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Tyr Svenson Tyr Svenson ist männlich
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Etwas später, in Tokio:

„Das musst du dir ansehen, Richard.“
Der Angesprochene war ein hagerer Mann mittleren Alters, mit eckigen, aber nicht unattraktiven Gesichtszügen, einem schmalen, nachdenklichen Mund, dunklen Augen und Haaren. Er trug einen hellen Anzug bester Qualität, der dennoch etwas leger wirkte.
„Was ist es diesmal, Eugen? Ein japanisches Flottenmanöver? Fahren sich Marine und Armee mal wieder gegenseitig in die Parade? Oder hat die Kempaitai einen unserer Informanten enttarnt?“
Sein Gegenüber lachte jäh auf. Er war hoch gewachsen und schlank, mit bereits schütterem Haar. Im Gegensatz zu Richard trug er eine Uniform – eine deutsche Uniform: „Was du dir immer wieder ausdenkst! Stell dir das mal vor: wie es aussieht haben wir einen Spion bei einem texanischen Kaperer, der gerade die Russen in Alaska rupft.“
„Und? Ich meine, da weiß man doch gar nicht, wem man Glück wünschen soll – den Texanern, oder den Bolschewisten.“
„Das war nur die erste Hälfte der Geschichte. Denn jetzt hat dieser Kaperer den Auftrag bekommen, mit russischen Abzeichen einen Angriff auf einen japanischen Fliegerhorst zu starten.“
„Wollen die Texaner den nächsten Krieg anzetteln?“
„Sie fühlen sich wohl einfach in der Enge. Und da kommt man auf verrückte Ideen. Texas sieht sich immer mehr von Feinden umgeben. Die Tommies versuchen im Empire Fuß zu fassen, wir in den Industrials, die Franzosen in Louisiana, die Spanier in Mexiko und die Japaner in Hollywood. Die Japaner in einen ernsteren Konflikt mit den Russen zu stürzen bedeutet, Ressourcen von Hollywood abzuziehen…“
„Ich glaube nicht, dass das klappen wird. Für die Texaner sind die Japaner vielleicht ein Haufen von Idioten, die sich wegen der Ehre den Bauch aufschlitzen. Aber da täuschen sie sich. Die Marine und die Armee werden sich nicht mit solchen Manövern aus der Reserve locken lassen – außer sie wollen es.“
„Wahrscheinlich hast du Recht. Aber vielleicht starten die Japaner zumindest einen lokalen Gegenschlag. Und so was kann schnell eskalieren.“
„Wir sagen unseren Freunden nicht, was da tatsächlich abgeht?“
Eugen lächelte dünn: „Richard, die Frankfurter Zeitung hat an dir einen erstklassigen Journalisten und ich brauche dich hier, weil du nun mal die Japaner und Chinesen besser kennst, als jeder andere in meinem Stab. Aber du verstehst immer noch nicht, wie die Politik funktioniert.“
„Und deswegen bist du stellvertretender Botschafter und ich nur ein Schreiberling.“
„Mach dich nicht kleiner, als du bist. Aber wenn wir die Japaner vorwarnen, dann werden Sie eine Falle stellen. Wir gefährden damit nur unseren Agenten. Und es kann uns doch nur Recht sein, wenn die Japaner auf die Bolschewiken sauer sind. Irgendwann…“
„Eins nach dem anderen, Eugen. Ich weiß, was der Führer gesagt hat. Aber momentan haben wir nicht einmal eine Grenze zu Russland.“
„Das kann sich schneller ändern, als man denkt.“
Richard grinste etwas spöttisch und wechselte das Thema: „Und, was ist das für ein Mann, den wir bei den Texanern haben? Es ist doch ein Mann?“
„Ein echter Teufelskerl. Fallschirmjäger und Nahkampfausbildung, außerdem Fliegerass. Er war zu jung, um im Großen Krieg mitzumachen. Aber er war in Spanien und in der Mandschurei. Verdammt, manchmal wünsche ich mir…“
„Wir sind aus dem Alter raus, Eugen. Wir haben an der Westfront gekämpft – und ich glaube, wir haben uns einen etwas ruhigeren Posten redlich verdient. Was sagt eigentlich die RSHA zu der Aktion?“
„Gar nichts – und Sie werden das auch nicht erfahren. Ich will diese Prügelknaben nicht dabei haben.“
„Schon gut, Eugen. Ich bin ja auf deiner Seite.“
„Die Sache bleibt unter uns, also innerhalb der Abwehr. Ich brauche von dir eine Expertise – und das schnell – wie sich diese kleine Provokation auswirken könnte. Fallstudien, Eventualitäten, mögliche Implikationen. Der ganze Mist. Schaffst du das?“
„Die Frankfurter Zeitung kann auch ein wenig warten. Bis übermorgen hast du das Papier.“
„Danke, Richard.“
Der lächelte nur kurz, fast spöttisch: „Ich tue nur meine Pflicht. Wir sehen uns dann morgen.“
Als er ging, sah man, dass er leicht hinkte. Er verließ das Gebäude der deutschen Botschaft, das auch der hiesigen Abwehr-Zweigstelle diente. Der Mann schien allgemein bekannt zu sein, nahm sich die Zeit, Vorbeikommende kurz aber freundlich zu grüßen. Jeder schien ihn zu kennen.
Er war Journalist der Frankfurter Zeitung, Mitarbeiter der Abwehr und Parteimitglied der NSDAP. Und er war Agent der GRU, Leiter des Spionagerings ‚Ramsay’ und überzeugter Kommunist – Doktor Richard Sorge.

Der Angriff auf das Flugfeld mochte unbedeutend sein – seine politischen Implikationen aber waren es nicht, das war Sorge klar. Moskau musste informiert werden. Kurz wanderten Sorges Gedanken zu dem deutschen Agenten an Bord des texanischen Kaperers. Er wusste nur zu gut, unter welchem Druck Agent „Parsifal“ stehen musste. Wahrscheinlich war er, Richard Sorge, sogar der einzige Mann in der deutschen Botschaft, der wusste, was dies bedeutete. Einen Augenblick lang fühlte der Spion so etwas wie ein gewisses Gefühl des Verständnisses mit dem deutschen Agenten. Sie beide waren Kämpfer im Schattenkrieg, die fern der Heimat und auf sich alleine gestellt waren.
Aber damit endeten die Gemeinsamkeiten. ‚Parsifal’ arbeitete für die Faschisten und Richard Sorge würde tun, was in seiner Macht stand, um die Mission des deutschen Agenten zu vereiteln.
31.01.2020 19:23 Tyr Svenson ist offline E-Mail an Tyr Svenson senden Beiträge von Tyr Svenson suchen Nehmen Sie Tyr Svenson in Ihre Freundesliste auf
Tyr Svenson Tyr Svenson ist männlich
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In den nächsten zwei Tagen kam Steel kaum zum Schlafen. Zumindest nach außen hin schien er ausschließlich damit beschäftigt, den Angriff vorzubereiten.
Mit einem Nachtflug prüfte er noch einmal die Tauglichkeit seiner Piloten. Das Ergebnis stellte ihn zufrieden, auch wenn er es nicht zeigte. Die Piloten waren gut genug, um den Angriff fliegen zu können – aber wahrscheinlich nicht so gut, dass sie sehr präzise Schläge würden führen können. Und das konnte von Stahlheim nur recht sein.
An den Übungsflug schloss sich eine schonungslose Manöverkritik an. Aber das war nichts Ungewöhnliches.
Die Maschinen wurden in den Farben der russischen Luftstreitkräfte bemalt und noch einmal auf Herz und Nieren geprüft. Sam's Mechaniker lernten den hochgewachsenen Deutschen besser kennen – und fürchten – als ihnen lieb war. Steel akzeptierte weder Verzögerungen noch Entschuldigungen.
Jeder der Piloten erhielt ein spezielles „Überlebenspacket“, das unter anderem eine Leuchtpistole, eine Schwimmweste und neue, wasserabweisende Fliegerkombinationen beinhaltete – Beute von den gekaperten russischen Zeppelinen. Steel gelang es sogar, aus der Bordapotheke Vitamin-B-Pillen zu organisieren, die die Piloten der Staffel unter seiner Aufsicht schlucken mussten.
Außerdem erhielt jeder Pilot ein paar „Muntermacher“, die ihm über dem Ziel oder bei der Landung die nötige Wachsamkeit verleihen würden. Der Flug sollte sich immerhin über mehrere Stunden hinziehen, viel länger als die üblichen Einsätze. Steel hatte sich sogar mit dem Smutje kurzgeschlossen. Vor dem Start würden die Piloten eine gute Mahlzeit bekommen und für jeden hatte Steel außerdem ein „Fresspaket“ für den Flug zusammengestellt.

Mehrmals ging er mit den Männern und Frauen jede Einzelheit des Angriffs durch. Die Maschinen würden nach Mitternacht starten, um den Flugplatz in der Nacht angreifen und im Schutze der Dunkelheit flüchten zu können. Bei der Landung auf dem Zeppelin aber würden sie bereits wieder Tageslicht haben.
In dieser Hinsicht wollte Steel kein Risiko eingehen – die erschöpften, vielleicht sogar verwundeten Piloten mit ihren möglicherweise beschädigten Flugzeugen sollten bei guten Sichtverhältnissen landen. Der Angriff würde über eine recht große Entfernung geflogen werden. Das bedeutete zwar, dass die Maschinen Zusatztanks verwenden mussten, was die Bombenzuladung verringerte, doch dafür sank das Risiko, das die NORTH STAR von Patrouillenschiffen oder Flugbooten gesichtet wurde.
Der Angriff war bis in die kleinste Einzelheit ausgearbeitet. Er würde aus verschiedenen Richtungen und genau choreographiert erfolgen. Zuerst sollten Steel und Max angreifen, die die besten Nachtflieger der Staffel waren. Dann würden die Avenger angreifen. Sie zwar gut bewaffnet, aber nur relativ leicht gepanzert. Deshalb würden sie nur einen Angriff fliegen und dann über dem Flugplatz die Rückendeckung übernehmen, während letzten beiden Maschinen den Fliegerhorst attackierten, unterstützt von Steel und Max. Der Angriff sollte nicht mehr als ein, maximal zwei Minuten dauern, direkte Schusswechsel mit feindlichen Jägern oder der Flak möglichst vermieden werden. Steel hatte jedem Piloten noch einmal eingeschärft, dass er weder Extratouren noch übertriebene Schneidigkeit wollte – sondern alle Maschinen sicher wieder im Hangar.
Der Rückzug sollte einzeln und aufgefächert erfolgen, um eventuellen Horchposten oder Beobachtern die Ermittlung der Rückflugroute zu erschweren. Erst an der Küste würden die Maschinen wieder einen Flugverband bilden.
Steel hatte sich auch sehr intensiv mit der Frage der Kampfmittelbestückung beschäftigt. Wegen der für den Langstreckeneinsatz nötigen Treibstoffmenge trugen die Maschinen keine Raketen für den Luftkampf.
Die Fury und die Devastator schleppten stattdessen neben den Zusatztanks je eine 113-kg-Bombe unter dem Rumpf. Die Avenger hingegen waren mit je zwei 227-kg-Bomben bestückt, die Vampire trug sogar vier. Sollte es jedoch noch vor dem Erreichen des Flugplatzes zu einem Zusammenstoß mit japanischen Fliegern kommen, so hatten die Piloten strikte Anweisung, die Bomben zu lösen und sich sofort zurückzuziehen. Aber dieser Fall war nicht sehr wahrscheinlich. Die Japaner hatten zwar erstklassige Jagdflieger, aber kaum Nachtjäger. Nur die Elitegeschwader hatten entsprechend ausgebildete Piloten – und die Garnisonstruppen auf den Aleuten gehörten nicht gerade zur Elite.
Sobald all dies geregelt war, boxte Steel für seine Piloten ein paar Freiwachen durch. Er wollte nur absolut ausgeruhte und fitte Leute beim Flug dabei haben. Sein Drang nach Perfektionismus mochte dem ein oder anderen an Bord vielleicht übertrieben erscheinen, aber Steel kümmerte dies wenig. Auch wenn er wenig von dem Einsatz hielt, er wollte keine Leute verlieren. Er wollte keinen Angriffspunkt für Kritik oder Verdächtigungen liefern. Es waren sowieso zu viele Leute mit Phantasie an Bord und Steels Position war keineswegs unumstritten...

Nach seinem Dafürhalten hatte von Stahlheim alles getan, um ein Gelingen der Operation zu gewährleisten. Aber er war lange genug im Einsatz gewesen – als Pilot und als Agent – um zu wissen, dass fast zwangsläufig irgendwelche Probleme auftreten würden. Und er hatte sich darin nicht getäuscht.

Es war der Tag vor dem Start. Es dämmerte bereits, die meisten Piloten der Staffel schliefen jetzt – in acht Stunden würden sie abheben. Von Stahlheim inspizierte noch einmal – sehr zu Sams Verdruß, die dies als Mißtrauensvotum gegen ihre Leute wertete – die Maschinen seiner Staffel.
Während Steel sich unter eine der Devastators beugte, hörte er sich rasch nähernde Schritte – und sie kamen hierher. Gewandt, doch ohne unnötige Eile drehte er sich um und richtete sich auf. Der sich nähernde Matrose grüßte locker und sprudelte hastig seine Meldung hervor: „Sie sollen zum Funkraum. Sie können doch Deutsch, oder? Der Funker will den Commander nicht wecken.“
„Können Sie verdammt noch mal nicht anständig Meldung machen?! Vergessen Sie's - ich bin auf dem Weg.“ Ohne ein weiteres Wort ließ er den abgekanzelten Matrosen stehen.

Der Funkraum der NORTH STAR war nicht sehr groß. Wenn die Funkstation mit zwei Mann voll besetzt gewesen wäre, dann war kaum noch Platz zum Umdrehen. Doch momentan tat nur ein Funker Dienst, der frustriert in seine Kopfhörer lauschte und immer wieder ungeduldig zur Tür sah. Als Steel eintrat, atmete der Funker erleichtert auf: „Da sind sie ja endlich!“
„Sind sie in den Wetterfunk der japanischen Marine eingebrochen?“
„Das soll wohl ein Witz sein? Nein, aber ich habe vielleicht etwas Besseres gefunden. Da draußen muss ein deutsches Walfangmutterschiff sein. Sie geben gerade die Wetterdaten an die Fangboote durch, glaube ich. Hören Sie mal.“
Von Stahlheim presste den Kopfhörer gegen sein Ohr und lauschte konzentriert. Nach wenigen Augenblicken verfinsterte sich seine Miene: „Wecken Sie den Commander.“
„Aber der ist eben erst von der Patrouille zurück. Er schläft.“
„Dann wecken Sie ihn, Sie Idiot! Es ist wichtig!“

Nur fünf Minuten später erschien ein sichtlich verschlafener Armstrong in der Funkkabine. Während er seine Kleidung in Ordnung brachte, hörte er zu, wie Steel mit ausdrucksloser Stimme Meldung machte: „...ruhige See, wenig Wind. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte Nachricht ist, dass über dem Zielgebiet bis zu 75 Prozent Wolkendecke gemeldet werden. Wolken und Nebel. Nicht gerade unüblich für diese Gegend. Aber...“
„Wollen Sie den Start verschieben?“
Steel schien zu überlegen, schüttelte dann aber den Kopf: „Zu riskant. Wir dürfen nicht zu lange hier rumgurken. Wenn einer der Marinepatrouillen uns sichtet, dann können wir ihren Einsatz gleich vergessen. Und haben Glück, wenn sie uns keine Jagdflieger auf den Hals hetzen. Sie reagieren sehr empfindlich auf unidentifizierte Eindringlinge.
Nein, wir müssen es diese Nacht durchziehen.“
„Das wird nicht einfach werden.“
„Wann ist es das schon einmal. Damit fällt allerdings der Anflug in Bodennähe weg. Ich will niemanden im Nebel verlieren.“
„Und wie wollen Sie den Angriff dann koordinieren? Sie werden blind durch die Wolkendecke stürzen müssen.“
Steel überlegte kurz, dann schien er eine Idee zu haben: „Ich brauche Leuchtbomben. Oder, wenn wir die nicht haben, eben Brandsätze. Ich leuchte das Ziel aus. Die anderen orientieren sich dann daran, stoßen durch die Wolkendecke und werfen ihre Bomben auf Sicht.“
„Klingt riskant.“
„Das ist der Krieg nun mal.“
„Genug mit den Plattitüden. Glauben Sie, dass sie die Eier präzise genug setzen können?“
„Ja. Ich wäre auch schwer enttäuscht, wenn nicht.“ Steels Stimme klang zynisch, aber selbstsicher. Armstrong musterte den Staffelführer kritisch, suchte nach Anzeichen, dass diese Selbstsicherheit nur vorgetäuscht, nur Angabe war. Aber wie immer fiel es ihm schwer, in dem kantigen, ausdruckslosen Gesicht des Deutschamerikaners zu lesen: „Also gut. Es ist Ihr Flug. Sagen Sie Sam Bescheid.“
Steel grinste sarkastisch und salutierte spöttisch: „Die wird sich freuen...“
„Und Steel – Sie sollten auch noch etwas schlafen. Sie werden es brauchen – immerhin sollen Sie die Ziele markieren. Nehmen Sie das als Befehl.“

***

Acht Stunden später

Jetzt war es soweit. Die Piloten standen in einem lockeren Halbkreis um Steel versammelt, wirkten unförmig, gesichtslos mit ihren schweren Kombinationen, den dicken Fliegerhauben. Steels Stimme klang ruhig und beherrscht, aber hart. Sein deutscher Akzent war sehr deutlich: „Es herrscht Funkstille. Gesendet wird nur im äußersten Notfall, verstanden? Wer Mist baut, den erwürge ich mit seinem eigenen Funkkabel.
Haltet die Formation – und die Augen offen. Unser Job ist, schnell rein und wieder raus zu kommen – also ist Präzision und Schnelligkeit entscheidend. Guten Flug – und kommt heil wieder zurück.
Das war alles – weggetreten.“
Ohne ein weiteres Wort drehte sich Steel um und rannte zu seiner Maschine. Kurz winkte er zu dem Commander hinüber, der mit einigen anderen Piloten am Rande des Hangars stand und den Start beobachtete.
Trotz der schweren Kombination kletterte von Stahlheim gewandt in das enge Cockpit seiner Kabine und schloss die Kanzelverglasung.
Eine nach der anderen starteten die Maschinen des Dog Pack, formierten sich zu einer lockeren Formation und verschwanden in der Dunkelheit. Das Zeppelin, ihre Heimat, blieb zurück.
Im Cockpit der Fury unterdrückte von Stahlheim einen Fluch. Er hatte diesen Einsatz nicht gewollt und er hatte kein gutes Gefühl dabei. Aber es gab kein Zurück mehr...

***

Etwa drei Stunden später

Die Maschinen flogen in einer lockeren Kette, hielten Sichtkontakt, ohne sich gegenseitig zu behindern. Sie flogen schweigend, denn es bestand immer die Gefahr, dass ein Funkspruch aufgefangen wurde. Die Aleuten waren militärisches Sperrgebiet, besetzt und kontrolliert von den japanischen Streitkräften, die auf den unwirtlichen Eilanden Vorposten errichtet hatten, die sowohl gegen die Sowjetunion, als auch gegen die amerikanischen Staaten gerichtet waren.

