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Zum Ende der Seite springen Beyonder: Für die Erde 2 Bewertungen - Durchschnitt: 10,002 Bewertungen - Durchschnitt: 10,002 Bewertungen - Durchschnitt: 10,002 Bewertungen - Durchschnitt: 10,002 Bewertungen - Durchschnitt: 10,00
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Beyonder: Für die Erde Auf diesen Beitrag antworten Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen Diesen Beitrag editieren/löschen Diesen Beitrag einem Moderator melden       Zum Anfang der Seite springen

Beyonder: Für die Erde

Prolog:
Eine kleine Gemeinschaft Menschen wurde aus ihrem bisherigen Leben gerissen und auf einem fremden Planeten ausgesetzt. Bewaffnet mit einer überragenden Technologie, die allem weit überlegen ist, was die Menschheit bis zu diesem Moment kannte, müssen sich normale Menschen ohne militärische Ausbildung einem Feind stellen, der nur ihre totale Vernichtung im Sinn hat.
Lediglich Alex Tarnau, ein deutscher Reserveoffizier, versucht in diesem Chaos die Ordnung zu finden und so viele Menschen wie möglich zu retten.
Anfangs sind es zwanzigtausend Menschen, deren Heimatländer fast alle Länder der ersten und zweiten Welt auf der Erde umfassen, doch je mehr Alex Tarnau und seine Gefährten über ihre Situation erfahren, desto größer wird diese Zahl.
Alex Tarnau erfährt von Herold L´Tark, einem Mitglied des Volkes der Schöpfer, welches sie alle entführt hat, wer ihre Gegner sind, warum sie gegen diese kämpfen sollen – und warum die ausgebildeten Soldaten, die zuvor gegen den Feind, die Varni, gekämpft haben, versagten.
Die kleine Gemeinschaft, die sich Beyonder nennt, tritt gegen die Varni an, tritt gegen die Soldaten an und stellt sich dann dem ultimativen Feind, einer ganzen Flotte mit Varni-Soldaten. Zu diesem Zeitpunkt umfassen die Beyonder bereits fast alle einhunderttausend Menschen, Zivilisten wie Soldaten, die von den Schöpfern auf dieser Welt ausgesetzt worden waren.
Die Menschen um Alex Tarnau siegen und erobern den Großteil der Flotte des Admirals Porma el Tars. Und sie müssen sich erneut einer schockierenden Erkenntnis stellen. Es gibt neun weitere Welten, auf denen entführte Menschen ausgesetzt wurden und kämpfen müssen.
Diese zu finden und zu vereinen ist nun das wichtigste Ziel der Beyonder, bevor der nächste Schlag der Varni sie alle auslöscht.



1. Verzweiflung

„Zusammenbleiben!“ Kevin Duvalle schrie die Worte regelmäßig, und bisher schienen sie Wirkung zu zeigen. Die Phalanx aus weißen Rüstungen stand noch immer – trotz des Beschusses durch die Kampfpanzer in Form von Raketen und Granaten. Trotz der immer größer werdenden Zahl an Ausfällen, die in das Innere des Quadrats getragen wurden, welches die noch fünfhundert Rüstungen bildeten.
Sie waren eingekreist, überrumpelt und hatten keinerlei Chance auf einen Ausbruch. Der Gegner, die Varni, waren ihnen zudem achtfach überlegen.
Gewiss, die weißen Rüstungen waren besser bewaffnet, schneller und agiler. Aber das nützte ihnen in dieser Falle herzlich wenig.
Nachdem Kilgore gefallen war hatte sich Kevin ein Herz gefasst und aus der Not eine Tugend gemacht. Niemand hatte ihn gewählt, niemand hatte jemals auf ihn gehört, aber als das Chaos am Größten gewesen war, da war seine Stimme die lauteste gewesen.
Nun standen sie hier, auf einer Hochebene, festgenagelt, von allen Seiten umringt und schwerem Beschuss ausgesetzt.
Sie bildeten ein Viereck von knapp dreißig Metern Seitenlänge. Die Schützen bildeten drei Reihen á dreißig Mann und warteten auf seinen Feuerbefehl. Im Quadrat warteten gut hundert Rüstungsträger, um die Plätze derer einzunehmen, die ernsthaften Schaden hatten einstecken müssen. Die Schreie der Verwundeten klangen sogar über den Kampflärm bis zu ihm herüber, während einige Gewitzte versuchten, die halb zerstörten Rüstungen zu zerlegen, um andere wieder gefechtsklar zu kriegen.
Kevin machte sich nichts vor. Ihre Gegner, die Varni, würden keine Gnade gewähren. Sie würden jeden und alle töten, die sie antrafen, egal ob sie in Rüstungen steckten oder nur das schwarze Unterfutter trugen.
Er selbst hatte es erlebt. Einmal, zweimal, immer wieder.
Als sie dann mitten in dieser Savanne festgenagelt worden waren, als ihr gewählter Anführer gestorben war, da hatte sich Kevin an seine Schulzeit erinnert. Es war ausgerechnet eine Lektion über den Zulu-Aufstand in Südafrika gewesen, bei dem gut hundert gut ausgebildete Infanteristen gegen das Zehnfache an afrikanischen Kriegern hatten antreten müssen. Gute Taktik, überlegene Waffen und eiserne Disziplin hatten den meisten Soldaten das Leben gerettet, während der Tod Roulette spielte und Leben ohne jedes Muster nahm.
Beim letztendlichen Sturmangriff auf die geschlossene Front waren die Zulu-Krieger schließlich abgeschlagen worden, einmal, zweimal…

Genau dies imitierte er hier gerade. Eine stabile Front, eiserne Disziplin, in manchen Fällen aber eher wohl reine Angst und die Erkenntnis alleine verloren zu sein, sowie Geduld. Eiserne Geduld, während Menschen starben. Menschen, die auf ihn gehört hatten, die nun diese Phalanx bildeten, anstatt weiter kopflos zu fliehen. Doch genau bei dieser Flucht wären sie noch verletzlicher gewesen. Noch viel mehr wären gestorben, vielleicht sogar alle.
Kevin hatte diese Formation aus dem Nichts gestampft, ebenso drei Rüstungsträger, die er kurzerhand für die anderen drei Seiten verantwortlich gemacht hatte, damit die Reihen hielten.
Wieder erklang Olav Petersons Synthesizer und imitierte eine Trillerpfeife. Der Mann war in den zwei Stunden, die dieses Debakel nun schon dauerte, enorm gewachsen und hielt seine Reihen gut geschlossen. Die Trillerpfeife war weit über den Schlachtlärm zu hören und erinnerte die Männer und Frauen daran, nicht alleine zu sein.
Dennoch. Kevin wusste wie es weitergehen würde. Sobald die Varni glaubten, seine Truppe gut genug zusammen geschossen zu haben, würden sie mit Panzern und Infanterie direkt angreifen. Und wenn dann eine Seite des Quadrats nachgab, waren sie alle verloren.

Übergangslos endete das Sperrfeuer. Kevin erweiterte die Reichweite seiner Ortung um das Zehnfache und erkannte den Grund. Die Picker-Panzer begannen sich zu formieren, während die Bully-Panzer neue Positionen einnahmen. Die kleineren Picker würden nun sicherlich bald angreifen, während die Bullys noch einmal Sperrfeuer geben würden, bis die Picker die Rüstungen erreicht hatten.
„Bereit machen!“, rief Kevin laut. Er hoffte, dass seine Stimme nicht wirklich so entsetzlich quiekte, wie er es selbst empfand.
„Bereit machen!“, kam es von Olav herüber, begleitet von der obligatorischen Trillerpfeife.
„Bereit machen!“, kam es jetzt auch von Samantha Gordon und Sergej Jelzin.
Kurz regte sich Unruhe in den Reihen, doch als die ersten Raketenwerfer aus den Armen ausfuhren war dies wie ein Beruhigungsmittel für die Leute. Die drei Reihen standen, während Helfer die Feuerpause nutzten, um weitere Verletzte nach innen zu holen.
„Da kommen sie“, hauchte Kevin und hob den rechten Arm. Diese Geste war unnötig, jedermann würde ihn hören können, sobald er den Feuerbefehl gab. Aber er brauchte diese Geste. Er brauchte das Gefühl, wirklich etwas zu tun.
Sie hatten Minen aus den Beintaschen ausgelegt, alles was sie noch hatten. Auf sie würden die Panzer zuerst treffen – kurz bevor sie in Reichweite kamen, um die Flammer einzusetzen.
Die Flammer, diese furchtbaren Flammer…
Die Panzer ruckten an. Kevin wechselte auf Vergrößerung, sah die Picker, als wären sie zum greifen nahe. Und die Infanterie, welche sich zwischen den Panzern bewegte, sah die langen Kampfmesser aufblitzen. Dies wurde wirklich ihr letztes Gefecht. Und der, der zuletzt stand, hatte gewonnen.

Die Panzer rasten los, zugleich setzte der Beschuss wieder ein. Direkt neben Kevin explodierte eine Granate, warf zwei Rüstungen nach hinten. Sofort ersetzten zwei Mann der Reserve ihre Posten.
Über ihnen vergingen Dutzende Raketen in den Abwehrmaßnahmen der Rüstungen, mit die letzten, über die sie verfügten. Waren die verbraucht, konnten sie nur noch hoffen, die Raketen mit den Miniraketen abschießen zu können.
Dann explodierte die erste Mine, riss einen der Panzer vom Boden, warf ihn um.
Damit hatte er ein Signal gegeben, weitere Panzer liefen auf die Minen, gewitztere Panzerbesatzungen, die drei oder mehr Meter über dem Boden schwebten, wurden durch die Luft getrieben und rammten verbündete Fahrzeuge.
Aber bei zweihundert angreifenden Panzern, dazu drei-viertausend Infanteristen in den grünen Rüstungen machten zwanzig Ausfälle überhaupt nichts. Kevin konnte nur hoffen, dass die Varni damit aus dem Konzept gebracht waren und ihrem Angriff die nötige Härte fehlen würde, die sie letztendlich brauchen würden, um die Phalanx zu zerschlagen.
Kevin zoomte wieder zurück, sah erneut eine Mine hochgehen. Der betroffene Panzer explodierte, die eingelagerte Munition ging ebenfalls hoch.
Und dann… „FEUER!“, brüllte der junge Mann und riss den Arm herab.
Sofort feuerten seine Reihen zugleich ihre Waffen ab. Einige Panzer wurden Dutzende Male getroffen, gingen in Flammen auf, explodierten, während andere nur einen oder zwei Raketen abbekamen.
Wieder erklang die Trillerpfeife über den Lärm, die anderen schrieen Befehle.
„FEUER!“, brüllte Kevin erneut, und wieder schoss seine Phalanx, fügte den dreiundzwanzig zerstörten Panzern neun weitere hinzu.
Er wagte es nicht, auf dem Ortungsdisplay nachzusehen, wie gut sich die anderen Seiten schlugen. Wenn die Varni einbrachen, wenn sie von hinten attackierten, die schrecklichen Flammer einsetzten, dann ging es hoffentlich schnell.
„FEUER!“
Der Angriff der Panzer stockte, die Verlustzahlen erreichten die hundert. Brennende Wracks bedeckten den Boden vor Kevin. Die Infanterie, die nun fast in Feuerreichweite war, stockte, als die ersten Panzer abdrehten und zurückkehrten.
Jubel brach aus, als die Varni diesen Angriff aufgeben.
„DISZIPLIN!“, rief Kevin in den Lärm hinein. „Dies war erst der erste Angriff. Ihm wird ein zweiter folgen, ein dritter und so viele, bis sie entweder Nachschub kriegen oder wir vernichtet sind! Unsere einzige Chance ist es, sie bei jedem Angriff mächtig bluten zu lassen und dann im richtigen Moment auszubrechen, wenn sie müde und geschlagen sind! Es wird keine Verstärkung für uns geben, also haltet die Reihen geschlossen!“

Dies war der Moment, in dem aus der Ferne Donner herüber hallte. Kevin sah hoch in den Tageshimmel und erstarrte. Über ihnen schien ein neuer Stern zu stehen. Nein, ein Stern am helllichten Tage? Der zudem noch expandierte und schließlich verblasste?
Wieder erklang der Donner. Brachten die Varni eines ihrer Kampfschiffe für ein Bombardement in Position?
Zwischen seinen Leuten brach Unruhe aus.
„DISZIPLIN!“, blaffte Kevin wieder. „Sie wollen uns bombardieren! Und genau das ist unsere Chance! Wenn die ersten Granaten einschlagen, dann schnappt euch die Verwundeten und flieht in die Berge drei Kilometer nördlich von uns! In all den Explosionen, dem Staub und der Hektik werden sie uns nicht erwischen und in den Bergen sind wir ihnen überlegen! Macht euch bereit!“
„Ihr habt den Chef gehört, Leute! Nehmt die Verwundeten auf und nehmt an Rüstungen und Munition mit, was immer wir noch gebrauchen können!“, rief Peterson
„Chef?“ Für einen Moment war Kevin ehrlich verwirrt. Und noch viel verwirrter, dass niemand widersprach.

Die Panzereinheiten der Varni zogen sich weiter zurück, ebenso die Rüstungen. Nein, wenn Kevin genauer hinsah, dann… Was war bei den Varni los? Wieso diese Hektik, dieses Durcheinander?
Er musterte erneut den Himmel, schaltete seine Vergrößerung auf Maximum und erschrak beinahe zu Tode, als dieses riesige Ding auf ihn zugeschossen zu kommen schien!
Ein riesiger Transporter der Varni schoss beinahe direkt auf sie hinab! Doch Verstärkungen? Sollten sie mitten in der Phalanx abgeworfen werden? Konnte konzentrierter Beschuss den Transporter vernichten?
Die gigantische Maschine drehte ab, ging tiefer und öffnete die Frontklappe. Nach und nach fielen Panzer und Rüstungsträger daraus hervor. Kevin zählte mit und kam schnell auf die Zahlen zehn Panzer und fünfzig Rüstungen.
Was aber wesentlich bemerkenswerter war, das war die Tatsache, dass Panzer und Rüstungen unsichtbar wurden!
Hinter ihnen brauste ein weiterer Transporter heran, vollführte das gleiche Manöver. Ein dritter kam von den Bergen heran und entlud ebenfalls Truppen und Panzer.
All diese Maschinen und Truppen wurden unsichtbar. Und dann begann die eigentliche Schlacht, als die unsichtbaren Truppen die fliehenden Varni angriffen.

„Was ist denn jetzt auf einmal los?“, fragte Kevin verwirrt.
„Das kann ich Ihnen wohl am besten erklären, Kevin Duvalle“, erklang in seinem Helm eine fremde Stimme. Zugleich markierte sein Kommunikationssystem einen neuen Kontakt, der… über ihm war?
„Mein Name ist Alex Tarnau. Ich bin der Anführer einer Gruppe namens Beyonder, die gut hunderttausend Menschen wie Sie umfasst. Wir kommen von Zehn Steine, einer Welt im Nachbarsystem von Sommertraum. Und wir sind hier, um Sie zu retten.“
Diese so trocken hervor gebrachten Worte ließen den jungen Mann erstarren. Er fühlte, wie ihn grenzenlose Erleichterung erfasste, umhüllte und beinahe taumeln ließ. Seine Leute begannen zu jubeln, die Phalanx riss auf. Rüstungen fielen einander in die Arme.
Ein vierter Pendler kam herab, setzte direkt neben dem Quadrat aus Rüstungen auf.
Die Vorderklappe öffnete sich, Dutzende weitere Rüstungsträger in makellosen weißen Rüstungen kamen hervor.
Dazu schritt ein großer Mann in einer weißen Uniform mit Schirmmütze heran, begleitet von vier Rüstungen, die offensichtlich seine Leibwächter waren.
Der große Mann kam zielstrebig auf Kevin zu.
In der Rüstung war der junge Mann weit größer als sein Gegenüber, dennoch fühlte sich Kevin so klein, so entsetzlich klein.
Kevin ließ sein Visier auffahren, entriegelte seinen Helm und nahm Frontmaske und Hinterkopfschale ab.
Er machte sich klar, dass er mit seinen sechzehn Jahren und den eher kindlichen Zügen nicht gerade sehr beeindruckend wirkte. Manche hatten ihn auch schon mit einem Mädchen verwechselt. All das war ihm vor diesem Mann nun sehr peinlich.
„Ich bin Alex Tarnau“, sagte der Große freundlich. Er ließ seinen Blick über die Phalanx streifen, die sich nun langsam auflöste und auf ihn zukam. „Interessant“, murmelte Tarnau. „Doktor Stein, es gibt Arbeit für Sie.“
Mehrere Laster verließen nun den Pendler, fuhren bis an die Rüstungen heran. Dutzende Leute in den weißen Uniformen kletterten herab, liefen entweder zu den Verletzten oder begannen Fertigbauteile aufzustellen. Andere liefen zu den Panzern und suchten dort nach Überlebenden. Kevin erschrak fast zu Tode, als er einige Varni unter diesen Leuten erkannte. Auch unter Tarnaus Wache befand sich ein Varni, wie er feststellte.
„Sie sind Kevin Duvalle“, sagte Tarnau, und sein Tonfall ließ keinen Zweifel daran, dass es eine Feststellung und keine Frage gewesen war.
Bevor Kevin antworten konnte, ließ Tarnau wieder den Blick schweifen. „Sehr gute Arbeit, junger Mann. Verdammt gute Arbeit.“
Übergangslos fühlte Kevin einen dicken Kloß in seinem Hals. Tränen schossen aus seinen Augen hervor und sein Körper fühlte sich an, als wäre er völlig taub.
„Sie haben diesen Leuten das Leben gerettet, wissen Sie das eigentlich, Kevin?“
Tarnau schmunzelte und legte dem jungen Burschen eine Hand auf die gepanzerte Schulter.
„Danke“, hauchte er.
**
Als Kevin erwachte, war Sommertraums Sonne bereits untergegangen. Er lag auf einem Bett, trug nicht mehr als sein Unterfutter. Über ihm hing eine schwach glimmende Lampe, durch das einzige Fenster konnte er die Sterne sehen. Einige von ihnen bewegten sich.
Er wollte sich erheben, aber seine Beine machten noch nicht mit.
„Ruhig, Großgruppenführer. Übertreiben Sie es nicht. Sie haben einen Schock.“
Die Beleuchtung flammte auf und enthüllte den Raum aus der Finsternis. Auf dem Nachbarbett saß eine junge Frau und musterte ihn interessiert. Sie trug die weiße Uniform wie Tarnau, aber jetzt wo er genauer hinsah, fiel ihm ein Unterschied auf. Tarnau hatte ein rotes Dreieck auf der linken Schulter. Diese Frau trug ein Quadrat auf der Schulter, von oben links nach unten rechts geteilt, die obere Hälfte war rot, die untere weiß. Darüber standen Schriftzeichen in der neuen Sprache, die Fern der Erde bedeuteten. „Fern der Erde, beyond Earth. Beyonder. Ach so.“
„Blitzmerker“, meinte die junge Frau schmunzelnd. „Aber der Chef hat mir schon gesagt, dass Sie was Besonderes sind, Großgruppenführer Duvalle.“
„Moment“, murrte Kevin und richtete sich erneut auf. Diesmal ging es besser. „Warum nennen Sie mich andauernd Großgruppenführer? Und wer sind Sie überhaupt?“
„Mein Name ist Amanda Stein. Ich bin die Chefärztin dieses mobilen Hospitals. Der Chef hat gesagt, ich soll Sie begrüßen, wenn Sie wieder wach sind. Ihre Leute machen sich schreckliche Sorgen um Sie und die schlimmsten Fälle sind versorgt, daher…“
„Meine Leute?“
„Wir haben bei den Beyondern ein bestimmtes System. Zehn bis zwanzig Rüstungen bilden eine Gruppe. Ihr steht ein Gruppenführer vor. Zwanzig oder weniger Gruppen bilden eine Großgruppe. Ihr steht ein Großgruppenführer vor. Großgruppenführer sind bei den Beyondern berechtigt, an der großen Versammlung teilzunehmen, wenn Sie so wollen unserem Parlament. Die Überlebenden Ihrer Großgruppe, vierhundertsiebenundachtzig Mann, haben sich uns bereits angeschlossen, soweit sie in der Lage waren zu sprechen und uns zu verstehen. Mit der Auflage, dass Sie sie weiterhin anführen. Damit sind Sie effektiv gerade zum Großgruppenführer aufgestiegen.“
„Sie… Sie wollen, dass ich… Was?“ Müde ließ sich Kevin wieder auf das Bett sinken.
„Sie müssen das verstehen. Sie haben Ihre Leute zusammengehalten und ihnen das Leben gerettet.
Tarnau und wir waren einmal in der gleichen Situation. Alles ging drunter und drüber und wir waren kurz davor ausgelöscht zu werden. Da mischte sich Tarnau ein und ordnete uns zu einem sicheren Rückzug. Sein Argument dafür, das Kommando zu übernehmen war, dass er der einzige war, dem etwas daran lag, dass wir alle heile aus der Scheiße wieder raus kamen.
Bei Ihnen ist es ähnlich. Sie haben den entscheidenden Befehl gegeben. Sie haben Ihre Leute geordnet. Sie haben sich zum Anführer aufgeschwungen, weil Sie diese Leute retten wollten. Was Sie auch geschafft haben.“
„Ich… ich bin gerade mal sechzehn Jahre alt!“, begehrte Kevin auf.
„Das hätten Sie sich vorher überlegen sollen, bevor Ihnen das Sterben zuviel wurde“, erwiderte die Ärztin augenzwinkernd.

Sie warf Kevin eine der weißen Uniform zu. „Bitte duschen Sie in der Nasszelle dieses Krankenzimmers und ziehen Sie sich um, Großgruppenführer. Ihr Stellvertreter Peterson und Commander Tarnau erwarten Sie zur Nachbesprechung. Wir haben die Varni des Kriegstross von Johna el Noet vertrieben, aber jetzt kommt der schwierige Teil. Sie zu besiegen. Ihre Kenntnisse vom Gelände und von Kontakten zu anderen Gruppen werden dabei hilfreich sein.“
„Verstehe. Macht es Ihnen etwas aus, wenn Sie…“
Die Ärztin erhob sich. „Nicht, dass Sie etwas haben könnten, was ich noch nicht gesehen habe“, spöttelte sie milde. „Aber Privatsphäre wird bei uns Beyondern groß geschrieben.“
„Eines noch, Doc. Ich bin zusammengebrochen?“
„Leichte Erschöpfung. Nichts Ernstes.“ Die Ärztin lächelte ihn noch einmal an, dann verließ sie den Raum.
Kevin zog das Unterfutter aus. Wie er sich erinnerte zum ersten Mal, seit er auf Sommertraum erwacht war. Dann ging er in die Dusche. Himmel, eine Dusche. Wer waren diese Beyonder?
Wer war Tarnau?
**
„Sie treten hier gegen Ritter Johna el Noet an. Er befehligt den zwölften Kriegstross, einen von vier, die derzeit in dieser Region des Pes Takre aktiv sind. Aber nur zwei sind effektiv dabei, Schöpfer zu jagen und stellen sich dementsprechend uns Menschen von der Erde entgegen. Johna el Noet ist zurzeit in fünf Systemen aktiv, Sommertraum ist für ihn nur ein Nebenschauplatz. In zwei weiteren dieser Systeme, Goronkar und Ventris, befinden sich nach unserem Wissen ebenfalls Menschen. Ritter Porma el Tars Kriegstross wurde von uns auf Zehn Steine besiegt, er hatte nur ein System angegriffen, in dem sich Menschen befanden, war aber in acht weiteren aktiv gewesen.“
Alex Tarnau deutete auf die zwischen den Uniformträgern rotierende holographische Welt. „Konzentrieren wir uns aber vorerst auf unser hiesiges Problem. Sommertraum hat drei große Kontinente, die knapp zwanzig Prozent des Planeten bedecken. Epal liegt im Norden und hat fast ein Drittel der kontinentalen Gesamtmasse. Der Grossteil des Kontinents ist vom Packeis des hiesigen Nordpols bedeckt. Die Varni unterhalten hier eine planetare Werft, eine Garnison und diverse Fabriken.
Lokvor mit zwei Fünfteln der Gesamtgröße liegt im Süden, auf Höhe des Äquators. Hier unterhalten die Varni ihre üblichen Anlaufdocks für die vollautomatischen Hochseefabriken, die in diesem System die Hauptressource bilden. Das öde Inland ist reich an Mineralien und Erzen, welche die Varni abbauen.
Letztendlich kommt Groimar hinzu, ein länglicher Kontinent auf der Südhalbkugel, um die sich ein gewaltiges Inselarchipel schart. Ein stark vulkanisches Gebiet, in dem die Varni nicht aktiv sind. Was ich von Ihnen und Ihren Leuten wissen will, Kevin, ist: Wo sind unsere Leute? Es sollten rein rechnerisch einhunderttausend Menschen auf dieser Welt aktiv sein.“
Kevin erschrak. „So viele?“
„Ja“, sagte der große Schwarze neben Tarnau. Er war vor kurzem für die Besprechung eingeflogen worden. Er kommandierte die HEIMWEH, einen riesigen Schlachtkreuzer, der den Orbit von Sommertraum vorbehaltlos beherrschte und während der Schlacht zwei Fregatten vernichtet hatte. Außerdem gehörte er zu den Topleuten um Tarnau. „Zumindest waren es auf Zehn Steine hunderttausend. Und wir wissen von neun weiteren Welten, auf denen weitere neunhunderttausend Menschen von der Erde ausgesetzt worden sein sollen. Das macht rein rechnerisch einhunderttausend pro Welt.“
„Ich kann Ihnen nicht viel dazu sagen.“ Bedauernd hob Kevin die Schultern. „Als ich und die anderen hier vor sechs Wochen erwachten, waren die meisten Kämpfe schon zu Ende. Aber ich glaube nicht, dass wir mehr als fünftausend waren, nicht einmal mit den versprengten Soldaten der ersten Welle.“
Tarnau und Anderson wechselten einen kurzen Blick. „Wir hätten den Gnom ohne Ohren mitnehmen sollen“, sagte Andy grinsend.
„Ja, der hätte uns hier vielleicht weiterhelfen können. Kevin, haben Sie oder hatte eine andere Gruppe, von der Sie wissen, Kontakt zu den Schöpfern?“
„Die Soldaten haben von solch einem Wesen berichtet, dass sie Schöpfer nannten. Aber soweit ich weiß, ist es in den Kämpfen umgekommen. Es soll sogar auf diesem Kontinent passiert sein.“
Tarnau sah zu einem seiner Leute. „Doitsu. Mach deine Späher klar. Sucht den Kontinent mit Kurierbooten ab. Wir suchen nach versprengten Rüstungen, Varni und dem Leichnam des hiesigen Herolds.“
Tarnau sah wieder zu Kevin herüber. „Ich will Ihre Leistungen und Ihre Toten nicht schmälern und schmähen, aber stimmen Sie mir zu, wenn ich sage, dass Sommertraum eher nebensächlich ist?“
„Keine Einwände“, sagte Kevin ernst. So sehr sie hier gelitten hatten, so hart die Kämpfe gewesen waren.
„Gut. Dann erteile ich Ihnen hiermit den Auftrag, jeden einzelnen Menschen auf dieser Welt einzusammeln, Großgruppenführer Duvalle. Danach evakuieren wir alle Menschen nach Zehn Steine in Sicherheit.
Kevin, ich überlasse Ihnen meinen Override-Code. Sie begleiten Commander Furohata und treiben Ihre Schäfchen zusammen. Des Weiteren bilden wir weitere Teams, die auf den anderen Kontinenten suchen werden.“
„Verstanden.“
„Ach, eines noch. Was schätzen Sie, Kevin, wie viele Menschen wurden auf Sommertraum abgesetzt? Und wie viele sind bereits gestorben?“
Kurz dachte der junge Mann nach. „Wir waren knapp achthundert, als wir abgesetzt wurden. Viele wurden versprengt oder getötet, es scheint als hätten die Varni genau gewusst, wo wir abgeladen werden. Wir hatten sporadischen Kontakt mit anderen Funkkreisen auf diesem Kontinent. Grob über den Daumen gepeilt waren wir wohl viertausend, dazu sechs- bis achthundert ausgebildete Soldaten der Ersten Welle.“
Tarnau überschlug die Zahlen im Kopf. „Macht maximal zwanzigtausend für diese Welt.“
Anderson nickte zustimmend.
„Gut, dann lasst uns an die Arbeit gehen.“
„Ich hätte da aber noch eine Frage, Herr Tarnau“, meldete sich Kevin und wunderte sich über seine eigene Courage. Aber irgendwie fühlte er sich in dieser Runde nicht wie sechzehn. Nicht so sehr wie ein Kind oder ein Bursche, den man mit einem Mädchen verwechselte. „Was ist der Override-Code?“
Die anwesenden Beyonder begannen zu grinsen.
Tarnau setzte seine Schirmmütze auf, schmunzelte und trat an das Hologramm. „Aktivieren“, sagte er leise, und übergangslos erschienen überall auf der Welt neue Funkkreise. Zugleich erklang eine wahre Kakophonie von Stimmen, Flüchen und anderen Geräuschen aus dem Holoprojektor, allerdings gedämpft. „Das ist der Override-Code. Und wie Sie sehen, beschert er uns eine Menge Arbeit, Kevin. Frage beantwortet?“
Staunend starrte Kevin auf das Hologramm. „Wow. Ja, Ren. Na, dann wollen wir mal an die Arbeit gehen. Kommen Sie, Peterson.“
Der Schwede nickte und folgte Kevin aus dem Raum. „Ja, Chef.“
„An wen erinnert mich diese Energie nur?“, fragte Doitsu Furohata und unterdrückte ein Schmunzeln.
„Die Arbeit ruft, Herrschaften.“ Tarnau klatschte in die Hände. „Wir müssen hier eine Welt retten.“

2. Orientierung

Es schien eher eine beiläufige Geste zu sein, als Jaques Vaillard während eines Kraftwerktests hinter dem Pult von Charlene Watts stand. Den jungen Varni, der neben ihr stand und leise Anweisungen gab, konnte er jedenfalls nicht nervös machen.
Wie das Gros der Energiegewinnung der Varni basierte auch die der ODYSSEUS auf dem Prinzip der kalten Fusion. Die Reaktoren vollständig zu beherrschen war das wichtigste Ziel, welches die Menschen an Bord erreichen mussten. Und dies in jeder Situation.
Rimm da Ventor, der junge Chefingenieur des Schiffs gab leise seine Anweisungen, um Reaktor eins noch weiter auszureizen. Das Schiff befand sich gerade im Sprung von System zu System, große Mengen an Energie wurden nur beim Betreten des Zwischenraumes gebraucht, nicht während des Fluges oder dem verlassen des Zwischenraumes. Eine ideale Zeit zu experimentieren, wenn sie zugleich unangreifbar waren.
„Erhöh die Einspritzung um acht Prozent“, sagte da Ventor ernst. Ein unsicherer Blick des Varni traf Vaillard und Commander Lokk ar Syger, den Anführer des zwanzigköpfigen Varni-Kontingents an Bord. Doch Vaillard nickte nur knapp.
Während der kalten Fusion wurde das imitiert, was in jeder Sekunde im Herzen einer beliebigen jungen Sonne geschah, vier Wasserstoffatome wurden unter enormen Druck und Hitze zu Helium verbunden. Dabei wurde, um es burschikos zu sagen, nicht die Gesamtmasse der vier Atome verwendet. Der Rest zerfiel zu Energie. Energie, welche die Varni zu nutzen gelernt hatten. Nicht auf dem Umweg über ein kompliziertes Turbinen- und Pumpensystem, wie die Menschen dies in den Kernkraftwerken auf der Erde nutzten, sondern mittels Wandleranlagen, die diese Energie direkt nutzten und in das Schiff speisten.
Watts sah auf, als drei Alarmmeldungen zugleich auf ihrem Bildschirm erschienen. „Rimm?“
Der Chefingenier schüttelte in perfekter menschlicher Geste den Kopf. „Weitermachen.“
„Aye.“ Die junge Frau, die im Leben auf der Erde Physik studiert hatte, war bisher gut in ihrer neuen Rolle aufgegangen. Vaillard war gespannt, ob sie sich auch hier bewähren würde.
Erneut erschien eine Alarmmeldung, doch diesmal sah Charlene Watts nicht auf. Mit verbissenem Gesicht bediente sie das Steuerpult.
Bis sich eine große Pranke auf die Sensoren legte und die Einspritzung mit zwei Handbewegungen auf ein normales Niveau herunter fuhr.
„Ich denke, das Experiment kann an dieser Stelle beendet werden“, sagte der Chefingenieur ernst. Auf seiner Stirn stand feiner Schweiß. „Zwei Minuten länger, und der Reaktor wäre uns durchgegangen.“
„Die Maximalausbeute?“, fragte Vaillard knapp.
„Für zehn Minuten einhundertdreißig Prozent.“
„Wir hätten zwölf Minuten haben können, sehe ich das richtig?“
Der Chefingenieur wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Elfeinhalb. Maximal.“
„Gut“, schnarrte der Franzose. „Gute Arbeit, Ihr zwei.“

Vaillard winkte Lokk, ihm zu folgen und verließ den Maschinenraum.
„Das war ein exzellentes Beispiel dafür, wie gut unsere Leute schon zusammenarbeiten. Miss Watts war ohne weiteres bereit gewesen den Reaktor nach da Ventors Anweisungen hochzujagen, während da Ventor rechtzeitig eingegriffen hat, um eine Katastrophe zu verhindern.“ Sie kamen durch ein riesiges Schott, dass eindeutig auf Varni ausgelegt war. In Momenten wie diesem erinnerte er sich immer wieder daran, wo er sich befand und was seine Mission war.
„Sicher. Aber wenn da Ventor ein Spion des Pes Takre gewesen wäre, hätte er den Reaktor hochjagen können. Jeder meiner neunzehn Kameraden kann ein Spion sein. Mich inbegriffen, wenn Sie mir dieses Szenario verzeihen, Ren.“
Vaillard sah zu dem Riesen hoch und schluckte die Antwort, die ihm auf der Zunge lag, runter. Der Varni meinte es gut mit ihm und dem Schiff. Das nahm Jaques dankbar an.
„Ich werde es beherzigen.“

Sie gingen nebeneinander durch die Laufgänge des Zerstörers. An Bord waren neben den zwanzig Varni auch noch zweitausend Beyonder – Tarnau hatte sie in einer Aktion bei Nacht und Nebel im Hoffnungstal versammelt und anschließend unter größter Geheimhaltung auf die ODYSSEUS bringen lassen. Ihre Mission war klar umrissen: Die Erde finden und Kontakt mit ihr aufzunehmen. Ihr die Technologie des Pes Takre und der Schöpfer zu vermitteln, damit sie in diesem feindlichen Universum nicht als neueste Kolonie des Riesestaates endete.
Dies wussten seine Leute. Als Jaques sicher gewesen war, sämtliche Wanzen des Pes Takre an Bord gefunden zu haben, hatte er sie in vollem Umfang über die Mission aufgeklärt. Die Reaktionen waren gemischt gewesen. Viele hatten sich darüber gefreut, die Erde aufsuchen zu können und sicherlich spielten nicht wenige mit dem Gedanken, Zuhause zu bleiben. Aber genauso viele hatten ein Problem mit der Mission, weil sie ihre Kameraden auf Zehn Steine hatten zurück lassen müssen.
Vaillards Befürchtung, der letzte an Bord zu sein, sobald sie die Erde erreicht hatten, schien sich nicht zu erfüllen.
Er und Lokk wurden ehrfurchtsvoll gegrüßt, während sie sich auf den Weg zur Zentrale machten. Die Verhältnisse waren nicht gerade beengt, aber nach drei Monaten Suche gingen ihnen langsam die Sportevents aus, um die Menschen von der Tatenlosigkeit abzulenken.

Als sie die Zentrale erreichten, setzte sich Vaillard sofort in den Kapitänssessel. Mittlerweile hatte er sich gut an die Übergröße gewöhnt, zwei dicke Decken hatten den Rest erledigt, damit er an die Kontrollen kam.
Als Varni hatte Lokk ar Syger natürlich nicht diese Probleme. Aber wenigstens verkniff er sich ein Grinsen, als Vaillard in den etwas zu hohen Sessel sprang.
„Wie lange noch, bis wir das System erreichen, Gerrit?“
Der Holländer sah auf. „Der Sprung dauert noch fünfzehn Minuten. Dann erreichen wir den blauen Riesenstern. Mit etwas Glück hat er einen weißen Zwerg als Begleiter. Und dann ist die Wahrscheinlichkeit recht hoch, dass es Sirius ist. Wir haben auch schon eine rote Riesensonne gefunden, die Beteigeuze im Sternbild des Orion sein kann. Ebenso einen großen offenen Sternhaufen, der die Hyaden im Stier darstellen kann. Mit ein wenig Glück müssen wir nur alle gelben Normsonnen in dreißig Lichtjahren Umkreis abklappern um die Erde zu finden.“
Vaillard verzog keine Miene bei diesen Worten. Die Erde tauchte in den Sternkarten der Varni natürlich nicht auf. Sonst wäre es ja einfach gewesen. Selbst der größte Teil dieser Region des Universums war nicht kartographisiert, geschweige denn erforscht. Lediglich einige markante Sterne und Sternhaufen, dazu der eine oder andere spektakuläre Nebel hatten Codebezeichnungen bekommen.
Als sie gestartet waren, hatte die Crew alles zusammengelegt, was sie über den Nachthimmel der Erde wussten. Was ihnen an Markantem über die Erde noch im Gedächtnis war. Dabei waren die Sternbilder nicht besonders hilfreich gewesen, denn um von der Erde ohne Hilfsmittel als Einzelstern identifiziert zu werden konnte eine Sonne locker fünfzig Lichtjahre entfernt sein. Die willkürlichen Sternbilder, welche die Sonnen dabei bildeten, taugten nur etwas auf der Erde. Kam man wie die Crew der ODYSSEUS von der anderen Seite, fing man quasi von null an. Fünfzig Lichtjahre bedeuteten aber auch, dass sich die Sterne leicht verschoben, sprich bewegt hatten. Im kosmischen Rahmen war der Unterschied zwischen auf der Erde gesehenen Position und tatsächlicher Position bei fünfzig Lichtjahren Entfernung zum Glück noch nicht so groß. Immer noch groß genug für Widersprüche. Probleme gab es erst bei tausend und mehr Lichtjahren.
Nach Sicht zu navigieren war jedenfalls ein ziemlich lustiges Unterfangen.
Deshalb hatten sie sich von Anfang an auf markante Sterne wie blaue und rote Riesen konzentriert, bestimmte Sternhaufen in kosmischer Nachbarschaft wie Hyaden, Plejaden und Praesepe. Danach hatte das große raten begonnen. Natürlich immer vorausgesetzt, sie befanden sich überhaupt im richtigen Spiralarm der Galaxis, den Orion-Arm.
Waren sie irgendwo anders, vielleicht sogar auf der anderen Seite der Galaxis, würde die Suche wertlos sein und ihnen blieb nur die Rückkehr. Und die Hoffnung, dass die Schöpfer Wort hielten – nachdem sie ihr erstes Wort gerade gebrochen hatten.
Aber wenn sie wirklich gerade nach Sirius sprangen, wenn diese Sonne wirklich von der Erde aus gesehen werden konnte, dann waren sie nur noch einen Katzensprung von ihrer eigentlichen Heimat entfernt.
Jaques betrachtete kurz den Varni im Sitz des Ersten Offiziers, wie der Riese mit reglosem Gesicht die Anzeigen der Schiffsfunktionen überprüfte. Er und Ritter el Tar sowie das Gros von seinen Kameraden hatten sich ergeben, ja, den Beyonder angeschlossen, wenn Vaillard das richtig verstanden hatte. El Tar als heimlicher Gegner des Pes Takre versprach sich eine Menge von der Zusammenarbeit mit Tarnau. Aber wie hilfreich würden sie einander sein? Konnten sie wirklich riskieren, im galaktischen Reich der Drei Völker einen Aufstand der Varni zu provozieren? Mussten sie nicht alles tun, um die Erde so weit es ging aus diesem bevorstehenden Feuersturm heraus zu halten?
Oder war es gerade das Richtige, das Reich zerbrechen, was bedeuten würde dass die Erde uninteressant wurde.
Und war es nicht auch das was die Varni eigentlich wollten? Sich gewaltsam von der Bevormundung durch das Pes Takre zu befreien?
Im Moment stimmten die Interessen von Porma el Tar und den Beyonder überein. Aber wie lange das so bleiben würde konnte Vaillard nicht sagen.

Das Schiff verließ den Zwischenraum nach Ablauf der fünfzehn Minuten am Rande des Systems. Die Ortungsabteilung nahm ihre Arbeit auf und versuchte, die ersten Fernanalysen und optischen Aufnahmen zu bestätigen oder zu widerlegen.
„Ergebnis, Ren!“, rief Karen Wolters aufgeregt. „Der Riesenstern hat einen weißen Zwerg als Begleiter!“
Vaillard fühlte sich von einem Moment zum anderen uralt und sehr, sehr müde. Zusammen mit der vielleichtigen Wega, der Beteigeuze und dem offenen Sternhaufen der Hyaden waren sie vielleicht wirklich fast Zuhause.
„Wir lassen den Sprungantrieb auskühlen“, befahl Vaillard ernst. Er erhob sich, kam zum Sternkartenholo in der Mitte der Zentrale. Er musterte sie und deutete auf einen blassen gelben Stern. „Danach sehen wir uns diese Welt hier an. Die Nachbarsonne könnte Alpha Centauri sein, wenn sie einen Begleiter hat.“
„Aye, Ren.“
„Ach, und geben Sie das Ergebnis im Schiff bekannt. Unter Vorbehalt, natürlich.“
„Unter Vorbehalt, Aye, Ren.“
Verdammt, war der Moment gekommen? Waren sie fast zuhause? Nun, bei dem was vor ihm lag, würde ihm die dreimonatige Suche schon sehr bald wie eine Erholungsreise vorkommen.
Drei Monate waren eine lange Zeit. Wie war es den anderen derweil ergangen? War die HEIMWEH bereits wieder aus der Werft oder blockierte sie immer noch Kapazitäten? Und würde der Herold etwas über die sechs Neubauten verraten, welche die Schöpfer in der Gigantwerft Stimme produzierten?
Wenn die ODYSSEUS nach Zehn Steine zurückkehrte, würde es überhaupt noch Beyonder geben?
Vaillards Backenzähne mahlten bei diesen Gedanken. Er machte sich wirklich Sorgen um die anderen.
Wenn er zurückdachte, wie argwöhnisch er Tarnau und seinen schnellen Aufstieg beobachtet hatte, wie er dagegen gearbeitet hatte, dass sich der Deutsche zum Alleinherrscher aufschwang, nur um festzustellen, dass Alex dies niemals vorgehabt hatte…
Und jetzt machte er sich wirklich Sorgen um diesen Mann.

Dabei sollten seine Gedanken eher bei seiner Familie sein. Er war fünfunddreißig, im besten Alter für einen Mann. Er wusste nicht, wie lange er wirklich von der Erde fort gewesen war, aber die Tage im Kampf und die dreimonatige Reise der ODYSSEUS konnte er ohne weiteres hinzurechnen. Was seine Frau wohl tat? Hatte Chloe noch Hoffnung, ihn jemals wieder zu sehen? Oder hatte sie etwas mit einem anderen Mann angefangen, Tierry zum Beispiel, der früher immer hinter ihr her gewesen war und nur unwesentlich ruhiger geworden war, seit Jaques und Chloe geheiratet hatten.
Ja, wenn sie zusammen Kinder gehabt hätten, ging es ihm durch den Kopf. Aber immer waren sein und Chloes Job vorgegangen, Karriere machen. Für Kinder war später noch Zeit. Zuerst die Selbstverwirklichung finden, so hatte er damals gedacht. Und er fühlte sich auch mit fünfunddreißig noch recht jung…
Warum hatte das alles passieren müssen? Warum ihm und Chloe? Und das Schlimmste war: Wieso tat ihm dieser Gedanke so weh, dass diese Entwicklung durchaus ihren Sinn hatte? Eine unvorbereitete Erde, die von den Varni überrannt und dann als neueste Kolonie des Pes Takre aufgenommen wurde, war das Letzte, was er wollte.
Und nicht nur er hatte sein Opfer gebracht. Eine Million Menschen hatten die Schöpfer entführt. Eine Million Einzelschicksale. Eine Million erfüllte Leben, quer über den Globus verteilt. Wieder mahlten seine Kiefer. War der Preis nicht doch viel zu hoch?
Was sollte er Chloe sagen, wenn er vor ihr stand? Was konnte er sagen, wenn sich herausstellte, dass bereits ein Jahr vergangen war und sie die Hoffnung aufgegeben hatte, ihn jemals wieder zu sehen? Was wenn sie glaubte, er hätte sich bei Nacht und Nebel davon gemacht, sie zurück gelassen? Seine Hände krampften bei diesem Gedanken. Was, wenn sie ebenfalls entführt worden war? Wenn sie irgendwo auf einer der zehn Welten in einer Rüstung steckte und gerade um ihr Leben kämpfte, während er in die falsche Richtung flog?

Jaques knurrte unwillig. Das half ihm, diese Gedanken abzuschütteln. Die meisten anderen Beyonder an Bord hatten nicht weniger Probleme als er, dazu kamen fast hunderttausend Menschen auf Zehn Steine, die ebenfalls Familie auf der Erde hatten, die nicht die Chance hatten, zu ihnen zurück zu kehren.
Alex Tarnau hatte harte Forderungen gestellt. Waren von der Erde, Kulturgüter und Postverkehr. Und er hatte sich durchgesetzt. Die Frage war nur, würden die Schöpfer auch tun, was die Beyonder verlangten?
Im Computer seiner persönlichen Gefechtsrüstung war eine Datei geladen, welche die Namen aller Beyonder enthielt, zusammen gestellt teilweise aus den Computerkernen von völlig zerstörten Rüstungen. Siebzehn Namen fehlten, um einhunderttausend zu erreichen, und es schmerzte Jaques, dass diese siebzehn für immer unbekannt bleiben würden. Gefallen auf einer fernen Welt ohne eine Spur hinterlassen zu haben.
Nun, er persönlich würde sehr schnell feststellen, ob die Schöpfer Wort gehalten hatten. Und er würde die Liste mit den Namen der Beyonder veröffentlichen, damit wenigstens die Angehörigen eines Zehntels Gewissheit über das Schicksal ihrer Verwandten hatte.

Neun Monate, ging es ihm durch den Kopf. Neun Monate würden sie noch übrig haben, bevor die von Tarnau gestellte Frist auslaufen würde. Den Rückflug würden sie geradlinig nehmen können, mussten nicht von System zu System springen und konnten die gleiche Strecke in vielleicht einem Monat bewältigen. Blieben acht, in denen sie die Erde so gut es ging auf die Bedrohung durch die Varni vorbereiten konnten.
Und dies, ohne die Welt in einen Krieg zu stürzen. Wenn er an die Fähigkeiten der Rüstungen dachte, ja nur an die Fähigkeiten des nicht aufgerüsteten Zerstörers der Varni, den er kommandierte, wurde ihm angst und bange. Dazu kamen zweitausend Beyonder, die im Kampf gestanden hatten, die nur zu genau wussten, wie man eine Rüstung bediente.
Wie man effektiv in ihr kämpfte. Die sechstausend Rüstungen, die als Fracht mitfuhren, würden ebenfalls eine nicht unerhebliche Macht darstellen.
Manchmal kam er sich vor wie ein aztekischer Forscher, der den Sprung über den großen Teich geschafft hatte und nun mit Metallschilden und Metallschwertern zurückkehrte um zu rufen: Die Spanier kommen…
**
Die Schöpfer hatten Wort gehalten. Das musste sich Kurt Warninger immer wieder sagen, während vor ihm im Hoffnungstal neue Gebäude entstanden. Wieder einmal in der bewährten Kompaktbauweise der Schöpfer.
So nach und nach entstand eine richtige Großstadt, in der die einhunderttausend Menschen auf dieser Welt Platz finden konnten. Zugleich entstanden weitere Städte dieser Art, wie Kurt wusste. Auf jedem Kontinent würden sie wie diese hier in die Höhe wachsen.
Kurt sah nach links, dort wuchsen am alten Felsvorsprung, der ihnen zu Anfang als Wartungsplatz für die eroberten Panzer gedient hatte, riesige Hallen empor. Sie bestanden aus Segmenten, welche von Baumaschinen der Schöpfer zusammengesetzt wurden. In ihnen sollten fortan die Wartungen und sonstigen Arbeiten seiner Technikergruppe stattfinden.
Und Kurt wusste aus Lehrfilmen, dass eine der Hallen eine große Simulatoranlage beherbergen würde, in denen die Beyonder den Kampf in Panzern, Rüstungen und Schiffen trainieren konnten.
Dies war nun sein Reich.

„Ähem“, machte sich jemand hinter dem Australier bemerkbar.
„Natsumi“, stellte der ehemalige Anwalt fest, ohne sich umzudrehen. „Was kann ich für dich tun?“
„Du hättest dich ein klein wenig erschrecken können“, beschwerte sich die Gruppenchefin der Panzerabteilungen. Im Moment war sie dabei, eine Division an Wolf- und Rhino-Panzern auszubilden. Die Schöpfer hatten die aufgerüsteten Modelle der Varni-Panzer geliefert und Natsumi ersetzte nach und nach die mit Schöpfer-Technik hochgerüsteten Modelle gegen die erheblich leistungsfähigeren, kampfstärkeren Nachbauten.
Nun arbeitete sie daran, aus ihren Panzern eine noch effektivere Bodenkampfwaffe zu machen. Sie war Soldatin, und die Panzer schienen wie für sie gemacht worden zu sein.
Kurt Warninger fragte sich wie es wohl an Bord des Flaggschiffs gewesen war, als Natsumi mit einem aufgerüsteten Wolf-Panzer in den Gängen des Schiffes gekämpft hatte.
„Sicherlich ziemlich beengt“, murmelte er leise.
„Was?“
Warninger sah auf. „Hm? Oh, ich habe nur laut gedacht. Natürlich hätte ich mich erschrecken können, Natsumi. Aber dann hätte ich einen Herzinfarkt bekommen und du hättest deine Panzer selbst warten müssen.“
„Kurt“, tadelte Natsumi den Commander.
„Schon gut, schon gut. Gehen wir ein paar Schritte.“
Langsam gingen sie an den Hallen vorbei.

„Kurt?“
„Sprich, Mädchen. Du weißt, ich habe immer ein offenes Ohr für dich.“
Die junge Amerikanojapanerin senkte den Kopf, während sie sich langsam der Haltestelle der Antigravbahn näherten. Es gab noch nicht viele Streckenkilometer und noch nicht viele Haltestellen. Ein Strang der Bahn führte runter in die Savanne, der andere an die steinige Ostküste. Ziel der Konstruktion war es gewesen, die Anlandehäfen für die Hochseefabriken, das Hoffnungstal und die Farmen im Tiefland zu verbinden, um die Selbstversorgung der Varni weiterhin zu gewährleisten und die Wartungen und Kontrollen zu erleichtern.
Mit dem Raumhafen, der abseits der Berge entstand, würde hier ein bedeutender Umschlagplatz entstehen. Ein Ort, der die Beyonder und die Varni versorgen würde.
Natsumi Genda strich sich nervös durch ihr Haar. „Alex kommt zurück. Martha hat es gerade durchgegeben. Er ist mit der HEIMWEH ins System gesprungen.“
„Das sind gute Neuigkeiten. Dann sind die Aktionen auf Sommertraum schon beendet. War es das, was du mir sagen wolltest?“
„Was? Ja. Nein. Ich meine…“ Hilflos sah sie den Australier an.
„Mädchen. Was willst du? Ich bin Anwalt, Techniker und Seelsorger. Aber ich bin kein Gedankenleser.“
„Nenn mich nicht Mädchen. Ich kommandiere eine komplette Division Panzer.“
„Werde ja nicht patzig. Sonst kannst du dir die Wartung deiner kompletten Division Panzer in die Haare schmieren.“
„So habe ich es doch nicht gemeint, tut mir Leid, Kurt. Es ist nur, dass…“
„Himmelherrgott, warum sagst du Alex nicht einfach, dass du ihn magst? Oder hast du dich gleich richtig in ihn verliebt? Soll Jen vielleicht ihre Chance zuerst kriegen?“
Erschrocken blieb Natsumi stehen. „Kurt…“
„Was? Erzähl mir nicht, dass ich falsch liege. Sieh mir in die Augen und sag mir das es nicht stimmt, Mädchen. Ich bin schon zu alt und zu lange im Rennen, um manche Dinge nicht zu sehen. Und du hast eindeutig den Ich bin verknallt aber zu schüchtern-Blick.“
Kurt blieb nun auch stehen und wandte sich um. „Natsumi. Ich mag dich. Ich mag dich wirklich. Deshalb kann ich mir das nicht länger antun. Schnapp ihn dir oder vergiss es. Es sind genügend Kerle da draußen, einen zu vergessen fällt da nicht schwer. Ihm sein Leben zu widmen und seine Gefühle zu unterdrücken bringt es nicht. Denkst du, Jen macht das vielleicht?“
„Es ist unfair, das du mich und sie in die Rivalenrolle drängst“, antwortete sie matt.
„Ich dränge niemanden irgendwohin. Du weißt viel zu gut, wie sehr Jennifer Philips unseren lieben Anführer verehrt. Und glaub mir, es ist Alex aufgefallen.“
Der Australier kratzte sich am Kinn. „Im Gegensatz zu mir hat er keine Freundin oder Frau auf der Erde, der er treu sein will. Und er ist, soweit ich weiß, ein vollkommen normaler und gesunder Mann. Es ist durchaus möglich, dass er sich irgendwann eine Partnerin sucht. Wenn du diese Partnerin sein willst, Natsumi, dann würde ich mich ranhalten.“
„D-das ist doch kein Wettkampf!“, blaffte die Asiatin aufgeregt. „Und Alex ist nicht der Preis!“
„Oh doch, es ist ein Wettkampf, und Alex ist der Preis.“ Kurt zuckte die Achseln. „Aber wohl eher der Trostpreis.“
Der hagere Techniker wandte sich wieder um und ging zu einer der hinteren Hallen. Dort fand ein Großteil der Ausbildung am neuen Werkzeug statt, welches die Schöpfer ihnen zur Verfügung gestellt hatten. Alleine die Nano-Brillen waren für jeden Mechaniker eine Delikatesse, für die er einen Porsche Carrera stehen lassen würde.
Man sagte, mit einer Nano-Brille konnte man einen Wolf komplett zerlegen und wieder zusammensetzen. Das war natürlich nicht ganz richtig. Man brauchte ein Team aus fünf Mann und eine Nano-Brille – Kurt hatte es selbst ausprobiert.
„Ist es denn richtig, in so einer Zeit an so etwas banales zu denken?“, klagte Natsumi.
Der Australier sah zu ihr zurück und grinste schief. „Seit ich hier bin, denke ich an meine Frau. Weil ich sie liebe. Und dieser Gedanke gibt mir Kraft. Ich stehe hier und leiste meinen Teil in diesem Krieg, damit sie ihr sicheres Leben auf der Erde hat. Und damit ich irgendwann zu ihr zurückkehren kann. Nein, Liebe ist garantiert kein banales Thema. Und wenn du nicht aufpasst, überrollt es dich und lässt dich mit leeren Händen zurück.“
Kurt trat vor die junge Frau und gab ihr einen Kuss auf die Wange. „Denk mal drüber nach, Engelchen.“
Verwundert rieb sich die Panzerkommandantin die linke Wange. „Warum klingt das bei dir nur so verteufelt einfach?“
„Kompliziert werden solche Sachen erst, wenn man sie kompliziert macht. Glaub mir, ich weiß wovon ich rede.“ Er zwinkerte ihr zu und ließ sie stehen.
Natsumi Genda lachte leise. Aber das lachen wurde von Tränen erstickt, von ihren eigenen, konfusen Gefühlen und der Frage, die sie schon seit Wochen marterte: War sie nur fasziniert von Alex Tarnau oder liebte sie ihn wirklich? Wenn sie doch nur eine Antwort auf diese Frage gehabt hätte.
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Nachdrücklich erhob sich Alex Tarnau aus seinem Sitz. Nach dem Umbau der HEIMWEH gab es für jeden Arbeitsplatz auf der Hauptbrücke des Schlachtschiffs zwei verschiedene installierte Sessel – einen für Varni und einen für Menschen. In diesem Moment arbeiteten dreißig ausgebildete Raumfahrer der Varni in der Zentrale. An ihrer Seite arbeiteten fast vierzig Menschen.
Der Kommandeur des einstigen Kommandoschiffs Porma el Tars, Commander und Kapitän Jamahl Anderson, bemerkte es und sah zu ihm herüber. Kurz entschlossen übergab er das Kommando an Isabel Macao, den Zweiten Schiffsoffizier, und kam zu Tarnau herüber.
„Ist es soweit?“
Alex grinste breit. „Nun tu nicht so als würde die Welt untergehen. Wie lange noch bis wir Zehn Steine erreichen?“
„Wir brauchen bei optimaler Ausnutzung aller Systeme achtzehn Stunden. Wir stehen übrigens bereits im Funkkontakt mit dem Hoffnungstal. Es wurde eine Hauptversammlung aller Großgruppenführer einberufen, um die taktische Lage auf Sommertraum zu diskutieren. Die Versammlung wurde in einunddreißig Stunden ab jetzt angesetzt. Man will uns wenigstens etwas Schlaf in den eigenen Betten gönnen, bevor wir uns der Frage stellen, wieso auf Sommmertraum nur zwanzigtausend Menschen abgesetzt wurden. Der Herold wurde bereits dazu befragt, aber er hat sich damit herausgeredet, dass diese Welt nicht in seinen Aufgabengebiet fällt.“
„Wie bequem für ihn“, spottete Tarnau. Er riss die Arme hoch und drückte sie nach hinten. In seiner Brust knackte es dabei vernehmlich, und Andy warf dem Freund einen besorgten Blick zu.
Tarnau maß den Schwarzen mit einem amüsierten Blick. „Brustbein.“
„Brustbein“, wiederholte Andy nachdenklich. „Oder auch nicht.“
„Nun tu nicht so als würde ich jede Sekunde tot umfallen.“ Alex wandte sich um, nickte einigen Leuten zu, die in seine Richtung sahen und verließ mit dem Kapitän des Schlachtkreuzers die Zentrale.

„Nein, ich tu nicht so, als würdest du jede Sekunde tot umfallen. Trotzdem habe ich Angst davor“, gestand der große Mann ernst.
„Entspann dich. Erstens bin ich genau deswegen auf dem Weg zu meinem Lieblingsarzt und zweitens gibt es genügend Beyonder, die mich ersetzen können. Du zum Beispiel.“
„Es gibt nicht genügend Beyonder, die dich ersetzen können“, erwiderte Andy lauter als beabsichtigt.
Beyonder in den weißen Uniformen sahen ihn erstaunt an, einige erschrocken. Der Commander winkte beschwichtigend ab. „Vor allem ich kann dich nicht ersetzen.“
„Nun stell dein Licht mal nicht unter den Scheffel, Jamahl“, sagte Alex und klopfte dem Freund auf die Schulter. „Du bist Kapitän unseres größten Schiffs, oder? Und das hast du ganz allein erreicht. Die kleine Aufgabe, unsere Kampftruppen zu führen, schlappe dreißigtausend Beyonder, kriegst du auch auf die Reihe.“
„Ja, wie praktisch, dass du die Koordination unserer Zivilisten abgegeben hast. Das macht einiges leichter“, brummte Andy, und es klang ziemlich verärgert. „Darüber wollte ich auch mal mit dir reden. Hältst du es wirklich für eine gute Idee, ausgerechnet Porma el Tar eine Zivilverwaltung aufbauen zu lassen? Der Mann war unser Feind! Und er kann jederzeit aufspringen und rufen: Ätsch, ich bin gar kein Angehöriger des Widerstands und stattdessen ein Agent des Pes Takre! Dann stehen wir ziemlich dämlich da, oder?“
„Aber wenn er es nicht ist, haben wir die beste Verwaltungsfachkraft an der richtigen Stelle, oder?“, erwiderte Alex amüsiert, während sie in den nächsten Fahrstuhl traten, drei Ebenen überwanden und dann mit einem kleinen Elektrowagen tiefer ins Schiff fuhren.

„Richtig, falsch, das wird die Zukunft zeigen. Jedenfalls bist du nicht zu ersetzen, Alex Tarnau, also wage es ja nicht zu sterben. Für mich bist du auf keinen Fall zu ersetzen, kapiert?“
„Hör mal, Andy“, sagte Alex nachdenklich und rieb sich die Stirn knapp unter der Uniformmütze, die für ihn die Form einer Schirmmütze angenommen hatte, während die von Andy eher einem Barett glich. „Darüber wollte ich mit dir reden. Weißt du, ich habe zwar gerade keine Beziehung und niemand der auf der Erde auf mich wartet, aber versteh mich richtig. Ich bin doch eher an Frauen interessiert. Danke für dein Angebot, aber kein Interesse.“
Jamahl Anderson schluckte ein paar hundert derber Flüche herunter, die meisten davon auf englisch, ein Teil in der Verkehrssprache des Pes Takre und der Rest aus dem Dutzend Sprachen, die man unweigerlich mitbekam, wenn man in New York als Polizist arbeitete.
„Arschloch“, brummte er leise.
„Tut mir leid, aber den konnte ich mir einfach nicht verkneifen“, erwiderte Alex grinsend.
Ernster fügte er hinzu: „Danke, dass du dir Sorgen um mich machst, Großer.“
Andy sah ihn an und hatte Tränen in den Augen. „Verdammt, Alex, ich habe schon mal gedacht, ich müsste dich begraben. Ich dachte schon mal daran, dass du mir den ganzen Mist hier vor die Füße geworfen hast. Und ich habe schon mal gedacht, dass ich damit nicht fertig werde. Dass ich nicht Alex Tarnau bin und es auch nie sein werde. Ich kann nicht in deine Fußstapfen treten. Tu mir das niemals an und lass mich vor dir sterben.“
„Jetzt redest du Unsinn. Wieso sollte einer von uns sterben? Denkst du wirklich, die Spätfolgen der schweren Brustwunde bringen mich noch um? Und denkst du wirklich, wir verlieren den Kampf gegen das Pes Takre, sehen dabei zu wie die Erde versklavt wird und treten in einem letzten Gefecht gegen die Varni an, um dort den Heldentod zu sterben und uns die Sklaverei zu ersparen?“
„Zu eins vielleicht, zu zwei definitiv ja.“
„Pessimist“, brummte Tarnau.
„Optimist. Wir treten hier gegen ein Imperium an, dessen Größe wir noch nicht einmal kennen. Geschweige denn welche Möglichkeiten es hat. Die Varni sind nur ihre erste Verteidigungslinie. Und selbst die machen den Schöpfern bereits mächtig Probleme. Wie mag der Rest dann erst sein?“
„Wir werden es herausfinden“, versprach Alex.
„Aha.“
„Und wenn ihre Technologien unseren überlegen sind, dann klauen wir sie ihnen.“
„Ich korrigiere mich, Alex. Ich streiche Optimist und ersetze es durch Wahnsinniger.“
„Dafür musst du zwei neue Vokale und sieben Konsonanten kaufen.“
Jamahl Anderson ließ den Wagen stoppen. Sie hatten den Lazarettbereich erreicht. „Ich habe gehört, schlechte Witze sind das erste Anzeichen von Wahnsinn.“
„Und ich habe gehört, dass du schon mal besser gekontert haben sollst“, erwiderte Alex wohl gelaunt und stieg aus. Aber wer genau hinsah konnte seine Hände zittern sehen.

Das Lazarett war noch immer gut gefüllt. Von den zwanzigtausend Menschen, die sie auf Sommertraum zu finden gehofft hatten, waren rund sechzehntausend an Bord dieses Schiffs, zum Teil unter beengenden Bedingungen an Bord der Pendler untergebracht. Über viertausend waren tot oder verschollen, obwohl die Beyonder mit allen Mitteln nachgesucht hatten. Die Differenz von siebenundachtzig Erdenmenschen befand sich in diesem Lazarett. Schwer verletzt und von der Hilfe der Ärzte und der medizinischen Geräte abhängig.
Bei vielen würde auch die überlegene Hilfe der Technik der Schöpfer und das überragende Können ihrer Ärzte nichts mehr nützen. Zu schwer waren die Verletzungen, zu schwer die Traumata.
Eike van Holland, der Schiffsarzt der HEIMWEH, kam gerade aus einem Behandlungszimmer, als die beiden Offiziere den Flur des Lazaretts betraten.
Der junge Arzt nickte erfreut und winkte Tarnau direkt in den Behandlungsraum. „Sie haben sich eine gute Zeit ausgesucht. Es ist gerade sehr ruhig bei uns, keine Notfälle. Kommen Sie, Chef.“
Andy folgte Tarnau ungefragt. Er war nicht mitgekommen, um jetzt ausgeschlossen zu werden. Garantiert nicht.

