hängte. Sie vertraute Frank, und Frank vertraute darauf, dass Anisha ihre Kometengleiche Karriere fortsetzte und ihn mit sich zog.
„Das ist, was wir über die derzeitige Lage auf Sulafat herausfinden konnten. Demnach sind unbekannte Einheiten auf dem Planeten gelandet und haben sich mit den Inspekteuren ComStars angelegt, den Höllenhunden.“
„Freigeborene und Söldner.“ Anisha versuchte, den Spott aus ihrer Stimme rauszuhalten, aber es gelang ihr nicht ganz.
Frank sah sie ernst an. „Die Höllenhunde sind Teil der Dantons Chevaliers, Anisha.“
Das ließ die Clannerin stocken. Die Chevaliers unter Germaine Danton hatten einen gewissen Ruf im Dominion, seit sie es geschafft hatten, einen draconischen Renegaten, der versucht hatte, einen weiteren Krieg zwischen Kurita und Bären loszubrechen, zu verhindern.
Frank grinste breit. „Es kommt noch besser. Die Chevaliers sind auch gerade auf Sulafat gelandet. Offiziell, um die Höllenhunde abzuholen.“
„Und inoffiziell?“
„Es gibt kein inoffiziell. Aber sie sind da, und sie stehen nicht nur auf der Seite der Höllenhunde, sondern auch auf der Odaga-Seite, die SternCaptain Rhayla angeklagt hat, den Virus produziert und bei uns verteilt zu haben.“
„Der Planet ist aufgeteilt in zwei Enklaven, richtig? Eine Hälfte gehört Haus Odaga, die andere Hälfte Haus Shimatze. Beide litten unter den Angriffen dieser angeblichen Clanner, und nun scheint sich eine weitere Piratentruppe eingemischt zu haben.“
„Oder die gleiche, nur mit einer anderen Tarnung“, sagte Frank. „Warum an Zufälle glauben, wenn es auch einfache Erklärungen gibt?“
„Pos“, sagt Anisha. „Wir schließen es nicht aus, dass es so ist. Wenn, dann ist auch ein größerer Zusammenhang mit der Luft/Raum-Einheit nicht ausgeschlossen, die uns angegriffen hat.“
Sie trat näher und betrachtete das, was von der Aufstellung der Chevaliers bekannt war. Auch die der Höllenhunde war einsehbar, und deren Verluste waren bereits eingezeichnet. Dazu kam, was Haus Odaga aufzubieten hatte. Soweit sie es überhaupt wussten. „Das sind aber nur die Milizeinheiten der Odaga, oder? Ich sehe hier keine paramilitärischen Truppen, und den Gerüchten zufolge haben sie Lenkwaffenfähige U-Boote.“
„Nein, das ist alles nicht mit drin“, sagte Frank. Er deutete auf die andere Seite des Tanks, welcher das Waldgebiet zeigte, in dem Rhayla ihren Widerspruchstest und das dazugehörige Umland zeigte. Die Daten ihres Trinärsterns waren dort aufgeführt, aber auch das, was Haus Shimatze aufzubieten bereit war, um die Geisterbären bei der gewaltsamen Exkursion zur Feststellung der Schuld der Odagas beizusteuern. Anisha schnaubte leise aus. Es würde den Shimatzes wunderbar in den Kram passen, wenn die Geisterbären die Drecksarbeit machten und die Odaga vom Planeten vertrieben. Dann würde die ganze Welt an das andere Haus fallen. Dafür war Tomoe Shimatze, die derzeitige Herrin ihres Clans, bereit, mechanisierte Truppen von der Größe eines Bataillons und das Gleiche noch mal in Infanterie aufzubieten. Also ausgebildeter, gut ausgerüsteter Infanterie. Dazu kam noch ein ganzes Regiment Miliz, hauptsächlich aus Bodentruppen bestehend, die entweder schlechte Gewehre hatten, oder Infernowerfer, die sich in einem echten Gefecht opfern und dabei einen größtmöglichen Schaden verursachen sollten. Alles in allem keine besonders gute Streitmacht, aber eine zahlenmäßig starke. Eine Investition in die Zukunft der Shimatzes in Form von Blut, Fleisch und Stahl.