Steels Jäger befand sich natürlich an der Spitze der Formation. Er traute keinem der Piloten, nicht mal Max, zu, bei einem Langstrecken-Nachtflug ohne Funkfeuer und Einweisung vom Boden aus das Ziel mit der nötigen Akuresse zu finden. Es war kalt im Cockpit, trotz der laufenden Heizung und der dicken Fliegerkombination fror Steel – die Maschinen waren eben nicht für die Verhältnisse so nahe am Polarkreis konstruiert worden, und alle Nachbesserungen mit Bordmitteln konnten daran nichts ändern. Von Stahlheim bewegte reflexartig die Hände, die in schweren Handschuhen steckten und warf einen Blick auf die Instrumente. Nach seiner Kalkulation verlief bisher alles nach Plan. Das Wetter war gut – den Umständen entsprechend. Kaum Wind, das vereinfachte die Navigation. In dieser Höhe war es zwar kalt, aber klar. Und wenigstens war es noch nicht so kalt, dass die eher provisorischen Enteisungsanlagen den Geist aufgaben. Denn dann hätten sie umkehren müssen – wenn sie nicht ganz einfach irgendwann mit leeren Tanks, fern jeder Landebahn, vom Himmel fielen. Es hatte solche Fälle schon gegeben.
Die Treibstoffvorräte nahmen ab, aber nicht stärker als berechnet. Noch ein Indiz dafür, dass alles nach Plan verlief. Momentan wurden die letzten Liter aus den voluminösen Zusatztanks gesaugt, die unter den Tragflächen der Fury hingen. Steel wartete noch ein paar Sekunden, dann klinkte er die leeren Treibstoffbehälter ab, die jetzt nur noch zusätzliches Gewicht und Luftwiderstand waren. Die Maschine machte einen kleinen Satz, aber Steel glich das sofort wieder aus. Mit den Zusatztanks, zwei 45-kg-Brand und zwei 25-kg-Leuchtbomben war der Jäger bis an die Grenze seiner Belastbarkeit beladen gewesen. Deshalb war Steel froh, die Zusatztanks los zu sein.
Aus dem Funkempfänger drang dünn, aber vernehmbar die Stimme des Bordfunkers des Walfangmutterschiffs „Weddingen“. Pünktlich wie ein Uhrwerk funkte er den verstreuten Fangbooten die Wettermeldungen. Von Stahlheim grinste kurz und humorlos. Er war sich der Ironie der Situation nur zu bewusst. Ohne zu wissen, half der deutsche Funker einem deutschen Abwehrargenten, der mit einer als russisch maskierten texanischen Korsarenstaffel ein japanisches Flugfeld angreifen sollte. Es war grotesk.
Das Lächeln erstarrte zu einer hässlichen Grimasse. Dies war kein Spiel. Er würde die Soldaten eines Verbündeten angreifen. Das war keine Kleinigkeit. Das war ein Alptraum. Ein Alptraum, der zudem darauf abzielte, einen Krieg anzuzetteln. Ein Krieg, von dem von Stahlheim nicht ermessen konnte, was er eventuell für Deutschland bedeutete. Auch wenn der Abwehragent nicht wirklich glaubte – nicht glauben wollte – das die reichlich verstiegenen Pläne der Texaner aufgehen würden, die Gefahr bestand. Von Stahlheim hasste es, nicht Herr der Lage zu sein. Obwohl er sich inzwischen eigentlich daran hätte gewöhnen müssen…


Er warf wieder einen Blick auf die Instrumente – und dann nach Draußen, in die Nacht. Sogar seine geübten Augen hatten Schwierigkeiten, die anderen Maschinen der Formation zu finden. Aber anscheinend waren noch alle in Formation. Das war gut – denn eigentlich musste jeden Augenblick die Küste von Unalaska auftauchen. Diese Insel der Aleuten war nicht gerade das Herzstück der japanischen Garnison hier oben im Norden. Das Eiland beherbergte nichts als ein kleines Aerodrom, einen Hafen, den allerdings nur Schiffe bis zur Zerstörergröße anlaufen konnten, und eine Art Vorposten mit einer Batterie 10-Zentimeter-Geschütze, die den Hafen beschützten.
Da war die Küste, direkt voraus, kaum zu erkennen. Denn wie von der „Weddingen“ mit deutscher Präzision und Gründlichkeit vorausgesagt, Nebel und niedrige Wolken verhüllten die Kette der Aleuten-Inseln fast vollständig.
Steel zog den Steuerknüppel leicht an, die Maschine stieg. Mit einer gewissen Verzögerung folgten die anderen Flugzeuge. Die Formation zerfranste sichtlich. Von Stahlheim presste die Lippen zusammen. Nur die von ihm selber angeordnete Funkstille bewahrte die anderen Piloten vor einer Standpauke.
Doch er vergaß seine Verärgerung fast wieder sofort. Er hatte die Küste nur kurz gesehen. Aber in Verbindung mit den Karten und seinen Erfahrungen im Nacht- und Blindflug würde das reichen müssen. Unwillkürlich packte er den Steuerknüppel fester, während er gleichzeitig die Geschwindigkeit verringerte. Jetzt war vor allem Präzision gefragt. Es währe recht kontraproduktiv gewesen, wenn die Staffel ein paar Mal über das Aerodrom hinweg flog, bevor sie es fanden. Die hiesigen Garnisonstruppen mochten vielleicht nicht gerade zur Elite gehören – SO verschlafen waren sie aber auch nicht.

Nicht viel mehr als eine Minute später war es dann soweit – glaubte zumindest Steel. Wenn seine Berechnungen stimmten. Er warf der nächsten Maschine der Formation einen Blick zu, wackelte kurz mit den Flügeln – das verabredete Zeichen – und tauchte nach unten weg.

Fast sofort sank die Sicht auf Null. Kurz kämpfte Steel mit dem automatischen Reflex, den Steuerknüppel wieder zurückzuziehen. Seine Augen klebten förmlich am Höhenanzeiger. Bei solchen Manövern, dem Durchstoßen einer niedrigen Wolkendecke, hatten sich schon ganze Staffeln in den Boden graviert.
Dann war er durch, brachte die Maschine in einen sanften Sinkflug, während er sich umsah. Wo war das Flugfeld?
Zuerst glaubte er, sich verrechnet, das Flugfeld übersehen zu haben. Doch dann erblickten seine fieberhaft suchenden Augen am Boden vertraute Formen: asphaltierte Landebahnen, ein, zwei flache Gebäude – und das da drüben mussten die Hangar sein. Vermutete er. Das Gesicht des deutschen Agenten verzerrte sich vor Anspannung, als er sein Ziel anvisierte. Die Finger schlossen sich um den Bombenabwurfknopf…

Max legte die Maschine in eine flache Kurve und fragte sich zum bestimmt zehnten Mal, wann sich Steel endlich melden würde. Sie war von dem Staffelführer im Verlauf der letzten Monate zu so etwas wie seinem Stellvertreter aufgebaut worden, was allerdings keine weiteren Privilegien, sondern vor allem zusätzliche Arbeit bedeutet hatte.
Das hatte dazu geführt, dass sie jetzt den Angriffsbefehl geben würde. Wenn endlich das erwartete Signal zu sehen war. Kurz stieg in ihr Zweifel auf. Was, wenn die Wolkendecke einfach zu dicht war, um das Signal zu erkennen? Was, wenn Steel sich einfach verflogen, oder sogar abgestürzt war. Was…
Das Aufblitzen der Leuchtbomben unterhalb der Wolken schnitt diese Gedanken ab. Das war das vereinbarte Signal. Max fasste den Steuerknüppel fester und schaltete den Funk ein: „NASTUPLENIE!!“ Angriff!!
Die Maschinen fielen wie Steine durch die Wolken. Der Angriff begann.

Der Platzkommandant hatte vielleicht die Tarnung der Landebahnen und Hangars vernachlässigt. Doch im Bereich der Flugabwehr war er weniger saumselig gewesen. Als die Jagdflugzeuge über dem Flugplatz erschienen, hämmerten bereits die ersten Flaks los.
Von Stahlheim war mit dem Ergebnis seines Angriffs zufrieden. Er hatte die Leucht- und Brandbomben nahe genug am Platz gesetzt, um seinen Piloten den Weg zu weisen. Präzise genug, um glaubhaft zu sein. Aber andererseits doch nicht so zielgenau, dass das Flugfeld vollständig ausgeleuchtet wurde.
Sobald er die Bomben abgeworfen hatte, hatte er die Maschine kurz hochgezogen, war in einer scharfen Kurve umgedreht und hatte das Feuer mit den Maschinengewehren eröffnet. Die Garben der 30er und 40er Mg’s streuten über die Landebahn, ohne groß Schaden anzurichten – aber darauf kam es ja auch nicht an.
Dann fielen die Bomben der zweiten Welle. Die Avenger waren aus allen Rohren feuernd aus den Wolken aufgetaucht, noch ehe sich die Flughafenflak richtig einschießen konnte. Die Piloten warfen ihre Bomben ab, streuten wahllos mit ihren Bordwaffen über den Platz, und zogen dann steil wieder hoch.
Die vier Bomben richteten nur moderate Schäden an – einer der Hangars erhielt allerdings einen Volltreffer und flog regelrecht in die Luft.
Dann waren die Avenger auch schon wieder in den Wolken verschwunden. Steel wollte nicht, dass die eher leicht gepanzerten Jabos am eigenen Leib erfuhren, wie präzise die Kanoniere der leichten Flak schossen.
Bisher schossen nur einige Maschinengewehre und leichte Kanonen – die berüchtigten Fünfundzwanzig-Millimeter-MK’s der Japaner. Der Flugplatz schien weder über schwere Kaliber, noch über Flugabwehrraketen zu verfügen.
Steel riss die Maschine scharf zur Seite, als die Leuchtspurgarben einer MK unangenehm nahe an seinem Cockpit vorbeizischten – und geriet mitten in einen der plötzlich aufleuchtenden Flakscheinwerfer. Ein paar Augenblicke war er geblendet, praktisch blind. Irgendetwas schien die Maschine am Heck zu packen und durchzuschütteln – er wurde beschossen!
Geistesgegenwärtig warf er das Flugzeug auf die Seite, ließ es zu Boden trudeln, nur um es sofort in eine scharfe Kurve zu reißen. Tatsächlich gelang es ihm, den Scheinwerfer loszuwerden. Das Maschinengewehr, das ihn beschossen hatte, verlor sein Ziel.

Jetzt tauchten die Maschinen der zweiten Welle auf – und flogen mitten in einen Sturm aus Licht und Feuer. Vier Flakscheinwerfer tasteten durch die Dunkelheit. Ihr Licht wurde von den niedrigen Wolken reflektiert, tauchte in den Flugplatz in ein graues Zwielicht. Zwar erleichterte dies den Piloten die Orientierung – doch dafür hoben sich die Maschinen auch als deutlich erkennbare Ziele ab. Fast ein Dutzend Maschinenkanonen und Mg’s feuerte aus allen Rohren, während die Soldaten aus den Mannschaftsquartieren und Wachräumen hasteten, viele fast nackt.
Aber es waren Soldaten der japanischen Marine. Wer von ihnen ein Gewehr, eine Pistole zur Hand hatte, eröffnete das Feuer auf die Angreifer. Schreie und Befehle gellten über den Platz, ertranken in dem Dröhnen der Bombenexplosionen, dem Hämmern der Maschinenwaffen, den Schüssen aus Gewehren und Pistolen.

Max war überrascht über die Heftigkeit des Abwehrfeuers. So etwas hatte sie nicht erwartet, nicht auf einem derart zweitrangigen Flugfeld. Und sie hatte das unangenehme Gefühl, das jeder der Schüsse auf sie gerichtet war. Überall blitzte Mündungsfeuer auf. Sie konnte die Maschine des Staffelführers nicht erkennen – bis eine Reihe von Benzinfässern explodierte. Steels Fury schien praktisch durch die auflodernden Flammen zu schießen, drehte sich dabei leicht, stieg auf und stieß dann wieder auf den Boden hinab.
Rings um sie explodierten die Bomben der zweiten Welle. Ihr eigener Wurf allerdings verfehlte das Ziel, denn als sie auf den Auslöser drücken wollte, packte irgendeine rohe Gewalt die rechte Tragfläche ihrer Devastator, rissen sie aus ihrer Flugbahn. Als sie den Steuerknüppel herumriss, legte sich die Maschine fast auf den Rücken. Erst ein hastiges Gegensteuern stabilisierte sie wieder, dann riss sie die Maschine in eine 180-Grad-Kehre. Da! Sie sah ein einzelnes Fahrzeug, mitten auf einer der Landebahnen. Der Wagen hatte ein Maschinengewehr aufmontiert und schoss immer noch hinter ihr her. Sie kniff wütend die Lippen zusammen – was bildeten sich diese Japse eigentlich ein?! Der Befehl des Staffelkapitäns war vergessen, als sie den Jeep aufs Korn nahm und mit feuernden Bordwaffen ihren Anflug startete.
Die Soldaten in dem Wagen mussten den Angriff kommen sehen. Aber sie versuchten nicht zu fliehen, sie hielten ihre Stellung. Die Einschläge schüttelten Max durch. Das Feuer verstummte erst, als der Wagen in die Luft flog.

Niemand in der Staffel bemerkte das Duell am Rande des Angriffs. Verunsichert durch das unerwartet heftige Abwehrfeuer waren die Bomben der zweiten Welle nicht viel erfolgreicher als die der ersten Welle. Ein paar Baracken brannten, zwei der Hangars waren vernichtet und etliche Treibstofftanks waren nur noch rauchende Trümmer. Andere Hangars und Gebäude waren durch Nahtreffer und Splitter beschädigt. Die Vampire des Dog Pack zog das Abwehrfeuer förmlich auf sich. Hammer musste seinen zweiten Anflug abbrechen und schleunigst in den Wolken untertauchen, als zwei MK’s und mindestens drei Mg’s ihn in ein unangenehm genau liegendes Kreuzfeuer nahmen.
Mitten auf der zentralen Landebahn stand ein japanischer Offizier. Er hatte nicht viel mehr als seine Uniformhose am Leib, doch in der Hand hielt er ein Schwert. Mit wutverzerrtem Gesicht reckte er die Klinge in den Himmel, den Mund zu einem hasserfüllten Schrei verzerrt. Eine kleine Gruppe Soldaten hatte sich um ihn gescharrt, kniete am Boden, oder stand wie er offen, jede Gefahr ignorierend. Sie schossen pausenlos.

Von Stahlheim war froh, dass niemand in der Staffel sein Gesicht sehen konnte. Seine Stimme klang rau und emotionslos: „Natschatch otstuplenie!“ Rückzug antreten! Zum Glück galt aus Sicherheitsgründen Funkstille, bis auf die verabredeten russischen Befehle. Er wusste nicht, ob er ansonsten seine Tarnung hätte aufrechterhalten können. Stumm hob er die Hand, grüßte die japanischen Soldaten, auch wenn sie diese Geste niemals sehen konnten. Dann verschwand seine Maschine in der Wolkendecke. Die anderen Jäger folgten ihm.

Der Rückflug vollzog sich ebenso schweigend wie der Anmarsch. Und zumindest Steel konnte keine Begeisterung aufbringen. Er fühlte sich müde, ausgebrannt. Und einmal mehr verfluchte er die texanischen Narren, die unbedingt Großmacht spielen mussten.

Der Angriff hatte insgesamt nicht viel mehr als drei Minuten gedauert. Acht Japaner waren gefallen, über zwanzig verletzt. Zwei Maschinen der Marineluftwaffe waren am Boden zerstört worden, etliche andere beschädigt. Dazu kamen die Schäden an den Gebäuden und das vernichtete Material.
Allerdings hatten auch fast sämtliche Maschinen des Dog Pack Treffer kassiert. Es war ein Wunder, dass keines der Flugzeuge auf dem mehrstündigen Rückflug abschmierte. Sie schafften es – knapp. Bei Max leuchtete bereits die Warnlampe der Treibstoffanzeige auf. Hammer brauchte zwei Anflüge, bis er landen konnte und sogar Steels Landung wirkte etwas wackelig. Aber alle kehrten zurück.
13.02.2020 17:44 Tyr Svenson ist offline E-Mail an Tyr Svenson senden Beiträge von Tyr Svenson suchen Nehmen Sie Tyr Svenson in Ihre Freundesliste auf
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Drei Stunden, nachdem das Dog Pack gestartet war, kam Dave nach einem kurzen Zwischenschlaf zurück auf die Brücke der NORTH, die nun auch als Kommando- und Taktikzentrum fungierte.
Blue kam kurz nach ihm an und schickte seinen Stellvertreter in die Koje.
Dann saßen sie, lediglich eskortiert von der Nachtwache um die Karte der Aleuten herum – übrigens eine der sehr detaillierten Karten, die ihnen ein Händler in Sky Haven für einen horrenden Preis besorgt hatte – und sahen auf die Präzisionsuhr daneben.
Blue hielt eine Stoppuhr in der Hand, die er in diesem Moment betätigte.
„Drei…zwei…eins…Dog Pack erreicht Land.“
„Funker, auf die neue Frequenz gehen.“
Der Bordfunker nickte, verschwand in seiner Funkbude und schaltete einen Lautsprecher zur Brücke durch.
Blue betätigte wieder seine Stoppuhr. „Well, well, well“, murmelte er, unwillkürlich in seinen harten Empire-Akzent fallend. „Drei…zwei…eins…Dog Pack erreicht Landefeld. Noch zehn Sekunden bis zum ersten Abwurf.“
Angestrengt lauschten sie nach dem Funkgerät. Das Dog Pack hatte Funkstille zu halten, bis Max den Angriffsbefehl gab.
Die zehn Sekunden vergingen. Es wurden fünfzehn. Dann zwanzig.
„„NASTUPLENIE!“, erklang plötzlich ihre Stimme auf Russisch über Funk.
Erleichtert atmeten sie beide auf. Das Dog Pack würde nicht angreifen, wenn nicht wenigstens vier Maschinen den Anflug geschafft hätten. Und Max war dabei.
Dass der Angriffsbefehl gegeben worden war konnte nur bedeuten, dass Steel das vernebelte Landegebiet ausgeleuchtet hatte. Nun würde der eigentliche Angriff beginnen.
„Fünf Minuten“, murmelte Blue ernst. Fünf kurze Minuten sollte der Angriff maximal dauern. Fünf endlos lange Minuten, in denen alles Mögliche passieren konnte.
Steel hatte seine Leute gut gedrillt, aber gegen den Zufall hatte niemand eine Chance. Eine verirrte Kugel, die durchs Cockpit zischte…
Kapitän Daynes sah konzentriert auf seine Stoppuhr. „Vier Minuten…Drei Minuten…Zwei Minuten…“
Dave wischte sich den Schweiß von der Stirn. Der Plan war zwar von Steel gewesen, aber er hatte ihn akzeptiert. Und er hatte seine Durchführung befohlen. Wenn etwas schief ging, konnte und durfte er das niemals Steel anlasten. Es war seine Verantwortung, seine Staffel.
„Eine Minute…Dreißig Sekunden…“
Sie hatten keine genauen Informationen darüber gehabt wie stark das Flugfeld befestigt gewesen war. Sie waren sich nur einigermaßen sicher gewesen, dass die Japaner keine Nachtflieger in der Region hatten. Einigermaßen sicher. Aber eine gute Flak-Crew konnte ohne Weiteres einen Vogel runterholen, das wusste Dave nur zu gut.
„Zehn…Fünf…Null…Minus fünf…Minus zehn…Minus zwanzig…Minus dreißig…“
Blue schien erbarmungslos zu sein, zählte eiskalt immer weiter.