Alex Tarnau kannte die Prozedur schon. Er zog seine Kleidung aus und legte sich nackt auf die Behandlungsliege. Uniform und Unterwäsche waren mit der Technologie der Schöpfer durchsetzt und hätten jede Untersuchung unnötig erschwert.
Van Holland schnappte sich einen Hocker, fuhr neben den Chef der Beyonder und begann eine zwanglose Unterhaltung, während er die Diagnose hochfuhr.
Zwischen den beiden Männern entstand ein Hologramm, welches Tarnaus Brustkorb nachbildete. Nach einem Befehl des Arztes spaltete es sich längs auf und klappte auseinander.
Van Holland deutete auf die linke Seite mit dem pochenden Herzen.
„Zoom“, befahl er leise.
Interessiert beugte sich Andy vor. Eine tolle Technologie.
„Hier, sehen Sie, Chef, das ist der Einschusskanal. Die Kugel ging durch die Rippen durch, wurde hier gebremst, zersplitterte an dieser Stelle in etwas mehr als fünfhundert Fragmente und verteilte sich dabei in einem ungefähr dreißig Zentimeter großen Radius.
Die Panzerung der Rüstung hat die Kugel bereits beträchtlich verlangsamt und zwei Drittel des Weichkerns abgesprengt. Der Rest aber hat ordentlich gestreut. Wäre die ganze Kugel rein gegangen, dann wäre Ihr Oberkörper nur noch eine schlammige Masse aus Blut und geheckselten Fleisch gewesen, die notdürftig den Panzer ausgefüllt hätte.“
„Das weiß ich bereits, Doc. Erzählen Sie mir was Neues.“
„Gerne.“ Der Arzt deutete auf das Herz. „Hier, hier, hier, hier, hier und hier haben sich die Nanoroboter, die über die Narbenpaste in Ihren Körper gelangt sind, selbst gesprengt. Diese Explosionen wirkten wie ein Elektroschock, der das Herz dazu animierte, weiter zu arbeiten.
Dennoch hat das Organ dadurch schwere Verbrennungen erlitten. Dazu haben sich die meisten Splitter abgekapselt, ein paar hätten beinahe Infektionen ausgelöst, wenn die Narbenpaste nicht genau das verhindert hätte. Ich sage Ihnen wie es ist, Alex Tarnau. Wir können die Behandlungen mit Narbenpaste fortsetzen und Ihren Zustand von Woche zu Woche erneut stabilisieren. Oder Sie geben mir einen Monat Zeit, ich suche alle Splitter und operiere sie ein für allemal raus. Dazu lege ich frisches Muskelgewebe an den geschwächten Stellen des Herzens an, die Kulturen zu entwickeln und wachsen zu lassen dauert nicht einmal zwei Wochen. Ich werde Sie maximal fünfmal mit der minimalinvasiven Operationstechnik aufmachen müssen, aber dafür sind Sie in etwas mehr als vier Wochen auf dem Weg zu einer wirklichen Genesung. Aber dafür müssen Sie mir Zeit geben. Ich muß die Splitter lokalisieren, katalogisieren und die Verletzungen bewerten und die Behandlung vorbereiten.
Außerdem könnten Splitter in der Lungenwand stecken und jederzeit dazu führen, dass die Lunge zu bluten beginnt, oder noch schlimmer, keine Luft mehr halten kann.“
„Aus diesem Grund schlafe ich in meiner Uniform. Ich habe damit immer einen medizinischen Scanner an meinem Leib.“
„Das ist ein Kompromiss, aber keine Lösung“, tadelte der Arzt.
Alex nickte ernst. „In Ordnung. Wir warten, bis wir Zehn Steine erreicht haben. Ich werde mich einer Vollversammlung der Großgruppenführer stellen müssen. Danach stehe ich Ihnen zur Verfügung. Aber damit wir uns gleich verstehen: Ich bleibe lediglich im Hoffnungstal. Meine Arbeit werde ich nach bestem Wissen und Gewissen fortsetzen.“
„Das ist mehr als ich zu hoffen gewagt habe“, gestand der Arzt sichtlich erleichtert.
„Stimmt. Ich dachte, du würdest dich länger sträuben“, fügte Andy hinzu.
„Was?“, erwiderte Alex amüsiert. „Dachtet ihr, ich markiere den starken Mann und schiebe die Operation vor mir her, weil es sooo viele Dinge gibt, die gerade wichtiger für uns und die Beyonder sind?“
Simultan nickten der Arzt und der Commander.
„Ihr habt doch einen Knall. Es geht um mein Leben! Und das mag ich zufälligerweise sehr, sehr gerne! Diese Operationen nicht machen zu lassen wäre grob fahrlässig. Das würde ich keinem meiner Leute durchgehen lassen. Warum dann mir?“
„Ist das vielleicht ein erstes Anzeichen einer Infektion, Doktor? Dieser Anflug von Vernunft passt ja gar nicht zu unserem tollkühnen Anführer“, spottete Andy.
„Eieieiei“, meinte der holländische Arzt. „Ich hoffe nicht. Aber bei vielen Entzündungen kann es zu atypischem Verhalten und zum Delirium kommen.“
Tarnau runzelte die Stirn. „Wenn ihr damit fertig seid, euch über mich lustig zu machen, könntet ihr den Raum verlassen. Ich will mich wieder anziehen.“
„Du liegst hier seit zwanzig Minuten nackt rum. Warum zierst du dich plötzlich?“, brummte Andy.
„Weil ich euch beiden für den schlechten Witz in den Arsch treten werde, sobald ich wieder Stiefel trage“, brummte Tarnau.
Der Arzt und der Kapitän erhoben sich. „Das ist ein Argument. Nichts wie raus.“
Alex sah den beiden nach und schmunzelte.
Dann begann er seine Kleidung zusammen zu suchen. Mist, ob er van Holland von diesem stechenden Schmerz in der linken Brust erzählen sollte, der ihn ab und zu überfiel? Zumindest saß er nicht auf Höhe des Herzens, viel weiter rechts. War das schon lebensbedrohlich? Alex Tarnau wusste es nicht, und er fürchtete sich vor der Antwort.

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3. Ankunft

Als Alex Tarnau mit einem Personentransporter im Hoffnungstal landete, gingen ihm tausend Gedanken durch den Kopf. Noch immer erhob sich der holographische Projektor im Zentrum, der das Tal während der Schlacht gegen Porma el Tars Flotte perfekt getarnt hatte und es wieder tun würde, sollte er jemals gebraucht werden.
Noch immer erhoben sich die kreuzförmigen, zweistöckigen Wohneinheiten im Tal, aber sie hatten sich vermehrt.
Straßen verbanden die Wohngebäude, die Verwaltung und die großen Hallen der Lager und Wartungsanlagen. Zwischen ihnen verliefen die Doppelschienen der Schwebebahn, am Rand des Hoffnungstals entstand gerade mit Hilfe der Schöpfertechnologie eine neue Trasse, die durch das Bergland nach Norden in die Sümpfe führte. Noch diskutierten die Experten, ob eine direkte Schienenverbindung vom Kontinent Mergon zum Nordpolkontinent Galipo mehr Sinn machte als ein Fährbetrieb oder ein Pendelbetrieb mit Transportern – machbar waren laut der Schöpfer alle Versionen.
Der Gedanke hatte etwas faszinierendes, vielleicht alle Kontinente mit der Schwebebahn zu verbinden. Aber das war selbst bei der weit überlegenen Technik der Schöpfer Zukunftsmusik.

Für einen Moment atmete Alex tief aus und ließ sich zusammensinken. Es wurde gefährlich für ihn. Je mehr Aufgaben er delegierte, je mehr Freiraum er bekam, desto besser kam er zum nachdenken und desto mehr musste er mit seinem Enthusiasmus und seiner Verzweiflung kämpfen.
Der Enthusiasmus wollte ihm weismachen, dass sein Hoffnungstal die Keimzelle für eine Besiedlung des Planeten durch die Menschheit war, dass diese Welt, Zehn Steine, ein Sprungbrett für die Menschen wurde, um das All zu erforschen und zu kolonisieren. Dass diese Welt nicht immer nur als Bollwerk gegen die Varni und das Pes Takre dienen würde.
Ja, er ging sogar soweit und dachte daran, die anderen neun von Menschen besetzten Welten in diese Expansion mit einzubeziehen. Sommertraum war ein Schlachthaus gewesen, aber vom Klima her war die Welt ihm annehmbar erschienen. Kolonisierungsfähig.
Diese zehn Welten, dachte er, konnten sie ein Samen sein? Eine Keimzelle für ein eigenes galaktisches Reich? In den falschen Händen, denen eines charismatischen Wahnsinnigen konnte es unglaubliches Unheil anrichten, konnten seine Beyonder zu einer unglaublichen Gefahr werden, sogar für die Erde.
Aber in den richtigen Händen… Nun, bei diesem Gedanken endete sein Enthusiasmus. Alex hielt überhaupt nichts davon, eine derart wichtige Aufgabe in einer einzigen Person zu konzentrieren. Nicht umsonst hatte er die zivile Verwaltung abgegeben. Nicht umsonst hatte er den Menschen die Wahl gelassen, ob sie kämpfen wollten oder nicht. Nicht umsonst traute er von allen Beyondern sich selbst am wenigsten. Die Erinnerung, wie er aus dem tiefen Dunkel der Besinnungslosigkeit in einer mit seinem Blut besudelten Rüstung aufgewacht war, ernüchterte ihn immer wieder.

Dies war der Moment für seine Verzweiflung.
Ja, dachte er dann, schön und gut, aber hast du dir schon mal überlegt, wie lange diese Keimzelle überdauern wird? Was, wenn die anderen Kriegstrosse sich sammeln und gemeinsam angreifen? Was, wenn dann eine Verbesserung um den Faktor zehn nicht mehr ausreicht, um den Gegner abzuwehren?
Oder was ist, wenn mit den Menschen, die du in die Beyonder aufgenommen hast, die du hoffentlich noch in die Beyonder aufnehmen wirst, einer oder eine Gruppe kommt, die zum ersten Mal im Leben von Macht gekostet hat und mehr will?
Oder noch schlimmer, ein gewohnheitsmäßiger Machtmensch, der genau weiß, was er tun muß, um die Menschen in seinem Sinne zu beeinflussen? Der dich hinwegfegt wie ein lästiges Insekt? Du hast es erlebt, Alex Tarnau, wie du mit einem einzigen lauten Wort die Aufmerksamkeit von zwanzigtausend Menschen bekommen hast. Das kann auch anderen gelingen. Und wenn sie ebenso wie du damals die richtigen Worte finden, bist du verloren und die Beyonder verdammt.
Dein Bonus als Herr der Vernunft, als Retter der Beyonder gilt nur für die zwanzigtausend, die du damals hier ins Hoffnungstal geführt hast. Nicht für die Truppen von Chrisholm Deavenport, nicht für die Truppen von Lady, nicht für die Truppen von Enies Sörensen, nicht für die Verrückten, die versucht hatten, sich gegenseitig auf dem Freudentag-Archipel zu massakrieren. Nicht für all die anderen über diese Welt verstreuten Menschen, die sich ohnehin nur angeschlossen haben, weil deine Gruppe zu diesem Zeitpunkt die stärkste Gruppierung war. Und ihr damals zudem einen Plan hattet.
Außerdem, mit jedem neuen Menschen, der aus anderen Sonnensystemen zu uns stößt, wird es mehr in Vergessenheit geraten.
Du kannst etwas tun, solange jemand auf dich hört. Vor allem so lange du lebst.
Gib es doch zu, deine größte Angst ist es zu sterben und zu wissen, dass ein unbekannter Gegner aus dem Hintergrund zuerst Andy, dann Kurt und dann die anderen tötet, die Menschen, denen du am meisten traust und die uns alle hier auch aus der Scheiße rausholen können, wenn du nicht mehr bist.

Das Landesignal unterbrach seine Gedanken. Eine Minute noch. Eine ewig lange Minute noch, dann war er wieder auf Zehn Steine. Er unterdrückte den Gedanken, diesen Ort sein Zuhause zu nennen.
Dann ging sein Blick an die Decke der Fähre, hinauf zu den beiden Monden von Zehn Steine, Auge und Stimme.
Im Innern von Stimme, der Gigantwerft der Schöpfer, wurden mittlerweile vier Fregatten der Varni umgerüstet, um sie auf den neuesten Stand der Beyonder-Technik zu bringen. Ein Zerstörer stand bereits bereit, um die nächste freie Werft aufzusuchen, die im Moment noch mit dem Bau eines Schöpferschiffes beschäftigt war.
Danach würde es ein weiteres Dreivierteljahr dauern, bis alle Schiffe der Beyonder hochgerüstet waren und er eine Macht in Händen hielt, denen vielleicht alle Kriegstrosse der Varni zusammen etwas entgegen zu setzen hatten. Dann würde es auch Zeit für Neubauten sein. Neubauten, die noch stärker als die hochgerüsteten Varni-Schiffe waren. Die stärksten Waffen, die es in diesem Sektor der Milchstraße gab. Die besten Antriebe, die überlegensten Pendler, die autarksten Versorgersysteme.
Ein sanfter Ruck informierte Alex darüber, dass die Fähre aufgesetzt hatte.
Sobald die Fregatten fertig waren, würden sie vorsichtig damit beginnen, die anderen acht Welten zu besuchen, auf denen sie Menschen vermuteten. Vor allem aber sollten sie die Schiffe der anderen Trosse der Varni aufspüren, die in diesem Sektor operierten.
Die HEIMWEH selbst würde schon bald wieder aufbrechen und die nächste Welt anfliegen, aber diesmal würde sie von fünf noch nicht umgebauten Schiffen begleitet werden.
Alex hielt seine Hände hoch und betrachtete sie. Es war als würde die Zeit wie Sand zwischen seinen Fingern davon rieseln. War es die richtige Entscheidung, nach Sommertraum zuerst nach Zehn Steine zurückzukehren? Wäre es nicht besser gewesen, die Menschen dort zurück zu lassen und die nächste Welt zu besuchen? Und weiter, immer weiter, um Gewissheit über das Schicksal aller Menschen zu bekommen, welche die Schöpfer entführt hatten?
Eine Million Menschen, eine Million Schicksale. Gut hunderttausend von ihnen waren aktive Soldaten aus vielen Ländern der Erde.

Zischend fuhr das Schott auf und gestattete den Passagieren nun auszusteigen. Seufzend setzte Alex Tarnau seine Dienstmütze auf. „Einloggen“, sagte er ernst.
Sofort entstanden vor seinen Augen semitransparente Hologramme.
„Guten Morgen, Ren“, klang Martha Wongs Stimme auf. „Schön, dass Sie wieder bei uns sind. Die Mission der HEIMWEH war sehr erfolgreich, habe ich gehört.“
„Wie man es nimmt, Martha. Wir haben drei Fregatten versenkt und eine Handvoll Menschen gerettet. Sie sind weit von den hunderttausend entfernt, die wir auf Sommertraum erwartet haben. Und seitdem frage ich mich, wo die Schöpfer den Rest gelassen haben.
Ich würde gerne den Gnom ohne Ohren dazu befragen.“
„Der große Herold L´Tark“, antwortete Martha amüsiert, „lässt sich entschuldigen. Er wird mit Ihnen vor dem Rat zusammentreffen, Ren. Zurzeit befindet er sich auf Stimme und koordiniert die Ankunft einer Rohstoffflotte.“
„Ich wusste doch, dass die Schöpfer keinen Stahl aus Sonnenlicht erschaffen können“, brummte Alex zufrieden.“
„Oh, das können sie, hat der Herold gesagt. Aber die Sonne von Zehn Steine ist nicht groß genug, um die Bedürfnisse der Werft zu befriedigen, Ren.“
Für einen Moment schnappte Alex nach Luft. „Was?“
„Nur ein Scherz.“
„Der für mich beinahe tödlich geendet hätte“, erwiderte Alex etwas zu barsch.
„Ich glaube nicht, dass irgendetwas Sie umbringen könnte.“
Tarnau stockte mitten in der Bewegung, während er sich von seinem Platz erhob. „Heb mich nicht zu hoch, Martha. Ich kann nicht fliegen.“
„Wie Sie wünschen, Ren.“
Alex verließ die Fähre als Erster. Die anderen Passagiere, Crewmitglieder der HEIMWEH, folgten ihm respektvoll.
Auf dem kleinen Landefeld wurde er nicht gerade von einer Ehrengarde erwartet, aber die beiden Beyonder, die ihn als Leibgarde im Raumboot begleitet hatten, übergaben ihre Aufgabe an eine Sechsergruppe voll gerüsteter Beyonder der Großgruppe Kelal.
Sechs. Sechs also mittlerweile.
Er erinnerte sich ungern an den Tag vor der Schlacht gegen Deavenport, an dem ihm eine verängstigte und verzweifelte Frau aufgelauert hatte, um ihn zu töten, und bei dem Anblick des massiven Schutzes drängte sich ihm die Vision von einer halben Division unwilliger, tötungsbereiter Beyonder auf, die nur auf ein freies Schussfeld auf Alex Tarnau warteten.
Er drückte diese Gedanken beiseite. So etwas brachte nichts, und die weiße Uniform bot zumindest einen gewissen Schutz.

Alex schlug den Weg zu den Stabsgebäuden ein. Die Strecke war nicht lang, also verzichtete er darauf, sich von einem der Rüstungsträger hintragen zu lassen. Oder sogar einen der Laster anzufordern, um sich fahren zu lassen.
Auf seinem Weg begegnete er hunderten von Beyondern, die meisten trugen die weißen Uniformen, die mittlerweile durch die Mimikry-Gabe des Materials mit den verschiedensten Symbolen bedeckt waren. Ebenso wie seine Uniform, die das rote Dreieck auf der linken Schulter trug. Nur bunter. Viel bunter.
Die Menschen begegneten ihm mit Respekt, manche salutierten, aber die Stille bedrückte Alex. Er hatte nicht gerade lauten Jubel erwartet, nur weil er aus einem anderen Sonnensystem zurückgekommen war. Aber das hier, das unterschied sich doch sehr von dem Enthusiasmus, der vor der Schlacht gegen Porma el Tar geherrscht hatte.
Wenigstens lächelten die meisten Menschen. Kalte, zornige Blicke hätte er gerade nicht ertragen.
Vielleicht war es die Präsenz der sechs Rüstungen, die massierte rohe Gewalt, die sein Leben schützen sollte. Vielleicht war sie es, die nun seine Integrität schädigte und seinen Ruf vernichtete.

„REN!“
Alex wandte sich der Stimme zu, die gerufen hatte. Er erkannte den Sprecher wieder. Es war Gruppenführer Suun, der Mann, der Tarnau beim Sturm auf die HEIMWEH mit seiner Gruppe eskortiert hatte. „Ren, egal was die im Rat mit Ihnen machen, wir stehen hinter Ihnen!“
Aufgeregtes raunen begleitete seine Worte. Mehrere der Anwesenden stimmten zu und vereinzelt klangen sogar Pfiffe auf.
„Egal was mir passiert?“, fragte der Anführer der Beyonder überrascht.
Suun wirkte verwirrt. „Ja, wissen Sie denn nicht, dass Sie heute wegen Unregelmäßigkeiten befragt werden sollen, Ren? Der Rat hat vor, mit Ihnen ganz schön ins Gericht zu gehen. Aber solange es die Gruppenabstimmung gibt, solange ein einzelner Beyonder noch etwas zu sagen hat…“
Alex trat an seinen Leibwächtern vorbei und ging direkt auf den Gruppenführer zu. „Machen Sie sich keine Sorgen um mich, mein Junge. Ich kann auf mich aufpassen und ich habe nichts Unrechtes getan. Im Gegenteil. Aber es freut mich zu sehen, wie sehr Sie mir vertrauen.“
Der Mann sah den großen Deutschen an und schluckte heftig. „Das ist doch selbstverständlich, Ren. Wir waren zusammen da oben. Ich habe Sie kämpfen sehen!“
„Und ich habe Sie kämpfen gesehen, Sie und Ihre Leute. Verdammt, jeder der es hören will weiß dass ich nicht kämpfen will und dass ich nicht will dass die Beyonder kämpfen müssen. Aber Ihr Team hat da oben verdammt gute Arbeit geleistet.“
„Wir werden auch weiterhin gute Arbeit leisten, Ren. Nicht für uns, aber für Sie und für die Erde!“
Die letzten Worte waren begeistert aufgenommen worden. Jubel erklang, wurde weiter getragen und durch zusätzliche Stimmen verstärkt.
Am Ende ging Tarnau durch ein Spalier aus Applaus, Pfiffen und Jubel zum Stabsgebäude.

Martha Wong empfing ihn im Eingangsflur. „Willkommen Zuhause, Ren. Wie ich höre haben Sie bereits mitgekriegt was der Rat vorhat?“
„Eine Anhörung.“
„Wohl eher ein Verhör. Ich kenne das Thema noch nicht, aber es wurde eine Versammlung aller Großgruppenführer anberaumt. Und jeder Beyonder, der sich vernetzen kann wird dazu aufgefordert, an der Versammlung teilzunehmen.
Ren, Sie können direkt von diesem Büro aus teilnehmen. Oder Sie können in die Lagerhalle rüber gehen, die wir zum Ratsgebäude umfunktioniert haben. Wir haben die Halle mit Hilfe der Hologrammtechnik der Schöpfer in einen virtuellen Saal umgewandelt. Sie können persönlich rüber gehen oder sich mit der Ausrüstung im Stab einloggen.“
„Interessant. Dann kann also jeder Großgruppenführer an der Versammlung teilnehmen, selbst wenn er auf der anderen Seite von Zehn Steine ist.“
„Ja, Ren.“
„Wann beginnt die Versammlung?“
„In einer Stunde, Ren.“
„Ich denke, das reicht um kurz Atem zu schöpfen und rüber zu gehen. Ich bin in meinem Büro. Dort erwartet mich doch hoffentlich keine Veränderung?“
Martha lächelte und sah zur Seite. „Nein, Sir. Aber ein wenig Arbeit. Ich habe mir erlaubt, Ihnen ein paar virtuelle Dokumente und ein paar Netzwerkpfade zukommen zu lassen, die Sie sich vielleicht einmal ansehen sollten.“
„Na, du machst mir ja Mut“, brummte Alex Tarnau. „Nach der Besprechung will ich ins Sanatorium. Berücksichtige das bitte bei der Einteilung meiner Dienstzeit.“
Martha Wong, die gute Seele des Stabes, seine Chefsekretärin und die beste Kommunikationsexpertion der Beyonder, verzog nicht einen Mundwinkel, aber damit sagte sie mehr als deutlich, was sie von Tarnaus Idee hielt, zum Sanatorium zu fahren.
„Ren, hier wartet mehr als genügend Arbeit auf Sie und…“
„Martha, ich habe mir diese Entscheidung nicht leicht gemacht. Und glaube mir, es ist Zeit, dass ich es tue.“
„Wie Sie wünschen, Ren. Aber ich bin der Meinung, dass wir Deavenport in eine Kiste stecken, diese gut zunageln und dann in die nächste Sonne treiben lassen sollten.“
„Wir gehen unter, wenn wir nicht alle zusammenhalten, Martha. Alle Beyonder, auch Deavenport.“
„Deavenport ist kein Beyonder!“
„Er wird einer werden.“
„Wie Sie meinen, Ren.“ Abrupt wandte sie sich ab und verschwand in ihrem Büro.
Deutlicher hätte sie ihr Missfallen nicht ausdrücken können, und Widerworte war Alex Tarnau gerade von dieser Frau nicht gewohnt. Sie verstand es, ihre Kritik subtiler zu übermitteln und ihren Willen sanfter durchzusetzen. Sie musste Deavenport regelrecht hassen, wenn sie sich vor Alex zu einer derartigen Szene hinreißen ließ.
Aber der Anführer aller Beyonder hatte seine Meinung gebildet, und er war fest entschlossen, Colonel Chrisholm Deavenport auf seine Seite zu ziehen.
Der Mann war nach ihrer beider Zweikampf, keine fünf Kilometer vom Stabsgebäude entfernt kollabiert. Er war dehydriert, überhitzt und erschöpft gewesen, und dennoch hatte er durchgehalten. Das waren alles gute Eigenschaften, die Alex nicht verschwenden wollte, nicht verschwenden durfte. Es war ihm ernst gewesen als er gesagt hatte, dass er auf keinen Beyonder verzichten konnte.

In seinem Büro erwartete ihn eine frisch zubereitete Beyonder-Pizza, individuell mit dem belegt, was er gerne mochte. Die Belegarten hatten enorme Variationen, und jeden Tag kamen neue hinzu. Die Schöpfer beeilten sich mit Hochdruck, ihren allerneuesten Stars jeden Wunsch zu erfüllen, um sie bei Laune zu halten. Dazu hatte jemand – mit Sicherheit Martha – ein hohes Glas mit einer schwarzen Flüssigkeit gestellt. Wahrscheinlich Beyonder-Cola, ein Mixgetränk aus Nährstoffen, Vitaminen und einer erheblichen Prise Protein, das die Schöpfer produziert hatten, um die Ernährung der auf Zehn Steine gestrandeten Menschen abwechslungsreicher zu gestalten. Alex nahm das Getränk als Ersatz für Kaffee, bediente sich aber in Maßen. Er wollte die aufputschende Wirkung nicht durch übermäßigen Konsum reduzieren, aber vor dem Rat war es sicherlich sinnvoll, volle Konzentration haben zu können.
Alex setzte sich hinter seinen Schreibtisch und klinkte sich mit dem Tischgerät ins Netzwerk der Beyonder ein. Er hätte dafür auch einfach nur seine Mütze aufsetzen müssen, aber seiner Meinung nach waren es die Kleinigkeiten, die das Leben der Beyonder verbesserten, also hatten die Schöpfer unter Anleitung der Menschen Hologeräte in die Tische implantiert.
Sofort aktivierte sich sein persönlicher Zugang. Eine speziell von Martha konstruierte Benutzeroberfläche führte ihn durch seine Routinearbeit. Immerhin war er sich sicher, dass er weder doppelte Arbeiten erledigen musste, noch von Nebensächlichkeiten belästigt wurde.
Dennoch sah seine Arbeitsoberfläche dreihundert Dokumente vor, die er alle durchlesen und bearbeiten musste. Seufzend nahm er sich ein Stück Pizza, trank einen Schluck von der Cola, stellte überrascht fest, dass sie heute nach Zitrone schmeckte, und widmete sich dem ersten Dokument.
Nach einer dreiviertel Stunde hatte er Anträge bestätigt, abgelehnt, Kommentare verfasst, einige Dokumente an die anderen Commander oder Mitarbeiter des Stabes weitergereicht oder einfach nur mit dem Hinweis „gelesen“ an Martha zurückgeschickt. Auf diese Weise hatte er ungefähr siebzig Dokumente abgearbeitet, aber nach der Ratssitzung würde noch ein langer Arbeitstag auf ihn warten. Himmel, und das waren nur die Arbeiten, die er nicht delegieren konnte. Wie viel Mehrarbeit hatte sein Stab wohl in diesem Moment?
Dokument einundsiebzig war brisant genug, um ihm mehr Aufmerksamkeit und eine zweite Lesung zu widmen. Danach las er es zum dritten Mal, ein viertes Mal, nur um auf Nummer sicher zu gehen.
E aktivierte die Tischverbindung zu Martha Wongs Arbeitsplatz. „Martha?“ „Ja, Ren?“
„Hat sich L´Tark für die heutige Sitzung angekündigt?“
„Soweit ich weiß hat er sogar Redezeit beantragt. Die Großgruppenführer des ständigen Rates wollen während der Sitzung darüber entscheiden, Ren. Darf ich Sie in diesem Zusammenhang gleich daran erinnern, dass Sie gleich rüber müssen?“
„Ich mache mich gleich auf den Weg.“
Alex Tarnau warf noch mal einen Blick auf das Dokument, dann verteilte er Kopien an die anderen Commander mit dem Vermerk „Zur Einsicht“.
„Wer führt heute eigentlich den Vorsitz, Martha?“
„Commander Lady ist dran.“
Nun, die Frau war etwas merkwürdig, aber umgänglich. Außerdem schuldete sie Tarnau was. Das konnte die Auswirkungen dieses Dokuments womöglich dämpfen.
Er speicherte es mit einigen Randnotizen ab und machte es für sich selbst direkt im Webspace verfügbar. Dann öffnete er Dokument zweiundsiebzig. Ah, die versprochenen Links.
Der Webspace der Beyonder war ein dezentrales Netzwerk, in der jede einzelne Rüstung, jeds Zimmerterminal und jede Uniformmütze einen Server und zugleich einen Benutzer darstellte. Die Uniformen, Rüstungen und die Terminals waren permanent online und bildeten zusammen das größte Rechennetzwerk, dass die Menschheit jemals erlebt hatte.
Zudem hatte es eine schlecht definierbare Eigenverwaltung, die alle abgelegten Daten für jedermann auf dieser Welt frei verfügbar machte. Es gab einige wenige gesperrte Datenbereiche, sei es von Beyondern, sei es vom Rat oder seinem Stab angelegt, aber nichts konnte seinem Override-Code stand halten. Mit dieser absoluten Überrang-Order konnte er sich überall einklinken. Und er konnte die Rechte dieser Überrang-Order an andere weitergeben. Niemand hatte ein so umfassendes Zugriffsrecht wie er selbst, aber auch ein weitergegebener Override-Code hatte enorme Macht in diesem Netzwerk.
Die Links führten zu von Beyondern gesperrten Bereichen. Sie waren User-definiert, das bedeutete, dass nur bestimmte Benutzer sie besuchen durften. Und das wiederum bewies, dass auf diesem Bereich des Beyonder-Webspace Daten einer verschworenen Gemeinschaft innerhalb der Beyonder lagerten. Es war immer dasselbe. Eine Seite, auf der man über Alex Tarnau schimpfen konnte, ein Bereich in dem mal dilettantisch, mal professionell die Übernahme der ganzen Gruppe geplant wurde, eine heimliche Tauschbörse für pornographische Bilder – die Synthesizer der Rüstungen waren enorm leistungsfähig und manche Beyonder besaßen erstaunliche Phantasie – und was es der Dinge mehr gab. Wenn Martha ihn auf diese Links ansetzte, bedeutete dies vor allem, dass die Hong Kong-Chinesin in diesem Bereich subversive Daten vermutete. Und das war etwas, was Alex Tarnau verachtete. Gut, die Beyonder hatten einen großen militärischen Aspekt, aber er zwang niemanden dazu, eine Waffe in die Hand zu nehmen. Das hatten die Schöpfer getan, er aber würde so etwas niemals verlangen.
Überdies war die Beyonder-Gemeinschaft, egal ob ihre Mitglieder kämpften, Techniker, Sanitäter oder Raumfahrer waren oder in den Farmen im Tiefland arbeiteten, eine urdemokratische Institution. Jeder Beyonder konnte jederzeit an allen wichtigen Entscheidungen der Gruppe teilhaben und mit abstimmen. Er konnte auch seine Stimme erheben. Dazu musste er nur Fragen, Forderungen oder Ideen an seinen Gruppenführer geben, der diese an den Großgruppenführer weiter leitete. Und dieser hatte das Recht, sie der Versammlug vorzulegen. Das war demokratischer als einen Stellvertreter zu wählen und ihn für sich entscheiden zu lassen. Zumindest empfand Alex das so, und deshalb ärgerten ihn die Gruppen, die für ihre Projekte, Ideen oder Phantasien keine Mehrheit fanden und deshalb glaubten, sie hätten das Recht, zu tun und zu lassen was sie wollten. Denn das war der Nachteil eines demokratischen Systems, man musste der Mehrheit folgen.

Tarnau benutzte den Override-Code und brach als berechtigter User auf die erste Seite ein.
Es verwunderte ihn nicht, als er damit einen großen, lichtdurchfluteten Raum erreichte, in der sich die Avatare anderer User im Beyonder-Netz stellvertretend für ihre Benutzer versammelt hatten, um einem von ihnen zu lauschen, der aus einem Buch in seinen Händen vorlas. Nun, diese Gruppe sah definitiv friedlich aus, deshalb hielt sich Alex zurück und beobachtete lediglich. Nebenbei nahm er mit seinem Avatar virtuelle Bücher aus dem Regal und blätterte sich durch. Dazu drang die Stimme der Leserin an ihr Ohr, die eindringlich, enthusiastisch und aufgeregt klang.
„…hielt er den Sterbenden in den Armen und rief: Alex, verlass uns nicht! Ohne dich werden die Beyonder zerfallen. Sie werden sterben! Ich werde sterben!
Und Alex Tarnau öffnete noch einmal die Augen, hob unter größter Kraftanstrengung den rechten Arm und strich Jamahl über die ebenholzschwarzen Wangen, um seine Tränen fortzuwischen. Er hauchte mit kaum hörbarer Stimme: Andy, jetzt wo ich gehe, haben sie nur noch dich. Du musst mein Erbe ausführen. Und auch wenn wir uns nie mehr lieben können, so bin ich doch in deinem Herzen immer bei dir.“
Die Zuhörergruppe raunte gespannt bei dieser Passage, und Alex Tarnau bemerkte eine gewisse Irritation seinerseits. So hatte sich die Szene auf der HEIMWEH definitiv nicht abgespielt. Er musste es wissen, er war dabei gewesen.
„Dann trafen sich ihre Lippen zu einem allerletzten Kuss, Alex starb in den Armen des großen, starken schwarzen Commanders und ließ ihn allein in dieser Welt zurück. Zornig, wütend und zutiefst traurig, die Liebe seines Lebens verloren zu haben, stieß er einen urwüchsigen Schrei aus und…“
Alex schlug das Buch zu, das er in der Hand hielt. Er hatte definitiv genug gehört und genug gelesen. So leise wie er eingetreten war, verließ er den virtuellen Raum wieder und verwischte dabei alle Spuren seiner Anwesenheit. Die Zuhörer waren alle weiblichen Geschlechts, und sie hingen der Vorleserin, vermutlich der Autorin an den Lippen. Unwillkürlich musste Alex ein Lachen unterdrücken. Manche Mädchen waren halt so.
„Audiokommentar zum ersten Link: Ich autorisiere, dass die benutzerbezogene Sperre bestehen bleibt. Dort geschieht zwar etwas, was man nicht der Öffentlichkeit zugänglich machen sollte, aber es ist nicht gefährlich oder untergräbt die Beyonder an sich. Es ist lediglich etwas peinlich, aber damit kann ich leben. Audiokommentar Ende.“
„Ren, es ist Zeit.“
„Ich komme, Martha.“ Tarnau deaktivierte das Tischgerät, griff nach seiner Mütze und verließ sein Büro. Wenn es möglich war, wollte er auf diese Seite nicht mehr zugreifen. Die Mädchen und Frauen konnten gerne tun und lassen was immer sie wollten, seinetwegen auch mit ihm, Andy oder den anderen Commandern als Hauptfiguren ihrer weiblichen Phantasie, aber lesen wollte er es dann nicht unbedingt.
***
Als Alex Tarnau die ehemalige Lagerhalle betrat, waren die Hologrammporjektoren noch nicht aktiviert. Rings an den Wänden der Halle waren Podeste aufgebaut, auf denen sich Beyonder in den typischen weißen Uniformen eingefunden hatten. Auf vielen Schultern prangten Gruppenführerabzeichen, aber die Mehrzahl waren einfache Beyonder, von denen viele die Uniformen mit Hilfe der Mimikry-Fähigkeit weit genug verändert hatten, um sichtbar Abstand vom Soldatenhaften der Uniform zu nehmen. Alex verstand die Botschaft. Letztendlich hatte er diese Entwicklung immer gefördert.
Seine sechs Wachen blieben am Eingang zurück, und ein höflicher Stabsbediensteter, dessen Name Alex nie einfallen wollte, führte ihn tiefer in die Halle. Dort waren bereits mehrere Reihen Tische aufgestellt, an denen die Großgruppenführer sitzen würden. Der Rat, eine repräsentative Auswahl aus den Reihen der Großgruppenführer, saß am Ende an quer gestellten Tischen. Ein weiterer seitlicher Tisch war für die anwesenden Commander reserviert, die in militärischen Belangen federführend waren, aber in dieser Versammlung nicht mehr Rechte hatten als die Großgruppenführer.
Als Alex die Podeste passierte, klang verhaltener Applaus auf. Er nahm die Zeit und winkte in die Runde, was den Applaus noch etwas verstärkte. Dann nahm er am Commander-Tisch Platz. Außer ihm hatten sich dort bisher nur Kurt Warninger und Lady eingefunden. Er begrüßte beide mit ein paar freundlichen Worten.
„Bitte schließen Sie die Türen“, sagte Großgruppenführer Patric, „und aktivieren Sie die Hologramme.“
Übergangslos verändete sich die gesamte Atmosphäre im Raum. Über den Podesten erschienen weitere Sitzreihen, auf denen sich Beyonder eingefunden hatten, selbst an der Decke entstanden Sitzreihen. Die Tische für die Großgruppenführer füllten sich und weitere Tischreihen entstanden in der Luft. Auch die Zahl der Commander wuchs nun beständig an, bis alle vollständig an dem Tisch saßen.
„Ich bitte um Ruhe“, sagte Patric und sah streng in die Runde. „Dies ist eine außergewöhnliche Vollversammlung der Beyonder. Sinn und Ziel des Abends ist die Befragung von Alex Tarnau, dem militärischen Anführer unserer Gemeinschaft. Als Beisitzer der heutigen Versammlung begrüße ich Chefarzt ar Zykarta, Commander el Tar und Herold L´Tark. Ihre Anwesenheit ist reiner beratender Natur. Ich gebe das Wort an Commander Lady.“
Die große Frau erhob sich und trat vor den Tisch des Rates. „Rat der Beyonder, Versammlung der Großgruppenführer, Mitglieder unserer Gemeinschaft. Ich habe diese außerordentliche Versammlung der Beyonder einberufen, um unseren geehrten Anführer Alex Tarnau zu Unregelmäßigkeiten seiner Arbeit zu befragen. Versteht mich nicht falsch, nichts liegt mir ferner als diesen Mann anzuklagen. Aber wenn er das Vertrauen, dass er von einem jeden von uns erworben hat behalten will, soll und muss er unseren Fragen Rede und Antwort stellen.“
Sie sah in die Runde, aber niemand widersprach.
„Alex Tarnau, während deiner Abwesenheit, während der Erkundung von Sommertraum, haben sich die Anfragen im Stab und an den Rat summiert. Vielen Beyondern sind verschiedene Missstände aufgefallen, die wir heute klären wollen. Aber zuvor bitten wir um deinen Bericht, Sommertraum betreffend.“
Alex Tarnau nickte und trat in die Mitte des Raums. Von dort aus hatte ihn jedermann im Blick.
„Wie ihr alle wisst, ließ ich von den Schöpfern zuerst die HEIMWEH auf die Hochtechnologie umrüsten. Mit der Leistungsverstärkung um den Faktor zehn versprach ich mir einen immensen Vorteil. Vor allem in der Antriebstechnologie ist das zu spüren. Für den Flug nach Sommertraum brauchte die HEIMWEH fünf Tage, ebenso für den Rückflug. Die Mission auf dem Planeten selbst nahm vierzehn Tage in Anspruch.“
Er aktivierte per Blickmenu ein Hologramm. Es zeigte das neue Sonnensystem. „Wir haben Sommertraum angeflogen, weil wir von den Schöpfern wissen, dass dort ebenfalls Menschen ausgesetzt worden waren, um gegen die dem Pes Takre treuen Varni zu kämpfen.
Sommertraum selbst ist der zweite von neunzehn Planeten, und der einzige, der innerhalb der Region um seine Sonne kreist, der Ökosphäre genannt wird und Leben wie wir es kennen möglich macht. Des Weiteren befinden sich noch fünf Gasriesen in dem System, die anderen Planeten sind Geröllwüsten ohne militärisches Interesse.
Sommertraum hat drei große Kontinente, die knapp zwanzig Prozent des Planeten bedecken. Epal liegt im Norden und hat fast ein Drittel der kontinentalen Gesamtmasse. Der Grossteil des Kontinents ist vom Packeis des hiesigen Nordpols bedeckt. Die Varni unterhalten hier eine planetare Werft, eine Garnison und diverse Fabriken.
Lokvor mit zwei Fünfteln der Gesamtgröße liegt im Süden, auf Höhe des Äquators. Hier unterhalten die Varni ihre üblichen Anlaufdocks für die vollautomatischen Hochseefabriken, die in diesem System die Hauptressource bilden. Das öde Inland ist reich an Mineralien und Erzen, welche die Varni abbauen.
Letztendlich kommt Groimar hinzu, ein länglicher Kontinent auf der Südhalbkugel, um die sich ein gewaltiges Inselarchipel schart. Ein stark vulkanisches Gebiet, in dem die Varni nicht aktiv sind. Die Truppen, die auf dieser Welt aktiv sind, werden dem zwölften Kriegstross der Varni zugeschrieben, unter dem Kommando von Ritter Johna el Noet.
Gegen sie standen aber nicht wie erwartet einhunderttausend Menschen, sondern lediglich zwanzigtausend.“
Aufgeregtes Raunen ging durch die Halle.
„Wir haben die zwei Wochen genutzt, um die Garnisonen des Zwölften Kriegstross auszuschalten, in bewährter Manier haben wir den Varni das Material abgenommen, ihnen aber genügend Überlebensmöglichkeiten gelassen, bis die Schiffe des Kriegstross eintreffen. In dieser Zeit haben wir sämtliche größeren Landmassen abgesucht, soweit es uns möglich war. Experten mit Splittern des Override-Codes haben zudem die Welt auf weitere Funkkreise kontrolliert und waren sehr erfolgreich. Aber leider muss ich euch mitteilen, dass etwas mehr als dreitausendfünfhundert Menschen auf dieser Welt getötet wurden.
Die restlichen sechzehntausendsechshundert wurden von uns entdeckt, eingesammelt und nach Absprache mit dem ranghöchsten Anführer der hiesigen Menschen, Großgruppenführer Kevin Duvalle, evakuiert. Pendler sind gerade dabei, die Verletzten ins Hoffnungstal zu bringen. Spezialcontainer sind unterwegs, um weitere Lebensräume für die über sechzehntausend Menschen zu schaffen. Es freut mich, euch mitteilen zu können, dass sich fast alle dazu entschlossen haben, der Gemeinschaft der Beyonder beizutreten.“
Leiser Applaus begann, und Tarnau nutzte die Pause, um sich etwas zu beruhigen. Er hatte sich in Rage geredet und drohte sich zu verhaspeln.
„Sommertraum ist offiziell von Menschen geräumt, aber ich plane, diese Welt regelmäßig von den ersten umgebauten Fregatten kontrollieren zu lassen. Das unbeschädigte Satellitensystem im Orbit hat den Auftrag, auf neu auftauchende Funkkreise zu achten. Sollten wir damit weitere Überlebende aufspüren, werden wir sie selbstverständlich aufsammeln. Aber militärisch gesehen hat das System für uns keinerlei Wert. Auch ökonomisch ist Sommertraum wertlos, Zehn Steine bietet mehr als genügend Vorräte für unsere Gemeinschaft. Notfalls auch für eine Million oder mehr.
Wenn der Rat es gestattet, werde ich die HEIMWEH nehmen und das nächste System anfliegen, auf dem nach Aussage vom großen Herold L´Tark Menschen ausgesetzt wurden. Dies wird Goronkar sein. Die Sonne ist neun Lichtjahre entfernt. Wir wissen, dass Ritter el Noet in diesem System mit Truppen aktiv ist. Und wir wissen, dass die Varni auf dieser Welt einen regen Abbau von wichtigen Erzen wie Eisen, Germanium, Gold, Silber, Platin und Kupfer betreiben. Dazu bauen sie Kohle ab, fördern Erdöl und raffinieren vor Ort. Des Weiteren wissen wir aus den Computerkernen des zwölften Kriegstross, dass sich im Orbit von Goronkar ein Schiffsbaukomlex befindet, der genügend Kapazitäten hat, um zwei Schiffe von der Größe der HEIMWEH zugleich zu bauen.
Goronkar ist ebenso ein Sprungbrett hinein in den noch nicht vom Pes Takre erschlossenen Raum wie Ausgangspunkt für die Hatz der Varni auf die Schöpfer.
Wenn es Fragen zu diesem Thema gibt, bitte ich, sie jetzt zu stellen.“
Kurt Warninger hob die Hand. „Haben wir neue Technologien erobert?“
„Wir haben Technologien erobert, aber es handelt sich um das altbekannte. Fuhrpark, Waffen, Computersysteme und drei auf Kiel gelegte Fregatten in der Nordpolwerft. Neue Technologien waren meines Erachtens nicht dabei, oder wir haben sie noch nicht entdeckt.“
Lady hob die Hand. „Wie sicher bist du, dass es wirklich nur zwanzigtausend Menschen waren, die auf dieser Welt ausgesetzt wurden? Du weißt, auch auf Zehn Steine waren es zuerst zwanzigtausend, danach folgte erst das Gros.“
„Großgruppenführer Duvalle berichtete mir, dass er selbst kein Soldat ist. Er erwachte mit weiteren Menschen, die ebenfalls keine gravierende militärische Ausbildung erhalten hatten, auf Sommertraum und traf im Verlauf der Kämpfe auf die versprengten Reste von Soldaten, die laut eigener Aussage vor mehreren Wochen ausgesetzt worden waren.
Dieses Muster ist mit dem Vorgehen auf Zehn Steine identisch. Nach der Suche auf allen großen Landmassen bin ich mir auch sicher, dass es keine weiteren Menschen auf Sommertraum mehr gibt.“
Patric erhob sich. „Commander. Wir haben diverse Anfragen von Beyondern, die über die Gruppenführer zu den Großgruppenführern hoch gereicht wurden. Ich werde sie nun vortragen. Viele wurden mehrfach gestellt, das bitte ich zu berücksichtigen.
Erste Frage: Warum ist Sommertraum militärisch unwichtig, wenn es Werften und Farmen hat?“
„Das ist schnell erklärt. Im Moment sind wir zu schwach, um Zehn Steine und Sommertraum zu halten. Wir verfügen auf dieser Welt über genügend Ressourcen, um unsere Gruppe zu ernähren, deshalb müssen wir das militärische Wagnis nicht eingehen, unsere spärliche Raumflotte aufzuspalten.“
„Zweite Frage: Welche Interessen hatten die Schöpfer in diesem System und stimmen sie damit überein, dass wir Sommertraum nicht halten?“
„Herold?“
Der kleine Außerirdische erhob sich und sah zu Tarnau herüber. „Die Interessen der Schöpfer in diesem System bezieht sich lediglich auf die dortigen Depots. Sommertraum ist eine Transitwelt und wurde eingerichtet, um den Menschen als Rückzugsgebiet, Zwischenstation und Versorgungspunkt zu dienen. Ich nehme an, Alex Tarnau hat die Depots geräumt?“
Tarnau nickte.
„Dann hat das System keine Bedeutung mehr für uns, solange die Menschen es nicht für strategisch notwendig erachten, es zu erobern und zu halten.“ Der Herold setzte sich.
„Dritte Frage: Besteht die Möglichkeit, dass die fehlenden achtzigtausend Menschen doch auf Sommertraum sind? Eventuell in einer cryogenen Anlage?“
Wieder erhob sich der Bote der Schöpfer. „Es ist nicht auszuschließen. Ich kenne die Planungen nicht, die für Sommertraum entwickelt wurden. Ich werde mit den Schöpfern Rücksprache halten und die Beyonder informieren, sobald die Frage beantwortet wurde.“
„Diese Information hätte ich gerne etwas früher gehabt“, murmelte Tarnau erschrocken.
Leises raunen ging durch die Reihen.
„Vierte Frage“, sagte Patric mit leicht erhobener Stimme, die zur Ruhe mahnte, „wie ist so ein Hyperraumsprung?“
Alex musste schmunzeln. Solche Fragen hatte er erwartet. „Ein Hyperraumsprung ist eine komplizierte Sache. Die Technologie dafür ist mir ein Buch mit sieben Siegeln und mit der Theorie kann ich leider auch nicht aufwarten. Aber ich weiß, dass ein durchschnittlicher Sprung eine Reichweite von bis zu zehn Lichtjahren haben kann. Nichtmodifizierte Varni-Schiffe sollen fünfzig oder mehr schaffen.
Jedenfalls nimmt das Raumschiff beim Sprung die eigene Raumzeit mit und kommt so auch am Zielort an. Es gibt also keine großartige Veränderung für die Raumfahrer während des Sprungs. Erwähnenswert ist vielleicht, dass wir ein Viertel der Lichtgeschwindigkeit erreichen müssen, um in den Hyperraum zu wechseln und ihn auch mit dieser Geschwindigkeit verlassen. Würde uns dann etwas in die Quere kommen, hätten wir ernste Probleme. Ach, und natürlich haben wir ein physikalisches Phänomen festgestellt. An Bord der HEIMWEH hatten wir eine virtuelle Uhr, die mit einer Uhr im Netzwerk der Beyonder synchron geschaltet worden war. Als wir in den Orbit um Zehn Steine zurückgekehrt waren und die Uhren abglichen, stellten wir fest, dass die Uhr an Bord der HEIMWEH zwei Minuten, elf Sekunden und vier Hundertstel nachging. Weitere Fragen?“
„Nun“, sagte Patric streng, „die restlichen Fragen müssen nicht direkt an dich gestellt werden, Alex. Ich leite sie an die entsprechenden Commander und Großgruppenführer weiter.
Bitte fahren Sie fort, Commander Lady.“

Die Frau von Tromo, die sich auf dem Kleinkontinent bei der Führung der Menschen gegen etablierte Soldaten durchgesetzt hatte, sah Alex Tarnau ernst an. „Danke, dass Sie uns so offen und konkret über den Einsatz auf Sommertraum berichtet haben. Die Sache mit den cryogenen Anlagen sind spekulativ, deshalb möchte ich sie außen vor lassen. Aber ein anderer Fall beschäftigt mich und Dutzende, nein, hunderte und tausende Beyonder. Wo befindet sich Commander Jaques Vaillard? Außerdem liegen mir Vermisstenlisten vor, die sich auf ziemlich genau zweitausend weitere Beyonder beziehen. Des Weiteren ist bekannt, dass in den Depots mehrere Panzer und gut sechstausend dort eingelagerte Rüstungen fehlen. Was haben Sie dazu zu sagen, Alex Tarnau?“
„Ich denke, ich kann endlich mit offenen Karten spielen.“ Alex verschränkte die Arme hinter dem Rücken und ging einmal im Rund zwischen den Hologrammen der Großgruppenführer herum. „Jaques und ich sind nicht die besten Freunde, das wissen die meisten hier. Aber wir haben beide Vertrauen in die Fähigkeiten des jeweils anderen. Deshalb habe ich ihn für eine besondere Mission ausgesucht. Während der Kämpfe um den Tross von Porma el Tar wurde ein Zerstörer erobert, der von uns vorerst die Bezeichnung Bravo erhalten hat.
Mittlerweile hat er einen richtigen Namen, nämlich ODYSSEUS. Jaques Vaillard, die Crew der ODYSSEUS und weitere eintausendfünfhundert Beyonder befinden sich mit diesem nicht nachgerüsteten Schiff auf der Suche nach der Erde.“
Aufgeregtes Stimmgewirr erklang.
„Mittlerweile sind über drei Monate vergangen, und die ODYSSEUS unter Vaillard hat die Erde gefunden.“
Das Stimmgewirr wurde noch lauter. Patric schlug mahnend auf seinen Tisch. „Das sind gute Neuigkeiten, wenn sie bestätigt werden können. Was sind die Ziele auf der Erde?“
„Zuerst einmal, die einzelnen Nationen der Erde vor den Varni und damit vor dem Pes Takre zu warnen. Danach soll den großen Armeen der Erde die Varni- und Schöpfer-Technologie zur Verfügung gestellt werden. Und schließlich und endlich planen wir einen regelmäßigen Flugverkehr zwischen Erde und Zehn Steine. Auf diesem Weg können weitere Rekruten zu uns stoßen, Familien können nachgeholt werden und Beyonder, die gerne zurückkehren möchten, können auf diesem Weg die Erde erreichen.“ Alex hob mahnend die Hände, als die Stimmen tumultartige Lautstärke erreicht hatten. „Aber zuerst einmal richten wir einen postalischen Dienst ein. Ich bitte hiermit alle Beyonder, sich darauf einzurichten, dass es noch bis zu ein Jahr dauern kann bis uns die ersten in Richtung Erde verlassen können, so traurig das für die Zurückbleibenden auch immer sein mag. Aber bis dahin haben wir hoffentlich schon einmal Gelegenheit gehabt, elektronische Post zur Erde zu bringen. Deshalb möchte ich, dass sich alle Beyonder überlegen, wem sie auf der Erde gerne schreiben würden, oder wem sie eine Videobotschaft senden möchten. Wir werden diese Briefe und Nachrichten im Stab sammeln und dem nächsten Flug zur Erde mitgeben.“
Wieder wurde gemurmelt, aber vereinzelt mischte sich Jubel darunter. Egal ob nur als Hologramm oder körperlich anwesend, die Aufregung zog sich durch alle Reihen.
„An dieser Stelle möchte ich festhalten, dass ich nicht zur Erde zurückgehen werde“, sagte Alex Tarnau mit fester Stimme. „Ich bin durch meine Versprechen an die Schöpfer gebunden und werde die Erde von hier aus verteidigen.“
Diese Feststellung hatte etwas ernüchterndes. Das Gemurmel erstarb nach und nach. Viele der vormals aufgeregten, ja aufgelösten Beyonder setzten sich wieder, während andere die Lautstärke ihrer Konversation reduzierten.
„Wir haben keine Ahnung wie die Erde reagieren wird, aber ich hoffe das Beste.
Gibt es weitere Fragen?“
„In der Tat. Woher weißt du, dass die Erde von Jaques Vaillard erreicht wurde?“, fragte Jamahl Anderson ernst.
„Als ich heute meinen Arbeitsplatz aufgerufen habe, um die mir zugesandten Dokumente zu signieren, habe ich auch einen Brief von Herold L´Tark entdeckt. In diesem Brief informiert mich der Herold darüber, dass eines der Schöpferschiffe, das im Bereich unserer Heimatsonne operiert, die ODYSSEUS entdeckt hat.“
Wieder wurde geraunt, aber diesmal war der Unterton leicht verzweifelt.
„Der Schöpfer bittet mich in dem Brief darum, Commander Vaillard anzuweisen, mit den Schöpfern auf der Erde zusammen zu arbeiten. Es scheint nämlich so, als wenn die Scöpfer ein paar Geschäftspartner auf der Erde haben, von diesen jedoch übers Ohr gehauen werden, um es mal blumig auszudrücken. Ich habe mich entschlossen, Jaques Vaillard zu erlauben, den Schöpfern zur Hand zu gehen, weil dies auch bedeutet, dass sie die ODYSSEUS, ihre Mannschaft und ihre Mission im Sol-System dulden werden. Außerdem nehme ich an, dass unsere weiteren Pläne, den Brief- und Personentransfer betreffend fortan von den Schöpfern unterstützt werden. Sehe ich das richtig, L´Tark?“
„Natürlich, Alex Tarnau. Ursprünglich sahen unsere Pläne vor, den Menschen nicht zu erlauben, selbstständig in ihre Heimat zurückkehren zu können. Aber die derzeitige Entwicklung ist in unserem Sinne. Deshalb sagen wir vorbehaltlos zu.“
„Gut. Dann können die Schöpfer ja gleich eines ihrer ältesten Versprechen einlösen.“ Tarnau aktivierte das Display seiner Mütze und sandte ein Datenpaket zu de Herold. „Dies ist eine Liste mit allen von uns verifizierten Gefallenen sowohl der Beyonder als auch der Menschen von Sommertraum. Bitte, Herold, tun Sie ihre Pflicht und richten Sie Konten mit Geldbeträgen für ihre Hinterbliebenen ein oder spenden Sie die entsprechende Summe gemeinnützigen Vereinen. Oder noch besser, überlassen Sie diese Aufgabe auch Commander Vaillard.“
„Die Schöpfer stehen zu ihrem Wort, Alex Tarnau“, stellte der Herold kühl fest.
„Genauso wie die Beyonder.“ Tarnau ließ seinen Blick über die Großgruppenführer schweifen. „Gibt es weitere Fragen?“
Als sich niemand mehr meldete, erhob sich Patric. „Wenn es keine Fragen mir gibt, dann schließe ich hiermit die außerordentlich Sitzung. Im Namen des Rates bedanke ich mich bei Alex Tarnau und der Besatzung der HEIMWEH für die immens wertvolle Arbeit auf Sommertraum. Und jetzt lasst uns feiern! Wir haben Kontakt zur Erde!“

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***
Am nächsten Morgen nahm Alex Tarnau, begleitet von Martha Wong und Natsumi Genda sowie seiner etablierten Leibwache, die Antigravbahn an die Ostküste. Die Fahrt würde mehrere Stunden dauern. Alex war immer wieder davon fasziniert, in welch kurzer Zeit die Beyonder dieses technische Wunderwerk aus den Fertigteilen der Schöpfer errichtet hatten, und wie servicefrei und reibungslos es funktionierte.
Die schlanke Bahn schoss mit einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von zweihundert Kilometern pro Stunde dahin. Ein höheres Tempo war selbst mit der Schöpfertechnologie bei dem verwinkelten Parcours nicht möglich gewesen, den die Trasse notgedrungen nehmen musste, da das Gelände einfach zu bergig war.
Aber der Transport der Güter der Hochseefabriken über die Antigravbahn war wesentlich kommerzieller als der Abtransport über den zu kleinen und zu hoch frequentierten Flughafen, auf dem jeweils nur ein Pendler zur gleichen Zeit hatte stehen können.
Doch nicht nur die Anlegestege und Verarbeitungsfabriken waren hier interessant. Die frische, salzige Seeluft, das milde, warme Klima und die weiten, weißen Sandstrände mit dem palmenähnlichen Bäumen machten diese eigentlich recht karge, ja trockene Ecke von Zehn Steine zu einem optischen Paradies. Deshalb hatten die Ärzte der Beyonder schon früh beschlossen, in dieser Region des Planeten ein Sanatorium einzurichten. Nicht zuletzt die Nähe zum Hoffnungstal war einer der Hauptgründe gewesen. Tatsächlich hatte sich der kreuzförmige Bau, der für zweitausend Menschen gedacht war, recht schnell gefüllt. Nun lebten hier fast eintausend Beyonder und Varni, die sich körperlich oder geistig von den schrecklichen Erlebnissen während der Schlacht um den Tross von Porma el Tar erholten.
Und irgendwie hatte Alex Tarnau das Gefühl, dass er eigentlich auch hier sein sollte, anstatt seinen Geist und seinen Körper bis an die Grenzen zu treiben, und weit darüber hinaus.
Doch das konnte er nicht. Noch nicht. Er würde kürzer treten, das hatte er seinem Arzt versprochen. Aber es war ihm unmöglich die Führung der militärischen Operationen der Beyonder zu diesem Zeitpunkt aus der Hand zu geben. Er hätte sich nicht eine Sekunde wirklich sicher gefühlt, und das wäre ohnehin kontraproduktiv für die Heilung gewesen.
Bisher hatte ihm noch jeder diese schamlose Lüge abgenommen.
Für einen winzigen Moment fragte sich Tarnau, ob sein eigentliche Beweggrund nicht Größenwahn war.

