Red Reapers – A Mercenary´s Tale |
Andai Pryde
Colonel

Dabei seit: 01.05.2003
Beiträge: 4.933
Herkunft: Berlin
 |
|
| Red Reapers – A Mercenary´s Tale |
 |
Red Reapers – A Mercenary´s Tale

Kapitel 1
Avalon City, New Avalon
20. April 3067
Der erste PPC-Schuss verfehlte den Night Gyr um kaum mehr als eine Mechbreite, strich blauweiß zwischen den Häusern hindurch und überstrahlte Vivians rechte Außenkamera, ehe die Entladung hinter ihr in die Fassade eines Bürogebäudes fuhr. Beton brach aus zwei Stockwerken, Fenster zerplatzten, und eine graue Wolke quoll über die Straße. Vivian Estelle McFairley hatte den fünfundsiebzig Tonnen schweren OmniMech bereits aus der Schusslinie gezogen. Sein rechter Fuß setzte zwischen zwei ausgebrannten Personenwagen auf, der linke zerdrückte den niedrigen Sockel einer Verkehrsinsel, und mit dem nächsten Schritt brachte sie eine Gebäudeecke zwischen sich und den Schützen.
Der zweite Schuss ging tiefer. Er traf die Fahrbahn, riss Asphalt aus seiner Bettung und schleuderte faustgroße Bruchstücke und Staub gegen die Beine des Night Gyr. Auf dem Panzerdiagramm leuchteten zwei Bereiche für einen Augenblick gelb auf; die darunterliegende Struktur blieb unbeschädigt.
„Valkyrie Actual, Slate. Kontakt bestätigt. Uziel, Zwei-Sierra.“
Jonas Kerr klang, als melde er einen verspäteten Transporter. Je schwieriger eine Lage wurde, desto sorgfältiger setzte Slate seine Worte, und nach Jahren gemeinsamer Einsätze erkannte Vivian inzwischen an kleinen Veränderungen seiner Stimme, ob er eine Information weitergab oder bereits überlegte, wie er sie nutzen konnte.
Sie zog das Fadenkreuz über die Hausecke, aus deren Richtung die beiden Schüsse gekommen waren, und erhöhte die optische Vergrößerung. Knapp fünfhundert Meter entfernt stand der UZL-2S hinter dem vorspringenden Teil eines Parkhauses. Kopf, oberer Torso und beide Arme lagen frei, Beton deckte Hüfte und Beine. Seine beiden PPCs folgten bereits dem Night Gyr.
„Guter Platz“, murmelte Vivian.
„Leider ja“, antwortete Slate.
Sie nahm die Vergrößerung zurück und verzog den Mund. „Ich meinte den Uziel.“
„Das dachte ich mir.“
Der Night Gyr ging dicht an der Häuserfront weiter. In der breiten Straße fanden sich ausgebrannte Fahrzeuge, umgestürzte Beleuchtungsmasten und Teile einer Stadtbahn, deren Vorderwagen quer über zwei Fahrspuren lag. Wochen des Kampfes hatten Fahrbahn und Gehwege mit Einschlägen überzogen, Fassaden geöffnet und an mehreren Stellen die Versorgungsleitungen unter dem Asphalt freigelegt. Wasser quoll aus einem geborstenen Schacht, lief zwischen Glasscherben über den Gehweg und sammelte sich in einem flachen Krater.
Weiter nördlich blitzte eine Energiewaffe zwischen zwei Hochhäusern auf. Eine Salve Langstreckenraketen stieg fast gleichzeitig hinter einem Gebäuderiegel hoch, zog über die Dächer und verschwand einige Straßenzüge weiter östlich. Sekunden später rollten die Detonationen durch die Häuserschluchten. Von Westen antwortete eine Autokanone mit einem langen, harten Feuerstoß, und im Bataillonsnetz meldete eine der Lanzen der dritten Kompanie einen schweren Kontakt, den sie nur für wenige Sekunden gesehen hatte.
Auf Vivians taktischer Karte lagen die drei Kompanien über mehrere Häuserblocks verteilt. Slates erste Kompanie arbeitete sich westlich ihrer Position durch die Querstraßen vor; seine eigene Lanze stand am nächsten zu ihr. Adrienne Locke führte die zweite Kompanie einige Blocks weiter östlich. Die dritte hielt südlich versetzt den Anschluss an die nachrückende Infanterie und die übrigen Elemente der Sechsten.
Adrienne hieß im Funk Ledger, ein Rufname, der ihr geblieben war, nachdem der Stab begriffen hatte, dass sie selbst nach einer durchwachten Nacht wusste, welche Lanze noch Ersatzteile erwartete, welchem Piloten Cockpitzeit fehlte und welcher Tech bei der letzten Personalplanung übersehen worden war. Vivian hatte in mehr als zwanzig Jahren auf Schlachtfeldern und in Stäben nur wenige Stellvertreter erlebt, deren Anwesenheit ihre eigene Arbeit so spürbar erleichterte. Adrienne gehörte als Mechkriegerin zum soliden Mittelfeld des Regiments; als Offizierin brachte sie beinahe alles mit, was Vivian von einer Stellvertreterin erwartete. Sie verstand Menschen, behielt Reparaturstände und Personalprobleme im Kopf und erfasste Vivians Absicht oft, bevor diese einen Befehl vollständig ausgesprochen hatte. Gerade bei der Logistik besaß sie einen Instinkt, den Vivian selbst nach all den Jahren nur mit Disziplin und Erfahrung ausglich.
Zwischen den Mechgruppen bewegten sich Groundhogs Infanteristen durch Bürohäuser, Tiefgaragen und Innenhöfe. Kleine Trupps verschwanden in Seiteneingängen, tauchten an rückwärtigen Zufahrten wieder auf und durchsuchten jene Bereiche, die sich aus zehn Metern Cockpithöhe kaum einsehen ließen. Panzerabwehrwaffen in einem dritten Stockwerk oder einer Tiefgaragenrampe konnten einem BattleMech mehr Schwierigkeiten bereiten als ein offen sichtbarer Gegner auf der Straße.
Auch die Sensoren machten Avalon City nicht übersichtlicher. Radarechos sprangen zwischen den Fassaden hin und her, während im Infrarotbild Brände, Generatoren, beschädigte Fahrzeuge und aufgeheizte Gebäudefronten übereinanderlagen. Der Gefechtsrechner markierte nördlich des Uziel mehrere mögliche Kontakte. Einige bestanden nur wenige Sekunden, verschwanden hinter Beton und tauchten an anderer Stelle wieder auf. Vivian behandelte sie als Gegner, bis jemand das Gegenteil bewies.
Eine klarere Signatur zeigte sich westlich des Parkhauses. Der Mech trat für wenige Augenblicke in eine Querstraße, verschwand wieder und gab dem Rechner bei der nächsten Sichtung genügend Daten für eine Identifizierung.
CES-3R CAESAR.
Vivian vergrößerte den Kartenausschnitt. Der siebzig Tonnen schwere Mech bewegte sich nach Norden und bog anschließend ostwärts. Mit seinem Gaussgeschütz und der ER-PPC konnte er jeden längeren Straßenzug in ein Feuerfeld verwandeln.
„Slate, Caesar westlich vom Uziel. Er geht Richtung Nordblock.“
Ein leises Klacken begleitete Jonas’ Antwort; vermutlich wechselte er gerade eine Anzeige. „Hab ihn. Über die Passage am Parkhaus komme ich ihm links in die Seite und halte mich aus der Linie seiner Gauss. Die Straße sieht allerdings aus, als hätte sie ein persönliches Problem mit Enforcern.“
Vivian legte sein vorgeschlagenes Manöver über das Kartenbild. Zwischen zwei Gebäuden führte eine schmale Zufahrt zur Rückseite des Parkhauses. Für seinen ENF-5D war sie breit genug. Direkt hinter der Einmündung lagen allerdings die Überreste zweier BattleMechs, von denen einer einem Enforcer zumindest ähnlich genug sah, um Jonas’ Misstrauen zu rechtfertigen.
„Nimm deine Lanze mit. Der Rest hält dir den Rückweg offen.“
„Verstanden.“
Vier blaue Symbole lösten sich von Slates Kompanie. Neben seinem Enforcer gingen ein Garm, ein Clint und ein Watchman in die Passage. Sie hielten genügend Abstand, um einander in den engen Straßen Bewegungsraum zu lassen.
Vivian schaltete auf Adriennes Kanal. „Ledger, Caesar läuft nördlich von Slate auf deinen Bereich zu. Uziel südwestlich davon. Dahinter mehrere Kontakte, noch keine saubere Identifizierung.“
„Beide gesehen.“ Adriennes Stimme kam hell und klar durch das Funkrauschen. „Ich nehme Romeo etwas zurück und verteile den Rest an den Fassaden. Wenn der Caesar weiterkommt, bekommt er mehrere schlechte Möglichkeiten.“
„Gib ihm Zeit, sich eine auszusuchen. Vielleicht bekommen wir seine Kameraden dann auch noch.“
„Mit Vergnügen.“
Romeos CN9-D Centurion wich in den Schutz einer zurückgesetzten Häuserfront. Bandits BattleMech ging auf die gegenüberliegende Straßenseite, während Adriennes eigener DGR-3F Dragon Fire etwas weiter hinten blieb und von dort zwei Kreuzungen gleichzeitig einsehen konnte. Ledger machte aus dem Straßenzug keinen komplizierten Hinterhalt. Sie gab jedem Mech eine brauchbare Deckung, einen freien Schussbereich und genügend Platz, um sich wieder zu lösen.
Auf dem Führungsnetz meldete sich die Infanterie. „Valkyrie Actual, Groundhog Actual. Sind in der Westpassage, brauchen noch drei Minuten. Zwei Gefangene, ein Verwundeter. Im dritten und vierten Stock sitzen allerdings noch versprengte Zivilisten.“
Vivian nahm Druck vom Pedal. „Verstanden. Ich bleibe südlich. Meldet euch nach der Tiefgarage.“
„Roger.“
Sie hielt den Night Gyr hinter der Gebäudekante. Die Kühlweste arbeitete zuverlässig, trotzdem hatte sich nach mehreren Einsatzstunden eine dumpfe Wärme im Cockpit festgesetzt. Unter dem Neurohelm klebte ihr Haar an den Schläfen. Eine gelbe Anzeige für einen sekundären Kühlkreislauf blinkte seit fast einer halben Stunde am Rand ihres Sichtfelds.
Miriam Dace würde sich darum kümmern.
Und Miriam würde Vivian dabei ausführlich erklären, wer die Verantwortung dafür trug.
Vor dem Ausrücken hatte die ältere Tech auf den Night Gyr gezeigt. „Bring ihn mir vollständig zurück.“
Vivian hatte den Helm unter den Arm geklemmt und sie angesehen. „Den Mech oder seine Pilotin?“
Miriam hatte über den Rand ihres Datenpads zurückgeblickt. „Eine lebende Pilotin verursacht weniger Verwaltungsaufwand. Einen Clan-OmniMech können viele steuern. Aber nur wenige bringen ihn mir in einem Stück zurück.“
Bei Miriam kam das einer herzlichen Verabschiedung ziemlich nahe. Vivian wusste zugleich, wie sehr die Maschine ihre Gegner anzog. Ein Night Gyr war auf jedem Schlachtfeld ein lohnendes Ziel, und mit seiner Clanbewaffnung gehörte Vivians Prime zu den Maschinen, die ein gegnerischer Kommandeur lieber früh als spät aus dem Gefecht nahm.
„Caesar dreht weiter nach Osten“, meldete Slate. „Und er bringt Freunde mit.“
Vivian sah die Markierungen ebenfalls. Hinter dem bekannten schweren Mech bewegten sich mindestens fünf weitere Dreieckssymbole, einige nur für Sekunden belastbar. Einer der Kontakte war groß genug, dass der Rechner zwischen schwerem und SturmMech schwankte.
„Haben sie euch gesehen?“
„Falls ja, zeigen sie erstaunliche Selbstbeherrschung und beißen nicht an.“
„Genieß es, solange es anhält.“
„Oh, ich beschwere mich nie, wenn man nicht auf mich feuert.“
Drei Autokanonengeschosse schlugen unmittelbar danach in die Fassade über Slates Lanze. Betonstücke regneten auf den Clint und den Watchman, während beide Mechs tiefer in die Deckung gingen.
Jonas räusperte sich. „Ich möchte meine Aussage teilweise zurücknehmen.“
Vivian musste grinsen.
„Groundhog Actual an Valkyrie. Passage frei.“
„Verstanden.“
Sie brachte den Night Gyr wieder in Bewegung. Die Lücke zwischen den Verwaltungsgebäuden war knapp bemessen. Vivian zog den rechten Arm mit der Ultra AC/10 näher an den Rumpf und drehte den Oberkörper leicht gegen die Hüfte. Die Schulterpanzerung strich trotzdem über eine Betonkante und löste mehrere Brocken aus der Fassade.
Unterhalb des Cockpits kamen Infanteristen aus einem Seiteneingang. Zwei führten Gefangene ab, ein dritter trug die Ausrüstung eines verwundeten Kameraden. Dazwischen bewegten sich Zivilisten, einige mit Taschen, eine Frau mit einem Kind auf dem Arm. Ein Sergeant hob kurz die Hand und zeigte zum Ende der Passage. Vivian bestätigte mit einer kleinen Bewegung des Mechkopfs und ging weiter.
Der Innenhof dahinter gab ihr mehr Raum. Niedrige Bäume trennten Reihen von Parkflächen, in der Mitte stand ein trockengelegter Brunnen. Am nördlichen Rand verlief eine Mauer vor einem fünfgeschossigen Bürokomplex.
Der Uziel kam über diese Mauer.
Seine Sprungdüsen zündeten fast gleichzeitig und hoben die fünfzig Tonnen schwere Maschine über die Dachkante eines niedrigen Anbaus. Staub und lose Trümmer schossen unter ihm auseinander, als er mitten im Hof aufsetzte. Die Knieaktivatoren fingen die Landung ab, während beide Arme bereits auf den Night Gyr einschwenkten.
Vivian trat das linke Pedal durch.
Der erste PPC-Schuss fuhr an ihrer Maschine vorbei und hinterließ einen grellen Reflex auf der Cockpitscheibe. Der zweite traf die linke Schulter. Blauweißes Licht fraß sich über die Panzerung, Warnanzeigen sprangen an, und der schwere OmniMech wurde aus seinem Schritt gedrückt. Auf dem Panzerdiagramm wechselte ein größerer Bereich auf Gelb; die darunterliegende Struktur blieb intakt.
Vivian richtete den rechten Arm aus und drückte den Feuergeber der Ultra AC/10.
Die Clanwaffe bellte zweimal kurz hintereinander. Beide Granaten trafen den Uziel am rechten Torso. Große Stücke Panzerung brachen heraus, und die zweite Detonation drückte den mittelschweren Mech mit der Hüfte gegen den Rand des Brunnens.
Vivian brachte den linken Arm nach und feuerte eine der Clan-ER-PPCs. Die azurblaue Entladung schlug in die bereits beschädigte Schulter, ließ Metall im Trefferzentrum aufglühen und riss weitere Panzerung aus der Verankerung. Der rechte Arm des Uziel sank mehrere Grad ab.
„Uh, die Walküre schlägt wieder mal erbarmungslos zu. Jetzt hast du ihn beleidigt“, sagte Slate.
Sein Enforcer erschien fast gleichzeitig auf der erhöhten Zufahrt des Parkhauses.
„Du redest zu viel.“
„Nur wenn es gut läuft.“
Die LB-10X-Autokanone im rechten Arm des Enforcer donnerte. Eine Vollgeschossgranate schlug in die linke Seite des Uziel und drehte dessen Oberkörper herum. Der ER-Large-Laser folgte einen Augenblick später und zog eine glühende Linie über die Brustpanzerung.
Der Uziel schwenkte endgültig zu Slate.
Vivian verkürzte die Entfernung und brachte die drei Medium-Pulse-Laser des Prime ins Spiel. Grüne Energieimpulse schlugen dicht beieinander in Torso und Oberarm, während weitere Panzerstücke über den Hof flogen. Die Abwärme der Waffen drückte gegen die Kühlung und ließ die Temperaturanzeige steigen. Der Night Gyr konnte auf kurze Zeit eine beeindruckende Menge Feuer ins Ziel bringen; Vivian wusste ebenso gut, wie schnell daraus ein Mech wurde, dessen Pilotin mehr mit der Wärme als mit dem Gegner kämpfte.
Aus der nördlichen Häuserzeile kamen Raketen.
Die erste Salve ging lang und schlug hinter dem Brunnen in eine Fassade. Die zweite verteilte sich über Slates Stellung, traf den Watchman an Schulter und Torso und jagte Splitter über die Parkhauszufahrt. Fast gleichzeitig zuckte weiter westlich ein schwerer Laser durch eine Lücke zwischen zwei Gebäuden. Der Strahl verfehlte den Clint knapp und zog eine glühende Furche durch einen parkenden Lastwagen.
Vivian sah die Abschusspositionen nur als kurze Sensorblitze.
Der Uziel nutzte die Feuerunterstützung. Seine Sprungdüsen zündeten erneut, trugen die angeschlagene Maschine über die nördliche Mauer und ließen sie hinter dem Bürokomplex verschwinden.
„Kite, ich brauche Augen nördlich des Hofes.“
Mehrere Sekunden vergingen. Helena befand sich bereits wieder weit außerhalb des unmittelbaren Kampfgebiets und musste ihren nächsten Überflug erst aufbauen.
Dann kam ihre Stimme schnell über den Luft-Boden-Kanal.
„Valkyrie Actual, Kite. Caesar bestätigt, Uziel weiter westlich. Hinter dem ersten Gebäuderiegel mindestens fünf weitere Wärmesignaturen. Einer davon sehr groß. Mehr bekomme ich bei diesem Anflug nicht.“
Im Hintergrund lag das hohe Rauschen ihres eigenen Triebwerks.
„Reicht. Halt dich aus ihrem Feuer.“
„Roger. Ich bin raus.“
Kite verschwand wieder aus dem Funk.
Vivian führte den Night Gyr aus dem Hof. Zwei Straßen weiter östlich schlug eine Gausskugel in eine Hausecke und warf eine Wolke aus Beton über die Straße. Ein eigener BattleMech antwortete mit PPC-Feuer. Westlich von Slate wechselte ein weiterer loyalistischer Mech kurz die Position; Vivian sah nur einen Teil des Torsos, bevor er hinter einem Wohnblock verschwand.
Auf dem Bataillonsnetz überlagerten sich Meldungen. Die dritte Kompanie meldete zwei Kontakte nördlich ihrer Stellung und einen beschädigten eigenen Mech. Groundhogs vorderste Gruppen hatten den nächsten Gebäudekomplex erreicht. Von Slates Lanze kam die Warnung vor weiteren Raketenabschüssen.
Vivian betrachtete das Kartenbild. Ihre Leute hatten die größere Zahl an BattleMechs im unmittelbaren Raum und bewegten sich auf mehreren Straßen gleichzeitig nach Norden. Die Loyalisten gaben ihnen jedoch nur einzelne Ziele und deckten diese aus der Tiefe. Wer dem Uziel oder dem Caesar zu weit folgte, lief geradewegs in Schussfelder, deren Grenzen noch niemand kannte.
Sie öffnete den Bataillonskanal. „Alle Elemente: Druck halten. Niemand überschreitet die nördlichen Kreuzungen ohne Freigabe. Groundhog arbeitet weiter durch die Gebäude. Wir lassen sie aus ihren Stellungen kommen.“
Die Bestätigungen folgten nacheinander.
Eine Gausskugel beendete die kurze Ruhe.
Romeos Centurion wurde am rechten Torso getroffen. Die Wucht riss die Maschine aus dem Schritt, Panzerplatten flogen gegen die Fassade hinter ihm, und der Mech musste zwei schwere Schritte seitwärts setzen, um auf den Beinen zu bleiben. Romeo brachte den Centurion hinter die nächste Hausecke, während ein Teil der beschädigten Seitenpanzerung über den Asphalt schliff.
„Romeo, Schaden?“, fragte Ledger.
Seine Antwort kam gepresst. „Rechter Torso aufgerissen. Interne Anzeigen halten. Bin beweglich.“
„Dann raus da. Hinter den nächsten Block.“
„Roger.“
Adrienne wechselte zu Vivian. „Gib mir dreißig Sekunden.“
„Du hast sie.“
„Großzügig.“
Vivian brachte den Night Gyr nach Norden.
Der Caesar stand tief in einem langen Straßenzug und nutzte einen zurückgesetzten Gebäudeeingang als Deckung. Sein Oberkörper war leicht nach Osten verdreht; damit lag das im Torso verbaute Gaussgeschütz ungefähr auf Romeos Rückzugsweg. Der Pilot gab nur so viel von seiner Maschine frei, wie er für einen Schuss brauchte, und veränderte anschließend seine Stellung um wenige Meter.
Slate kam über den Direktkanal. „Noch ein Block, dann habe ich seine linke Seite. Dafür muss ich über eine Kreuzung, die mir überhaupt nicht gefällt.“
Vivian prüfte seinen Weg. Hinter dem Caesar bewegten sich weitere Markierungen, der Uziel konnte jederzeit von Westen zurückkommen.
„Warte, bis ich ihnen etwas zur Beschäftigung gebe.“
„Das klingt verdächtig nach einem richtig bescheuerten Plan.“
„Du darfst dich später beschweren.“
„Ich beschwere mich grundsätzlich vorher. Dann weiß jeder, was er an mir hat.“
Vivian erreichte die Ecke des nächsten Blocks und bekam den Caesar zum ersten Mal vollständig ins Bild. Etwa fünfhundertfünfzig Meter trennten beide Maschinen. Helle Reparaturfelder unterbrachen die dunkle Panzerung des CES-3R; auf der rechten Torsohälfte lagen frische Brandspuren von Ledgers Leuten.
Der gegnerische Pilot bemerkte sie. Der Oberkörper des Caesar drehte sich einige Grad in ihre Richtung. Für die Gauss fehlte ihm nur noch ein kleines Stück.
Vivian feuerte zuerst.
Beide ER-PPCs entluden sich nahezu gleichzeitig. Eine traf zentral in den Torso, die zweite weiter außen an der Hüfte. Panzerung brach in glühenden Stücken aus dem Caesar und schlug gegen Fahrzeuge und Fassaden.
„Slate, los.“
Der Enforcer trat über die westliche Kreuzung. Seine LB-10X feuerte, bevor der Caesar den Torso weit genug zu ihm herumbringen konnte, und jagte eine schwere Granate in dessen linke Seite.
Der Caesar drehte zurück zu Vivian. Das Gaussgeschoss verfehlte den Night Gyr knapp, schlug vor ihm in die Fahrbahn und riss Asphalt und Unterbau auf. Seine ER-PPC fuhr rechts an Vivian vorbei und bohrte sich in eine Hauswand.
Gleichzeitig eröffneten weitere Loyalisten das Feuer.
Autokanonengeschosse hämmerten aus einer Nebenstraße gegen Slates Stellung und zwangen den Clint hinter die Fassade. Raketen schlugen vor Groundhogs vordersten Gruppen in die oberen Stockwerke eines Bürohauses. Weiter östlich zog ein roter Laserstrahl über die Straße und traf einen Mech aus Ledgers Bereich am Arm; zwei eigene PPCs antworteten fast augenblicklich in Richtung des Schützen.
Ledger erhöhte den Druck auf den Caesar. Romeo blieb hinter den Gebäuden, während Bandit zwischen zwei Hausecken wechselte. Adriennes Dragon Fire trat für einen kurzen Feuerstoß weit genug hervor, dass der Caesar-Pilot erneut entscheiden musste, welche Richtung er deckte.
Das Gaussgeschütz des Dragon Fire feuerte.
Der Treffer schlug in die Brust des Caesar und riss Panzerung heraus.
„Er bewegt sich“, meldete Adrienne.
Der CES-3R trat rückwärts aus dem Straßenzug, bog nach Osten und verschwand hinter einem großen Verwaltungsbau.
„Ich gehe bis zur nächsten Kreuzung“, sagte Ledger. „Wenn er dort weiterzieht, sehe ich es.“
Vivian prüfte den Stadtplan. Die Bebauung gab Adriennes Leuten bis zu dieser Kreuzung mehrere brauchbare Deckungen; jenseits davon öffnete sich eine lange Straße, und einige der unbekannten Kontakte lagen genau in diesem Bereich.
„Bis zur Kreuzung. Halt dich an den Fassaden.“
„Verstanden.“
Der Uziel tauchte wieder auf.
Er kam aus einer westlichen Seitenstraße und lief direkt in Slates Verbindung zu Vivian. Der rechte Arm hing tiefer als zuvor, die Beine arbeiteten weiterhin sauber.
„Slate, links.“
„Gesehen.“
Der Enforcer machte zwei Schritte rückwärts und schwenkte die Autokanone herum. Das LB-10X-Geschoss traf den Uziel tief am linken Bein, genau als dieser den Fuß an den Rand eines Bombentrichters setzte. Der Asphalt brach unter der Last weg, das Knie knickte zur Seite, und der mittelschwere Mech schlug mit der Schulter in eine Gebäudewand. Mauerwerk stürzte über seinen Oberkörper.
Jonas hielt die Waffe auf der liegenden Maschine.
„Lass ihn dort“, sagte Vivian.
Slate atmete hörbar aus. „Er liegt so einladend.“
„Genau deswegen.“
„Schon unterwegs.“
Der Enforcer drehte ab. Sein Watchman deckte den Rückweg, während Garm und Clint näher an die übrige Kompanie herangingen.
Vivians Aufmerksamkeit lag wieder im Osten. Der Caesar war nach seinem Stellungswechsel stehen geblieben. Adrienne hatte ihn ebenfalls.
„Ledger, halt deine Leute an der Kreuzung. Der Caesar wartet dort vorne und ziemlich sicher nicht alleine.“
„Hab ihn.“ Adrienne wechselte kurz auf ihren Kompaniekanal. „Bandit geht auf die Westseite. Romeo bleibt hinten.“
Der Night Gyr bog nach Osten. Noch trennte ihn ein kompletter Häuserblock von Ledgers Kompanie.
Raketen kamen aus dem Norden und schlugen auf beiden Seiten der Kreuzung ein. Splitter und Fassadenstücke prasselten auf Bandits Mech. Ein schwerer Laser zog über die Straße und fraß eine glühende Spur durch ein Parkdeck.
„Die versuchen uns festzuhalten“, sagte Adrienne.
„Sie haben Platz dafür.“
„Dann nehmen wir ihnen den.“
Vivian musste lächeln. Typisch Ledger. Wenn ein Gegner Bewegungsraum hatte, nahm sie ihn ihm weg; über den Rest konnte man danach reden.
„Noch acht Sekunden.“
„Dann mach fünf draus.“
„Unverschämt.“
„Du hast mich eingestellt.“
Vivian erhöhte das Tempo.
Durch den offenen Funk hörte sie Adrienne mit Bandit sprechen. „Zwei Schritte zurück. Er hat deine Schulter.“
Die Antwort des Piloten ging im Rauschen unter.
„Ja, sehe ich. Bleib dort. Wenn er feuert, bekommt er Mauer.“
Ein PPC-Blitz leuchtete am nördlichen Ende der Straße auf. Die Entladung traf die Gebäudeecke vor Bandit. Beton und Glas stürzten auf den Gehweg und schlugen gegen die Beine seines BattleMechs.
Adrienne fluchte. „Er frisst mir die Deckung weg.“
Der Night Gyr hatte noch knapp zweihundert Meter bis zur nächsten Kreuzung.
Der Caesar schob sich einige Meter weiter nach Süden. Hinter ihm zeigte sich kurz die Silhouette eines zweiten BattleMechs, breit in den Schultern und deutlich schwerer als der Uziel. Ein weiterer Waffenblitz kam aus der Tiefe des Straßenzugs. Für eine Identifizierung reichte beides nicht.
Bandit musste seine Stellung räumen.
„Bandit, raus. Zurück hinter den Innenhof“, befahl Adrienne. „Romeo bleibt.“
Bandits BattleMech setzte sich in Bewegung.
Der Caesar drehte den Oberkörper hinter ihm her. Mit jedem Grad kam das im Torso verbaute Gaussgeschütz näher an Bandits Rückzugsweg.
Vivian verstand Adriennes Absicht sofort. Wenn Ledger den gegnerischen Piloten zwang, den Torso wieder zu ihr herumzunehmen, bekam Bandit die nötigen Sekunden für den Rückweg und Vivian zugleich den seitlichen Schusswinkel.
„Ledger, ich bin gleich da.“
„Ich weiß.“
Der Dragon Fire trat an der Gebäudekante hervor.
Sein Gaussgeschütz feuerte.
Der schwere Treffer schlug in die Brust des Caesar und riss weitere Panzerung heraus. Der gegnerische Pilot reagierte und drehte seinen Oberkörper von Bandit weg.
„Caesar hat mich“, sagte Adrienne. Ihr Atem ging schneller, die Stimme blieb klar. „Dein Fenster.“
Die ER-PPC des Caesar antwortete und traf die Fassade neben dem Dragon Fire. Mauerwerk brach über Adriennes Maschine und prasselte über Schulter und Rücken.
Vivian brachte den Night Gyr um die südliche Ecke.
Noch ein kurzes Stück bis zur freien Schusslinie.
„Ledger, Deckung.“
„Noch zwei Sekunden.“
„Ledger.“
Adrienne feuerte die LB-10X. Die Granate traf den Caesar und hielt den gegnerischen Piloten bei ihr, während Bandit hinter der nächsten Häuserfront verschwand.
Vivian sah den Torso des Caesar ein weiteres Stück herumschwenken.
Dann feuerte die Gauss.
Es gab keinen sichtbaren Strahl, dem das Auge hätte folgen können. In einem Augenblick stand der Dragon Fire noch an der Gebäudekante, im nächsten brach seine Kopfsektion auseinander. Panzerung und Cockpitglas wurden nach hinten über die Straße geschleudert. Der fünfundsiebzig Tonnen schwere Mech blieb einen Herzschlag aufrecht, weil die Beine den begonnenen Bewegungsablauf noch ausführten. Der linke Fuß setzte auf, der rechte zog halb nach, dann sackte der Torso nach vorn. Ein Arm schlug gegen die Fassade, der Dragon Fire ging auf die Knie und rutschte über den Asphalt, bis seine Schulter einen abgestellten Lastwagen zerdrückte.
Fast gleichzeitig brach entlang der nördlichen Häuserzeile ein massiver Feuerstoß los.
Laser durchschnitten die Straße, PPC-Entladungen rissen blauweiße Reflexe über Fenster und Fassaden, Autokanonengeschosse schlugen in Asphalt und Beton. Raketen detonierten um Bandits Rückzugsweg und entlang der Gebäude, hinter denen Ledgers Kompanie Deckung suchte. Für einige Sekunden lagen plötzlich fast alle bislang verborgenen Gegner im Gefecht, ohne lange genug sichtbar zu bleiben, dass der Rechner sie sauber identifizieren konnte.
Ledgers Symbol verschwand vom taktischen Display und kehrte grau zurück.
Die Telemetrie war abgebrochen.
Vivian fluchte und öffnete den Kanal. „Ledger, Status.“
Nur statisches Rauschen.
Der Night Gyr ging weiter.
„Ledger, Valkyrie Actual. Status.“
Keine Antwort.
Jetzt lag der Caesar vor ihr. Der schwere Mech begann bereits, hinter den Verwaltungsblock zurückzugehen. Vivian legte das Fadenkreuz auf seinen rechten Torso und drückte den Feuergeber.
Die Ultra AC/10 hämmerte zweimal.
Die erste Granate riss die verbliebene Panzerung weiter auf. Die zweite schlug tiefer ein und brachte den Caesar aus dem Gleichgewicht. Vivian hob den linken Arm für die PPCs, doch der Gegner verschwand hinter der Gebäudekante, bevor die Zielmarkierung stabil wurde.
Slate kam über ihren Direktkanal. Der trockene Unterton seiner Stimme war verschwunden. „Ich habe ihn. Nordwest. Wenn ich sofort gehe, bleibe ich dran.“
Der Wunsch, Jonas hinterherzuschicken, war sofort da.
Vivian schob ihn beiseite und betrachtete die gesamte Lage. Slates Kompanie stand über mehrere Straßen verteilt, der beschädigte Uziel war weiterhin kampffähig, und hinter dem Caesar hatten gerade mehrere bislang verborgene Gegner das Feuer eröffnet. Bandit war getroffen, Romeo schwer beschädigt, und Ledgers Kompanie musste sich erst neu ordnen.
„Negativ. Sammel deine Lanze und sicher West.“
Jonas antwortete nach einem Atemzug. „Verstanden.“
Vivian wechselte auf den Kanal der zweiten Kompanie.
„Bandit.“
„Hört.“
Seine Stimme klang angespannt.
„Du übernimmst Ledgers Kompanie. Romeo bleibt zurück. Halt die Kreuzung und geh keinen Meter weiter.“
Eine kurze Pause.
„Verstanden, Valkyrie.“
Auf dem taktischen Display begann sich das Bild zu verändern.
Der Caesar ging weiter nach Norden.
Einer der Kontakte hinter ihm löste sich ebenfalls aus seiner Stellung. Dann ein zweiter. Drei weitere Markierungen bewegten sich nahezu gleichzeitig rückwärts durch die Häuserblocks. Westlich stemmte sich der beschädigte Uziel von der Gebäudewand hoch, brachte sein angeschlagenes Bein unter den Körper und humpelte nach Norden, soweit die beschädigten Aktivatoren es zuließen.
Das gegnerische Feuer wurde dünner.
Eine Autokanone schwieg. Kurz darauf brach das Raketenfeuer ab. Ein PPC-Schuss ging noch über die Straße, dann verschwand auch diese Signatur tiefer zwischen den Gebäuden.
Etwas später kam Kite wieder über Funk. Ihr zweiter Anflug führte sie nur für wenige Sekunden über den nördlichen Teil des Gefechtsraums.
„Valkyrie Actual, Kite. Bestätige Rückzug. Die ganze Gruppe löst sich nach Norden und Nordwesten. Auch der große Kontakt.“
„Verstanden. Weiterfliegen.“
„Roger.“
Slate meldete sich. „Jetzt haben wir sie offen.“
Vivian beobachtete die gegnerischen Symbole. Die Loyalisten waren noch kampffähig. Mehrere ihrer Maschinen hatten aus vorbereiteten Stellungen geschossen und keine erkennbaren schweren Schäden genommen. Trotzdem brachen sie gemeinsam den Kontakt ab.
„Wir laufen ihnen nicht hinterher“, sagte sie. „Halt deine Leute.“
„Roger.“
Der priorisierte Regimentskanal öffnete sich fast unmittelbar danach.
„Alle Elemente der Sechsten im Raum Avalon City: Stellung halten. Offensive Bewegungen einstellen. Feuer nur bei unmittelbarer Bedrohung. Wiederhole: Stellung halten. Weitere Befehle folgen.“
Vivian sah einen Augenblick auf das Funksymbol.
„Valkyrie Actual bestätigt.“
Warum der Befehl kam, wusste sie nicht.
Groundhog meldete sich beinahe gleichzeitig. „Valkyrie Actual, Groundhog Actual. Wir kommen an Ledger ran. Medics unterwegs.“
Vivian stellte den Night Gyr hinter eine Hausecke, die ihr Sicht auf die Kreuzung gab und zugleich den größten Teil der Maschine vor dem Norden deckte. „Meldet ihren Zustand.“
Bandit hatte die zweite Kompanie inzwischen übernommen. Seine nächsten Befehle kamen kontrollierter. Romeo zog sich tiefer in die Straße zurück, die übrigen Mechs verteilten sich an den Fassaden und hielten ihre Waffen auf die nördlichen Zugänge gerichtet.
Sechs Infanteristen rannten geduckt aus einem Hauseingang zum Dragon Fire. Einer trug eine kurze Leiter, zwei medizinische Taschen. Durch die Seitenlage des schweren Mechs hing die zerstörte Kopfsektion tief genug, dass sie ohne Bergefahrzeug an das Cockpit herankamen.
Vivian stand hundertfünfzig Meter entfernt.
Ein Medic stieg am Torso hoch, zog sich an einer Panzerkante vorbei und beugte sich in das beschädigte Cockpit. Er blieb einige Sekunden dort. Als er sich wieder aufrichtete, bewegte er sich langsam und schüttelte nur den Kopf.
Groundhog meldete sich.
Seine Stimme hatte sich verändert.
„Valkyrie Actual.“
Vivian hielt den Steuergriff fester. „Hört.“
„Ledger ist gefallen.“
Sie hatte es gewusst, seit die Gausskugel das Cockpit getroffen hatte. Die Meldung ließ keinen Raum mehr für den kleinen Rest an Unsicherheit, den eine abgebrochene Telemetrie offenließ.
Die Lüftung des Night Gyr arbeitete gegen die Restwärme. Auf dem Schadensdiagramm blinkte die linke Schulter gelb. Unterhalb des Cockpits liefen Soldaten durch die Kreuzung. Weiter nördlich verschwanden die letzten gegnerischen Signaturen zwischen den Gebäuden.
Vivian öffnete das Bataillonsnetz.
„Valkyrie Actual an alle Elemente. Ledger ist gefallen. Bandit führt die zweite Kompanie. Wir halten gemäß Regimentsbefehl die erreichten Positionen. Slate sichert West, Groundhog die Gebäude zwischen den Kompanien. Meldet jeden Kontakt, der wieder nach Süden kommt.“
Die Bestätigungen folgten nacheinander. Einige Stimmen klangen gepresst, andere bewusst nüchtern.
Slate antwortete zuletzt.
„Bei dir, Valkyrie.“
Vivian sah noch einmal zum Dragon Fire. Die Medics waren am Cockpit geblieben; zwei weitere Infanteristen sicherten die Straße.
Dann richtete sie die Außenkameras nach Norden.
Das Feuer in diesem Teil Avalon Citys verstummte allmählich. Weiter entfernt waren noch einzelne Detonationen zu hören, und irgendwo westlich feuerte eine Autokanone ein letztes Mal. Danach blieb nur das Echo zwischen den Häusern.
Vivian hielt ihr Bataillon zusammen und wartete auf den nächsten Befehl.
_____________________________________________________________
Avalon City, New Avalon
23. April 3067
Albert Jehlik hatte Kaffee auf dem Tisch und zwei Personalakten daneben.
Vivian bemerkte zuerst die Akten.
„Das verheißt selten etwas Gutes.“
Albert stand am Fenster und drehte sich zu ihr um. „Sieben Jahre Zusammenarbeit, und du erkennst meine Methoden immer noch hauptsächlich an den unangenehmen Details.“
„Die angenehmen Details sind selten.“
„Ich habe Kaffee.“
Vivian nahm den angebotenen Becher und roch daran. „Tee wäre mir lieber, aber gut gehandelt und akzeptiert.“
Albert lachte und deutete auf den Stuhl gegenüber. „Setz dich, bevor ich meinen neuen Rang missbrauche und dich Möchtegern-Clanabschaum einsperren lasse.“
Vivian sah zu ihrem Becher, dann wieder zu ihm. „Das ging schnell.“
„Ich bin lernfähig.“
„Das behauptest du seit Jahren.“
Sie setzte sich.
Die neuen Rangabzeichen wirkten an Albert noch ungewohnt. Seit Patricia Vineman wenige Tage zuvor gefallen war, hatte ihr bisheriger XO die Führung der 6. Crucis Lancers übernommen. Aus der unmittelbaren Nachfolge auf dem Gefechtsstand war inzwischen ein offizieller Auftrag geworden: Lieutenant General Albert Jehlik sollte den schwer angeschlagenen Verband durch die ersten Schritte des Wiederaufbaus führen.
Seinem Gesicht sah Vivian vor allem an, dass er seit Tagen zu wenig schlief.
Albert strich mit einem Finger über eines der neuen Rangabzeichen. „Seit sechs Uhr vierzig offiziell. Um sechs Uhr zweiundvierzig standen drei Leute in meinem Büro und wollten Dinge von mir, die ich als Major offenbar noch nicht leisten konnte.“
„Vielleicht werden Ersatzmechs zusammen mit den Sternen ausgegeben.“
„Dann fehlt meiner Lieferung einiges.“
Vivian nahm einen Schluck und verzog das Gesicht. „Der Kaffee macht deine Beförderung auch nicht überzeugender.“
„Du hast ihn akzeptiert.“
„Unter Vorbehalt.“
„Zu spät.“
Sie lächelte. Sein Blick wanderte zu den Akten.
„Patricia ist noch keine Woche tot, und ich habe bereits Leute, die wissen wollen, wie die Sechste in einem Jahr aussehen soll.“ Albert nahm seinen Becher und schüttelte leicht den Kopf. „Im Augenblick wäre ich froh, wenn ich vernünftig sagen könnte, wie sie nächsten Monat aussieht.“
„Wie schlimm?“
„Schlimm genug. Zu viele Maschinen stehen. Zu viele Leute fehlen. Und genug vom Regiment ist übrig, dass niemand auf die Idee kommt, uns ein Jahr in Ruhe zu lassen.“
Vivian kannte diese Art von Bilanz. „Also wiederaufbauen.“
„Also wiederaufbauen.“
Albert nahm die obere Akte.
„Die hier lag schon vor dem Zwanzigsten.“
Er schob sie über den Tisch.
Vivian erkannte ihren Namen auf dem Deckblatt. Die ersten Seiten ihrer Personalakte kannte sie: Verwendungen, Beurteilungen, Auszeichnungen und die trockene Zusammenfassung einer Laufbahn, die fast fünfundzwanzig Jahre umfasste. Auf der zweiten Seite fand sie etwas Neues.
Vorgeschlagene Beförderung: Colonel.Vorgesehene Verwendung: Kommandierende Offizierin, BattleMech-Regiment, 6. Crucis Lancers.
Vivian las die beiden Zeilen zweimal und hob den Kopf.
„Du wolltest mir das Mech-Regiment geben.“
„Ja.“
„Seit wann?“
Albert drehte den Kaffeebecher ein Stück zwischen den Händen. „Der Vorschlag ist älter als diese Woche. Patricia kannte ihn.“
Vivian blickte wieder auf die Akte. „Und war einverstanden?“
„Sie hat ihn unterstützt.“
Das überraschte Vivian weniger, als es vielleicht sollte. Patricia Vineman hatte Lob selten großzügig verteilt, aber sie hatte immer gewusst, welche ihrer Offiziere welche Aufgaben bewältigen konnten.
„Und du?“
Albert schnaubte. „Ich hatte keinerlei Interesse, das Mech-Regiment zu übernehmen. Ich war Patricias XO und hatte dort bereits genügend Möglichkeiten, mir den Tag verderben zu lassen.“
Vivian sah zu seinen neuen Rangabzeichen.
„Jetzt sitzt du auf ihrem Stuhl.“
Sein Gesicht wurde für einen Augenblick ernst. „Ja. Das war in keinem unserer Pläne vorgesehen.“ Er tippte auf Vivians Personalakte. „Dein Teil schon. Patricia sollte die Sechste führen, ich ihren Stab zusammenhalten, und du solltest das BattleMech-Regiment übernehmen, sobald die Neuordnung durch war. Dann ist Patricia gefallen, und innerhalb von drei Tagen sieht die ganze Führungsebene anders aus.“
„Bis auf meinen Teil.“
„Genau. Den wollte ich behalten.“
Vivian lehnte sich zurück. „Sehr rücksichtsvoll.“
„Ich habe gelegentlich lichte Momente.“
Albert deutete auf ihre Akte. „Du kennst die Sechste, du kennst das Regiment und die Leute, die noch da sind. Beim Wiederaufbau bekomme ich neue Piloten, zurückkehrende Verwundete, Ersatzmaschinen und Offiziere aus Verbänden, die anders geführt wurden. Ich wollte oben im Mech-Regiment jemanden, dessen Lageberichte ich verstehe, ohne vorher ein Wörterbuch anzulegen.“
Vivian hob den Blick. „Das ist das Netteste, was du seit Monaten zu mir gesagt hast.“
„Dann solltest du es genießen. Die Quote ist verbraucht.“
Sie lächelte und sah zur zweiten Akte.
Alberts Miene veränderte sich.
„Die gehörte zum selben Plan.“
Er schob die Mappe zu ihr.
LOCKE, ADRIENNE.
Vivian ließ die Hand einige Sekunden auf dem Deckblatt liegen, bevor sie es öffnete.
Vorgeschlagene Beförderung: Major.
Vorgesehene Verwendung: Kommandierende Offizierin, 2. Bataillon, BattleMech-Regiment, 6. Crucis Lancers.
Der Aufbau war sauber gewesen. Vivian sollte das BattleMech-Regiment übernehmen, Adrienne ihr bisheriges Bataillon.
„Sie wusste davon nichts.“
„Ich wollte zuerst mit dir sprechen und danach mit ihr.“
Vivian lehnte sich zurück. „Sie hätte mich mindestens zwei Monate lang für den Zustand des Bataillons verantwortlich gemacht.“
„Am zweiten Tag hätte sie dir die erste Liste geschickt.“
„Listen. Mehrzahl.“
Albert lächelte müde. „Personal, Maschinen und diese dritte Liste, die sie offiziell nie geführt hat.“
Vivian lachte. Es kam leichter, als sie erwartet hatte, und schmerzte gleichzeitig.
„Und sie hätte behauptet, die dritte Liste existiert überhaupt nicht.“
„Während sie daraus vorliest.“
„Natürlich.“
Albert fuhr mit zwei Fingern über den Rand von Adriennes Akte. „Sie war bereit.“
Vivian sah auf den Namen.
„Ja.“
Eine Weile sagte keiner von beiden etwas.
Dann schob Vivian ihre eigene Mappe ein Stück von sich fort.
Albert bemerkte es sofort. „Was?“
„Ich nehme das Regiment nicht.“
Seine Stirn legte sich in Falten. „Vivian, das ist keine Frage des Wollens.“
„Ich trete aus.“
Jetzt schwieg er.
Im Korridor vor dem Büro ging jemand vorbei. Stimmen entfernten sich wieder. Durch das Fenster hinter Albert sah man Kräne zwischen den beschädigten Gebäuden von Avalon City arbeiten.
Er stellte seinen Becher langsam ab. „Seit wann?“
„Der Gedanke? Vielleicht ein Jahr. Die Entscheidung ist jünger.“
„Liegt es am Zwanzigsten?“
Vivian nahm sich Zeit mit der Antwort. „Der gehört zu allem, was gerade in meinem Kopf herumgeht. Adrienne ist der Grund, weshalb es sich heute härter anfühlt. Sie ist nicht der Grund, weshalb ich gehe.“
Albert stützte die Unterarme auf den Tisch und wartete.
Bei ihm konnte sie auf eine sauber ausgearbeitete Begründung verzichten. Nach sieben Jahren gemeinsamer Arbeit hätte er ohnehin gemerkt, wenn sie ihm einen Satz verkaufte, den sie sich vorher zurechtgelegt hatte.
„Ich bin seit 3042 im Dienst“, begann Vivian. „Als die Clan-Invasion kam, hatte ich schon Jahre hinter mir. Danach die Hussars, Suk II, die Guards, Bulldog, die Sechste und der Bürgerkrieg. Dazwischen lagen genügend kleinere Einsätze, Verlegungen und Bereitschaften, um die Lücken zu füllen.“
Albert nickte leicht.
Vivian strich mit dem Daumen über eine Schramme im Tisch. „Fast fünfundzwanzig Jahre lang wusste ich meistens, wo ich im nächsten Quartal sein sollte, weil irgendein Operationsplan es mir gesagt hat. Ich habe mehr Zeit in Gefechtsständen, Transportern und Mechcockpits verbracht als an irgendeinem Ort, den man Zuhause nennen könnte.“ Sie hob den Blick. „Ich glaube, ich habe genug davon.“
Albert musterte sie. „Vom Kämpfen?“
„Das wäre einfacher, aber nein.“
Sie nahm den Becher, stellte ihn wieder hin und schob ihn einige Zentimeter von sich fort.
„Wenn morgen draußen eine feindliche Einheit auftaucht, sitze ich wahrscheinlich als Erste wieder im Cockpit. Das kann ich. Vielleicht kann ich es sogar zu gut.“ Sie atmete langsam durch. „Ich bin des Soldatenlebens müde, Albert. Zumindest gerade. Ich möchte ein paar Monate haben, in denen niemand von mir erwartet, dass ich eine Kompanie auffülle, einen Marschbefehl unterschreibe oder herausfinde, welche meiner Leute dieses Mal nicht zurückkommen.“
Albert senkte den Blick auf die Akten.
„Das klingt ziemlich endgültig.“
„Der Austritt ist endgültig.“
„Der Rest?“
Vivian hob die Schultern. „Keine Ahnung.“
Jetzt musste Albert trotz allem lächeln. „Ich glaube, ich habe diesen Satz von dir in sieben Jahren genau einmal gehört.“
„Dann solltest du den Tag markieren.“
„Was machst du jetzt?“
„Zunächst fliege ich nach Hause.“
„Argyle?“
Vivian nickte. „Argyle.“
„Das ist ein Anfang. Und was machst du dann dort?“
„Mehr habe ich gerade nicht.“
Albert drehte den Becher zwischen den Händen. „Willst du das Familienunternehmen übernehmen?“
Vivian lachte. „Meine Mutter würde wahrscheinlich noch vor meiner Landung einen Vertragsentwurf vorbereiten.“
„Also ja?“
„Also: Ich weiß es wirklich nicht.“ Sie strich eine Haarsträhne hinter das Ohr. „Vielleicht helfe ich meinen Eltern eine Weile. Mein Vater wird genügend Arbeit finden, bei der niemand mit einer PPC auf mich schießt.“
Albert hob eine Braue. „Du und Landwirtschaft.“
„Ich bin auf einem landwirtschaftlichen Betrieb aufgewachsen.“
„Du bist mit zwölf auf eine Militärschule gegangen.“
„Ich kann trotzdem Getreide von einem BattleMech unterscheiden.“
„Das beruhigt mich ungemein.“
Vivian grinste und griff wieder nach dem Kaffee, offenbar überzeugt, dass er sich durch Zeit doch noch in Tee verwandeln könnte. Der nächste Schluck widerlegte diese Hoffnung.
„Fiona ist ebenfalls auf Argyle. Meine Eltern sind Anfang siebzig. In den letzten Jahren habe ich mehr Zeit auf Feldzügen als bei ihnen verbracht.“ Sie stellte den Becher endgültig ab. „Vielleicht gehe ich einfach nach Hause und sehe, wie sich das anfühlt.“
Albert lehnte sich zurück und rieb sich über das Kinn.
„Verdammt.“
„Überzeugend?“
„Bedauerlich.“
Der Humor verschwand aus seiner Stimme.
„Ich hatte wirklich mit dir geplant, Vivian. Deine Akte ist dabei der unwichtigere Teil.“ Er tippte mit einem Finger auf die Mappe. „Ich weiß nach sieben Jahren, wie du führst. Du sagst mir, wenn ein Plan Unsinn ist. Wenn ich danach daran festhalte, setzt du ihn um und sorgst dafür, dass deine Leute verstehen, wofür. Vor allem sorgst du dafür, dass möglichst viele wieder zurückkommen. Bei Problemen bekomme ich von dir eine Meldung, bevor jemand versucht, sie in einem Bericht kleiner zu machen.“ Albert schüttelte leicht den Kopf. „Solche Offiziere ersetzt man ungern.“
Vivian hielt seinen Blick.
„Ich werde die Zusammenarbeit mit dir auch vermissen.“
Seine Brauen gingen hoch. „Das klang beinahe freundlich.“
„Gewöhn dich nicht daran.“
„Zu spät. Ich habe Zeugen im Flur.“
„Die Tür ist geschlossen.“
„Ich bin Lieutenant General. Ich finde welche.“
Beide lachten. Für einige Sekunden war es wieder das vertraute Miteinander aus sieben Jahren, aus langen Stabssitzungen, schlechten Mahlzeiten, Karten voller unbrauchbarer Pfeile und Gesprächen, die erst begonnen hatten, nachdem alle anderen gegangen waren.
Albert nahm Adriennes Akte an sich.
„Ihre Beförderung geht durch.“
Vivian wurde wieder ernst. „Postum.“
„Die Entscheidung war getroffen. Der Papierweg war langsamer als der Krieg.“ Seine Hand blieb auf der Mappe liegen. „Ich will in ihrer Akte den Rang stehen haben, für den sie vorgesehen war.“
Vivian nickte.
„Major Locke.“
„Major Locke.“
Sie stellte sich Adriennes Reaktion vor und musste lächeln. „Sie hätte zwei Tage lang über den zusätzlichen Papierkram geschimpft.“
„Und jeden korrigiert, der sie am dritten Tag noch Captain nennt.“
„Wahrscheinlich schon am ersten.“
Albert schloss die Mappe.
Dann nahm er Vivians Akte wieder auf.
„Deine Beförderung geht übrigens ebenfalls durch.“
Vivian blinzelte. „Nein.“
„Doch.“
„Albert.“
„Vivian.“
Der Ausdruck in seinem Gesicht war ihr aus sieben Dienstjahren vertraut. Er hatte eine Entscheidung getroffen und war geradezu unangemessen zufrieden damit.
„Ich trete mit Wirkung zum fünften Mai aus der AFFS aus.“
„Das habe ich verstanden.“
„Dann brauche ich die Beförderung zum Colonel nicht.“
„Das interessiert mich nur begrenzt.“
Vivian starrte ihn an.
Albert lehnte sich zurück und verschränkte die Arme. „Die Empfehlung ist vorbereitet, deine Leistung rechtfertigt sie, und ich bekomme sie noch vor deinem Ausscheiden durch. Das Mech-Regiment geht an jemand anderen. Mit dem Colonel wirst du leben müssen.“
„Für ein paar Tage.“
„Auch ein paar Tage reichen für eine Personalakte.“
Vivian begann zu lachen. „Du machst das nur, weil ich das Regiment abgelehnt habe.“
„Das spielt möglicherweise eine befriedigende Nebenrolle.“
„Kleinlich.“
„Ich nenne es Abschlussverwaltung.“
„Machtmissbrauch.“
„Frühe Gewöhnung an meinen neuen Dienstgrad.“
Sie schüttelte den Kopf. Albert hatte sichtlich Spaß daran.
„Ich kann die Beförderung ablehnen.“
„Dann findet dein Schreiben drei Wochen lang den falschen Schreibtisch.“
„Du hast vorhin behauptet, mit dem neuen Rang mehr Verantwortung zu haben.“
„Verantwortung heißt, Prioritäten zu setzen und das System zu kennen.“
Vivian sank etwas tiefer in den Stuhl. „Du bist unmöglich.“
„Und du wirst als Colonel aus der AFFS ausscheiden.“
Sie betrachtete ihre Personalakte.
Jahrelang hätte eine solche Beförderung einen neuen Abschnitt ihrer Laufbahn eröffnet. Jetzt bekam sie den Rang unmittelbar vor deren Ende und würde das damit verbundene Kommando nie antreten. Die Ironie war zu offensichtlich, um sie bitter zu finden.
„Gut“, sagte sie schließlich. „Dann kannst du irgendwann erzählen, dass Colonel McFairley dein Regiment abgelehnt hat.“
Albert grinste. „Ich werde die Geschichte jedes Jahr besser machen.“
„Davon gehe ich aus.“
Er legte ihre Akte neben Adriennes.
„Wann fliegst du?“
„Am fünften. Der Abflug ist bestätigt. Wenn wir am Sprungpunkt keinen Anschluss verpassen, bin ich in zehn, vielleicht zwölf Tagen auf Argyle.“
Albert nickte. „Das ist ja fast unverschämt bequem.“
„Ein Sprung. Ich hatte nach den letzten Jahren offenbar einmal Glück.“
„Der Night Gyr reist mit?“
„Natürlich.“
Albert hob die Hände. „Man durfte hoffen.“
„Darauf, dass ich dir einen fünfundsiebzig Tonnen schweren Clan-OmniMech schenke?“
„Ich habe seit heute Sterne. Offenbar macht das optimistisch.“
„Dann wirst du enttäuscht.“
„Wäre nicht das erste Mal.“
Vivian stand auf. Albert folgte ihr.
„Also Argyle.“
„Argyle.“
„Familienunternehmen vielleicht.“
„Vielleicht.“
„Und danach weißt du es tatsächlich nicht.“
Vivian lächelte. „Du lernst schnell.“
Albert sah sie einen Moment lang an. „Dann finde es heraus.“
Sie trat um den Tisch und hielt ihm die Hand hin.
Albert blickte darauf. „Nach sieben Jahren bekomme ich einen Handschlag?“
„Ich könnte salutieren, Lieutenant General.“
„Nimm sofort die Hand zurück und gib sie mir.“
Vivian lachte und schlug ein.
Der Griff hielt länger als bei einem gewöhnlichen dienstlichen Abschied. Albert legte seine freie Hand kurz auf ihren Unterarm.
„Flieg nach Hause, Vivian.“
„Bau die Sechste wieder auf.“
„Ich fange damit an.“
Er ließ sie los, und Vivian ging zur Tür.
„Colonel“, rief Albert ihr hinterher.
Sie blieb stehen und drehte den Kopf.
Er grinste.
Vivian zeigte ihm wortlos den Mittelfinger und verließ das Büro, während er hinter ihr lachte.
_____________________________________________________________
Avalon City, New Avalon
28. April 3067
Victor Steiner-Davions Ansprache wurde in einer Fahrzeughalle übertragen, die man für einige Stunden freigeräumt hatte. Mehrere hundert Soldaten, Mechkrieger, Techs und Angehörige der Unterstützungseinheiten standen zwischen Versorgungsfahrzeugen und mobilen Werkbänken. Verwundete hatten Plätze am Rand bekommen; manche saßen auf Stühlen, andere auf Werkzeugkisten oder zusammengelegten Decken.
Vivian lehnte mit einer Schulter an einem Pfeiler und hielt einen Becher starken schwarzen Tee in beiden Händen.
Auf der großen Projektionsfläche sprach Victor über das Ende des Bürgerkriegs, über Katherine, die Zukunft der Vereinigten Sonnen und der Lyranischen Allianz und über den Wiederaufbau nach Jahren, in denen sich ein Staat gegen sich selbst gewandt hatte.
Die Menschen in der Halle hörten sehr unterschiedlich zu.
Ein junger Lieutenant neben Vivian trug die linke Hand in einem festen Verband und stand während der gesamten Ansprache beinahe regungslos. Einige Reihen weiter vorn saß ein Mechkrieger mit frischen Verbrennungen auf einer Gesichtshälfte. Ein Infanterist hatte die Krücken quer über die Knie gelegt und klopfte mit zwei Fingern unregelmäßig gegen einen der Griffe.
Bei einigen Passagen kam Beifall auf. Andere ließen die Halle ruhig.
Vivian hörte Victor bis zum Ende zu. Seine Worte gehörten zu demselben Krieg wie die Kreuzung vom zwanzigsten April, Adriennes Dragon Fire und die Namen in den Verlustmeldungen, nur aus einer anderen Entfernung betrachtet.
Als die Übertragung endete, blieb es einige Sekunden still. Dann standen die ersten Leute auf, Gespräche begannen zwischen den Reihen, Stühle wurden zur Seite getragen. Ein Tech zog seine Werkzeugkiste bereits wieder zu einem Radpanzer, während auf der Projektionsfläche noch das Abschlussbild der Übertragung stand.
Vivian trank den letzten Schluck Tee, stellte den Becher auf einen Arbeitstisch und ging mit den anderen hinaus.
_____________________________________________________________
Raumhafen Avalon City, New Avalon
05. Mai 3067
Das Landungsschiff stand auf einem der äußeren Pads, umgeben von Frachtcontainern, Zugmaschinen und Bodenmannschaften. Unterschiedliche Farbtöne auf den Rumpfplatten verrieten ältere Reparaturen; mehrere Wartungsbereiche waren frisch versiegelt worden, und an der Backbordseite zog sich neue Lackierung über einen größeren Abschnitt der Außenhaut.
Vivians Night Gyr stand seit dem Morgen verzurrt in der Mech-Transportbucht des Landungsschiffs.
Sie hatte sich die Sicherung selbst angesehen. Der Lademeister hatte ihre Gegenwart eine Weile mit professioneller Höflichkeit ertragen und schließlich gefragt, ob sie auch während des Starts neben der Maschine stehen wolle.
Vivian hatte erklärt, sie denke darüber nach.
Der Mann hatte sie einige Sekunden angesehen und danach beschlossen, wieder zu arbeiten.
Jetzt standen nur noch eine Reisetasche und ein Hartschalenkoffer bei ihr. Weitere persönliche Dinge würden später folgen. Ein Vierteljahrhundert Dienstzeit ließ sich ohnehin schlecht in zwei Gepäckstücke aufteilen.
Vom Nachbarpad hob ein anderes Landungsschiff ab. Die Triebwerke bauten Schub auf, und der Druck rollte über den Raumhafen. Warme Luft trieb Staub zwischen den Markierungen hindurch, während die Maschine über die Gebäude stieg und langsam kleiner wurde.
Hinter dem Raumhafen lag Avalon City.
Von hier aus wirkten viele Schäden weniger unmittelbar als aus dem Cockpit eines BattleMechs. Zwischen den Hochhäusern standen Kräne, an einigen Türmen fehlten ganze Fassadenteile, und Kolonnen von Arbeitsfahrzeugen bewegten sich durch Straßen, in denen zwei Wochen zuvor noch geschossen worden war.
Wenn die Verbindung am Sprungpunkt hielt, würde Vivian in zehn oder zwölf Tagen auf Argyle sein.
Ihre Eltern warteten dort.
Fiona ebenfalls.
Vivian konnte sich ziemlich genau vorstellen, wie die ersten Stunden ablaufen würden. Ihr Vater würde wissen wollen, ob sie auf der Reise ordentlich gegessen hatte. Ihre Mutter würde spätestens nach dem ersten gemeinsamen Essen nach dem Wartungszustand des Night Gyr, der Ersatzteilversorgung und den Kosten von Clan-Technik fragen. Fiona würde wahrscheinlich mehrere Fragen stellen, während irgendjemand noch die erste beantwortete.
Was Vivian einige Wochen später tun würde, konnte sie deutlich schlechter vorhersagen.
Ein Besatzungsmitglied trat aus der geöffneten Passagierschleuse und überprüfte die letzten Namen auf seinem Datenpad.
„Colonel McFairley?“
Vivian reagierte mit einer kleinen Verzögerung.
Der Mann sah noch einmal auf sein Pad. „Colonel Vivian Estelle McFairley?“
Sie hob ihre Reisetasche auf.
„Ja. Das bin ich.“
Er setzte einen Haken neben ihren Namen. „Kabine C-achtzehn. Das Handgepäck können Sie mitnehmen.“
„Danke.“
Vivian ging über das Pad zum Landungsschiff.
Am Fuß der Einstiegstreppe musste sie kurz warten, bis eine Zugmaschine mit zwei Frachtcontainern den Weg geräumt hatte. Danach stieg sie hinauf und trat durch die Schleuse.
Im Inneren nahm ihr ein Besatzungsmitglied den größeren Koffer ab und wies ihr den Weg zu den Passagierkabinen. Vivian fand C-achtzehn, schob die Reisetasche unter die untere Liege und setzte sich auf die schmale Matratze.
Wenig später meldete der Bordlautsprecher den Beginn der Startvorbereitungen. Vivian zog den Sicherheitsgurt über die Schulter und schloss ihn. Kurz darauf ging ein tiefes Vibrieren durch die Schiffszelle, als die Systeme für den Start hochfuhren.
__________________ Wer aufhört besser zu werden, hat aufgehört gut zu sein!
"Ich treffe alles, was ich sehe!"
Starcolonel Kurt Sehhilfe, Clan SeeBug
|
|
06.10.2026 13:38 |
|
|
Andai Pryde
Colonel

Dabei seit: 01.05.2003
Beiträge: 4.933
Herkunft: Berlin
Themenstarter
 |
|
Kapitel 2
Dún Mór, Argyle
17. Mai 3067
Die Wärme erreichte Vivian bereits in der Fluggastbrücke. Nach zwölf Tagen zwischen Kabinen, Schleusen, künstlicher Beleuchtung und den immer gleichen metallischen Gerüchen von Landungs- und Sprungschiffen fühlte sich die Luft von Argyle beinahe verschwenderisch an. Durch die geöffneten Außentüren des Terminals drangen warmer Wind, der Geruch aufgeheizter Steinflächen und das schwere Aroma von Vegetation herein. Irgendwo außerhalb mussten frisch bewässerte Grünanlagen liegen; Vivian roch feuchte Erde und etwas Blühendes, das sie keiner Pflanze mehr zuordnen konnte.
Sie verlangsamte unwillkürlich den Schritt. Vor den hohen Fenstern des Terminals lag der Raumhafen von Dún Mór. Seit ihrem letzten längeren Aufenthalt auf Argyle waren neue Frachthallen hinzugekommen, und mehrere Abfertigungsgebäude wirkten deutlich größer, als sie sie in Erinnerung hatte. Schlepper bewegten Container zwischen den Pads, Lastfahrzeuge verschwanden in überdachten Logistikbereichen, und hinter den flachen Gebäuden ragten die Rümpfe dreier Landungsschiffe in den hellen Himmel.
Weiter südlich ging die Stadt in breite Agrarflächen über. Sattes Grün wechselte mit helleren Getreideschlägen, goldgelben Feldern und dunklem Boden, auf dem Bewässerungsanlagen schmale glänzende Linien hinterlassen hatten. Baumreihen folgten Wasserläufen und Zufahrtswegen. Dazwischen standen Speicherkomplexe, Verarbeitungsanlagen und landwirtschaftliche Hallen, deren Dimensionen deutlich machten, welche Bedeutung die Landwirtschaft für Argyle hatte. Von hier gingen Lebensmittel und verarbeitete Agrarprodukte zu zahlreichen Welten der Vereinigten Sonnen.
Vivian blieb einen Moment vor der Glasfront stehen. Sie erinnerte sich an diese Weite. Mit zwölf hatte sie Argyle verlassen. Danach waren Vorbereitungsschule, Akademie und AFFS gekommen, und aus gelegentlichen Heimreisen waren mit den Jahren immer größere Abstände geworden. Seit Beginn des Bürgerkriegs hatte sie das Landgut ihrer Eltern überhaupt nicht mehr gesehen.
Fast sieben Jahre. Die Zahl überraschte sie, als sie darüber nachdachte. In dieser Zeit hatte Fiona sich von einer Dreizehnjährigen zu einer jungen Frau entwickelt. Ihre Eltern waren älter geworden. Das Unternehmen hatte expandiert. Vivian selbst hatte mehrere Feldzüge, unzählige Verlegungen und einen Bürgerkrieg hinter sich gebracht.
Hinter ihr kamen Schritte näher.
„Colonel McFairley?“
Vivian drehte sich um. Der Mann, der sie angesprochen hatte, war vielleicht Mitte dreißig und trug einen dunkelgrauen Anzug, der für einen Mitarbeiter des Raumhafens ungewöhnlich elegant wirkte. Das kleine Firmenzeichen an seiner Brust erkannte Vivian sofort. Es gehörte zum Unternehmen ihrer Eltern. Neben ihm stand ihr Hartschalenkoffer. Ihre Reisetasche hielt er bereits in der Hand. Vivians Blick blieb daran hängen.
„Das ist meine.“
Der Mann zögerte. „Ja, Ma'am.“
„Ich meinte …“ Vivian brach ab und musste über ihre eigene Reaktion lächeln. „Entschuldigung. Wer sind Sie?“
„Daniel Corren. Gästeservice der McFairley-Verwaltung. Ihr Vater hat mich gebeten, mich um Ihr Gepäck und die Freigabe der persönlichen Fracht zu kümmern.“
Gästeservice. Das Wort gehörte zu einem Leben, das Vivian beinahe vergessen hatte. Seit fast dreißig Jahren trug sie ihr eigenes Gepäck. Meistens bestand es aus einem Seesack, einer Reisetasche, Uniformteilen und persönlicher Ausrüstung, die irgendwo zwischen Kaserne, Transportfahrzeug und Landungsschiff verstaut werden musste. Andere Menschen griffen danach, wenn ein Quartiermeister eine Verladung organisierte oder ein Lademeister verlangte, dass sämtliche Taschen endlich aus einer Schleuse verschwanden.
Ein Angestellter des Familienunternehmens, der sie am Raumhafen erwartete und ihr höflich die Reisetasche abnahm, fühlte sich wesentlich fremder an als die meisten militärischen Abläufe der vergangenen Jahrzehnte.
„Meine Eltern schicken jemanden, um mir den Koffer zu tragen.“
Corren schien nicht sicher, ob sie sich beschwerte.
„Ihr Vater sagte, Sie würden vermutlich darauf bestehen, es selbst zu tun.“
Vivian hob eine Braue. „Hat er das.“
„Ja, Ma'am.“
„Und was sollten Sie in diesem Fall machen?“
Jetzt lächelte der Mann vorsichtig. „Trotzdem hier sein.“
Das klang eindeutig nach Alistair. Vivian gab die Reisetasche endgültig frei. „Dann möchte ich Sie nicht wegen mir in Schwierigkeiten bringen.“
„Danke, Ma'am.“
„Und Colonel müssen Sie nicht jedes Mal sagen. Der Rang ist noch neu genug, dass ich gelegentlich vergesse, dass jemand mich meint.“
Corren nickte. „Verstanden.“
Er nahm auch den Koffer. Vivian folgte ihm durch die Halle und war sich ihrer leeren Hände dabei unangenehm bewusst. Zweimal wollte sie beinahe wieder nach ihrer Tasche greifen. Die Gewohnheit saß tiefer, als sie gedacht hatte.
Vor dem Terminal wartete ihr Vater. Alistair Graham McFairley stand neben einem dunkelblauen Geländewagen und sprach mit einem Mitarbeiter des Raumhafens. Als er Vivian sah, beendete er das Gespräch, gab dem Mann die Hand und ging ihr entgegen.
Vivian blieb stehen. Mit vierundsiebzig war er schmaler geworden. Seine Schultern wirkten noch immer breit, die Haltung aufrecht, doch sein Haar war inzwischen fast vollständig weiß und die Linien um Augen und Mund hatten sich vertieft. Er trug eine helle Arbeitshose und ein offenes Hemd über einem einfachen T-Shirt. An den Schuhen klebte getrocknete Erde. Dann lächelte er. Es war dasselbe breite, offene Lächeln, das Vivian aus ihrer Kindheit kannte. Für einige Sekunden fielen Rang, Dienstzeit und die letzten Wochen auf New Avalon weit genug zurück, dass sie einfach seine Tochter sein konnte.
„Da bist du ja.“
Alistair schloss sie in die Arme. Vivian erwiderte die Umarmung sofort. Er hielt sie fest, eine Hand zwischen ihren Schulterblättern, die andere an ihrem Hinterkopf. Vivian legte für einen Moment die Stirn an seine Schulter und ließ sich halten.
„Hallo, Dad.“
„Hallo, mein Mädchen.“
Normalerweise hätte sie gegen diese Bezeichnung protestiert. Heute passte sie.
Alistair trat ein Stück zurück, behielt beide Hände an ihren Oberarmen und betrachtete sie ausführlich. Vivian kannte auch diesen Blick. Er hatte sie als Achtjährige so angesehen, wenn sie von irgendwoher mit aufgeschlagenen Knien zurückgekommen war. „Du bist dünner geworden.“
Vivian lachte. „Ich stehe seit ungefähr vier Minuten auf Argyle.“
„Dann habe ich schnell gearbeitet.“
„Du könntest auch zuerst fragen, wie es mir geht.“
„Das sehe ich mir gerade an.“
Er fasste ihr kurz an die Wange und wurde dabei für einen Augenblick ernster. „Du bist wirklich da.“
Vivian nickte. „Ja.“
Sein Lächeln kam zurück. „Gut. Deine Mutter läuft seit heute Morgen herum, als müsste sie persönlich den ganzen Planeten für deine Ankunft vorbereiten.“
„Das klingt überhaupt nicht nach Mom.“
„Überhaupt nicht.“
Corren kam mit dem Gepäck. Alistair begrüßte ihn beim Namen, fragte nach seiner Frau und erfuhr nebenbei, dass eines seiner Kinder gerade die Abschlussprüfung bestanden hatte. Vivian hörte zu und erinnerte sich daran, wie mühelos ihr Vater sich Namen merkte. Auch nach Jahrzehnten Unternehmensführung sprach er mit Mitarbeitern als Menschen, denen er regelmäßig begegnete. Corren verstaute Koffer und Reisetasche im Wagen.
Vivian wartete, bis er sich verabschiedet hatte. „Du hast jemanden geschickt, damit er mein Gepäck trägt.“
Alistair öffnete die Fahrertür. „Eleanor wollte einen Wagen mit Fahrer schicken.“
„Und du?“
„Ich wollte dich selbst abholen.“
Vivian lächelte. „Danke.“
„Außerdem habe ich ihr erklärt, dass ich noch weiß, wie man ein Auto steuert.“
„Hat sie daran gezweifelt?“
„Sie hat nichts gesagt. Das ist bei deiner Mutter manchmal schlimmer.“
Vivian stieg auf der Beifahrerseite ein. Der Wagen war hochwertig, geräumig und mehrere Jahre alt. Auf dem Armaturenbrett lag ein Datenpad mit Ertragszahlen, hinter dem Fahrersitz standen zwei staubige Arbeitsschuhe, und im Seitenfach steckte ein halb aufgegessenes Päckchen Nüsse. Ihr Vater kaufte noch immer gute Dinge und benutzte sie anschließend so lange, bis eine Reparatur wirtschaftlich endgültig keinen Sinn mehr ergab.
Alistair startete den Motor und sah zu ihr. „Hast du gegessen?“
Vivian begann zu lachen. „Was?“
„Nichts.“
„Vivian.“
„Ich habe vor der Landung gefrühstückt.“
„Ordentlich?“
„Ja.“
Er nickte zufrieden und setzte den Wagen in Bewegung. Die ersten Kilometer führten durch die Außenbezirke von Dún Mór. Wohnquartiere wechselten sich mit Verwaltungsgebäuden, Lagerhäusern und großen Verarbeitungsbetrieben ab. Schwere Lastzüge dominierten die breiteren Straßen. Auf einem Tieflader stand ein AgrarMech zwischen zusammengeklappten Erntegeräten, ein Stück weiter warteten mehrere autonome Transportfahrzeuge vor einer Einfahrt.