„Natschatch otstuplenie!“, erklang es plötzlich über Funk. Erleichtert atmeten Dave und Jeff Daynes auf. Der Rückzugsbefehl.
Nun würde wieder die Funkstille einsetzen. Drei lange Stunden, wenn alles gut ging und wenn Steel die günstige Luftströmung zurück zur Küste gut zu nutzen wusste.
Zumindest der Angriff war gelaufen. Dave Armstrong hätte gerne zu diesem Zeitpunkt die Verlustliste in Händen gehalten, aber er wusste, dass er damit der Staffel und vor allem der Tarnung seiner Leute als Russen keinen Gefallen getan hatte.
„Tagesanbruch in zwei Stunden, neun Minuten. Eintreffen Dog Pack in zwei Stunden, siebenunddreißig Minuten.“
Dave nickte ernst. „Ich gehe mit Dusk in zwei Stunden raus auf hohe Sicherung. Wetterbericht?“
„Leichte Frühnebelfelder, mäßiger Wind aus Südwest, ab zweitausend Meter böig. Temperaturen um zehn Grad.“
„Ist zu überleben.“
Dave wandte sich um und ging in seine Kabine, um seine Fliegermontur anzulegen.
Danach legte er sich für eine weitere Stunde auf sein Bett.

Exakt zur angekündigten Zeit erhob er sich, ging zum Hangar und begrüßte Dusk. Die groß gewachsene Blondine nickte ihm zu. „Der Angriff ist gut gelaufen?“
„Er wurde zumindest ausgeführt und knapp nach der anvisierten Zeit beendet, Melissa. Das sind alles gute Zeichen.“
„Verstehe.“
Die beiden trennten sich schweigend. Die Aufgabe des Dog Pack endete hier und das Cat Pack übernahm. Sie waren beide schon zu oft draußen gewesen um nicht ihren Platz und ihre Aufgabe zu kennen.
Sam half ihm beim Anschnallen, gab ihm einen wohlmeinenden Klaps auf die Schulter und schloss die Kanzel.
Dave ließ die Maschine anrollen. Neben ihm wurde Melissa Vandersen präpariert.

Zwei Minuten später schraubten sich die beiden Furys in den Morgenhimmel. Sonnenaufgang würde noch zehn Minuten brauchen, aber hier oben war es schon hell.
„Wir fliegen enge Schleifen“, meldete Dave über Funk, „und gehen auf dreitausend. Dann suchen wir mit Ferngläsern den Horizont ab.“
„Verstanden.“
Das lange Warten begann.

Exakt zur errechneten Zeit begann Blue über Funk mit seinem Countdown. „ Eine Minute…Dreißig Sekunden…Zehn…Fünf…Zwei…“
Bei null war noch nichts vom Dog Pack zu sehen, wie Dave nervös feststellte. Er umklammerte sein Fernglas fester, suchte in den Frühnebelbänken.
„Minus eine Minute… Minus fünf Minuten. Minus zehn Minuten.“
„DA!“, rief Dusk plötzlich. „Neun Uhr! Zwei Avenger!“
Dave orientierte sich kurz, schwenkte um und suchte mit seinem Fernglas. Tatsächlich, zwei Avenger mit russischer Bemalung. Zumindest Happy und Piper hatten den Rückweg gefunden. Sie waren etwas vom Kurs, aber das würden die Piloten schon selbst korrigieren können. Dahinter brachen eine Fury und eine Vampire aus einer Nebelbank, dicht gefolgt von zwei Devastators.
„Sieht so aus als hätte Steel alle seine Schäfchen sicher nach Hause gebracht. Holt sie ein, Leute!“
Jubel erklang über die Funkverbindung. Ihr gewagtes Unternehmen war gelungen, verdammt, gelungen! Steel war wirklich ein Teufelskerl!
Nacheinander gingen die Maschinen des Dog Packs an den Haken, lediglich Happy benötigte zwei Anflüge. Seine Vampire war ordentlich gepflückt worden.

Dave wollte schon aufatmen. Aber mit Piloten war es so eine Sache. Manche entwickelten mit der Zeit einen sicheren Instinkt für Gefahren, für unstimmige Situationen. Für Probleme jeder Art.
Aufmerksam suchte Armstrong seinen Beobachtungsradius ab.
Dann begann er leise zu fluchen. Zwei Pärchen Devastator hielten auf die NORTH zu.
„Armstrong, hier Armstrong! Alarm für die Zigarre. Wir kriegen Besuch. Vier Devastator, ich wiederhole, vier Devastator!“
Er besah sich die Bemalung genauer und fluchte herzhaft. „Es sind Russen, wie es ausschaut. Und ich glaube nicht, dass sie hier sind um sich für den Angriff zu bedanken!“
„Cat Pack kommt raus. Und wir betanken das Dog Pack, damit Steels Haufen notfalls eingreifen kann. Wer weiß ob es mit den Devastators getan ist“, erwiderte Blue.
„Roger. Melissa, holen wir uns die Bastarde!“
Armstrong rollte seine Maschine auf den Rücken und zog sie dann nach unten in den Sturzflug. Wieder drehte er die Mühle ein, hielt den Anführer im Fadenkreuz.
Nun, er kam nicht gerade aus der Sonne, und bei dem strahlenden Morgenhimmel zeichnete sich seine Fury sehr gut ab, aber die vier Piloten da vorne hatten hoffentlich gerade genug mit dem Anblick der Zigarre zu kämpfen.
„Bleib so, bleib so. Nur noch ein kleines bisschen“, murmelte Dave und zog den Feuerknopf für die Vierziger durch.
Doch in diesem Moment drehten die vier Maschinen ab und der Feuerstoß ging ins Leere. Nach dem Angriff allerdings lösten sie ihre Formation auf.
Armstrong tauchte unter den Mühlen hindurch, zog wieder hoch und versuchte einen Fokkerhüpfer, den er mit einem Immelmann zu kombinieren dachte. „Hast du was erwischt, Dusk?“
„Die Devastators nicht. Aber du solltest mal die Löcher in der Luft sehen, die ich gerissen habe.“
„Ha, ha.“ Dave riss seine Maschine wieder hoch, ging in einen Looping und drehte sie auf dem Höhepunkt wieder aufrecht. Nur um zu merken, dass ihm zwei der Russen beinahe schon am Arsch klebten. Er lächelte nur gering schätzend und warf die Fury ins Taumeln.
„STOJ!“, erklang die Frauenstimme über Funk. „Sie sind keine Roten.“
„Was spielt das für eine Rolle?“, entgegnete Dave. Hm, irgendwie kam ihm die Frauenstimme bekannt vor.
„Wir sind Weiße“, sagte die Frau ernst. Für sie war damit alles erklärt.
„Hm, verstehe“, meinte Dave und riss seine Mühle aus dem Trudeln und versuchte wieder an Höhe zu gewinnen. „Ich habt also meine als Rote getarnte Staffel entdeckt und gedacht, Ihr kriegt leichte Beute. Dann aber habt Ihr entdeckt, dass wir Freibeuter sind und jetzt brecht Ihr den Angriff ab.“
„So in etwa, da.“
„Warum hören Sie dann nicht auf, mich und meine Flügelfrau zu verfolgen?“
„Warum hören Sie nicht auf zu versuchen uns in Reichweite der MG-Gondeln zu lotsen?“
Dave grinste. Gerissenes Biest. „Bist du das, Stephanie?“ Nein, das wäre ein viel zu großer Zufall gewesen. Ausgerechnet die Russin aus Sky Haven, hier über Alaska?
„Dave? Dave Stone?“, kam es erschrocken zurück.
Armstrong unterdrückte ein heiseres Auflachen. „Na, der Tag beginnt ja lustig.“
„Das kann man wohl sagen, Dave“, erwiderte sie. „Wo ich gerade deine Zigarre sehe, hast du vielleicht Lust auf noch ein paar Abschüsse? Etwas lukrativeres als ein japanisches Flugfeld zu bombardieren?“
„Werden sie eine ebensolche Erfahrung wie neulich in Sky Haven?“
„Mindestens, Dave.“
„Na, dann komm mal an Bord. Blue, sechs Maschinen kommen rein. Freies Geleit. Alarmzustand ist aufgehoben. Schick Klutz und Silence als hohe Sicherung raus.“
„Roger.“
„Jetzt bin ich wirklich gespannt, Mädchen“, murmelte Dave leise.
Die vier Devastators folgten den beiden Cat Pack-Maschinen ohne zu zögern zu den Landehaken. Das Mädchen war ein wenig vertrauensselig. So gut konnte er doch gar nicht gewesen sein, in dieser halben Nacht in Sky Haven. Auch wenn es seinem Ego gut tat.
13.02.2020 17:44 Tyr Svenson ist offline E-Mail an Tyr Svenson senden Beiträge von Tyr Svenson suchen Nehmen Sie Tyr Svenson in Ihre Freundesliste auf
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Etwa zur gleichen Zeit: Berlin, RSHA (Reichssicherheitshauptamt)

„Wieso erfahre ich erst jetzt davon?!“ Die Stimme des Sturmbannführers klang laut und herrisch. Hochgewachsen, schlank und athletisch, mit blonden Haaren und blauen Augen, wirkte Friedrich Hoffmann wie das Idealbild eines SS-Offiziers. Doch man täuschte sich in ihm, wenn man annahm, dass er seinen Posten im RSHA nur seinem arischen Stammbaum, den germanischen Idealmaßen und seiner Treue dem Führer gegenüber verdankte. Zu diesen ihn für den Dienst in der SS prädestinierenden Eigenschaften kamen noch eine hohe Intelligenz, brennender Ehrgeiz - und eine rücksichtslose Skrupellosigkeit, sowie ein hoch entwickelter Instinkt für die Intrigen und Grabenkämpfe, die in einer Behörde wie dem Reichssicherheitshauptamt nicht eben selten waren.
Von der allgemeinen SS war er schnell zu den Totenkopf-Verbänden übergewechselt. Nach einem Jahr Dienst in Dachau hatte ihn die Gestapo rekrutiert und er hatte rasch Karriere gemacht. Hoffmann galt als einer der besten Verhörspezialisten in der Berliner Zentrale. Sein Aufstieg war unaufhaltsam gewesen. Bis zu einem bestimmten Punkt...
„Von Tauten behandelt diese Angelegenheit sehr…diskret. Wir haben diese Information erst vor vier Tagen erhalten. Inoffiziell. Sie ist noch ungeprüft...“
„Ich hatte Ihnen doch klar gemacht, dass ich UMGEHENST informiert werden wollte!“
„Die Abwehr...“
Hoffmann schnitt seinem Untergebenen mit einer wütenden Bewegung das Wort ab. Schon wieder die Abwehr! Als damals die von ihm eigenhändig geplante und eingeleitete Aktion schief ging, als der des Hochverrats und der Spionage verdächtige Luftwaffenleutnant Thomas David Marquardt nicht nur der Verhaftung entkommen konnte, sondern auch noch zwei Gestapoagenten erschoss und eine Luftwaffenmaschine entführte, da hatte die Abwehr geradezu kübelweise Hohn und Spott über ihn ausgegossen. Hoffmann hatte als ein Idiot dagestanden, der sich in Dinge eingemischt hatte, die außerhalb seiner Kompetenz lagen – und er hatte außerdem versagt. Die Luftwaffe hatte sich beschwert, nicht von dem Verdacht gegen Marquardt im Allgemeinen, und der Gestapo-Aktion im Besonderen informiert worden zu sein. Reinhard Heydrich, der Chef des RSHA, hatte daraufhin Hoffman kurzerhand den Wölfen zum Fraß vorgeworfen. Vom Obersturmbannführer war er zum Sturmbannführer degradiert und auf eine lächerliche Schreibtischstelle abgeschoben worden. Statt Kommunisten, Verräter und Spione zu jagen, sollte er dem nach Amerika transferierten Geld exilierter Juden nachspüren – eine Aufgabe, die kaum Aufsehen erregende Erfolge versprach. Die er als eine widerliche, unbedeutende Schnüffelarbeit empfand, die unter seinem Niveau lag. Mit seiner Karriere war es seit dem nicht mehr vorangekommen – er hätte bereits Standartenführer sein können, oder mehr...
Aber einen kleinen Trost hatte er gehabt. Über einige alte Kontakte hatte er erfahren, dass sich Marqardt möglicherweise nach Amerika abgesetzt hatte. In den Jahren fruchtloser Schreibtischarbeit und enttäuschter Hoffnungen war es sein Traum gewesen, irgendwann doch noch Marqardts Verhaftung – oder Liquidierung – veranlassen zu können und sich so von dem Makel in seiner Dienstakte reinzuwaschen. Oder sich wenigstens endlich an dem Mann zu rächen, der ihm die Karriere verdorben hatte.
Und jetzt musste er erfahren, dass die Abwehr offenbar einen Agenten in unmittelbarer Nähe Marquardts installiert hatte – ohne die RSHA zu informieren oder auch nur in Erwägung zu ziehen, diesen verdammten Verräter ‚abzuschalten’. Nein, der Abwehr waren offenbar irgendwelche technischen Spielzeuge und Informationen über die amerikanischen Piratenbanden wichtiger.
Hoffmann presste wütend die Lippen zusammen. Offiziell waren ihm die Hände gebunden. Das Agentennetz des RSHA war längst nicht so gut, wie das der Abwehr. Und die würde ihm ganz bestimmt nicht helfen. Und seine Chancen dafür, bei vorgesetzter Stelle eine gegen Marquardt gerichtete Aktion anzuregen, lagen bei null.
Das RSHA stand zwar im ständigen Wettstreit mit dem militärischen Geheimdienst, aber man würde nicht ausgerechnet für IHN in eine Abwehr-Operation eingreifen – oder gar bei der Abwehr um Unterstützung bitten.
Nein, von vorgesetzter Stelle konnte er auf keine Hilfe hoffen.
Dennoch, sein Entschluss stand fest. Dies musste die Gelegenheit sein, auf die er seit Jahren gewartet hatte. Er konnte diese Chance nicht verstreichen lassen. Auch wenn er dazu seine Kompetenzen überschreiten musste und auf keine offizielle Hilfe rechnen konnte. Wenn er Erfolg hatte…Wenn dieser verdammte Hoch- und Landesverräter endlich seine verdiente Strafe erhielt – dann würde endlich dieser Makel in seiner Dienstakte getilgt sein. Und Erfolg rechtfertigte jeden Regelverstoß. Mit dieser Maxime hatte der Führer die Macht erlangt und sie gesichert.
Er würde sich nur auf wenige Leute verlassen können – diejenigen seiner Untergebenen, die ihm Loyalität schuldeten. Ein paar alte Kameraden, denen er vertrauen konnte und die ihm dabei helfen würden, einen Verräter und Kameradenmörder zu liquidieren und vielleicht der Abwehr eins auszuwischen. Und ein paar Menschen, die von seiner Diskretion abhängig waren. Deren Karriere er in den Händen hielt.
„Ich will über jeden Funkspruch informiert werden, den dieser Abwehr-Agent absetzt. Am besten, noch bevor der Funkspruch auf von Tautens Schreibtisch landet.“
„Aber unser Mann bei der Abwehr…“
„Sagen Sie dieser widerlichen Ratte, wenn er nicht im vollsten Umfang kooperiert – und GENAU das tut, was wir von ihm verlangen, dann ist seine Vorliebe für hübsche Jungs morgen Stadtgespräch. Und übermorgen steht er in Sicherheitsverwahrung. Und sagen Sie ihm auch, was das für einen Homo bedeutet.“

Als er alleine war, lächelte Friedrich Hoffmann. Es war ein kaltes, ein dünnes, humorloses – ein gefährliches Lächeln. Es war leider unmöglich, Marquardt ein deutsches Kommando auf den Hals zu hetzen. Das lag außerhalb seiner Möglichkeiten und wäre auch viel zu riskant gewesen.
Aber in Amerika konnte man alles kaufen. Auch Mörder oder Piraten. Sie waren billig in diesem dekadenten, verjudeten Konglomerat lächerlicher Operettenstaaten. Und es wäre eine wahrhaft befriedigende Ironie des Schicksals, wenn Marqardt durch die Hand amerikanischer Totschläger sterben würde, nachdem er der Gestapo und sogar den japanischen Fliegern entkommen war. Vor allem, wenn seine Henker bezahlt werden würden mit dem Geld, dass irgendwelche Finanzjuden nach Amerika verschoben hatten, um dort ihre widerlichen Geschäfte fortführen zu können. Hoffmann war nicht korrupt in dem Sinne. Er hatte eine solche Schwäche immer als einen für seine Karriere allzu gefährlichen Makel empfunden. Aber er hatte auch keine Hemmungen, die Finanzquellen zu nutzen, die ihm zur Verfügung standen. Schließlich würde das Geld letztlich auch dem Reich zugutekommen, indem es dazu diente, einen Verräter zu liquidieren.
Sorgfältig und systematisch begann er das Dossier von Marquardt zu lesen, welches die Abwehr erstellt hatte. Ausnahmsweise schien sie gute Arbeit geleistet zu haben. Hoffmans Lächeln verstärkte sich, wurde bösartig. Marquardt hatte für seinen Verrat offenbar schon einige Opfer bringen müssen. Und er würde noch mehr leiden. Oh ja, das würde er...
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Obwohl Steel den anstrengenden Nachtangriff hinter sich hatte und seine eigene Staffel ohne Nachbearbeitung nach Aufhebung des Gefechtsalarms in die Kojen geschickt hatte, blieb der große Deutschamerikaner hart zu sich selbst und gesellte sich zu der Runde an Piloten und Gästen, die in der Kantine beieinander saßen und einen Kaffee tranken.
Die vier Gäste, zwei Frauen und zwei Männer, saßen auf einer Seite der Front, Armstrong und Blue auf der anderen. Ohne zu zögern setzte sich Steel dazu, nachdem Armstrong zustimmend genickt hatte.