In der Anlage wurde er vom behandelnden Chefarzt begrüßt. Der junge Mann, auf der Erde als Student entführt, hatte sich als erfahrenster Mediziner auf dem Gebiet geistiger Erkrankungen erwiesen, und das hatte ihn auf die Chefstelle katapultiert. Der junge Chinese Liù Bide tat dennoch einen guten Job, wie Alex fand. Er hatte ja auch keine andere Wahl, genauso wenig wie andere Beyonder in ähnlichen Positionen eine andere Wahl gehabt hatten.
Ohne seine Leibwache, nur mit Martha und Natsumi als Begleitung, folgte er dem Mediziner durch das Gebäude und schließlich auf die Südseite. Ärzte, Pfleger und Patienten lebten hier zusammen. Ein Flügel war den geistigen Gebrechen zugeordnet, einer den körperlichen, der dritte dem Personal und der vierte diente der Verwaltung als Standort. Dennoch war noch eine Menge Platz vorhanden. Platz, den Tarnau nie gefüllt sehen wollte, denn das hätte weitere schwere Kämpfe bedeutet. Wenn er jemals verstanden hatte, was Kampf wirklich bedeutete, dann in dem Moment, als eine Männerstimme aus vollem Hals zu schreien begann. Erschrocken zuckten Tarnau und Begleiterinnen zusammen.
Liù erklärte dazu trocken: „Gruppenführer Jonas. Er wurde von einem Pendler aus dem Orbit gepickt. Hat über sechzehn Stunden in der Einsamkeit verbracht. Seine Rüstung hat ihn am Leben erhalten, aber er war der einzige Überlebende seiner Gruppe. Die Erfrierungen und die Stickstoffembolie, hervorgerufen durch Unterdruck, haben wir gut im Griff, aber den Mann plagen schreckliche Albträume von bodenlosen Abgründen. Wir nennen diese Anfälle Raum-Akrophobie.“ Beschwichtigend winkte der Mediziner ab. „Er befindet sich auf dem Weg der Genesung, Ren. Kein Grund zur Sorge. Er stellt sich seinem Trauma, begreift die Gründe für seine Angst und stellt sich ihr. Wir haben nächste Woche einen Trip in den Orbit geplant, bei dem er mit seiner Rüstung den Personentransporter verlassen wird. Wenn er das schafft, ist er geheilt.“
Tarnau nickte zufrieden. „Habe ich schon erwähnt, dass Sie hier gute Arbeit leisten, Peter?“
Der Chinese lächelte ein typisch chinesischen Höflichkeitslächeln. „Erst neulich, als Sie mich erneut Peter genannt haben, Ren.“
Tarnau senkte kurz den Blick. „Entschuldigen Sie, Bide. Aber seit Sie mir gesagt haben, dass Ihr Vorname eine Variaton des deutschen Namen Peter ist…“
„Es geht auf meine christlichen Vorfahren zurück, und daher eher auf Petrus.“
„Ich bin mit dem historischen Hintergrund des Namens vertraut“, erwiderte Tarnau. „Petrus bedeutet Fels. Es scheint als hätte ich das Fundament dieses Hospitals auf den Schultern des richtigen Mannes aufgebaut.“
Der Chinese blieb stehen und verneigte sich vor dem Anführer der Beyonder. „Sie ehren mich sehr, Ren.“
„Es ist keine Ehrung, nur die reine Wahrheit, Peter.“

Sie erreichten das Ende des Südflügels. Der Arzt deutete auf den Ausgang. „Die Terasse, Ren. Um diese Uhrzeit sitzt er in der Sonne und lauscht dem Klang der Wellen, die an die Küste schlagen. Wollen Sie danach auch noch Miss Cedric besuchen?“
„Cedric, Ren. Die Frau, die Sie während einer Panikattacke erschießen wollte“, informierte Martha ihren Vorgesetzten schnell.
Tarnau zuckte bei dem Gedanken an diese turbulenten Minuten zusammen. „Ich habe dir noch immer nicht angemessen dafür gedankt, dass du damals mein Leben gerettet hast, Martha“, brachte er mühsam hervor.
„Sie haben mir gedankt, Ren, indem Sie damals im Wald mein Leben gerettet haben.“ Sie lächelte den Mediziner an. „Sobald Miss Cedric als gesund entlassen ist, kann sie einen Termin mit dem Commander vereinbaren. Falls sie es wünscht.“
„Ich verstehe. Soll ich Sie begleiten, Ren?“
„Nein. Danke für Ihre Führung, Peter.“
Der Mann deutete höflich eine Verbeugung an und zog sich zurück.
Alex Tarnau atmete ein paarmal tief durch. „Also, Mädchen, haltet euch etwas im Hintergrund. Ich will ihn nicht einschüchtern, okay?“
Die Panzerfahrerin und die Stabschefin nickten ernst.
Tarnau fasste sich ein Herz und verließ das Gebäude.
„Sie haben aber reichlich lange gebraucht, um endlich zu mir zu finden“, klang eine trockene, befehlsgewohnte Stimme auf. Eine Hand erschien neben einem Liegestuhl und deutete auf ein zweites Exemplar daneben. „Kommen Sie, Ren, setzen Sie sich. Dann redet es sich leichter.“
„Ist das wirklich eine so gute Idee?“, zischte Martha Wong ernst. „Das ist Deavenport, Ren, Chrisholm Deavenport!“
„Ich weiß.“


4. Erkenntnisse

Die beiden Männer saßen in den bequemen Liegestühlen und starrten auf das Meer hinaus. Die Sonne stand hinter ihnen und ließ die Wellenkämme aufglittern wie kleine Metallfunken.
Beide hatten ein Glas in der Hand und tranken bedächtig von der gelblichen Flüssigkeit.
Der eine war Alex Tarnau, der Mann der die Beyonder vereinigt und den Angriff auf Porma el Tars Kriegstross angeführt hatte, der andere sein schärfster Gegner, sein erfahrenster Rivale Chrisholm Deavenport, Colonel der U.S. Army.
Die warme Luft, das leise rauschen der Wellen und der Wind, der leise das Laub der nahen Bäume rascheln ließ hatten etwas beruhigendes, beinahe hypnotisches. Kein Wunder, dass dieser Ort für ein Sanatorium so passend war.
„Wie geht es Ihnen, Chrisholm?“
Deavenport sah kurz herüber. „Körperlich oder geistig?“
„Beides.“
„Gut, Ren. Ich habe die Infektion besiegt, mein Körper ist geheilt. Mein Verstand ist wieder voll da, und die tiefe mentale Erschöpfung fast verschwunden. Ich schätze, dass ich in drei bis vier Tagen diesen Ort verlassen kann. Falls Sie nicht meinen, ich wäre hier besser aufgehoben.“
„Ein interessanter Aspekt“, murmelte Tarnau und nahm einen langen Schluck von seinem Getränk. „Muss ich Sie denn hier lassen?“
„Ich muss zugeben, wäre ich an Ihrer Stelle, würde ich es so befehlen. Ich habe immer noch Einfluss, ich kann immer noch Truppen zusammenziehen, die meinem Befehl gehorchen. Ich bin ein Störfaktor ersten Ranges für Sie, Tarnau.“
„Aber?“
„Aber nur, wenn ich das will.“
Alex sah den Offizier ernst an. „Und, wollen Sie das, Colonel Deavenport?“
„Sagen Sie ruhig weiterhin Chrisholm. Es klingt so beruhigend aus Ihrem Mund, Alex Tarnau.“ Der ältere lächelte dünn. „Ich weiß nicht, ob ich eine Gefahr für Sie bin. Aber ich weiß, dass ich nicht erwartet habe, dass Sie schaffen, wobei ich versagt habe. Bitterlich versagt habe. Mein Körper war eben schon hier, aber mein Kopf war noch auf der Erde, bei den Army Rangers.“
„Und wie ist es jetzt? Ist der Kopf auch angekommen?“
Deavenport sah mit einem schmerzerfüllten Lächeln zu Boden. „Erzählen Sie mir von der Situation, in der wir stecken, Alex Tarnau. Ich habe gehört, Sie haben Menschen aus dem Nachbar-System evakuiert?“
„Sommertraum. Gut sechzehntausend Rüstungsträger. Mehr war auf dieser Welt nicht zu finden. Wir haben ein paar Schiffe zerstört, ein paar erbeutet und die Welt wieder verlassen.“
„Sind Sie sicher, dass es nicht mehr Menschen auf Sommertraum waren? Auch hier waren es gut zwanzigtausend Menschen, die in der Ersten Welle eingesetzt wurden.“
Tarnau nickte. „Ich habe den ganzen Planeten abfliegen lassen. Dabei wurden Aspekte meines Override-Codes verwendet. Wir haben dadurch so manche aufgesplitterte Gruppe finden können, auch ein paar Versprengte. Außerdem wissen wir, dass auf Sommertraum bereits zwei Wellen eingesetzt wurden. Wie auch hier eine militärische, die aus gut viertausend Soldaten bestand, danach eine zivile, mit knapp sechzehntausend Menschen, die sich nur durch eine besonders hohe Aggression für den Dienst an der Waffe eigneten. Die Schöpfer folgen einer merkwürdigen Logik.“
„Sie folgen der einzigen Logik, die sie kennen. Wenn sie unsere Welt betrachten, sehen sie sicherlich zuerst die Konflikte“, dozierte Deavenport. „Vor allem deshalb, weil wir selbst eher über solche Dinge berichten als über friedliche Aspekte unseres Lebens. Also müssen die unbedarften Schöpfer ja glauben, dass wir kriegerische Bestien sind, deren Zivilisation nur eine dünne Tünche ist, die sie jederzeit abstreifen können. Man muss wohl einfach nur aggressiv genug sein.“
„So ähnlich waren L´Tarks Worte“, gestand Tarnau.
„Sechzehntausend also“, setzte der Colonel das Gespräch beim alten Thema fort. „Über viertausend Gefallene. Das ist ein größerer Blutzoll als auf Zehn Steine.“
„Die Truppen auf Sommertraum waren hoffnungslos unterlegen.“
„Und sie hatten keinen Alex Tarnau“, fügte Deavenport hinzu.
„Da wäre ich mir nicht so sicher. Der junge Mann, der die größte Gruppe anführte, hat enormes Potential. Und das in seinem Alter.“
„Etwas ähnliches habe ich auch über Sie gedacht, seitdem ich endlich etwas Ordnung in meine Gedanken bringen konnte“, schmunzelte der Colonel.
Alex nickte als Antwort.
„Sie haben sicherlich die Schöpfer befragt. Es sollten einhunderttausend Menschen pro Welt sein. Auf Sommertraum war es aber nur ein Fünftel.“
„Natürlich habe ich das. Aber L´Tark konnte diese Frage selbst nicht beantworten und hat sie weiter geleitet. Überdies habe ich dafür gesorgt, dass wir unauffällig von Zeit zu Zeit Sommertraum besuchen können, um eventuelle weitere versprengte Schäfchen zu finden. Man weiß ja nie.“
„Sehr umsichtig. Wie sehen die weiteren Pläne von Alex Tarnau aus? Ich habe gehört, Sie mussten sich vor dem Rat verantworten? Einer der großen Nachteile der Demokratie. Alle sind gleich und es gibt keinen Primus inter Pares.“
„Bester unter Gleichen? Eine überhebliche Formulierung.“
„Sind Sie nicht der Champion der Beyonder, Alex Tarnau?“
„Wenn Sie das so sagen, Colonel. Ich habe mich so nie gesehen.“ Alex atmete tief ein und wieder aus. „Ich musste mich wegen dem verschwinden von Commander Vaillard verantworten.“
„Dem Verschwinden von Vaillard? Und dann gleich ein Commander? Ihre erste Leiche im Keller, Alex?“
„Etwas in der Art“, erwiderte der Commander schmunzelnd. „Ich habe ihn mit einem Zerstörer der Varni zur Erde geschickt. Leider haben die Schöpfer es mitgekriegt.“
„Ist der Plan damit gescheitert? Obwohl ich zugeben muss, dass er einen Versuch wert war. Man kann ihn immer wiederholen, solange weitere Schiffe der Varni erobert werden.“
„Nein, merkwürdigerweise nicht. Im Gegenteil, die Schöpfer, die sich heimlich auf der Erde aufhalten, waren wohl sehr froh, ein bekanntes Gesicht zu sehen. Im übertragenen Sinne. Commander Vaillard soll ihnen zur Hand gehen, was den Kontakt zu den Menschen angeht. Wenn Sie mich fragen, Colonel, hätten die Schöpfer das früher und eher haben können.“
„Aber erst die Tatsache, dass Vaillard alleine hat die Erde finden können, hat ihnen wohl genug Vertrauen in seine Fähigkeiten eingeflößt.“
Tarnau rieb sich nachdenklich das Kinn. „Das ist ein gutes Argument.“
„Was sind seine Aufträge auf der Erde, Alex? Warum ist der Commander auf der Erde?“
„Ich habe ihm Rüstungen und Panzer mitgegeben. Jetzt, wo wir gegen die Varni kämpfen, wird das Pes Takre auf Menschen aufmerksam. Vielleicht nicht heute, vielleicht nicht morgen, aber sicher eines Tages wird das Pes Takre über der Erde stehen. Dann will ich, dass sie zur Abwehr bereit ist. Unabhängig davon, ob wir unseren Kampf gewinnen oder verlieren.“
Deavenport rieb sich die rechte Schläfe. „Die Erde ist ein Hexenkessel. Drei, vier, Mega-Nationen spielen sich als Weltpolizei auf, geben vor für Gott und die Weltordnung zu streiten und versuchen in Wirklichkeit nur, Geld zu scheffeln und neue Märkte für Waren zu begeistern, die in eben diesen Märkten nichts verloren haben. Sind Sie sicher, dass es eine gute Idee ist, diesen Staaten Zugriff auf Beyonder- und Schöpfer-Technologie zu gewähren?“
„Und auf Varni-Technologie.“
„Sie könnten wegen dieser Technologie Krieg führen. Das ist Ihnen hoffentlich klar, Alex.“
„Ich traue es Jaques durchaus zu, selbstständige Entscheidungen zu treffen. Aber wenigstens habe ich ihm zu wenig Ausrüstung mitgegeben, um damit Krieg zu führen, nachdem er sie an die verschiedenen Staaten der Erde verteilt hat.“ Tarnau seufzte tief. „Zumindest nicht, bis sie die Technologie nachgebaut haben.“
„Und was ist danach? Ein alles vernichtender Krieg um die Vorherrschaft auf der Erde, ausgeführt mit der überlegenen Schöpfer-Technologie? Oder spekulieren Sie darauf, dass alle Staaten der Erde Vernunft annehmen und sich gemeinsam auf den Konflikt mit dem Pes Takre vorbereiten?“
„Haben sie denn eine andere Wahl?“, fragte Tarnau bitter.
„Ja, natürlich. Sie können diese Gefahr ignorieren und in Kauf nehmen, entweder ausgelöscht oder unterworfen zu werden, hauptsache sie können bis zum bitteren Ende ihre Machtspielchen spielen.“
„Ich habe vor“; begann Tarnau nach ein paar Minuten des Schweigens, „Familien nachzuholen. Ich will Post verschicken und empfangen. Und ich will Beyonder, die nicht hier bleiben wollen, wieder zur Erde lassen und neue Rekruten für Zehn Steine herschaffen lassen.“
„Neue Rekruten? Was erhoffen Sie sich davon? Wollen Sie Freiwilligen-Büros eröffnen und hoffen, dass genügend Menschen patriotische Gefühle für die Erde hegen, um den Beyondern beizutreten? Wollen Sie jeden Waffennarr abgrasen, den es auf der Erde gibt? Jeden Idealisten? Jeden, der nicht schnell genug beiseite gesprungen ist?“
„Erstens ist das immerhin besser als das was die Schöpfer mit uns getan haben“, erwiderte Tarnau ernst, „und zweitens werde ich das tun und jeden Menschen anwerben, der eine Rüstung bedienen kann, wenn ich muss. Aber ich hoffe schon darauf, dass die Menschheit uns ausgebildete Soldaten schicken wird. Die Menschen müssen doch begreifen, dass Zehn Steine nur der Gipfel eines riesigen Eisbergs ist, der die gesamte Menschheit unter sich begraben kann. Wir wissen ja gerade einmal ansatzweise, wie groß das Pes Takre wirklich ist. Es wurde ein Kriegstross besiegt. Einer von dreizehn, die in dieser Sternenregion operieren. Wie viele wird es insgesamt geben? Nur weil Porma el Tar nur von dreizehn weiß, heißt das nicht, dass nicht auch andere Völker des Pes Takre eigene Flotten haben. Oder es gibt auf der anderen Seite der Galaxis noch einmal dreizehn Kriegströsse, die Porma und seinen Mitrittern einfach verschwiegen wurden. Wir wissen nichts! Aber ich ahne, wie diese Geschichte ausgehen wird, wenn wir es dabei belassen!“
„Tod, Vernichtung und Versklavung der Menschheit. Noch schlimmer, genetische Konditionierung“, sagt Deavenport ernst. „Haben Sie sich schon einmal mit ar Zykarta oder el Tar über das Thema Fortpflanzung unterhalten?“
„Muss ich das?“
„Oh, es ist durchaus interessant. Die Varni, denen wir mit dem Kriegstross begegnet sind, sind durch die Bank Männer. Sie wurden von klein auf als Soldaten erzogen, einige wenige von ihnen kamen als Quereinsteiger und potentielle Offiziere in ihre Reihen. Man hat ihnen alles aberzogen. Ihre Gefühle, ihren Sexualtrieb, ihren Selbsterhaltungstrieb, einfach alles, was sie zu etwas ähnlichem wie einen Menschen machte. Haben Sie sich nie gefragt, wo die Frauen der Varni sind? Oder haben Sie sie für zweigeschlechtlich gehalten?“
„Nun“, begann Tarnau zögerlich, „weder der Doktor noch der Ritter haben das Thema jemals angeschnitten, deshalb…“
„Deshalb haben Sie es auch nicht. Sehen Sie, genau das ist das Problem, denn der Erde steht ein ähnliches Schicksal bevor. Angenommen, die Handlungen der Beyonder zeigen dem Pes Takre, dass wir gute Soldaten wären, dann würde die nächste Generation, die einen Kriegstross erbaut, von der Erde kommen. Sie würden indoktriniert, chemisch gebrochen und durch genetische Eingriffe programmiert werden, den Befehlen zu gehorchen, die man ihnen gibt. Und angenommen, es gibt die Beyonder dann noch… Wir würden gegen diese Menschen antreten und kämpfen müssen.“
„Eine Horrorvision.“
„Halb so wild. Auf der Erde kämpfen Menschen gegen Menschen jeden Tag.“
„Aber wir sind nicht auf der Erde. Und dieses Szenario könnte uns alle ausrotten. Oder alle versklaven. Oder Schlimmeres.“
„Und genau das müssen wir den Menschen bewusst machen. Trauen Sie das Vaillard zu? Oder wird er die Staaten aufrüsten und sie in einen Krieg um die neue Technologie locken?“
„Ich weiß es nicht. Aber ich vertraue ihm und seinem Urteil.“
„Aber Sie sich sicher, dass er keinesfalls das Schiff verlässt und sein altes Leben fortsetzt, oder? Es muss für alle an Bord des Zerstörers sehr verlockend sein, genau das zu tun. Einfach alles schreckliche, gefährliche der letzten Monate hinter sich zu lassen und etwas zu tun, was sie all die Jahre zuvor gekannt haben.“ Deavenport trank sein Glas leer. „Von ihnen beiden, Vaillard und Tarnau, hat er die schwierigere Aufgabe bekommen. Aber Sie haben die gewaltigere. Was haben Sie geplant, Alex Tarnau? Weitere Schiffe umbauen, die anderen acht Welten abgrasen und die anderen Terraner hier auf Zehn Steine zu fokussieren?“
„Ja, das war der Plan.“
„Bullshit. Bald sind die ersten Fregatten hochgerüstet. Außerdem steht bald ein Fregattenneubau der Schöpfer an, der es durchaus mit einem Schlachtschiff aufnehmen kann. Überlassen Sie den Kontakt und die Rettung der anderen Menschen Ihren Leuten, Alex. Sie aber müssen etwas tun, was nur Sie können.“
Tarnau fühlte sich verpflichtet, seine Verletzung zu erwähnen. Seine Therapie. Die Lebensgefahr, in der er schwebte. Aber er ließ es. „Und das wäre, Chrisholm?“
„Sie müssen Verbündete suchen. Das Pes Takre erkunden. Überhaupt begreifen, was hier geschieht, wie die Politik des Pes Takre aussieht. Knotenpunkte finden, an denen wir empfindliche Schläge ausführen können, welche das Reich zurückwerfen. Orte finden, die wir unterstützen können, um Befreiungskriege auszulösen. Wir dürfen das Reich nicht von außen anknabbern. Dann überrollt es uns irgendwann. Wir müssen innen unseren Krebs ansetzen! Sie müssen von innen ansetzen, Alex. Das Pes Takre muss an vielen, viel zu vielen Fronten kämpfen. Dann können wir es besiegen, die Gefahr für die Erde hinauszögern, vielleicht beenden und den Auftrag der Schöpfer erfüllen. Und was am wichtigsten ist, Alex Tarnau, die Beyonder werden dadurch überleben. Ansonsten wären sie die ersten, die vernichtet werden, wenn das Pes Takre mit aller Macht angreift.“

Die beiden Männer schwiegen daraufhin eine lange Zeit. „Ein Monat. Den brauchen wir, bis die Umbauten fertig sind. In dieser Zeit kann ich die Leute trainieren und eine kleine Flotte zusammenstellen. Eine weitere Flotte kann Kontakt zu den anderen acht Welten aufnehmen und nötigenfalls die Menschen von dort evakuieren.“
„Das können wir jetzt schon tun. Wir können die nicht umgebauten Varni-Schiffe losschicken, solange die HEIMWEH über dieser Welt Wache steht. Selbst wenn die Schiffe selbst den Varni nur gleichwertig sind, die Rüstungen und die Panzer sind es nicht. Es wird Gelegenheiten für diese Schiffe geben, Alex. Alles was wir brauchen sind ein paar gewitzte Kommandeure, frech wie Oskar, glücklich wie Alexander der Große und schlau wie Patton.“
„Das bedeutet absolute Eskalation.“
„Das bedeutet, wir stellen uns der Realität. Und die heißt, zwölf Kriegströsse der Varni. Das ist die minimale Bedrohung vor der wir stehen.“
Tarnau erhob sich. Er trank sein Glas ebenfalls leer. „Ich kehre jetzt zurück. Melden Sie sich zum Stabsdienst im Hoffnungstal, sobald Sie entlassen werden, Colonel Chrisholm. Ich brauche Sie. Ich brauche Sie bitter.“
„Das wusste ich, Alex Tarnau. Es wird mir eine Freude sein, zuzusehen, was wir beide leisten können, wenn wir an einem Strang ziehen.“
Alex nickte dem Mann zu und betrat das Gebäude wieder. Die beiden Frauen folgten ihm.
„Du vertraust ihm doch hoffentlich nicht, oder? Er hatte vor, dich von Scharfschützen töten zu lassen“, raunte Genda wütend.
„Mein Vertrauen muss er sich erst verdienen. Im Moment hoffe ich nur auf eines.“
„Und das wäre, großer Meister?“
„Dass er ebenso große Angst vor dem Szenario hat, das er vor mir ausbreitete, wie ich sie habe.“
Alex erhöhte sein Tempo. Die beiden Frauen folgten ihm mit ernsten Mienen.

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Man konnte nicht in Worte fassen, was durch die Gedanken von Jacques Vaillard tobte, als die ODYSSEUS nahe der Plutobahn - der potentiellen Plutobahn - aus dem Sprung kam. Die Fernbeobachtung mit den hoch auflösenden Teleskopen hatten jedenfalls acht Planeten im System bestätigt, von denen die fünf und die sechs gewaltige Gasriesen waren. Dazu kamen ein paar Kleinplaneten, welche die gelbe Sonne in weiter Entfernung umkreisten, teilweise tief in der Oortschen Wolke angesiedelt. Der Sonnennächste von ihnen war ein Doppelplanetensystem, wie es Pluto und Charon auch zuhause bildete.
Man konnte also tatsächlich hoffen, dass dies wirklich ihr Sonnensystem war. Andererseits waren die Daten, die seine Beyonder zusammen getragen hatten, äußerst dürftig gewesen, und die Maßeinheit Lichtjahr, anhand dessen sie sich orientierten, war nicht mit dem terranischen Längenmaß identisch. Erste Rechnungen der Wissenschaftler sprachen von knapp vierzig Millionen Kilometern Differenz. Nach ein paar tausend Lichtjahren ergab das eine sehr ungenaue Spanne. Zudem konnten sie auch noch in einem vollkommen unbekannten Teil der Galaxis gelandet sein und nur zufällig ein ähnliches Sonnensystem in einer ähnlichen Konstellation entdeckt haben, das in Wirklichkeit auf der anderen Seite der Galaxis lag. Oder sie betraten das Revier einer weiteren intelligenten Rasse, die vielleicht nicht erfreut über die Stippvisite war. Deshalb ließ Vaillard den Zerstörer auch am Systemrand aus dem Hyperraum kommen. Hier fiel es ihnen eventuell leichter, wieder Fersengeld zu geben.
Eine Minute war vergangen, seit sie aus dem Sprung gekommen waren.
Nguyen Tuan Ngan, die vietnamesische Herrin über Funk und Ortung, wechselte einen erschrockenen Blick mit Torm el Bakir, ihrem varnischen Unterstützer.
"Commander, wir empfangen Radiowellen."
Wie elektrisiert fuhr Vaillard aus seinem Sitz hoch. Es war eine allseits bekannte Tatsache, dass die Erde seit Erfindung des Radios die stellare Umgebung quasi mit ihren Radiowellen "verunreinigte". Das Phänomen wurde Radiosmog genannt und galt als Hinweis auf eine Zivilisation. Auf der Erde hatten Forscher lange Zeit gehofft, anhand von Radiosmog fremder Kulturen Spuren von Leben zu finden. Es hatte nicht wirklich funktioniert, aber in ihrem Fall, im speziellen Fall der ODYSSEUS war es ein Zeichen.
"Können Sie etwas identifizieren, Gruppenführer Nguyen?", fragte er mühsam beherrscht.
Nguyen sah ihn aus großen Augen an, in denen Tränen flossen. Sie hielt eine Hand auf die kleine Vorrichtung gepresst, die sie direkt mit der Kommunikation verband. "Ja, Ren. McDonalds ist einfach gut."
Daraufhin herrschte Stille in der Zentrale. Niemand sprach, niemand wagte zu atmen.
Dann klang eine sehr trockene Stimme auf: "Also, ich gehe lieber zu Carls Junior."
Danach gab es für die Menschen kein Halten mehr. Vaillard sprang mit in die Höhe gereckten Armen herum, Besatzungsmitglieder fielen einander in die Arme, Jubel hallte durch die Zentrale und wurde aus dem Schiff von den zweitausend mitgereisten Beyonder beantwortet. Sie hatten es geschafft! Sie hatten die Erde gefunden!
Als sich eine große, schwere Hand auf die Schulter Vaillards legte, beruhigte er sich langsam. Er räusperte sich. "Herrschaften! Wir haben noch keinen Grund zum feiern. Bringen Sie uns ins System, ros Tarnek."
Der Varni-Chefpilot grinste breit. "Jawohl, Ren. Bringe uns tiefer in Ihr Heimatsystem."
Diese Feststellung löste ein sehr zufriedenes raunen aus.
"Ren!" Gruppenführerin Nguyen sah erschrocken herüber. "Wir werden angefunkt! Es ist ein Override-Code!"
Für einen Moment fühlte sich Vaillard, als hätte ihn jemand vor den Kopf geschlagen. Er sank in seinen Sessel zurück und spürte seinen linken Arm bedenklich kribbeln. Sein Blick wanderte zu Lokk ar Syger, dem Anführer ihres verbündeten Varni-Kontingents. Dann ging ein Ruck durch den Franzosen. "Klar Schiff zum Gefecht! Wir werden von einer Schöpfer-Einheit gerufen. Wir kennen ihre Absichten nicht, aber wir lassen uns um keinen Preis am Anflug auf die Erde hindern!"
Bestätigungen trafen ein.
"Nachricht an unsere Passagiere. Pendler bemannen! Sie sollen so viel Ausrüstung wie möglich mitnehmen. Auf mein Zeichen lösen sie sich dann von der ODYSSEUS und versuchen auf eigene Faust die Erde zu erreichen!
Gruppenführer Nguyen, die Schöpfer auf den Schirm."
"Ja, Ren."
Der Hauptbildschirm, der bisher eine computeraufbereitete Version des Sonnensystems gezeigt hatte, stellte nun einen Schöpfer dar. Einen kleinen, kindlich wirkenden Humanoiden mit viel zu großem Kopf, in dem die Sinnesorgane sich zu verlieren schienen.
"Mein Name ist Kapitän der Außenflotte Berot´kar, und ich beglückwünsche die Mannschaft unter Commander Vaillard für ihren geglückten Flug zurück zur Erde."
Der kleine Mann atmete sichtlich erleichtert aus. "Ich bin sehr froh, dass Sie vollendete Tatsachen geschaffen haben, Commander Vaillard. Im Rat hätten wir die Frage noch mindestens ein Jahr zerredet, bevor wir auch nur annähernd zu einem Ergebnis gekommen wären."
"Frage? Ergebnis?", raunte der Franzose.
"Oh, natürlich. Davon können Sie ja nichts wissen. Nachdem sich Alex Tarnau als dermaßen effizient erwiesen hat, streitet sich der Rat darüber, ob er die Hilfe der Beyonder auch hier im Heimatsystem der menschlichen Rasse annehmen soll. Da Sie nun sowieso hier sind, werde ich nicht erst zögern, und Sie einfach fragen: Commander Vaillard, wir haben große Schwierigkeiten im Umgang mit den Menschen. Können Sie und Ihre Leute uns dabei helfen?"
Mit vielem hatte der Commander gerechnet, aber nicht damit, dass die Schöpfer ihn quasi mit offenen Armen empfangen würden. "Alarmbefehl aufgehoben. Gefechtsbereitschaft aufgehoben. Alle Mann wieder zurück auf ihre Verfügungen."
"Verstanden, Ren."
Vaillard legte eine Hand an die Stirn und schluchzte einmal kurz, um die Absurdität des Augenblicks zu würdigen. Dann sah er entschlossen auf. "Wobei haben Sie denn Probleme, Ren?"
"Wo? Einfach überall, Commander. Menschen sind eine sehr merkwürdige und komplizierte Spezies." Der Gnom seufzte. "Ich würde gerne an Bord kommen und die größten Schwierigkeiten sofort ansprechen."
"Erlaubnis erteilt. Ich erwarte Sie im Konferenzsaal neben der Brücke."
Er erhob sich. "Ar Syger, Sie begleiten mich. Des Weiteren alle Hauptgruppenführer."
"Verstanden, Ren."

Zehn Minuten später saßen sie sich gegenüber, eine Delegation aus fünf kleinen Humanoiden unter Berot´kar, und eine volle Abordnung von siebzehn Beyonder und einem Varni. Dennoch verloren sie sich in der riesigen, auf Varni zugeschnittenen Halle, fast.
Der Kapitän der Außenflotte druckste verlegen. "Commander, ich sehe mich entsetzt und erstaunt, Varni in Ihrer Mannschaft vorzufinden. Es ist... Sehr ungewöhnlich."
Vaillard zog die Augenbrauen hoch. "Sie sind darüber informiert, dass Porma el Tar vor uns kapituliert hat? Er gab sich als Agent der Freien Varni zu erkennen und bat um die Integration jener seiner willigen Leute, die wie er um die Unabhängigkeit vom Pes Takre kämpfen. Lokk ar Syger ist einer von ihnen. Er und seine Varni waren uns eine großartige Hilfe, um den Raum zwischen Zehn Steine und der Erde zu überwinden."
"Dennoch macht es mir Sorge. Es waren Varni, die uns Schöpfer angreifen und unsere Leute verschleppen oder töten", gab der Kapitän zu bedenken.
"Es waren Schöpfer, welche die Varni erst auf das Pes Takre gehetzt haben", konterte Vaillard. "Ich jedenfalls habe bisher keinen Grund gehabt, an der Loyalität der Varni an Bord meines Schiffes zu zweifeln."
Ein dankbarer Blick ar Sygers ging in seine Richtung. Vaillard quittierte mit einem kurzen Nicken. "Oder anders ausgedrückt: Lokk bleibt."
Wieder räusperte sich der Schöpfer. "Wie Sie wünschen, Commander. Immerhin suchen wir Ihre Hilfe, nicht umgekehrt. Doch bevor ich von unseren Problemen berichte, erlauben Sie mir, meine Begleiter vorzustellen. Tranhkotar, mein Finanzexperte. Lestovitar, meine Mediatorin. Vytokul´aph, mein Armee-Experte. Und zuletzt Teng´oku, mein dienstältester Telepath. Zusammen bilden wir die Botschaft der Schöpfer auf der Erde und gebieten über ein Komitee von dreihundertvierundachtzig Schöpfern."
Vaillard schnaubte leise. "Sie haben eine Frau dabei?"
"Wir besetzen unsere Posten nach Eignung, nicht nach Geschlecht", erwiderte der Kapitän. "Es wundert mich, dass ausgerechnet ein Beyonder so etwas hinterfragt."
"Mir geht es nicht so sehr um ihre Eignung, als tatsächlich um ihr Geschlecht. Bisher sind wir Beyonder davon ausgegangen, es bei den Schöpfern mit Neutren zu tun zu haben. Wir dachten, sie pflanzen sich durch Klontechnik fort."
Die Mediatorin errötete, ein ungemein menschlicher Zug.
"Die Fortpflanzung, Commander Vaillard, ist eines unserer heikelsten Themen", antwortete sie. "Wir Schöpfer sind sehr langlebig, und wir sind dank unserer Technologie in der Lage, jederzeit neues Leben zu erschaffen. Wir Frauen selbst sind imstande, bis in ein Alter von sechshundert terranischen Jahren Leben zu empfangen und auszutragen, wenngleich unsere Technologie Invitro-Schwangerschaften erlaubt. Sie sind in der Tat die Norm. Dementsprechend sind unsere Geburtszahlen recht klein, und die Fortpflanzung ein Thema, das oftmals auf einen sehr engen, intimen Kreis beschränkt ist. Zudem wir uns damit viel Zeit lassen können." Sie seufzte erneut. "In letzter Zeit aber hat der Rat die Schöpfer dazu aufgefordert, etwas fruchtbarer zu sein, um die Verluste durch die getöteten und entführten Schöpfer in diesem Krieg auszugleichen."
"Ein interessanter Aspekt. Ich nehme nicht an, dass Sie..."
"Gerade ein Kind trage? Nein, keine Frau, die Schiffsdienst hat, würde ihrem Körper und vor allem dem Ungeborenen solche Strapazen zumuten. Allerdings lassen meine Partner und ich gerade drei Invitro-Kinder reifen."
"Sie haben mehrere Partner?"
"Wir haben eine etwas andere Auffassung von Kindern in unserem Kulturkreis, als es die Franzosen tun, Commander Vaillard", sagte der Kapitän. "Unsere Langlebigkeit und unsere lang anhaltende Fruchtbarkeit macht uns in vielen Dingen freier. Dazu gehört auch, dass wir im Gegensatz zu den meisten Menschen Partnerschaften mit mehreren Partnern unterhalten. Unsere Leben sind lang, und unsere Interessen ändern sich mit der Zeit. Manchmal zeugen wir auch einfach nur Kinder, um bestimmte Anlagen auf die nächste Generation vererben zu können. Es ist Vernunft, unserer Art zuliebe."
"Interessant." Vaillard ließ einen kurzen Ton hören, der einem Lachen ähnlich klang. "Was bedeutet dieser Titel - Mediator? Sind Sie ein Psychologe, Ren?"
Die Schöpferin lächelte. "Ja, ich bin Psychologe. Ich wurde für den Schiffspsychologiedienst und als Xenopsychologin ausgebildet. Allerdings war meine erste Ausbildung die zur Empathin, also zu jemanden, der die Gefühle anderer Personen erkennen kann. Viele Frauen sind des Aura-sehens mächtig, und als ich jünger war, fühlte ich mich dazu berufen. Im Moment ist es die Psychologie, aber wer weiß? Vielleicht wende ich mich doch noch in hundert oder zweihundert Jahren der Geologie zu."
Vaillard fühlte sich von den letzten Begriffen wie Aura-sehen und Empath doch etwas überfordert und warf einen Hilfe suchenden Blick in die Reihen seiner Großgruppenführer. Doch von dort schien niemand bereit, dem Commander zur Seite zu springen.
"Apropos zuwenden", nahm Berot´kar die Initiative erneut an sich, "wohin werden sich die Beyonder wenden, wenn sie die Erde erreicht haben? Für wen sind die eingelagerten Rüstungen und Waffen gedacht?"
"Ach, davon wisst ihr?", murmelte Jacques.
"Wir konnten einige Stand by-Impulse einfangen, haben extrapoliert und trafen unsere Schlussfolgerungen."
Vaillard seufzte leise. "Der Plan sieht vor, die Technologie auf der Erde zu verbreiten. Tarnau hat voraus gesagt, dass sich die Varni, oder vielmehr gleich das Pes Takre, der Erde zuwenden werden, jetzt wo sie von unserer Existenz wissen. Und wie man an unserer Expedition sieht, ist es nur eine Frage der Zeit, die Erde auch zu finden.
Unser Plan sieht vor, Kontakt zu den wichtigsten Erdenregierungen aufzunehmen, unsere Technologie zu verteilen und eine permanente Vertretung einzurichten, die den Transfer von Nachrichten, Waren und Personal ermöglicht, während wie unsere Heimatwelt in einen Stand bringen, der ihr hilft sich selbst zu verteidigen."
"Ein sehr breit gefächertes Unterfangen, das teilweise mit unseren Aktionen überein stimmt." Berot´kar lächelte dünn mit seinem schmalen Mund. "Ihr wisst, dass der Bau einer voll funktionsfähigen Varni-Werft, die grundsätzlich zum Bau von Korvetten und Fregatten in der Lage sein wird, mindestens fünf Jahre dauern wird? Ein halbes Jahr extra für die nächstgrößeren Schiffsklassen. Das bedeutet, die Varni müssen die Erde überhaupt erst einmal fünf Jahre in Ruhe lassen, bevor auch nur ein einziges Schiff fertig ist. Und dieses ist dann den Varni lediglich gleichwertig."
Vaillard knirschte mit den Zähnen. "Genau deshalb versucht Tarnau, die entführten Menschen zu vereinigen und einen Schlag gegen die Kriegströsse zu führen. Er wird uns Zeit erkaufen. Und wenn die Menschen auf der Erde mitspielen, werden wir die Beyonder mit Menschen und Material verstärken."
"Was uns zu unseren Interessen auf der Erde bringt. Commander Vaillard, unsere ursprünglichen Kontakte mit den Menschen und ihren Regierungen beschränken sich auf sporadische Verhandlungen unter Vorbehalt, die es uns erlaubten, eine, nun, gewisse Menge an Menschen für unsere Zwecke zu... Hm, rekrutieren. Unser Problem ist dabei Alex Tarnau und seine Forderungen nach Verbesserungen für die Beyonder und alle anderen Menschen aus unseren Rekrutierungsprogramm."
Vaillard beugte sich interessiert vor. "Sagen Sie, Kapitän der Außenflotte, welche Regierungen haben Ihnen denn erlaubt, Militäreinheiten und Zivilisten zu entführen?"
"Nachdem wir den Ernst der Lage ausreichend darstellen konnten, fast alle. Damals hing zwar schon der Vorschlag in der Luft, die Führung der neu aufgestellten Schöpfertruppen den terranischen Armeen zu geben, aber wir waren uns der Menschen nicht sicher - weder hier auf der Erde, noch auf den zehn Welten. Erst Tarnaus Aktionen lassen in uns die Hoffnung aufkommen, dass wir diesmal mehr tun können, als Boden für Zeit aufzugeben. Sie müssen verstehen, unsere letzten Versuche das Pes Takre aufzuhalten haben uns mit einem völlig neuen Wesenszug vertraut gemacht, den wir vorher nicht kannten: Paranoia. Wir haben viele Fehler gemacht, aber anscheinend auch vieles richtig. Die Zehn Steine-Gruppe jedenfalls ist für die meisten Schöpfer unser größter Hoffnungsschimmer. Wir hatten demnach auch vor, alle Forderungen der Beyonder zu erfüllen und es diesmal besser zu machen, aber..."
"Aber was?", fragte Vaillard interessiert. Irgendwie ahnte er die Antwort schon, doch er wollte sie aus dem Mund des Schöpfers hören.
"Aber wir... Nun, wir lassen uns zu leicht... Wie sagt Ihr Menschen? Übers Ohr hauen."
Vaillard prustete laut los. Natürlich, Alex hatte eine Million für jeden Menschen gefordert, den die Schöpfer gegen seinen Willen in Dienst genommen hatten. Geld aber dürfte für ihre Ökonomie keinerlei Rolle spielen. Und die Arbeit mit dem abstrakten Begriff war sicher nichts gegen jahrzehntelange Erfahrungen im Umgang mit dem Moloch der terranischen Weltwirtschaft. Vaillard schätzte, dass die Schöpfer mehr als einmal kräftig übervorteilt wurden.
"Deshalb bitten wir die Beyonder um ihre Mitarbeit. Wir haben einige ältere Artefakte unserer Geschichte, deren Prinzipien aus unseren Museen stammen, die aber auf der Erde noch unbekannt sind, über Vertrauensmänner verkauft und die Gewinne reinvestiert. Aber der Geldmarkt ist beinahe so grausam wie die Varni im Dienste des Pes Takre. Wir fertigen bereits Studien darüber an, kommen aber immer wieder zu dem Schluss, dass unbekannte Faktoren im Markt eine Rolle spielen, die wir nicht vorher berechnen können, und die uns immer große Teile des erwirtschafteten Vermögens kosten."
"Sie wurden betrogen", half Jacques aus. "Oder um es einfacher auszudrücken, man hat Ihnen das Geld geklaut."
"Geklaut?" Tranhkotar war aufgesprungen. Er legte beide dünne Hinderhändchen an die Stirn und schüttelte den haarlosen, rosigen Schädel. "Bei den Sternentreppen von Anghir, natürlich! Jetzt macht alles einen Sinn! Die Firmenübernahmen, die Kapitalentwertungen! Stetig fallende Aktienkurse, die auch durch Stützkäufe nicht gerettet werden konnten! Alles, alles erreicht damit eine nachvollziehbare Dimension!" Immer noch Kopf schüttelnd nach er wieder Platz. "Commander Vaillard, was empfehlen Sie uns in dieser Misere? Wie sollen wir da wieder raus kommen und neue Gewinne erzielen? Immerhin müssen wir Waren einkaufen. Immerhin müssen wir die Konten einrichten."
"Indem Sie die Führung dieses Zweiges komplett mir überlassen. Bleiben Sie einfach in meiner Nähe und sehen Sie mir zu um zu lernen. Das terranische Bankensystem ist groß, unübersichtlich und unbarmherzig wie ein Dschungel. Ich lebe schon über fünfzehn Jahre darin."
Der Finanzexperte atmete erleichtert aus. "Ich hatte inständig gehofft, dass Sie das sagen würden. Natürlich stellen wir weitere Produkte und Artefakte zur Verfügung, die einiges an Geld bringen können, Commander."
"Alles zu seiner Zeit." Vaillard hatte sich erhoben und begann auf seiner Seite des Tisches auf- und abzumarschieren. "Ich bin sicher, wir können einiges, wenn nicht alle der Gelder zurück holen, die man Ihnen gestohlen hat.
Aber das ist nicht unser Hauptproblem. Im Gegenteil, wir stehen nun vor einer vollkommen anderen Situation. Ursprünglich wollte ich unsere Ankunft geheim halten. Ursprünglich wollte ich die Regierungen der Welt vorsichtig kontaktieren. Ursprünglich wollte ich vieles ganz anders machen als ich jetzt muss. Ich wollte die Menschen schonen, keine Angst schüren. Etwas richtig machen. Aber vielleicht kann man hier gar nichts richtig machen, sondern nur schnell oder langsam."
Er hielt in seiner Wanderung inne. "Ich brauche eine Werft, Berot´kar. Eine Schöpfer-Werft, keine der Varni."
Der Kapitän der Außenflotte wechselte einen amüsierten Blick mit seiner Mediatorin. "Zufällig bauen wir gerade an eine Werft. Sie wird auf dem Marsmond Phobos entstehen. Wir können sie der Erde leihen. Für ein gewisses Entgelt."
Vaillard schüttelte den Kopf. "Nicht der Erde. Die Beyonder wünschen sie zu pachten."
Aufgeregtes raunen ging durch den Saal, während Jacques auf einer Welle der Euphorie schwebte. "Jeder hier im Raum, jeder an Bord muss sich sehr schnell einer Sache klar werden: Will er oder sie ein Beyonder bleiben oder nicht? Jeder darf auf der Erde dieses Schiff verlassen und in seine Heimat zurückkehren. Ich werde dafür sorgen, dass sie ihre Million als erste enthalten, sobald die Familien der Toten ausgezahlt wurden. Aber ich werde für jeden dankbar sein, der sich dazu entschließt, zu uns zurück zu kehren und sich unserem neuen Unternehmen anzuschließen, einer Technologie-, Berater-, und Sicherheitsdienstfirma: Beyonder Inc.!" Er grinste in die Runde. "Die Sozialleistungen werden großartig sein."
Trevor Jackson, einer der Gruppenführer, nickte zustimmend. "Ich habe schon seit langem den Gedanken, dass wir Beyonder die Verteidigung der Erde und die Verteilung der Technologie selbst in die Hand nehmen müssen. Ich schlage Andorra, die Schweiz oder Liechtenstein vor."
"Für was?"
"Für den Sitz unserer Firma. Ein neutrales Gebiet, in dem wir uns als Firma frei entfalten können, zu dem unsere Leute jederzeit Zugang haben oder das uns im Falle von gierigen, störrischen Regierungen als sichere Zuflucht dient. Aber um ganz sicher zu gehen sollten wir unsere Hauptvertretung auf dem Mars oder dem Mond bauen."
"Unsere Hauptvertretung?"
"Die Militärakademie der Beyonder, in der wir die neuen Mannschaften in unseren Panzern und unseren Anzügen trainieren werden, die wir bauen. Außerdem die Crews der Schiffe, die auf Phobos entstehen."
Nun begannen die Ideen in großer Zahl zu fließen. Jonathan Patekar, ein Großgruppenführer aus Bangladesh, hob die Hand. "Wir werden, wenn wir Schiffe, Panzer und Rüstungen bauen, die Zulieferbetriebe teilweise selbst bauen müssen. Wenn wir sie auf der Erde lassen, dann laufen wir Gefahr, einer von vielen Regierungen einen Vorteil auf militärischem Gebiet zu verschaffen. Und glaubt mir, Regierungen sind weit paranoider als unsere Schöpfer hier am Tisch. Deshalb müssen wir Rohstoffe auch auf Mars oder Mond fördern, und vor Ort weiter verarbeiten." Er schüttelte kräftig den Kopf, was in seinem Kulturkreis jedoch als Bejahung galt. "Ich habe mir vorgenommen, zuerst einmal in meine Heimat zurück zu kehren und meine Familie zu besuchen. Aber danach werde ich gerne, sehr gerne wieder als Großgruppenführer für die Beyonder tätig." Er warf Vaillard einen langen Blick zu. "Ich und meine Familie würden eventuell sogar auf den Mond oder den Mars ziehen, wenn die Lebensqualität stimmt. Ich habe nicht vor, die anderen auf Zehn Steine im Stich zu lassen. Aber wenn wir so etwas beginnen, dann tun wir es doch gleich richtig."
Ein Teil der anderen Beyonder am Tisch klopfte auf die Platte, der Rest klatschte.
Berot´kar räusperte sich für ein Wesen mit derart schmächtigem Körper erstaunlich laut. "In diesem Fall möchte ich anmerken, das wir einiges an Material dabei haben, Fertigbauten wie im Hoffnungstal, Konstruktionsmaschinen und dergleichen. Außerdem können wir große Schutzschilde über Regionen von Mond und Mars spannen, die bis zu vierzig Quadratkilometer umfassen können. Diese werden dann mit atembarer Luft gefüllt, mit künstlicher Gravitation versehen und geheizt. Binnen eines Jahres können diese Gebiete grün sein. Egal ob auf dem Mond oder dem Mars. Natürlich würden wir diese Mühen in Rechnung stellen und mit dem Geld verrechnen, welches wir erwirtschaften müssen."
"Natürlich", erwiderte Vaillard. "Ihr lernt mir ein wenig zu schnell, meine lieben Schöpfer."
Als Antwort lächelte der Gnom nur noch ein wenig breiter.
"Also, jeder Großgruppenführer startet eine Umfrage bei all seinen Leuten. Sie sollen ihre Pläne auf der Erde detailliert darstellen. Leute die uns verlassen wollen, werden gebeten, ihre Rüstungen zurück zu lassen, ebenso ihre Uniformen. Aber das ist kein Muss."
"Warum riskierst du, dass jemand mit einer brandgefährlichen Beyonder-Rüstung auf der Erde rumtobt, Jacques?", kritisierte Patekar.
"Weil jemand der seine Rüstung behalten will es auch irgendwann schafft sie zu behalten. Außerdem haben wir die Rüstungen, um ihn zu stoppen, falls er Unsinn anstellt."
"Gewagt. Ich würde jedem sein Uniform oder seine Rüstung abnehmen, sobald er uns nur für einen Hausbesuch verlässt", warf Nguyen ein.
"Du wirst noch dankbar für die Möglichkeiten deiner Uniform sein, wenn du wieder auf der Erde bist", prophezeite Vaillard. "Und selbst wenn sie uns verlassen wollen, soll jeder für sich prüfen, ob er oder sie nicht bereit ist, fortan für uns im Heimatland Rekruten zu suchen. Wir alle kennen die Kämpfe aus erster Hand und wissen in welcher Gefahr die Erde schwebt. Es prüfe jeder sein Gewissen ob und was er für die Welt zu leisten bereit ist. Und dann..."
"Und dann?", fragte Berot´kar erwartungsvoll.
Jacques Vaillard grinste breit. "Und dann verkaufen wir die Filmrechte an Hollywood und die Dokumentarrechte an die BBC."


5. Auf der Erde

Manche Dinge im Leben geschahen überraschend und versprachen dabei einen gewaltigen Vorteil. Seit er sich auf gemacht hatte, um im Auftrag von Alex Tarnau die Erde zu finden und den Kontakt zu ihren einhunderttausend verlorenen Kindern wieder her zu stellen, hatte er gewusst, dass die Schöpfer im Bereich der Erde operierten. Und er hatte gewusst, dass er sich würde mit ihnen auseinander setzen müssen.
Dass sie so unerwartet und vollständig vor ihm und seinem Einsatzkommando kapituliert hatten, war mehr als eine Überraschung für ihn gewesen. Und wurde nun zu einem riesige Vorteil für die Beyonder.
Als der Zerstörer ODYSSEUS seine monatelange Odyssee im Orbit der Erde beendete, parkte der Varni-Chefpilot den Giganten direkt neben der ISS, in verdammt guter Sichtweite. Und so dauerte es auch nicht lange, bis ein sehr entnervter, überraschter und sich nahe der Panik befindlicher Astronaut sie anfunkte.
"Hier spricht Oberst Tomarev von der russischen Luftwaffe von Bord der Internationalen Raumstation ISS. Fremdes Flugobjekt, ich bitte um Identifikation und weise Sie darauf hin, dass Sie fremden Weltraum betreten haben."
"Darf ich, Ren?", fragte seine Cheffunkerin mit einem interessanten Glanz in den Augen.
Vaillard wusste, dass sie zu jenem Kontingent gehört hatte, die auf dem Südarchipel ausgesetzt gewesen waren, wo sich eine eher asiatische Gruppe und eine doch recht homongene nordamerikanische Gruppe so lange bekämpft hatten, bis die Varni über sie her gefallen waren. Nguyen hatte sich von dieser Hysterie nicht anstecken lassen und ihre eigene Gruppe aufgemacht, die sich aus den Kampfhandlungen heraus gehalten hatte. Sie hatte dabei riskiert, es sich mit beiden Seiten zu verscherzen. Aber ihre Sprachbegabung und ihr waches Auge hatten sie schließlich auf die Brücke der ODYSSEUS katapultiert. Sie hatte sich eine Belohnung verdient. Zumindest etwas, was nur Jacques Vaillard ihr bieten konnte. "Bitte."
Nguyen Tuan Ngan strahlte ihn an. Dann sprach sie in ihr KommSet: "Hier spricht der vietnamesische Zerstörer ODYSSEUS. ISS, Sie sind auf unserem Kurs. Weichen Sie aus."
"Was? Vietnamesen? Hier oben? Ausweichen? Wie? Wir sind eine Raumstation!"
Leises Gelächter erklang in der Zentrale. "Ein Insiderwitz, Lokk. Noch besser wäre es gewesen, wenn sich ein Amerikaner als Kommandeur der ISS identifiziert hätte", erklärte Vaillard. "Ab und an mag ich es, die Großmächte zu schockieren."
"Interessant", erwiderte der Varni und ließ sich zu einem Schmunzeln hinreißen.
"Keine Sorge, ISS, das war nur ein Witz. In Wahrheit sind wir von Außerirdischen entführte Menschen, die einer fremden Rasse die Raumschiffe abgenommen hat, um mit diesen nach Hause zu fliegen. Hier auf der Erde wollen wir mit der fremden, hochwertigen Technologie eine Firma gründen und die Welt vor einer drohenden Invasion warnen."
"Ach, alles auf einmal?", klang die Stimme des Russen auf. "Ich bleibe dann doch lieber bei den Vietnamesen im All. Das ist glaubwürdiger."
Vaillard bedeutete ihr mit einem Nicken, ihn hinzu zu schalten. Der Hauptbildschirm wechselte zu einer Innenansicht der ISS und bildete fünf Astronauten ab. In der Mitte schwebte der russische Luftwaffenoberst.
"Es ist nie eine gute Idee gewesen, vor der Realität zu fliehen, Oberst Tomarev. Mein Name ist Jacques Vaillard. Ich stehe im Rang eines Commanders, was Ihrem Oberst recht nahe kommen dürfte. Zudem bin ich im Moment der Kapitän der ODYSSEUS. Was meine Ortungs- und Kommunikationschefin Ihnen gesagt hat - das zweite, meine ich - ist bis auf die letzte Silbe wahr. Allerdings war das nur die kurze Version. Die lange ist um einiges komplizierter." Er deutete auf den Varni neben sich. "Wie Sie sehen können, haben wir auch einige Beweise mitgebracht. Dies hier ist Lokk ar Syger, mein Stellvertreter. Sie können sicherlich erkennen, dass er kein Mensch ist. Sagen Sie hallo zum Oberst, Lokk."
Der Riese verzog sein Gesicht zu einem Lächeln. "Hallo, Herr Oberst."
Jacques konnte dabei zusehen, wie der Offizier bleicher wurde. Dann wurden seine Augen für einen Augenblick weiß. Die anderen eilten herbei, um ihm zu helfen, aber da hatte er die Sekundenohnmacht schon überwunden. Er wehrte die helfenden Hände ab und schüttelte den Kopf, um wieder klar zu werden. "Sie müssen verstehen, dass ich Ihre Geschichte überprüfen muss, Sir."
"Sie wollen eine Überprüfung eines Zerstörers durchführen? Mit fünf Leuten? Sie müssen viel Zeit haben. Jedenfalls mehr als ich und meine Crew", erwiderte Vaillard ärgerlich. "Aber ich bin gerne bereit zu kooperieren. Sie dürfen an Bord kommen. Ein Beiboot der ODYSSEUS wird Sie abholen, Sie und jeden der Sie begleiten will, Ren. Ach, und an Ihre Regierung gerichtet, die in diesem Moment wahrscheinlich eifrig ihren Funkverkehr überwacht: Wir sind Menschen aus aller Herren Länder. Wir werden genaue Listen noch in den nächsten Stunden übermitteln. Die von meinen Freunden an Bord und jene unserer Kameraden, die noch da draußen in der Sternenwüste sind. Wenn Sie uns einen Gefallen tun wollen, Mr. President, beraumen Sie für einen der nächsten Tage ein Vollversammlung der Vereinten Nationen an. Das würde uns viel Zeit ersparen. Danke, Ren."
"War das jetzt an die Russen oder an die Amerikaner gerichtet?", fragte eine spöttische Stimme.
"Wie auch immer. In einer Stunde wissen sowieso alle Regierungen der Welt, was hier gerade angekommen ist. Also, Oberst Tomarev, seien Sie und Ihre Leute meine Gäste."
"Dieses Ren, das Sie dauernd benutzen, Commander..."
"Ist ähnlich wie das englische Sir. Wir haben da draußen eine komplette neue Sprache und eine neue Schrift gelernt. Man kann schlecht von alten Gewohnheiten lassen, also bitte verzeihen Sie mir... Sir."
"Es gibt da nichts zu verzeihen... Ren."
"Also dann bis gleich." Die Verbindung erlosch und Vaillard erhob sich. "Das war doch ein guter Anfang, finde ich. Nguyen, Sie können unsere Bankfachleute an die Telefone setzen. Sie sollen den Verlusten der Schöpfer auf den Grund gehen und sehen was sie auf die Schnelle tun können. Der Himmel sei Dank haben wir über vierzig von ihnen in unseren Reihen."
"Dazu einige aus der Hochfinanz. Scheint so als hätte Alex Tarnau mit so einem Fall gerechnet als er die Beyonder für diesen Flug zusammen gestellt hat", merkte ar Syger an.
"Ich hoffe doch nicht!", antwortete Vaillard entrüstet. "Wenn er nämlich so weit voraus gedacht hat, kriege ich noch einen Minderwertigkeitskomplex. Kommen Sie, wir wollen unsere Gäste im Hangar empfangen. Eine Großgruppe in Rüstungen und eine Großgruppe in Uniformen soll ebenfalls zum Empfang bereit sein."
"Verstanden, Ren."

Nur für den Fall, dass fünf oder vielleicht auch mehr Astronauten versuchten, gegen über zweitausend Beyonder bestehen und das Schiff entern wollen hatte Jacques kurz vor der Landung sein härtestes Team die Tarnung aktivieren lassen und in eine Abwehrstellung geschickt. Danach waren die Rüstungen und die Uniformträger aufgefahren.
Schließlich verkündete das Geräusch zugreifender Klammern die Ankunft von Pendler zwei, und damit die Ankunft ihrer Gäste.
Das große Schott öffnete sich und zeigte den teilweise gefüllten Gigantbauch des Transporters. Vorne im Gewirr standen fünf einsame Personen und sahen sich vorsichtig im gigantischen Hangar um, der sich vor ihnen aufgetan hatte.
Dies war ein wichtiger Moment. Außer stramm stehen und kämpfen hatten die Beyonder nicht viel trainiert. Beides beherrschten sie sehr gut, aber exerzieren war keine Stärke dieser Truppe. Und auf diesem Gebiet drohte sich Vaillard nun zu blamieren.
Doch das Schicksal hatte ein Einsehen, denn Lokk ar Zygers kräftige Stimme wurde überall im Hangar sehr gut gehört, und blamieren wollte sich wohl auch keiner. Als er also ein Stillgestanden befahl und vierhundert Beinpaare zusammenrückten, erfüllte ein annehmbarer, gleichzeitiger Stampfton den Hangar.
"Für die Besatzung der Internationalen terranischen Raumstation: Salutiert!", rief ar Zyger, und wunderbar synchron flogen sowohl bei Rüstungsträgern als auch bei den Uniformierten die rechten Arme hoch.
Ar Zyger wandte sich nun ebenfalls an die Gäste und salutierte nach Beyonder-Art, mit der waagerechten Hand an der rechten Stirn. "Willkommen an Bord der ODYSSEUS!"
Oberst Tomarev und zwei seiner Leute salutierten automatisch zurück, die anderen beiden nickten nur. Aha, Zivilisten, ging es Vaillard durch den Kopf.
Ar Zyger wandte sich nun dem Skipper zu. "Ren, ich melde, dass die Gäste von der ISS eingetroffen sind!"
Vaillard quittierte die Meldung mit einem Nicken. "Sehr schön, Commander. Lassen Sie rühren."
"Rühren!", bellte er knapp und kurz, und die rund vierhundert Beyonder gingen in eine bequemere Standart.
Nun kamen die Raumfahrer heran, staunend über die Dimensionen der Halle, staunend über die Schwerkraft, die hier ebenso herrschte wie im Pendler.
Der Vorderste war Oberst Tomarev. "Bitte um Erlaubnis, an Bord kommen zu dürfen."
"Erlaubnis erteilt." Jacques streckte die Rechte aus. "Auch von mir, willkommen an Bord!"
Als sich der Russe und der Franzose die Hände schüttelten, begannen die Beyonder zu klatschen. Vielen wurde vielleicht erst jetzt bewusst, dass sie nicht einfach Tarnaus Auftrag ausgeführt hatten. Sie waren nun Zuhause.
***
"Eine beeindruckende Führung", kommentierte Captain Mitchell, eine Air Force-Ingenieurin, anerkennend. "Vor allem aber beeindruckt mich die künstliche Schwerkraft. Konnten Sie heraus finden, wie sie funktioniert, Ren?"
Vaillard schmunzelte, als der Amerikanerin das fremde Wort so leicht über die Lippen ging. "Mein Stellvertreter kann Ihnen dazu mehr sagen. Er ist praktisch mit ihnen aufgewachsen."
Ar Zyger lächelte schmallippig. Er hatte festgestellt, das die ISS-Astronauten sein volles Grinsen mit einem Fisch verglichen, den sie "Hai" nannten, also vermied er es seine Zähne zu zeigen. "Es ist eigentlich keine Schwerkraft in dem Sinne, denn die entsteht ja durch Masse. Aber da wir keine Verschwender sind, versuchen wir unsere Schiffe so leicht wie möglich zu halten. Wir verändern also nicht die Masse unserer Schiffe, um annehmbare Schwerkraft zu erzeugen, sondern wir ändern einfach den Fallwinkel. Es ist ein netter physikalischer Trick, wenn man erst einmal darauf gekommen ist. Ich kann Ihnen die Anlagen später gerne noch zeigen, Captain."
"Danke, Ren, Sie sind zu freundlich." Ihr Gesichtsausdruck allerdings machte deutlich, dass es besser keine Privatführung werden sollte.
"Wir haben jetzt also über zweitausend Menschen aus über siebzehn Ländern der Erde kennen gelernt. Die Beyonder, sagten Sie, Commander Vaillard, kommen aus insgesamt wie vielen Ländern?"
"Etwas über siebenundvierzig, aber das kann sich nach unserem Abflug bereits geändert haben. Unser Anführer, Alex Tarnau, beabsichtigte, nach weiteren menschlichen Kontingenten an Entführten zu suchen. Laut der Schöpfer, der Rasse, die uns zwangsrekrutiert hat, sollen es noch einmal neunhunderttausend sein. So ein Aderlass kann nur dann nicht auffallen, wenn er gleichmäßig aus allen Ländern der Erde entnommen wurde."
"Neunhunderttausend. Also insgesamt eine Million. Sind Sie sicher?"
"Ehrlich gesagt habe ich hierfür nur die Aussage der Schöpfer. Und sie mögen uns entführt haben, aber sie sind definitiv keine großartigen Lügner. Hier entlang, bitte. Oberst, Captain, Major, Doktor, Ma´am."
Sie betraten die Brücke der ODYSSEUS. Die Besucher von der Erde stockten.
"Lassen sie sich bitte nicht von den Dimensionen erschlagen. Dies war ursprünglich ein Schiff der Varni, bevor wir es erobert haben. Wir sind nicht dazu gekommen, es für unsere Zwecke umzubauen. Kontakt mit der Erde aufzunehmen war uns wichtiger. Außerdem haben wir einige Varni an Bord, also hätte ein Umbau wenig Sinn gemacht. Und deshalb sitzen meine Leute meistens sehr bequem auf Kissen und Decken."
"Sie haben das Schiff von den Varni erobert und es befinden sich Varni an Bord? Wie passt das zusammen?", fragte Major Neuvland neugierig. Oder doch eher alarmiert?
"Nun, es sind Rebellen. Also Leute, die auf unserer Seite stehen, wenn Ihnen diese kurze Erklärung reicht, Major. Bitte, hier entlang. Wir befinden uns gerade etwa im vorderen Drittel des Schiffs, und dazu ziemlich exakt in der Mitte dieses Bausegments. Dennoch haben wir hier einige Möglichkeiten."
Der Hauptbildschirm wechselte und zeigte eine fremde Sternenkonstellation. "Das ist der lokale Sternhaufen, in dem sich Zehn Steine befindet, die Welt von der wir aufgebrochen sind. Sie befindet sich, wie wir jetzt wissen, in etwa eintausendsiebzehn Lichtjahren Entfernung, plus minus ein paar Kilometer. Wir haben die Strecke in nicht ganz zwei Monaten bewältigt, das aber auch nur weil wir die Erde suchen mussten. Können sie sich also vorstellen, wie schnell die Varni, die nicht unsere Verbündeten sind, hierher zur Erde gelangen können, wenn sie den Weg kennen?"
"Verdammt schnell", brummte Doktor Andersen. "Ein verflöuchtes Vabanque-Spiel, die Erde zu suchen, wenn Sie vielleicht ein paar Spione an den Hacken haben, Commander Vaillard."
"Im Anbetracht der Tatsache, dass die Varni die Erde auch ohne uns finden können allerdings ein vertretbares Risiko mit der Option, die Erde verteidigungsbereit zu kriegen", konterte der Commander. "Aber haben Sie keine Sorge, wir haben nicht vor die ganze Erde zu militarisieren. Nur einen Teil. Wir haben einen Grundsatz bei uns Beyonder: Es kämpft nur, wer dies auch will. Es gibt keinen Grund, dieses Recht den Menschen der Erde vorzuenthalten."
"Und Sie gewinnen Schlachten mit dieser Einstellung?", zweifelte der russische Oberst.
Ar Zyger lächelte grimmig. "Sie kennen Alex Tarnau noch nicht, Ren."
"Junge, Junge, diesen Tarnau würde ich mittlerweile gerne mal kennen lernen. Sein Name wird ja im ganzen Schiff geflüstert", brummte Andersen.
"Das hat seinen Grund. Stellen Sie sich vor, Sie wachen im Nirgendwo auf, über Ihnen leuchten zwei unterschiedliche Monde, Sie werden von Unbekannten beschossen, rund um Sie herrscht Tod und Vernichtung, und über all dem gibt es einen Menschen, der sich den Arsch aufreißt, um Leute, die er nicht einmal kennt, in Sicherheit zu bringen", klang die Stimme von Nguyen auf. "Verzeihen Sie die Störung, aber der Generalsekretär der UNO will sie sprechen. Sie alle."
"Sie sind wirklich Vietnamesin", stellte der Oberst fest.
Nguyen Tuan Ngan lächelte höflich und nichts sagend. "Das bin ich. Dort bin ich geboren, dort liegen meine Wurzeln. Aber in erster Linie bin ich nun Beyonder. Zufällig ausgewählt, aber dennoch dazu berufen, die Erde zu schützen. Kommen sie, der Generalsekretär wartet."
***
Als Alex erwachte, tat er dies schweißgebadet. Er schreckte hoch, schlug um sich und holte mit einem kräftigen Atemzug Luft, obwohl kein Milliliter mehr hinein passen wollte.
Also atmete er aus, sobald er wieder Kontrolle über seine Lungen hatte, und hielt sich die schmerzende Brust. "Körpercheck", verlangte er mit rauer Stimme. Seit Wochen schlief er nun schon in seiner Uniform, und mit jedem Tag wurde ihm mehr und mehr bewusst, wie knapp er dem Tod wirklich von der Schippe gesprungen war, nachdem er auf der HEIMWEH niedergeschossen wurde. Und wie sehr er auf dieses Ereignis erneut zudriftete.
Seine Uniformmütze projizierte ein Hologramm mit seinen Körperdaten. Deutlich konnte er in der Historie erkennen, dass sein Herz für bange dreißig Sekunden gerast hatte.
Der Stress, die Belastung und die Angst vor dem eigenen Ende summierten sich nun zu einem gewaltigen Berg, der ihn zu erdrücken drohte. Er wusste, er würde die Therapie nicht mehr länger aufschieben können.
"Ren?", klang die Stimme von Porma el Tar auf. Die Mütze aktivierte ein weiteres Hologramm, welches das asketische Gesicht des Varni darstellte.
"Ich bin hier", krächzte der Chef des militärischen Arms der Beyonder.
"Ihre Uniform hat das Lazarett alarmiert. Ein Notfallteam ist auf dem Weg. Wir sehen die Lage nicht als akut bedrohlich an, aber zum Wohle aller Beyonder müssen wir sofort mit der Therapie beginnen, die Doktor van Holland bereits vorbereitet hat."
"Woher kennen Sie denn Doktor van Hollands Therapie?", fragte Tarnau matt.
"Fragen Sie nicht. Ich weiß es einfach."
Alex seufzte leise. "Sagen Sie das Notfallteam wieder ab, Porma. Aber wecken Sie den guten Doktor trotzdem. Ich komme sicherheitshalber zu einem Check herüber. Sterben gehört nicht zu meinen favorisierten Beschäftigungen."
"Verständlich. Das Team ist wieder auf dem Rückweg, aber Doktor van Holland und Doktor ar Zykarta erwarten Sie, Ren. Vergessen Sie nicht, wie viele Menschen und Varni ihre Hoffnungen mit Ihrer Arbeit verbinden. Wir wollen auch nicht, das sterben Ihr Hobby wird."
"Ich werde mich bemühen. Tarnau Ende."
Alex erhob sich, griff nach seiner Mütze und dankte wieder einmal den Schöpfern für ihre vollkommen geruchsfreien Allzweckkombinationen.

Auf dem Gang erwartete ihn die übliche Abordnung an Leibwächtern. Neu schien aber zu sein, dass sie kurz davor gestanden hatten, die Tür zu seinem Raum aufzubrechen. Jasmin Kelal empfing ihn mit einem vorwurfsvollen Blick. "Wir haben uns Sorgen um dich gemacht, Alex."
"Wie nett. Ich mir auch. Ich habe den Brusttreffer nicht wirklich gut weg gesteckt", versuchte er es mit einer dünnen Erklärung.
"Das kommt davon wenn man hinten stehen und kommandieren sollte, aber ganz vorne mit dabei ist", tadelte Kelal ernst. Ihr Visier schnappte zu und entzog ihr Gesicht Alex´ Augen. "Offene Formation. Der Chef in der Mitte. Volle Aufmerksamkeit. Je auffälliger wir uns benehmen, desto weniger Sorgen machen sich die anderen Beyonder."
"Gute Taktik", lobte Alex und ließ sich in die Mitte nehmen.