Vivian beobachtete die Stadt. „Sie ist größer geworden.“
„Wir haben inzwischen fast ein Drittel mehr Einwohner als bei deinem letzten längeren Aufenthalt.“
„Mein letzter längerer Aufenthalt war vor einer Ewigkeit.“
„Das stimmt.“ Alistair sagte es ruhig. Die Feststellung reichte ihm.
Nach ungefähr zwanzig Minuten wurden die Gebäude niedriger. Häusergruppen wichen großen Betrieben, dann kamen die ersten offenen Flächen. Schließlich führte die Straße nahezu gerade durch das Agrarland.
Vivian ließ das Seitenfenster herunter. Der Wind strömte warm herein und brachte den Geruch von Erde, Pflanzen und Wasser mit. Auf einem frisch abgeernteten Feld arbeitete ein großer autonomer Pflug. Weiter dahinter zog ein AgrarMech eine Reihe von Wartungsfahrzeugen entlang einer Bewässerungsanlage. Getreide bewegte sich in breiten Wellen unter dem Wind.
Sie lehnte den Kopf ein wenig näher ans offene Fenster. Alistair sah kurz zu ihr. „Gut?“
Vivian brauchte einen Moment. „Ja.“
Ihr Vater lächelte und ließ es dabei. Sie fuhren einige Minuten schweigend weiter. Bei Alistair hatte sich Stille schon immer selbstverständlich angefühlt. Während ihrer Kindheit hatte er selten versucht, Antworten aus ihr herauszubekommen. Meistens wartete er, bis sie selbst zu reden begann.
„Wie schlimm war New Avalon?“, fragte er irgendwann.
Vivian sah weiter über die Felder. „Am Ende?“
„So viel, wie du erzählen möchtest.“
Sie überlegte. „Es war lang. Irgendwann verschwimmen die Einsätze. Du schläfst, wenn du kannst, reparierst, was noch zu reparieren ist, füllst Verluste auf und versuchst, am nächsten Morgen wieder genügend Maschinen und Leute zusammenzubekommen. Nach einer Weile denkt man kaum noch darüber nach, wie lange es schon so geht.“
Alistairs Gesicht wurde ernster. „Das Gefühl kenne ich.“
„Ich weiß.“
„Meine Kriege waren kürzer.“
Vivian sah ihn an. Ihr Vater hatte den Vierten Nachfolgekrieg erlebt und anschließend die Uniform abgelegt. Er war nach Argyle zurückgekommen, hatte sich dem Familienunternehmen gewidmet und einer Tochter, die damals sieben Jahre alt gewesen war. Vivian erinnerte sich kaum an seine damalige Uniform. Sie erinnerte sich viel deutlicher daran, wie er sie bei seiner Rückkehr hochgehoben hatte.
„Du warst damals fertig damit“, sagte sie.
Alistair nickte. „Vollständig genug, um zu wissen, wo ich hingehöre.“
„Und du hattest nie das Gefühl, vielleicht doch wieder zurückzumüssen?“
Er dachte einen Moment darüber nach. „Es gab Tage, an denen ich mich gefragt habe, ob ich die richtige Entscheidung getroffen hatte. Etwas, das lange zum eigenen Leben gehört hat, verschwindet nicht mit einem Entlassungspapier. Ich wusste aber, was ich danach wollte. Deine Mutter, dich, das Unternehmen. Ich hatte genug Jahre anderswo verbracht.“
Vivian blickte wieder aus dem Fenster. „Ich weiß noch nicht, ob es bei mir genauso ist.“
„Dann wirst du es herausfinden.“ Die Antwort kam mit derselben Ruhe, mit der Alistair über einen Wetterbericht oder einen Ernteplan gesprochen hätte. Vivian lächelte. Ihr Vater hatte eine besondere Begabung dafür, komplizierte Dinge auf einen brauchbaren Kern zurückzuführen und ihr den Rest zum eigenen Nachdenken zu überlassen.
„Albert fand diese Antwort beunruhigend.“
Alistair runzelte die Stirn. „Albert Jehlik? Patricias XO bei den Crucis Lancers?“
„War er.“ Vivian strich eine Haarsträhne aus dem Gesicht, die der Wind durch das offene Fenster hereingeweht hatte. „Patricia ist in den letzten Kämpfen gefallen. Albert hat übernommen. Mittlerweile Lieutenant General und zumindest im Augenblick Kommandeur der Sechsten.“
Ihr Vater pfiff leise durch die Zähne. „Das ging schnell.“
„Für ihn vermutlich deutlich schneller, als ihm lieb war.“
„Und der frischgebackene General macht sich Sorgen, weil du einmal keine Antwort auf deinen Lebensplan hast.“
„Im Wesentlichen.“
Alistair grinste. „Dann hat er dich offenbar gut kennengelernt.“
Vivian lachte. Das Gespräch wandte sich Argyle zu. Alistair erzählte von den vergangenen Jahren, von politisch gewordenen Lieferverträgen, beschlagnahmten Transporten und Geschäftspartnern, die plötzlich wissen wollten, auf welcher Seite die McFairleys standen.
„Die Loyalisten haben irgendwann angefangen, bei den Lebensmittellieferungen Druck zu machen“, sagte er. „Ein paar Leute aus Katherines Verwaltung fanden, dass bestimmte Welten weniger dringend beliefert werden müssten. Galax war einer der Fälle. Die Versorgung dort war ohnehin angespannt, und plötzlich sollte ausgerechnet Nahrung als politisches Werkzeug herhalten.“
Vivian wandte den Kopf. „Und ihr habt weiter geliefert.“
Alistair sah sie an, als wäre die Antwort selbstverständlich.
„Natürlich. Ich habe mich mein Leben lang mit Politikern arrangiert. Hungernde Familien gehören für mich in eine andere Kategorie.“ Er wechselte eine Fahrspur, weil vor ihnen ein langsamer Erntetransporter unterwegs war. „Wir haben Verträge erfüllt, solange wir die Transportwege offenhalten konnten. Einige Leute waren darüber ausgesprochen unglücklich.“
„Wie unglücklich?“
„Briefe. Drohungen mit Kontrollen. Zwei eingefrorene Transportgenehmigungen. Ein Beamter hat versucht, uns für drei Wochen den Zugang zu einem Lagerkomplex zu sperren.“
Vivian sah ihn an. „Und?“
„Deine Mutter hat Anwälte auf ihn angesetzt.“
Vivian musste lachen. „Das klingt tatsächlich nach Mom.“
„Ich habe vorher freundlich mit ihm gesprochen.“
„Hat das geholfen?“
„Nein. Aber ich hatte es versucht.“
Sein sonniges Lächeln kehrte zurück. „Am Ende sind die Lieferungen rausgegangen.“
Vivian nickte verständig.
Nach einer weiteren halben Stunde verließen sie die Hauptstraße. Ein schlichtes Schild an der Zufahrt trug den Namen McFairley und darunter das ebenso einfache Firmenzeichen des Familienunternehmens. Die Straße dahinter führte mehrere Kilometer über eigenen Grund. Vivian erkannte Teile der Landschaft wieder. Ein breiter Wasserlauf verlief links der Zufahrt, danach kam eine flache Senke, die im Frühjahr oft feucht gewesen war. Die alte Baumreihe stand noch. Dahinter waren inzwischen zwei große Speicherkomplexe entstanden. Eine neue Verarbeitungsanlage erhob sich dort, wo Vivian früher mit ihrem Vater auf einem offenen Feld gestanden hatte.
Ihr Blick folgte der Straße bis zur nächsten Geländekante. Von dort ließ sich die Zufahrt über fast einen Kilometer einsehen. Rechts bot dichterer Baumbestand Sichtschutz, links blieb das Feld offen. Die Wirtschaftsgebäude weiter oben standen mit breiten Zwischenräumen, groß genug für schwere Fahrzeuge und ebenso brauchbar für BattleMechs.
Sie bemerkte erst, dass sie Entfernungen abschätzte, als Alistair leise lachte. Vivian sah ihn an. „Was?“
„Eleanor gewinnt schon wieder.“
„Womit?“
Er grinste. „Sie hat gesagt, du würdest auf der Fahrt zum Haus erst die neuen Hallen ansehen, danach den Mechhangar und unterwegs mehrfach prüfen, von welchen Punkten aus man die Zufahrt überblicken kann.“
Vivian wandte den Kopf zurück zur Straße. „Ich habe mir das Gelände angesehen.“
„Das sehe ich.“
„Das ist etwas anderes.“
„Ich habe dreißig Jahre mit Soldaten verbracht, Vivian.“
Sie wollte widersprechen und ließ es bleiben.
Alistairs Lächeln wurde breiter. „Deine Mutter macht übrigens genau dasselbe. Bei ihr heißen mögliche Feuerstellungen nur Aussichtspunkte.“
Vivian musste lachen. Das Haupthaus erschien hinter einer flachen Anhöhe. Der älteste Teil bestand aus hellem Naturstein, an den im Laufe mehrerer Generationen zwei Seitenflügel angebaut worden waren. Große Fenster öffneten sich zu den Gärten und den Feldern dahinter. Ein kleiner See lag etwas tiefer zwischen Baumgruppen. Die Zufahrt teilte sich vor dem Haus; ein Weg führte zum privaten Bereich, ein anderer weiter zu den Verwaltungs- und Wirtschaftsgebäuden. Hinter dem Wohnhaus erstreckte sich der technische Teil des Anwesens. Werkstätten, Lagerhallen, Fahrzeugunterstände und die Verwaltungsgebäude des Unternehmens standen in großzügigem Abstand zueinander. Neue Dächer glänzten zwischen älteren Bauten. Auf einer befestigten Fläche arbeiteten Mechaniker an zwei AgrarMechs. Lastfahrzeuge kamen und gingen, Mitarbeiter bewegten sich zwischen den Hallen.
Weiter hinten stand der Mechhangar. Vivians Blick blieb dort hängen.
Alistair sagte nichts. Sein Gesicht genügte.
„Kein Wort.“
„Ich habe nichts gesagt.“
„Aber gedacht.“
„Das ist meines Wissens noch erlaubt.“
Er parkte vor dem Haupteingang. Noch bevor Vivian die Tür vollständig geöffnet hatte, kam Fiona aus dem Haus. Ihre Schwester lief die letzten Meter. Vivian stand gerade auf, als Fiona sie umarmte. Mit zwanzig war Fiona eine junge Frau, doch in diesem Augenblick erinnerte wenig an die angehende Offizierin und Mechkriegerin, von der ihre Eltern in den vergangenen Jahren geschrieben hatten. Ihr kupferrotes Haar fiel offen über die Schultern, die graublauen Augen glänzten, und sie legte beide Arme so fest um Vivian, dass diese einen halben Schritt zurücksetzen musste.
„Du bist endlich da.“
Vivian schloss die Arme um sie. „Hallo, Fiona.“
Ihre Schwester blieb einen Moment länger an ihr hängen, bevor sie zurücktrat. Dann kam der Vorwurf. „Du hast kaum geschrieben.“
Vivian sah sie an. Fiona schien selbst nicht ganz sicher, ob sie den Satz hatte sagen wollen. Sie strich eine Haarsträhne hinter das Ohr und blickte kurz zum Wagen. „Ich weiß, dass du unterwegs warst. Und vorher war Krieg und alles. Trotzdem hätte ich manchmal gern mehr als drei Sätze bekommen.“
Vivian konnte die sieben Jahre zwischen ihnen beinahe körperlich spüren. Fiona war dreizehn gewesen, als Vivian das letzte Mal längere Zeit hier verbracht hatte. Damals hatte sie noch davon erzählt, irgendwann vielleicht Tierärztin zu werden, Pilotin, Mechkriegerin oder alles gleichzeitig. Die Frau vor Vivian besaß dieselben Augen, dieselbe schnelle Mimik und eine Stimme, die tiefer geworden war, ohne dass Vivian den Übergang miterlebt hatte.
Sie berührte Fionas Oberarm. „Du hast recht. Ich hätte öfter schreiben sollen.“
Fiona sah sie an, offenbar überrascht, dass kein Einwand kam. „Okay.“ Dann wusste sie sichtbar nicht, was sie mit der Zustimmung anfangen sollte.
Vivian lächelte. „Ich bin jetzt hier.“
Fiona nickte. „Ja.“
Hinter ihnen öffnete Alistair den Kofferraum. „Deine Schwester hat übrigens behauptet, ich würde zuerst sagen, dass du zu dünn bist.“
Fiona wandte sich sofort zu ihm. „Weil du das bei jedem machst.“
„Sie ist dünner.“
„Sie war im Krieg, Dad.“
Alistair hob beschwichtigend eine Hand. „Ich habe nur eine Beobachtung gemacht.“
Vivian sah zwischen beiden hin und her. „Schön zu wissen, dass ihr meine Ernährung schon besprochen habt.“
Fiona grinste.
Die Haustür öffnete sich. Eleanor Anne McFairley trat heraus. Sie bewegte sich langsamer als Fiona und mit der kontrollierten Ruhe einer Frau, die ihr ganzes Leben lang selten einen Grund gesehen hatte, sich zu beeilen, nur weil andere es taten. Ihr früher dunkles Haar war inzwischen fast vollständig silbern und endete knapp unter den Ohren. Die bernsteinfarbenen Augen hatte Vivian von ihr geerbt, ebenso die ausgeprägten Wangenknochen und den ruhigen Blick, der Menschen sehr schnell das Gefühl geben konnte, gründlich betrachtet zu werden.
Eleanor blieb direkt vor Vivian stehen. Für einige Sekunden sagte sie nichts. Ihr Blick wanderte über das Gesicht ihrer älteren Tochter, über die Schläfen, die kleine Narbe im Haaransatz, Schultern und Hände. Dann hob sie beide Hände und legte sie Vivian an die Wangen. „Komm her.“
Vivian lächelte. „Hallo, Mom.“
Eleanor zog sie in die Arme. Die Umarmung war fest und ruhig. Vivian schloss die Augen und atmete gegen die Schulter ihrer Mutter.
„Willkommen zu Hause“, sagte Eleanor leise.
„Danke.“
Als sie sich voneinander lösten, behielt Eleanor eine Hand an Vivians Arm. „Du siehst müde aus.“
„Dad sagt, ich bin dünn.“
„Das bist du auch.“
Vivian sah zu ihrem Vater. Alistair hob beide Hände. „Siehst du?“
Eleanor ignorierte ihn. Ihr Blick wanderte über Vivians Schulter zum Gelände hinter dem Wagen, als könnte der Night Gyr dort irgendwo auf dem Parkplatz stehen. „Wann kommt er?“
Alistair begann zu lachen.
Eleanor drehte den Kopf. „Was ist?“
„Nichts.“
Vivian musste ebenfalls lächeln. „Morgen Vormittag. Der Schwertransport ist für neun angesetzt.“
„Gut. Ich wollte ihn eigentlich selbst vom Raumhafen holen.“
Vivian sah sie an. „Natürlich wolltest du das.“
„Der technische Leiter dort war der Meinung, ich bräuchte dafür deine vollständige Pilotenfreigabe.“
„Damit hatte er recht.“
„Mit dem Wartungsschlüssel kann ich ihn rangieren.“
„Ein paar Meter, langsam und mit eingeschränkten Systemen. Für alles Weitere brauchst du meine Pilotenkennung, den Neurohelmabgleich und die persönlichen Sicherheitsfreigaben.“
Eleanor zog leicht eine Braue hoch. „Ich kenne BattleMechs.“
Vivian erkannte den Ton sofort. „Mom.“
„Ich habe lediglich gesagt, dass ich ihn auf den Transportstand hätte bringen können. Seit 3039 habe ich genug Gelegenheiten ausgelassen, mich wieder in ein Cockpit zu setzen. Bei einem Clan-OmniMech wäre ich fast schwach geworden.“
Vivian lachte. „Du hast noch nie einen Clan-Mech gesteuert.“
„Eben.“ Eleanor sagte es mit solcher Selbstverständlichkeit, dass Alistair hinter ihnen wieder zu grinsen begann.
„Außerdem“, fuhr Vivian fort, „hast du seit Jahren keinen Mech mehr regelmäßig gesteuert.“
„Regelmäßig ist ein sehr dehnbarer Begriff.“
Vivian sah sie an. „Darauf komme ich später zurück.“
Fiona hatte dem Wortwechsel mit wachsendem Interesse zugehört. „Dann darf ich ihn morgen steuern?“
Vivian und Eleanor drehten gleichzeitig den Kopf.
Fiona hob sofort die Hände. „Ich habe nur gefragt.“
„Nein“, sagte Vivian.
Ihre Schwester zog ein Gesicht. „Du hast überhaupt nicht darüber nachgedacht.“
„Doch. Sehr schnell.“
„Ich könnte nur ein Stück über das Gelände gehen. Vielleicht bis hinter die Werkstätten. Ich kenne die Grundlagen und würde nichts mit den Waffen machen.“
Vivian sah ihr an, dass sie den Vorschlag für vollkommen vernünftig hielt. „Fiona, du kennst einen Night Gyr aus Simulatoren. Meine Maschine ist auf mich eingestellt und trägt Clan-Systeme, mit denen du bisher keine praktische Erfahrung hast. Wenn er im Hangar steht und die Techniker fertig sind, kannst du ins Cockpit. Ich zeige dir die Systeme und die Bedienung.“
Fionas Miene hellte sich auf. „Wirklich?“
„Ja. Steuern wirst du ihn trotzdem nicht.“
Fiona nickte, auch wenn sie den letzten Satz sichtbar weniger interessant fand.
Eleanor legte ihr die Hand auf die Schulter. „Für heute lässt du deine Schwester erst einmal im Haus ankommen.“
Fiona sah zu Vivian und danach zum Eingang. „Okay.“ Sie ging voraus.
Vivian beobachtete sie einige Sekunden. „Sie ist erwachsen geworden.“
Eleanor trat neben sie. „Weitestgehend.“
„Ich habe viel verpasst.“
Ihre Mutter antwortete ruhig. „Ja.“ Das Wort traf genau deshalb, weil Eleanor daraus keinen Vorwurf machte.
Alistair stellte den Koffer neben Vivian ab und legte ihr einen Arm um die Schultern. „Dafür bist du jetzt da.“
Vivian sah zu ihm. Sein Lächeln war warm und vollkommen selbstverständlich. Sie legte ihm für einen Augenblick den Kopf an die Schulter. „Ja.“
Das Abendessen fand im kleineren Speisezimmer an der Westseite des Hauses statt. Vivian war froh darüber. Das große Esszimmer kannte sie aus Empfängen, Geschäftsterminen und den wenigen gesellschaftlichen Veranstaltungen, die sie als Jugendliche hatte ertragen müssen. Der kleinere Raum gehörte zur Familie. Hohe Fenster blickten über Garten und Felder, und das Licht der tiefstehenden Sonne lag warm auf dem langen Holztisch. Die Möbel waren hochwertig und teilweise älter als Vivian. Auf einer Kommode standen Familienbilder neben Datenpads und einer Schale mit Obst.
Frisches Brot, Gemüse und Fleisch stammten aus der Region, ein Teil direkt vom eigenen Betrieb. Der Wein kam von einem Gut weiter südlich. Eine Angestellte half beim Auftragen und zog sich anschließend zurück.
Auf dem Sideboard lagen Akademieunterlagen.
Eleanor sah hin.
Fiona folgte dem Blick und seufzte. „Ich räume sie nachher weg.“
Ihre Mutter sagte nichts.
Fiona stand auf. „Schon gut.“
Vivian musste lächeln. „Akademie?“
Fiona nahm den Stapel und legte ihn in einen Nebenraum. Als sie zurückkam, ließ sie sich auf den Stuhl fallen. „Prüfungsvorbereitung. Ich muss in knapp zwei Wochen wieder nach New Avalon.“
Eleanor hob den Blick. „Du willst zurück.“
Fiona presste kurz die Lippen zusammen. „Ja, Mom. Ich will zurück. Und ich muss meine Abschlussprüfungen machen.“
Vivian sah zwischen beiden hin und her.
Fiona bemerkte es. „Sie korrigiert mich seit Tagen.“
„Weil du seit Tagen so klingst, als würde dich jemand gegen deinen Willen dort hinschicken.“
Fiona bewegte die Gabel zwischen den Fingern. „Ich bin einfach nervös. Das ist was anderes.“
Eleanor nickte. „Das glaube ich dir.“
Damit war der kleine Streit beendet.
Vivian griff nach dem Brotkorb. „Also auf dem NAIS College haben sie uns jedenfalls nicht zwischendurch nach Hause gelassen.“
Fiona sah sie an. „Es war Bürgerkrieg, es gab am MANA Demonstrationen, Aufstände, Kadetten wurden verhaftet, also beschloss man die Opposition gering zu halten und schickte uns heim. Außerdem bist du mit zwölf auf eine Militärschule gegangen. Freiwillig. Du bist kein normaler Vergleich.“
Alistair schenkte Wein ein und lächelte in sein Glas.
Vivian hob eine Braue. „Ich war ehrgeizig.“
„Du warst zwölf.“
„Das eine schließt das andere nicht aus.“
Fiona lehnte sich zurück. „Genau das meine ich. Wenn Leute über dich reden, klingt es immer, als hättest du mit zwölf schon einen vollständigen Karriereplan gehabt. Dann Akademie, gute Noten, Offizierin, Mechkriegerin und immer der nächste Schritt.“ Der Ton war schärfer geworden, ohne wirklich feindselig zu sein.
Vivian legte das Brot auf ihren Teller. „Ich war mit zwölf ziemlich sicher, dass ich alles verstanden hatte.“
Fiona blinzelte. „Hattest du nicht?“
„Natürlich nicht.“
„Mom erzählt das anders.“
Vivian sah zu ihrer Mutter.
Eleanor schnitt ruhig das Fleisch. „Ich erzähle, dass Vivian fleißiger war.“
„Das klingt nicht besser“, murmelte Fiona.
Vivian lächelte. „Du musst auch nicht so werden wie ich. Ich war gut in Theorie, weil ich Stunden damit verbracht habe. Und ich habe ziemlich lange gebraucht, um zu lernen, dass ein sauberer Plan nur so lange gut ist, bis draußen jemand etwas tut, das darin nicht vorgesehen war.“
Alistair hob sein Glas leicht. „Das klingt nach einer späten, aber wertvollen Erkenntnis.“
„Danke, Dad.“
Fiona spielte mit der Gabel. „Meine Noten sind nicht schlecht.“
„Hat niemand gesagt“, erwiderte Vivian.
„Mom schon.“
Eleanor hob eine Braue. „Ich habe gesagt, deine letzte taktische Ausarbeitung war schlecht. Deine anderen Ergebnisse sind ordentlich, und praktisch gehörst du zu den Besten deines Jahrgangs.“
Fiona öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Die ausdrückliche Anerkennung hatte sie offenbar nicht erwartet.
Vivian gab ihr ein paar Sekunden. „Wie laufen die Simulatorprüfungen?“
Fionas Haltung änderte sich sofort. „Gut. Wirklich gut.“ Jetzt sprach sie schneller. „Vor allem in Bewegung und auf Karten mit Höhenunterschieden. Die Sprungmanöver liegen mir auch. Letzte Woche habe ich zwei ältere Kadetten geschlagen, obwohl einer einen schwereren Mech hatte. Ich habe ihn ständig gezwungen, seinen Torso neu auszurichten, und irgendwann konnte er mit meinem Tempo nicht mehr mithalten.“
Eleanor nickte. „Die Ausbilder haben den Lauf sehr gut bewertet.“
Fiona sah ihre Mutter überrascht an. „Du hast das Ergebnis gesehen?“
„Natürlich.“
„Warum hast du nichts gesagt?“
„Weil ich davon ausgegangen bin, dass du selbst weißt, wenn etwas gut gelaufen ist.“
Fiona dachte darüber nach. „Man könnte es trotzdem mal sagen.“
Eleanor betrachtete sie einen Augenblick. „Dann sage ich es jetzt. Der Lauf war sehr gut.“
Fionas Mundwinkel hoben sich. „Danke.“
Vivian sah ihre Schwester an. „Welche Mechs steuerst du im Simulator am liebsten?“
Die Antwort kam sofort. „Mittelschwere. Schnelle. Am besten mit Sprungdüsen.“
Fiona legte die Gabel weg und wurde jetzt deutlich lebhafter. „Ich mag es, die Entfernung selbst bestimmen zu können. Wenn die Maschine schnell genug ist, kann ich entscheiden, wann ich einen Gegner nehme und wann ich die Position wechsle. Schwere Mechs sind beeindruckend, aber ich werde ungeduldig, wenn ich mich mit siebzig oder achtzig Tonnen irgendwo hinstellen und Panzerung austauschen soll.“
Vivian warf ihrer Mutter einen kurzen Blick zu. Eleanor aß ruhig weiter. Interessant. „Das erklärt einiges“, sagte Vivian.
Fiona runzelte die Stirn. „Was?“
„Das erzähle ich dir vielleicht später.“
Ihre Schwester sah von Vivian zu Eleanor. „Ihr habt irgendwas.“
Eleanor deutete mit der Gabel auf Fionas Teller. „Du hast vor zehn Minuten behauptet, Dad würde dich wegen deiner Essgeschwindigkeit kritisieren. Heute hat er noch gar keine Gelegenheit dazu bekommen.“
Fiona verzog das Gesicht, nahm aber wieder einen Bissen. Im weiteren Verlauf des Essens erzählte sie von ihrer Akademie, von einem Ausbilder, der ihrer Meinung nach seit Jahren dieselben drei Fragen stellte, und von mehreren Freunden, deren Kurse durch die Kämpfe auf New Avalon durcheinandergeraten waren. Alistair berichtete über neue Anlagen auf dem Betrieb. Eleanor erwähnte zwei Exportverträge, bei denen sie Vivian gern hinzuziehen wollte. Die Familie sprach lange über gewöhnliche Dinge. Vivian merkte irgendwann, wie sehr sie genau solche Abende vermisst hatte.
Das Thema Krieg kam beim Dessert. Alistair wartete, bis Fiona ihre Schale abgestellt hatte. „Wie viele habt ihr verloren?“
Vivian sah zu ihm. Die Frage war direkt. Bei ihrem Vater hatte sie nichts anderes erwartet. „Die endgültigen Zahlen habe ich noch nicht.“
Unvollständige Verlustlisten störten sie seit Jahren. Namen, Einheiten, Verwundungsgrade, beschädigte Maschinen – solange irgendwo Fragezeichen standen, fühlte sich ein Gefecht für sie organisatorisch offen an.
Alistair wartete.
Vivian strich mit dem Daumen über den Rand ihrer Serviette. „Zu viele.“
Eleanor sah sie ruhig an. „Adrienne Locke?“
Vivian hob den Kopf. Ihre Mutter kannte den Namen. „Ja.“
Fiona blickte zwischen ihnen hin und her. „Wer war sie?“
Vivian atmete langsam aus. „Meine Stellvertreterin. Eine ausgezeichnete Offizierin.“ Sie hielt kurz inne. „Und eine sehr gute Freundin.“ Der zweite Satz kam leiser.
Fiona verlor den letzten Rest ihrer vorherigen Unruhe. „Sie ist auf New Avalon gefallen?“
Vivian nickte. „Am zwanzigsten April. Am letzten Tag der Kämpfe. Wir wussten zu dem Zeitpunkt noch nicht, dass ein paar Stunden später wirklich Schluss sein würde.“
Alistairs Blick blieb auf seiner Tochter. „Warst du dabei?“
„Ja.“
Vivian sah für einen Moment wieder eine Straße zwischen Verwaltungsgebäuden, einen Dragon Fire an einer Hausecke und einen Gauss-Treffer, der keine sichtbare Flugbahn gehabt hatte. „Ihr Cockpit wurde getroffen.“ Mehr brachte die Erinnerung für den Augenblick nicht hervor.
Eleanor legte zwei Finger an Vivians Handgelenk. Vivian drehte die Hand und schloss ihre Finger kurz um die ihrer Mutter.
Fiona saß ihnen gegenüber und sah auf den Tisch. „Ich weiß nicht, was man darauf sagt.“
Vivian löste die Hand ihrer Mutter, lehnte sich etwas vor und legte ihre Hand auf den Tisch zwischen sich und Fiona.
Ihre Schwester zögerte, dann schob sie ihre Finger hinein.
Vivian drückte sie sanft. „Du musst gar nichts sagen.“
Fiona nickte. Sie ließ Vivians Hand erst einige Sekunden später los.
Alistair goss Wein nach und gab dem Gespräch Zeit, sich von selbst weiterzubewegen.
Erst später kam der neue Rang zur Sprache. Fiona hatte offenbar darauf gewartet. „Dad hat erzählt, dass du jetzt tatsächlich Colonel bist.“
Vivian lehnte sich zurück. „Albert hat beschlossen, dass ich als Colonel aus der AFFS ausscheide. Meine Einwände fand er offenbar nicht besonders überzeugend.“
Fiona runzelte die Stirn. „Du wurdest befördert und bist dann gegangen?“
„In dieser Reihenfolge, ja.“
„Warum macht man sowas?“
„Weil Albert ein kleinlicher Mann mit neuen Generalssternen ist.“
Alistair lachte. „Den Mann würde ich gern kennenlernen.“
„Du würdest ihn mögen.“
Vivian nahm einen Schluck Wein. „Das wäre wahrscheinlich mein nächstes Problem.“
Fiona grinste.
Später, als Teller und Dessertschalen verschwunden waren, fragte Eleanor: „Was möchtest du morgen machen?“
Vivian sah zu ihr. „Du wolltest mir die Exportverträge zeigen.“
„Das kann ich.“
„Dann fangen wir damit an.“
Eleanor nickte. „Gut. Vormittags die laufenden Verträge. Danach zeige ich dir die neue Verarbeitungslinie, damit du wenigstens weißt, worüber du am nächsten Tag Beschwerden bekommst.“
Vivian lächelte. „Klingt fast wie eine Stabseinweisung.“
„Dann solltest du dich schnell zurechtfinden.“
_____________________________________________________________
McFairley-Anwesen, Argyle
19. Mai 3067
Der Night Gyr sollte gegen neun Uhr eintreffen. Eine knappe Stunde vorher stand Vivian bereits auf dem oberen Laufsteg des privaten Mechhangars.
Zunächst beschäftigte sie allerdings der andere BattleMech. Die breiten Schultern, der gedrungene Torso und die charakteristische Form der Beine hätten gereicht, um die Baureihe zu erkennen. Bei dieser Maschine brauchte Vivian nicht einmal das. Sie kannte jede Unebenheit der alten Silhouette. Jede Stelle, an der eine Panzerplatte früher etwas anders gesessen hatte. Jede Kontur, die sich über Jahre tief genug in ihr Gedächtnis eingeprägt hatte, dass sie sie noch immer mit geschlossenen Augen hätte zeichnen können.
Nur sah der Mech viel zu gut aus. Die Panzerung war nahezu vollständig erneuert. Mehrere Verkleidungen trugen modernere Konturen, an den Armen und am Torso saßen Waffengehäuse, die dort früher nie gewesen waren. Die Sensorik um den Kopf war ersetzt worden, die Beinpanzerung überarbeitet. Unter den hellen Hallenleuchten wirkte die Maschine beinahe so, als wäre sie erst vor wenigen Monaten aus einer Fabrikhalle gekommen. Dabei hätte sie nach Vivians letzter Erinnerung kaum noch stehen dürfen.
„Das kann nicht deiner sein.“
Eleanor trat neben sie. „Doch.“
Vivian betrachtete den BattleMech erneut. „Der Grasshopper.“
Ihre Mutter nickte.
Vivian legte beide Hände auf das Geländer. „Du hast ihn wirklich wieder aufgebaut.“
„Ich habe dir geschrieben, dass wir ihn restaurieren.“
Vivian wandte den Kopf zu ihr. „Du hast von Restaurierung gesprochen. Nach Luzerne hätte ich erwartet, dass man ihn restauriert, indem man eine Gedenkplakette neben die Reste stellt.“
Eleanor lachte.
Vivian sah wieder hinunter. Der Grasshopper war ursprünglich der Mech ihrer Mutter gewesen. Später hatte Vivian ihn übernommen und einen erheblichen Teil ihrer eigenen Laufbahn darin verbracht. Operation BULLDOG hatte die Maschine schließlich so schwer beschädigt, dass eine vollständige Wiederherstellung für den aktiven Dienst wirtschaftlich kaum noch sinnvoll erschienen war.
„Wie hast du das gemacht?“
„Mit viel Zeit, viel Geld und Menschen, die besser schweißen können als ich.“
„Mom.“
Eleanor lehnte die Unterarme auf das Geländer. „Die Bergung war damals besser, als du dachtest. Ein Teil der Struktur konnte gerettet werden. Andere Segmente mussten neu aufgebaut werden. Einige Baugruppen habe ich ersetzt, weil ich keinen Sinn darin gesehen habe, dreißig Jahre alte Technik zu rekonstruieren, wenn modernere verfügbar war.“
Vivians Blick wanderte zu den Waffen. „Clan-Komponenten.“
„Einige.“
„Wie viele sind einige?“
„Genug, dass du gerade genauer hinsiehst.“
Vivian schnaubte leise. „Kühlung?“
„Unter anderem.“
„Feuerleitung?“
„Ja.“
„Bewaffnung?“
Eleanor lächelte. „Teilweise.“
Vivian schüttelte den Kopf. „Und er läuft?“
„Ausgezeichnet.“
Sie sah ihre Mutter an. „Du hast ihn gesteuert.“
„Natürlich.“
„Wann?“
„Vor sechs Wochen.“
Vivian starrte sie an.
Eleanor hob eine Braue. „Bevor du mein Alter erwähnst: Ich kenne es.“
Vivian musste lachen. „Du hast seit Jahrzehnten keinen Mech mehr regelmäßig gesteuert.“
„Regelmäßig ist das entscheidende Wort.“
„Dad weiß davon?“
„Dein Vater war dabei.“
„Warum überrascht mich das nicht?“
Unten begann sich das große Hangartor zu öffnen. Das tiefe Brummen eines Schwertransporters füllte die Halle. Vivian drehte sich sofort um. Der Night Gyr lag auf seinem Transportgestell, von schweren Stützen und Halterungen gesichert. Mehrere Mitarbeiter der McFairley-Werkstatt gingen neben dem Fahrzeug her, während der Fahrer langsam rückwärts in die Halle setzte.
Vivian folgte dem Winkel der Maschine. Die linke Schulter kam nahe an eine seitliche Stütze. „Stopp.“ Ihre Stimme trug weit genug durch den Hangar, dass unten mehrere Köpfe hochgingen.
Der Transporter hielt tatsächlich an.
Vivian beugte sich über das Geländer. „Die linke Schulter läuft zu dicht am Stützrahmen. Zwei Grad mehr nach rechts, sonst setzt ihr beim Absenken Druck auf die Panzerkante.“
Der Vorarbeiter sah nach oben. Er blickte auf die Schulter, danach zu seinem Einweiser und wieder zu Vivian. „Wir drehen ihn beim letzten Meter ein, Ma'am.“
„Wenn ihr erst beim letzten Meter—“
Eleanor legte Vivian zwei Finger an den Unterarm. Vivian verstummte.
Ihre Mutter sprach leise genug, dass nur sie es hörte. „Die Männer und Frauen dort unten verladen seit Jahren BattleMechs, AgrarMechs und Maschinen, die mehr kosten als manche kleine Firma. Gib ihnen die Gelegenheit, ihre Arbeit zu machen.“
Vivian blickte nach unten. Der Vorarbeiter wartete noch immer geduldig. Sie bemerkte, dass ihre Haltung inzwischen derjenigen entsprach, mit der sie früher auf Wartungsdecks gestanden hatte. „Gewohnheit“, murmelte sie.
„Das dachte ich mir.“
Eleanor lächelte.
Vivian beugte sich noch einmal über das Geländer. „Weitermachen.“
Der Vorarbeiter hob zwei Finger. „Jawohl.“
Der Transporter setzte sich wieder in Bewegung. Kurz vor dem Wartungsstand ließ der Fahrer das Heck tatsächlich leicht nach rechts laufen. Die Schulter des Night Gyr gewann deutlich mehr Abstand zum Rahmen.
Vivian beobachtete es.
Eleanor ebenfalls. „Siehst du.“
„Ich hatte trotzdem recht.“
„Das habe ich nie bestritten.“
Vivian sah ihre Mutter an. „Das war Absicht.“
„Was?“
„Du hast mich gerade wie eine übereifrige Kadettin aussehen lassen.“
„Du hast dich selbst wie eine übereifrige Colonel aufgeführt.“
Vivian begann zu lachen.
Die Bodenmannschaft richtete das Transportgestell aus und begann, die Stützen zu setzen.
Eleanor deutete auf den Night Gyr. „Du hast ihn gut behandelt.“
„Miriam würde dir widersprechen.“
„Miriam widerspricht grundsätzlich.“
Vivian drehte sich langsam zu ihr. „Seit wann kennst du Miriam gut genug, um das zu wissen?“
Eleanor wirkte vollkommen ungerührt. „Wir schreiben uns.“
„Ihr was?“
„Seit mehreren Jahren.“
„Warum?“
„Weil sie deinen Mech wartet.“
Vivian starrte sie an.
Ihre Mutter zuckte leicht mit einer Schulter. „Dein Vater und ich haben damals das Bergerecht, den Wiederaufbau und einen erheblichen Teil der Ersatzteile bezahlt. Ich wollte wissen, ob unsere Tochter und die Investition ordentlich behandelt werden.“
Vivian schüttelte den Kopf. „Ich hatte mich schon gefragt, wann du das erwähnst.“
Eleanor sah zum Night Gyr. „Nach Luzerne war dein Grasshopper praktisch ausgefallen und du wolltest im aktiven Dienst bleiben. Über unsere Kontakte ergab sich die Gelegenheit, dieses Clan-Bergegut zu erwerben. Wir hatten die Mittel dafür und haben sie genutzt.“
Vivian betrachtete die Maschine. „Ich habe später nie erfahren, was er euch gekostet hat.“
„Das war Absicht.“
„So schlimm?“
Eleanor lächelte. „Du wolltest damals wieder in ein Cockpit. Der Rest war für uns eine finanzielle Frage.“
„Eine sehr große finanzielle Frage.“
„Dafür ist Geld da.“
Vivian sah ihre Mutter an.
Eleanor erwiderte den Blick ruhig. „Wenn meine Tochter weiter in Kriege fliegt, sitzt sie dabei vorzugsweise in einem BattleMech, der ihr möglichst viele Vorteile verschafft.“
Vivian musste lächeln. „Das klingt schon mehr nach dir.“
„Gut.“
Ihre Mutter legte ihr eine Hand auf den Arm. „Komm. Ich will dir etwas zeigen.“
Am hinteren Ende des Hangars stand eine dritte Maschine unter einer Schutzplane. Die Silhouette darunter war deutlich schlanker. Lange Beine, kompakter Torso, schmalere Schultern. Schon die Proportionen wirkten jünger als die Konstruktionen, die Vivian aus ihrer frühen Laufbahn kannte.
„Fiona weiß davon nichts?“
„Kein Wort.“
Eleanor löste die ersten Befestigungen. Gemeinsam zogen sie die Plane zurück. Darunter stand ein HSN-7D Hellspawn.
Vivian ging langsam näher. Der fünfundvierzig Tonnen schwere BattleMech gehörte zu den neueren Entwürfen der Vereinigten Sonnen. Seine langen Beine und der kompakte Rumpf passten zu einer Maschine, die von Bewegung lebte. Sprungdüsen saßen sauber in die Konstruktion integriert, und mehrere Sensorfelder verrieten moderne Elektronik.
Einige geöffnete Wartungsabdeckungen machten Vivian neugierig. Sie trat näher. „Der ist modifiziert.“
„Etwas.“
Vivian blickte zu ihrer Mutter. „Clan-Komponenten.“
„Teile der Kühlung, Elektronik und einzelne Waffensysteme. Unsere Werkstatt kann alles davon selbst warten.“
Vivian ging einmal um den vorderen Bereich des Mechs. „Der ist für Fiona.“
„Wenn sie ihren Abschluss macht.“
Vivian konnte sich das Gesicht ihrer Schwester bereits vorstellen. „Sie wird komplett den Verstand verlieren.“
„Vermutlich.“
„Warum ein Hellspawn?“
Eleanor legte die Hand an die Panzerung. „Weil sie Geschwindigkeit mag. Sie denkt in Bewegung und nutzt Sprungdüsen intuitiv. Gleichzeitig hat der Mech genug Masse, dass sie lernen muss, mit einer Position zu arbeiten und Verantwortung für ihren Raum zu übernehmen.“
Vivian nickte. „Ein schwerer Mech würde sie innerhalb einer Woche wahnsinnig machen.“
„Meine Einschätzung.“
„Und mit einem sehr leichten würde sie jeden Fehler mit Geschwindigkeit ausgleichen wollen.“
Eleanor sah zu ihr. „Genau.“
Vivian lächelte. „Gute Wahl.“
„Ich weiß.“
Sie standen zwischen den drei Maschinen. Der restaurierte Grasshopper hatte zunächst Eleanor und später Vivian getragen. Im nächsten Wartungsstand wurde der Night Gyr vom Transportgestell gelöst. Dahinter wartete der Hellspawn auf eine junge Pilotin, die von seiner Existenz noch nichts wusste.
Eleanor legte die Unterarme auf das Geländer. „Du bist nach Hause gekommen, weil du Ruhe wolltest.“
Vivian sah weiter auf die Mechs. „Ja.“
„Dann nimm sie dir. Lern das Unternehmen kennen. Fahr mit deinem Vater über die Felder. Verbring Zeit mit Fiona, bevor sie wieder abreist. Du wirst irgendwann merken, was du danach willst.“
Vivian betrachtete sie. „Ich dachte, du würdest mich analysieren.“
„Das mache ich längst.“
„Und?“
„Ich behalte das Ergebnis vorerst für mich.“
Vivian lachte. „Seit wann kannst du das?“
„Seit meine ältere Tochter fünfundvierzig ist.“
Sie gingen gemeinsam zur Treppe. Hinter ihnen senkten sich die ersten Stützen des Transportgestells ab. Vivian blickte noch einmal zurück. Eleanor folgte ihrem Blick und ging weiter.
_____________________________________________________________
McFairley-Anwesen, Argyle
14. Juni 3067
Nach vier Wochen wusste Vivian erheblich mehr über die Getreideexporte des südlichen Argyle, als sie je hatte wissen wollen. Zu ihrer Überraschung fiel ihr die Arbeit leicht. Ein großes Agrarunternehmen verlangte viele Fähigkeiten, die ihr aus militärischer Führung vertraut waren. Transporte mussten geplant, Mitarbeiter eingeteilt, Wartungszyklen abgestimmt und Termine eingehalten werden. Vivian verstand die Zusammenhänge, und bei größeren organisatorischen Problemen konnte sie schnell erkennen, wo Verantwortlichkeiten unklar wurden oder Entscheidungen fehlten.
Die Detailarbeit der Logistik fiel ihr schwerer. Eleanor konnte eine Lieferkette ansehen und innerhalb weniger Minuten erkennen, welche Lagerbestände in drei Wochen Probleme bereiten würden. Vivian brauchte dafür Zahlen, Rückfragen und meistens jemanden aus der zuständigen Abteilung. In einem Regiment hatte sie genau für solche Dinge Offiziere wie Adrienne gehabt. Sie konnte Logistik führen. Sie würde sich niemals freiwillig einreden, sie könne sie besser als ein guter Logistiker.
Dafür lagen ihre Stärken an anderer Stelle. Innerhalb weniger Wochen hatte sie zwei Wartungsabläufe verändert, einen Streit zwischen drei Abteilungen beendet und bei mehreren Schichtplänen Verantwortlichkeiten neu geordnet. Eleanor setzte ihre Vorschläge um, wenn sie sinnvoll waren. Alistair gab ihr ein eigenes Büro.
An diesem Nachmittag saß Vivian darin und las zum dritten Mal dieselbe Seite eines Berichts über Lagerkapazitäten. Als ihr auffiel, dass sie wieder bei derselben Zahl angekommen war, legte sie das Datenpad auf den Tisch. Durch das Fenster sah sie auf den technischen Bereich des Unternehmens. Lastfahrzeuge bewegten sich zwischen Hallen und Silos. Zwei Mitarbeiter standen neben einem AgrarMech und diskutierten mit einem Tech. Dahinter zog sich ein Bewässerungsfahrzeug über ein Feld.
Vivian mochte das Unternehmen. Sie respektierte die Arbeit und verstand ihren Wert. Trotzdem wanderte ihr Blick häufiger zur Uhr, als ihr lieb war.
Auf dem Schreibtisch lag eine Nachricht von Fiona. Ihre Schwester war zwei Wochen zuvor nach New Avalon zurückgekehrt und hatte inzwischen die erste ihrer ausstehenden Prüfungen bestanden. Der größte Teil der Nachricht bestand aus Beschwerden über eine schriftliche Ausarbeitung. Danach folgte eine erheblich längere Beschreibung eines Simulatorgefechts, das offenbar ausgezeichnet gelaufen war. Vom Hellspawn wusste sie weiterhin nichts. Eleanor hütete dieses Geheimnis mit erstaunlicher Konsequenz.
Vivian stand auf, nahm ihr Jackett und verließ das Büro. Alistair saß zwei Räume weiter mit mehreren Mitarbeitern an einem Konferenztisch. Als Vivian vorbeiging, sah er auf. „Schon fertig?“
„Für heute.“
Er warf einen Blick auf die Uhr. „Es ist kurz nach zwei.“
„Ich bin Colonel a. D. Ich darf meine Arbeitszeit flexibel gestalten.“
Einer der Mitarbeiter sah plötzlich sehr konzentriert auf sein Datenpad.
Alistair lächelte. „Deine Mutter weiß ohnehin, wohin du gehst.“
Vivian blieb stehen. „Woher?“
„Weil du jeden zweiten Nachmittag dasselbe machst.“
Sie sah ihn an. Ihr Vater wandte sich wieder der Besprechung zu.
Zwanzig Minuten später betrat Vivian den Mechhangar. Nach drei Schritten blieb sie stehen. Der Night Gyr sah anders aus. Gestern hatte er noch die überarbeiteten, unterschiedlich ausgebesserten Lackflächen getragen, mit denen er nach New Avalon auf Argyle angekommen war. Jetzt bedeckte helles Grau die gesamte Maschine. Darüber liefen unregelmäßige rote Flächen und schmalere Muster über Schultern, Torso und die Außenseiten der Beine. Das Rot war dunkel genug, um nicht grell zu wirken, hob sich unter den Hallenleuchten aber deutlich von der Grundfarbe ab.
Vivian legte den Kopf leicht zur Seite. „Wer hat dich denn angemalt?“
Sie ging langsam näher. Die Lackierung war professionell ausgeführt. Übergänge folgten den Panzerplatten, Wartungsmarkierungen waren sauber neu gesetzt worden, selbst die kleinen Kennzeichnungen an den Beinsegmenten waren bereits wieder vorhanden.
Vivian blieb unter dem linken Fuß stehen. Gestern hatte niemand etwas davon erwähnt. Sie verschränkte die Arme und sah hoch zum Cockpit. „Du bist eine Maschine.“
„Das klingt nicht besonders überzeugend, wenn man vorher mit ihr spricht.“
Die Stimme kam aus dem hinteren Bereich der Halle. Vivian drehte sich um. Der Mann, der zwischen zwei abgestellten Wartungsfahrzeugen auf sie zukam, war breit gebaut. Das kurze Haar und der sauber gestutzte Bart waren fast vollständig grau. Sein rechtes Bein blieb bei jedem zweiten Schritt ein wenig steifer, und er trug eine abgewetzte Reisetasche über der Schulter, die aussah, als hätte sie bereits mehrere Feldzüge hinter sich.
Vivian starrte ihn einen Augenblick an. Dann breitete sich ein Lächeln über ihr Gesicht aus. „Brick.“
Owen Bell grinste. „Hallo, Vivian.“
Sie ging ihm entgegen. Die Umarmung fiel kräftiger aus als geplant. Owen fing sie problemlos auf und legte beide Arme um sie. „Was machst du hier?“
„Dich besuchen.“
Vivian trat zurück. „Du reist mehrere hundert Lichtjahre für einen Besuch.“
„Ich hatte unterwegs Zeit.“
Sie betrachtete ihn.
Brick hielt ihrem Blick einige Sekunden stand. „Und einen zweiten Grund.“
„Dachte ich mir.“
Owen blickte zum Night Gyr. „Hübsche Farbe.“
„Die hatte er gestern noch nicht.“
„Dann war jemand fleißig.“
Vivian sah wieder hoch zur Maschine. „Wenn du irgendetwas damit zu tun hast—“
„Ich bin vor einer Stunde gelandet.“
„Das ist keine vollständige Entlastung.“
Brick grinste. „Du hast dich nicht verändert.“
„Das sagen in letzter Zeit erstaunlich viele Leute.“
„Vielleicht stimmt es.“
Vivian verschränkte die Arme. „Also. Zweiter Grund.“
Brick setzte die Reisetasche ab. „Galatea.“
Ihre Haltung veränderte sich leicht. „Was ist auf Galatea?“
„Gavin.“
Vivian brauchte keinen Nachnamen. „Brannock?“
Owen nickte.
„Seit wann ist Gavin auf Galatea?“
„Knapp zwei Wochen.“
„Und was macht er dort?“
Brick lächelte. „Etwas, das du dir besser nach dem Abendessen erklären lässt.“
Vivian zeigte mit dem Finger auf ihn. „Wenn du mich jetzt bis sieben warten lässt, bereust du den Besuch.“
„Dein Vater hat mich eingeladen.“
„Natürlich hat er das.“
Hinter Owen erschien Alistair in der Hangartür. „Ich habe gehört, dass über mich gesprochen wird.“
Vivian sah ihn an. „Du wusstest, dass er kommt.“
„Seit gestern.“
„Und hast nichts gesagt.“
„Owen wollte dich überraschen.“
Brick hob eine Hand. „Das stimmt.“
Vivian sah zwischen beiden Männern hin und her. „Ich bin eindeutig zu lange nicht mehr zu Hause gewesen. Ihr bildet bereits Allianzen.“
Alistair legte Brick freundschaftlich eine Hand auf die Schulter. „Er mag meine alten Kriegsgeschichten.“
„Ich habe höflich zugehört“, sagte Owen.
„Das ist praktisch dasselbe.“
Vivian musste lachen.
Beim Abendessen saß Brick zwischen Alistair und Vivian. Fionas leerer Platz fiel Vivian stärker auf, als sie erwartet hatte.
Die beiden älteren Männer brauchten kaum zehn Minuten, um beim Thema Infanterieausrüstung des Vierten Nachfolgekriegs zu landen. „Die Rucksäcke waren damals schlechter“, erklärte Alistair.
Brick schüttelte den Kopf. „Wir waren schlechter darin, sie zu packen. Das ist ein Unterschied.“
„Ich habe hervorragend gepackt.“
Owen sah zu Vivian. „Infanteristen erzählen ihren Kindern grundsätzlich, sie hätten hervorragend gepackt.“
Alistair legte die Gabel hin. „Ich hatte niemals Probleme mit meinem Gepäck.“
„Natürlich.“
Vivian sah zwischen beiden hin und her. „Ihr kennt euch seit ein paar Stunden.“
Eleanor nahm einen Schluck Wasser. „Die beiden haben vorhin zwanzig Minuten über Stiefel gesprochen.“
Brick nickte ernst. „Ein wichtiges Thema.“
Alistair deutete mit der Gabel auf ihn. „Der Mann versteht mich.“
Vivian musste lachen.
Später erzählte Owen von Luzerne und einem Marschplan, den Vivian als junge Captain ausgearbeitet hatte.
„Die Karte hat den Weg als begehbar ausgewiesen“, verteidigte sie sich.
Brick sah zu Alistair. „Genau das hat sie damals auch gesagt.“
„Die Karte war falsch.“
„Meine Worte waren: Wunderbare Route für Soldaten ohne Beine.“
Alistair lachte so laut, dass Eleanor ihn ansah.
Vivian grinste schließlich ebenfalls. „Du warst Sergeant Major und hattest keinerlei Respekt vor Dienstgraden.“
„Doch. Ich hatte großen Respekt vor vernünftigen Dienstgraden.“
„Das ist keine Kategorie.“
„Für mich schon.“
Vivian schüttelte den Kopf. Damals hatte sie Owen beinahe aus dem Gefechtsstand geworfen. Zwanzig Minuten später hatte sie seinen Routenvorschlag übernommen. Brick war einer der ersten Menschen gewesen, die ihr deutlich gemacht hatten, wie viel Gewicht Erfahrung in einem Gespräch haben konnte.
Nach dem Essen gingen sie auf die Terrasse. Die Luft war noch warm. Über den Feldern lagen vereinzelte Lichter, und in der Ferne bewegten sich automatische Maschinen durch die Dunkelheit. Alistair brachte Wein mit, Eleanor starken Tee. Vivian nahm ebenfalls Tee und setzte sich Brick gegenüber.
Sie wartete, bis alle saßen. „Jetzt Galatea.“
Owen stellte sein Glas ab. „Gavin ist aus der AFFS raus.“
Vivian wurde sofort aufmerksamer. „Komplett?“
„Die Papiere sind durch.“
„Und er sitzt seit zwei Wochen auf Galatea.“
„Ja.“
„Warum?“
Brick legte die Hände auf den Tisch. „Weil er seine Leute zusammenhalten will.“
Vivian wartete.
„Es geht um seinen Infanteriezug und einige weitere Leute aus seinem alten Umfeld. Spezialisten, ein paar Techniker. Mehrere haben nach dem Bürgerkrieg ebenfalls ihren Abschied genommen oder stehen kurz davor.“
„Wie viele insgesamt?“
„Die Zahl verändert sich noch. Genug, dass man nicht mehr von ein paar Leuten spricht.“
Vivian nickte langsam. „Und eine bestehende Einheit will die Gruppe nicht geschlossen übernehmen.“
„Einige würden es tun. Unter Bedingungen, die Gavin nicht gefallen.“
„Welche?“
„Die meisten Verbände sind selbst ausgedünnt. Erfahrene Leute sind gerade überall gefragt. Ein eingespielter Zug wie seiner wäre für viele Einheiten besonders wertvoll, wenn sie ihn auf mehrere Kompanien verteilen und damit unerfahrene Soldaten verstärken könnten.“
Vivian verstand sofort. „Multiplikatoren.“
„Genau.“
Brick nahm einen Schluck. „Ein Sergeant hier, zwei erfahrene Leute dort, Gavin in irgendeinen Stab und den Rest dorthin, wo gerade Lücken sind. Militärisch nachvollziehbar. Für das, was Gavin will, völlig unbrauchbar.“
„Er hat seine Leute jahrelang aufgebaut.“
„Und genug davon durch den Krieg gebracht. Er möchte nicht zusehen, wie sie jetzt auf sechs verschiedene Arbeitgeber verteilt werden.“
Vivian sah hinaus auf die dunklen Felder. „Also baut er etwas Eigenes auf.“
„Er versucht herauszufinden, ob es machbar ist.“
Vivian drehte sich wieder zu ihm. „Was hat er inzwischen?“
Brick lehnte sich zurück. „Mehr, als ich erwartet hatte.“ Er hob einen Finger. „Sein Infanteriezug ist der Kern. Dazu kommen einige Spezialisten und Techniker aus dem alten Umfeld.“
Ein zweiter Finger. „Eine Luftraumjägerpilotin.“
Vivians Blick ging sofort zu ihm.
Owen bemerkte es, sagte aber noch nichts. „Ohne Maschine“, ergänzte er.
„Wer?“
„Später.“
Vivian verengte die Augen.
Brick hob den dritten Finger. „Zwei Mechkrieger mit eigenen BattleMechs.“
Jetzt saß Vivian gerader. „Welche Maschinen?“
„Ein Enforcer und ein modifizierter Dervish.“
Der Enforcer genügte. Vivian sah Owen an. „Jonas.“
Brick lächelte schwach. „Ja.“
„Slate ist auf Galatea.“
„Seit einigen Tagen.“
Vivian lehnte sich zurück. Das musste sie erst einmal einordnen. „Warum hat er mir nichts gesagt?“
„Frag ihn.“
„Das werde ich.“
Ein kurzer Zug ging über Owens Mund. „Ich würde vorher Tee trinken.“
Vivian ignorierte die Bemerkung. „Und der Dervish?“
„Ein Mann namens Nathan Sherman. Ehemaliger Davion-Soldat. Eigener Mech, stark modifiziert. Gavin hat ihn auf Galatea kennengelernt.“
„Gut?“
„Im Cockpit brauchbar. Bei Beschaffung und Logistik auffallend gut.“
Vivian hob leicht die Brauen. „Wie gut?“
Brick dachte darüber nach. „Gut genug, dass er innerhalb von drei Tagen Ersatzteile gefunden hat, nach denen Gavin vorher eine Woche gefragt hatte.“
„Legal?“
Owen nahm sein Glas. „Das wäre eine Frage für später.“
Vivian sah ihn einige Sekunden an. „Interessant.“
„Das ist ein Wort dafür.“
„Wer ist die Pilotin?“
Brick gab nach. „Helena Sato.“
Vivian schwieg. Kite. Sie stellte den Teebecher ab. „Helena ist ebenfalls dort.“
„Ja.“
Das veränderte den Charakter der Sache. Gavin Brannock war ein erfahrener Infanterieoffizier. Owen Bell konnte aus Soldaten beinahe alles herausholen, wenn man ihm genügend Zeit gab. Jonas Kerr war ein bewährter Mechkrieger und Kompaniechef. Helena Sato gehörte zu den besten Luftraumpiloten, denen Vivian vertraute. Das war bereits mehr als ein zufälliger Haufen Veteranen.
„Noch jemand, den ich kenne?“
„Vielleicht.“
„Owen.“
Er lächelte. „Die Liste bekommst du gleich.“
„Was hat Gavin außerdem?“
Brick wurde wieder sachlicher. „Einen Panzer.“
„Einen Panzer?“
„Komplette Besatzung. Der Kommandeur heißt Douglas Goldstein. Kommt aus der Liga Freier Welten, viel Erfahrung. Gavin hat ihn auf Galatea angeworben.“
„Was für ein Fahrzeug?“
„Steht in den Unterlagen. Ich wollte mir nicht jede technische Einzelheit merken.“
Vivian akzeptierte das. „Also zwei BattleMechs, ein Panzer, ein Infanteriezug mit Spezialisten und Technikern und eine Luftraumjägerpilotin ohne Maschine.“
„Im Kern.“
„Transport?“
„Teilweise organisiert. Weit entfernt von einer dauerhaften Lösung.“
Vivian schob den Teebecher einige Zentimeter zur Seite. „Und deshalb bist du hier.“
Brick sah sie direkt an. „Ja.“
Eine Weile sagte niemand etwas. Alistair lehnte sich im Stuhl zurück. Eleanor hielt ihren Teebecher zwischen beiden Händen und hörte zu.
Vivian dachte über die Zusammensetzung nach. Bei einem Verband dieser Größe interessierten sie zuerst die Menschen. Wer konnte führen? Welche Erfahrungen überschnitten sich? Wer kannte wen? Welche Kompetenzen fehlten? Wie viele der Leute wollten tatsächlich gemeinsam eine Einheit aufbauen und wie viele suchten nur eine Übergangslösung? Danach kamen die taktischen Möglichkeiten. Zwei BattleMechs waren noch keine Lanze, konnten mit einem Panzer und Infanterie aber bereits Aufgaben erfüllen, für die ein reiner Infanterieverband kaum infrage kam. Helena eröffnete eine weitere Ebene, sobald sie ein geeignetes Flugzeug bekam. Die Logistik dahinter würde kompliziert werden. Vivian wusste genug darüber, um die Größe des Problems zu erkennen.
„Gavin braucht jemanden, der die Unterstützungsseite wirklich beherrscht“, sagte sie nach einer Weile. „Ich kann eine Einheit führen und weiß, welche Versorgung ich für einen Einsatz brauche. Wenn wir anfangen, Ersatzteilketten für zwei verschiedene BattleMechs, einen Panzer und irgendwann einen Luftraumjäger aufzubauen, möchte ich jemanden daneben haben, der darin besser ist als ich.“
Brick nickte. „Sherman könnte ein Teil dieser Antwort sein.“
„Der Mann mit dem Dervish.“
„Ja.“
„Du klingst vorsichtig.“
„Ich kenne ihn erst kurz.“
Das gefiel Vivian als Antwort. „Und Gavin?“
„Hält viel von ihm.“
„Das reicht fürs Erste.“
Sie sah wieder über die Felder.
Alistair beobachtete sie. „Du klingst gerade ziemlich interessiert.“
Vivian warf ihm einen Blick zu. „Ich stelle Fragen.“
„Das tust du seit zehn Minuten sehr konzentriert.“
„Das Thema ist interessant.“
Ihr Vater lächelte.
Eleanor sagte ruhig: „Und heute Vormittag hast du dieselbe Seite eines Lagerberichts dreimal gelesen.“
Vivian drehte den Kopf. „Woher weißt du das?“
„Du hast mir den Bericht danach gebracht. Auf der Seite waren drei unterschiedliche Markierungen von dir an derselben Stelle.“
Vivian schwieg.
Brick sah zu Alistair. Alistair versteckte sein Lächeln hinter dem Weinglas.
„Ihr seid heute ausgesprochen hilfreich.“
Eleanor stellte ihren Becher ab. „Du bist gut in unserem Unternehmen. Sehr gut sogar. Du findest schnell heraus, wo Menschen aneinander vorbeiarbeiten, und du bringst Entscheidungen in Bewegung. Ich würde dich morgen in die Geschäftsführung setzen, wenn du das möchtest.“
Vivian sah sie an. „Das klingt gefährlich.“
„Für einige unserer Abteilungsleiter möglicherweise.“
Ein kleines Lächeln erschien in Eleanors Gesicht. Dann wurde sie wieder ernst. „Du suchst trotzdem jeden Nachmittag einen Grund, in den Mechhangar zu gehen.“
Vivian blickte hinaus. „Ich vermisse die AFFS nicht.“
Brick antwortete. „Das glaube ich dir.“
„Ich will auch nicht zurück.“
„Das glaube ich dir ebenfalls.“
Vivian legte beide Hände um ihren Teebecher. „Ich habe fast fünfundzwanzig Jahre in einer Befehlskette gelebt. Irgendwann entscheidet immer jemand anderes, welche Welt wichtig ist, welcher Einsatz stattfindet und wie viel Risiko dafür akzeptabel ist.“
Owen nickte langsam. „So funktionieren Armeen.“
„Ich weiß. Ich habe dieses System lange akzeptiert.“
Sie strich mit dem Daumen über den warmen Rand des Bechers. „Der Bürgerkrieg hat etwas daran verändert. Sechs Jahre lang haben wir Menschen bekämpft, die dieselben Akademien besucht haben, dieselben Uniformen trugen und oft dieselben Feinde wie wir bekämpft hatten. Ich würde wieder auf Victors Seite stehen. Ich weiß, warum ich dort gestanden habe.“
Vivian hielt kurz inne. „Aber ich möchte mein nächstes Leben stärker selbst bestimmen. Ich möchte wissen, warum jemand kämpfen will, bevor ich Menschen dafür einsetze.“
Alistair hörte schweigend zu. Eleanor ebenfalls.
Brick sah sie lange an. „Du willst selbst entscheiden, wofür du kämpfst.“
Vivian dachte darüber nach. „Ja.“ Dann ergänzte sie: „Und ob.“
Owen nickte.
Vivian nahm einen Schluck Tee. „Ich vermisse den eigentlichen Kampf weniger, als manche wahrscheinlich denken würden. Was mir fehlt, ist eine Einheit. Menschen, die ich kenne und für die ich Verantwortung trage. Eine Aufgabe, bei der meine Entscheidung unmittelbar etwas bewirkt. Planung, Ausbildung, Taktik. Selbst die verdammten Wartungsbesprechungen manchmal.“
Brick verzog das Gesicht. „Bei den Wartungsbesprechungen würde ich einen Arzt aufsuchen.“
Vivian lächelte. „Ich wusste, dass du an genau der Stelle etwas sagen musst.“
„Es klang ernst.“
Alistair betrachtete seine Tochter. „Dieser Teil von dir war immer da.“
„Schon als Kind?“
„Du hast mit neun Jahren entschieden, wie wir drei Tage lang eine kaputte Bewässerungspumpe reparieren sollten.“
Vivian runzelte die Stirn. „Hat mein Plan funktioniert?“
„Nein.“
Brick lachte.
Alistair grinste. „Aber du hast ihn mit großer Überzeugung vorgetragen.“
Vivian schüttelte den Kopf.
Owen beugte sich ein wenig vor. „Wenn du wieder führen willst, könntest du Jehlik anrufen. Ein Mann in seiner Position würde vermutlich einen Weg finden, dich zurückzuholen.“
„Dann wäre ich wieder genau in der Struktur, die ich gerade verlassen habe.“
„Was wäre bei einer Söldnereinheit anders?“
Vivian sah ihn an. Sie kannte diese Art von Frage. Brick wollte keine schnelle Antwort. Er wollte wissen, ob ihr Gedanke standhielt, wenn jemand dagegen drückte.
„Ich könnte am Anfang der Entscheidung sitzen“, sagte Vivian nach einem Moment. „Ein Auftraggeber kommt zu uns. Wir hören uns an, was er will, sehen uns die Bedingungen an und entscheiden, ob wir unterschreiben.“
„Solange die Kasse voll genug ist, um einen Auftrag abzulehnen.“
„Dann muss die Kasse voll genug sein.“
„Auftraggeber lügen.“
„Deshalb brauchen wir Verträge und Aufklärung.“
„Und manchmal erfährst du die Wahrheit erst vor Ort.“
„Dann treffe ich dort eine Entscheidung.“
Owen lehnte sich wieder zurück.
Vivian fuhr fort. „Ich will wissen, wer uns anheuert, was er erreichen möchte und welchen Preis meine Leute dafür wahrscheinlich bezahlen. Wenn die Aufgabe diesen Preis nicht rechtfertigt, möchte ich die Möglichkeit haben, Nein zu sagen.“
Das Wort meine blieb einen Augenblick zwischen ihnen hängen. Vivian bemerkte es selbst. Eleanor ebenfalls.
„Das klingt nach einer ziemlich aktiven Form von Ruhestand“, sagte ihre Mutter.
Vivian sah sie an. „Ja.“ Es war das erste Mal, dass sie es so klar aussprach.
Alistair setzte sein Glas ab. „Ich bin nach dem Vierten Nachfolgekrieg nach Hause gekommen, weil dieses Leben hier zu mir gepasst hat.“ Er deutete über die dunklen Felder. „Ich wollte morgens wissen, dass meine Familie hier ist. Ich wollte sehen, wie du aufwächst. Und ich wollte Probleme lösen, die mir gehörten.“
Vivian sah ihn an. „Das hast du.“
„Zumindest bis du beschlossen hast, mit zwölf Jahren erwachsen zu sein.“
Sie lächelte.
Alistair wurde wieder ernster. „Du freust dich, hier zu sein. Das sehe ich. Du wirst auch immer einen Platz hier haben. Das Unternehmen wird dich auf Dauer trotzdem kaum ausfüllen.“
Vivian senkte kurz den Blick. „Das klingt undankbar.“
„Für mich überhaupt nicht.“ Er antwortete ohne Zögern. „Deine Mutter und ich haben gearbeitet, damit ihr beide Möglichkeiten habt. Wenn du am Ende genau dasselbe Leben führen müsstest wie wir, hätten wir den wichtigsten Teil davon schlecht gemacht.“
Eleanor legte die Hand auf seinen Unterarm.
„Dein Vater hat recht.“
Vivian sah sie an. „Das solltest du öfter laut sagen.“
„Gewöhn dich nicht daran.“
Brick lachte leise.
Vivian wandte sich wieder zu ihm. „Du bist von Galatea direkt hierhergekommen.“
„Ja.“
„Nur für dieses Gespräch?“
Owen kratzte sich kurz am Bart. „Gavin hat gefragt, ob ich glaube, dass du Interesse haben könntest. Ich habe gesagt, dass ich das nicht über eine Nachricht herausfinden will.“
Vivian sah ihn eine Weile an. „Und wenn ich Nein gesagt hätte?“
„Dann hätte ich ein paar Tage auf Argyle verbracht, deinen Vater weiter über Rucksäcke belehrt und wäre wieder zurückgeflogen.“
Alistair hob sein Glas. „Ein guter Plan.“
Vivian lächelte. „Wann fliegst du zurück?“
„Übermorgen.“
Sie sah zu den dunklen Feldern hinaus. Der Gedanke fühlte sich nicht wie eine plötzliche Eingebung an. Er hatte sich seit ihrer Ankunft entwickelt, während sie Exportzahlen gelesen, Reparaturpläne überprüft und immer wieder im Mechhangar gestanden hatte. Galatea gab ihm einen konkreten nächsten Schritt.
„Ich komme mit.“
Brick reagierte zunächst nur mit einem Nicken.
Vivian runzelte die Stirn. „Mehr hast du dazu nicht zu sagen?“
„Ich bin mehrere hundert Lichtjahre gereist, um dich zu fragen.“
Alistair begann zu lachen.
Vivian sah zu ihren Eltern. „Ihr habt damit gerechnet.“
„Ich nicht“, sagte ihr Vater. „Ich habe gehofft, dass du etwas findest, das zu dir passt.“
Eleanor hob den Teebecher. „Ich habe damit gerechnet.“
Vivian schüttelte den Kopf. „Natürlich.“
Sie wandte sich wieder Owen zu. „Ich fliege mit und sehe mir an, was Gavin aufgebaut hat. Mehr verspreche ich dir heute nicht.“
„Das reicht.“
„Wenn das organisatorisch, finanziell oder personell keinen Sinn ergibt, sage ich es ihm.“
„Das erwartet er.“
„Und ich möchte die Leute sehen, bevor wir über irgendeinen Namen, irgendeinen Vertrag oder irgendeine Struktur sprechen.“
Brick griff in seine Jackentasche.
Vivian sah die Bewegung.
„Owen.“
Er legte ein Datenpad auf den Tisch. „Deshalb habe ich das mitgebracht.“
Vivian zog es zu sich. Auf der ersten Seite stand Gavin Brannocks Name. Darunter folgten die Leute aus seinem Infanteriezug und weitere Personen, die sich seinem Kern angeschlossen hatten. Dienstzeiten, Qualifikationen, bisherige Einheiten und kurze Vermerke füllten die Spalten.
Vivian scrollte. Ein Name hielt ihren Finger an. JONAS KERR. Daneben stand der Vermerk über seinen persönlichen ENF-5D Enforcer.
Vivian las die Zeile zweimal. „Slate.“
„Ja.“
Sie scrollte weiter. HELENA SATO. Luftraumjägerpilotin. Derzeit ohne eigene Maschine.
Vivian hob kurz den Blick zu Brick, der nur wartete.
Weiter unten standen zwei Namen, mit denen sie nichts verband.
NATHAN SHERMAN – MECHKRIEGER. Persönlicher, modifizierter Dervish. Zusätzliche Erfahrung: Logistik, Beschaffung.
DOUGLAS GOLDSTEEN – PANZERKOMMANDANT. Ehemals Liga Freier Welten. Eigene Panzerbesatzung und Fahrzeug.
Vivian ging zurück an den Anfang. „Gavin hat in zwei Wochen ziemlich viel zusammengebracht.“
„Er war beschäftigt.“
„Und Sherman?“
„Auf Galatea angeworben.“
„Goldsteen ebenfalls?“
„Ja.“
Vivian öffnete den nächsten Ordner. Eine kurze Übersicht zeigte den derzeitigen Bestand. Infanterie, Spezialisten, einige Techniker, zwei BattleMechs, ein Kampfpanzer mit Besatzung und eine erfahrene Luftraumpilotin, der noch ein Flugzeug fehlte. Das war klein. Aber es war bereits ein militärischer Kern.
Vivian scrollte erneut zu den Personalakten. „Ich möchte medizinische Einschränkungen, Führungsqualifikationen und bei den Infanteristen wissen, wer innerhalb der Gruppe welche Funktion tatsächlich ausfüllt. Bei den Technikern brauche ich eine Übersicht der Systeme, an denen sie gearbeitet haben.“
Brick deutete auf den nächsten Ordner. „Da ist ein Teil davon.“
„Ein Teil?“
„Gavin sammelt den Rest noch.“
Vivian öffnete ihn. „Gut.“
Sie las einige Zeilen und hielt wieder an. „Sherman hat tatsächlich Logistikerfahrung.“
„Mehr als sein Dienstgrad vermuten lässt.“
„Gavin vertraut ihm?“
„Bisher ja.“
Vivian nickte langsam. „Dann höre ich ihn mir an.“
Eleanor stand auf und nahm ihren leeren Becher. „Ich mache noch Tee.“
Brick blickte ihr nach. „Kaffee wäre mir lieber.“
Eleanor blieb in der Tür stehen. „Die Küche ist dort.“
Alistair grinste.
Owen sah zu Vivian. „Deine Mutter mag mich.“
„Das ist bei ihr schwer zu erkennen.“
„Ich nehme es als gutes Zeichen.“
Vivian öffnete wieder die erste Personalübersicht. Diesmal begann sie oben und las jeden Namen.
__________________ Wer aufhört besser zu werden, hat aufgehört gut zu sein!
"Ich treffe alles, was ich sehe!"
Starcolonel Kurt Sehhilfe, Clan SeeBug
Dieser Beitrag wurde 1 mal editiert, zum letzten Mal von Andai Pryde: 11.10.2026 15:46.
|
|
08.10.2026 10:56 |
|
|
Andai Pryde
Colonel

Dabei seit: 01.05.2003
Beiträge: 4.933
Herkunft: Berlin
Themenstarter
 |
|
Kapitel 3
Galaport, Galatea
2. Oktober 3067
Der Wolkenrand riss unter dem Landungsschiff auf und gab Galatea frei.