„Steph, du bist vertrauensselig“, tadelte Armstrong die Pilotin mit dem langen schwarzen Haar. Sie wischte sich eine Strähne des verschwitzten und fettigen Haars von der Schulter und lächelte dünn. „Wie man es nimmt, Dave. Natürlich habe ich mich abgesichert. So gut warst du nun auch wieder nicht.“
Blue Daynes warf dem Freund einen fragenden Blick zu, aber Armstrong winkte ab.
„Und wie sieht diese Absicherung aus? Hast du vielleicht eine Staffel Zigarren in der Hinterhand?“
„Nicht, dass ich nicht bereit bin, dir zu vertrauen, Dave, aber…Sergej!“
Einer der Männer stand auf und öffnete seine Fliegerjacke. Erschrocken raunten die Anwesenden auf, als sie das halbe Dutzend Handgranaten sahen, welches der Russe um Brust und Bauch geschlungen trug.
Nur Armstrong blieb ruhig. Ein dünnes Schmunzeln umspielte seine Mundwinkel. „So viel zu deinem Sicherheitsbedürfnis, Steph. Kommen wir zum Geschäftlichen. Was hast du für mich?“
„Anjanka“, raunte der andere Mann ärgerlich. „Njet.“
„Sei still, Alexi Iwanowitsch. Ich weiß was ich tue.“
Der große blonde Mann wollte etwas erwidern, aber ein gezischter Fluch auf Russisch ließ ihn verstummen.
„Also, Dave. Wir haben zufällig das Feuerwerk mitgekriegt, dass Ihr über Weißer Bär Eins veranstaltet habt. Wir haben eigentlich gedacht, die Roten würden in die längst fällige heiße Phase mit den Japsen gehen. Dabei war es nur eine Gruppe Piraten, die Zielübungen abgehalten haben. Wenngleich mit russischer Bemalung und mit russischem Funk.“
Dave grinste schief. „Freibeuter, bitte. Du verstehst hoffentlich, dass ich da nicht näher im Detail drauf eingehen will. Ich hatte meine Gründe, Steph…Oder soll ich Anja sagen?“
„Anja ist gut. Einverstanden, ich bohre nicht nach. Aber wie ich vorhin schon sagte, willst du mit deinen Leuten etwas Lukrativeres machen als Bomben auf Landefeldern zu verschwenden?“
„Wie wäre es damit, wenn du mir vorher etwas über euch erzählst, bevor wir über…die Gelegenheit sprechen, Anja?“
Die Russin nickte. „Wie ich schon sagte, wir sind Weiße. Nein, wir sind nicht von Adel oder so. Wir sind auch keine Angehörigen hoher Offiziere oder besonders Zarentreu. Wir sind Alasker, die meisten von uns seit Geburt. Wir hatten hier in Alaska ein ziemlich freies und unabhängiges Leben, denn der Zar war weit entfernt. Das änderte sich, als die Bolschewiki kamen. Sie brachten Militär und Gouverneure. Sie brachten kaukasische Bauern unter Waffen, die unsere Freiheiten abschafften, die uns unseren Handel entrissen. Die uns kontrollieren wollten. Und dies nun auch tun. Ich will dich nicht mit Details langweilen, Dave, aber das Ziel meiner Freunde und unserer Verbündeten ist es, die Roten irgendwann aus Alaska raus zu jagen. Und wenn wir uns dazu mit den zarentreuen Weißen einlassen müssen, soll es mir Recht sein.“
„Ich verstehe. Entschuldige bitte, wenn ich, nun, mit Idealismus gerade wenig anfangen kann. Wie ich schon sagte, wir sind Freibeuter. Solange man uns nicht dafür bezahlt, ist euer Freiheitskampf ein Nebenschauplatz für uns.“
Die Russin nickte. „Das verstehe ich. Genauso musst du verstehen, dass uns Geld gerade sehr gelegen kommt, um unsere Streitkräfte auszubauen, um Söldner anzuwerben.
Nun, die Roten bieten uns genügend Gelegenheit dafür. Hast du jemals von den Goldzigarren der Roten gehört?“
Armstrong atmete sichtbar aus. „Wir haben sie uns angesehen. Große Frachtzeppeline mit verstärkter Verteidigung, zusätzlicher Infanterie an Bord, Heliumgefüllter Hülle und unregelmäßigem Flugplan. Neben der Staffel an Bord begleitet sie immer noch ein militärischer Zeppelin. Ein Angriff auf sie muss mindestens mit zwölf Maschinen oder mehr erfolgen.“
„Nun“, begann Anja und schmunzelte, „die Goldzigarren werden nicht immer von militärischen Zeppelinen begleitet. Tatsächlich schicken die Roten gerade so viele Frachter los, dass sie nicht jedem einen Begleitschutz mitgeben können. Wenn man Leute an den richtigen Stellen hat, die Zugang zu Flugplänen und Aufstellungen haben, kann man sich solch eine Zigarre herauspicken. Mit einem Zug Infanterie, zwei gut trainierten Staffeln und vier bis sechs Maschinen in der Hinterhand würde ich es wagen, eine solche Zigarre aufzubringen.
Ich habe die Infanterie und die zwei Staffeln. Was mir fehlt ist etwas Feuerunterstützung.“
„Interessant.“ Armstrong legte beide Hände unter sein Kinn und stützte die Ellenbögen auf dem Tisch ab. „Um wie viel Gold geht es hier, so rein theoretisch?“
„Anjanka!“
Die Russin zischte wieder einen Fluch, den der blonde Russe mit rotem Gesicht quittierte. „Nun, an Bord eines solchen Fluges können eine halbe bis zwei Tonnen Gold sein. Wenn du Zeit und Lust hast, deine Hilfe wäre mir…zehn Prozent wert.“
„Zehn Prozent? Machen wir nicht halbe-halbe?“
„Wenn du die Hälfte des Risikos trägst, Dave…“
„Hm, nein. Vierzig, sechzig?“
„Fünfzehn Prozent.“
„Dreißig.“
„Zwanzig.“
„Fünfundzwanzig, und wir helfen euch erst beim Niederkämpfen der MG-Stellungen und gehen dann auf Sicherung.“
„Abgemacht.“
„Anjanka…“, raunte der Blonde beschwörend.
Armstrong winkte den Steward heran. Der junge Bursche trug ein Tablett mit Wassergläsern und einer Flasche Wodka aus der Beute. Er servierte und schenkte jedem großzügig ein.
„Nastrovje“, sagte Anja und trank ihr Glas auf ex.
Auch die anderen folgten ihrem Beispiel. Armstrong musste kurz den Atem anhalten, nachdem er das Glas getrunken hatte. „Du bist wirklich eine Russin“, stellte er etwas atemlos fest. „Wann geht es los?“
„Wenn meine Informationen korrekt sind, in drei Tagen, hundert Meilen nördlich von uns, auf der Route nach Vladiwostok.“
„Blue, ändere den Kurs. Wir bleiben noch ein wenig hier.“
Der Mann aus Empire grinste. „Aye, Commander.“
Steel sah ihm nach. Und fragte sich, ob ein Viertel des Goldes das Risiko wert war.
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Anchorage, sowjetischer Militärbezirk

Alaska galt zu Recht als Hexenkessel, in dem sich Rote, Weiße und die diversen Piratenbanden an die Kehle gingen, misstrauisch beobachtet von den Diadochen der zerfallenen USA und den japanischen Streitkräften, die sich auf den Aleuten festgesetzt hatten. Aber es gab keinen Zweifel darüber, wer Anchorage kontrollierte. Ein komplettes motorisiertes Regiment war hier stationiert, mit Tanks, Flammenwerferpanzern, Tanketten und gepanzerten Spähwagen. Artillerie und Flak sicherte die Stadt, dazu kam ein komplettes Jagdfliegerregiment, Bomber und Aufklärer. Im Hafen war Marineinfanterie stationiert, dazu Zerstörer, Kanonen- und Torpedoboote, und ein U-Boot-Division. Anchorage war ein Drehpunkt für den militärischen Nachschub. Über diesen See- und Lufthafen lief ein Großteil des Waren- und Rohstoffstroms Richtung Sibirien.
In der Stadt herrschte de facto ständig Kriegsrecht. Neben den Patrouillen der Rotarmisten sorgte auch eine Ortsabteilung des NKVD für Ruhe.

Ein Konvoi verließ gerade die Stadt. Ein gutes Dutzend LKW wurden von einer Tankette und einem Panzerspähwagen eskortiert. Der Kommandant der Tankette lehnte in der Zugangsluke, glich mühelos das Rütteln des turmlosen Kleinpanzers aus. Die gepolsterte Kopfhaube hing etwas schief und er rauchte. Aber als der Konvoi die Kommandantur passierte, grüßte er mit der lockeren Eleganz jahrelanger Übung und grinste, als der Posten am Tor seinen Gruß erwiderte. Der Panzerkommandant wusste nicht, dass er auch aus dem Haus des Ortskommandanten beobachtet wurde.
Oberst Rybatow sah noch einem Augenblick dem vorbeirollenden Konvoi hinterher, dann drehte er sich um: „Sie kennen meine Bedenken, Genosse Bergmann.“
Der NKVD-Offizier zuckte leicht mit den Schultern, während der GRU-Major zustimmend nickte, ohne jedoch das Wort zu ergreifen. Major Iwanow war der Rangniedrigste in diesem Raum. Und was die beiden Oberste betraf…Zwar waren sie rangmäßig gleich und Rybatow außerdem der Standortkommandant – aber sogar ein General würde sich gegenüber dem Geheimdienst vorsichtig verhalten. Der NKVD sah sich nicht umsonst als Nachfolger der gefürchteten Tscheka, immer auf der Jagd nach Verrätern und Spionen.
Bergmann war nicht einmal besonders unangenehm, sondern für einen Geheimdienstoffizier recht umgänglich – aber er gehörte nun einmal zum NKVD. Und das bedeutete, dass man in seiner Gegenwart vorsichtig war und etwaige Kritik sehr behutsam formulierte. Bergmann hatte zur Auslandsabteilung des Geheimdienstes gehört, bevor man ihn nach Alaska versetzt hatte – keiner wusste, ob das eine Bestrafung für irgendein eingebildetes oder tatsächliches Fehlverhalten war, aber diese Spekulationen ließen Rybatow und Iwanow noch vorsichtiger werden.
Bergmann lächelte dünn: „Entspannen Sie sich, Genosse Rybatow. Wir drei sind schließlich die EINZIGEN die den vollen Umfang der Aktion kennen. Ich vertraue Ihnen…“, das klang etwas boshaft, Bergmann spielte manchmal mit dem Unbehagen, dass andere Offiziere gegenüber dem NKVD empfanden, „…also kann auch nichts verraten werden – außer dem, was verraten werden soll.“
„Aber das Risiko…“
„Ist notwendig. Sie kennen unser Dilemma. Wir haben einfach nicht genug Kräfte, um unsere Transporte zu eskortieren UND die Piraten zu jagen. Es reicht nicht einmal, um alle Frachtzeppeline ausreichend zu schützen. Das Oberkommando Fernost erwägt sogar die Einführung des Konvoisystems. Gleichzeitig verlangt man von uns, den Piraten – Konterrevolutionäre und imperialistische Agenten – spürbare Schläge zu versetzen. Da wir aber nicht die Kräfte haben, sie aufzuspüren und zu jagen, müssen wir sie anlocken. Und dann zuschlagen. Wir können uns weitere Verluste an Frachtmaterial, Transportern und Mannschaften nicht leisten.“
Major Iwanow schnaubte, sparte sich aber eine Bemerkung, als Bergmann ihn fixierte: „Sie wissen genau, Genosse Major, dass ich keine andere Wahl hatte. Es ist nicht akzeptabel, dass sowjetische Schiffe vor dem Feind kapitulieren. Es geht nicht an, dass eine Bande von Deserteuren und Briganten eine halbe Frachtflotte aufbringt – ohne nennenswerte Verluste. Wer nicht bereit ist, zu kämpfen, für den ist kein Platz in der Union der Vereinigten Sowjetrepubliken.“ Bergmanns Stimme hatte einen leicht dozierenden Klang, und tatsächlich zitierte er frei aus einer offiziellen Direktive. Auf die Nachricht hin, dass bereits der vierte Frachtzeppelin in kurzer Folge von ein und demselben Piraten, dem texanischen Kaperzeppelin NORTH STAR aufgebracht worden war, hatte Bergmann eingreifen müssen. Die überlebenden Piloten und unteren Offiziere waren degradiert und versetzt worden, die Mannschaft wurde ebenfalls versetzt. Der Kapitän und der Erste Offizier allerdings… Bergman war gnädig gewesen – sie hatten beide zehn Jahre Zwangsarbeit erhalten und waren an die Kolyma geschickt worden. Aber es war auch Bergmann klar, dass man so das Problem nicht in den Griff bekam. Deshalb hatte er sich etwas einfallen lassen, was einige dringend nötige Erfolge bringen, den Druck durch das Oberkommando Fernost mildern und hoffentlich die Piratenbanden etwas dezimieren und bei zukünftigen Angriffen auf sowjetische Schiffe weniger enthusiastisch werden ließ.
„Wenn die Piraten Ihnen diese Geschichte abnehmen.“
„Diese Basmatschen wissen, dass wir schon mehrmals Goldtransporte mit nur unzureichender Sicherung losschicken mussten. Es ist dem NKVD gelungen, einen…Kontakt festzustellen, der offenbar diverse konterrevolutionäre Banden mit Informationen versorgt, gegen Geld natürlich. Die zufällig durchsickernde Nachricht von einem verhältnismäßig leicht gesicherten Zeppelin, dass achthundert Kilogramm Gold transportiert, ist ein Leckerbissen, den sich dieser Abschaum nicht entgehen lassen wird. Leider ist der Mann in einer zu wichtigen Stellung, als dass man ihn langfristig mit Spielmaterial füttern kann. Aber für diese Mission ist er noch zu gebrauchen. Danach…“ Bergmans Gesicht verhärtete sich. Man würde den Spion verhaften, aus ihm alles was er wusste herausholen – und ihn anschließend erschießen.
„Und es besteht nicht die Gefahr, dass die Basmatschen die Falle riechen?“
„Der Verräter ist schon mindestens ein Jahr für die Konterrevolutionäre tätig und hat schon mindestens drei Frachtzeppeline verraten – eines davon mit einhundert Kilogramm Gold an Bord. Sie werden ihm vertrauen. Vor allem, da ansonsten die üblichen Sicherheitsstandards voll greifen. Das Frachtzeppelin PUSCHKIN steht unter unauffälliger Quarantäne. Zwanzig Marineinfanteristen wurden an Bord stationiert. Die Ladung wird unter äußersten Sicherheitsvorkehrungen verladen, Route und Zeitplan unterliegt der üblichen Sicherheitsstufe für solche Transporte. Einige zusätzlichen Maschinengewehre wurden an Bord installiert. Außerdem haben wir – auffällig unauffällig sozusagen – unsere Konterspionagemaßnahmen in Anchorage verstärkt. Jeder Spion, jeder Verräter der gut genug ist, von dem Zeppelin zu erfahren, sieht genau dass, was zu erwarten sein muss, wenn wir einen Goldtransporter auf den Weg schicken, aber keine volle Eskorte erübrigen können. Den Mannschaften, Offiziere und Sicherheitskräfte wurde noch einmal eingeschärft, dass die Ladung WICHTIG ist und dass auf Geheimnisverrat Straflager steht. Also wie üblich. Die…weiterführenden Instruktionen sind nur Kapitän Achmatov bekannt und werden erst nach dem Start an die Mannschaften weitergegeben. Und Achmatov ist absolut zuverlässig, Parteimitglied und außerdem einer unserer besten Frachtpiloten. Es gibt keinen Besseren.
„Und unsere…anderen Vorbereitungen?“ schaltete sich Major Iwanow ein. Diesmal antwortete Oberst Rybatow:
„Die zusätzlichen Marinesoldaten wurden in einen unserer Außenposten verlagert. Nicht einmal der kommandierende Leutnant weiß, warum sie ausgewählt, separiert und noch einmal im Nahkampf trainiert werden. Wir haben aber etwas von einer Spezialoperation durchsickern lassen – einem Angriff auf ein Piratenversteck. Die…anderen Kräfte, die wir dort zusammengezogen haben, unterstützen das noch. Die Männer sind handverlesen,…“, er warf Bergmann einen kurzen Blick zu „…der Politruk und das NKVD verbürgen sich für ihre Zuverlässigkeit. Und ihre Vorgesetzten verbürgen sich für ihre Fähigkeiten – es sind alles erfahrene Soldaten. Die Transport-Autogyro sind in einem anderen Stützpunkt konzentriert. Sie erhalten erst dann Einsatzweisung, wenn das Unternehmen anläuft, anschließend wird die Einheit – planmäßig – ins Landesinnere verlegt. Und die DIMITRI DONSKOJ befindet sich zurzeit auf ihrer planmäßigen Patrouillenroute. Nur der Kommandant kennt seine Aufgabe – sie wird erst dann weitergegeben, wenn die Operation anläuft. Die Funker der DIMITRI DONSKOJ und des Transportzeppelins…sind ebenfalls zuverlässig und außerdem durchleuchtet. Von dieser Seite kann nichts schief gehen.“
„Bleibt nur die Frage, ob unsere Kräfte ausreichen.“
Die DIMITRI DONSKOJ verfügt über fast ein komplettes Fliegerregiment – sechzehn Maschinen. Dazu kommt ein weiterer Zug Marineinfanterie und zwei Autogyros, die Unterstützung leisten können und gegebenenfalls abgeschossen Piloten auffischen können.“
„Dennoch es ist ein Risiko...“
„Gar kein Risiko.“ bemerkte Oberst Bergmann selbstsicher, doch Oberst Rybatow schnaubte nur kurz und fuhr fort: „Das meine ich nicht. Die Operation ist nicht gerade billig. Und das Oberkommando Fernost erwartet Erfolge. Wenn wir die nicht liefern können…“
„Zumindest das Gold kommt sicher an.“
„Hoffentlich reicht das.“ Rybatow wandte sich wieder zum Fenster. Diesmal blickte er zum Hafen, wo gerade D-24, ein U-Boot der Dekabrist-Klasse auslief.

Der Kapitän von D-24 wusste nicht, was in den Kisten war, die er zusammen mit Lebensmitteln und Ausrüstung übernommen hatte. Dafür wusste er genau, was seine Anweisungen waren: tagsüber getaucht fahren, Überwasserfahrt nur in der Nacht, jedem Schiffskontakt ausweichen. Sollte er aufgebracht werden, musste das Boot versenkt werden – es durfte auf keinen Fall in die Hand des Feindes geraten. Der Kapitän warf seine Zigarette ins Wasser und sog noch einmal die klare, kalte Luft des Nordmeeres ein. Dann wandte er sich an die Matrosen der Deckwache: „Einsteigen. Fertigmachen zum Tauchen!“

Knapp dreißig Stunden später startete die PUSCHKIN, mit zwanzig Marinesoldaten, acht Jagdflugzeugen und einer Ladung, zu der ein gutes Dutzend kleiner, schwerer Metallkisten gehörte, die sorgfältig versiegelt und verschlossen waren. Noch bevor einer der Eskortjäger startete, erwachten die Bordlautsprecher zum Leben und die harte, schleifende Stimme Kapitän Achmatovs füllte jeden Raum an Bord: „Mannschaft der PUSCHKIN, Genossen, Brüder und Schwestern. Inzwischen weiß jeder an Bord, was wir für eine Ladung haben. Ihr wisst, die verdammten Piraten und Konterrevolutionäre haben in den letzten Wochen alleine fünf unserer Schwesterschiffe aufgebracht. So kann es nicht weitergehen. Die Heimat braucht unsere Fracht. Und die verdammten Banditen und Verräter müssen vernichtet werden. Wir werden unseren Beitrag in diesem Kampf leisten. Wir sind die Falle, die diesen Hunden das Genick brechen soll…“
Die Mannschaft lauschte überrascht. So etwas hatte es in Alaska noch nicht gegeben. Offenbar rechnete der Kapitän mit Angriffen. Schwächere Piratenbanden würden mit Bordwaffen und Begleitjägern abgeschlagen werden, wie üblich. Die PUSCHKIN hatte bereits zweimal solche Angriffe abgewehrt. Aber im Fall eines Angriffs durch eine größere Piratenbande würde man anders vorgehen. Dann kam es vor allem auf Zeitgewinn an. Nach hinhaltendem Widerstand würde man den Feind entern lassen. Dabei würden die Piraten eine unangenehme Überraschung erleben. Und wenn das noch nicht reichte, die Piraten nicht sofort die Flucht ergreifen, dann würde die Falle erst richtig zuschnappen. Denn fünfzig Kilometer hinter der PUSCHKIN würde die DIMITRI DONSKOJ folgen…
Aber nicht einmal Kapitän Achmatov wusste, dass in den verplombten und streng bewachten Metallkisten kein Gold war – sondern nur Blei. Oberst Rybatow und Bergmann hatten kein Risiko eingehen wollen. Es stand zu viel auf dem Spiel – unter anderem ihre Kariere und vielleicht noch mehr.