Beinahe hatte er es befürchtet, aber weder hatte sich der "Notfall" wie ein Lauffeuer verbreitet und den Weg zum Lazarett mit Neugierigen gefüllt, noch hatten sich seine engsten Vertrauten im Pulk zusammen gefunden.
Um diese Uhrzeit waren lediglich einige Beyonder unterwegs, um dies und das zu erledigen. Die meisten reagierten verwundert, den Chef und seine Leibwache zu so später Stunde zu sehen, knapp vor dem ersten Morgengrauen. Fragenden Blicken begegnete Alex mit beschwichtigenden Worten. Nein, nichts passiert. Nein, sie wurden nicht angegriffen. Nein, er war so weit in Ordnung. Nein, es hatte keinen der Commander erwischt. Nein, kein Unfall und keine Krise.
Nachdem er sich erfolgreich durchgelogen hatte, umfing ihn die Sicherheit des Lazaretts. Und dort sah er sich dann einer recht illustren und verschlafenen Runde gegenüber, angeführt von Jamahl Anderson. "Damit ist die Entscheidung wohl gefallen. Du bleibst hier und ich nehme die HEIMWEH, um das Imperium von innen aufzukrempeln."
Für einen Moment musste Alex mit der Rührung kämpfen. "Danke, alter Freund."
Er sah in die besorgten Augen von Natsumi, erblickte Martha, die dabei war, sich aber hinter Kurt Warninger zu verstecken versuchte, sah Jen mit tränennassen Augen bei ihnen stehen und fuhr herum, als ein atemloser Doitsu Furohata beinahe die Tür einriss, als er herein gestürmt kam. "Geht es dir gut, Chef?", fragte er vollkommen außer Atem.
In diesem Moment machte es Klick in seinem Kopf. Er schnaubte amüsiert, senkte den Kopf und traf eine Entscheidung. Diese Leute, die seine Freunde waren, vielleicht sogar noch weit mehr, waren sie es nicht wert? Waren sie nicht alles wert? Sein Leben in Hamburg erschien ihm so fern, so unwirklich, während dies hier alles so real, so greifbar und so wichtig war.
"Kommando zurück, Andy. Ich führe das Unternehmen selbst an."
Dies löste lautstarken Protest der Umstehenden aus. Verstanden sie nicht, wie wichtig sie ihm waren, das er sein Leben für sie riskierte? Das er glaubte, er würde die Expedition erfolgreicher führen können als Andy und genau deshalb dieses Risiko einging - für sie?
"So etwas haben wir uns schon gedacht", klang die amüsierte Varni-Stimme von ar Zykarta auf. In Begleitung von van Holland bahnte er sich seinen Weg durch die Freunde und blieb schließlich vor Tarnau stehen. "Ren, auf Sie wartet Behandlungszimmer eins. Wir werden den Herzrhythmusstörungen auf die Spur kommen müssen, wenn ich Ihnen gestatten soll, Ihre Therapie auf der HEIMWEH zu erhalten."
"Die Therapie auf der HEIMWEH?"
"Wir arbeiten an dem Verfahren, seit ich von der Schwere Ihrer Verletzung weiß, Chef", sagte der Holländer grinsend. "Ich wusste, dass Ihr Blut Sie wieder da raus treiben würde. Deshalb haben wir eine Methode entwickelt, Sie mit einem nur minimal erhöhten Risiko mehrfach zu operieren. Wir haben ein Team aus unseren besten Ärzten, Internisten und Chirurgen zusammengestellt, also mich, Doktor ar Zykarta und Doktor Stein sowie Cheftechniker Warninger. Zusammen werden wir während der Expedition minimalinvasive Operationen durchführen, um sämtliche Kugelsplitter aus Ihnen raus zu kriegen, ohne Sie fünfmal schlafen zu schicken. Aber es wird dennoch eine anstrengende Zeit, gefährlich und vollkommen neu. Wir wenden das Verfahren das erste Mal an."
"Moment Mal, haben Sie gerade Kurt gesagt? Was macht ein Techniker im Team?"
"Ich bin für die Neuprogrammierung der Naniten zuständig. Das ist relativ leicht möglich. Die Anzüge bieten dafür leicht zu lernende..." "Kleine Filmchen an, die alles anschaulich beschreiben", intonierten die anderen.
Warninger grinste schief. "Genau das. Wir haben uns folgendes überlegt: Ich programmiere Naniten darauf, die Splitter zu suchen, zu finden und zu katalogisieren. Wenn wir genügend gefunden haben, bestimmen die Ärzte die Reihenfolge, gestaffelt nach Gefährlichkeit. Danach injizieren wir dir neue Naniten, die darauf spezialisiert sind, die Splitter zu entfernen. Anschließend erfolgen minimalinvasive Eingriffe, um neues Herzgewebe anzulegen und mit deinem Herzmuskel zu verschweißen. Du wirst betäubt, aber nicht narkotisiert werden. Für jede dieser Operationen brauchen wir mindestens acht Stunden. Aber die Zahl der Behandlungen wird fünf nicht überschreiten. Nur sollten wir damit sofort anfangen, bevor du abfliegst. Damit die Ortung der Splitter gelingt, musst du regelmäßig in einem meiner Labors schlafen. Dort kann ein Team aus Technikern und Ärzten die Naniten kontrollieren und die Arbeit perfektionieren. Was sagst du, großer Meister?"
"Erstmal gar nichts."
Ar Zykarta räusperte sich. "Ren, wir haben die Möglichkeit diskutiert, Ihnen ein neues Herz zu züchten und einzusetzen, aber diese Methode kommt nur in Frage, wenn Sie sich erstens unter Vollnarkose begeben und zweitens danach mindestens zwei Wochen in absoluter Ruhe abwarten, um eventuelle körperliche Reaktionen in den Griff zu kriegen. Außerdem dauert das züchten eines neuen Herzens auf die für einen Erwachsenen erforderliche Größe mindestens drei Monate, wenn es langlebig sein soll. Aber ich denke zu Recht, dass Sie nicht so lange warten wollen."
"Hm. Machen wir es so. Aber ich will einen exakten Fahrplan und ständig über die Behandlung auf dem Laufenden gehalten werden. Keine Vollnarkose und auch keine Bettruhe. Verstanden?"
"Ich sollte vielleicht noch anmerken, das dies die unsicherste und gefährlichste Methode ist, Commander", gab van Holland zu bedenken. "Sie kennen Murphys Gesetz: Wenn etwas schief gehen kann, dann geht es auch schief. Sie wissen, ich gebe mein Bestes, aber ich will, dass Sie es wissen, dass Sie es verstehen, dass Sie sterben können."
Skeptisch hob Alex beide Augenbrauen. "Wenn wir nichts machen sterbe ich sowieso, oder?"
"Ja, das steht zu befürchten, Ren."
"Dann ist Ihre Methode schon mal eine Verbesserung. Machen wir es so."
"Einverstanden. Wenn Sie uns jetzt in den Behandlungsraum folgen wollen. Sie sollten über Nacht hier bleiben und uns Zeit geben, die erforderliche Technologie auf die HEIMWEH zu verbringen."
"Was immer Sie sagen, Holland. Hey, Jamahl, stell schon mal die Teams zusammen. Ich will ein paar echte Kracher dabei haben, wenn die HEIMWEH aufbricht, Varni wie Menschen. Sorge dafür, dass Duvalle mit seiner Gruppe dabei ist. Der Junge soll mal was vom Universum sehen."
"Hier hinein, Ren."
"Wir fliegen ab, sobald die umgebauten Fregatten aus der Werft kommen. Ich will in der gleichen Stunde starten, in der die Teams, die sie übernehmen, Bereitschaft melden."
"Hier hinein, Ren!"
"Ach, Natsumi, ich will, dass du mit einem Rudel deiner Panzer mitkommst. Die Neubauten der Schöpfer, nicht die verbesserten Exemplare der Varni."
"HIER HINEIN, REN!", rief van Holland aus nächster Distanz.
Alex bohrte sich mit schmerzhaft verzerrter Miene im linken Ohr. "Müssen Sie so brüllen, van Holland?"
Der Arzt seufzte zum Steine erweichen, dann drückte er den Anführer der Beyonder durch die Tür. "Nächstes Mal leihe ich mir eine Rüstung", drohte er düster.
Hinter ihnen schloss sich die Tür wie das Portal zu einer ungewissen Zukunft.

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"Sie wissen nicht, dass wir da sind, und sie sehen uns nicht kommen." Vaillard ballte die Hände zu Fäusten und begann zu grinsen, während er die Arbeit seiner Spezialisten betrachtete, die sich über die Funkanlagen der ODYSSEUS in die Datennetze der Erde eingeschaltet hatten. Dabei ging es noch nicht einmal darum, mit der bereits überlegenen Rechenleistung des Bordrechners bestimmte Firmen-, und Bankennetzwerke zu hacken. Sie erlangten vollkommen legalen Zugriff zu den Systemen und nicht wenige von ihnen taten dies über ihre eigenen Zugänge und Konten. Und dank der Daten, die ihnen von den Schöpfern zur Verfügung gestellt worden waren, hatten die Banker und Finanzspezialisten eine ziemlich genaue Vorstellung davon, wie die betrügerischen Handelspartner der Schöpfer das Geld angeblich verbrannt, in Wirklichkeit aber umgeleitet hatten. Und während die Erde in Aufruhr war, weil ihre Ankunft alles über den Haufen geworfen hatte, was man da unten zu wissen glaubte, fuhren seine Spezialisten die erste Attacke. Sie dauerte erst achtundzwanzig Minuten, aber schon gehörten ihnen defacto zwei internationale Banken; dazu hatten sie mehr als drei Milliarden US-Dollar auf Schöpfer-Konten zurückgeschaufelt. Und den Spezialisten schien es sogar richtig Spaß zu machen. Sie bewegten sich einerseits auf einem vertrauten Feld, andererseits aber taten sie das Richtige.
"Skipper, wenn Sie einen Augenblick Zeit haben", sprach Nguyen ihn an.
"Was gibt es denn, Ngan?", fragte er sie.
"Ren, wir haben jetzt Ihre Frau auf einer der Leitungen."
Jacques Vaillard erstarrte. Zu seiner Verwunderung bemerkte er, dass er Furcht empfand, nicht die unbändige Freude, die ihn bisher beherrscht hatte.
Seit sie in den Orbit geschwenkt waren, seit die Besatzung der ISS sie besucht hatte, war es allen Beyondern freigestellt, Kontakt zu ihren Angehörigen aufzunehmen und Anträge zu stellen, von Bord gehen und die Beyonder verlassen zu dürfen. Vaillard hatte als einzige Bedingung darauf bestanden, dass niemand das Schiff verließ, bevor nicht eine Milliarde US-Dollar angehäuft worden war, um jedem potentiell von den Schöpfern entführten Menschen die versprochene Million auszahlen zu können. Aber so wie es aussah, konnten sie diese Prämie problemlos verdoppeln, ohne auch nur ein Unternehmen da unten in Liquidationsprobleme zu bringen. Insgeheim hatte er vorgehabt, aus seinem eigenen Vermögen Geld beizusteuern, sollte die Summe nicht reichen. Und verwundert fragte er sich, wann aus dem alten Geldhai ein Philantroph geworden war... Ach ja, damals im Wald, als rund um ihn die Menschen gestorben waren und als ein einziger Mann Ordnung ins Chaos gebracht und ihnen allen das Leben gerettet hatte.
"Ich komme", murmelte er bestürzt. Einige der Kommunikationen, die bereits stattgefunden hatten, waren überhaupt nicht erfreulich gewesen. Santman und Kosloski beispielsweise waren sofort nach ihren Anrufen bei ihm vorstellig gewesen und hatten darum gebeten, auf die "permanente Liste" gesetzt zu werden, jene Liste, auf der alle Beyonder erfasst wurden, die definitiv an Bord bleiben würden. Oder die fest in der Mondbasis dienen würden, die in diesem Moment von den Schöpfern im Meer der Heiterkeit errichtet wurde, während er der Vietnamesin in den Nebenraum folgte, unsicher, nervös, mit flatternden Nerven und zuckenden Händen. Er hatte Angst. Angst davor, was ihn erwartete.
"Jacques!", hallte ihm die Stimme einer Frau entgegen. Er hatte den Raum noch nicht einmal betreten und es saßen fast fünfzig weitere Beyonder hier, um mit ihren Familien zu reden. Es war laut und undeutlich, aber ihre Stimme hatte alle anderen überstrahlt.
Die Bedenken, die Angst, sie nahmen zu, als er schuldig - ja, schuldig - an das Terminal herantrat, das ihr Bild zeigte. Die meisten Verbindungen waren rein telefonisch, aber seine Frau sprach über ein Smartphone mit ihm, das den Gesprächspartner mit einer zweiten Kamera aufnahm. "Chloe, ich...", begann er, noch bevor er sich setzen konnte.
"Wann kommst du runter zur Erde?"
Erschüttert erstarrte Jacques Vaillard. Sie fragte nicht, wo er gewesen war, was er getan oder was er erlebt hatte. Sie fragte nur nach ihm. Das ließ ihn ein wenig schmunzeln. "Nun, gegen einen Besuch ist nichts einzuwenden, aber ich habe nicht vor, wieder auf die Erde zurückzukehren."
Ihr Gesicht wurde blass. "Jacques, du... Was ist passiert in den letzten anderthalb Jahren? Ist es eine andere?"
"Wohl eher ein anderer", hörte er Nguyen neben sich sagen. "Und sein Name ist Alex Tarnau."
Vaillard war zu erschrocken über die Reaktion seiner Frau, als dass er Nguyen fürs Lauschen tadeln konnte.
"Und wer sind Sie dann?", fragte Chloe trocken, in eines ihrer üblicheren Muster verfallend, das der High Society-Lady.
"Verzeihung, Ma'am. Ich bin Gruppenführerin Ngyuen Tuan Ngan, eine Untergebene Ihres Ehemanns, der auch mein Kapitän ist.
"Ach, ich erinnere mich. Sie sind die Frau, die damit gescherzt hat, dass Vietnam nun im Weltraum ist. Wie ich höre, feiert man Sie daheim wie eine Volksheldin."
"Dumme Idee. Ganz dumme Idee. Ich habe nicht annähernd genug geleistet, um das zu verdienen."
"Ngan", sagte Vaillard tadelnd, "vergleichen Sie sich nicht mit Tarnau. Das bringt nichts, und da besteht niemand, nicht einmal ich."
"Ja, Ren."
"Und wenn wir schon dabei sind: Sie dürfen sich gerne mit meiner Frau unterhalten, aber bitte erst nach mir."
Die Vietnamesin errötete. "Ja, Ren. Entschuldigung."
Vaillard konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. "Okay, das sollte kein Tadel sein, Ngan. Es gibt kaum einen Menschen, oder meinetwegen Varni an Bord meines Schiffs, den ich Chloe lieber vorstellen würde als Sie." Grinsend wandte er sich dem Bildschirm zu. "Du musst wissen, sie glaubt, ich wäre ihr Vater, oder so."
"Tu ich gar nicht!", protestierte die kleine Frau energisch, nur um kleinlaut hinzuzufügen: "Aber Sie benehmen sich so, Ren."
"Da siehst du es", lachte Vaillard. Plötzlich waren alle seine Sorgen dahin, war alles dahin, was ihn belastet hatte. Es machte ihm wieder Spaß. Und zwar mehr Spaß, als sein altes Leben ihm je gemacht hatte. Was ihm da noch fehlte, war... Chloe.
"Mein Schatz", fragte er mit sanfter Stimme, "kommst du aus deiner derzeitigen Beziehung problemlos heraus?"
Die hochgewachsene, schwarzhaarige Südfranzösin schürzte verächtlich die Lippen. "Ha! Du wirst es nicht glauben, aber ich war dir jeden einzelnen Tag treuer als eine Klosternonne ihrem Herrn Jesus Christus. Ich hätte nicht gedacht, dass ich wirklich so denken würde, aber selbst ein flüchtiger Kuss wäre mir wie Betrug vorgekommen, solange ich nicht wusste, wo du bist und wie es dir geht." Sie schluckte hart. "Also, warum willst du nicht nach Hause kommen?"
"Weil dies jetzt mein Zuhause ist." Sein Lächeln wurde wehmütig. "Okay, nicht das Schiff an sich, aber die Beyonder. Und ich will, dass es auch dein Zuhause wird."
Entsetzt sah sie ihn an. "Du gibst deinen Vorstandsposten bei der wichtigsten Privatbank Frankreichs auf?"
"Ohne mit der Wimper zu zucken."
"Du verlässt deine Villa, die Familie, deinen Heimatort, Paris, Frankreich, Europa, für was?"
"Für die Beyonder und den Schutz der Menschheit, Schatz."
Ein zaghaftes Lächeln stahl sich auf ihre Züge. "Und du meinst, ich habe das Zeug dazu, so ein Beyonder zu werden?"
"Du bist klug, wagemutig, direkt, ehrlich, frech, lernst schnell und sagst anderen gerne mal die Meinung. Sieht so aus, als wärst du der Prototyp der Beyonder. Mit dir an meiner Seite kann ich die Welt retten", sagte er mit Nachdruck. "Und wie es scheint, muss man sie nicht nur vor den Varni retten, sondern auch vor sich selbst."
"Wie meinst du das?"
"Ach, unsere Geschäftspartner hier oben sind teilweise Opfer von Finanzbetrug geworden."
Ihre Augen blitzten auf. "Finanzbetrug?"
Vaillard stutzte, dann begann er zu lachen. Vielleicht hatte er das Gespräch nicht optimal begonnen. Wenn er sie hier oben haben wollte, dann hätte er wohl von Anfang an an die Doktorin Summa cum Laude in Wirtschaftswissenschaften in ihr plädieren sollen. Sowohl ihre Masterarbeiten als auch ihre Doktorarbeit hatten Geldwäsche und betrügerischen Geldtransfer zwischen Großbanken zum Thema gehabt, und soweit er wusste, benutzte die europäische Steuerfahndung ihre Doktorarbeit immer noch als Master-Anleitung, um Geldschieberei aufzudecken. "Im großen Stil. Ich habe ein paar Banker an Bord, die das Thema interessiert, und sie haben schon drei Milliarden zurückgeholt."
"Euro?", staunte sie.
"US-Dollar."
"Trotzdem eine beeindruckende Summe." Entschlossen sah sie ihn an. "Also, wieviel Zeit habe ich, um unseren Besitz zu Geld zu machen und die nicht verkäuflichen Dinge an die Familie zu verteilen?"
"Langsam, langsam, Schatz. Du brauchst nicht gleich alles zu verramschen. Wir bauen gerade eine Basis auf dem Mond auf und die Beyonder werden hier eine eigene Präsenz errichten, die ich bei dir in guten Händen wüsste."
"Während du zurückgehst zu Alex Tarnau? So langsam glaube ich, dass du mich mental betrügst."
Vaillard wirkte verlegen. "Das kannst du auch nur sagen, weil du ihn nicht kennst."
"So? Ein Deutscher, dem die Massen folgen, ist jetzt nicht gerade die Art von Person, von der ich geglaubt habe, dass du auf sie hereinfällst, Schatz."
"Es sind eher seine Taten, die mich auf ihn haben hereinfallen lassen, Schatz", erwiderte er trocken. "Alex ist ein... Pragmatiker. Du wirst ihn mögen. Und es würde mich nicht wundern, wenn er jetzt in diesem Moment bereits mitten in der nächsten Scheiße stecken würde, die er zusammenzukehren versucht."
"Ah, so einer. Ja, ich glaube, ich würde ihn mögen. Also, wann holst du mich hoch? Und wage es ja nicht, mich warten zu lassen. Ich will endlich wieder Sex haben."
Nguyen hüstelte verlegen. "Wer will das nicht?"
Auch Vaillard räusperte sich. "Du, Schatz, damit sollten wir eventuell vorsichtig sein. Es kann sein, dass die Schöpfer mein kleines Problem... Beseitigt haben. Und seitdem wir sie davon überzeugt haben, uns nicht mehr chemisch zu beeinflussen, kann es sein, dass..."
Chloes Augen leuchteten auf, hell genug, dass man vermuten könnte, im Innern wären Scheinwerfer installiert worden. "Scheiß auf Vorsicht, und scheiß auch auf die letzten Monate! Ist das sicher? Wenn, dann war es jede Sekunde wert! Jacques, wir können endlich Kinder haben! Kinder! Oh, stell mir einen Schöpfer vor, ich werde ihn küssen!"
Nun überkam die Erkenntnis auch Jacques. Hastig versuchte er das Gespräch mit dem Chefarzt der Beyonder wieder vor sein geistiges Auge zu rufen. Ja, der Mann hatte ihm eindeutig einhundert Prozent Fruchtbarkeit bescheinigt. Die Degeneration seiner Spermien und die verringerte Anzahl waren nach seiner Aussage nicht mehr vorhanden gewesen. In diesem Moment überkam ihn selbst das Bedürfnis, einen von den grauen Zwergen zu küssen. Und er erkannte sehr genau, was hier wirklich geschah, solange die Schöpfer ihnen ihre Technologie weiterhin so bereitwillig überließen. Und das wiederum machte ihm klar, wie verdammt gut jemand darauf aufpassen musste, dass die Menschheit keinen Schindluder damit betrieb. Abgesehen davon, dass sie absolut keine andere Wahl hatten, als die Erde in ein neues Technikzeitalter zu katapultieren, wenn sie für den Schutz vor dem Pes Takre stark genug werden sollte.
"Wir haben ein Shuttle, das nach Paris geht und ein paar Beyonder nach Hause bringt, die ausgetreten sind oder Heimaturlaub haben wollen", sagte Nguyen. "Der Pendler landet in einer Stunde auf dem Vorplatz des Eiffelturms. Er wird dort vom französischen Staatspräsidenten empfangen und wir übergeben eine Liste aller Franzosen, die in unseren Reihen sind. Sie können mit der Maschine zurückfliegen, Frau Vaillard." Sie lächelte verschmitzt. "Außerdem hat zufällig dann Ihr Mann seine Freiwache und eventuell hält er sie ja diesmal ein, weil er... Angenehm beschäftigt ist."
"Sie ist frech", stellte Chloe fest.
Nguyen hüstelte verlegen. "Verzeihung, ich wollte nicht..."
"Wollen wir sie nicht adoptieren, Schatz?"
Beinahe noch verdutzter sah Vaillard seine Frau an. "Schatz, ich..."
"Es könnte sein, dass meine Eltern da Einwände erheben", sagte die Funkchefin, "aber danke für das Angebot, Ma'am."
"Na, dann vielleicht später. Ich für meinen Teil setze mich in unseren Jet und fliege nach Paris. Ihr Transporter wird doch auf mich warten?"
"Selbstverständlich, Ma'am", sagte Nguyen im Brustton der Überzeugung.
"Gut. Dann rettet Ihr schon mal die Welt, bis ich da sein kann. Bis dann." Sie deaktivierte die Verbindung mit einem breiten Lächeln voller Vorfreude und Jacques Vaillard konnte nicht anders als zu grinsen wie ein Idiot. Bei all dem, was er auf der Erde erwartete, Schwierigkeiten mit den Nationalstaaten bis hin zu offenen Krieg, Erpressung seiner Beyonder, Diebstahl ihrer Technologie und vieles mehr als der Soll-Seite, so war die Haben-Seite mit seiner Frau bereits sehr gut gefüllt.
"Wollen Sie nicht Ihre Eltern sehen, Ngan? Oder wenigstens mit ihnen sprechen?", fragte Vaillard aus einer Laune heraus.
"Vielleicht besuchen", wich sie aus. "Später."
"Geschwister? Verwandte?"
"Später." Sie versuchte sich an einem zaghaften Lächeln. "Die Arbeit hier geht vor, Ren."
Das war wahr, sollte aber eigentlich nicht so sein. Zu oft in seinem Leben hatte er die Arbeit vor das Privatleben geschoben, sie bevorzugt, zumindest bis Chloe in sein Leben getreten war. "Nicht immer, Ngan. Nicht immer." Aber leider oft genug, gestand er sich ein.
***
Wenn man im Universum von Synchronität spricht, im Sinne von "gleichzeitig", lehnt man sich immer aus dem Fenster. Weit, weit aus dem Fenster. Das liegt einfach in der Natur der Sache. Um das verständlich zu machen, nehme man einfach mal die Lichtgeschwindigkeit. Annahmen zur Relativität der Zeit besagen, dass ein Objekt, welches sich der Lichtgeschwindigkeit annähert, unter der Zeitdilatation leidet. Erheblich proportional geht es bis zur Lichtgeschwindigkeit so weit, dass die Zeit für den so schnell wie das Licht Reisenden stillsteht. Das ist allgemein bekannt und sollte selbst dem größten Physikverweigerer untergekommen sein. Aber wenn man das Thema einmal andersherum betrachtet, dann müsste die Zeit im Umkehrschluss für den, der sich möglichst nicht bewegt, am schnellsten ablaufen. Wenn es also einen Bezugspunkt gibt, der absolute Ruhe bedeutet, dann müsste an diesem Bezugspunkt die Zeit wie ein Turbo rasen. Aber das ist selbstverständlich Augenwischerei, denn selbst wenn man meint, man würde still im Raum stehen, gibt es doch irgendeinen Punkt, auf den man sich relativ gesehen zubewegt. Man bewegt sich so oder so. Die Planeten bewegen sich um die Sonnen, klar. Die Sonnen bewegen sich um das Zentrum der Milchstraße, klar. Und die Milchstraße bewegt sich zusammen mit den anderen Galaxien der Lokalen Gruppe um den Virgo-Supergalaxiencluster mit über eintausend Einzelgalaxien. Und selbst dieser Supercluster bewegt sich wiederum, nämlich auf expansionistischem Kurs fort von jenem leider fiktiven Ort, an dem der Urknall eventuell stattgefunden hat, die Tatsache ignorierend, dass es ein Zentrum des Universums physikalisch gar nicht geben kann, also einen Bereich im Universum, von dem sich alle Materie fortbewegt - und zwar jedes Partikel in eine andere Richtung. Und wie groß oder Materiearm wäre dieses Zentrum nach rund zwanzig Milliarden Jahren Existenz des Universums mittlerweile? Könnten wir es sehen, oder indirekt identifizieren? Zu finden wäre es vermutlich in der Richtung, als der wir, astronomisch gesehen, gerade kommen. Oder zumindest der Virgo-Supercluster... Oder auch nicht mal der, weil auch er um ein größeres Gebilde kreisen könnte.
Vielleicht ist das Zeit... Vielleicht ist das Raumzeit. In irgendeine Richtung bewegen wir uns immer, also kann es den Bereich der absoluten Turbo-Zeit gar nicht geben. Aber die Zeitdilatation, die gibt es und sie ist verdammt gut nachweisbar. Bereits im zwanzigsten Jahrhundert hat die Menschheit entsprechende Versuche angestellt, zum Beispiel den mit zwei synchron geschalteten Atomuhren, von denen eine schneller bewegt wurde als die andere, per Flugzeug. Nach der Landung stellte man bei der äußerst präzisen Atomuhr Nummer zwei, also jener aus dem Flugzeug, fest, dass sie nachging. Defacto war die Zeit für sie messbar langsamer vergangen. Was allerdings nicht bedeutet, dass Flugzeugbesatzungen relativ gesehen ein längeres Leben haben. Eventuell kommt es ihnen aber länger vor, je nachdem, wen sie als Fluggast an Bord haben. Um in den Genuss der Zeitdilatation zu kommen, müssen die Geschwindigkeiten schon erheblich höher sein, was uns wieder zur Lichtgeschwindigkeit bringt.
Und damit erscheint auch wieder das Problem zu sagen, dass man in der Galaxis kaum von "zugleich" oder "zur gleichen Zeit" sprechen kann. Denn, wie wir wissen, bewegen sich Sonnensysteme, und das tun sie nicht mit der gleichen Geschwindigkeit. Tatsächlich kann man das sehr gut an Zehn Steine sehen. Diese weit entfernte, bewohnbare Welt hat einen Tag, der dreiundzwanzig terranische Stunden, elf Minuten und achtzehn Sekunden dauert. Auf die kleineren Messeinheiten wollen wir jetzt nicht eingehen. Aber Tatsache ist auch, dass sich Zehn Steine schneller um sein Zentralgestirn bewegt als die Erde um die Sonne, nämlich genau einen Tag und sieben Stunden. Dementsprechend ist die Dilatation für die Beyonder eine höhere als auf der Erde oder im Raumflug. Dies führt dazu, dass die Sekunde auf Zehn Steine um den Bruchteil eines Augenblicks langsamer ist als auf der Erde, was wiederum dazu führt, dass die Stunde eine Mikrosekunde länger ist als auf der Erde. Und deshalb kann es kein "zugleich" geben, sobald es um interstellare Zusammenhänge geht. Nicht einmal interplanetar, wenn man exakt sein will. Allerdings sind diese Dilatationseffekte, Terra und Zehn Steine betreffend, relativ vernachlässigbar, sodass sich durchaus die Formulierung "nahezu zur gleichen Zeit" anbietet.

Betrachtet man aber einen anderen Stern und seine Planeten, rund neunzig Lichtjahre von Zehn Steine und seiner Sonne entfernt, mittig gelegen in einem offenen Sternhaufen mit über achttausend Sonnenmassen relativ jungen Alters (sofern man bereit ist, zwei Milliarden Jahre als jung anzuerkennen), wäre man rein rechnerisch zu dem Schluss gekommen, dass die Zeit hier im Schnitt ganze acht Mikrosekunden pro Stunde schneller war als auf der Erde. Denn entsprechend langsam drehte sich der achtzehntausend Kilometer durchmessende Planet um seine Sonne, zusätzlich gebremst von drei Monden, die irrwitzigerweise nicht nur mit knapp fünftausend bis sechstausend Kilometern Durchmesser die Ausmaße des terranischen Mondes Luna beinahe erreichten, sondern auch die Eckpunkte eines gleichseitigen Dreiecks bildeten und ihr Muttergestirn in einer relativ weiten Umlaufbahn von vierhundertzwanzigtausend bis vierhundertsechzigtausend Kilometern umkreisten, was auch noch die planetare Rotation verlangsamte, da sich die Monde gegen den Drehimpuls des Planeten drehten. Ein Umstand, der auf der jungen Welt zu einer eifrigen Tektonik führte. Zumindest im Gebiet der kontinentalen Plattenränder und an einigen neuralgischen Punkten, in denen besonders dünne Krustensegmente die Bildung von Vulkanen erlaubt hatten. Der Rest des Planeten erfreute sich zumindest genügend Stabilität, sodass Gyroskopgesteuerte Gebäude bis zu einer Höhe von eintausend Meter errichtet werden konnten.
Nicht, dass der vorherrschenden Spezies auf dieser Welt, die es bisher erst zu einer Flora gebracht hatte, besonders interessierte, dass die Zeit auf ihr ein wenig schneller verging als auf anderen Planeten des Universums. Okay, einige Wissenschaftler hatten eventuell genug Interesse daran. Die meisten anderen waren zu sehr damit beschäftigt, auf dieser Welt zu leben. Die Mehrheit der hiesigen Spezies waren die Varni, und dieser Planet war der Ausgangspunkt jedes einzelnen Kriegstross, den das Pes Takre in die Galaxis schickte, um zu erobern und Schöpfer zu suchen. Eine einzige gigantische Rüstwelt, auf der man die Ressourcengewinnung perfektioniert hatte. Das Pes Takre suchte sich mit großer Vorliebe Welten aus, auf denen die natürlichen Arten von Flora und Fauna nicht gerade üppig vertreten waren, um ein ganz eigenes Ökosystem zu kreieren, das den Anforderungen, die es stellte, wesentlich besser entsprach als alles, was sie vorfinden konnten und erst aufwändig verändern musste, damit es sich in seinem Sinne verwerten ließ. Wirklich, Zeit war hier nur ein Thema für die Schichtarbeiter, nicht aber für den durchschnittlichen Varni, jedenfalls nicht vom philosophischen Aspekt her. Oder gar vom Physikalischen.
In den sogenannten stabilen Zonen, in denen es verhältnismäßig wenig tektonische Bewegung gab und die etwa zwei Drittel der Kontinentaloberfläche ausmachten, waren auf diese Weise mehrere Dutzend Gigantstädte entstanden, die sich jeweils um einen Raumhafen drängten. Dazu kamen weitere Städte und Flottenbasen auf den drei Monden. Und, das sollte man nicht unterschlagen, eine Bevölkerung, die in die Milliarden ging und die streng darauf konditioniert worden war, Nachwuchs zu erzeugen. Auf den natürlichen Weg. Warum das Pes Takre nicht auf das Invitro-Zuchtverfahren zurückgriff, das ihnen über die gefangenen Schöpfer eigentlich bekannt sein musste, ja, warum es dieses System offensichtlich verpönte, war ein wohlgehütetes Geheimnis. Das Ergebnis war, dass die Kinder dieser humanoiden Spezies schon kurz nach der Geburt ihr Schicksal kannten. Spötter mochten nun anmerken, dass der "Ausschuss" in die Kriegstrosse geschickt wurde, als Kanonenfutter, oder dass sie als niederste Arbeiter herhalten mussten, doch dem war nicht so. Nur eine kleine, vielversprechende Gruppe Kinder wurde im richtigen Alter darauf getestet, ob sie sich als Soldaten eignete. Alle anderen wurden nach besten Möglichkeiten anderen Bereichen des öffentlichen Lebens zugeteilt, wo sie einen bestmöglichen Nutzen für die Gesamtgesellschaft haben sollten. Jeder leistete im Rahmen dessen, wozu er fähig war, seinen Teil. Und selbst vollkommen unfähige Exemplare der Varni-Rasse, die bei der Arbeit mehr zerstörten als dass sie erschufen, hatten Anteil an der allgegenwärtigen Versorgung für alle, wenngleich man ihnen nahelegte, sich zumindest ein wenig zu steigern. Man hätte annehmen können, dies sei die beste und perfekteste aller Gesellschaften. Vor allem, weil jedem Varni, der nicht in der Flotte diente, ein Leben in Frieden und Wohlstand erwartete, während man in den Kriegstrossen durchaus sterben konnte und es oft genug auch tat. Aber es war ein totalitäres System ohne Meinungsfreiheit, ohne Entscheidungsrecht, ohne Privilegien. Eine Gesellschaft, in der ein Computer den perfekten Partner berechnete und die (Un)Glücklichen einander für ein Leben lang zuwies. Ein System, in dem es keine Kritik gab, weder offene, noch verhaltene. Denn nichts war leichter, als andere Meinungen als den offiziellen Konsens zu unterdrücken, indem man sämtliche Medien beherrschte. Indoktriniert von Medien, Elternhaus und Schule lernten die Varni hier relativ schnell, was sie tun mussten, um ihr ruhiges Leben haben, behalten und genießen zu können, denn wirklich schlecht ging es wirklich niemandem. Und die wenigen Quertreiber, die es immer mal wieder gab, wurden schnellstmöglich identifiziert, aussortiert, umerzogen und wieder ins System integriert. Eventuell etwas tiefer in der Hierarchie als zuvor, als bleibenden Denkzettel für das eigene Aufbegehren.
Nun waren die Varni die größte hier vertretene Spezies... Ja, es gab noch ein paar andere, die teilweise dem Pes Takre dienten, aber nie das Privileg erreicht hatten, als eines der herrschenden Völker aufzusteigen. Und es gab einige Spezies, die auf diesem Planeten diplomatische Vertretungen unterhielten, da das Pes Takre ihre Nachbarn waren und man sich vom diplomatischen Kontakt zumindest erhoffte zu erfahren, wie lange es noch Ärger mit den Schöpfern haben würde, denn bis dahin waren ihre eigenen Staaten in einer relativen Sicherheit.
Das kleinste Volk hingegen war auch das wichtigste. Nie waren mehr als zweihundert von ihnen zugleich auf dieser Welt anwesend und normalerweise wussten selbst die obersten Varni-Behörden nicht einmal, dass oder wo sie auf dieser Welt zu finden waren. Nur wenn sie es wollten, kam es zu einem recht einseitigen Austausch zwischen ihnen und den Behörden: Sie befahlen und die Varni gehorchten. Widerspruch gab es nicht, jedenfalls nicht in nennenswertem Maße und war auch gar nicht erwünscht. Die Weisheit dieses Volkes war widerspruchslos hinzunehmen. Die Strafe für Widerspruch war ein Tadel. Die Strafe für mehrmaligen Widerspruch war Degradierung. Und solange die große Mehrheit der Varni dieses System stützte, würde es immer jemanden geben, der eine Degradierung durchsetzte und notfalls sogar den Tod eines anderen Varni oder gar einer Gruppe arrangierte. In diesem Verhalten unterschieden sie sich nicht besonders von Menschen. Dieses kleine Volk machte sich zu Recht rar. Hielt sich verborgen, im Hintergrund, hatte eigene Siedlungswelten, eigene Werften, eigene Forschungszentren, die meistens in Tabuzonen des Sternenhaufens eingerichtet waren. Diese paranoid anmutenden Sicherheitsvorkehrungen waren effektiv. Zumindest so effektiv, dass das Pes Takre als eigenständiges Imperium funktionieren konnte, und das relativ reibungslos. Und es führte die Jagd auf die Schöpfer durch, die als wichtigstes integrales Instrument dieser Spezies galt, denn mit jedem gefangenen Schöpfer wuchs das Wissen, das sie erhielt und verwaltete. Und Wissen war Macht - gleich nach den automatisierten Werften und Rohstoffgewinnern des Pes Takre.
Übrigens, der Planet kreiste mit sieben Begleitern um eine gelbweiße Normsonne von durchschnittlicher Größe. Aufgrund der beengten Zustände im Sternhaufen wurde es auf ihr oder den drei Monden nie wirklich dunkel, vielleicht mal bei schweren Stürmen. Aber es bestand nicht die Gefahr, dass die dicht gedrängten Sonnen kollidierten. Sonst hätten sie es schon längst getan. Und im Gegenzug bot sich zu jeder Sonne ein System potentieller Planeten, die man erforschen, besiedeln und ausbeuten konnte. Der ganze Kugelsternhaufen bot auf wenig Raum viel Platz an wirtschaftlich interessanten Planeten. Der ganze Cluster würde in Zukunft als Rohstoffquelle dienen, vor allem was Besiedlungen betraf. Die Pläne dieser Spezies sahen durchaus vor, die hiesigen Ressourcen ausgiebig zu nutzen, die Zahl der Varni und der Kriegströsse nachhaltig zu erhöhen und mehr zu tun, als Schöpfer zu jagen - die einzige Spezies, die sie aufhalten konnte. Denn war das Schöpfer-Problem erst einmal erledigt, dann wartete eine ganze Galaxis darauf, unter die weise Führung des Pes Takre geführt zu werden - und das war genau das, was es plante.
Dass dieses Volk sich dabei bedeckter hielt als die klassische Führungsspitze der terranischen Khmer Rouge im damaligen Staat Kambodscha zeigte nur, wie lange und wie gut es sein Spiel spielte. Über Jahrhunderte eingeimpfter Gehorsam war dabei seine stärkste Waffe. Obwohl nicht zu bezweifeln war, dass dieses Volk sich in mehr als einer Hinsicht abgesichert hatte. Niemals würde es seine Basis leichtfertig riskieren. Das bewiesen alleine schon die Abhöreinrichtungen an Bord der Schiffe seiner eigenen Flotten.

Die illustre Runde von zehn Angehörigen dieser Spezies, die sich auf besagtem Planeten mit dem Namen Otaker V, Eigenbezeichnung Siliuz, in ihrem versteckten Stützpunkt in einem versteckten Besprechungsraum versammelten und eben eine versteckte Besprechung abhielten, war an verschwörerischer Verschwörung kaum noch zu überbieten, denn alle zehn betraten den Raum in völliger Dunkelheit und würden ihn auch so wieder verlassen, in einer vorher festgelegten Reihenfolge, damit niemand aus Versehen herausfinden konnte, wer denn noch außer ihm zum illustren Kreis dieser zehn gehörte. Teilweise hatten sie diese Position erstritten, teilweise ererbt. Allem war gemein, dass sie nicht gewillt waren, sie je wieder loszulassen und ihre absolute Macht auszuüben. Mehr Macht, als sie ohnehin als Angehörige ihrer Art schon besaßen. Dazu kommunizierten sie mit künstlichen Stimmen, um auch den letzten Hinweis auf ihre wirkliche Identität zu unterbinden. Wirklich, diese Typen waren paranoid, hoben das Paranoide auf einen vollkommen neuen, eigenen Level. Der Erfolg gab ihnen Recht. Sie eroberten die Galaxis.
Im Moment jedoch widmeten sich alle zehn einem holographischen Film, der von einem elften Angehörigen ihrer Spezies vorgeführt und dokumentiert wurde, der nicht zu ihrer Runde gehörte und speziell für diese eine Erklärung hinzugezogen worden war - und der sich sehr genau bewusst machte, dass er damit für den einen oder anderen in die engere Wahl geraten war, um das Sternensiegel in seine künstlichen Synapsen runterzuladen und ihn oder sie oder es eines Tages zu ersetzen. Das Sternensiegel, der absolute Überrangcode, der jeden der Zehn bevollmächtigte, mit jedem Varni-System und jedem System ihres eigenen Volkes zu verfahren, wie immer er oder sie oder es sich wünschte. Natürlich in einem vernünftigen, abgesprochenen Rahmen, denn Ausreißer mochten diese Zehn überhaupt nicht. Ebensowenig wie die anderen elf Angehörigen ihrer kleinen, aber feinen Komitee-Gruppe, die das Reich und den Krieg gegen die Schöpfer dirigierten. Normalerweise erfolgreich, wie die Unterwerfung und Integration der Varni ins Pes Takre als neue Kriegerspezies vor gut zweihundert Standardjahren gezeigt hatte. Und nun stand ihnen eine neue, ähnliche Herausforderung bevor, denn das, was sie betrachteten, waren die aufbereiteten Aufnahmen der Überwachungsanlagen von Bord der Schiffe des Ritters Porma el Tar. Der dreizehnte Kriegstross, den sie samt und sonders verloren hatten. Aufbereitet bedeutete in diesem Fall, dass die Aufnahmen zeigten, was höchstwahrscheinlich passiert war, verbunden mit dem, was sie sicher wussten. Die Stimme des Elften, hoch und ein wenig zittrig, kommentierte einen Tick zu laut. "...nachdem die Unbekannten, die sich selbst Beyonder nennen, mit Hilfe der gekaperten Pendler zu den Trossschiffen gelangt sind, begannen sie an Bord einen offenen Kampf, bei dem sie in den breiteren Gängen sogar Panzer einsetzten. Die Varni des dreizehnten Tross, wie mir jeder zustimmen wird eine absolute Elite-Truppe, verlor in schneller Folge Schiff auf Schiff. Ich muss in diesem Zusammenhang feststellen, dass die Massendesertationen, die viele in dieser Runde bemängeln, erst stattfanden, nachdem jeder einzelne Mann seine Pflicht bis zum Äußersten ausgeführt hatte. Anschließend erachte ich es für eine normale Aktion eines jeden intelligenten Wesens, nach dem Scheitern einen Neuanfang zu suchen."
"Es steht Ihnen nicht zu, das zu beurteilen, Doktor Hyjkar", mahnte ihn eine laute, dröhnende Männerstimme. "Das liegt einzig an uns."
"Natürlich", versicherte der Elfte und senkte eilfertig das Haupt.
Eine synthetische, angeblich weibliche Stimme klang auf. "Schüchtern Sie ihn nicht so ein. Der Doktor ist einer unserer wenigen, aber hochgeschätzten militärischen Analytiker. Es gehört zu seiner Aufgabe, uns zu sagen, was er denkt."
"Es steht ihm aber nicht zu, uns sagen zu wollen, was wir denken sollen", konterte der andere.
"So, hat er das?", fragte die weibliche Stimme. Als darauf keine Antwort erfolgte, sagte sie: "Fahren Sie fort, Doktor."
"Danke. Meines Erachtens nach haben die Beyonder nichts mit den US Ranger, den Marines, den Spetznatz und anderen Gruppen zu tun, die zuvor auf Zehn Steine eingesetzt wurden. Die Gruppe der Beyonder war nicht nur zahlreicher, sondern auch erheblich erfolgreicher. Und damit meine ich nicht, dass ihnen ihre schiere Größe Vorteile verschafft hat. Sie hat auch extrapoliert weit größere Erfolge erzielt. Man stelle sich vor, ein ganzer Kriegstross wurde von ihnen von innen heraus erobert oder vernichtet, wobei Eroberung die sehr viel häufigere Variante war."
"Und davon erfahren wir erst jetzt?", fragte eine dritte, ungeduldige Männerstimme barsch.
"Die Überwachungsanlagen haben eigene Sender, die aber nur lichtschnell sind. Sie wurden zu einem unserer Satelliten übersandt, die für exakt solch einen Fall am Systemrand stationiert sind, wo einer unserer Raider sie vor zwei Wochen abgefragt hat. Die Besatzung war sich der Brisanz der Daten nicht bewusst, und daher beendete sie ihre Runde, bevor sie zurückkehrte. Ich habe mich sehr beeilt, einen Überblick zu erhalten und die Daten schnellstmöglich vorzulegen, um das zu kompensieren."
"Sie wollen uns also sagen, dass die Beyonder jetzt über Kriegsschiffe verfügen?", fragte die Frauenstimme.
"Ja. Und ich muss davon ausgehen, dass die Schöpfer jedes Schiff nachrüsten werden, was uns sehr bald vor taktische Probleme stellen wird. Und mit "sehr bald" meine ich spätestens in einem Jahr."
"Bah!", machte die erste Stimme. "Was sind schon knapp zwanzig Einheiten gegen die geballte Macht unserer Flotte? Alleine die Kriegstrosse bringen das Zwölffache auf, unsere reguläre Kriegsflotte das Dreißigfache!"
"Ich habe den Angriff analysiert. Es besteht Gefahr. Diese Beyonder sind eine sehr flexible, anpassungsfähige und gefährliche Truppe. Auf diesen Teil der Galaxis losgelassen, werden sie uns sehr bald sehr nahe kommen. Zu nahe. Außerdem wissen wir von drei weiteren Welten, auf denen sie teilweise ebenso erfolgreich aktiv geworden sind."
"Dennoch, es sind nur ein paar! Was sollten sie ausrichten können?", fragte die erste Stimme wieder barsch.
"Dafür sorgen, dass die Schöpfer weitere Systeme räumen und von uns fort verlegen können", erwiderte die Frauenstimme mit trockenem Tonfall. "Was unsere Ziele um Jahrhunderte zurückwerfen wird."
"Na und? Wir bauen neue Kriegstrosse auf und schicken sie noch weiter in die Galaxis hinaus. Vielleicht suchen wir auch den Heimatplaneten oder das Heimatreich der Beyonder auf und besorgen uns ein paar von ihnen. Wir könnten unsere eigenen machen."
"Ich merke schon, Sie sehen die Lage nicht ernst genug. Wobei eine Suche nach ihrer Heimat eine recht gute Idee ist", sagte die Frauenstimme. "Wir werden unseren Scouts entsprechende Anweisungen geben. Und ich denke, wir sollten den Rittern in der Region Hilfe senden, jetzt, wo ein kompletter Tross ausgefallen ist. Die Infrastruktur, die wir für die nächsten zwanzig Jahre der Suche aufgebaut haben, kann nicht so einfach aufgegeben werden. Deshalb plädiere ich Relemn to Vakkin und ihren Ersten Tross zu entsenden, um die Suche nach den Schöpfern anzuführen und die Beyonder zurückzuweisen."
"Warum ausgerechnet den Ersten Tross?", fragte eine weitere weibliche Stimme.
"Nun, wenn die Männer versagen, müssen eben die Frauen ran", erwiderte die erste Frauenstimme amüsiert. "Was wissen wir genaueres über diese Beyonder, Doktor?"
"Wir wissen zum Beispiel, dass sie umso mehr erreichen, je weniger Leute sie einsetzen. Das halte ich für beachtenswert. Die Beyonder haben im Verhältnis zu ihren Gegnern weniger Kräfte eingesetzt als ihre Vorgänger, und die haben allesamt weitestgehend versagt. Natürlich haben sie zahlenmäßig mehr Waffenträger eingesetzt, aber eben nicht verhältnismäßig."
"Ich verstehe", sagte die zweite Männerstimme. "Und worauf führen Sie das zurück, Doktor?"
"Auf einen wichtigen Punkt: Hochflexible und unkonventionelle Führung. Genau deshalb sind die Beyonder so gefährlich für uns. Nicht nur, dass sie nicht das tun, was wir erwarten oder bereits gewohnt sind, sie ändern ihr Verhalten je nach Situation auch zu einhundert Prozent. Oder weniger, je nachdem, was notwendig ist."
"Interessant. Hat diese Führung auch ein Profil?"
Der Doktor führte die Geste der nachdrücklichen Bejahung aus. "Hat sie. Diese Führung wird ausgeführt von einem ungewöhnlichen Individuum mit der persönlichen Kennung Alex Tarnau, unterstützt von weiteren außergewöhnlichen Assistenten. Ich denke, die Schöpfer haben diesmal für sich einen unglaublichen Glücksgriff getan."
"Dann ist unsere erste Aufgabe", sagte die erste Männerstimme, "Alex Tarnau zu töten, sobald wir die Chance dazu haben."
"Das ist auch meine Empfehlung", sagte Hyjkar. "Töten Sie ihn so schnell wie möglich. Töten Sie Alex Tarnau."
***
"Bleiben Sie still liegen, Ren", mahnte van Holland den Chef des militärischen Zweigs der Beyonder. "Es erleichtert die Suche. Sie wissen, die Naniten haben erbärmlich schwache Antriebe, und die natürlichen Bewegungen in Ihrem Körper sind durch den Fluss Ihrer Säfte schon hart genug für die kleinen Kerle. Ein Wunder, dass sie damals alle den Weg zu Ihrem Herzen gefunden hatten."
Ein Wunder, dem Alex sein Leben verdankte. Und sein derzeitiges Dilemma. Er brummte etwas unverständliches und fügte hinzu. "Ich habe genießt. Muss wohl jemand an mich gedacht haben."
Van Holland und ar Zykarta lachten auf. Der Mensch tat es hell und durchgehend, der Varni dunkel und abgehackt. "Wenn das zusammenhängen würde, Alex, dann würdest du nur noch niesen. Irgendjemand denkt doch immer an dich", sagte der Varni-Arzt, der bei ihm war, seit... Ja, seit dem Abend, als sie ihr erstes Fort überfallen hatten und eines seiner Teams in eine vermeintliche Autopsie an einer lebenden Frau geraten war. Diese Frau war Natsumi Genda gewesen, und es war keine Vivisektion, sondern der Beginn einer lebensrettenden Operation gewesen. Seither hatte Alex vom dem Varni eine verdammt hohe und zudem gute Meinung. Seine Enthüllung, Teil des Widerstands zu sein, hatte das nicht wesentlich steigern können. Auch wenn es ihm ein paar eiskalte Duschen eingebracht hatte, weil der Arzt sein Wissen nur nackt und unter einem Wasserfall hatte weitergeben wollen - aus Sicherheitsgründen, um eventuelle Mikrophone in der Nähe zu überlagern.
"Vielleicht war es dann jemand, der mir besonders nahe steht", spekulierte der Commander, der CHEF-Commander, wie er hinter vorgehaltener Hand oft genannt wurde. Er hatte nie eine eigene Gruppe gegründet, stand keiner Großgruppe offiziell vor und war auch nicht Commander mehrerer Großgruppen. Dennoch stritt ihm niemand das Oberkommando über Boden-, und Raumstreitkräfte ab. Es war einfach so. Alex Tarnau war der Boss.
Van Holland tauschte einen amüsierten Blick mit dem Varni aus, den dieser mit einem in seiner Mimik Vergnügen entsprechenden Minenspiel erwiderte. "Das ist auch keine Erklärung. Da dürfte es auch genügend geben, sodass Sie am Dauerniesen wären, Ren", sagte der terranische Arzt.
"Sehr komisch", brummte Tarnau zur Antwort. "Wenn ich etwas nicht mag, dann ist das Heldenverehrung. Auch wenn sie wie in meinem Fall tausendfach angebracht ist." Er grinste, als die beiden Männer ihn verblüfft ansahen. "Nur ein Witz."
Die beiden ächzten kurz auf. "Für eine Sekunde dachte ich ja...", begann der Varni. Der Terraner seufzte nur. "Sie wissen aber schon, dass Ihre Leistung stets außergewöhnlich war und ist, Ren?"
"Ja, schon, aber wenn ich dran denke, dann ist da der Druck, auch in Zukunft nicht zu versagen. Und das ist sehr anstrengend, meine Herren. Das baut eine Menge Druck auf, deshalb lasse ich es ungern an mich herankommen. Erwartungen senken und später überraschen ist meine Devise. Aber das erklärt immer noch nicht meinen Nieser.
"Ich hab's", meinte der Terraner, dem plötzlich der Schalk in den Augen glomm. "Jemand hat sich gerade in Sie verliebt, Ren."
"Tja, wer immer es ist, sie oder er werden sich hintenan stellen müssen. Denn ich bin mir sehr sicher, dass ich bei der einen oder anderen Frau gerade mächtig Schlag habe." Er runzelte die Stirn. "Oder seht Ihr das anders?"
"Oh, nein, absolut nicht", sagte van Holland, vordergründig auf sein Display fixiert, mit dem er die Naniten lenkte, "mich wundert nur, dass Sie das bemerkt haben wollen."
"Ach kommen Sie, Eike, das trifft mich doch jetzt sehr. Ich bin doch kein emotionaler Krüppel, oder so. Ich bin einfach nur der Meinung, dass die Arbeit vorgeht, und das tut sie immer noch. Und dann kommt mir das hier noch dazwischen, weil ich so blöde war, mich niederschießen zu lassen. Es ist halt alles so viel, seit ich auf Zehn Steine aufgewacht bin. Ich bin mir nicht so sicher, ob ich eine Frau da auch noch in meinen Terminkalender quetschen kann. Und davon einmal abgesehen, sollte ich tatsächlich eine Freundin bekommen, dann werden ein paar andere Frauen zutiefst enttäuscht sein."
"So? Wer denn zum Beispiel?", fragte ar Zykarta unschuldig.
"Jasmin, denke ich. Sie kümmert sich immer so rührend, so intensiv um mich und ist voller Sorge... Und ich mag sie, aber mehr ist das leider nicht. Verletzen will ich sie trotzdem nicht."
Varni und Mensch tauschten einen Blick aus und lachten. "Kalt. Ganz kalt, Alex", sagte der varnische Arzt. "Die hübsche Fräulein Kelal unterhält eine ziemlich offene und offensichtliche Beziehung zu Furo-chan."
"Zu einem Mädchen?", fragte der Chef der Beyonder überrascht.
"Nicht bewegen, Ren", mahnte van Holland erneut. "Nein, zu Commander Doitsu Furohata. Manche hängen ihm nach japanischen Gepflogenheiten ein Chan an den Namen, und da er zu viel Respekt genießt, als dass sie sich an den Vornamen wagen würden, anderseits Furohata so lang ist, sagen sie meist Furo-chan.
"Oh, interessant. Und das erfahre ich als Letzter?", klagte Alex.
"Ich würde mal sagen, sogar Colonel Deavenport wusste das eher als Sie. Selbst L'Tark hat es früher mitgekriegt als Sie, Ren."
"Bitte keine Nackenschläge. Ich liege bereits im Lazarett, meine Herren", murrte er. "Gibt es da noch mehr Beziehungen, die ich verpasst habe? Was ist mit Kurt? Ist er seiner Frau treu, oder hat er auch eine?"
"Commander Warninger hat eine Menge Interessentinnen, vor allem aus seiner Altersklasse", sagte van Holland wie beiläufig, "aber wenn er tatsächlich eine Freundin hat, dann ist er äußerst diskret und recht geschickt. Und es wurden auch keine Informationen verbreitet, er hätte sich mit einer oder mehreren Frauen in einen Panzer zurückgezogen und ihn dann versiegelt, oder so. Was meines Erachtens nach in seiner Macht läge und sein bester Rückzugsort für ein tüchtiges Schäferstündchen wäre."
"Also Kurt schon mal nicht. Was ist mit Andy?"
Ar Zykarta und van Holland grinsten. "Alex Tarnau-ähnliches Zölibat, vermuten wir mal. Verbirgt sich wie ein Herr, der dem Zölibat seinen Namen gibt, hinter einer Barrikade aus Pflichten und Aufgaben. Schwer für die Frauen, überhaupt an ihn ranzukommen."
"Teufel auch, mir fällt gerade auf, dass ich ihn nie gefragt habe, ob er jemanden Zuhause hat. Es war irgendwie echt zuviel los. Ich werde das nachholen, wenn wir unterwegs sind. Weiter. Was ist mit Martha? Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie mich mag und auch ein wenig verehrt."
"Martha? Ja, die verehrt Sie, Ren, das steht außer Frage. Und sie würde für Sie sterben, wie sie bewiesen hat." Nachdenklich kratzte sich van Holland am Kinn. "Einziger Haken nur, dass sie was mit mir hat."
"WAS BITTE?", rief Alex aufgeregt.
"Liegenbleiben, Ren!", fauchte van Holland. "Was ist denn so schlimm daran, das Marthie und ich ein Paar sind?"
"Schlimm ist, dass mir das niemand gesagt hat. Außerdem gehen mir damit die möglichen Bewunderinnen aus."
"Das tut mir jetzt wirklich leid für Sie, Ren. Vor allem, da ich Marthie jeden Tag mit Ihnen teilen muss."
"Ich fühle das irrationale Verlangen zu fragen, warum ich nicht vorher gefragt wurde. Unabhängig davon, dass ich für Martha nicht mehr verantwortlich bin als für jeden anderen Beyonder auch."
"Ja, das ist ein irrationales Verlangen, Ren", sagte van Holland grinsend. "Aber wenn es Sie beruhigt: Es ist vor allem deshalb passiert, weil wir beide sehr ausführliche Arbeitstage haben und deshalb den anderen umso besser verstehen. In... vielen Dingen. Nicht jeder ist so tolerant wie ich und sieht dabei zu, wie seine Freundin ihn jeden Tag mit dem Chef betrügt. Also, auf einer emotionalen Ebene. Aber ich bin mir sicher, bei ihr spiele ich mindestens Geige zwei, denn Andy verehrt sie nicht so sehr."
Betroffen sah Alex den jungen Arzt an. "Es tut mir leid, dass ich Ihnen ohne es zu wollen die Beziehung versaue, Eike."
"Eieieieiei. Den hätte ich mir vielleicht verkneifen sollen", sagte er leise. "Ist nicht so schlimm, Ren, denn sie muss mit mir ja das gleiche durchmachen. Bei mir ist sie auch nur Geige zwei und Sie auf Geige eins."
"Ich hoffe, das ist eine harmlosere Geschichte, als sie gerade klingt?", fragte Alex.
"Ich will auf keinen Fall mit Ihnen ins Bett, Ren, wenn Sie das beruhigt."
Alex verdrehte die Augen. "Ich gebe zu, ein wenig schon."
"Sind Sie da nicht etwas zu steif, Ren? Ich meine beim Thema?"
"Eigentlich nicht. Ich bin Hamburger. Ich möchte nur eben keine falschen Erwartungen wecken, Eike."
"Ach, keine Sorge. Meine wichtigste Erwartung an Sie ist, dass Sie uns am Leben erhalten und uns irgendwann den Weg nach Hause ermöglichen. Auf welche Art auch immer. Das halte ich für mehr als erfüllbar, Ren."
"Unser Weg hat gerade erst begonnen und vorher muss ich noch die Galaxis retten", spöttelte Alex milde.
"Ach, Sie werden schon zwischen Galaxienrettung und Schutz der Erde ein wenig Zeit für meine kleinlichen Probleme finden", scherzte der terranische Arzt. "Ich jedenfalls habe da vollstes Vertrauen in Sie."
"Aha. Jetzt verstehe ich das mit dem mental betrügen", sagte der Chef der Beyonder trocken.
"Was man an Ihnen auch bewundern muss. Sie sind ein so verdammt schneller Lerner."
"Kein Spott, Eike, kein Spott. Und nur, damit Ihr es wisst, meine Herren, wir reden jetzt nicht über Natsumi oder Jen."
"Ausgerechnet nicht über diese beiden? Aber sie sind unsere Ha...", begann ar Zykarta, aber Alex gebot ihm zu schweigen.
"Genau deshalb. Wenn ich falsch liege, blamiere ich mich bis auf die Knochen. Ein Umstand, den ich überhaupt nicht mag. Noch schlimmer, ich könnte sie beide vergrätzen, ihnen eventuell wehtun. Und das will ich noch weniger."
"Keine Sorge, Ren, in einem Punkt schaffe ich es vielleicht, Sie von all Ihren Sorgen zu befreien: Es ist immer die Frau, die wählt und sich entscheidet. Davon abgesehen, mein guter Commander in Chief, verbiete ich Ihnen ohnehin jeglichen Sex, bis die fünfte Operation gelaufen ist und Ihr Herz das frische Gewebe nicht abgestoßen hat."
"Nicht, dass ich welchen habe zur Zeit", murrte Alex. "Im Gegenteil, ich muss auf..."
"Will ich das wissen, Ren? ICH habe eine Freundin", sagte der terranische Arzt grinsend.
"Schon gut, schon gut. Jetzt weiß ich wenigstens, wie Sie mit dem Druck klarkommen. Wie machen das die Varni, Colm?"
Ar Zykarta sah ihn aus großen Augen an. Dies ließ den Knochenwulst in seinem Gesicht noch stärker hervortreten. "Nun, wir... Arrangieren uns. Es ist... Etwas ungewohnt, da wir durch die nicht manipulierte Nahrung hier auf Zehn Steine wieder mit unserer Gefühlswelt konfrontiert werden und nicht eine Varni-Frau weit und breit zu finden ist. Aber wir... Arrangieren uns. Das meine ich nicht körperlich, jedenfalls nicht nur. Viel Erfahrung hat jedenfalls niemand von uns. Dennoch, wir..."
"Arrangieren uns", vollendete Alex den Satz für den Varni-Arzt. "Ich danke für deine Offenheit, Colm. Du hast ja gemerkt, wir Menschen gehen das teilweise etwas verspannter an."
"Sie gehen das teilweise etwas verspannter an, Ren", tadelte van Holland grinsend. "So, wir sind fertig. Die Ursache für den Alarm ist gefunden. Ein Splitter, den wir zuvor noch nicht gefunden haben, bohrt sich gerade in Ihre Aorta hinein. Das sollte eigentlich nicht lebensgefährlich sein, aber die Hauptschlagader des menschlichen Körpers ist eine eigene Geschichte für sich. Ich habe die Naniten programmiert, damit sie den Splitter entfernen und die Wunde schließen. Das ist relativ leicht möglich, da er nicht von Gewebefalten verdeckt wird oder bereits zu tief im Gewebe steckt. Und ja, das hätte durchaus eine böse Überraschung ergeben können. Es war gut, dass wir sofort auf den Alarm reagiert haben. Oder um es mal auf Alex Tarnau-Sprech zu sagen: Ich erlaube Ihnen die Reise auf der HEIMWEH."
Alex strahlte, als er sich erhob. "Na, das sind doch mal gute Nachrichten! Das mit dem Sex ist mir egal, ich habe ja eh gerade keinen. Aber, nur interessehalber, wie sieht es denn mit... Nun..."
Van Holland seufzte. "Behalten Sie unbedingt die Uniform an, Ren, und übertreiben Sie es nicht. Jede größere Belastung des kardiovaskulären Systems kann, muss aber nicht, verschlimmernde Folgen haben. Noch sind nicht alle Splitter registriert, wie wir gerade eben erst festgestellt haben. Und anscheinend müssen wir an noch mehr Stellen suchen, als bisher angenommen."
"Okay. Ich denke, damit kann ich umgehen. Danke, Doc, danke, Colm. Kann ich dann gehen?"
"Ja, du kannst gehen. Aber wie gesagt, übernimm dich nicht. In keiner Beziehung, Alex", mahnte der Varni.
"Ich werde mir Mühe geben", versprach er grinsend. "Und, ach, Jungs. Ich weiß eure Mühe wirklich zu schätzen."
"Das wissen wir wiederum, Ren", erwiderte van Holland lächelnd.
Alex verließ die Liege und griff nach der Unterwäsche. In wenigen geübten Bewegungen hatte er sie angelegt. Es folgte die Uniform mit Handschuhen und Schirmmütze. Kaum hatte die Jacke seine Schulter berührt, erschien das rote Dreieck auf seiner linken Brust. Das vertraute rote Dreieck, das ihn als Besitzer des Override-Codes auswies. Er schüttelte dem Menschen und dem Varni noch einmal die Hand, dann trat er auf den Gang hinaus. Zu seiner Überraschung war die Flut jener Menschen, die er offen oder bei sich Freunde nannte, mittlerweile wieder verschwunden. Vermutlich wieder ins Bett gegangen. Alex zuckte die Achseln. Er gönnte ihnen die Ruhe ja. Vor allem sollte man die Ruhe nutzen, solange es auch ruhig blieb. Es konnte hier ruckzuck anders aussehen. Jederzeit konnte ein anderer Kriegstross hier einfallen, oder jene Varni, die sich den Beyondern nicht angeschlossen hatten und nun in der Savanne lebten, konnten sich provisorisch bewaffnen und versuchen, das Hoffnungstal oder eine andere Einrichtung zu überfallen. Auch wenn das keinen großen Erfolg haben würde, der Impakt für die Beyonder konnte dabei die größte Wirkung sein. Mist.
Draußen vor der Tür erwartete ihn seine Eskorte. Als Jasmin Kelal ihn sah, nickte sie ihm erfreut zu und ließ ihr Visier zuschnappen. "Chef in die Mitte. Wie war's?"
"Ein Splitter in der Aorta, der etwas zuviel Arbeit geleistet hat. Hätte auch schiefgehen können", sagte Alex.
"In der Hauptschlagader? In der Tat. Ich nehme an, der Besuch war demnach keine verschwendete Zeit."
Alex grinste. "Nein, war sie nicht. Allerdings habe ich jetzt Sex-Verbot."
"Bitte, was?", fragte einer der anderen Leibwächter erstaunt. Saxton, Wesley, neunundzwanzig, Brite, genauer gesagt Liverpooler.
"Ich darf keinen Sex haben. Nicht, dass ich vorher welchen gehabt hätte, seit ich auf Zehn Steine bin, also fällt das nicht besonders ins Gewicht. Aber etwas nicht zu tun, weil die Gelegenheiten oder die Zeit fehlen, oder etwas nicht tun zu können, weil man es verboten bekommt, ist etwas vollkommen anderes. Das weckt den kleinen Jungen, der auf dem Rasen Fußball spielen will, auf dem das Schild steht: Rasen betreten verboten."
Jemand hüstelte verlegen. Eindeutig nicht Kelal, aber eine Frau. "Ren, falls Sie auf den Rasen wollen..." Das Visier der Rüstung rechts von ihm ging auf und enthüllte Ariana Morosowas attraktives Gesicht, "ich stehe Ihnen bei in dick und dünn."
"Ari!", tadelte Kelal sofort.
"Danke, Ariana, ich weiß das Angebot zu schätzen. Und du, Jasmin, keinen Tadel, bitte. Du steckst in einer Beziehung und hast garantiert mehr Sex als ich."
"Oh. E-es ist nicht so, dass ich es verheimlichen wollte, oder so. Ich habe mich nur nicht getraut, was zu sagen..."
"Jasmin. Als wenn es mich etwas angeht, mit wem du zusammen bist. Allerdings hast du mit Furo-chan nicht die schlechteste Wahl getroffen, schätze ich."
"Kann mich nicht beklagen", erwiderte sie mit heller Stimme.
Alex grinste für einen Moment, bevor er sich selbst zur Ordnung rief. "So, genug über dieses Thema geredet. Ich muss den Rasen ohnehin Rasen sein lassen, weil sonst der große Rasenmäher über uns alle kommt."
"Schade", murrte die Russin und ließ ihr Visier wieder zuschnappen. Hoffentlich war das von ihr ein Scherz gewesen, denn Alex wusste nur zu gut, wie die Frau in ihrem Unterfutter aussah. Irgendwie kam es ihm vor, als würde der Weg zurück zu seinem Quartier diesmal besonders lang sein...