Vivian hatte sich für den letzten Teil des Sinkflugs einen Platz am Seitenfenster der Passagierkabine gesichert. Das Glas war dick, an den Rändern von mehreren Lagen Dichtmaterial eingefasst und trug die feinen Kratzer vieler Jahre. Bei jedem Kurswechsel lief ein dumpfes Zittern durch den Rumpf und über den Sitz in ihren Rücken.
Neben ihr hielt Owen Bell eine Hand am Haltegriff über seinem Kopf. Sein rechtes Bein stand etwas steifer als das linke, wie immer, wenn er längere Zeit gesessen hatte. Seit dem Beginn des atmosphärischen Anflugs behauptete er, im Stehen bequemer reisen zu können. Vivian hatte ihm nach der dritten Erklärung geglaubt oder zumindest beschlossen, ihn damit in Ruhe zu lassen.
Unter ihnen breitete sich Galaport aus.
Der Raumhafen füllte bereits einen erheblichen Teil des sichtbaren Geländes. Breite Landefelder lagen zwischen Frachtterminals, Wartungshallen, Treibstoffanlagen und kilometerlangen Rollwegen. Sphärische Landungsschiffe standen auf verstärkten Pads wie gewaltige metallene Türme, während aerodynamische Frachter und militärische Transporter flach zwischen Gerüsten und Bodenfahrzeugen lagen. Schlepper bewegten Containerzüge über markierte Fahrstraßen. Auf mehreren Außenfeldern erkannte Vivian mobile Kräne, Mechtransporter und die kantigen Silhouetten schwerer Panzer.
Jenseits des eigentlichen Raumhafens setzte sich die Bebauung beinahe ohne Übergang fort. Galaport und die angrenzenden Stadtviertel bildeten aus dieser Höhe einen breiten Gürtel aus Industrie, Wohnblöcken, Bürotürmen, Werkstätten und Verkehrsadern. Zwischen den Häusern verliefen Bahnlinien und mehrspurige Straßen, darüber mehrere erhöhte Trassen. Werbeflächen bedeckten ganze Fassaden. Selbst aus einigen Kilometern Entfernung konnte Vivian einzelne Schriftzüge lesen.
MECHKRIEGER GESUCHT.
MRBC-VERTRAGSBERATUNG.
TECHS – REAKTORZERTIFIZIERUNG BEVORZUGT.
Eine Anzeige wechselte und zeigte die Silhouette eines Marauder vor drei Firmenlogos. Darunter liefen Vertragsdauer, Sold und Einsatzregionen über das Bild.
Vivian schob den Kopf etwas näher ans Fenster.
„Subtil.“
Owen folgte ihrem Blick. „Hier verdient fast jeder sein Geld damit, Söldner an Auftraggeber zu vermitteln.“
„Das erklärt die Werbung.“
„Und wahrscheinlich die Getränkepreise.“
Das Landungsschiff legte sich sanft nach links. Für einige Sekunden öffnete sich der Blick über den südlichen Rand des Raumhafens hinaus. Zwischen dichter Bebauung und einem Gürtel niedriger Hügel lagen breite freie Flächen mit künstlichen Geländestufen, Bunkern, aufgeschütteten Wällen und mehreren geraden Schussbahnen. Weiter draußen bewegten sich zwei BattleMechs über eine offene Strecke. Einer verschwand hinter einer Geländekante, während auf der anderen Seite ein kurzer Lichtblitz aufflammte.
Owen deutete durch das Fenster.
„Hangdorf Proving Grounds.“
Vivian kannte den Namen aus den Unterlagen, die sie während der Reise gelesen hatte. Die Hangdorf Proving Grounds gehörten zu den großen Gefechtsübungsgebieten in der Umgebung Galaports. Scharfe Schießbahnen, Mechparcours, befestigte Übungssektoren und Simulationsgelände erlaubten es Einheiten, neue Leute zu prüfen, Maschinen zu erproben oder einem potenziellen Auftraggeber vorzuführen, was ein Verband tatsächlich konnte.
„Da unten wird gerade geschossen“, sagte Vivian.
„Wahrscheinlich seit Sonnenaufgang.“
„Mit scharfer Munition?“
„Wenn jemand genug bezahlt.“
Vivian sah noch einmal hinunter. Die Entfernung fraß die Details, doch die Bewegungen der beiden Mechs blieben deutlich zu erkennen. Einer ging seitwärts über einen Hang und hielt den Oberkörper zum unsichtbaren Gegner gedreht. Weiter westlich lagen kleinere befestigte Übungsräume, zwischen denen Panzer und Infanterie ihre eigenen Gefechtsstrecken hatten.
Galatea hatte in den vergangenen Jahrhunderten viele Rollen gespielt. Ausbildungswelt des Sternbundes, Garnisonsstandort, Söldnerzentrum und schließlich wieder Magnet für Männer und Frauen, die mit Waffen ihren Lebensunterhalt verdienten. Der Bürgerkrieg hatte auch hier Spuren hinterlassen. Während des Anflugs waren mehrere Viertel unter ihnen vorbeigezogen, in denen neue Fassaden direkt an ausgebrannte Gebäudeteile grenzten. An einem Hochhaus fehlten mehrere Stockwerke der Südseite. Kräne arbeiteten an einer Industriehalle, deren Dach noch immer von dunklen Trefferfeldern übersät war.
Zwischen den Schäden herrschte reger Betrieb. Das Landungsschiff, in dem Vivian und Owen saßen, hatte bereits fast eine Stunde in einer Warteschleife verbracht, bevor die Flugkontrolle ihnen endlich ein freies Feld zugewiesen hatte.
Der Bordlautsprecher knackte.
„An alle Passagiere. Endanflug auf Galaport, Feld Sieben. Noch acht Minuten bis zum Aufsetzen. Bitte Sicherheitsgurte geschlossen halten.“
Owen ließ sich endlich auf seinen Sitz sinken und zog den Gurt fest.
„Acht Minuten.“
Vivian sah zu ihm. „Ich habe es gehört.“
„Du schaust, als würdest du am liebsten in einem Combat Drop selber landen wollen.“
„Ich schaue nur aus dem Fenster.“
„Natürlich.“
Ein Lächeln zuckte über ihren Mund, bevor sie wieder nach draußen sah.
Seit Argyle lagen mehr als drei Monate Reise hinter ihnen. Sprungpunkte, Landungsschiffe, Wartezeiten und Anschlüsse hatten sich irgendwann zu einer Abfolge von Kabinen, Terminals und künstlich beleuchteten Aufenthaltsräumen und Schwerelosigkeit verbunden. Der eigentliche Sprung zwischen zwei Systemen dauerte kaum einen wahrnehmbaren Augenblick; die Zeit fraßen die Flüge zwischen Planeten und den Sprungpunkten, die Umladezeiten und gelegentlich die Suche nach einem Schiff, das in die richtige Richtung flog.
Das für die letzten Etappen gecharterte Landungsschiff transportierte neben kommerzieller Fracht mehrere Fahrzeuge, zwei BattleMechs und ungefähr vierzig Passagiere. Einer der beiden Mechs war Vivians Night Gyr.
Sie hatte bei jedem längeren Zwischenstopp überprüft, ob die Maschine ordnungsgemäß gesichert war.
Der Lademeister hatte nach dem dritten Mal aufgehört, sich darüber zu wundern.
Galaport wuchs rasch im Fenster.
Die Gebäude bekamen einzelne Fenster, Wartungsplattformen und Beschriftungen. Zwei Leopard-Klasse Landungsschiffe starteten von einem entfernteren Feld. Ihre Triebwerke warfen Staub und kondensierende Luft flach über die Pads, bevor sich beide Maschinen langsam vom Boden lösten und in weitem Abstand voneinander auf ihre Steigkurse gingen.
Auf einem anderen Platz wurde gerade ein Warhammer aus einem Frachter geführt. Vier Bodenfahrzeuge begleiteten den schweren BattleMech, zwei davon mit ausziehbaren Wartungsarmen. Die Maschine trug eine dunkelviolette Lackierung mit gelben Flächen an Schultern und Beinen. Ein paar hundert Meter weiter hing der abgenommene linke Arm eines Griffin in einem mobilen Kran, während Techs unter dem geöffneten Seitentorso arbeiteten.
Argyle hatte in vier Wochen Vivians Takt deutlich verlangsamt, sprichwörtlich entschleunigt.
Galatea machte bereits während des Anflugs deutlich, wie schnell dieser Rhythmus wieder verloren gehen konnte.
Die Triebwerksleistung stieg. Vibrationen liefen kräftiger durch den Rumpf, Owen drückte den Hinterkopf gegen die Polsterung, und Vivian spürte das zunehmende Gewicht ihres Körpers im Sitz.
Das Fahrwerk berührte den Boden mit einem harten Stoß. Zwei kleinere Schläge folgten, dann rollte die Maschine aus. Die Triebwerke hielten einige Sekunden lang hohen Schub, ehe der Ton tiefer wurde.
Vivian löste erst den Gurt, als die Anzeige über der Kabinentür auf Grün sprang.
Owen stand bereits wieder.
„Willkommen auf Galatea.“
„Du klingst, als hättest du den Planeten persönlich vorbereitet.“
„Ich war ein paar Wochen hier. Das reicht für gefährliches Halbwissen.“
„Ah ja.“
Er grinste und nahm seine Reisetasche aus dem Fach über dem Sitz.
Galaport wirkte am Boden noch dichter.
Vom Passagierbereich führte der Weg durch mehrere Kontrollschleusen. Sicherheitskräfte prüften Ausweise, Waffenregistrierungen und Einfuhrgenehmigungen. Ein eigener Schalter war für Mechkrieger, Fahrzeugführer und Besitzer größerer militärischer Ausrüstung reserviert. Dahinter hing eine elektronische Tafel mit den aktuell gültigen Transportauflagen für scharfe Munition und aktivierbare Waffensysteme innerhalb des Raumhafens.
Vivian legte ihre Unterlagen auf den Scanner.
Der Mitarbeiter hinter dem Schalter war vielleicht Ende fünfzig. Er las den Namen, sah zu ihr hoch und noch einmal auf die Anzeige.
„Colonel McFairley?“
„Seit Mai außer Dienst.“
„Sechste Crucis Lancers?“
„Vorherige Einheit, ja.“
Sein Blick blieb einen Moment auf ihr liegen. „New Avalon?“
„Bis zum Ende.“
Der Mann nickte knapp und wandte sich wieder den Unterlagen zu.
„Ihr Night Gyr ist als persönliches Eigentum eingetragen. Die Waffen bleiben während des Transports zum Zielhangar gesichert, Munition wird separat geführt. Zieladresse?“
Vivian nannte Sektor und Hallennummer aus Gavins Nachricht.
Der Mitarbeiter gab die Daten ein.
„Söldnersektor Siebzehn. Für den Straßentransport brauchen Sie noch eine temporäre Waffenfreigabe, auch bei versiegelten Systemen. Unterschrift hier.“
Er schob ihr das Datenfeld zu.
Vivian unterschrieb.
„Der Transport ist für heute Nachmittag angemeldet. Ihr Spediteur bekommt die Freigabe direkt.“
„Gut.“
Der Mann bestätigte den Eintrag und gab ihr die Identkarte zurück.
„Willkommen auf Galatea, Colonel.“
„Danke.“
Owen wartete am Nachbarschalter. Seine Abfertigung hatte deutlich weniger Zeit benötigt.
„Keine fünfundsiebzig Tonnen Clan-Technik“, sagte er, als sie sich wieder trafen. „Spart Formulare.“
„Dafür hast du andere Probleme.“
„Die sind meistens leichter.“
Vor dem Terminal lag eine breite überdachte Verkehrszone mit mehreren Fahrspuren. Hotelshuttles, private Wagen, militärische Transporter und Lieferfahrzeuge hielten in kurzen Abständen. Menschen bewegten sich mit Gepäck zwischen den Haltebereichen. Zwei Gruppen trugen einheitliche Feldjacken mit unterschiedlichen Söldnerabzeichen, daneben diskutierte ein Mann in einem teuren Anzug mit einer Frau in Mechkriegerstiefeln und einer Kühlweste, die sie halb geöffnet über einem T-Shirt trug.
Ein Fahrer wartete mit einem Datenpad, auf dem MCFAIRLEY / BELL stand.
Vivian bemerkte, dass sie diesmal nur einen kurzen Blick auf ihren Koffer warf, als der Mann ihn übernahm. Auf Argyle hatte sie sich noch daran gewöhnen müssen, überhaupt Gepäck aus der Hand zu geben.
Owen bemerkte ihren Blick.
„Du machst Fortschritte.“
„Sag einfach nichts.“
Sie stiegen in einen geschlossenen Geländewagen.
Der Fahrer stellte sich als Wren vor. Weitere Einzelheiten bot er nicht an, und Vivian fragte nicht danach. Schon auf den ersten Kilometern wurde deutlich, dass er diese Strecke häufig fuhr.
An beiden Seiten der Straße standen Werkstätten, Händler und Dienstleister. Ein Gebäude warb mit BattleMech-Simulatoren über drei Stockwerke hinweg. Vor einem anderen standen mehrere Mechkrieger in Kühlwesten neben einem Werber, der ihnen Datenpads reichte. Versicherungsbüros lagen neben Ersatzteilhändlern, Rechtsberatungen neben Waffenwerkstätten, medizinische Praxen zwischen Bars und kleinen Hotels.
An einer Kreuzung ragte eine große Anzeigetafel über die Straße.
MECHKRIEGER – GEFÄHRLICHKEITSZULAGE 18 %
INFANTERIEZUG GESUCHT – LANGZEITVERTRAG
AEROSPACE-PILOTEN – EIGENE MASCHINE BEVORZUGT
Die Anzeigen wechselten zu verschiedenen Einheitswappen.
„Wie viele Hiring Halls gibt es hier eigentlich?“, fragte Vivian.
Wren sah kurz in den Spiegel.
„Offizielle, private oder diejenigen, die sich selbst so nennen?“
Vivian verzog das Gesicht.
„So viele?“
„Und jeden Monat kommen neue dazu. Manche verschwinden wieder, bevor ich mir den Namen merken kann.“
Owen deutete nach rechts.
Hinter einer Reihe niedriger Gewerbebauten öffnete sich eine größere freie Fläche. Mehrere BattleMechs standen zwischen Wartungsgerüsten. Ein Centurion ging langsam über eine markierte Bahn, blieb an einer breiten gelben Linie stehen und drehte den Torso. Techniker beobachteten die Bewegung von einem gläsernen Kontrollstand aus.
„Privates Testgelände“, erklärte Wren. „Die vermieten Simulatoren, Mechzeit und Übungsflächen. Wenn Sie Leute einstellen, landen Sie wahrscheinlich irgendwann dort.“
Vivian sah ihn an.
„Woher wissen Sie, dass ich Leute einstellen will?“
Wren grinste in den Spiegel.
„Sie fahren nach Sektor Siebzehn. Dort sitzen fast nur neue oder kleinere Einheiten. Sie kommen mit Gepäck für mehr als zwei Tage und mit einem Mann, der aussieht, als hätte er seit dreißig Jahren keine zivile Entscheidung getroffen.“
Owen drehte langsam den Kopf zum Fahrer.
„Ich mag Sie.“
„Das sagen viele.“
Vivian ließ sich in den Sitz zurücksinken.
Je weiter sie vom Passagierterminal wegkamen, desto stärker veränderte sich das Straßenbild. Hotels und Büros wurden von Werkstätten, Lagerhallen und weitläufigen technischen Anlagen abgelöst. Mechtransporter fuhren auf eigenen Spuren. An einer Kreuzung wartete ein Demolisher auf die Freigabe, während auf der Gegenfahrbahn ein leerer Tieflader vorbeizog.
Fast jedes größere Gebäude trug ein Einheitswappen oder den Namen eines Unternehmens.
Ein schwarzer Wolfskopf auf silbernem Grund.
Drei gekreuzte Lanzen.
Eine weiße Schlange.
Ein stilisierter Hammer.
Manche Zeichen wirkten so professionell wie Hauswappen. Andere sahen aus, als seien sie nach einem langen Abend in einer Bar entstanden und am nächsten Morgen trotzdem gedruckt worden.
Gavins Halle gehörte zu den unauffälligeren.
Über dem breiten Tor stand lediglich:
SEKTOR 17 – HALLE C-12
Zwei bewaffnete Männer saßen an einem provisorischen Kontrollpunkt vor der Zufahrt. Einer erkannte Owen und stand auf.
„Sergeant-Major, Sir.“
„Seit Jahren nicht mehr.“
„Gewohnheit, Sir.“
Owen reichte ihm die Hand. „Kenn ich.“
Der Mann sah zu Vivian, richtete sich etwas gerader auf und nickte.
„Ma'am.“
Das Gesicht kam ihr bekannt vor. Einen Namen bekam sie nicht dazu und ein Namensschild hatte auf seiner Kampfweste scheinbar keinen Platz mehr gefunden. Wahrscheinlich hatte sie ihn auf New Avalon in einer Lagebesprechung oder bei einem gemeinsamen Einsatz gesehen.
Sie mochte es nicht, wenn ihr Namen fehlten.
„Willkommen auf Galatea“, sagte der Soldat.
„Danke.“
Das Hallentor stand halb offen.
Von innen kamen Stimmen, das Schlagen von Metall und das hohe Summen eines elektrischen Werkzeugs. Der Geruch nach Schmierstoffen, heißem Kunststoff und Reinigungsmittel erreichte Vivian noch vor dem Eingang.
Dann sah sie den Enforcer.
Jonas' ENF-5D stand im zweiten Wartungsbereich. Mehrere Panzerplatten trugen bereits eine neue Grundierung, andere noch die olivfarbene Feldlackierung der Sechsten Crucis Lancers aus den letzten Monaten des Bürgerkriegs. Am rechten Torso arbeiteten zwei Techs an einer Reparatur, deren Konturen Vivian von New Avalon wiedererkannte.
Daneben stand ein Dervish.
Sie verlangsamte den Schritt.
Die Grundsilhouette war vertraut. Bei den Details begann der Mech von dem abzuweichen, was sie von einem serienmäßigen Dervish erwartete. Besonders die Waffenarme fielen auf. Wo sie die üblichen Kurzstreckenlafetten erwartet hätte, endeten beide in kräftigen Läufen, die eindeutig nach Partikelprojektorkanonen aussahen.
Vivian kannte Inner-Sphäre-PPCs und Clan-ER-PPCs. Diese Läufe passten zu keiner der Formen, die ihr auf Anhieb einfielen. Auch die Torso Lafetten schienen zu fehlen, an ihrer Stelle fanden sich eindeutig Läufe von mittelschweren Lasern. Die Maschine schien zumindest keine Munitionsabhängigkeit zu besitzen.
„Shermans Mech?“, fragte sie.
Owen folgte ihrem Blick.
„Ja.“
Mehr wusste Vivian über den Mann bisher kaum. Brick hatte auf Argyle von einem guten Mechkrieger gesprochen, der Material beschaffen konnte, an das andere kaum herankamen. Sein vorläufiger Lebenslauf hatte mehr Fragen erzeugt als beantwortet.
Weiter hinten stand ein Condor-Schwebepanzer auf Wartungsblöcken. Die Schürze war an einer Seite geöffnet. Zwei Männer arbeiteten darunter, während eine dritte Person auf dem Turm saß und Werte auf einem Datenpad verglich.
Zwischen den Maschinen standen Materialkisten, Werkstattwagen und persönliche Ausrüstung. Eine seitlich abgetrennte Fläche diente offenbar als Unterkunft. Feldbetten, Spinde und zwei Tische standen in sauberen Reihen. Der improvisierte Charakter war deutlich, die Ordnung ebenso.
„Sie hat tatsächlich Ja gesagt.“
Die tiefe Stimme kam aus dem hinteren Bereich.
Gavin Brannock trat zwischen zwei Materialcontainern hervor.
Er war noch immer ein beeindruckend großer Mann. Breite Schultern, dunkle Haut, ein fast vollständig kahler Kopf und Hände, die auch nach Jahrzehnten als Offizier eher zu einem Mann passten, der selbst Kisten trug, wenn es schnell gehen musste. In der linken Hand drehte er eine leere Patronenhülse zwischen Daumen und Zeigefinger.
Vivian blieb vor ihm stehen.
Gavin betrachtete sie einige Sekunden.
„Colonel.“
„Major.“
„Brick hat mir über HPG geschrieben, was Jehlik dir zum Abschied angetan hat.“
Vivian sah über die Schulter zu Owen.
„Du formulierst meine Beförderung als Körperverletzung?“
„Nur sinngemäß.“
Gavin grinste.
„Hat zu dir gepasst.“
„Ich bin seit Mai außer Dienst.“
„Und Jehlik hat trotzdem noch einen Weg gefunden, dir den Colonel mitzugeben.“
Vivian verzog den Mund.
„Darüber können wir später streiten.“
Gavin breitete die Arme aus.
„Komm her.“
Sie ließ sich in die Umarmung ziehen.
Er drückte sie kräftig, klopfte ihr einmal zwischen die Schulterblätter und trat danach zurück, um sie erneut anzusehen.
„Du siehst erholter aus.“
„Mein Vater hatte vier Wochen Zeit, mich daran zu erinnern, dass es auf Argyle regelmäßige Mahlzeiten gibt.“
„Hat funktioniert.“
„Fang du jetzt nicht auch damit an.“
„Ich freue mich nur, dich zu sehen.“
„Das darfst du.“
Gavins Lächeln wurde breiter.
Schnelle Schritte kamen hinter dem Enforcer hervor.
„Vivian.“
Helena Sato trug ihr Haar anders als bei ihrer letzten Begegnung auf New Avalon.
Die Seiten waren fast bis auf die Haut ausrasiert. Über die Mitte des Kopfes zog sich ein längerer Streifen hellblau gefärbten Haares, der seitlich wegfiel und an der rechten Seite ungefähr bis auf Ohrhöhe reichte. Der Schnitt wirkte praktisch genug für einen Neurohelm und auffällig genug, dass Helena ihn wahrscheinlich genau deshalb gewählt hatte.
Helena selbst war klein und kompakt gebaut. Die dunklen Augen bewegten sich bereits zwischen Vivian, Owen und dem Hallentor, während sie noch versuchte, den Reißverschluss ihrer Jacke zu schließen.
Nach zwei erfolglosen Versuchen gab sie auf.
„Du hast länger gebraucht, als Gavin behauptet hat. Brick war weg, dann kam eine Nachricht von irgendeinem Sprungpunkt, danach drei Tage gar nichts, und jedes Mal, wenn ich gefragt habe, hieß es, die Route läuft planmäßig. Jonas wollte nicht mal mit mir wetten, ob du überhaupt diese Woche ankommst.“
Vivian hob eine Braue.
Helena holte Luft.
„Oh. Hallo.“
Vivian begann zu lachen und zog sie in eine kurze Umarmung.
„Hallo, Kite.“
Helena erwiderte sie, trat danach sofort wieder zurück und betrachtete Vivian von oben bis unten.
„Der Night Gyr kommt nach?“
„Heute Nachmittag.“
„Gut. Brick behauptet, deine Mutter hätte ihn rot gemacht.“
„Meine Mutter hat ihn nicht rot gemacht.“
„Das klären wir, wenn er da ist.“
„Helles Grau, dunkelgraue und rote Tarnflächen.“
Helena hob beide Hände.
„Rot.“
Vivian schüttelte den Kopf.
Am Enforcer bewegte sich der Wartungslift.
Ein Mann stieg von der Plattform auf den Hallenboden, sprach kurz mit einem der Techs und kam anschließend zu ihnen herüber.
Jonas Kerr trug Arbeitskleidung statt Uniform. Seine Unterarme waren bis zu den Ellbogen frei, an der rechten Hand klebte eine dünne dunkle Spur Schmiermittel. Vivian kannte seine Stimme besser als sein Gesicht. Während des Bürgerkriegs war Slate für sie über lange Strecken ein taktisches Symbol, eine ruhige Stimme im Funk und ein Mann in verschwitzter Kühlweste gewesen, den sie nach Einsätzen zwischen Technikern und Schadenslisten gesehen hatte.
Ohne Neurohelm und Gefechtsausrüstung wirkte er jünger.
Sein Gesicht war schmal, die grauen Augen aufmerksam, das schwarze Haar kurz geschnitten. Die hellbraune Haut war dunkler geworden als auf New Avalon, wahrscheinlich durch Wochen in Galateas intensiver Sonne.
Er blieb einen Schritt vor Vivian stehen.
„Ich hatte gehofft, Kite schafft wenigstens die ersten fünf Minuten ohne Diskussion.“
Helena zeigte auf ihn.
„Sie hat angefangen.“
Vivian sah Jonas an.
„Natürlich hat sie das.“
Jonas lächelte.
„Hallo, Vivian.“
„Du hättest schreiben können.“
„Dann wäre Brick umsonst nach Argyle geflogen.“
„Das wäre sein Problem gewesen.“
Owen stellte seine Reisetasche ab.
„Ich stehe übrigens hier.“
Jonas streckte Vivian die Hand entgegen.
Sie nahm sie.
Nach einem Moment zog er sie näher und machte aus dem Handschlag eine kurze Umarmung.
„Schön, dass du da bist.“
Bei ihm klang der Satz so ruhig, dass er mehr Gewicht bekam als jede größere Begrüßung.
Vivian drückte ihm kurz gegen die Schulter.
„Schön, dich zu sehen.“
Als sie sich voneinander lösten, stand neben Gavin ein Mann, den Vivian noch nie gesehen hatte.
Etwa einen Meter achtzig groß, schlank und beweglich, mit schulterlangem rotem Haar, das offen auf den Kragen fiel. Sein Bart hatte denselben kräftigen Farbton und war an den Seiten sauber gekürzt. Über Nase und Wangen lagen Sommersprossen. Seine Kleidung war einfach, saß aber deutlich besser als die durchschnittliche Werkstattkleidung ringsum.
Das schmale, leicht süffisante Grinsen gehörte offenbar zu seiner Grundausstattung.
Er trat vor und hielt Vivian die Hand hin.
„Nathan Sherman.“
Die Stimme trug einen lyranischen Akzent.
Vivian nahm seine Hand.
„Vivian McFairley.“
„Den Teil hatte ich mir schon gedacht.“
„Immerhin.“
Nathan lächelte breiter.
Vivian musterte ihn noch einen Moment.
„In der Übersicht, die Brick mir auf Argyle gezeigt hat, stand ehemaliger Davion-Soldat.“
Nathan wandte den Kopf langsam zu Owen.
Brick hob sofort eine Hand.
„Ich habe weitergegeben, was Gavin geschickt hat.“
Gavin sah Nathan an.
„Was du mir gegeben hast.“
Nathan zog die Unterlippe etwas vor und nickte nachdenklich.
„Dann ist bei meiner biografischen Verwaltung jemand geographisch kreativ geworden.“
Vivian verschränkte die Arme.
„Wie kreativ?“
„Lyranische Allianz. Davor Federated Commonwealth, wenn wir es historisch sauber haben wollen.“
„Einheit?“
„Mehrere.“
„Welche?“
Das Grinsen hielt, doch seine Augen wurden für einen Moment ernster.
„Das wird länger.“
„Ich habe gerade mehrere Monate Reise hinter mir. Meine Geduld ist trainiert.“
Nathan lachte leise.
„Das merke ich.“
Gavin schob die Patronenhülse zwischen zwei Fingern hin und her.
„Ich habe überprüft, was sich überprüfen ließ. Die Einsätze stimmen. Seine Qualifikationen stimmen. Er kann einen BattleMech führen, hat Führungserfahrung und beschafft Material, das andere Leute seit Wochen suchen.“
Nathan deutete auf den Dervish.
„Da bin ich besonders gut.“
Vivian sah zur Maschine.
„Deiner?“
„Komplett.“
„Mit Eigentumsurkunde?“
Nathan legte eine Hand auf die Brust.
„Vivian, wir kennen uns kaum und schon unterstellst du mir interessante Dinge.“
„Mit Eigentumsurkunde?“
Er seufzte gespielt.
„Eigentumsurkunde, Übertragungsnachweis, Versicherung und Steuerunterlagen. Der Mech gehört mir.“
„Und die Umbauten?“
„Die großen Systeme sind sauber dokumentiert.“
Vivian sah noch einmal zu den seltsamen Waffenarmen.
„Und der Rest?“
Nathan wiegte eine Hand.
„Ein paar Komponenten haben mehr Vorbesitzer als mir lieb ist. Die Papiere stimmen. Die Geschichten dahinter sind gelegentlich länger.“
„Dann bekomme ich bei Bedarf die lange Fassung.“
„Abgemacht.“
Vivian deutete auf die beiden ungewöhnlichen Läufe.
„PPCs?“
Nathan folgte ihrem Blick.
„Ja.“
„Welche?“
Sein Grinsen kehrte vollständig zurück.
„Du bist seit zehn Minuten hier.“
„Und?“
„Lass mir wenigstens ein paar Geheimnisse.“
„Das war keine Antwort.“
„Dann hast du mich schon ganz gut verstanden.“
Gavin schüttelte den Kopf.
„Er organisiert übrigens wirklich Dinge. Seit er hier ist, haben wir mehrere Ersatzteile bekommen, die vorher niemand liefern wollte. Bei zweien sogar günstiger als das beste reguläre Angebot.“
Vivian sah zu Nathan.
„Wie?“
„Kontakte. Geduld. Und gelegentlich weiß ich, welcher Händler dringend etwas anderes loswerden will.“
Jonas deutete auf seinen Enforcer.
„Er hat mir die Hüftkupplung besorgt.“
„Für einen vernünftigen Preis“, sagte Nathan.
„Das überrascht mich immer noch.“
„Vertrauen wächst langsam.“
Von der anderen Seite der Halle kamen Schritte.
Der kleinere Mann, der zuvor auf dem Turm des Condor gesessen hatte, war heruntergestiegen und schlenderte zu ihnen herüber. Selbst beim Gehen hielt er das Datenpad so, als befände sich darauf etwas, das jeden Moment geprüft werden musste.
Douglas Goldsteen war vielleicht einen Meter siebenundsechzig groß und schmal gebaut. Dunkles, fast schwarzes Haar war sauber gescheitelt. Eine schmale Brille mit dunklem Rahmen saß auf seiner Nase. Neben Nathan wirkte er beinahe wie dessen absichtlich konstruierter Gegenentwurf.
Er blieb vor Vivian stehen.
„Douglas Goldsteen. Mit zwei e.“
Vivian blinzelte.
Owen räusperte sich hinter ihr.
Sie sah über die Schulter.
„Du hast Goldstein gesagt.“
Brick zuckte mit einer Schulter. „Dann habe ich es falsch verstanden.“
Douglas schob die Brille etwas höher.
„Das passiert regelmäßig.“
Nathan lächelte. „Er führt eine Statistik.“
„Tue ich nicht.“
„Noch nicht.“
Douglas reichte Vivian die Hand.
„Ehemals 47th Atrean Heavy Armor, Fourth Oriente Hussars, Free Worlds League Military. Panzerkommandeur.“
Sein Griff war kurz und fest.
Vivian deutete auf den Condor.
„Dann gehört der zu dir.“
„Der Besatzung. Wir halten das Fahrzeug gemeinschaftlich. Ich besitze einundvierzig Prozent, die übrigen Anteile verteilen sich auf meine Crew.“
„Betriebsfähig?“
„Ja. Der rechte Schubkanal liegt derzeit null Komma sieben Prozent unter dem linken. Innerhalb der Herstellertoleranz. Donnerstag wechseln wir zwei Lager und prüfen anschließend die Ausrichtung neu.“
Vivian sah ihn an.
„Null Komma sieben hast du im Kopf?“
„Ja.“
Nathan nickte anerkennend.
„Wie romantisch.“
Douglas drehte den Kopf.
„Du hast gestern versucht, eine Ersatzteilrechnung mit einem Restaurantgutschein zu begleichen.“
„Der Gutschein hatte einen Wert.“
„Zwölf C-Bills.“
„Es ging ums Prinzip.“
„Die Rechnung betrug achthundert.“
Nathan sah wieder zu Vivian.
„Er hat sie bezahlt.“
„Vom Materialkonto.“
„Teamarbeit.“
Vivian musste lächeln.
Douglas wandte sich wieder ihr zu.
„Ich möchte vermeiden, dass Nathans Umgang mit Rechnungen als Verfahren der Panzergruppe verstanden wird.“
„Vermerkt.“
„Danke.“
„Warum Söldnerdienst?“
Douglas antwortete, ohne lange nachzudenken.
„Siebzehn Jahre regulärer Dienst. Meine letzte Einheit wurde neu gegliedert. Die Besatzung sollte getrennt und auf mehrere Fahrzeuge verteilt werden. Der Condor befand sich zu diesem Zeitpunkt bereits anteilig in unserem Eigentum. Wir haben den Dienst beendet und suchen seitdem eine Formation, die Fahrzeuge in ihre Einsatzplanung integriert.“
„Schlechte Erfahrungen?“
„Mit einigen Stäben.“
Jonas räusperte sich.
„Er wird mir sympathisch.“
Douglas sah ihn an.
„Das beruht auf sehr begrenzten Daten.“
Jonas wandte sich an Vivian.
„Noch sympathischer.“
Gavin steckte die leere Patronenhülse in die Hosentasche.
„Das ist im Wesentlichen der Kern, von dem Brick dir auf Argyle erzählt hat. Mein alter Zug ist größtenteils hier oder in einer Unterkunft zwei Straßen weiter. Dazu kommen Spezialisten und Techs. Helena sucht nach Jägern und weiteren Piloten. Jonas führt seit einer Woche Krieg mit einem Ersatzteilhändler.“
„Ich führe keine Kriege mit Händlern.“
„Du hast ihm gestern mit der Innung gedroht“, sagte Nathan.
Jonas sah ihn an.
„Das war Diplomatie, ich bin immerhin nicht mit meinem Enforcer einmarschiert.“
Vivian ging einige Schritte tiefer in die Halle.
Gavins Leute hatten aus dem gemieteten Raum eine brauchbare Arbeitsumgebung gemacht. Waffen und empfindliche Ausrüstung lagen in einem abgetrennten gesicherten Bereich. Persönliche Sachen hingen in Spinden statt an Maschinen. Zwei zusammengeschobene Tische, ein Projektor und mehrere Datenanschlüsse bildeten einen provisorischen Lagebereich.
„Wie lange läuft der Mietvertrag?“
„Noch knapp drei Monate“, sagte Gavin.
„Monatliche Belastung?“
Douglas nannte die Summe.
Vivian verzog den Mund.
„Das ist Wucher.“
Helena setzte sich auf die Kante einer Materialkiste.
„Galatea.“
„Werkstattzugang?“
Douglas beantwortete auch das.
„Grundausstattung und Hallenkran enthalten. Energie, Verbrauchsmaterial und Spezialwerkzeug separat.“
„Unterkünfte?“
„Für den derzeitigen Kern ausreichend. Wenn wir wachsen, brauchen wir zusätzliche Räume.“
„Versicherung?“
Douglas hob sein Datenpad ein Stück an.
„Vorläufige Betriebshaftung. Sobald wir als Einheit registriert werden, verhandeln wir neu.“
Vivian nickte.
„Das übernimmst du.“
Douglas' Mundwinkel bewegten sich kaum sichtbar.
„Das war der Plan.“
„Beschaffung und Ersatzteilmärkte gehen an Nathan. Alles, was ungewöhnlich aussieht oder rechtlich Probleme machen kann, läuft vorher über Douglas und Gavin.“
Nathan legte die Hand an die Brust.
„Dieses Misstrauen verletzt mich.“
„Du wirst es verkraften.“
Gavin sah Vivian an.
„Und der Rest?“
Sie wusste, was er meinte.
Owen hatte sie nicht für einen Besichtigungstermin über mehrere hundert Lichtjahre begleitet.
Vivian sah noch einmal durch die Halle. Helena hatte sich inzwischen mit einem Tech über etwas an der Außenhaut des Dervish gestritten. Jonas stand in Richtung seines Enforcer und hörte mit jener stillen Aufmerksamkeit zu, die sie aus sieben gemeinsamen Jahren kannte. Douglas überprüfte bereits eine Zahl auf seinem Pad. Nathan beobachtete sie mit dem Ausdruck eines Mannes, der gern wusste, welche Entscheidung als Nächstes fiel.
Gavin wartete geduldig.
„Morgen will ich die Finanzen sehen. Sämtliche Personalakten, alle laufenden Miet- und Versicherungsverträge, eure Materiallisten und alles, was ihr bisher über mögliche Aufträge gesammelt habt. Danach will ich mit deinen Zugführern sprechen und wissen, welche Leute von deinem alten Kern tatsächlich bleiben.“
Gavin sah sie an, während ein langsames Grinsen über sein Gesicht zog.
Vivian hielt seinem Blick stand.
„Du wolltest eine Kommandantin“, sagte sie. „Jetzt hast du eine.“
„Ich hatte gehofft, dass du das sagst.“
„Gewöhn dich nicht dran. Major reicht mir erst mal.“
Nathan hob eine Hand.
„Darf ich—“
„Nein.“
Er senkte sie wieder.
Gavin deutete auf die beiden zusammengeschobenen Tische.
„Nimm dir einen. Der am Fenster wackelt.“
Vivian ging hinüber, drückte mit einer Hand auf die Platte und sah, wie sich eines der Beine wenige Millimeter hob.
„Dann legen wir Papier drunter.“
Douglas sah von seinem Pad auf.
„Ich hätte einen Keil.“
Vivian sah ihn an.
„Natürlich hast du einen Keil.“
„Zwei.“
Nathan grinste.
Vivian zog ihre Jacke aus und legte sie über die Stuhllehne.
„Dann nehmen wir einen davon. Und danach zeigt mir jemand, wo es hier vernünftigen Tee gibt.“
Helena hob den Kopf.
„Das wird schwieriger als die Einheitsgründung.“
„Dann fangen wir mit dem lösbaren Problem an.“
***
Galaport, Galatea
15. Oktober 3067
Zwei Wochen später standen acht Namen in der Mechkrieger-Spalte.
Einige Verträge waren abgeschlossen, andere trugen noch gelbe Markierungen für offene Eigentums- oder Versicherungsfragen. Vivian hatte gelernt, dass auf Galatea zwischen „eingestellt“ und „wirklich einsatzbereit“ mehrere Schichten aus Verwaltung, Ersatzteilen und Geld lagen.
Der Night Gyr stand inzwischen im ersten Wartungsstand der Halle.
Seine neue Lackierung hatte deutlich mehr Aufmerksamkeit erzeugt, als Vivian lieb war. Die Grundfarbe war ein helles Grau, darüber liefen unregelmäßige dunkelgraue bis anthrazitfarbene Flecken über Torso, Arme und Beine. Dazwischen lagen rote Tarnflächen, kräftig genug, um der Maschine einen eigenen Charakter zu geben, ohne das gesamte Farbbild zu beherrschen.
Helena hatte beim ersten Anblick vier Sekunden geschwiegen.
Dann hatte sie gesagt:
„Deine Mutter hat ihn rot gemacht.“
Vivian hatte darauf verzichtet, erneut zu erklären, dass der überwiegende Teil der Maschine grau war.
Nathan hatte in derselben Woche einen gebrauchten Aerospace Fighter gefunden, dessen technischer Zustand deutlich besser war, als sein Kaufpreis vermuten ließ. Helena hatte nach dem ersten Rundgang um die Maschine gefragt, warum der Verkäufer ihn loswerden wollte.
Nathan hatte geantwortet:
„Scheidung.“
Helena hatte ihn angesehen.
„Wessen?“
„Des Verkäufers.“
Seitdem nannte sie den Jäger inoffiziell „Alimony“, obwohl noch niemand wusste, ob sich der Name halten würde.
Eine zweite Aerospace-Pilotin befand sich in der engeren Auswahl. Gavin hatte seinen ursprünglichen Infanteriekern in eine größere Struktur eingebaut und bereits zwei weitere Gruppen auf den Übungsplätzen getestet. Douglas hatte ein Finanzsystem eingeführt, das Vivian jeden Morgen mit einer neuen Zahl begrüßte.
Nathan hatte das System „Douglas' tägliche Drohung“ genannt.
Douglas hatte es als „Liquiditätsübersicht“ beschriftet.
An diesem Abend saßen sie im Besprechungsraum.
Vivian, Gavin, Nathan, Douglas, Jonas, Helena und Owen.
Auf dem Tisch lagen Namensvorschläge.
Zu viele.
„Crimson Harvesters“, las Vivian.
Nathan hob den Finger.
„Mein Favorit.“
„Nein.“
„Du hast noch nicht erklärt, warum.“
„Weil wir wie ein Hersteller von AgrarMechs klingen.“
„Du kommst aus einem Agrarunternehmen.“
„Gerade deshalb.“
Jonas blätterte weiter.
„Scarlet Lancers.“
Vivian schüttelte den Kopf.
„Zu nah an der Sechsten.“
„Einverstanden.“
Helena lag halb seitlich in einem alten Bürostuhl und drehte einen Stift zwischen den Fingern.
„Gray Harvest.“
Owen hob seinen Becher.
„Das war meiner.“
Vivian sah ihn an.
„Klingt nach Saatgut.“
„Qualitätssaatgut.“
„Owen.“
Er trank und sagte nichts mehr.
Douglas hatte einen eigenen Stapel Unterlagen vor sich.
„Zwölf Vorschläge sind bereits vergeben oder kollidieren mit geschützten Einheitsnamen.“
Nathan betrachtete ihn.
„Du hast wirklich alle geprüft.“
„Das ist der Grund, warum wir das heute machen.“
„Ich dachte, wir trinken.“
„Du trinkst.“
„Auch wahr.“
Gavin saß am anderen Ende des Tisches und ließ eine kleine Stahlmutter zwischen den Fingern wandern.
„Wir brauchen etwas, das man nach einmal Hören noch kennt.“
Jonas nickte.
„Und einen Namen, bei dem niemand nach dem dritten Funkruf fragt, wie man ihn schreibt.“
Nathan nahm sein Glas und sah durch das Fenster in die Halle.
Sein Blick blieb am Night Gyr hängen.
„Vielleicht suchen wir zu kompliziert.“
Vivian folgte seinem Blick.
„Wie meinst du das?“
Nathan deutete mit dem Glas auf die Maschine.
„Deine Mutter hat uns die Farben schon geliefert.“
„Meine Mutter hat meinen Mech lackieren lassen.“
„Grau. Rot.“
„Und Anthrazit.“
„Das zerstört meine Argumentation.“
Helena grinste.
Nathan lehnte sich zurück.
„McFairley. Landwirtschaft.“
Vivian hob eine Augenbraue.
„Pass auf.“
„Ernte.“
Jonas sah langsam von Nathan zum Night Gyr.
Gavin hörte auf, die Mutter zu drehen.
Nathan ließ sich Zeit.
„Reapers.“
Helena wiederholte es leiser.
„Reapers.“
Jonas saß ein Stück gerader.
„Red Reapers.“
Vivian sah zu ihm.
Dann wieder zum Night Gyr.
Der Name blieb im Raum.
Gavin beobachtete sie.
Vivian ließ ihn einige Sekunden durch den Kopf gehen. Ihre Mundwinkel hoben sich leicht.
„Gefällt mir.“
Nathan stellte sein Glas auf den Tisch.
„Endlich.“
Douglas hatte bereits zu tippen begonnen.
„Red Reapers ist frei. Es gibt einen historischen Eintrag mit ähnlicher Bezeichnung und eine aktive Einheit namens Silent Reapers. Kein registrierungsrelevanter Konflikt.“
Gavin sah zu Vivian.
„Red Reapers.“
„Red Reapers“, bestätigte sie.
Jonas deutete mit dem Stift auf sie.
„Wenn wir es sauber machen: McFairley's Red Reapers.“
Vivian verzog leicht das Gesicht.
„Warum mein Name?“
„Weil du die Einheit führst.“
„Gavin gründet sie genauso.“
Gavin hob eine Hand.
„Mein Name steht freiwillig auf keinem Briefkopf.“
Helena grinste.
„Brannock's Reapers klingt auch scheisse.“
Gavin sah sie an.
„Na herzlichen Dank.“
Vivian lehnte sich zurück.
„McFairley's Red Reapers klingt verdammt großspurig.“
Nathan lächelte.
„Wir sind Söldner. Ein bisschen Marketing gehört zur Grundausstattung.“
Douglas blickte von seinem Pad auf.
„Für die Registrierung kann die volle Bezeichnung McFairley's Red Reapers geführt werden. Im normalen Eintrag und im Funk Red Reapers.“
Vivian sah zu Gavin.
Er zuckte mit einer Schulter.
„Deine Entscheidung.“
Sie seufzte.
„Gut. McFairley's Red Reapers.“
Nathan hob sein Glas.
„Jetzt darf ich trinken.“
„Du hast die ganze Zeit getrunken.“
„Jetzt mit Anlass.“
Helena hob ihren Becher ebenfalls.
In diesem Moment wechselte das Bild des Nachrichtensenders an der Wand.
Eine rote Einblendung erschien über dem laufenden Wirtschaftsbericht.
OUTREACH – KÄMPFE IN HARLECH
Helena griff nach der Fernbedienung.
„Lauter.“
Die Gespräche verstummten.
Die ersten Bilder waren unscharf. Rauch über Gebäuden. BattleMechs zwischen Straßenschluchten. Zivilfahrzeuge auf einer breiten Ausfallstraße. Eine Nachrichtensprecherin stand vor einer Karte von Harlech und versuchte, aus widersprüchlichen Meldungen eine Lage zu bauen.
„… bestätigte Kampfhandlungen seit den frühen Morgenstunden. Nach derzeitigen Berichten haben Einheiten der Waco Rangers gemeinsam mit mehreren verbündeten Söldnerformationen Stellungen der Wolf's Dragoons angegriffen. Aus Harlech werden schwere Gefechte gemeldet.“
Eine Karte zeigte mehrere markierte Bereiche.
Waco Rangers.
Smithson's Chinese Bandits.
51st Dark Panzer Jaegers.
Tiger Sharks.
Wolf's Dragoons.
Owen stellte seinen Becher ab.
„Verdammt.“
Helena hatte den Stift aus der Hand gelegt.
Vivian trat näher an den Bildschirm.
Neue Aufnahmen zeigten einen Straßenzug. Eine Explosion riss hinter einem Gebäude hoch, danach brach die Übertragung für einige Sekunden ab.
„Outreach“, sagte Jonas.
Gavin ließ die Mutter langsam zwischen den Fingern drehen.
„Mitten im Söldnerzentrum.“
Douglas griff nach seinem Datenpad.
Nathan sah ihn an.
„Und Jetzt?“
„Wenn die Hiring Halls betroffen sind, verändert das hier den Markt. Personal, Verträge, Vermittlung, Versicherungen. Galatea wird einen Teil davon auffangen.“
Helena nickte, ohne den Bildschirm aus den Augen zu lassen.
Die Bilder wechselten erneut.
Diesmal war die Hiring Hall zu erkennen. Menschen liefen über den Vorplatz. Ein BattleMech stand zwischen zwei Gebäuden, während hinter ihm eine schwarze Rauchsäule aufstieg.
Vivian blieb einen Moment neben dem Bildschirm stehen.
Dann wandte sie sich wieder dem Tisch zu.
„Wir ändern deswegen heute nichts.“
Gavin sah zu ihr.
„Am Namen?“
„An unserem Plan. Douglas prüft, ob sich bei der MRBC Termine verschieben. Helena hält ihre Kontakte zu den Piloten offen. Gavin, deine Infanteriebewerber laufen weiter. Jonas und Nathan, morgen sehen wir uns die nächsten Mechkrieger an.“
Nathan nahm sein Glas.
„Und heute?“
Vivian blickte wieder auf die Bilder.
„Heute sehen wir, was auf Outreach passiert.“
Einige Tage später bestätigten die Nachrichtensender Jaime Wolfs Tod.
Bis dahin war aus dem Angriff eine viertägige Schlacht geworden. Harlech zeigte auf den Bildern dieselben offenen Fassaden, ausgebrannten Fahrzeuge und von Rauch überzogenen Straßenzüge, die Vivian auf New Avalon gesehen hatte.
Die Meldung ging durch jede Bar, jede Hiring Hall und jede Werkstatt Galaports.
Noch am selben Tag meldete die örtliche MRBC-Niederlassung zusätzliche Schalter für Einheitsregistrierungen und Vertragsprüfung.
Douglas kam mit der Nachricht in Vivians Büro.
„Unser Termin kann vorgezogen werden.“
Vivian sah von einer Personalakte auf.
„Wann?“
„Vierundzwanzigster.“
„Nimm ihn.“
„Schon getan.“
Vivian sah ihn an.
Douglas schob die Brille höher.
„Du hättest Ja gesagt.“
„Stimmt.“
„Sagte ich bereits.“
Er ging wieder.
Vivian sah ihm nach.
Nathan steckte den Kopf durch die Tür.
„War das gerade so etwas wie Vertrauen und dürfte ich…?“
„Nein.“
„Schade, es wäre nur etwas Kleines.“
„Raus.“
***
Galaport, Galatea
24. Oktober 3067
Die Mercenary Review and Bonding Commission belegte acht Stockwerke eines Verwaltungsgebäudes am westlichen Rand des Galaport-Geschäftsviertels.
Vivian hatte mit mehr militärischer Atmosphäre gerechnet.
Stattdessen erinnerte sie der Eingangsbereich an eine große Bank, die beschlossen hatte, bewaffnete Kunden zu akzeptieren.
Empfangsschalter, Wartebereiche, diskrete Besprechungsräume und elektronische Anzeigen dominierten das Erdgeschoss. Zwischen Anwälten und Firmenvertretern saßen Mechkrieger in Feldkleidung, Infanterieoffiziere mit Aktenkoffern und zwei Männer, die offen über die Reparaturkosten eines Union-Landungsschiffes stritten.
Vivian war mit Gavin, Douglas und Nathan gekommen.
Douglas hatte darauf bestanden, dass Nathan persönlich erschien.
„Seine Eigentumsunterlagen sind die kompliziertesten“, hatte er erklärt.
Nathan hatte den Satz als Kompliment verstanden.
Gavin war dabei, weil er den größten bereits zusammenhängenden Personalkern einbrachte und künftig die Infanterie führen sollte.
Vivian selbst saß dem Sachbearbeiter gegenüber.
Er war ein schmaler Mann Anfang sechzig mit grauem Haar und der ruhigen Geduld eines Menschen, der seit Jahrzehnten Söldner dabei beobachtete, wie sie an Formularen scheiterten.
Auf seinem Bildschirm stand der Antrag.
McFAIRLEY'S RED REAPERSGEPLANTE AKTIVIERUNG: 1. NOVEMBER 3067
Er arbeitete die Unterlagen Punkt für Punkt ab.
„Eigentumsnachweis Night Gyr.“
Vivian reichte die Datei.
„Bestätigt.“
„Enforcer, Jonas Kerr.“
Douglas schob das nächste Dokument vor.
„Bestätigt.“
„Dervish, Nathan Sherman.“
Der Sachbearbeiter öffnete mehrere Unterseiten.
Dann noch eine.
Nathan räusperte sich.
Douglas verschränkte die Hände.
Der Sachbearbeiter sah auf.
„Drei Eigentumsübertragungen innerhalb von neun Jahren.“
„Ich reise viel“, sagte Nathan.
„Eine davon wurde auf Tharkad eingereicht, während der Mech laut Zollregister auf Solaris VII stand.“
Vivian drehte langsam den Kopf zu ihm.
Nathan bemerkte es.
„Das lässt sich erklären.“
„Bitte“, sagte der Sachbearbeiter.
Die Erklärung dauerte fast zehn Minuten.
Sie enthielt eine Frachtgesellschaft, eine verspätete HPG-Übermittlung, einen insolventen Händler und einen Versicherer, der zwei Firmennamen benutzt hatte.
Douglas unterbrach Nathan zweimal mit Daten.
Am Ende überprüfte der Sachbearbeiter drei zusätzliche Einträge und setzte einen Haken.
Vivian beugte sich vor.
„Das ist tatsächlich korrekt?“
„Ungewöhnlich“, sagte der Mann. „Aber lückenlos.“
Nathan lehnte sich zurück.
„Ich fühle mich bestätigt.“
Douglas sah ihn an.
„Dafür hätte vorher jemand an dir zweifeln müssen.“
Vivian und Gavin sahen gleichzeitig zu Douglas.
Douglas bemerkte es.
„Was?“
Nathan grinste.
„Du lernst.“
Die übrigen bereits registrierten BattleMechs verursachten weniger Aufwand. Vier der Maschinen gehörten ihren Piloten selbst, bei zwei weiteren liefen Kaufverträge, deren Eigentumsübergang bis zum Aktivierungsdatum abgeschlossen sein musste.
Der Condor nahm etwas mehr Zeit in Anspruch, weil vier Personen Eigentumsanteile hielten.
Douglas hatte sämtliche Unterlagen vorbereitet.
Der Sachbearbeiter arbeitete weiter.
„Kommandierende Offizierin: Vivian Estelle McFairley.“
„Ja.“
„Letzter regulärer Dienstgrad AFFS: Colonel.“
Vivian nickte.
„Im Antrag steht als Einheitsrang Major.“
„Richtig.“
Der Mann sah zwischen Antrag und Vivian hin und her.
„Wünschen Sie für die Mercenary-Command-Struktur eine Abweichung vom letzten anerkannten Rang?“
Vivian blickte kurz über die Schulter.
Gavin saß hinter ihr.
Ein Mundwinkel hob sich. Dazu kam ein kaum sichtbares Nicken.
Vivian drehte sich wieder zum Sachbearbeiter.
„Ändern Sie es.“
„Auf?“
Sie atmete einmal aus.
„Colonel.“
Der Mann tippte.
Auf dem Bildschirm wechselte der Eintrag.
McFAIRLEY, VIVIAN ESTELLECOLONELCOMMANDING OFFICER
Nathan beugte sich leicht zu Gavin.
„Hat sie gerade freiwillig—“
Vivian sah über die Schulter.
Nathan setzte sich wieder gerade hin.
„Nichts.“
Douglas bewegte den Mundwinkel.
Der Sachbearbeiter scrollte weiter.
„Klassifizierung zunächst verstärkte Kompanie.“
„Ja“, sagte Vivian.
„Der Personalstand kann bis zur Aktivierung ergänzt werden. Größere Strukturänderungen erfordern eine Neuberechnung der Bonding- und Versicherungsunterlagen.“
Douglas nickte.
„Verstanden.“
Der Sachbearbeiter sah auf das Datum.
„Ich kann den Antrag heute vollständig erfassen und die Einheit zum ersten November aktiv setzen. Änderungen an Personal, registriertem Gerät und interner Struktur können Sie bis zum einunddreißigsten Oktober, achtzehn Uhr, ohne neuen Grundantrag nachreichen. Danach wird die hinterlegte Fassung zum Aktivierungsstand.“
Vivian sah zu Douglas.
„Reicht uns das?“
„Ja.“
„Dann machen wir es.“
Der Mann bestätigte den Vorgang.
Auf dem Bildschirm erschien:
McFAIRLEY'S RED REAPERSKURZBEZEICHNUNG: RED REAPERSKOMMANDO: COLONEL VIVIAN E. McFAIRLEYSTATUS: REGISTRIERUNG VORLÄUFIG BESTÄTIGTAKTIVIERUNG: 01.11.3067
Der Sachbearbeiter schob das Datenpad zurück.
„Ihre Stellenangebote können ab sofort unter dem vorläufig bestätigten Einheitsnamen laufen.“
„Danke.“
„Bis zum einunddreißigsten können Sie nachmelden.“
Douglas steckte bereits eine Kopie in seine Aktenstruktur.
Gavin legte Vivian beim Aufstehen kurz die Hand auf die Schulter.
„Colonel.“
Sie sah ihn an.
„Du fängst jetzt nicht damit an.“
„Ich wollte nur testen, ob du reagierst.“
„Tue ich.“
„Offensichtlich.“
Nathan kam hinter ihnen aus dem Büro.
„Colonel klingt gut.“
Vivian ging weiter.
„Du hast eine Dervish-Akte, die auf vier Welten gleichzeitig existiert.“
„Das ist vorbei.“
Douglas schob sich die Brille höher.
„Nein.“
Nathan sah ihn an.
„Wir waren gerade so glücklich.“
***
Galaport, Galatea
25. Oktober 3067
Der erste Bewerber des Tages trug einen Anzug.
Gerald Sorn war zweiundvierzig, Mechkrieger und nach eigener Aussage seit fünfzehn Jahren in Führungsverwendungen tätig. Er setzte sich Vivian gegenüber, legte eine sauber aufbereitete Personalakte auf den Tisch und begann das Gespräch mit einem Überblick über seine bisherigen Arbeitgeber.
Gavin saß am Fenster.
Douglas hatte seinen Platz seitlich vom Schreibtisch eingenommen.
Nathan lehnte etwas weiter hinten an einem Aktenschrank und betrachtete Sorn mit einer Ruhe, die bei ihm entweder echtes Interesse oder bevorstehenden Unsinn bedeuten konnte.
Vivian blätterte durch die Unterlagen.
„Sie schreiben, dass Sie seit fünfzehn Jahren Lanzen führen.“
„Korrekt.“
„Die dokumentierten Verwendungen ergeben acht.“
Sorn lächelte. „Acht offiziell. Ich war in mehreren Einheiten der erfahrenste Mann meiner Lanze und habe entsprechend Verantwortung übernommen.“
„Dann schreiben sie das auch so.“
Das Lächeln wurde etwas kleiner.
„Natürlich.“
Die ersten zwanzig Minuten verliefen ordentlich. Sorn kannte seinen Thunderbolt sehr genau, seine Schießergebnisse waren gut, und die Gefechtshistorie zeigte ausreichend Einsätze, um seine Erfahrung glaubhaft zu machen.
Nathan stellte einige Fragen zu Wartung und Ersatzteilen.
Sorn beantwortete sie sauber.
Douglas fragte nach Eigentumsverhältnissen.
Der Thunderbolt gehörte ihm.
Dann kam Gavin zum Combined-Arms-Einsatz.
„Wie oft haben Sie mit Infanterie gearbeitet?“
Sorn lehnte sich zurück.
„Einige Male.“
„Welche Aufgaben hatten die Infanteristen?“
„Gelände sichern. Gebäude räumen. Wege halten. Sicherheitsaufgaben. Das Übliche.“
„Und in Ihrer Gefechtsplanung?“
Sorn machte eine kleine Handbewegung.
„Mechs schlagen die eigentliche Schlacht. Infanterie hält anschließend, was übrig bleibt. Ich möchte vermeiden zufällig im Gefecht auf einen draufzutreten, falls sie verstehen was ich meine.“
Gavins Gesicht blieb ruhig.
Vivian sah weiter in die Akte.
„Wie viele Infanteristen haben Sie selbst geführt?“
„Direkt keine.“
„Wie viele Combined-Arms-Übungen mit eigener Planungsverantwortung?“
Sorn schwieg kurz.
„Keine auf Kompanieebene.“
„Dann interessiert mich, worauf Ihre Einschätzung beruht.“
Sein Blick wurde kühler.
„Auf Gefechtserfahrung.“
„Als Mechkrieger.“
„Ja.“
Vivian schloss die Akte.
„Danke für Ihre Zeit.“
Sorn blinzelte.
„Das war's?“
„Für heute ja.“
„Sie haben meine Schießwerte gesehen.“
„Habe ich.“
„Ich bringe einen Thunderbolt mit.“
„Das ist ein guter BattleMech.“
Er sah erst Vivian, dann Gavin an.
„Und das reicht Ihnen nicht.“
„Ich stelle Piloten ein. Mit Erfahrung oder zumindest Willen in einer Verbundeinheit zu arbeiten. Keine Cowboys oder Holovidkrieger.“
Sorns Mund wurde schmal.
„Dann verschwenden wir wohl beide keine weitere Zeit.“
„Das ist korrekt.“
Als die Tür hinter ihm zufiel, lehnte Nathan sich vom Schrank weg.
„Schade um den Thunderbolt.“
„Ja“, sagte Vivian.
Gavin sah sie an.
„Mehr kommt nicht?“
„Er wäre nach drei Monaten der Ansicht, dass deine Leute Materialträger für seine Lanze sind.“
„Vermutlich schon nach zwei“, sagte Gavin mit säuerlicher Miene.
Douglas legte Sorns Akte auf den Ablehnungsstapel.
„Dann sind wir uns einig.“
Nathan hob eine Hand.
„Ich war bei sechs Wochen.“
Vivian öffnete die nächste Datei.
„Der nächste.“
Steve Ramos erschien in einer sauberen dunkelblauen Hose, Hemd und Pilotenjacke. Er war Anfang dreißig, breitschultrig, mit kurz geschnittenem dunklem Haar und einer schmalen Narbe unter dem rechten Ohr.
Seine Akte war deutlich dünner als Sorns.
Vivian las die Maschinenzuordnung.
„Nightsky NGS-4T.“
„Ja.“
„Eigentum?“
Ramos verzog leicht den Mund.
„Familienkonstruktion. Meine Eltern halten sechzig Prozent, ich vierzig. Wenn ich sterbe, fällt mein Anteil zurück. Wenn meine Familie pleitegeht, habe ich andere Sorgen.“
Nathan grinste.
Douglas blieb ernst.
„Schulden?“
„Keine auf dem Mech.“
Douglas hob den Blick.
Das war offenbar genug Anerkennung.
Vivian blätterte weiter.
„Ihr Callsign ist Tripod.“
Ramos sah sie an.
„Ja.“
Eine Pause.
Vivian wartete.
Ramos wartete ebenfalls.
Nathan wurde sichtbar unruhig.
Vivian ließ das Thema fallen.
„Warum ist Ihr letzter Verband aufgelöst worden?“
„Das Geld war weg.“
„Wie kam es dazu?“
„Der Eigentümer hat im Bürgerkrieg auf Katherine gesetzt. Danach hat er zwei Verträge angenommen, die schlechter bezahlt wurden, als er behauptet hat. Irgendwann konnten wir weder Ersatzteile noch Sold bezahlen.“
Vivian legte den Finger auf die Zeile mit seiner Einsatzhistorie.
„Sie selbst waren loyalistisch eingesetzt.“
„Ja.“
„Gegen Victors Truppen?“
„Ja.“
„Gegen Davion-Verbände?“
„Auch.“
Gavin beobachtete ihn.
„New Avalon?“
„Nein. Tikonov, später lyranischer Raum.“
Vivian sah ihn an.
„Warum sind Sie geblieben?“
Ramos dachte länger nach.
„Weil ich einen Vertrag hatte, meine Familie vom Sold abhing und ich am Anfang überzeugt war, dass meine Vorgesetzten die politische Lage besser verstanden als ich. Später wurde ich vorsichtiger mit dieser Annahme.“
„Haben Sie Befehle verweigert?“
„Einen.“
Gavin setzte sich etwas gerader.
„Welchen?“
„Ein Dorf räumen und Gebäude als Feuerstellung vorbereiten. Zivilisten waren noch drin. Mein Zugführer wollte, dass wir anfangen, bevor die Evakuierung abgeschlossen war.“
„Was haben Sie getan?“
„Gemeldet, dass meine Maschine ein Kühlungsproblem hat.“
Nathan lächelte.
„Hatte sie eins?“
Ramos sah ihn an.
„In dem Moment ja.“
„Wie lange?“
„Bis die letzten Leute draußen waren.“
Gavin senkte den Blick kurz auf die Akte.
Vivian stellte weitere Fragen.
Ramos antwortete langsam, machte seine Entscheidungen weder größer noch sauberer, als sie gewesen waren.
Am Ende stand er auf.
„Wir melden uns morgen“, sagte Vivian.
An der Tür hielt er inne.
„Colonel?“
Sie bemerkte, dass sie diesmal schneller reagierte.
„Ja?“
„Wenn Ihnen meine Seite im Bürgerkrieg grundsätzlich reicht, um mich abzulehnen, sagen Sie es bitte direkt. Ich verschwende ungern Ihre Zeit und meine.“
Vivian sah ihn an.
„Wenn sie ein Ausschlussgrund wäre, säßen Sie nicht hier.“
Ramos nickte.
„Dann reicht mir das.“
Als er gegangen war, schrieb Nathan etwas auf sein Pad.
„Was?“, fragte Vivian.
„Ich mag ihn.“
Gavin nickte.
Douglas sah noch einmal auf die Besitzunterlagen.
„Finanziell unauffällig, passt.“
Nathan blickte zu ihm.
„Das ist bei dir vermutlich eine Liebeserklärung.“
Douglas ignorierte ihn.
Vivian setzte den Namen auf die zweite Gesprächsliste.
Katerina Kretky kam zwanzig Minuten zu früh.
Sie war sechsundzwanzig, kaum über einen Meter sechzig groß und so schmal gebaut, dass ihre Pilotenjacke an den Schultern etwas zu weit wirkte. Hellblondes Haar war auf einer Seite kurz geschnitten, auf der anderen fiel es ihr bis zum Kinn.
Während des Gesprächs wippte ihr rechter Fuß fast ununterbrochen.
Sie brachte einen leichten, schnellen BattleMech mit, dessen Eigentums- und Umbauunterlagen Douglas noch vollständig prüfen wollte. Für Vivian genügte vorerst, dass Maschine und Pilotin ungefähr dieselbe Vorstellung von Stillstand zu haben schienen.
Katerina selbst wirkte wegen der ausstehenden Unterlagen deutlich entspannter als Douglas.
„Die Papiere kommen.“
Douglas sah über die Brille.
„Wann?“
„Morgen.“
„Du hast gestern auch morgen gesagt.“
Katerina hielt kurz inne.
„Dann diesmal wirklich.“
Nathan sah zu Vivian.
„Ich mag sie.“
„Du magst alle, die Douglas nervös machen.“
„Das ist unfair.“
Douglas schrieb etwas auf.
Vivian konzentrierte sich wieder auf Katerina.
„Was willst du bei uns?“
Die Antwort kam sofort.
„Aufklärung. Flankensicherung. Schnelle Angriffe. Alles, bei dem Bewegung wichtig ist.“
„Und bei dem Geduld wichtig ist?“
Der Fuß hielt an.
Katerina bemerkte es selbst.
„Kann ich auch.“
Drei Sekunden später begann er wieder zu wippen.
Vivian sah nach unten.
Katerina ebenfalls.
„Ich arbeite daran.“
Nathan musste lachen.
Vivian fragte nach einem Gefechtseintrag, bei dem ihre Maschine schwere Schäden erlitten hatte.
Katerina saß plötzlich ruhiger.
„Mein Fehler.“
„Erzähl.“
„Mein Zugführer hat eine Bewegung vorbereitet. Ich wusste, was er machen wollte, und bin ungefähr zehn Sekunden zu früh los. Taktisch war der Schritt richtig. Zeitlich war er falsch.“
„Was passierte?“
„Ich kam allein über eine Geländekante. Auf der anderen Seite stand ein Hunchback, der eigentlich von zwei anderen Mechs beschäftigt werden sollte.“
„Folgen?“
„Linke Seite fast weg. Drei Wochen Reparatur und ein Zugführer, der mich anschließend jeden Schadensbericht selbst schreiben ließ.“
„Was hast du daraus gelernt?“
Katerina sah Vivian an.
„Dass es wenig bringt, den Plan als Erste zu verstehen, wenn man dadurch aufhört, Teil des Plans zu sein.“
Vivian setzte eine Markierung.
Die junge Frau versuchte, auf das Pad zu sehen.
Vivian drehte es etwas zu sich.
„Morgen.“
Katerina stand auf.
An der Tür hielt sie noch einmal inne.
„War die Antwort schlecht?“
„Welche?“
„Dass es mein Fehler war.“
„Nein.“
Die Spannung in ihren Schultern ließ nach.
„Gut.“
Sie ging.
Nathan wartete, bis die Tür geschlossen war.
„Die steht morgen wieder zwanzig Minuten zu früh hier.“
„Dann ist wenigstens jemand pünktlich.“
Douglas sah zu seinem Kalender.
„Sie war zweiundzwanzig Minuten zu früh.“
Vivian sah ihn an.
„Natürlich weißt du das.“
Stephan Waikerepuru brauchte beinahe die gesamte Breite des Besucherstuhls.
Er war groß, breit gebaut und langgliedrig, mit dunkler Haut, kräftigen Händen und schwarzem Haar, das bis knapp auf die Schultern reichte und sauber nach hinten gebunden war. Trotz seiner Größe sprach er leise.
Sein Hermes II stand auf einem gemieteten Stellplatz zwei Hallen weiter. Welche Variante daraus langfristig im Bestand der Red Reapers werden würde, spielte für das heutige Gespräch keine Rolle.
Vivian las den Callsign.
„Muffin.“
Stephan nickte.
Nathan legte den Kopf schief.
„Ich brauche die Geschichte.“
„Nein.“
„Warum nicht?“
„Weil ich hier eingestellt werden möchte.“
Nathan sah zu Vivian.
„Sehr klug.“
Stephan hatte mehrere Jahre regulären Dienst und einen kürzeren Söldnervertrag hinter sich. Seine Schießwerte waren gut, seine Pilotenergebnisse besser.
Ein Disziplinarvermerk fiel Vivian auf.
„Du hast einen Lieutenant geschlagen.“
„Ja.“
„Warum?“
Stephan rieb mit dem Daumen über einen alten hellen Strich an seinem Handrücken.
„Ein Tech ist ihm im Hangar beim Vorbeigehen mit dem Ärmel an die Jacke gekommen. Schmiermittel.“
Vivian wartete.
„Der Lieutenant hat ihn zur Rede gestellt. Der Tech hat sich entschuldigt und wollte weiterarbeiten. Der Lieutenant hat ihm eine Ohrfeige gegeben.“
Gavin verzog kaum merklich das Gesicht.
„Und du?“, fragte Vivian.
„Stand daneben.“
„Was hast du getan?“
„Ich habe ihn vom Tech weggezogen.“
„Der Vermerk sagt Körperverletzung.“
„Er wollte wieder hin.“
Nathan sah Stephan an.
„Und?“
„Dann stand ein Spind hinter ihm.“
Vivian hob eine Braue.
Stephan dachte kurz nach.
„Relativ plötzlich.“
Nathan presste die Lippen zusammen.
Douglas sah demonstrativ auf sein Pad.
Vivian fragte weiter.
„Würdest du es wieder tun?“
Stephan nahm sich Zeit.
„Ich würde zuerst versuchen, jemanden mit mehr Rang zu holen.“
„Wenn keine Zeit bleibt?“
„Dann steht wieder etwas in meiner Akte.“
Gavin schrieb einen kurzen Vermerk.
Vivian sah es.
„Den willst du.“
„Ja.“
„Ich auch.“
Stephan lächelte zum ersten Mal.
Dabei wirkte er sofort einige Jahre jünger.
Jian Wu kam am Nachmittag.
Fünfundzwanzig, ehemaliger capellanischer Mechkrieger, eine ältere Wolverine und Wartungsunterlagen, die Douglas so lange still betrachtete, dass Nathan irgendwann fragte, ob alles in Ordnung sei.
„Ja.“
„Du schaust seit fünf Minuten dieselbe Seite an.“
„Weil sie vollständig ist.“
Nathan zeigte auf Jian.
„Der Mann hat gerade dein Herz gewonnen.“
Jian verstand genug Englisch, um zu lächeln.
Sein gesprochenes Englisch war deutlich schlechter als sein technisches Vokabular. Vivian stellte einfache Fragen, ließ ihm Zeit und bemerkte schnell, dass er lieber über Karten und konkrete Situationen sprach als über abstrakte Selbstdarstellung.
Gavin legte ihm schließlich ein urbanes Szenario auf den Projektionstisch.
Jian brauchte kaum eine Minute.
Er verschob zwei Symbole.
Zeigte auf einen Straßenzug.
Dann auf einen Hinterhof.
„Mech hier. Infanterie hier. Feind sieht Mech. Infanterie sieht Feind.“
Gavin sah zu Vivian.
„Reicht mir.“
Jian unterschrieb zwei Tage später.
Nicht alle Gespräche endeten mit einem Vertrag.
Mara Velasquez war eine hervorragende Pilotin ohne eigene Maschine. Ihre finanziellen Verpflichtungen beschäftigten drei Kreditoren in Galaport.
„Spielschulden?“, fragte Vivian.
Mara verzog das Gesicht.
„Teilweise.“
Douglas blätterte.
„Zwei sind Glücksspiel. Einer medizinisch. Der vierte ist ebenfalls Glücksspiel.“
Mara sah ihn an.
„Aus Sicht des Kreditgebers.“
„Aus Sicht des Vertrages.“
Vivian gab ihr eine zweite Gesprächsrunde, aber noch keinen Vertrag.
Hiro Tanaka brachte zwölf Jahre Milizerfahrung mit und nahm sich bei fast jeder Frage einige Sekunden Zeit. Gavin gefiel diese Angewohnheit deutlich besser als Nathans Antwortgeschwindigkeit.
Tessa Morland besaß einen Valkyrie und eine sehr gute Aufklärungsakte. Innerhalb von zwei Jahren hatte sie jedoch drei laufende Verträge vorzeitig verlassen.
Jeder einzelne Grund war nachvollziehbar.
Zusammen ergaben sie Vivian genug Zweifel.
Tessa bekam keinen Vertrag.
In den folgenden Tagen wurden aus den langen Listen Namen.
Steve Ramos unterschrieb.
Katerinas Eigentumsunterlagen trafen tatsächlich am nächsten Morgen ein, und Douglas fand darin weniger Probleme, als er erwartet hatte.
Stephan bekam seinen Vertrag nach einem Simulatorlauf mit Nathan und Jonas.
Jian Wu blieb.
Hiro Tanaka ebenfalls.
Andere kamen hinzu, deren Gespräche kürzer verliefen und deren Personalakten wenig Anlass gaben, sie lange im Gedächtnis zu behalten.
Bis zum achtundzwanzigsten Oktober standen sie bei achtzehn Mechkriegern einschließlich Vivian.