„Wir sollten das tatsächlich schaffen können, auch gegen die Chevaliers. Aber ...“
„Oh nein, Frank Gourdel“, sagte sie, seinen vollen Namen benutzend, um ihr Entsetzen zu unterstreichen, „dieses Aber gefällt mir überhaupt nicht bis gar nicht. Was hast du jetzt wieder zu befürchten?“
„Rhayla kämpft seit etwa sieben Minuten mit ihrer Flügelfrau in einem Widerspruchstest gegen eine Lanze ClanMechs der Chevaliers.“
„Und?“, fragte sie.
„Der Widerspruchstest erfolgte auf die Ausrufung Rhaylas zu einem Vernichtungstest.“
Damit war die Bombe geplatzt. Entgeistert starrte Anisha den Jüngeren an. „WAS, BEI ALEKZANDR KERENSKY?“
Die gesamte Zentralbesatzung sah zu ihnen beiden herüber. Die SternColonel schnaubte aus. „JEDER HAT SEINE AUFGABE!“ Damit sahen die anderen Clankrieger wieder fort, um eben diesen nachzugehen.
„Davon hat sie nichts gesagt!“, zischte Anisha dem Anderen zu. „Selbst den Widerspruchstest musste ich ihr regelrecht aus der Nase ziehen! Ich habe mich schon gefragt, wie sie uns einbringen will, wenn alles, was sie geboten hat, zwei Strahlen ihrer Mechs sind! Wenn wir da unten ankommen und sie ruft die Wiederaufnahme des Vernichtungstest aus, ohne dass wir darauf vorbereitet sind, haben wir einen nächsten interstellaren Krieg vom Zaun gebrochen!“
„Und das wird sie tun“, sagte Frank mit ruhiger, beherrschter Stimme. „Sie, oder einer ihrer Leute, egal wie der Widerspruchstest ausgeht. Sie ist so vollkommen verbissen in ihrer Aufgabe, die Urheber des Virus zu vernichten, dass sie Logik nicht mehr besonders zugänglich zu sein scheint. Oder einem Befehl von dir, der ihr nicht gefällt. Und die Hilfe von Haus Shimatze gefällt mir noch weniger. Auch wenn sie und die Odaga sagen wir nicht gerade aus der gleichen GeschKo kommen, kam der Vorschlag an Rhayla doch etwas schnell. Aber dennoch, eine Sache müssen wir im Auge behalten, auch wenn ich ich wiederhole. Wir können hier gewinnen.“
„Blöd ist nur der Vernichtungstest. Ich schätze mal, die Chevaliers werden etwas dagegen haben, ausgelöscht zu werden“, sagte Anisha etwas knurrig.
„Das siehst du vermutlich richtig. Und es kann mit uns noch mal richtig den Bach runter gehen, wenn wir die Beweise, dass Odaga hinter dem Virusangriff ist, nicht finden werden. Ich meine, nach einem Vernichtungstest könnten uns die Zeugen fehlen. Andererseits bedeutet die Beteiligung von Haus Shimatze, dass wir vielleicht doch keinen neuen Krieg auslösen. Dann können wir immer noch behaupten, von Anfang an mit Haus Shimatze zusammengearbeitet zu haben, um die Odagas für ihre Angriffe auf Geisterbärenterritorium abzustrafen.“
„Nette Idee“, lobte Anisha. „Behalten wir das mal im Hinterkopf, falls wir es brauchen. Außerdem bin ich relativ sicher, dass diese tumbe Göre ihren Vernichtungstest gegen die Odagas ausgesprochen hat, aber nicht gegen die Chevaliers.“
„Vielleicht noch die Höllenhunde“, wandte Frank ein.
„Stravag Hohlkanister“, fluchte die SternColonel aufgebracht. „Wenn die Sache schief läuft, werde ich dafür sorgen, dass ihr Blutname zwei Generationen lang nicht neu vergeben wird – obwohl er dann frei ist!“
„Also“, fragte ihr Stellvertreter, „was machen wir jetzt?“
„Was werden wir wohl wollen, wenn wir über einen Piratensprungpunkt in Alarmfahrt einem Planeten nähern? Gefechtslandung, und dann schauen wir mal, wohin uns das bringt.“
„Pos, SternColonel Anisha Gourdel“, sagte Frank Gourdel und salutierte vor ihr. „Ich beginne mit den Vorbereitungen.“
„Tu das, Frank.“ Sie salutierte zurück und wandte sich dann wieder dem Holotisch zu. Die Aufstellung der Chevaliers machte ihr erhebliche Magenschmerzen. Da konnte Haus Shimatze noch so viel Kanonenfutter schicken. „Alle Offiziere kommen in einer Stunde zur Abschlussbesprechung zusammen!“, befahl sie mit lauter Stimme. Damit hatte sie es getan. Sie hatte den Widerspruchstest von SternCaptain Rhayla anerkannt. Und wenn sie den vermasselte, würde sie den SternCaptain vermasseln, und das nicht nur ein bisschen!