Als er sich von seiner Leibwache verabschiedete, die wie immer vor seiner Tür Position beziehen würde, bis sie abgelöst wurde - noch immer steckte allen das Trauma in den Knochen, das mit dem Mordversuch auf ihn ausgelöst worden war, und niemand, gerade diese Leute nicht würden so etwas noch einmal zulassen, ohne dass nicht wenigstens eine gepanzerte Rüstung zwischen Tarnau und einem Angreifer war - während er versuchen wollte, noch ein wenig Schlaf zu finden. Und bei der Gelegenheit am Besten das ganze Sex-Gerede zu vergessen. Verdammt, die Beyonder brauchten ihn funktionsfähig, nicht Hormongesteuert! Er betrat sein Quartier und schloss es wieder hinter sich. "Licht."
Erschrocken prallte er gegen die Tür.
"Alles in Ordnung, Ren?", fragte Jasmin Kelal über die Sprechanlage des Zimmers.
Alex betätigte seine Seite der Sprechanlage. "Alles in Ordnung. Bin im Dunkeln nur gestolpert."
"Okay." Die Verbindung brach wieder ab und Alex hatte Gelegenheit, das Dilemma genauer zu betrachten. Draußen ging die Sonne von Zehn Steine auf, was bedeutete, dass er drei Stunden bei den beiden fähigsten Ärzten der Beyonder verbracht hatte. Zeit genug, um einen einsam Wartenden in den Schlaf zu wiegen. Oder deren zwei.
Mit einem lachenden und einem weinenden Auge betrachtete er Jennifer Philips und Natsumi Genda, die auf seinem Bett sitzend ineinandergesunken und eingeschlafen waren. Und es hätte ihn nicht eine Sekunde verwundert, wenn sie dabei auch noch Händchen gehalten hätten. Alex war nicht ganz klar, warum sie hier waren. Nein, das war nicht richtig. Er wusste, warum sie hier waren. Sie warteten auf ihn. Er wusste nur nicht, warum sie exakt hier waren.
Alex ging zum Schrank. Chef der Beyonder zu sein bedeutete, auch ein paar Privilegien zu besitzen. Die Bettwäsche der Beyonder, von den Schöpfern konstruiert, war wartungsfrei und in der Lage, einen Menschen selbst bei Minus zwanzig Grad noch zu wärmen. Und sie reinigte sich selbst. Zugleich passte sie sich auch Temperaturen bis sechzig Grad an und kühlte in dem Fall. Darum hatte jedes Bett auch nur eine Decke. Überdies nur ein Kopfkissen, das fünfundzwanzig verschiedene Formen und Härtegrade annehmen konnte. Aber Alex war nicht nur ein Kopfmensch, sondern auch von Emotionen getrieben und eine zweite Decke im Winter gewohnt. Deshalb hatte er sich eine Reservedecke aus dem Depot zuteilen lassen. Mit dieser deckte er nun die beiden jungen Frauen zu, griff nach seiner eigenen, benutzten Decke und seinem Kopfkissen. Anschließend schoss er ein Dutzend Beweisfotos und drehte ein kleines Video der beiden schlafenden Grazien. Es gab bestimmt mal eine Gelegenheit, sie damit aufzuziehen. Wohlwollend, natürlich.
Dann legte er sich auf den Boden, auf die halbe Decke und deckte sich zu, den Kopf auf dem Kissen abgestützt. "Weicher", kommandierte er, und der untere Teil der Decke wurde fünf Zentimeter dicker. Als dies zu seiner Zufriedenheit erledigt war, deckte er sich zu. "Licht aus." Es wurde dunkel und Alex Tarnau konnte hoffen, wenigstens ein paar Stunden Schlaf zu kriegen, bevor er sich um sein nächstes Problem kümmern musste. Genauer gesagt um zwei Probleme, und beide schliefen auf seinem Bett.

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6. Zum Feind

Alex Tarnau grinste von einem Ohr bis zum anderen, als er die illustre Runde überschaute, die sich in Konferenzraum eins der HEIMWEH versammelt hatten. Menschen und Varni-Rebellen fanden sich hier gleichermaßen und gehörten zum Besten, was Zehn Steine zu bieten hatte. Der Raum selbst befand sich direkt hinter der Brücke und eine separate Tür führte zu ihr hinaus. Daran schloss sich das Kapitänsquartier an. Ein breiter Gang teilte diesen Bereich auf Backbord - die periphereren Einrichtungen und Kabinen mal außen vor gelassen - von den Quartieren der anderen Offiziere sowie der Flaggkabine und des Flaggbüros, die einst Porma el Tar bewohnt hatte und die er nun gegen Quartier und Büro auf dem Basisplaneten der Beyonder eingetauscht hatte, um die zivile Verwaltung aufzubauen und den Planeten zu erschließen. Der neueste Geniestreich des Varni war ein stündlicher Linienverkehr mit Personentransportern zwischen den Stützpunkten auf den Kontinenten, die auf jeden Fall die verschiedenen Farm-, und Abbaugebiete sowie die spärlicher gewordenen Basen der Beyonder einschloss. Er hatte vor, diese Basen weiter aufzubauen, sodass sie bereit waren, wenn die anderen rund neunhunderttausend Menschen gefunden wurden oder neue Rekruten von der Erde eintrafen. Von weiteren Varni-Rebellen ganz abgesehen.
Der ehemalige Ritter hatte die Aufgabe gewechselt, und Andy hatte darauf bestanden, dass Alex die Flaggkabine bezog und das Büro übernahm, auch wenn sie nicht gerade mit einer Flotte unterwegs waren, die ein Oberkommando brauchte. Dennoch, Alex war der Expeditionsleiter, wie Andy solange betont hatte, bis der Chef der Beyonder nachgegeben hatte. Und wenn er schon einmal dabei war, hatte sich Alex gedacht, konnte er gleich noch was richtig machen.
Als er sich räusperte, sahen die Menschen und Varni auf. "Meine Damen und Herren. Ich würde gerne anfangen."
Zustimmendes Gemurmel klang auf, und die Menschen und Varni nahmen am Konferenztisch Platz. Über dem Tisch flammte ein Hologramm auf, das verschiedene Sterne zeigte. Einige von ihnen waren markiert. Datenfenster schwebten neben ihnen und verrieten die Eigenschaften der Sonnensysteme.
"Wie Sie alle wissen, verlassen wir das System von Zehn Steine in Begleitung der vier von den Schöpfern erfolgreich umgebauten Fregatten, was, wie wir alle wissen, eine Leistungssteigerung um den Faktor zehn bedeutet." Alex verzog keine Miene, als die Anwesenden die letzten sieben Worte mitsprachen. Stattdessen setzte er seine Worte fort. "Wir begleiten die Fregattenflottille nach Sommertraum, wo zwei von ihnen erneut den Planeten absuchen werden, um womöglich weitere Versprengte zu finden. Anschließend reisen die Fregatten nach Ventris weiter, anschließend nach Ilumina und Fünfte Pforte.
Wir begleiten die anderen beiden Fregatten nach Goronkar, wo wir ebenso wie auf Ventris Aktivitäten der Varni und auch unserer Leidensgenossen vermuten. Zumindest gab es entsprechende Depeschen. Unsere Begleitfregatten werden anschließend Arhala, Tukies, Ladio und Goldatara besuchen; alle vier haben den Auftrag, Menschen, die sie antreffen, so gut wie möglich zu unterstützen. Durch das Update durch die Schöpfer können die Fregatten selbst gegen Kreuzer bestehen. Mit Schlachtschiffen würde ich mich aber besser nicht anlegen. Zumindest nicht mit nur einer Fregatte. Die eigene Sicherheit hat letztendlich Vorrang, denn die Zahl unserer Schiffe ist endlich."
Sein Blick ging über die vier Kommandanten. "Fenn, ich habe mich entschlossen, Ihnen das Kommando über den unabhängig agierenden Teil unserer Flotte zu übergeben."
Fenn Houseman sah überrascht auf. Im Kampf hatte er mit der Korvette HERMES Unmögliches geleistet. Nun erhoffte Alex sich das Gleiche von seinem Kommando über die Fregatte BUSHIDO. "Danke, Ren."
"Sharon, ich hoffe, es wird Ihnen nichts ausmachen, nachdem Sie sein Steuermann waren, nun auch als Kapitänin der LUPUS unter ihm zu dienen."
Masotzki sah nicht weniger überrascht drein als Houseman ein paar Minuten zuvor. "Natürlich nicht, Ren. Fenn und ich sind ein gutes Team und dabei ist es egal, das wir in zwei verschiedenen Schiffen sitzen."
"Sehr gut. Oliver, haben Sie sich auf der FEARLESS mittlerweile eingelebt?"
Olivier Rochelle, der in der Schlacht gegen el Tars Flotte den Kreuzer HOPE in den Kampf geführt hatte, lächelte. "Ich gebe zu, die Brücke eines für Menschen optimierten Varni-Kampfschiffs ist mir sehr angenehm, auch wenn die HOPE ganz andere Dimensionen hatte. Ich bin mit der FEARLESS sehr zufrieden. Zumindest, bis meine HOPE ebenfalls optimiert ist, oder ich eine der Neubauten kommandieren kann." Er räusperte sich verlegen. "Wenn der Rat der Großgruppenführer entscheidet, dass ich das Kommando ausfüllen kann, selbstverständlich."
"Keine Sorge. Sie sind ganz oben auf der Liste für die neuen Pötte, Olivier", sagte Alex grinsend. Und das war die reine Wahrheit. "Sie werden das Kommando übernehmen, wenn sich die HEIMWEH von Ihren Fregatten trennt, Olivier. Keene, geht das mit Ihnen in Ordnung?"
Keene Richards runzelte die Stirn. "Ich habe mit Ollie auf der guten alten HOPE gedient. Was veranlasst Sie zu vermuten, dass ich ein Problem damit haben könnte, mich erneut unterzuordnen, Ren?"
"Oh, ich frage nur aus reiner Höflichkeit", erwiderte Tarnau amüsiert.
"Ach so. Ich dachte schon, es wäre was Ernstes. Nein, Ren, ich und die COURAGE haben kein Problem damit, Ollie durch dick und dünn zu folgen."
"Gut, dann ist das also geklärt." Tarnau beugte sich vor. "Beginnen wir mit der Gründung des Generalstabs."
Auf diese Worte folgte Stille. Irritiert sahen sich die Beyonder und Varni an. Schließlich hob Natsumi die Hand, wie um im Unterricht eine Frage zu stellen.
"Ja, Panzerkommandeur?"
"Ren, ich habe eine Frage, den Generalstab betreffend."
"Nur zu, raus damit?"
Sie hüstelte. "Okay. Dann... HÄÄÄÄÄÄ?"
Verdutzt sah Tarnau die Japanerin an. Das dauerte etwa zehn Sekunden. Dann begann er leise zu kichern, daraufhin zu lachen, lachte lauter und steigerte sich so sehr, dass er sich den Bauch halten musste. Nicht wenige befürchteten schon innere Komplikationen mit den Splittern der Kugel in seiner Brust.
"Okay", sagte Alex, sich die Lachtränen aus den Augen wischend, "vielleicht sollte ich doch von vorne anfangen."
"Danke, Ren. Das wäre für uns alle eine große Hilfe", sagte Natsumi.
"Schön, wenn es dann auch so ist", spottete Alex Tarnau milde. Er schmunzelte, während er von einem zum anderen sah. "Sicher haben sich schon einige an diesem Tisch gefragt, warum sie hier sitzen. Fakt ist, unsere bisherigen Strukturen, mit der wir uns gesellschaftlich gegliedert haben, reichen für den militärischen Aspekt der Beyonder nicht mehr. Warum ist das so? Nun, ich habe festgestellt, dass ich ohne eine eigene Gruppe zu betreuen, oder gar eine eigene Großgruppe, viel mehr Kraft und Zeit aufwenden kann, um für die Beyonder tätig zu sein. Das Prinzip der Gruppe, die sich zu mehreren zur Großgruppe zusammenschließt, ist unbedingt basisdemokratisch. Die Großgruppe ist unsere größte Einheit, und dennoch gibt es den Rang des Commanders darüberhinaus. Commander kennen wir im Moment: Mich, Natsumi, Andy, Jean und Kurt bei den Beyondern aus dem Hoffnungstal sowie Lady und Sörensen, und ich bin mir sehr sicher, dass es Sinn machen wird, Deavenport ebenfalls auf diesen Rang zu befördern. Nicht nur weil das heißt, dass er keine Gruppe haben wird. Und hier fangen die Probleme an. Während Lady und Captain Sörensen vor allem als Kommissare auf Zehn Steine tätig sind, um die vielfältigen Probleme anzupacken, ist Jean auf der Erde, um uns die Unterstützung der Menschheit einzubringen, Andy kommandiert dieses Schiff, das von mehreren Großgruppen unter seinem Oberkommando bemannt ist, Deavenport wird sich im Stab nützlich machen, Kurt bastelt weiterhin an seinen technischen Spielzeugen herum, Natsumie unterstehen alle Panzer, tja, und dann bin da noch ich, defacto Oberbefehlshaber aller Beyonder, die sich dazu entschlossen haben, zur Waffe zu greifen. Das schließt Sie mit ein, Großgruppenführer Duvalle."
Der junge Mann zuckte erschrocken zusammen, als sein Name und sein neuer Rang fielen. "J-ja, Ren", stammelte er. Von all den Leuten am Tisch war er wohl derjenige, der am allerwenigsten wusste, warum er hier saß.
"Fakt ist, dass wir weiter nach anderen Menschen suchen. Vielleicht sogar nach Menschen, die lange vor uns entführt wurden. Ich denke, ein, zwei Andeutungen der Schöpfer lassen sich so interpretieren. Und es wäre eine Erklärung für die angeblichen UFO-Sichtungen und Entführungsgeschichten aus den Fünfzigern. Wenn diese sich uns Beyonder anschließen, integrieren wir sie mit den gleichen Rechten und Pflichten, die alle haben, in unsere soziale Gemeinschaft. Jene, die kämpfen wollen, unterstehen dann ultimativ mir."
"So ist es geplant", sagte Andy betont.
"Und ich weiß, es ist müßig, über ungelegte Eier zu reden und sie bereits zu kochen und aufzuschlagen, aber was ist, wenn wir Menschen begegnen, die selbstständig operieren wollen? Was ist, wenn wir Menschen begegnen, die uns gegenüber feindlich eingestellt sind? Das, was sich die Amis und die Vietnamesen damals auf dem Freudentag-Archipel geleistet haben, sollte uns allen eine Warnung sein, Herrschaften."
Betretenes Schweigen antwortete Tarnau. Jeder der hier Anwesenden erinnerte sich noch zu gut daran, dass die beiden Gruppen nichts Besseres zu tun gehabt hatten, als den Vietnam-Krieg zu wiederholen, anstatt sich gegen die Varni zu verteidigen. Wenn ihnen Menschen begegneten, die ähnlich handelten und dachten, gefährdete das nicht nur die Sicherheit der Beyonder, sondern der ganzen Menschheit.
"Und deshalb", nahm Alex den Faden auf, "brauchen wir einen Generalstab." Er betrachtete die Anwesenden nachdenklich. "Wir haben fünfzig neugebaute Wolf-Panzer und zehn neugebaute Rhino an Bord. Es steht außer Frage, dass Natsumi das Oberkommando über sie hat. Dazu kommen je acht und vier Wolf-, und Rhino-Panzer pro Fregatte, für jeden Pendler eine zwei Plus eins-Gruppe. Bevor einer fragt, warum wir an Bord der HEIMWEH kein zwei zu eins-, sondern ein fünf zu eins-Verhältnis bei den Panzern haben: Bedankt euch bei den Schöpfern. Die konnten nicht mehr produzieren. Auch über die Panzertruppen auf den Fregatten übernimmt Natsumi den Oberbefehl. Damit haben wir unseren ersten General."
Die Japanerin sah ihren Vorgesetzten verblüfft an. "Heißt das, ich übernehme das Kommando über alle Panzereinheiten?"
"Ja. Damit wirst du der direkte Ansprechpartner für alles, was die Panzer betrifft. Natürlich unterstehst du weiterhin meinem Kommando, solange du diese Aufgabe wahrnimmst, aber du bist ein schlaues Mädchen. Das, was du selbstständig erledigen kannst, wirst du auch machen. Und damit dir das leichter fällt, empfehle ich dir eine gute Kommandostruktur."
"Ich habe bereits eine gute Kommandostruktur. Außerdem habe ich bereits das Kommando der Panzereinheiten delegiert, die bei den Fregatten bleiben, Alex", erwiderte sie beinahe ein wenig trotzig. "Helena Kalinskaya übernimmt das Kommando über die Panzer, die Fenn Houseman begleiten." Sie nickte der Russin zu, die ihr gegenüber saß. "Und Thor Olesson übernimmt den gleichen Job in der Flottille von Olivier Laroche."
Alex nickte anerkennend. "Schöne, klare Struktur, wie eine Kampfeinheit sie braucht. Ich hoffe, da hört es nicht auf?"
"Natürlich nicht. Hier an Bord der HEIMWEH habe ich fünf Gruppen gegründet, denen je fünf Wolf und ein Rhino angehören. Ich führe eine Gruppe direkt, weil sich das als Panzerfahrer so gehört, die anderen habe ich mit fähigen Subkommandeuren besetzt." Sie nickte Harrison Li zu, der links von ihr saß. "Und einen guten Stellvertreter habe ich auch schon gefunden."
Der Asiate hüstelte sich verlegen bei dem unverhofften Lob.
"Sehr gut. Kommen wir zu General Nummer zwei. Beziehungsweise Admiral. Andy, ich möchte, dass du das Oberkommando über die gesamte Flotte beibehältst. Aber ich wünsche mir, dass du innerhalb von Marthas Kommunikationsgruppe eine Abteilung einrichtest, die dir hilft, deine Schiffe zu koordinieren, selbst wenn du nicht vor Ort bist. Und zwar soll diese Abteilung nur für die Schiffe zuständig sein, für nichts anderes. Außerden soll rund um die Uhr ein Ansprechpartner bereit sein, für den Fall der Fälle. Das gilt übrigens auch für dich, Natsumi. Und es ist ein Grund, warum wir diese Besprechung abhalten, während wir noch im System sind. Außerdem möchte ich, dass ab jetzt alle Kapitäne auch als solche bezeichnet werden. Der Kapitän ist immer die oberste und letzte Instanz an Bord eines Schiffes. Sind mehrere Kapitäne miteinander unterwegs, wird einer von ihnen für die Dauer der Zusammenarbeit zum Kommodore befördert. Fenn, Olivier, das dient dazu, um verdammt noch mal jeder Kompetenzfrage den Boden zu entziehen."
Die beiden Raumfahrer nickten, der eine überrascht, der andere nachdenklich. "Kommandiert jemand fünf Schiffe oder mehr, ist er ein Konteradmiral für die Dauer des Einsatzes, oder, was auch möglich ist, für den Zeitraum, in dem seine Flotte besteht. Wer fünf Gruppen auf einmal kommandiert, also fünfundzwanzig Schiffe, nennt sich Flottenadmiral. Darüber steht der Voll-Admiral, und das wirst du sein, Andy, solange du diesen Posten ausfüllen willst. Egal, wie viele Schiffe du kommandierst. Oder welches du kommandierst."
Der große Schwarze aus Washington D.C. schnaubte leise. "Zuviel der Ehre, großer Meister."
"Keine Ursache. In erster Linie versuche ich damit Strukturen zu schaffen, in die sich die Neuen integrieren, anstatt sie über den Haufen zu rennen. Wir brauchen, wenn wir gegen das Pes Takre bestehen wollen, vor allem innere Stabilität." Wieder sah Tarnau ins Rund. "Was mich zum nächsten Punkt bringt."
"Die Infanterie?", riet Jasmin Kelal.
"Nein, die Gruppen an sich. Ich plädiere sehr dafür, dass wir zwischen militärischen und sozialen Gruppen unterscheiden. So können zwei Menschen in einer Gruppe sein, sozial gesehen, obwohl der eine sich für den Kampf entschieden hat und der andere nicht. Und so hat jeder kämpfende Beyonder auch immer seinen Zufluchtsraum zwischen den Kämpfen. Und seien wir doch mal ehrlich: Ich habe absolut keine Hoffnung, dass wir diesen Kampf noch zu unseren Lebzeiten gewinnen können. Entweder, weil die Varni unsere Lebzeiten schnell und drastisch beenden werden, oder, weil nach den Varni das nächste Soldatenvolk auf uns wartet. Und das übernächste. Und das überübernächste."
Leises, zustimmendes Gemurmel klang auf.
"Denkt bitte alle darüber nach. Ich habe vor, dies als Antrag an die Versammlung der Großgruppenführer zu stellen." Er wandte sich seiner Leibwächterin zu. "So, und jetzt kommen wir zur Infanterie."
Jasmin errötete leicht bei seinen Worten, weil ihr ihre vorschnelle Frage etwas peinlich war.
"Ich habe mir die Lage genau angeschaut und einige Entscheidungen getroffen. Dabei haben mich Kurt und Andy beraten. Ich bin immer mehr der Meinung, die kämpfende Truppe und ihr Gefüge von sozialen Gefüge zu trennen. Es hat vielleicht auch etwas Gutes, wenn man nach einem Einsatz nur dann mit den gleichen Leuten in einer Gruppe ist, wenn man das auch will. Und es ist ebenfalls sinnvoll, für bestimmte Einsätze spezialisierte Gruppen zusammenstellen zu können, um ihre Effektivität zu erhöhen. Wie ich zum Beispiel hörte, trainiert Großgruppenführer Stonefield rund dreißig Beyonder an den Scharfschützengewehren der Varni, und das zusammen mit einigen ihrer Ausbilder. Das sind alles Komponenten, die in meine Überlegungen eingeflossen sind. Wobei es übrigens nicht notwendig war, die Existenz dieser Trainingsgruppe vor mir zu verheimlichen, Juri."
Großgruppenführer Malenkov, schon lange bevor er als Agent von Commander Sörensen aufgeflogen war ein fester Bestandteil von Alex' Kernteam, räusperte sich verlegen. "Wir wollten es dir vorsichtig nahe bringen, Alex. Wir wissen ja alle, dass du auf Scharfschützen nicht gut zu sprechen bist."
Unwillkürlich griff sich der Anführer der Beyonder an die Brust. "Ich habe nichts gegen Scharfschützen. Außer, sie schießen auf mich."
Leises Gelächter erklang. Mehr wollte nicht aufkommen, denn jedem standen nun wieder die bangen Sekunden vor Augen, als Andy Alex' Tod durch einen Heckenschützen vermeldet hatte. Es waren bange, verzweifelte Minuten gewesen, bis Alex wieder unter ihnen geweilt hatte. Erwartet hatte es niemand, gestört hatte es keinen.
"Aber Scharfschützen hin oder her, ich bin sicher, es wird Situationen geben, in denen wir sie brauchen werden. Das ändert nichts an meinen Plänen. Außer vielleicht, wenn diese Gruppe mit Stonefield an Bord wäre."
Betreten sah Juri drein. "Äh, Alex, sie sind an Bord..."
Tarnau machte eine verdrießliche Miene. "Dir ist schon klar, dass das noch ein Teil vom Witz war, oder, Juri?"
"War es das?", fragte der Amerikaner mit den russischen Wurzeln erstaunt.
"Natürlich war es das. Wie ich schon sagte, solange sie nicht auf mich schießen, habe ich damit kein Problem. Apropos Probleme: Die HEIMWEH und die vier Begleitschiffe haben genau wie viele Infanteristen an Bord?"
"Jede Fregatte eine Großgruppe", zählte Juri auf, "mit rund hundertfünfzig Soldaten in Rüstungen pro Großgruppe. Die HEIMWEH hat zehn Großgruppen an Bord, jede einzelne in etwa in der gleichen Größe, also in etwa eintausendfünfhundertfünfzig Beyonder in Rüstungen."
Tarnau nickte. "Gut. Dann wird es dich freuen zu erfahren, dass du das erste flexible Infanteriekommando erhältst, das die Beyonder jemals vergeben haben. Ab sofort darfst du dich General nennen und hast alle eintausendfünfhundertfünfzig Beyonder unter dir, dazu pro Forma die vier Großgruppen auf den Fregatten." Alex sah in die Runde, bis sein Blick auf dem jungen Mann von Sommertraum anhielt. "Kevin, Sie werden sein Stabschef und sein Stellvertreter. Ich erwarte, dass Ihre Großgruppe die Kommunikationsgruppe stellt, die Versorgungsgruppe, und die Wächter für die Ärzte und Sanitäter. Auch allgemeine Wachaufgaben fallen in das Ressort Ihrer Gruppe. Tun Sie so viel wie möglich, um Ihren General so gut es geht zu entlasten und ihm den Rücken frei zu halten."
Der junge Mann lief puterrot an. "I-ich, Ren? A-aber ich... Ich..."
"Das war keine Bitte, Kevin. Das war eine klare dienstliche Anweisung. Oder habe ich mich geirrt, und Sie sind gar nicht den Beyondern beigetreten, sind jetzt Großgruppenführer und haben sich für den Kampf freiwillig gemeldet?"
"D-doch, Ren, aber..."
"Ich bin einverstanden. Der Junge hat Potential. Und auf diese Weise lernt er all das kennen, womit ich mich rumschlagen musste, als ich hinter dir aufgeräumt habe, Alex", sagte Juri grinsend. "Außerdem werden sich die Sommertraumler beweisen wollen. Und das ist eine sehr gute Gelegenheit, wie ich finde."
"Ist das also geklärt", sagte Alex zufrieden. "Einwände? Von Ihnen nicht, Kevin."
Hastig nahm der junge Mann die Hand wieder ab. "J-ja, Ren."
"Kevin, haben Sie doch keine Sorgen. Wir lassen Sie nicht im Regen stehen und verlangen auch nicht mehr Unmögliches, als es von mir gefordert wird. Juri wird Ihnen, wo immer es nötig ist, zur Hand gehen. Es liegt in seinem ureigensten Interesse, dass sein Stabschef seinen Job kann, also wird er Sie mehr als angemessen ausbilden." Die beiden Männer lächelten Duvalle freundlich zu und der Junge atmete auf. "Uff, da bin ich aber erleichtert. Ich dachte nämlich schon, ich müsste alles selbst herausfinden."
"Das war im Gespräch, weil wir, also Kurt, Andy und ich, der Meinung waren, dass Sie in solchen Situationen die besten Leistungen erbringen, wie Sie auf Sommertraum gezeigt haben. Aber wir haben die Zeit, also gehen wir es langsam an."
"Danke?", fragte Duvalle zurückhaltend.
"Bitte." Alex sah wieder ins Rund. "Den Oberbefehl über die Infanterie, die Fenn begleitet, übernimmst du, Albert." Mbuto nickte. Er hatte so eine Entscheidung erwartet. "Und zwar über die Infanterie und die Panzer. Sollten sich die Fregatten aus welchen Gründen auch immer trennen, agierst du selbstständig, ebenfalls mit Befehl über die Panzer, Hilda."
Großgruppenführerin Garret nickte entschlossen. Sie gehörte zur sogenannten "Urgruppe", also jenen siebzehn Leuten, die mit Alex Tarnau, Kurt Warninger und Jamahl Anderson in einer Gruppe gewesen waren, als sie sich auf Zehn Steine wiedergefunden hatten. Seither hatten alle Mitglieder dieser Gruppe teils steile Karrieren hinter sich. "Geht klar, Ren."
"Für die Infanterie unter Olivier bestimme ich Logg ar Tyrt als Chef der Infanterie. Sie haben sich auf Sommertraum bewährt, und ich würde Ihnen gerne die Chance geben, das Vertrauen, das die Beyonder in Sie und Ihre Leute gefasst haben, weiter zu vertiefen."
Der selbst für Varni-Begriffe riesige Mann nickte nachdrücklich. "Mir ist meine eigene Lage mehr als bewusst, Ren. Ich werde mit Taten beweisen, wo ich stehe."
"Das hört sich gut an. Einwände, Ian?"
Großgruppenführer Ian Patric, einer der Ersten, der zu Tarnau gestoßen war, damals am Mordtag, als sie quasi den Panzereinheiten auf dem Kontinent Mergon zum Fraß vorgeworfen worden waren, gehörte seither auch zu seinen besten Leuten. Es war ein kluger Schachzug, ar Tyrt und Patric zusammenzuspannen. Gemeinsam ergaben sie ein höllisch gutes Team. Und niemand konnte Alex Tarnau einen Vorwurf machen, weil er einem Varni, der womöglich zu einem Verräter werden konnte, quasi eine ganze Fregatte vorgeworfen hatte, ohne sich abzusichern. Ar Tyrt wusste das. Und sicherlich begrüßte er diese Entscheidung, denn sie nahm ihm einiges an Druck von den Schultern. "Keine Einwände, Ren. Logg ist ein fähiger Kommandeur. Und wir haben den rebellischen Varni bereits viel zu viel Vertrauen entgegengebracht, um jetzt anfangen zu können, misstrauisch zu werden. Wir marschieren gemeinsam oder fallen getrennt."
"Gut, dann ist das auch geklärt. Ich bedanke mich für den Einsatz und das Vertrauen der Beyonder."
Jemand klopfte auf den Konferenztisch und die anderen taten es ihm nach.

Alex Tarnau atmete tief aus, dann sah er zu Jennifer Phillips herüber, die er noch vor dem Start zu seiner Adjutantin gemacht hatte. "Jenny, bitte."
"Natürlich, Ren", erwiderte sie, trat an den Tisch heran und manipulierte das Hologramm.
Die Karte über dem Tisch erweiterte sich auf eine aktualisierte Sternenkarte mit über vierzig Sonnen in einem Raumsektor von etwa vierzig Lichtjahren Durchmesser, was einen erheblich größeren Ausschnitt bedeutete. Da Phillips am Tisch stehenblieb, würde es bei dieser Karte nicht bleiben.
"Bisher, Herrschaften", sagte Alex ernst, "waren wir so freimütig und haben ein Sonnensystem, das die Schöpfer mit der Gnade bedacht haben, von einhunderttausend Erdenmenschen betreten zu werden, immer nach der Welt benannt, auf der sie uns ausgesetzt haben. Dabei haben wir nicht nur weitere Planeten im System nahezu ignoriert, sondern auch die astronomischen Daten zu den Sonnensystemen an sich. Das war mir bis vor kurzem egal, bis mir die nach dem Kämpfen gegründete Astronomiegruppe in mehreren Anschreiben die Unterschiede zwischen vereinfachen und leichtfertig sein dargelegt hat. Denn nur weil die Schöpfer uns nicht mehr verraten wollen, als dass es Jaques es bis zur Erde geschafft hat, heißt das nicht, dass wir das Thema ignorieren können."
Alex deutete auf das Hologramm. "Jedem von uns wird aufgefallen sein, dass die verschiedenen Kriegstrosse ähnlich wie Porma el Tar eine oder mehrere Welten, die von Menschen von der Erde besetzt wurden oder werden, ebenfalls intensiv nutzen. Zehn Steine war ebenso wie Sommertraum eine Agrarwelt, die den Kriegstross mit Nahrung und Rohstoffen versorgen sollte. Tatsächlich haben wir auch eine kleine, aber gut funktionierende Schwerindustrie übernommen, aus deren Mitteln wir zum Beispiel die Schwebebahn erbaut haben. Und das ist noch lange nicht alles. Ich habe mich jetzt dazu entschlossen, alle Welten neben Sommertraum aufzusuchen, um überhaupt eine Bestandsaufnahme zu haben, wer bereits ausgesetzt wurde. Gut möglich, dass die Ritter noch nicht auf allen Welten aktiv sind. Was wir aber wissen und was Auge und Stimme, die beiden Monde von Zehn Steine beweisen, ist, dass die Schöpfer in allen zehn Sonnensystemen aktiv sein müssen. Nun kommt die Crux der Geschichte: Alle zehn Systeme verfügen über Sauerstoffwelten. Und alle Systeme sind zwischen zwei und drei Milliarden Jahre alt, was vollkommen ausreicht, um einen bewohnbaren Planeten innerhalb der Ökosphäre der Sonne entstehen zu lassen. Aber es gibt weitere Planeten in den Systemen. Übergroße Gasriesen ebenso wie ferne Eisbrocken oder sonnennahe, glutofenartige Zwergplaneten. Überdies verfügen alle Systeme mindestens über ausgeprägte Kuyper-Trümmergürtel rund um das System, im besten Fall jedoch über Planetoidengürtel, die den Schöpfern als Rohstoffquelle dienen. Ebenso wie die Gasriesen, wie ich anmerken möchte.
All das lag im System von Zehn Steine brach, während die Varni hier waren. Bis wir Porma el Tar besiegt haben. Nun haben die Schöpfer aber wieder ihre volle Aktivität entfaltet und unterstützen uns in diesem System mit der geballten Macht ihrer Industrie. Fakt ist, dass ich gesagt habe, wir wollen so viele Menschen wie möglich nach Zehn Steine holen - wenn sie es denn wollen. Ich könnte es niemandem verübeln, wenn sie "ihr Ding" weiterhin durchziehen wollen. Aber wir können zu solchen Gruppen Kontakt aufnehmen. Und eventuell sind wir nicht die Einzigen, die Kampfschiffe erobert und von den Schöpfern haben aufrüsten lassen. Vielleicht nicht mal die einzigen, die Schiffe auf die Suche nach der Erde geschickt haben. Das ist hochspekulativ, zugegeben, aber wir müssen rechtzeitig darüber nachdenken.
Und was die Systeme angeht: Die Schöpfer sind in allen zehn aktiv. Die Varni haben sie besetzt, um ihren Nachschub aufzubauen. Die Industrie der Schöpfer wäre für sie ein lohnendes Ziel gewesen, aber ich nehme an, dass sie in den eher seltenen Fällen entdeckt wurde. Nur können die Schöpfer sie nicht nutzen, solange die Ritter ihnen hier hinterherjagen."
Alex sah ins Rund. "Punkt eins: Wir fliegen alle Planeten an, stellen die Anwesenheit und die Anzahl möglicher Beyonder fest, nehmen Kontakt auf und, wenn gewünscht, evakuieren sie nach Zehn Steine, oder nehmen diplomatischen Kontakt zu ihnen auf. Punkt zwei: Wir stellen fest, wie stark die Schöpfer in dem jeweiligen System vertreten sind und erstellen daraus eine Prioritätenliste. Ich habe nicht vor, alle zehn Systeme zu verteidigen oder langfristig zurückzuerobern, solange wir nicht über das Personal und die Ressourcen verfügen, ohne das wir uns nur unnötig verzetteln, zersplittern und selbst gefährden. Unsere Flotte kann und wird jedwelche Anzahl an Menschen nach Zehn Steine schaffen, wenngleich auch nicht auf einen Schlag."
Alex atmete tief durch. "Punkt drei: Wir sehen uns hinter den Linien um."
Erstaunt raunten die Anwesenden auf. Jennifer Phillips manipulierte das Hologramm. Die zehn Sonnensysteme, die optisch betrachtet einen weiten Bogen beschrieben, dessen Anfang Zehn Steine und dessen Ende Fünfte Pforte war, schrumpften weiter, bis sie selbst kaum mehr schimmernde Punkte waren. Alleine die Datenfenster verrieten, dass etwas an ihnen wichtig war. Ein dichtgedrängter Pulk von etwa achtzig Sonnen erschien nun im Hologramm.
"Besagte astronomische Gruppe, die bereits früh geteilt wurde - eine Hälfte begleitet Jaques Vaillard, die andere unterstützt Marthas Stabsgruppe - besteht aus Studenten der Astronomie, Hobby-Astronomen und Doktoranden. Diese Gruppe ist nicht besonders groß und hat nur achtzehn Mitglieder. Diese Zahl wurde gespaltet und somit verfügen wir nur noch über neun Astronomen, die uns bei der Analyse der umgebenden Sterne und der Sonnensysteme unterstützen können, doch dazu später mehr. Auf jeden Fall hat die Gruppe um den Braunschweiger Doktoranden Ferdinand Furtwängler Erhebliches dabei geleistet, die Sternenkarten de Varni zu analysieren."
Sein Blick ging zu ar Tyrt. "Wie wir wissen, sind diese Karten alles andere als vollständig, weil das Pes Takre seine bewaffneten Einheiten, die Kriegstrosse, erst im Einsatzgebiet aufstellt und genauso wie die Schöpfer darauf bedacht ist, die Position des eigenen Kernlandes zu verheimlichen. Durch diese Geheimhaltung wissen die Ritter nur, wo sie ihren Nachschub erhalten, den sie nicht selbst herstellen können. Zum Beispiel neue Rekruten oder neue Kampfschiffe. Und das ist in diesem Fall hier, in diesem offenen Sternhaufen. Will oder muss man tiefer ins Kernland, übernehmen das die Velacchi, die Händlerkaste des Pes Takre, die natürlich eifrig darum bemüht sind, die Varni genauso im Dunkeln darüber zu lassen wie das Pes Takre selbst. Wobei wir nicht eindeutig feststellen konnten, ob die Velacchi zu den drei Kernvölkern des Pes Takre gehören, oder ob sie als Vasallen den Part der Händler übernommen haben, so wie die Varni ihre Soldaten sind. Uns sind die Koordinaten einer Welt bekannt, die fest in der Hand der Varni ist. Dort ist auch der Anlaufpunkt der Velacchi und das Sprungbrett tiefer in das eigentliche Gebiet des Pes Takre. Ich habe vor, mich mit der HEIMWEH in diesem Cluster umzusehen, nachdem wir uns in Goronkar von den Fregatten getrennt haben."
Alex erhob sich und sah erneut sehr ernst in die Runde. "Und wenn sich uns die Gelegenheit ergibt, werden wir einen Präventivschlag gegen ihre Versorgungsbasis führen."
Erneut ging die Aufregung wie eine fühlbare Welle durch den Raum. Tarnau meinte, neben Zufriedenheit und Entschlossenheit auch auch einen Hauch von Angst zu erkennen. Kein Wunder, denn wenn sie sich nahe genug an den Feind heranwagten, bestand immer die Gefahr, das selbst ein um den Faktor zehn aufgewerteter Schlachtkreuzer wie die HEIMWEH überlegenen Kräften gegenübersah und die Beyonder ihre größte Hoffnung verloren. Deshalb schränkte Alex Tarnau ein: "Natürlich nur, wenn die Umstände entsprechend günstig für uns sind. Dem geht selbstverständlich eine Undercover-Mission vorweg, mit der wir bemüht sein werden, mehr über unser Ziel herauszufinden. Jenny, bitte."
Erneut manipulierte die junge Frau das Hologramm und nun trat ein Sonnensystem innerhalb des Sternhaufens besonders hervor. Das neben ihr aufpoppende Datenfenster identifizierte die Sonne als Otaker. Ein weiteres Datenfenster verriet die Anwesenheit von sieben Planeten, wobei der fünfte, Eigenname Siliuz, ihre eigntliches Ziel war.
"Diese Daten stammen von den Rebellen. Sie konnten zwar weder die Kernwelten des Pes Takre identifizieren, noch irgendeine andere Welt im Kernbereich ihres Herrschaftsgebiet, genauso wenig wie das Herrschaftsgebiet überhaupt, aber wir wissen immerhin, dass einige sich interessiert genug gezeigt hatten, wohin sie eigentlich haben fliegen müssen. Der Rest war lediglich ein wenig Rechnerei. Noch wichtiger aber als diese Nachschubwelt Siliuz ist ein besonderer Umstand: Es ist eine Vorpostenwelt, die die vier oder fünf Trosse versorgen soll, die hier in der Region Jagd auf die Schöpfer machen, aber auch eine Handelswelt. Noch besser, es ist eine Diplomatenwelt. Mehrere verschiedene Völker unterhalten hier offizielle oder inoffizielle Vertretungen zum Pes Takre."

Alex ließ die Worte sacken. Als die Augen von Juri Malenkov aufleuchteten, wusste der Anführer der Beyonder, dass der Kampfgefährte verstanden hatte. "Wir könnten ein Schiff kapern, irgendwo am Systemrand. Oder es infiltrieren, für die Passage bezahlen, was immer uns einfällt. Unsere Stealth-Systeme sollten das recht einfach gestalten. Unsere Uniformen und unsere Rüstungen sollten uns einen Vorteil verschaffen. Wir könnten Siliuz infiltrieren, die militärische Stärke herausfinden, Kontakt zu den Botschaften aufnehmen, Kontakt zum Widerstand suchen, und, und, und... Alex, du bist ein Genie."
"Nein, das gewiss nicht. Kurt ist das Genie. Aber auch ich war es leid, dass wir nur reagieren, aber nicht agieren konnten. Dass gar nicht viel notwendig war, um das zu ändern, wurde mir erst bewusst, als mich Porma fragte, wie lange ich mich auf zehn Welten beschränken wolle, wo mir doch jedes Sonnensystem im Umkreis von mehreren hundert Lichtjahren offenstünde.
Und damit steht uns auch Otaker V offen. Das Ganze schreit geradezu nach einer Infiltration, wie ich finde. Vor allem, weil wir weit weniger Zeit haben, als ich gedacht hatte."
Verwirrung ging durch den Raum. Die Menschen und Varni murmelten durcheinander. "Was meinst du, Alex?", fragte Natsuki.
"Dieser offene Sternhaufen", sagte er, eine Hand in Richtung Hologramm ausgestreckt, "ist mit neunzigprozentiger Wahrscheinlichkeit laut dem Doktoranden Herrn Furtwängler der sogenannte Butterfly Cluster, auch Messier 6 genannt. Messier 6 ist in etwa eintausendsechshundert Lichtjahre von der Erde entfernt. Für die Technologie der Varni, wenn sie wissen, wo sie hinmüssen, eine Reise von einem oder anderthalb Monaten. Mit anderen Worten: Die Erde befindet sich in weit höherer Gefahr, als wir alle bisher angenommen haben."
Dieser unglaublichen Eröffnung folgte ungläubiges Schweigen.
Schließlich meldete sich Jasmin Kelal zu Wort. "Wie sicher ist das, Alex?"
"So sicher, wie ich gesagt habe. Neunzig Prozent. Sicher, der gute Ferdinand ist Astronom, aber wir müssen bedenken, dass man den Butterfly Cluster von der Erde aus so sieht, wie er vor eintausendsechshundert Jahren war, wir aber sehen ihn, wie er vor neunzig Jahren war. Dennoch ist das kosmisch gesehen keine wirklich große Zeit. Außerdem passt der Radius von sechs Lichtjahren und Furtwängler hat eindeutig den hellsten Stern der Gruppe, einen orangen Überriesen der Spektralklasse K, umrandet von kleineren blauen Riesensternen, identifiziert. Eine Restunsicherheit bleibt, aber ich bin nicht bereit, auf diese zehn Prozent etwas zu geben. Im Gegenteil, selbst wenn wir falsch liegen und wir befinden uns in Wirklichkeit auf der anderen Seite der Milchstraße - wogegen die kurze Reise von Jaques spricht - würde ich lieber handeln, anstatt abzuwarten."
"Voreiliges Handeln kann aber auch negativ sein", wandte Houseman an. "Ich nehme an, darüber haben Sie auch nachgedacht, Ren."
"Richtig, Fenn. Deshalb sage ich, wir infiltrieren das Otaker-System und entscheiden vor Ort, ob es uns militärische Ziele bietet, die wir ohne die Flotte angreifen können. Denn wir müssen den Varni und dem Pes Takre einen Rückschlag auf eigenem Territorium zufügen. Wir brauchen dringend Zeit. Nicht nur für die Evakuierung der anderen neun Welten, sondern auch für Jaques Vaillard und die Erde. Porma hat das nachdrücklich empfohlen. Andy?"
Der großgewachsene Schwarze räusperte sich. "Alex, Kurt und ich sind uns darin einig, dass mit diesem Plan ein nicht kalkulierbares Risiko verbunden ist. Wir wissen einfach nicht, was uns erwartet. Immerhin werden wir es mit Technologie des Pes Takre zu tun bekommen, nicht nur mit der, welche den Varni zur Verfügung gestellt wird. Wir haben folgende Rechnung aufgestellt: Wir brauchen, wenn wir es langsam angehen lassen, fünf Tage bis zum Cluster und drei ins Otaker-System. Die dortige Operationszeit legen wir mit zwei Wochen fest. Inklusive Rückflug nach Zehn Steine und Sicherheitstoleranzen einkalkuliert gehen wir von einer Missionsdauer aus, die vier Wochen umfasst. Sollten wir in diesem Zeitrahmen nicht zurückkehren, kann es sein, dass die Mission gescheitert ist. In dem Fall ist das Otaker-System als brandgefährlich anzusehen. Ein weiterer Vorstoß wird nur erlaubt, wenn die Beyonder über Kampfschiffe verfügt, die von den Werften der Schöpfer nicht hochgerüstet, sondern neu gebaut wurden. Alleine sie haben die Kampfkraft, die dann eventuell erforderlich sein wird. Obwohl wir auch das nicht sicher sagen können. Genauso gut ist es möglich, dass die ganze Mission ein einziger Spaziergang für uns wird."
"Wahrscheinlich landen wir irgendwo dazwischen", sagte Jasmin. Zustimmendes Raunen klang auf.
Tarnau beugte sich vor und stützte sich auf den Händen am Tisch ab. "Was ich von euch wissen will, ist: Seid Ihr dabei?"
"Wir können dich ja schlecht alleine ins Unglück rennen lassen", sagte Natsumi Genda brummig. "Irgendjemand muss ja auf dich aufpassen."
Die anderen lachten bei diesen Worten.
Nacheinander sah Tarnau jeden Anwesenden an. Nacheinander nickte jeder einzelne.
"Danke. Euer Rückhalt bedeutet mir viel."
"Was uns noch zu einem weiteren Thema bringt, Ren", sagte Houseman. "Wenn die Fregatten mit der Untersuchung der anderen neun Welten fertig sind, wäre es nicht von Vorteil, wenn Ihnen eine oder zwei folgen würden? Nur um auf Nummer sicher zu gehen."
Dieser Vorschlag fand allgemeine Zustimmung. Einer der lautesten Vertreter war Rochelle.
"Prinzipiell spricht da nichts gegen", bekannte Alex, "aber wir wissen ja nicht mal, was euch erwartet. Im schlimmsten Fall seid Ihr mit Pendelverkehr vollkommen ausgelastet oder müsst euch mit einem weiteren Kriegstross anlegen. Ich mag gar nicht an diese Möglichkeit denken."
"Was ist, wenn nichts davon eintritt, Ren?", fragte Houseman beharrlich. "Unsere Fregatten sind ihren Varni-Gegenstücken zehn zu eins überlegen. Eventuell brauchen Sie unsere Feuerkraft."
"Wenn die HEIMWEH auf die Feuerkraft der umgebauten Fregatten angewiesen ist, dann ist für uns ohnehin der Ofen aus", erwiderte Tarnau sarkastisch. "Also - nein."
"Aber Ren, wir..."
"Ich schlage einen Kompromiss vor", warf Rochelle hastig ein. "Eine Fregatte. Genau eine. Sie wird nach Erfüllung ihrer Mission der HEIMWEH folgen, und zwar so vorsichtig wie irgendmöglich. Ziel ist es, entweder mit der HEIMWEH Kontakt aufzunehmen, oder ihre Position zu bestimmen. Beziehungsweise, wenn es wirklich ganz mies läuft, den Ort ihrer Vernichtung. Dies aber unter jedwelcher adäquaten Vorsichtsmaßnahme und immer darauf bedacht, dass die Beyonder unbedingt erfahren müssen, was passiert ist." Beinahe flehentlich sah er Tarnau an. "Ren? Ein einzelnes Schiff, schützt durch die Emissionsabsorbierer der Schöpfer, praktisch noch weniger zu entdecken als ein regulärer Pendler. Wie geschaffen dafür, ins Otaker-System rein und wieder raus zu schleichen."
Tarnaus Wangenknochen mahlten. "Gut. Die BUSHIDO wird uns folgen und uns notfalls als Kurierschiff dienen. Je nachdem, was genau wir in Erfahrung bringen. Oder was wir erleben."
Rochelle atmete sichtbar auf. "Danke, Ren. Keinem von uns wäre wohl dabei gewesen, das Schiff, deren Besatzung und die Infanterie samt Panzerbesatzungen als Totalverlust abzuschreiben, ohne es wirklich zu wissen. Was natürlich nie der Fall sein wird."
Und natürlich nicht Alex und Andy abzuschreiben. Das hatte Rochelle nicht gesagt, aber es war in den Worten deutlich mitgeschwungen. Alex gab ihn in dem Fall Recht. Sollte wirklich alles mies für sie laufen, so hatte dieses Schiff noch immer die Pendler und die Personenfähren, von den Rettungskapseln einmal abgesehen. Es gab eine gewissen Wahrscheinlichkeit auf Überlebende, wenn sich das Universum gegen die Beyonder verschwor. Und Überlebende konnten gefunden und Inhaftierte befreit werden.
"Gut, das kann ich nachvollziehen. Dann ist es beschlossen." Alex Tarnau erhob sich. "Meine Damen und Herren, ich verlasse Sie nun. Wenn es noch etwas zu besprechen gibt, oder wenn Sie Fragen haben, steht Ihnen Andy zur vollen Verfügung. Ich persönlich habe eine Verabredung mit meinem persönlichen Chirurgen." Er klopfte sich gegen die Brust. "Ein wenig Altmetall muss entfernt werden."
Die anderen Anwesenden erhoben sich. Fenn Houseman räusperte sich vernehmlich. "Ren... Alex. Im Namen aller Anwesenden würde ich gerne sagen, dass wir Ihren persönlichen Einsatz sehr zu schätzen wissen, ebenso die Risiken, die Sie für die Beyonder eingehen. Aber in diesem speziellen Fall bitten wir Sie sehr, auf die Anweisungen Ihrer Ärzte zu hören. Sie sind uns lieb und teuer, Ren, und wir werden Sie noch eine sehr lange Zeit brauchen."
Tarnau erstarrte bei diesen Worten für einen Moment. "Danke", sagte er schließlich. "Ich weiß Ihrer aller Sorge zu schätzen. Und ich kann Ihnen... Euch allen versichern, dass ich an meinem Leben sehr hänge. Mein Ziel ist es, nicht länger in Lebensgefahr zu sein. Zumindest nicht durch die Splitter der Kugel."
Wieder wurde leise gelacht.
"Auch ich habe vor, noch lange zu leben und Ihnen allen auf die Nerven zu fallen, also keine Sorge."
"Danke, Ren", erwiderte Houseman und die anderen schlossen sich dem an.
Tarnau nickte ihnen zu und verließ den Konferenzraum. Ihm auf den Schritt folgte Jennifer Phillips.

"Alex, hast du Zeit?", fragte das blonde Mädchen.
Tarnau, schon halb im Aufzug auf das nächstuntere Deck, nickte. "Eine ganze Menge sogar. Wenn ich meine Ärzte richtig verstanden habe, irgendwas zwischen einer und drei Stunden. Je nachdem wie erfolgreich sie sein werden."
Sie biss sich auf die Unterlippe, bevor sie ihm in die Fahrstuhlkabine folgte und der Fahrstuhl losfuhr. "Nein, Alex Tarnau, ich meine Zeit für mich."
Der Anführer der Beyonder musterte sie für einen kurzen Moment. "Nur damit du es weißt, ar Zykarta und van Holland haben mir jede körperliche Anstrengung strikt untersagt. Darunter fällt auch Sex."
Leichte Röte huschte über ihre Wangen. "Kein Problem. Ich gehe nach oben, dann belastet es deinen Kreislauf nicht. Oder ich bl..."
"Jenny!", rief Tarnau erschrocken. Seine Idee, der jungen Frau jeden Wind aus den Segeln zu nehmen, hatte sich als fatale Retourkutsche erwiesen.
Spöttisch sah sie ihn an. So ähnelte sie der jungen Frau, die damals in der ersten Nacht im Hoffnungstal im schwarzen Unterfutter einen viel zu hoffnungsvollen Verehrer vertrimmt hatte, mehr denn je. "Also, hast du Zeit?"
Ergeben seufzte der Chef der Beyonder. "Geht es tatsächlich um Sex?"
"Kann ich was dafür, dass ich dich attraktiv finde?", entgegnete sie kühl. "Außerdem kommt in einer guten Beziehung schon mal Sex vor, oder?"
"Sieh mal, Jen, meine Ärzte haben mir Sex wirklich strikt verboten. Und ich habe im Moment wirklich alles zu tun, aber ich kann mich nicht um eine Beziehung kümmern."
"Dumme Ausrede", murrte sie. "Oder noch besser, eine dämliche Schutzbehauptung, damit du nicht wählen musst. Oder willst du mir tatsächlich erzählen, du hast Natsumis Interesse nicht bemerkt?"
"Ich habe dein Interesse bemerkt und unter akutem Anfall von Heldenverehrung abgespeichert", konterte Alex. "Und ja, auch sie scheint was für mich zu empfinden. Keine Ahnung wieso."
"Wo kommst du gleich noch mal her, Alex Tarnau? Aus Hamburg? Ihr habt da doch die Reeperbahn, oder wie das Ding heißt. Und Hamburg ist eine Großstadt. Erzähl mir bitte nicht, du bist noch Jungfrau, oder so was. Nicht bei so vielen Gelegenheiten, die eine Großstadt bietet. Oder du hättest noch nie eine Freundin gehabt."
Alex seufzte lang und tief. Er ergriff Jennifer Phillips Gesicht mit beiden Händen und gab ihr einen intensiven und ausdauernden Zungenkuss. Als er sie fahren ließ, wäre sie beinahe gestürzt.
"Wow", sagte sie. "Der war gut."
"Ich gebe mir Mühe", erwiderte Tarnau. "Weißt du, ich... Nein, ich will ganz ehrlich zu dir sein, Jen. Ich mag dich. Ich mag dich sogar sehr. Vielleicht liebe ich dich sogar ein wenig, aber wenn ich mich entscheiden müsste, wäre Natsumi immer ein Stück vorne vor."
"Was?", fragte sie erschrocken.
"Ich habe mir viele Gedanken gemacht, seit ich euch gestern Morgen in meinem Zimmer gefunden habe. Sehr, sehr viele Gedanken. Und rein vom Bauchgefühl her liebe ich sie mehr als dich. Und dann kommt eine lange Zeit niemand, bis es bei Martha weitergeht. Es ist nicht so, als würde ich vollkommen blind durchs Leben stolpern. Aber... Es ist schwierig."
"Was ist schwierig?", fragte sie, ihre Enttäuschung hinter einem harten Schlucken verbergend.
"Es wird mit euch beiden nichts werden, das ist schwierig. Denn..."
"Äh, Ren?", sprach ihn eine tiefe Männerstimme an.
Irritiert sah Alex zur Seite. Die Türen der Kabine standen weit auf und eine nicht gerade kleine Menge Schaulustiger hatte sich versammelt. Der Varni, der gesprochen hatte, räusperte sich verlegen. "Die Tür ist auf, Ren."
"Oh, danke für den Hinweis", sagte Alex und drückte den Knopf, der die Tür wieder verschloss. Er sah wieder Jennifer an. "Ihr wart in meinem Zimmer und das sicher nicht, weil Ihr beide mich hasst. Ich hätte blind sein müssen, hätte ich nicht gesehen, dass Ihr mich zumindest beide mögt. Und eigentlich war ich mir sehr sicher, dass Martha und Jasmin... Na, Schwamm drüber. So brauche ich keine Angst zu haben, über kurz oder lang einen Harem zu haben."
"Aber er wäre eine Lösung", bot Jennifer an. Dabei sah sie so unschuldig drein, dass man sie auf ein Alter mit Kevin Duvalle geschätzt hätte, wenn man es nicht besser gewusst hätte.
"Rede nicht, Jen. Ich habe keine Zeit, mich angemessen um eine Beziehung mit einer Frau zu kümmern. Wie soll ich das mit zwei schaffen?"
"Also, ich kann nicht für Natsumi sprechen, aber mir genügt auch erstmal eine reine Sex-Beziehung. Nachdem ar Zykarta und van Holland dich geheilt haben, natürlich. Überleg es dir, Alex."
Tarnau griff sich in den Kragen. "Weiter", befahl er der Uniform. Unwillkürlich blickte er an der jungen Frau mit dem jugendlich-femininen Körper herab und wieder hinauf. Sie war attraktiv und knackig. Und er mochte blond. Außerdem mochte er sie. Aber Natsumi war nicht weniger heiß als sie, und, verdammt noch mal, er hatte nicht nur die drei Monate keinen Sex mehr gehabt, die er auf diesem Drecksball Zehn Steine festgesessen hatte, sondern davor schon ein ganzes langes Jahr. Unwillkürlich ging ihm der Gedanke an einen flotten Dreier durch den Kopf, den er aber schnellstmöglich beiseite schob, weil er fürchtete, Jen und Natsumi könnten daran Gefallen finden. Immerhin, sie WAREN Hand in Hand auf seinem Bett eingeschlafen. Und Freundinnen waren sie definitiv. Auch wenn die japanisch-stämmige Amerikanerin aus der US-Armee kam und Jenny eine Zivilistin war.
"Eine reine Sex-Beziehung kommt erst Recht nicht in Frage", murrte Alex. "Ich fange doch nicht an, euch beide auszunutzen."
"Ah, hat der Herr Lust auf einen Dreier?", neckte sie ihn. "Ich rede mit Natsumi. Wird schon, versprochen. Und sieh es mal so: Eventuell nutzen wir ja dich aus."
"Ren?", klang die gleiche Stimme von eben wieder auf. "Die Tür, Ren..."
Der Varni, der sich schon beinahe körperlichen Drohungen der Beyonder ausgesetzt sah, hielt es anscheinend für seine Pflicht, sein Leben für den Chef der Beyonder zu riskieren, während diese vor allem an der Szene großes Interesse hatten. Einige nahmen ohne Zweifel gerade live auf, was sie sahen und sandten es an ihre Freunde oder gleich ins Netz der Beyonder. Alex wusste ziemlich genau, was das bedeutete: Jennifer und Natsumi waren damit als "seine Freundinnen" gebrandmarkt und würden es reichlich schwer haben - so sie denn wollten - unter den Beyondern noch einen Partner zu finden.
"Danke", sagte Alex, ergriff Jens Rechte und zog sie hinter sich her auf den Gang hinaus. "Decken Sie meinen Rücken, yom Tylak."
Der Varni sah ihn erstaunt an, weil Tarnau seinen Namen kannte, aber dann reagierte er sofort. "Hier entlang, Ren." Er eilte voran und erreichte bald einen im Moment ungenutzten Raum, der als Labor diente. Er öffnete Tarnau und dem Mädchen die Tür und schloss sie hinter ihnen wieder. Dann stellte er sich in den Türrahmen. Allerdings nicht, um die Menge davon abzuhalten, Tarnau zu folgen, sondern weil er hoffte, durch die Falz des Schotts noch etwas zu hören.