Ungefähr zur selben Stunde startete eine Abteilung Autogyros mit dreißig Marineinfanteristen und einem Dutzend Soldaten der NKVD-Verbände an Bord. Sie alle waren erfahrene Nahkämpfer, ausgerüstet mit Kampfdolchen, Pistolen, Mpi’s, leichten Maschinengewehren und Panzerbüchsen. In den ausdruckslosen Gesichtern der Elitesoldaten regte sich nichts, als ihr Leutnant mit harter Stimme die Befehle und Einsatzorder verlas: Feueröffnung auf die andockenden Autogyros mit lMg’s, Mpi’s und Panzerbüchsen. Niederkämpfen eventuell gelandeter Entertruppen. Gefangene waren erwünscht, aber nicht notwendig.

Und an Bord der DIMITRI DONSKOJ befahl Kapitän Rischin eine Kursänderung und informierte die Mannschaft. Die Piloten und Marineinfanteristen waren sofort begeistert – diese Aufgabe bot wesentlich mehr Gelegenheiten zu Ruhm und Ehre, als die meist erfolglosen und eintönigen Patrouillenflüge – selbst die überzeugtesten Konterrevolutionäre wichen in der Regel dem Kampf mit einem Militärzeppelin aus. Aber mit diesem Köder würde es etwas anderes sein.
Die Operation „Potemkin“ war angelaufen.
13.02.2020 17:47 Tyr Svenson ist offline E-Mail an Tyr Svenson senden Beiträge von Tyr Svenson suchen Nehmen Sie Tyr Svenson in Ihre Freundesliste auf
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Dave Armstrong Stone stand an diesem Tag sehr früh auf. Zwar ging die Sonne schon auf, aber die Borduhren zeigten erst auf die vier und die zwölf. In diesen Breitengraden pflegten die Tage zu dieser Jahreszeit sehr lang zu werden. Ein Umstand, der ihnen nützen oder sie umbringen würde.
Dennoch saß er fünf nach vier in der Kantine und ließ sich von Johnny Katayama, seinem Steward, ein kräftiges Frühstück servieren. Kaffee, Brot, Marmelade, Pfannkuchen und Ahornsirup.
Erstaunt registrierte der Deutsche, dass es sich noch jemand zur Aufgabe machte, die Küche so früh am Tag mit Arbeit zu terrorisieren. Ernst Stahl griff aber nur zu Kaffeebecher und Kanne, schenkte sich großzügig ein und setzte sich zu seinem Kommandeur.
„Mir gefällt die Sache nicht“, brummte er zwischen zwei heißen Schlucken Kaffee. „Weiße, Rote, das sind doch alles nur Kommunisten.“
„Was soll´s. Einige von ihnen sind gut im Bett“, bemerkte Dave spöttisch und beobachtete den Mann aus den Industrials dabei.
Der zeigte wie erwartet eine Reaktion, aber es war nicht ganz die, die Dave eigentlich vorhergesehen hatte. Der Mann schmunzelte.
„Dennoch, Commander. Das Cat Pack wird nicht die Hauptlast des Angriffs tragen müssen, aber sobald es einen Schuss abfeuert, bedeutet das, dass Sie ganz tief in der Scheiße stecken. Ich habe das Dog Pack in einer halben Stunde wach, getankt und aufmunitioniert.“
Armstrong nickte zufrieden. „Sie sind ein sehr guter Kommandeur, Steel. Das ist auch der Grund dafür, dass ich Sie und das Dog Pack heute zuhause lasse. Wenn es Ärger gibt, und geärgert haben wir die Kommunisten wahrlich genug, dann will ich meine Zigarre gesichert wissen. Sie sind der Mann dafür. Falls es zum äußersten kommt, retten Sie den anderen den Arsch und helfen Sie Blue anschließend, den Zeppelin sicher zurück nach Sky Haven zu bekommen.“
Der Industrial verzog das Gesicht, als hätte er Zahnschmerzen. „In den Einheiten, in denen ich geflogen bin, hat man es als schlechtes Omen verstanden, wenn der Commander von solchen Dingen spricht.“
„In den Einheiten, in denen ich etwas zu sagen hatte, habe ich immer dafür gesorgt, dass die Hackordnung bekannt war und jeder seine Aufgaben kannte. Das hat sich bewährt. Ich sehe keinen Grund, das zu ändern.“
Die beiden Männer maßen sich eine Zeitlang mit Blicken.

Als Melissa Vandersen die Kantine betrat, fand sie zwei sich verbissen anstarrende Männer vor. Sie zuckte die Schultern, nahm sich einen Kaffee und setzte sich neben Armstrong. „Wenn Ihr beide lieber alleine bleiben wollt…“
Irritiert sahen die beiden die Pilotin an. „Was? Dusk, dich soll einer verstehen.“
Die blonde Texanerin lachte. „Entschuldige, Armstrong, aber Ihr habt euch so tief in die Augen gesehen, da dachte ich, es hätte zwischen euch gefunkt.“ Sie zwinkerte dem Industrial zu, was dieser irritiert zur Kenntnis nahm.
„Es…ging um den Angriff“, informierte er die junge Frau kühl. „Ich war dagegen, dass das Dog Pack sich auf den Wachtdienst bei der Zigarre beschränkt.“
„Das bin ich auch“, entgegnete die Texanerin ernst. „Aber ich kenne meinen Armstrong. Wenn er einmal eine Entscheidung getroffen hat, kann man ihn nur noch an eine Rakete binden und abfeuern.“
„Dusk!“, tadelte Dave. „Rede nicht so einen Quatsch. Ich bin durchaus in der Lage, über meine Ansichten konstruktiv zu diskutieren.“
„Du meinst zu zerreden, zerpflücken, vierzuteilen und abzutun. Ja, das kannst du wirklich.“
Die Pilotin schenkte sich Kaffee nach. „Ich gehe mich umziehen und checke dann meinen Vogel. Wir sehen uns auf dem Flugdeck. Und Ernst, passen Sie gut auf die NORTH auf. Wenn wir die Roten gerupft haben, hätte das Cat Pack gerne noch einen Platz zum Landen.“
„Sonst noch was? Soll ich eventuell neben Ihnen herfliegen und Sie bis zum Hangar begleiten?“
„Nein, danke. Ihre Begleitung sollten Sie für gewisse Momente in Sky Haven aufheben“, erwiderte sie trocken.
Dusk verließ die Kantine.
Armstrong zog eine Augenbraue hoch. „Ist das was, das ich wissen sollte?“
„Ich weiß nicht, wollen Sie noch was lernen? Dann sollte ich einen Bericht schreiben.“
Der anzügliche Tonfall des Industrials ließ keine Zweifel offen, was es zu lernen gab.
Armstrong lachte. „Dann müsste ich für Sie wohl ebenfalls einen Bericht schreiben“, meinte er in Anspielung seiner Bekanntschaft mit der russischen Pilotin, die ihn zu dem Angriff auf die Frachterzigarren der Kommunisten überredet hatte. „Vielleicht können Sie auch noch was lernen, Steel.“
„Sicher. Und Washington wird wieder Hauptstadt.“
Armstrong lachte auf, erhob sich und verpasste seinem Becher eine neue Füllung. „Nun, wer weiß? Ich verlasse mich jedenfalls auf Sie, Steel. Und ich meine nicht den Bericht.“
Nun war es am Industrial, kurz aufzulachen. Er nickte, ernst und beinahe verschlossen, als Armstrong ein letztes Mal zurück sah.

**
„Und jetzt die Siebziger.“
„Siebziger aufmunitioniert, Sir.“
„Ich gebe Feuer.“
Die schwere Kanone ruckte einmal, dann rutschte die blinde Patrone ins Abschussrohr. Da sie keinen Treibsatz hatte, schoss sie nicht hindurch, egal wie oft der Hammerbolzen auf den Zündhut hämmerte. Aber es war ein passabler Funktionstest.
„Okay, Sir, die Siebziger funktioniert auch.“ Samantha Rogers lugte an der Waffe vorbei ins Cockpit und lächelte mit ihrem mit Öl verschmierten Gesicht schüchtern.
„Dann machen wir noch den Instrumentecheck. Anschließend laden wir die Waffen.“
„Die übliche Mischung Buntfeuer, Sir? Panzerbrecher, Magnesium, Explosiv, Panzerbrecher, Magnesium?“
Panzerbrecher waren dazu gedacht, die schützende Hülle eines gegnerischen Vogels zu durchschlagen oder nachhaltig abzuschaben. Magnesiumkugeln hatten nicht diese Fähigkeit, neigten aber dazu, zu miesen kleinen Brandherden zu werden, die alles Brennbare in der Umgebung entzündeten. So manche Maschine war vom Himmel gefallen, weil sich Magnesiumkugeln in die Tragflächen und die dortigen Treibstofftanks gefressen hatten. Explosivgeschosse hingegen waren kleine Vorschlaghämmer, die versuchten, jede noch so kleine Schwachstelle nachhaltig auszunutzen und potenziert Schaden anzurichten.
Deshalb neigten die meisten Piloten dazu, gemischte Munition mitzunehmen.
„Wie immer, Sam. Aber bei den Raketen gibt es eine Änderung. Ich nehme diesmal nur Blitz mit. Das Cat Pack unterstützt lediglich. Ich werde mir wohl kaum einen weiteren Abschuss holen müssen.“ Armstrong lächelte dünn. Seit er diese Zigarre hatte, seit er zwei Staffeln unter einen Hut bekommen musste, hatte er lediglich assistiert. Dabei hatte er eigentlich gedacht, als Chef seine Abschüsse etwas in die Höhe treiben zu können. Aber die Verantwortung ließ ihn immer zuerst an seine Leute denken, dann erst an sich selbst.
Es war verrückt.

„Ist gut, Sir“, sagte die Cheftechnikerin und lächelte erneut. Verstohlen wischte sie sich durch ihr Gesicht und verschmierte dabei den Ölfilm.
„Ist irgendwas, Sam?“
„Wie meinen, Sir?“
„Genau das meine ich. Warum dauernd dieses Sir, Sir? Ich dachte, das haben wir mittlerweile hinter uns gelassen.“ Vertraulich legte er der Technikerin eine Hand auf die Schulter.
Nachdrücklich schob die blonde Texanerin die Hand von ihrer Schulter herab. „Bitte, Sir. Nicht das. Nicht jetzt. Ich bin nicht sicher, ob ich da mithalten kann.“
„Sie sprechen in Rätseln, Sam“, tadelte Dave verwundert. „Wo können Sie nicht mithalten?“
Die junge Frau sah verlegen weg. „Ich kann mit Ihrer Russin nicht mithalten, Sir.“
„Mit meiner…Was, bitte? Können Sie es mir bitte so erklären, dass ich es verstehe, Sam?“
Dave fühlte, wie sich ihre schlanken, aber kräftigen Hände in seine Fliegerjacke krallten. Sie zog heftig, und beinahe wäre der Pilot aus dem Cockpit gefallen.
Sam Rogers stoppte ihn, wenngleich nicht ganz auf konventionelle Weise. Ihr intensiver Kuss war in mehrerlei Hinsicht eine echte Überraschung.
Als sie die Hände wieder löste und den harten Kuss beendete sah sie verlegen zur Seite. „Sie haben mit Anja in Sky Haven geschlafen, nicht? Ich komme da nicht hinterher. Nicht so schnell und…“
Dave starrte sie nur mit offenem Mund an. Hatte er da was nicht mitgekriegt? Was war passiert? Und wie hatte es über ihn hereinbrechen können, ohne ihn zu fragen?
„Sam, ich…“
„Ich weiß schon, ich weiß. Das war rein sexuell. Sie wollen keine Beziehung, weil der Tod Ihrer Freundin noch nicht lange genug her ist und Sie haben mich als Partnerin noch überhaupt nicht ins Auge gefasst. Ich mache mir da nur was vor und habe mich von Ihrem selbstsicheren Auftreten und dem hübschen Gesicht verleiten lassen. Nun habe ich mich in etwas verrannt, und ich muß da alleine wieder raus finden. Tut mir Leid, dass ich Sie da mit rein gezogen habe.“
Wütend und unsicher schüttelte Dave den Kopf. „Sam, ich…“
„Schon gut, Sir. Es ist mein Fehler, nicht Ihrer. Gehen Sie da raus, holen Sie ein paar Kommunisten runter und machen Sie sich keine Sorgen. Wenn Sie wieder kommen, bin ich wieder ganz die Alte. Versprochen.“
Armstrong fühlte sich übergangen, verraten und wie nach einem Sprung ohne Fallschirm. Was war gerade geschehen?
Sam verschränkte die Arme ineinander, hob sie über den Kopf und streckte sie. „So, das musste einfach sein. Jetzt fühle ich mich besser. Ich gebe Nick Bescheid, damit er sich um Ihre Raketen kümmert, Sir.“

Die blonde Technikerin wandte sich der Maschine von Dusk zu und Dave starrte ihr hinterher. Irgendwie sehnte er sich nach der Einfachheit eines Luftkampfs gegen eine zehnfache Übermacht.
Steel klopfte gegen das Plexiglas seiner Pilotenkanzel. „Armstrong, ich bin ziemlich sicher, dass mich das nichts angeht, aber was ist hier gerade passiert?“
Dave zog die Stirn kraus und sah den Industrial an. „Das, zum Henker, wüsste ich selbst gerne.“

**
Sie trafen um sechs Uhr einunddreißig mit den beiden Staffeln unter Anjas Kommando zusammen. Sammelpunkt war ein lang gestrecktes Flusstal in Küstennähe, in dem sie leitern konnten. Der Leiterformationsflug wurde normalerweise nach dem Start angewandt und bedeutete, dass die Piloten eine geordnete Schleife flogen, bis die letzte Maschine gestartet war und sich eingereiht hatte.
In diesem Fall schloss das Cat Pack zu den weißen Piloten auf, flog einige Zeit in Formation und verließ mit ihnen zusammen das Tal. Der Kurs ging aufs offene Meer hinaus, dicht über dem Wasser. Vier voll beladene Autogyros folgten ihnen.
„Hier ist der Plan“, kam es von der Führungsmaschine, einer reich verzierten Devastator mit weißem Heck und königsblauem Rumpf. Unverkennbar Anja. „Die erste Staffel, Dnepr-Kosaken, greift die Begleitflugzeuge an. Die zweite Staffel, Amur-Tataren, attackiert die MG-Gondeln der Zigarre. Armstrong, es wäre nett, wenn das Cat Pack nicht nur bei den MG-Gondeln hilft, sondern auch bei den Begleitfliegern ein wenig mithilft.“
„Roger. Rocket, Rainmaker, Ihr helft die MGs auszuschalten. Klutz, Silence, Ihr kämpft die Begleitstaffel mit nieder. Armstrong und Dusk gehen auf hohe Sicherung. Ich wiederhole, Armstrong und Dusk gehen auf hohe Sicherung.“
„Einverstanden. Wir brauchen für die gesamte Aktion maximal eine halbe Stunde. Dnepr-Kosakenleader Ende und aus. Armstrong, kommst du kurz auf meine Privatfrequenz?“
„Roger.“
Neugierig wechselte der Deutsche die Ruffrequenz. „Was kann ich für dich tun, Anjanka?“
„Ich bin nur neugierig, Armstrong. Warum hast du deiner Staffel rote Sonnen verpasst?“
„Ach, weißt du, falls sich die Gelegenheit ergibt, dachte ich, packe ich mal meine zwei, drei Brocken japanisch aus und tue was für die russisch-japanische Freundschaft.“
„Ach. Der Angriff als getarnte Russen auf das japanische Flugfeld reicht dir wohl noch nicht?“
„Nein.“
„Okay. Wenn alles gut geht, sprechen wir nach dem Kampf miteinander.“
„Und wenn nicht alles gut geht?“
„Dann sprechen wir im Kampf miteinander.“
Dave lachte auf. „Verstanden. Sag Bescheid, wann ich hoch ziehen soll.“
„Roger.“

Armstrong wechselte wieder auf die Staffelfrequenz. Ansonsten beschränkte er sich darauf, die Maschine in Formation zu halten. Nach dem Soloauftritt des Dog Pack war sein Cat Pack scharf darauf zu beweisen, dass sie es ebenso drauf hatten wie die Hunde. Nun, er hatte nichts dagegen. Ein wenig Ehrgeiz zwischen den Staffeln erhöhte die Leistungsbereitschaft.
„Zigarre kommt in Sicht. Wir fangen jetzt an.“
„Roger, Anja. Gute Jagd. Rocket, Klutz, ihr kennt eure Aufgaben. Dusk, wir gehen zuschauen.“
„Ich wusste es war ein Fehler, mich an deinen Flügel heften zu lassen“, schimpfte die große Texanerin gespielt. „Nie gönnst du einem den Spaß.“
Die beiden Furys lösten sich vom Hauptfeld und begannen mit dem Aufstieg.

Die Soviets flogen vorschriftsmäßig. Ein Vogel auf hoher Sicherung – meistens das erste Opfer des Dirty Packs, wenn es angriff – und eine Rotte als Außenverteidigung. Diese Aufteilung erlaubte es permanent der Hälfte des Begleitschutzes, an Bord zu sein.
Während Armstrong die Fury klettern ließ, hatte er genügend Gelegenheit, die schnelle Reaktion der Russen zu beobachten. Der Beobachter auf dem hohen Posten ging in den Sinkflug und die Zigarre, namentlich die PUSCHKIN, spuckte die restlichen Flieger zur vollen Staffel aus. Dave zählte zwei Devastatoren, zwei Brigand und zwei Defender.
Die Brigand waren etwas ungewöhnlich, aber als Schlachtflieger, kleine mobile Festungen, nicht zu unterschätzen. Gerade in der Verteidigung machte sie das zu gefährlichen Gegnern.
„NASTUPLENJIE!“, hörte er Anja rufen. Sofort setzte sich ihre vordere Devastator-Rotte vor das Feld und schwenkte auf die Verteidiger ein. Ihr folgte Klutz mit Silence an der Seite.
Der Rest der Staffel folgte.
Danach schwenkte die andere Staffel mit Rocket und Rainmaker in der Formation ein, um der Zigarre saures zu geben.