***

Tomoe Shimatze hatte keine Live-Verbindung zu den Vorgängen auf Sulafat. Die derzeitige Platzhalterin für den Vorstand des Hauses verfügte zwar über die Vermögen eines ganzen Planeten und eines halben, aber selbst das reichte nicht aus, um ruhigen Gewissens eine permanente Verbindung durch die Hyperpulsgeneratoren von ComStar zu bezahlen. Und ComStar ließ sich das sehr teuer bezahlen. Stattdessen setzte sie auf kleine über HPG versendete Nachrichten, offizielle wie jene ihrer Agenten bei den Odagas, um sich ein umfassendes Bild der Lage zu machen.
Die Geisterbären waren gelandet. Soweit, so gut. Nur mit einem Trinärstern, was selbst durch den Technologievorteil der ClanTech trotzdem nicht stärker war als zwei Kompanien moderner Einheiten der Inneren Sphäre. Nicht genug, um den Planeten zu erobern, oder zumindest eine Hälfte davon. Aber sie waren gelandet, und sie beschuldigten Haus Odaga, ihre Heimatbasis mit einem fatalen, höchst ansteckenden und höchst tödlichen Virus aus dessen Labors angegriffen zu haben. Sie hatten sogar einen Vernichtungstest ausgerufen. Also die vollständige Eliminierung ihres Gegners, in diesem Fall Haus Odaga. Zumindest Haus Odaga auf Sulafat.
Eine sehr gute Gelegenheit. Eine einmal in eintausend Jahren-Gelegenheit, endlich mal Nägel mit Köpfen zu machen und die Odagas zu vertreiben, und die gesamte Macht über diese so wichtige Rohstoffwelt zu übernehmen. Dann wären wahrscheinlich genug C-Noten da, um beim nächsten größeren Ereignis doch eine Live-Schaltung zu bezahlen. Vor allem wenn die Schmiergelder wegfielen, welche ihr Haus investierte, um diverse Rebellenfraktionen am Leben zu erhalten. Und natürlich die Gerüchte über einen zurückkehrenden Erben der einstmaligen Herrscher Sulafats, die immer für ein paar Schwierigkeiten der Odagas gut gewesen waren.