Alex trat nach einem Drehstuhl, der nach menschlichen Vorgaben von den Schöpfern erbaut worden war. "Großmodus."
Der ursprünglich recht kleine Stuhl, der nur aus Rollen, Sitzfläche und Rückenpolster bestanden hatte, bekam plötzlich ausladende Armstützen und ein bequemes Fußpolster. "Setz dich, Jen."
Die junge Frau gehorchte und nahm Platz. Alex nahm sich einen weiteren Drehstuhl, setzte sich rittlings drauf und rollte bis vor die junge Frau. "Ich will dir und Natsumi nichts vormachen. Hallo, Natsumi-chan", sagte er und winkte.
Jennifer wurde rot. "Wa-warum hast du sie gegrüßt?"
"Warum trägst du immer noch dein Barett, wenn nicht, um ihr unsere Unterhaltung live zu senden?", konterte Alex ohne Grimm in der Stimme.
Verlegen sah das blonde Mädchen zur Seite. Sie hüstelte leise.
"Okay, kommen wir gleich zum zentralen Punkt. Ich bin weder eine Jungfrau, weder körperlich, noch vom Sternzeichen her, und ich bin auch kein Beziehungslegastheniker." Er neigte den Kopf zur Seite. "Ich habe nicht gerade übermäßig viele Beziehungen geführt in meinem Leben, aber immerhin komme ich auf zwei. Und beide waren nicht besonders glücklich."
"Wie, nicht besonders glücklich? Haben sie dich verlassen?"
Alex schnaubte. "Das kann man so sagen. Meine erste Freundin, also meine erste ernstzunehmende Freundin, mit der ich zusammengelebt habe, hieß Rosalie. Sie war Halb-Rumänin und ein wirklich nettes Mädchen. Hat in Hamburg Medizin studiert."
"Moment mal, Alex, wenn du in der Vergangenheitsform von ihr sprichst, dann..."
"Ja. Sie ist tot."
"Oh", machte Jennifer. "D-das tut mir leid." Sie lauschte kurz. "Und Natsumi auch. Was ist passiert?"
Alex lachte leise. "Wir waren etwa zwei Jahre zusammen, wohnten seit einem Jahr immerhin schon mal unter einem Dach und hatten feste Pläne für die Zukunft, da... Stieß sie jemand vor eine fahrende U-Bahn." Tarnau atmete scharf ein, als ihn diese schmerzhafte Erinnerung überwältigte. "Ich weiß nicht, warum das passiert ist. Die Polizei geht von einem Dummen Jungen-Streich aus, aber ihr großer Bruder hat mir was von Familienrivalitäten erzählt und dass ich mich da besser raushalten sollte, jetzt, wo seine Schwester tot und unsere Bande erloschen waren. Ich habe nie erfahren, was wirklich passiert ist."
"Das ist ja furchtbar", hauchte Jennifer erschüttert. "Sowas kann einen Mann fertigmachen."
"Und das hat es auch. Es hat mich furchtbar fertiggemacht. So sehr fertiggemacht, dass ich meinen krisensicheren Job bei der Bundeswehr geschmissen habe und in die Reserve gewechselt bin. Ich habe das lange Zeit nicht verdauen können, bin zwei oder drei Jahre wie ein Zombie durchs Leben gegangen, und... Nun. Das war ungefähr, bis mir Angela ein Bein gebrochen hat."
"Wie bitte? Sie hat dir ein Bein gebrochen?"
"Ja. Sie hat mich angefahren. Mit ihrem Auto. Weil sie auf den Bürgersteig gekommen war. Ich kann wahrscheinlich froh sein, dass sie mich nicht richtig erwischt hat. Damals ahnte ich noch nicht, dass genau das ihr Markenzeichen war. Sie riskierte gerne viel, manchmal auch ein wenig mehr. So war es kein Wunder, dass sie so nahe wie möglich am Bürgersteig entlang fahren wollte und dann mit fünfzig Sachen auf die Bordsteinkante krachte. Dabei ging ihr Wagen hoch, geriet auf den Gehweg, schleuderte ein paarmal und die Spitze erwischte mich am rechten Unterschenkel. Ich wurde zu Boden geschleudert, schlug mir den Kopf an und war weg. Als ich wieder aufwachte, lag ich mit dem Beinbruch und Gehirnerschütterung im Krankenhaus. Und mein Zimmer sah aus wie ein Ballongeschäft. Es war vollkommen übersät mit allen möglichen Ballons in den unmöglichsten Beschriftungen. Weil Angela der Meinung war, Blumen passen nicht zu Männern. Und sie selbst saß an meinem Bett und hatte geduldig gewartet, bis ich wieder aufwache, um sich bei mir zu entschuldigen. Na ja, was soll ich sagen, ich fand sie interessant. Und ich fand ihren Spleen, ihre Grenzen auszuloten, sehr anziehend. Das begann beim Bungee-Springen vom Hamburger Fernsehturm, ging über die Kotzmaschinen auf dem Michel und hörte bei ihrer Leidenschaft, Motocross zu fahren, nicht gerade auf. Letztendlich kostete diese Leidenschaft ihr Leben. Erstaunt?"
"Nicht unbedingt, wenn du schon wieder in Vergangenheitsform von ihr redest. Ich überlege nur noch, ob du dir eine Schutzbehauptung zusammenstrickst, oder ob es die Wahrheit ist", sagte sie geradeheraus.
Alex konnte es ihr nicht verdenken. Es klang in jedem Fall verdächtig.
"Wie ist es passiert?"
"Hm." Tarnau sah sie an. "Wo kommst du her, Jen? Geographisch, meine ich."
"Oh. Ich bin Kanadierin, Westküste, Vancouver."
"Hast du Erfahrungen mit Flüssen, die ins Meer münden?"
"Nicht unbedingt. Aber ich surfe gerne. Bietet sich ja bei uns Zuhause an. Ist sie in einem Fluss ertrunken?"
"Ja. Weißt du, es gibt bei uns in Deutschland einen Fluss namens Elbe, der durch Hamburg fließt. Er ist ziemlich groß, um nicht zu sagen: Verdammt groß. Nicht unbedingt für jemanden, der den Mississippi oder den Nil kennt. Auf jeden Fall gibt es einen Küstenstreifen, in dem das Ufer der Elbe scharf nach links knickt und die Nordsee beginnt. Die Elbe aber folgt diesem Knick nicht und fließt weiter geradeaus. Es gibt einen Strand, aber direkt am Fluss der Elbe gibt es Warnschilder, die sagen: Bis hier und nicht weiter."
"Oh nein. Du willst mir doch nicht sagen..."
"Ich war nicht vor Ort, aber ich kann mir denken, wie es abgelaufen ist. Natürlich ist sie mit ihren Freundinnen bis zum Schild vorgeschwommen oder gegangen, wenn gerade Ebbe war. Dann hat sie wahrscheinlich ihren Übermut beweisen wollen und den Fuß so weit vorgestreckt wie sie konnte. Und die Strömung vollkommen unterschätzt. Das Wasser hat sie mitgerissen und verschlungen. Ich habe sie nicht mal mehr als Wasserleiche wiedergesehen."
"Aha. Ihr Tod hat dich anscheinend nicht so mitgenommen."
"Sagen wir es so, ich habe es erwartet. Aber es war trotzdem schlimm genug für mich. Und es hat überhaupt nicht geholfen, dass ich mir gesagt habe, ich hatte es vorher gewusst."
"Mein Beileid. Und das von Natsumi, nebenbei gesagt. Und, zu was bringt uns das?"
"Mal sehen", sagte Alex und legte den Kopf schräg. "Da haben wir Alex Tarnau, der zwei gescheiterte Beziehungen hinter sich hat, weil die Erste wahrscheinlich ermordet wurde und die die Zweite zu waghalsig war und Risiken frappierend unterschätzt hat. Da lässt sich schon ein Trend erkennen."
"Ach, schiebst du etwa dir die Schuld zu?", fragte sie geradeheraus.
"Sagen wir, ich bringe schlechtes Karma mit, wie es ausschaut."
"So, denkst du das?"
"Und gerade jetzt gibt es zwei Frauen, die sich eine Beziehung zu mir vorstellen können, sie vielleicht sogar anbahnen wollen, die aber, nebenbei bemerkt, in noch wesentlich größerer Lebensgefahr schweben, als meine beiden Freundinnen zusammen. Und die beiden sind schon tot."
"Ach, komm schon. Du kannst doch Rosemarie und Angelika nicht in einen Topf mit uns werfen, Alex", beschwerte sich Jen.
"Sie hießen Rosalie und Angela", sagte Alex trocken. "Und abgesehen davon, dass ich glaube, meinen Frauen Unglück zu bringen, ist Angelas Tod gerade mal ein Jahr her. Ich will auch gar keine neue Beziehung. Nicht im Moment und auch nicht in absehbarer Zeit."
"Doch nur eine Sex-Beziehung?"
"Na hör mal!", rief Tarnau empört. "Ich breite hier mein Liebesleben vor dir und Natsumi aus, plaudere aus dem Nähkästchen, erzähle, was mit Frauen passiert ist, die gewagt haben, mich zu lieben, und du... Jen, ich glaube es nicht!"
"Sex-Beziehung ja oder nein?", fragte sie mit einem verschmitzten Lächeln.
Alex Tarnau spürte, wie ihm eine leichte Röte in die Wangen schoss. Verdammt. Verdammt, verdammt, verdammt. "I-ich denke drüber nach."
"Na also." Jennifer Phillips erhob sich von ihrem Stuhl, beugte sich zu Tarnau vor und küsste ihn ihrerseits. Mit Zunge. "Und einen von Natsumi." Sie wiederholte die Prozedur und richtete sich wieder auf. "Ach, und wenn ich schon dabei bin, Herr Tarnau. Bedenke bitte, was du an uns hast. Alleine für das Wohl der Beyonder musst du uns beide bei Laune halten, oder?"
"Das ist ja Erpressung", murrte Tarnau.
"Eine äußerst angenehme Erpressung, wie ich hoffe." Sie kniff die Augen zusammen, legte den Kopf schräg und lächelte.
"Ich hasse es, wenn derart tödliche Soldaten wie du so niedlich sind."
"Du meinst, wenn wir auf niedlich machen?"
Tarnau lachte rau. "Nein, wenn sie so niedlich sind." Er erhob sich und drückte der jungen Frau, die erneut errötet war, einen Kuss auf die Wange. "Ich denke ernsthaft drüber nach, Ihr zwei Erpresserinnen. Und jetzt gehe ich zu meinen Ärzten. Dann muss ich eventuell nicht unten liegen."
Damit ließ er die junge Frau stehen und verließ das Labor. Draußen bahnte er sich einen Weg durch die enttäuscht wirkende Menge - Alex hätte drauf wetten können, dass mindestens einer von ihnen hätte versuchen können, den Livestream von Jens Mütze anzuzapfen - und suchte das Krankenrevier auf. Aus der Nummer kam er nicht wieder raus, ohne dass sich die beiden neu verliebten oder er ihnen wirklich, wirklich weh tat. Und zum Teufel, sie waren auf dem Weg in die gefährlichste Mission, die je ein Mensch bestritten hatte. Sie legten sich mit einem ganzen Sternenreich an, in der Hoffnung, auch noch zu gewinnen.
"Ich muss mit Kwang Sung Lee sprechen", murmelte er vor sich hin. "Wir haben definitiv zu wenig Rock'n Roll hier draußen."

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Die Verbesserungen um den Faktor zehn bedeuteten so viel, nicht nur einen mathematischen Wert: Weit bessere Energieübertragung von den Kraftwerken zu den Verbrauchern; leichtere, aber effektivere Panzerung, bessere Bewaffnung bei geringerem Energiebedarf - allein die Torpedos waren effektiver als alles, was die Varni besaßen, und im Stab sprach man schon von Fire&Forgets, also dass ein einmal abgefeuerter Torpedo sein Ziel tatsächlich treffen oder gar vernichten würde, bei einer Nullprozentigen Ausfallquote - besserer Energieausbeute bei den Schutzschilden; einer optimierten Raumnutzung; einer einfacheren, aber stabileren Statik durch leichtere, resistentere Materialien; etlichen Neuerungen, die teilweise von den Beyonder angestoßen worden waren, teilweise aber auch von den Schöpfern selbst gekommen waren. So führte bereits die HEIMWEH ausgedehnte hydroponische Gärten mit sich, die teilweise der Ernährung, teilweise der Erholung der Besatzungsmitglieder diente. Der Aspekt der Verpilzung des Schiffes, einem Problem der irdischen Raumfahrt, ergab sich für die Schöpfer nicht. Sie hatten schon vor ewigen Zeiten das Problem von Pilz-, und Moosspooren in den Griff bekommen und verhinderten effektiv, dass ihre Schiffe von innen verrotten mussten. Die hydroponischen Gärten stellten in jedem Fall eine Bereicherung dar, auch wenn die Synthomaten aus den an Bord befindlichen Grundstoffen fast so viel herstellen konnten wie die Replikatoren aus Star Trek. Vielleicht nicht ganz so schnell. Frisches Obst und frisches Gemüse gehörte definitiv nicht dazu, und so hatten die Beyonder beschlossen, ein an die Besatzungsgröße angepasstes Mindestmaß an Gärten einzuführen, die die Ernährung der Beyonder und der Varni bereichern sollte. Vergiftungen oder gar Krankheitsinfektionen musste niemand befürchten. Zwar waren alle Gemüse-, und Obstsorten fremd, vor allem für Menschen, die über Monate nur die Beyonder-Pizza gegessen hatten, aber die überlegene Medizin der Schöpfer hatte dafür gesorgt, dass sich ähnliche Tragödien wie zu den Zeiten Kolumbus nicht wiederholen würden. Damals hatten europäische Krankheiten wie die Pocken mehr amerikanischen Ureinwohnern das Leben gekostet als die Schwerter der Conquistadoren. Im Gegenzug waren amerikanische Krankheiten nach Europa gelangt und hatten dort gewütet. Die Schöpfer waren schlau genug, um dies schon im Ansatz zu verhindern, denn die Mechanismen der Viren und Bakterien waren hinlänglich bekannt. Jeder terranische Mediziner hätte vor Aufregung und Begeisterung die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, hätte er die Möglichkeit gehabt, mit der Medizin-Technologie und dem umfangreichen Medizinwissen dern Schöpfer zu arbeiten. Sinnigerweise hatten die Mediziner der Beyonder genau das getan, seit sie das erste Mal auf Varni-Technik und später auf Schöpfer-Technologie losgelassen worden waren. Doch damit nicht genug, denn von den Beyondern waren nicht wenige Anmerkungen, Verbesserungsvorschläge und Detailfragen gekommen, die dazu geführt hatten, das einige Forschungszweige, welche die Schöpfer selbst als Jahrtausendealte Sackgassen bezeichneten, neue Impulse erhalten hatten.
Und diese vielfältigen Talente der Beyonder hatten zu einer eigenen wissenschaftlichen Abteilung zusammengefunden, von der mindestens so viel Großes zu erwarten war wie von Alex Tarnaus Kampfeinheiten. Und im Grunde genommen waren sie das auch - Kampfeinheiten. Ausgestattet mit der besten Rüstung, die sie sich vorstellen konnten. Manchmal hätte man die Schöpfer übers Knie legen können. Manchmal hätte man ihnen wegen ihrer Genialität die Füße küssen können.
Jedenfalls gab es sehr viele Probleme auf der HEIMWEH gar nicht erst, weil Menschen und Schöpfer vorher darüber nachgedacht hatten, wie sie zu bewältigen waren. Und weil die klassische Seefahrt der Erde den Vergleich mit der modernen Schöpfer-Raumfahrt und der der Varni nicht zu scheuen brauchte. Beide waren sich in weiten Teilen ähnlich. Und was auf hoher See im Sturm die Gefahr war, über Bord gespült und ertränkt zu werden, das war an Bord der HEIMWEH die Gefahr, ins Vakuum zu geraten und dort tiefgefroren zu werden. Selbstredend war letzteres nicht annähernd so wahrscheinlich wie ersteres, da ja alles um den Faktor zehn verbessert war.

Ein Punkt, dem sich die Beyonder und Varni, geschweige denn die Schöpfer selbst bisher nur wenig gewidmet hatten, war die Waffentechnologie. Die Schöpfer konnten nur mit dem arbeiten, was sie bekamen oder was man ihnen möglichst detailliert beschrieb, weshalb sich ihre Waffentechnik bisher darauf beschränkt hatte, bestehende Varni-Technologie nachzubauen und zu verbessern. Doch nach Meinung der führenden Ingenieure der Beyonder war nun die Zeit reif, um zu experimentieren.
Genau deshalb traf drei Tage nach dem Aufbruch der HEIMWEH und ihrer vier Begleitschiffe eine besondere Gruppe zusammen, um diesen Themenkomplex zu diskutieren. Leiter der Diskussion war Kurt Warninger. Prominentester Teilnehmer hingegen Colonel Chrisholm Deavenport. Ebenfalls anwesend waren Martha Wong, Commander Lady und Commander Enies Sörensen, Ex-Ritter und jetziger Chef der Verwaltung Porma el Tar und Lagg en Tormala, der ehemalige Chefingenieur der HEIMWEH und zweitwichtigster Techniker nach Warninger in den Reihen der Beyonder. Die Besprechung wurde live übertragen; alle Beyonder, die zu diesem Zeitpunkt ihre Uniform (oder zumindest die Mütze) oder ihre Rüstung trugen, konnten an ihr teilnehmen und über das bewährte Hierarchie-Prinzip Fragen stellen oder Vorschläge machen. Denn einhunderttausend Gehirne konnten mehr denken als eine Handvoll. Und das System hatte den Vorteil, dass man Witzbolde und Scherzkekse, die zur eigenen Belustigung unsinnige Anfragen stellte, sofort identifizieren konnte, was die meisten Menschen dieser Gattung natürlich abschreckte. Dumme, aber ernst gemeinte Fragen gab es trotzdem zuhauf. Allerdings hatte Martha eine Gruppe zusammengestellt, die sich diesen oftmals sehr simplen Anfragen ernsthaft widmete, da sie "jederzeit hilft, wenn jemand etwas lernen will oder eine Bildungslücke schließen möchte".
Die letzten beiden Teilnehmer mochten erstaunen, wenn man sie noch nicht kannte. Bei den Beyondern ein Ding der Unmöglichkeit, handelte es sich doch um das bisher einzige Reporterteam auf diesem Planeten: Tin-Tin und ihr treuer Kameramann Roger, die das Geschehen "etwas weniger trocken" aufbereiten würden.

"Also", sagte Commander Lady, "warum hast du uns zu einer Waffenbesprechung zusammengerufen, Martha?"
"Auf seinen Wunsch, Drusella." Die Hong Kong-Chinesin deutete auf Colonel Deavenport.
"Man zeigt nicht mit dem nackten Finger auf angezogene Leute, Martha", tadelte Deavenport. Interessiert sah er zu Lady herüber. "Drusella? Dein Name ist Drusella?"
"Drusella von Augstein und Hohenhoffen. Und jetzt rate mal, warum Ihr Amis mich Lady genannt habt und warum statt meines Namens Lady hängengeblieben ist."
"Von Aug... Lady ist gut. Lady ist absolut ausreichend", versicherte der Colonel.
"So." Amüsiert musterte die offensichtlich adlige Frau den Colonel. "Nachdem das geklärt ist, sei doch bitte so gut und sag du uns, warum wir zusammengerufen wurden. Denn, das will ich nicht verhehlen, an diesem Tisch herrscht immer noch Misstrauen gegen den Mann, der Alex Tarnau von Scharfschützen erschießen lassen wollte."
Die unverblümten Worte verfehlten ihre Wirkung nicht. Die Temperatur im Konferenzraum schien um mehrere Grad abzufallen, als sich alle Blicke eisig auf den Colonel richteten.
Der Offizier besah sich die Szene einige Zeit und nickte. "Ich sehe, Ihr seid skeptisch. Und das auch vollkommen zu Recht. Ich möchte aber an dieser Stelle versichern, dass ich das Potential von Alex Tarnau voll erkannt habe und ihn vorbehaltlos unterstütze."
Diese Worte ließen die Temperatur wieder ein wenig steigen.
"Und mir ist auch der Ernst der Lage bewusst, in der wir uns generell befinden - wir, und die Menschheit. Unter diesen Umständen kann man es gar nicht genug hervor heben, wie klug Alex gehandelt hat, als er die ODYSSEUS mit Vaillard auf die erfolgreiche Suche nach der Erde geschickt hat. Glücklicherweise haben die Schöpfer diese Entwicklung mittlerweile subventioniert und arbeiten sogar mit uns. Laut L'Tark koordinieren Vaillard und seine Leute nun die Bemühungen der Schöpfer, für unsere Auszahlung Geld zu verdienen. Was diese doch recht stümperhaft gehandhabt haben." Er legte kurz den Kopf schräg. "Was ehrlich gesagt jeder von uns erwartet hat."
Zustimmendes Gemurmel klang auf.
"Daher hat Alex nicht nur meine volle Unterstützung, er hat auch meine volle Schaffenskraft. Und da ich beschlossen habe, nicht in die Reihen der kämpfenden Beyonder zurückzukehren, um den Frieden in der kämpfenden Truppe nicht ungewollt zu unterminieren, tue ich das, was ich ansonsten am Besten kann: Ich baue Waffen."
Amüsiert musterte er die Anwesenden, die unterschiedlich auf diese Offenbarung reagiert hatten. "Nun habt euch nicht so. Ich bin seit über zwanzig Jahren Marine und bei der kämpfenden Truppe. In der Zeit wurden Dutzende neue Waffensysteme entwickelt und getestet, und nicht selten hatte die Marines, die im aktiven Dienst stehen, etwas dazu zu sagen. Wenn nicht gleich Marines abgestellt wurden, um den Entwicklungsprozess zu begleiten. Ich weiß also, wovon ich spreche. Auch wenn die Waffenentwicklung mit den Schöpfern wesentlich einfacher sein wird, denke ich. Wir werden wohl eher keine Budgetprobleme bekommen. Und wir müssen auch kein Waffensystem durch Parlament und Senat boxen."
"Da habt Ihr's", sagte Kurt. "Es geht um Waffen. Nicht darum, die bestehenden Waffensysteme um den Faktor zehn zu verbessern, sondern darum, neue Waffen zu entwickeln. Und seien wir ehrlich, das, was die Schöpfer von den Varni aufgeschnappt und kopiert haben, bedeutet das Limit ihrer Kreativität. Es liegt an uns, schöpferisch tätig zu sein und neue Waffen zu entwickeln, die wir bald dringend nötig haben werden. Denn vergesst nicht, auch wenn wir hier auf Zehn Steine mehr als einhunderttausend sind und insgesamt eine Million auf allen zehn Welten, so sind wir nichts im Angesicht von dreizehn Kriegstrossen. Und wer weiß, wie viele Schiffe das Pes Takre noch aufstellen kann, von denen es nicht mal seinen Varni erzählt hat. Wir müssen Masse ausgleichen. Mit Qualität und mitmehr Waffenreichweite. Dafür sind wir heute hier. Chrisholm und ich haben uns schon mal für ein erstes Brainstorming zusammengesetzt und sind zu erstaunlichen Ergebnissen gekommen. Und wir denken beide, mit einhunderttausend Beyonder kriegen wir noch ganz andere Ergebnisse."
"Ah, die alten Säcke konspirieren also miteinander", scherzte Sörensen.
"So in etwa", sagte Deavenport trocken. "Und jetzt konspirieren wir mit allen Beyonder zugleich. Fangen wir mit den Anzügen an?"
Die Anwesenden nickten.
Kurt sah zu den riesigen Varni herüber. "Lagg en Tormalla, Sie waren Chefingenieur der jetzigen HEIMWEH. Was sind Ihre Gedanken zu unseren Anzügen?"
Der große kahlköpfige Riese verzog sein Gesicht zu dem, was man bei ihnen ein Lächeln nannte. "Zwei Divisionen Varni mit diesen Rüstungen, und ich würde jeden Bodenkampf mit ihnen gewinnen."
Erfreutes Raunen klang auf.
"Aber leider sind es nur Extrapolationen von Varni-Anzügen. Zudem auch noch nicht einmal vollständig. Die bemerkenswertesten Faktoren der Anzüge sind die Fähigkeiten, unter Wasser zu atmen, sich optisch und ortungstechnisch unsichtbar zu machen und dem Träger einen solchen Komfort anzubieten, sodass er den Anzug permanent tragen kann, ohne sich wund zu scheuern. Auch das überlegene Recyclingsystem ist enorm, viel besser als unseres. Das Recyclingsystem der Schöpfer hält mit entsprechender Energiezufuhr nahezu unbegrenzt. Unsere Systeme nutzen sich ab oder verstopfen oder entwickeln einen anderen Fehler bereits nach einhundert Einsatzstunden. Dann muss das System gereinigt oder gewartet werden. Das ist eine ganze Menge. Auch ist mir positiv aufgefallen, dass die Schöpfer die Waffensysteme in den Anzug integriert haben, also die Minen in den Beintaschen, die Miniraketensysteme und die eigene Raketenabwehr. Dafür aber verzichteten die Schöpfer auf unsere Kampfmesser, auf die Unterstützung externer Waffen. Dort wiederum gibt es einige Waffen, die von den Schöpfern nicht einmal in Betracht gezogen wurden, zu entwickeln, weil sie augenscheinlich nicht in die Anzüge integriert werden können. Hier ist anzuführen das Einsatzmesser, die Vibrationsklinge, das Scharfschützengewehr, die Anti Panzer-Waffe und die Anti Gleiter-Waffe, diverse Einhandwaffen, Handschockstäbe zur Disziplinierung oder Ausschaltung auf nichtletale Weise. Die Liste ließe sich noch fortsetzen. Manche Trosse setzen viel auf nichtletale Waffen. Fangnetze, elektrische Stunner, Schlagstöcke und dergleiche. Auch gibt es Bestrebungen, mit autonomen, selbst denkenden Einheiten zu arbeiten, also Robotern, die den Vorteil haben, über keinen Verdauungstrakt zu verfügen und keinen Schlaf zu brauchen. Da haben wir Varni allerdings traditionell unsere Vorurteile, geboren aus schlechter Erfahrung. Tatsächlich hat das Pes Takre schon Kampfroboter eingesetzt, aber wir Varni waren ihnen in nahezu jeder Hinsicht überlegen."
Tin-Tin hob die Rechte, so als wäre sie in der Schule.
Irritiert sah der Chefingenieur zu ihr herüber. "Junge Dame, wenn du etwas sagen oder fragen willst, hau's raus. Wir sind hier nicht in der Schule."
Die Anwesenden lachten und die Asiatin errötete leicht. Dabei lächelte sie allerdings, also nahm sie en Tormalla nichts übel. "Gut, dann frage ich einfach mal. Waren die Varni besser als die Kampfroboter, als sie gegen sie gekämpft haben, oder wurde ein anderer Vergleich gezogen?"
"Mein Ritter?"
El Tar schnaubte belustigt. "Natürlich, Lagg. Wir sind jetzt eine Mannschaft und brauchen keine Geheimnisse voreinander zu haben."
"Also gut." Er sah zu Tin-Tin und ihrem Kameramann herüber. Seine Miene wurde ernst. "Diese Erkenntnis stammt aus der Zeit, als das Pes Takre die Varni unterworfen hat. Erst als es ihm gelang, selbst Varni zu produzieren, die seiner Kommandogewalt gehorchten, konnten die Varni unterworfen werden. Zumindest zum Teil." Er stockte einen Moment. "Dieses Wissen wurde von Kämpfer zu Kämpfer mündlich weitergegeben und ist in den Trossen verboten. Daher ist es auch ein Erkennungszeichen unter unsereins, wer zu den Rebellen zählt und wer nicht. Ein Rebell wird diese Information mit Stolz verbreiten. Ein Systemtreuer hingegen wird sie herunterspielen oder leugnen. Wir Varni haben eine lange Kultur darin, den großen Aufstand vorzubereiten und auf den Tag X zu warten. Nein, bevor du fragst, Tin-Tin, unser Arrangement hat mit dem großen Aufstand nichts zu tun. Wir haben lediglich unsere Chance ergriffen, als sie sich uns bot. Aber vielleicht wird dies der erste Meilenstein sein, der uns Varni in den Aufstand führt."
"Aber das ist Zukunftsmusik", sagte el Tar. "Wir dürfen von unserem Bündnis mit den Beyondern keine Wunder erwarten. Tatsächlich wären wir ohne das Bündnis Kriegsgefangene ohne die Chance, in absehbarer Zeit ausgetauscht zu werden. Da wir aber auch gar nicht in die Fänge des Pes Takres zurückwollen, war dies die ehrenvolle Möglichkeit, aus dem Deinst des Pes Takre auszuscheiden. Überdies tun wir gerne für die Menschheit, was wir können, damit ihr das Schicksal unseres Volkes erspart bleibt."
Schweigen senkte sich über die Versammlung. Die Tragweite der Worte des ehemaligen Ritters legte sich wie eine schwere Last auf die Gemüter.
"Das ist...", sagte Tin-Tin schließlich, "...das ist wunderbar! Wer hat gleich noch mal behauptet, wir würden es bereuen, wenn wir mit den Varni zusammenarbeiten würden? Das Gegenteil ist der Fall! Werden wir hier draußen je auf bessere Freunde treffen? Ich wage es zu bezweifeln." Sie sah ihren Kameramann an und lächelte. "Liebe Mit-Beyonder, ich denke, wir dürfen durchaus Großes erwarten. Sowohl von dieser Konferenz als auch von den Varni selbst."
Chrisholm Deavenport lachte leise. "Ja, das dürfen wir wohl." Mit einem amüsierten Blick musterte er die beiden Varni. "Und ohne Alex Tarnau hätte ich mich niemals dazu durchgerungen, auch nur zu versuchen, mit euch zusammenzuarbeiten."
"Das gilt für uns ebenso", sagte Porma el Tar. "Ohne euren Ren, ohne sein Beispiel, mit einem Loch in der Brust trotzdem die Situation an sich zu reißen und so vollkommen souverän zu agieren, hätte ich von einer Zusammenarbeit wohl nichts erwartet, obwohl Ihr meine Außenposten überrannt und meine Schiffe gestürmt habt. Es hat vieles beschleunigt."
Die beiden Männer nickten einander fast unmerklich zu. Zwei ehemalige Feinde von Alex Tarnau, die heutzutage miteinander arbeiteten - und mit Tarnau.

"Kommen wir doch zur Technologie zurück", sagte Enies Sörensen. "Wir haben die Bewaffnung der Rüstungen aufgezählt. Und wir wissen, dass die Varni einige Waffen mehr verwenden als wir. Im Rationalisierungsgedanken der Schöpfer war es klar ersichtlich, warum sie die Schussbewaffnung auf die Mini-Raketen reduziert haben. Sie mussten alles in die Rüstung hineinkriegen, damit auch alles von der Tarnung erfasst wurde. Und dies bei begrenztem Platz. Schauen wir uns die Rüstung doch mal von innen an."
Über dem Tisch erschien ein Holo, das eine typische Beyonder-Rüstung darstellte. "Interne Versorgungsstrukturen", kommandierte Sörensen.
Die Panzerung verschwand und machte einem weit verästeltem Netz an Energieleitungen Platz, die durch die ganze Rüstung führten, um vom Hochleistungs-Akkupack Energie zu den verschiedenen Systemen zu schaffen. Nicht nur die Waffensysteme, auch die Kraftverstärker, die die Beyonder zu unglaublichen Geschwindigkeiten und großen Sprüngen befähigten, sowie das Recyclingsystem und die Ortungssysteme - Funk nicht zu vergessen, der den Rüstungsträger mit dem Netzwerk verband - wollten alle bedient werden. Derart liefen die Versorgungskabel auch wie ein Blutsystem zu den Systemen, in großen, führenden Adern, die sich immer mehr verästelten, bis sie in mikrofeinen Strukturen die Geräte erreicht hatten, die sie versorgten. "Muskulatur", sagte Enies Sörensen.
Wieder veränderte sich die Rüstung und zeigte nun die Stränge und Züge, die für die Kraftübertragung zuständig waren. Diese waren, entgegen ihrem Namen, nicht der Muskulatur nachempfunden, zum Beispiel der eines Menschen, sondern wesentlich feinere, kleinere und belastbarere Strukturen, bestehend aus Seilzügen aus Stahl und Karbon, beliefert von starken Elektromotoren.
"Panzerung, transparent", befahl die Commander vom Nordkontinent.
Nun legte sich die Rüstung wie Glas über das bisherige Konstrukt.
"Waffensysteme."
In den Armen erschienen die Rak-Depots, die den Oberarm ausfüllten, und die ausfahrbaren Abschussvorrichtungen in den Unterarmen. Eine Art Zugverbindung bestand zwischen den Depots am rechten und am linken Oberarm, sodass der Anzug Munition je nach Bedarf umverteilen konnte. Wenn ein Schütze rechts bevorzugte, nützte ihm das linke Depot mittelfristig nichts und Munition wurde umverteilt.
In den Knien erschienen die Abwehrmaßnahmen gegen feindliche Raketen, die berühmten Flares, die die Hitzesuchenden Raketen der Varni fast immer getäuscht hatten. Auf den Oberschenkeln befanden sich, unter der Panzerung verborgen, die Taschen für die leistungsfähigen und hochgefährlichen Minen, mit denen die Rüstungen ausgestattet waren. Ihnen waren in der Schlacht im Waldland, als die Beyonder erwacht waren, beinahe ebensoviele Panzer der Varni zum Opfer gefallen wie den Mini-Raks.
"Okay, es ist gegen die Philosophie der Schöpfer, uns mit einem überlegenen System für Unsichtbarkeit auszustatten und uns anschließend etwas mitzugeben, was dennoch unsere Position mitteilt, wie zum Beispiel eine umgeschnallte Waffentasche oder ein Kampfmesser. Nicht, dass ich nicht glaube, dass ein Holster nicht ebenfalls unsichtbar gemacht werden kann. Die Frage ist, macht das Sinn? Brauchen wir Handfeuerwaffen überhaupt?"
"Was uns auch gleich zu den Mini-Raketen bringt", sagte Kurt. "Wir brauchen vier oder fünf Raketen auf den gleichen Fleck als Punktbeschuss auf die Panzerung eines Varni-Panzers, damit eine durchdringt, explodiert und den Panzer samt Besatzung ausschaltet. Dies ist oft genug geschehen." Sein Blick ging zu el Tar. "Damals standen wir im Krieg."
"Schon gut. Wir haben euch angegriffen, nicht umgekehrt", erwiderte der oberste Verwaltungsbeamte der Beyonder.
"Also, ich sehe hier ganz klar Hohlräume in den Beinen", sagte Deavenport. "Hohlräume in den Beinen markieren und extrapolieren."
Das Hologramm wies die Hohlräume aus und erstellte Abbilder von ihnen außerhalb der Rüstung. Die Hohlräume hatten abenteuerliche Formen und meist viele Verästelungen und durchzogen je das gesamte Bein. Interessant aber waren nicht die kleinen und kleinsten Verästelungen, sondern die großen Taschen.
"Also, eine Pistole kriegen wir da nicht rein", murmelte Kurt. "Aber einen Kampfdolch. Eventuell. Auftrag: Konstruiere einen Kampfdolch mitsamt Haltevorrichtung und Möglichkeit zur Rüstungsöffnung wie für die Minentaschen auf der größtmöglichen Länge und in der größtmöglichen Effektivität."
Im Hohlraum erschien nun ein flacher Dolch nach Varni-Manier mit knappem Parier und kurzem Griff. Gleichzeitig wurde rund um den Dolch ein Futteral konstruiert, dazu ein Öffnungsmechanismus.
"Vibrationsklinge möglich?", fragte Deavenport.
"Möglich", antwortete das System. Was an sich eine sehr interessante Sache war, denn die Möglichkeit, mit künstlicher Intelligenz zu agieren, war dem dezentralen Netzwerk aller Rüstungen, Uniformen und Fahrzeugrechner der verschiedenen, den Beyonder zugehörigen Einheiten schon immer gegeben gewesen. Aber es hatte eines Befehls Marthas bedurft, damit das System sich eine eigene Stimme entwickelte und mit dieser in Interaktion trat. Das war alles noch recht gewöhnungsbedürftig. Und die Stimme des Netzwerks hatte mehr als einem Beyonder den Schreck seines Lebens verpasst.
"Ein kurzer Dolch mit Vibrationsmodus, der durch Stahlplast und Carbonplast schneiden kann, wäre eine gute Ergänzung", stellte en Tormalla fest. "Aber ich bin immer noch nicht überzeugt, dass wir auf die Handwaffe verzichten sollten. Frage: Kann eine Handwaffe konstruiert werden, die ähnlich der Schiffsgeschütze mit beschleunigten Partikeln schießt, die funktional ist und eingesetzt werden kann?"
"Nein. Der Energiebedarf wäre zu hoch und die Größe der Waffe würde die der Rüstung bei weitem übertreffen."
Enttäuscht lehnte sich der Ingenieur wieder zurück.
"Frage", sagte Kurt Warninger, "ist, eine mobile Mini-Raketenabschussvorrichtung bautechnisch möglich, die das Design einer Varni-Pistole hat und in diese Tasche passt?"
Ein weiteres Element entstand im Hologramm. Es war eine bauchige Pistole mit breitem und langem Griffstück. Während der Griff an eine Desert Eagle erinnerte, hatte der vordere Aufbau mehr etwas von einem Unterseeboot.
"Wie viele Schuss hat diese Waffe und ist es möglich, Ersatzmagazine zu integrieren, zum Beispiel in den Hohlräumen der Wadentaschen?"
"Die Waffe enthält zehn Mini-Raketen, wenn keine Direktbeladung, sondern eine Magazin-Variante gewählt wird. Ersatzmagazine würden zwei in eine Wadentasche Platz finden."
"Belastet der Einbau dieser Systemkomponenten die Energieversorgung oder die Struktur?", hakte Kurt nach.
"Negativ."
"Okay, wer hat der Stimme beigebracht, zu reden wie die Computerstimme aus Star Trek TNG?", fragte er ins Rund.
Mehrere Finger deuteten auf Martha.
"Was denn? Ich fand es angemessen. Nachdem mein Vorschlag, wenigstens eines der Schiffe Enterprise oder Excelsior zu nennen, abgelehnt wurde..."
"Du hast auch Galactica vorgeschlagen, wenn ich mich recht entsinne", schmunzelte der Banker, "und Alex hat sein Veto eingelegt, weil er nicht wollte, dass von den Kapitänen und ihren Besatzungen zu viel erwartet wurde. Aber okay, ich wollte das mit der Stimme nur wissen, nicht dagegen protestieren."
"Gut", sagte Martha zufrieden.
"Zurück zur Arbeit. Sieht jemand einen Nutzen in einer solchen Waffe?"
Lady hob die Hand. "Du meinst, den Nutzen in einer zusätzlichen Waffe, die weder einen Umbau, noch eine Energiebelastung bedeutet? Eigentlich von zwei Waffen?"
"Gutes Argument. Können wir den Dolch links und die Pistole rechts integrieren?"
Die Waffen im Hologramm bildeten Duplikate, die in den Rüstungen integriert wurden.
"Na, das klingt doch nach einem guten Stück Arbeit", sagte el Tar zufrieden. "Zusätzliche Waffen sind immer gut. Vor allem wenn auch das Gewicht die Rüstung nicht beeinträchtigt. Frage: Bedeutet die Integration der Waffen eine Neuaustarierung des Konstrukts an sich?"
"Nicht, wenn der Dolch genauso schwer gemacht wird wie Pistole und Magazine."
"Dann ist es abgemacht?" Kurt sah ins Rund. Nacheinander nickten die Anwesenden.
"Eingaben von den Beyonder, die uns zusehen, Martha?"
"Keine Einwände. Aber immer wieder Vorschläge. Und Fragen, welche Hohlräume es noch gibt."

"Ein interessanter Punkt. Weitere Hohlräume anzeigen. Dabei den Hohlraum für den Menschen aussparen. Ich stelle es mir schrecklich vor, ein Aggregat integriert zu bekommen, auf dem man quasi herumsitzen muss, anstatt im äußerst komfortablen Anzug zu stecken", sagte Kurt.
"Hm", meinte Deavenport. "Naturgemäß sind einige der Systeme, die man im Helm erwarten würde, in den Torso ausgelagert, was die Anzahl der Hohlräume einschränkt. Hier haben die Schöpfer verdammt kompakt gearbeitet."
"Kein Wunder", sagte en Tormalla. "Die Vielzahl der installierten Geräte übertreffen jene der Varni-Rüstungen um ein Vielfaches. Zum Beispiel sind unsere Rüstungen weder raumtauglich, noch für einen Einsatz unter Wasser geeignet, zumindest nicht für längere Zeit. Es wundert mich, dass der Innenraum für die Beyonder überhaupt so komfortabel ist und es Menschen zwischen einem Meter fünfzig bis zwei Meter zwanzig erlaut, sie zu benutzen."
"Die Rüstungen verfügen über Puffer, die zwanzig Zentimeter Spiel haben", meinte Kurt. "Sie werden länger, wenn der Träger größer ist. Und sie werden kürzer, wenn der Träger kleiner ist. Ja, guckt nicht so entsetzt. Habt Ihr euch nie gewundert, dass wir keine homogene Masse an Rüstungen sind? Tatsächlich sind einige größer und einige kleiner, aber dennoch kann man alle Teile flexibel untereinander tauschen."
"Wie hast du das rausgefunden, Kurt?", fragte Deavenport.
"Beobachtung. Man muss interessiert hinschauen und es bemerken. Und man braucht eine Nano-Brille. Es ist sehr interessant, dabei zuzusehen, wie sich die Rüstung streckt und weitere Außensegmente aufbaut."
"Aha." Deavenport fuhr sich nachdenklich übers Kinn. "Bedeutet das bei größeren Beyonder größere Hohlräume?"
"Interessanter Gedanke, aber wir reden hier über einen eigentlich minimalen Aufwand. Das bringt nur gut einen Zentimeter Stärke."
"Der ausschlaggebend für was sein könnte?"
"Für alles Mögliche. Für einen Schutzschild vielleicht?"
"Ach, willst du den Großen einen Schild geben, den Kleinen aber nicht?"
"Jungs, Jungs, Jungs", sagte Lady, bevor das Wortgefecht ein Streit, und bevor der Streit hitziger werden konnte. "So führt das doch zu nichts. Frage: Kann in die Rüstung ein Projektor für Schutzschirme integriert werden, wobei ich es persönlich für eine Dummheit halte, dass sich eine unsichtbare Rüstung durch den Schild verrät?"
"Vielleicht nützt dir der Schild doppelt, nachdem du entdeckt wurdest", stichelte Kurt.
"Negativ. Ein Schutzschildprojektor nach Art eines Schiffsschutzschild ist einerseits viel zu groß und erfordert andererseits eine geschlossene Sphäre. Da eine Rüstung auch zu klein ist, um mit Antigravitation ausgestattet zu werden, macht dies keinen Sinn."
Chrisholms Blick zuckte zu Kurt hoch, der erwiderte den Blick. Beide sahen sofort zu en Tormalla herüber, dessen Augen aufleuchteten.
"Panzer!", rief Kurt.
"Verdammt, ja, wir verpassen dem Wolf und dem Rhino Schilde! Die Biester schweben doch ohnehin und berühren den Boden nicht!" rief Deavenport ebenso enthusiastisch.
"Es braucht ja kein starker Schild zu sein, er muss nur einen Schuss abhalten können und sich wieder aufbauen! Das wird eine böse Überraschung für jeden Gegner werden!"
"Hm", machte en Tormalla. "Frage: Kann ein Schutzschirmgenerator nach Schiffsvorbild in entsprechender Größe in einem Varni-Panzer integriert werden?"
"Nein."
Enttäuscht sahen sich die Anwesenden an.
"Ah, ich weiß!", sagte Lady auf einmal aufgeregt. "Wie sieht es mit einem Neubau der Schöpfer aus? Auch auf Kosten des Innenraums?"
"Ja."
Erfreut wechselten die Menschen und Varni triumphierende Blicke.
"Beeinträchtigung für die Besatzungen von Wolf und Rhino?", hakte Kurt nach.
"Rhino: Das Aggregat benötigt den Platz, den ein Rüstungsträger einnehmen würde und liefert, verbunden mit Projektoren auf der Hülle, die eine bauliche Veränderung benötigen, einen Schild, der drei direkten Treffern von Varni-Panzerwaffen standhält. Je nach Gefechtssituation baut sich der Schild danach wieder auf, oder der Generator brennt durch. Der Energieaufwand bedeutet allerdings eine Mehrbelastung der Energieversorgung um dreiundzwanzig Prozent. Das bedeutet ein Akku von der Größe eines Beyonder in Rüstung.
Wolf: Das Aggregat inklusive Akku nimmt den Platz von einer Rüstung ein, hält aber nur einem bis zwei direkten Treffern stand, ausgehend von Gefechtsleistungen der Varni-Waffen vom jetzt bekannten Stand."
"Also zwei Infanteristen weniger für den Rhino und im Wolf müssen wir ein Besatzungsmitglied sparen." Nachdenklich sah er ins Rund. "Über den Wolf müssen wir noch reden, aber ich denke, der Rhino soll in Zukunft seinen Schild kriegen, oder?"
Die anderen Anwesenden nickten. Zwei Infanteristen weniger im Tausch für einen Schutzschild waren eine großartige Defensivmaßnahme.

"Wenn wir gerade dabei sind, wollen wir auch über Geschützverbesserungen der Panzer reden und über die Waffentechnik auf unseren Kampfschiffen?"
"Nein, ich denke, das sollten wir erst morgen tun", entschied Kurt. "Besprechen wir lieber die Rüstungen weiter zu Ende und lassen die Informationen sacken. Lassen wir sie vor allem bei den Beyonder sacken. Ich bin sicher, wir werden eine Menge hilfreicher Tipps bekommen. Also, zurück zu den Torso-Hohlräumen. Wollen wir sie nutzen, und wenn ja, wie?"
"Römer", sagte Martha.
"Wie, bitte?"
"Römer", wiederholte die Kommunikationschefin der Beyonder.
"Feretti ist nicht hier, wenn du das meinst. Und er kommt auch aus Brooklyn, New York, nicht aus Rom", sagte Kurt.
"Nein, das war eine Eingabe über das Netz. Ein Vorschlag von Großgruppenführer Bernstein, kämpfende Truppe. Die Römer haben doch mit mannshohen Schilden gekämpft. Er fragt, ob ein Schutzschild immer energetischer Natur sein muss, oder ob er immer eine Sphäre bilden muss."
"Gute Frage."
"Ein Schutzschild orientiert sich an natürlichen magnetischen Wellen und Strömen, weshalb er zum Beispiel bei einem Schiff eben nicht stringent kugelförmig ist, sondern grob der Schiffsform folgt. Es ist theoretisch möglich, einen begrenzten Bereich mit einem Schirm auszustatten, der nur partiell wirkt, mit einer starken Mitte und ausfasernd an den Rändern. Dies kann erreicht werden, indem der Schild permanent neu aufgebaut wird, und dies in sehr hoher Fluktuation. Dieser Schild wäre in der Lage, zumindest Einzelbeschuss zu widerstehen. Allerdings bedeutet dies ein Platzproblem. Selbst mit der miniaturisierten Technik der Schöpfer bedeutet dies, dass der Mini-Raketenwerfer im linken Arm komplett entfernt werden muss. Die Hohlräume im Torso werden für die notwendige Erweiterung der Energieversorgung benötigt. Gesamtlaufzeit des Schirms beträgt nicht mehr als dreißig Minuten, und dies ohne Belastung von außen. Seine Größe beträgt, nur gemessen am schützenden Kern, nicht mehr als achtzig Zentimeter im Rund. Dies beinhaltet aber schon einen potentiell instabilen Rand. Zudem muss erst in Feldversuchen ermittelt werden, ob und wie der Träger bei durchgehendem Projektor oder explodierendem Akku Schaden nimmt."
"Aber es ist möglich."
"Ja."
"Dann denke ich", meinte der ehemalige Ritter, "haben wir heute viel erreicht. Treffen wir uns morgen wieder, um die Erfahrungen zu assimilieren zu können und reden wir dann über die Panzer." Der Varni streckte sich in einer fast menschlichen Geste. "Alex wird überrascht sein, was wir alles geleistet haben, wenn er von seinem Abenteuer zurückkommt."
"Ja, es ist wie immer: Ohne jemanden, der Fragen stellt, sucht man nicht nach Antworten", sagte Deavenport schmunzelnd. "Das war sehr produktiv."
"Die Frage ist nur, ob wir die Bewaffnung überhaupt noch brauchen werden, wenn Alex zurückkommt", sagte Kurt.
Enies Sörensen hob eine Augenbraue. "Wie meinst du das denn, Kurt?"
"Wir reden hier über Alex Tarnau. Was, wenn er zurückkommt, und er hat das Pes Takre schon besiegt?"
"Ja, das ist ein valides Argument", meinte el Tar. Auch der Varni-Chefingenieur nickte zustimmend.
"Gutes Argument", murmelte Deavenport und Lady, Enies und Martha machten Gesten der Zustimmung.
"Leute, das war ein Scherz", sagte Kurt. Er hielt kurz inne. "Oder doch nicht?"
"Vielleicht sollten wir nicht zu viel von ihm erwarten", sagte Martha. "Das führt nur zu Enttäuschungen. Mir persönlich reicht es schon, wenn er zurückkommt, seine Verletzung auskuriert ist und er in der einen oder anderen persönlichen Sache eine Entscheidung getroffen hat."
"Dem ist nichts mehr hinzu zu fügen", sagte Enies Sörensen.
Die anderen nickten zustimmend.
"Ja, manchmal finde ich die Trennung von Mann und Frau bei uns Varni in den Kriegstrossen doch eine recht gute Entscheidung", murmelte Porma el Tar leise. "Sie nimmt einigen Druck aus dem Intersozialen." Er sah auf. "Reden wir nicht über Alex Tarnau und seine Entscheidung für eine Lebenspartnerin?"
"Nein, tun wir nicht", sagte Martha. "Wir deuten es nur an."
"Oh, ich erkenne den Unterschied. Dann deute ich doch mal an, dass ein Mann wie Alex Tarnau auch hier das Unmögliche schafft."
"Und wie sieht dieses Unmögliche aus?", fragte Commander Sörensen.
"Wahrscheinlich so, dass er alle Männer unter uns Beyonder neidisch machen wird", schmunzelte Kurt.
***
Fast acht Lichtjahre entfernt schreckte Alex Tarnau von seinem Bett auf, auf dem er übrigens alleine gelegen hatte, und kämpfte mit einem heftigen Niesanfall. Als dieser sich wieder gelegt hatte, lehnte er sich wieder zurück und widmete sich der Lektüre eines frisch geschriebenen Buchs, das er als Hologramm, projiziert von seiner Schirmmütze, las. Es gab einige sehr begabte Autoren unter den Beyonder, wie er fand.
"Komisch. Muss jemand an mich gedacht haben", murmelte er. "Hoffentlich ging es um was Gutes."
Vielleicht war es ein gutes Zeichen für ihre weitere Reise. Zumindest hoffte er das.

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7. Kontakt
Das charakteristische AUUUUU AUUUUU der Schiffssirenen riss Tarnau aus seinem Bett. Was eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit sein sollte, denn das Letzte, woran er sich erinnern konnte, war, dass er vor der mikroinvasiven Operation eine Vollnarkose erhalten hatte. Er konnte sich nicht vorstellen, woanders aufzuwachen als auf der Krankenstation. Nie wären seine Ärzte so nachlässig gewesen, auf die vielfältigen Kontrollfunktionen der supermodernen Krankenbetten der Varni zu verzichten, um seinen Zustand optimal zu überwachen. Zwar waren die Uniformen darin auch ganz gut, aber auf dem Krankenrevier hätte ihm sofort geholfen werden können, hier aber war das nicht möglich.
„Alarm aus“, murmelte er, und seine Stimme wirkte irgendwie... Schaumig?
„Alarm aus“, bestätigte eine Stimme, die klang, als wäre sie das sechste Echo eines Echos. Das AUUUU verstummte tatsächlich. Tarnau blinzelte, blinzelte erneut. Ja, dies war sein Zimmer, das Admiralsquartier an Bord der HEIMWEH, also der Bereich, den er als Schlafzimmer nutzte. Einst hatte es Porma el Tar gehört, nun lag er darin. So spielte die Geschichte eben. Aber warum, das war die große Frage. „Kontakt zur Brücke. Was bedeutet der Alarm?“
„Kontakt zur Brücke nicht möglich“, sagte die gleiche Echostimme, die er schon einmal vernommen hatte. Wer war das? Der Schiffscomputer? Aber warum klang er so merkwürdig?
Warum...? Tarnau sah sich um. Ja, das war sein Zimmer. Er stand neben dem Bett. Der Alarm hatte ihn hochgetrieben, und bevor er sich versehen hatte, hatte er auch schon gestanden. Aber wo war seine Uniform? Er pflegte immer in der Uniform zu schlafen, oder zumindest im schwarzen Unterfutter einer Gefechtsrüstung. Aber, hier und jetzt, war er nackt. Nicht, dass ihn das störte, es passte nur nicht ins Gesamtbild. Ar Zykarta und van Holland hätten ihn niemals ausgezogen und ihn damit der permanenten Kontrolle entrissen. Unwillkürlich ging sein Griff zur Brust, zur Wunde, die ihm ein namenloser Varni-Scharfschütze durch die Rüstung und dann in die Brust gerissen hatte. Nur eine Wiederbelebung durch die Narbenpaste, wie die Beyonder das schwarze Gel nannten, das kleine und mittlere Verwundungen der Rüstungsträger heilen konnte, hatte ihm das Leben gerettet, aber ihn auch nachhaltig verwundet. Dazu kamen etliche Mikroschnitte, in denen ar Zykartas Operationsroboter in seinen Brustkorb eingedrungen war, um die vielen kleinen Metallsplitter zu entfernen, die sein Herz bedroht hatten, und... Merkwürdig. Er fühlte seinen Brustkorb, und dann doch wieder nicht. Es war... schwammig. Alex trat an den großen Wandspiegel heran und betrachtete sich. Er sah sich selbst, seine Augen, seinen Oberkörper, die Rechte, die auf ihm ruhte, das große Loch in seiner Brustbehaarung, das ihm für die Operation rasiert worden war - und wo der beinahe tödliche Schuss eine langwierige Regeneration von Knochen, Muskeln, Haut und weiteren Bestandteilen nötig gemacht hatte. Zumindest glaubte er das zu sehen, denn das Bild im Spiegel flackerte. Mal sah er sich mit unzähligen kleinen Pflastern bedeckt, die große Narbe auf der Brust, die vom Schuss noch immer zu sehen war, dann sah er sich selbst so, wie er vorher gewesen war. Unverletzt. Beide Eindrücke überlappten sich, aber keines konnte sich durchsetzen. Alex sah an sich herab und erkannte wieso. Der Spiegel war unschuldig. Tatsächlich war es sein Körper, der sich nicht entscheiden konnte. Tatsächlich war... dies ein Traum? Aber... So realistisch? Und er hatte wirklich nie zu jenen Menschen gehört, die in ihren Träumen interagieren konnten, die sich bewusst waren, dass sie träumten. Luzide Träumer, er hatte nie dazu gehört. Aber hier und jetzt fühlte er sich, als wäre er wach, und sein Körper wechselte ständig seine Daseinsform, während seine Hand nicht wirklich sein eigenes Fleisch ertastete. Ja, das war definitiv ein Traum. Er hob die Hand, betrachtete sie. Besah sie sich genauer, achtete auf ältere Details, kleinere Narben und dergleichen. Da war auf dem Daumen der kleine weiße Fleck, den er von einer Verbrennung vor acht Jahren davon getragen hatte. Am Mittelfinger war diese lange, hässliche weiße Narbe, wo er sich mit neun geschnitten hatte. War furchtbar am Bluten gewesen, aber er hatte sich wenigstens nicht die Sehnen verletzt. Und ja, da war der weiße Fleck auf dem Fingernagel seines kleinen Fingers, der auf seinen ständigen Kalkmangel hindeutete. Kalkmangel? Die Ernährung der Beyonder durch die Schöpfer war lückenlos. Der Anzug, die Uniform oder spätestens ar Zykarta hätte einen Nährstoffmangel bei ihm festgestellt und ihn behoben. Tatsächlich hatte er sich selten gesünder und besser ernährt, seit es die Beyonder-Pizza in seinem Leben gab. Er drehte die Hand. Da war dieser andere Schnitt, den er sich mit zwölf zugefügt hatte, um seine Lebenslinie zu verlängern. Aus der Hand lesen war Blödfug, aber das musste einem Zwölfjährigen erst erklärt werden. Jedenfalls hatte Alex damals entschieden, dass er wohl früh sterben musste, weil seine Lebenslinie so verdammt kurz war, also musste sie verlängert werden. Drei Zentimeter weiter, und er hätte sich eine Pulsader angeschnitten...
Er sah sich erneut um. Licht brannte. Nicht die Notbeleuchtung, die in den Raumschiffen der Beyonder immer irgendwo schien, denn ohne diese Lichtquellen war jede Kabine so absolut finster wie ein gut geschlossener und gut beerdigter Sarg, sondern die Hauptbeleuchtung. „Licht aus“, sagte er.
„Licht kann nicht gelöscht werden“, antwortete die Stimme von eben. Sie klang hinter ihm auf.

Langsam drehte sich Alex Tarnau um. Ja, sie war direkt hinter ihm erklungen. Nicht aus einem Kommunikationsfeld, nicht aus einem Lautsprecher, sondern hinter ihm.
Alex sah sein Bett, die gegenüberliegende Wand, in der eine Tür eingelassen war, die zum Hygieneraum führte, und... Sie.
Das Bett war groß, für einen Varni ausgelegt. Zwar hatte el Tar einen sehr spartanischen Lebensstil, aber ein Bett, in dem ein Varni Platz fand, hatte für einen Menschen noch immer die Ausmaße eines französischen Ehebetts. Es passten zwei hinein. Die Ironie war, es war gerade von einer zweiten Person belegt. Und diese Person erschien auf den ersten Blick weiblich zu sein. Allerdings auch auf den zweiten Blick. Und ein wichtiger Umstand kam hinzu: Er kannte die Person nicht.
„Dies ist ein Traum, richtig?“, fragte Alex Tarnau aus einem Impuls heraus.
Das fremde Wesen, grob einer menschlichen Frau nachempfunden, nickte. Alex versuchte, ihren Anblick einzuordnen, sie zu verstehen. Sie trug einen gelben Einteiler, der von den Knöcheln bis zum Hals reichte. Das Kleidungsstück wies keine Nähte oder Verschlüsse auf, war aber eng genug, um zu verdeutlichen, dass die fremde Person eine recht weibliche Hüfte, eine schmale Taille und eine frauliche Oberweite hatte. Der Kopf und die Hände waren verhüllt, auf den Füßen saß die Frau, Alex konnte sie nicht sehen. Aber er konnte sehen, dass der Hautton bronzeartig war, wie bei ar Zykarta. Für einen Varni war sie allerdings zu klein. Zudem hatte sie Haare, ein Umstand, den er bei Varni nie entdeckt hatte. Zwar produzierten sie Horn in Form von Fingernägeln – die sie im Übrigen kunstvoll gravierten, wann immer ihnen die Zeit dazu blieb – und tätowierten oder ritzten sich Symbole und Muster in die Haut, aber Haare, richtige Haare hatte Alex nie gesehen. Die Varni hatten nicht einmal Augenbrauen. Der Haarton der Frau war irgendwas zwischen braun und einem sehr dunklem Blond. Das Haar war mittellang und zu einer Frisur geschnitten, damit es einen gemeinsamen Abschluss hatte. Eindeutig frisiert, nicht natürlich gewachsen. Wenn er sie sich genauer betrachtete, dann war die Frau auch deutlich kleiner als ein Mensch. Nun, für eine Buschfrau hätte sie die richtige Größe gehabt, zugegeben. Summa summarum: Alex bezweifelte, dass sie ein Mensch war.
„Dies ist ein Traum“, bestätigte sie mit der Echo-Stimme, die er schon kannte. „Dein Traum, Alex Tarnau.“
Ihre Haltung kam ihm bekannt vor. Karate. Der Seiza-Sitz. Nicht zu angespannt, aber auch nicht zu bequem. Ihre Körpersprache drückte Ruhe aus, ihre Körperspannung war nicht auf sofortige Reaktionen ausgelegt. Kein Wunder, was sollte einem auch in einem Traum passieren, selbst wenn es der Traum eines anderen war? Sie strahlte keine Aggression aus, dafür aber Freundlichkeit und tiefe innere Ausgeglichenheit. „Und der Zweck dieses Traums ist?“, fragte Alex.
Die Frau lachte leise. Dies tat sie mit einer Sopranstimme, die angenehm in seinen Ohren wiederklang. „Woher soll ich das wissen, Alex Tarnau? Es ist dein Traum“, tadelte sie ihn milde.
„Hm.“ Alex stieg auf das Bett und ließ sich ebenfalls im Seiza vor der Frau nieder. „Zwei weitere Fragen, wenn ich darf.“
Sie nickte in westlicher Manier und gab damit ihre Zustimmung.
„Erstens: Was machst du also in meinem Traum? Und zweitens: Warum bin ich nackt, du bist es aber nicht?“
„Die zweite Frage lässt sich leichter beantworten als die erste.“ Sie griff sich an den Kragen und zog daran. Eine zuvor unsichtbare Naht öffnete sich und spaltete den Einteiler bis zu ihrer Scham. „Wenn es dich stört, dass ich angezogen bin, entkleide ich mich, um mich dir und deinen kulturellen Standards anzupassen.“ Sie entledigte sich des oberen Teils des Kleidungsstücks, öffnete auch auf den Beinen Nähte, erhob sich kurz und zog dann alles nach hinten weg. Alex musste zugeben, der Einteiler hatte ihn ziemlich gut getäuscht. Die junge Frau hatte wesentlich mehr Busen als das Kleidungsstück verraten hatte.
„Besser?“
Alex hütete sich, mit ihr eine Diskussion über seine Sozialstrukturen, antiquierte Konzepte wie Schamgefühl oder Moral und Sitte aus Mittelalterzeiten zu beginnen. Stattdessen nickte er nur.
„Was die zweite Frage angeht, so kann ich diese nicht so leicht beantworten. Ich bin... Zufällig auf dich gestoßen. Du hast mich neugierig gemacht. Und als mehrere positive Faktoren zusammengetroffen sind und mir die Chance gegeben haben, habe ich mich dazu entschlossen, dich endlich zu treffen. Als du in das Sonnensystem mit der Welt gesprungen bist, die du Goronkar nennst, hatte ich diese Gelegenheit.“
„Gelegenheit?“
Die Frau zuckte in westlicher Manier die Achseln. „Zeit, Gelegenheit, relative Nähe zueinander und eine Affinität zueinander, die wohl das wichtigste Element ist. Du wirst dich jetzt sicher einiges fragen, und auf vieles davon habe ich keine Antwort oder kann sie nicht geben. Aber eine Frage kann ich dir beantworten, bevor du sie gestellt hast. Allerdings musst du selbst entscheiden, ob du mir glaubst, oder ob du mir nicht glaubst.“
„Gut. Und diese Antwort ist?“
„Ich bin nicht Angehörige des Pes Takre, Alex Tarnau.“
Alex musterte die Frau genau, sah ihr in die Augen, suchte nach kleinsten Anzeichen, die ihm verrieten, dass sie log; die Augenmuskeln kontraktierten nicht, keine Hand ging unbewusst zum Mund, sie sah ihm weiter geradeheraus in die Augen. Gut, dies war ein Traum, daher waren körperliche Reaktionen nicht unbedingt das, was sie in der Realität waren. Aber alles in allem, wenn er seinem Gefühl traute, dann spürte er, dass sie tatsächlich nicht log. Nur, wie zuverlässig war dieses Gefühl? Und wie sehr wurde er darin gesteuert, genau das zu empfinden?
Ihr Lächeln wurde ein breites Grinsen. „Du misstraust mir dennoch. Du misstraust dir selbst.“
„Ich gebe zu, das geht mir durch den Kopf“, gestand Tarnau. „In einem Traum ist alles möglich und alles nicht wirklich vorhanden.“
„Das stimmt. Aber es gibt eine Sache, die auch in einem Traum real ist.“
Interessiert sah er die Fremde an. „Und das ist?“
„Eine Information. Wenn sie stimmt, ist sie im Traum so real wie im echten Leben, Alex Tarnau.“ Ihr Grinsen wurde breiter. „Möchtest du diese Information haben?“
„Was hast du davon?“
„Nenne es einen ersten Schritt, um Vertrauen aufzubauen. Ich weiß nicht, wie lange du noch leben wirst, wie gut du den Varni widerstehen kannst, wie gut dem Pes Takre, aber, Alex Tarnau, ich bin gerne bereit, dir unentgeltlich ein wenig Hilfestellung zu leisten. Und wenn du mir dann vertraust und dann noch lebst, können wir tatsächlich über... Ein Bündnis nachdenken.“
„Wer bist du? Was bist du?“
Das Grinsen der Frau verzagte kurz, wich einem nervösen Lächeln. Sie biss sich auf die Unterlippe. „Das ist schwierig zu erklären. Mein Name ist... Linh. Das kann ich dir sagen, ohne mich selbst in Gefahr zu begeben. Was ich bin, ist... Nicht ganz klar, selbst für mich nicht. Aber ich kann dir sagen, dass ich ein Hybride bin. Nicht natürlich gezeugt und natürlich geboren, sondern im Labor erzeugt und in einer künstlichen Gebärmutter ausgereift und dort auch geboren. Aber ich hatte liebevolle Eltern und eine wundervolle Umgebung, die mich als das akzeptiert hat, was ich war und was ich heute bin. Und das nicht nur, weil ich für sie wichtig bin. Zumindest hoffe ich das.“
„Ein Hybride aus was?“
„Ist es nicht offensichtlich? Aus dem Genmaterial der Schöpfer und dem der Varni.“
Tarnaus Augenbrauen wanderten in die Höhe. Na, wenn DAS eine natürliche Zeugung gewesen wäre... Das hätte etwas von irischem Hütehund und Chihuahua gehabt. „Das hat funktioniert?“
„Ich lebe, wie du siehst. Und dieser Körper funktioniert zufriedenstellend“, erwiderte Linh. „Das heißt, ja, es hat funktioniert, Alex Tarnau.“
„Ihr seid recht fortgeschritten zu sein, du und deine Gesellschaft.“
Für einen Moment schien sie nach innen zu sehen, bevor sie zustimmend nickte. „Ja, das sind wir. Aber leider haben wir es deswegen nicht leicht. Im Gegenteil, wir werden Hilfe brauchen. Und das schon bald. Eventuell deine Hilfe, wenn du dann noch lebst, Alex Tarnau.“
„Dann nehme ich die Information an. Ich werde dich in Zukunft an deinen Taten messen.“
Sie verbeugte sich mit einem zufriedenen Lächeln leicht vor ihm. „Akzeptiert, Herr der Beyonder. So nimm dies: Die Velacci, die Händlerkaste des Pes Takre, ist mit einem halben Dutzend Schiffen in diesem System unterwegs, um den hiesigen Tross zu versorgen. Eines von ihnen startet gerade von Goronkar, jener Welt, die dein Ziel ist. Fang es ab, bring es auf, und du wirst einige Überraschungen überleben. Die meisten werden für dich positiv sein. Ach, und wenn ich schon dabei bin: Achte auf deinen Override-Code, Alex Tarnau.“
„Ich werde das, was du gesagt hast, überdenken und mich dann für ein Vorgehen entscheiden“, sagte Alex. „Auf jeden Fall bedanke ich mich für dein Vertrauen. Wenn du für meine Sache nützlich bist, und wenn ich es für deine sein kann und wir tatsächlich Vertrauen aufbauen können, verschließe ich mich nicht. Hast du noch etwas für mich?“
„Eine weitere Information. Die ist aber nicht so sehr wichtig.“
„Okay. Und die wäre?“
„Du musst jetzt aufwachen, Alex Tarnau.“ Sie griff hinter sich, zog den gelben Einteiler heran, entfaltete ihn und legte ihn sich über den Rücken. Sie schlüpfte in die Ärmel, und wie von Geisterhand schloss sich über ihrer Brust die Naht.
„Wie, aufwachen?“
„Einfach aufwachen, Alex Tarnau.“ Sie lächelte erneut – und verschwand.