Ein Teil besaß eigene Maschinen. Einige Mechs waren gekauft oder geleast worden. Bei mehreren liefen noch technische Arbeiten.
Vivian und Nathan teilten sich zunehmend die Führung der Mechgruppe. Nathan hatte in seiner Vergangenheit bereits Captain-Verwendungen gehabt und besaß genug Erfahrung, um mehr als seinen eigenen Dervish zu führen. Jonas übernahm einen weiteren Teil der praktischen Ausbildung.
Gavin formte unterdessen aus seinem alten Kern und neuen Leuten vier Infanteriezüge.
Julianne Pfeiffer übernahm den ersten. Eine kompakte Frau Ende dreißig mit wettergegerbtem Gesicht und einer alten Brandnarbe am linken Unterarm. Ihre erste Frage im Bewerbungsgespräch hatte der Verwundetenevakuierung gegolten.
Gavin hatte danach nur gesagt:
„Die.“
Niklas Brandt kam aus der motorisierten Infanterie und dachte in Fahrzeugen, tragbaren SRM-Systemen und Bewegungszeiten.
James Greatz brachte Erfahrung mit Sprungtruppen und Anti-Mech-Ausbildung.
Anton Kuloc war der älteste der vier vorgesehenen Zugführer. Im Simulator führte er einen Zug durch ein dicht bebautes Gelände, brach einen Angriff frühzeitig ab, als sich die Lage verschlechterte, und erklärte bei der Nachbesprechung drei eigene Fehler, bevor Gavin überhaupt danach fragen konnte.
Owen beobachtete die ersten gemeinsamen Ausbildungsblöcke.
„Brauchbares Material“, sagte er.
Julianne hörte es.
„Material?“
Brick sah sie an.
„Beschwerde?“
„Kommt darauf an, was du damit machen willst.“
„Ausbilden um zu überleben.“
„Damit kann ich wiederum leben.“
Auch Douglas' Condor war längst kein Einzelstück mehr.
Über Nathan, Galateas Fahrzeugmarkt und mehrere Bewerber mit eigenen Maschinen hatte sich in kurzer Zeit eine vollständige Panzerkompanie gebildet. Zwölf Gefechtsfahrzeuge standen inzwischen in zwei Hallenbereichen und auf einem zusätzlichen Stellplatz. Einige Besatzungen brachten ihre Fahrzeuge selbst mit, andere Maschinen hatten die Red Reapers gekauft oder langfristig geleast.
Douglas verbrachte inzwischen ebenso viel Zeit mit Fahrplänen, Wartungsständen und Besatzungslisten wie mit der Buchhaltung.
Vivian überließ ihm den Bereich gern.
Bei den Aerospace-Piloten übernahm Helena fast die gesamte fachliche Vorauswahl.
Louisa Pietts war vierunddreißig, sprach leise und besaß mehrere hundert dokumentierte Flugstunden. Ihre letzte Einheit hatte sie verlassen, nachdem der Kommandeur die Wartungszeiten der Maschinen gekürzt hatte.
„Und du bist trotzdem gestartet?“, fragte Helena.
„Zweimal.“
„Warum?“
„Beim ersten wusste ich nichts davon. Beim zweiten mussten wir Leute rausholen.“
„Beim dritten?“
Louisa sah sie an.
„Hätte ich mir den Befehl schriftlich geben lassen und den Jäger stehen gelassen.“
Helena nickte.
„Gut.“
Ecki Stoner war fünfundzwanzig und schaffte es, innerhalb der ersten drei Minuten seinen bevorzugten Jägertyp, zwei verhasste Ausbilder und die Geschichte seiner letzten Beziehung unterzubringen.
Helena hob irgendwann eine Hand.
„Ecki.“
Er verstummte.
„Atmen.“
Er holte Luft.
„Danke.“
„Fliegen kannst du?“
„Ja.“
„Dann zeig es mir.“
Sie schickte ihn in den Simulator.
Eine Stunde später legte Helena die Auswertung auf Vivians Tisch.
„Den nehmen wir.“
„So eindeutig?“
„Roh. Zu schnell. Überschätzt seine erste Lösung. Aber er sieht den Raum. Den Rest kann man ausbilden.“
Mit Helena, Louisa und Ecki hatten die Red Reapers drei Aerospace-Piloten.
Nathan hatte Helena inzwischen tatsächlich eine Maschine organisiert.
Für Louisa und Ecki fehlten langfristig noch passende Jäger.
Der interstellare Transport war zumindest teilweise gelöst.
Rhea Calder hatte Vivian einen priorisierten Vertrag mit der Far Meridian zugesagt. Das Springschiff konnte den Reapers zuverlässige Sprungkapazität geben, sobald sie mit einem Landungsschiff am Sprungpunkt ankamen.
Genau dort lag das Problem.
Auf der Übersicht in Vivians Büro stand deshalb seit Tagen eine rote Zeile.
LANDUNGSSCHIFF
__________________ Wer aufhört besser zu werden, hat aufgehört gut zu sein!
"Ich treffe alles, was ich sehe!"
Starcolonel Kurt Sehhilfe, Clan SeeBug
Dieser Beitrag wurde 1 mal editiert, zum letzten Mal von Andai Pryde: 12.10.2026 22:38.
|
|
12.10.2026 12:00 |
|
|
Andai Pryde
Colonel

Dabei seit: 01.05.2003
Beiträge: 4.933
Herkunft: Berlin
Themenstarter
 |
|
Galaport, Galatea
29. Oktober 3067
„Conquistador.“
Jonas sagte es mit derselben Ruhe, mit der er normalerweise einen brauchbaren Feuerwinkel vorschlug.
Vivian sah von den Angeboten auf dem Tisch zu ihm.
„Träum weiter.“
Jonas lehnte sich zurück.
„Du hast gefragt, was ideal wäre.“
„Ein Conquistador wäre ideal. Die AFFS hat nur leider keine Gewohnheit entwickelt, ihre modernsten Landungsschiffe an frisch gegründete Söldnereinheiten zu verschenken.“
„Man darf ja wohl hoffen.“
Vivian nahm ihren Tee.
„Ich habe lange genug mit diesen Schiffen gearbeitet, um ihre Vorteile zu kennen. Genau deshalb werden sie teuer und selten sein. Wir sehen uns besser nach einer Union oder einem Overlord um.“
Gavin zog eines der Angebote näher.
„Das hier?“
Douglas schob Vivian sein Datenpad zu.
„Das Overlord-Angebot ist nach siebzehn Monaten teurer als ein mittelgroßer Kaufkredit.“
Vivian betrachtete die Zahl.
„Autsch.“
Helena sah ebenfalls darauf.
„Das ist ja purer Diebstahl.“
Douglas schob die Brille höher.
„Organisierter Raub unter Verwendung korrekter Vertragsklauseln.“
Nathan saß seit einigen Minuten auffallend still.
Vivian bemerkte es.
„Was?“
Er sah auf.
„Es ist nichts.“
„Nathan.“
„Ich denke nur nach.“
Douglas hob den Blick.
„Das erklärt eindeutig die Geräusche und Wärme hier im Raum.“
Nathan ignorierte ihn.
„Ich kenne da jemanden.“
Vivian stellte den Teebecher ab.
„Bei dir beginnt damit regelmäßig zusätzliche Arbeit für Douglas und mich.“
„Diesmal könnte sie angenehm werden.“
„Wer?“
„Nia Gustavs.“
Der Name sagte Vivian nichts.
„Pilotin?“
„Kapitänin.“
„Landungsschiff?“
„Ja.“
Douglas hatte bereits ein neues Fenster auf seinem Pad geöffnet.
Vivian blieb bei Nathan.
„Welche Klasse?“
Sein Lächeln kam zurück.
„Das sollte sie dir selbst sagen.“
„Nathan.“
„Groß. Militärische Herkunft. Vor kurzem aus bisheriger Verwendung heraus.“
Douglas hob den Kopf.
„Was bedeutet heraus?“
„Das gehört zu ihrer Geschichte.“
Vivian bemerkte, dass Nathan diesmal auf einen Witz verzichtete.
„Was will sie?“
„Keinen normalen Chartervertrag.“
„Was dann?“
„Eine Einheit.“
Gavin legte beide Hände auf den Tisch.
„Mit dem Schiff?“
„Mit Schiff, Crew und Leuten.“
Vivian kannte Nathans Verhältnis zu dem Wort Leute inzwischen.
„Wie viele?“
Er kratzte sich am Bart.
„Sechs Mechkrieger. Vier Aerospace-Piloten. Ein kleiner Infanteriekern.“
Im Raum wurde es stiller.
Jonas setzte sich gerader.
„Das ist fast eine eigene Einheit“, sagte Vivian.
„Deshalb wird es interessant.“
„Warum bildet sie keine?“
Nathan lehnte sich zurück.
„Geld.“
„Wie wenig?“
Er nannte die Zahl.
Douglas nahm langsam die Brille ab.
„Das reicht kaum für einen regulären Wartungsmonat.“
„Ich wusste, dass du die Zahl mögen würdest.“
„Sie ist katastrophal.“
„Für manche ist es eben ein Startkapital.“
Vivian hob eine Hand.
„Was weißt du über das Schiff?“
„Es fliegt. Es gehört ihr, soweit die Eigentumsunterlagen das hergeben. Es braucht Reparaturen. Und bevor du fragst: Ich habe überprüft, was ich ohne ihre Freigabe prüfen konnte.“
Douglas sah ihn an.
„Du hast Eigentumsunterlagen geprüft.“
„Ja.“
„Freiwillig.“
„Ich bin sehr vielseitig.“
Vivian beugte sich etwas vor.
„Welche Klasse?“
Nathan lächelte.
„Morgen um zehn.“
Jonas sah ihn an.
„Wenn du uns morgen einen Leopard zeigst, erschlage ich dich.“
Nathan wandte sich zu ihm.
„Es ist KEIN Leopard und DU wolltest vorhin einen Conquistado.“
Jonas' Gesicht blieb ruhig.
„Das war ein Traum.“
„Vielleicht kann ich ja Träume erfüllen.“
Vivian sah von Jonas zu Nathan.
Nathan grinste.
„Morgen.“
Vivian griff nach dem Stift.
Er hob beide Hände.
„Ich habe um acht noch einen Termin.“
„Fußmassage?“
„Professionelle Regeneration. Mein Stoffwechsel verlangt außerdem spätestens gegen halb zehn eine angemessene Zufuhr—“
„Nathan.“
„Schon gut.“
Vivian warf den Stift.
Er fing ihn.
„Danke.“
„Raus.“
Nathan ging zur Tür.
Douglas rief ihm nach:
„Ich will die Finanzunterlagen heute Abend.“
Nathan drehte sich noch einmal um.
„Bekommst du.“
„Vollständig.“
„Ja, Douglas.“
Er ging.
Helena sah zu Vivian.
„Was glaubst du?“
Vivian nahm ihren Tee.
„Dass ich Nathan morgen entweder einen Bonus bezahle oder erwürge. Und gerade weiß ich nicht, was mir davon lieber wäre.“
Galaport, Galatea
30. Oktober 3067
Nia Gustavs kam fünf Minuten vor zehn.
Vivian bemerkte es, weil Douglas seit neun Uhr vierzig im Büro saß und auf die Uhr sah.
Nia war vielleicht Anfang vierzig, ungefähr einen Meter dreiundsiebzig groß und schlank. Ihre Haltung wirkte aufrecht, ohne militärisch steif zu sein. Dunkelblondes Haar war im Nacken zusammengebunden, die graublauen Augen aufmerksam und ruhig. Feine Linien an den Mundwinkeln ließen vermuten, dass sie häufiger lächelte, als sie es in diesem Moment tat.
Sie trug eine dunkle Flugjacke.
Auf der linken Brust zeichnete sich ein etwas helleres Rechteck im Stoff ab, wo früher ein Patch gesessen hatte.
Nathan führte sie ins Büro.
„Nia Gustavs. Vivian McFairley.“
Nia hielt Vivian die Hand hin.
„Colonel McFairley.“
Vivian nahm sie.
„Vivian reicht.“
„Dann Nia.“
Der Griff war fest.
Douglas saß bereits am Seitentisch.
Nia bemerkte ihn.
„Douglas Goldsteen.“
„Mit zwei e.“
„Nathan hat mich gewarnt.“
Douglas sah zu Nathan.
„Gut.“
Vivian deutete auf den freien Stuhl.
„Setz dich.“
Nia nahm Platz und legte ein Datenpad auf den Tisch.
„Nathan hat mir gesagt, ihr sucht ein Landungsschiff.“
„Und mir hat er gesagt, du suchst eine Einheit.“
„Dann hat er ausnahmsweise beide Seiten korrekt informiert.“
Nathan setzte sich ebenfalls.
„Das ist verletzend.“
Vivian ignorierte ihn.
„Fangen wir beim Schiff an.“
Nia schob ihr das Pad zu.
Vivian öffnete die Datei.
Registrierung.
Rumpfnummer.
Baujahr.
Tonnage.
Wartungsstatus.
Bewaffnung.
Dann die Klasse.
Sie las die Zeile.
Sah zu Nathan.
Er lächelte vorsichtig.
Vivian sah wieder auf den Bildschirm.
CONQUISTADOR
„Du verarschst mich.“
Nathan legte eine Hand auf die Brust.
„Nie bei Landungsschiffen.“
Nia zog leicht einen Mundwinkel hoch.
Vivian scrollte weiter.
„Kiellegung 3064.“
„Ja.“
„Woher?“
Nia sah sie an.
„Galax, dann militärische Einsatzbindung während des Bürgerkriegs.“
„Das dachte ich mir.“
Vivian kannte die Klasse gut genug, um die aufgelisteten Kapazitäten kaum beachten zu müssen. Mechs, Aerospace Fighter, Panzer, Infanterie und ein vollwertiger Stab ließen sich in einem einzigen Rumpf verlegen. Genau deshalb war die Conquistador für einen gemischten Verband so wertvoll.
„Wie ist der Zustand?“
Nia zog ihren Stuhl näher heran.
„Flugfähig. Reaktor und Haupttriebwerke sind innerhalb der Grenzwerte. Die größten Schäden liegen in der Aerospace-Sektion und bei einzelnen Waffensystemen.“
Douglas hatte sich ebenfalls vorgebeugt.
„Munition?“
„Knapp. Vor allem die Rotary Autocannons haben während der letzten Gefechte den größten Teil ihrer Magazine verbraucht. Gaussmunition ist ebenfalls unter Reserve, zwei AMS-Gruppen stehen fast leer.“
Douglas tippte etwas.
Vivian sah weiter.
„Feuerleitung Heck?“
„Ein Rechnerblock muss ersetzt werden. Wir haben eine provisorische Lösung, die für Selbstverteidigung reicht. Im Gefecht möchte ich sie nicht.“
Nia sprach weiter.
Panzerungsreparaturen.
Reaktorlaufzeit.
Drucksysteme.
Triebwerkswartung.
Mehrere kleinere Schäden.
Sie beschönigte keinen davon.
Als Vivian nach einer Reparatur fragte, deren Kostenschätzung fehlte, sagte Nia:
„Weiß ich nicht. Ich habe zwei Angebote. Eines ist zu billig, um mir zu gefallen, das andere zu teuer.“
Douglas hob kurz den Blick.
Vivian kannte ihn inzwischen gut genug, um das als Zustimmung zu lesen.
„Crew?“
„Für sicheren Flugbetrieb ausreichend. Für längere Kampfeinsätze brauche ich zusätzliche Techs, Deckcrew und ein paar Schützen.“
„Warum?“
Nia sah auf ihre Hände.
„Verluste.“
Vivian wartete.
„Das zeigen ich später am Schiff“, sagte Nia.
„In Ordnung.“
Vivian scrollte weiter.
„Sechs Mechkrieger.“
„Ja.“
„Vier Aerospace-Piloten.“
„Ja.“
„Und Infanterie?“
„Zweiundzwanzig.“
„Warum bringt die Kapitänin eines Landungsschiffes eine eigene Kampfgruppe mit?“
Die erste wirkliche Pause entstand.
Nia legte die Hände ineinander.
„Wir waren militärisch eingesetzt.“
„Wo?“
„Mehrere Systeme.“
Vivian ließ ihr keinen einfachen Ausweg.
„Zuletzt.“
Nia blickte für einen Moment zu Nathan.
Er half ihr nicht.
Dann kehrte ihr Blick zu Vivian zurück.
„New Avalon.“
Vivians Hände blieben auf dem Tisch.
„Formation?“
„Fünfte Donegal Guards.“
Douglas hob den Kopf.
Nathan sah auf seine Hände.
Vivian kannte die Fünfte Donegal Guards.
Jeder Offizier der Sechsten Crucis Lancers, der New Avalon erlebt hatte, kannte sie.
„Transportkomponente?“
„Ja.“
„Dein Rang?“
„Commander.“
„Lyran Alliance Armed Forces.”
„Ja.”
„Loyalistisch.“
Nias Kiefer spannte sich leicht.
„Ja.“
Diesmal kam die Antwort ohne Umweg.
Vivian lehnte sich etwas zurück.
„Warum Galatea?“
„Weil meine militärische Laufbahn vorbei ist.“
„Wie kam es dazu?“
Nia sah auf das Datenpad zwischen ihnen.
„Nach dem Ende des Bürgerkriegs wurde der Rest unserer Formation für Untersuchungen zurückgehalten.“
„Welche Untersuchungen?“
Nia atmete langsam ein.
„Kriegsverbrechen.“
Nathan hob den Kopf.
Vivian ließ die Antwort stehen.
„Gegen wen richten sich die Vorwürfe?“
„Gegen verschiedene Teile der Fünften und einzelne Offiziere. Behandlung von Gefangenen, Gewalt und Missbrauchen von Zivilisten, einige Befehle während der Besatzungs- und Rückzugsphase.“
„Deine Leute?“
„Nach allem, was ich gesehen und geprüft habe, hat niemand aus meiner Gruppe solche Handlungen begangen.“
„Hast du Zugriff auf alle Einsatzberichte?“
„Auf unsere eigenen. Bei einigen Vorgängen fehlt mir Material.“
„Also kannst du es nicht vollständig ausschließen.“
Nia hielt ihren Blick.
„Ich kann dir versprechen, dass ich nichts davon gesehen habe. Mehr wäre im Moment eine Behauptung.“
Vivian nickte leicht.
„Was geschah nach dem Untersuchungsbefehl?“
„Wir sollten das Schiff stilllegen. Teile der Besatzung und der angeschlossenen Truppen sollten auf New Avalon bleiben, bis die Verfahren geklärt waren.“
„Und du?“
Nia schwieg einige Sekunden.
„Ich bin gestartet.“
„Ohne Freigabe.“
„Ja.“
„Mit deinen Leuten.“
„Ja.“
„Dann seid ihr desertiert.“
Nia sah ihr direkt in die Augen.
„Ja.“
Keine Rechtfertigung folgte.
Douglas bewegte einen Finger über sein Datenpad.
Vivian fragte weiter.
„Und das Schiff?“
„Privatbesitz über eine Gesellschaft, die meiner Familie gehört. Während des Krieges militärisch gebunden. Die Einsatzbindung und einzelne Kreditbedingungen sind nach meinem Ausscheiden rechtlich strittig.“
Douglas hob eine Hand.
„Ich habe die erste Eigentumskette geprüft. Es gibt keine eindeutige staatliche Eigentumsposition, aber mehrere Klauseln, über die sich Juristen lange freuen können.“
„Ansprüche?“, fragte Vivian.
Nia nickte.
„Zwei lyranische Stellen haben Vorbehalte angemeldet. Keine vollstreckbare Verfügung.“
Vivian sah zu Douglas.
„Risiko?“
„Vorhanden.“
„Wie groß?“
„Nach einem Vormittag noch nicht seriös bezifferbar.“
„Verstehe.“
Sie wandte sich wieder Nia zu.
„Warum verkaufst du das Schiff nicht?“
Nias Gesicht veränderte sich.
„Weil ich sie nicht verkaufen will.“
„Du könntest damit sämtliche offenen Kosten decken.“
„Ja.“
„Und wahrscheinlich den Rest deines Lebens komfortabel leben.“
„Vermutlich.“
Vivian wartete.
Nia strich mit dem Daumen über die Kante des Datenpads.
„Das Schiff zieht Interessenten an. Viele. Manche wollen nur die Hülle. Manche würden die Crew behalten und die Kampfgruppe verteilen. Andere würden die Piloten nehmen und erwarten, dass ich die Conquistador als Sicherheit überschreibe.“
„Und du willst alles zusammenhalten.“
„Ja.“
„Warum gerade wir?“
Diesmal kam die Antwort schneller.
„Weil ich mich über dich informiert habe.“
Vivian hob eine Braue.
Nathan grinste.
„Überraschung.“
„Sei still.“
Nia sah Vivian an.
„Sechste Crucis Lancers. Davor Dritte Davion Guards. Operation Bulldog. Luzerne. New Avalon. Ich habe mit Leuten gesprochen, die unter dir gedient haben, und mit anderen, die mit dir zusammengearbeitet haben. Du kümmerst dich um deine Leute. Sie bedeuten dir etwas und sind nicht nur Zahlen für dich.“
„Mit wem hast du gesprochen?“
„Das erzähle ich dir später.“
Vivian sah zu Nathan.
„Du?“
„Teilweise.“
Nia fuhr fort.
„Du triffst deine Entscheidungen meistens nach dem, was tatsächlich vor dir liegt. Du hörst dir Fachleute an und lässt dir auch von einem Untergebenen sagen, wenn ein Plan technisch nicht funktioniert. Genau das suche ich.“
„Du hast dich gründlich vorbereitet.“
„Ich bringe ein Landungsschiff mit, für das andere Leute sehr viel Geld bezahlen würden, und Menschen, für die ich Verantwortung trage. Ich wollte wissen, bei wem ich beides binde.“
Vivian lehnte sich zurück.
„Bindest.“
„Ja.“
„Das gefällt mir besser als abgibst.“
Nia lächelte leicht.
„Mir auch.“
„Ich suche jemanden, der das Schiff richtig einsetzt und meine Leute als Teil der Einheit behandelt“, sagte sie. „Ich brauche keinen Käufer.“
Vivian dachte an das Gespräch mit Owen auf Argyle und an den Grund, aus dem Gavin seine Leute auf Galatea zusammengehalten hatte. Er hatte verhindern wollen, dass ein eingespielter Kern nach dem Bürgerkrieg auf ein Dutzend Verbände verteilt wurde. Nia saß aus einem sehr ähnlichen Grund vor ihr, nur dass an ihrem Kern ein Landungsschiff hing, dessen Wert die meisten anderen Probleme beinahe lächerlich wirken ließ.
„Wie lange reichen deine Reserven?“
Nia nannte die Zahl.
Douglas nahm langsam die Brille ab.
„Das reicht kaum bis Ende November.“
„Wenn nichts Größeres kaputtgeht“, sagte Nia.
„Und wenn etwas kaputtgeht?“
„Dann brauchen wir sehr schnell eine andere Lösung.“
Nathan hob eine Hand.
„Ich kenne Leute.“
Douglas setzte die Brille wieder auf.
„Später.“
Vivian stand auf.
„Ich will das Schiff sehen.“
Nia erhob sich ebenfalls.
„Jetzt?“
„Jetzt.“
Nathan sah auf die Uhr.
„Ich hatte gehofft, vorher noch etwas zu essen.“
Vivian sah ihn an.
„Das überlebst du.“
Nathan legte eine Hand auf den Bauch.
„Mein Stoffwechsel ist ein sensibles System. Der braucht regelmäßige Versorgung, sonst sinkt meine Leistungsfähigkeit dramatisch und—“
„Nathan.“
Er stand auf.
„Ich hole die Jacke.“
Die Conquistador stand auf einem militärisch zugelassenen Außenfeld am nördlichen Ende Galaports.
Vivian sah sie bereits, bevor der Wagen die letzte Kontrollstelle erreichte.
Die Form war ihr vertraut genug, dass sie einzelne Konturen erkannte, lange bevor das Fahrzeug am Sicherheitsbereich anhielt.
Der aerodynamische Rumpf zog sich über das Vorfeld. Breite Tragflächen und massive seitliche Strukturen nahmen Waffenstände, interne Buchten und Versorgungssysteme auf. Der Bug lag hoch genug über dem Boden, dass mehrere Servicefahrzeuge darunter klein wirkten.
Nias Schiff trug noch deutlich die Feldfarben der Fünften Donegal Guards. Blau-graue Flächen zogen sich über den Rumpf, an mehreren Stellen unterbrochen von dunkleren Ersatzplatten und Reparaturfeldern. Die eigentlichen Einheitsabzeichen waren entfernt worden. Helle, weniger verwitterte Umrisse zeichneten sich dort ab, wo früher Wappen und Kennungen gesessen hatten.
Vivian blieb am Rand der Sicherheitszone stehen.
„Ein hübsches kleines Geheimnis.“
Nia stand neben ihr.
„Deshalb sollte Nathan die Klasse nicht nennen.“
„Du wolltest sehen, ob ich dich trotzdem treffe.“
„Auch.“
Vivian sah zu ihr.
Nia legte den Kopf leicht zurück und betrachtete das Schiff.
„Sobald jemand hört, dass eine Conquistador verfügbar ist, geht es oft nur noch um den Preis. Manche fragen, wie schnell sie die Besitzrechte bekommen. Einige interessieren sich erst danach dafür, ob eine Crew dazugehört.“
„Und du wolltest wissen, ob ich zuerst die Leute sehen will.“
„Ja. Ich habe genug Angebote, bei denen das Schiff der eigentliche Vertragspartner wäre.“
Sie wandte sich Vivian zu.
„Ich suche einen Verband, in dem meine Leute eine Zukunft haben. Und eine Kommandantin, die mit dem Schiff auch etwas anfangen kann.“
„Du setzt ziemlich viel auf meinen Ruf.“
„Ich setze auf das, was mir mehrere Leute unabhängig voneinander über dich erzählt haben.“
Vivian betrachtete sie.
„Das kann auch enttäuschen.“
„Kann es.“
„Und trotzdem bist du hier.“
„Ja.“
Vivian nickte.
„Dann sehen wir es uns an.“
Nia gab dem Sicherheitspersonal ihre Kennung.
Sie gingen an Bord.
Die Mechbucht war der erste Bereich, den Vivian betrat.
Vierundzwanzig Stellplätze boten mehr Raum, als ihre derzeitige Mechgruppe benötigte, selbst wenn sämtliche offenen Verträge zustande kamen.
Sechs Plätze waren belegt.
Nia hatte die Maschinen größtenteils mit Wartungsplanen abdecken lassen. Bei einigen ragten Beine und Schultern heraus, eine stand vollständig eingerüstet, an einer weiteren arbeiteten zwei Techs unter geöffneter Rückenpanzerung.
Vivian ließ den Blick über die Reihe wandern.
Unter einer der hinteren Planen stand etwas deutlich Größeres als die übrigen Maschinen. Die breite Schulterpartie ragte selbst unter der Abdeckung hervor, und ein Teil des rechten Beins war freigelegt worden, damit ein Tech an einer Wartungsklappe arbeiten konnte. Auf einem seitlich eingehängten Servicepanel liefen Clantech-Diagnosecodes.
Neunzig Tonnen, schätzte Vivian.
Vielleicht mehr, als sie aus dieser Perspektive sauber beurteilen konnte.
An der oberen Ecke des Wartungsplans stand nur ein kurzer Chassiseintrag.
BLOOD ASP
Vivian blieb einen Moment länger stehen.
Ein neunzig Tonnen schwerer Clan-OmniMech war eine bemerkenswerte Beigabe zu einer Gruppe, die angeblich kurz vor der Zahlungsunfähigkeit stand.
Sie fragte trotzdem nicht danach.
Dafür war später Zeit.
„Alle sechs gehören zu deinen Leuten?“
„Ja.“
„Einsatzfähig?“
„Vier vollständig. Zwei mit Einschränkungen.“
Nia erklärte die Schäden.
Vivian hörte zu, ohne näher an die abgedeckten Maschinen heranzutreten.
Die Bucht selbst war ordentlich. Werkzeuge lagen an den vorgesehenen Stellen, Wartungsgeräte standen gesichert, Kabel und Schläuche waren sauber aufgewickelt.
Der Mangel zeigte sich in den Regalen.
Viele Fächer waren leer.
Nathan blieb vor einer Reihe nahezu leerer Behälter stehen.
„Munition kann ich beschaffen.“
Douglas drehte den Kopf zu ihm.
„Ja, aber zu welchem Preis?“
„Zu einem guten.“
„Das ist keine Zahl.“
Nathan zuckte mit der Schulter.
„Ich habe auch noch mit keinem telefoniert.“
Douglas sah ihn noch einen Moment an und wandte sich dann wieder der Bestandsanzeige zu.
Sie gingen weiter.
Die Fahrzeugsektion bot genug Raum für die komplette Panzerkompanie, die Douglas in den vergangenen Wochen aufgebaut hatte, dazu Reserve für weitere Fahrzeuge. Mehrere Stellplätze standen leer, andere waren mit Fracht und Versorgungskisten belegt.
Dahinter lagen Unterkünfte.
Hier wirkte das Schiff weniger wie militärisches Gerät und stärker wie der Lebensraum einer Crew, die seit Jahren an Bord wohnte.
Persönliche Taschen lagen auf oberen Betten. Fotos klebten an Spinden. Eine kleine Stofffigur hing an einer Lampe. Neben einer Tür stand handschriftlich auf einem Schild:
NASSE STIEFEL BLEIBEN DRAUSSEN.
Darunter hatte jemand später ergänzt:
KATZEN HABEN AN BORD EINES LANDUNGSSCHIFFES NICHTS ZU SUCHEN.
Nathan blieb stehen.
„Es gibt eine Geschichte.“
Nia ging weiter.
„Ja.“
„Erzählst du sie?“
„Nein.“
„Schade.“
Vivian lächelte und folgte.
Die Aerospace-Sektion zeigte die schwersten Schäden.
Ein Startkatapult war teilweise demontiert. Zwei Führungsschienen waren tief aufgerissen, Metall an den Kanten nach außen gebogen. Schwarze Brandspuren zogen sich über Wand und Decke. Mehrere Paneele fehlten vollständig.
Vivian trat näher.
„Das war kein kleiner Treffer.“
Nia blieb neben ihr stehen.
„Schweres Autokanonenfeuer.“
„Wann?“
„Neunzehnter April. New Avalon.“
Vivian betrachtete die aufgerissenen Schienen.
„Während eines Starts?“
Nia nickte.
„Der Jäger war gerade aus dem Katapult. Die Salve traf den Bereich unmittelbar dahinter. Zwei Verankerungen rissen aus der Führung, Teile der Mechanik gingen quer über das Deck.“
Ihre Stimme blieb ruhig.
„Zwei Leute meiner Deckcrew waren sofort tot. Eine weitere ist später gestorben. Vier wurden verletzt. Zwei von ihnen sind noch bei uns, arbeiten aber nicht mehr auf dem Startdeck. Drei Piloten starben ebenfalls“
Vivian sah zu ihr.
„Deshalb fehlen dir Techs und Deckcrew.“
„Unter anderem.“
Douglas ging in die Hocke und sah unter eine geöffnete Abdeckung.
„Reparierbar.“
„Ja.“
„Mit passenden Teilen.“
„Ja.“
Nathan steckte die Hände in die Jackentaschen.
„Teilenummern?“
Douglas richtete sich auf.
„Ich gebe sie dir.“
Nathan nickte.
Sie gingen weiter.
Als die Tür zum Kommandozentrum aufglitt, verlangsamte Vivian den Schritt.
Die Anordnung war ihr aus früheren Einsätzen vertraut. Die einzelnen Konsolen unterschieden sich in Details von den Schiffen, auf denen sie selbst gedient hatte, doch Arbeitsplätze, Sichtlinien und der zentrale Projektionstisch folgten demselben Konzept.
Kommunikation, Gefechtsführung, Luftlage, Logistik und Schiffsoperationen lagen so, dass ein Stab gleichzeitig arbeiten konnte, ohne sich gegenseitig den Raum zu nehmen.
Vivian ging langsam hinein.
Hier hatte sie auf anderen Schiffen Karten verschoben, Statusmeldungen entgegengenommen und Bataillonslagen geführt.
Der Raum fühlte sich überraschend vertraut an.
Fast wie ein Teil ihrer alten Laufbahn, der nur darauf gewartet hatte, dass sie wieder einen Schritt hineinsetzte.
Gavin würde innerhalb eines Tages anfangen, Arbeitsplätze zu verteilen. Douglas würde sich die Logistikstation sichern, Jonas Karten und Lagebilder an jede freie Fläche bringen, und Nathan würde wahrscheinlich irgendeinen Schrank zu seinem persönlichen Ersatzteildepot erklären.
Vivian legte eine Hand auf den Rand des Projektionstisches.
„Der Raum allein ist gefährlich überzeugend.“
Nia lächelte.
„Ich hatte gehofft, dass du dich hier auskennst.“
„Tue ich.“
Douglas ging zu einer der Logistikstationen.
„Softwarestand?“
„Frühjahr. Ein paar Module brauchen Updates.“
„Das ist überschaubar.“
Nathan trat an die gegenüberliegende Seite des Projektionstisches.
„Die ganze Einheit passt in dieses Schiff.“
Vivian ließ den Blick über die Arbeitsplätze wandern. Der Rumpf konnte ihre Mechkräfte, die vollständige Panzerkompanie, alle Infanteriezüge, die Aerospace-Komponente und den Stab gemeinsam aufnehmen und bot danach noch Reserven für weiteres Personal und Material.
„Ja“, sagte sie.
Genau das machte die Conquistador so verführerisch.
Sie löste nicht nur ihr akutes Transportproblem. Das Schiff gab einer wachsenden Einheit erstmals einen gemeinsamen mobilen Stützpunkt.
Später saßen Vivian, Nia und Douglas in einem kleineren Besprechungsraum nahe der Schiffsverwaltung.
Nathan war draußen geblieben und telefonierte.
Vivian legte das Datenpad auf den Tisch.
„Wenn wir das machen, gelten Bedingungen.“
Nia faltete die Hände.
„Ich höre.“
„Ich bekomme vollständigen Zugang zu den Personalakten aller Menschen, die mit dir in die Einheit wollen. Dienstakten, Disziplinarverfahren, Einsatzberichte und relevante medizinische Einschränkungen. Bei den Mechkriegern zusätzlich Maschinenhistorien und Gefechtsprotokolle.“
„Einverstanden.“
„Die Schiffslogs der vergangenen zwölf Monate.“
Nia atmete aus.
„Da steckt viel militärische Kommunikation drin.“
„Markiere sensible Daten. Gavin und ich entscheiden, was wir für die Prüfung brauchen.“
Douglas ergänzte:
„Wir können Zugriffsrechte trennen. Für die rechtliche Prüfung brauche ich trotzdem die Metadaten und alle Protokolle, die Eigentums- oder Einsatzfragen betreffen.“
Nia nickte.
„Gut.“
Vivian fuhr fort.
„Finanzunterlagen vollständig.“
„Ja.“
„Eigentumskette des Schiffes und sämtliche militärischen Vereinbarungen dazu.“
Douglas sagte: „Die bekomme ich.“
Nia nickte erneut.
„Und ich will alles, was du zu den Kriegsverbrechensuntersuchungen hast.“
Nias Haltung wurde härter.
„Soweit ich darauf zugreifen kann.“
„Du lieferst mir eine Liste der Unterlagen, die dir fehlen.“
„Einige liegen bei AFFS-Behörden.“
„Dann will ich wissen, welche. Ich kenne noch genug Leute auf New Avalon und im Umfeld der Sechsten, um zumindest prüfen zu lassen, welche Akten freigegeben werden können und welche Aussagen sich bestätigen lassen.“
Nia hielt Vivians Blick.
„Du willst jeden einzeln prüfen.“
„Ja.“
„Das dauert.“
„Ich arbeite sehr schnell.“
„Was passiert bei einem Vorwurf?“
Vivian verschränkte die Hände.
„Ich prüfe ihn.“
„Und wenn belastbare Beweise vorliegen?“
„Ein Kriegsverbrechen schließt einen Vertrag mit den Red Reapers aus. Bei einem bestehenden Haftbefehl oder ausreichenden Beweisen klären wir die zuständige Stelle.“
Nias Kiefer spannte sich.
„Du würdest jemanden ausliefern.“
„Wenn der Fall das verlangt, ja.“
„Auch einen meiner Leute.“
„Gerade bei den eigenen Leuten brauche ich Klarheit.“
Ein tiefes Brummen lief durch die Wände des Schiffes.
Nia sah auf ihre Hände.
„Ich habe nichts gesehen, was einen meiner Leute zu einem Kriegsverbrecher macht.“
„Das ist schon mal gut.“
„Einige haben gegen deine Leute gekämpft.“
Vivian lehnte sich etwas zurück.
„Ihr wart auf der loyalistischen Seite. Wir waren Alliierte. Reguläre Gefechte gegen meine Einheit sind für mich ein anderer Sachverhalt als Kriegsverbrechen.“
Nia hob den Blick.
„Auch wenn Menschen gefallen sind, die du kanntest?“
Die Frage blieb zwischen ihnen.
Vivian erinnerte sich an lange Straßenzüge auf New Avalon.
An Rauch zwischen Häusern.
An Adriennes Stimme.
„Wenn ich jeden Soldaten ablehne, der im Bürgerkrieg auf einen Davion-Verband geschossen hat, brauche ich auf Galatea viele Gespräche weniger. Ich will wissen, was jemand getan hat und unter welchen Umständen.“
Nia nickte langsam.
„Gut.“
Vivian wechselte das Thema.
„Kommando.“
Nia richtete sich etwas auf.
„Das Schiff bleibt dein Eigentum. Bei Start, Landung, Navigation, Reaktor, Schiffssicherheit und technischen Grenzen hast du das letzte Wort.“
Die Spannung in Nias Schultern ließ etwas nach.
„Gut.“
„Kampftruppen unterstehen im Einsatz meinem Kommando beziehungsweise der von mir eingesetzten Führung.“
„Auch meine Mechkrieger.“
„Ja.“
„Piloten.“
„Ja.“
„Infanterie.“
„Ja.“
„Wenn du einen Befehl gibst, der das Schiff gefährdet?“
Vivian überlegte kurz.
„Du sagst mir klar, was die technische oder fliegerische Grenze ist. Bei einer taktischen Entscheidung trage ich die Verantwortung. Bei einer physikalischen Grenze des Schiffes höre ich auf die Frau, die es fliegt.“
Nia lächelte leicht.
„Damit kann ich leben.“
Douglas drehte sein Pad zu Vivian.
„Finanziell brauchen wir eine zusätzliche Vereinbarung.“
Vivian sah auf die Zahlen.
„Ich höre.“
„Nia hat kein Kapital für die notwendigen Reparaturen und die Wiederbewaffnung. Wenn wir das Schiff voll einsatzfähig wollen, müssen wir vorfinanzieren.“
Vivian kannte die Größenordnung inzwischen.
Sie sah zu Nia.
„Wenn wir dir das Geld als normalen Vorschuss geben, haben wir kaum Absicherung.“
Nia nickte.
„Ja.“
„Ein Kauf kommt für dich nicht infrage.“
„Nein.“
Vivian sah wieder zu Douglas.
„Kredit.“
„Das wäre meine Empfehlung.“
Nia blickte zwischen beiden hin und her.
Vivian fuhr fort.
„Die Red Reapers finanzieren die notwendigen Reparaturen, Ersatzteile, Munition und die erste technische Auffüllung als zweckgebundenen Kredit an deine Gesellschaft. Das Schiff bleibt deins. Die Rückzahlung läuft aus deinem Anteil an unseren Vertragseinnahmen und den Transportleistungen.“
Nia schwieg.
„Im Gegenzug bindest du die Conquistador für eine Mindestlaufzeit an die Red Reapers. Keine parallelen Charterverträge ohne Zustimmung. Deine Kampfgruppe geht in unsere Struktur. Wenn wir uns irgendwann sauber trennen, bleibt das Schiff bei dir und die Restschuld wird geregelt.“
Douglas ergänzte:
„Sicherheiten und Ausstiegsklauseln schreibe ich aus.“
Nia sah zu Vivian.
„Das ist für dich ein Risiko.“
„Ja.“
„Viel Geld.“
„Auch ja.“
„Warum?“
Vivian legte die Hände auf den Tisch.
„Weil eine einsatzfähige Conquistador deutlich mehr wert ist als der Kredit. Weil wir diese Transportkapazität brauchen und ich keine Einheit aufbauen will, die für jeden Einsatz drei verschiedene Schiffe zusammensuchen muss.“
Sie deutete mit einem Finger auf Nias Personalübersicht.
„Dazu kommen sechs Mechkrieger, vier Aerospace-Piloten, Infanterie und eine Crew, die mehrere Jahre Bürgerkrieg hinter sich hat. Wenn die Akten halten, was du mir heute erzählt hast, bekomme ich Leute, die ihre Maschinen kennen, unter Feuer funktioniert haben und wissen, wie man in einem militärischen Verband arbeitet.“
Nia hörte zu.
Vivian fuhr fort.
„Der Kredit kauft mir ihre Loyalität nicht. Das soll er auch nicht. Er zeigt euch, dass ich bereit bin, dieselbe Einheit zu erhalten, die du zusammenhalten willst.“
Nia schwieg noch immer.
Vivian kannte den Wert solcher Entscheidungen. Ein Landungsschiffskapitän war kein Fuhrunternehmer, den man nach Bedarf austauschte. Wer die eigene Einheit aus einer heißen Landezone holte, durch Flakfeuer ging oder im richtigen Augenblick entschied, dass noch ein weiterer Anflug möglich war, musste seinem Kommandeur vertrauen.
Der Respekt einer solchen Frau ließ sich nicht kaufen.
Man konnte ihn sich nur verdienen.
„Du bekommst damit eine Chance, dein Schiff wieder voll einsatzfähig zu machen“, sagte Vivian. „Ich bekomme eine erfahrene Gruppe und eine Kapitänin, die hoffentlich irgendwann überzeugt ist, dass es sich lohnt, für diese Einheit noch einen Anflug zu machen.“
Nias Mundwinkel hoben sich schwach.
„Das ist eine interessante Art, einen Kreditvertrag zu beschreiben.“
„Douglas übernimmt die langweilige Version.“
„Vierundzwanzig Seiten“, sagte Douglas.
Vivian sah zu ihm.
„Natürlich.“
Nia atmete langsam aus.
„Und wenn dir nach der Prüfung jemand nicht gefällt?“
„Dann kommt diese Person nicht in die Einheit.“
„Wenn es einer meiner Piloten ist?“
„Dann reden wir darüber.“
Nia schwieg lange genug, dass Douglas sein Pad nicht weiterbewegte.
Schließlich nickte sie.
„Gut.“
Vivian legte die Hand auf den Tisch.
„Noch etwas.“
„Was?“
„Wenn ich herausfinde, dass du mich bewusst angelogen hast, endet die Vereinbarung.“
„Auch wenn du dann ohne Landungsschiff dastehst?“
„Ja.“
Nia hielt ihren Blick.
Dann streckte sie die Hand aus.
„Vorbehaltlich der Prüfung.“
Vivian nahm sie.
„Vorbehaltlich der Prüfung.“
Der Handschlag war fest.
Douglas schloss seine Finanzdatei.
„Ich schicke dir heute Nachmittag die Kreditstruktur.“
Nia sah zu ihm.
„Wie lang?“
„Die Kurzfassung?“
„Ja.“
„Zwölf Seiten.“
Nia blinzelte.
Douglas blieb ernst.
Vivian musste lächeln.
An der Tür blieb Nia noch einmal stehen.
„Vivian.“
„Ja?“
„Danke, dass du zuerst nach den Leuten gefragt hast.“
Vivian sah durch das kleine Fenster des Besprechungsraums hinaus in den Gang.
„Die Conquistador brauche ich. Darüber müssen wir nicht reden.“
Nia wartete.
„Aber eine Einheit steht und fällt mit den Menschen, die darin dienen. Wenn die nicht zusammenpassen, nützt mir auch das beste Landungsschiff nichts.“
Nia lächelte.
„Dann schicke ich dir heute Abend alle Akten.“
„Alle.“
„Alle.“
***
Galaport, Galatea
31. Oktober 3067
23:47 Uhr
Im Büro brannte nur die Schreibtischlampe.
Die Halle dahinter war noch nicht vollständig ruhig. In unregelmäßigen Abständen lief ein Werkzeug an, irgendwo schlug Metall gegen Metall, und einmal rollte ein Werkstattwagen über den Betonboden. Durch die geschlossene Tür kamen die Geräusche gedämpft herein.
Auf Vivians Schreibtisch stand eine Kanne starker schwarzer Tee.
Daneben lagen Nia Gustavs' Dateien.
Die Übertragung hatte am frühen Abend begonnen.
Schiffslogs, Eigentumsunterlagen, Crewlisten, Finanzen, Personalakten und Gefechtsberichte füllten inzwischen mehrere verschlüsselte Verzeichnisse.
Douglas hatte sich die wirtschaftlichen und rechtlichen Unterlagen genommen. Gavin prüfte die Infanteristen. Helena würde sich am nächsten Morgen durch die vier Aerospace-Piloten arbeiten.
Vivian hatte die sechs Mechkrieger behalten.
Die ersten drei Akten enthielten nichts, was ihre Aufmerksamkeit länger festhielt als üblich. Erfahrung, frühere Verwendungen, Verwundungen, Beurteilungen, Disziplinareinträge.
Bei einem Piloten markierte sie eine Lücke zwischen zwei Versetzungen.
Bei einer anderen Akte musste die medizinische Freigabe erneuert werden.
Ein dritter brachte einen bemerkenswert kurzen Vermerk über den Erwerb eines Clan-OmniMechs mit, dessen Details Vivian für den nächsten Morgen markierte. Der Blood Asp aus Nias Hangar bekam damit zumindest einen Namen auf ihrer Liste.
Dann öffnete sie die nächste Datei.
ARIELLE RADTKE
Captain.
Ehemals Fünfte Donegal Guards.
Callsign: Bacchus.
Vivian las weiter.
Erfahren.
Belastbar.
Führungsgeeignet.
Operation Bullldog und mehrere Einsatzorte des Bürgerkriegs liefen über den Bildschirm.
Dann New Avalon.
Vivian zog die Einsatzhistorie auf die rechte Seite.
Aktuell zugewiesener BattleMech:
CAESAR CES-4R
Ihre Hand blieb auf dem Datenpad liegen.
Das passte nicht zu dem Eintrag, den ihr eigener Gefechtsrechner im April erzeugt hatte.
Damals hatte das System einen CES-3R identifiziert.
Vivian öffnete die Maschinenhistorie.
Mehrere Reparaturpositionen aus den letzten Monaten waren vermerkt. Der vollständige technische Bericht lag in einem separaten Anhang, den sie für später markierte.
Noch wusste sie nicht, ob ihr Rechner auf New Avalon falsch klassifiziert hatte, ob Radtkes Maschine nach dem Gefecht umgebaut worden war oder ob sie es mit einem anderen Caesar zu tun hatte.
Dann sah sie das Datum.
April 3067.
Avalon City.
Nordwestlicher Verwaltungssektor.
Ein weiterer Datensatz enthielt Uhrzeiten und Bewegungsräume.
Das Büro um sie herum blieb unverändert. Durch die Wand lief wieder das hohe Summen eines Werkzeugs.
Trotzdem lag der Straßenzug von New Avalon plötzlich wieder vor ihr. Ausgebrannte Fahrzeuge am Fahrbahnrand. Die langen Linien zwischen den Verwaltungsgebäuden. Ein schwerer Caesar, der seine Stellung tief im Straßenzug hielt und mit seinem Gaussgeschütz jeden Fehler in Ledgers Bewegung bestrafte.
Vivian nahm die Hand vom Datenpad.
Sie öffnete die nächste Akte.
HENKA VIGOUROUX
Sergeant.
Ehemals Fünfte Donegal Guards.
Callsign: Flashfire.
Einige Zeilen weiter stand die Maschine.
UZIEL UZL-2S
Vivian scrollte.
April 3067.
Avalon City.
Derselbe Einsatzraum.
Jetzt bekam die Erinnerung eine zweite Kontur.
Der Uziel am Parkhaus, dessen PPC-Feuer ihren Night Gyr zu Beginn des Gefechts zwischen die Gebäude gedrückt hatte. Die Maschine war später wieder zwischen den Straßen aufgetaucht, während der Caesar weiter östlich seine Schussfelder hielt.
Ledger hatte ihn gebunden.
Vivian hatte versucht, in seine Flanke zu kommen.
Adriennes Dragon Fire war aus der Deckung gegangen.
Danach der Gauss-Treffer.
Vivian lehnte sich zurück.
Der Tee neben ihr dampfte kaum noch.
Sie nahm den Becher trotzdem und hielt ihn zwischen beiden Händen.
Auf dem zweiten Bildschirm lag die aktuelle Übersicht der Red Reapers.
Achtzehn Mechkrieger.
Drei Aerospace-Piloten.
Vier Infanteriezüge.
Eine vollständige Panzerkompanie mit zwölf Gefechtsfahrzeugen.
Techniker, Sanitäter und Verwaltung.
Rheas zugesagte Sprungkapazität.
Morgen, wenn die MRBC den vorläufigen Eintrag aktiv setzte, würden McFairley's Red Reapers offiziell existieren.
Nias Gruppe würde sechs weitere Mechkrieger mit eigenen Maschinen bringen.
Vier Piloten.
Zusätzliche Infanterie.
Und eine Conquistador, die den gesamten Verband aufnehmen konnte und noch Platz für Wachstum ließ.
Vivian stellte den Becher ab.
Sie öffnete Arielle Radtkes Personalakte erneut.
Unter die vorläufige Einstufung setzte sie:
PERSÖNLICHES GESPRÄCH ERFORDERLICH.EINSATZFREIGABE AUSSTEHEND.
Bei Henka Vigouroux trug sie dasselbe ein.
Dann zog sie Radtkes Gefechtsprotokolle auf den zweiten Bildschirm.
Ihr Finger ruhte einen Moment über der ersten Datei.
Auf New Avalon hatte eine Caesar-Pilotin ihre Freundin getötet.
In wenigen Stunden sollte Vivian entscheiden, ob genau diese Frau unter ihrem Kommando dienen konnte.
Sie öffnete das Protokoll und begann zu lesen.
__________________ Wer aufhört besser zu werden, hat aufgehört gut zu sein!
"Ich treffe alles, was ich sehe!"
Starcolonel Kurt Sehhilfe, Clan SeeBug
Dieser Beitrag wurde 2 mal editiert, zum letzten Mal von Andai Pryde: 12.10.2026 22:37.
|
|
12.10.2026 22:36 |
|
|
Andai Pryde
Colonel

Dabei seit: 01.05.2003
Beiträge: 4.933
Herkunft: Berlin
Themenstarter
 |
|
Kapitel 4
Galaport, Galatea
01. November 3067
Als Vivian das Fenster ihres Büros öffnete, drang der Geruch von feuchtem Beton und laufenden Triebwerken herein. Auf der anderen Seite des Hofes rangierte ein Zugfahrzeug einen leeren Mechtransporter zwischen zwei Hallen. Sein Fahrer hatte die Kurve zu eng genommen und musste zurücksetzen. Das Warnsignal begleitete ihn durch drei Versuche, während Vivian den kalten Rest Tee aus ihrem Becher in den Ausguss schüttete.
Sie hatte knapp drei Stunden geschlafen.
Die beiden Gefechtsprotokolle lagen noch auf dem Schreibtisch. In der Nacht hatte sie Zeitmarken verglichen, Straßenverläufe übereinandergelegt und versucht, sich an Einzelheiten zu erinnern, die damals zwischen Funksprüchen, Waffenfeuer und wechselnden Anzeigen verschwunden waren. Mehrere Bewegungen passten zusammen. An anderen Stellen fehlten Sekunden, weil eine Kamera überstrahlt worden war oder ein beschädigter Sensor nur noch unbrauchbare Werte geliefert hatte.
Adriennes letzter Funkspruch war in ihrer eigenen Aufzeichnung vollständig erhalten.
Vivian hatte ihn einmal abgespielt. Danach hatte sie den Ton ausgeschaltet.
Gavin klopfte mit zwei Fingern gegen den offenen Türrahmen. Er hielt ein eingewickeltes Brot und einen Becher in der Hand, betrachtete die Akten und legte beides auf den freien Rand des Schreibtisches.
„Douglas sagt, wir existieren nun offiziell als Söldnereinheit.“
„Ja, seit Mitternacht.“
„Er hat es trotzdem noch einmal geprüft.“ Gavin zog einen Stuhl heran. „Nathan hat Sicherungsgurte gegen zwei alte Kühlpumpen eingetauscht. Douglas wartet noch auf die Belege. In seiner Liste stehen die Pumpen weiterhin im Lager.“
Vivian löste das Papier um das Brot. Sie hatte am Vorabend irgendwann gegessen, konnte sich aber weder an den Zeitpunkt noch an den Geschmack erinnern. „Radtke kommt um neun.“
„Ich weiß.“
Sie sah auf. Gavin hatte seine Patronenhülse zwischen den Fingern. Er drehte sie langsam, ohne auf die Dateien zu sehen.
„Du hast die Einsatzberichte gelesen?“
„Was du mir jedenfalls geschickt hast.“
„Dann weißt du, warum ich die beiden selbst sehen will.“
Gavin stellte die Hülse aufrecht neben seinen Becher. „Willst du mich dabeihaben?“
Vivian brach ein Stück vom Brot ab. Draußen verstummte das Warnsignal endlich. „Bei der Personalprüfung, ja. Den Anfang mache ich allein.“
Er nahm den Stuhl wieder mit zur Wand. „Ich sitze nebenan. Und du isst das auf, bevor sie kommt.“
„Du hast früher höflicher mit mir gesprochen.“
„Du hast früher gelegentlich geschlafen.“
Er ging, und Vivian aß.
Um kurz vor neun wurde Arielle Radtke vom Kontrollpunkt angekündigt. Vivian schloss die Gefechtsdateien und ließ nur die Personalakte offen. Die Frau, die wenige Minuten später eintrat, war ungefähr in ihrem Alter, vielleicht etwas jünger. Aschbraunes Haar war knapp oberhalb der Schultern geschnitten und hinter die Ohren gestrichen. Eine helle Narbe zog sich vom rechten Kieferwinkel bis unter den Kragen ihrer dunklen Jacke. Das breite Gesicht hatte schwere Lider und einen Mund, der auch im Ruhezustand aussah, als würde sie gerade eine Formulierung prüfen.
„Colonel McFairley.“
Vivian erwiderte den Gruß und deutete auf den Stuhl. Radtke setzte sich, stellte eine schmale Dokumententasche neben ihr rechtes Bein und wartete. Kein vorbereiteter Vortrag, keine Bemerkung über das Büro. Ihre Hände lagen locker auf den Oberschenkeln.
„Nia hat dir gesagt, dass ich mit jedem ihrer Leute spreche?“
„Ja. Sie sagte auch, dass Sie bei mir den Anfang machen wollen.“
„Deine Dienstakte ist ausführlich. Bei einigen Gefechten fehlen allerdings die vollständigen Unterlagen der höheren Führung.“
„Ich habe mitgebracht, was ich noch habe.“ Radtke öffnete die Tasche. „Ein Teil sind persönliche Kopien. Nach dem Rückzug waren unsere Zugänge eingeschränkt.“
Vivian nahm das Speichermodul, legte es aber zunächst neben das Pad.
„Avalon City. Nordwestlicher Verwaltungssektor. Zwanzigster April.“
Zum ersten Mal veränderte sich Radtkes Haltung. Sie zog die Hände etwas zurück, blieb ansonsten ruhig. „Welcher Abschnitt?“
Vivian öffnete die Karte und drehte den Bildschirm. „Das Parkhaus hier. Westlich davon die Passage. Du bist mit deinem Caesar nach Norden gegangen und dann über diesen Block nach Osten.“
Radtke beugte sich näher heran. Ihr Blick folgte den Straßen, hielt an einer Kreuzung und ging noch einmal zurück. „Das ist unsere Stellung.“
„Deine.“
„Ja.“
Vivian legte eine zweite Spur darüber. „Der Night Gyr südlich des Parkhauses war meiner.“
Radtke sah sie an und richtete sich im Stuhl auf.
„Dann waren Sie die Kommandantin dieses Bataillons.“
„Ja.“
Radtke setzte sich langsam zurück. „Ich wusste, dass die Sechste dort kämpfte. Ihren Namen kannte ich damals nicht.“
„Du hattest eine Meldung über einen Clan-OmniMech.“
„Mehrere. Ein Night Gyr mit starker Energiebewaffnung, westlich ein Enforcer. Unsere Aufklärung hielt die Infanterie zunächst für weiter südlich. Das war falsch.“ Sie sah wieder auf die Karte. „Die Passage am Parkhaus wurde schneller benutzt, als wir erwartet hatten.“
Vivian erinnerte sich an Jonas’ beiläufigen Ton, als er den Weg vorgeschlagen hatte. Radtke hatte auf der anderen Seite derselben Mauern gesessen und versucht, ihn aufzuhalten. Auf dem Bildschirm waren die beiden Bewegungen nur verschiedenfarbige Linien.
„Du hattest einen Dragon Fire östlich deiner ersten Stellung.“
Radtke antwortete nicht sofort. Ihre Augen gingen zur nächsten Kreuzung. „Ja.“
„Er hat dich mehrfach getroffen.“
„Im Verlauf des Gefechts zweimal mit der Gauss. Ein weiterer Treffer kam aus seiner Richtung, aber ich konnte ihn nicht sicher zuordnen.“
„Und nach deinem Stellungswechsel?“
Radtke ließ den Blick auf der Karte. „Er kam bis an die Kreuzung. Einer seiner Leute musste die Deckung wechseln. Ich wollte dessen Rückweg unter Feuer nehmen. Der Dragon Fire trat vor und zwang mich, den Torso herumzunehmen.“
Vivian hatte genau diese Bewegung vor Augen. Bandit auf dem Rückweg, Adrienne an der Gebäudekante. Noch zwei Sekunden.
„Dann hast du auf ihn geschossen.“
„Ja.“
„Mit deinem Gaussgeschütz.“
„Korrekt.“
Vivian zog die eigene Gefechtsaufzeichnung heran. Sie sprang einige Sekunden vor den Treffer zurück, ließ den Ton ausgeschaltet und hielt das Bild an. Der Dragon Fire stand halb vor der Fassade. Die Kopfsektion war noch vollständig. Eine helle Spur lag auf der Panzerung des Caesar, wo Adriennes letzter Treffer Material herausgebrochen hatte.
Radtke betrachtete das Bild lange genug, dass Vivian ihre Reaktion erkennen konnte: Erinnerung, Prüfung, dann Gewissheit.
„Das war mein Schuss.“
Der Satz änderte nichts an der Aufzeichnung. Vivian hatte es erwartet. Trotzdem musste sie erst den Becher vom Rand des Pads wegstellen, bevor sie eine weitere Frage formulieren konnte.
„Worauf hast du gezielt?“
„Auf die obere Torsosektion. Er stand leicht gedreht. Meine linke Seite war beschädigt, die Lagekorrektur arbeitete verzögert. Ich hatte ein kurzes Fenster, bevor Ihr Night Gyr frei kam und ein gutes Schussfeld auf mich gehabt hätte.“ Radtke hob den Blick. „Ich habe nicht gezielt auf das Cockpit geschossen. Aber ich habe geschossen, um ihn aus dem Gefecht zu nehmen.“
Vivian hielt ihren Blick. Die beschädigte Seite des Caesar und der Winkel des Dragon Fire passten zu Radtkes Darstellung. Sie hatte die Frau vor sich prüfen wollen; nun hatte sie ihre Antwort. Adrienne fehlte ihr deshalb nicht weniger, aber sie musste Radtke nicht länger an dieser Kreuzung festhalten.
„Hast du den Treffer gesehen?“
„Im Kamerabild. Eine Meldung aus der Nachbarstellung kam erst später.“
„Und danach?“
„Sie haben meinen rechten Torso getroffen. Zweimal. Ich musste aus Ihrem Schussfeld.“ Radtke rieb einmal den Daumen über den Stoff ihrer Hose. „Kurz danach kam der Rückzugsbefehl. Ich sammelte, wen ich noch erreichen konnte. Vigouroux’ Uziel hatte ein beschädigtes Bein, und die Leute nördlich von uns begannen bereits, sich zu lösen.“
„Hast du jemals den Namen der Pilotin erfahren?“
„Nein.“
„Adrienne Locke. Captain. Stellvertretende Bataillonsführerin.“
Radtke senkte den Blick auf das angehaltene Bild. Vivian ließ ihr die Zeit. Von der Halle her kam das Rollen eines Werkstattwagens, dann die Stimme eines Techs, der nach einem Kabelsatz fragte. Die Geräusche hatten nichts mit dem Raum zu tun und waren plötzlich sehr deutlich.
„Eine gute Offizierin“, sagte Radtke schließlich.
„Das konntest du aus deinem Cockpit nicht wissen.“
Die Antwort war schärfer geworden, als Vivian beabsichtigt hatte.
Radtke nahm sie an. „Ich konnte sehen, dass sie ihren Leuten den Rückweg freihielt. Alles Weitere weiß ich erst jetzt.“
Vivian blickte wieder auf die Akte. Dienstzeiten, Beförderungen, Beurteilungen. Über Jahre hatte jemand Radtkes Entscheidungen geprüft und sie für geeignet gehalten, andere Menschen zu führen. Eine dieser Entscheidungen hatte Adrienne getötet.
„Sie war meine Freundin.“
Radtke saß sehr still. „Das tut mir leid.“
Vivian wartete, doch Radtke ließ die Antwort stehen. Kein Versuch, sich mit eigenen Verlusten zu entlasten. Das war ihr lieber als eine Entschuldigung für einen Schuss, den beide in einem regulären Gefecht hätten abgeben müssen.
„Du würdest in derselben Lage wieder schießen.“
„Ja.“ Radtke sprach leiser. „Wenn ich wieder dort stünde und meine Leute herausbringen müsste, ja. Ich kann Ihnen nichts anderes sagen.“
Vivian schloss das Kamerabild.
Sie fragte nach den Meldungen, die Radtkes Gruppe vor dem Gefecht erhalten hatte, nach den Infanteriestellungen und nach einem Feuerbefehl, der in den Akten nur als Verweis auftauchte. Die Antworten waren präzise. Radtke unterschied zwischen selbst gesehenen Bewegungen, Meldungen anderer Piloten und späteren Zusammenfassungen. Zweimal sagte sie, dass sie es nicht wusste. Einmal korrigierte sie eine Zeitangabe, nachdem sie die eigene Datei geöffnet hatte.
Beim nächsten Verweis öffnete Vivian bereits die Übersicht des Rückzugs. Die Straßenkreuzung blieb in der geschlossenen Datei.
Sie nahm die Hand vom Bildschirm. „Dein Caesar ist ein Vier-Romeo.“
„Ursprünglich ein Drei-Romeo. Kurz vor den Kämpfen auf New Avalon haben wir ihn auf Vier-Romeo umgebaut. Nach den Gefechtsschäden musste er ohnehin in die Werkstatt.“
„Mein Rechner hat ihn als Drei-Romeo geführt.“
Radtke sah auf das geschlossene Fenster der Gefechtsaufzeichnung. „Die Gauss passt. Die PPC nicht. Ich habe eine Snub-Nose. Und MASC.“
„Kein Umbau nach New Avalon?“
„Danach nur Reparaturen. Viel Panzerung, die rechte Torsosektion, Teile der Steuerung. Die Vier-Romeo-Konfiguration hatte er schon im April.“
Vivian markierte den Klassifizierungsfehler in ihrer Kopie. Im April hatte sie zwischen Rauch, überstrahlten Kamerabildern und Gebäuden auf einen eingeblendeten Typ vertraut. Eine weitere Einzelheit, die erst Monate später sauber wurde.
„Gavin Brannock kommt jetzt dazu. Danach sprechen wir über deine Laufbahn und die Bedingungen hier.“
Radtke nahm die Hände wieder auf die Oberschenkel. „Sie wollen die Prüfung fortsetzen?“
„Ich habe dir ein persönliches Gespräch zugesagt.“
Als Gavin eintrat, rückte er den zweiten Stuhl seitlich an den Tisch. Er begrüßte Radtke freundlich ohne eine Spur von Förmlichkeit und legte seine Unterlagen so hin, dass beide Frauen darauf sehen konnten. Vivian war dankbar dafür, dass er weder sie musterte noch nach der Karte fragte und gleichzeitig eine gewisse Entspannung mitbrachte.
Gavin hatte Radtkes Beurteilungen nach Dienstzeiten geordnet. Die folgenden vierzig Minuten führten sie von einer verwundeten Lanzenführerin, deren Aufgaben Radtke übernommen hatte, zu einem Angriff, den sie nach neuen Aufklärungsmeldungen hatte abbrechen lassen und letztendlich zu einem Rückzugsgefecht gegen Clan Nebelparder. Vivian fragte, wie lange die Meldung gebraucht hatte, bis sie beim übergeordneten Kommando angekommen war.
„Zu lange“, sagte Radtke. „Der Kommunikationstruck stand hinter einem Häuserblock. Ich konnte die Funkmeldungen verstehen, aber meine Antworten kamen dort nur bruchstückhaft an. Der nächste vollständige Befehl hätte uns wieder auf die alte Linie geschickt.“
„Und deine Leute?“
„Hatten meinen Rückzugsbefehl. Ich habe die beiden beschädigten Maschinen zuerst herausgenommen und die anderen auf die Ausgänge verteilt. Als die Verbindung wieder stand, waren wir schon zurück.“
Gavin fand den Vermerk des damaligen Vorgesetzten. „Der war damit nicht zufrieden.“
„Mit meinem Ton nicht. Mit dem Ergebnis schon.“ Ein schmales Lächeln erschien und verschwand wieder. „Ich hätte ihm früher sagen müssen, was ich vorhatte. Wir haben danach eine Ausweichverbindung eingerichtet.“
Vivian ließ sich die Aufstellung zeigen. Radtke fand ihre damaligen Lanzenführer in der Liste, nannte die Einschränkungen der Maschinen und korrigierte eine von Gavins Zuordnungen. Sie hatte den Rückzug angeordnet, bevor die Verbindung zum übergeordneten Kommando wiederhergestellt war. Als Vivian nach der verwundeten Offizierin fragte, konnte sie auch sagen, wer deren Aufgaben bis zur Rückkehr tatsächlich getragen hatte.
„Bei einer anderen Verwendung würde ich die Leute vorher einzeln sehen wollen“, sagte Radtke. „Die Beurteilungen sagen mir, was sie bei ihrem letzten Kommandanten leisten konnten. Ob sie mir dieselben Dinge rechtzeitig melden, muss ich selbst herausfinden.“
Vivian nahm den Hinweis in die Personalübersicht auf. Für die zweite Kompanie brauchte sie jemanden, der neue Unterführer beurteilen und dann auch arbeiten lassen konnte. Sie ließ das Feld der Verwendung noch offen und ging zu den Gründen über, aus denen Radtke mit Nia New Avalon verlassen hatte. Bei der Desertion wurde deren Stimme fester.
„Ich wusste, dass wir ohne Freigabe gingen. Ich bin mitgegangen.“
„Nia hat für dich entschieden?“, fragte Gavin.
„Sie hat gesagt, wann sie startet. Die Entscheidung, an Bord zu bleiben, habe ich selbst getroffen.“
Vivian sah sich den Abschnitt noch einmal an. „Wenn du hier unterschreibst, arbeitest du in einer neuen Befehlskette. Du kannst widersprechen. Du kannst eine Vertragsfrage vorbringen. Du verlässt aber weder einen Einsatz noch die Einheit, weil dir eine Entscheidung nicht gefällt.“
„Verstanden.“
„Und du bringst mir relevante Änderungen deiner rechtlichen Lage sofort.“
Radtke nickte. „Auch, wenn sie den Vertrag gefährden.“
„Gerade dann.“
Am Ende nahm Radtke ihre Tasche und stand auf. Vivian gab ihr noch keine Entscheidung. Sie sagte, wann sie wieder von ihnen hören würde, und Radtke akzeptierte es, ohne nachzufragen.
Nachdem die Tür geschlossen war, blieb Gavin sitzen. Er zog Radtkes letzte Beurteilung unter dem Vertrag hervor.
„Die würde dir eine Kompanie abnehmen.“
Vivian sah auf die Aufstellung, die Radtke ihnen gezeigt hatte. „Die zweite. Wenn die übrigen Prüfungen halten.“
Gavin legte die Unterlagen hin. „Du hast es ihr noch nicht gesagt.“
„Sie hat noch nicht einmal ihre Aufnahmebestätigung. Und ich habe heute Mittag ein weiteres Gespräch.“
Er nahm seine Hülse aus der Tasche und drehte sie zwischen den Fingern. Vivian ergänzte einen Vermerk zur Verwendung, bevor sie die Akte schloss.
„Sie hat Adrienne getroffen“, sagte sie. „Sie bestreitet es nicht. Auch nicht, dass sie in derselben Lage wieder schießen würde.“
Gavin ließ die Hülse ruhen. „Das hast du wahrscheinlich auch nicht anders erwartet.“
„Nein.“ Vivian schob die Unterlagen zusammen. „Ich werde die zweite Kompanie nicht schlechter besetzen, weil mir ihr Name schwerfällt.“
Gavin nahm die Personalakte und begann zu blättern. Vivian öffnete Henkas Unterlagen und suchte die Aufzeichnung des Uziel.
Henka Vigouroux kam nach Mittag. Sie war kleiner als Radtke, kräftig in Schultern und Unterarmen, mit olivfarbener Haut und sehr dunklen Augen. Ihr schwarzes Haar trug sie in einem kurzen Zopf. Als sie die Jacke auszog, wurde am rechten Handgelenk eine breite alte Operationsnarbe sichtbar. Sie legte die Jacke über die Stuhllehne und prüfte, ob sie den Durchgang frei ließ.
„Captain Radtke hat dir gesagt, worum es geht?“, fragte Vivian.
„Sie sagte, Sie waren im Night Gyr auf New Avalon. Mehr nicht.“ Henka setzte sich. „Ich habe meine Aufzeichnung noch einmal angesehen.“
Vivian schob ihr die Karte hin. Henka brauchte für das Parkhaus keine Erklärung. Sie deutete auf den vorspringenden Gebäudeteil, hinter dem ihr Uziel gestanden hatte, und beschrieb die Sichtlinie nach Süden. Als Vivian nach den beiden ersten PPC-Schüssen fragte, antwortete sie sofort.
„Meine. Beim zweiten haben Sie die Deckung schon erreicht. Ich wollte Sie dort festhalten, bis die andere Kompanie ihre Stellung beziehen konnte.“
„Welche andere Kompanie?“
Henka nannte die Kennung aus ihrem Protokoll. Den Namen des Führers wusste sie, die tatsächliche Besetzung an diesem Morgen nur teilweise. „Wir hatten vorher Verluste. Eine Maschine wurde ersetzt, eine andere kam nicht rechtzeitig zurück. Mein Lagebild zeigte die alte Aufstellung, bis jemand sie korrigierte.“
Gavin notierte die Abweichung. Vivian ließ Henka ihren Weg durch die Seitenstraße zeigen. Der Uziel hatte Jonas’ Bewegung zwischen zwei Kreuzungen unterbrechen sollen. Henka erinnerte sich an seinen Enforcer und an den Krater, dessen Rand unter ihrem linken Fuß nachgegeben hatte.
„Ich wusste, dass das Bein getroffen war. Der Rechner zeigte den Aktivator zunächst noch gelb. Dann lag ich an der Wand.“
„Du bist wieder aufgestanden.“
„Mit dem rechten Bein. Links konnte ich noch belasten, solange ich gerade ging. Beim Drehen zog es mich weg.“
„Was hast du währenddessen von Radtkes Stellung gesehen?“
„Rauch. Einen Teil der Straße. Ihr Funk war da, aber ich hatte genug mit meinem eigenen Mech zu tun.“ Henka blickte zu Vivian. „Wenn Sie nach dem Dragon Fire fragen: Ich habe die Meldung über einen ausgefallenen Gegner gehört. Den Treffer selbst habe ich nicht gesehen.“
Vivian ließ die Karte liegen. Bei einem Abschnitt, zu dem sie eine eigene Beobachtung hatte, blieben die Darstellungen verschieden. Henka hatte angenommen, der Enforcer halte weiter auf sie; tatsächlich war Jonas bereits abgedreht. Aus einem liegenden Uziel zwischen Staub und Mauerwerk hatte sie ihn nicht sehen können.
Sie gingen weiter durch die Akte. Gavin fragte nach einem Transport gefangener Infanteristen. Henka nannte die Übergabestelle und einen Sanitätswagen, erinnerte sich an die Zahl der Verwundeten, aber nicht an den Offizier, der die Übernahme unterschrieben hatte. Der Bericht lag im Anhang. Vivian verglich die Kennungen und fand keinen Widerspruch.
Bei den Fragen nach dem Ende der Kämpfe wurde Henka knapper. Sie hatte New Avalon im Uziel schwer verletzt überlebt, war nach der Rückkehr an Bord für mehrere Tage kaum aus ihrer Koje gekommen und hatte anschließend beim Herrichten der Maschine geholfen. Nias Start war für sie eine bewusste Entscheidung gewesen. Für die Aussicht, auf Galatea neu anfangen zu können, hatte sie den rechtlichen Preis akzeptiert.
„Und wenn ich dich ablehne?“, fragte Vivian.
Henka nahm sich einige Sekunden. „Dann muss ich eine andere Verwendung suchen. Oder den Mech verkaufen, bevor mir das Geld ausgeht.“
„Du verlangst keine Zusage für die ganze Gruppe?“
„Nia hat gesagt, dass Sie einzeln entscheiden.“
Vivian sah zu Gavin. Er hatte die entscheidenden Vermerke gemacht und hielt das Pad ruhig auf den Knien.