Armstrong erreichte die von ihm bevorzugte Flughöhe dank der guten Steigleistung der Fury recht schnell, aber nicht schnell genug, um in bequemer Beobachtungsposition für den ersten Abschuss zu sein. Einer der Roten, eine Devastator, von Klutz und einem Weißen in die Zange genommen, stürzte in den Bach, bevor Armstrong wieder in die waagerechte ging.
Melissa Vandersen formierte sich an seinem Flügel. „Geht ja schon mächtig heiß her, da unten.“
„Was, willst du etwa mitspielen?“, scherzte Dave.
„Leichter Wind aus Südwest, stellenweise böig bis Windstärke sechs. Wolkenschichten auf tausend bis dreitausend Fuß. Kein Anzeichen weiterer Feindkräfte“, sagte sie stattdessen. „Nur für den Fall dass du glaubst, ich beobachte den Kampf, anstatt meine Arbeit zu tun.“
„Danke, Dusk, du bist ein Goldstück.“
„Dann bezahl mich auch so“, scherzte sie.

Unter ihnen wurde der zweite Russe in den Bach geschmissen, diesmal aber ein Weißer.
„Die Roten sind ganz schön hartnäckig“, brummte Dave besorgt. Die Kämpfe waren hart, keiner schenkte dem Gegner etwas. Und obwohl acht Maschinen die Staffel der Verteidigung der PUSCHKIN niederhielten und dezimierten, wehrten sich die Roten verbissen und wagten sogar öfter Vorstöße gegen die anderen acht Maschinen, die gegen MG-Nester und Antriebsgondeln vorgingen.
Dennoch fiel ein MG nach dem anderen aus.
„Wir holen jetzt die Gyros nach“, verkündete Anja, als das Verhältnis Angreifer-Verteidiger auf fünf zu zwei gefallen war. Auf der gegnerischen Seite waren nur noch eine Brigand und eine reichlich zerfledderte Defender in der Luft, und Klutz gab sein Bestes, um den Kollegen in seiner Lieblingsmaschine davon zu überzeugen, dass der Bach viel besser zu ihm passte als der Himmel. Aber er selbst hatte auch schon eifrig einstecken müssen. Stick hatte kurz davon berichtet, Klutz wäre verletzt worden. Der Dicke hatte aber sofort dementiert und war im Kampf geblieben. Allerdings war sein Vogel ganz schön gefleddert worden.
Die zweite Staffel der Weißen, die Tartaren, meldete den Abschuss des letzten MG-Nestes. Der Zeppelin verzögerte bereits merklich aufgrund der fehlenden Antriebsstärke. Und die vier Gyros mit der Infanterie kamen schnell für das Entermanöver heran.
„Anja, willst du die PUSCHKIN nicht zur Kapitulation auffordern?“, mischte sich Dave ein.
„Kapitulation? Das mag bei euch Yankees klappen, mein Süßer, aber wir sind Russen. Sie erwarten keine Gnade von uns. Und wir wären ohnehin nicht bereit sie zu gewähren. Diese Narren haben es nicht besser verdient!“, zischte sie.
Unwillkürlich dachte Dave an die Nacht in Sky Haven zurück, an die Leidenschaft, die Zärtlichkeit, ihre weiche Haut und die süße Stimme, als sie dem Höhepunkt entgegenstrebte…Und verglich sie mit der harten, ja, grausam klingenden Stimme dieser Frau. Armstrong wünschte sich Stephanie zurück.

Er hatte ja gewusst, dass es so kommen würde. Er selbst war ein Fremder hier, hatte keinen Hass auf die Roten oder die Weißen, war weder jahrelang unterdrückt worden noch unerträglich arrogant gewesen, hatte die Zarenzeit nicht miterlebt und nie im Großen Krieg gekämpft. Kurz, er konnte ihnen nicht in die Seelen sehen und ihre schweren Wunden erkennen. Er konnte nicht sehen, was da noch heilen konnte und was unrettbar verrottet war.
Und sicherlich wollte er es auch nicht. Also musste er die Russen die Sache unter sich ausmachen lassen und sich so weit wie möglich raus halten. Auch wenn es ihm schwer fiel.
Die unsichtbare Linie, schwor er sich, war erreicht, wenn die Weißen Wehrlose aus dem Zeppelin werfen würden. Denn das war weder gut für das Dirty Pack, noch für seine Nachtruhe. Nicht mehr nach dem, was die LEVIATHAN Wehrlosen angetan hatte. Nie mehr.

Die ersten beiden Gyros gingen per Hangar an Bord. Beinahe sofort schoss eine Stichflamme aus dem Hangar. Armstrong riss sein Fernglas heran, stellte es kurz ein und sah deutlich, wie mehrere Menschen als brennende Fackeln aus dem Zeppelin fielen. Ihnen stürzte ein brennender Gyro hinterher.
In der Funkverbindung knackte es, als sich der verbliebene Gyro meldete. „…Schweres Feindfeuer… Gut ausgebaute Stellungen… Hilfe…“
Die anderen beiden Gyros landeten und dank des Schutzes des noch intakten Drehflüglers aus der ersten Welle schafften sie es auch aufzusetzen.
Die Funkmeldungen aus dem Inneren der Zigarre jedenfalls waren nicht sehr ermutigend.
„…weiterhin schweres Feuer…MG-Stellungen in den Gängen…Wir versuchen sie zu werfen… Handgranaten und andere…“
Wieder erfolgte eine Explosion. Ein Seitenschott des Hangars beulte sich aus und segelte dann in die Tiefe. Drei Tote folgten dem Metallschott in die kalte See. Armstrong korrigierte sich selbst. Eigentlich waren es nur zwei. Es sah nur mehr aus.
„Anja, das ist ein Fiasko“, murmelte er mehr zu sich selbst.
Mittlerweile war auch der letzte Flieger des Geleitschutzes zu den Fischen geschickt worden. Die übrigen Maschinen, die vollen zwei Rotten des Cat Packs und neun Maschinen der Weißen, umkreisten den immer langsamer werdenden Transporter wie Indianer einen Wagentreck.
„Klutz, wie sieht es aus? Wie schlimm sind die Schäden?“
„Es geht, Armstrong. Nichts, was nicht noch ein paar Flugstunden aushält“, kam die Stimme des Dicken über Funk. Sie klang erschöpft, und Dave erkannte keinerlei Anzeichen für eine Verletzung. Dennoch. „Du und Stick habt gute Arbeit geleistet. Fliegt nach Hause und lasst euren Vogel zusammen flicken. Silence, du begleitest Klutz. Hier draußen gibt es keine Vögel mehr, den Rest schaffen wir schon.“
„Aber Armstrong, wir…“
„Keine Widerrede, Klutz. Noch habe ich hier das sagen.“
„Okay. Roger. Melden uns ab.“
Dave wechselte die Frequenz. „Anja, ich schicke meine Brigand nach Hause. Hier ist ohnehin nichts mehr für sie zu tun.“
„Was? Ja, ist in Ordnung. Wir haben sowieso ganz andere Sorgen im Moment.“
„Soll ich helfen kommen?“
„Kannst du mit deiner Fury im Innern einer Zigarre kämpfen?“, spottete sie.
„Dürfte etwas eng werden.“

Armstrong lauschte weiter dem Funk, während er mit dem Fernglas den Horizont absuchte. Die Lage entwickelte sich nicht gerade rosig. Im Gegenteil. Die Infanterie der Weißen bekam, um es mal auf den Punkt zu bringen, tüchtig auf die Fresse.
„Wenn die so weitermachen, schaffen sie es nie über den Hangar hinaus“, bemerkte Dusk sehr treffend.
„Unsere Frachter waren nicht so gut gesichert“, kommentierte Dave ernst. „Tja, scheint so als würden die Kommunisten langsam nervös werden, hm?“
„Gut gesichert nennst du das? Für mich klingt das nach einem Massaker. Einem übrigens sehr einseiten, wenn du mich fragst.“
„Gut, dass wir Piloten sind, was?“, scherzte Dave, obwohl ihm gar nicht danach zumute war. Immer wieder stiegen aus dem Heck und den beschädigten Seitenwänden Rauchwolken auf, die auf das Kaliber schließen ließen, mit dem die Russen einander beharkten. Und das an Bord einer Zigarre.
„Es wird vielleicht Zeit, die Infanterie zurück zu ziehen und die Zigarre einfach in den Bach zu schicken“, murmelte Armstrong halblaut.

„KLUTZ! IN DIE WOLKEN! IN DIE WOLKEN!“ Die Stimme von Silence überschlug sich fast.
„Armstrong hier! Was ist los?“
„Silence! Chef, hier sind überall Russen! Schwarze Maschinen mit silbernen Highlights, fünf Meilen hinter euch. Mindestens acht Stück! Sie fliegen knapp unter der Wolkendecke! Devastator, Coyote und Peacemaker! Verdammt, sie haben Klutz und mich nur deshalb nicht vom Himmel geholt, weil sie uns entgegen kamen und wir schneller in den Wolken waren als sie wenden konnten! Ich stecke mal kurz die Nase raus und…Schlechte Idee! Chef, da kommt ne ziemlich dicke Zigarre hinterher! Hat nen fetten russischen Stern auf der Flanke!“
„Schafft ihr es nach Hause, Silence?“
„Ich…komme schon klar, Chef. Muss…Muss nur aufpassen, dass…Dass der Vogel nicht noch was abkriegt…“
„Silence, vermeidet weiteren Feindkontakt. Aber führt die Russen nicht unbedingt direkt zu unserer Zigarre!“
„Roger. Viel Glück, Chef.“
„Roger. Ende und aus.
Anja, hast du mitgehört? Wir kriegen Besuch! Der große Bruder der PUSCHKIN ist unterwegs! Fünf Kilometer, kommen schnell näher! Wir müssen uns absetzen!“
„Wir können hier nicht weg! Diese Schweine haben unsere Infanterie festgenagelt! Sie kommen nicht zu ihren Gyros zurück. Und ich lasse niemanden in den Händen der Roten zurück, eher sterbe ich!“
„Dusk!“, blaffte Armstrong und drückte die Maschine hinab. Sofort hängte sich The Dusk an seinen Flügel und blieb dort.
„Schick deine langsameren Vögel schon mal vor! Ich bleibe mit meinen zwei Rotten hier und warte bis die Infanterie in den Gyros sitzt und gebe ihnen Begleitschutz!“
„Verdammt, ich habe dir doch schon gesagt, dass sie festsitzen!“
„Halt die Klappe und hör mir zu!“, blaffte Dave ungehalten. „Deine beschädigten und langsameren Vögel sollen sich absetzen! Sofort! Um den Rest kümmere ich mich! Dusk, bleib über der Zigarre und gib mir die aktuelle Lage rüber.“
„Verstanden, Armstrong!“ Die andere Fury löste sich und begann über der PUSCHKIN zu kreisen.
Dave reduzierte die Geschwindigkeit seiner Fury und setzte sich hinter die Zigarre. Nachdrücklich passte er sich dem Zeppelin an, hielt auf den Hangar zu.
„Willst du landen? Na toll, einer mehr, der auf dem Kahn festsitzt!“ Anjas Stimme klang nervös.
„Hast du noch Funkkontakt zu deinen Leuten, Anjanka?“, fragte Dave im freundlichsten Ton, zu dem er im Moment fähig war – mit einem Hangar vor Augen, in dem Dutzende Mündungsblitze aufleuchteten, Blut über den Rand hinab floss als wäre es Wasser und Dutzende Kugeln sogar über seine Fury schrammten. Eine schlug direkt in seinem Cockpit ein und blieb im Plexy stecken. Wäre sie weitergeflogen, hätte sie ihn in der Stirn getroffen.
„Ja. Wieso?“
„Sag ihnen, sie sollen sich sofort zu Boden werfen!“
„Was? Du bist wahnsinnig!“
„Tu es!“

Der Hangar erschien Dave wie ein schwarzes Loch. Nur das gelegentliche Aufblitzen von Mündungsfeuer und kleineren Explosionen erhellte die Finsternis für ihn. Im Klartext, er sah fast nichts. Zumindest aber konnte er die drei Gyros erkennen. Einigermaßen zumindest.
Anjas Stimme gellte auf Russisch auf und Dave reagierte sofort. Er hielt die Fury gerade und zog die Abzüge für die Dreißiger und Vierziger Kanonen durch. Damit schoss er mehrere Runden in den Hangar, ohne Rücksicht auf Freund und Feind und bestrich den gesamten Hangar, so gut es ging. Explosivgeschosse, Panzerbrecher und Magnesiumkugeln machten aus der kleinen Hölle eine richtige.
„Und jetzt raus mit deinen Leuten!“
„Du hast einen der Gyros zerschossen, du Idiot!“, rief Anja aufgebracht.
„Würde mich wundern, wenn du mehr als zwei brauchst, um die Reste von deiner Infanterie zu evakuieren“, blaffte Armstrong zurück.
„Chef, es wird eng. Die Russen sind auf eine Meile ran! Wir sollten stiften gehen!“, meldete Melissa Vandersen.
Dies war der Augenblick, in dem der erste Gyro startete. Kurz darauf gab es mehrere kleinere Explosionen im Hangarinneren, wahrscheinlich von seinen Magnesiumkugeln ausgelöst. Die Flammen und der Druck leckten nach dem zweiten Gyro, der so regelrecht aus dem Hangar hinaus gedrückt wurde. Aber die agile Maschine schaffte es.

„Und jetzt weg hier! Rocket, du begleitest die Gyros und passt auf sie auf. Dusk, du bleibst noch etwas.“
„Wir setzen uns jetzt ab. Dieses Debakel hat uns nur Blut gekostet. Was willst du hier noch, Armstrong?“
„Na was wohl, Anjanka? Mich für die Falle bedanken. Seht zu, dass Ihr Land gewinnt!“ Hart zog er die Fury hoch, auf eine Linie mit Dusk. „Ein Anflug, volle Salve auf die Hülle.“
„Die verdammten Kommis sind aber schon ziemlich nahe“, gab sie zu bedenken. „Sechshundert Yards, kommen schnell näher!“
„Folge mir einfach!“ Armstrong machte eine Kehre, sammelte Geschwindigkeit und zog auf die Zigarre zu. „Feuer!“
Die Waffen beider Maschinen bellten auf, rissen große Fetzen aus der Hülle des Zeppelins.
„Das reicht aber nicht, um ihn vom Himmel zu putzen!“
Lautes Prasseln von Metall auf Metall erinnerte Armstrong daran, dass die ungebetenen Gäste eingetroffen waren. „Booster, Dusk!“ „Roger!“
Die beiden Furys zogen über die Zigarre hinweg und aktivierten die Nitrobooster. Sofort machten sie einen Satz aus der Reichweite der russischen Maschinen heraus und in eine trügerische Sicherheit. Armstrong sah zurück und zählte dreizehn Maschinen. Die verdammte Falle hatte nicht ganz funktioniert. Aber es war eng geworden und noch lange nicht vorbei. Den Booster konnten sie auch nicht ewig benutzen. Nun galt es, genügend Vorsprung heraus zu holen, die Steigleistung der Furys auszunutzen, damit die schnelleren sovietischen Defender ihnen nicht zu schnell hinterherkamen. Und wenn sie es doch kamen, dann alleine. Dann konnten die texanischen Kaperer in den Kurvenkampf gehen und sie niederkämpfen.
„Noch mal den Booster“, befahl Dave und drückte den entsprechenden Knopf ein. Wieder machte die Fury einen mächtigen Satz und entkam so zwei Explosivraketen.
Armstrong biss sich auf die Unterlippe. Dann aktivierte er sein Funkgerät und ging auf die Frequenz der Roten. „Diese gemeinsame Aktion von uns und den Weißen Befreiungskräften für Alaska war die Rache für den feigen, hinterhältigen sovietischen Nachtangriff auf Shirow Kuma Ichiban! Weitere Aktionen werden folgen!“
Dave schaltete wieder auf den Staffelkanal.
„Du hättest noch Banzai brüllen sollen. So glaubt dir doch kein Mensch, dass wir Japse sind“, tadelte Dusk. Hinter ihnen zogen tatsächlich die Defender her und versuchten ihren Geschwindigkeitsvorteil auszunutzen.
„Sollen sie ja auch gar nicht. Genauso wenig wie die Japaner glauben sollen, wir wären beim Angriff auf das Landefeld Russen gewesen“, erwiderte Dave konzentriert.
„Was? Und warum dann der ganze Scheiß? So wie das klingt glaubst du ja, die Japaner und die Russen haben uns sofort durchschaut.“
„Natürlich haben sie das, wenn sie keine Vollidioten sind“, erwiderte Dave. „Steigen, Dusk. Wir gehen erstmal auf fünftausend. Dann in die Wolkenformation auf neun Uhr und rüber zur Küste.“
„Also? Warum dann? Warum die Mühe?“
Dave lächelte dünn. „Nun, vielleicht gibt es bei den Japsen oder den Ivans jemanden oder mehrere, denen so ein Vorwand gerade sehr gelegen kommt…Wer weiß? Und wenn sie doch drauf reinfallen, soll uns das auch Recht sein.“
Als die beiden Furys in die Wolken eintauchten, atmete Armstrong erleichtert auf.
„Funkstille ab hier.“
„Roger.“
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„Es hat Klutz übel erwischt“, stellte Blue fest. „So schnell kommt der in kein Cockpit rein. Wir sollten ihn so schnell es geht zu einem guten Arzt bringen.
Die Brigand wurde auch ordentlich angenagt. Sam hat eine Woche veranschlagt. Minimal. Stick hat auch ein paar Kratzer abbekommen, aber nichts, worüber wir uns Sorgen machen müssten.
Bei Rocket sieht es schlimmer aus. Hoher Blutverlust, gebrochener linker Arm. Er fällt mindestens für zwei Monate aus. Und ich brauche wohl nicht zu sagen, dass er ebenfalls einen guten Arzt gebrauchen könnte. Seine Mühle hat fast Schrottwert. Wenn wir einen Ersatzpiloten hätten, müssten wir ihn in die Reservemaschine stecken. Die Bloodhawk fliegt jedenfalls nicht mehr.“
Armstrong faltete die Hände vor dem Gesicht zusammen und zog die Stirn kraus. „Keine Toten bei uns. Der Rest lässt sich zusammenflicken. Also gut, Jeff, Kurs auf die nächste größere kanadische Stadt, die uns landen lässt.“
„Verstanden.“
Armstrong sah auf, blickte in die Runde. Rocket hatte sich die Verletzungen bei einem Dogfight mit einer Devastator geholt, die ihn und die Gyros eingeholt hatte. Rocket hatte verbissen gekämpft, aber den Abschuss eines weiteren Drehflüglers nicht verhindern können. Zudem war er selbst verletzt worden, seine Mühle hatte es ordentlich zerfleddert. Rainmaker hatte es zur gleichen Zeit mit einer Peacemaker zu tun gehabt und nicht helfen können. Geschweige denn von den anderen zerrupften Weißen auf Fluchtkurs. Sie hatten bei dem Angriff der schnelleren Flieger noch eine Maschine eingebüsst, im Tausch für zwei Verfolger und ihren zweiten Gyro.
Anjas Gruppe hatte fürchterlich gelitten. Ob sie sich jemals davon erholte war fraglich. Das es eine Falle gewesen war hingegen nicht.

