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Zum Ende der Seite springen Chevaliers Season V
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Ace Kaiser Ace Kaiser ist männlich
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Chevaliers Season V Auf diesen Beitrag antworten Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen Diesen Beitrag editieren/löschen Diesen Beitrag einem Moderator melden       Zum Anfang der Seite springen

Aaah, Heimat. Ein großer, braungrüner Klumpen Dreck mitten im Nirgendwo, wo nur in den Niederungen der ehemaligen Ozeane hier und da das Blau von Wasser schimmerte und äußerst selten eine Wolke zu sehen war. Das war Wayside V, und das war auch die Südhalbkugel mit der Southern Sea und Dantonville, die hochtrabend "Grafschaft" genannt wurden. Seine Grafschaft. Seine Stadt, sein Teich. Oder sein See. Meer wäre schön gewesen, aber es gab in dieser Gegend nicht genug Wasser. Zwar hatten diverse Space Drops von großen Eisasteroiden ein paar hunderttausend Kubikmeter Wasser in diese Gegend gebracht, aber die Südhalbkugel war kein isoliertes System. Ein Großteil des Wassers war versickert, auf die Nordhalbkugel abgewandert oder hatte sich in der Southern Sea gesammelt. Es gab einige kleinere Flüsschen und eine große Reihe meist ausgetrockneter Bäche, die auf den nächsten belebenden Regenguss warteten, um wieder Wasser zu führen, es gab eine bescheidene einheimische Vegetation und einige recht produktive Farmen, wenngleich nur rund um Parkensen City, der Hauptstadt. Bevor auch Dantonville überhaupt ansatzweise Ähnlichkeit mit einer Farm oder gar einen Garten erlangen würde, konnten noch Jahrzehnte vergehen. Dachte er. Er, Germaine Danton.
Was er dann allerdings beim Anflug auf den Monitoren sah, überraschte ihn. Gut, es war kein Wunder geschehen, aber die Southern Sea hatte sich leicht vergrößert, und Dantonville war damit nun sowas wie eine Küstenstadt geworden. Ja, Stadt. Vom Orbit aus konnte Danton die Dimensionen gut abschätzen und kam zu dem Schluss, dass da unten tatsächlich eine Stadt lag, die zehntausend Menschen Platz bieten konnte. Dazu kamen noch der kleine Raumhafen und die Kaserne für seinen Anteil an der planetaren Miliz. Zudem wirkte die Stadt... Grün auf ihn. Wie lange waren sie fort gewesen? Wirklich nur ein paar Monate und nicht in Wirklichkeit ein Jahrzehnt? Sonne, Sonne gab es genug auf dieser Welt. Wayside scheinte reichlich und viel. Mit genug Wasser, sprich Komfort und Getränken, hätte diese abgelegene Welt ein Urlaubsparadies werden können. Nun aber war sie etwas anderes. In erster Linie ein Streckenposten auf dem Weg zu den Clans für Handel und Politik, in zweiter Linie eine Kaserne. Eine gigantische Kaserne. Die ganze Welt war ein einziger Truppenübungsplatz. In den Niederungen der ehemaligen Meere ebenso wie auf den fast luftleeren, eiskalten (tagsüber aber ziemlich heißen) Hochebenen der ehemaligen Kontinentalrifts. Hier hatten die Angry Eagles des Herzogs von Wayside V ihre Heimat entdeckt; hier sollte er selbst etwas besonderes tun.

Auf Befehl des Koordinators an seinen jüngst hinzgekommenen Adligen hatte Germaine die zweifelhafte Ehre, das dreizehnte Regiment der Ryuken auszuheben, zu bewaffnen, zu trainieren und für den Kampf bereit zu machen. Das war eine sehr interessante Aufforderung, denn offiziell gab es nur sechs aktive Ryuken-Regimenter in der Aufstellung der Armee des Draconis Kombinats. Das dreizehnte aufzustellen war eine zweischneidige Geschichte und warf auch Fragen auf. Nämlich: Gab es mehr als sechs Regimenter? Wenn ja, wo wurden die anderen sechs aufgestellt und trainiert? Warum sollte er das dreizehnte aufstellen? Und, die wichtigste Frage von allen: Warum wurde Regiment dreizehn hier errichtet, am Arsch der Welt, von der Arschbacke Innere Sphäre genau auf halbem Weg zur Arschbacke Clandomäne? Sicher, es war eine wichtige Route, die den halb atmosphärelosen Staubball sehr früh in der Geschichte seit dem Clankrieg wichtig gemacht hatte. Aber die Ryuken waren im Stil der Wolfs Dragoner trainierte, unorthodoxe Truppen, mehr auf klassische Kavallerietaktiken ausgelegt, hart und schnell zuschlagen, ausweichen, neu gruppieren, erneut zuschlagen. Garnisonsdienst oder gar Wachdienst war Verschwendung für diese gut ausgerüsteten, hoch motivierten, aber wegen ihrer unorthodoxen Doktrin noch immer von draconischen Offizieren scheel beäugten Männer und Frauen... Ach ja, darum sollte er die Ryuken Ju-san aufstellen: Er war kein verknöcherter draconischer Offizier, sondern ein Söldner einer mobilen, schlagkräftigen, oft dezimierten, aber immer wiedergekehrten Einheit, die sich den Weg in die Veteranenbeurteilung erkämpft hatte. Blieb die Aufgabe die gleiche, würde er also eine schnelle und schlagkräftige Einheit aufstellen. Auf einem Planeten, mehrere Monate von Luthien entfernt. Nahezu im Geheimen, denn was hier geschah, brauchte Monate, bevor die Innere Sphäre davon Kenntnis erlangte. In Sicherheit? Um was zu tun? Wem zu begegnen? Noch gab es den wiedergegründeten Sternenbund und einen wackligen, allzu losen Frieden zwischen den Oberhäuptern der fünf großen Nachfolgerstaaten, vom Bürgerkrieg im VerCom einmal abgesehen. Aber es war abzusehen, dass Sun-Tsu, die kleine Ratte, schon einen Weg finden würde, diesem Sternenbund ein kurzes Leben zu bescheren. Und war er es nicht, dann eben Katherine. Und war die es nicht, dann vermasselte Victor etwas elementar und so einmalig, dass... Ach, er wollte sich nicht aufregen. Die Welten drehten sich weiter, soviel stand fest. Bedrohungen gab es immer, seien es nun oppositionelle Adlige im Draconis-Kombinat, rivalisierende Bündnisse in der Liga Freier Welten, die Chaosmarken, oder der gute alte Konflikt zwischen Blakes Wort und ComStar. Fakt war wohl, dass eine solche Einheit, wie sie die Ryuken darstellten, bei einem Flächenbrand bitter gebraucht werden würde, und das sehr bald.

Gut. Die Zeit drohte ihm nicht lang zu werden, während er seine Auszeit nahm. Während er Copycat und Jara das Regiment überließ. Sobald er den Fuß auf den Boden von Wayside setzte, war er nicht länger der Kommandeur, nur noch der Eigner. Copeland würde ihn beerben, und Jara würde seine eingetragene Erbin werden. Zumindest erst mal für drei Jahre. Er spannte die linke Hand an, spürte wie immer den dumpfen Schmerz durch sie durch pochen. Die linke Hand und das rechte Knie. Zerschossen. Von einem Attentäter. Für den Tod von Snob, der unter seinem Kommando gefallen war. Vater war nachtragend, aber nicht zu nachtragend gewesen. Und wer würde noch kommen? Himmel, er BRAUCHTE diese Auszeit, dringend. Raus aus diesen Gedanken, fort endlich vom Wunsch, die Mörder seiner Verlobten zu jagen, sich selbst und Miko Zeit einräumen, dem uns eine Chance geben. Und dann waren da noch die Höllenhunde, die in sieben Monaten zurückkehren und in die Reihen der Chevaliers wieder eingegliedert werden würden. Noch operierten sie "selbstständig", aber eben nur auf dem Papier. Die Loyalität der Höllenhunde stand außer Frage, und ja, sie würden auch Copycat und Jara akzeptieren. Das war ungefähr zeitgleich mit jener Spanne, die er dem Stab als Rest an Recreation unterbreitet hatte, um die Truppe wieder auf Soll zu kriegen. Ein halbes Jahr Ruhe, Wiederaufbau, ein paar Abgänge, ein paar Neuzugänge, das Karussel drehte sich weiter. Jetzt bereits lagen ein paarr viel versprechende Bewerbungen auf seinem Tisch, die er Harry Copeland geben würde, sobald sie die Kommandoübergabe hinter sich hatten.