„Eine medizinische Einschränkung?“
Henka drehte ihr rechtes Handgelenk. „Nach langen Einsätzen wird es etwas steif. Die Cockpitsteuerung geht. Ich muss Dehnübungen machen und darf bei den Schmerzen nicht warten, bis ich nichts mehr greifen kann. Es schränkt mich aber nicht im Gefecht ein. Das steht alles im medizinischen Bericht.“
Es stand dort. Vivian ließ den Hinweis in die Ausbildungsübersicht übernehmen und beendete das Gespräch.
Als Henka gegangen war, holte Gavin aus dem Nebenraum zwei frische Becher. Vivian schob die Karte an den Rand des Tisches. Sie wollte Adriennes letzte Kreuzung aus dem Blick haben.
„Die unabhängigen Unterlagen?“, fragte sie.
„Bei den Infanteristen passen die Einsatzberichte und -zeiten zu den Schiffsdaten. Douglas hat die eingegangenen Prüfantworten in den gemeinsamen Ordner gelegt. Für die übrigen Leute laufen noch Abgleiche.“
Vivian öffnete die Verzeichnisse. Die Angaben, die sie bereits in der Nacht geprüft hatte, waren durch weitere Belege ergänzt worden. Transportlisten, dokumentierte Übergaben, Aussagen, deren Verfasser sich identifizieren ließen. Bei Arielle und Henka lagen keine belastbaren Hinweise auf Beteiligung an den untersuchten Übergriffen vor. Ihre eigenen Gefechtsaufzeichnungen zeigten reguläre Kämpfe gegen bewaffnete Gegner. Desertion und strittige Verpflichtungen blieben auf Douglas’ Liste; sie waren ein eigener Vorgang.
„Ich nehme die beiden“, sagte Vivian.
Gavin stellte seinen Becher ab. „Mit den vereinbarten Bedingungen.“
„Mit denselben Bedingungen wie alle anderen. Die rechtlichen Vorbehalte kommen in den Vertrag. Douglas klärt, welche Ansprüche aus ihrem alten Dienst noch bestehen. Falls jemand wegen der Fahnenflucht an sie herantritt, gehen sie damit zu mir. Ich nehme sie nicht auf, um sie anschließend mit dieser Sache allein zu lassen. Aber ich werde keine eigene Donegal-Guards-Untereinheit innerhalb meiner Mechkräfte aufstellen. Wir teilen sie über die Lanzen auf.“
Gavin schlug die vorgemerkte Verwendung auf. „Bei Arielle bleibt es bei der zweiten Kompanie?“
„Ja. Ich will sie bei der Führungsbesprechung dabeihaben.“ Vivian ergänzte den Termin. Zwölf Mechkrieger brauchten einen Kommandanten, der mehr konnte, als seine eigene Maschine gut einzusetzen. Radtkes Akte hatte dafür gesprochen; das Gespräch hatte ihr Gelegenheit gegeben, selbst zu urteilen.
„Ich spreche morgen mit ihr über die Verwendung. Vorher schließt du mit Douglas die Prüfungen der übrigen Bewerber ab und kümmerst dich um die Vertragsfragen.“
Gavin nahm sein Pad. „Verstanden.“
Vivian setzte die Freigabe in beide Akten. Dann schrieb sie Radtke und Vigouroux eine kurze Nachricht und legte die Unterlagen für den nächsten Termin bereit.
Sie stand auf, um die Teekanne zu füllen. Im Nebenraum hatte jemand die offizielle Registrierungsbestätigung der Söldnerkommission ausgedruckt und an die Wand geheftet. McFairley’s Red Reapers. Colonel Vivian Estelle McFairley. Einheitsstatus aktiv.
Darunter hing Nathans handschriftlicher Zettel: BEITRITT NUR MIT LIEFERSCHEIN. GEZ. DOUGLAS.
Vivian nahm den Zettel ab und schrieb auf die Rückseite: Deine Gurte zuerst. Die Pumpen stehen noch im Bestand. Dann legte sie ihn auf Gavins Tisch. „Er bekommt das zurück.“
Gavin sah von seinen Unterlagen auf. „Mit Kommentar?“
„Mit Inventurauftrag.“
Galaport, Galatea
01. November 3067, nachmittags
Bevor Nathan seine Belege nachreichen konnte, brauchte Vivian ihn bereits für eine weitere Aufnahme.
Kurz nach drei meldete sich der Kontrollpunkt. Eine Mechkriegerin wollte mit der Kommandantin sprechen. Sie hatte keinen Termin, dafür fünf Begleiter, deren Identkarten der Wachhabende einzeln prüfte. Im Hintergrund der Verbindung hörte Vivian eine Frauenstimme, die darauf bestand, dass alle sechs gemeinsam gekommen seien.
„Waffen?“, fragte Vivian.
„Für den Zutritt abgegeben. Die Mechkriegerin hat eine Maschinenregistrierung dabei. Der Mech steht noch bei einem Frachtbetrieb.“
Vivian rief Nathan aus der Halle und bat Gavin, mitzukommen. Als sie den Vorraum erreichten, stand die Gruppe hinter der gelben Zugangslinie. Der Raum war für Lieferanten, zwei oder drei Bewerber und gelegentlich eine Fahrzeugbesatzung gedacht. Jetzt wirkte er zu klein.
Die Frau vorn hatte kupferbraune Haut und schwarzes Haar, das an den Seiten knapp geschnitten war. Oben blieb es länger; eine seitlich gelegte Partie mit einer schmalen hellen Strähne fiel bis über die rechte Schläfe. Der freie Nacken und die sauber geschnittene Kontur hätten unter einem Neurohelm nicht gestört. Ihre Schultern waren kräftig, die Beine lang, das Gesicht breit über den Wangenknochen und schmal am Kinn. Sie trug einen ausgebleichten grauen Overall, an dessen Hüfte eine Werkzeugtasche hing. Darunter hing ein leeres Holster. Ihre Waffe hatte sie am Kontrollpunkt abgegeben.
Die fünf Menschen hinter ihr waren größer und erheblich breiter. Vivian bewunderte gerade die Wachmannschaft für ihre Gelassenheit. Der Mann mit den offenen Händen reichte beinahe bis an den oberen Türrahmen; selbst neben Gavin fiel der zusätzliche halbe Meter an Körperlänge auf. Sein Hals ging fast ohne Verjüngung in die Schultern über. Eine Frau neben ihm war nur wenig kleiner und hatte ihr dichtes dunkles Haar in mehreren eng anliegenden Zöpfen zurückgebunden. Die Ärmel ihres Hemdes endeten knapp oberhalb der Ellenbogen; sie waren offensichtlich abgeschnitten worden, weil sie dort zu eng saßen.
Vivian kannte diesen Körperbau. Sie hatte ihn auf Luzerne hinter feindlichen Visieren gesehen und später bei gemeinsamen Einsätzen aus nächster Nähe. Die fünf trugen keine Rüstungen. Trotzdem musterte der Wachhabende bei jeder Bewegung ihre Hände und ihre Bedrohlichkeit wurde selbst jetzt deutlich.
„Du bist Vivian“, sagte die Mechkriegerin.
„Colonel Vivian McFairley.“ Vivian blieb vor ihr stehen. „Und du?“
Die Frau ließ den Blick einen Moment auf ihr ruhen. „Sterncommander Angela Wimmer. Ich suche Dienst für mich und diesen Strahl Elementare.“
Nathan sah an ihr vorbei. „Mit Rüstungen?“
„Aff, für alle fünf. Und ich bringe einen Huntsman mit.“
„Welche Konfiguration?“
„A.“ Angela sah wieder zu Vivian. „Wir sind gemeinsam gekommen. Wir werden auch gemeinsam bleiben.“
„Dann sprechen wir hinten weiter. Wenn ihr hier Dienst sucht, gilt für euch dieselbe Hierarchie wie für meine übrigen Leute.“
„Gut gehandelt und akzeptiert, Colonel Vivian McFairley.“ Angela neigte kurz den Kopf. Vivian führte sie durch den Seitengang in den Besprechungsraum, wo Gavin erst zwei Stühle aus dem Weg räumen musste. Für die beiden größten Elementare holte er die breite Werkstattbank aus dem Nebenraum. Der Mann mit den offenen Händen prüfte sie mit einem Blick und setzte sich vorsichtig. Das Holz knarrte, hielt aber.
Angela blieb stehen, bis die anderen Platz gefunden hatten. Dann stellte sie sich an die schmale Seite des Tisches. „Wir waren Nebelparder.“
Vivian nahm gegenüber Platz und registrierte überrascht die Formulierung. „Wann habt ihr euren Clan verlassen?“
„Als es dort für uns keinen Clan mehr gab.“
„Das ist kein Zeitpunkt.“
Angela zog ein Pad aus der Werkzeugtasche. Ihre Bewegungen waren knapp, aber ohne Hast. „Als der Clan aufhörte zu existieren. Vor sieben Jahren und sechs Monaten. Was von unserem Sternhaufen übrig geblieben war, stand noch in der Besatzungszone. Wir kämpften, aber uns wurde ein ehrenvoller Tod verwehrt.“
Vivian nahm das Pad. Die Unterlagen waren lückenhaft, doch sie enthielten Transportnachweise und spätere Verträge. Angela hatte die fehlenden Abschnitte selbst markiert. Einige Namen waren gestrichen, andere mit einem Todesdatum versehen.
„Seitdem Söldner?“
„Zunächst Leibeigene. Danach taten wir, wofür jemand einen bewaffneten Mech oder Elementare brauchte. Sicherung. Eskorte. Gefechte, die andere nicht führen wollten.“ Angela deutete auf einen späteren Vertrag. „Mit dieser Einheit waren wir länger zusammen. Sie wurde vor wenigen Monaten zerschlagen. Wir konnten unsere Ausrüstung herausbringen.“
„Wer kann das bestätigen?“
Die Frau mit den Zöpfen legte ein zweites Modul auf den Tisch. „Der Landungsschiffkapitän der Transportgesellschaft. Zwei überlebende Offiziere. Ein Techniker. Die Kontakte stehen dort.“
„Dein Name lautet?“
„Rika aus dem Haus Osis.“
Der große Mann neben ihr sagte: „Dagan.“ Seine Stimme war tiefer als Gavins und dabei überraschend leise. „Ich führte den Strahl.“
Gavin zog das Modul heran. „Ihr wollt gemeinsam bleiben.“
„Aff.“
„Unter welchem Kommando?“
Angela sah Vivian an. „Unter deinem.“
Vivian ließ die Antwort einen Augenblick stehen. „Du kennst mich nicht.“
„Du warst auf Luzerne.“
„Das waren viele.“
„Nur wenige kamen mit einem Bataillon heraus, das sich selbst noch so nennen konnte und gleichzeitig genügend Schlagkraft besaß. Außerdem hast du mit deiner Einheit mindestens zwei Trinärsterne an BattleMechs und mehrere Elementarstrahlen vernichtet. Sie erhielten einen ehrenhaften Tod im Kampf. Der Gene eines wahren Parders waren sie dennoch nicht würdig. Andernfalls würden wir hier nicht voreinander sitzen.“
Gavin blickte auf. Vivian hielt den Blick auf Angela.
„Woher hast du das?“
„Ein Mann, der dort auf deiner Seite gekämpft hatte, geriet später in unsere Gefangenschaft und wurde Leibeigener unseres Sternhaufens. Bei seiner Befragung ging es auch um die Offiziere, die er kannte.“ Angela legte das Pad auf den Tisch. „Er sprach von einer Davion-Offizierin, die versprengte Einheiten gesammelt hatte und damit weiterkämpfte. Unsere Leute wollten wissen, wie du sie führen konntest, obwohl ihre Verbindungen ausgefallen waren.“
„Und ihr habt ihm geglaubt?“
„Nicht alles. Aber genug davon ließ sich bestätigen.“ Angela sagte es ohne erkennbare Freude. „Als wir deinen Namen hier hörten, haben wir weiter gefragt. Zwei Händler kannten deinen Night Gyr. Einer deiner Infanteristen sprach gestern mit Dagan.“
Vivian sah zu Gavin. Er fragte nach dem Soldaten. Dagan nannte eine Beschreibung und den Ort; sie passte zu einem Mann aus Gavins altem Kern. Vivian würde ihn selbst fragen.
Angela wartete, bis Gavin die Beschreibung notiert hatte. „Du hast einen Verband geführt, der hätte auseinanderfallen müssen, Einheiten des Clans geschlagen und dich erfolgreich zurückgezogen. Das ist ein Grund, hierherzukommen. Was daraus werden wird, sehen wir erst, wenn wir mit deinen Leuten arbeiten.“
„Und ich sehe dann, was ihr könnt.“
Angela hob das Kinn. „Du zweifelst an unseren Fähigkeiten?“
„Nein, daran besteht kein Zweifel. Es bleibt allerdings abzuwarten, wie ihr zu unseren Fähigkeiten passt. Was erwartest du von mir?“
„Versorgung. Unterkunft. Wartung für den Mech und die Rüstungen. Munition. Einen brauchbaren Einsatz.“
Nathan zog sein Pad näher. „Sold?“
Angela nannte ihre Forderung. Nathan schrieb sie auf, sah die Zahl noch einmal an, blinzelte und fragte, ob sie für alle sechs oder für einen von ihnen gelte.
„Das ist der Sold für uns sechs.“
„Unterkunft, Verpflegung und die Versorgung eurer Ausrüstung kommen dazu?“
„Aff. Der Clan sorgt für seine Krieger. Wir sind keine Händler.“
Vivian kannte genug Bewerber, die für einen einzigen mittelmäßigen, veralteten Mech mehr verlangten. Gemessen daran war die Forderung niedrig. Fünf Elementarrüstungen und ein Clan-OmniMech würden bei Nachschub und Wartung trotzdem erhebliche Kosten verursachen. Sie sah zu Nathan, und er machte neben dem Sold einen eigenen Vermerk.
„Ein brauchbarer Einsatz“, wiederholte Vivian. „Was heißt das für dich?“
„Ein Gegner, gegen den unsere Fähigkeiten etwas wert sind.“
„Und drei Monate Garnison?“
Angela verzog den Mund. Dagan antwortete zuerst. „Wenn es dein Auftrag ist.“
„Wenn es euer Auftrag ist“, sagte Vivian. „Ich kann euch keine fortlaufenden Gefechte zusagen. Dazu gehören auch Garnison, Wachdienst und Tage, an denen ihr auf eine Freigabe wartet. Wer das nicht aushält, ist für mich im nächsten Gefecht nicht verlässlich.“
„Warten können wir“, sagte Rika. „Unzureichende Vorbereitung mögen wir nicht.“
Gavin legte das Modul ab. „Das trifft sich.“
Vivian wandte sich wieder Angela zu. „Die Kampftruppen unterstehen meinen eingesetzten Offizieren. Gavin führt das Infanteriekontingent. Eure fünf bleiben als Strahl zusammen, bekommen ihre Aufträge aber innerhalb dieses Bereichs.“
Angela sah zu Gavin. „Wenn er weiß, was Elementare können.“
„Dann wirst du ihm Gelegenheit geben, es zu sehen.“ Vivian schob Dagan die Gliederung hin. „Ihr übt mit unseren Battle-Armor-Soldaten, mit den Panzern und mit den Mechkriegern. Ich habe genug Aufgaben für Leute, die durch eine Stellung kommen, an der andere festliegen. Ihr werdet auch lernen, den Rest des Verbandes mitzunehmen.“
Dagan betrachtete die markierten Fahrzeuge. „Mit deinen OmniMechs?“
„Auch damit. Aufsitzen, absetzen, eine Stellung nehmen und wieder herauskommen. Wenn dabei die Verbindung ausfällt, will ich euch trotzdem am vereinbarten Ort sehen.“
Rika beugte sich über die Übersicht. „Das können wir bereits.“
„Das werden wir sehen.“ Vivian nahm ihr Pad zurück. „Und ein Streit um einen dienstlichen Befehl wird hier nicht durch ein Duell entschieden. Ebenso wenig eine Beleidigung.“
Dagan hatte die Hände auf die Knie gelegt. „Unsere letzten Arbeitgeber brauchten oft mehr als Worte.“
„Dann habt ihr jetzt Gelegenheit, mit anderen Arbeitgebern zu arbeiten.“
Eine der bisher schweigenden Elementarinnen hob den Kopf. Sie hatte einen schief verheilten Nasenrücken und eine tiefe Narbe über dem linken Ohr. „Wenn uns jemand angreift?“
„Ihr schützt euch und meldet es. Ihr beendet den Angriff. Danach entscheidet die zuständige Führung, was daraus folgt.“
„Du verlangst, dass wir eine Beleidigung hinnehmen“, sagte Angela.
„Ich verlange, dass ihr sie einordnet. Ein schlechter Satz ist kein Gefechtsauftrag.“
Nathan schwieg. Gavin hatte seine Hülse längst weggelegt. Vivian ließ Angela die Zeit, sich mit der Antwort auseinanderzusetzen.
„Wir haben für weniger disziplinierte Menschen gearbeitet“, sagte sie schließlich.
„Das sagt mir noch nichts über euch.“
Angela zog den Stuhl heran und setzte sich jetzt ebenfalls. „Wir wollen bleiben, wo wir kämpfen und unsere Ausrüstung erhalten können. Die Regeln können wir lernen. Ich lasse mich aber nicht als Trophäe herumzeigen, weil ich einmal Nebelparderin war.“
Vivian schob ihr das Pad zurück. „Dann sind wir uns in diesem Punkt einig.“
Das Gespräch wurde leichter, als es um den Huntsman ging. Angela wusste, welche OmniPods in den vergangenen Jahren ersetzt worden waren und wo ihr letzter Betrieb improvisiert hatte. Bei einer Reparatur an der Kühlung hatte sie die Spezifikation selbst nicht mehr vollständig. Nathan bat um den technischen Bericht und bekam statt einer Ausrede den Namen des Mannes, der sie durchgeführt hatte.
Die Rüstungen lagerten mit dem Mech bei einem Frachtbetrieb außerhalb ihres Sektors. Dagan zeigte Registrierungen und Bilder. Zwei Anzüge trugen sichtbar unterschiedliche Panzerplatten, ein dritter hatte eine provisorische Abdeckung an der Schulter. Die Waffen waren für den Aufenthalt im Raumhafen gesichert. Gavin wollte die Rüstungen und ihre Träger gemeinsam prüfen. Dagan bot einen sofortigen Leistungstest an.
„Zuerst sieht der Tech sie an“, sagte Gavin. „Dann sehen wir weiter.“
„Wir haben die letzte Prüfung bestanden.“
„Bei jemand anderem.“
Dagan dachte darüber nach und nickte. Rika wirkte bereits mit der Antwort zufrieden. Angela bat nur darum, dass die Prüfung nicht länger dauerte als nötig.
Vivian gab ihnen die bedingte Zusage. Unterlagen, Eigentum und technischer Zustand mussten halten, was sie angegeben hatten. Für den Anfang gab es Unterkunft und Verpflegung; Einsatzfreigaben und endgültige Dienststellungen folgten nach den Prüfungen. Angela las die kurze Vereinbarung vollständig, bevor sie unterschrieb. Dagan setzte seinen Namen mit einer Sorgfalt darunter, die Vivian an seine vorsichtige Bewegung auf der Werkstattbank erinnerte.
Nathan führte die Gruppe anschließend zur Materialannahme. Er hatte bereits einen Transport angefragt. Als die Tür geschlossen war, legte Gavin die Hand auf die Bank, auf der Dagan gesessen hatte.
„Die vier in unseren Rüstungen werden sich freuen.“
„Über Verstärkung?“
„Unter anderem.“
Vivian kannte die vier Battle-Armor-Soldaten bisher nur aus den Akten und zwei kurzen Vorführungen. Martin Voss führte ihre Lanze. Einer seiner Einsatzberichte beschrieb die Rettung von Zivilisten aus dem Keller eines beschädigten Wohnblocks. Trümmer versperrten die Zufahrt für ein Bergungsfahrzeug; der Eingang lag unter Beschuss, und im hinteren Teil des Gebäudes brannte es bereits. Martin hatte seine übrigen Rüstungsträger die gegenüberliegenden Fenster niederhalten lassen und war durch eine aufgebrochene Kellerwand eingedrungen. Er hatte die Eingeschlossenen nacheinander bis in den geschützten Hof getragen, wo die Sanitäter sie übernahmen. Zwei Zeugen bestätigten den Ablauf. Gavin hatte bei der Prüfung besonders darauf geachtet, dass Martin die Deckung und die Übergabe organisiert hatte, bevor er hineinging.
„Gemeinsame Ausbildung“, sagte Vivian. „Du gibst ihnen früh etwas, das sie zusammen lösen müssen.“
Gavin nahm die Bank am Ende. „Erst brauche ich jemanden, der diesen Strahl durch unsere Türen bekommt. Clankrieger. Bist du denn von allen guten Geistern verlassen?“
„Du wolltest eine Söldnereinheit. Ich unternehme alles, damit wir aus unseren Gefechten auch lebend zurückkommen. Und diese Clankrieger können der leibhaftige Teufel sein, wenn es ums Kämpfen geht.“ Vivian packte auf der anderen Seite der Bank an, und gemeinsam trugen sie sie zurück.
Galaport, Galatea
02. November 3067
Valdemar Arbuthnot war ihr nächster Termin. Mehr als seinen Namen hatte Vivian vor dem Gespräch noch nicht bekommen.
Er erschien zehn Minuten vorher, meldete sich korrekt am Kontrollpunkt und wartete geduldig, bis Nathan ihn abholte. Douglas hatte zu diesem Zeitpunkt seine Maschinenunterlagen geöffnet und im Titel bereits eine erste Unstimmigkeit gefunden: Der Name des Mechs war im vorangegangenen Transportvertrag als Hermes bezeichnet worden. Als Vivian ins Büro kam, verglich er beide Seriennummern.
„Hellion“, sagte er. „Sagt mir nichts, aber ein Hermes ist das definitiv nicht. Der Frachtführer hat wohl etwas durcheinandergebracht.“
Valdemar trat hinter Nathan ein. Er war ungefähr einen Meter neunzig groß, schmaler als Gavin, mit langen Armen und einer geraden, etwas steifen Haltung. Sandblondes Haar war kurz geschnitten. Die blassen Augen lagen tief unter fast farblosen Brauen; auf der rechten Wange zog sich eine Gruppe kleiner Narben bis zum Ohr. Seine graue Kleidung war gebraucht, aber sauber ausgebessert. Am Kragen saß ein kleines Metallstück mit einem Skorpion, dessen Oberfläche so glatt gerieben war, dass Vivian die Beine erst beim zweiten Blick erkannte.
Er blieb vor dem Tisch stehen und legte die rechte Hand gegen die linke Brust.
„Colonel Vivian McFairley. Ich bin Valdemar Arbuthnot. Krieger des Clans Goliath Scorpion.“
„Setz dich.“
Er wartete, bis sie selbst Platz genommen hatte. Nathan wählte den Stuhl am Fenster. Douglas schob Valdemar ein Feld zur Bestätigung seiner Identität hin, und der Mann erledigte es, bevor er wieder zu Vivian sah.
„Du suchst einen Vertrag.“
„Ich suche Dienst bei dir.“
„Das wird bei uns ein Vertrag.“
„Dann möchte ich diesen Vertrag.“
Vivian öffnete die Unterlagen, die Douglas gerade in seine Akte übernommen hatte. Sie enthielten mehrere kurze Verwendungen in der Inneren Sphäre, Transportrechnungen und zwei Beurteilungen, deren Sprache kaum unterschiedlicher hätte sein können. Ein Arbeitgeber nannte ihn verlässlich und ungewöhnlich gründlich. Der andere hatte unter Eigenheiten nur geschrieben: Fragt zu viel über alte Gebäude.
„Warum bist du hier?“
Valdemar sah zur offenen Datei. „Auf Galatea oder in der Inneren Sphäre?“
„Fang mit der Inneren Sphäre an.“
„Ich bin gegangen, weil ich dort suchen wollte, wo der Sternbund tatsächlich gelebt hat.“
„Mit Erlaubnis?“
„Nein.“
Douglas ließ den Finger über seinem Pad ruhen. Vivian blickte Valdemar eindringlich an. „Mit deinem Mech.“
„Mit der Maschine, die ich führte. Ich habe die Unterlagen darüber mitgebracht, was ich daran beanspruchen kann. Meine Reise wurde nicht befohlen.“
„Also keine offizielle Gesandtschaft.“
„Nein.“
Vivian fragte nach dem Weg, den er genommen hatte, und bekam Namen von Transporten, Zwischenaufenthalten und einem längeren Aufenthalt bei einem Händler, für den er Sicherung gefahren war. Die Dokumente belegten einen Teil davon. Den Rest wollte Douglas über die genannten Kontakte prüfen. Valdemar hatte kein sichtbares Interesse daran, sein eigenmächtiges Fortgehen in einen Auftrag seines Clans umzudeuten.
„Seit einigen Jahren“, sagte Vivian. „Was hast du in dieser Zeit gesucht?“
„Berichte. Artefakte. Gebäude, deren Geschichte erhalten ist. Menschen, die wissen, was vor ihnen dort war. Manchmal ein Gegenstand, dessen Besitzer nicht versteht, was er besitzt.“
„Und jetzt? Menschen, die bei Operation Bulldog und dem Sternbund waren?“
„Du warst auf Luzerne.“
„Woher weißt du das?“
Valdemar öffnete eine Datei auf seinem eigenen Pad und legte sie vor ihr ab. Es war eine Kopie eines älteren Berichts über den Feldzug. Die Namen waren knapp gehalten; Vivians stand unter den Offizieren, deren Verwendung sich nach Ausfällen verändert hatte. Daneben hatte er eigene Verweise ergänzt.
„Den Bericht habe ich in einem Archiv gefunden. Die spätere Verwendung bei den Sechsten Crucis Lancers war leichter nachzuvollziehen. Auf Galatea hörte ich, dass du eine Einheit aufbaust. Dann habe ich nachgesehen, ob es dieselbe McFairley ist.“
Nathan beugte sich vor. „Hat die Tarnfarbe des Mechs geholfen?“
Valdemar sah ihn ernst an. „Die Maschinenregistrierung.“
Douglas nahm das fremde Pad und prüfte den Verweis. Vivian betrachtete Valdemar. Er hatte sich vorbereitet, aber anders als die meisten Bewerber. Ihre Führungserfahrung war für ihn interessant, weil sie zu einer Geschichte gehörte, die er weiterverfolgen wollte.
„Der zweite Sternbund war der Rahmen dieses Feldzugs“, sagte sie. „Meine Laufbahn war eine Davion-Laufbahn. Die Red Reapers sind eine Söldnereinheit.“
„Das weiß ich.“
„Du sprichst über mich, als wäre ich noch eine Sternbundoffizierin.“
„Du hast unter seinem Banner gekämpft. Mit Ehre. Ich nehme diese Verbindung ernst.“
Vivian sah auf den kopierten Bericht. Er nannte eine Zahl für die Stärke ihres improvisierten Verbandes, die sie selbst damals nur geschätzt hatte. Es war merkwürdig, diese Monate in den Notizen eines fremden Mannes wiederzufinden.
„Was erwartest du hier?“
„Die Einheit zu begleiten. Ihre Geschichte mitzuerleben. Für dich zu kämpfen.“
„Du wirst in einer Lanze dienen und ihre Befehlskette einhalten. Du wärst Teil einer fremd geführten Kompanie. Gavin erteilt im Verbund Befehle in meinem Auftrag. Wenn einer dieser Offiziere einen Befehl gibt, musst du ihn ausführen können, ohne zuerst bei mir nachzufragen, selbst wenn diese Befehle von Söldnern der Inneren Sphäre kommen.“
Valdemar nickte. „Wenn sie in deinem Auftrag führen, ist es dein Befehl.“
„Auch ein Rückzug!“
„Auch ein Rückzug.“
„Auch, wenn du ein interessantes altes Depot vor dir hast.“
Diesmal brauchte er länger. „Wenn der Auftrag noch läuft, erfülle ich ihn natürlich. Danach würde ich um Freigabe bitten.“
„Was passiert, wenn ich sie verweigere?“
„Dann gehe ich nicht.“
Nathan hatte die Arme verschränkt. „Die beiden Beurteilungen sind erstaunlich einig, was deine Neugier betrifft.“
Valdemar sah auf die Akte. „Der zweite Arbeitgeber hat mir eine Untersuchung genehmigt und hinterher vergessen, dass er sie genehmigt hatte. Ich habe die Nachricht aufgehoben.“
Douglas hob einen Finger. „Die möchte ich sehen.“
Valdemar suchte sie heraus. Nathan lehnte sich mit einem zufriedenen Ausdruck zurück, den Vivian von brauchbaren Eigentumsunterlagen kannte.
Sie gingen zu den Dienstbedingungen über. Valdemar fragte nach Bergerechten, nach der Unterbringung seiner eigenen Unterlagen und nach dem Verfahren, mit dem sich eine Suche während eines planetaren Aufenthalts beantragen ließ. Vivian ließ keine Sonderrechte in den Vertrag schreiben. Private Anliegen konnte er nach Dienstplan und Auftrag vorbringen. Er nahm es hin.
Bei der Frage nach einem Führungsausfall legte sie ihm ein kurzes Szenario vor. Seine Verbindung zur Kompanie war ausgefallen, ein anderer Mechkrieger wollte einem abziehenden Gegner folgen, die eigene Infanterie lag noch vor einer ungesicherten Passage.
Valdemar schob das Symbol des Hellion seitlich zurück. „Ich halte die Passage und bringe die Infanterie heraus. Der Gegner ist für meinen Auftrag dann weniger wichtig.“
„Und der andere Mechkrieger?“
„Ich sage ihm, weshalb ich bleibe. Wenn er trotzdem geht, melde ich es, sobald die Verbindung wieder steht. Ich verlasse die Leute nicht, um ihn zurückzuholen.“
Vivian nahm die Karte vom Tisch. Die Antwort war brauchbar. Ob er unter Feuer genauso handeln würde, konnte ein Gespräch nicht beweisen. Dafür gab es Ausbildung und Beobachtung.
Douglas beendete die erste Durchsicht. „Die Seriennummern sind sauber. Bei den älteren Eigentumsfragen bleiben Vermerke offen. Ich kann die vorläufige Vereinbarung entsprechend fassen.“
„Nathan besichtigt die Maschine und führt den Simulatorlauf mit ihm durch“, sagte Vivian. „Danach entscheide ich endgültig.“
Valdemar stand auf.
Vivian wollte ihm bereits die Hand geben, als er seine eigene wieder gegen die Brust legte. Seine Stimme wurde noch ruhiger.
„Ich gebe dir mein Wort. Ich werde dort kämpfen, wo du mich einsetzt. Dein Befehl steht über meinem Wunsch nach Kampf und über dem Ruhm, den ich für mich suche. Deine eingesetzten Führer werde ich als deine Führer anerkennen. Ich werde dich nicht durch einen eigenen Weg zwingen, mir zu folgen.“
Er hielt ihren Blick.
„Meine Khanin.“
Nathan bewegte sich im Stuhl. Douglas sah langsam von seinem Pad auf.
Vivian ließ die ausgestreckte Hand sinken. „Ich bin Colonel dieser Einheit. Ich habe keinen Clantitel erworben.“
„Ich verleihe dir keinen. Ich nenne dich so, weil ich mich an dich binde.“
Sie betrachtete ihn. In seinem Gesicht war kein Spott. Die Erklärung war ebenso ernst gemeint wie der Eid, und sie hatte keinen Grund, ihm eine andere Absicht zu unterstellen.
„Im Dienst ist die Anrede Colonel. Wenn du das Wort für dich brauchst, verstehst du trotzdem, dass es dir keine andere Befehlskette schafft.“
„Verstanden, Colonel.“
Jetzt nahm er ihre Hand.
Nachdem Nathan mit ihm gegangen war, blieb Douglas noch einen Augenblick am Tisch. Er zog die vorläufige Vereinbarung näher und ergänzte einen Vermerk.
„Was schreibst du?“, fragte Vivian.
„Private Bindungsformulierung. Keine Änderung der Kommandostruktur.“
Vivian nahm den kalten Tee. „Du machst einen Eid zu einer Fußnote.“
„Ich verhindere, dass später jemand darüber streitet, was er bedeutet.“
Sie stellte den Becher wieder ab. „Das dürfte ihm sogar gefallen.“
Am späten Vormittag kam Mara Velasquez zu ihrem zweiten Gespräch.
Diesmal hatte sie eine Aufstellung ihrer Verbindlichkeiten dabei. Sie legte sie vor Douglas hin, bevor Vivian etwas sagen konnte, und setzte sich mit dem Ausdruck einer Frau, die sich gegen eine Entscheidung vorbereitete, deren Inhalt sie bereits kannte. Das dunkle Haar war straff zurückgenommen. Unter den Augen lagen Schatten, die am ersten Tag weniger deutlich gewesen waren.
Douglas verglich die Zahlen mit den eingegangenen Auskünften. Vivian ließ ihn arbeiten. Mara hatte gute Simulatorwerte. Sie hatte in zwei Situationen einen beschädigten Lanzenkameraden herausgebracht und bei der ersten Befragung das Versäumnis eines Vorgesetzten benannt, ohne sich selbst aus der Verantwortung zu nehmen. Es wäre einfach gewesen, ihr die übrigen Schwierigkeiten als bloße Unordnung auszulegen.
Die aktuelle Aufstellung machte das schwerer. Eine Zahlungsvereinbarung war als abgeschlossen vermerkt, obwohl der Gläubiger ihr nur eine kurze Frist zur Vorlage eingeräumt hatte. Einen weiteren Betrag hatte Mara unter private Hilfe aufgeführt. Der Vertrag, den Douglas daneben öffnete, enthielt Zinsen und eine Fälligkeit.
„Das Geld war für die Behandlung“, sagte Mara.
„Diesen Posten beanstande ich nicht.“ Vivian drehte die Aufstellung zu ihr zurück. „Ich frage nach dem hier.“
Mara sah auf das markierte Feld. „Den kann ich lösen.“
„Mit welchem Einkommen?“
„Mit dem Sold.“
Douglas schob ihr die Berechnung hin. „Auch mit einem Vorschuss reicht er nicht für diese Fälligkeiten und deinen laufenden Unterhalt.“
„Dann mehr Vorschuss.“
Vivian ließ sie die Zahlen noch einmal ansehen. In der ersten Runde hatte sie gehofft, Mara brauche jemanden, der die Sache ordnete. Jetzt sollte die Einheit ein finanzielles Problem übernehmen, das Mara bei jeder Vorlage anders beschrieb.
„Ich gebe dir keinen Vertrag.“
Mara blickte sofort auf. „Weil ich Schulden habe.“
„Weil ich für dieselben Verpflichtungen von dir und von den Vertragspartnern verschiedene Angaben bekomme. Weil deine Lösung auf Geld beruht, das ich dir noch nicht zugesagt habe. Und weil wir dir zusätzlich zu diesen Vorschüssen erst einen Mech bereitstellen und dessen Betrieb finanzieren müssten.“
Mara sah zu Douglas. Er hatte die Hände neben das Pad gelegt und schwieg.
„Ich kann einen Mech führen.“
„Ja“, sagte Vivian. „Das steht außer Frage.“
Für einige Sekunden schien Mara nach einer anderen Antwort zu suchen. Dann sammelte sie die Unterlagen ein. Ihre Finger gingen zu schnell über die Ecken, und eine Seite rutschte unter den Stuhl. Douglas hob sie auf und gab sie ihr zurück.
„Bekomme ich wenigstens die Auswertung?“
„Die schicke ich dir. Mit der Beurteilung deiner Fähigkeiten.“
Mara nickte knapp und ging. Vivian sah noch einen Moment auf den Platz, an dem ihre Aufstellung gelegen hatte. Anschließend öffnete sie die nächste Datei.
Die Zusammenführung von Nias Leuten dauerte bis in den Nachmittag. Die Nachmeldung an die MRBC reichte Douglas noch am selben Abend ein. Nach der Aktivierung verlangte die Kommission dafür eine neue Bonding-Berechnung und eine Bearbeitungsgebühr, die er ohne Kommentar verbuchte. Gavin hatte die Infanteristen in kleinen Gruppen angehört und die Aussagen mit Einsatzräumen und Transportlisten verglichen. Helena schloss ihre fachliche Vorauswahl ab, hielt aber bei den Freigaben für die fliegenden Maschinen an eigenen Prüfungen fest. Douglas führte die rechtlichen Vorbehalte in einem getrennten Dokument. Niemand sollte den Beginn eines Dienstverhältnisses mit einer geklärten Vergangenheit verwechseln.
Für die untersuchten Übergriffe fand sich bei keinem Angehörigen der Gruppe eine Beteiligung. Die vorhandenen Berichte, Übergaben und überprüfbaren Angaben passten zusammen. Wo Dienstwege oder Eigentum strittig blieben, wurden sie bezeichnet. Vivian nahm die Leute nach diesen Einzelprüfungen auf. Nia erhielt die Zusage, ohne dass daraus eine Sonderstellung für ihre Kampftruppen entstand.
Arnost Aasgaard kam mit einem Ordner, der beinahe so breit war wie Douglas’ eigene Unterlagentasche. Er war ein großer, hagerer Mann mit rötlichem Bartschatten und einer Haut, die im künstlichen Licht sehr hell wirkte. Beim Sitzen stellte er den Ordner mit der schmalen Seite exakt an die Tischkante.
„Der Blood Asp“, sagte Vivian.
„Ich dachte, deshalb bin ich hier.“
„Unter anderem.“
Er öffnete die ersten Dokumente. Der Mech war als beschädigtes Chassis mit unvollständigen Modulen über einen Händler in seine Hände gekommen. Die ursprüngliche Herkunft ließ sich durch Bergerechte und mehrere Übertragungen verfolgen; der fahrbereite Zustand war später hergestellt worden. Arnost hatte Geld, Ansprüche aus früheren Verwendungen und den Erlös seiner alten Maschine eingesetzt. Der kurze Vermerk in seiner Personalakte verkürzte eine Geschichte, die unter den Rechnungen erheblich weniger bequem aussah.
Douglas arbeitete sich von Seriennummer zu Seriennummer. „Das sind keine zwei kompletten Sätze.“
„Nein. Das sind die Module, die ich habe.“
„D-Konfiguration“, sagte Vivian.
„Ja. Ein Teil der Reserven ist nur auf dem Papier vollständig, weil beschädigte Baugruppen noch nicht ausgesondert waren. Die Wartungsberichte zeigen, was davon noch verwendet werden kann.“
Nathan nahm den Werkstattbericht. „Dann ändern wir das.“
Arnost blickte ihn an. „Wenn du Ersatz dafür findest, darfst du auch die Papierfarbe ändern.“
Vivian ließ sich den aktuellen Zustand erklären. Der schwere OmniMech war brauchbar, seine Versorgung würde teuer. Arnost wusste es und schien eher erleichtert als beleidigt, als sie keinen zweiten vollständigen Satz einsatzfähiger Module voraussetzte. Im alten Verband hatte er zu viel Zeit damit verbracht, eine Maschine einsatzfähig zu halten, deren Vorteile jedem sofort auffielen und deren Ersatzteilbedarf niemand sehen wollte.
Die Lücke zwischen zwei Versetzungen ließ sich mit einer Depotverwendung schließen. Eine fehlende medizinische Freigabe in einer anderen Akte wurde nach der Untersuchung erneuert; bis dahin blieb der betreffende Pilot aus belastenden Cockpitläufen heraus. Die übrigen Aufnahmebestätigungen waren kürzer. Wilbert Remeeus stellte eine Frage nach dem Dienstplan und eine nach dem Zustand der Kommandolanze. Jeff Blye wollte wissen, ob seine frühere Verwendung Auswirkungen auf seinen Rang habe. Stan Molland fragte zuerst nach dem Werkstattplatz für den Wolfhound.
Wilbert hatte einen dicht geschnittenen grauen Bart und ein rundes Gesicht, das erst bei genauerem Hinsehen die kleinen Verletzungsspuren um Mund und Nase zeigte. Er hörte lange zu und notierte wenig. Jeff war jünger, drahtig, mit dunklem Haar, das er ständig aus der Stirn strich. Als Vivian seine dienstliche Einordnung erklärte, zog er die Lippen zusammen, akzeptierte sie aber. Stan hatte eine hohe Stirn, hellbraune Haut und eine Brille, deren rechtes Bügelende mehrfach repariert worden war. Bei der Frage nach verfügbaren Werkstattzeiten hielt er Jeff mit einer Hand am Ärmel zurück, bevor dieser bereits zur Tür gehen konnte.
Sie bekamen konkrete Aufgaben. Wilbert sollte mit Anna Sachevanov die Abläufe der Kommandolanze vorbereiten. Jeff meldete sich bei Gina Osterqvist zur gemeinsamen Einweisung, Stan bei Vaclav Sagan. Die neuen Maschinen blieben zunächst in ihren bisherigen Wartungsständen, bis der Werkstattplan ihre Übergabe erlaubte.
Die letzten beiden Verträge kamen mit erheblich weniger Gespräch aus. Cadenza Martínez hatte seine Unterlagen schon in der vorangegangenen Woche abgegeben; offen war nur die abgeschlossene Eigentumsübertragung seines Marauder gewesen. Nathan Hahnel brachte die fehlende Versicherung für seinen Clint persönlich vorbei und bestand darauf, sich bei der Vorstellung mit Nachnamen zu melden, nachdem Sherman auf beide mit demselben Vornamen reagiert hatte.
Bis zum Abend standen achtundzwanzig Mechkrieger mit ihren Maschinen auf der Liste.
Vivian nahm die Übersicht in den Besprechungsraum. Nathan war vom Simulator zurück und hatte Valdemars Freigabe mit einer knappen Beurteilung ergänzt. Angela und ihre Leute hatten die erste technische Sichtung bestanden; einzelne Arbeiten an den Rüstungen blieben vor der Feldausbildung zu erledigen. Gavin setzte sich neben die Tür, Douglas gegenüber dem Fenster. Jonas kam direkt aus der Halle, mit einem frischen Ölfleck am linken Ärmel.
Arielle wartete am Tisch. Am Mittag hatte sie ihren Vertrag unterzeichnet; anschließend hatte Vivian sie zur Führungsbesprechung eingeladen. Radtke hatte keine Vermutung darüber geäußert, weshalb sie teilnehmen sollte. Jetzt hielt sie ein neues Pad in der Hand, auf dem bereits die Aufnahmebedingungen lagen.
Vivian legte die Zielstruktur auf die Tischprojektion. Eine Kommandolanze, zwei Mechkompanien, Douglas’ Panzerbereich. Die Infanterie war in Gavins Unterlagen weiter gegliedert. Helena hatte ihren Bereich getrennt gelassen, bis Maschinen- und Pilotenzuordnung wirklich zusammenpassten.
„Nathan führt die erste Mechkompanie. Arielle die zweite.“
Radtke hob den Kopf. Ihre Finger blieben über dem Pad stehen; erst als Nathan kurz zu ihr sah, legte sie den Stift ab. Jonas wartete auf die weitere Einteilung.
„Du kennst einen Teil deiner Leute“, sagte Vivian zu Arielle. „Die übrigen wurden hier bereits eingewiesen und haben gemeinsam gearbeitet. Du übernimmst die gesamte Kompanie. Ich will bei den ersten Läufen sehen, wie du ihre Fähigkeiten zusammenführst.“
„Wann beginnen sie?“
„Die gemeinsame Planung morgen. Die größeren Blöcke in der kommenden Woche.“
„Dann möchte ich vorher die Auswertungen der bisherigen Läufe.“
„Bekommst du.“
Arielle hatte die Kompanieübersicht bereits zu sich gezogen. Vivian ließ sie die Namen prüfen und wandte sich an Jonas.
„Deine Kampflanze bleibt in Nathans Kompanie. Du bleibst Captain. Zusätzlich leitest du die praktische Mechausbildung, soweit sie nicht in die Verbundübungen fällt.“
Jonas sah vom eigenen Eintrag zu Nathan. „Die Termine stimmen wir miteinander ab. Wenn ich für dich woanders gebraucht werde, muss die Lanze trotzdem arbeiten können.“
„Genau dafür will ich dich auch in der Einheitsführung. Gavin bleibt mein XO. Nach ihm kommst du.“ Vivian zog die Führungsverbindungen in die Übersicht. „Falle ich aus, übernimmt Gavin den Oberbefehl, und du führst das Mechbataillon unmittelbar. Du hältst ihm die Kompanieführung zusammen, während er sich um den gesamten Verband kümmert. Fällt Gavin aus, rückst du auf seine Stelle. Bei meinem zusätzlichen Ausfall führst du die Einheit.“
Jonas betrachtete die beiden Verbindungen. „Und Nathan übernimmt dann meine Aufgaben bei den Mechs.“
„Ja. Die Kompanien müssen sich nicht jedes Mal neu ordnen, wenn jemand an der Spitze fehlt. Nathan und Arielle führen ihre Kompanien, Douglas seine. Du hältst mir die übergreifenden Aufgaben zusammen und springst dort ein, wo wir dich brauchen.“
„Dann brauche ich auch die gemeinsamen Lageunterlagen.“
Douglas ergänzte seinen Zugriff. Vivian ließ ihn die Änderung abschließen. „Nias Befugnis für das Schiff und den Transport nehmen wir mit ihr in die gemeinsame Besprechung. Wenn unsere kämpfenden Truppen die Führung nicht mehr ausüben können, muss sie die übrigen Leute herausbringen dürfen. Das wird keine Entscheidung, für die sie erst auf einen Funkspruch aus einem verlorenen Mech warten soll.“
Nathan beugte sich über die Lanzenübersicht. „Angela sitzt in meiner Befehlslanze?“
„Als Lieutenant. Nach ihren ersten Läufen sieht ihr Aufgabenbereich vielleicht anders aus. Vorläufig will ich sie nahe bei dir haben.“
„Damit sie meine angenehme Persönlichkeit kennenlernt.“
„Damit du ihre kennenlernst.“
„Valdemar führt deine Scoutlanze als Lieutenant“, fuhr Vivian fort. „Elsbeth, Katerina und Stephan gehören dazu. Jonas gibt dir die bisherigen Auswertungen. Ich will, dass Valdemar vor dem ersten gemeinsamen Lauf weiß, was diese drei bereits können und wo sie Unterstützung brauchen.“
Nathan bestätigte es und ergänzte die Namen in seinem Plan.
Gavin schob die Infanteriegliederung näher heran. „Die Elementare bleiben als Strahl zusammen. Die vier mit den Standardrüstungen ebenso. Für die Übungen werde ich sie gemischt einsetzen, wenn der Auftrag es verlangt. Die Führung vor Ort bleibt bei den jeweiligen Zugkommandanten.“
Er setzte das Symbol des Morningstar zwischen die Infanterie und Douglas’ Fahrzeuge. „Ich sitze mit meinem Führungstrupp hier. Von dort koordiniere ich den gesamten Infanterieeinsatz und halte die Verbindung zu euch. Ich werde nicht versuchen, gleichzeitig XO zu sein und vorne einen Trupp durch ein Gebäude zu führen.“
Nathan musterte ihn. „Du könntest es noch.“
„Eine Weile.“ Gavin ließ den Blick auf der Gliederung. „Danach hätte jemand anderes beide Aufgaben. Das können wir uns sparen.“
„Der Morningstar bleibt bei den zwölf Fahrzeugen mitgezählt“, sagte Douglas. „Elf Gefechtspanzer und das Führungsfahrzeug. Ich nehme ihn bei Marsch, Versorgung und Wartung mit auf, aber seine Einsatzaufgabe bleibt bei dir.“
Gavin bestätigte es. „Seinen Transportraum halten wir nach Auftrag für Infanterie oder Rüstungsträger frei. Den Führungstrupp plane ich dabei mit ein. Wer tatsächlich mitfährt, steht vor dem Einsatz fest.“
Douglas hob den Blick. „Bei den Fahrzeugen brauche ich die Befehlsbefugnis auch gegenüber Besatzungen, die ihr Gerät selbst mitgebracht haben. Das Eigentum muss sauber vom Dienst getrennt bleiben.“
„Du übernimmst als Captain den Panzerbereich. Die Verträge sichern die Verfügungsrechte für den Einsatz. Bei technischen Sperren hörst du auf deine Werkstatt, wie wir alle.“
Er setzte einen Vermerk. Für ihn schien die Ernennung vor allem eine Lücke zwischen Zuständigkeit und Unterschrift zu schließen. Vivian überließ ihm den Raum, den er für die detaillierte Besatzungsplanung brauchte.
Anna bekam die vorgesehene Lieutenant-Stellung in der Kommandolanze. Ihre Meldungen liefen unmittelbar bei Vivian zusammen; Wilbert und Emma Peters ergänzten die Gruppe. Damit hatte Vivian erfahrene Leute in Reichweite, ohne die ganze Einheit über ihren persönlichen Kanal führen zu müssen.
Als die Aufgaben verteilt waren, legte Arielle ihr Pad auf den Tisch. „Die ehemalige Gruppe von der Conquistador wird nicht geschlossen einer Lanze zugeteilt?“
„Nein, ich lasse den Großteil in deiner Kompanie. Sie kennen sich und vor allem dich. Ihr funktioniert als taktische Einheit, aber ich möchte Rudelbildung vermeiden“, sagte Vivian.
„Ich verstehe. Und was ist mit den anderen beiden?“ Arielle warf Vivian einen seitlichen Blick zu, ihr Gesichtsausdruck war schwer zu deuten.
„Vigouroux komplettiert die erste Kompanie in Jonas‘ Lanze, Bewegungsprofil und Bewaffnung passen sehr gut. Remeeus kommt zu mir in die BatCom.“
„Gut. Ich möchte die Dienstpläne gleichzeitig ausgeben. Sonst erklären wir heute Zusammenführung und haben morgen zwei verschiedene Besprechungen.“ Arielle machte sich Notizen auf ihrem Pad.
Gavin nickte ergänzend. „Meine Leute bekommen dann dieselbe Ausgabezeit.“
Vivian bestätigte es. Arielle schrieb die gemeinsame Ausgabezeit neben die Liste ihrer Unterführer.
Nach der Besprechung blieb sie kurz zurück.
„Colonel.“
Vivian schloss die Projektion. „Ja?“
„Ich hatte mit einer Verwendung als Lanzenführerin gerechnet“, sagte Arielle.
„Du hast lange genug eine Kompanie geführt. Ich brauche jemanden, der die Aufgabe übernehmen kann.“
Arielle sah sie an. Im größeren Gespräch hatte sie jede Frage auf ihre neue Aufgabe bezogen; jetzt ließ sie das Pad an ihrer Seite hängen. „Nach unserem Gespräch gestern war ich mir nicht sicher, ob Sie mich überhaupt in Ihrer Nähe haben wollten.“
„Ich habe dich aufgenommen. Dann muss ich dich auch vernünftig einsetzen.“ Vivian schloss die Übersicht. „Für die zweite Kompanie halte ich dich für die richtige Wahl. Außerdem –“ Sie hielt kurz inne. „Außerdem weiß ich, wie das ist. Nach Hesperus II stand bei den 3rd Davion Guards jeder unter Verdacht, auch die von uns, die unter Hausarrest saßen, weil sie zu Victor standen. Operation Bulldog war unsere Bewährung. Wenn ich genauer darüber nachdenke, hätten wir den Bürgerkrieg damals schon kommen sehen können. Aber wir waren zu sehr damit beschäftigt, uns reinzuwaschen.“
Arielle richtete sich auf. „Dann sehen Sie meine Arbeit, Colonel.“
Vivian gab ihr die Auswertungen frei, um die sie gebeten hatte. Arielle prüfte den Eingang und ging.
Galaport, Galatea
01. November 3067, nachmittags
Galaport, Galatea
02. November 3067, abends
Nia sah die Zahl auf Vivians Pad und schob es zurück.
„Vier zu viel.“
„Vier mehr, als wir bei der Besichtigung geplant hatten.“
„Dasselbe.“
Sie standen in der Mechbucht. Die sechs Maschinen ihrer früheren Gruppe waren inzwischen weitgehend von den Planen befreit. Am Penetrator arbeitete ein Tech von einem eingerasteten Gerüst aus, während unten ein zweiter Mann die abgelegten Panzerplatten ordnete. Achtundzwanzig Mechs, vierundzwanzig reguläre Stellplätze. Vivian hatte die zusätzlichen Krieger aufgenommen; nun musste sie ihre Maschinen unterbringen.
„Die vier müssen ebenfalls mit.“
„Dann brauchen wir ein weiteres Schiff.“
Douglas trat neben Vivian. „Ein Charter würde für die nächste Verlegung reichen. Auf Dauer wird das teuer.“
„Eine beschädigte Conquistador wird nicht größer, wenn ein Charter teuer ist“, sagte Nia.
„Deshalb möchte ich mir mit dir den stillgelegten Jägerhangar ansehen“, sagte Vivian. „Vorerst könnten wir vier Mechs darin transportieren.“
Nia verschränkte die Arme. „Dort sollen wieder Jäger stehen. Und meine Crew darf später alles wieder herausreißen, sobald ich den Hangar brauche?“
„Der Rückbau gehört zum Auftrag. Die Einrichtung soll sich herausnehmen lassen.“
Vom Penetrator kam das kurze Kreischen eines Werkzeugs. Nia wartete, bis es verstummt war. „Du warst einmal dort und hast freie Stellplätze gesehen.“
Vivian erinnerte sich an die aufgerissenen Führungsschienen, die Brandspuren und Nias ruhige Stimme bei der ersten Besichtigung. Drei Angehörige ihrer Deckcrew waren an den Folgen des Treffers gestorben.
„Ich habe dir zugehört, Nia.“
Die Kapitänin betrachtete sie einen Moment und wandte den Blick dann zu den freien Mechbuchten. „Meine Leute haben dort jahrelang gearbeitet. Einige tun sich schon schwer genug damit, den Bereich überhaupt wieder zu betreten.“
„Dann sollten wir mit ihnen sprechen, bevor die Arbeiten beginnen.“
„Das werde ich.“
„Komm. Zeig mir, welche Zugänge du freihalten musst. Vielleicht scheitert es schon daran.“
Im stillgelegten Hangar war es kälter als in der Mechbucht. Nur einige Reihen der Deckenbeleuchtung brannten. Die neun Jägerplätze zeichneten sich noch auf dem Boden ab; dazwischen standen verbliebene Arbeitsbühnen und ein Wagen mit ausgebauten Leitungen. An der beschädigten Außentür hatte der Reparaturbetrieb Markierungen auf den Rahmen gesetzt, ein Absperrband begrenzte die Arbeitszone darunter.
Nia blieb am Zugang stehen und verschränkte wieder die Arme. Vivian ging an den ehemaligen Stellflächen entlang und verglich die Abstände mit dem Grundriss auf ihrem Pad.
„Rahmen, Tor und Außenpanzerung können wir wiederherstellen lassen. Damit wäre der Hangar auch für Fracht und Fahrzeuge nutzbar. Die Spezialteile für das Katapult bekommen wir so bald kaum ersetzt.“
„Ich weiß, was fehlt.“ Nia sah auf die aufgerissene Führung. „Und ich möchte die zweite Starteinrichtung zurück. Wenn die andere ausfällt, hängen sämtliche Jäger daran.“
„Dann lassen wir die brauchbaren Teile dokumentieren und einlagern. Die Transportplätze bleiben herausnehmbar, bis wir den Hangar wieder ausrüsten können.“
Für einen aufrechten Mech war die Außentür zu niedrig, und auch eine geduckte Maschine würde je nach Bauform am Rahmen hängen bleiben. Liegend ließ sich die Höhe deutlich reduzieren.
„Ich würde Valdemars Scoutlanze hier unterbringen“, sagte Vivian. „Sein Hellion, Elsbeths Locust, der Fireball und der Hermes II. Zusammen hundertzehn Tonnen.“
„Den letzten bekommst du aufrecht kaum durch dieses Tor.“
„Wir verladen sie liegend. Jeder bekommt eine Wiege, in der Beine und Rumpf abgestützt werden. Zum Ausschiffen setzen wir die Wiegen auf Schwerlasttransporter und fahren sie hinaus. Draußen richten die Piloten ihre Maschinen auf. Die Stellplätze richten wir auf das Tor aus, damit hier niemand mit einem beladenen Fahrzeug wenden muss. Das Bergefahrzeug stellen wir nahe an den Ausgang.“
„Das brauchst du auch zum Umsetzen.“
„Ja. Und draußen, falls einer der Mechs aus eigener Kraft Schwierigkeiten beim Aufstehen hat.“
Douglas hatte bereits einen neuen Eintrag begonnen. Nia trat näher an die Skizze. „Das Tor muss sich vollständig öffnen lassen. Ich will vorher geklärt haben, wie ihr über die Schwelle und von dort zum Boden kommt. Und hier hinten liegen Anschlüsse, zu denen meine Crew jederzeit kommen muss.“
Vivian verschob die hinterste Wiege und zog einen freien Weg bis zur Seitenwand durch. Nia verfolgte ihn auf dem Bildschirm und sah dann zur entsprechenden Stelle im Hangar.
„Mit dem Fahrzeug daneben wird es eng.“
„Dann kommt das weiter nach vorn.“
Nia zeigte auf die alten Halterungen im Boden. „Die Sicherungen müssen neu berechnet werden. Wir fliegen hier ein militärisches Schiff. Meine Piloten müssen auch bei hohen Beschleunigungen manövrieren können, ohne dass uns ein Mech oder ein beladener Transporter durch den Hangar rutscht.“
„Die Wiegen bekommen herausnehmbare Verankerungen. Dein Ingenieur prüft die tragfähigen Befestigungspunkte und gibt die Belastungen vor, der Betrieb legt die Sicherungen dafür aus. Douglas liefert die vollständige Aufstellung mit Fahrzeugen und Bergegerät.“
Der Boden hatte Luft-/Raumjäger samt Ausrüstung getragen; das Gewicht der vier Mechs allein war kein Grund, den Vorschlag zu verwerfen. Ob Wiegen, Fahrzeuge und Verankerungen die Last sauber in die Schiffsstruktur übertrugen, mussten die Berechnungen zeigen.
„Die Mechs bleiben während des Flugs abgeschaltet“, sagte Vivian. „Reparaturen erledigen wir an Land. Hier bauen wir reine Transportplätze ein.“
Nia ging bis an den Rand der Arbeitszone. „Damit verlierst du Zeit beim Ausschiffen. Und einen Combat Drop kannst du mit ihnen vergessen.“
„Ja. Die übrigen Maschinen übernehmen die erste Sicherung, Valdemars Lanze kommt nach, sobald sie entladen ist. Das muss bei jeder Landeplatzwahl und jedem Einsatzplan berücksichtigt werden.“
Nia schwieg einen Moment. Dann zeigte sie auf den eingezeichneten Platz des Bergefahrzeugs. „Das stellen wir hierhin. Wenn vorne etwas liegen bleibt, muss es an den anderen Fahrzeugen vorbeikommen.“
Vivian änderte die Skizze. Douglas öffnete seine Beschaffungsliste und ging die Stände durch: Der Rechnerblock für die Heckfeuerleitung war verfügbar, die Gaussmunition bestätigt, die Rotary-Magazine kamen in zwei Tranchen. Für die freien Schützenstellen lagen zwei Bewerbungen vor, einen dritten Kandidaten sah sich die Crew am nächsten Tag an. Die Außenarbeiten deckte die Kreditvereinbarung; für Wiegen und Verladeausrüstung brauchten sie einen Zusatz.
„Und der Rückbau?“, fragte Nia.
„Kommt als eigener Bestandteil in den Auftrag. Einschließlich der Lagerung der ausgebauten Teile.“
„Ich will, dass das verbindlich drinsteht.“
„Das wird es.“
Nia ging den vorgesehenen Zugang an der Seitenwand noch einmal ab, blieb an einem Anschluss stehen und prüfte den Abstand zu den geplanten Stellplätzen. Als sie zurückkam, reichte sie Vivian das Pad.
„Unter diesen Bedingungen lasse ich es planen. Meine Crew muss an jeden Platz und an die Anschlüsse kommen. Die Sicherungen werden für unsere Manöver abgenommen, und das Ausschiffen gehört zur Prüfung. Die Freigabe geben mein Ingenieur und ich.“
„Einverstanden.“
Douglas nahm die Anforderungen in den Prüfauftrag auf und schickte ihn an die Schiffsverwaltung.
Auf dem Rückweg hielt eine Angehörige der Deckcrew Nia mit einer Frage zur nächsten Schicht auf. Als die Frau weiterging, blieb Nia bei Vivian.
„Arielle hat mir gesagt, dass du ihr die zweite Kompanie gibst.“
„Ja.“
„Sie wird sie führen können.“
„Das erwarte ich.“
Nia sah sie kurz an. Dann öffnete sie die Tür zum Verbindungsgang und hielt sie für Vivian und Douglas auf.
Halle C-12, Galaport
03. November 3067
Vivian fand Stephan Waikerepuru vor dem Materialtisch mit einer Uniformjacke, deren Ärmel knapp unter seinen Ellenbogen endeten. Er betrachtete die Größenangabe und legte die Jacke vorsichtig zurück.
„Die kannst du liegen lassen“, sagte die Frau hinter dem Tisch. „Deine Größe ist noch nicht dabei.“
„Das stand auch auf der letzten Kiste.“
„Und du hast trotzdem nachgesehen?“
„Hätte ja falsch beschriftet sein können.“
Sie schmunzelte und reichte ihm eine Hose. „Die hier ist für dich. Bei der Jacke musst du noch warten.“
Stephan ging damit zur abgetrennten Umkleide und musste einen Schritt seitwärts machen, weil Dagan aus demselben Bereich kam. Der Elementar trug eine anthrazitfarbene Jacke, die an den Schultern erstaunlich gut saß. Über dem Brustkorb hatte er sie nur mit Mühe schließen können. Rika zog ihm den umgeschlagenen Kragen heraus.
„Und?“
Dagan sah an sich hinunter. „Etwas eng an der Brust.“
Er hob beide Arme und führte die Hände vor dem Körper zusammen. Noch bevor er ganz nach vorn greifen konnte, riss mit einem trockenen Laut die Naht unter seinem rechten Arm auf. Rika hob die abstehende Stoffkante mit zwei Fingern an und ließ sie wieder fallen.
Die Quartiermeisterin legte ihren Stift beiseite. „Gut. Dann bestellen wir für dich doch die Sonderanfertigung.“
„Die Größe sollte passen“, sagte Dagan.
„Solange du stillstehst, tut sie das auch. Zieh sie bitte wieder aus. Und jetzt noch einmal die Arme nach vorn. Ohne Jacke.“
Vivian blieb am Rand stehen, während Rika das Ende des Maßbands festhielt. Zum ersten Mal seit Tagen hatte hier jemand ein Problem, das sich mit genügend Stoff lösen ließ.
„Du bist zu früh“, sagte Nathan hinter ihr.
Er trug bereits die neue Felduniform. Das Anthrazit nahm den kräftigen Farbton seiner Haare deutlicher auf als seine bisherigen Jacken; auf dem Oberarm saß das Einheitszeichen.
„Douglas hat mich um zehn bestellt.“
„Eben.“
Vivian sah auf die Uhr. „Es ist neun Uhr sechsundfünfzig.“
„Du hättest dir ruhig noch einen Kaffee holen können.“
„Soll ich wieder gehen?“
„Nein. Jetzt hast du uns schon gesehen.“
Vivian hatte das Budget für die Uniformen freigegeben und die beiden Zeichen geprüft. Wie viel davon heute bereits zusammenkommen würde, hatte Nathan ihr nicht gesagt. Douglas stand an einem Kleiderständer, in einer Uniform, die deutlich besser saß als Nathans. Vivian vermutete, dass er das Maßblatt persönlich nachgerechnet hatte.
„Die Standardgrößen sind geliefert“, sagte er und reichte ihr eine Jacke. „Zwei vollständige Sätze für jeden. Auf ein paar Sondergrößen warten wir noch.“ Er sah kurz zu Dagan hinüber. „Seine bestellen wir neu.“
Vivian strich mit dem Daumen über das Patch. Der rote Umhang rahmte die helle, gepanzerte Schnittermaske ein; Sense und Schrift lagen auf schwarzem Grund innerhalb des rot eingefassten Zeichens. McFairley's. Ihr Name war der unbequemste Teil geblieben.
Sie zog die Jacke an. An den Schultern hatte sie Platz, doch die schmalste Stelle saß zu hoch, und der Saum rutschte nach oben, sobald sie ihn losließ. Die Quartiermeisterin ließ sie beide Arme heben und strich den Stoff unterhalb der Rippen glatt.
„Der Damenschnitt passt in der Weite. Für Ihre Größe ist der Oberkörper zu kurz.“
„Ich dachte schon, ich hätte sie falsch zugezogen.“
„Nein, Sie sind nur länger als unser Muster.“ Sie setzte zwei Klammern. „Geben Sie mir die Jacke nachher wieder. Morgen ist sie fertig.“
„Braucht ihr mich heute noch darin?“
Nathan hob eine Hand. „Nur kurz. Ich wollte dir noch etwas zeigen.“
Der Night Gyr stand in seinem Wartungsstand. Über das helle Grau der Tarnbemalung liefen dunkle Flecken und kräftige rote Flächen. Neu war das Hauptzeichen auf einer seitlichen Torsofläche, die rote Kapuze in der Größe der Panzerplatte, die helle Maske von der Laufzone aus gut sichtbar. Auf der anderen Seite trug die Maschine das Zeichen der Mechkräfte: rote Ähren mit heller Bindung, darüber die gebogene Klinge der Sense.
„Das war gestern noch nicht drauf.“
„Gestern Abend schon“, sagte Nathan. „Nach der letzten Prüfung. Ruben hat uns drangelassen.“
Der Werkstattleiter stand am benachbarten Enforcer. Ruben Falk war mittelgroß, mit kurzen graubraunen Haaren und einem linken Ohr, das eine alte Verbrennung verformt hatte. Er legte den Pinsel, den er gerade prüfte, in eine Ablage und kam herüber. „Nathan wollte es dir unbedingt heute zeigen. Am Night Gyr waren wir mit den offenen Arbeiten durch.“
Vivian sah über ihre Maschine hinaus. Jonas' Enforcer hatte die olivfarbenen Restflächen verloren. Dahinter stand Nathans Dervish, dessen ungewöhnliche Waffenarme in der gleichen Bemalung etwas weniger nach einem eigenen Projekt wirkten. Am Griffin zog ein Tech einen langen Streifen Maskierung ab; die rote Fläche darunter hatte eine saubere Kante.
„Wie viele habt ihr schon geschafft?“
„Ganz fertig sind noch nicht alle“, sagte Ruben. „Wir nehmen sie dran, wie es die Wartung zulässt. Wo noch etwas offen ist, bleibt der Lack erst einmal weg.“
„Das ist gut geworden.“
Draußen auf dem Stellplatz trugen Douglas' Condor und ein Pegasus bereits die neuen Farben; am Ontos arbeiteten zwei Männer auf einem Gerüst an den oberen Flächen. Wo bisher fremde Lackierungen und verschiedene alte Einheiten nebeneinandergestanden hatten, ließ sich jetzt ein Verband erkennen. Am offenen Tor wartete Jian Wu auf eine Freigabe für seine Wolverine. Als er Vivian sah, zeigte er mit einem zufriedenen Lächeln auf das Zeichen an seinem Arm.
„Was hat uns das bisher an Arbeitsstunden gekostet?“, fragte sie.
Douglas nannte den Aufwand. Material und Schablonen hatten sie erst nach Freigabe der Zeichen bestellt, Nathan hatte die Firmen gegeneinander rechnen lassen, Ruben die Wartungsfenster festgelegt, und einen Teil der Arbeit hatten die Besatzungen selbst gemacht. Zusätzliche Arbeiten waren einzeln erfasst, damit sie nicht unsichtbar im Ersatzteilbudget verschwanden.
Nathan sah zu Vivian. „Du hast immerhin länger gewartet, als ich dachte.“
„Womit?“
„Mit der Frage nach den Kosten.“
„Ich habe doch gesagt, dass es gut aussieht.“
„Ja. Das hat mich gefreut.“
Sie blickte noch einmal durch die Halle zum Night Gyr. Für eine Weile sagte keiner von ihnen etwas. Douglas nahm eine Mappe aus seinem Padhalter.
„Ich habe die Aufstellung dabei.“
Vivian legte ihm kurz die Hand auf den Unterarm. „Nachher.“
Am Materialtisch lief die Ausgabe weiter. Katerina hatte ihre neue Hose zweimal umgeschlagen und verglich die Etiketten eines zweiten Paars mit mehr Ernst als einige ihrer taktischen Karten, bis Nadine Krall ihr erklärte: „Andere Länge. Gleiche Weite.“ Vivian gab ihre Jacke ab.
„Das Zeichen bleibt aber dort?“
„Da muss ich nicht ran. Sie bekommen dieselbe Jacke zurück.“
Nathan wandte sich mittlerweile Rika zu und führte ihr mit aufgeblähtem Brustkorb und eng angelegten Ellenbogen vor, wie Dagan sich in der Jacke bewegt hatte. Rika betrachtete erst seine Arme, dann sein Gesicht und legte den Kopf schief; Vivian wandte sich ab, bevor Nathan ihr Grinsen sehen konnte.
Valdemar stand neben dem Tisch und betrachtete die beiden Zeichen auf dem ausgelegten Musterblatt. Als sie zu ihm kam, deutete er auf die roten Ähren. „Warum habt ihr für die Mechkräfte Getreide gewählt?“
„Meine Familie baut es an. Und früher hat man Getreide mit einer Sense geerntet.“
„Daher die Waffe.“
„Eigentlich ein Werkzeug. Nathan hat dann die Verbindung zum Sensenmann gezogen. Man stellt den Tod manchmal als eine Gestalt mit einer Sense dar. Daher auch der Name: Schnitter.“
Valdemar betrachtete die helle Maske unter der roten Kapuze. „Der Tod als jemand, der Menschen erntet.“
„Ja. Das ist das Bild dahinter.“
„Eine faszinierende Vorstellung.“
Vivian konnte nicht erkennen, ob ihm die Erklärung gefiel oder neue Fragen aufgeworfen hatte. „Wo soll das an meinem Hellion sitzen?“, fragte er.
„Das zeigt dir Ruben.“
Als er sich abwandte, fiel erst auf, wie viel Stoff an den Seiten seiner Jacke übrig blieb, während die Ärmel über den Handgelenken endeten. Die Quartiermeisterin hielt ihn auf, bevor er gehen konnte. „Sie brauchen die Langgröße.“ Valdemar zog die Jacke wieder aus und ließ sich vermessen, bevor er zu Ruben ging.
Conquistador-Landungsschiff, Galaport, Galatea
04. November 3067
Der Night Gyr war am Vortag an Bord gebracht worden. Ruben hatte einen Teil der Mechtechs mitgenommen, die übrigen blieben in den angemieteten Hallen; die Verlegung des Bestands würde schrittweise erfolgen. Für die vier provisorischen Plätze war erst der technische Auftrag abgestimmt.
Im Kommandozentrum hatten sich die ersten Gewohnheiten bereits gebildet. Douglas stellte sein Pad an der Logistikstation ab, Helena legte die Unterlagen zur Luftlage auf einen eigenen Tisch, und Gavin hatte die Infanterieübersicht dort befestigt, wo er sie beim Gespräch mit den Mechführern sehen konnte. Nia hatte bereits eine lose Kabelverbindung entfernen lassen, über die am Vortag jemand gestiegen war.
Als auch Arielle angekommen war, eröffnete Vivian die Besprechung. „Die Ausbildungsstände der einzelnen Bereiche haben wir. Jetzt müssen wir sehen, wie die Leute zusammenarbeiten. Gavin, was können wir diese Woche schon machen?“
„Mit den Einweisungen können wir anfangen. Für die Simulatoren haben wir Zeiten angefragt, bei den Geländeübungen fehlen uns noch zwei Bestätigungen.“
Owen zog die Teilnehmerliste näher. „Bei den Märschen müssen wir nach Belastbarkeit aufteilen. Wenn die Elementare ihr normales Tempo gehen, bleibt die Hälfte schon auf dem Hinweg auf der Strecke – vor allem unsere Mechjockeys.“
Nathan hob eine Augenbraue und lehnte sich zurück. Vivian musste sich ein Lächeln verkneifen, während Owen bereits weiterzeigte. „Henka bekommt nur die Anteile, für die sie medizinisch freigegeben ist. Die Hindernisbahn fällt vorerst aus. Klettern und Hochziehen gehen mit der Hand noch nicht.“
„Sie bleibt trotzdem in der Übung“, sagte Gavin und trug die Einschränkungen für sie und zwei weitere Leute direkt neben ihren Namen ein.
Jonas zeigte auf einen Simulatorlauf. „Den möchte ich zweimal machen. Beim ersten Durchgang bekommen sie einen klaren Auftrag und vollständige Meldungen. Beim zweiten fällt ein Teil der Verbindung aus. Dann sehen wir, ob sie auch ohne ständige Rückfragen weiterkommen.“
„Mit einer Auswertung dazwischen, und für den zweiten Durchgang ändern wir die Missionsparameter“, sagte Arielle. „Wenn schon der erste nicht funktioniert, müssen wir das mit ihnen durchgehen, bevor wir ihnen auch noch den Funk nehmen.“
Gavin ergänzte den Block. Helena trug für ihre Piloten Formations- und Manöverübungen ein, dazu Anflug, Zielzuweisung und Abbruch eines Angriffs im Zusammenspiel mit den Bodentruppen. Nia hielt die Schiffsarbeiten daneben fest.
„Heute ziehen die nächsten Leute in ihre Quartiere. Vorher machen sie die Schiffseinweisung: Brandschotts, Sammelpunkte, gesperrte Bereiche. Auch diejenigen, die schon auf anderen Landungsschiffen unterwegs waren.“
„Können wir die erfahrenen Leute zusammen einweisen?“, fragte Nathan.