„Das war ja ein schönes Fiasko“, meldete sich Steel mit Sarkasmus in der Stimme zu Wort.
„Sie haben Recht, Steel. Es war ein Fiasko. Kein Wunder, dass die Reste der Tartaren und der Kosaken an uns vorbei gerauscht sind, ohne uns eines Blickes zu würdigen oder sich für Rockets Hilfe zu bedanken. Von unserer ganz zu schweigen“, meldete sich Dusk zu Wort.
„Nach den Verlusten wären wir auch nicht in der Stimmung gewesen, uns zu bedanken. Vielleicht sind wir sogar noch Schuld an dieser Falle, immerhin haben wir vier ihrer Zigarren aufgebracht“, tadelte Steel ernst.
„Es war ein Goldtransport“, sagte Dave ernst. „Wir hatten nicht gerade die Kontakte, um gerade einem Goldtransport nachzuspüren. Anja hatte sie schon.“
„Was wollen Sie damit sagen, Armstrong?“
„Nun, Steel, es war eine Falle. Und ich glaube, den Roten war egal, wer ihnen da reintappt. Hauptsache, sie haben was zu feiern.“
Dave stand auf. „Ich werte das Gefecht offiziell als Niederlage. Blue, mach einen entsprechenden Logbucheintrag. Und dann lasst uns hier verschwinden. Ich habe die Schnauze voll von Alaska.“
„Aye, Sir.“

**
Es war spät in der Nacht und der Hangar lag still vor Armstrong. Es brannten ein paar Lampen, sie tauchten die abgestellten Flugzeuge in schummriges Licht. Er selbst lehnte neben dem Heckschott und sah hinaus. Es war bitterkalt, aber die Tasse Kaffee in seiner Hand war ihm im Moment Wärme genug.
„Woran denken Sie, Armstrong?“, klang Steels Stimme auf. „Nimmt Sie der Rückschlag so sehr mit?“
Dave wandte sich um, sah Steel mit einem eigenen Stahlbecher näher kommen.
Der Commander winkte seinen Staffelkommandeur heran, griff nach einer Glasflasche neben sich, entkorkte sie und schenkte dem Industrial einen ordentlichen Schluck ein.
„Ich werte es nicht als Rückschlag“, sagte Armstrong ernst. „Es ist vielmehr unsere erste große Belastungsprobe. Wir haben beinahe zwei Mühlen und drei Leute verloren. Was meinen Sie, wie nimmt die Crew es auf?“
„Unter dem Gesichtspunkt einer Belastungsprobe? Recht gut.“
„Dann bin ich zufrieden. Es hätte schlimmer sein können. Und die Crew hätte anders reagieren können. Gerade die Texaner.“
„Sie sind doch nicht etwa zufrieden? Himmel, wer weiß, vielleicht haben wir einen Krieg zwischen den Russen und den Japanern angezettelt. Von den zwei Maschinen und den Crews ganz zu schweigen.“
„Dem gegenüber stehen vier geplünderte Frachter und ein sehr erfolgreicher Nachtangriff. Von den beiden Russen, die wir bei der letzten Aktion in den Bach schmeißen konnten gar nicht zu sprechen. Doch, auch wenn das für Sie hart klingt, Steel, ich bin zufrieden. Vielleicht nicht als Mensch und Pilot. Aber als Commander bin ich zufrieden.“ Armstrongs Hände krallten sich um die Tasse. „Muss es sein.“
„Dennoch war es ein Fiasko“, erwiderte Steel hartnäckig, nippte an seinem Kaffee und hustete. „Bisschen stark.“
„Wäre ich ein Arsch, würde ich jetzt sagen: Na und? Es waren ja nur Russen.“
„Und was sagen Sie stattdessen?“
„Wir fliegen um zu töten und zu sterben. Genießen wir die Zeit, bis der große Lotse im Himmel unseren letzten Flug leitet.“
„Was für ein Bullshit“, brummte Ernst Stahl über den Rand seiner Tasse hinweg.
„Und es hat uns niemand verboten, bis dahin Spaß am fliegen zu haben, oder?“, fügte Armstrong mit einem dünnen Grinsen an.
„Schon besser.“

Sie schwiegen einige Zeit und tranken den Kaffee. Schließlich nickte Steel und kippte die traurigen Reste aus seiner Tasse die Rampe hinab. „So, ich gehe schlafen. Meine Rotte geht morgen als erste raus. Gute Nacht, Commander.“
„Gute Nacht, Steel. Ach, Steel?“
„Ja?“
„Was denken Sie? Sind wir bereit für die LEVIATHAN?“
Der Industrial zögerte bei dieser Frage. „Nun…Ich denke nicht, dass man dafür bereit sein kann. Aber wenn wir die Gelegenheit bekommen, sollten wir sie nutzen.“
„Gute Antwort.“ Armstrong kippte ebenfalls den kläglichen Rest der Tasse aus und schloss das Heckschott. Es war ein langer Tag gewesen.
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NKVD-Oberst Oleg Bergmann saß an seinem Schreibtisch. Der Geheimdienstoffizier las konzentriert. Die Papiere, die vor ihm auf dem Tisch lagen, waren das Ergebnis der Verhaftung und des Verhörs eines Verräters. Der Mann hatte in der staatlichen Lufttransportdienststelle gearbeitet und Informationen an Weiße und Piraten weitergegeben – wenn es da überhaupt einen Unterschied gab. In seinem Haus waren nicht nur Devisen, sondern auch einige interessante Dokumente gefunden worden. Aufbauend darauf hatte man den Verräter verhört – achtundvierzig Stunden, rund um die Uhr und ohne Gnade. Er war schon nach zwanzig Stunden „kooperationsbereit“ gewesen. Danach hatten die Verhörspezialisten des NKVD aus dem Mann alles herausgeholt, was er wusste – ALLES. Es ging um schnelle Ergebnisse, deshalb hatte man auf körperliche Gewalt gesetzt. Von dem Verräter war nichts geblieben, als ein wimmerndes, blutendes Bündel.
Oleg Bergmann sah auf seine Armbanduhr, dann las er weiter. Er zuckte nicht einmal zusammen, als von Draußen eine schneidende Stimme „OGON’!“ brüllte und eine Salve erklang.
Ruhig nahm Oberst eine andere Akte auf, die auf seinem Tisch lag und schrieb: „Urteil vollstreckt.“ Dann unterzeichnete er mit seinem Namen.

Mit einem kurzen Anflug von Unbehagen fragte er sich, ob bald ein anderer NKVD-Offizier unter eine Akte mit SEINEM Namen das gleiche schreiben würde. Die Operation war keineswegs verlaufen, wie erhofft. Die Verluste waren zu verkraften – aber es war nicht gelungen, die angreifenden Piraten zu vernichten. Natürlich hatten sie schwere Verluste erlitten, die in den Berichten gebührend herausgestrichen worden waren – aber es war keineswegs ein klarer Sieg gewesen. Die PUSCHKIN war schwer beschädigt worden. Sie hatte zwar ihren Zielhafen erreicht, aber den Rest der Strecke hatte die DIMITRI DONSKOJ Nahsicherung fliegen müssen. Dementsprechend waren weitere Piratenangriffe weitestgehend ausgeblieben. Immerhin konnten die Roten Flieger noch zwei Piratenflugzeuge abschießen, als eine andere Piratenbande sich etwas zu nahe heranwagte, bevor sie den hastigen Rückzug antrat. Das Gold hatte sicher (und ohne dass die List erkannt wurde) den Bestimmungsort erreicht.
Jetzt hing alles davon ab, wie die Führung entschied. Um das Militärische Oberkommando Fernost machte sich Bergmann keine großen Sorgen. General Grigori Shukow war roh, oft rücksichtslos, aber nicht ungerecht. Wenn ihm das Ergebnis nicht gefiel, würde er die beteiligten Mitglieder der Streitkräfte und der GRU zusammenscheißen, vielleicht auch jemanden degradieren – aber das würde alles sein.
Wenn hingegen die Dienststelle Fernost des NKVD zu der Ansicht kam, die Mission ein Reinfall gewesen war – nun, dann konnte Bergmann von Glück reden, wenn er mit einer Degradierung davonkam. Wahrscheinlicher aber würden dann zehn oder mehr Jahre Straflager sein. Oder das Todesurteil. Es war schwer abzuschätzen.
Doch diese Gedanken waren dem Oberst nicht anzusehen – man wurde nicht NKVD-Offizier, ohne zu lernen, sich Unsicherheit oder Unruhe nicht anmerken zu lassen.
Als es gegen die Tür hämmerte und auf Bergmanns „Wojdite!“ ein NKVD-Oberleutnant eintrat und salutierte, erwiderte Bergmann den Gruß ruhig und souverän.
„Genosse Oberst, Ein Fernschreiben aus Wladiwostok!“
„Geben Sie her.“ Auch Bergmanns Stimme klang ruhig und beherrscht. Wenigstens war nicht seine sofortige Verhaftung befohlen worden, ansonsten wäre der Oberstleutnant nicht alleine erschienen. Bergmann nahm den Papierstreifen und las. Er hätte fast gelächelt. Sie hatten Glück gehabt. Auch wenn die Führung den Erfolg für „geringer als erwünscht“ einstufte, zeigte sie sich insgesamt mit dem Konzept zufrieden.

Als Bergmann fünfzehn Minuten später Oberst Rybatows Büro betrat, grinste der Armeeoffizier frostig: „Ich habe die Nachricht bereits erhalten.“
„Die NKVD-Zentrale Fernost empfiehlt außerdem, die Aktion noch ein paar Mal mit anderen Risiko-Transporten zu wiederholen. Wenn sich das herumspricht, vor allem wenn wir passende Gerüchte lancieren, wird dies den Piraten und Weißgardisten einiges ihres Schneides abkaufen.“
„Nun, wir werden sehen was sich tun lässt. Moskau ist aber eher besorgt über diesen dilettantischen Versuch, uns auf die Japaner zu hetzen. Laut unseren GRU-Berichten…“ Rybatow grinste wieder dünn, die Rivalität zwischen NKVD und GRU war ein offenes Geheimnis, „…will Texas am liebsten einen neuen japanisch-russischen Krieg anstiften. Verdammte Hurensöhne. Wir haben strikte Anweisung – jedweder bewaffneter Zusammenstoß ist zu vermeiden, außer zur Selbstverteidigung.
Und GRU und NKVD sollen versuchen, mehr über die Aktivitäten dieser texanischen Banditen und Diversanten herauszufinden. Die GRU hat einen Mann an einer angeblich sicheren Quelle – aber diese Informationen gehen direkt nach Moskau. Wer weiß, was wir davon zu sehen bekommen – und wann. Wie sehen Ihre Möglichkeiten aus?“
„Wir sehen den Angriff auf die PUSCHKIN in direktem Zusammenhang mit der texanischen Provokation gegenüber Japan vor ein paar Tagen. Vermutlich wissen die Weißen, die an dem Angriff auf die PUSCHKIN beteiligt waren, mehr. Wir haben einige interessante Informationen und lose Enden, denen wir folgen können.“
„Moskau können Sie nicht mit diesen Versprechungen abspeisen, Genosse. Machen Sie bitte Druck.“
„Selbstverständlich. Inzwischen sollten wir jedoch die Piratenjagd…“
„Ich kenne meine Befehle. Ich werde sehen, was ich machen kann.“


Gleichzeitig, japanischer Marinegeneralsstab

Admiral Isoruko Yamamoto richtete sich auf. Seine Stimme klang ruhig und autoritär: „Wir sind uns also einig. Wir werden auf diese Aggression entschlossen, aber beherrscht reagieren. Der Flottenbesuch der ‚Akagi’ und ‚Shoho’ in Port Arthur dürfte das richtige Zeichen sein. Außerdem wird die Presse die Verlagerung der 12. Marineinfanterie-Division nach Manschuko…gebührend würdigen. Diese Verlegung war ohnehin geplant – und die Russen wissen das wahrscheinlich. Aber sie werden das Zeichen verstehen. Der…Vorfall auf den Aleuten wird hingegen vorerst nicht weiter thematisiert werden. Nicht, bevor wir nicht genauere Informationen über die Angreifer haben. Erfolgte der Angriff wirklich durch russische Maschinen? War es eine gezielte Provokation der Sowjetstreitkräfte? Oder nur ein lokaler Schlag von Militärs, die eine Entscheidung erzwingen wollen? Es hat solche Vorfälle schon gegeben.“
Im Kreis der Admiräle wurde geschmunzelt. Die japanischen Streitkräfte hatten mit eigenmächtigen Aktionen schon mehrfach die schwache und zögerliche Regierung zum Handeln gezwungen.
Admiral Nagumo schüttelte den Kopf: „Sie wissen genau, dass es in der Armee Kräfte gibt, die ein Losschlagen gegen die Russen bevorzugen. Sie wollen eine Revanche.“
„Und sie glauben wirklich, dass das Ergebnis diesmal ein anderes wäre? General Shukov hat uns zweimal sehr deutlich die Grenzen aufgezeigt. Es fehlt unserem Heer immer noch an genügend Panzern. Und auch die Luftstreitkräfte des Heeres müssen verstärkt werden. Der Krieg in China bindet weiterhin einen Großteil unserer Armee. Großangelegte Operationen in der Weite des russischen Raumes können wir uns nicht leisten. Vielleicht sähe es anders aus, wenn Russland in Europa gebunden wäre. Aber unsere Verbündeten haben trotz der Versprechungen ihres ‚Führers’ noch nicht einmal eine gemeinsame Grenze zur Sowjetunion. Außerdem wäre es Wahnsinn mit Frankreich und England als Nachbarn einen Krieg gegen Russland zu beginnen. Von dieser Seite können wir substanzielle Hilfe deshalb wohl kaum erwarten. Bestenfalls bindet das Deutsche Reich durch seine bloße Existenz und sein Potential einen Großteil des französischen Heeres und der britischen Flotte und Luftwaffe.
Unsere vordringliche Aufgabe muss weiterhin die Errichtung der großasiatischen Wohlstandszone sein. Und die Sicherung der nötigen Ressourcen an Lebensmitteln und Rohstoffen, die dem Kaiserreich Autarkie und die Verteidigung seiner Grenzen gewährleistet. Amerika ist zerfallen. Damit ist unserer Hauptgegner im Pazifik effektiv als Großmacht ausgefallen. Heute fürchten die Amerikaner eher eine Invasion ihres Kontinents, als dass sie sich bei einem Krieg gegen uns irgendwelche Chancen ausrechnen. Der pazifische Raum, die Kolonien der alten Kolonialmächte, sind zum Greifen nahe und nur schlecht verteidigt. In Indochina kann Frankreich noch nicht einmal die einheimische Bevölkerung kontrollieren. Singapur ist mehr ein Name, ein Propagandagespinst, als eine echte Festung. Aber ihr Fall würde die Herrschaft der Europäer endgültig als schwach und angreifbar entlarven. Großbritannien befindet sich in einem unerklärten Konflikt mit unseren Verbündeten. Frankreich ist immer noch geschwächt durch den letzen Krieg und starrt wie gebannt auf seine Nordgrenze. Diese Situation gilt es auszunutzen.
Und dies bedeutet vor allem den Ausbau der Marine und unserer Luftstreitkräfte – auch denen der Armee. Die Formierung neuer Luft- und Marinelandedivisionen. Es gibt in der Armee genug Offiziere, die wie wir nach Süden schauen. Wir müssen es nur verstehen, sie auf unsere Seite zu ziehen. Dann haben wir die Macht, der Regierung die nötigen Schritte abzunötigen.“
„Und der Kaiser?“
„Wird tun, was für Japan das Richtige ist.“ Die Blicke der Offiziere richteten sich bei diesen Worten unwillkürlich auf das Bild Kaiser Hiroitos. Sie alle wussten, der Kaiser war ein wenig entschlossener Mann, während die Politik de facto in den Händen des Militärs lag. Aber dennoch, wenn Hiroito eine Entscheidung treffen sollte, dann würden auch sie seinem Wort folgen. Er war der Kaiser. Und der Kaiser war Japan.

***
In der Deutschen Botschaft, Tokio

„Unsere japanischen Freunde scheinen ziemlich aufgebracht. Und diese Texaner sind wirklich versessen drauf, einen Weltkrieg auszulösen. Sie sind wirklich verrückt.“ Eugen Ott lachte bellend, während er noch einmal den letzten Funkspruch des deutschen Agenten überflog, der sich auf dem texanischen Kaperer eingeschleust hatte. Dann blickte der deutsche Botschafter auf und runzelte die Stirn: „Ist etwas, Richard?“
Richard Sorge schüttelte nur den Kopf und verzog den Mund zu einem bitteren Lächeln: „Manchmal schmerzen die alten Wunden wieder.“
Eugen Ott glaubte zu begreifen: „Glaub mir, Richard, ich verstehe dich. Verdammt, ich weiß doch, was ihr damals in den Schützengräben durchgemacht habt. Aber glaub mir, dieser Krieg wird anders werden. Ganz anders. Diesmal werden die Bolschewisten uns nicht mehr in den Rücken fallen.“
„Ja. Dieser Krieg wird anders werden…“ Dann wirkte das Gesicht Sorges wieder ruhig und entschlossen: „Nun, genug mit den alten Grillen. Deswegen hast du mich ja nicht hergerufen.“
„Ich wollte dir eigentlich nur mitteilen, dass Berlin deine Expertise in den höchsten Tönen gelobt hat. Mach so weiter, und sie ernennen mich noch zum Botschafter England. Wie würde dir das gefallen?“ Eugen Ott lachte. Der Botschafterposten in England wurde nur von den besten Beamten des Auswärtigen Amtes bekleidet. Gleichzeitig aber war der Posten ein Schleudersitz – nur wenige Männer hielten sich dort länger als ein, zwei Jahre, bis eine politische Krise, eine Agentenaffäre, eine gewollte oder ungewollte diplomatische Indiskretion die Ablösung erzwangen.
„Ich würde dich vermissen, Eugen.“ Das meinte Richard Sorge sogar ernst.
„Du würdest natürlich mitkommen, Richard.“
„Was soll ich in London? Ich hasse das englische Wetter. Und die Engländer…Die Japaner haben wenigstens nicht drei Jahre lang versucht, mich umzubringen.“
„Und die englischen Frauen können wohl auch nicht mithalten, nicht wahr?“ Eugen Ott lachte schallend.
Richard Sorge lächelte nur: „Mein Platz ist hier, Eugen.“ Und auch das meinte er ernst. Und im Stillen schwor er sich, alles – ALLES - zu unternehmen, damit diese neue Provokation nicht das wurde, was sich diese verdammten texanischen Kapitalisten erhofften. Und worauf Botschafter Ott spekulierte. Dieses hinterhältige Intrigenspiel würde sich nicht zu einem neuen Krieg ausweiten – einem Krieg, der leicht den gesamten asiatischen Raum, die Sowjetunion, Japan und China in einen blutigen Taumel der Vernichtung stürzen könnte.
Ein paar Schüsse in Sarajewo hatten vor zwanzig Jahren den Imperialisten gereicht, einen weltweiten Krieg zu entfachen, der ihm selber seine Gesundheit und Millionen Menschen das Leben gekostet hatte. Was immer in seiner Macht stand, um eine Wiederholung dieses Wahnsinns zu verhindern, musste er tun. Und würde er tun.