Dann waren die Chevaliers aufgetaucht. Eine Einheit, die ihr zunächst nur vage etwas gesagt hatte. Bis einer ihrer Berater sie daran erinnert hatte, dass die Höllenhunde quasi eine Abspaltung der Dantons Chevaliers waren. Und dass sie locker ein ganzes Regiment mitgebracht hatten. Nur wenige Söldner-Einheiten in der Inneren Sphäre waren potent genug, um Truppen aufzustellen und zu finanzieren, die über ein Bataillon hinaus gingen. Die meisten Söldner-Trupps hatten Kompaniegröße oder waren sogar noch kleiner. Aber hinter den Chevaliers steckte Koshaku Mikado von Wayside V, der erst vor wenigen Monaten Germaine Danton zum Hakshaku ernannt hatte, seinem persönlichen Lehnsmann. Das bedeutete natürlich, dass ein Lehen für die Kosten der Söldner aufkam, und nicht länger die einzelnen Missionen. Sonst wäre es interessant gewesen, die Chevaliers abzuwerben, auch für eine längere Zeit.
Was an der Geschichte positiv war: Tai-sa Angström, ihr oberster militärischer Vertreter auf Sulafat, hatte die Zeichen der Zeit erkannt und nach Absprache mit ihrer Tante zweiten Grades Veronica Shimatze, die ihre Hälfte von Sulafat in Tomoes Namen regierte – und das machte sie einigermaßen fähig - den Geisterbären angeboten, ihren Vernichtungstest zu unterstützen. Natürlich, bei so einer Gelegenheit musste man zugreifen, allein um nicht selbst zwischen die Mühlen zweier Kriegsparteien zu geraten. Und es hatte den Vorteil, dass Tomoe selbst nicht persönlich involviert war und sich immer noch rausreden konnte.
Zwar hatten die Chevaliers einen Widerspruchstest gegen den Vernichtungstest von SternCaptain Rhayla ausgesprochen, und dieser lief auch gerade nicht so gut für die Geisterbärin. Aber Haus Shimatze wurde an der Kommunikation der 2. Regulären beteiligt, und daher wusste Tomoe, dass der Rest des Sternhaufens just in diesem Moment auf den Planeten herabfiel, um eine Gefechtslandung nahe jenes Dschungelareals durchzuführen, das zum Veranstaltungspunkt des Widerspruchstest bestimmt worden war. Der Ort, an dem sich die Chevaliers, die Höllenhunde und ein Teil der Odaga-Verteidiger konzentriert hatten.
Es würde später etwas heikel werden, die Vernichtung einer Einheit zu erklären, die praktisch unter dem Befehl eines draconischen Herzogs stand – den Titel hatte Mikado auch nur erhalten, weil er irgendwas Wertvolles auf Wayside V gefunden hatte und weil der Planet eine wichtige Bastion gegen die Clans war – aber auch dafür würde sich eine Lösung finden. Vielleicht eine finanzielle Kompensation. Mikado war kein geborener Draconier und hatte nicht die Ehre eines Samurai in seinem Blut. Solch ein Angebot musste ihm verlockend erscheinen, nachdem die Milch bereits vergossen war. Immerhin hatte er immer noch eine Welt aufzubauen, und die Truppen gehörten, wenn man es streng sah, Danton, und nicht ihm selbst. Aber das war Zukunftsmusik. Man zerschnitt den Kimono nicht zum Verteilen, bevor der Träger nicht tot war.
Wieder ging eine neue Nachricht für sie ein. Die Geisterbären tauchten gerade in die Atmosphäre des Planeten ein. Es war keine hundertprozentige Chance, aber die beste innerhalb der letzten fünfzehn Jahre, um Odaga endlich vom wichtigsten Planeten in der Region zu vertreiben. Tomoe spürte eine gewisse … Aufregung. Ein Prickeln im Bauch, angenehm, belebend und in einer verqueren Weise erotisch. Die Figuren waren aufgestellt. Das Brett war bereit. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis sie die Meldung bekam, dass der Feind zerschlagen und die Odaga vom Planeten vertrieben worden waren. Danach würde es ein Leichtes sein, den Vorwurf der Geisterbären mit „Fakten“ zu unterstützen und Haus Odaga zusätzlich zu schaden. Ach ja, Spaß fühlte sie auch in sich aufsteigen.