„Solange sie hinterher ihre Wege kennen, gern. Gestern wollte einer durch den gesperrten Abschnitt abkürzen, weil sein Quartier auf der anderen Seite liegt.“
Danach erklärte Vivian den Unterführern ihre Absicht für die ersten Wochen. Die Einheit sollte einen Auftrag auch dann weiterführen können, wenn die Verbindung zur Führung ausfiel. Meldungen mussten so knapp und so genau werden, dass andere etwas mit ihnen anfangen konnten. Ein Mechkrieger sollte wissen, weshalb die Infanterie an einer Stelle blieb, ein Panzerführer, welche Passage sein Fahrzeug freihalten musste. Persönliche Leistungswerte würden sie weiterhin prüfen; für die Verbundausbildung zählte, was der Verband tatsächlich erreichte.
Arielle sah von den Übungszielen auf. „Wie bewerten wir einen Abbruch? Wenn der Teileinheitsführer seine Leute zurücknimmt, bevor sie das Ziel erreicht haben?“
„Er muss begründen können, warum. Nehmen wir den Verwundetentransport: Sie kommen zum Verwundeten durch, aber der Rückweg ist nicht gesichert. Wenn sie trotzdem weitergehen, sitzen am Ende womöglich alle dort fest. Dann ziehen sie sich zurück, melden die Position und klären, was den Rückweg sperrt. Mit den Informationen setzen wir die Bergung neu an – über einen anderen Zugang oder mit zusätzlicher Sicherung. Der Abbruch beendet diesen Versuch. Die Leute müssen trotzdem raus.“
Als die Besprechung endete, stand ein brauchbarer Arbeitsplan für die kommenden Tage. Vivian hielt Nia und die Führungsoffiziere noch zurück.
„Einen Punkt müssen wir noch festlegen. Die Nachfolge bei den Kampftruppen kennt ihr.“ Sie wandte sich an Nia. „Schiffsführung und Transport bleiben bei dir. Auch während eines Bodeneinsatzes.“
Nia stellte ihr Pad auf die Tischkante. „Dann lass uns die Evakuierung gleich mit klären. Angenommen, ihr seid noch draußen, und ich muss die Leute hier an Bord wegbringen. Wer entscheidet, wenn ich euch nicht erreiche?“
„Wenn die kämpfende Führung ausgefallen ist und du niemanden aus der festgelegten Nachfolge mehr erreichst, übernimmst du den Oberbefehl über den verbleibenden Verband. Crew, Techs, Angehörige und Zivilisten. Solange wir Verbindung haben, stimmen wir uns ab. Danach musst du mit der Lage entscheiden, die du hast.“
„Das heißt im schlimmsten Fall, ich hebe ab, obwohl noch Leute fehlen.“
„Ja.“
„Auch du.“
„Auch ich. Wenn du nicht länger warten kannst, bringst du die anderen raus.“
Nia nahm ihr Pad wieder auf. „Dann brauche ich von euch während eines Einsatzes regelmäßig den Stand der Rückführung. Wer ist unterwegs, wer fehlt, und wo suchen wir noch?“
Gavin ließ die Evakuierungsaufgaben bei seinem Führungstrupp und Nias Crew gemeinsam eintragen, und Douglas gab die ergänzte Fassung aus. Nia blieb noch, um mit Vivian die Belegung der Quartiere zu prüfen.
„Miriam steht übrigens für heute Abend auf der Passagierliste“, sagte sie dabei. „Gavin lässt sie abholen.“
Miriam Dace hatte ihre Reise seit Wochen vorbereitet: zuerst die Übergabe im Depot, dann eine Passage, deren Anschlüsse nie ganz so sicher gewesen waren, wie Vivian es gern gehabt hätte. Die letzte Nachricht von einem Zwischenhalt hatte eine knappe Beschreibung der Transportverhältnisse und eine deutlich längere Frage nach dem Ersatzteilbudget enthalten.
„Ich bin heute Abend mit Helena und Owen essen“, sagte Vivian. „Falls sie vor mir da ist, bringt sie zu Ruben. Ich komme danach in die Werkstatt.“
„Ich gebe es Gavin weiter.“
__________________ Wer aufhört besser zu werden, hat aufgehört gut zu sein!
"Ich treffe alles, was ich sehe!"
Starcolonel Kurt Sehhilfe, Clan SeeBug
|
|
18.10.2026 13:38 |
|
|
Andai Pryde
Colonel

Dabei seit: 01.05.2003
Beiträge: 4.933
Herkunft: Berlin
Themenstarter
 |
|
Conquistador-Landungsschiff, Galaport, Galatea
04. November 3067, früher Abend
Steve Ramos hatte die Jacke schon angezogen, als ihm auffiel, dass der linke Ärmel noch nach innen umgeschlagen war. Er zog sie wieder aus, faltete den Ärmel auf und schlüpfte erneut hinein. Neben der Tür warteten die beiden Infanteristen, die ihn am Nachmittag gefragt hatten, ob er mitkäme. Tim Berger hatte sich die Haare mit Wasser aus der Stirn gestrichen. Aaron Keßler trug dieselben Stiefel wie im Dienst, jetzt mit einem wenig erfolgreichen Versuch, die hellen Werkstattspuren von den Kappen zu entfernen.
Steve nahm seine Identkarte vom Tisch und deutete auf Aarons rechten Stiefel.
„Da hängt noch die halbe Werkstatt dran.“
Aaron sah hinunter und rieb die Kappe hinten an seinem anderen Hosenbein. „Besser?“
„Jetzt hast du es an der Hose.“
„Hinten sieht das keiner.“
Sie gingen zur Schleuse. Im Verbindungsgang kam ihnen Jana Seidel entgegen. Sie blieb vor Steve stehen und griff nach seinem Kragen.
„Warte mal. Der steht hinten hoch.“
Steve hielt still, während sie den Stoff glatt zog. Jana musste sich dazu kaum strecken. Sie war eine große Frau mit kräftigen Schultern und einem breiten, hellen Gesicht, in dem die graublauen Augen dicht unter den Brauen lagen. Ihr blondes Haar war im Nacken zusammengebunden; zwei kürzere Strähnen hatten sich an den Ohren gelöst. Unter ihrer offenen Jacke spannte das Hemd über den Schultern, als sie noch einmal nach der hinteren Kragenkante griff.
„So. Jetzt kannst du dich sehen lassen.“
„Ich hätte ihn unterwegs noch gerichtet.“
Jana sah ihn an, dann lächelte sie. „Ganz bestimmt.“
Steve hatte am Mittag gesehen, wie sie in ihrer Rüstung einen Übungskörper aus einem engen Durchgang gezogen hatte. Nun schob sie ihm mit derselben kräftigen Hand die Jacke auf der Schulter zurecht und ging mit ihnen weiter.
An der Schleuse standen Martin Voss, Nadine Krall und Felix Arendt, die drei anderen Angehörigen von Janas Gefechtsrüstungslanze. Martin beugte sich über die Wegskizze des Wachhabenden und zeigte auf eine Abzweigung. Er war knapp zwei Meter groß und so breit gebaut, dass Steve zunächst nur seinen Rücken und den Mann hinter dem Schalter sah. Als Martin sich zu ihnen umdrehte, fiel ihm das dunkelbraune Haar in die Stirn. Er schob es zurück und winkte sie heran.
„Wir gehen hinter den Händlerhallen durch. Da ist eine Kneipe, die ich kenne. Ordentliches Essen, und die Preise sind nicht für Mechkrieger mit frisch ausgezahltem Sold gemacht.“
„Du weißt noch, wo sie ist?“, fragte Nadine.
„Natürlich.“
Felix löste sich von der Seitenwand. Er war fast so groß wie Martin, wirkte neben ihm aber länger und schmaler. Als ein Crewmitglied an ihm vorbei zur Schleuse wollte, drehte er seine breiten Schultern aus dem Weg und stellte sich näher an den Schalter.
„Beim letzten Mal bist du erst an der falschen Tür gewesen.“
„Die hatten das Schild geändert.“
„Klar. Wäscherei, Kneipe. Kann man leicht verwechseln.“
Martin sah ihn an. Eine kleine Narbe zog sich schräg bis an seine Oberlippe; als er den Mund verzog, wurde sie deutlicher.
„Das war derselbe Hauseingang.“
Nadine reichte dem Wachhabenden ihre Karte. „Dann finden wir es ja. Zur Not fragen wir bei der Wäscherei.“
Steve gab seine Karte zur Abmeldung ab. Bei Jana dauerte die Prüfung etwas länger, weil das neue Einheitenverzeichnis noch nicht in allen Feldern ergänzt war. Sie wartete neben dem Schalter, während der Wachhabende die Zugehörigkeit abglich.
Dagan und Rika kamen durch den Gang. Dagan zog den Kopf unter dem niedrig sitzenden Leitungsgehäuse ein. Er trug sein altes Hemd; Rika hatte ihre graue Jacke über den Arm gelegt. Martin trat vom Schalter zurück und machte ihnen Platz.
Nadine wandte sich zu Rika. „Kommen die anderen drei auch noch?“
„Sie prüfen die Ersatzteillisten. Morgen gehen sie die Anzüge mit euren Techs durch.“
„Und ihr habt genug davon?“
„Für heute.“
Dagan betrachtete die wartende Gruppe.
„Ihr geht öfter zusammen trinken?“
„Wenn wir Zeit und Geld dafür haben“, sagte Martin.
„Und das soll uns helfen, als Einheit zu kämpfen?“
Martin nahm seine Karte wieder entgegen. „Wir essen erst einmal zusammen. Dabei kann man sich auch unterhalten, ohne dass einer eine Übung auswertet.“
„In einer Übung erfahre ich mehr über einen Krieger.“
„Dann weißt du hinterher, wie ich kämpfe. Was ich sonst für ein Mensch bin, kannst du heute Abend herausfinden.“
Dagan sah zu Rika. Sie legte die Jacke auf ihrem Arm zurecht.
„Wir sind jetzt bei ihnen“, sagte sie. „Ich möchte sehen, wie sie ihre freie Zeit verbringen.“
„Betrunken nützen wir morgen niemandem.“
„Du musst dich nicht betrinken“, sagte Nadine. „Die haben auch Wasser.“
Rika nickte und trat an den Schalter. Dagan blieb bei ihr, während der Wachhabende ihre Karten prüfte. Als Martin anschließend zur Schleuse ging, folgten beide.
Draußen war es kühl geworden. Zwischen den Gebäuden stand noch der Geruch der letzten Landung, vermischt mit feuchtem Staub. Die Gruppe hielt sich am Rand der Fahrbahn, wo Lieferwagen vor Werkstatttoren warteten. Über einem Durchgang wechselte eine Leuchttafel zwischen freien Simulatorzeiten und einer Werbung für Mechversicherungen.
Tim blieb einen Augenblick darunter stehen und las die Beitragssumme vor.
„Dafür könnte ich meine Unterkunft monatelang bezahlen.“
Felix sah zu ihm zurück. „Willst du dir einen Mech kaufen?“
„Bei den Preisen wohl eher nicht.“
„Dann komm. Martin sucht schon den nächsten Hauseingang.“
Jana ging neben Rika. Sie sprachen über die Materialausgabe und die nötigen Änderungen an den Jacken. Martin nannte einen Schneider in der Nähe der Händlerhallen. Rika hob den Stoff auf ihrem Arm an und zeigte Jana eine Stelle unter dem Ärmel. Jana prüfte die Naht zwischen Daumen und Zeigefinger und fragte, wie weit sie beim Greifen spannte. Als sie an der nächsten Kreuzung abbogen, waren die beiden noch damit beschäftigt.
Steve ging hinter ihnen. Es war angenehm, einmal keinen Auftrag in der Hand zu haben und nicht auf einen Transport warten zu müssen. Martin blieb an einem geschlossenen Laden stehen, blickte durch die Scheibe und ging dann weiter.
„Auch noch nicht“, sagte Felix hinter ihm.
Martin hob die Hand, ohne sich umzudrehen. Wenige Schritte später hatte er das Schild der Kneipe gefunden.
***
Die Kneipe lag zwischen einem Ersatzteilhandel und einer Wäscherei, deren Schaufenster auch nach Geschäftsschluss beleuchtet blieb. Über dem Eingang hing die dunkle Silhouette eines Mechs. Darunter stand in mehrfach nachgezogenen Buchstaben: Zum letzten Gefecht.
Martin hielt die Tür auf. „Hier sind wir.“
Felix betrachtete das Schild. „Hoffentlich ist das Essen besser als der Name.“
Der Wirt sah von der Theke auf und hob die Hand. Martin erwiderte den Gruß und ließ die anderen vor.
Steve trat als Letzter ein. Nach der kalten Luft draußen war der Gastraum angenehm warm und roch nach gebratenen Zwiebeln, Bier und feuchten Jacken. Rechts zog sich die Theke bis über die Mitte des schmalen Raums. An der gegenüberliegenden Wand standen kleine Tische; weiter hinten gab es Platz für größere Gruppen und einen Durchgang zu den Toiletten. Einige Plätze waren frei. Über den besetzten Stuhllehnen hingen olivgrüne, sandfarbene und dunkelblaue Feldjacken, an den Ärmeln unterschiedliche Einheitswappen. An der Theke saßen zwei Männer in grauen Overalls neben einer Frau, die ihre rote Uniformjacke offen trug; ihre Unterhaltung ging im Stimmengewirr der Tischgruppen unter.
Hinter der Theke lief Musik aus einem Lautsprecher, dessen Gehäuse mit Klebeband zusammengehalten wurde. Ein Mann in einer fremden Felduniform trommelte mit zwei verbundenen Fingern auf seinen Krug und hörte seinem Nachbarn zu.
Dagan blieb kurz hinter der Tür stehen. Sein Blick ging über die Krüge auf der Theke und die Gäste davor. Rika wartete neben ihm, bis Martin ihnen den hinteren Bereich zeigte.
Die Wirtin kam ihnen mit einem Stapel Karten entgegen. Sie zählte die Gruppe, sah zu den Elementaren hoch und stellte die Karten auf der Theke ab.
„Ihr seid zu neunt?“
„Ja. Hast du hinten noch Platz?“, fragte Martin.
„Hab ich. Geht schon durch, ich hole noch zwei andere Stühle.“
Martin zog seine Jacke aus und führte sie an der Tischreihe vorbei. Die Ärmel seines Hemdes lagen eng um die kräftigen Oberarme. Er hob die Jacke über die Lehne eines besetzten Stuhls hinweg und wartete vor einer schmalen Stelle, bis der Gast seine Beine eingezogen hatte. Dagan blieb hinter ihm stehen. Als auch er und Rika durch waren, folgte Steve mit Jana.
Im hinteren Bereich schob die Wirtin zwei Tische zusammen. Sie brachte zwei breite Stühle mit zusätzlichen Streben. Martin und Nadine nahmen die Bank an der Wand, Felix saß am vorderen Ende. Jana setzte sich an die hintere Stirnseite, Steve neben sie auf die Gangseite. Tim und Aaron fanden gegenüber den Elementaren noch Platz. Durch den freigebliebenen Gang konnte Steve bis zur Eingangstür sehen.
Nadine zog ihr blondes Haar aus dem Jackenkragen und band es neu zusammen. Mit den angehobenen Armen nahm sie fast so viel Platz auf der Bank ein wie Martin. Ihr kräftiger Rücken spannte den Stoff, doch ihr Gesicht war schmaler als Janas, mit einer geraden Nase und einer feinen hellen Narbe an der Wange. Sie ließ die Hände sinken und nahm die Karte, die Martin vor sich ausgebreitet hatte.
„Was kannst du empfehlen?“
Martin zeigte auf eine der Pfannen. „Die hatte ich letztes Mal. Kartoffeln, Fleisch, Zwiebeln. Die große macht satt.“
„Gut. Die nehme ich.“
„Für mich auch“, sagte Martin zur Wirtin.
Felix bestellte dasselbe. Beim Hinsetzen hatte er den Stuhl etwas schräg stellen müssen, um seine langen Beine unter den Tisch zu bekommen. Er strich sich das längere braune Haar aus den Augen. In seinem schmalen Gesicht lag eine müde Ruhe, die ihn aussehen ließ, als könne man ihn dort noch eine Stunde auf das Essen warten lassen. Erst als die Wirtin nach dem Pfeffer fragte, lächelte er unter seinem kurzen Bart.
„So wie letztes Mal?“
„Etwas weniger.“
„Du hast gesagt, es war genau richtig.“
„Das war vor dem ersten Bissen.“
Sie strich etwas auf ihrem Block durch. „Dann diesmal weniger.“
Steve ließ sich das Gericht ebenfalls empfehlen. Die Elementare bekamen auf ihre Frage nach der Portionsgröße eine eigene Erklärung der Wirtin und bestellten danach beide zusätzlich Brot. Bei den Getränken blieb Dagan bei Wasser. Rika betrachtete Martins Bestellung, fragte die Wirtin nach einem kleineren Glas und nahm schließlich eines davon.
Als die Getränke kamen, rückte Jana die Karten zusammen, damit die Krüge Platz fanden. Auf ihrem rechten Daumen lag eine rote Druckstelle. Sie merkte, dass Steve hinsah, und drehte die Hand.
„Vom Handschuh. Die Aufnahme war zu eng.“
„Ist das schon geändert?“
„Ja. Morgen probiere ich es noch einmal.“
Rika beugte sich über den Tisch. „Nur dort, oder auch beim Schließen der Hand?“
„Hier, wenn ich ganz zugreife.“ Jana legte den Daumen an die Handfläche. „Bei kleinen Bewegungen merke ich fast nichts. Wenn ich etwas festhalte, drückt es gegen den Knochen.“
Rika ließ sich zeigen, wo die innere Aufnahme saß. Dagan stellte sein Glas beiseite und machte Janas Bewegung nach.
„Bei einem unserer Elementar-Anzüge hatten wir dort eine Verstärkung ändern lassen. Zuerst hatten die Techs nur die Polsterung ersetzt.“
„Und danach war es immer noch da?“, fragte Jana.
„Bei jedem Greifen.“
Martin hörte zu. „Bei unseren Standardanzügen hängt viel davon ab, wie sauber die Aufnahme eingestellt ist. Wenn du sie weiter machst, hast du manchmal beim Öffnen zu viel Spiel.“
Rika sah auf Janas Hand. „Dann behebt ihr den Druck und verschlechtert die Führung.“
„Deshalb geht morgen ein Tech mit uns jede Bewegung durch“, sagte Martin. „Mit Belastung. Leer hat sich der Handschuh heute Morgen noch gut angefühlt.“
Dagan zog Janas Karte ein Stück zur Seite, damit sie die Hand frei auflegen konnte.
„Unsere Anzüge reagieren feiner. Eure Technik ist einfacher, aber für eure Leute ausreichend.“
Martin sah ihn kurz an. Seine Hand blieb neben dem Krug liegen. Dann wandte er sich wieder Jana zu.
„Ruben hat jemanden für die Innenaufnahmen vorgesehen. Zeig ihm gleich die Hand, bevor du den Handschuh anziehst.“
Nadine beugte sich über den Tisch. „Mach vorher ein Bild. Morgen ist die Stelle vielleicht schon wieder weg.“
„Und dann heißt es, ich hätte falsch gegriffen.“
„Dann zeigst du ihnen das Bild.“
Jana zog ihr Pad heraus. Steve rückte seinen Krug aus dem Weg, damit sie die Hand auf die Tischplatte legen konnte. Dagan hielt sein Glas ebenfalls zurück und wartete, bis sie fertig war.
Die Wirtin brachte das Essen. Für eine Weile beschäftigten sie sich mit den heißen Pfannen und dem Brotkorb. Tim nahm den ersten Bissen zu hastig. Er hielt kurz inne, schluckte mit Mühe und griff nach dem Wasser.
Felix schob ihm den Krug näher. „Die Pfanne bleibt heiß. Du hast Zeit.“
Tim trank und nickte, diesmal vorsichtig.
Dagan probierte die Sauce, nahm noch etwas davon und reichte die Schale an Rika weiter. Sie gab sie Jana, die vorsichtig kostete und sich schließlich ebenfalls bediente. Es war das erste Mal, dass Steve die beiden länger außerhalb der Einweisungen erlebte. Dagan sprach wenig, hörte aber zu. Rika wollte wissen, welche Händler Ersatzteile tatsächlich auf Lager hatten.
Martin nannte mehrere. Bei einem Namen schüttelte Felix den Kopf.
„Den würde ich mir sparen.“
„Wieso? Er hat geliefert.“
„Nach wie vielen Nachfragen?“
„Wir haben die Teile bekommen.“
Vom Nebentisch kam die Stimme der Wirtin. „Falls ihr den Mann am südlichen Tor meint: Der schuldet mir seit zwei Monaten Geld.“
Felix hob die Hand in ihre Richtung und sah Martin an.
Martin kaute zu Ende, zog die Getränkekarte zu sich und schrieb einen anderen Namen auf die Rückseite.
„Der hier hat einen Laden. Da kannst du hingehen und dir ansehen, was er hat.“
Rika nahm die Karte und steckte sie ein. Als Nadine ihr Brot anbot, nahm sie ein Stück und fragte nach den angemieteten Unterkünften, in denen die anderen vor dem Einzug auf dem Schiff gelebt hatten.
Aaron erzählte von einem Heizgerät, das nur funktionierte, solange niemand duschte. Jana wollte wissen, wie sie sich die Zeiten eingeteilt hätten.
„Gar nicht“, sagte Tim. „Er hat gewartet, bis ich eingeschlafen war.“
„Du hast jedes Mal ewig unter der Dusche gestanden.“
„Weil es da warm war.“
Jana lachte. Rika sah von einem zum anderen und schob Aaron den Brotkorb hin.
Steve lehnte sich zurück. Er musste morgen weder diesen Raum räumen noch vor Tagesanbruch auf einen Transport warten. Das Essen war gut, seine neue Jacke hing trocken über der Lehne, und die Leute am Tisch kamen miteinander aus.
Erst als die Teller weitgehend leer waren, kam Martin auf die Übung am Mittag zurück.
„Bei der Bergung“, sagte er zu Dagan, „habt ihr nach dem Wechsel noch jemanden am Rückweg gehabt?“
„Rika sicherte, bis ich den Verwundeten draußen hatte.“
„Felix war aber noch drin.“
„Ich hatte mich an einer Kabelleitung verheddert“, ergänzte Felix. „Das konntet ihr allerdings nicht wissen.“
Rika sah zu ihm. „Wir hatten dich gesehen. Dagan hielt den Durchgang, während ich zurückging.“
Felix errötete, sagte aber nichts.
Martin legte das letzte Stück Brot auf den Teller.
„Dann müsst ihr so etwas melden. Bei uns kam nur an, dass der Verwundete draußen war. Von Felix hatte ich noch nichts.“
„Er war abgesichert und gedeckt“, sagte Dagan.
„Das glaube ich dir. Ich muss es nur auch wissen, wenn ich draußen stehe und darauf warte, dass meine Leute rauskommen.“
Steve fand den Einwand vernünftig. Rika zog die Brauen zusammen, als gehe sie den Ablauf noch einmal durch. Dagan nahm einen Schluck und stellte sein Glas wieder ab.
Jana fragte nach dem Griff, mit dem er den Übungskörper durch die Engstelle gebracht hatte. Dagan erklärte, weshalb er ihn dort höher genommen hatte. Martin hörte zu und zeigte anschließend mit beiden Händen, wie der gleiche Griff bei ihren Standardrüstungen den Schwerpunkt verlagern würde.
„So weit können wir ihn nicht nach vorn nehmen“, sagte er. „Dann muss einer von hinten gegenhalten.“
Dagan betrachtete seine Hände. „Ihr müsst mehr ausgleichen.“
„Bei dem Griff, ja. Deshalb machen wir es anders.“
„Ihr braucht dafür die Kraft eurer Anzüge, ohne reicht es nicht aus.“
Martin sah auf. „Du trägst deinen auch nicht zum Vergnügen.“
„Ohne ihn könnte ich einen solchen Körper trotzdem tragen.“
Felix atmete durch die Nase aus und griff nach seinem Getränk. Aaron grinste.
„Martin schafft das auch.“
Martin hob zunächst nur den Blick. Dann schob er den Teller von sich und setzte den Ellenbogen auf die Tischplatte.
„Wollen wir es ausprobieren?“
Dagan sah auf die angebotene Hand. „Armdrücken?“
„Da brauchen wir wenigstens keine Anzüge.“
Nadine lehnte sich zurück und seufzte. „Martin. Wir wollten essen gehen und keinen Wettkampf vom Zaun brechen.“
„Nur einmal. Danach kannst du mich gerne weiter füttern.“
„Du findest dein Brot selbst.“
Rika nahm ihr Glas aus der Mitte. Jana schob den Brotkorb weg und legte ein gefaltetes Tuch neben Martins Ellenbogen. Steve machte Platz für Dagans Arm. Dagan musste den Stuhl zurückschieben und sich weit vorbeugen, bis die beiden Hände ungefähr auf gleicher Höhe lagen.
Felix zählte an. Martin setzte die Schulter ein, drückte einen Fuß gegen die Bank und spannte den Rücken. Dagan hielt seinen Arm in der Mitte. Für einige Sekunden bewegten sich nur Martins Finger, die im größeren Griff nach Halt suchten. Dann begann Dagan zu drücken. Martin stemmte sich dagegen, holte Luft und versuchte, die Hand wieder aufzurichten. Sein Arm sank weiter. Die Knöchel berührten das Tuch.
Dagan löste den Griff und zog sein Glas zurück.
„Noch einmal“, sagte Martin.
Nadine sah ihn an. „Es sollte nur ein einziges Mal sein.“
„Der Griff war schlecht. Ich bin weggerutscht.“
Felix stellte seinen Krug ab. „Dann greif diesmal ordentlich.“
Dagan setzte den Ellenbogen wieder auf. Martin zog die Bank etwas näher an den Tisch und prüfte den Griff, bevor Felix zählte. Dieses Mal hielt er länger dagegen. Sein Gesicht wurde rot, und unter dem Hemd arbeiteten die Schultern, doch schließlich lag seine Hand wieder unten. Dagan ließ los, sobald sie die Platte berührt hatte. Martin bewegte die Finger und rieb den Unterarm.
Jana zog den Brotkorb wieder heran. „Gut. Jetzt hätte ich gern meinen Platz zurück.“
Dagan schob Martin das Tuch hin.
„Für einen Freigeborenen war das gut. Mehr Kraft kannst du von deinen Leuten auch kaum erwarten.“
Martin ließ die Hand auf dem Unterarm liegen.
„Was soll das heißen?“
„Ihr seid nicht dafür gezüchtet worden. Du hast trotzdem länger standgehalten, als ich erwartet hatte.“
Dagan nahm sein Glas. In seinem Ton lag keine Schärfe. Er hatte zuvor genauso über die Handschuhe gesprochen.
Martin legte das Tuch neben seinen Teller.
„Du hast gewonnen. Das habe ich gemerkt. Dafür musst du nicht erklären, dass meine Leute von Geburt an schlechter sind.“
„Körperlich seid ihr uns unterlegen.“
„Ein schlechterer Anzug, weniger Kraft, die falschen Eltern. Hast du sonst noch etwas an uns auszusetzen?“
Dagan hielt das Glas einen Augenblick in der Hand.
„Ich habe deine Kraft anerkannt.“
„Du hast mir erklärt, warum du von uns nicht viel erwartest.“
Am Tisch war es still geworden. Steve sah zu Rika. Sie hatte nach dem Brot gegriffen und ließ die Hand wieder sinken. Aaron grinste nicht mehr; vorne an der Theke drehte sich der Mann mit den verbundenen Fingern um.
„Wir kämpfen jetzt zusammen“, sagte Martin. „Wenn du etwas an unserer Arbeit auszusetzen hast, sag es. Aber spar dir den Rest.“
Dagan trank und stellte sein Glas ab. Felix legte die Hand neben Martins Teller.
„Komm. Wir zahlen und gehen. Den Rest könnt ihr morgen klären.“
Martin schob seine Hand beiseite und stand auf. Die Bank scharrte über den Boden. Nadine zog die Beine zurück, und Felix musste aufstehen, damit Martin am Tischende vorbeikam. Steve sah, dass der Wirt die Musik leiser stellte.
„Martin“, sagte Nadine. „Setz dich wieder.“
Er blieb im Gang stehen, die Hände an den Seiten.
Dagan sah zu ihm auf.
„Du willst, dass ich euch als ebenbürtig ansehe. Das müsst ihr erst zeigen.“
Martin zog die Schultern hoch und ließ sie langsam wieder sinken. Für einen Augenblick hoffte Steve, er würde sich nach seiner Jacke bücken. Stattdessen trat er näher an Dagans Stuhl.
„Dann nimm mich. Lass die anderen da raus.“
„Du hast von ihnen gesprochen.“
„Weil du sie die ganze Zeit mitmeinst.“
Dagan erhob sich. Der verstärkte Stuhl scharrte nach hinten. Rika legte ihr Glas ab.
„Willst du gegen mich kämpfen?“, fragte Dagan.
„Ja. Gegen mich. Meine Leute haben damit nichts zu tun.“
Dagan nickte einmal. Steve stand auf und trat zwischen die beiden, bevor sie den Gang ganz verstellten.
„Wir gehen jetzt“, sagte er. „Ihr könnt euch draußen weiter streiten.“
„Geh zur Seite, Ramos.“ Martin blickte nicht zu ihm.
„Martin, lass es.“
Dagan sah kurz zu Steve. „Er hat mich gefordert. Ich nehme an.“
Martin machte einen Schritt vor und fasste Dagan vorn am Hemd. Steve wich mit der Schulter aus. Die Hand lag dicht unter Dagans Hals, und Martin hielt den Stoff fest, als der Elementar wieder zu ihm sah.
Dagan packte sein Handgelenk und stieß ihn mit der anderen Hand zurück. Martin stolperte gegen den kleinen Tisch an der gegenüberliegenden Wand. Ein Glas fiel um, die Platte schlug ihm in die Hüfte, und der Tisch rutschte bis gegen die Wand. Steve griff nach Martins Arm. Martin hatte sich bereits abgefangen. Er schob Steve von sich und ging wieder vor.
Der erste Schlag traf Dagan unterhalb der linken Rippen. Martin war tief genug herangekommen, dass der Elementar ihn dort nicht mehr auf Abstand halten konnte. Dagan zog den Ellenbogen herunter, versetzte den Fuß und schlug mit der freien Hand. Martin duckte sich, doch die Faust streifte seine Stirn. Er taumelte seitlich, fing sich mit einem Schritt und traf Dagan noch einmal am Körper.
Rika war aufgestanden. Sie zog ihren Stuhl aus dem Gang und hielt Nadine am Arm auf, als diese an ihr vorbei wollte.
„Das ist ihr Kampf.“
„Die schlagen sich mitten in einer Kneipe. Lass mich durch.“
„Martin hat ihn gefordert. Du darfst ihren Kreis der Gleichen nicht betreten.“
„Was für ein verfickter Kreis? Gleich? Guck sie dir doch an!“
Steve kam seitlich an Martin heran und rief seinen Namen. Martin drehte sich im selben Augenblick aus einem Griff. Sein Ellenbogen traf Steve am Mund. Der Schmerz fuhr bis in die Zähne. Steve wich gegen den Tisch zurück, schmeckte Blut und presste die Hand vor die Unterlippe. Martin war schon wieder bei Dagan.
Der Elementar hielt ihn mit der Linken am Hemd und versuchte, ihn von sich wegzudrücken. Martin fasste den Unterarm mit beiden Händen, ging seitlich an ihm entlang und brachte die Schulter unter den Griff. Er ließ mit der Rechten los und schlug, bevor Dagan ihn wieder auf Abstand bringen konnte. Dagan beugte sich beim Abfangen nach vorn; Martins Faust traf ihn an der Braue. Der Elementar riss den Kopf zurück. Zwischen seinen Fingern lag Blut, als er über die Stelle strich.
„Hört auf!“, rief Jana.
Steve stand mit der Hüfte am verrutschten Tisch. Eine Serviette lag neben dem umgefallenen Glas. Er nahm sie und drückte sie gegen die Lippe, während Jana zur Theke ging. Der Wirt hatte bereits eine Verbindung geöffnet. Seine Frau führte zwei Gäste von der nächsten Tischreihe nach vorn.
Dagan kam jetzt auf Martin zu. Er setzte die Füße breiter und hielt die Arme näher am Körper. Martin konnte seinen ersten Schlag nicht mehr unterlaufen. Er fing ihn auf dem Unterarm ab, wurde trotzdem zurückgedrückt und bekam die zweite Faust ins Gesicht. Sein Kopf schlug zur Seite; Blut lief sofort aus der Nase. Er stolperte bis an die Wand und hielt sich am Tisch fest.
„Dagan, genug“, sagte Rika.
Dagan sah nicht zu ihr. Martin nahm die Hand von der Nase, blickte auf das Blut und richtete sich wieder auf. Als Rika sich ihrem Strahlführer zuwandte, gab sie Nadines Arm frei. Nadine ging sofort zwischen die beiden. Steve versuchte, sie zurückzuziehen, erreichte aber nur ihre Jacke.
„Er hat nicht aufgegeben“, sagte Dagan.
„Dann warte wenigstens, bis ich ihn hier weg habe.“
Nadine stellte sich mit dem Rücken zu Dagan und fasste Martin an der Schulter. Martin drängte an ihr vorbei. Sie drehte sich wieder um, als Dagan den Arm hob, und griff nach seinem Handgelenk. Er riss den Unterarm zurück; ihre Finger blieben einen Moment im Ärmel hängen, und ihr Handgelenk knickte ab. Sie ließ mit einem scharfen Laut los und zog die rechte Hand an den Körper.
Rika kam näher, blieb jedoch außerhalb von Martins Reichweite.
„Lass ihn, Dagan. Du musst nichts beweisen.“
„Das Duell ist nicht entschieden. Er kann noch kämpfen.“
Martin stieß Luft durch den Mund aus und hob beide Hände. Steve sah den Blick auf Dagans Körper, die Suche nach einem Weg unter den langen Armen hindurch. Martin hielt die Knie gebeugt und verlagerte sein Gewicht auf den hinteren Fuß. Als Dagan nach ihm griff, wich er seitlich aus, täuschte einen Schritt zurück und ging unter dem ausgestreckten Arm wieder hinein. Der erste Treffer kam durch. Beim zweiten fasste Dagan ihn an Schulter und Oberarm und zog ihn aus der Bewegung. Martin versuchte, den Griff nach unten zu brechen. Dagan hob ihn ein Stück vom Boden und warf ihn gegen die Bank an der Wand.
Die Bank kippte. Martin schlug mit der Seite gegen die Kante und ging auf ein Knie. Ein Teller fiel zwischen die beiden Tische. Felix kam um das vordere Ende herum und griff nach Dagans Arm.
„Lass ihn. Er ist unten.“
Dagan stieß ihn gegen den Tisch. Felix bekam die Hände auf die Platte, bevor er mit dem Brustkorb aufschlug. Steve zog ihn am Kragen aus Dagans Weg. Die Serviette blieb auf dem Boden liegen. Neben ihnen hob Aaron einen Stuhl an der Lehne.
„Stell den hin“, sagte Rika.
„Dann halt ihn endlich auf!“
Aaron hob den Stuhl höher. Rika packte die Strebe und drückte ihn nach unten. Aarons Arme folgten der Bewegung; die Stuhlbeine schlugen auf den Boden. Er ließ die Lehne los und wich vor ihr zurück. Rika stellte sich zwischen ihn und Dagan, ohne Martin näherzukommen.
Martin kam wieder hoch. Sein rechter Arm hing für einen Moment an der Seite, dann hob er ihn ebenfalls. Blut tropfte vom Kinn auf sein Hemd. Er ging einen Schritt nach vorn und stützte sich dabei nicht mehr am Tisch ab. Dagan wartete. Nadine stand neben der umgeworfenen Bank und hielt die rechte Hand dicht an ihrer Brust.
Vom Eingang kam ein harter Ruf.
„Polizei! Stehen bleiben! Hände hoch!“
Steve wandte den Kopf. Zwei Beamte kamen durch den Gang, ein dritter blieb bei der Theke, hinter ihm trat eine weitere Polizistin ein. Der vordere Mann hielt eine Pistole mit beiden Händen auf die Gruppe gerichtet. Sein Kollege hatte einen Taser gezogen. Der Wirt zeigte nach hinten und ging sofort zur Seite.
Dagan hatte Martin noch vor sich. Er hob den Arm, als Martin weiterkam.
„Sie im Hemd! Hände hoch und zurück!“
Der Beamte hielt die Pistole auf Dagan gerichtet. Rika sagte dessen Namen. Diesmal hörte er sie. Er sah über Martins Schulter auf die Beamten, öffnete die Hände und trat zurück. Martin hielt noch einen Augenblick die Fäuste oben. Nadine legte ihm ihre unverletzte Hand auf die Schulter und zog ihn einen Schritt von Dagan weg.
„Martin. Die Polizei ist da.“
Er ließ die Arme sinken.
Aaron versuchte an Rika vorbei zu den Beamten zu kommen.
„Der hat ihn durch den Raum geworfen!“
„Bleiben Sie dort stehen.“
„Aber der—“
Er ging noch einen Schritt, hob den Arm in Dagans Richtung und stieß die ausgestreckte Hand des zweiten Beamten weg. Der Polizist wich seitlich aus und setzte den Taser ein. Ein trockenes Knattern übertönte die Stimmen. Aaron versteifte sich, verlor den Halt und fiel neben dem Stuhl auf den Boden. Tim machte eine Bewegung zu ihm.
„Zurück! Hände hoch!“, befahl die Polizistin.
Tim blieb stehen.
„Alle bleiben auf ihrem Platz“, sagte der Beamte mit der Pistole. Er zeigte Dagan und Rika die freie Wand neben der Theke. „Sie beide dorthin. Langsam. Die Hände bleiben oben.“
Rika ging zuerst. Dagan folgte ihr und musste dicht an Martin vorbei. Martin hob den Kopf und sah ihn an. Dagan wandte ihm nicht einmal das Gesicht zu; er hielt den Blick auf den Beamten gerichtet und ging weiter, als stehe dort nur ein Stuhl im Weg.
Die Wirtin zog einen weiteren Stuhl aus dem Gang. Steve blieb bei Felix, die Hände offen, und atmete vorsichtig durch den Mund. Seine Lippe brannte bei jeder Bewegung.
Die Beamten teilten den Raum auf. Dagan und Rika standen an der Wand neben der Theke; Martin musste sich auf einen Stuhl setzen, der im Gang frei geblieben war. Nadine blieb neben ihm, bis ein Polizist sie auf einen anderen Platz verwies. Beim Hinsetzen hielt sie die rechte Hand mit der linken fest. Felix hob auf Anweisung beide Hände vom Tisch. Jana kam mit der Wirtin zurück.
„Wir gehören zusammen“, sagte sie zur Polizistin. „Ich kann Ihnen die Namen geben.“
„Gleich. Bleiben Sie erst einmal hier.“
Aaron bewegte sich wieder. Ein Beamter ging neben ihm in die Hocke, ließ ihn die Hände auf den Rücken nehmen und sicherte sie. Tim sah zu Steve, als suche er jemanden, der ihm erklären konnte, was er tun sollte. Steve hielt eine offene Hand in seine Richtung und blieb selbst stehen.
Weitere Beamte kamen durch den Eingang. Draußen war blaues Licht auf dem nassen Schaufenster der Wäscherei zu sehen. Die Wirtin machte den Durchgang für die Sanitäter frei, und der Wirt schaltete endlich die Musik ab. Jetzt hörte Steve Martins Atem, der durch die verletzte Nase nicht mehr richtig ging.
Ein Sanitäter setzte die Tasche neben Martin ab und ließ ihn den Kopf nach vorn nehmen. Martin blickte trotzdem an ihm vorbei zu Dagan. Der stand mit gesicherten Händen bei einem Beamten und beantwortete eine Frage nach seinem Namen. Neben ihm hielt Rika still.
„Martin“, sagte Nadine. „Sieh den Sanitäter an.“
Er wandte den Kopf. Der Sanitäter bat Nadine, ihn vorerst die Fragen beantworten zu lassen.
Eine zweite Sanitäterin ging die übrigen Plätze ab. Als sie Nadine erreichte, deutete sie auf deren Hand.
„Was ist damit passiert?“
„Verdreht. Kümmern Sie sich erst um ihn.“
„Ich sehe sie mir zuerst an.“
Nadine schüttelte den Kopf. „Das geht noch.“
Die Sanitäterin blieb vor ihr stehen. „Können Sie die Hand aufmachen?“
Nadine löste den linken Griff und streckte die Finger. Die Bewegung brach ab, bevor sie ganz offen waren. Ihr Mund wurde schmal, doch sie gab keinen Laut von sich.
Steve sah, wie die Sanitäterin neben ihr in die Hocke ging.
„Sag ich doch. Lassen Sie sie so. Ich fasse erst einmal nur den Unterarm an.“
Diesmal hielt Nadine still. Als die Sanitäterin den Jackenärmel vorsichtig zurückschob, wurde die Schwellung am Handgelenk sichtbar. Nadine sah über sie hinweg zu Martin und beantwortete ihre Fragen mit knappen Worten. Die Sanitäterin stützte die Hand, polsterte sie und legte sie ruhig. Anschließend sagte sie Nadine, dass das Gelenk weiter untersucht werden müsse.
Steve nahm ein frisches Tuch entgegen und ließ sich die Lippe ansehen. Jana stand auf der anderen Seite des Gangs. Als die Polizistin ihr Pad öffnete und sie nach dem Beginn fragte, deutete Jana auf ihren Tisch.
„Es ging zuerst um die Übung heute Mittag. Danach haben die beiden Armdrücken gemacht.“
Der Wirt hob hinter ihr die umgefallene Bank an. Unter der Sitzfläche lagen Scherben, ein Teller und Martins neue Jacke. Er ließ sie liegen, als der Beamte neben ihm den Kopf schüttelte.
Conquistador-Landungsschiff, Galaport, Galatea
04. November 3067, später Abend
Arielle Radtke saß am hinteren Tisch des Gemeinschaftsraums und prüfte die letzte Kompanieauswertung. Sie schob die Personalübersicht neben die Übungsberichte, um die Einträge miteinander abzugleichen.
Bei drei Namen wusste sie, was die Einträge bedeuteten. Arnost Aasgaard, Jeff Blye und Stan Molland hatte sie selbst im Einsatz geführt. Bei den übrigen musste sie sich auf Aufnahmegespräche, bisherige Leistungen und die Einschätzungen anderer verlassen. Ein guter Simulatorlauf sagte ihr noch wenig darüber, ob jemand unter Beschuss einen Befehl verstand oder nur Glück gehabt hatte, das Richtige zu tun. Sie ergänzte zwei Fragen für die nächste Besprechung und ging die Liste noch einmal durch.
Der Raum war nur teilweise belegt. An zwei zusammengeschobenen Tischen nahe der Ausgabe saßen Angehörige von Gavins Infanteriezug. Andere hatten sich mit ihren Bechern auf die schmale Sitzbank an der Wand zurückgezogen. Über dem offenen Ausgabefenster brannte eine wärmere Leuchte als im übrigen Raum. Dahinter spülte eine Frau Geschirr. Das gleichmäßige Brummen des Hilfsbetriebs war durch Boden und Tisch zu spüren.
Als sich das Schott zum Gang öffnete, hob Arielle kurz den Kopf.
Jeff kam zuerst herein, lachend, mit einer Hand noch an Stans Schulter. Er war drahtig und bewegte sich mit jener schnellen Unruhe, die Arielle aus den Bereitschaftsräumen ihrer alten Einheit kannte. Sein dunkles Haar fiel ihm in die Stirn. Er schob es mit dem Handrücken zurück und drehte sich beim Gehen zu Arnost um.
„Sag das noch mal. Das mit dem Hasek.“
Er sprach Deutsch, wie meistens mit Arnost. Arielle kannte den Witz bereits, blieb aber mit dem Blick bei den dreien.
Arnost trat hinter den beiden durch den Zugang. Unter dem kalten Licht wirkte seine Haut sehr hell; der rötliche Bart an seinem schmalen Kinn war deutlicher geworden, seit sie zuletzt gemeinsam Dienst getan hatten. Er blieb kurz stehen, damit das Schott hinter ihm schließen konnte.
„Warum lässt ein Hasek einem Davion immer den Vortritt?“
„Weil er so gut erzogen ist“, sagte Stan.
„Weil man von vorn schlecht ein Messer in den Rücken kriegt.“
Jeff lachte laut. Stan rückte seine Brille zurecht. An dem mehrfach reparierten rechten Bügel saß wieder dieselbe helle Wicklung. Das Grinsen blieb, während er eine Ginflasche auf den nächstgelegenen Tisch stellte.
„Auf New Avalon halten sie dir wenigstens vorher eine Rede“, sagte er.
„Worüber?“, fragte Arnost.
„Warum es eine Ehre ist, Davion den Schwanz zu lutschen.“
„Auf Französisch“, ergänzte Jeff. „Dann klingt es vornehmer.“
Arielle senkte den Blick wieder auf ihr Pad.
Sie hätte sie zur Ruhe mahnen können. Die drei waren laut genug, dass der ganze Raum zuhörte. Aber nach Jahren im Bürgerkrieg hatte sie solche Sprüche in unzähligen Unterkünften gehört. Man hatte übereinander gelacht, solange man nicht aufeinander schoss, und manchmal auch dazwischen. Jeffs Ton war ihr vertrauter als die nüchternen Einträge auf ihrem Bildschirm.
Es war ein Gemeinschaftsraum. Die Männer konnten ihre eigenen Gespräche führen.
Jeff sah sie am hinteren Tisch und hob die Hand.
„Abend, Captain.“
Sie erwiderte den Gruß knapp. Arnost zog einen Stuhl zurück, Stan holte Becher von der Ausgabe. Jeff blieb am Tischende stehen und erzählte weiter.
„Ich schwöre dir, der Kerl hat noch mit seinem Akzent geprahlt, als wir ihn schon aus dem Cockpit gezogen hatten. New Avalon hier, New Avalon da. Als hätte ihm der Planet persönlich den Arsch gepudert.“
An den zusammengeschobenen Tischen setzte jemand seinen Becher ab.
„Könnt ihr euren Scheiß etwas leiser erzählen?“
Arielle sah auf. Sergeant Erich Dorn saß mit dem Rücken zur Ausgabe. Sie hatte ihn bei der Schiffseinweisung kennengelernt, einen Mann mit kurz geschnittenem grauem Haar und einem breiten, von Sonne und Wetter gezeichneten Gesicht. Eine alte Narbe zog den linken Mundwinkel leicht nach unten. Neben ihm saß Rolf Vetter, dessen kräftiger Hals beinahe den offenen Uniformkragen ausfüllte. Beide hatten lange im Davion-Militär gedient; Gavin hatte ihre Erfahrung am Morgen bei der Übungsplanung erwähnt.
Jeff wandte sich zu ihnen.
„Wir reden nicht mit dir.“
„Dann sorg dafür, dass ich es nicht hören muss.“
Stan kam mit den Bechern zurück. „Setz dich, Jeff.“
Jeff nahm einen davon entgegen, blieb aber stehen.
„Seit wann muss ich dich fragen, worüber ich reden darf?“
Vetter drehte sich auf der Bank. „Du musst niemanden fragen. Du kannst auch einfach mal die Fresse halten.“
Arnost ließ den Stuhl los, den er gerade herangezogen hatte. Arielle hielt den Stift über dem Pad und wartete.
Das war noch ein Streit, den sie selbst beenden konnten. Dorn musste nicht auf jeden Spruch anspringen, und Jeff wusste, wann ihm jemand eine Gelegenheit zum Rückzug ließ. Sie hatte oft genug erlebt, dass solche Wortwechsel nach zwei weiteren Beleidigungen im gemeinsamen Trinken endeten.
„Ihr habt den Krieg gewonnen“, sagte Jeff. „Müsst ihr jetzt auch noch jeden Witz gewinnen?“
Dorn schob den Becher von sich.
„Ich habe auf New Avalon meine Schwester verloren.“
Jeffs Grinsen verschwand. Stan stellte die Flasche ab, ohne einzuschenken.
Arielle legte den Stift hin.
Dorn sah Jeff direkt an.
„Ein Soldat von den Donegal Guards hat sie vergewaltigt und umgebracht. Danach könnt ihr eure Witze über die Leute dort gern noch mal erzählen.“
Aus der Ausgabe kam das leise Klappern eines Tellers. Die Frau dahinter stellte ihn ab.
Jeff stand reglos. Dann zog er die Schultern zurück.
„Was hat das mit uns zu tun?“
„Die Uniform habt ihr getragen.“
„Wir haben keine Frauen vergewaltigt.“
„Der Mann auch nicht, bevor er es getan hat?“
„Pass auf, was du sagst.“
Dorn kam langsam auf die Füße. Er war kleiner als Jeff, aber wesentlich schwerer gebaut. Vetter blieb zunächst sitzen, die Unterarme auf dem Tisch.
„Ich habe ihn gefunden“, sagte Dorn. „Und danach habe ich ihn erschossen. Damit habe ich bis heute kein Problem.“
„Mit dem Schwein hätte ich auch keins gehabt“, sagte Stan. „Aber du stellst uns gerade daneben, als hätten wir mitgemacht.“
„Ihr kommt hier rein und lacht über die Menschen, die dort gelebt haben.“
„Über Davion-Soldaten“, erwiderte Jeff. „Über die Kerle, die auf uns geschossen haben. Tu nicht so, als hättest du nie über uns geredet.“
„Meine Schwester war Zivilistin.“
„Dann war sie auch nicht gemeint.“
„Sie war eine Davion“, sagte Dorn. „Oder reicht euch das schon?“
Jeff stieß die Luft aus. „Sie war eine Davion. Na und? Deswegen haben wir sie noch lange nicht—“
Dorn schlug die Hand auf den Tisch.
„Deswegen?“
„Jetzt hör ihm doch zu“, sagte Arnost.
„Ich höre seit fünf Minuten zu. Erst die Schwanzlutscher, dann die Witze. Und jetzt war sie eben eine Davion.“
Arielle schob ihren Stuhl zurück.
Sie hatte zu lange gewartet. Bis gerade eben waren in ihrem Kopf noch Jeff, Stan und Arnost auf der einen Seite gewesen und die beiden Infanteristen auf der anderen. Die vertrauten Stimmen hatten es ihr leicht gemacht, den Spott als das hinzunehmen, was er früher gewesen war. Hier saßen Männer, deren Angehörige unter derselben Uniform gelitten hatten, die ihre Leute getragen hatten.
Dorn stand hinter seiner Bank. Jeff hielt den Becher so fest, dass seine Fingerknöchel hell wurden. Stan war einen Schritt von der Flasche weggetreten. Vetter schob seine Beine unter dem Tisch hervor.
Arielle drückte im Gehen den Rufkontakt ihres Komgeräts.
„Schiffssicherheit, Radtke. Gemeinschaftsraum. Ich brauche euch sofort hier. Fünf Angehörige der Kampftruppen, Streit droht körperlich zu werden.“
Die Bestätigung kam, als sie das freie Ende des Tisches erreichte.
„Blye. Stell den Becher ab.“
Jeff sah zu ihr. „Captain, der beschuldigt uns—“
„Ich habe es gehört. Stell ihn ab.“
Er setzte den Becher auf den Tisch. Arielle stellte sich so, dass sie Jeff und Dorn sehen konnte. Arnost stand rechts hinter Jeff, Stan auf der anderen Seite des Gangs. Die Bank hinderte Dorn daran, gerade auf sie zuzukommen; Vetter konnte am vorderen Ende vorbei.
„Sie setzen sich wieder, Sergeant.“
Dorn blieb stehen.
„Jetzt schicken Sie Ihre Leute ins Bett, und morgen war nichts?“
„Die Schiffssicherheit ist unterwegs. Bis sie hier ist, bleibt jeder auf seiner Seite des Tisches.“
„Wir haben nichts getan“, sagte Stan.
„Dann sorgt dafür, dass es dabei bleibt.“
Arielle sah ihn an und wandte sich wieder Dorn zu.
„Was Ihrer Schwester passiert ist, rechtfertigt keiner von uns. Aber Sie beschuldigen hier Männer einer Tat, die sie nicht begangen haben.“
„Und die dürfen über sie lachen?“
„Sie werden damit aufhören.“
Jeff öffnete den Mund.
„Du auch“, sagte Arielle, bevor er etwas sagen konnte. „Ich will keine Erklärung mehr hören, wen du angeblich gemeint hast.“
Er presste die Lippen zusammen. Arnost legte ihm eine Hand an den Rücken und zog ihn ein kleines Stück vom Tisch weg.
„Komm. Lass es.“
Dorn nahm die Hände von der Tischplatte. Vetter blieb am Ende der Bank stehen, doch auch er sagte vorerst nichts.
Arielle ließ den Blick über die fünf Männer gehen.
„Ihr habt alle denselben Vertrag unterschrieben. Hier seid ihr Red Reapers. Ich will weder Steiner noch Davion als Beschimpfung hören. Was ihr vorher wart, gibt keinem das Recht, auf den anderen loszugehen.“
Jeff sah an ihr vorbei zu Dorn. „Dann soll er aufhören, uns Vergewaltiger zu nennen.“
„Ich habe gesagt, die Sicherheit klärt das. Du bleibst jetzt ruhig.“
Für einige Sekunden hörte sie nur den Hilfsbetrieb und das Wasser in der Ausgabe. Stan zog einen Stuhl zurück. Arielle dachte, er wolle sich setzen.
Dorn sprach leiser als zuvor.
„Ihr habt auch damals immer gesagt, ihr hättet nur euren Dienst getan.“
Jeff schob Arnosts Hand weg.
„Und du hast deinen getan, als du den Kerl erschossen hast? Ohne Gericht, ohne irgendwas?“
„Jeff“, sagte Arnost.
„Was denn? Er darf uns alles vorwerfen, und wir sollen—“
„Ich würde ihn wieder erschießen“, sagte Dorn.
Vetter kam um das Bankende. „Und wenn du weiter so über sie redest, kannst du gleich danebenliegen.“
Arielle hob den Arm zwischen ihn und Jeff.
„Zurück.“
Jeff griff nach seinem Becher.
„Blye, lass den stehen.“
„Dann halt den da auch zurück!“
Vetter drückte gegen ihren ausgestreckten Unterarm. Hinter ihr scharrte Stans Stuhl. Arielle fasste Jeff oberhalb des Ellenbogens, um ihn vom Tisch wegzudrehen.
„Du gehst jetzt mit Arnost zur Wand. Das ist ein—“
Jeff riss sich herum und schlug zu.
Sie sah seine Faust noch kommen. Dann traf sie der Schlag auf Nase und Oberlippe. Ihre Zähne schlugen aufeinander, das Licht über der Ausgabe verschwand in einem weißen Fleck. Sie verlor seinen Arm und stieß mit der Hüfte gegen die Tischkante. Als sie nach der Bank griff, war dort keine Lehne. Ihr Knie schlug auf den Boden, dann die linke Hand.
„Captain!“
Sie wusste nicht, wer gerufen hatte. Blut lief über ihren Mund. Beim Einatmen zog sie es bis hinten in den Hals und würgte.
Über ihr krachte ein Stuhl gegen den Tisch. Dorn war an der Bank vorbei; sie erkannte seine grauen Haare und Jeffs dunklen Ärmel, bevor beide aus ihrem Blickfeld gerieten. Stan stieß gegen das Tischende. Arnost griff nach jemandem, wurde herumgerissen, und eine Faust traf mit einem dumpfen Laut auf Stoff und Körper.
„Zurück“, brachte Arielle hervor.
Niemand hörte sie.
Ein Stiefel rutschte dicht vor ihrer Hand über den Boden. Sie zog die Finger ein und schob sich zur Bank. Der Raum kippte, sobald sie den Kopf hob. Am Rand ihres Blickfelds lagen helle Streifen, und durch das Rauschen in ihren Ohren kamen einzelne Wörter.
„Drecksau—“
„Lass ihn los!“
Jemand schlug gegen die Wand. Arielle setzte den rechten Fuß unter sich und zog sich an der Sitzfläche hoch. Ihre Beine hielten, solange sie mit dem Unterarm auf der Bank blieb.
Stan stand schräg vor ihr, die Brille halb vom Gesicht gerutscht. Vetter hatte ihn am Kragen. Arielle griff nach dem Arm des Infanteristen.
„Aufhören.“
Vetter drehte sich. Hinter seiner Schulter hob sich eine Hand mit der Ginflasche. Arielle sah das Etikett und den dunklen Hals, konnte aber nicht erkennen, wem der Arm gehörte.
Der Schlag traf sie seitlich am Kopf.
Ihre Hand rutschte von Vetters Ärmel. Sie fiel gegen die Bank und von dort auf den Boden. Diesmal bekam sie die Arme nicht rechtzeitig unter sich. Ihr Kopf dröhnte nach dem Schlag. Sie schmeckte Blut und musste gegen die Übelkeit anschlucken.
Die Tischbeine vor ihr verloren ihre scharfen Kanten. Sie versuchte, ein Knie anzuziehen. Es bewegte sich, aber sie fand keinen Halt. Irgendwo über ihr schrie die Frau von der Ausgabe.
Vom Zugang kam ein lauter metallischer Knall.
„Schiffssicherheit! Hände hoch! Sofort!“
Arielle blinzelte. Im offenen Schott stand Nia Gustavs. Neben ihr nahm ein gepanzerter Sicherheitsmann den Schlagstock vom Türrahmen. Weitere Sicherheitsleute gingen an ihnen vorbei in den Raum.
„Vom Tisch weg! Sie da, loslassen!“
Einer packte Vetter von hinten. Ein anderer drängte zwischen Jeff und Dorn. Arielle sah einen schwarzen Handschuh, einen verdrehten Arm und dann Jeffs Gesicht, das gegen die Wand gedrückt wurde. Sein Mund bewegte sich.
„Er hat—“
„Hände auf den Rücken.“
Arnost stand neben dem umgestürzten Stuhl. Er hob beide Hände. Stan ließ Vetters Jacke los und wich zurück, bis ein Sicherheitsmann ihn anhielt. Dorn wollte an dem Mann vor ihm vorbei. Der Sicherheitsmann drehte ihn zur Wand.
Die Stimmen wurden weniger. Arielle hielt die Augen offen und versuchte, Nia wiederzufinden. Ihre rechte Hand lag auf dem Boden. Sie zog sie zu sich und stützte sich auf den Ellenbogen.
Nia kniete neben ihr.
„Arielle. Bleib liegen!“
„Jeff—“
„Den haben wir.“
Nia sah auf ihre Schläfe, dann auf das Blut unter ihrer Nase. Sie sprach in ihr Komgerät.
„Sanitätsdienst in den Gemeinschaftsraum. Kopfverletzung, Patientin ansprechbar. Weitere Verletzte.“
Arielle schluckte und musste wieder würgen. Nia nahm ein Tuch entgegen und legte es ihr in die Hand.
„Unter die Nase. Nicht den Kopf zurück.“
Hinter ihr klickten die Verschlüsse einer Handfessel. Dorn begann erneut zu sprechen, doch Nia drehte sich nur halb zu ihm.
„Sie geben Ihre Aussage einzeln ab. Jetzt halten Sie den Mund.“
Sie wandte sich an die Sicherheitsleute.
„Alle fünf durchsuchen. Waffen und persönliche Gegenstände sichern. Nach der medizinischen Versorgung in getrennte Arrestplätze der Brig. Keiner spricht vorher mit dem anderen.“
Arielle versuchte aufzustehen. Nia fasste sie unter dem Arm, ein Sicherheitsmann trat an ihre andere Seite. Gemeinsam halfen sie ihr hoch. Für einen Augenblick trug sie ihr Gewicht selbst, dann gaben die Knie nach. Die beiden hielten sie fest und setzten sie auf die Bank.
„Eine Trage hierher“, sagte Nia. „Radtke geht in die Krankenstation.“
Vom Zugang näherte sich der Sanitätsdienst. Arielle hielt das Tuch an den Mund und sah auf die Stiefel vor ihr. Nias Hand blieb an ihrer Schulter.
„Den Raum sperren, bis alles aufgenommen ist. Die Flasche und die übrigen Gegenstände liegen lassen. Namen der Zeugen festhalten.“
Sie wartete, bis der Sanitäter sich neben Arielle gekniet hatte, und sah dann zum Sicherheitsmann am Zugang.
„Major Brannock verständigen. Und sobald die Colonel wieder an Bord ist, meldet sie sich bei mir.“
***
Vivians Abend hatte etwa zur selben Zeit begonnen, als Steves Gruppe in die Stadt aufgebrochen war. Helena hatte einen Tisch in dem kleinen Lokal an der östlichen Zufahrt bestellt und ihr erst danach davon erzählt. Als sie ankamen, stand Owen unter dem Vordach, eine dunkle Jacke über dem sauberen Hemd. Er steckte sein Komgerät weg und hielt ihnen die Tür auf.
„Jonas hat gefragt, ob du ihm etwas mitbringst.“
„Was möchte er?“, fragte Vivian.
„Etwas, das nicht aus der Ausgabe kommt.“
Helena blieb neben ihm stehen. „Das hätte er auch haben können, wenn er mitgekommen wäre.“
„Dann säße ich jetzt bei seinen Simulatorläufen. Ich habe schon den ganzen Nachmittag mit ihm verbracht.“
„Und Gavin?“
„Hat die Führung übernommen und uns ausdrücklich rausgeschickt“, sagte Vivian. „Bevor ich noch einen Grund finde, an Bord zu bleiben.“
Sie hätte die beiden gern dabeigehabt. Seit Tagen trafen sie sich hauptsächlich über Dienstplänen, Bestandslisten und den Auswertungen der ersten Übungen. Für ein gemeinsames Essen hätte sie Jonas sogar die Trainingsunterlagen abgenommen, doch dann wären sie beide wieder nicht zum Essen gekommen. Owen und er hatten die Ausbildung inzwischen so weit unter sich aufgeteilt, dass einer von ihnen ohne den anderen weiterarbeiten konnte. Heute war Owen an der Reihe, frei zu haben.
Der Wirt kannte sie inzwischen. Vivian war in der vergangenen Woche zweimal mit Helena hier gewesen, beide Male zwischen Terminen und mit Unterlagen neben dem Teller. Heute nahm er ihre Jacken und führte sie zu einem Tisch am Fenster. Draußen zogen die Scheinwerfer eines Frachtwagens über das Glas. Drinnen roch es nach Fleisch aus dem Ofen und frisch gebackenem Brot. Vivian holte ihr Pad hervor, um nachzusehen, ob Douglas noch auf ihre letzte Nachricht geantwortet hatte. Helena legte die Speisekarte vor sie.
„Hat er unterschrieben?“
„Heute Nachmittag.“
„Dann ist der Vertrag auch noch unterschrieben, wenn wir gegessen haben.“
Vivian betrachtete kurz den Bildschirm, schaltete ihn aus und steckte das Pad zurück.
Auf der Karte stand ein Schmorgericht, das sie bei den letzten Besuchen übergangen hatte, weil seine Zubereitung länger dauerte. Diesmal bestellte sie es mit Ofenkartoffeln und schwarzem Tee. Owen entschied sich nach einer kurzen Nachfrage beim Wirt für dasselbe. Helena nahm Fisch und bat darum, das Brot gleich zu bringen.
„Du hast heute noch nichts gegessen“, stellte Owen fest.
„Doch.“
„Wann?“
„Das zählt jetzt nicht.“
Er schob den Brotkorb näher zu ihr, als der Wirt ihn auf den Tisch stellte.
Vivian lehnte sich zurück. Es war noch immer ungewohnt, dass sie hier sitzen konnte, während jemand anderes ihre Einheit führte, und selbst entscheiden durfte, ob dieser Abend einen dienstlichen Zweck brauchte. In zehn Tagen wurde sie fünfundvierzig. In manchen Jahren hatte sie ihren Geburtstag erst bemerkt, als eine Nachricht ihrer Eltern zwischen Einsatzmeldungen eingetroffen war. Einmal hatte sie während eines Gefechts daran gedacht und den Gedanken gleich wieder verloren. Daraus war die Gewohnheit geworden, den Tag verstreichen zu lassen. Ein gutes Essen mit Helena und Owen durfte trotzdem sein.
„Die Anlage vor Galaport“, begann Owen, während er sich Brot abbrach. „Hast du sie selbst gesehen?“
„Mit Douglas zusammen, ja. Zweimal.“
„Und?“
„Die Unterkünfte sind ordentlich. Sehr viel nackte Wand, sehr wenig, was jemand mitnehmen wollen würde.“
Helena sah vom Brotkorb auf. „Also eine Kaserne.“
„Eine Kaserne, die der Betreiber an Söldnereinheiten vermietet. Der Reparaturhangar hat brauchbare Anschlüsse und genug Platz für die Mechs und Panzer, die wir hier laufend brauchen. Es fehlt allerdings an jeder Menge Spezialequipment, und es gibt nur zwei Lastenkräne, mit denen wir Bauteile oder Reaktoren heben können. Größere Reparaturen müssen wir weiterhin gesondert organisieren, aber ich vermute, das ist pure Absicht. Niemand in Galaport möchte zu unabhängige Söldner, wenn sich mit dem Vermieten von Reparaturflächen Geld verdienen lässt.“
„Vor allem nach all dem Chaos auf Outreach und den Einheiten, die nun hierher strömen. Wie steht es mit den Betten vor Ort?“, fragte Owen.
„Genug für unsere Leute. Bei den Familien müssen wir die Zimmer noch vernünftig verteilen.“
„Vernünftig heißt eigene Zimmer mit Türen, die man schließen kann, und genügend Platz.“
„Das habe ich Douglas auch gesagt, wobei Platz in geschlossenen Bereichen eher Mangelware bleiben dürfte. Trotzdem sollten wir eine Lösung finden.“
Owen nickte. „Sonst hast du nach drei Tagen die ersten wieder im Hotel.“
Vivian wusste, dass er recht hatte. Auf den Listen sah eine freie Schlafstelle aus wie jede andere. Eine Familie, die ihre wenigen Sachen aus drei verschiedenen Unterkünften zusammensuchte, brauchte etwas anderes als einen Platz zwischen den Spinden einer Infanteriegruppe.
„Wir bringen sie nicht einfach in den Mannschaftsblöcken unter“, sagte sie. „Einige bleiben zunächst, wo sie sind. Aber wir können endlich aufhören, jeden neuen Zugang irgendwo in Galaport einzuquartieren.“
„Und die Köche bekommen eine Küche, in der sie für alle arbeiten können“, sagte Helena.
„Darauf freuen sie sich mehr als auf ihre Zimmer.“
„Kann ich verstehen. Ich habe gestern nach einem unserer Leute gesucht und drei Adressen bekommen. An der letzten wusste jemand, dass er an der ersten wohnt.“
Owen schnaubte. „Warte, bis der Materialwart seine Sachen verteilt hat. Dann findest du den Mann, aber seine Stiefel liegen am anderen Ende der Stadt.“
Vivian musste lachen. Die Vorstellung war ihr nach den vergangenen Tagen viel zu vertraut. Sie und Douglas hatten mit einem überschaubaren Bedarf begonnen. Dann waren zu den Soldaten und Technikern weitere Leute gekommen, die Löhne bearbeiteten, Bewerbungen prüften, Essen ausgaben oder die Vorräte verwalteten. Ehepartner brauchten Unterkünfte; Kinder mussten irgendwo schlafen und tagsüber untergebracht sein. Jeder Zugang hatte etwas mitgebracht und zugleich etwas benötigt.
„Douglas hat gestern gefragt, ob wir noch eine Einheit aufbauen oder schon ein kleines Dorf“, sagte sie.
„Was hast du geantwortet?“
„Dass ein Dorf wenigstens nicht geschlossen abreisen muss.“
Der Wirt brachte das Essen. Für eine Weile beschäftigten sie sich mit den Tellern, und Vivian nahm sich Zeit, die erste Portion zu probieren, statt nebenbei eine Nachricht zu lesen. Das Fleisch ließ sich mit der Gabel teilen. An den Kartoffeln haftete die dunkle Sauce, und Helena schob den Brotkorb in die Tischmitte, damit jeder daran kam.
„Wann geht der Umzug los?“, fragte Owen nach einigen Minuten.
„Sobald die Raumverteilung steht und wir den Hangar und die Werkstatt übernommen haben. Bis dahin bleiben die Mechkrieger größtenteils auf dem Landungsschiff. Es hat keinen Sinn, sie noch einmal für ein paar Nächte auf die Hotels zu verteilen.“
„Miriam wird sich die Reparaturbereiche ansehen wollen.“
„Das darf sie.“
„Bevor oder nachdem ihr eingezogen seid?“
Vivian sah ihn über den Rand ihrer Tasse an. „Du könntest wenigstens so tun, als wäre das keine Fangfrage.“
Helena lächelte. „Sie kommt also wirklich?“
Vivian nickte. „Ja, Gavin holt sie am Raumhafen ab. Wenn alles pünktlich ist, müsste sie heute Abend da sein.“
Es fiel ihr noch immer leichter, über den Ankunftstermin zu sprechen als darüber, was Miriams Zusage ihr bedeutete. Sie hatte mit einer längeren Verhandlung gerechnet, vielleicht auch mit einer Absage. Miriam hatte gute Gründe, sich nach dem Ausscheiden aus dem Dienst einen ruhigeren Arbeitsplatz zu suchen.
„Wie hast du sie dazu gebracht?“, fragte Owen.
„Ich habe ihr geschrieben, was wir aufbauen, und was ich von ihr brauche.“
„Und was wollte sie?“
„Eine vernünftige Werkstatt. Genug Geld für Ersatzteile. Und dass ihr keiner eine kaputte Maschine einsatzbereit redet.“
Owen nickte langsam. „Dann hat sie sich nicht verändert.“
„Nein, das hat sie definitiv nicht.“
Helena legte ihr Besteck ab. „Du klingst ziemlich erleichtert.“
Vivian strich mit dem Daumen über den Henkel ihrer Tasse.
„Bin ich auch. Sie kennt mich noch aus einer Zeit, in der ich dachte, eine Schadensmeldung wäre vollständig, wenn ich alle roten Anzeigen abgeschrieben hatte.“
„Bei den Hussars?“
„Da war sie zuerst einfach eine von den Techs. Während der Clan-Invasion bekam sie meinen Mech fest zugeteilt. Später waren wir eine Zeit lang in verschiedenen Einheiten. Bei den Guards hatte ich sie dann wieder.“
„Da hatte sie schon genug Leute unter sich, um dich weiterzureichen“, sagte Owen. „Hat sie aber nicht.“
„Beim Night Gyr erst recht nicht. Sobald klar war, dass ich ihn bekomme, war es ihr Projekt.“
Helena sah zu Owen. „Und Vivian durfte damit kämpfen?“
„Unter Auflagen.“
„Ich durfte sogar schießen“, sagte Vivian. „Hinterher musste ich lediglich erklären, warum ich getroffen worden bin, aber so ist das leider nun einmal, kannst du den Gegner beschießen, kann er dich im Normalfall auch beschießen.“
Sie lachten, und Vivian nahm noch einen Bissen. Fast fünfundzwanzig Jahre lagen zwischen dem ersten Reparaturstand und diesem Tisch. Miriam war nicht bei jeder Versetzung mitgekommen, aber Vivian hatte immer gewusst, wo sie zu erreichen war. Bei späteren Begegnungen hatten sie selten lange gebraucht, um wieder miteinander zu arbeiten.
„Meine Mutter freut sich jedenfalls“, sagte sie. „Die beiden schreiben sich häufiger, als mir lieb ist.“
„Über dich?“, fragte Helena.
„Angeblich über Ersatzteile.“
„Deine Mutter hat doch selbst einen Mech. Das kann durchaus stimmen.“
„Dann weiß ich nur nicht, warum Miriam mich nach so einem Austausch fragt, wie viel ich schlafe oder ob ich genügend gegessen habe.“
Owen nahm seine Tasse. „Deine Eltern kennen sie lange genug.“
„Aus Briefen. Gesehen haben sich die beiden nie. Dass sie überhaupt Kontakt haben, habe ich erst auf Argyle erfahren, beim Abladen des Night Gyr.“
Helena schob ihren leeren Teller ein Stück von sich.
„Wie macht ihr das mit Ruben?“
„Er bleibt bei seinen Teams und führt die tägliche Werkstattarbeit. Er weiß, wer was kann und welche Arbeit gerade wo steht. Miriam übernimmt die fachliche Gesamtleitung.“
„Weiß er das?“
„Wir haben darüber gesprochen. Er will vor allem wissen, wer ihm Prioritäten ändert und wer dafür sorgt, dass er die Teile bekommt.“
„Eine berechtigte Frage“, sagte Owen.
„Deshalb sollen die beiden die Übergaben gemeinsam festlegen. Miriam ist nicht hier, damit sie ihm jeden Auftrag aus der Hand nimmt.“
Helena nickte. „Dann kann sie sich zwischendurch immer noch um deinen Night Gyr kümmern.“
„Das wird sie ohnehin.“
Nach dem Essen erzählte Owen von einem Werkzeug, das er in einer Händlerhalle gefunden hatte. Der Händler hielt es für eine Vorrichtung zur Panzerwartung und verlangte entsprechend viel dafür. Owen hatte ein solches Stück früher auf Argyle gesehen und ihm erklärt, wofür es tatsächlich gebraucht wurde.
„Hat er den Preis gesenkt?“, fragte Helena.
„Nein. Jetzt ist es eine seltene landwirtschaftliche Antiquität.“
„Du hast es trotzdem gekauft“, sagte Vivian.
Owen sah sie an. „Es funktioniert noch.“
„Was macht man damit?“
„Das zeige ich dir, wenn du mir einen Sack Getreide besorgst.“
Helena schüttelte den Kopf und bestellte noch etwas Süßes. Vivian ließ sich vom Wirt empfehlen, was dazu passte, und nahm ebenfalls eine Portion. Als sie später auf die Uhr sah, war mehr Zeit vergangen, als sie gedacht hatte. Eile hatten sie jedoch nicht. Gavin hatte die Führung, Jonas steckte vermutlich bis zum Hals in Entwürfen für diverse Übungsszenarien, und Douglas brauchte für den unterschriebenen Vertrag keine weitere Bestätigung von ihr. Vermutlich ging er sowieso Materiallisten und Inventurbestände durch oder ging akkurat zu einer von ihm pünktlich festgelegten Uhrzeit schlafen. Sie blieb, bis sie aufgegessen hatten.