Merkwürdig. Einerseits war er froh, dass er der Verantwortung nicht nur eine Zeitlang entfliehen konnte, sondern die Einheit in gute, in sehr gute Hände legte. Andererseits freute er sich auf die Aufgabe, die Ryuken zu trainieren, seine Erfahrung weiterzugeben. Nützlich zu sein. Erstaunlich, dass ihm das noch jemals wieder wichtig werden konnte. Ja, wenn sein Fuß den Boden von Wayside V berührte, dann würde sich einiges verändern. Manches für immer.

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'Mein Gott, jetzt bin ich der Alte!', ging es Harrison Copeland durch den Kopf, als er den Boden von Wayside V betrat, direkt nach dem "Alten", wie der Herr der Chevaliers Germaine Danton ehrfurchtsvoll genannt wurde. Zwar nur für drei Jahre, aber in seinem Lebenslauf würde es sich sehr gut machen, dass er im Range eines Colonels ein Regiment geführt hatte. Und was für ein Regiment. Noch im gleichen Jahr hatte er auf diese Männer und Frauen geschossen, ihre Vernichtung geplant und eine planetare Übernahme für einen unbekannten Auftraggeber vorbereitet und durchgeführt, Dutzende guter Leute waren gestorben, hunderte verletzt worden, aber nun führte er die Einheit an. Niemals hätte er gedacht, so gut aufgenommen, ja, als stellvertretender Regimentschef akzeptiert zu werden, aber es war geschehen. Danton war ein Genie, was Integration anging, darin, seinen Leuten zu verdeutlichen, wann sie gewisse Gefühle zum Wohl der Einheit hinter sich lassen mussten. Er war einer der Nutznießer gewesen. Letztendlich hatte es dazu geführt, dass es mehr Husaren-Offiziere in den wieder aufgestellten Chevaliers gab als alte Chevaliers. Doch selbst das würde bald egal sein, denn im nächsten halben Jahr würde die Einheit wieder aufgebaut werden und sich dafür auch reichlich bei jenen Husaren bedienen, die Garnisonsdienst auf Wayside V geschoben hatten oder verletzt worden waren. Doch diese Husaren würden zu den Chevaliers kommen, nicht zu ehemaligen Husaren. Wann hatte er doch gleich selbst angefangen, von sich als Chevalier zu denken, und nicht länger als Husare? Ach ja, als die Arbeit losgegangen war und er einfach keine Zeit mehr dafür gehabt hatte, darüber nachzudenken, ob und wann einer der alten Chevaliers seine Waffe auf ihn richten würde, weil er sowohl die Falle an der Southern Sea als auch das Eingreifkommando vor Parkensen City organisiert, koordiniert und angeführt hatte. Tja, bis sie gescheitert waren. Bis Herzog Mikado Mamoru, bürgerlich Ace Kaiser heißend, einfach ihren Kontrakt aufgekauft hatte. Das hatte ihnen allen zumindest die Rückzugskämpfe erspart, das bedeutete Dutzende Tote auf beiden Seiten weniger. Außerdem hatten sie es nicht mit Siegern und Besiegten zu tun gehabt, sondern waren von gleich auf sofort auf Augenhöhe gekommen. Eine interessante Einheit. Ein interessanter Mann, dieser Danton.
Für einen Moment befielen ihn Selbstzweifel. Konnte er den Alten wirklich ersetzen? Konnte er die Chevaliers so führen wie er? Und hatte er es drauf, genau wie der Alte abschätzen zu können, welche Risiken sich lohnten, wie damals, als er die Waräger aufgekauft hatte? Auf seinen Schreibtisch lagen achtunddreißig Kontraktverlängerungen der ehemaligen Waräger, und nur achtzehn Austrittsgesuche. Es waren vor allem Techs, die zu den Chevaliers wollten, und das war sehr günstig, denn ausgerechnet der Husaren-Angriff auf Parkensen Citys Raumhafen hatte die Techs der Chevaliers hart getroffen. Techs waren noch immer wertvoll in ihren Tagen, auch wenn BattleMechs von den tausendfach geflickten und in Ehren gehaltenen Familienerbstücken längst zur Massenware geworden waren - Reparaturen brauchten sie noch immer. Und wie Ryan-Jones bewiesen hatte, konnten gute Techs selbst ein Wrack von einem Mech wieder in eine kampfkräftige Einheit verwandeln, wenn man Know How, Ersatzteile und Schmackes hineinlegte.
"Harry, lassen Sie mich der Erste sein, der Ihnen gratuliert", sagte Danton. Er hatte sich zu Copycat umgewandt und streckte ihm die Hand hin. "Sie treten kein leichtes Erbe an, aber nach diesem halben Jahr Rest and Recreation werden es ohnehin mehr Ihre Chevaliers als meine sein."
"Danke, Germaine." Er ergriff die Hand und drückte sie fest.
Damit war er tatsächlich der Alte geworden. Natürlich würde es noch eine offizielle Kommandoübergabe geben, mit Trara, Tamtam, Gala-Uniformen, dem draconischen Gouverneur als Ehrengast und der High Society dieser Welt auf der Tribüne - während die Fernsehsender das Geschehen festhalten und verbreiten würden. Aber das war noch ein paar Tage hin.
"Passen Sie mir gut auf meine Chevaliers auf. Wer weiß, vielleicht packt es mich in drei Jahren ja erneut", sagte Danton grinsend. "Außer natürlich, Jara hat bis dahin die Einheit per Handstreich übernommen."
"Ich hoffe, das war ein Scherz", erwiderte Harry mit belegter Stimme. Dieser Gedanke machte ihm tatsächlich zu schaffen. Wenn Captain Fokker das Kommando forderte, dann hatte er sehr wenig rechtliche Handhabe, um es ihr zu verweigern. Sie war nun Dantons Adoptivtochter, seine eingetragene Erbin für den Grafentitel und die Einheit, und sie SOLLTE irgendwann einmal die Einheit anführen. Wie konnte er da erwarten, dass sie tatsächlich drei Jahre oder länger wartete? Denn selbst wenn sie das Kommando nicht WOLLTE, es war ihre Verantwortung. Und ihre Verantwortung nahm die junge Frau sehr ernst. Ihre Verantwortung hatte sie in wenigen Jahren von der Rekrutin zur Stabsoffizierin gemacht. Und wenn die Innere Sphäre komplett kollabierte, sie würde ihren Job machen.
"Keine Sorge, ich habe keinerlei Lust, meine Arbeitslast noch mal zu erhöhen", sagte Jara Fokker hinter dem Colonel, trat um ihn herum und gab ihm die Hand. Dabei beugte sie sich vor, stellte sich auf die Zehenspitzen und drückte dem Älteren einen Kuss auf die Wange. Das machte Copycat doch ein wenig verlegen. Denn die junge Frau war nicht nur eine ziemlich gute Offizierin aus Dantons persönlicher Schmiede, sie war auch Teufel noch mal superattraktiv. Man sagte, seit sie in den Fängen von Clan Wolf gewesen war, wäre sie noch schöner geworden. Aber Copeland konnte sich Jara Fokker gar nicht anders vorstellen als sie jetzt war. "Ich gratuliere zur Beförderung, Harry. Und ich hoffe, ich kann dir eine Hilfe sein."
"Nanu, seit wann stapelst du denn so tief, Jara?", scherzte er, um seine Verlegenheit zu überspielen. Mit dem Küsschen hatte er nicht gerechnet. "Du bist mein bestes Pferd im Stall."
Danton räusperte sich. "Nicht im Stall. Auf der Weide. Jara braucht ihren Auslauf, damit sie ihre Kraft verbrauchen kann."
"Germaine", tadelte die Blondine den geborenen Terraner, aber ohne wirklich böse auf ihn zu sein.