***
Etwas Später, Berlin, RSHA

„Also Seattle.“ Sturmbannführer Friedrich Hoffmann grinste raubtierhaft. Sein ‚Mann’ bei der Abwehr – wenn man diesen Päderasten einen Mann nennen konnte – lieferte weiterhin und pünktlich alles, was dieser Abwehragent von Bord des Piratenluftschiffs sendete.
Er hatte allen Grund zur Zufriedenheit. Denn jetzt fühlte er die lang ersehnte Beute schon beinahe in Reichweite. Er würde nicht länger warten. Wenn Friedrich Hoffmann seine Möglichkeiten jetzt klug nutzte, dann würde Thomas David Marquardt bald in seiner Hand sein. Lebendig oder tot. Und dann wäre endlich dieser Makel aus seiner Akte und seinem Leben getilgt. Marquardt wusste es natürlich nicht. Aber wenn er, Sturmbannführer Friedrich Hoffmann – und bald vermutlich wieder Obersturmbannführer – etwas zu sagen hatte, dann würde Marquardt in Seattle bereits erwartet werden. Und dieser verdammte verjudete Verräter würde dies erst dann bemerken, wenn es zu spät war.

***
Kaum einer der Männer und Frauen an Bord der NORTH STAR konnte richtig ermessen, wie viel Unruhe und Befürchtungen die zwei unbedeutenden Angriffe hervorgerufen hatten, an denen sie teilgenommen hatten. Und keiner von ihnen wusste, wie viel wirklich über sie bereits bekannt war und welche Kräfte sie zu entfesseln riskierten. Hätten Sie es gewusst, vielen an Bord wäre es wohl schwer gefallen zu schlafen. Aber nicht einmal Ernst von Stahlheim kannte die Ausmaße und die Gefahren des unsichtbaren Netzes, dass sich langsam um die NORTH STAR zusammenzuziehen drohte. Nachdem der Agent seine letzte Funkmeldung abgesetzt hatte, hatte er das Gerät wieder versteckt. Bis Seattle wollte er Funkstille halten, alles andere wäre zu riskant gewesen. Während er noch einmal die Wandplatte, die das Funkgerät verbarg, nach verräterischen Kratzspuren absuchte, wanderten seine Gedanken unwillkürlich zu einer bestimmten, rothaarigen Abwehr-Agentin in Sky Haven. Der deutsche Offizier lächelte kurz, fast wehmütig.
13.02.2020 17:49 Tyr Svenson ist offline E-Mail an Tyr Svenson senden Beiträge von Tyr Svenson suchen Nehmen Sie Tyr Svenson in Ihre Freundesliste auf
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Prolog:

„Das ist es also“, murmelte Dave leise. Er hätte gelacht, wenn ihn das nicht an die blau geschlagenen Augen, die dick geschwollenen Wangen und die diversen blauen Flecke und Rippenbrüche auf seinem Oberkörper erinnert hätte. Seine Handgelenke schmerzten und das atmen fiel ihm schwer. Verdammt, wie hatte er nur in diese Situation kommen können?
Wieso saß er jetzt hier, auf einen Stuhl gefesselt, die Augen verbunden und furchtbar verprügelt?
Wann war er so unachtsam geworden? Er, der immer auf der Flucht vor der Gestapo und der RSHA gewesen war, der dem militärischen Geheimdienst immer ebenso einen Schritt voraus gewesen war wie privaten Häschern, die den Preis auf seinen Kopf hatten kassieren wollen.
Er, der sich in der Welt der Piraten durchgeschlagen hatte und nebenbei noch auf ein kleines Mädchen hatte aufpassen müssen.
Er, der… Nun, in irgendeiner Lagerhalle in Seattle oder Umgebung saß, der heftig mit den Schmerzwellen zu kämpfen hatte, die ihn regelmäßig überfielen und nicht wusste, wann man ihm einfach eine Kugel durch den Kopf jagen würde.
Wer hatte ihn überhaupt erwischt? Die Offiziellen? Geheimagenten? Kopfgeldjäger? Gekaufte Schläger?
Die Offiziellen und der Geheimdienst wollten ihn eher tot sehen als die Chance zu haben, dem Verräter Marquardt in Berlin den Schauprozess zu machen.
Kopfgeldjäger würden sich zumindest vergewissern, dass sie mit ihm die richtige Beute hatten, bevor sie ihm den Kopf von den Schultern bliesen.
Und gekaufte Schläger würden gar nichts tun, bevor sie nicht neue Anweisungen bekamen.
So oder so, er saß in der Scheiße und er konnte nichts dagegen machen.
Dabei waren die Zeiten ohnehin nicht rosig für ihn und die NORTH STAR gewesen…

1.
Nach der Aktion gegen die Kommunisten und die Japaner in Kanada war die NORTH mit vollen Lagerräumen weiter gezogen. Die Beute war dick und fett gewesen, wenngleich ein wenig einseitig. Immerhin hatten sie vier Zigarren gekapert und einer fünften kräftig den Arsch versohlt, obwohl sie der Köder in einer Falle gewesen war – der sie selbstredend auch entkommen waren.
Nachdem sie sich von ihren weißen Verbündeten getrennt hatten, die sehr viel mehr gelitten hatten als die Besatzung der NORTH, hatte Dave Befehl gegeben, den erstbesten kanadischen Flughafen anzusteuern der sie landen lassen würde.
Gegen ein erhebliches Bestechungsgeld, der Mountie nannte es Beteiligung am schwachen Stand der Sozialkassen, war es ihnen erlaubt worden, auf Victoria Fields zu landen, nahe der großen Stadt Victoria, der größten Siedlung auf Vancouver Island.
Armstrong hatte einiges des Erdöls verkauft, dass sie erbeutet hatten, nicht jedoch Pelze und dergleichen. In dieser Region hatten die Kanadier selbst genug davon und hätten nur zu Dumpingpreisen gekauft.
Anders würde es in Seattle aussehen, das sich zu einem beträchtlichen Umschlagplatz für Kaperer entwickelt hatte, die im Nordpazifik auf Beutefang gingen.
Nun, immerhin hatte ihnen diese Entwicklung erlaubt, ihre Verletzten, Klutz und Happy, zu einem verdammt guten Wundarzt zu schaffen.
Dave hatte die Gunst der Stunde und diesen hervorragenden Arzt genutzt, um ihm ein sehr unmoralisches Angebot zu machen.
Als sie drei Tage später abflogen begleitete sie der beste – beileibe aber nicht der einzige – Arzt von Vancouver Island.
Für seine Entscheidung sprach nicht nur der erwartete Offiziersanteil an der Beute, sondern auch die einmalige Prämie von eintausend Greenbucks, die ihm Dave im Voraus für drei Monate Dienst auf der NORTH gezahlt hatte.
Das Geld ruhte jetzt fest verzinzt auf einer Bank in Victoria und die NORTH hatte einen extrem kompetenten, aber noch sehr jungen Arzt, der sich sein Selbstvertrauen durch sein erhebliches Können erst verdienen musste.
Das spielte vielleicht auch eine Rolle bei seiner Entscheidung. Der junge Mann war vorher nur für das Studium in Vancouver von der Insel fort gekommen und gleich nach seiner Doktorarbeit zurückgekehrt. Viel gesehen hatte er also nicht von der Welt und als junger Mensch war es nur zu verständlich, dass er ein wenig von der großen weiten Welt erschnuppern wollte.
Zwei Tage später verließen sie kanadisches Territorium, eskortiert von einer Staffel Mountie-Piloten in Avengers. Ein kleines Dankeschön des Captains von Vancouver Island für die großzügige Spende an den Sozialfonds. Aber vielleicht wollte Jenkins auch nur sichergehen, dass Armstrong mit seiner Kapererbande auch wirklich das kanadische Gebiet verließ.

„Doktor Mertens!“
Der Arzt der NORTH sah erschrocken auf. Gerade hatte er mit Hilfe eines seiner Sanitäter, die von den Marines gestellt wurden – er hatte schon danach gefragt, ob ihm nicht permanentes Pflegepersonal zugewiesen werden konnte, und eine Schwester würde das Budget der Zigarre sicher nicht überlasten – einen Verband bei Klutz gewechselt, was der dicke Mann von Empire dazu genutzt hatte, um lautstark mit seinen fliegerischen Leistungen anzugeben und wie er der Übermacht der Kommunisten entkommen war, lautstark begleitet von Stick, seinem Heckschützen aus den Industrials, der jede freie Minute bei seinem Partner verbrachte, als Sam den Doc aus seiner Arbeit aufschreckte.
„Sam, verdammt, schleiche dich nicht von hinten an! Und brüll mir nicht ins Ohr!“, mahnte der Nachfahre deutscher Einwanderer ernst, nachdem sein Puls wieder die Ruhezone erreicht hatte.
Mit einem unverschämten Grinsen, das ihre kurz gemurmelte Entschuldigung ad acta legte, winkte sie ihm, ihr zu folgen.
Arthur Mertens war beinahe sofort mit allen am Bord gut klar gekommen, was nicht zuletzt daran lag, dass es sich keiner mit jemandem verscherzen wollte, der vielleicht mal das eigene Leben unter dem Skalpell hatte, aber er hatte schnell die Hierarchie an Bord verstanden. Er wusste dass Samantha als Chefin der Techniker ganz oben auf der Fressleiter stand, noch über den meisten Piloten. Ausgenommen natürlich Steel, dem Chef der zweiten Staffel und den Commander selbst. Deshalb folgte er ihr nach einer kurzen Einweisung an den Pfleger, damit dieser seine Arbeit zu Ende führte.

Er folgte Sam durch die halbe Zigarre und fragte sich dabei irritiert, wieso der schlotternde Overall, mit dem die Frau aus Texas zu arbeiten pflegte, ausgerechnet bei der kleinen, schlanken Frau am Hintern so eng sitzen musste. Nicht, dass er es als wirklich unangenehm empfand.
Als sie im Hangar ankamen, erwartete ihn ein Höllenlärm. Steel drillte Cat Pack und Dog Pack wieder einmal im Nachtflug und übte die Landung am Haken. Wie es schien verlief die Übung ohne Schwierigkeiten und würde ihm keine neuen Patienten bescheren.
Zufrieden folgte er Sam weiter und landete an der großen Hangartür.
Dort stand Dave Stone, der Chef der fliegenden Zigarre, hielt sich an einem Handgriff fest und sah Silence dabei zu, wie er mit seiner Mühle aus dem Schiff kippte.
Armstrong lächelte dünn, als der schwere zweisitzige Jagdbomber vom Typ Brigand durchsackte, bevor der mundfaule Indianer die Maschine abfangen konnte. Dabei schoss sie aus dem Erfassungsbereich der Scheinwerfer und tauchte auch nicht wieder darin auf.
„Nettes Schauspiel, Chef!“, rief Arthur über den Lärm hinweg.
Armstrong grinste ihn an, nickte Sam zu, die sich mit einem freundlichen Lächeln entfernte und bedeutete dem Kanadier, sich an einem Griff festzuhalten.
„Was kann ich für Sie tun, Chef? Kneift es irgendwo?“
Das sollte ein Scherz gewesen sein, aber seit er an Bord der Zigarre war, hatte er festgestellt, dass vor allem die männlichen Piloten eine ausgenommen sture Rasse waren. Bevor ihr Blut nicht zu zwei Dritteln in einem Cockpit verschmiert war oder sie vor Schmerzen nur noch kriechen konnten, kamen sie nicht gerne zum Doc.
Armstrong grinste breit. Dann deutete er hinaus.
Arthur Mertens folgte der Handbewegung automatisch…Und erstarrte in Ehrfurcht.
Vor ihm breitete sich ein Lichtermeer aus, wie er es noch nie gesehen hatte. Dicht an dicht reihten sich die Lampen, bildeten ein komplexes Netz aus Straßen, Gassen und Winkeln. In der Ferne verschmolzen sie zu einer uniformen Masse.
„Wow.“
Armstrong grinste ihn an. „Ist ein wenig was anderes als Victoria bei Nacht, was?“
„Das können Sie laut sagen. Welche Stadt ist das?“
„Erlauben Sie mir, Sie einander vorzustellen. Doktor Arthur Mertens, Seattle. Seattle, Doktor Arthur Mertens. Die Hauptstadt von Pacifica.“
Dave Stone grinste nur noch breiter. „Habe ich Ihnen zuviel versprochen, Doc?“
„Das…Das ist…Ich hätte nie gedacht, dass…Ich meine, ich kenne Vancouver bei Nacht, aber aus so einer Perspektive habe ich noch nie eine so große Stadt gesehen. Das ist wie ein Wunder.“
„Und die Wunder enden hier nicht. Warten Sie erstmal ab, bis Sie Los Angeles, Sky Haven, Chicago oder New York bei Nacht gesehen haben.“
Armstrongs grinsen verschwand. „Wir werden ein paar Tage hier bleiben. Verkaufen, was wir hier abstoßen können, Treibstoff, Ersatzteile und Munition bunkern. Und dann machen wir uns weiter auf nach Sky Haven, wo wir den Rest verkaufen werden. Dort sehen wir uns auch nach einem neuen Piloten um.“
Müde rieb sich Armstrong den Nacken. „Ich musste bei dieser Kampagne frustrierender weise feststellen, dass meine Planung einen dicken Fehler enthält. Ich hätte von vorne herein einen Reservepiloten mitnehmen sollen. Eine Maschine, die man nicht in die Luft bringt ist wertlos. Und unsere Ersatzmühle, die Devastator, hätte uns ab und an hilfreich sein können.
Außerdem brauchen wir Ersatz in der Luft, solange Klutz ausfällt. Von Happy ganz zu schweigen.“
„Ein paar Tage, hm?“, erwiderte der Doc und offenbarte damit, dass er überhaupt nicht zugehört hatte. Mit glänzenden Augen sah er auf die Stadt nieder. „Kann man sich hier irgendwo amüsieren? Ich meine nicht gerade ne Kneipenschlägerei. Aber eine gemütliche Bar, nette Leute, etwas Weltstadtflair…“
„Durchaus. Pacifica ist eine der Nationen, die in Prohibition lebt. Aber das hiesige Gesetz ist etwas…Flexibel. Es verbietet, Alkohol zu produzieren oder ins Land zu bringen. Es verbietet nicht, ihn zu lagern oder zu verkaufen. Oder sogar zu trinken. Das heißt, die Menschen hier sind sehr findig dabei, wie sie dennoch an ihre Ration kommen. Und dementsprechend gibt es schon einige nette Läden in der Stadt, die Sie sich mal ansehen sollten, Doc.
Außerdem gibt es drei, vier ziemlich wohltätige Familien mit riesigen Vorräten an Alkohol, die sie bei Festivitäten recht freimütig ausschenken. Gegen eine Spende für einen wohltätigen Zweck können ordentlich gekleidete und gesittete Menschen wie Sie und ich durchaus auf diese Feiern kommen.“
„Verstehe.“ Mertens deutete auf eine Ansammlung naher Lichter. „Was ist das? Ein Vorort?“
Armstrong kramte in seiner Erinnerung. Die Richtung, die Position. Er suchte nach markanten Gebäudemerkmalen, nach Straßen und anderen Hinweisen und verglich sie mit der Karte in seinem Kopf, die er von Seattle hatte. Schließlich kam ihm die Erkenntnis. „Ach. Ein Zeppelin.“
„Ein Zeppelin?“ Verwundert rieb sich der Doc mit der freien Hand das Kinn.
„Ein ganz besonderer. Um genau zu sein, eigentlich eine Bar.“
„Haben Sie nicht gerade gesagt, es sei ein Zeppelin?“
Armstrong lachte rau auf. „Die Geschichte ist etwas länger. Das da war früher mal der letzte Schnapstransport, der Pacifica vor der Prohibition erreichte. Aber anstatt vorschriftsmäßig zu landen, stürzte das Ding dort ab. Die Fracht blieb nahezu unversehrt, und da man nichts Besseres damit anzufangen wusste, machte man eine Bar draus, um den Alkohol gleich an Ort und Stelle zu verkaufen. Jeder Gast hat so genannte zwei Shots, die er pro Abend bekommt. Das bezieht sich auf den Whisky, der an Bord ist.
Das Geschäft wird so lange laufen, wie die Vorräte nicht erschöpft sind.“ Er nickte in Richtung der Lichter. „Deshalb die zwei Shots pro Gast und Abend. Aber der Schuppen ist dennoch sehr gut besucht, auch wenn der Whisky ziemlich teuer ist. Und merkwürdigerweise gibt es selbst jetzt, nach Jahren, noch immer kein Anzeichen, dass die Vorräte zur Neige gehen…“
„Was wollen Sie damit andeuten, Chef? Das sich die Bar immer wieder mit neuem Stoff versorgt?“
Armstrong klopfte dem Arzt mit der freien Hand auf die Schulter. „Der Gedanke liegt nahe, oder? Die Prohibition hat nicht funktioniert. Warum Pacifica sie nicht aufhebt weiß ich nicht, aber in manchen Vororten kann man sehen, wozu sie geführt hat. Es gibt einige kleinere Städte dort draußen, in denen schlimmer gesoffen und gehurt wird als in New Orleans.“
„Oh.“ Arthur sah den Commander erstaunt an. Natürlich kannte er die Gerüchte über Dixie und auch die Gerüchte über New Orleans, den Sündenpfuhl der modernen Welt. Einen solchen Vergleich zu treffen bedeutete einiges.
„Kö…Können wir uns da mal umsehen? Bei Gelegenheit? Ein wenig vielleicht, Chef?“
Armstrong grinste. „Sicher. Wie sicher sind Sie mit der Pistole, Doc?“
„Geht so.“
„Dann sollten wir definitiv ein paar Marines mitnehmen.“

Scheinwerfer schossen in den Nachthimmel, griffen nach de NORTH STAR. Der riesige Zeppelin korrigierte nach und hielt nun auf die Scheinwerfer zu.
„Nett“, kommentierte Armstrong. „Seattle lässt uns tatsächlich bei Nacht landen.“ Er runzelte die Stirn. „Was das wieder kosten wird…Gehen Sie wieder an Ihre Aufgaben, Doc. Ich wollte Ihnen nur mal einen Hauch der großen weiten Welt zeigen.“
Arthur nickte, obwohl er diese Worte auch als Beleidigung hätte auffassen können. Als kleiner Hinweis auf sein eher ländliches Weltbild. Als…Ach, es war müßig, darüber nachzudenken und einfach, die Worte als das zu nehmen, was sie sicherlich waren: Mit freundlichem Spott unterlegte Wahrheit.
„Das werde ich. Vor dem Abendessen wollte ich mir Happy noch mal ansehen.
Ach, und danke, Chef.“
„Danke wofür, Doc?“
„Danke, dass Sie mir einen Hauch der großen weiten Welt gezeigt haben.“
Armstrong schmunzelte dünn. „Gern geschehen“, murmelte er, während Silence zwanzig Meter hinter ihnen an den Haken genommen wurde. Nachtflug erfolgreich.
13.02.2020 17:50 Tyr Svenson ist offline E-Mail an Tyr Svenson senden Beiträge von Tyr Svenson suchen Nehmen Sie Tyr Svenson in Ihre Freundesliste auf
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