Vor dem Lokal hielt Owen kurz an, um sein rechtes Knie zu strecken. Helena wartete neben ihm, während Vivian das Pad aus der Tasche holte. Gavin hatte Miriams Ankunft bestätigt. Ruben zeigte ihr bereits den Technikbereich. Darunter stand eine Nachricht von Miriam.
Bin da. Dein Mech auch. Du fehlst noch.
Vivian schrieb, dass sie auf dem Rückweg sei.
„Sie ist angekommen“, sagte sie.
Owen zog das Hosenbein über dem Knie glatt. „Hat sie dich schon verlangt?“
„Sie hat erst einmal festgestellt, dass der Night Gyr da ist.“
„Dann haben wir noch Zeit“, sagte Helena. „Bis sie nach den Wartungsunterlagen fragt.“
Sie nahmen einen Wagen zurück. Helena ließ sich an der Unterkunft der Piloten absetzen; Owen fuhr mit Vivian bis zur Conquistador. An der Schleuse verabschiedete er sich und ging zu seinem Quartier. Der Wachhabende war mit einer Versorgungslieferung beschäftigt. Vivian hielt ihre Identkarte an das Lesegerät und ging direkt zum Technikbereich, um Miriam aufzusuchen.
In der Mechbucht brannten nur noch die Leuchten über den belegten Arbeitsplätzen. Ihr Night Gyr stand auf seinem neuen Platz. Ein Tech schloss die Abdeckung eines Prüfanschlusses zu den Myomerbündeln im linken Bein, nahm seine Tasche vom Boden und kam ihr entgegen. Vivian ließ ihn vorbei. Aus dem Werkstattbereich hörte sie Miriams Stimme.
„Die hier ist geprüft?“
„Ja“, antwortete Ruben Falk. „Der Vermerk liegt auf dem Wagen.“
„Und wenn ich die Baugruppe morgen vom Regal nehme?“
„Dann hängt er dran. Die beiden sind noch nicht eingelagert.“
Vivian trat durch den Zugang.
Miriam stand an einem Arbeitstisch, die Ärmel hochgeschoben. Ihre Jacke hing über einer Stuhllehne. Das graue Haar war kürzer als beim letzten Treffen; als sie den Kopf wandte, erkannte Vivian die kräftige Nase und die schmalen Augen sofort wieder. Neben dem Tisch lag ihre geschlossene Reisetasche, ein neues Passagierband am Griff. Das Werkzeugetui hatte sie bereits ausgepackt. Ruben hielt ein Prüfblatt in der Hand. Vor ihm lagen zwei verpackte Baugruppen. Ein jüngerer Tech wartete am Regal.
„Du bist da“, sagte Vivian.
Miriam musterte sie.
„Gut gegessen?“
„Sehr.“
„Dann hat sich das Warten wenigstens gelohnt.“
Vivian stellte ihre Tasche ab. Miriam kam um den Tisch und nahm sie in die Arme. Für einige Sekunden hielt Vivian sie fest, bevor sie zurücktrat.
„Danke, dass du gekommen bist.“
„Du hast eine Werkstatt versprochen. Die wollte ich sehen.“
Miriams linke Hand blieb kurz an ihrem Oberarm liegen. Zwei Finger standen leicht anders als die übrigen. Dann sah sie an Vivian vorbei in die Mechbucht.
„Und ihn natürlich.“
„Er ist vollständig.“
„Das sehe ich.“
„Ich dachte, ich sage es gleich.“
Miriam lächelte, nahm ihr Werkzeugetui vom Tisch und deutete mit dem Kinn zum Night Gyr.
Ruben gab dem jungen Tech die Prüfblätter.
„Direkt an die Verpackungen. Danach die Lagerplätze eintragen.“
Der Mann nickte und begann mit der ersten Baugruppe. Ruben legte sein Pad ab und folgte ihnen bis zum Zugang der Bucht.
Miriam blieb unter der Arbeitsleuchte stehen. Ihr Blick ging über die Panzerplatten, den rechten Arm und die geschlossenen Wartungsabdeckungen. An einer Stelle trat sie näher heran, um die Kante einer Platte zu betrachten.
„Neue Lackierung.“
„War nötig.“
„Die Stellen darunter auch?“
„Ruben hat die Arbeiten dokumentiert.“
„Schon gesehen“, sagte Miriam. „Sauber gemacht.“
Ruben blieb neben ihr stehen. „Die nächste gründliche Durchsicht ist nach der Verlegung vorgesehen. Hier halten wir die laufenden Arbeiten und die Übungen am Laufen.“
„Das ist vernünftig.“ Miriam sah wieder zu Vivian. „Gavin hat gesagt, du hast den Satz für die A-Konfiguration mitgebracht.“
„Liegt beim übrigen Material. Einschließlich der Zwanziger.“
„Klemmt sie dir noch so gern im ungünstigsten Moment?“
„Sie sucht sich den Moment nicht aus.“
„Du gibst ihr auch reichlich Gelegenheit.“
Vivian verschränkte die Arme.
„Ich werde künftig vorher fragen, ob der Gegner Zeit für Einzelfeuer hat.“
„Tu das. Und sag ihm, er soll stehen bleiben, bis du fertig bist.“
Ruben lachte leise. Miriam betrachtete noch einmal den rechten Arm.
„Den Satz sehe ich mir morgen an. Bevor ihr für einen Test umkonfiguriert, möchte ich die letzte Prüfung und die Lagerung nachvollziehen.“
„Bekommst du“, sagte Ruben.
Sie gingen zurück in die Werkstatt. Vivian zog sich einen Stuhl heran, während Miriam ihr Etui wieder auf den Tisch legte.
„Hat Gavin dir schon alles gezeigt?“
„Abgeholt, Nia vorgestellt und hergebracht. Interessante Lady für eine Lyranerin, hat aber die richtige Chuzpe, um zu uns zu passen. Ruben hat mir danach die Arbeitsplätze und den Bestand gezeigt.“
„Die neue Werkstatt sehen wir uns morgen gemeinsam an“, sagte Vivian. „Danach setzt ihr euch über die Aufgabenverteilung zusammen.“
Ruben zog den zweiten Stuhl zurück. „Ich habe die offenen Arbeiten zusammengestellt. Was davon vor der Verlegung fertig werden muss und was dort besser aufgehoben ist.“
„Dann fangen wir damit an“, sagte Miriam. „Ich will deine Leute erst bei der Arbeit kennenlernen, bevor ich ihnen alles neu sortiere.“
Vivian setzte sich.
„Gut. Und die technischen Freigaben für die Mechs liegen künftig bei dir, auch wenn ich es eilig habe.“
Miriam sah sie einen Augenblick lang an.
„Das möchte ich schriftlich.“
„Du bekommst es schriftlich.“
„Deine Mutter wird erfreut sein.“
„Hat sie dir wieder geschrieben?“
„Die Teileliste. Und dass du beim Entladen gern genau dort stehst, wo man dich gerade nicht brauchen kann.“
„Das war auf Argyle.“
„Dann solltest du inzwischen wissen, dass sie so etwas nicht vergisst.“
Vivian lachte. Ruben holte Wasser aus der Ausgabe und stellte ihr einen Becher hin. Sie wollte gerade fragen, was Eleanor noch geschrieben hatte, als draußen schnelle Schritte näher kamen. Gavin trat durch den Zugang. Er hielt sein Komgerät noch in der Hand.
„Vivian.“
Sie erkannte seinen Ton und richtete sich auf. Nia kam hinter ihm herein. Sie trug untypischerweise eine Schutzweste. Am Zugang blieb sie kurz stehen, während Gavin bis an den Tisch kam.
„Es gibt zwei Vorfälle“, sagte er. „Eine Schlägerei in der Stadt und eine hier an Bord.“
Vivian stellte den Becher ab. „Unsere Leute?“
„Beide Male.“
Miriam nahm ihr Etui vom Tisch und machte Platz für das Pad, das Gavin vor Vivian legte. Unter der Kennung einer Polizeidienststelle standen die Namen. Martin Voss, Steve Ramos, Nadine Krall, Felix Arendt und Jana Seidel. Dagan und Rika. Tim Berger und Aaron Keßler.
„Die waren zusammen unterwegs“, sagte Vivian.
„Martin und Dagan sind aufeinander losgegangen. Weitere haben sich eingemischt. Die Polizei hat sie getrennt. Mehrere sitzen im Gewahrsam, die Verletzten werden untersucht. Jana wird als Zeugin geführt.“
„Wie schwer?“
„Martin hat am meisten abbekommen. Nadines Hand wird untersucht. Die übrigen Angaben sind noch unvollständig. Die Dienststelle verlangt eine verantwortliche Offizierin.“
Vivian las die Namen noch einmal und wandte sich dann an Nia.
„Und hier?“
„Gemeinschaftsraum. Blye, Aasgaard und Molland mit Dorn und Vetter aus Gavins Zug. Alle fünf sind gesichert.“
Gavin legte sein Komgerät auf den Tisch. Bei den Namen der beiden Infanteristen hatte er den Blick gesenkt; jetzt sah er Vivian wieder an.
„Arielle hat versucht, sie auseinanderzuhalten“, sagte Nia. „Dabei hat sie einen Schlag ins Gesicht bekommen.“
Vivian hielt die Hand auf dem Rand des Pads.
„Wissen wir, von wem?“
„Nach den ersten Aussagen lässt sich das nicht eindeutig sagen. Sie ist gestürzt und wollte wieder eingreifen. Dabei hat sie noch einen Schlag mit einer Flasche gegen den Kopf bekommen. Die Sicherheit nimmt gerade die Aussagen dazu auf.“
„Wo ist sie?“
„Krankenstation. Bei der Übergabe war sie ansprechbar, aber deutlich benommen. Sie bleibt unter Beobachtung.“
Vivian stand auf und schob den Stuhl unter den Tisch.
„Besteht bei irgendjemandem Lebensgefahr?“
„Bisher ist keine gemeldet“, sagte Gavin. „Ich lasse mir die Befunde geben, sobald sie vorliegen.“
„Und die fünf?“
„Nach der Versorgung getrennt in der Brig“, sagte Nia. „Die Sicherheit nimmt die Zeugenaussagen auf. Der Gemeinschaftsraum ist gesperrt.“
Vivian blickte zu Gavin.
„Dorn und Vetter kennst du lange.“
„Ja.“
Er sagte zunächst nichts weiter. Dann nahm er sein Komgerät wieder auf.
„Ich habe Dorn noch nicht gesprochen. Von der Sache mit seiner Schwester wusste ich.“
„Das kommt in seine Aussage. Ich will von allen hören, was sie getan haben, und keine Rechtfertigungen darüber, was der andere angeblich verdient hat.“
Gavin nickte.
Vivian nahm das Pad vom Tisch. Am Morgen hatte sie diese Leute in den Auswertungen der ersten gemeinsamen Übung gesehen. Nun brauchte sie für zwei Gruppen getrennte Berichte, Polizeikontakte und medizinische Befunde. Arielle hatte an Bord einen Befehl durchsetzen wollen und lag dafür in der Krankenstation.
„Douglas soll ins Kommandozentrum kommen“, sagte sie. „Jonas übernimmt vorläufig die zweite Kompanie. Er soll wissen, wo seine Leute sind, bevor das durch die Quartiere geht.“
„Ich verständige ihn“, sagte Gavin.
„Nia, ich brauche deinen Bericht und die Namen der Zeugen. Gavin, du holst mir den Ansprechpartner bei der Polizei. Sobald wir wissen, wer dortbleiben muss, fahren wir hin.“
„Ich komme mit“, sagte er.
Vivian nickte und sah zu Miriam. Ihre Reisetasche stand noch neben dem Tisch.
„Dein Quartier—“
„Kläre das hier“, sagte Miriam. „Ruben zeigt mir, wo ich hinmuss.“
Ruben stand bereits auf. Vivian ließ ihre Tasche am Stuhl stehen und ging mit Gavin und Nia ins Kommandozentrum.
__________________ Wer aufhört besser zu werden, hat aufgehört gut zu sein!
"Ich treffe alles, was ich sehe!"
Starcolonel Kurt Sehhilfe, Clan SeeBug
|
|
18.10.2026 13:39 |
|
|
Andai Pryde
Colonel

Dabei seit: 01.05.2003
Beiträge: 4.933
Herkunft: Berlin
Themenstarter
 |
|
Kapitel 5
Conquistador-Landungsschiff, Galaport, Galatea
05. November 3067, früher Morgen
Als Vivian die Berichte auf dem Tisch des Kommandozentrums ausbreitete, zeigte der Wandschirm das Landefeld mittlerweile im Morgengrauen. Sie trug noch die Kleidung vom Vorabend. Auf dem Rückweg von der Polizeidienststelle war sie am Gemeinschaftsraum vorbeigekommen. Die Sicherheit hatte die Tischreihe mit Band abgesperrt; an der Bank darunter klebte getrocknetes Blut.
In der Stadt hatte die diensthabende Polizistin vor allem eine Frage gehabt: ob Vivian den Zweikampf genehmigt habe. Vivian hatte verneint und zugesagt, den Vorfall disziplinarisch zu behandeln. Verletzt worden waren nur Red Reapers, weder der Wirt noch einer seiner Gäste. Die Polizistin hatte die Aussagen aufgenommen, den Rest der Einheit überlassen und beim Abschied auf die Hausverbote gezeigt, die der Wirt gegen die ganze Gruppe ausgesprochen hatte.
„Bei der nächsten Schlägerei behalten wir Ihre Leute länger, Colonel.“
Vivian hatte ihr geglaubt. Gavin hatte währenddessen die Rückfahrt organisiert und die Verletzten auf die Krankenstation bringen lassen. Douglas hatte die Schadensliste übernommen. Die Bank im Lokal war nicht mehr zu reparieren; er wollte Ersatz beschaffen und brauchte dafür die Maße und den Kontakt des Wirts.
Sie las die erste Zeile des Polizeiprotokolls zum zweiten Mal, als Gavin mit zwei Bechern Tee hereinkam. Er stellte einen neben ihre Hand, ohne zu fragen.
„Wann hast du geschlafen?“
„Im Wagen. Zwanzig Minuten.“
Er schob ihr sein Pad hin.
„Martin Voss bleibt heute auf der Krankenstation, am Nachmittag kannst du mit ihm reden. Nadine Krall hat die Hand geschient, zur Anhörung kann sie kommen. Captain Radtke behalten sie noch da.“
Vivian las die Befunde. „Jonas behält so lange die zweite Kompanie. Arielle soll erst einmal liegen bleiben.“
„Sie hat schon nach ihren Leuten gefragt.“
„Sie bekommt den Stand nach den Anhörungen. Ich gehe morgen zu ihr.“
Nia brachte ihren ergänzten Bericht. Arnost Aasgaards Aussage deckte sich mit denen der Zeugen; er hatte versucht, die Streitenden zu trennen, und war nach der Befragung aus der Brig entlassen worden. Die anderen vier saßen weiterhin getrennt ein. Wer Arielle ins Gesicht geschlagen und wer die Flasche geführt hatte, ging aus den Aussagen nicht eindeutig hervor.
Vivian legte den Finger auf die Zeile. „Den Schlag und die Flasche klären wir gesondert. Bis wir wissen, wer es war, behandle ich keinen der vier, als wäre er es gewesen. Für die Schlägerei bekommen alle heute ihre Strafe.“
„Ich lasse weiter befragen.“ Nia tippte die Anmerkung ein. „Owen hat die erste Gruppe draußen.“
Steve und Jana waren schnell erledigt. Ihre Berichte deckten sich mit den Zeugenaussagen; angefangen hatten den Kampf andere, und beide hatten versucht, ihn zu beenden. Steve sprach wegen der geschwollenen Lippe kaum und fragte nur, ob Felix Ärger bekomme, weil Dagan ihn als Angreifer bezeichnet hatte. Vivian verneinte. Arendt hatte Voss wegbringen wollen, ebenso Krall; Berger hatte getan, was die Polizei verlangt hatte. Das Hausverbot galt trotzdem für alle, die an dem Tisch gesessen hatten.
An der Tür blieb Jana noch einmal stehen.
„Martin wollte die Elementare wirklich dabeihaben. Der Abend war am Anfang gut. Ich will nicht, dass es jetzt heißt, wir hätten sie mitgenommen, um sie vorzuführen.“
„Das heißt es nicht.“ Vivian wartete, bis Jana sie ansah. „Ihr sollt miteinander ausgehen können. Einen Kampf daraus gemacht haben Voss und Dagan.“
Erst als der Gang frei war, führte Owen die nächsten herein.
Dagan zog im Schott den Kopf ein. Rika folgte ihm, Aaron Keßler kam zuletzt und stellte sich neben die beiden Elementare, die Hände an der Hosennaht. Neben ihnen wirkte er wie ein Rekrut. Owen schloss das Schott und blieb daneben stehen.
Vivian bot keinem einen Stuhl an.
„Lieutenant Dagan. Bei deiner Aufnahme habe ich dir gesagt, dass hier weder ein Befehl noch eine Beleidigung durch ein Duell entschieden wird. Gestern Abend hast du trotzdem eine Herausforderung angenommen.“
„Martin forderte mich. Vor seinen Leuten und vor meinem Strahl.“ Dagan sprach leise und ohne Eile. „Ein Krieger, der eine Forderung ablehnt, verliert vor beiden sein Gesicht.“
„Und du hast weitergekämpft, als andere ihn wegbringen wollten.“
„Er hatte nicht aufgegeben. Ein Kreis endet, wenn einer aufgibt oder nicht mehr stehen kann.“
„Hier endet er, bevor er anfängt.“ Vivian hielt seinen Blick fest. „Du entscheidest nicht, wann mein Befehl gilt. Voss auch nicht. Wenn er wiederkommt, hältst du ihn auf Abstand und meldest es. Du schlägst nicht weiter zu, du wirfst keinen Schlichter gegen einen Tisch, und du verletzt keine Soldatin, die ihn aus dem Weg bringen will.“
Dagans Kiefer spannte sich. „Felix’ Griff hielt ich für einen Angriff.“
„Er hat dir gesagt, was er vorhatte. Nadine Krall auch. Beides ist bezeugt.“ Vivian schob das Pad ein Stück von sich. „Beim nächsten Streit stehe ich nicht neben dir. Ich muss mich darauf verlassen können, dass du meine Befehle auch dann befolgst, wenn dir der Mann gegenüber nicht gefällt.“
Er schwieg. Rika sah zu ihm und dann zu Vivian.
„Sergeant Rika. Du kanntest meinen Befehl ebenfalls.“
„Aff, Colonel. Ich habe Nadine trotzdem festgehalten. Wer einen Kreis betritt, ohne gefordert zu sein, entehrt beide Kämpfer.“
„Es gab keinen Kreis. Es gab eine Schlägerei in einer Kneipe.“
Rika ließ die Hände vom Gürtel sinken. Für sie hatte es einen Kreis gegeben, das stand ihr im Gesicht.
„Aff, Colonel“, sagte sie schließlich. „Wenn du es so nennst.“
Vivian zog die Laserpistole aus dem Holster und legte sie rechts neben das Pad, den Lauf zur leeren Seitenwand. Dagans Blick folgte ihrer Hand. Rika stand ganz still.
„Ich nenne es so. In dieser Einheit gibt es keine Kreise der Gleichen.“ Vivian sah von Rika zu Dagan. „Wenn doch einer entsteht, beende ich ihn. Auf meine Art.“
Draußen holperte ein Wagen über eine Schottkante. Vivian ließ die Hand neben der Pistole liegen. Dagan sah lange auf die Waffe, dann auf sie.
„Aff, Colonel. Ich habe verstanden.“
Vivian wandte sich Aaron zu. „Dass Sergeant Rika später eingegriffen und deinen Stuhl heruntergedrückt hat, steht im Bericht. Du wolltest damit auf einen Elementar losgehen.“
„Der hat Martin durch den halben Laden geworfen, Colonel“, platzte Aaron heraus. „Und Felix gegen den Tisch, und die da hat Nadine festgehalten, während—“
„Keßler.“ Owen hatte die Stimme kaum gehoben.
Aaron brach ab. Vivian ließ einen Moment verstreichen.
„Danach hast du die Hand eines Polizeibeamten weggeschlagen, der dir gesagt hatte, du sollst stehen bleiben.“
„Ich wollte ihm nur zeigen, wer angefangen—“
„Er hat dir eine klare Anweisung gegeben. Deine Erklärung hätte warten können. So wie eben.“
Aaron presste die Lippen zusammen. „Ja, Colonel.“
„Bis einschließlich achtzehnten November bleibt ihr drei an Bord. Zum Dienst dürft ihr raus, in die Stadt nicht. Jeden Tag eine Stunde zusätzlichen Dienst in gemischten Gruppen und eine Stunde in der Küche, der Wäscherei oder bei den Waschräumen. Sergeant-Major Bell teilt euch ein, und ihr esst in denselben Gruppen. Eure normale Ausbildung läuft weiter.“
Sie rief die Einteilung auf. Rika und Aaron standen in derselben Gruppe, Martin und Dagan auf derselben Liste.
Dagan las den Eintrag zweimal. „Welche Aufgabe habe ich mit Martin?“
„Ihr trainiert zusammen, dein Strahl und sein Trupp. Angriff, Absetzen, Aufsitzen auf Mechs und Fahrzeuge, so lange, bis jede Gruppe die andere ersetzen und ergänzen kann. Wenn ich einen Strahl brauche und nur Voss’ Leute habe, sollen sie arbeiten wie Elementare. Und wenn ich einen Trupp in Standardrüstungen brauche und nur euch habe, arbeitet ihr wie sie.“
Dagan hob den Kopf. „Eine Standardrüstung der Inneren Sphäre leistet nicht, was eine Elementarrüstung leistet. Panzerung, Sprungweite, Waffenlast. Martins Leute können nicht kämpfen wie wir.“
„Dann wirst du sehen, was eine Standardrüstung leisten kann und was nicht. Und Voss sieht dasselbe bei euch. Bell gibt euch Gelände und Auftrag. Beim ersten Durchgang führt Voss deinen Strahl, beim zweiten führst du seinen Trupp. Sobald alle medizinisch freigegeben sind, setzt ihr es praktisch um.“
Owen trat vom Schott heran. „Zur ersten Besprechung bringst du deine bisherigen Angriffsverfahren mit. Voss bekommt denselben Auftrag. Ich will eure Entscheidungen sehen, bevor mir einer erklärt, warum der andere es falsch macht.“
„Aff.“ Dagan nahm das Pad mit seiner Einteilung entgegen. Rika las ihre bis zum Ende und reichte das Pad an Aaron weiter. Als auch er unterschrieben hatte, schickte Vivian die drei mit Owen hinaus. Die Pistole lag noch auf dem Tisch.
Nia sah zum geschlossenen Schott. „Bei ihm hätte das auch als Herausforderung ankommen können.“
„Nein. Eine Herausforderung hätte ihm die Aussicht auf einen Kreis gegeben. Ich habe ihm gesagt, dass es keinen gibt.“ Vivian sicherte die Waffe und steckte sie zurück ins Holster.
Nia hielt ihren Blick, dann sah sie auf ihr Pad. Ihre Finger lagen auf dem nächsten Bericht, ohne ihn zu öffnen. Erst als Gavin die unterschriebenen Pads zu sich zog, rief sie die nächsten Namen auf.
Gavin las die Namen und legte das Pad wieder hin. „Dorn und Vetter sind seit Jahren meine Leute. Wenn du willst, gehe ich raus.“
Vivian schüttelte den Kopf. „Bleib. Wenn ich dich wegschicke, glauben die beiden, du hättest sie aufgegeben. Du sagst nur nichts, was nach Verteidigung klingt.“
Er nickte und rückte seinen Stuhl ein Stück vom Tisch weg.
Private Jeff Blye und Corporal Stan Molland kamen zuerst herein. Blye hatte eine dunkle Schwellung an der Wange, Molland hielt den Kopf schief, damit der geflickte Brillenbügel nicht gegen die verletzte Stelle drückte. Hinter ihnen traten Dorn und Vetter an, und der Unterschied fiel sofort auf. Fersen geschlossen, Blick auf einen Punkt über Vivians Kopf, die Hände ruhig an der Hosennaht. Männer, die mit Gavin Brannock jahrelang hinter feindlichen Linien gearbeitet hatten, standen auch nach einer Nacht in der Brig so. Dorn atmete vorsichtig durch. Sein Blick ging einmal kurz zu Gavin. Gavin verzog keine Miene.
Was alle Zeugen übereinstimmend ausgesagt hatten, ließ Vivian stehen. Sie fragte nur dort nach, wo die Aussagen auseinandergingen. Molland begann mit Vetters Griff, Blye mit der Enge an der Bank. Nia musste zweimal nachfragen, bevor einer der beiden beschrieb, was er selbst getan hatte.
„Molland—“ Vivian blinzelte kurz, brach ab, sah auf den Bericht und setzte neu an. „Private Blye. Captain Radtke hat Ihnen befohlen, mit Lieutenant Aasgaard zur Wand zu gehen. Haben Sie den Befehl gehört?“
„Ja, Colonel. Aber Dorn kam an der Bank vorbei, und sie hatte mich am Arm. Ich wollte mich losmachen.“
„Lieutenant Aasgaard wollte Sie zurücknehmen. Sie sind geblieben.“ Vivian ließ die Zeugenaussage auf dem Schirm stehen. „Was hat Sie daran gehindert, mit ihm zur Wand zu gehen?“
„Vetter stand vor mir. Und Captain Radtke hielt mich fest.“
„Sie hätte Sie losgelassen, sobald Sie ihren Befehl ausgeführt hätten.“
Blye sah auf den Tisch. „Ich habe mich nur losgemacht.“
„Ich habe Sie nach dem Befehl gefragt.“
Molland schob die Brille zurecht. „Sie hätte uns nicht anfassen müssen.“
Vivian wandte sich ihm zu. „Corporal Molland. Captain Radtke hat Ihnen gesagt, wohin Sie gehen sollen. Sie hat Ihnen gesagt, dass es ein Befehl ist. Was brauchen Sie noch, um einen Befehl zu befolgen?“
Er öffnete den Mund. Vivian unterbrach ihn, bevor er bei Vetter ankam.
„In dieser Einheit werden Befehle befolgt. Captain Radtke muss dafür nicht erst Ihre Zustimmung einholen. Das gilt für Sie beide.“
Molland stellte die Füße zusammen. „Ja, Colonel.“
Dorn bestätigte knapp, dass er trotz Radtkes Anweisung an der Bank vorbeigegangen war, Vetter ebenso knapp, dass er ihren Arm weggedrückt hatte. Keiner der beiden schmückte etwas aus. Beim Schlag und bei der Flasche widersprachen sich die vier. Nia schrieb jede Abweichung mit.
Vivian legte das Pad flach auf den Tisch. „Captain Radtke liegt auf der Krankenstation. Einer von Ihnen hat ihr ins Gesicht geschlagen, kurz danach traf sie eine Flasche am Kopf. Ich finde heraus, wer was getan hat. Wer eine Offizierin schlägt, kommt nicht mit Küchendienst davon. Was Sie heute bekommen, gilt nur für die Schlägerei.“
Blye hob den Kopf und senkte ihn wieder. Nia las die Strafen vor: dieselbe Ausgangssperre und dieselben Zusatzstunden wie für die Beteiligten aus der Stadt, dazu mussten sie den Gemeinschaftsraum wieder herrichten, sobald die Sicherheit ihn freigab.
Dorn las, ohne zu bestätigen. „Und was die über New Avalon gesagt haben?“
„Steht im Bericht. Darüber reden wir auch noch.“
„Meine Schwester—“
„Erich.“ Vivian sprach ihn beim Vornamen an, und ihre Stimme wurde leiser. „Was auch immer an diesem Abend über deine Schwester gesagt wurde, niemand hier wollte ihr Andenken schmälern. Du hast sie gerächt. Damit sollte es für dich abgeschlossen sein.“
Dorn sah sie zum ersten Mal direkt an. Dann ging sein Blick zu Gavin. Diesmal nickte Gavin, kaum sichtbar.
„Sergeant Dorn“, fuhr Vivian im alten Ton fort, „hier geht es um das, was Sie an Bord getan haben.“
„Verstanden, Colonel.“
Blye rieb sich über die Stirn. „Wir haben seine Schwester nicht gemeint.“
„Sie haben weitergeredet, nachdem Sie von ihr wussten. Corporal Molland ebenfalls.“ Vivian wartete, bis Blyes Hand wieder unten war. „Wenn Ihnen jemand sagt, dass Sie aufhören sollen, hören Sie auf. Ob Ihnen der Grund ausreicht, prüfen Sie hinterher.“
Sie ließ die vier unterschreiben. Bevor sie gingen, sagte sie ihnen, dass jeder, der in dieser Einheit noch einmal zuschlug, seine Sachen packen konnte. Owen übernahm sie draußen. Nia blieb, bis Arnost Aasgaard hereingekommen war, und ging dann mit den Unterlagen zur Sicherheit.
Arnost setzte sich, als Vivian auf den Stuhl zeigte, legte die Hände auf die Knie und wartete.
„Arnost, die Zeugen bestätigen, dass du versucht hast, die Streitenden zu trennen. Dafür bekommst du keine Strafe.“ Sie ließ es wirken. „Über den Anfang reden wir trotzdem.“
„Den Witz habe ich erzählt.“
„Und Dorn hat euch aufgefordert, aufzuhören.“
Er nickte langsam. „Ich dachte, ich könnte ihm erklären, wie es gemeint war.“
„Du bist Lanzenführer, Arnost. Von einem Lanzenführer erwarte ich, dass er weiß, wann Schluss ist. Deine Leute standen neben dir; solange du weiterredest, hören sie nicht auf. Und es fällt auf dich zurück, wenn ausgerechnet ein Lieutenant mit einem schlechten Witz eine Schlägerei auslöst, an deren Ende seine Kompaniechefin auf der Krankenstation liegt.“
Er strich mit beiden Händen über die Knie. „Die Tragweite habe ich erst begriffen, als er von seiner Schwester sprach.“
„Dann begreif sie beim nächsten Mal früher. Ich erwarte mehr von dir.“ Vivian schob ihm die Einteilung hin. „Sprich mit Blye und Molland. Was darüber hinaus nötig ist, besprechen die beiden Captains, Kerr und Radtke, miteinander. Du unterstützt sie.“
„Verstanden.“
Als er gegangen war, griff Vivian nach ihrem Tee. Er war kalt. Gavin legte das letzte Pad zu den anderen und blieb sitzen.
„Martin hat die beiden freiwillig mitgenommen.“ Vivian drehte den Becher zwischen den Händen. „Jana hat heute Morgen darauf bestanden. Zwischen all den Berichten über Schläge steht ein Abend, an dem sie miteinander auskommen wollten.“
„Eine Weile haben sie das auch.“
„Mit Reibung hatte ich gerechnet. Ich hätte nur gern mehr als ein paar Abende gehabt.“
Gavin lehnte sich zurück. „Besser jetzt als in einem Jahr mitten in einem Gefecht.“
„Nadine Krall hätte es trotzdem nicht abbekommen dürfen.“
„Nein.“ Gavin sah auf die Befunde. „Voss hat seine Leute in einen Streit gezogen, den er selbst angefangen hat. Dagan hat weitergemacht, als sie dazwischengingen. Beide müssen lernen, dem anderen zuzuhören, bevor es wieder jemanden trifft. Aber sie halten das aus, und vielleicht schweißt es sie sogar zusammen.“
„Deshalb der Führungswechsel. Ich will sehen, ob Dagan Voss zuhört, wenn ihm dessen Entscheidung nicht passt.“
„Und ob Voss ihm einen vernünftigen Auftrag gibt, statt sich zu revanchieren.“ Gavin zog Owens Einteilung heran. „Owen lässt sie den Angriff planen, nimmt ihnen beim Rückzug eine Deckung weg und sieht nach, was von der Planung übrig bleibt.“
„Mit allen neun, sobald die Krankenstation sie freigibt. Und mit der Besatzung vom Bandit, sonst steht beim Aufsitzen wieder einer dem anderen im Weg.“
„Er wird es oft genug wiederholen lassen.“
Vivian nahm die Einteilung zurück. Der gemeinsame Auftrag ließ Dagan wenig Raum, Voss abzutun, und Voss musste sich außerhalb seines eigenen Trupps beweisen. Owen konnte beide nach einer Woche gut genug einschätzen, um zu merken, wann aus einer fachlichen Meinungsverschiedenheit wieder eine persönliche wurde.
„Felix, Nadine, Steve, Jana und Berger haben keine Zusatzstunden. Bei der gemeinsamen Ausbildung sind alle dabei, bestraft wird nur, wer auf diesen Listen steht.“
Gavin bestätigte und nahm die Listen mit.
***
Am Nachmittag gab die Krankenstation Martin für die Befragung frei. Vivian setzte sich neben seine Koje, Gavin blieb an der Tür. Martin stemmte sich auf die Ellenbogen, um sich aufzurichten.
„Bleib liegen.“
Er sank mit einem Ächzen zurück ins Kissen. Die Erleichterung stand ihm im Gesicht.
„Ich habe ihn gefordert“, sagte er, bevor sie fragen konnte. „Das steht sicher schon in den Berichten.“
„Steht es.“ Vivian nannte ihm Nadines Befund. Martin drehte den Kopf zur Wand.
„Sie wollte mich da rausholen.“
„Und du bist wieder auf Dagan losgegangen.“
Er strich die Decke über seinem Knie glatt. „Ja. Und das war dumm.“
Vivian legte ihm das Pad mit seiner Strafe hin. Martin las bis zum Führungswechsel und sah auf.
„Er führt meinen Trupp?“
„Beim zweiten Durchgang. Beim ersten führst du seinen Strahl. Den Auftrag bekommt ihr von Bell. Ins Gelände geht ihr erst, wenn die Krankenstation euch freigibt.“
„Am Tisch kann ich arbeiten.“
„Dann fängst du morgen bei Bell an. Heute nicht mehr.“
Er bestätigte. Er fragte nach Felix; Vivian beruhigte ihn, dessen Schlichtungsversuch sei geklärt. Was mit Steves Lippe passiert war, musste Martin Steve selbst erklären. Vivian blieb, bis er den Rest gelesen hatte, und ließ ihn dann mit Gavin allein.
Vor der Tür wartete Nadine Krall. Die geschiente Hand hielt sie dicht vor dem Körper. Sie fragte nach dem nächsten Ausbildungsblock, bevor Vivian etwas sagen konnte.
„Heute bleibt die Hand ruhig, Sergeant. Bis zur nächsten Kontrolle machst du die Auswertungen mit.“
„Bekomme ich dafür die Aufzeichnungen?“
„Sergeant-Major Bell gibt sie dir. Sag ihm, welche Abschnitte du brauchst. Deinen Dienstplan stimmt Brannock mit der Krankenstation ab.“
Nadine sah durch die offene Tür zu Martin und nickte. Vivian ging zurück ins Kommandozentrum.
Conquistador-Landungsschiff, Galaport, Galatea
06. November 3067
Arielle Radtke saß auf der Kante ihrer Koje, als Vivian kam. Unter dem Auge lag eine dunkle Verfärbung, an der Schläfe ein kleiner Verband. Sie hatte die Uniformjacke übergezogen, ohne sie zu schließen. Auf dem Beistelltisch standen ein Wasserglas und ihr Pad.
Vivian zog den Stuhl heran. „Wie geht es dir?“
„Besser. Wenn ich zu schnell aufstehe, bewegt sich noch der Raum.“ Arielle nahm das Glas, sah aber auf ihr Pad. „Jonas hat mir die Einteilungen geschickt.“
„Er behält die Kompanie, bis dein Gleichgewicht wieder zuverlässig ist. Ins Cockpit gehst du vorher nicht. Für Planung und Auswertung brauche ich dich trotzdem.“
Arielle nickte und trank. Vivian ließ ihr Zeit.
„Mit der Schlägerei sind wir durch. Alle haben dieselbe Strafe bekommen. Wer dich geschlagen hat, wissen wir noch nicht.“
„Die Sicherheit hat meine Aussage.“
„In der du nicht sagst, wer dich ins Gesicht geschlagen hat.“
„Ich hätte früher eingreifen müssen.“
„Darüber sprichst du mit deinen Leuten. An dem Schlag ändert es nichts.“ Vivian hielt ihren Blick. „Wer war es?“
Arielle sah zur Tür. Draußen hielt ein Wagen an und wurde weitergeschoben. Sie wartete, bis die Räder verklungen waren.
„Sie haben gerade erst wieder eine Einheit. Blye und Molland waren bei den Donegal Guards jahrelang zusammen, Aasgaard kennt beide. Wenn Sie jetzt einen von ihnen hinauswerfen—“
„Dann fehlt dir ein Mechkrieger.“
„Es geht nicht um einen freien Platz.“
Vivian ließ sie weiterreden. Arielle rieb mit dem Daumen über die Kante des Tischs.
„Ich will nicht, dass die anderen glauben, ich sichere mein Kommando, indem ich einen von ihnen ans Messer liefere.“
„Du hast ihm einen Befehl gegeben. Er hat ihn missachtet und dich geschlagen. Wenn du das deckst, was halten die anderen dann von deinem Kommando?“
Arielle nahm die Hand vom Tisch und sah Vivian so direkt an, dass Vivian mit einer scharfen Antwort rechnete. Dann senkte sie den Blick.
Vor vier Tagen, nach der Führungsbesprechung, hatte Vivian ihr von Hesperus II erzählt: von den Monaten, in denen jeder bei den 3rd Davion Guards unter Verdacht stand, auch die, die wegen ihrer Treue zu Victor unter Hausarrest gesessen hatten. Arielle hatte damals verstanden, was Vivian meinte. Jetzt saß sie hier und hielt einen Namen zurück, um ihre Leute vor demselben Verdacht zu schützen.
„Bei Bulldog wollten wir alle beweisen, dass man uns trauen konnte.“ Vivian lehnte sich zurück. „Ich verstehe, warum du deine Leute zusammenhalten willst. Aber jetzt musst du verlangen, dass sie sich wie deine Kompanie benehmen.“
„Das habe ich versucht.“
„Dann bring es zu Ende. Es ist deine Kompanie, Arielle. Was deine Leute zusätzlich leisten müssen, arbeitest du mit Jonas aus. Du kennst die Leute und weißt, was du ihnen abverlangen musst. Ich will deinen Vorschlag hören.“
Arielle zog ihr Pad näher. „Zusätzlich zu den Dienststunden?“
„Wenn einzelne es nötig haben. Die ganze Kompanie bestrafe ich nicht. Über den Schlag gegen dich entscheide ich, wenn wir wissen, wer es war. Dafür brauche ich deine ganze Aussage.“
Arielle ließ die Hand auf dem Pad liegen.
„Jeff Blye“, sagte sie. „Er wusste, dass ich ihn festhalte. Er hat mich angesehen und dann zugeschlagen.“
Vivian hatte mit dem Namen gerechnet. Sie öffnete den Vermerk, trug ihn ein und hielt Arielle das Gerät zum Unterschreiben hin.
„Die Sicherheit befragt ihn noch einmal.“
„Bei der Flasche kann ich keinen Namen nennen. Ich habe einen Arm über Vetters Schulter gesehen, das Etikett, dann kam der Schlag.“
„Ich verstehe.“
Sie gingen die Angaben gemeinsam durch. Arielle ergänzte den Wortlaut ihres Befehls an Blye und wo sie an der Bank gestanden hatte. Vivian fragte nur nach den Stellen, die im ersten Bericht offen geblieben waren.
Als Arielle unterschrieben hatte, nahm Vivian das Gerät zurück. „Es wird nicht leichter, wenn du es für ihn verschweigst.“
„Ich weiß.“ Jetzt hielt Arielle den Blick. „Ich will bei der nächsten Anhörung dabei sein.“
„Du bekommst den Termin.“
Vivian stand auf und schob den Stuhl an die Wand. Arielle hatte ihr Pad bereits wieder geöffnet.
„Den Beobachterplan für die Übung hat Gavin. Ich würde den Beobachtern zuerst nur geben, was auch die Teilnehmer sehen. Die vollständige Aufzeichnung erst, wenn sie ihre eigene Einschätzung abgegeben haben. Sonst sieht sich jeder nur die Abschüsse an.“
„Geh ihn mit Jonas durch. Bei der nächsten großen Übung sitzt du mit Gavin in der Zentrale und beobachtest deine Kompanie.“
Arielle nickte. Blyes Namen ließ sie diesmal ruhen. Im Gang leitete Vivian die ergänzte Aussage an Nia weiter und gab Jonas Bescheid. Seine einzige Rückfrage betraf den Termin der Anhörung.
Halle C-12, Galaport, Galatea
08. November 3067
Vor dem Hallentor stand der Bandit mit offenem Heck. Jana und Felix stiegen in ihren Rüstungen nacheinander aus dem Transportraum, während ein Besatzungsmitglied die Rampe freihielt. Nadine stand daneben, hatte die geschiente Hand aus der Jackentasche genommen und zeigte dem Mann am Heck den Abstand zwischen den beiden Rüstungen beim Aussteigen. Die Schwellung war zurückgegangen; nach der nächsten Kontrolle sollte sie wieder in ihre eigene Rüstung.
Drinnen saßen Martin und Dagan vor der Werkstattabtrennung über demselben Geländeplan. Owen hatte zwei Anmarschwege eingezeichnet und ein Mechsymbol zwischen die Häuser gesetzt. Martin bewegte sich noch vorsichtig, war aber wieder im Dienst.
„Wenn dein Strahl hier absitzt, sieht ihn der Gegner schon von der Kreuzung“, sagte Martin. „Und meine Leute kommen erst um die Ecke, wenn der Bandit zurückgesetzt hat.“
Dagan nahm seine Markierung vom Straßenrand. „Der OmniMech kann uns hinter dieser Häuserreihe absetzen. Wir kommen von Norden.“
„Dann steht das Gebäude zwischen uns. Wenn der Mech nach Süden ausweicht, bist du auf der falschen Seite.“
„Und du hast ihn vor dir.“
Martin sah auf seine vier Rüstungssymbole. „Mit vier Leuten, bevor ihr überhaupt wieder Sicht habt.“
Owen legte einen Finger auf die Kreuzung. „Diesmal führt Voss. Lass ihn überlegen, ob er deinen Vorschlag einbaut.“
Dagan lehnte sich zurück. Martin schob den Bandit an eine andere Einfahrt.
„Wir sitzen hier ab. Dein Strahl wartet auf der Nordseite, bis meine Leute an der Ecke sind. Dann gehst du. Der Bandit nimmt die Straße hinter uns, damit er uns beim Absetzen nicht den Weg zustellt.“
„Dann brauche ich die Meldung von deinem letzten Mann.“ Dagan tippte auf die Nordseite. „Von Norden sehe ich die Ecke nicht.“
Martin schrieb es daneben. Vivian hatte bei Owen gewartet, bis beide ihre Wege eingezeichnet hatten. Jetzt beugte sie sich über den Plan. „Der Rückzug gehört dazu. Bei der Aufnahme macht ihr einander Platz, statt euch wieder gegenseitig zu blockieren.“
„Den arbeiten sie als Nächstes aus.“ Owen nickte zum Plan. „Nach der Pause übernimmt Dagan. Gleicher Auftrag, anderer Anmarsch, dieselben Fahrzeuge. Zur letzten Besprechung hole ich die Bandit-Besatzung und Lieutenant Aasgaard dazu, wegen des Absetzpunkts. Wenn die neun rausgehen, soll jeder wissen, wo er hinläuft.“
Dagan zeigte auf einen Durchgang zwischen zwei Häusern, den er für seinen Strahl wollte. Keiner der beiden bat den anderen um etwas. Sie mussten aber erklären, was ihre Leute konnten und welche Meldung sie dafür brauchten. Vivian ließ Owen bei ihnen.
Am anderen Ende der Halle zählten Rika und Aaron Keßler zurückgegebenes Ausbildungsmaterial. Die Frau von der Ausgabe zeigte Aaron, wo ein falsch abgestellter Behälter hingehörte. Rika hob ihn vom Wagen und wartete, bis Aaron das untere Fach freigeräumt hatte. Danach waren beide für die Wäscheausgabe eingeteilt. In drei Tagen hatte Vivian zwei Anfragen bekommen, ob erledigte Zusatzaufgaben die Ausgangssperre verkürzten. Sie hatte beide abgelehnt.
Jonas saß weiter hinten an einem Tisch mit den Auswertungen der ersten kurzen Simulatorläufe. Daneben standen Nathan und Douglas über der Karte eines Nachschubwegs. In Nathans Lauf hatte seine Lanze die Kreuzung gehalten, bis auf der Hauptstraße kein Gegner mehr kam, und trotzdem war der Nachschubwagen stecken geblieben. Ein zerschossener eigener Panzer lag quer in der einzigen Zufahrt, und um ihn herum war kein Platz, weil Nathans Mechs dicht an der Straße standen.
Nathan hatte sich die Maße von Douglas’ Fahrzeugen besorgt und zwei seiner Stellungen durchgestrichen. „Bis hierhin decke ich dir die Straße. Wenn einer deiner Panzer oder einer der Trucks liegen bleibt und du um ihn herum musst, gehe ich in die Seitenstraße zurück.“
„Dann schwenk früher ein.“ Douglas schob Nathans Markierung ein Stück nach hinten. „Ein Schwebepanzer auf Geschwindigkeit lässt sich schwer auf der Stelle drehen, und ich möchte ungern mit der Schürze an deinem Knie hängen bleiben.“
Jonas zeigte Vivian den zweiten Lauf. Dort war die Infanterie erst am Ziel angekommen, als die deckenden Mechs schon weitergezogen waren. Auf der Übersicht lagen nur wenige Meter zwischen den Symbolen; tatsächlich mussten die Männer eine Treppe hinauf und durch zwei Türen. Owen hatte sie am Morgen nach dem Lauf mit voller Ausrüstung durch einen abgesteckten Bereich laufen lassen. Die gemessenen Zeiten standen jetzt neben den geplanten.
„Im ersten Lauf bin ich nach der Karte gegangen“, sagte Jonas. „Die letzte Gruppe war noch auf der Treppe, da waren meine Mechs schon weg. Jetzt ziehe ich sie erst weiter, wenn der Trupp oben angekommen ist.“
„Und wenn du nicht mehr hörst, ob sie angekommen sind?“
„Dann bleiben die Mechs stehen, bis ich wieder Funk habe oder einer rüberläuft und es mir sagt.“
Sie ließ ihn das in den Auftrag schreiben. Auf seinem zweiten Pad lag die Buchung des Simulatorzentrums für den zehnten November. Bisher hatten sie in kurzen Läufen einzelne Handgriffe geübt. Am Zehnten sollten beide Kompanien vollzählig in die Kapseln, mit ihren Panzern und ihrer Infanterie.
„Die Leute sitzen in ihren eigenen Lanzen.“ Vivian tippte auf die Liste. „Mit denen gehen sie auch in den Einsatz.“
„Ich habe genug Kapseln angefragt. Douglas kümmert sich um die Fahrzeugplätze, die Infanterie läuft über die Gruppenstationen. Wenn das Zentrum uns den zweiten Saal gibt, laufen beide Kompanien gleichzeitig.“
„Und die Auswertung machen wir gemeinsam.“
Er schrieb es dazu. Ein zugestellter Fahrweg oder ein Mech, der seine Ecke verließ, konnte in beiden Kompanien vorkommen, und Vivian wollte solche Fehler einmal besprechen, vor allen.
Arielle kam mit Gavin durch den Werkstattzugang. Die Jacke war wieder geschlossen, der Verband an der Schläfe kleiner. Mit Jonas hatte sie inzwischen festgelegt, was ihre Leute zusätzlich leisten mussten. Blye war nach ihrer Aussage ein zweites Mal befragt worden; die abschließende Anhörung hatte Nia für den elften November angesetzt, mit Arielle am Tisch. Danach würde Vivian entscheiden. Bis dahin tat Blye regulären Dienst. Wer die Flasche geschwungen hatte, war weiter offen.
Arielle reichte ihr den Beobachterplan. Für jeden Platz in der Zentrale hatte sie aufgeschrieben, welche Funksprüche und Kamerabilder der Beobachter während des Laufs zu sehen bekam.
Vivian überflog die Liste. „Übernehmen wir so. Du beobachtest deine Kompanie mit Gavin von der Zentrale aus. Jonas führt.“
Arielle sah auf die Liste. „Und wer beobachtet die erste? Sie?“
„Ich bin während des Laufs nicht in der Zentrale. Bell hat die Aufsicht über beide. Zur Auswertung bin ich wieder bei euch.“
Gavin nahm den Termin auf und ging mit Vivian ein Stück Richtung Tor.
„Der Gemeinschaftsraum ist wieder hergerichtet. Dorn und Blye haben die neue Bank gemeinsam hereingetragen.“
„Geredet?“
„Kein Wort. Aber keiner hat die Bank fallen lassen oder versucht, auf den anderen loszugehen.“
„Das reicht für den Anfang.“
Am Abend gab das Simulatorzentrum den zweiten Saal frei. Jonas und Owen setzten die Kompanien so in die Kapseln, wie sie auch ausrücken würden.
Vivian unterschrieb die Buchung und nahm die Unterlagen der Übungsleitung an sich. Auftrag und Lagebild gingen an die Kompanien, die Stellungen der Clanmaschinen blieben in Bells Szenariodatei. Bevor sie das Büro verließ, öffnete sie die Datei noch einmal und ging die Anmarschwege der Falken durch, einen nach dem anderen.
Simulatorzentrum, Galaport, Galatea
10. November 3067
Im Vorraum roch es nach Desinfektionsmittel und kaltem Kaffee. An beiden Längswänden standen die Simulatorkapseln aufgereiht, jede auf ihrer Hubplattform, daneben ein schmaler Techniktisch. Die erste Kompanie lief auf der anderen Seite der Trennwand; durch die halb offene Tür hörte Jeff, wie Nathan einen Kanal nach dem anderen abfragte.
Stan saß auf der Bank und knotete einen Stiefel neu. Der Brillenbügel trug immer noch die helle Wicklung.
„Mein Wolfhound hinkt“, sagte er. „Die linke Hüfte ist steif. Wenn ich das Bein nachziehe, hängt es einen Moment, bevor der Fuß aufsetzt. Ich hab’s dem Tech dreimal gesagt.“
„Und?“
„Er meint, ich bilde mir das ein. Die Werte wären sauber.“ Stan zog die Schlaufe fest und sah zur Tür. „Wo ist eigentlich die Colonel? Sonst steht sie hinten in der Ecke und schreibt mit.“
Arnost kam mit dem Helm unter dem Arm aus dem Gang. „Übungsleitung.“
„Und wer führt drüben Kerberos, wenn Slate bei uns ist?“
„Steht auf keiner meiner Listen.“ Arnost nickte zu den Kapseln. „Rein mit euch. Die Captain sitzt mit Major Brannock in der Zentrale. Sie sieht alles, was ihr seht.“
Kurz darauf kamen die beiden durch den Vorraum, Captain Radtke und Major Brannock. Die Verfärbung unter Radtkes Auge war gelblich geworden, vom Verband an der Schläfe war nur ein Pflaster geblieben. Sie grüßte die drei, und ihr Blick blieb einen Augenblick länger bei Jeff, bevor sie weiterging.
Seit der zweiten Befragung hatte Jeff kein Wort mit ihr gewechselt. Die Sicherheit hatte ihn zwei Tage nach der ersten noch einmal geholt, mit neuen Fragen und demselben Bericht auf dem Tisch, und danach hatte er gewusst, dass Radtke seinen Namen genannt hatte. Übel nehmen konnte er es ihr nicht.
Er hatte sie gesehen, das wusste er inzwischen. Ihre Hand an seinem Arm, Vetter vor ihm, das Geschrei, und dann war seine Faust schon unterwegs gewesen. Ob er in diesem Moment begriffen hatte, wen er vor sich hatte, wusste er bis heute nicht. Geschlagen hatte er trotzdem. Radtke hatte ihn durch den Krieg geführt, und er hätte sich eher die Hand gebrochen, als sie mit Absicht gegen sie zu erheben.
Morgen früh war die Anhörung, mit Radtke am Tisch. Danach entschied die Colonel, ob er blieb. Heute saß Radtke in der Zentrale und sah zu. Wenn sie morgen über ihn sprachen, sollte in der Auswertung wenigstens stehen, dass er seinen Ostroc führen konnte.
Er stieg in seine Kapsel.
Die Luke schloss sich mit einem dumpfen Schmatzen der Dichtung. Jeff zog den rechten Gurt straff und ließ den Neurohelmabgleich ein zweites Mal laufen. Der Helm saß anders als im echten Ostroc; er schob ihn ein Stück höher, bis das Bild seiner Kopfbewegung folgte, ohne nachzuziehen. Dann ging er die Waffen durch: die beiden schweren Clan-ER-Laser, die mittelschweren Impulslaser, die gewöhnlichen mittelschweren Laser, alle sechs in den Seitentorsos, die Arme frei für Griffe und Schläge. Siebzehn doppelte Wärmetauscher meldeten Bereitschaft. Neben der Temperaturanzeige stand die Marke, ab der die Dreifach-Myomere ansprachen. Die Nadel lag weit darunter.
„Bottle, Steuerabgleich abgeschlossen.“
Weiter hinten in der Reihe schloss sich eine Luke. Als seine Plattform sich hob und einrastete, ging in der Kapsel das Licht aus.
Jonas legte die Lage auf alle Schirme. Ein Stadtviertel, das ein Fluss im Norden und Osten in einem weiten Bogen umschloss, der Bereitstellungsraum am Westrand, zwei Kilometer bis zum Ziel. Von Westen lief eine breite Allee schnurgerade auf den Rathausplatz zu. An dessen Nordseite stand das ehemalige Gerichtsgebäude mit seinem Turm, dahinter zog sich die Uferstraße am Wasser entlang. Gut hundertfünfzig Meter südlich der Allee verlief die Marktstraße, enger, mit Läden und abgestellten Wagen, durch Querstraßen mit der Allee verbunden. Sie mündete an der Südwestecke in den Platz. Von seiner Ostseite führte eine kurze Zufahrt auf eine Steinbrücke und über den Fluss.
„Clan Jadefalke hält das Viertel. Die Anlage führt die Gegner nach Sergeant-Major Bells Szenario. Rechnet mit dem, was Falken tun: schnell, aggressiv, Einzelduelle, sobald ihr ihnen eins anbietet.“ Jonas markierte das Gericht. „Achtzehn von unseren Leuten sitzen da drin, sechs davon auf Tragen. Wir holen alle raus und bringen sie zum Übergabepunkt im Westen. Nach achtundzwanzig Minuten steht die Clanreserve auf unserer Ausfahrt. Osiris öffnet die Allee bis zum Platz. Anubis geht die Marktstraße hinunter und hält sie zusammen mit den südlichen Querstraßen, denn darüber fährt der Bandit zurück. Skarabäus nimmt die Uferstraße und hält uns die Rückseite des Gerichts frei. Über den Platz hinaus verfolgt keiner ohne meinen Befehl.“
Jeff kannte den Rest aus der Einweisung. Douglas’ Condor führte die Fahrzeuge. Der Bandit sollte die Gefangenen am Hoftor an der Westseite des Gerichts aufnehmen und über die Marktstraße zurückbringen. Julianne Pfeiffers Scouts gingen ins Gebäude, Martin Voss und Jana Seidel in ihren Rüstungen mit ihnen. Dagan, Ryan und Charlene saßen auf Arnosts Blood Asp auf. Niklas Brandts Infanterie fuhr mit Anubis und sollte die Marktstraße zu Fuß halten. Drei Sterne Falken-OmniMechs mit Elementaren, hieß es in der Aufklärung. Fünfzehn Maschinen. Mehr wusste niemand.
„Wizard an Bottle. Am Ende der Marktstraße steht rechts eine lange Halle mit rotem Dach. Du nimmst ihre Ecke zum Platz. Harmonic geht an den Platzrand, Hardwire bleibt an der letzten Querstraße und hält uns den Rücken frei. Bis dahin gehen wir als Lanze.“
„Bottle, verstanden.“
Die Lagekarte schrumpfte in eine Ecke, und vor ihm wurde die Straße hell.
Die Anlage hatte einen Morgen nach Regen gewählt. Auf dem Asphalt standen Pfützen, in denen sich graue Wolken spiegelten. Niedrige Wohnhäuser mit heruntergelassenen Rollläden säumten die Marktstraße, dazwischen Läden mit leeren Auslagen und am Bordstein eine Reihe abgestellter Wagen. Weiter östlich wurden die Gebäude höher, und über den Dächern stand die grüne Kupferspitze des Gerichtsturms. Jeff merkte sie sich. Wenn es eng wurde, wollte er sich an etwas halten können, das größer war als ein Symbol auf der Karte.
Ginas Warhammer ging links vor ihm, die PPC-Arme gesenkt, den Torso die Straße hinunter gedreht. Clarissas Rakshasa hielt sich an der rechten Straßenseite, Elvas Rifleman folgte mit Abstand, beide Waffenarme halb erhoben. Jeff setzte den Ostroc hinter Clarissa an die rechte Häuserreihe. Der erste Schritt kam als harter Stoß durch den Sitz, härter, als er es vom echten Mech kannte. Er verkürzte den zweiten, bis der Abgleich nachkam. Unter dem dritten platzte eine Pfütze und klatschte gegen eine Hauswand.
Hinter ihnen rasselten die Ketten des Manticore und des schmaleren Vedette, und noch weiter hinten fuhren Niklas’ Lastwagen, die an jeder Querstraße hielten, bis die Mechs vorbei waren. Zwischen den Häusern hindurch sah Jeff auf der Allee die Spitze von Osiris: Jonas’ Enforcer vorn, dann der massige Blood Asp mit den drei Elementaren an den Haltegriffen, Cadenzas Marauder und Wills Dragon Fire. Irgendwo dahinter mahlten die Ketten des Behemoth, ein tiefes Geräusch, das er mehr im Sitz spürte als hörte.
Vierhundert Meter voraus lief der erste Falke über eine Querstraße, von Norden nach Süden, ein schlanker jadegrüner OmniMech mit kurzen Armen, so schnell, dass Jeff ihn eher ahnte als sah. Der Rechner hatte ihn gerade als Dasher eingeordnet, da war er schon zwischen den Häusern verschwunden. Jeff schwenkte den Torso mit und bekam nur noch eine Dachkante ins Fadenkreuz.
„Lass ihn laufen“, sagte Gina. „Der will nur sehen, wer kommt.“
Drüben auf der Allee fiel der erste ernsthafte Schuss. Jeff sah das Licht, bevor er den Donner hörte: Aus der Tiefe der Allee flog eine blauweiße Entladung auf den Blood Asp zu und leuchtete die Häuserfronten für einen Augenblick grell aus. Der Neunzigtonner ging durch den Treffer hindurch, ohne den Schritt zu verkürzen, und drehte den Torso. Das Gaussgeschütz krachte trocken. Am Ende der Allee riss die Kugel eine Hausecke weg, Staub und Ziegelbrocken spritzten über die Fahrbahn, und hinter dem Staub stieg ein grüner Mech auf Sprungdüsen über die Dächer davon.
„Summoner“, meldete Dagan vom Rücken des Blood Asp. Er benutzte den Clannamen; Jeffs Rechner führte die Maschine als Thor.
Nach acht Minuten erreichte Anubis das Ende der Marktstraße. Die Halle stand, wie Gina gesagt hatte, an der rechten Straßenseite, lang und fensterlos, ein Ziegeldach über grauem Beton. Jeff ließ den Ostroc an ihrer Wand entlanggehen, bis er die Ecke zum Platz erreichte, und schob ihn so weit vor, dass nur der rechte Torso und der Kopf über die Kante ragten.
Der Platz war größer, als die Karte vermuten ließ. Eine niedrige Mittelinsel mit zwei kahlen Bäumen teilte ihn, dahinter stand das Gericht, vier Geschosse grauer Stein, der Turm über dem Portal zurückgesetzt. An der Westwand des Gerichts führte eine schmale Gasse zu einem Hof, dessen Tor zum Platz hin offen stand. Gegenüber, an der Ostseite, öffnete sich die Zufahrt zur Brücke; zwischen den letzten Häusern sah Jeff die steinerne Brüstung und dahinter Lagerhäuser am anderen Ufer. Die ganze Südseite entlang standen Geschäftshäuser mit Schaufenstern, Vordächern und Durchfahrten, und wo diese Häuserzeile im Osten an den Fluss stieß, ging sie in eine dichte Uferbebauung über, Wohnhäuser mit Toreinfahrten zu den Höfen. In Jeffs Rücken lief die Marktstraße nach Westen zurück, und unmittelbar rechts von ihm, an der Stirnseite der Halle, führte eine Gasse nach Süden in die Wohnblocks.
Gina stellte den Warhammer jenseits dieser Gasse an die Ecke des ersten Geschäftshauses, Clarissa ging zwei Häuser weiter östlich unter einem Vordach in Stellung. Die Halle neben ihm, der Turm vor ihm. An diesen beiden Punkten würde er sich ausrichten.
Fast gleichzeitig kam Osiris am Westrand des Platzes an. Jonas schob den Enforcer hinter die Mittelinsel, Cadenza blieb mit dem Marauder an der Mündung der Allee stehen.
Am Ostrand trat ein Black Hawk zwischen zwei Häusern hervor, gedrungen, die Laserbatterien in beiden Armen, und feuerte im Gehen. Die Impulse prasselten über die Mittelinsel, zerfetzten einen der Bäume und schlugen in Jonas’ Enforcer, dessen Schulter über die Insel ragte; an zwei Stellen glühte die Panzerung auf. Über den Armen des Falken flimmerte schon die Luft. Cadenza antwortete von der Allee her, die PPCs des Marauder fuhren in die Fassade neben dem Black Hawk, und aus drei Stockwerken regnete Glas auf das Pflaster.
Der Black Hawk drehte ab und ging schräg über den Platz nach Süden, auf die Durchfahrten der Geschäftshäuser zu, in denen er verschwinden konnte. Sein Weg führte ihn an Gina vorbei.
„Er kommt zu uns, Bottle“, sagte Gina. „Ich nehme ihn von vorn. Du wartest, bis er mir die Seite zeigt.“
Der Warhammer trat aus der Deckung, voll ins Blickfeld des Falken. Der Black Hawk nahm die Einladung an, blieb stehen und drehte sich mit erhobenen Armen zu Gina. Ihre linke PPC traf ihn zuerst, mitten in die Brust. Jeff hatte den Torso schon ausgerichtet. Als der Falke sich ganz zu Gina herumdrehte, lag seine rechte Seite offen, keine vierhundert Meter entfernt.
Jeff feuerte beide schweren Laser. Die Strahlen zogen wie zwei glühende Drähte über den Platz und schnitten unter dem Arm in die Seitenpanzerung. Der Black Hawk zuckte, sein Feuer auf Gina ging hoch in eine Fassade. Im selben Moment kamen Clarissas Raketen über die Mittelinsel, zwei Zehnersalven, deren Einschläge über Kopf und Schultern des Falken wanderten. Als der Rauch abzog, ging der Black Hawk rückwärts in eine Durchfahrt, das rechte Bein schleifte hinterher.
„Gut so.“ Mehr kam von Gina nicht. Jeff spürte trotzdem, wie sich etwas in seiner Brust löste. So hatte es ausgesehen, als Radtkes Kompanie auf New Avalon gekämpft hatte.
Den nächsten Falken sah er an der Brücke. Breite Raketenkästen über den Schultern, darunter die Arme eines Mad Cat, gut sechshundert Meter entfernt, dort, wo die Ostzufahrt auf die Brüstung traf. An seinem Rücken und am rechten Torso hingen Elementare. Jeff kannte die Silhouette aus alten Einsatzaufnahmen, lange bevor er selbst gegen Clanmechs gekämpft hatte.
„Timber Wolf an der Brücke“, meldete Dagan.
Die Raketenkästen klappten auf. Vierzig Langstreckenraketen stiegen in einem flachen Bogen über den Platz, die Rauchspuren wie gezogene Fäden, und gingen auf Clarissa nieder. Der Rakshasa verschwand für einen Augenblick in Feuer und Qualm. Als er wieder auftauchte, rauchte die linke Schulter, und die Panzerung an Brust und Hüfte war schwarz verkrustet. Der Mad Cat ging bereits rückwärts auf die Brücke. Seine Elementare sprangen ab und verteilten sich hinter den niedrigen Mauern am Brückenkopf.
Rechts von Jeff, am Ende der Gasse, zischten Sprungdüsen. Er drehte den Torso nach Süden, als hinter dem ersten Wohnblock ein Dragonfly aufstieg, die Düsen spuckten kurze bläuliche Flammen. Dreihundert Meter, zu weit für die Impulslaser. Jeff wartete, bis der Falke im höchsten Punkt hing, und feuerte den linken schweren Laser in die Landung hinein. Der Strahl traf den rechten Oberschenkel, Panzerung platzte ab, und der OmniMech setzte hart in der Gasse auf, knickte ein und zog sich hinter eine Hofmauer.
Der Gegenschuss kam fast gleichzeitig. Zwei Laser zogen quer über Jeffs Brust; die Kapsel ruckte, im Helm knackte es, und auf der Schadensanzeige färbte sich die vordere Torsopanzerung gelb. Jeff nahm den Ostroc einen Schritt zurück an die Hallenwand und sah auf die Wärme. Der einzelne Laser hatte die Kühlung kaum belastet.
Als der Dragonfly wieder hinter der Mauer hervorkam, schoss Gina von der anderen Seite der Gasse ihre linke PPC hinein. Die Entladung schlug höher ein als Jeffs Laser und riss ein Stück Schulterverkleidung ab. Der Falke wich zurück, zog das Bein nach und blieb gerade so weit in der Gasse, dass Jeff ihn noch erfasste.
„Den kriege ich beim nächsten Mal.“
„Du hältst die Ecke. Wenn er hier etwas will, kommt er wieder.“
Jeff nahm den Finger vom Auslöser.
Links von ihm rollte der Behemoth aus der Allee auf den Platz, schwerfällig, das Pflaster knirschte unter den Ketten, und schwenkte den Turm nach Osten. Arnost hielt den Blood Asp an der Westwand des Gerichts an. Die drei Elementare ließen die Haltegriffe los, landeten federnd auf dem Pflaster und waren nach wenigen Sätzen in der Gasse zum Hof verschwunden. Cadenza setzte den Marauder in Bewegung, um ihnen die Gasse zu decken.
„Negativ, Oblivious“, ging Jonas dazwischen. „Du gehst erst, wenn Panther drinnen ist.“
„Die sind doch schon da.“
„Gemeldet hat es aber noch keiner.“
Drei Sekunden später kam Dagans Meldung: alle drei am Boden, zwei am Eingang, einer an der Hofmauer. Erst dann gab Jonas Cadenza die Ecke frei.
Der Bandit kam die Allee herunter, das Luftkissen blies das Wasser aus den Pfützen in breiten Fächern zur Seite. Vor dem Hoftor nahm Meyers’ Fahrer das Gas weg, und der Transporter sank auf seine Schürzen. Die Heckklappe fiel, Martin und Jana stiegen in ihren Rüstungen aus, Juliannes Scouts hinterher, und die ganze Gruppe lief geduckt an der Mauer entlang durchs Tor.
„Panther an Peach. Letzter Mann?“
„Ist durch. Ihr könnt.“
Neun Minuten. Die Infanterie war im Gebäude, der Bandit stand am Tor, Manticore und Vedette hielten hinter Jeff die Marktstraße, und Niklas’ Männer hatten sich in der Bäckerei eingerichtet, einem gelben Eckhaus mit schlaffer Markise, gut hundert Meter westlich von ihm auf der anderen Straßenseite. Wenn die Gefangenen jetzt herauskamen, schaffte Meyers beide Fahrten. Jeff erlaubte sich zum ersten Mal, an die Auswertung zu denken.
Dann kamen zwei Ryoken über die Brücke.
Sie liefen, und sie kamen gemeinsam, mit langen, federnden Schritten, die auf dem Pflaster der Ostzufahrt dumpf nachhallten. Kaum waren sie auf dem Platz, stoben sie auseinander. Der erste hielt auf die Mittelinsel zu und feuerte noch im Lauf auf den Enforcer; Jonas’ Maschine bekam die volle Salve und wurde halb herumgerissen, bevor Jonas sie hinter den Bäumen abfing. Der zweite schwenkte nach Süden auf Gina. Seine Laser fuhren in schneller Folge über den Warhammer und die Fassade dahinter, die in einer Wolke aus Putz und Glas einbrach. Gina stand im Rauch, wich keinen Meter und antwortete mit beiden PPCs. Der Ryoken steckte die Treffer ein, warf sich herum und verschwand in einer Durchfahrt der Südseite, und der erste folgte ihm, ohne langsamer zu werden. Der Turm des Behemoth ruckte hinter ihnen her, zu langsam für so schnelle Maschinen; seine Salve schlug in die Häuserfront, als die Durchfahrt schon leer war. Über die Dächer dahinter sprang ein leichter Mech, nach dem Rechner ein Koshi, ein grüner Schatten zwischen zwei Schornsteinen, dann war er fort.
Jeff hatte keine Zeit, ihnen nachzusehen. Sein Dragonfly war zurück.
Er kam die Gasse herauf, keine hundertsiebzig Meter entfernt, das beschädigte Bein nach außen gedreht, und hob die Arme. Diesmal reichten auch die Nahbereichswaffen. Jeff drehte den Ostroc in die Gasse und gab alles frei. Die Impulslaser hämmerten neben den langen Strahlen der schweren Laser in den unteren Torso, Panzerung platzte in glühenden Fetzen ab, und der Falke wich zurück. In der Kapsel wurde es spürbar wärmer, Schweiß lief Jeff unter dem Helmrand in den Nacken, und die Wärmeanzeige sank nach dieser Salve langsamer als zuvor.
Der Dragonfly war offen. Eine Salve noch, an der nächsten Ecke. Ein sauberer Abschuss, fast allein erarbeitet.
„Bottle. Dragonfly schwer beschädigt, geht nach Süden. Ich kann ihn an der nächsten Ecke erledigen.“
Gina antwortete erst nach ihrem nächsten Schuss. „Bis zur hinteren Hallenecke, keinen Schritt weiter. Hardwire rückt an deine Ecke nach.“
Jeff ging los. Er hielt sich dicht an der Stirnseite der Halle, den Torso nach Süden in die Gasse gedreht. Mit dem dritten Schritt war die Marktstraße hinter dem Hallendach verschwunden. Jeff bemerkte es und ging weiter.
Vom Platz hörte er Schüsse; wo sie einschlugen, konnte er von hier aus nur raten. Hinter der Halle wurde die Gasse enger, und der Dragonfly sprang über einen niedrigen Anbau und setzte keine hundertvierzig Meter vor ihm in der nächsten Querstraße auf. Jeff feuerte. Ein schwerer Laser traf das beschädigte Bein, die kleineren Laser zogen über Hüfte und Torso. Der Falke landete schief, fing sich und humpelte hinter einen Wohnblock. Die Temperatur stieg. Die Anzeige der Myomere sprang auf Grün, und der nächste Schritt des Ostroc fiel spürbar kräftiger aus, als hätte jemand die Beine des Mechs nachgespannt.
Jeff nahm die mittelschweren Laser aus der Feuergruppe. Die Hitze machte die Zielerfassung träge; das Fadenkreuz schwamm einen Herzschlag hinter seiner Kopfbewegung her.
„Bottle, Hardwire ist noch nicht an deiner Ecke. Komm zurück.“
Ein paar Schritte, dachte Jeff. Gleich war der Rifleman in Position. Bis dahin hatte er den Dragonfly.
„Bottle, halten. An der Hallenecke ist Schluss.“
Der Ostroc war schon darüber hinaus. Neben dem Treppenhaus des Wohnblocks tauchte die linke Schulter des Falken auf. Jeff machte noch zwei Schritte in die Querstraße hinein, drehte den Torso und feuerte den schweren Laser in die aufgerissene Seite. Im Inneren des OmniMechs blitzte es, dann knickte er in der Mitte ein und fiel gegen die Mauer. Putz rieselte auf den gekrümmten Rücken.
„Bottle. Dragonfly ausgeschaltet.“
„Zurück an die Marktstraße.“ Ginas Stimme war scharf geworden. „Sofort.“
Jeff drehte um und ging an der Hallenwand zurück, so schnell der Ostroc mit den abkühlenden Myomeren konnte. Über Funk hörte er Niklas brüllen, dann Douglas, dann Elva, und zwischen ihren Worten krachte etwas Schweres.
An seiner Ecke bekam er die Marktstraße endlich wieder ins Bild.
Zweihundert Meter weiter westlich, wo hinter dem Westende der Halle eine Querstraße von Süden einmündete, stand der Manticore quer auf der Fahrbahn. Seine rechte Kette lag abgerissen hinter ihm wie ein ausgerolltes Band, der Turm drehte sich noch, langsam und ruckend. Drei Elementare hingen an seinem Rumpf. Einer hatte die Klaue unter eine Lukenkante getrieben und hebelte, ein zweiter feuerte seinen Armlaser aus nächster Nähe in die Motorabdeckung, dass die Funken spritzten. In der Mündung der Querstraße stand einer der beiden Ryoken und schoss dem Panzer ins Heck, Salve um Salve. Zwischen den abgestellten Wagen krochen Niklas’ Männer zur Bäckerei zurück, und zwei ihrer Markierungen waren schon erloschen.
Die Querstraße. Von seiner Ecke aus hätte er ihre Mündung die ganze Zeit vor Augen gehabt.
Jeff brachte die Torsolaser an der Hallenkante vorbei und schoss dem Ryoken den linken schweren Laser entgegen. Der Strahl traf den Arm, Metall glühte auf. Der rechte Laser fuhr beim nächsten Schuss ins Mauerwerk daneben und schlug eine schwarze Kerbe in eine Hauswand. Der Ryoken drehte sich zu ihm und hob die Arme, und Jeff zog den Ostroc hinter die Ecke zurück. Die Laser fuhren dort in die Hallenwand, wo er eben gestanden hatte, und der Beton platzte in faustgroßen Brocken ab.