"Bin ich hier richtig beim Offiziersreigen für neue Kommandeure?", klang eine weitere vertraute Stimme auf. Lieutenant Colonel Estelle McAllister, die Chefin der Infanterie und Stellvertreterin Imaras, trat heran und gab dem neuen Alten die Hand zu einem kräftigen Händedruck. "Gratuliere, Harry. Wer hätte das je gedacht?"
"Ja, wer hätte das gedacht?", erwiderte er. Wer hätte gedacht, dass er sich den Chevaliers gegenüber loyaler fühlen würde als den Husaren, und das nach so relativ kurzer Zeit?
Nach und nach kamen weitere Offiziere und Freunde in der Einheit dazu, gratulierten ihm, schüttelten ihm die Hand, gaben gute Wünsche oder Ratschläge oder beides zum Besten, während die Chevaliers - SEINE Chevaliers - ausgeschifft wurden.
"Ich gratuliere ebenfalls. Herzlichen Glückwunsch, altes Schlachtross."
Beim Klang dieser Stimme fuhren alle herum, sofern sie den Besitzer nicht hatten kommen sehen.
"Aaron." Copycat trat vor und ergriff die Rechte seines ehemaligen Kommandeurs, der nun in der Miliz diente. Defacto verwaltete er aber vor allem die Rekonvaleszenz dessen, was Angry Eagles und Chevaliers von seinem Regiment übrig gelassen hatten, nachdem jeder seinen Bissen getan hatte. Und nun würden sich die Chevaliers wieder bedienen. Hier, bei der Miliz, und bei allem, was bei drei nicht auf den Bäumen war. "Danke, das bedeutet mir viel. Hier läuft alles?"
Aaron Jasper Imara grinste auf seine unnachahmliche Art. "Ich habe einen Golfrasen gesäht. Man kann bereits auf ihm spielen. Ich lade dich mal auf eine Partie ein, falls die Chevaliers dir die Zeit lassen. Ja, auf diesem Drecksball wächst wirklich eine Menge, wenn man Wasser und Zeit hat." Er runzelte die Stirn. "Ich sollte anfangen, Bücher zu schreiben. Mir scheint, ich habe sonst zuviel Zeit."
"Heißt das, ich kann dich nicht für einen Posten in meinem Stab begeistern?", scherzte Harry.
Imara lachte über den Scherz wie alle anderen, aber nur für einen Moment. Dann wurde er schlagartig ernst. "In welcher Funktion?"
Überrascht sah er den ehemaligen Vorgesetzten an. Ging dem alten Imara das ruhige Leben tatsächlich so gegen den Strich, dass er sich freiwillig einem ehemaligen Untergebenen unterordnete?
Danton kam ihm zu Hilfe. "Die Spionageabwehr sollte eigentlich mal auf festere Füße kommen. Wenn Sie daran Interesse hätten, Aaron, könnte ich Ihnen für den Kommandeur der Chevaliers ein Empfehlungsschreiben aufsetzen."
"Ha, ha, sehr witzig. Aber bitte mit Goldstern."
Sie lachten erneut, allerdings unsicher.
"An dieser Stelle", sagte eine weitere Stimme, die dem planetaren Gouverneur gehörte, "möchte ich meine Freude über die Rückkehr der Chevaliers ausdrücken und Ihnen ebenfalls meine Gratulation aussprechen, Tai-sa Copeland."
Harry erwiderte die förmliche Verbeugung und nahm dann seltsam gerührt die Hand des Draconiers an. "Danke, Sho-sa Parkensen. Ich meine, Mr. Gouvernor."
Der ehemalige VSDK-Offizier, der die Streitkräfte für den zivilen Verwaltungsposten mit allen Ehren verlassen hatte, lächelte eines seiner seltenen Lächeln. "Freuen wir uns einfach, dass unser Wiedersehen als Freunde stattfindet, Harry."
Sie lachten erneut, zustimmend.
Copeland sah sich um. "Kommt mein Namensvetter auch noch?"
"Tut mir leid, aber Major Harrison Klein, Chef der Parkensen City Miliz und der Planetaren Garde hat leider seine Verbrennungen nicht überdauert."
Für einen Moment fühlte sich Copeland, als hätte jemand Eiswasser über ihn ausgegossen. Das war ein schwerer Schlag, für Wayside V, für die Angry Eagles, und damit auch für die Chevaliers. "Mein aufrichtiges Beileid", sagte Copeland stockend. Auch Danton sah betreten drein.
"Was er damit ausdrücken will", klang eine weitere Stimme auf, als ein Mann auf einen Stock gestützt näher kam, einen breitkrempigen Hut auf den Kopf, der sein frisch verheiltes Gesicht vor der Sonne schützte, "ist, dass ich zum Oberstleutnant befördert wurde. Elden, so wie du es gesagt hast, musste man doch denken, dass ich an den Verbrennungen gestorben bin."
"Oh. Verzeihung. Mein Englisch ist noch immer ein wenig holprig." Verlegen lachte der Draconier. "Ich habe mich mehr darauf konzentriert, lyranisches Deutsch zu lernen, leider."
"Uff, da bin ich aber froh, dass das nur eine Ente war, Maj... Ich meine Oberstleutnant Klein." Er schüttelte die Hand des anderen, nach ihm taten es Danton und die anderen Offiziere.
"Und ich erstmal", lachte Klein. Er kniff ein Auge zusammen. "Bringen Sie mir meine Leute wieder, oder werden Sie sie noch etwas behalten?"
"Das werden wir sehen", orakelte er. Die beiden Männer schmunzelten stumm.

"Ach, was soll der ganze Mist?", rief Danton schließlich. "Räumen wir unsere Ausrüstung in die Kasernen und ziehen wir dann in meine Residenz um. Wie man mir zu verstehen gegeben hat, wurde ein zwangloses Essen für alle Chevaliers vorbereitet. Das dürfen wir nicht umkommen lassen."
"Jawohl, Sir." "Ja, Colonel." "Ja, Chef." "Geht klar, Boss."
Danton schüttelte den Kopf. "Ab heute ohne militärischen Titel."
Einige Offiziere grinsten sich an. "Verstanden, Hakshaku Danton."
Danton seufzte auf. "Ihr schafft mich wirklich, Leute."
"Das war der Plan", entgegnete Jara.
Danton ließ ein Grinsen sehen. "Und all das ist ab jetzt dein Problem, Harry. Glücklicherweise. Los, gehen wir essen."
Für einen Moment, für einen sehr kurzen Moment dachte Harrison Copeland daran, dass er eventuell doch besser dran gewesen wäre, hätte er einen Job in der Miliz angenommen. Aber der Augenblick war wirklich sehr kurz.

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Thorsten Kerensky
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Landungsschiff DORNKAAT, Wayside-System, im Anflug auf Wayside V
privates Quartier von Captain Jara Fokker
15. Januar 3067, 16:00 Uhr

Die Landungsschiffe der Dantons Chevaliers hatten sich vom Sprungschiff gelöst und rasten unaufhaltsam auf den fünften Planeten des Sonnensystems zu, Wayside V, neue Heimat der Söldnereinheit. Die Zeit bis zum Planetfall, dem Landeanflug, betrug jetzt nur noch wenige Stunden und genauso schnell wie der Raumhafen näherte sich das Ende dieser Mission.
Tief in Gedanken saß Jara in dem kleinen Quartier, dass in den letzten Monaten ihr privater Rückzugsraum gewesen war – ein Luxus, den die meisten Chevaliers gar nicht gehabt hatten. Ihre Ausrüstung, Bekleidung und die wenigen persönlichen Habseligkeiten waren bereits verpackt und lagen in zwei großen Seesäcken bereit, ihr in die neu errichtete Kaserne von Dantonville zu folgen. Dort würde es genug Platz für alle geben, hatte sie sich versichern lassen.
Es wurde Zeit. Die Kompanie, oder das, was davon übrig war, funktionierte zwar ausgesprochen gut, aber zum Ende der Reise war die Stimmung merklich angespannter geworden. Zu viel Freizeit auf zu wenig Platz, da waren die Probleme vorprogrammiert. Nun standen ihnen jede Menge Umbrüche bevor. Abgänge, Neuzugänge, Beförderungen, Versetzungen, neues Material, neue Strukturen, neue Trainingsinhalte – langweilig würde es ihnen so schnell nicht werden.
Jara war aber vor allem um ihrer selbst willen froh, aus dem Rumpf des Schiffes entkommen zu können und dem Quartiert zu entfliehen, dass sie in den letzten Tagen und Wochen zunehmend als beklemmend empfunden hatte.
Ihren Geburtstag hatte sie hier verbracht, alleine und in sich gekehrt. Es war nicht das erste Mal, dass die Chevaliers das Datum vergaßen und auch wenn das in der Einheit reichlich normal zu sein schien, so machte es ihr immer noch zu schaffen. Sie war es anders gewohnt und führte selbst akribisch Buch über die Geburtsdaten ihrer Untergebenen und aller relevanten Bezugspersonen in der Einheit. Nun war sie 21 geworden und keinen hatte es interessiert.
Später wurde es noch schlimmer in ihrem Quartier. Beim Verpacken ihrer Ausrüstung war ihr schmerzlich wieder bewusst geworden, dass sie hier viel Zeit mit Dawn verbracht hatte. Zwischen ihrem eigenen Zeug hatte sie immer wieder Dinge gefunden, die der rothaarigen Söldnerin gehörten. Bücher, eine Kaffeetasse, Hygieneartikel, Unterwäsche, ein Paar Kampfstiefel… Jara hatte all diese Dinge in eine große Tasche gestopft und zu Dawns übriger Ausrüstung in ihr Quartier gestellt, aber die Erinnerungen waren geblieben.
Es waren gute Erinnerungen gewesen, aber sie hatten Jara weinen lassen, voller Trauer um alles das, was sie verloren hatte, was sie nicht hatte festhalten können. Dawn war drei Wochen nach ihrem Aufbruch von Fury Station aus dem Koma erwacht. Jara hatte, als die Nachricht sie erreichte, alles stehen und liegen gelassen, aber als sie auf der Krankenstation ankam, hatte Dawn sie nur angesehen und nichts gesagt.
Erst zwei Tage später hatte sie auf Jaras Entschuldigungsversuche, ihr Bitten, Betteln und Flehen reagiert und ihr verkündet, dass sie ihr nicht verzeihen konnte. Sie verstand die Entscheidung ihrer Vorgesetzten aus taktischer Sicht, aber sie konnte die Kaltblütigkeit ihrer Freundin nicht verzeihen. Jara sollte weiterhin Patin für Susan sein, aber die Beziehung erklärt Dawn für beendet und bat auch darum, keinen weiteren Besuch zu bekommen, bis sie sich dazu bereit fühlte. Jara hatte genickt, auf einen Abschiedskuss verzichtet und war gegangen. Geheult hatte sie erst in ihrem Quartier und dabei vielleicht zum ersten Mal begriffen, wie wichtig ihr Dawn eigentlich gewesen war.
Seitdem beschränkte sie sich aufs Funktionieren. Früher, auf Bryant und New Home, hatte sie eine ähnliche Phase durchgemacht, aber das schien ihr Ewigkeiten her zu sein. Jetzt hatte sie gelernt, mit ihren Tiefphasen umzugehen und klammerte sich dabei an die kühle Effizienz, die sie bei Clan Wolf gelernt hatte. Sie hatte begonnen, die Einsatznachbereitung für ihre Kompanie zu organisieren, hatte Akten, Berichte, Urkunden, Formulare in gewaltigen Mengen ausgefüllt und sortiert. Sie hatte das Training umgestellt und ließ nun alle ihre Soldaten auf verschiedenen Mechs üben, um flexibler zu werden. Sie hatte ihre Rolle als Sicherheitsoffizier ausgefüllt und die Wach- und Schutzroutinen des Regiments an die Ausfälle und Schäden angepasst. Sie hatte mit Copeland, Brennstein und Danton begonnen, die Kompanien neu aufzustellen, Material zuzuteilen, Personal zu planen und dergleichen mehr. Eine Aufgabe, von der Danton sich zunehmend zurückzog.
Sie wusste, dass sie sich dem Erlebten würde stellen müssen, dass sie sich nicht ewig von ihren Gefühlen abschotten konnte, aber hier, in diesem winzigen Quartier, war ihr das schlicht unmöglich. Es wurde allerhöchste Zeit, dass sie auf Wayside V landeten und sie wieder freien Himmel über sich und festen Boden unter sich hatte.