***

„Sir?“, fragte Greta Caprese, als sie in den Besprechungsraum der ROSEMARIE eintrat, in dem der Führungsstab der Chevaliers sowohl den Widerspruchstest als auch den Kurs des Sternhaufens der Geisterbären verfolgte.
„Sergeant.“ Copycat winkte die junge Frau, die schon so entsetzlich viel erlebt hatte, zu sich heran. „Hier ist gerade etwas Ruhe. Unsere Leute haben den feindlichen Giftzwerg abgeschossen, und der FührungsMech lässt seinen Rückung durch illegal eingesetzte Elementare decken. Aber Jara hat das im Griff.“
Copeland deutete auf die Symbole im Holotisch, welche den Kurs der Lander verfolgten. „In zwei Stunden etwa setzen die restlichen Geisterbären auf.“
„Da kommt O'Donnel wieder“, brummte Scharnhorst.
Copycat wandte sich ihm zu. „Mehr Details, Manfred.“
„Die Shimatzes haben ihn mit seiner Staffel rübergeschickt, bevor die Saboteure gestartet sind. Sie haben einen Run gegen das Landungsschiff geflogen und wurden dann wieder zurückbeordert. Also eigentlich halbwegs nette Leute, aber es stört mich, dass sie an der Grenze zum Shimatze-Gebiet leitern.“
„Leitern“ war ein Begriff aus der Luftfahrt, fast so alt wie diese. Es bedeutete, dass sich alle Flieger einer Einheit sammelten, bis das letzte gestartet und in Formation gekommen war. Oder dass sich eine Einheit in eine Warteposition begab und etliche Runden im Kreis drehten.
„Wir behalten das im Auge. Greta, ich brauche Ihnen Manfred ja nicht vorzustellen.“
Die Infanteristin grinste breit, trat vor und nahm den Älteren vollkommen ungeniert in den Arm. „Freut mich, dich wiederzusehen, du alter Haudegen. Was bringt dich eigentlich um, eh, Manfred?“
Der lachte auf und drückte die Jüngere ebenfalls an sich. „Ich kann doch nicht sterben, bevor ich dir nicht beim Pokern den letzten Fetzen Kleidung abgenommen habe. Du kennst mich. Das ist Ehrensache.“
Greta lachte hell auf. „In deinen Träumen vielleicht. Dein Mensch ärger dich nicht-Spiel ist jedenfalls besser als dein Pokerface.“
Beide lachten jetzt zusammen, und Harrison Copeland grinste, wenn auch nicht ganz so auffällig, um einen klitzekleinen Rest an Offiziers-Autorität vorzuspielen. „Wenn ihr dann fertig seid, ein lebender Hahn wartet in der Kantine auf euch, damit ihr ihn schlachtet und euch gegenseitig mit seinem Blut einreibt, um eure Freundschaft zu bestärken.“
Scharnhorst verzog keine Miene. „Ist es ein schwarzer Hahn?“
„Natürlich ist es ein schwarzer Hahn.“ Nun lachten alle drei.