Gina trat an die Mündung der Marktstraße, und ihre beiden PPCs schlugen dem Ryoken in die Flanke, bevor er sich wieder zu Jeff drehen konnte. Der Falke wich in die Querstraße zurück.
Weiter westlich hatte der Vedette seinen Turm schon herumgenommen. Die Rotary-Autokanone heulte auf und zerfetzte die Wagen an der Mündung der Querstraße in einem langen Feuerstoß, Blech und Glas flogen, und der Ryoken zog sich weiter zurück. Der Feuerstoß wanderte dabei über ein Wagenheck an der Ecke. Zwischen zwei Wagen erlosch eine eigene Markierung.
„Greedy, Feuer einstellen! Eigene vor dir!“
Das Heulen brach ab. Mori bestätigte mit einer Stimme, die plötzlich sehr jung klang.
Die Elementare auf dem Manticore hatten die Luke offen. Eine Detonation drückte den Deckel nach oben, Rauch quoll heraus, und das Symbol des Panzers wurde dunkel. Die drei zündeten ihre Sprungdüsen, setzten über die Fahrbahn und verschwanden zwischen den Wagen, ausgerechnet auf der Seite, wo Niklas’ Männer lagen. Dorthin durfte Jeff nicht schießen.
„Pulseblade liegt quer, wie in Shermans Lauf.“ Douglas klang trocken. „Die Marktstraße ist zu.“
Jeff hielt den Torso auf die Straße und rührte sich nicht. Die Elementare waren genau in der Minute aus der Querstraße gekommen, in der er hinter der Halle gestanden hatte.
Vierzehn Minuten. Im Bandit saß noch keiner der achtzehn zu Rettenden, und vom Hof blieb Meyers nur noch der Weg über den Platz und die Allee. Douglas zog den Condor an den Westrand des Platzes, um ihm die Wende zu decken. Dafür musste der Behemoth Platz machen; der Kettenpanzer rangierte schwerfällig hinter die Mittelinsel, und für einige Sekunden zeigte sein Turm nicht mehr auf die Brücke.
Der Mad Cat brauchte genau diese Sekunden. Er trat hinter die Brüstung der Brücke, nur Torso und Raketenkästen über dem Stein, und schickte eine volle Salve über den Platz in die Front des Bandit. Der Transporter schwankte auf seinem Kissen, Panzerplatten flogen, und der Fahrer setzte rückwärts gegen die Hofmauer. Will trat mit dem Dragon Fire an die Hofecke, schob sich halb vor den Transporter und nahm die nächste Salve selbst. Sein Gaussgeschütz antwortete, und die Kugel sprengte ein Stück aus der Brüstung. Der Mad Cat trat einen Schritt zurück und kam einen Schritt weiter links wieder hervor.
Hinter ihm, am anderen Ufer zwischen zwei Lagerhäusern, stand eine schwere Maschine, die der Rechner als Turkina einordnete. Sie blieb, wo sie war.
Von der Platzmitte aus hätte Jeff den Mad Cat erreicht. Dann hätte die Marktstraße offen gelegen. Er blieb an seiner Ecke. Arnost nahm den Falken mit dem Gaussgeschütz unter Feuer, die Brüstung zerbröckelte unter den Einschlägen, und der Mad Cat zog sich hinter die Häuser am Brückenkopf zurück.
„Den ersten Teil kann ich nach Westen führen“, meldete Julianne aus dem Gericht. „Graphite, Heck bereit?“
„Bereit. Ich bleibe an der Mauer.“
Von der Uferstraße meldete sich Stan, aufgekratzt. „Uller am Ufer, Rücken offen. Ich nehme ihn vor der nächsten Ecke.“
Vaclav befahl ihm, auf seiner Seite der Straße zu bleiben. Auf dem Verbandskanal erschien Stans Kamerabild: links die niedrige Ufermauer, rechts eine Hauswand, keine fünfzig Meter voraus der jadegrüne Rücken des Uller. Der Wolfhound lief los. Seine ER-PPC fraß sich in den Rücken des Falken, im Inneren blitzte etwas auf, dann fuhr der Uller herum. Die beiden Maschinen prallten aufeinander, Arm gegen Torso, Metall gegen Metall. Das Bild riss zur Seite. Jeff sah noch den Arm des Wolfhound gegen den Torso des Gegners schlagen, dann kippte die Kamera aufs Pflaster. Mauerstücke fielen vor die Linse. Die Front des Hauses brach bis zum ersten Stock heraus und rutschte auf die Uferstraße.
Nach einer Pause kam Stans Stimme, gepresst. „Butterscotch liegt. Die linke Hüfte blockiert. Ich kriege das Bein nicht unter mich.“
Die linke Hüfte. Diesmal hatte Stan sich nichts eingebildet.
Jeff kannte auch den Satz davor. Ich nehme ihn vor der nächsten Ecke. Vor ein paar Minuten hatte er fast dasselbe zu Gina gesagt, über einen anderen Mech.
Hinter dem Gericht wurde die Karte dunkel. Hannas Skulker war auf seinen Rädern über den Schutt gerumpelt, um Sicht auf die Uferstraße zu bekommen, hatte einen Treffer bekommen und stand still. Der Chameleon von Worku war noch zwei Querstraßen entfernt. Aus den oberen Fenstern der Westwand schlug Feuer in den Hof. Julianne zog ihre Leute zurück in den Gang. Will drehte den Dragon Fire zum Gericht, wartete auf Dagans Bestätigung, dass seine drei und Juliannes Leute im Erdgeschoss standen, und jagte dann eine Gausskugel nach der anderen in die Fenster des zweiten Stocks. Das Feuer brach ab.
Gina holte Clarissa näher heran. Der Rakshasa kam unter seinem Vordach hervor, rauchend, die linke Seite schwarz, und stellte sich an die Ecke neben dem Warhammer. Gleichzeitig kam Elva die Marktstraße herauf, am brennenden Manticore vorbei, und ging an der Mündung gegenüber von Jeff in Stellung, endlich dort, wo die Lanze sie gebraucht hatte. Ihre rechte Torsopanzerung war rot. Der Ryoken hatte sie erwischt, während Jeff hinter der Halle gewesen war.
Vom Fluss kam ein neuer Blitz, aus der Uferbebauung im Südosten, ein blauweißer Faden über das Pflaster, und gleich ein zweiter hinterher. Beide trafen Elvas Rifleman an der rechten Seite, genau dort, wo die Panzerung schon rot auf dem Schadensdiagramm der Lanze aufleuchtete. In ihrer Zustandsanzeige explodierte das rechte Munitionslager; die CASE-Klappen bliesen nach hinten aus, gleich darauf meldete die Anlage schwere Reaktorschäden. Der Rifleman lehnte noch einen Moment mit dem linken Arm an der Hauskante, dann sackte er nach rechts weg und fiel auf die Straße.
Zwei Schüsse. Jeff rief Elvas letztes Kamerabild auf. Zwischen zwei Häusern der Uferbebauung stand ein niedriger, breiter OmniMech, den linken Waffenarm auf den Platz gerichtet, den rechten hinter einer Hausecke. Das Kennfeld wechselte von unbekannt auf Night Gyr. Gut fünfhundert Meter.
Er trug das Jadegrün des Szenarios. Einen Augenblick dachte Jeff an die rot-graue Maschine der Colonel in der Mechbucht, dann an die Falkenaufstellungen, die die Anlage in jedem zweiten Lauf ausspuckte. Night Gyrs hatten die Falken genug gebaut.
__________________ Wer aufhört besser zu werden, hat aufgehört gut zu sein!
"Ich treffe alles, was ich sehe!"
Starcolonel Kurt Sehhilfe, Clan SeeBug
Dieser Beitrag wurde 3 mal editiert, zum letzten Mal von Andai Pryde: 23.10.2026 00:04.
|
|
23.10.2026 00:02 |
|
|
Andai Pryde
Colonel

Dabei seit: 01.05.2003
Beiträge: 4.933
Herkunft: Berlin
Themenstarter
 |
|
Simulatorzentrum, Galaport, Galatea
10. November 3067
In der Zentrale war es dunkler als in den Kapseln. Drei Reihen Arbeitsplätze stiegen zur Rückwand hin an, an der Stirnseite hing die große Projektion mit dem Viertel am Fluss. Arielle saß in der zweiten Reihe neben Gavin. Owen hatte den Platz ganz oben, mit Zugriff auf alles, was die Anlage wusste. Arielle und Gavin sahen nur, was die Kompanie sah. So hatte sie es selbst geplant.
Vor einigen Minuten hatte sie zugesehen, wie Bottles Symbol hinter der roten Halle über die hintere Hallenecke hinauswanderte. Sie hatte die Uhrzeit notiert und geschwiegen. Dann war der Manticore gefallen.
Jetzt ließ sie Elvas letzte zwanzig Sekunden auf ihrem Schirm noch einmal laufen. Der Night Gyr hatte gewartet, bis Elva ihre beschädigte Seite zur Uferbebauung drehte. Zwei Entladungen, ein Abschuss. Danach war er ohne Eile von seiner Ecke verschwunden, und das Bild zeigte nur noch Hauswand.
Arielle drehte sich halb um. „Haben Sie dem Rechner das beigebracht, Sergeant-Major?“
Owen sah weiter auf seinen Schirm. „Ich habe dem Rechner gar nichts beigebracht.“
Sie wandte sich wieder der Projektion zu. Auf Ginas Bild zog ein Ryoken über eine Durchfahrt, feuerte und war wieder fort. Dieselbe Bewegung hatte sie in diesem Lauf schon mehrmals gesehen, beim Dasher, beim Black Hawk, bei den beiden Ryoken: auftauchen, ein, zwei Schüsse, auf demselben Weg zurück. Das war Bells Szenario. So hatte er die Falken programmiert.
Der Night Gyr bewegte sich anders, kämpfte anders.
Auf Clarissas Bild tauchte er kurz an einer neuen Stelle auf, zwei Häuser weiter westlich in der Uferbebauung, ein Stück Schulter in einer Toreinfahrt. Den Weg dorthin hatte Arielle verpasst. Er war ruhig gegangen, das verriet die Haltung, und trotzdem schneller angekommen, als Elvas Kamera ihm hätte folgen können.
Clarissa nahm den Rakshasa ein Stück vor, um an den Häusern vorbei auf ihn feuern zu können.
„Harmonic, bleib hinter der Ecke!“, kam Jonas’ Stimme.
Clarissa hielt an. Vom Brückenkopf her traf eine Salve des Mad Cat Brust und Beine des Rakshasa; Clarissa drehte den Torso zur Brücke und antwortete. Die Toreinfahrt blieb dunkel. Arielle beugte sich vor. Der Night Gyr rührte sich nicht, während der Mad Cat dem Rakshasa die Panzerung aufbrach.
„Harmonic an Wizard, linke Seite ist durch. Ich muss hinter dich.“
Gina trat einen Schritt vor, um ihr den Rückweg zu decken, den unbeschädigten Warhammer voll im Schussfeld. Der Night Gyr ließ ihn stehen. Er wartete, bis der Rakshasa hinter Gina hervortrat, um in die Deckung des nächsten Hauses zu gehen.
Arielle kannte diese Art zu warten. Sie hatte selbst so gewartet, in ihrem Caesar, in einem zurückgesetzten Hauseingang in Avalon City, den Torso auf den Weg gerichtet, den ein Gegner nehmen musste, sobald er seine Deckung aufgab. Nur so viel von der eigenen Maschine zeigen, wie man für den Schuss braucht. Den unbeschädigten Gegner stehen lassen. Den nehmen, der gerade selbst beschädigt Deckung sucht.
Der Rakshasa trat hinter Gina hervor. Aus der Toreinfahrt kamen zwei Entladungen, beide in Clarissas offene Seite. Ihre linke Torsosektion erlosch, Sekunden später meldete die Anlage den Reaktorausfall. Als Ginas PPC in die Toreinfahrt schlug, war sie leer.
Ihr Caesar war damals in seinem Hauseingang geblieben, bis die Lage ihn wegzwang. Der Night Gyr blieb nirgends. Er nahm Arielles Geduld und setzte etwas Eigenes dazu: nach jedem Schuss eine andere Ecke, ruhig und doch schneller fort, als einer der Reapers zurückfeuern konnte. So arbeitete kein Rechner. So kämpfte jemand, der diese Taktik schon einmal aus nächster Nähe gesehen und für sich weiterentwickelt hatte.
Im Gespräch am ersten November hatte die Colonel ihr die Karte hingedreht. Der Night Gyr südlich des Parkhauses war meiner. Und vor zwei Tagen in der Halle: Ich bin während des Laufs nicht in der Zentrale.
Arielle sah zur ersten Reihe. Der Platz der Übungsleitung war leer. Sie drehte sich zu Gavin.
„Major. Wussten Sie es?“
Gavin sah weiter auf die Projektion. Ein Mundwinkel ging nach oben. Er hob eine Schulter und ließ sie wieder fallen.
Weiter oben tippte Owen etwas in sein Protokoll.
Arielle wandte sich wieder nach vorn. Auf ihrem Schirm stand Bottles Symbol an der Hallenecke, wo es hingehörte, und irgendwo an der Südkante des Platzes wartete der Night Gyr auf den nächsten Reaper, der seine Deckung verließ. Sie zog ihr Pad heran und schrieb die Zeit des zweiten Abschusses unter die des ersten.
***
Zwei Mechs seiner Lanze in weniger als einer Minute.
Jeff hatte es aus dem Augenwinkel gesehen, beide Male. Den Rifleman, der an der Hauskante entlang zu Boden glitt. Den Rakshasa, der hinter Gina hervortrat und dann einfach umfiel, die linke Seite ein glühendes Loch. Zwischen den beiden Abschüssen hatte er den Night Gyr nur ein einziges Mal erblickt, als dunkle Kontur in einer Toreinfahrt. Ginas PPC hatte die Einfahrt in Stücke geschlagen. Jetzt hing dort Rauch, sonst nichts.
„Night Gyr in der Uferbebauung“, meldete Jeff. „Wechselt nach jedem Schuss die Stellung. Er nimmt die Beschädigten, wenn sie die Deckung verlassen.“
„Du bleibst an deiner Ecke.“ Gina klang ruhig. Von Anubis waren nur noch sie beide übrig.
Arnost feuerte auf die Uferbebauung. Jeff sah Steinsplitter von einer Hausecke fliegen, die der Night Gyr längst verlassen hatte. Ein Falke hätte jetzt auf dem offenen Kanal einen Zweikampf gefordert. Der offene Kanal blieb still.
Einundzwanzig Minuten. Der Bandit stand noch vor dem Tor, und sein Laderaum war leer.
Im Hof bewegte sich etwas. Durch die Lücke neben Ginas Warhammer sah Jeff kurz das offene Tor, dahinter eine Trage quer im Durchgang und Martins Rüstung, die einen Schritt zurücktrat, damit die Träger an ihm vorbeikamen. Sie kamen. Die ersten Gefangenen kamen.
Der Mad Cat hatte es auch gesehen. Er gab den Brückenkopf auf, ging hinter der Uferbebauung nach Süden und trat an der Südostecke des Platzes zwischen zwei Häusern hervor. Von dort hatte er den Bandit schräg über den ganzen Platz. Die erste Salve schlug kurz vor dem Heck ein. Meyers’ Fahrer gab Gas, um den Rumpf aus der Schusslinie zu bringen, und die nächste Salve kam als Laserfeuer und riss der linken Flanke die letzten Panzerplatten weg. Der Transporter hob sich schräg vom Pflaster. Das beschädigte Kissen sackte links ab, der Rumpf schleifte funkenschlagend über die Steine, drehte sich weiter, als der Fahrer wollte, und blieb an der Ecke des Nachbarhauses hängen. Die offene Flanke zeigte über den Platz nach Südosten.
Jeff sah es und wusste, was kam.
An der Südostecke, wo eine Gasse zwischen zwei Geschäftshäusern auf den Platz mündete, trat der Night Gyr heraus. Diesmal hob er den rechten Arm. Die Autokanone schlug zweimal kurz hintereinander, ein trockenes Doppelbellen über die Außenmikrofone, und beide Granaten gingen in die aufgerissene Flanke des Bandit. Der Transporter ruckte, Rauch quoll aus den Lüftungsschlitzen. Will drehte den Dragon Fire herum, das Gaussgeschütz auf die Gasse. Bis er sie im Visier hatte, war die Gasse leer.
Auf dem Gefechtskanal blieb Meyers stumm. Im Tor drehte die Trage wieder um.
Jeff merkte, dass er den rechten Steuerknüppel so fest hielt, dass ihm die Finger wehtaten.
Er konnte die Kette nachzählen, ohne die Aufzeichnung aufzurufen. Er war hinter die Halle gegangen. Die Elementare waren aus einer Querstraße gekommen, deren Mündung er von seiner Ecke aus gesehen hätte. Der Manticore lag quer. Der Bandit hatte über den Platz gemusst, dort hatte ihn der Mad Cat angeschossen, und der Night Gyr hatte nur noch abholen müssen, was übrig war. Der Abschuss lag hinter der Halle. Der Transporter lag vor dem Gericht.
Gina hatte ihm mehrmals gesagt, wo seine Grenze war. Radtke hatte ihm im Gemeinschaftsraum einmal gesagt, wohin er gehen sollte. Beide Male hatte er gewusst, was sie wollten, und beide Male hatte er gedacht, er wisse es gerade besser.
„Ich kann bis zum Hof zurück und den Durchgang decken.“
„Negativ. Dann ist der Süden offen.“
Jeff blieb.
Drei Stellungen, drei Abschüsse, jedes Mal zwei Schüsse. Auf der Karte ließ die Anlage die letzten bekannten Positionen des Night Gyr nacheinander grau werden: Uferbebauung, Toreinfahrt, Gasse. Jedes Mal ein Stück weiter nach Westen, an der Südseite des Platzes entlang. Jedes Mal dort, wo einer der Reapers gerade die Deckung wechseln musste. Er wartete auf Fehler und nahm sich die, die schon bluteten.
So kämpfte niemand, der nach Bells Szenario lief. Der Gedanke an die Mechbucht kam wieder, an die Maschine der Colonel, an der Jeff jeden Morgen auf dem Weg zur Kantine vorbeiging. Er schob ihn weg. Die Colonel war bei der Übungsleitung. Trotzdem ertappte er sich dabei, wie er die Häuser an der Südseite eins nach dem anderen ins Fadenkreuz nahm, als müsse er jemandem beweisen, dass er sie gefunden hatte.
Der Mad Cat kam zurück.
Diesmal kam er zurück an den Brückenkopf, schneller als vorher, und von der Brüstung war nicht mehr genug übrig, um ihn zu verdecken. Seine Frontpanzerung war an mehreren Stellen offen, schwarze Krater von Arnosts Gausskugeln, und er schoss, noch während er ging. Vierzig Raketen stiegen in den grauen Himmel und kamen auf Gina herunter. Der Warhammer verschwand in Feuer.
„Wizard!“
„Steht noch.“ Ginas Stimme war heiser. Der Warhammer trat aus dem Rauch, die linke Schulter bis auf die Struktur blank, und hob beide Arme. „Bottle, an meine rechte Seite. Wir nehmen ihn zusammen.“
Jeff ging vor. Er blieb im Schutz des Warhammer, bis er an Ginas Bein vorbei freie Sicht hatte, und als der Mad Cat sich zu Gina drehte, um die zweite Salve hinterherzuschicken, lag seine rechte Seite offen.
Jeff gab beide schweren Laser frei. Einer zog durch die beschädigte rechte Torsoseite, und dort, wo Arnosts Kugeln die Panzerung schon aufgerissen hatten, glühte die Struktur auf. Der andere schlug Funken aus der Brückenkante. Der Mad Cat zuckte, die zweite Raketensalve ging zu hoch und schlug in ein Dach hinter ihnen. Arnost hatte den Blood Asp inzwischen hinter dem Gericht herum auf die Uferstraße geführt und kam von Norden an den Brückenkopf. Sein Gaussgeschütz krachte, und die Kugel schlug dem Falken in die offene Schulter. Die Autokanonen setzten nach, eine Reihe kurzer, harter Schläge. Der Mad Cat taumelte, trat mit einem Fuß neben die Fahrbahn, rutschte ab und schlug mit dem Knie gegen die Reste der Brüstung.
Gina feuerte noch einmal. Beide PPCs gingen in den Torso. Aus dem Rumpf des Mad Cat stieg schwarzer Rauch und blieb über der Brücke hängen.
„Mad Cat ausgefallen“, meldete Gina.
Auf dem Lagebild wurde das Symbol des Falken grau. Aus dem Gebäude kam Dagans Stimme: „Timber Wolf liegt.“
Am anderen Ufer setzte sich die Turkina zwischen den Lagerhäusern in Bewegung, nach Osten, fort vom Fluss. Die leichteren Falken zogen sich mit ihr zurück. Jeff sah den Koshi noch einmal über ein Dach springen, dann einen der Ryoken, der im Lauf aus einer Durchfahrt feuerte und in der nächsten verschwand. Auf der Uferstraße hatte Stan den Wolfhound wieder auf die Beine gebracht und kam langsam nach Westen; die linke Hüfte blieb steif, und das Bein zog er bei jedem Schritt mühsam nach.
Siebenundzwanzig Minuten. Julianne hielt den Gang, aber der Hof lag weiter unter Feuer, und ohne den Bandit bekam sie die Tragen nicht hinaus. Fünf ihrer neun Scouts waren noch einsatzfähig, von Niklas’ Männern vier. Von sechs Fahrzeugen fuhren noch drei. Jonas ließ die Kompanie für den Rückzug antreten.
Douglas setzte den Condor in Bewegung, zurück zur Allee. Die rechte Seite des Schwebepanzers war schwarz verbrannt, das Kissen hob ihn ungleichmäßig, und er zog bei jeder Kurskorrektur leicht nach links. Um die Allee zu erreichen, musste er am Westrand des Platzes entlang, sechzig Meter ohne Deckung.
Jeff wusste, wo der Night Gyr stehen würde, bevor er ihn sah. Westlich der Gasse kam an der Südseite des Platzes als Nächstes ein Eckhaus mit eingedrücktem Schaufenster, kaum hundertfünfzig Meter von Jeffs Ecke entfernt. Von dort lag der Westrand des Platzes offen vor einem. Jeff drehte den Ostroc dorthin, beide schweren Laser in der Feuergruppe, die Torsoseite hinter der Hallenkante.
„Typewriter, halt! Das Eckhaus—“
Der Night Gyr trat aus dem Eckhaus auf den Platz. Ruhig, ein einziger Schritt. Die beiden PPCs entluden sich in die verbrannte Seite des Condor. Der Schwebepanzer kippte über das Kissen, schlug mit dem Rumpf auf und rutschte gegen die Bordsteinkante.
Im selben Augenblick drückte Jeff ab.
Beide ER-Laser trafen. Einer zog über den linken Arm, der andere schlug in den Torso darunter. Die jadegrüne Panzerung glühte auf, Splitter flogen auf das Pflaster. Zum ersten Mal in diesem Lauf hatte jemand den Night Gyr getroffen.
Der Night Gyr drehte den Torso zu ihm, ohne Hast, als hätte er genau mit dieser Antwort gerechnet. Die Autokanone bellte zweimal. Die erste Granate schlug in Jeffs rechten Torso, die zweite gleich daneben. Die Kapsel warf ihn in die Gurte, auf der Schadensanzeige sprang die rechte Seite von Gelb auf Rot, und der rechte mittelschwere Impulslaser meldete Ausfall. Der Ostroc taumelte einen halben Schritt gegen die Hallenwand.
Als Jeff ihn wieder im Gleichgewicht hatte, war das Eckhaus leer.
Sein Finger lag noch auf dem Auslöser. Zwei Häuser weiter westlich, an der nächsten Durchfahrt, würde der Night Gyr wieder heraustreten, und wenn Jeff jetzt zehn Schritte vorging, hatte er ihn in der Flanke. Er war sich dessen so sicher wie vorhin, als der Dragonfly zu langsam geworden war.
„Bottle, zurück hinter die Halle. Sofort.“
Ginas Stimme. Jeff atmete einmal aus und nahm den Ostroc zurück. Seine Hände zitterten ein wenig am Steuerknüppel.
„Zwei Treffer am Night Gyr, linker Arm und Torso. Rechter Torso bei mir offen, ein Impulslaser ausgefallen.“
„Verstanden. Du bleibst hinter der Halle.“
Achtundzwanzig Minuten. Am Westrand der Lagekarte erschienen die ersten Kontakte der Clanreserve, ihre Feuerbereiche überlappten sich auf der Ausfahrt. Dann kam die Meldung der Anlage: Extraktionsfenster geschlossen.
Das Bild fror ein. Jeffs Torso zeigte auf die Hallenecke, auf dem nassen Asphalt standen die Spiegelungen der Wolken still, und über der Brücke hing der Rauch des Mad Cat reglos in der Luft. Dann legte sich die Endauswertung über das Bild.
Der Clanangriff war abgewiesen. Die Reapers hielten den Platz und beide Zugänge zum Gericht. Darunter stand die Zahl der übergebenen Personen: null von achtzehn. Von den achtzehn eingesetzten Infanteristen waren neun als gefallen gewertet. Die ausgefallenen Mechs und Fahrzeuge blieben dunkel.
Jeff nahm die Hand vom Steuerknüppel. Der Rechner hatte ihm den Dragonfly gutgeschrieben, dazu die beiden Treffer am Night Gyr. Darunter stand sein Weg hinter die rote Halle. Den Abschuss, den er Radtke hatte zeigen wollen, hatte sie gesehen, und alles, was danach kam, auch. Er schloss das Feld, bevor der Techniker draußen die Luke öffnete.
Die Plattform senkte sich. Jeff löste den Helm und die Gurte. Beim Aufstehen musste er sich am Sitz festhalten. Unter der Kühlweste war sein Rücken nass, und die Luft im Gang kam ihm kalt vor. Jemand fragte nach dem Auswertungsraum, ein anderer wollte Wasser.
Gina stand neben der offenen Kapsel des Rifleman. Elva saß noch auf dem Tritt davor, den Helm zwischen den Knien. Clarissa kam mit einem Becher vom Ende des Gangs. Über den Night Gyr sprach keine von ihnen.
Gina sah Jeff kommen und wartete, bis er bei ihr war.
„Besprechungsraum“, sagte sie. „Wir reden dort.“
Sie ging voraus. Jeff klemmte den Helm unter den Arm und folgte ihr, an Elva vorbei, die den Blick auf ihrem Helm ließ.
***
Als das Bild einfror, blieb Vivian noch einen Moment sitzen. Auf dem Schirm stand der Ostroc an der Hallenecke, den rechten Torso aufgerissen, und vor dem Eckhaus lag der Condor auf der Seite. Die beiden Treffer am linken Arm und Torso des Night Gyr leuchteten gelb in der Schadensanzeige. Sie hatte gewusst, dass jemand sie an dieser Ecke erwarten konnte. Dass es Blye sein würde, überraschte sie.
Die Plattform senkte sich, die Luke öffnete sich zischend. Kühlere Luft strich ihr über Gesicht und Arme. Die drei Kapseln der Übungsleitung standen in einem schmalen Nebenraum hinter der Zentrale, abgetrennt von beiden Sälen. Vivian löste die Gurte, nahm den Neurohelm ab und fuhr sich mit der Hand durch das nasse Haar. Die Kühlweste klebte ihr am Körper. Neben ihr stieg Wilbert Remeeus aus seiner Kapsel und hielt sich einen Moment am Lukenrand fest. Emma Peters saß noch auf dem Tritt und trank Wasser aus der Flasche, die der Techniker ihr gereicht hatte.
„Und?“, fragte Vivian.
„Acht.“ Emma setzte die Flasche ab. „Sherman hat acht rausgebracht. Ich hatte mit weniger gerechnet.“
„Wimmer hat mich auf dem offenen Kanal gefordert.“ Wilbert zog die Handschuhe aus und steckte sie in den Gürtel. „Zweimal. Ich habe nicht geantwortet, und Emma ist ihr in die Flanke gegangen, während sie auf meine Antwort gewartet hat.“
Emma schraubte die Flasche zu. „Sie hat zu lange gewartet.“
Vivian nickte und griff nach ihrem Helm. Die Jacke ließ sie am Haken hängen.
Der Besprechungsraum lag am Ende des Gangs, ein langer Raum mit Tischreihen, einer großen Projektionswand an der Stirnseite und einer Tafel daneben. Die Mechkrieger beider Kompanien saßen an den Tischen, viele noch in Kühlweste und kurzen Einsatzhosen, die Helme vor sich oder zwischen den Füßen. Die Fahrzeugbesatzungen hatten sich an die Seitenwand gesetzt, die Führer der Infanterie- und Rüstungsgruppen standen an der Rückwand. Dagan und Rika lehnten dort ganz außen, wo sie niemandem die Sicht nahmen. Gavin saß in der ersten Reihe neben Arielle. Owen kam aus der Zentrale herüber, ging die ersten Schritte steif auf dem rechten Bein und stellte sich an die Tafel.
Das Gespräch im Raum brach ab, als Vivian hereinkam. Emma und Wilbert folgten ihr, beide ebenso verschwitzt, beide mit dem Helm unter dem Arm.
Vivian sah, wie es die Reihen entlangging. Arnost drehte sich halb zu Gina um. Clarissa stellte ihren Becher ab, ohne getrunken zu haben. Stan Molland nahm die Brille ab, putzte sie am Saum seiner Weste und setzte sie wieder auf, als hätte er sich verguckt. Bei Blye sah sie es am deutlichsten. Er saß in der dritten Reihe, den Helm auf den Knien, und sah sie an wie jemand, der eine Rechnung nachrechnet und am Ende dieselbe Zahl herausbekommt. In der ersten Kompanie hatte Angela Wimmer den Kopf gehoben und Wilbert ins Auge gefasst. Wilbert erwiderte den Blick und setzte sich an die Wand.
Vivian legte den Helm auf den vordersten Tisch.
„Bells Szenario hat die Clanmaschinen geführt, in beiden Läufen. Die zweite Kompanie hatte Jadefalken vor sich, die erste Wölfe. Dazu kamen drei Maschinen, die nicht der Rechner gesteuert hat. Den Night Gyr gegen die zweite Kompanie habe ich geführt. Gegen die erste waren Sergeant Peters im Gargoyle und Sergeant Remeeus im Kingfisher. Lieutenant Sachevanov führte heute Kerberos und war nicht bei mir.“
Stan sah zu Arnost. Arnost hob die Hände ein Stück vom Tisch, als wollte er zeigen, dass er nichts darin versteckt hatte, und zuckte mit den Schultern.
„Wir fangen mit dem an, was rausgekommen ist.“ Vivian nickte Owen zu, und auf der Projektionswand erschienen die beiden Endauswertungen nebeneinander. „Zweite Kompanie. Der Clanangriff ist abgewiesen, der Platz und beide Zugänge zum Gericht sind gehalten. Übergeben wurden null von achtzehn Gefangenen. Neun von achtzehn Infanteristen sind gefallen, dazu zwei Mechs, drei Fahrzeuge mit ihren Besatzungen, eine weitere Maschine ist schwer beschädigt ausgefallen. Die Meldungen waren da. Sie kamen zu spät bei dem an, der sie gebraucht hätte.“
Sie wartete, bis die Zahlen gelesen waren.
„Erste Kompanie. Acht von achtzehn sind am Übergabepunkt angekommen. Drei Mechs, ein Fahrzeug und elf Infanteristen sind gefallen. Wenn man will, kann man das einen Sieg nennen. Es war ein sehr teurer. Die zweite Kompanie hat ein Patt erreicht. Die erste hat ein bisschen besser abgeschnitten, und dieses bisschen sind acht Menschen.“
Niemand rührte sich. Owen schob die beiden Auswertungen zur Seite, und an ihre Stelle trat eine Liste.
„Das sind die Gefallenen. Aus beiden Läufen.“
Sie hatte die Liste in der Hand, auf einem Pad, das sie flach vor sich hielt, und sie las langsam.
„Sergeant Elva Berggren.“
Elva saß in der zweiten Reihe neben Gina. Sie hatte den Kopf gesenkt und hob ihn bei ihrem Namen, als hätte jemand sie gerufen.
„Private Fatima Lantin.“
An der Seitenwand richtete sich eine junge Frau auf. Sie hatte im Manticore gesessen, als die Elementare die Luke aufgehebelt hatten.
„Corporal Jian Wu.“
Aus der ersten Kompanie kam ein kurzes Geräusch, ein Stuhl, der über den Boden schabte. Angela Wimmer sah zu Wu hinüber und dann auf die Tischplatte.
Vivian las weiter. Sie las Ränge und Namen, so wie sie in den Akten standen, und sie machte keinen Unterschied zwischen einem Mechkrieger und einem Schützen aus Niklas Brandts Zug, zwischen dem Fahrer des Bandit und dem des Galleon aus der ersten Kompanie. Bei jedem Namen sah im Raum jemand auf, und bei manchen sahen andere zu dem, der aufgesehen hatte. Als sie bei Captain Douglas Goldsteen ankam, verzog Douglas an der Seitenwand keine Miene. Er schloss nur kurz die Augen, als hätte er einen Treffer kommen sehen und nicht mehr ausweichen können. Danach folgten die drei aus seiner Besatzung, und Joanna Schlotterbeck neben ihm stieß ihn mit dem Ellbogen an, ohne ihn anzusehen.
Es waren viele Namen. Vivian hörte sie selbst in die Stille fallen, einen nach dem anderen, und sie spürte, wie jeder davon an einer anderen Stelle des Raums ankam. Niemand hier war gestorben. Die meisten hier hatten erlebt, wie es war, wenn eine solche Liste echt war. Genau dorthin wollte sie sie bringen, für die Dauer dieser Liste.
Als sie fertig war, legte sie das Pad hin.
„Das waren nur Namen auf einem Schirm. Im Einsatz hat jeder davon eine Familie, eine Koje auf dem Schiff und einen Spind, den hinterher jemand ausräumen muss. Wer heute ausgefallen ist, ist wegen einer Entscheidung ausgefallen. Manchmal wegen seiner eigenen, öfter wegen der eines anderen. Darüber reden wir jetzt. Lanze für Lanze. Jeder Lanzenführer nennt mir einen Fehler aus seiner Lanze und sagt mir, was er beim nächsten Mal anders macht. Und wer selbst den Fehler gemacht hat, darf es selbst sagen.“
Sie fing mit der Lanze Osiris an. Jonas stand auf, die Hände hinter dem Rücken.
„Ich habe zu lange gebraucht, um zu sehen, dass unser Plan nicht mehr aufging. Ich war mit dem beschäftigt, was die einzelnen Trupps gerade vor sich hatten, und habe versucht, ihnen den Weg freizumachen. Dabei hätte ich längst überlegen müssen, ob wir überhaupt noch auf diesem Weg weiterkommen.“ Er rieb sich über den Nacken. „Die Meldungen hatte ich. Ich habe nur zu spät etwas daraus gemacht.“
„Die Marktstraße war vorher schon zu“, sagte Vivian.
„Ja. Da hätte ich anfangen müssen. Solange ich ihnen den Weg zu Fuß noch sichern konnte.“ Er sah zu Julianne. „Du hast auf einen Transporter gewartet, für den ich keinen Ersatz hatte.“
Julianne nickte. „Mit jedem Mann weniger brauchten wir länger.“
„Gut.“ Vivian nickte ihm zu. „Und es gab auch etwas, das du richtig gemacht hast. Oblivious wollte mit dem Marauder in die Gasse zum Hof, als Dagans Leute gerade abgesprungen waren. Du hast ihn zurückgehalten, bis Dagan gemeldet hat, wo seine drei stehen. In einer Gasse, die kaum breiter ist als ein Mech, hätte er ihnen sonst den Weg verstellt oder einen von ihnen unter die Füße bekommen. Ein paar Sekunden warten, bis die Meldung da ist. So will ich das überall.“
Cadenza zog eine Grimasse und nickte. Vivian sah zu Dagan an der Rückwand und dann zu Martin Voss, der zwei Plätze weiter stand.
„Und ihr beiden. Am Achten habt ihr in der Halle ausgemacht, dass Dagans Strahl erst losgeht, wenn Martin meldet, dass sein letzter Mann durch ist. Heute habt ihr genau das am Hoftor gemacht, im Funk, ohne dass euch jemand daran erinnern musste. Was ihr miteinander plant, soll im Gefecht ankommen.“
Martin sah zu Dagan. Dagan sah geradeaus. Die Arme blieben verschränkt, aber er nahm das Kinn ein Stück hoch.
Bei Will Rosa wartete Vivian nicht, bis er sich meldete.
„Du hast den Bandit mit deiner eigenen Panzerung gedeckt, und mit dem Gaussgeschütz hast du gewartet, bis Dagan dir gesagt hat, dass seine Leute im Erdgeschoss stehen. Zwei richtige Entscheidungen kurz hintereinander.“
Will rieb sich den Nacken und sah auf den Tisch.
Bei Skarabäus stand Vaclav Sagan auf, und bevor er anfangen konnte, hob Stan die Hand.
„Das war ich.“ Er stand auf, die Brille in der Hand. „Ich hatte den Uller vor mir, mit dem Rücken zu mir, und ich habe gedacht, das ist meine Chance. Vaclav hat gesagt, ich soll auf meiner Seite bleiben. Ich bin trotzdem vorgeprescht.“
„Und dann?“
„Dann lag ich.“ Stan setzte die Brille wieder auf. „Und die Hüfte hat nachgegeben, genau die, von der ich dem Tech dreimal erzählt habe.“
„Die Hüfte war nicht der Fehler.“ Vivian ließ ihn nicht ausweichen. „Du hattest den Uller auf fünfzig Metern von hinten, und deine PPC hatte ihm den Rücken schon aufgerissen. Noch zwei Schüsse aus der Entfernung, und er wäre gefallen, ohne dass du einen Schritt auf ihn zu machst. Stattdessen bist du gegen Vaclavs Befehl in den Nahkampf gegangen. Die Hüfte hat es nur schneller entschieden.“
Stan sah auf seine Hände. „Ja, Colonel.“
„Hinter dem Gericht fehlte danach ein Mech, und Mule hat versucht, die Lücke mit einem Radpanzer zu schließen, der dafür nicht gebaut ist. Als Hanna in Position stand, war die Rückseite des Gerichts offen.“ Vivian sah zu Hanna Worren an der Seitenwand. „Das ist kein Vorwurf an dich. Du hast getan, was in dem Moment am nächsten lag.“
Vaclav war noch nicht wieder auf seinem Stuhl. „Ich habe Hahnel mit dem Clint zu Stan geschickt und Worku die Nordverbindung gegeben. Dass Worku noch zwei Straßen entfernt war, wusste ich. Ich habe trotzdem nicht auf seine Übernahme gewartet.“
„Dann geht diese Lücke auf dich“, sagte Vivian. „Stan hat seinen Befehl missachtet. Die anderen musstest du danach noch führen.“
„Ja, Colonel.“
Hanna nickte ihm zu. Erst dann setzte sich Vaclav, und mit ihm Stan.
Mori kam von sich aus. Er stand auf, noch bevor Vivian zur Seitenwand sah, und seine Stimme klang wie im Funk, ein wenig zu hoch.
„Ich habe auf den Ryoken geschossen und mit dem Feuerstoß unsere Leute zwischen den Wagen getroffen. Ich habe sie nicht gesehen. Ich hätte wissen müssen, dass sie da sind.“
„Wusstest du, dass Niklas’ Leute an der Bäckerei lagen?“
„Ja.“
„Dann wusstest du auch, auf welcher Seite der Straße sie zurückkriechen würden.“ Vivian ließ ihm einen Moment. „Eine Rotary-Autokanone ist keine Präzisionswaffe. Ein Feuerstoß trifft alles, was in dieser Richtung liegt. Wenn dort eigene Leute liegen, schießt du nicht, auch wenn du sie gerade nicht siehst. Das musst du nicht mehr lernen, Lieutenant. Das musst du jetzt nur noch tun.“
„Ja, Colonel.“
Douglas war der Nächste, und er stand nicht auf. „Den Condor habe ich über den freien Platz gefahren. Der Night Gyr hatte da schon zweimal an der Südseite gestanden.“
„Warum bist du trotzdem gefahren?“
„Ich hatte gehofft, er sei schon beim Abendessen.“ Douglas sah sie an, ohne zu lächeln. „Ich wollte zur Allee. Der Weg war falsch. Ich hätte an der Häuserzeile entlang gemusst, auch wenn das länger dauert. Und ich hätte warten müssen, bis Bottle mir sagt, dass er die Ecke im Blick hat.“
„Er hat es dir gesagt.“
„Einen Satz zu spät, ja.“
Vivian wandte sich der Lanze Anubis zu. Gina wollte aufstehen, aber Jeff Blye war schneller. Er stand, bevor ihn jemand gefragt hatte, den Helm in beiden Händen.
„Ich bin hinter die Halle gegangen.“ Er sprach nicht laut, aber deutlich genug, dass ihn die Rückwand verstand. „Gina hat mir gesagt, bis zur hinteren Hallenecke. Ich bin weiter. Ich wollte den Dragonfly. Von meiner Ecke aus hätte ich die Querstraße gesehen, aus der die Elementare und der Ryoken gekommen sind. Der Manticore ist liegen geblieben, und dann war die Marktstraße zu. Der Bandit musste über den Platz, der Mad Cat hat ihn angeschossen, und der Night Gyr—“ Er brach ab und sah Vivian an. „Und Sie haben ihn abgefarmt.“
„Weiter.“
„Der Abschuss lag hinter der Halle.“ Er schluckte. „Der Transporter lag vor dem Gericht.“
Im Raum war es still. Gina sah nicht zu ihm, sondern zu Vivian. Arielle in der ersten Reihe hatte die Hände auf dem Tisch gefaltet und rührte sich nicht.
„Setz dich, Jeff.“
Er setzte sich.
Gina stand jetzt ebenfalls. „Ich habe ihn losgeschickt, bevor Elva an seiner Ecke war. Er sollte nur bis zur hinteren Hallenecke, aber die Marktstraße konnte er von dort schon nicht mehr sehen.“
„Dann gibst du den Wechsel erst frei, wenn Elva steht“, sagte Vivian. „Dass Jeff danach trotz deines Befehls weiterging, ist seine Entscheidung. Der erste ungedeckte Schritt war deine.“
Gina nickte und setzte sich neben Elva.
„Das war die Kette. Sie gehört nicht einem allein, aber sie fängt bei einem an. Und Harmonic.“ Vivian sah zu Clarissa. „Du wolltest an den Häusern vorbei auf ihn feuern. Slate hat dich zurückgerufen. Das war richtig. Danach hast du die Deckung gewechselt, weil deine linke Seite durch war. Das war auch richtig. Wie du gewechselt hast, darüber reden wir gleich.“
Sie nahm ihr Pad wieder auf, aber sie sah nicht darauf.
„Ich sage euch, wie ich ausgewählt habe. Ich habe mir Maschinen genommen, die schwer beschädigt waren, die niemand gedeckt hat oder die gerade ihre Deckung gewechselt haben. Hardwire hatte die rechte Seite offen und hat sie zur Uferbebauung gedreht. Harmonic musste hinter dem Warhammer hervor. Der Bandit hing schräg an der Hausecke und hat mir die aufgerissene Flanke gezeigt. Der Condor ist über den freien Platz gefahren. Viermal das Gleiche. Ihr wusstet in jedem dieser Fälle, dass die Maschine angeschlagen war. Ihr hattet den Blood Asp und den Warhammer, zwei Maschinen, die eine Doppelsalve aushalten. Eine davon hätte vor dem Rifleman stehen müssen, sobald klar war, dass seine rechte Seite offen ist. Stattdessen standen die schweren Maschinen da, wo sie am Anfang gestanden hatten, und die angeschlagenen dort, wo ich sie haben wollte.“
„Das ist nicht ganz fair.“
Vivian sah auf. Es war Blye. Er saß, aber er hatte sich nach vorn gelehnt, die Unterarme auf den Knien.
Neben ihm zog Stan die Luft ein. Gina drehte den Kopf. Vivian wartete.
„Sie kennen uns.“ Blye sah ihr in die Augen. „Sie haben unsere Akten gelesen, unsere Simulatorwerte gesehen, die Auswertungen von den kurzen Läufen. Sie wissen, wer zu weit geht und wer zu lange wartet. Sie wussten, dass ich dem Dragonfly nachgehe, wenn er mir halb kaputt vor die Nase läuft. Ein Clankrieger hätte das nicht gewusst.“
Einen Moment lang hörte man nur die Lüftung.
Vivian nickte langsam. „Ja und nein. Ja, ich kenne eure Akten. Und ja, ich habe mir vor dem Lauf angesehen, wer von euch wohin neigt. Insofern hast du recht. Das Szenario war nicht ganz fair, und ich werde nicht so tun, als wäre es das gewesen.“
Blye öffnete den Mund, schloss ihn wieder.
„Aber ich habe keine einzige Schwäche benutzt, die man nur aus einer Akte kennt. Du bist über die Hallenecke hinausgegangen. Das hätte jeder gesehen, der auf den Platz geschaut hat, ein Clankrieger genauso wie ich. Der Rifleman stand mit blanker Seite an einer offenen Kreuzung, das sieht man mit bloßem Auge. Der Bandit stand schief. Ich habe in diesem Lauf nichts gemacht, was ein Gegner mit etwas Verstand nicht auch gemacht hätte. Ich war nur schneller damit, weil ich wusste, wo ich hinsehen muss.“ Sie legte das Pad hin. „Und genau das wird euch draußen passieren. Ihr werdet irgendwann gegen jemanden kämpfen, der eure Einheit kennt. Der Aufnahmen von euren letzten Gefechten hat oder einen Söldner bezahlt, der neben euch gekämpft hat. Dann ist es noch weniger fair. Lern daraus, Jeff. Das ist alles, was ich von dir will.“
Blye lehnte sich langsam zurück. Er nickte, einmal, und hielt ihren Blick noch einen Augenblick länger, bevor er ihn senkte. Vivian merkte, dass sie es ihm anrechnete. Am Tag vor seiner Anhörung hatte er vor beiden Kompanien widersprochen, und das, was er gesagt hatte, war nicht dumm gewesen.
„Ein Falke hätte gefordert.“ Das kam von Arnost, halb an Vivian gerichtet, halb an den Raum. „Bei uns hat keiner gefordert. Kein einziges Mal. Auch der Night Gyr nicht.“
„Bei uns hat jemand gefordert.“ Wilbert sah dabei niemanden an.
Angela Wimmer richtete sich auf. „Ich habe den Kingfisher gefordert. Zweimal, auf dem offenen Kanal. Er hat nicht geantwortet.“
„Und während du auf seine Antwort gewartet hast, Lieutenant Wimmer, hat der Gargoyle Charon von der Seite aufgerollt. Corporal Wu stand allein an der Ecke, die du ihm halten solltest.“
Angela sah zu Jian Wu hinüber. Wu hielt den Blick auf seinem Helm. Für einen Augenblick wirkte Angela, als wollte sie etwas sagen, das mit Ehre zu tun hatte. Dann presste sie die Lippen zusammen.
„Aff, Colonel.“
„Bells Rechner kämpft so, wie wir die Clans während der Invasion kennengelernt haben.“ Vivian sah über die Reihen. „Er nimmt ein Duell an, wenn ihr ihm eins anbietet. Gina hat das gegen den Black Hawk ausgenutzt, und es hat funktioniert, weil der Rechner es so gelernt hat. Ihr habt das alle in der Ausbildung gehört: einen Clankrieger fordern, ihn binden, und dann mit vier oder fünf Maschinen über ihn herfallen. Die Innere Sphäre hat das oft genug gemacht. Die Clans haben daraus gelernt. In den letzten Jahren haben sie sich immer seltener darauf eingelassen, und wer heute auf ein Duell wartet, wartet oft vergeblich. Auf Luzerne haben die Nebelparder am ersten Tag noch gefordert. Am dritten Tag nicht mehr.“
Hinten an der Wand hob Dagan den Kopf. Er sah Vivian an, dann Rika.
„Aff“, sagte er leise. „Am Ende haben wir es auch nicht mehr getan.“
Es war das erste Mal, dass Vivian ihn in einer Besprechung von sich aus sprechen hörte. Niemand drehte sich zu ihm um, aber in der ersten Kompanie sah Valdemar Arbuthnot auf und nickte, ganz knapp, wie unter Fachleuten.
„Der Night Gyr, der Gargoyle und der Kingfisher haben gekämpft, wie Clanmaschinen heute kämpfen können. Verlasst euch auf keins von beidem. Weder darauf, dass einer fordert, noch darauf, dass er es nicht tut.“
Sie ließ Owen die erste Kompanie aufrufen. Nathan Sherman stand auf, und Vivian merkte, dass sie neugierig war. Sie hatte ihn bisher vor allem mit Lieferscheinen, Ausreden und Ersatzteilen erlebt, die auf eine Weise ankamen, über die sie lieber nichts Genaues wissen wollte. Einen Mann, der eine Kompanie durch achtundzwanzig Minuten führte, hatte sie in ihm nicht gesehen.
Er fasste sich kurz. Er nannte Jian Wu und die Lücke an der Ecke, ohne Angela anzusehen, und sagte, dass er Charon nach Wus Ausfall neu sortiert und Hiro Tanaka an die Ecke geschickt habe. Er nannte den Galleon, den er zu weit vorne gelassen hatte, und die Minute, in der Kulocs Zug ohne Deckung auf der Straße gestanden hatte, weil er zu spät gemeldet hatte, dass der Kingfisher die Seite gewechselt hatte.
„Und was hat funktioniert?“, fragte Vivian.
Nathan sah zu Valdemar. „Styx.“
Valdemar hatte seinen Hellion mit Katerina Kretkys Fireball und Elsbeth Lithgows Locust so verteilt, dass sie die ganze Zeit den Raum zwischen der Kompanie und der Clanreserve im Blick hatten. Er hatte gemeldet, wann die Wölfe die Seite wechselten, und er hatte nicht geschossen, wenn ein Schuss ihn verraten hätte. Einmal, gegen Ende, hatte Katerina eine offene Flanke an einem Fenris gesehen und gefragt, ob sie gehen dürfe. Valdemar hatte sie warten lassen, bis Nathans Lanze heran war und Steve Ramos mit seinem Nightsky an der Ecke stand, die ihm Greatz’ Leute von den Dächern angesagt hatten. Erst dann hatte er sie losgeschickt. Der Fenris war zwischen Katerina und Steve geraten und nicht wieder herausgekommen.
„Corporal Kretky.“ Vivian fand sie in der dritten Reihe, eine schmale Frau mit kurz geschnittenem Haar, die bei ihrem Namen zusammenzuckte. „Du hast gefragt, statt zu gehen. Und du hast gewartet, bis Lieutenant Arbuthnot dich geschickt hat. Wie lange?“
„Vierzig Sekunden, Colonel.“ Katerina räusperte sich. „Es kam mir länger vor.“
„Das tut es immer. Merk dir, wie es sich angefühlt hat. Beim nächsten Mal wirst du wieder gehen wollen, und du wirst wieder warten müssen.“ Vivian sah zu Steve. „Und du hast dich auf die Meldung von den Dächern verlassen, ohne den Gegner selbst zu sehen.“
Steve nickte. „Greatz hat gesagt, er kommt. Er kam.“
„Lieutenant Arbuthnot.“
Valdemar stand nicht auf. Er saß gerade, die Hände flach auf dem Tisch.
„Du hast im Verbund gekämpft, nicht Duelle gesucht. Genau das brauchte die erste Kompanie heute mehr als jeden Abschuss.“
„Aff, Colonel.“ Etwas in seinem Gesicht entspannte sich, kaum sichtbar.
„Captain Sherman.“ Vivian wartete, bis Nathan sie ansah. „Du hast acht Leute rausgebracht, nachdem dir eine Lanze auseinandergefallen ist. Du hast sortiert, gemeldet und entschieden, und keiner hat dich dabei schreien hören. Das hätte ich ehrlich gesagt nicht von dir erwartet.“
Nathan legte die Hand auf die Brust. „Ich nehme das als Kompliment, Colonel.“
„So war es gemeint.“
Ein paar in der ersten Kompanie grinsten. Douglas an der Seitenwand sah aus, als wollte er etwas sagen, ließ es dann aber.
Vivian ging zurück zur Projektionswand. „Owen. Bottle, die letzte Minute.“
Auf dem Schirm erschien Jeffs Kamerabild. Die Hallenecke, der nasse Platz, der Condor am Westrand, schwarz verbrannt auf seiner rechten Seite. Owen ließ die Aufzeichnung langsam laufen. Man sah, wie das Fadenkreuz des Ostroc an der Südseite entlangwanderte, von Haus zu Haus, und an einem Eckhaus mit eingedrücktem Schaufenster hängen blieb, noch bevor dort irgendetwas zu sehen war. Man hörte Jeffs Stimme. Typewriter, halt! Das Eckhaus— Dann trat der Night Gyr heraus, und im selben Augenblick, in dem seine PPCs den Condor trafen, zogen Jeffs beide Laser über seinen Arm und seinen Torso.
Owen hielt das Bild an. Vivian drehte sich zum Raum.
„Das war der erste Treffer, den der Night Gyr in diesem Lauf bekommen hat. Er kam von dem Mann, der eine Viertelstunde vorher hinter der Halle gestanden hat.“
In der dritten Reihe hob Blye den Kopf.
„Seht euch an, was er gemacht hat. Er hat sich gemerkt, wo ich dreimal aufgetaucht bin, und gesehen, dass ich jedes Mal ein Stück weiter nach Westen gegangen bin. Daraus hat er abgeleitet, wo ich als Nächstes stehe, und er hatte recht. Er hat aus der Deckung der Halle geschossen, nicht von der Mitte des Platzes aus. Und dann—“ Sie nickte Owen zu, und die Aufzeichnung lief weiter. Der Night Gyr drehte den Torso, die Autokanone bellte zweimal, Jeffs Bild ruckte, die rechte Seite des Ostroc sprang auf Rot. Ginas Stimme kam über den Kanal: Bottle, zurück hinter die Halle. Sofort. Und das Bild ging zurück, hinter die Kante.
„Er hat sich ausgerechnet, dass ich an der nächsten Durchfahrt wieder herauskomme. Wäre er zehn Schritte vorgegangen, hätte er mich vielleicht erwischt. Und er hätte selbst mitten auf dem Platz gestanden, mit offener rechter Seite, vor einer Maschine, die gerade gezeigt hatte, was sie mit offenen Seiten macht. Er ist zurückgegangen, weil seine Lanzenführerin es ihm gesagt hat, und er hat sich hinter die Halle und in Ginas Deckungsfeuer gestellt.“ Vivian sah in die dritte Reihe. „So. Beobachten, vorhersagen, treffen, zurück in die eigene Lanze und sich gegenseitig decken. Das will ich von allen sehen.“
Blye saß sehr still. Dann ging ihm etwas durchs Gesicht, das er nicht schnell genug wegbekam, eine Verblüffung, die sich in ein ungläubiges, verlegenes Lächeln verwandelte. Er sah auf den Helm in seinen Händen, dann wieder zu ihr, und richtete sich auf dem Stuhl auf, als hätte ihm jemand eine Last vom Rücken genommen und er wüsste noch nicht, wohin mit den Schultern. Stan stieß ihn mit dem Knie an. Gina, eine Reihe weiter vorn, drehte sich um und nickte ihm kurz zu.
„Bleibt der Wechsel. Arielle.“
Arielle stand auf und ging nach vorn. Sie bewegte sich noch vorsichtig, aber sicher genug. Owen rief ohne Aufforderung Clarissas Kamerabild auf, die Minute vor ihrem Abschuss, und daneben die Lagekarte. Arielle sah einen Moment darauf, bevor sie sprach.
„Clarissas Seite war offen. Sie musste weg. Das war richtig, und Gina hat sich vor sie gestellt, um ihr den Rückweg zu decken. Auch das war richtig gedacht.“ Sie tippte auf die Karte, auf den Warhammer an der Ecke. „Aber seht euch an, wovor Gina sie gedeckt hat. Gegen den Platz und gegen den Mad Cat an der Brücke. Der Night Gyr stand hier.“ Ihr Finger ging zur Toreinfahrt in der Uferbebauung. „Wir wussten, dass er dort ist. Er hatte gerade Elva abgeschossen. Zwischen Clarissa und dieser Toreinfahrt stand niemand. Als der Rakshasa hinter dem Warhammer hervortreten musste, war er genau da, wo der Night Gyr ihn haben wollte.“
Gina rieb sich über die Stirn. „Ich hatte sie hinter mir und habe gegen den falschen Gegner gedeckt.“
„Du hast den Gegner gedeckt, den du gesehen hast. Das macht jeder.“ Sie wandte sich wieder zum Raum. „Die Infanterie macht das seit Jahrhunderten so: Einer geht, der andere sichert. Die Waffen des Sichernden zeigen dorthin, wo der Gegner vermutlich wartet, nicht dorthin, wo er zuletzt war. Für uns heißt das: Ein beschädigter Mech in Deckung ist geschützt und keine Beute. Das ist er erst, wenn er die Deckung verlässt. Also verlässt er sie erst, wenn jemand die Stelle im Fadenkreuz hat, von der aus man ihn treffen kann. Bottle stand mit zwei schweren Lasern frei an seiner Ecke. Er hätte die Toreinfahrt halten können. Zeigt sich der Night Gyr für den Schuss, kann Bottle ihn unter Feuer nehmen. Auch ein Schuss in die Einfahrt kann ihn zwingen, sich zurückzunehmen. Das wäre Clarissas Gelegenheit zum Wechsel gewesen.“
„Und wenn Sie trotzdem geschossen hätten?“, fragte Clarissa Vivian.
„Dann hättest du noch immer einen Treffer bekommen können. Aber ich hätte dabei auf Bottle achten müssen. Du wärst nicht allein durch mein Schussfeld gegangen. Vielleicht wäre es sogar mein letzter sauberer Schuss geblieben.“
„Und Gina?“, fragte Vivian.
„Sie stellt sich zwischen den Beschädigten und die Stelle, von der die Gefahr kommt. Nicht vor ihn.“ Arielle sah zu Gina. „Die Colonel hat es vorhin gesagt: Der Warhammer hält so eine Doppelsalve aus, der Rakshasa mit seiner offenen Seite nicht. Wenn du ihm die Sicht auf Clarissa nimmst, muss er entweder auf dich schießen oder sich einen anderen Winkel suchen. Beides kann ihr Zeit verschaffen. Den Weg sucht man sich danach aus, was der Gegner sehen kann. Nicht danach, was am kürzesten ist.“
Clarissa sah auf die Karte und dann auf ihre Hände. „Ich bin den kürzesten gegangen.“
„Den wäre ich auch gegangen, wenn mir niemand etwas anderes gesagt hätte.“
Sie sah zu Vivian, und Vivian nickte. Arielle ging zurück an ihren Platz.
Owen hatte schon angefangen zu schreiben. Er stand an der Tafel, das Gewicht auf dem linken Bein, und malte die Buchstaben groß genug, dass man sie von der Rückwand lesen konnte. Vivian ließ ihn fertig werden.
Keiner verlässt seine Position, bevor der Ablöser dort steht und es gemeldet hat.
Ein beschädigter Mech wechselt erst, wenn jemand die bekannte Gegnerstellung im Fadenkreuz hat und Deckungsfeuer geben kann.
Vor dem Einsatz steht fest, wer bei einem liegen gebliebenen Fahrzeug wohin ausweicht.
Kein Feuer auf einen Zielraum, solange die Position eigener Kräfte darin nicht geklärt ist.
Vivian trat neben ihn. „Das sind vier Sätze. Übermorgen gehen wir raus nach Hangdorf. Anderes Gelände, ein anderer Gegner, andere Probleme. Ich zähle, wie oft jeder dieser Sätze gebrochen wird. Wer bricht ihn, und warum. Mehr will ich dann nicht wissen.“
Sie nahm ihren Helm vom Tisch.
„Sergeant-Major Bell gibt jeder Lanze heute Abend ihre Aufzeichnungen. Seht sie euch zusammen an. Spätestens morgen um zehn will ich von jedem Lanzenführer eine Seite. Wegtreten.“
Die Stühle schabten. Der Raum füllte sich mit Stimmen, die erst leise anfingen und dann lauter wurden. Vivian sah, wie Jian Wu an Angela Wimmer vorbeiging und Angela ihn ansprach, und wie Wu stehen blieb und zuhörte. Sie sah Dagan und Martin, die gemeinsam zur Tür gingen, nicht nebeneinander, aber in derselben Richtung. Stan zog Blye am Ärmel mit hinaus, Gina ging dicht hinter den beiden, und Blye drehte sich an der Tür noch einmal um, als wollte er etwas sagen. Dann ging er.
Douglas blieb an der Seitenwand sitzen, bis Joanna Schlotterbeck ihn hochzog.
„Beim Abendessen“, sagte sie. „Wirklich?“
„Irgendwann muss er ja essen.“
Arielle wartete, bis der Raum fast leer war. Gavin stand an der Tür und unterhielt sich mit Owen, beide mit dem Rücken zum Raum.
„Avalon City. Der Hauseingang.“ Arielle sprach leise. „Das war meine Art zu kämpfen.“
„Ich weiß.“
„Aber Sie sind nicht dabei geblieben.“ Arielle sah auf die Projektionswand, auf der noch die Lagekarte stand, mit den grauen Punkten an der Südseite des Platzes. „Sie haben genommen, was ich gemacht habe, und es angepasst und verfeinert. Nach jedem Schuss eine andere Ecke. Ich habe das in der Zentrale gesehen und erst gedacht, Bell hätte den Rechner umgeschrieben.“
„Du bist damals geblieben, weil du die Straße halten musstest. Ich musste heute nichts halten. Ich durfte jagen.“
Arielle nickte langsam. Dann lächelte sie, nicht ganz, ein Mundwinkel nur.
„Ich bin froh, dass ich nicht mehr auf der anderen Seite stehe, Colonel.“ Sie nahm ihr Pad vom Tisch. „Und ich frage mich, ob die Leute in der dritten Reihe schon wissen, wie schnell Sie lernen.“
„Wir werden sehen.“
Arielle ging zur Tür. Vivian blieb noch einen Augenblick vor der Projektion stehen, dann schaltete sie sie ab.
Im Nebenraum hing ihre Jacke noch am Haken. Sie zog sie über die nasse Weste und ging zum Umkleideraum. Hinter ihr hörte sie Owen, der Gavin etwas über seinen Platz in der Zentrale erzählte und darüber, wie lange er da oben gesessen hatte.
Conquistador-Landungsschiff, Galaport, Galatea
11. November 3067, früher Morgen
Nia hatte die zweite Befragung noch einmal aufgerufen, als Vivian ins Kommandozentrum kam. Auf dem Landefeld lag noch Dunkelheit; die Scheinwerfer an der Rampe machten aus dem nassen Beton eine helle Fläche, über die ein einzelner Schlepper fuhr. Vivian stellte ihren Tee neben das Pad und setzte sich.
Nia drehte ihr den Schirm zu. „Er gibt den Schlag zu. Zuerst sagt er, er habe sich losmachen wollen und nicht gesehen, wen er trifft. Zwei Sätze später sagt er, er habe es doch gewusst. Beides steht drin.“
„Und die Flasche?“
„Nichts Neues. Vier Aussagen, vier Richtungen.“
Vivian las die Seite bis zum Ende. Blye hatte in der zweiten Befragung nichts schöngeredet. An zwei Stellen hatte er sich selbst berichtigt, und beide Male zu seinen Ungunsten.
Arielle kam fünf Minuten vor acht. Das Pflaster an der Schläfe war kleiner geworden, die Verfärbung unter dem Auge kaum noch zu sehen. Sie grüßte, legte ihr Pad ab und setzte sich ans Ende des Tischs, ein paar Plätze von Vivian entfernt. Vivian ließ sie dort sitzen. Außer dem Termin hatte Vivian ihr nichts gesagt.
Um acht klopfte Owen. Er ließ Blye herein, nickte Vivian zu und zog das Schott hinter ihm zu. Durch die Scheibe sah Vivian ihn draußen im Gang stehen, die Hände auf dem Rücken, das Gewicht auf dem linken Bein.
Blye trat vor den Tisch und nahm Haltung an. Er hatte sich rasiert, die Uniform war ordentlich geschlossen, die Schwellung an der Wange fast abgeheilt. Den Blick hielt er auf einen Punkt über Vivians Kopf, so wie Dorn und Vetter es am Fünften getan hatten. Bei ihm sah es angestrengter aus.
„Private Blye. Sie wissen, warum Sie hier sind.“
„Ja, Colonel.“
„Dann erzählen Sie es mir. Von dem Moment an, in dem Captain Radtke Ihnen befohlen hat, mit Lieutenant Aasgaard zur Wand zu gehen.“
Er erzählte. Er begann mit der Bank, mit Dorn, der daran vorbeigekommen war, mit Vetter, der vor ihm stand. Nach drei Sätzen war er bei dem, was Dorn über die Donegal Guards gesagt hatte.
„Das weiß ich“, unterbrach Vivian. „Was haben Sie getan?“
„Ich wollte mich losmachen. Captain Radtke hatte mich am Arm, und—“
„Was haben Sie getan, Private?“
Blye schluckte. „Ich habe zugeschlagen.“
„Wen?“
„Captain Radtke.“
„Hatten Sie das vor?“
„Nein, Colonel.“ Es kam schnell. Dann leiser: „Ich weiß nicht, ob ich in dem Moment begriffen habe, dass sie es ist. Ich müsste es wissen. Ich habe sie gesehen, aber…“
„Sie haben sie gesehen, und Sie haben zugeschlagen.“
„Ja.“
Vivian ließ den Satz im Raum stehen. Nia schrieb. Am Ende des Tischs hatte Arielle die Hände ineinandergelegt und sah auf die Tischplatte vor Blye, nicht auf ihn.
„Wer hat die Flasche geführt?“
„Ich weiß es nicht, Colonel. Ich war da schon—“ Er brach ab. „Ich weiß es nicht.“
Vivian nickte und schob das Pad ein Stück von sich. Dann sah sie zum Tischende.
„Captain Radtke. Du bist seine Kompaniechefin. Du warst dabei, und du kennst ihn länger als jeder andere in diesem Raum. Ich will deine Entscheidung hören.“
Arielle hob den Kopf. Einen Augenblick sah sie aus, als habe sie die Frage falsch verstanden. Dann begriff sie, was Vivian von ihr verlangte: keinen Vorschlag für die Akte, keine Stellungnahme. Eine Entscheidung, hier, vor ihm.
Blye hielt den Blick über Vivians Kopf. Er atmete flacher.
Arielle ließ sich Zeit. Sie löste die Hände voneinander, legte sie flach auf den Tisch und sah sie an, als müsse sie sich vergewissern, dass sie ruhig lagen. Als sie sprach, war ihre Stimme fest.
„Er hat einen Befehl missachtet und eine vorgesetzte Offizierin geschlagen. In jeder regulären Armee käme er dafür vor ein Kriegsgericht. Unehrenhafte Entlassung wäre der normale Weg.“ Sie hielt kurz inne. „Und wir sind ehemalige Donegal Guards. Gegen die meisten von denen, die auf New Avalon geblieben sind, wird wegen Kriegsverbrechen ermittelt. Jeder, der von uns hört, denkt zuerst daran. Wir können uns nicht leisten, dass jemand glaubt, wir biegen uns die Regeln zurecht, sobald es einen von uns trifft.“ Sie sah Blye zum ersten Mal an. „Er muss die Einheit verlassen.“
Blye rührte sich nicht. Nur die Schultern sanken, ein kleines Stück, dann noch eins, als ließe jemand die Luft aus ihm heraus. Die Hände an der Hosennaht öffneten und schlossen sich.
Arielles Hände lagen noch flach auf dem Tisch. Die Fingerspitzen waren weiß.
Vivian wartete. Sie wartete so lange, dass Nia aufhörte zu schreiben und aufsah.
„Ich widerspreche den fachlichen Entscheidungen meiner Captains ungern. Hier tue ich es dennoch. Du entscheidest zu hart, Arielle.“
Arielle sah sie an. In ihrem Gesicht arbeitete etwas, und Vivian wusste, was es war. Arielle hatte gerade einen ihrer eigenen Leute geopfert, damit niemand sagen konnte, sie schütze ihn. Jetzt merkte sie, dass Vivian genau das gesehen hatte.
„Wir sind, wer wir sind“, sagte Vivian ruhiger. „Die Menschen, die unter uns dienen, legen wir nicht von heute auf morgen ab, nur weil wir ein anderes Abzeichen tragen. Das sollen wir auch nicht.“
Arielle senkte den Blick. Ihre Hände wurden locker.
Vivian wandte sich Blye zu.
„Jeff.“
Er zuckte, als hätte sie ihn angefasst. Sein Blick kam von der Wand herunter und blieb an ihr hängen.
„Ich glaube dir, dass du Captain Radtke nicht schlagen wolltest, und ich weiß, wie sehr dich belastet, dass du es trotzdem getan hast.“ Sie ließ ihm einen Moment. „Aber in dieser Einheit gilt die Disziplin für jeden, auch für dich. Nach meinem eigenen Maßstab müsstest du gehen. Captain Radtke hat recht, das wäre der normale Weg.“
Blye nickte. Es sah aus, als habe er nichts anderes erwartet.
„Gestern im Simulator hast du mich überzeugt. Mit dem Dragonfly nicht, aber mit dem, was danach kam. Und damit, wie sehr du dich anstrengst, seit du bei uns bist. Deshalb bleibst du.“
Blye öffnete den Mund und brachte nichts heraus. Vivian sprach weiter, bevor er es ein zweites Mal versuchen konnte.
„Hör mir genau zu. Das passiert nie wieder. Wenn du noch einmal die Hand gegen jemanden in dieser Einheit erhebst, gegen einen Vorgesetzten oder gegen irgendwen sonst, gibt es dieses Gespräch nicht mehr. Dann gibt es nur noch deine Entlassung.“
„Ja, Colonel.“ Seine Stimme brach in der Mitte. Er räusperte sich. „Ja, Colonel.“
Vivian nickte Nia zu. Nia las vor, ohne etwas zu betonen.
„Private Jeff Blye wird mit sofortiger Wirkung für einen Monat zum Recruit herabgestuft und für denselben Zeitraum auf halben Sold gesetzt. Bis auf Weiteres steht er unter der verschärften Aufsicht seiner Kompaniechefin. Ausgangssperre und Zusatzdienste vom fünften November bleiben bestehen. Nach Ablauf des Monats erhält er seinen Rang zurück, wenn bis dahin nichts weiter vorgefallen ist.“
„Recruit Blye“, sagte Vivian. „Unterschreiben Sie.“
Er nahm das Pad, das Nia ihm hinhielt. Seine Hand zitterte, und er brauchte zwei Anläufe. Dann gab er es zurück und nahm wieder Haltung an.
„Wegtreten.“
Er drehte sich zur Tür. Auf halbem Weg, auf Höhe des Tischendes, blieb er neben Arielle stehen und sah sie an. Arielle hob den Kopf und hielt seinen Blick. Keiner von beiden sprach. Dann ging Blye weiter, und draußen löste sich Owen von der Wand und ging mit ihm den Gang hinunter.
Nia sammelte ihre Unterlagen ein. „Die Verwaltung bekommt es heute noch.“ Sie ging, und das Schott schloss sich hinter ihr.
Arielle blieb sitzen und sah auf die Stelle, an der Blye gestanden hatte.
„Sie haben mich vor ihm entscheiden lassen.“
„Ja.“
„Und Sie wussten, dass Sie mir widersprechen würden.“
„Ich wusste, dass ich dir widerspreche, wenn du zu hart entscheidest. Ob du es tust, wusste ich vorher nicht.“ Vivian griff nach ihrem Tee. Er war noch warm. „Ich wollte sehen, was du entscheidest, wenn es wehtut. Jetzt weiß ich es.“
Arielle schwieg. Dann lachte sie, kurz und ohne viel Freude. „Und? Bestanden?“
„Du hast für die Einheit entschieden und gegen deinen eigenen Mann. Das war falsch, aber aus dem richtigen Grund.“ Vivian stellte den Becher ab. „Deine Leute sind kein Makel, den du loswerden musst, Arielle. Du kennst sie, du weißt, was sie können, und sie folgen dir, weil sie dich kennen. Das ist das Wertvollste, was du in diese Einheit mitgebracht hast. Es darf nur die Entscheidung nicht ersetzen. In die eine Richtung genauso wenig wie in die andere.“
Arielle sah sie noch immer an. „Das hätten Sie mich auch fragen können, bevor er hereinkam.“
„Ja.“ Vivian sah sie an. „Ich wollte, dass er hört, dass du ihn nicht deckst. Das hört er nur, wenn es nicht abgesprochen ist.“
„Das hat er gehört.“
Vivian erwiderte nichts.
Arielle nahm ihr Pad vom Tisch. Sie stand auf, blieb aber noch einen Moment stehen.
„Er wird es nie wieder tun.“
„Das hoffe ich.“
„Ich werde auf ihn aufpassen.“
„Das weiß ich.“
Arielle sah sie an, dann ging sie.
Draußen war es hell geworden; auf dem Landefeld fuhr der Schlepper zurück zur Rampe. Vivian arbeitete eine Weile am Dienstplan des Tages, beantwortete eine Rückfrage von Douglas zu den Kosten des Simulatorzentrums und eine von Miriam zu einem Ersatzteil, das wieder nicht geliefert worden war.
Kurz vor zehn meldete das Pad den ersten Eingang. Lieutenant Gina Osterqvist, Anubis. Eine Seite, wie verlangt.
Der erste Satz lautete: Ich habe den falschen Gegner gedeckt.
Vivian zog den Tee heran und las weiter.
__________________ Wer aufhört besser zu werden, hat aufgehört gut zu sein!
"Ich treffe alles, was ich sehe!"
Starcolonel Kurt Sehhilfe, Clan SeeBug
|
|
23.10.2026 00:04 |
|
|
|