__________________
Ama-e-ur-e
is-o-uv-Tycom‘Tyco
is-o-tures-Tesi is-o-tures-Oro
is-u-tures-Vo-e-e

25.09.2014 22:17 Thorsten Kerensky ist offline E-Mail an Thorsten Kerensky senden Homepage von Thorsten Kerensky Beiträge von Thorsten Kerensky suchen Nehmen Sie Thorsten Kerensky in Ihre Freundesliste auf
Thorsten Kerensky
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Frachtschiff TEAR OF ARRYN, im Anflug auf Wayside V
Passagierkabine
15. Januar 3067, 22:00 Uhr

„Fünf Jahre als Marschtrommler in der Kapelle der Jugendfeuerwehr?“ Die rothaarige Frau lachte ungläubig. „Das nimmst du wirklich in deine Bewerbungsunterlagen?“
Der, ebenfalls rothaarige, junge Mann sah trotzig von seinem DataPad auf: „Das zeigt, dass ich schon früh gelernt habe, in Gruppen zu funktionieren und Anweisungen zu folgen. Schreibst du deine Messdiener-Zeit nicht rein?“
„Ich glaube, meine militärwirtschaftliche Ausbildung und meine Dienstzeugnisse sind wichtiger, wenn ich auf diesem Felsklumpen eine neue Arbeit finden möchte.“
„Das wird schon klappen“, verteidigte der Mann seine Idee. „Auf Wayside rekrutieren zwei Söldnereinheiten mit Veteranenstatus, zwei Milizeinheiten und es gibt ein offizielles Rekrutierungsbüro der VSDK. Wir werden schon was finden, Schwesterherz.“
„Ich wünsche uns beiden, dass du Recht hast, James.“ Sie warf einen Blick auf ihre Bewerbungsunterlagen und seufzte: „Hoffen wir, dass eine der Einheiten groß genug ist, um Interesse an einem entrechteten Mechkrieger und einer Logistikerin zu haben.“
„Wenn deine Gebete wirklich angekommen sind, dann wird es schon klappen“, unkte ihr Bruder. „Würdest du eher zu den Eagles oder zu den Chevaliers, Jess?“
Jess, mit vollem Namen Jessica Stuart, geborene Campbell, runzelte die Stirn: „Wer sagt dir, dass ich nicht lieber zu den regulären Truppen möchte?“
„Ach komm schon, du willst doch nicht deinen Hintern auf einem Staubball irgendwo im Nirgendwo plattsitzen. Du willst doch mit deiner Logistikausbildung mehr bewegen als Akten.“
„Wo willst du denn hin?“
„Die Eagles haben einen tadellosen Ruf und sind schon lange als beinahe legendäre Einheit etabliert“, dachte James laut nach. „Aber ich glaube, ich will zu den Chevaliers.“
„Warum?“
„Warum?“, wiederholte er in einem Tonfall, als sei die Frage furchtbar überflüssig. „Hast du dir die Einheits-Unterlagen angeschaut? Innerhalb von wenigen Jahren aus dem Nichts zu einer Veteranen-Einheit auf Regimentsgröße angewachsen. Beeindruckende militärische Erfolge in allen Einsätzen. Einheiten so ziemlich jeder Truppengattung an Bord. Großartige Offiziere. Vor allem die Kompaniechefs der Mechtruppen…“
„Ja, von denen hab ich gelesen. Du bist doch nicht etwa scharf auf diese Blondine… wie hieß sie gleich…?“
„Captain Jara Fokker“, antwortete ihr Bruder wie aus der Pistole geschossen. „Unter der würde ich wirklich gerne dienen. Nicht wegen des Aussehens, sondern wegen ihrer Erfolge. Legenden ranken sich um diese Frau und sie ist gerade erst 21 geworden. Kannst du dir das vorstellen?“
„Bei ihren Karrierestationen stand auch Clan Wolf. Und zwar nicht die netten Wölfe von Arc Royal“, gab Jessica zu bedenken und ließ durchscheinen, dass sie ihre Hausaufgaben natürlich gemacht hatte.
„Ja. Und sie ist der Rettungsmission mit einem Waldwolf entgegengekommen, den sie vorher erobert hatte.“
„…sagen die Legenden“, schmunzelte seine Schwester. „Aber wenn es dir so wichtig ist, dann werde ich dafür beten, dass wir bei den Chevaliers eine Chance erhalten.“
James, der genau wusste, dass seine Schwester ihren Katholizismus nicht als eine direkte Bittsteller-Hotline zu Gott verstand, erkannte ihren Versuch, das Thema damit zu beenden.
„Vielleicht reichen ja unsere Unterlagen schon aus“, sagte er. „Wir werden es ja sehen.“


Wayside V, Dantonville
Kasernengelände der Dantons Chevaliers
16. Januar 3067, 08:00 Uhr