„Weshalb ich Sie kommen ließ, Greta. Ich ziehe Sie für diese Mission von ihrer Einheit ab.“
„Was? Ausgerechnet jetzt, so kurz vor dem Clash mit den Geisterbären?“, rief die junge Frau erstaunt.
„Sie kriegen eine wesentlich schwierigere und gefährlicher Aufgabe. Sie und Ihre Leute.“
Das nahm der jungen Unteroffizierin nicht nur den Wind aus den Segeln ihres anschwellenden Protests, es weckte auch ihr Interesse. „Okay, ich bin interessiert.“
Scharnhorst sah zur gegenüberliegenden Tür und nickte dem KommTech zu. Der erhob sich, öffnete das Portal und ließ vier Personen ein. Na ja, Personen. Zwei Infanteristen der Chevaliers und zwei Kinder, ein Junge, ein Mädchen, beide etwa zwölf Jahre alt.
Beide waren ziemlich aufgeregt, als sie den Besprechungsraum betreten durften und sahen sich mit großen Augen staunend um.
„Darf ich vorstellen? Das sind Abel und Seraphin.“ Manfred schaute Greta in die Augen. „Sie sind Engel.“
Dies weckte den Protest des Jungen, der noch einen Klecks Marmelade vom Frühstück im Mundwinkel hatte. „Wir WAREN Engel. Jetzt sind wir frei, dank dir, Bruder Manfred!“
Er stutzte, dann wiederholte er: „Ich meine Major Scharnhorst. Entschuldigung, Sir, Macht der Gewohnheit.“
„Solange du mich nicht einen Vater nennst, bin ich da schmerzbefreit.“ Er nickte in Richtung der beiden. „Kurz nach dem Gefecht mit den Saboteuren kamen sie zu uns. Dreiundzwanzig von ihnen, die sich von der Terrororganisation, die sie als billige, religiös indoktrinierte Soldaten eingesetzt hat, getrennt haben. Dazu haben sie ihre Aufpasser … Sagen wir, eliminiert in Notwehr. Wir haben ihnen versprochen, dass wir sie auf eine Welt mitnehmen, die nicht Sulafat ist. Der Witz ist, sie können diese Passagen bezahlen. Es scheint so, als würde die fanatische Organisation, die sie missbraucht, über sehr viele Geldmittel verfügen, dazu Gold und Silber, aber nur wenige Möglichkeiten, diese auch auszugeben, weil ein Involvieren mit der Organisation sowohl von Haus Odaga schlecht aufgenommen wird als auch von den Vätern und Müttern harsch überwacht ist. Jedenfalls sind diese dreiundzwanzig, die von Abel und Seraphin vertreten werden, nicht die einzigen entführten, missbrauchten und indoktrinierten Kinder. Die beiden möchten, dass wir ihre Camps finden, die religiösen Fanatiker eliminieren und die Kinder, zumindest die, die es wollen, befreien und ebenfalls vom Planeten schaffen.“
„Über wie viele Kinder reden wir hier, Manfred?“
„Etwa neunundachtzig weitere in insgesamt zwei Camps. Das sind die, von denen die zwei wissen. Sollten wir weitere entdecken, kümmern wir uns natürlich auch um die.“
„Okay, also einmal Kindersoldaten befreien, kommt sofort.“ Sie verschränkte die Hände ineinander und ließ die Knöchel knacken.
„Die beiden begleiten deine Teams.“
Die junge Unteroffizierin riss die Augen weit auf. „Was? Ich soll Kinder …? Kommt ja sowas von überhaupt nicht in Frage!“
„Die beiden kennen das Gelände. Sie wissen, wie die Camps aufgebaut sind. Und vor allem können sie einschätzen, welche der Engel wie sie die Schnauze voll haben, und welche eine Gefahr bedeuten. Keine Sorge, wir nehmen alle Engel mit, auch diejenigen, die Tiefenindoktriniert sind. Wir stellen bereits einen Umschulungsplan auf. Aber, und das ist wichtig, wir gehen da robust rein, Greta, hast du das verstanden? Kein unnötiges Risiko.“ Das bedeutete, den Tod von Engeln in Kauf zu nehmen, die sich wehrten oder ihre Waffen nicht schnell genug ablegten. „Kriegst du das hin?“
Greta Caprese besah sich die beiden Kinder und die Hoffnung in ihren Augen. Sie konnte verstehen, dass die zwei ihresgleichen nicht in den Händen der militärisch-religiösen Fanatiker zurücklassen wollten. Aber akzeptierten sie auch den Tod ihrer erzwungenen Kameraden?
„Greta“, sagte nun Harry Copeland, „die Kids werden vergewaltigt. Wahrscheinlich ist jede Form von Ende ein Happy End für sie.“
Von Greta ging ein unheilvolles Knurren aus, das einen der KommTechs im Raum zusammenzucken ließ. „Ich informiere meine Einheit und rüste sie um. Ihr zwei kriegte eine Infanterieausrüstung. Bei den Frauengrößen haben wir bestimmt was dabei. Minimal einen Helm und eine Splitterweste. Colonel, Manfred, ich erledige das. Kommt, ihr beiden!“

Als Greta Caprese mit den Kids und ihren Aufpassern den Besprechungsraum verlassen hatte, nickte Copycat. „Sie wird das hinkriegen, daran habe ich kein Zweifel. Sie war mit Jara bei Clan Wolf, sie ist zurückgekommen.“
„Sag ich doch“, meinte Scharnhorst. „Einmal losgelassen ist sie eine Naturgewalt.“ Dazu grinste er. Greta würde diesen schwierigen Auftrag, der nur aus Improvisation bestand, mit Bravour meistern, daran hatte er keine Zweifel. Die Frage war, wie viele Engel sie würde retten können. Und wie viele würden sich retten lassen? Das würde die Zukunft zeigen.

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Ace Kaiser,
Angry Eagles

Corrand Lewis,
Clan Blood Spirit

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