„...aufwachen“, klang eine vertraute Stimme an sein Ohr. „Und zwar jede Sekunde.“
Was? „Was?“ Tarnau fuhr hoch. „Ich bin wach. Ich bin wach.“
„Whoaa, Großer, nicht so schnell. Du hast eine Vollnarkose hinter dir und solltest dich noch nicht aufsetzen können“, sagte eine zweite Stimme, die von Andy. Er war es auch, der Tarnau wieder auf die Liege drücken wollte.
Alex wehrte ab. „Schon gut, ich bin fit. Aber das liegt nicht an mir. Doktor ar Zykarta, was wissen Sie über Telepathie?“
„Wieso fragen Sie das, Ren?“
„Weil ich entweder einen ziemlich merkwürdigen Traum hatte, oder ein kleines Vögelchen hat mir telepathisch einen Tipp gegeben, der aber genauso gut eine Falle sein kann.“
„Einen Tipp für was?“, fragte Andy.
„Einen Tipp für eine handfeste Überraschung.“
„Gut. So was mag ich“, sagte Andy grinsend.
„Langsam. Satteln wir das Mulak nicht von links, meine Herren. Was genau haben Sie erlebt, Ren?“
In kurzen, prägnanten Worten erzählte er von seinem Traum und von seiner Begegnung mit Linh. Dann schilderte er ihr Gespräch, wie sie sich auszog, um sich dem nackten Alex anzupassen, und dass sie erwähnt hatte, sie wäre aus Varni-, und Schöpfergenen gezüchtet worden. Schließlich endete er mit dem Tipp, das startende Velacci-Schiff betreffend.
„Was denkt Ihr? Wie vertrauenswürdig ist diese Frau? Und wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass meine Narkose mich lediglich auf einen üblen Trip geschickt hat?“
„Verzeihung, aber ich bin immer noch wie narkotisiert von der Formulierung, Linh wäre aus Schöpfergenen und Varnigenen erzeugt worden“, sagte der Varni-Arzt. Seine Stimme klang dabei so rau, dass „narkotisiert“ als falsche Bezeichnung erschien. „Erschüttert“ traf vielleicht besser zu. „Wie groß, sagten Sie, Ren, war Linh?“
„Klein. Nur etwas größer als ein Schöpfer.“
„Wenn sie Varnigene hat, müsste sie irgendwas um meine Körpergröße haben. Eigentlich. Ich wüsste zu gerne, wer sie erschaffen hat. Denn war es das Pes Takre, dann haben wir ein Problem.“
„Das sehe ich genauso. Deshalb sollten wir die Belastbarkeit ihrer Aussagen so früh wie möglich überprüfen.“
Die anderen beiden nickten.
„Gut. Habe ich die Erlaubnis, die Krankenstation zu verlassen, Doktor?“
„Nein.“
„Es ist ein Notfall.“
„Nein. Aber Sie dürfen von hier aus per Hologramm an einer Konferenz teilnehmen, Ren.“
Alex seufzte. Mehr war wohl nicht rauszuschlagen.
„Dann kontaktiert bitte die FEARLESS und die COURAGE. Wir müssen reden. Ach, und Andy, irgendwelche besonderen Aktivitäten im System, seit wir reingesprungen sind?“
„Ein gewisser Verkehr in das System rein und aus dem System raus. Nichts, was die HEIMWEH gefährden könnte, aber unser Kahn ist sowieso das stärkste Schiff im ganzen Sektor. Zudem fahren wir im Tarnkappenmodus. Der Herold hat versprochen, dass unser Riesenkahn damit verschwindet wie ein Wassertropfen in einem Ozean, und ich denke, er hat Recht. Hätten uns die Varni entdeckt, wäre bereits das ganze System in heller Aufregung.“
Tarnau nickte bestätigend. „Wir bleiben dennoch vorsichtig. Zumindest so vorsichtig, wie es uns möglich ist. Identifiziere das Schiff, von dem Linh mir berichtet hat, und folge ihm unauffällig mit der Flottille. Sobald sie springen, will ich hinterher. Und wenn im nächsten System kein Verkehr ist, krallen wir uns die Velacci. Was haben wir schon zu verlieren?“
„Dieses Schiff, die Beyonder, den Krieg, die Menschheit, einfach alles?“ Andy winkte ab. „Schon gut, das war eine unpassende Feststellung. Tatsache ist, wir haben das kampfstärkste Schiff im gesamten Umkreis des Pes Takre, und wir beherrschen es jeden Tag ein wenig besser. Um uns gefährlich zu werden, braucht es ganze Flotten, und die sollten wir mit den um den Faktor zehn verbesserten Ortungsgeräten der HEIMWEH doch entdecken können. Also los, krallen wir uns die Velacci.“
„Ja, wir bleiben extrem vorsichtig“, murrte Tarnau in Antwort auf die unpassende Feststellung des Freundes.
„Dann ist ja gut. Konferenz in zehn Minuten.“ Andy winkte und verließ das Krankenzimmer.

Besagte zehn Minuten später stand die holographische Konferenz, die auf kürzeste Distanz mittels Laserkommunikation zwischen der HEIMWEH, der FEARLESS und der COURAGE abgehalten wurde, um ein zufälliges Abhören zwischen dem Schweren Kreuzer und den beiden Begleitfregatten unmöglich zu machen.
Erneut schilderte Alex Tarnau seine Erlebnisse im Aufwachtraum, beschrieb Linh, gab ihre Worte wieder und sprach dann von der ominösen Gelegenheit, die sie ihm versprochen hatte.
Keene Richards, Kommandeur der COURAGE, trommelte nervös auf die Tischplatte vor sich, die aber nicht im holographischen Erfassungswinkel der 3D-Kamera war. „Das riecht nach Falle. Und dann wieder doch nicht. Würde ich versuchen, den Chef zu schnappen, würde ich ihn von Bord locken. Würde ich versuchen, die HEIMWEH zu vernichten, würde ich das von innen tun. Stattdessen will diese Linh von uns, dass wir die Initiative ergreifen. Ollie, was denkst du?“
Kapitän Rochelles Miene war undurchsichtig wie selten. „Mich beschäftigt eher die Frage, warum sie sich ausgezogen hat.“ Abwehrend hob er die Hände. „Nicht deswegen. Ich sage ja nur, wenn es ein telepathischer Kontakt war, welcher Art war er? Sie hat mit Ihnen in der Verkehrssprache des Pes Takre gesprochen, nehme ich an. Und sie kannte Ihren Namen. Weiß Linh nun alles über Sie, und vielleicht auch über uns? Aber warum hat sie Sie dann missverstanden und sich ausgezogen?“
„Ein Täuschungsmanöver vielleicht“, sagte Natsumi nachdenklich. „Ein Schachspiel um fünfzig Ecken, und wir stolpern unvorbereitet hinein und werden ihre willigen Spielfiguren.“
„Möglich“, kommentierte ar Zykarta. „Aber wir sollten auch bedenken, dass sie eine potentielle Verbündete ist, die... Nun, wenn es kein besonders intensiver Traum ohne Bedeutung war, den Alex da geträumt hat, dann ist sie ein Wesen, das über gewisse Fähigkeiten verfügt, die wir nicht haben. Es könnte nützlich sein, mit ihr zusammenzuarbeiten.“
„Es könnte uns auch in den Untergang führen“, wandte Rochelle ein. „Aber sind wir da nicht eh stets mit einem Bein? Da draußen sind noch fast neunhunderttausend Menschen verschollen, die Zeit wird knapp für uns. Wir sollten jede Hilfe annehmen, die sich uns bietet, meine Damen und Herren. Außerdem sollten die HEIMWEH und die beiden Fregatten mit ihrer überlegenen Technologie in der Lage sein zu erkennen, ob wir uns in die Nähe einer fliegenden Bombe begeben, die uns mitsamt dieses Quadranten aus der Raumzeit putzt. Letztendlich ist die Technologie der Schöpfer jener des Pes Takre überlegen.“
„Das würde den Aufwand rechtfertigen, wenn es eine Falle ist“, sagte Jennifer Philips. „Immerhin sind wir eine besondere Beute.“
„Ren“, sagte Richards mit fester Stimme, „ich melde mich mit der COURAGE freiwillig, um das Velacci-Schiff aufzubringen und auf Herz und Nieren zu untersuchen. Sollten wir in eine Falle fliegen, wäre der Verlust einer Fregatte, wenn es denn überhaupt zu diesem Verlust kommen würde, nicht so gravierend, wie als wenn es die HEIMWEH erwischen würde. Außerdem haben wir in diesem System noch eine weitere Aufgabe, und die HEIMWEH ist mehr dazu geeignet, um diese auszuführen, als die Fregatten. Wir müssen nach Goronkar und dort versuchen, Überlebende der Kämpfe zu finden. Falls es überhaupt Kämpfe gegeben hat.“
„Dafür“, sagte Andy spontan. Auch die anderen Offiziere erklärten ihre Zustimmung.
„Dagegen!“, kam es von Rochelle. „Keene, bei allem Respekt, aber warum soll nicht die FEARLESS den Job machen? Meine Leute haben einen halben Monat Vorsprung in der Ausbildung, das könnte sich bei der Interpretation der Ortungsdaten als hilfreich erweisen.“
„Wer zuerst kommt, mahlt zuerst, kennst du den Spruch, Ollie?“, fragte Richards grinsend. „Und wer sich zuerst meldet, bekommt den Zuschlag. Wir...“ Keene Richards verstummte verblüfft. „Ren, was...“
Tarnau war kreidebleich geworden. Er griff sich an die Brust, seine Hand verkrampfte sich im schwarzen Unterfutter, das er trug.
„Ren, ist alles... Doktor?“
„Bin auf dem Weg!“
„Nein, schon gut, es ist nichts körperliches in dem Sinne“, sagte Alex hastig. „Es ist nur so, dass dieses Ding mir gerade Probleme macht.“ Er deutete auf die Schirmmütze seiner Uniform, mit deren Hilfe er an der holographischen Konferenz teilnahm. „Genauer gesagt wurden auf Goronkar gerade zwanzigtausend Funkkreise freigeschaltet. Wenn man die Zeitdilatation durch die Entfernung berücksichtigt, also vor fünf bis sechs Stunden.“
Die Offiziere wechselten überraschte Blicke. Der Override-Code, von dem jeder von ihnen einen beträchtlichen Teil hatte. Den ganzen Code aber besaß nach wie vor nur Alex Tarnau, und er hatte auch nicht die Möglichkeit, ihn abzugeben. Nicht zur Gänze. Damit sicherten sich die Schöpfer eine gewisse Hierarchie bei den Beyondern.
„Also gut“, sagte Tarnau, „wir machen es wie folgt: Keene, Sie jagen den Frachter und bringen ihn auf, allerdings bereits in diesem Sonnensystem. Anschließend kommen Sie mit ihm nach Goronkar. Olivier, Sie begleiten die HEIMWEH zum Planeten. Dort angekommen vernichten wir die Orbitalverteidigung und landen unsere Bodentruppen. Und dann versuchen wir, den Menschen da unten so schnell wie möglich zu Hilfe zu kommen. Denn ich fürchte...“
„Du fürchtest, dass sich die Zahl der Kontakte ganz schnell auf einhunderttausend erhöhen kann, nicht?“, fragte Andy.
„Oder noch mehr. Vergiss nicht, auf Sommertraum haben uns rechnerisch zehntausende entführte Menschen gefehlt. Juri, Natsumi, macht eure Leute einsatzbereit. Es wird wahrscheinlich eine heiße Landung für sie.“
„Verstanden, Ren.“
„Stonefield soll seine Riflemen bereit halten. Eventuell finden wir ein paar Ziele, die wir besser mit Scharfschützen angehen sollten als mit einer Abteilung Panzer und Rüstungen.“
„Ich gebe es nach unten weiter“, versprach Malenkov.
„Und Duvalle, Ihr Team als Kontaktgruppe der Infanterie wird, sobald wir in Echtfunkreichweite sind, die Kontakte anfunken, sie über ihre Situation aufklären, ihnen Hilfestellung anbieten und sie zu Kreisen zusammenfügen, soweit das noch nicht passiert ist. Anschließend helfen Sie bei der Koordination zwischen ihnen und uns. Das schließt auch einen Kampfeinsatz ein.“
Der junge Mann nickte schwer. „Verstanden, Ren. “
„Ich werde den Einsatz leiten, allerdings von Bord der HEIMWEH aus, damit meine Ärzte keinen Herzinfarkt kriegen.“
„Nicht nur die Ärzte“, nuschelte jemand und hatte wohlmeinendes Gelächter auf seiner Seite. Alex überging das, grinste aber wehmütig. Bald, bald würde der Tag kommen, an dem er sich nicht mehr schonen musste. Ja, bald... „Andy, scheiß auf Streuemissionen, die unsere Tarnung durchdringen könnten. Bring uns ran, so schnell es geht.“
„Versteht sich von selbst.“
„Na dann, lasst uns die Menschen von Goronkar retten.“ Wilde Hoffnung stieg in ihm auf. „Und lasst uns hoffen, dass es noch siebenmal geschehen wird, dass die Schöpfer ihre Menschen dann in die Schlacht schicken, wenn wir ihnen helfen können.“
Die Offiziere murmelten zustimmend, dann schalteten sie nach und nach ab, um sich den Vorbereitungen zu widmen. Zurück blieb Alex Tarnau. Auch das würde nicht mehr lange so bleiben, wenn van Hollands und ar Zykartas Therapie erfolgreich anschlug.
***
Wie der Zufall es wollte, erreichte die COURAGE ihr Ziel zuerst. Was nicht verwunderlich war, denn erstens war die Fregatte nicht nur schneller als der Frachter, sondern auch erheblich schneller als die HEIMWEH. Zudem war der Frachter näher als der Planet, und die COURAGE hatte nur ein geringes Anpassungsmanöver fliegen müssen.
„Ja, Himmel, was ist das denn?“, fragte Richards überrascht, als die Kameras die erste Großaufnahme des immerhin fast achthundert Meter langen und an der dicksten Stelle dreihundert Meter breiten Frachter auf den Hauptbildschirm brachte. „Das ist kein Raumschiff, das ist ein Lego-Baukasten!“
Jeanne Bouvier, seine Erste Offizierin, verschluckte sich an ihrem Lachen, bevor sie wieder ernst wurde. „T'schuldigung, Ren.“
„Lachen Sie nicht über mich, erklären Sie mir lieber das da.“ Richards deutete auf die Abbildung des Schiffs. Im Holokubus mitten in der Zentrale entstand ein dreidimensionales Modell anhand der ersten Ortungsdaten. „Ich meine, wir sind hier im verdammten Weltraum, und das Ding sieht aus wie... Wie ein Stapel Wetterballons, die man mit Pattex zusammengeklebt hat.“
„Und mehr braucht man auch nicht im Weltraum“, sagte sie mit todernster Miene. „Ein Frachter braucht nur ein stabiles Chassis, ein paar Verankerungsmöglichkeiten für die Fracht, und eine stabile Hülle dort, wo Leben existieren muss, wie wir es kennen.“
„Ja, aber... Warum? Ich weiß, unsere Hülle besteht aus dreißig Zentimeter strukturverdichtetem Stahl der Schöpfer, und das war vorher etwas, was die Varni mit einem Meter ihres besten Stahls nicht erreicht hatten.“
„Aber mehr braucht es nicht. Ich will es für einen Laien erklären. Ohne arrogant wirken zu wollen, Ren.“
„Nur zu, ich lerne immer gerne dazu“, sagte Richards. Wohlmeinendes Gelächter klang in der Zentrale auf.
„Der Fakt ist, das Ding da ist ein Frachter, kein Kriegsschiff. Zudem wird dieser Frachter nie in die Verlegenheit kommen, freiwillig in die Atmosphäre eines Planeten hinabzusteigen. Und wenn er es doch tut, wird ihn ein starker Schirm schützen, und er wird gemächlich hinab steigen. Unsere gute COURAGE ist ein Kampfschiff. Neben den starken Schilden, die uns vor Feindfeuer beschützen, sind wir auch noch schwer gepanzert, und das in mehreren Schalen, sodass ein Schuss, der die äußere Hülle durchbricht, nicht bis in die mittlere Hülle oder gar die innere Hülle gelangen kann. Zumindest sollte er das nicht.“
„Verstehe. Weiter.“
„Wenn man diese Schutzmaßnahmen nicht braucht, dann genügen ein Schutzschild gegen kosmische Strahlung und Mikrometeoriten und eine Hülle, die das Vakuum draußen und die Atemluft drinnen hält.“
Verdutzt sah Keene seine Stellvertreterin an. „Was? Sie wollen mir sagen, man kann da draußen auch mit einem Plastikschiff fliegen?“
„Ja“, erwiderte sie schlicht. „Muss nicht mal dicht sein. Wir könnten auf der Erde mit unserer Technologie jederzeit so ein Ding bauen. Oder etwas, das eine Art Schlepper wäre, und wir hängen da dann nur noch ein paar Dutzend Flöße an, auf denen wir die Fracht befördern. Da die Erde aber über keine Schildtechnologie verfügt, bräuchte das Schiff für den Notfall einen stark gepanzerten Raum, in dem die Crew vor einem harten Strahlenschauer sicher wäre. Zum Beispiel, wenn es auf der Sonne zu einem starken Ausbruch kommt. Oder wenn zufällig ein Stern in der Nähe hochgeht und einen Gammablitz durch das Universum jagt.“
Richards schnaufte leise aus. „Na, das müssen ja friedliche Zeiten im Pes Takre sein, wenn die Frachtschiffe derart ungeschützt unterwegs sind.“
„Entweder das“, warf sein Namensvetter Keene Daynes, der Chef seiner Infanterie, ein, „oder es gibt keine Piraterie. Bleibt noch die Frage, ob sie im Krieg mit uns davon ausgehen, dass wir keine eigenen Schiffe haben und ihre Frachter deswegen ungeschützt sind, oder ob sie den Verlust einiger Frachter für nicht so schlimm halten.“
„Oder Möglichkeit Nummer drei: Dieser Frachter gehört nicht den Velacci, sondern einem eigenen Unternehmen, und das spart an allen Ecken und Enden“, fügte Bouvier an. „Aber, um das vorweg zu nehmen, dies ist der Frachter, den wir suchen, Ren.“
„Hm. Hm. Hm.“ Keene musterte seinen Namensvetter. „Mr. Daynes, schaffen Ihre Leute das?“
Großgruppenführer Daynes trat an das Hologramm heran, gab leise Anweisungen an den Bordcomputer und besah sich die Veränderungen. „Siebzig bis neunzig Prozent des Schiffs sind von innen nicht zugänglich, wie es scheint. Es sind reine Frachtabteilungen. Einige sind dabei nichts weiter als riesige Flöße, auf denen die Frachtcontainer aufgestapelt sind, andere sind gewaltige Dome, auf denen Selbsterhaltungsapparaturen für Wärme und Atemluft sorgen. Die sind aber klar in der Unterzahl. Das eigentliche Schiff ist diese rund siebzig Meter lange und fünfzig Meter hohe und breite Bugsektion. Es ist unübersichtlich, verwinkelt, ebenfalls mit Fracht vollgestopft, aber ein überschaubarer Raum. Ja, ich traue mir zu, dieses Ding zu entern und zu übernehmen, Ren.“
„Dann holen wir uns das Ding, und schauen wir mal nach, was das für eine Überraschung ist, die Linh uns da versprochen hat.“
„Vielleicht ist es eine Falle“, warf Jeanne Bouvier ein.
„Ja, wäre das nicht nett?“, scherzte Keene Daynes. Zumindest glaubte Richards, der Infanterist hatte gescherzt.
***
Die Ortungen und Hochrechnungen hatten ergeben, dass die Gänge innerhalb des Frachters groß, aber nicht geräumig waren. Also entschied sich Daynes gegen der Einsatz sowohl der Rhino-Panzer als auch der Wolf-Panzer, nahm sie aber per Pendler mit „rüber“, während die COURAGE deutlich Abstand hielt. Es wäre eine Untertreibung gewesen, hätte man gesagt, dass sich die Infanteristen in ihren Gefechtsrüstungen bei diesen Vorsichtsmaßnahmen nicht mulmig fühlten. Aber die sechzig Mann, aufgeteilt auf vier Gruppen, die Daynes je auf einem Pendler an vier verschiedene Schotts des Frachters bringen ließ, um das Schiff von vier Seiten zu nehmen, hatten sich durchweg freiwillig gemeldet. So hatten es auch die restlichen neunzig Infanteristen an Bord der Fregatte gemacht, aber nach Daynes Meinung waren sechzig Beyonder mehr als genug, um das Schiff zu nehmen. Und sollte doch mehr Feuerkraft gebraucht werden, so war die COURAGE in der Nähe und konnte jederzeit den Rest des Infanteriekontingents rüber bringen. Wenn es keine Falle in Form einer Bombe war, sondern eine Falle, die Beyonder einfangen sollte, dann würde Richards die volle Feuerkraft seines Arsenals auspacken und möglichst viele Beyonder wieder raushauen.

„Also noch mal für die Amateure unter euch“, sagte Daynes. Damit hatte er die Lacher auf seiner Seite, denn die sechzig Mann, die er ausgesucht hatte, waren zwar Beyonder, gehörten aber zu jenen zwanzigtausend Männern und Frauen, die nicht nur Kampferfahrung bei der Eroberung von Porma el Tars Flotte gesammelt hatten, sondern bereits auf der Erde Soldaten gewesen waren. „Der Prallschirm des Velacci-Frachters umspannt das Schiff als längliche Blase in rund zwanzig Kilometern Abstand. Der Schirm hält kosmische Strahlung und kleinere kosmische Trümmerstücke draußen, mehr leistet er nicht. Für größere Brocken verfügt der Frachter über kleine Partikelkanonen, die aus den großen Trümmern kleinere Trümmer machen, mit denen der Schirm dann fertig wird. Der Punkt ist, unsere Pendler können und werden diese Schilde durchschlagen. Das wird einen Alarm auslösen. Wir werden dann aber noch acht Minuten brauchen, um das Schiff zu erreichen, und danach noch einmal fünf bis zehn Minuten, bis wir entweder andocken oder uns einen eigenen Eingang schaffen können. Danach liegen folgende Ziele an: Möglicher Widerstand wird niedergekämpft und vier Brückenköpfe im Frachter, vornehmlich in dem Teil, der von der Mannschaft genutzt wird, besetzt. Anschließend gehen Gruppe eins und zwei gegen Brücke und Maschinenraum vor. Gruppe drei und vier erobern die Mannschaftsquartiere und setzen die Crewleute fest, soweit sie nicht in Abwehrstellungen stehen oder auf ihren Posten sind. Sind Brücke, Maschinenraum und Quartiere gesichert, werden von jeder Gruppe zehn Mann freigestellt, die das Schiff von oben bis unten durchsuchen. Und um auf Nummer sicher zu gehen, auch den nur durch den Weltraum zugänglichen Teil mit der Frachtsektion. Fragen? Keine? Gut. Aufschlag auf den Schirm in zwei Minuten.“

Eine angespannte Stimmung erfüllte die Pendler. Nervosität auch. Es bestand nach wie vor eine geringe Chance, dass der Frachter tatsächlich eine riesige Bombe war, die hochging, wenn die Pendler nahe genug oder gar angedockt waren. Genauso bestand die Chance, dass der Frachter mit Infanterie vollgestopft war, die versuchen würde, die Beyonder in Fetzen zu reißen und dann mit ihren eigenen Pendlern die COURAGE zu erobern. Und dann war da noch die Möglichkeit, dass sie einen Frachter voller Handelsschiffer aufbrachten, die von Kampf und Krieg keine Ahnung hatten und sich relativ schnell ergeben würden. Nur, wo war dann die Überraschung, die dem Chef versprochen worden war?
„Kontakt!“, meldete Daynes, als ein kleiner Ruck durch die vier Pendler ging, während sie den Prallschirm durchstießen. An Bord des Frachters, einhellig von den Beyondern als Lego-Klasse getauft, würde nun ein Alarm losgehen und zusehends nervöser werdende Raumfahrer würden versuchen, den Grund für die vierfache Penetration auf ihre Ortungsschirme und auf ihre Kameras zu bekommen. Keene kannte weder den Ausbildungsstand noch die Wartungsqualität an Bord des Frachters und konnte daher nicht einschätzen, wie ernst die Crew den Alarm nehmen würde. Oder ob es überhaupt einen Alarm gegeben hatte, geschweige denn einen vierfachen. Allerdings war er nicht bereit, einem unbekannten Feind Unfähigkeit oder Nachlässigkeit zu unterstellen und die eigenen Vorbereitungen schleifen zu lassen. Deshalb hatte er seine Leute auf den Worst Case vorbereitet, nämlich dass sie nach dem Andocken und dem Öffnen der Innenschleusen in eine ganze Reihe Waffenmündungen, vielleicht sogar Kanonen, schauen würden. Genau für diesen Fall standen jeweils der eine an Bord jedes Pendlers befindliche Rhino-Panzer ganz vorne und würde der Infanterie den Weg freiputzen, so es nötig wurde.
„Fliege Anpassung“, klang die Stimme des Piloten in seinem Helm auf. Es wurde ernst.
„Bereit machen!“, rief er überflüssigerweise und schloss seinen Helm. Ab jetzt mussten sie mit allerlei Schweinereien rechnen, inklusive Giftgas. Auch die Helme der anderen Beyonder, so sie es noch nicht waren, fuhren nun zu. Die ersten gepanzerten Gestalten nahmen hinter dem Rhino und links und rechts vom Schott Aufstellung. Sie würden die ersten sein, die rüber gehen würden, egal was sie erwartete. „Hoffentlich keine Explosion“, murmelte Keene mehr zu sich selbst.
„Was?“, fragte jemand.
Mist, das war wohl zu laut gewesen. „Hoffentlich jagen wir den Velacci nicht aus Versehen mit einem Fehlschuss in die Luft. Er sieht so zerbrechlich aus“, sagte Keene hastig.
Gelächter erklang, freies, amüsiertes Gelächter, kein erzwungenes. Es war, als würde ein Teil der Anspannung von den Leuten abfallen. Auch Keene fühlte sich, als könne er nun freier atmen. Etwas, zumindest. Immerhin hatte er für vier Gruppen Infanterie, die Besatzung von vier Pendlern sowie die Besatzungen von acht Wolf-Panzern und vier Rhino-Panzern die Verantwortung.
„Touchdown in zehn... In acht... In fünf... In drei... Touchdown.“
Eine kaum wahrnehmbare Erschütterung ging durch den Pendler, als das gigantische Gebilde an dem noch imposanteren Frachter andockte. Das ferne Kreischen der metallenen Klammern des Pendlers, die sich untrennbar mit dem Velacci-Schiff verbanden, gellte einher.
„Los jetzt!“, gellte Daynes Ruf durch die Halle. Er aktivierte die Tarnung, und seine Leute taten es ihm nach. Dann war der große Moment gekommen: Das Schleusentor ging auf, die Schleuse des Frachters öffnete sich, und... Nichts geschah. Der Gang dahinter war leer. Der Funk erwachte zum Leben und ließ Keene daran teilhaben, wie es den anderen drei Pendlern erging. Die Kontakte leuchteten dabei auf und informierten ihn darüber, wer die Meldung abgab. „Keine Gegenwehr.“ „Niemand zu sehen.“ „Haben einen Matrosen überrascht, aber keine Gegenwehr.“
Keene räusperte sich. „Auch hier keine Gegenwehr, keine Soldaten. Wir übernehmen das Schiff nach Plan.“
Dies war das Signal für die erste Gruppe, einen Brückenkopf im Schiff aufzubauen. Die Infanteristen durcheilten die Schleusen, passierten den dahinter liegenden Gang, der bereits im Frachter lag, und bildeten eine Verteidigungsstellung bei der ersten Kreuzung, die sie erreichten. „Sicher!“
Nun folgten die restlichen zehn Mann der Truppe, und damit auch Daynes. „Weiter! Weiter! Zur Brücke!“, kommandierte er. Das lief gut, viel zu gut. Verdammt.

Inmitten seiner Leute stürmte er die Gänge und Hallen entlang. Die Innenarchitektur des Frachters schien dabei einem bestimmten Schema zu folgen: Fracht hat Vorrang, gehen kannst du da, wo noch Platz ist. Das machte aus dem Vorankommen ein nicht ganz so lustiges Rätselspiel, weil Gänge abrupt abbrachen und Dutzende Meter versetzt weiterführten. Oder man musste eine Halle nehmen und dort den Weg fortsetzen. Das Schiff war unübersichtlich, verschachtelt und teilweise sogar unlogisch aufgebaut. Wie geschaffen für einen Abwehrkampf. Nur gab es keinen Abwehrkampf.
„Haben den Maschinenraum erreicht. Keine Gegenwehr. Setzen sechs, nun, Matrosen fest.“
Das machte sieben mit dem, den sie bereits ganz zu Anfang erwischt hatten.
„Sind am Mannschaftsquartier“, kam die nächste Meldung.
„Ebenfalls eingetroffen.“
„Weiter vorgehen nach Plan“, befahl Keene. Dann endlich erreichten sie ein Schott, das danach aussah, sehr dick und sehr gepanzert zu sein. Endlich. Die Brücke.
„Aufsprengen?“, fragte jemand atemlos. Keene drückte auf einen unübersehbaren Schalter am Türrahmen. Ohne Widerstand zu leisten glitt das Schott beiseite. „Nicht nötig.“
Halb erwartete Keene, von Laserimpulsen überschüttet zu werden, halb erhoffte er es sich, denn so leicht wie diese Enterung vonstatten ging, musste der Pferdefuß ja noch kommen.
Dutzende Gesichter wandten sich dem offenen Schott zu. Gesichter, die... Nicht unbedingt von Varni stammten. Oder von Menschen. Oder von irgendeiner anderen Spezies, die Keene kannte. „Haben die Brücke erreicht. Kein Widerstand“, meldete Keene. Er winkte seine Leute weiter. Sie besetzten neuralgische Positionen, von denen aus sie freies Schussfeld hatten, ohne Kameraden zu gefährden. Dann deaktivierte Keene seine Tarnung. „Wer ist hier der Anführer?“
Eines der Wesen, das auf den ersten Blick wie ein Bär ohne Pelz aussah, antwortete in der Verkehrssprache des Pes Takre: „Sie?“
Stille antwortete. Dann aber konnte Daynes ein Schmunzeln kaum verkneifen. „Okay, ich frage anders herum: Wer ist der Kapitän dieses Velacci-Schiffs?“
Der Bärenartige hob langsam die Linke. „Kapitän, aber dies ist kein Velacci-Schiff. Wir fliegen jedoch unter ihrer Lizenz.“
„Chef“, klang Browns Stimme in der Kommunikation auf. Jaime Brown war sein Cheffunker. „Ich muss...“
„Später, Jaime. Okay, Kapitän, Ihre Leute verlassen nun ihre Positionen und begeben sich in die Mitte der Brücke. Ich verspreche, keinem wird etwas passieren, wenn alle kooperieren.“
Die anderen Beyonder wurden sichtbar und machten der Crew klar, dass nachgeben gerade eine sehr gute Idee war.
„Hilft es, wenn ich erneut erwähne, dass dies kein Velacci-Schiff ist?“ fragte der Kapitän.
„Wir hatten auch zuvor nicht vor, Ihnen etwas zu tun, Kapitän. Wir sind hier, um ein paar Fragen auf ein paar wichtige Antworten zu erhalten.“ Keene ließ das Visier auffahren. „Unser Streit ist mit dem Pes Takre, nicht mit Ihnen.“
„Wenn das so ist, was wollen Sie dann auf meinem Schiff?“
„Wie ich schon sagte, wir suchen Antworten. Man kann sagen, wir sind neu in der Gegend und brauchen Informationen. Daher werden wir Ihren Computerkern kopieren und das Schiff auf Herz und Nieren durchleuchten.“
„Das werde ich Ihnen wohl kaum verbieten können, Varni.“
„Nein, das können Sie nicht. Aber wie ich schon sagte, wenn alle kooperieren, dann...“ Keene blinzelte. „Was, bitte? Wie haben Sie mich genannt?“
„Varni. Oder um genauer zu sein, Ur-Varni. Jahrzehntelang habe ich keinen vor die Nase bekommen, und dann geht es Schlag auf Schlag.“
„Chef, es ist aber wichtig“, drängelte Brown.
„Wie wichtig, Jaime?“
„Verdammt wichtig.“
Keene überlegte. Mit Ur-Varni meinte der Bursche zweifellos ihn. Und wenn Brown zu drängelte, musste es dringend sein.
„Was ist denn so wichtig, Jaime? Der Kapitän erzählt mir gerade etwas, was unser Universum über den Haufen werfen wird, so wie ich das einschätze.“
„Wir haben einen fremden Kontakt an Bord. Das ist los.“
Daynes erstarrte vor Schreck. „Kapitän, diese Ur-Varni, die Sie Schlag auf Schlag zu sehen gekriegt haben... Ist einer von ihnen nicht von meinen Leuten und zudem an Bord Ihres Schiffs?“
„Das ist richtig. Er hat sich auf Goronkar an Bord geschlichen. Wir haben ihn entdeckt, aber uns dazu entschlossen, ihn erst mal mitzunehmen. Goronkar ist ein mehr als ungewöhnlicher Ort für einen Ur-Varni, finden Sie nicht?“
„Nein, so ungewöhnlich nun auch nicht. Können Sie diesen Ur-Varni rufen?“
„Das wird nicht nötig sein. Ich bin hier.“ Am anderen Ende der Zentrale schälte sich eine Rüstung aus der Tarnung. Der Raketenwerfer war ausgefahren, deutete aber auf niemanden. „Mein Name ist Jim Cook, und ich bin gerade sehr dankbar dafür, andere Menschen zu sehen. Noch dankbarer aber wäre ich für eine Erklärung. Vor allem, warum ich mutterseelenallein auf dem Grund eines ziemlich tiefen Sumpfes aufgewacht bin und mich mühsam rauskämpfen musste, nur um eine Welt zu betreten, die garantiert nicht die Erde ist und auch nie war.“
„Das sind eine Menge Fragen auf einmal, Mr. Cook. Und ich denke, ich habe eine Menge Antworten für Sie.“ Okay, Linh, die geheimnisvolle Freundin von Tarnau, hatte nicht untertrieben. Dieser Mann musste auf Goronkar aktiv geworden sein, bevor der Aktivierungsbefehl gekommen war. Es konnte überlebenswichtig für die Beyonder sein herauszufinden, was ihn von allen anderen unterschied. Einmal ganz davon abgesehen, dass sie gerade ihren ersten Menschen von Goronkar gerettet hatten.
***

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„Ich nehme also an“, begann der Kapitän hoffnungsvoll, „dass Mr. Cook einer von Ihnen ist und Sie, nachdem Sie ihn gefunden haben, mein Schiff wieder verlassen werden?“ Er legte kurz den Kopf schräg, was verblüffend an ähnliche menschliche Gesten erinnerte. „Nachdem Sie unseren Computerkern kopiert haben?“
Das verblüffte Keene ein wenig, wenn er zugab. „Ja, so war der Plan bisher. Aber ich fürchte, ich werde das erst mit Alex Tarnau besprechen müssen, unserem Anführer.“
Der Bär seufzte. „Ich bin nicht in der Lage, Ihnen etwas zu befehlen. Aber gestatten Sie mir die Frage: Wo ist Ihr Alex Tarnau?“
„Er erobert gerade Goronkar“, sagte Daynes lapidar, was es seiner Meinung nach schön auf den Punkt brachte.
„Was? Aber... Der halbe Tross von Ritterin Relemn to Vakkin befindet sich im Orbit von Goronkar! Sie sind gestern eingetroffen... Sagten Sie tatsächlich Alex Tarnau?“
Alarmiert sah der Beyonder den Kapitän an. „Sie haben den Namen schon einmal gehört, bevor ich ihn erwähnt habe.“
„Das ist richtig“, sagte Cook. „Lassen Sie mich etwas erzählen, bevor Sie zu unnötigen Schlüssen kommen. Um es kurz zu machen, ist die Organisation Beyonder mein Ziel, und die Whoraf – so nennt sich die Rasse des Kapitäns – wollte mir nach einigen Anfangsschwierigkeiten dabei behilflich sein. Sie fahren zwar in Lizenz für das Pes Takre, aber... Sagen wir, ihr Volk lebt mit der Gefahr, assimiliert zu werden, sobald das Pes Takre die Zeit und die Ressourcen dazu hat. Daher unterhält es intensiven Handel mit ihnen, wenn Sie verstehen, was ich meine.“
Daynes grinste. „Es sind Agenten.“
„Handelsschiffer. Die all das, was sie so aufschnappen auf ihren Fahrten wie treue, pflichtbewusste Bürger an die Behörden weiterleiten“, betonte der Kapitän.
In Daynes' Gehirn schien es laut und deutlich klick zu machen. „Also, besser noch mal ganz von vorne. Anschließend bin ich bereit, Informationen über unsere Organisation Beyonder und Alex Tarnau im Speziellen zu teilen. Beginnen Sie bitte, Mr. Cook.“

Das Visier der Rüstung fuhr auf, der Raketenwerfer verschwand im rechten Unterarm der Rüstung. Mit einer wie oft geübten Bewegung entledigte sich Cook des Visierstücks und den Hinterkopfstücks und nahm den Helm ab. Daynes hatte den Mann dem Namen nach schon dem englischen Sprachraum zugeordnet, aber als er die dunkelroten Haare sah, war er sich ziemlich sicher. Waren die Haare nicht gefärbt – und jede Färbung wäre während der Tiefschlafphase, in der jeder Beyonder hierher geschafft worden war, längst ausgewachsen – dann musste der Mann vor ihm ein oder zwei Schotten oder Iren in der Ahnengalerie haben. Es war nicht das typische helle Rot, zugegeben, aber das war auch rezessiv. Die Gesichtszüge waren kaukasisch, oder wie es umgangssprachlich hieß, weiß. Die Augen waren grünbraun, aber ein Stich grau befand sich auch darin. Der Mann wirkte seltsam erschöpft, sodass er das schmale, beinahe asketisch wirkende Gesicht keinem exakten Alter zurechnen konnte. Zu Anfang schätzte er Cook auf irgendwas zwischen dreißig und fünfzig.
„Sie wollen meine Geschichte hören. Dafür wäre es aber nett, wenn Sie mir zumindest Ihren Namen nennen würden.“
„Das ist nur recht und billig“, sagte Daynes. „Ich bin Keene Daynes, meines Zeichens US Army Ranger, im Moment allerdings Großgruppenführer der Beyonder unter dem direkten Kommando von Alex Tarnau.“ Als der Name erneut fiel, sah Keene mehr als Interesse in Cooks Augen, und auch der Bär wirkte sehr interessiert. Der Whoraf, korrigierte er sich selbst.
„Mr. Daynes. Ich nehme an, Ihr Schicksal ist bis zu einem gewissen Punkt ähnlich verlaufen wie meines.“
„Meines, und das von einhunderttausend weiteren Menschen, fürchte ich.“
„Ein... Einhunderttausend.“ Erschrocken sog Cook die Luft ein. „Ich bin gespannt auf Ihre Erklärungen.“
„Und ich auf Ihre Geschichte.“
Dies ließ den Mann lächeln. „Okay, den Seitenhieb habe ich verstanden. Wie ich schon sagte, ist mein Name Jim – James – Cook. Ich mag Jim lieber, aber das nur am Rande. Ich stamme aus Neuseeland. Ich bin Informatiker, aber gestartet ins Berufsleben bin ich mit einer Ausbildung zum Feinmechaniker. Meine Arbeit hatte ich in Wellington, unserer Hauptstadt, bis... Ja, bis ich eines Tages in diesem merkwürdigen Raum war, in dem diese kleinen grauen Zwerge mit den riesigen Augen umher gingen und Leute sortiert haben. Bei mir haben sie ganz zufrieden gesagt, dass ich tauglich wäre... Und dann bin ich im Dunkeln wieder aufgewacht. Ich dachte zuerst, es wäre ein Sarg, aber es war diese Rüstung. Ihre Systeme erwachten nach und nach zum Leben, je mehr ich herumprobierte, und dadurch konnte ich herausfinden, dass ich etwa zwanzig Meter tief in einem Sumpf lag. Auf dem Rücken, was die Sache schwierig machte, denn über mir befanden sich drei Meter Schlick. Wissen Sie, wie lange es dauert, bis man durch drei Meter Schlick bis zum Boden sickert?“
„Entweder geht das ganz schnell, weil Sie eingeschlagen sind wie eine Bombe, oder aber sehr, sehr lange“, kommentierte Daynes.
„Richtig, das waren auch meine Gedanken. Jedenfalls bewahrte ich Ruhe und meine kühle Überlegung – ich schätze, meine gescheiterte Ehe war mir da eine große Hilfe, und ehrlich gesagt genoss ich die Ruhe auch ein wenig – machte mich mit diesem technischen Wunder vertraut und habe es nach zwei Tagen tatsächlich geschafft, mich aus dem Sumpf zu befreien. Zwei Tage, wie mir das Headup-Display mitteilte. Sie wissen schon, das Ding, das einem mit so kleinen Filmchen...“
„...genau zeigt, wie etwas funktioniert“, vervollständigte Daynes. „Verzeihung, Mr. Cook, aber es ist ein Running Gag unter uns Beyonder. Bitte erzählen Sie weiter.“
„Wie gesagt, ich konnte mich aus dem Sumpf befreien. Und da stand ich also, alleine auf weiter Flur. Ich irrte wohl einen ganzen Tag durch den Sumpf und war bemüht, nicht wieder einzusinken, als ich zwei Entdeckungen von elementarer Bedeutung machte. Das erste war die sehr effektive Tarnvorrichtung, die ich, wie Sie aus eigener Anschauung gesehen haben, beherrsche, das zweite war ein Fluggerät, das dicht über meinen Wald hinweg zog und dem ich bis zu einer Anlage gefolgt bin, die man mit Fug und Recht einen Raumhafen nennen konnte. Sie können sich meine Verwunderung vorstellen, als ich feststellen musste, dass der Raumhafen von den Varni bevölkert war, genauer gesagt von Angehörigen des zwölften Kriegstross des Ritters Johna el Noet. Ich hielt mich dementsprechend bedeckt und infiltrierte die Anlage getarnt. Klar war ich verwirrt, verwundert und zudem überrascht, dass ich deren Sprache beherrschte. Aber ich merkte ein paar Dinge sehr fix, nämlich dass es einen Grund gab, warum ich in dieser Rüstung steckte. Und dass ich und die Varni einander als Feinde anzusehen hatten. Nicht, dass das mein Wunsch war. Ich bin kein streitlustiger Mensch, und Gewalt ist mit ein Gräuel. Aber zweifellos behandelten die Varni meinesgleichen, die sie Beyonder nannten, als Feinde. Das Schicksal von Porma el Tar und seinem Tross wurde jedem Varni in jeder Minute per Videowand ins Gehirn gehämmert. Auch eine nicht unerhebliche Niederlage auf Sommertraum gegen Alex Tarnau wurde den Soldaten ständig als Warnung vorgehalten. Da ich also in einer der Rüstungen der Beyonder steckte, war mir klar, dass einfach auftauchen, hallo sagen und das Beste zu hoffen sehr blauäugig gewesen wäre. Zu diesem Zeitpunkt stellte ich allerdings fest, dass ich der einzige Beyonder auf dieser Welt war. Selbst im Büro des Kommandeurs, in das ich mich einschlich, oder in die Computerkanäle, in die ich mich einhacken konnte, war mit keinem Wort die Rede von Beyondern auf dem Planeten, geschweige denn von Feinden. Allerdings gab es eine Warnung vor den Whoraf, die Fracht brachten. Man sollte all ihren Fragen mit äußerster Vorsicht begegnen und ihnen so wenig wie möglich erzählen und noch weniger zeigen. Das war der Punkt, an dem ich mir gesagt habe: Jim, alter Junge, der Feind deines Feindes ist dein Freund. Die Whoraf und die Varni sind zwar keine Feinde, aber sie trauen einander nicht, also sind sie deine beste Chance. Tja, und dann habe ich mir meine Möglichkeiten überlegt, alleine auf einem fremden Planeten, keine Hilfe, keine Unterstützung, keine Möglichkeit zurück, keiner da, der mir etwas erklären konnte. Da sagte ich mir, dass die Whoraf meine beste Möglichkeit waren, zu den einzigen Verbündeten zu gelangen, die mir bekannt waren, nämlich die Beyonder. Also schlich ich mich auf einen ihrer Zubringer und infiltrierte ihr Schiff. Dort angekommen durchsuchte ich ihre Datenkerne, die allesamt sehr unauffällig waren. Das machte mich misstrauisch. Also folgte ich dem Kapitän auf Schritt und Tritt, bis ich in eine geheime Besprechung platzte, die von einem ebenso geheimen Computerkern aufgezeichnet wurde, in der die Whoraf ihre bisherigen Erfolge und Erkenntnisse zusammenlegten. Oder besser ausgedrückt, ihre Spionage-Ergebnisse.“ Cook lächelte schmallippig. „Ich will Sie nicht mit Details langweilen, aber Kapitän Arzhat hat mich trotz der Tarnung gefunden, und nach einigen Anfangsschwierigkeiten konnten wir uns zusammenraufen. Die Beyonder interessierten ihn sehr, und er hat schnell erkannt, dass ich seine Eintrittskarte zum Zehn Steine-System und zu den Beyonder sein könnte. Tja, also haben wir uns vom Planeten davon gemacht und waren bereit, ins nächste System zu springen, was für mich irgendwie war wie zehn Tequila auf einen Schlag, weil die Idee, so beiläufig ein paar Lichtjahre zu überspringen so vollkommen unwirklich für mich war... Jedenfalls wollten wir mögliche Verfolger abschütteln und dann nach Zehn Steine springen, um... Nun, Arzhat hoffte auf einen positiven Kontakt, und ich darauf, Menschen sehen zu können. Das ist schon die ganze Geschichte.“

Daynes nickte zufrieden. „Gut, dann bin ich wohl dran. Wie Sie alle wissen, nennen wir uns Beyonder. Den Namen gab uns Alex Tarnau, der Mann, der uns durch die dickste Scheiße geführt und gerettet hat.“ Kurz dachte er über seine Worte nach, aber er fand keinen Grund, sie zu beanstanden oder zu revidieren. Gerettet traf es auf den Punkt, gerade auch für Crisholms Leute. „Er übernahm in der größten Verwirrung das Kommando, brachte und hielt uns zusammen, suchte sich die fähigsten Köpfe raus, erstellte einen Angriffsplan, und nachdem wir unsere ersten internen Streitigkeiten erledigt hatten, eroberten wir unter seiner Anleitung zuerst Zehn Steine, und danach den Kriegstross von Porma el Tar. Die Schiffe, die uns dabei in die Hände fielen, wurden von den Schöpfern modifiziert und leicht verbessert. Wir benutzen sie jetzt, um die anderen neun Welten zu besuchen, auf denen Beyonder ausgesetzt worden sein sollen. Oder vielmehr Menschen von der Erde, denn die Schöpfer, die für den ganzen Mist verantwortlich sind, sprachen von einer Million Menschen, die sie auf der Erde entführt und dann auf den zehn Planeten ausgesetzt haben, damit sie für sie das Pes Takre aufhalten sollten. Sommertraum ist bereits in unserer Hand, und in diesem Moment setzt Alex Tarnau dazu an, Goronkar zu erobern. Das war die kurze Version.“
„Ihr Alex Tarnau wird immer interessanter für uns. Wie gut sind diese Modifikationen, sagten Sie, Mr. Daynes?“
Keene grinste den Bären an. „Netter Versuch, Kapitän. Sie werden verstehen, dass ich nicht mit solchen Daten hausieren gehe, solange ich mir nicht sicher sein kann, dass das Pes Takre Ihr kleines Spionageschiff nicht überwacht. Aber ich bin sicher, wenn Sie Ihre Messungen betrachten, die Sie vom Orbit Goronkars empfangen, können Sie einiges von der Leistung unseres Flaggschiffs, der HEIMWEH, erfahren. Und wenn Sie noch genauer hinsehen, allgemein von der Schlagkraft der Beyonder.“
„Es klingt, als wollten Sie sich empfehlen.“
Daynes nickte zustimmend. „Gegenüber einem potentiellen Verbündeten, Kapitän.“
„Oh, sagen Sie ruhig Arzhat zu mir, denn ich habe das Gefühl, das mein Volk und die Beyonder gute Freunde werden könnten.“
Das Gefühl hatte Daynes allerdings auch. Genauer gesagt sprang es ihn an und warf ihn um wie ein menschenfressender Tiger im indischen Dschungel einen gebrechlichen Hundertjährigen.
***
„Na, das kann ja heiter werden“, sagte Alex Tarnau. „Etwas mehr, als ich erwartet habe.“
Vor ihnen im Hologramm, noch gut eine Stunde Flugzeit entfernt, hingen fünf Fregatten und zwei Zerstörer im Orbit, begleitet von einem Kreuzer und drei gigantischen fliegenden Dingern, die größer waren als die HEIMWEH und hoffentlich nur Trossschiffe waren. Von dieser kleinen Flotte ging ein stetiger Verkehr zur Planetenoberfläche hernieder, aber nicht wieder hinauf. Die erstklassigen Beobachtungsanlagen des Schlachtschiffs legten Infrarotmessungen, optische Beobachtungen und Magnetfeldmessungen ebenso vor wie passive Emissionsmessungen, die der Bordcomputer hochrechnete, um ein exaktes Bild zu erstellen.
„Sie bringen ihre Kampftruppen auf den Boden“, sagte Andy. „Und das erst seit weniger als einem halben Tag, denke ich.“
„Ja, danach sieht es aus.“ Tarnau betrachtete das kleine Datenfenster neben der grünen Linie, die den Abstiegsweg der Pendler markierte. Laut Anzeige waren bereits achtundzwanzig gelandet, weitere vier waren noch auf dem Weg hinab, und alle waren vollgestopft mit Infanterie, Panzern und Logistik. Alles wirkte wohlorganisiert, aber auch etwas überstürzt. Alex ahnte, warum das so war. Die Varni waren genauso vom Erwachen der Beyonder überrascht worden wie er selbst. Nur sie hatten schneller reagiert. Und nun befanden sich die rund zwanzigtausend neuen Kontakte in seiner Kommunikation in erheblicher Gefahr, genau wie damals auf Zehn Steine, als er und zwanzigtausend andere in einem Wald erwacht und sofort beschossen worden waren. Damals war er die besonnene Stimme gewesen, die gerettet hatte, was zu retten gewesen war. Alex konnte nur hoffen, dass diese Menschen einen oder mehrere besonnene Menschen unter sich hatten, die genau das gleiche tun würden. Aber die Chancen standen ohnehin gut, dass hier wie auf Zehn Steine zuerst eine Charge an aus dem Militär entführten Soldaten ausgesetzt worden war, was zumindest die Fähigkeit und die Bereitschaft bedeutete, sich zu organisieren und Befehle auszuführen. Das bedeutete aber, dass eventuell noch irgendwo achtzigtausend Menschen im System oder direkt auf Goronkar im Tiefschlaf liegen konnten.
Nichtsdestotrotz flogen die FEARLESS und die HEIMWEH so schnell heran, wie es die Tarnung beider Schiffe gerade so zuließ. Das hieß, die FEARLESS würde rund siebzehn Minuten vor der HEIMWEH in Schussreichweite kommen, und das auch nur, weil die Werfer der HEIMWEH nicht weiter reichten als die der FEARLESS. Nein, das war nicht richtig formuliert. Es bedeutete einfach nur die Reichweite, in der ein Torpedo gesteuert werden konnte, nicht mehr und nicht weniger, und das setzte voraus, dass der abgeschossene Torpedo noch über Antriebsmasse verfügte. Alex hatte mal einen ziemlich guten Battle-SF-Roman gelesen, in der der Autor den Raumkampf mit Raketen so erklärt hatte, dass eine schwere Antischiffsrakete, einmal auf Kurs gebracht, auf diesem Kurs ewig weiterfliegen konnte, bis sie in der Unendlichkeit verschwand oder auf irgend etwas traf, unabhängig davon, ob der Sprit verbraucht war oder nicht. War er das allerdings nicht, dann blieb die Rakete steuerbar und war für ein paar Überraschungen gut. Innerhalb eines gewissen Parameters waren also die Torpedos – vor dem Begriff Raketen hatte Alex zurückgeschreckt, weil er Torpedos einfach passender fand – lenkbar, und danach nicht mehr. Da sich Alex Tarnau im Gegensatz zu den Kapitänen in der Novelle des Science Fiction-Autors nicht darauf verlassen wollte, dass der Feind freiwillig in einen Pulk aus Torpedos hineintrieb und da er auch nicht davon überzeugt war, dass ein Torpedo, dessen Hauptantrieb ihn eine ganze Zeitlang wie ein Leuchtfeuer sichtbar gemacht hatte, danach unentdeckt bleiben sollte, hatten die Gunner der HEIMWEH und der anderen Schiffe den klaren Befehl, in der Regel nur innerhalb der Kernschussweite zu feuern, also ab dem Punkt, an dem die Torpedos ihr Ziel selbstständig treffen konnten und noch rund zehn Prozent Spiel beim Treibstoff hatten, um Ausweichmanöver und plötzliche Wendungen vollführen zu können. Die Schöpfer-Technologie hatte aus den Torpedos der Varni wahre Monster gemacht, und Alex war fest entschlossen, sie als diese einzusetzen. Natürlich setzten die Varni Täuschkörper, Störfunk und Abwehrfeuer und andere Schweinereien ein, um angreifende Torpedos zu vernichten oder sie auf die falschen Ziele zu locken. Ebenso setzten die Beyonder Torpedoattrappen ein und störten so gut sie konnten die Radarerfassung und die optische Erfassung der gegnerischen Abwehrmaßnahmen, was bedeutete, dass die Torpedos, die von den Schöpfern um den Faktor zehn verbessert worden waren, nicht mit dem zu vergleichen waren, womit sie im Orbit um Zehn Steine um sich geschmissen hatten. Diese kleine Flotte würde heute einen verdammt miesen Tag erleben.

„Befehle?“, fragte Andy.
„Es bleibt beim Plan. Du kämpfst, und ich mische mich nicht ein“, erwiderte Tarnau augenzwinkernd. Leider bedeutete das auch, dass er den Kampfeinsatz am Boden eben nicht leiten würde. Juri und Natsumi würden sich allerdings darum kümmern. „Aber du und Olivier solltet mit Bedacht feuern. Wir haben bisher nur versuchsweise mit den neuen Torpedos geschossen, und der erste Eindruck war gewaltig. Wenn noch ein Schiff übrig bleiben soll, das wir entern können...“
„Ja, schon klar. Wir schleichen nahe heran, machen ein paar Probeschüsse und schauen, wie sich die Torpedos in einem echten Raumkampf machen. Und falls nach der ersten Welle noch ein Kahn da draußen fliegt, oder sogar noch kampffähig ist, werden wir uns entsprechend anpassen, Großer Meister.“
Tarnau brummte zufrieden. „Dann bin ich drüben im Besprechungsraum der Bodentruppen.“
„Vergiss nicht, du darfst zuschauen, aber deine Ärzte haben dir gesagt, du darfst nicht mitgehen“, mahnte Andy.
„Ja, ja, Mama. Ich gucke ja wirklich nur. Aber ganz ehrlich, diese Untätigkeit geht mir gegen die Hutschnur.“
„Dabei ist genau das die Arbeit eines Commanders, Commander“, spottete Jamahl Anderson grinsend. „Gewöhne dich besser dran. Einen Alex Tarnau auf den Frontlinien zu verlieren können wir uns jedenfalls nicht leisten.“
„Ja, ich weiß“, erwiderte Tarnau mürrischer, als ihm zumute war. Er winkte in die Zentrale und ging in den kleinen Besprechungsraum herüber.

Dort erwarteten ihn bereits die Anführer der Bodeneinheiten der HEIMWEH. Die Anführer der Bodeneinheiten... Warum war eigentlich zuvor niemandem aufgefallen, dass die Beyonder durchaus atmosphäregebundene Lufteinheiten gebrauchen konnte? Ach ja, aufgefallen war es schon, erste Pläne für schwer bewaffnete einsitzige Schwebewagen und Transporter existierten schon, da es allerdings bei den Varni keine entsprechende Vorgabe gab, mussten die Schöpfer diese Schweber von Grundauf neu entwickeln, natürlich mit bescheidener Hilfe der Beyonder. Und dann war da noch das Problem, die Piloten auszubilden. Solch ein Gefährt dürfte etwas agiler und schwerer zu handhaben sein als ein Pendler. Allerdings wäre Luftunterstützung wirklich was wert gewesen. Ob man mittelfristig die Pendler hochrüsten sollte? Unwirsch schüttelte Tarnau den Kopf, um seinen Verstand wenigstens für den Moment am Denken zu hindern.

„...drei Kontinente, alle auf der südlichen Hemisphäre. Sie bedecken in etwa achtzehn Prozent der Oberfläche. Leichte tektonische Plattenbewegung, was erklärt, warum keines der Gebirge größer als zweitausend Meter ist“, referierte Juri Malenkov. „Stützpunkte der Varni existieren auf allen drei Kontinenten. Der Rest des Planeten wird von automatisierten Hochseefabriken abgefarmt. Eisschilder auf einem oder beiden Polen existieren nicht. Würde es sie geben, hätten wir es vermutlich mit vier Kontinenten zu tun, aber das nur am Rande. Wir haben die Kontinente provisorisch A, B und C benannt, wobei C der Kleinste ist, mit einer Landmasse, die in etwa Australien entspricht. C liegt am Äquator und hat die unangenehmsten Temperaturen, aber dafür ausgedehnte Savannenlandschaften. Hier sind etwa fünftausend Menschen erwacht, wahrscheinlich, weil auf C ein Großteil der weiterverarbeitenden Fabriken erbaut wurde, die die Produkte der Hochseefabriken verarbeiten. Außerdem gibt es hunderte automatisierte Farmen, allerdings nur in Küstennähe. Das Innenland ist für Farmwirtschaft zu trocken.
B, ja, genau, der, der so aussieht wie ein Afrika auf der Seite, ist der zweitgrößte Kontinent und hat in etwa die doppelte Fläche von Südamerika. Es gibt eine große Gebirgskette im Osten an der Küste, was auf eine tektonische Platte schließen lässt, die sich gerade unter B schiebt. Zwei Raumhäfen, Garnisonen, viel Tagbau nach Erzen, aber keine Farmwirtschaft. Rund viertausend Menschen sind hier erwacht.
A ist demnach der größte Kontinent, am ehesten vergleichbar mit dem prähistorischen Superkontinent Pangäa, wenngleich nicht ganz so groß, also zirka die Hälfte. Drei Raumhäfen, viel Farmwirtschaft im Süden, der im gemäßigten Bereich des Planeten liegt, Andockstationen für Hochseefabriken, viel Tagebau und Stollenabbau, ich meine Bergbau. Elftausend Menschen, soweit wir erkennen können.“
Alex setzte sich so leise er konnte, dazu. Juri war militärisch vorgebildet, und er machte seinen Job, wie Alex fand, ziemlich gut.
„Auf euren Tablets seht Ihr die Positionen aller Menschen, die auf den drei Kontinenten erwacht sind. Zudem sind in den Mittelgebirgen und dem einzigen Hochgebirge Orte markiert, an denen wir erwarten können, Depots der Schöpfer vorzufinden. Wie auf Sommertraum wird es sich lohnen, diese zu finden und zu plündern. Na, plündern klingt jetzt etwas sehr hart. Aber Ihr versteht schon, was ich meine.“
Gelächter antwortete ihm.
Er hüstelte sich verlegen. „Der Plan sieht folgendermaßen aus: Wir führen einige harte Schläge im Orbit aus. Die Pendler mit den Eingreiftruppen verlassen vorher die Schiffe und fliegen die drei Kontinente an. Die genauen Einsatzgebiete definiere ich vor dem Start, spätestens aber, bevor wir auf die Atmosphäre von Goronkar treffen. Primäres Eingreifgebiet wird dort sein, wo Varni und Menschen bereits in Kämpfe verwickelt sind. Haben wir die abgedeckt, konzentrieren wir uns darauf, jene Menschen zu beschützen und zu versammeln, die noch keinen Feindkontakt haben. Kevin, sobald wir in Normalfunkreichweite kommen, wird das für Ihre Großgruppe eine Menge Arbeit bedeuten.“
Der junge Mann nickte mit Ernst und Stoismus eines fünfzig Jahre alten Veterans. Nur der Schweiß auf seiner Oberlippe verriet ihn etwas.
„Haben wir unsere zwanzigtausend Schäfchen gesichert, entscheiden wir, ob wir totalevakuieren, oder ob wir den Planeten per se nehmen werden. Oder vielmehr wird das unser werter Chef entscheiden.“ Der Russe nickte Tarnau zu, der mit einem leichten Grinsen zurücknickte.
„Wir gehen natürlich in gemischten Trupps vor, wie schon auf Sommertraum. Gleiches Verteilmuster, gleiche Ziele. Oberste Priorität hat der Schutz der Menschen, aber...“ Juri beugte sich leicht vor und lächelte dabei. „Aber bedenkt, dass wir es durchaus mit militärisch vorgebildeten Menschen zu tun haben. Soldaten. Auch Soldaten können ins Chaos fallen. Wenn Ihr also an eine Einheit geratet, die zumindest einen Hauch von Struktur hat, schadet es nicht, wenn Ihr mit ihnen kämpft, anstatt sie nur zu beschützen. Wer weiß, was uns ein bewahrtes Ego später für Vorteile bringt. Verstanden?“
Wieder klang Gelächter auf, vor allem von den Frauen.