Als Jara aus dem Shuttlebus trat und ihre Füße zum ersten Mal den Boden ihrer neuen Heimat berührten, verharrte sie für einen winzigen Augenblick, sog die heiß-trockene Luft gierig in ihre Lungen und sah sich um. Die Gebäude, der Bodenbelag, die Zäune, alles wirkte neu, war neu. Sie stellte sich auf Kinderkrankheiten des Komplexes ein, schon diese Sorge aber hinten an.
Sie schulterte ihr Gepäck und machte den Weg für die übrigen Chevaliers frei, die nach ihr aus dem Fahrzeug stiegen. Eine Abordnung der lokalen Verwaltung eilte ihr entgegen. So übereifrig wie die Männer sich ihr näherten, mutmaßte sie, dass sie vor Copelands Bus eingetroffen waren.
„Tai-i Fokker!“, begrüßte ein kleiner drahtiger Drakonier sie. „Herzlich willkommen in ihrem neuen Zuhause.“
Er verneigte sich tief. Jara salutierte und sah an seinem Blick, dass sie ihn gerade fürchterlich gekränkt hatte. Hätte sie sich ebenfalls verbeugen müssen? Sie musste sich wohl dringend mit den hiesigen Umgangsformen vertraut machen.
„Mein Name ist Minoru Tanaka und ich darf sie im Namen der planetaren Verwaltung zu ihren neuen Unterkünften führen“, stellte er sich und sein Anliegen vor und verbarg seine Gekränktheit dabei aufs Beste. „Ich hoffe, es ist alles zu ihrem besten Gefallen, Tai-sho Fokker.“
„Danke, Mister Tanaka“, antwortete sie. „Zeigen sie mir doch zuerst mein Quartier, damit ich mein Gepäck abstellen kann.“
„Möchten sie, dass sich jemand um ihr Gepäck kümmert?“
„Nein, danke. Es geht schon“, versicherte Jara und hatte das Gefühl, in das nächste Fettnäpfchen getreten zu sein. Zur Hölle mit diesen Höflichkeitsregeln! „Warten wir noch auf Colonel Copeland und Graf Germaine Danton?“, wollte sie wissen.
„Der Graf hat ein Treffen mit seinem Lehnsherrn“, teilte Tanaka ihr mit. „Um den Colonel wird sich einer meiner Kollegen bemühen. Ich stehe ganz zu ihrer Verfügung.“
Jara merkte, wie schwer es dem Mann fiel, die englischen Begriffe zu benutzen, aber offensichtlich hatte er sie für vollkommen hoffnungslos erklärt und ließ sich gnädig auf ihr Niveau herab. Sollte ihr Recht sein.
„Na dann, Mister Tanaka. Zeigen sie mir, wo es lang geht.“
Der kleine Japaner führte sie über den frisch angelegten Kasernenhof, durch schicke Glastüren und in das klimatisierte Innere eines langgezogenen Gebäudes, wobei er ihr ohne Unterlass technische Details voller Stolz erklärte. Jara ließ es über sich ergehen und versuchte sich die wenigen Sachen zu merken, die für sie von Interesse waren.
Als sie ihr Quartier erreichten und Tanaka ihr den Vortritt in ihren neuen Schlafbereich ließ, fiel ihr die Kinnlade runter. Die Unterkunft war für soldatische Verhältnisse gigantisch. Ein Schlafraum, ein eigenes, separates Badezimmer mit Dusche und ein kleiner Wohn- und Arbeitsraum, von dem aus sie den ganzen Kasernenhof überblicken konnte. Alles in allem standen ihr nun um die 40 Quadratmeter zur Verfügung, schlicht aber stilvoll eingerichtet und mit bester Aussicht. Nach der Enge des Landungsschiffes kam ihr dieses Quartier unwirklich vor.
Sie warf den Seesack und die große Tragetasche in eine Ecke, richtete ihre Uniform und wandte sich wieder an Tanaka, der geduldig gewartet hatte, während sie die neuen Räumlichkeiten erkundet hatte. „Jetzt können sie mir den Rest zeigen“, schlug sie ihm vor, während sie die Ärmel ihrer Uniformbluse hochkrempelte. Auf Wayside war es merklich wärmer als an Bord der Landungsschiffe und trotz der Klimaanlage schwitzte sie. Eigentlich wollte sie jetzt gerne ihre private Dusche ausprobieren, aber sie wusste auch, dass die Pflicht rief, zumal sie jetzt quasi die Hausherrin war.
Nacheinander zeigte Tanaka ihr nun die Mannschaftsquartiere, die Sport- und Trainingsbereiche, die technischen Einrichtungen, das Flugfeld, die Küche samt Speisesaal, die Gemeinschaftsräume und führte sie schließlich in den Verwaltungstrakt und zu ihrem Büro. Letzteres hätte er gar nicht wortreich herausstellen müssen, denn ihr Name prangte gut sichtbar auf dem Türschild.
„Ich hoffe, die Kaserne erfüllt ihre Ansprüche und Erwartungen, Tai-sho Fokker“, sagte der kleine Mann mit einer tiefen Verbeugung.
Diesmal war Jara bemüht, sich ebenfalls zu verneigen. „Ihre Leute haben ganze Arbeit geleistet, Mister Tanaka. Die Dantons Chevaliers sind froh, eine derart moderne und komfortable Kaserne übernehmen zu können.“
„Wir sind geehrt. Ich werde mich nun wieder meinen Pflichten widmen, wenn sie mich nicht mehr brauchen.“
„Vielen Dank für die Führung und einen schönen Tag, Mister Tanaka.“
„Ich wünsche ihnen das Gleiche, Tai-i Fokker. Viel Erfolg bei ihren Entscheidungen!“
Jara sah dem Mann kurz nach, als er ging und freute sich auf etwas Ruhe in ihrem eigenen Büro. Die Tür verfügte über eine Funk-Identitätserkennung und entriegelte sich, als sie näher trat. Praktisch, aber auch ein gewisses Sicherheitsrisiko. Sie würde sich mit der Technik noch beschäftigen müssen.
Sie öffnete und trat in ein großzügiges und schlicht eingerichtetes Büro, dessen hohe und breite Fensterfront eine wunderbare Aussicht auf die Mechhangar und die dahinter liegenden Häuser von Dantonville bot.
Bevor sie sich allerdings weiter umsehen konnte, klopfte es an der Tür.
„Herein!“, rief sie überrascht und starrte unvermittelt in das Gesicht von Captain Markus van der Roose.
Jara, die soziale Situationen in der Regel sehr gut einschätzen konnte, wusste in diesem Moment nicht, wie sie sich verhalten sollte und sie war sich sicher, dass Markus auch nicht sicher war, was er eigentlich erreichen wollte, nachdem er den Raum betreten hatte. Also standen sie für einen scheinbar endlosen Augenblick einfach nur da und sahen sich an.
Sie konnte den Vorwurf in den Augen des Infanterie-Offiziers sehen, aber sie fühlte auch seine Unsicherheit, seine Unentschlossenheit und seine Verwirrung.
Schließlich brach sie das Eis, indem sie auf ihn zutrat und ihn umarmte. „Markus, es tut so gut, dich wiederzusehen“, sagte sie und meinte es ehrlich.
Markus erwiderte die Umarmung, aber er fand nicht die richtigen Worte, um seine gemischten Gefühle zum Ausdruck zu bringen.
Schließlich lösten sie sich voneinander und Jara deutete auf eine Sitzecke mit niedrigen Sesseln und einem dazu passenden Tisch, die sie erst jetzt entdeckte und die ihr für das kommende Gespräch passender erschien als der autoritäre Schreibtisch.
„Es tut mir so leid…“, begann sie, nachdem sie sich gesetzt hatten, aber sie wurde unterbrochen.
„Lass mich anfangen“, fiel Markus ihr ins Wort. „Ich muss erst etwas loswerden.“
„Wie du möchtest“, bot sie an.
„Ich weiß, dass es nicht deine Schuld ist, Jara“, begann er zu erzählen. „Ich habe die Gefechts-ROMs angeschaut, kaum dass sie übertragen waren. Mehrfach habe ich sie angeschaut und ich bin immer zu dem gleichen Ergebnis gekommen: Deine Entscheidung war taktisch völlig richtig und notwendig. Ich weiß auch, dass du selber dir vermutlich die größten Vorwürfe machst.
Ich werde aber den Gedanken nicht los, dass du die Mutter meiner Tochter als Pflegefall zurückbringst. Himmel, Jara, Susan ist dein Patenkind! Sie hat nach dir fast genauso oft gefragt wie nach Dawn. Was soll ich ihr sagen, was willst du ihr sagen?“
„Ich weiß es nicht“, gab Jara zu. „Dawn sagte, ich solle weiter Patin bleiben, aber ich weiß nicht, wie ich das anstellen soll. Es ist schon schwer genug, dir unter die Augen zu treten, aber Susan… ich weiß nicht, wie ich ihr eine Stütze im Leben sein kann.“
Danach schwiegen sie eine Weile und wussten beide nicht so recht, was sie sagen sollten. Gab es überhaupt Worte für diese Situation? Jara wusste es nicht.
„Ich will ehrlich mit Susan sein, sobald sie alt genug ist, um die Dinge zu verstehen“, sagte sie schließlich. „Ich will für sie eine Bezugsperson sein, solange sie es will. Wenn sie mich irgendwann verstößt, weil sie mir nicht verzeihen kann, dann werde ich es akzeptieren, aber solange sie mich lässt, solange möchte ich die Patin sein, die sie verdient hat.“
Fragend sah sie zu Markus.
„Gut“, sagte er endlich. „Machen wir es so.“
Jara war erleichtert und sie spürte, dass auch der Infanterist froh war, das Thema wechseln zu können. „Hast du Zeit, um von eurem Einsatz zu erzählen?“, wollte er wissen. „Und bitte, erspar mir die Details über deine Beziehung zu meiner Ex.“
Jara lächelte, dankbar darüber, dass auch diese Klippe umschifft war und dankbar, dass Markus sich sichtlich bemühte, ihre Freundschaft zu erhalten. Sie entschied, dass der Versuch wichtig war als die Unterlagen auf ihrem Schreibtisch und begann zu erzählen.


Wayside V, Dantonville
Kasernengelände der Dantons Chevaliers
16. Januar 3067, 08:00 Uhr

Nach ihrer Mittagspause hatte Jara sich bis zu den Anträgen der Männer und Frauen der Chevaliers vorgearbeitet und war mächtig stolz auf sich, fast ihren gesamten Schreibtisch wieder von unerledigten Aufgaben befreit zu haben. Und das trotz aller Verzögerungen. Ihr war klar, dass dieser Zustand nicht lange vorhalten würde, weil sie einerseits in den kommenden Tagen mehr zu tun haben würde als ihre Rolle als Einheitserbin auszufüllen und andererseits ab morgen auch deutlich mehr Dinge über ihren Schreibtisch gehen würden. Da Jan Jensen mit Germaine zusammen an die Grafenresidenz gewechselt war, würde sie sich eine Ordonanz suchen müssen. Vielleicht macht es Sinn, sich eine Kraft mit Copeland zu teilen und ein gemeinsames Vorzimmer einzurichten. Sie würde ihn darauf ansprechen müssen.
Als sie die Anträge durchging, fielen ihr zwei ganz besonders ins Auge. Sergeant Haruka Yamada und Sergeant Rudi Teuteburg baten sie beide um Versetzung in die Miliz. Yamadas Antrag datierte auf den 14. Januar, Teuteburgs auf den Folgetag. Jara glaubte nicht an einen Zufall, vor allem nicht in diesem besonderen Fall.
Sie rief ihr Kommunikationsterminal auf und wählte eine Nummer in der Grafenresidenz. Die Person, die sie erreichen wollte, nahm ihren Anruf entgegen.
„Hallo Jara! Ist die Sehnsucht schon so groß?“, begrüßte Miko Tsuno sie mit einem Grinsen.
„Sehnsucht?“, fragte Jara zurück. „Du solltest mal vorbeikommen und dir mein Büro und mein Quartier ansehen. An so viel Platz könnte ich mich gewöhnen. Nehmt euch ruhig so viel Auszeit, wie ihr wollt!“
„Ich habe die Pläne gesehen, aber ich komme die Tage bestimmt mal auf einen Tee vorbei“, versprach die Drakonierin. „Ich glaube aber, dass deine Räume winzig wirken werden im Vergleich zur Residenz. Vielleicht kommt es uns aber auch nur so vor nach den Wochen auf dem Landungsschiff.“
„Ich werde euren Palast ja bald genug kennenlernen“, entgegnete Jara und dachte mit Grausen an die Bälle, Feiern und Zeremonien, die Germaine angekündigt hatte.
„Das stimmt“, lachte Miko. „Wir müssen unbedingt zusammen nach Kleidern schauen gehen. Die Schneider von Parkensen City sollen wahre Meister ihres Fachs sein. Vorausgesetzt, sie dürfen traditionelle Kimonos schneidern, versteht sich.“
„Überleg es dir gut“, warnte die blonde Söldnerin. „Du weißt, wie ungerne ich mich durch Klamotten wühle.“
„Das macht doch den Reiz aus.“
„Na großartig!“, stöhnte Jara. „Aber bevor wir uns zum Shoppen verabreden, kannst du mir vielleicht kurz helfen.“
„Aber sicher doch. Was kann ich für dich tun?“
„Ich habe eine Bitte um Versetzung in die Miliz. Von Haruka.“
„Sowas in der Art habe ich erwartet.“
„Und einen von Teuteburg. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er wirklich in den Milizdienst will, aber er folgt offenbar seinen Gefühlen…“
„Haruka will wahrscheinlich auch gar nicht wirklich zur Miliz. Sie folgt ihrer Ehre.“
„Soweit war ich auch“, stimmte Jara zu. „Ich will aber auf Haruka nicht verzichten und Teuteburg macht sich an der Front auch besser als hier. Eigentlich brauchen wir beide bei den Chevaliers. Die Frage ist: Brauchst du Haruka auf Wayside?“
Miko musste nicht lange überlegen. „Nein“, antwortete sie. „Wenn es hier Gefahren für mich gibt, dann sind es welche, vor denen mich auch Haruka nicht beschützen kann. Wir haben hier mehr als genug Bodyguards und auch loyale Truppen. Wenn es nach mir geht, dann kann Haruka ruhig bei der Truppe bleiben. Befehlen kann ich es ihr aber nicht und wenn sie ihrer Ehre folgen will, dann wird sie auch einen Weg finden.“
„Im Zweifel gegen Befehle?“
„Vielleicht. Aber besser wäre es schon, wenn sie sich freiwillig für den Verbleib bei den Chevaliers entscheidet. Vielleicht kannst du ihr ins Gewissen reden?“
Jara nickte: „Ich lass mir was einfallen. Danke für deine Meinung.“
„Kein Problem“, kam die Antwort. „Und schick mir mal mögliche Termine für unsere Shopping-Tour!“
„Mach ich“, versicherte Jara und fügte sich seufzend in ihr Schicksal.

Eine halbe Stunde später klopfte es an der Tür und auf Jaras Aufforderung betrat Haruka Yamada das Büro und meldete sich vorschriftsmäßig. „Captain Fokker! Sergeant Yamada, ich melde mich wie befohlen. Sie wollten mich sprechen?“
„Rühren, Sergeant!“, antwortete Jara. Und: „Setzen sie sich doch!“
Widerwillig kam die Mechkriegerin der Einladung nach und nahm auf einem der brandneuen Stühle Platz.
„Du hast einen Versetzungsantrag gestellt“, sagte Jara. Es war keine Frage, sondern eine Feststellung.
Yamada nickte.
„Sergeant Teuteburg hat ebenfalls einen Versetzungsantrag gestellt. Wusstest du das?“
Sie nickte erneut.
„Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass einer von euch freiwillig die Chevaliers verlassen möchte. Natürlich ist es euer gutes Recht, diese Anträge zu stellen, aber ich würde diese Entscheidung gerne verstehen. Kannst du mir erklären, warum du deinen Antrag gestellt hast? In dem Schreiben bist du reichlich vage geblieben…“
„Ich hatte meine Gründe“, antwortete Yamada kurz und knapp.
„Davon gehe ich aus.“ Jara musterte ihre Untergebene und Lanzenkameradin und entschied sich, mit offenen Karten zu spielen.
„Meine Vermutung ist ja“, fuhr sie fort, „dass du auf Wayside bleiben willst, weil du dich Miko Tsuno gegenüber verpflichtet fühlst. Und diese Verpflichtung ist dir wichtiger als es die Chevaliers sind, als es die Kompanie ist und als es deine Kameraden sind. Dafür habe ich zwar wenig Verständnis, aber ich muss es wohl akzeptieren. Teuteburg geht deinetwegen, weil er gar nicht anders kann, als dir zu folgen. Ich vermute, du hast ihn weder in deine Entscheidung mit einbezogen, noch hast du darüber nachgedacht, wie du Miko am besten unterstützen kann.“
Das Schweigen, das ihr antwortete, bestätigte ihr, dass sie mitten ins Schwarze getroffen hatte.
„Ich habe mit Miko vorhin gesprochen und sie ist der Meinung, dass du den Chevaliers mehr nützt, wenn du deinen Job in den aktiven Truppen machst. Die Chevaliers sind auch Mikos Einheit, ihre… Familie, sozusagen und sie möchte diese Familie beschützt wissen.
Außerdem glaube ich, dass Teuteburg in der Miliz wirklich unglücklich sein würde. Ich gebe dir zwei Tage Zeit, um darüber nachzudenken, mit deinem Rudi darüber zu sprechen und deine Entscheidung zu treffen. Wenn die zwei Tage um sind, werde ich Teuteburg zu mir bitten und ihm die gleiche Wahl lassen. Ich denke, er hat eine etwas freiere Entscheidung verdient. Soweit verstanden?“
Yamada nickte.
„Gut“, sagte Jara, „dann sind wir hier fertig. Ich erwarte ihre Entscheidung in zwei Tagen, Sergeant. Sie können wegtreten!“
Als sich die Tür hinter der Mechkriegerin schloss, lehnte Jara sich in ihrem Stuhl zurück und fragte sich, wie Germaine das Gespräch wohl angegangen wäre und ob seine Art besser oder schlecht war als ihre. Und ob sie ihrer Aufgabe gewachsen sein würde.