Dies war der Moment, in dem Colm ar Zykarta in den Besprechungsraum geeilt kam. Gehezt sah er sich um, bis sein Blick auf Alex ruhte. „Ren, ich muss Sie unbedingt sprechen.“
„Gut. Ich komme.“ Tarnau erhob sich.
„Nein, Ren, das muss nicht sein. Was ich zu sagen habe, können ruhig alle hören. Genauer gesagt müssen es sogar alle hören.“
Verwirrt nahm Tarnau wieder Platz. Der Mediziner hatte sich als sichere und wichtige Stütze der Beyonder erwiesen, war zudem Mitglied jener Gruppe, die auf den Tag der Revolution gegen das Pes Takre wartete, durch und durch vertrauenswürdig, wenn man das über einen Deserteur sagen konnte. Alex aber vertraute ihm, und ar Zykarta hatte sich dieses Vertrauens stets als würdig erwiesen. „Bitte, Doktor.“
Der Arzt trat an den Konferenztisch heran und atmete tief ein. „Was ich jetzt sage, könnte vermutlich unser Verhältnis schwer belasten. Aber das nehme ich in Kauf. Ich sage auch vorab, dass ich mit jeder Entscheidung einverstanden bin, die Sie treffen, Ren, aber ich flehe Sie an, genau über meine Worte nachzudenken.“
Unruhe begann Alex Tarnau zu erfüllen. Wenn der pragmatische, sachliche Rebell zu solchen Worten griff, dann stand etwas Großes im Raum. „Gut, Colm. Sagen Sie mir, was Sie sagen müssen.“
„Ren, meine Damen und Herren Großgruppenführer, ich bitte Sie, ich bitte Sie alle, auf den Überraschungsschlag gegen die Flotte im Orbit von Goronkar zu verzichten.“
Diese Worte ließen die rund zwanzig Anwesenden aufraunen.
„Es steht nahezu fest“, sagte ar Zykarta zwischen zusammengebissenen Hornleisten, „dass bereits die FEARLESS ausreicht, um die Fregatten mit der ersten Salve zu versenken, die Zerstörer mit der zweiten und den Kreuzer mit der vierten. Wenn dies geschieht, ist es kein Raumkampf mehr, sondern ein Massaker.“
Das Raunen wurde lauter. Verwunderung aber herrschte vor. Was war in den Varni-Arzt gefahren?
„Sie wollen also von mir, dass ich den Varni ein Ultimatum stelle? Wären Sie damit einverstanden?“, fragte Tarnau.
„Ren, mit allem Verlaub und allem Respekt, ich bitte Sie, ich flehe Sie an, Ihr Möglichstes zu tun, um diese Schiffe und ihre Besatzungen zur Kapitulation zu bewegen. Auch wenn Frauen ziemlich störrische Biester sind, ich bin sicher, dass sie angesichts der Kampfkraft unserer Schiffe Einsicht zeigen können.“
Tarnaus rechte Augenbraue wanderte in die Höhe. 'Ach so.' „Es handelt sich um Schiffe der Ersten Ritterin Relemn to Vakkin, richtig?“
„Jawohl, Ren.“
„Und ich nehme stark an, die Besatzung besteht aus Frauen, richtig? Varni-Frauen, wohlgemerkt.“
„Jawohl, Ren.“
Das Geraune wurde lauter, beinahe hektisch. „Varni-Frauen... Gibt es die überhaupt? Nie etwas anderes gesehen als Varni-Männer... ...sind es überhaupt Männer?“
„Ich denke, Sie schulden mir eine Erklärung. Uns allen, Colm ar Zykarta“, sagte Alex, leidlich amüsiert. Das konnte leicht ins Amüsante gehen, aber ebenso auch in Richtung Vorhölle des Wahnsinns. Immerhin waren Frauen involviert.
„Jawohl, Ren. Wie Sie wissen, diente ich in Porma el Tars dreizehntem Tross. In diesem Tross gab es nur Varni-Männer. Ich selbst wurde, wie die meisten meiner Leidensgenossen, im jungen Alter von fünf Jahren für tauglich befunden, in einem Tross zu dienen. Ich wurde trainiert, ausgebildet und im Alter von zehn Jahren auf meine Tauglichkeiten getestet. Dort ordnete man mich für eine akademische Laufbahn ein, und ich entschied mich aus reinem Interesse gegen einen Ingenieurberuf und für den Weg als Arzt. Im Alter von achtzehn Jahren machte ich meinen Doktor, und damit verbunden war meine Versetzung von der Ausbildungswelt zu einem Tross. Und damit auch mein Abschied von den halbwegs authentischen Strukturen der Varni-Gesellschaft und mein Abschied von den Frauen.“
„Jetzt wird es interessant“, murmelte jemand, und Tarnau hoffte, dass es nicht seine Stimme gewesen war. „In den Trossen der Ritter werden Männer und Frauen getrennt. In den bestehenden dreizehn Kriegstrossen bestehen die Trosse eins bis sieben nur aus Frauen, die Trosse acht bis dreizehn nur aus Männern. Dies halten die Verantwortlichen des Pes Takre so, weil sie meinen, dass Interaktion zwischen den Geschlechtern nur vom Kampfauftrag ablenken. Tatsächlich sollte ich erst wieder auf Frauen treffen, wenn ich im Alter von achtundsechzig Jahren nach fünfzig Jahren Dienstzeit als Veteran in die Gesellschaft umgesiedelt werde und eine vom Computer ermittelte Partnerin zugeteilt bekommen hätte, mit der ich, auf Wunsch der Gesellschaft, ein paar Kinder gezeugt hätte, die große Chancen darauf gehabt hätten, in einem zukünftigen Tross zu dienen.“
„Aha. Und jetzt sind diese Frauen direkt vor Ihnen und Sie werfen alle Pläne über den Haufen?“, riet Tarnau.
„Nein, Ren. Als ich mich als Rebell verriet, nahmen ich und all meine Kameraden, einschließlich Ritter el Tar, in Kauf, nie wieder die Gesellschaft einer Varni erfahren zu dürfen, wissentlich in Kauf, nur um das System als Ganzen eines Tages umwerfen zu können. Nun aber haben wir die Möglichkeit, die Chance, mit Hilfe von Varni-Frauen eine alternative Gesellschaftsform auf Zehn Steine aufzubauen. Ich meine, wir können eine Zukunft errichten, bevor wir die Gesellschaft befreien. Etwas, was sich keiner von uns noch zu wünschen getraut hätte.“
„Und wie stellen Sie sich das vor? Wollen Sie die Varni-Frauen versklaven? Oder zwangsaufteilen? Per Computer den besten Partner ermitteln?“, sagte Tarnau tadelnd.
„Nein, Ren, natürlich nicht. Aber bitte bedenken Sie, nach unserer Niederlage entpuppte sich ein Drittel unserer Leute als Rebell, und schlussendlich sind mehr als drei Viertel zu den Beyondern übergelaufen. Selbst bei el Noets Leuten haben wir eine entsprechende Quote, sobald ihnen die Chance gegeben wird.“
Alex war klar, was der Chefarzt sagen wollte. Und er war sich noch einigen anderen Dingen sehr klar. „Wir gehen ein unnötiges Risiko ein, Colm, das wissen Sie.“
Der Varni atmete sichtbar auf. „Danke, Ren. Was ich Ihnen schulde, was Ihnen alle Varni schulden, kann man nicht in Worte fassen.“
Alex wechselte mit den Anwesenden kurze Blicke. Bei niemandem sah er Ablehnung oder Trotz. „Wenn das schief geht, werden wir sehen, wie gut die Verbesserung um den Faktor zehn wirklich ist. Wir gehen allerdings weiter vor nach Plan, Juri.“
„Verstanden, Ren“, erwiderte er.
„Das lobe ich mir“, sagte Tarnau zufrieden. „Kein Widerspruch.“
„Ja, weil wir alle das Gleiche denken“, sagte Natsumi mit einem Lächeln. „Warum den Varni verwehren, was wir selbst haben können?“
Damit hatte sie das Gelächter auf ihrer Seite. Und es ging mehr oder weniger auf Alex Tarnaus Kosten. Sie hatte nicht „wollen“ gesagt, sondern „können“. Die damit verbundene Botschaft hatte er sehr wohl verstanden. Ein Gedanke, der durchaus dazu angetan war, seine Körpertemperatur leicht zu erhöhen. „Da hast du natürlich vollkommen Recht, Natsumi“, sagte Tarnau mit entwaffnender Offenheit und zwinkerte ihr zu. Wieder wurde gelacht, aber diesmal mehr zu Alex' Gunsten.
„Also, Herrschaften, wir nehmen Kontakt auf, sobald wir drei Lichtsekunden vom Orbit entfernt sind, um die Verzögerung durch die lichtschnelle Übertragung in einem vernünftigen Rahmen zu halten. Befehl an die FEARLESS, nicht eher anzugreifen als bis die HEIMWEH feuert.“
„Jawohl, Ren.“
Das versprach, eine sehr interessante Schlacht zu werden.
***
„Soweit alles klar, Olivier?“
Der Kapitän der FEARLESS grinste offen. Die halbe Sekunde Zeitverzögerung durch die Entfernung auf der Laserkommunikation fiel so gut wie gar nicht ins Gewicht. „Alles klar, Ren. Ich wünsche viel Erfolg. Haben wir diesen Erfolg nicht, werde ich die Sache hier schon regeln. Immerhin, die Infanterie und damit ein großer Teil der Besatzung ist auf Goronkar, nicht?“
„Option vermerkt“, erwiderte Tarnau schmunzelnd.
„Gut zu wissen.“ Rochelle grinste etwas nachdrücklicher, dann erlosch die Verbindung.
Tarnau räusperte sich ein letztes Mal und sammelte sich, bevor er den entscheidenden Befehl gab: „Andy, Tarnung aus. Funkzentrale, Verbindung zum Kreuzer, Eigenname TUPOL.“
„Aye, Ren.“
Sein Blick ging zu ar Zykarta, der neben ihm stand. „Jetzt gilt es, Colm.“
Der Arzt nickte angespannt. Außerdem war er reichlich nervös, wie ein Jüngling vor dem ersten Rendezvous ohne Anstandswauwau. Wie passend, wie überaus passend. Zwar waren die logischen Gründe stichhaltig, aber letztendlich ging es nur um eines: Junge trifft Mädchen, und das fünfzig Jahre früher als gedacht. Die Frage war nur, wie die holde Weiblichkeit reagieren würde. Ob make Love, not War hier eine Option war? Frauen konnten ja so stur sein.
„Kommandant zu Kommandant steht, Ren. Wir haben Funkverbindung zum Kreuzer, Eigenname PETONI, Kapitänin Aresol to Columni.“
„Auf den großen Schirm.“
Kurz darauf war der große Frontschirm mit dem Bild einer Varni-Frau erfüllt. Gesicht und Knochenkämme waren ähnlich, aber das Gesicht wies im Gegensatz zu männlichen Varni-Gesichtern tatsächlich einen spärlichen Hornbesatz auf, oder auf neudeutsch: Haare. Die Varni-Frau trug tatsächlich Augenbrauen. Der Schädel war allerdings kahl wie bei den Männern.
Alex kam ohne Umschweife zum Thema. „Hallo, Kapitänin to Columni. Wir haben Sie und Ihre Begleitschiffe im Visier und sind jederzeit bereit, Sie mit einer Salve zu versenken. Bitte desaktivieren Sie ihre Waffen, fahren Sie Ihre Schilde runter und erwarten Sie meine Enterkommandos. Ach, und bevor ich es vergesse, befehlen Sie Ihren Leuten da unten, Kampfhandlungen gar nicht erst zu beginnen und sich auf die Stützpunkte und Raumhäfen zurückzuziehen. Im Gegenzug garantiere ich ihnen, dass sie nicht bekämpft werden, weder von meinen Leuten, noch von den armen Teufeln da unten, die erst vor ein paar Stunden aufgewacht sind.“
Die Frau musterte Tarnau mit steinerner Miene. „Sind Sie fertig?“
„Ja. Sie sind am Zug.“
Die beiden musterten sich stumm. „Ich weigere mich.“
„Das ist Ihr gutes Recht, Kapitänin to Columni. Allerdings widerstrebt es mir, so viele junge Varni einfach so umzubringen, wenn ich sie dennoch retten kann. Sie wissen doch, jede einzelne von Ihnen hat einen Vater, eine Mutter, eine Familie, ein Leben, eine Karriere. Jede einzelne ist ein Individuum, und sie droht zu erlöschen und niemals wiederzukehren.“ Alex Tarnau beugte sich leicht vor. „Es liegt an Ihnen, das zu verhindern.“
„Ich lasse mir von einem Pelak nicht sagen, was ich zu tun habe, und vor allem nicht wann“, zischte sie.
„Pelak?“, fragte Alex.
Ar Zykarta beugte sich vor. „Pelak sind Legendengestalten in unserer Kultur, Ren. Sie bezeichnen die ersten Varni, und sie sehen euch Menschen recht ähnlich.“
„Ach, was für ein Zufall“, sagte Alex. Zur Kapitänin gewandt sagte er: „Irrtum Nummer eins, ich bin kein Pelak. Ich bin ein Mensch, der, wenn ich das jetzt richtig eruiert habe, von einem Planeten kommt, der rund achttausend Lichtjahre von hier entfernt ist. Die Schöpfer haben mich und meinesgleichen entführt, damit ich und meine Freunde Sie und Ihre Freunde davon abhalten, sie auszurotten. Es hat sich herausgestellt, dass wir darin ganz gut sind.“
Eine Augenbraue der Frau wanderte in Richtung Stirn. „Sie sind ein Beyonder? Sie haben Porma el Tar besiegt?“
„Nun, nicht ganz alleine, aber, ja, ich habe Porma el Tar besiegt, seine Schiffe genommen und diese von den Schöpfern um den Faktor zehn aufrüsten lassen. Rechnen Sie das ruhig hoch und sagen Sie mir, ob Ihre PETONI gegen mein Schiff eine Chance hätte.“
„Dann arbeiten sie für Alex Tarnau?“
Ar Zykarta räusperte sich. „Aresol, dies IST Alex Tarnau.“
Für einen Moment wirkte es, als sei die Bildverbindung zum Kreuzer gelaggt. Alle Frauen, die man auf der Brücke der PETONI sehen konnte, schienen wie eingefroren zu sein.
„Ach, tatsächlich? Der Alex Tarnau, der el Tars Nachhut besiegt hat?“
Ar Zykarta nickte.
„Der seine Schiffe mit seinen eigenen Pendlern erobert hat?“
Ar Zykarta nickte erneut.
„Der tödlich verwundet wurde, aber von den Toten zurückkehrte und den Ritter selbst unterwarf?“
„Unterwarf würde ich jetzt nicht sagen, und tot war ich auch nicht, aber... Im Großen und Ganzen stimmt das schon“, warf Tarnau ein.
Die Kapitänin der PETONI pfiff anerkennend. „Sie sehen mich beeindruckt. Ich denke, dass wir einen guten Kampf haben werden und dass, da haben Sie wohl leider Recht, wir alle einen ehrenvollen Tod sterben werden, der uns einen Eintrag in die Annalen des Pes Takre einbringen wird. Leben Sie wohl, Alex Tarnau. Es war mir eine Freude, Sie kennengelernt zu haben.“
„Sie werden bald noch mehr Freude daran haben, denn ich werde versuchen, Ihre Schiffe zu schonen, so gut ich es vermag. Dann werde ich Sie entern und von innen erobern“, sagte Tarnau. „Aber Sie können das einfacher und ohne horrende Verluste haben, wenn Sie einfach aufgeben.“
„Sie wissen doch hoffentlich, dass ich das nicht kann. Ich wäre unter den Augen meiner Ritterin auf ewig entehrt. Und was das Entern angeht, wir sind keine weichgespülten Männer. Wir werden Ihren tödlichen Rüstungen einen wesentlich härteren Kampf liefern, das verspreche ich Ihnen, Alex Tarnau.“
Alex wurde blass, als er daran dachte, welchen Kampf ihm die Männer von Porma el Tar geliefert hatten. Wenn die Frauen Recht hatten und noch härter waren, wäre es vielleicht besser, die Schiffe zu versenken und die Überlebenden in ihren Rettungskapseln und Pendlern aufzusammeln, also wenn sie überschaubarer waren. „Führen Sie mich nicht in Versuchung, Sie aus dem Orbit zu bomben. Denn meine Leute haben ebenso Familien und Leben, zu denen sie zurückkehren wollen.“
„Ich nicht, Ren. Waise und Einzelkind, keine Verwandten.“
„Gut, gut, Rendic von der Ortung hat das nicht, aber die meisten hier schon. Deshalb werde ich nicht leichtfertig ihre Leben riskieren. Also, verdammt noch mal, tun Sie das, was jeder gute Soldat macht, wenn der Kampf definitiv tödlich enden wird: Ergeben Sie sich und warten Sie auf eine bessere Möglichkeit.“
„Meine Ritterin wird mit dem Rest der Flotte nachkommen, und das bald. Gelingt es mir, Sie zu schwächen, Alex Tarnau, ist das die Sache wert.“
Alex wollte zu einer Antwort ansetzen, aber Colm ar Zykarta hielt ihn zurück und bedeutete ihm, dass er nun sprechen würde. „Und, was ist dein Eindruck von Alex Tarnau, Aresol?“
Die Kapitänin der Petoni legte den Kopf schräg. „Er ist ein bisschen klein für den Ärger, den er Porma gemacht haben soll. Bürgst du für die Wahrheit seiner Worte, Colm?“
„In der Tat, das tue ich. Alex Tarnau ist ein kleiner Ratschudi, der aus dem, was er hat, das Beste rausholt. Und vor allem achtet er darauf, seine Leute nicht zu verheizen. Ich denke, er ist unsere beste Chance.“
„Danke. Aber wofür bedanke ich mich?“, raunte Tarnau dem Varni neben sich zu.
„Das ist deine Meinung. Was aber sagt Porma?“
„Mein Ritter hat die Revolution ausgerufen und ist federführend im militärischen Arm der Beyonder, Aresol.“ Seine Augen hatten etwas Zwingendes, als sie dies sagten.
„Was?“
„Überleg doch mal. Die Beyonder unter Tarnaus Führung haben in nicht einmal einem Monat einen ganzen Kriegstross zerschlagen und die meisten Schiffe erobert, um sie selbst einzusetzen. Dabei wurden die Leben der meisten Soldaten des Tross geschont, was unglaublich ist, weil wir da noch Feinde waren. Und denke dran, wie er auf Sommertraum mit dem Teiltross von Johna el Noet umgesprungen ist. Ohne eigene Verluste.“
„Das interessiert mich nicht. Porma hat also tatsächlich die Revolution ausgerufen? Wir schlagen endlich gegen unsere Herren zurück? Was, wenn die anderen Kriegstrosse nicht mitmachen?“
„Die Beyonder vereinen so viel Macht in sich, dass sie alleine gegen alle dreizehn Kriegstrosse und die reguläre Flotte bestehen können, und ihre Macht wächst mit jeder Minute. Es ist unsere verdammte Chance, dieses verdammte Pes Takre von uns abzuschütteln, Aresol!“
Die Varni zog ihre Dienstwaffe und entsicherte sie. „Okay. Ich habe verstanden.“ Sie atmete tief aus und dann tief wieder ein. „Dieses Schiff steht nun unter dem Kommando von Alex Tarnau! Wer etwas dagegen hat, möge vortreten und die Sache mit mir austragen! Verbreitet das über die interne Kommunikation und übermittelt es an unsere Begleitschiffe und an unsere Einheiten unten auf dem Planeten. Holemn, was tust du?“
Eine zweite Frau trat neben die Kapitänin, ebenfalls mit entsicherter Waffe. „Nur ein bisschen auf deinen Rücken aufpassen, Schatz. Man weiß ja nie, welches kleine Mädchen tatsächlich auf diesen ganzen Pflichterfüllungsquatsch und den Scheiß mit der Ritterlichkeit reingefallen ist.“ Die beiden Frauen zwinkerten einander verschwörerisch zu.
„Wissen Sie“, begann die Kapitänin, „wir Frauen sind uns eigentlich fast alle einig, dass das System der Kriegstrosse sowas von gar nicht geht. Ich bin mir ziemlich sicher, dass achtzig Prozent meiner Besatzung zu den Rebellen gehört. Und von den restlichen zwanzig Prozent schätze, dass höchstens vier oder fünf Prozent den Wunsch verspüren werden, zur Waffe zu greifen.“
„Und wie lange wird es dauern, bis Sie da Gewissheit haben, Kapitänin to Columni?“
Die Frau beugte sich leicht vor. Ihre Varni-Gesichtszüge, die Tarnau mittlerweile gut lesen konnte, zeugten von Amusement. „Nicht so lange wie ein Versuch, meine Schiffe abzuschießen, zu entern und unter Kontrolle zu bekommen, Ren.“
Der Chef der Beyonder musste grinsen. „Sie haben soviel Zeit, wie Sie wollen.“ Er sah zur Seite. „Der Bodeneinsatz geht wie besprochen weiter. Alle Einheiten des Ersten Kriegstross, die auf Angriffskurs bleiben, sind Ziele. Alle Einheiten des Zwölften Kriegstross gelten ebenso als Ziele, sobald sie auf uns feuern.“
„Verstanden, Ren.“
Alex Tarnau lehnte sich nach hinten und schlug die Beine übereinander. „Also gut, warten wir. Warten wir darauf, was passiert.“ Als wenn nicht schon eine Riesenmenge an Universenumwälzender Dinge geschehen war, seit er ins System gesprungen war.

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8. Jäger
Als Jacques Vaillard erwachte, wusste er für eine bange Zeit nicht, wo er war. Einiges, wenn nicht alles war ungewohnt. Er öffnete die Augen und sah eine Flut schwarzen Haares vor seinen Augen, und für einen Moment, einen wirklich langen Moment befürchtete er, die junge Ngan in sein Bett geschleift zu haben. Aber dann roch er das Haar und erkannte das Parfum, und endlich verstand er, warum sich alles so unwirklich anfühlte. Er träumte. Und was war das für ein schöner Traum. Er räusperte sich leise, und wie erhofft reagierte der schwarze Schopf. Seine Frau drehte ihr Gesicht zu ihm und lächelte ihn, noch ein wenig verschlafen, an. „Guten Morgen, Chérie. Oder sagt man so etwas im Weltraum nicht?“ Sie verzog ihre Miene, als sein Lächeln gefror. „Stimmt etwas nicht? Habe ich was im Gesicht?“
„Was? Nein, es ist nur... Ich dachte bis eben, du kannst nicht wirklich neben mir in meinem Bett in meiner Kabine auf meinem Schiff liegen. Ich dachte, ich träume etwas Wunderschönes. Und dann habe ich mich furchtbar erschrocken, weil alle meine Wünsche erfüllt worden sind, und du tatsächlich neben mir liegst, und... und...“
„Oh, ist das süß“, schnurrte sie und streichelte über seinen Kopf. „Ich habe gar nicht gewusst, dass du noch so lieb und gut sein kannst.“
„Was soll das denn heißen?“, beschwerte er sich gespielt.
„Nun, die letzten Jahre warst du immer so... auf Autopilot. Du hast mir zwar gesagt, dass du mich liebst, und ich weiß, du hast es auch so gemeint, aber du hast verlernt, was das bedeutet. Jetzt weißt du es wieder. Noch so ein Geschenk von deinen Schöpfern. Was gibt es zum Frühstück?“
„Wasser mit verschiedenen Geschmacksrichtungen und Beyonder-Pizza, vermutlich.“ Er runzelte die Stirn, griff nach ihrer Hand und drückte sie auf seine Lippen. „Ich fühle mich auch irgendwie... erfüllter. Versteh mich nicht falsch, reich zu sein, Banker zu sein und Milliarden an Euro zu kommandieren war eine gewaltige Herausforderung. Aber angesichts dessen, was ich jetzt mache, wirkt es leer und schal.“
Sie lachte abgehackt. „Wie ich es dir immer gesagt habe. Das sich selbst vermehrende Geldsystem mit dem programmierten Kollaps taugt wenig als Lebensaufgabe.“
„Ja, Frau Professorin. Ich weiß, was du meinst, ma Chère.“ Innerlich befürchtete er ein weiteres ihrer üblen Streitgespräche, die sich um Finanzblasen, virtuellem Geld und einige andere Themen zum Thema moderne Geldwirtschaft gedreht hatten. Allerdings merkte er, dass ihm anderthalb Jahre Abstand vom System relativ gut getan hatten. Er sah nun viele Dinge klarer und auch anders, als man sie ihm vorgebetet und als er sie praktiziert hatte.
„Ich sehe, dass du es jetzt akzeptiert hast. Und dann wollen wir das zu unserem Vorteil nutzen.“
„Wie meinst du das?“
„Nun, Globalisierung, Abschaffung des Bargelds und das Poolen von Billionenvermögen – die Staaten der Welt schulden den Banken der Welt eine Trilliarde Dollar, und diese Banken gehören jemandem – sind nur so lange eine gute Idee, solange die Mehrheit der Menschen davon überzeugt ist, dass das Geld einen Wert hat. Du weißt, ursprünglich...“
„Ja, ja, Madame Professeur. Das Geld wurde erfunden, um den Tauschhandel zu erleichtern. Und genormt wurde es, um den Betrug zu verringern. Nicht, dass das findige Betrüger davon abgehalten hätte, trotzdem zu betrügen. Das schließt ja auch Staaten ein. Nehmen wir das alte Rom. Der Silber-Sesterz hatte vierhundert Jahre nach seiner Einführung nur noch einen Viertel des alten Silbergehalts, sollte aber dennoch den alten Wert haben.“
„Die Wirtschaft des Tauschhandels, in der das Geld entweder den Wert hatte, den es repräsentierte, oder aber ein fester Gegenwert existierte.“
„Fort Knox.“
„Nicht nur. Du erinnerst dich, als Buchgeld nur wenig mehr war als Wechsel und Schecks?“
„Ich glaube, das muss noch vor meiner Geburt gewesen sein, ma Chère. So alt bin ich nun auch nicht.“
Sie lachte und gab ihm einen Kuss. „Ich komme schon noch zum Punkt meiner Erklärung, Monsieur Bankenjongleur. Jedenfalls hatte es lange Zeit echte Werte, zum Beispiel Gold und Silber, gegeben, das als Gegengewicht zum Nichtgoldgeld und Nichtsilbergeld im Besitz des ausgebenden Staates war und den Wert der Münzen garantierte. Dann aber begann man, mehr Bargeld herauszugeben als garantiert war. Die gute, alte Inflation.“
„Und noch immer sagten die Menschen, dass ihre Scheine und Münzen einen Wert hatten“, sagte er. „Nur waren es am Morgen noch eine Millionen-Scheine und abends schon eine Milliarden-Scheine, die den gleichen Gegenwert haben sollten.“
„Richtig, das war der Doktrinwechsel. Nun sollte es keinen Gegenwert mehr in Form von Gold oder Sachwerten geben, sondern das ausgegebene Geld repräsentierte die Wirtschaftsleistung. Das ist ein schwammiger Begriff, und deshalb konnten Staaten Geldscheine drucken und behaupten, sie hätten diesen oder jenen Wert. Deutschland versuchte so zum Beispiel, seine Reparationszahlungen schneller abzuzahlen.“
„Leider gibt es ja noch den Devisenhandel, und mit einer Kontrollwährung kann man ganz gut feststellen, wie viel Kaufkraft eine solche Währung tatsächlich hat.“
Sie nickte. „Das klappt aber auch nur solange, wie man Scheine druckt. Sobald das Geld rein virtuell wird, sobald es nur noch in den Büchern existiert, kann so viel Geld herausgegeben werden, wie die zuständige Bank es will. In der Welt des Buchgelds wird der Wert eines Euros nicht garantiert, sein Wert ergibt sich aus dem Devisenhandel und der Bereitschaft anderer Staaten, in diese Währung zu investieren.“
„So weit konnte ich dir folgen. Du weißt, ich habe einige vage Erfahrungen auf dem Gebiet.“
„Du hast Erfahrung mit Investitionen in Rohstofffonds, etwas, was ich immer abgelehnt habe.“
„Heute würde ich das auch. Aber wenn man glaubt, man wäre einem Job verpflichtet, und wenn man hört, was der Aufsichtsrat vorgibt und was die Eigentümer umgesetzt sehen wollen, dann schluckt man schon mal die eine oder andere Kröte und verarmt ein afrikanisches Land.“
„Das ist, wovon ich rede. Jedenfalls werden mit Hilfe von Krediten und von Vermögen, die investieren, Zinsen fällig, die bedient werden. Meistens. Und sie lassen die Vermögen wachsen.“
„Was wohl natürlich ist.“
„Ja, aber du siehst ja, dass diese Vermögen und die Geldsumme, die im Umlauf sind, längst einen Wert überschritten haben, der bei Papiergeld zur Inflation geführt hätte.“
„Du meinst die Niedrigzinsphase.“
Sie nickte erneut zufrieden. „Ja, Chérie. Es ist zu viel Geld da, zu viele Banken wollen das Geld zu vieler Investoren an zu viele Kunden als Kredite anbieten. So viel Geld, dass es die eigentliche Nachfrage absolut übersteigt. Das Ergebnis: Die Zinsen fallen. Wo man früher fünfzehn Prozent für einen Hauskaufkredit bezahlen musste, obwohl das Haus die Sicherheit war, zahlt man heutzutage nur noch drei. Und das auch nur, weil die Banken nicht tiefer gehen wollen. Nicht alle, zumindest. Es gibt auch Null Prozent-Kredite.“
„Ach, tatsächlich?“ Skeptisch zog er die Augenbrauen hoch. „So schlimm ist es mittlerweile? Du weißt, ich war einige Zeit nicht in der Stadt.“
„Ja, tatsächlich bieten das einige Online-Banken an. Hat mich auch erschrocken. Und du weißt, was das für uns bedeutet?“
„Klär mich bitte auf. Nein, das ist keine witzige Formulierung. Mir fallen verschiedene Folgen ein, aber ich will wissen, was dein brillantes Gehirn sagt.“
„Wir, mein lieber Schatz, werden davon kräftig profitieren. Weißt du, warum diese Vermögen noch nicht komplett in Sicherheit gebracht wurden, zum Beispiel, indem die Investoren einfach die halbe Welt aufkaufen?“
„Gebundenes Kapital verursacht Kosten, verliehenes Kapital verursacht Zinsen.“
„Richtig. Und dank des Bankenkonsens gibt es ja auch noch was fürs Geld. Weißt du, woran du erkennst, dass es doch eine Inflation gibt?“
„Hm?“, fragte er nachdenklich.
„Die Firmen. Du weißt, wie viel eine Firma wert ist, die einen Teil ihres Vermögens als Aktien ausgibt, oder?“
„Du meinst jetzt sicher nicht den Gegenwert der Aktien, sondern die Ausgabesumme und damit das Kapital.“
„Ja, genau. Entspricht diese Summe, sagen wir für Youtube, unbedingt dem potentiellen Kaufpreis?“
„Da spielen mehrere Faktoren eine Rolle“, wich er aus.
„Unter anderem der, dass die Firmen augenscheinlich von Jahr zu Jahr mehr Geld wert sind. Aber das ist falsch. In Wirklichkeit muss für diese Firmen, die nicht wirklich ihr Stammkapital vergrößern oder tatsächlich durch Investitionen wertvoller werden, einfach nur mehr bezahlt werden.“
„So habe ich das nie gesehen. Ich hatte immer Aktienkurse, Minoritäten, Majoritäten, Grundkapital und dergleichen im Kopf. Aber nie so einen simplen Gedanken“, gestand Jaques.
„Ist nicht von mir. Einer meiner Studenten hat das so schlicht formuliert. Aber das, genau das birgt auch die Chance, die sich uns hier auftut. Den Finanzmarkt gegen sich selbst zu wenden.“
Er richtete sich auf dem rechten Ellenbogen auf. „Jetzt bin ich gespannt.“
„Du weißt, ein Geldschein ist ein garantierter Wert. Der Nennwert der Währung wird vom ausgebenden Land garantiert. Es ist ein amtliches Dokument.“
„Aber der internationale Devisenhandel bestimmt den Marktwert.“
„Das kann trotzdem ein anderer Wert sein, als mit dem die Währung im Inland ausgetauscht wird. Aber das ist es nicht, worauf ich hinaus will. Buchgeld ist nicht nummeriert, nicht garantiert, ist nicht kontrolliert. Kein digitaler Cent eines digitalen Euros hat einen Internet-Fußabdruck, anhand dessen man ihn verfolgen könnte, um seine Echtheit zu bestätigen. Jeder einzelne Schein hingegen hat eine Seriennummer und ist verfolgbar.“
„Das macht Buchgeld zu einer leichten Sache für Schieber. Solange die Währung irgendwo mit einem Gegenwert angenommen wird. Und wo ist da unser Vorteil?“
Sie stemmte sich ebenfalls auf einen Ellenbogen. „Geld regiert die Welt“, sagte sie mit einem Achselzucken.
„Und?“ „Schatz, siehst du das nicht? Damit die Megavermögen keine Inflation bei den digital transferierten Geldbeträgen verursachen, müssen alle Banken an einem Strang ziehen und sagen, ja, das Geld ist etwas wert. Was macht man mit dem Geld?“
„Kaufen. Dinge. Dienstleistungen. Waren. Vorräte.“
„Euer Ziel war es bisher, genug Geld zusammen zu bekommen, damit jeder Beyonder diese eine Million Dollar bekommen kann, die Alex Tarnau mit den Schöpfern ausgehandelt hat, richtig? Und eure Technologien sowie die Sachen, die die Schöpfer bereits auf der Erde gestreut haben, bringen euch was?“
„Geld.“
„Richtig. Ich sage, gehen wir einen Schritt weiter. Anstatt sich nur darauf zu fixieren, dieses Geld zusammen zu kriegen, sollten wir selbst ein Mega-Vermögen aufbauen. Die Voraussetzungen dafür sind alle gegeben. Wir erschaffen eigene Firmen auf der Erde, kaufen andere auf, bilden alles, was wir an Infrastruktur für die erste Erdwerft brauchen. Und wir zahlen unschlagbare Spitzenlöhne, die die Fachleute zu Zehntausenden zu uns locken.“
„Wir investieren das Geld.“
„Ja. Wir investieren. In Rohstoffe, in Personal, in Bauwerke, in Verkehrswege. Wir kaufen im großen Stil mit dem Geld der Supervermögen all das, was wir brauchen, um die Erde eines Tages verteidigen zu können. Und weil es das gleiche Geld ist, dass die Großvermögen haben – du erinnerst dich, wir schulden irgendjemandem auf dieser Welt eine Trilliarde Dollar – werden die Banken diese Investitionen, oder vielmehr den Wert unseres Geldes mittragen.“
„Das ist jetzt aber alles etwas sehr simpel, Madame Professeur. Selbst wenn ich absolut nichts von Geld verstehen würde, wüsste ich nicht, was für einen besonderen Vorteil du daraus ziehen möchtest.“
„Siehst du das wirklich nicht?“ Sie lachte mit ihrer hellen Stimme auf. Dann kniff sie ihm in die linke Wange und grinste verschlagen. „Die Superreichen garantieren den Geldwert. Damit garantieren sie auch den Wert der Gehälter, die wir bezahlen werden.“
„Ach, das...“ Er winkte ab, stockte, sah sie an, stockte erneut und fragte sich, ob die Worte seiner Frau simpel oder schlichtweg genial waren. „Du meinst, wir saugen die halbe Welt von Fachleuten leer, kaufen Rohstoffe zum Bau unserer Fabriken und unserer eigenen Rohstoffförderung auf dem Mond, oder dem Mars, oder in den Planetoiden, und das tun wir mit jenem Geld, das aus den Megavermögen in unser Projekt gesaugt wird, und sie garantieren den Wert?“
„Das müssen sie, denn sonst sind ihre Vermögen nichts weiter als Zahlen auf einem Computerbildschirm. Gib doch zu, du hast dir schon Sorgen darum gemacht, was mit der Million pro Beyonder passieren könnte, falls es zu einer Inflation kommt.“
„Unter anderem ma Chère. Wäre schwer gewesen, es Alex zu erklären, warum sein grandioser Plan nicht funktioniert hat, weil Geld plötzlich nichts mehr wert ist.“
„Das dürfte für zehn, zwanzig Jahre kein Problem sein. Weißt du, was das Beste daran ist, Chérie?“
Fragend sah er sie an.
„Ihr habt jetzt schon vier Milliarden Dollar zurückgeholt, die angeblich „verbrannt“ worden sind, die die Schöpfer in den Sand gesetzt haben. Die Technologien der Schöpfer werden noch wesentlich mehr Geld machen, da bin ich mir sicher. Und hier kommt der Knackpunkt. Stell alle Technologien auf einen für alle zugänglichen Server der ganzen Welt zur Verfügung.“
„Das hätte ich sowieso getan, weil die ganze Welt auf den Stand gebracht werden muss, der die Erde verteidigen kann. Aber warum siehst du das als Fachfrau als wichtig an?“
„Dadurch werden zehntausende Firmen zerstört. Ich habe mir einiges angesehen und festgestellt, dass die Prinzipe der Schöpfer vielen Technologien auf der Erde nicht nur überlegen sind, sondern teilweise auch billiger. Das heißt, diese Produkte werden sich durchsetzen. Autos wird in wenigen Jahren niemand mehr brauchen und auch keiner mehr produzieren. Handys sind Schnee von gestern, sobald wir die Handschuhe der Beyonder-Uniformen produzieren. Sagen wir als Chip auf der Hand zum Beispiel. Schutzkleidung, militärische Ausrüstung, all das wird komplett umgestellt werden, denn die gesamte Militärtechnologie der Erde ist mit einem Schlag veraltet. Das bedeutet, neue Firmen entstehen, Tausende an der Zahl, und in sie werden große Vermögen investiert werden, die Millionen von Menschen brauchen, die in ihnen arbeiten. Billiarden werden ausgegeben werden müssen, um das zum Laufen zu bringen. Wir haben dabei natürlich einen Riesenvorteil und werden unser Geld, das wir in Material und Leute investieren, recht früh beisammen haben, während sich der Beyonder-Wettbewerb auf der Erde erst noch finden muss, aber das ist nur ein Randgedanke. Weißt du, was das bedeutet?“
„Zehntausende Firmen sind plötzlich wertlos, und Millionen Arbeiter und Angestellte weltweit stehen dann auf der Straße. Sofern sie nicht in den neugegründeten Firmen unterkommen.“
„Oder bei uns. Bei denen, die die besten Gehälter von allen zahlen. Und wen stellen wir ein? Dank der Schöpfer-Technologie ist eine Schulung für Produktion für jedermann eine Möglichkeit. Eine, die nicht unbedingt lange dauern muss.“
„Wir stellen natürlich jene ein, die sich um einen Job bei uns reißen“, sagte Jaques. „Und dann stellen wir jene ein, die wegen unserer Technologie ihren alten Job verlieren werden.“
„Und wir stellen jene ein, die jetzt keinen Job haben. Weil wir ihnen schnell und wirtschaftlich beibringen können, was wir von ihnen erwarten. Und mit Hilfe der Beyonderschulung überwinden wir alle Sprachbarrieren in Null Komma nichts. Wir geben der Erde Vollbeschäftigung, Chérie.“
„Zumindest für ein paar Jahrzehnte.“
„Es obliegt dann uns Beyonder, wie es danach weitergeht. Wir haben die Vorteile dann klar auf unserer Seite. Wenn wir jetzt geschickt sind. Aber ein riesiges Vermögen wird in den nächsten Jahren dazu aufgebracht werden, um die Erdtechnologie auf Beyonder-Technologie umzustellen, und das fließt nicht nur in die Rüstung. Vergiss nicht, wir sind die Ersten, die produzieren können, weil die Schöpfer bereits Fabriken und Rohstoffförderung im System unterhalten. Wenn wir das überschrieben bekommen und selbst verwalten, werden wir der wichtigste und gerechteste Arbeitgeber im Sonnensystem.“
„Und dann besiedeln wir den Mars. Mit unserer Technologie kein Problem. Vor allem nicht, künstliche Gravitation und Wasser und Wärme zum Mars zu schaffen.“
„Ich dachte ja mehr an die Venus, aber ich bin für Vorschläge offen“, sagte Chloe lächelnd.
„Die Venus? Aber die ist eine Hochdruckhölle.“
„Wer sagt denn, dass sie das bleiben muss?“
„Äh...“ Es kam öfter vor, dass ihm die Worte fehlten, wenn er mit dieser formidablen Frau diskutierte. Meistens, weil ihm wieder einmal klar wurde, wie sehr er sie liebte.

„Du wolltest um zehn Uhr morgens Pariser Zeit geweckt werden, Jacques“, klang die künstliche Stimme des Bordcomputers auf. „Es ist exakt zehn Uhr Pariser Zeit.“
„Danke, Odysseus. Also, lass uns aufstehen, frühstücken und die Welt erobern. Aber auf einem friedlichen Weg. Auf zu Wasser mit Geschmack und Beyonder-Pizza.“
Jacques Vaillard schlug die Decke beiseite und sprang mit frischem Schwung aus dem Varni-Bett. Für eine Sekunde machte er sich bewusst, dass er nicht einmal das Unterfutter trug, also genauso viel wie seine Frau. Sie hatten die Zeit ausgiebig genutzt, um Sex zu haben, und er konnte sich dran erinnern, dass es keinesfalls verschwendete Zeit gewesen war. Er sah auf die andere Seite des Bettes herüber, wo sich Chloe gerade aus der Decke schälte, nackt wie er. Ein Anblick, von dem er nicht genug kriegen konnte. „Willst du zuerst ins Bad, ma Chère?“
„Hat dein Bad eine Wasserdusche?“
„In der Tat, mein Bad hat eine Wasserdusche. Gemacht für einen Varni.“
„Heißt das, du willst mit rein kommen?“, neckte sie ihn.
Tausende Argumente schossen ihm durch den Kopf, Dinge, die ihm vor anderthalb Jahren noch wichtiger erschienen wären als mit seiner Frau unter der Dusche heißen Sex zu haben. All das erschien ihm blass und weit entfernt. All das war unwichtig geworden. Was geblieben war, das war die Gewissheit zu leben und seine Frau wiedergefunden zu haben. „Ich sehe nichts, was dagegen spricht“, sagte er grinsend. Er hielt ihr die Tür zum Bad auf, sie flanierte elegant an ihm vorbei, er gab ihr einen Klaps auf den Po, der sie empört, aber auch amüsiert aufschreien ließ, dann folgte er ihr zur heißen Dusche.

Eine viel zu kurze halbe Stunde später ging er mit Chloe in jenen Vorraum, der ihm als Büro diente, solange das Schiff unter seinem Kommando stand.
„Guten Morgen, Ren“, empfing ihn Nguyen Tuan Ngan mit einem Lächeln. „Guten Morgen, Chloe.“
„Guten Morgen, ma Jolie“, erwiderte sie und setzte sich an den Tisch, den Ngan für sie beide aufgebaut hatte. „Das sieht doch alles ziemlich lecker aus. Besten Dank an die Küche.“
„Werde ich ausrichten. War gar nicht so einfach. Wir mussten erst eine bauen. Vielen Dank übrigens für die anderen Vorräte. Die Leute im Schiff liegen dir zu Füßen, Chloe, alleine wegen dem...“
„Kaffee?“, fragte Jaques, innerlich zu Tode erschrocken. „Ist das da Kaffee?“
„Aber ja. Eine große Schüssel Café au Lait, wie du sie magst, von deiner Lieblingsfirma, und dazu zwei schöne große, frisch aufgebackene Croissants. Keine Sorge, deine Schöpfer haben an diesem Essen keine Beanstandungen, dafür habe ich schon gesorgt. Im Gegenteil, gegen ein Croissant frisch aus dem Ofen haben Berot'Kar und seine Freunde schnell kapituliert. Du weißt, dass sie wieder an Bord sind?“

Wie ein Gläubiger vor einer Offenbarung ging Jacques auf den Tisch zu. Schwer stützte er sich mit beiden Händen darauf ab und betrachtete, was da vor ihm stand. Er roch den Geruch der frischen Croissants, er sog den Dampf des heißen, frisch aufgebrühten Milchkaffees in sich ein. Beyonder-Pizza war gut, keine Frage, aber ein Croissant, ein Kaffee... Er hatte diese kleinen Dinge des Lebens beinahe so sehr vermisst wie seine Frau. Beinahe. „Ich liebe euch“, gurrte er seinem Frühstück zu, während er sich setzte. Er zerriss das erste Croissant, wie eine Ertrinkender nach einer Wasserflasche griff, und hatte den ersten Bissen im Mund, nur Augenblicke bevor er die kleine Schüssel an den Lippen hatte und seinen ersten Schluck Kaffee in Ewigkeiten genoss. Als das erledigt war, legte er den kurzen Augenblick der Exstase ab und stellte beides wieder ab. Bedächtiger tunkte er ein Stück Croissant in den Kaffee und aß das Stück diesmal mit wesentlich mehr Genuss. „Ah, es sind diese Kleinigkeiten. Es sind wirklich diese Kleinigkeiten... Wir haben jetzt also eine Küche, Ngan?“
„Ja, Ren. Frisch eingerichtet. Ging relativ einfach, nachdem wir den Schöpfern begreiflich gemacht haben, was wir haben wollten. Anfangs waren sie gar nicht begeistert, aber nachdem sie von allem, was Ihre Frau mitgebracht hat, probieren durften, sehen sie es anders. Unglaublich, wie kann man eintausend Lichtjahre zur Erde reisen und dann das Essen nicht probieren?“ Sie zwinkerte verschwörerisch.
Ein Lächeln ging über sein Gesicht. Nach einem weiteren Schluck sagte er: „Wir sollten die Schöpfer das Essen analysieren lassen, damit sie noch etwas anderes als Beyonder-Pizza produzieren. Oder noch besser, sie sollten...“
„Ein paar Tonnen Kaffee und Tee nach Hause schicken. Darüber habe ich mit Berot'kar schon gesprochen, Ren. Er ist von der Idee sehr angetan. Vor allem, weil die Schöpfer diese Kapazitäten tatsächlich haben.“
„Sehr tüchtig, Ngan, sehr tüchtig.“ Er trank seinen nächsten Schluck mit wesentlich mehr Genuss. „Was gibt es zum Mittag?“
„Frage lieber, was es zum Abendbrot gibt“, sagte Chloe lächelnd. „Klappt das Baguette-backen, Ngan, mein Schatz?“
„Sie sehen ziemlich gut aus. Nicht so gut wie die, die wir Zuhause machen, aber für ein Provisorium in einer provisorischen Küche eben ziemlich gut.“
„Wow“, entfuhr es Vaillard.

Sie aßen und tranken einige Zeit schweigend, während sich Gruppenführerin Nguyen im Hintergrund hielt, so gut sie es vermochte. Als Jaques Vaillard das zweite Croissant vertilgt hatte, fragte sie: „Noch Kaffee, Ren?“
„Danke, ja, das wäre nett. Berot'kar ist also an Bord.“
„Ja, Ren. Es geht um Modalitäten, die neue Werft im Meer der Heiterkeit und das dazu gehörige Kolonisationsprojekt betreffend, und auch um die Umstellung der Produktion auf der Phobos-Werft. Auch hat der Kapitän der Außenflotte Bedenken geäußert, die Welt betreffend. Also die Erde jetzt. Er befürchtet das Gleiche, was ihm passiert ist, wird nun mit den Beyondern passieren. Dass wir betrogen und ausgenutzt werden.“
„Stimmt schon“, sagte Chloe. „Ihr habt ja dieses demokratische Prinzip, dass man einer Gruppe beitritt oder eine gründet, einer von denen wird zum Gruppenführer gewählt und trifft andere Gruppenführer, die den Großgruppenführer wählen, und aus deren Reihe gehen die Commander wie Tarnau und Anderson hervor. Mit genügend Leuten ist so ein System flugs korrumpiert.“
„Wir brauchen die Leute. Und wir stellen die Technologie allen zu Verfügung“, wandte Jacques ein.
„Das wird die Reichen und Mächtigen und die führenden Staaten der Erde nicht daran hindern, trotzdem zu versuchen, uns zu übertölpen“, erwiderte Chloe, bevor sie spitzbübisch grinste. „Und jetzt rate mal, warum die Beyonder-Firma die besten Löhne weltweit zahlen wird.“
Er lachte auf. „Du denkst weit voraus.“
„Ich will es bei den Beyondern ja auch weit bringen. Und ich will, dass die Beyonder es weit bringen. Es geht schließlich um alle Menschen, ohne jede Ausnahme. Versuchen werden sie es auf jeden Fall.“
„Ja.“ Versuchen würden sie es: Wahrscheinlich einfach aus Prinzip. Einfach, weil die Beyonder da waren.

„Wissen Sie, Ngan, wie die Menschen sind? Sie sind Menschen. Menschliche Menschen. Aber was denken Sie, kriegt man, wenn man ihnen Rücksichtslosigkeit antrainiert, gegen sich und gegen andere, sie durch ein brutales Auswahlverfahren schleift und ihnen dann aufgibt, was sie tun müssen, um gewisse finanzielle Ziele zu erreichen, egal um welchen Preis?“
„Es ergibt Leute, die sicher nicht schlecht verdienen. Aber Leute, die für andere, die weit mehr Geld haben als sie, die Drecksarbeit machen, ohne dass diese sich die Finger schmutzig machen müssen, Ren.“ Sie zog eine Augenbraue hoch. „Ich war Studentin und politische Aktivistin gegen die Globalisierung, bevor ich entführt wurde, Ren.“
„Aha. Wusste ich noch gar nicht. Aber ja, Sie haben Recht, Ngan. Man bekommt hochbezahlte Handlanger, denen man Bedenken und Skrupel ausgetrieben hat, damit sie ohne mit der Wimper zu zucken tausende Leben vernichten, nur um Profit zu machen. Mit solchen Leuten werden wir es zu tun bekommen. Aber jene, denen die großen Vermögen gehören, sind die, die die Ziele vorgeben werden, die erreicht werden müssen, egal welchen Preis die Handlanger oder die Menschen bezahlen müssen. Und davor, davor müssen wir uns wappnen.“
„Ja, Ren. Wenigstens verstehe ich jetzt, warum er Sie mit der Expedition beauftragt hat.“
Verblüfft sah er die Vietnamesin an. Dann aber erinnerte er sich daran, dass das tatsächlich einer der Gründe gewesen war, warum er ausgewählt worden war. Nur, hatte Alex Tarnau tatsächlich so weit gedacht wie er und seine Frau? Sicher nicht. Aber es stand außer Zweifel, dass er es gehofft hatte. Hoffentlich zu Recht, sonst war die Erde in spätestens fünfzig Jahren die neueste Kolonie des Pes Takre.
Das mussten sie verhindern. Er hier auf der Erde, und Alex Tarnau auf den zehn Welten, auf denen die Schöpfer Beyonder ausgesetzt hatten.
***
Krieg war, so sagte man, eine große Zeit der Langeweile, nur durchbrochen von kurzen Momenten des Todes und des Entsetzens. Das war natürlich nur die leichte Fassung aus dem berühmten Film Enemy Mine, der von zwei Piloten handelte, die unterschiedlichen Rassen angehörten und gemeinsam auf einem fremden Planeten notlanden mussten, wo sie sich trotz ihrer Gegnerschaft zusammenrauften.
Sun-Tzu, der große chinesische Kriegs-Philosoph, hatte für Krieg einen passenden Rat, den er in seinem Buch „Über die Kunst des Krieges“ niedergeschrieben hatte: „Bist du stark, so erscheine schwach. Bist du schwach, so erscheine stark. Bist du im Frieden, so rüste für den Krieg. Bist du im Krieg, bereite dich auf den Frieden vor“.
Was aber Kriegen generell gemein ist, das war, dass derjenige, der einen Informationsvorteil hatte, nun, eben einen Vorteil hatte. Zu wissen, wo der Feind stant, zu wissen, was der Feind machte, wo seine Schiffe waren, wie stark seine Schiffe waren, was sie zu leisten vermochten, das waren keine Informationen, das war Munition. Genauso, wie man natürlich selbst wissen musste, wo die eigenen Schiffe waren, was sie erreichen konnten, wie stark sie waren.
Alex Tarnau wusste nicht so ganz genau, wie stark die von den Schöpfern modifizierten Schiffe der Varni waren, die jetzt von den Beyondern eingesetzt wurden. Der ominöse Faktor „mal zehn“, den die Schöpfer ständig nannten, war ein wenig schwammig, aber bisher hatte sich immer bestätigt, dass die von den Schöpfern gebaute oder modifizierte Ausrüstung jener der Varni sehr überlegen war. Was nicht hieß, dass unterlegene Einheiten mit einer geschickten Strategie den Stärkevorteil eines Gegners nicht ausgleichen konnten. Porma el Tar hätte das fast geschafft gehabt, als ein unbekannter Scharfschütze Alex durch einen Schuss in die Brust fast getötet hatte. Nein, eigentlich hatte er Alex getötet, aber der Anzug hatte ihn wieder reanimiert. Okay, vielleicht doch nur fast getötet, denn so gut die Anzüge auch waren, einen Toten zurückholen war wohl doch schwieriger, als einen Herzstillstand aufzuheben.
Nicht, dass Tarnau hier und jetzt befürchtete, dass die Varni-Frauen hier und jetzt überlegene Strategien gegen ihn und seine beiden Schiffe einsetzen würden und ernsthaft gefährden konnten. Immerhin erwarteten die Rebellen an Bord der elf Schiffe im Orbit eine Meuterei gegen sie. Aber in Betracht ziehen war wahrlich keine schlechte Idee.

Auf den Holos in der Zentrale konnte er sehr gut verfolgen, wie die Infanterie und die Panzereinheiten von den Pendlern in ihre Zielgebiete gebracht wurden. Genauso deutlich war zu sehen, wie sich die vielen Punkte der neuerwachten Beyonder auf allen drei Kontinenten mehr und mehr zusammenzogen. Es war allerdings auch recht deutlich zu sehen, dass die Einheiten des zwölften Kriegstross, die angesichts dieser Bedrohung ausgerückt waren, weiterhin auf die Erwachten zuhielten.
Großgruppenführer Duvalle und seine Leute machten wirklich eine grandiose Arbeit, die Menschen da unten zu kontaktieren, zu Kreisen zusammenzufügen und zu organisieren. Damit hatten diese Menschen eine wesentlich größere Chance als er und die anderen Beyonder damals auf Zehn Steine. Der Junge war seinem biologischen Alter weit voraus und würde es, wenn ihm die Pubertät nicht zu sehr in die Suppe spuckte – allerdings waren Helden bei ihrem bevorzugten Geschlecht immer sehr begehrt, wie man an ihm selbst sehen konnte – ein großartiger Commander werden. Falls er beim militärischen Zweig der Beyonder blieb. Nicht nur die Varni hatten sich augenscheinlich mit einer Alternative zum Militärdienst angefreundet. Jedenfalls, wenn er die Sache überlebte, oder wenn sie diesen Krieg noch zu seinen Lebzeiten zu Ende brachten, es würde sich lohnen, Kevin in dieser Zeit im Auge zu behalten.

Auf der PETUNI ging der Aufstand munter weiter. Beziehungsweise eben nicht. Im Gegenteil, alle Frauen in der Zentrale schienen zu ihrer Kapitänin to Columni zu stehen. Falls oder wenn es Widerstand gab, dann war er aus den Nachrichten von der PETUNI nicht zu erkennen.
„Wie sieht es aus, Kapitän?“, sprach er die Varni-Frau über die Direktverbindung an. Sie hatte sich, nachdem die erste Aufregung vorbei gewesen war, wieder auf ihren Chefsessel gesetzt und ihre Arbeit aufgenommen, die Frau mit Namen Holemn jedoch stand immer noch hinter ihr, die Waffe gezogen, aber zu Boden gerichtet, jederzeit bereit, Aresol to Columni mit Gewalt zu verteidigen. Wie er mittlerweile wusste, war sie Aresols Zweite Offizierin und ihre kleine Schwester. Eine Tragödie für ihre Familie, die sogar zwei Kinder an das Pes Takre hatte abgeben müssen.
„Gut, Ren. Auf der POTLACI wird gekämpft, aber nur im kleineren Rahmen. Die LOCOC, die WAMBLU, die JONNSSONN sind relativ ruhig. Falls sich da kleine Mädchen verpflichtet fühlen, den Ruhm des Pes Takre zu mehren, so halten sie zumindest jetzt in diesem Fall die Füße still.“
„Das sind die Fregatten und einer der Zerstörer. Was ist mit dem zweiten und den drei Riesenpötten?“
„Sie meinen die GODEBOG. Ich habe zurzeit keinen Kontakt zu ihr, aber wir messen kein energetisches Waffenfeuer an und sie bricht auch nicht aus dem Kurs aus oder aktiviert Waffen oder Schilde. Das, was Sie Riesenpötte nennen, sind meine Trossschiffe. Transporter der Wahulu-Klasse. Sie sind nicht bewaffnet und verfügen nur über schwache Schirme. Also schwache militärische Schirme. Frachter dieser Größe bewegen sich normalerweise nicht allein im Weltall.“
„Interessant. Was haben die drei Schiffe geladen?“
„Sie holen hauptsächlich die Erzeugnisse der Fabriken und Rohstoffernter ab, um sie tiefer ins Reich zu bringen. Es gibt einige Welten und einige Militärstützpunkte da draußen, die auf eine Versorgung von außen angewiesen sind, deren Biosphäre aber nicht geeignet ist, Farmen zu errichten. Anstatt aufwändige Biosphären aufzubauen, nutzen wir lieber gigantische Farmanlagen auf geeigneteren Welten. So produzieren wir normalerweise mehr, als wir eigentlich brauchen. Hm, ich sollte das wohl eher in der Vergangenheitsform sagen, nicht, Ren?“
„Eventuell. Wollen Sie Leute auf die GODEBOG schicken? Ich habe hier ein paar Infanteristen, die sich gerne mal an Ihren Frauen versuchen würden.“
Aresol lachte abgehackt. „Solange ich nicht mehr von Bord weiß, ist jedes derartiges Unternehmen ein wenig gewagt. Ich würde die GODEBOG eher aus dem All putzen, als die Leben meiner Leute unnötig zu riskieren.“
„Kapitän, Nachricht von der GODEBOG“, rief eine der Offizierinnen in ihrer Zentrale.
„Stellen Sie durch. Na also, geht doch.“ Sie wandte sich von Tarnau ab und sprach mit jemandem, den er nicht sehen konnte. „Kapitänin ol Visol.“
„Entschuldigen Sie, dass ich mich jetzt erst melde, aber ich hatte Probleme, to Columni. Ein paar findige Frauen, die aus welchen Gründen auch immer dem Pes Takre treu bleiben wollen, haben recht erfindungsreich den Funk gestört und die Selbstzerstörung aktiviert. Es hat ein wenig gedauert, erst das eine, dann das andere in den Griff zu kriegen. Es gab ein paar kleinere Kämpfe, aber keine Toten bisher.“
„Ren“, sprach Rendic ihn an, „da kommt ein Haufen neuer Kontakte auf die HEIMWEH zu.“
Tarnau bedankte sich und überprüfte dieses ungewöhnliche Geschehen mit seinem Mastercode und seinem in die Mütze integrierten Display-Holo, während sich die beiden Kapitäninnen weiter unterhielten.
„Kapitän to Columni“, unterbrach er sie. „Vermisst die Kapitänin ol Visol vielleicht ein paar ihrer Mädchen, sagen wir, so um die dreißig?“
Wieder sah die Kapitänin von Tarnau weg. „Und? Tust du?“
„Ja, so in etwa. Ich vermute, sie stecken in den Eingeweiden des Schiffs und warten auf ihre Chance, die ich ihnen natürlich nicht geben werde. Ren, warum fragen Sie?“
„Weil dreißig Kontakte in Varni-Kampfrüstungen auf mein Schiff zutreiben. Und das sicher nicht in friedlicher Absicht.“
„Diese Närrinnen!“, tobte ol Visol. „Infanterierüstungen sind nicht raumtauglich! Und der Weg zur HEIMWEH ist sehr, sehr lang! Sie werden erfrieren und ersticken, oder beides, lange bevor sie auch nur die Außenhülle berühren können!“
„Ich denke, sie haben die Rüstungen notdürftig modifiziert. Wir haben sie nämlich nicht auf dem Schirm“, sagte to Columni.
„Rendic?“
„Wenn wir unseren Kurs halten, dann erreichen uns die dreißig Kontakte in drei Stunden, elf Minuten und siebzehn Sekunden. Sie fliegen hintereinander, also kommt alle zehn Sekunden eine Rüstung bei uns an.“
„Können Sie etwas erkennen? Innentemperatur, Lebensversorgung, so etwas?“
„Nein, Ren. Da müssen Sie wohl mit dem Mastercode ran.“
„Der wird nicht funktionieren. Versuchen Sie weiter Ihr Bestes, Rendic. Andy?“
„Ja?“
„Ich will einen großen Pendler da draußen haben, ausgestattet mit einem Infanteriekontingent, der diese waghalsigen Damen begleitet. Und einsammelt, kurz bevor sie erfrieren oder ersticken, keine Minute früher.“
Jamahl Anderson konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. „Das dürfte eine gewichtige Lektion für sie werden. Ich rufe einen von der Oberfläche zurück.“
„Das wird nicht nötig sein“, sagte eine neue Stimme. Ein neues Holo flammte auf. Keene Daynes war darin zu sehen. „Ren, ich melde mich mit einem Pendler und einem geretteten Beyonder erfolgreich vom Auftrag zurück. Ich kann Mr. Cook bei Ihnen abliefern, was ich für wichtig halte, und mich dann um die Ladies kümmern.“
Alex checkte das Umfeld und sah, dass der Pendler keine dreißig Minuten mehr entfernt war. Schneller konnten sie auch keinen von der Oberfläche abziehen, geschweige denn aus den Kampfhandlungen rausnehmen. „Wir nehmen Großgruppenführer Daynes“, sagte er zu Andy. „Ich freue mich, dass Sie einen weiteren Beyonder haben retten können. Er war an Bord des Velacci-Schiffs?“
„Whoraf-Schiff. Ein Volk, das in Unterkontrakten für die Velacci Waren befördert. Ihr Kapitän Arzhat ist ebenfalls an Bord. Er wünscht eine Unterredung mit Ihnen.“ Daynes grinste verschmitzt. „Es scheint, Ren, Sie sind mittlerweile berühmt.“
„Wir übernehmen Ihre Gäste in einer halben Stunde. Ich bin schon sehr gespannt.“ Oh ja, das war er tatsächlich.
***
Das Andockmanöver dauerte nicht lange. Daynes warf die beiden quasi mit einer Eskorte von Bord, ein sicheres Zeichen dafür, dass er gegenüber dem Whoraf misstrauisch war, und dockte sofort wieder ab, um sich um die wagemutigen verrückten Frauen von der GODEBOG zu kümmern, die ganz folgerichtig versuchten, den größten Feind des Pes Takre im System anzugreifen: Ihn und sein Schiff.
Der Whoraf entpuppte sich als aufrecht gehendes Wesen, das große Ähnlichkeit mit einem nackten Bären hatte. Also, er trug eine Uniform, aber sein Gesicht war unbepelzt. Daneben ging Mr. Cook, in seiner Rüstung ebenso groß wie der Bär.
Alex, der mit Jamahl Anderson extra zum Empfang der beiden in den Hangar gekommen war, beobachtete das beinahe schon überstürzte Abdocken von Daynes und empfing dann die beiden.
„Ich grüße Sie beide. Mein Name ist Alex Tarnau. Man sagte mir, jeder von Ihnen hätte eine interessante Geschichte zu erzählen.“
„Ja, Sir“, sagte Cook und reichte ihm die behandschuhte Hand. Alex griff ohne zu zögern zu, was einige der Wachen leicht nervös machte, aber Cook schien die Kraft der Rüstung gut genug zu beherrschen, der Druck war erträglich.
Dann wandte sich Alex dem Whoraf zu. „Kapitän Arzhat, ich weiß nicht, wie Ihr Volk sich begrüßt.“
„Das ist kein Problem. Ich passe mich Ihren Sitten an, Commander Tarnau. Nebenbei, es ist mir eine Freude, den Sieger von Zehn Steine kennenzulernen.“ Er streckte eine wirklich gewaltige Hand aus, und diesmal zögerte Tarnau einen Moment, bevor er zugriff. Tief in seinem Inneren befürchtete eine sehr kritische Stimme, dass seine Hand in dieser Pranke schlimmer zerquetscht zu werden drohte als in der Faust einer Beyonder-Rüstung.
„Der Kommandeur dieses Schiffes, Admiral Anderson“, stellte er seinen Begleiter vor, nachdem seine schlimmsten Befürchtungen nicht wahr geworden waren. „Außerdem mein Stellvertreter.“
Anderson gab Cook die Hand, dann dem Fremden, allerdings nicht so zögerlich wie Alex. „Freut mich sehr.“ „Auch von Ihnen haben wir gehört“, sagte der Whoraf und schüttelte Andys Hand mit seiner Pranke.
„Ihre Ankunft an Bord, Kapitän, dreht sich doch sicher nicht um die Bitte, Ihr Schiff als unschuldige dritte Partei ziehen zu lassen?“
„Ich sage: Tauschen wir uns ein wenig aus, Admiral.“
„Kommen Sie, ich habe einen Konferenzraum vorbereiten lassen.“ Alex ging voran.

Der Konferenzraum nahe der Zentrale war trotz des derzeitigen Alarmzustands gut gefüllt. Es gab einige Interessierte an Bord, die sich außerhalb einer Gefechtssituation freimachen konnten und daran interessiert waren, was der Mensch und der Fremde zu sagen hatten. Und dann waren da ja noch ein paar Wachen.
James Cook begann und erzählte von seinem Erwachen im Schlick des Sumpfes, davon, wie er sich befreit hatte und, nachdem er die Varni entdeckt hatte, sie infiltriert hatte. Sein Bericht endete mit seiner Übereinkunft mit dem Kapitän des Whoraf-Schiffs.
„Und Sie hatten in der Zeit keinen Kontakt zu einem anderen Menschen? Weder persönlich, noch über den Funk?“, fragte Anderson.
„Nein, Sir. Nicht mal eine Ahnung. Ich habe mich mit dem Funk beschäftigt und diese erklärenden Filmchen gesehen. Daher nahm ich an, nicht allein zu sein. Aber ich habe bis über den halben Planeten gezoomt und nichts gefunden.“
„Das ist eigentlich unmöglich“, sagte Alex. „Die Schöpfer wecken ihre Soldaten immer in Wellen. Nein, Mr. Cook, ich glaube nicht, dass Sie lügen oder andere Menschen in Stich gelassen haben. Es ist nur... Verdammt ungewöhnlich. Das sollten wir näher untersuchen. Aber bevor wir zu Ihnen kommen, Kapitän Arzhef, gibt es etwas, was ich Ihnen Gutes tun kann?“
„Eine Dusche wäre wohl für den Anfang ganz nett. Allerdings... Ich kann wohl eher keinen Long Boy Coconut erwarten, richtig?“
„Einen was, bitte?“, fragte Alex amüsiert.
Andy grinste. „Ein Karamell-Snack aus den Fünfzigern, Alex. War kurz bevor ich entführt wurde auf der Retro-Welle wieder im Kommen.“
„Egal was, ich würde jeden Snack von der Erde essen“, stöhnte jemand, und die anderen stimmten ein.
„Also tatsächlich nicht“, sagte Cook enttäuscht.
„Noch nicht. Die Schöpfer werden uns einiges bringen, was wir haben wollen. Bei mir sind es M&M's und Cherry Coke“, sagte Tarnau schmunzelnd.
„Bitte, was? Cherry Coke? Wie lange war ich von der Erde weg?“, lachte Cook. „Probieren würde ich es allerdings gerne.“
Alex wollte mitlachen, aber dann stutzte er. „Mr. Cook. James. Welches Jahr haben Sie?“
„Vermutlich das Gleiche, das auch Sie haben, Sir.“
Andys Augen verrieten, dass auch er stutzig geworden war.
„Bitte, sagen Sie Ren, nicht Sir. Wir Beyonder sind es so gewohnt. Und beantworten Sie bitte meine Frage. Sehen Sie, wir Beyonder schreiben gerade den siebten März 2016, und ich denke, wir haben die Zeit auf der Erde damit einigermaßen getroffen.“
Dem anderen sackte die Kinnlade herab. „A-aber... Aber... Mein Datum ist Mai 1957. Walter Nash ist Premierminister, und wir alle fürchten uns vor dem drohenden Atomkrieg, besonders jetzt, wo Korea gerade mal vier Jahre her ist. Und... Und...“
„Haltet ihn!“, befahl Alex den Wachen, als Cook in sich zusammenstürzen zu drohte. Die Rüstungsträger griffen zu und bewahrten den Mann vor einem Sturz. In seiner Rüstung wäre ihm nicht viel passiert, aber vielleicht seiner Würde.
Seine Augen füllten sich mit Tränen. „Sechzig Jahre. Wo sind die hin? Wo sind meine sechzig Jahre? Was ist passiert? Was ist mit mir passiert?“
„Was immer es ist, wir werden es klären“, versprach Tarnau. „Auf jeden Fall sind Sie uns willkommen, James.“
Cook wollte sich über die Augen wischen, aber er sah die Handschuhe der Rüstung. In einem Anfall von Trotz schüttelte er die helfenden Hände ab und stieg aus seiner Rüstung. Nur mit dem Unterfutter stand er zwischen ihnen. „Okay.“ Er setzte sich nun an den Konferenztisch. „Nehmen Sie meine Rüstung und lesen Sie ihren Computer aus. Vielleicht ergibt das ein paar Antworten.“
Alex nickte zwei der Wachen zu. „Sie haben Mr. Cook gehört. Schaffen Sie die Rüstung in die Werkstatt und lassen Sie den Computerkern auslesen.“
„Ja, Ren.“ Es dauerte keine Minute, dann waren sie auf dem Weg.
Jim Cook atmete heftig aus. „Okay. Machen wir das Beste draus. Ich habe mir eh keine Chancen ausgerechnet, nach Hause zurückzukehren.“
„Gut, James. Wir machen das Beste draus. Kapitän Arzhat, ist Ihnen zufällig bekannt, dass schon einmal auf Goronkar Menschen eingesetzt worden sind?“
„Sie meinen in diesen Rüstungen? Nein. Aber Sie und Ihre Beyonder sind nicht die Ersten, und Sie werden sicher nicht die Letzten sein.“ Der riesige nackte Bär beugte sich weit über den Tisch und sah Tarnau in die Augen. „Seit das Pes Takre die Schöpfer jagt, setzen die Schöpfer Menschen ein, um es abzuwehren. Deshalb gibt es die Schöpfer heute ja auch noch.“
Auf seine Worte folgte eisige Stille. Diese Information mussten sie alle erst mal verdauen.
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