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Ama-e-ur-e
is-o-uv-Tycom‘Tyco
is-o-tures-Tesi is-o-tures-Oro
is-u-tures-Vo-e-e

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Wayside V, Dantonville
Kasernengelände der Dantons Chevaliers
17. Januar 3067, 11:50 Uhr

Ich, Rudi Teuteburg, stand vor dem Sandsack, schwitzte und kämpfte gegen meinen inneren Schweinehund an. In dem Versuch meinen Geist zu beruhigen, denn die letzten Monate der Kämpfe hatten mich geschafft, vor allem als meine himmlische Haruka verletzt wurde in den Gefechten.
So schlug ich also teilweise schneller und langsamer auf den Sandsack ein und ließ meine Gedanken in die Zeit wandern als ich sie das erste mal sah, ja, meine Haruka. Wie war das damals....

*Damals*
Jetzt bin ich also ein Chevalier, ging es mir durch den Kopf. Das war kein schlechter Gedanke. Die Einheit war zwar noch jung, aber sie hatte sich bereits ihre Sporen verdient, und Danton galt als sichere Bank für geringe Verluste. Hier hatte ich Chancen. Hier hatte ich...
"...Rudi?"
Ich fuhr herum. Anton Brahmert sah mich verwundert an. "Wo warst du denn? Ich habe dich schon zweimal angesprochen."
"Tut mir leid, ich muss in Gedanken gewesen sein." Ein Lächeln huschte über mein Gesicht. "Ich habe mir die Möglichkeiten ausgemalt, die wir hier bei den Chevaliers haben."
Brahmert, der zeitgleich mit mir eingestellt worden war, grinste mich an. "Zuerst einmal heißt unsere Möglichkeit, uns zu bewähren und den Flügelmann zu spielen. Aber wir werden unsere Gelegenheit bekommen. Fähige Leute steigen hier schnell auf. Apropos Möglichkeiten..." Er deutete den Gang hinunter. Lieutenant Fokker und Captain Sleijpnirsdottir standen dort und diskutierten mit Major Danton. "Welche ist eher dein Typ, hm, Rudi?"
Sicher, die beiden blonden Frauen waren Schönheiten, wenn man ihren Typus mochte. Aber sie fielen eher nicht in mein Beuteschema. Für mich war... Ich erschrak bis ins Mark. Dann griff ich Rudi in den Kragen seiner Weste und zog ihn zu mir herüber. Mit der Rechten, die bemerkenswerterweise zitterte, deutete ich tiefer in den Gang hinein. Zwei junge Frauen asiatischen Ursprungs gingen, leise miteinander schwatzend, an den beiden Frauen entlang. "Wer ist das, Anton?"
"Das? Von Miku Tsuno würde ich die Finger lassen, weißt du? Die gehört dem Alten."
Ich schüttelte unwillig den Kopf. Natürlich kannte ich alle Lanzenführer der Chevaliers. "Nicht sie. Die Große."
"Ach, Katana. So ist ihr Rufname. Haruka heißt sie, glaube ich." Anton kratzte sich am Haaransatz. "Ja, die junge Dame ist sehr hübsch. Aber das kannst du getrost gleich wieder vergessen. Im Grabenfunk heißt es, sie ist Miko mit Herz und Seele ergeben. Irgendso eine draconische Ehr-, und Schuldgeschichte, du verstehst?"
"Äh, ja?", fragte ich. Mit draconischen Ehr-, und Schuldgeschichten hatte ich noch nie Berührungspunkte gehabt.
Anton seufzte, befreite sich aus meinem Griff und klopfte mir auf die Schulter. "Andererseits ist sie auch nur eine Frau. Ich sag dir was, versuch es ruhig. Aber geh es langsam und vorsichtig an. Und lern ein wenig über draconische Ettikette. Das ist zwar unüblich für die Chevaliers, aber du kannst da sicher bei Haruka mit punkten."
Haruka. Das war ein sehr schöner Name, fand ich. "Wie langsam?", fragte ich murrend.
„Naja, also da sie mit Miko zusammen richtung Besprechungsraum geht, können wir uns wohl darauf einstellen mit ihnen zusammen zu arbeiten“, Anton zwinkerte und machte sich den Gang hinunter auf den Weg. Ich folgte ihm in seinem Schatten. Als wir an Major Danton vorbeikamen grüßten wir und folgten dann den beiden Asiatinnen in einen Konferenzraum.
Major Danton stieß kurze Zeit später dazu.
„So meine Damen. Hier sind die beiden neuen Mitglieder der Chevalliers Scoutlanze. Ich hoffe sie werden sich schnell zusammen raufen denn wir werden uns auf ihre Fähigkeiten verlassen müssen und im Gefecht ist eine gute Aufklärung Überlebenswichtig.“ Major Dantons Blicke glitten über alle vier Anwesenden im Raum. „Dann gebe ich das Wort an die Lanzenführerin Tsuno und verabschiede mich aus dieser Runde. Weitermachen!“ So drehte sich der Major um und verliess den Raum.
„Also erstmal herzlich willkommen bei den Scouts. Ihre Dossiers habe ich gelesen und möchte bevor wir ins plaudern kommen erstmal wissen was sie bisher gemacht haben und welche Maschine sie einbringen.“ Miko ging zur Seite und Haruka stand auf.
Ich konnte die Augen nicht von ihr lassen. „Rudi“ flüsterte Anton“nicht so starren“ und grinste mich an.
„Äh, ja.“
„Also meine Herren, ich bin Haruka Yamada, Rufname Katana. Ich steuere einen Clan Puma und werde mit“, sie sah auf einen Computerausdruck, „Herrn Teuteberg, Rufname Chappi, als Flügelmann zusammenarbeiten. Ich hoffe sie haben keine Probleme von einer Frau geführt zu werden?“
„Nein Ma´am.“ erwiderte ich. In Gedanken dachte ich mir, ja diese Frau hat was.
„Gut. Dann kommen sie mal und stellen sich uns vor.“ Haruka ging geschmeidig zu ihrem Platz ich stand auf und ging nach vorne. Mir war ein wenig komisch, aber da ich nicht der große Redner war, war das auch nichts ungewöhnliches.
„Also ich heiße Rudi Teuteberg, Rufname Chappi. Ich steure einen Enforcer mit Namen Useless. Er ist Clanmodifiziert, d.h. er hat als Hauptgeschütz ein Clangauss. Die Laser sind Impulswaffen. Meine Erfahrung habe ich beim 159th Sturmregiment Haus Davions gesammelt in der dortigen Hetzlanze als Lanzenführer bei der Vernichtung der Nebelparder. Nach den letzten Kämpfen bin ich freiwillig ausgeschieden da meine Einheit faktisch nur noch aus mir bestand. Als Bezahlung und Abfindung habe ich vorerst nur den Enforcer, aber das Verfahren läuft noch. Als vorgeschobener Beobachter habe ich meine Erfahrungen. Während meiner Pause habe ich auf Solaris 7 gewohnt, dort habe ich durch ein wenig Glück einen Mech und zwei Techs erworben, die ich später mit zu den Chevalliers holen möchte.“ Ich sah mich um und erkannte das alle mir gebannt lauschten. Ich hoffte niemanden zu langweilen. „Sportlich gesehen mag ich Boxen und das alte thailändische Stockkarate, ein wenig Kickboxen mache ich auch. Da ich während der Kämpfe gegen die Nebelparder einige Berührungen mit der japanischen Kultur hatte, beschäftige ich mich auch mit ihr. Ich bin sehr überrascht, wie vielfältig und interessant dieser Lebensstil ist. Derzeit bin ich dabei mich in die Kunst der Tee Zeremonie und des Bushido einzulesen. Das wäre es erstmal.“ Ich schaute wieder zu allen und als Miko nickte setzte ich mich wieder. Ich schaute zur Seite und reichte Katana die Hand und sagte:“Ich hoffe sie werden mit mir zufrieden sein oder mir sagen was ich besser machen kann.“
Bei dieser Ansprache schaute ich Haruka nicht direkt an, da dies als unhöflich galt. Ich fühlte aber wie sie mich musterte und auch ein wenig überrascht klang, als ich mich an die japanischen Gepflogenheiten hielt . „Ja, Herr Teuteberg, ich freue mich auch auf unsere Zusammenarbeit.“ sprach sie in neutralem Ton.
Anton war nun vorne und drehte sich um. Ein lächeln umspielte seine Augen.

*Heute*
Wieder im hier und jetzt wechselte ich meine Trainingseinheit. Ich ließ dem Sandsack seine wohlverdiente Pause, grinste ein wenig. Ging zu meiner Trinkflasche, genoß einen Schluck von meinem Isotonischen Getränk. Da spürte ich eine Hand auf meiner Hüfte.
„Hallo starker Mann. Ich wollte dich nicht stören, du sahst so glücklich aus und Gedankenversunken, ich hoffe du hast an mich Gedacht?“
„Ja, an wen sonst?“, ich drehte mich um und legte meine arme um die hübscheste Frau die ich kenne. „Wie lange hast du mich beobachtet?“
„Ach nur ein zwei Minuten. Du hast den Sandsack geschlagen und dabei so ein wenig abwesend gewirkt und gelächelt.“ , schmunzelte Haruka mich an. „Wie weit bist du mit deinem Training?“
„Noch zwei Einheiten wollte ich machen. Dann noch der Apell und danach gehört meine freie Zeit ganz uns. Hast du was geplant?“
„Nein, ich wollte Laufen gehen, mit Miko. Dann nach dem Apell dachte ich, gehen wir mit ihr was essen?“
„Mach ich doch gern.“, ich lächelte sie an und zog sie zu mir, doch sie stieß mich lächelnd zurück.
„Nein du schwitzt und ich will nicht.“
„Ach komm schon.“, ich schaute ihr in die Augen. Sie gab sich geschlagen und wir küssten uns kurz. Danach verschwand sie in die Umkleiden. Ich ging wieder in Richtung Kraftmaschine, legte Gewichte auf und begann die Hantelstange hoch zu drücken. Da kam eine andere Erinnerung in mir hoch.

*Damals*
Damals wurde Haruka für mich durch alle Informationen die ich herausfand nur noch interessanter. Langsam und sehr behutsam versuchte ich soviel wie möglich in Erfahrung zu bringen. Lies hier und da mal fallen das ich sie sehr interessant finde und ihre Arbeit als professionell empfand. Aber außer dem professionellen Umgang während der Übungen und dem Aufnahmeritual in die Scoutlanze, gab es wenig Berührungspunkte. Man unterhielt sich, man konnte sich auch leiden, aber es gab immer diesen typischen berufsbedingten Abstand. Jedenfalls irgendwann, ich glaube es war nach dem ersten Gefecht auf Wayside, fasste ich mir Mut und sprach Haruka privat an. Es war Zufall, als ich sie Abends von der Messe kommend am Mechhangar traf.
„Hallo Haruka. Wie kommt es dich Abends so allein zu treffen?“, sprach ich sie lächelnd an. Fühlte mich dabei aber wie ein kleiner Junge der gerade den Zettel „willst du mit mir gehen“ verschickt hatte und nun auf die Antwort gespannt wartete.
„Hallo Rudi. Ja ich wollte einfach mal abschalten, nach meinem Mech und dessen Reparatur schauen. Wie geht es dir?“, sie lächelte kurz, setzte sogleich aber wieder die typische draconische Maske der Freundlichkeit auf.
„Danke. Die Gefechte waren hart und es ist nicht einfach nach dieser Schlacht die Feinde jetzt als Freunde zu sehen. Ich bin mir nicht sicher was als nächstes kommt. Ich hoffe das wir als Lanze zusammenbleiben und …“, auf einmal knallte es im Hangar und wir drehten uns beide erschrocken um und schauten in die riesige Halle.
Ein Stapel Kisten war umgekippt, anscheinend war der Tech mit dem Gabelstapler dagegen gekommen den ein Mastertech kam fluchend aus einer Mechbucht heran gelaufen.
Wir schauten uns wieder an und da, ganz kurz ein seltsamer Glanz in ihren Augen, als ob sie mich die ganze Zeit angeschaut hätte. Mir wurde ein wenig warm ums Herz.
„Da hat mal wieder wer geschlafen bei der Arbeit“, lachte ich.
„Ich hab mich auch ein wenig erschrocken. Aber ich hatte ja meinen Flügelmann bei mir.“
Ich guckte sie verdutzt an. „Ja, der hält dir schon den Rücken frei.“
„Das ist ja sein Job. Also Rudi was machst du denn hier so?“
„Ach ja, mein Mech hat Probleme mit den Geschützkontrollen. Keine Ahnung, aber ich habe Probleme mit dem Clan Gaussgeschütz im Arm. Die Zielerfassung schaltet manchmal das Geschütz aus oder die Zielerfassung spinnt.“
Haruka lächelte mich an. „Ach Mensch … bei diesem Waffenmix ist es ein Wunder das da irgendwas schießt. Ich jedenfalls bin zufrieden mit deiner Leistung in der Schlacht.“
„Danke für dein Kompliment, das tut gut. Aber ich habe auch eine sehr gute Flügelführerin.“ lächelnd nahm sie mein Kompliment an. Es stand soviel nicht gesagtes zwischen uns und doch wir wussten beide was der andere ungesagt meinte. Haruka lächelte.
„Rudi, ich danke dir für das Kompliment. Aber ich mach mich wieder auf den Weg, einen schönen Abend.“, sie ging an mir dicht vorbei, streifte wie zufällig meinen Arm.
„Dir auch Haruka.“ mehr bekam ich in diesem Augenblick nicht raus. So stand ich da an der Seite des Mechhangars, mit einem lächeln im Gesicht und dachte nur was ich für ein Glückspilz bin, so eine Frau hier gefunden zu haben.
Von da an versuchte ich noch besser zu werden. Arbeitet mich in die Pläne der Lanze ein, half wo ich konnte. Selbst in meiner Dienstfreien Zeit versuchte ich Haruka nahe zu sein. Einige Tage später liefen wir uns Nachmittags im Kraftraum über den Weg. Ich stand gerade mit meinen Boxerhosen und Handschuhen am Sandsack und powert mich aus, als jemand mir zart an die Schulter tippte mich anlächelte und sagt.
„Na junger Mann, lassen sie den Sandsack ja am Leben.“
„Oh, ja, Hallo! Mache ich.“ Wir schauten uns an und musterten uns.
Für mein alter war ich gut trainiert, hatte starke Arme, nicht die eines Bodybilders, aber ich hatte durch mein langjähriges Kampfsporttrainig eine gute Figur. Haruka sah makellos aus. Ein flacher Bauch, nette Rundungen an den richtigen Stellen und eine Eleganz in ihrer Bewegung, das ich hätte schmelzen können.
„Was machst du heute hier?“, fragte ich sie.
„Ach, nur ein wenig Gewichts-Ausdauer-Training.“ sagre sie, ging weiter, schaute aber kurz über die Schulter und bemerkte mit einem feinen lächeln das ich ihr nachschaute. Naja, eher nach gaffte.
„Hey, geh mal wieder den Sandsack schlagen und nicht armen Frauen auf den Po gucken“, feixte sie.
Ich wurde ein wenig rot „Wer macht denn sowas? Ich doch nicht.“, drehte mich zum Sandsack und begann mein Training fortzuführen. Bis mir wieder wer auf die Schulter tippte.
„Rudi, Mensch das war aber schon sehr sehr direkt. Man hätte deine Augen ja fast festhalten müssen damit sie nicht rausfallen“, grinste mich da Anton Brahmert an. Er schlug mir Kameradschaftlich auf den Rücken. Ich dreht mich um.
„Ach so, der Herr Brahmert. Wo ist denn dein Augapfel“, feixte ich zurück.
„Wie? Was? Wer?“, lachte Anton, trotzdem schaute er sich um.
„Du Scherzkeks, Rudi. Da ist ja keine andere hier außer Haruka.“ Er winkte ihr kurz zu, sie nickte zurück, während sie sich aufwärmte.
„Ach Anton. Die blonden Damen werden schon noch kommen und dich zum Tanzen einladen. Ausserdem ist zwischen Haruka und mir nichts.“
„Genau. Und morgen bin ich aus Schokopudding.“
„Das könnte mal passieren, so wie du trainierst.“
„Und das von einem alten Mann“, gespielt griff sich Anton an seine Brust. „Ich dachte du wärst mein Freund.“
„Du armer Kerl.“ Dann fingen wir an zu lachen.
„Naja, also ich habe mich umgehört und hier soll es ein gutes Teehaus geben, im alten Stadtzentrum. Wäre das nicht was für dich und deine angehimmelte?“, zwinkerte mir Anton zu.
„Ja, danke für die Information mein Freund. Aber ich weiss nicht wie ich es anstelle sie einzuladen.“
„Bist du schon so alt das du das vergessen hast?“, stichelte Anton.
„Einfach hingehen und fragen ob sie mit dir Lust hätte einen Tee trinken zu gehen. Du hättest da ein sehr stilvolles Teehaus entdeckt.“, bei diesen Worten stecke er mir die Karte mit der Adresse und der Nummer des Teehauses zu.
„Hast ja recht.“
„Was tuscheln die Herren denn da?“, kam es plötzlich von der Seite.
„Ach, ähem... ich muss weiter trainieren.“ Sagte Anton und ging.
„Also, ich habe da ein tolles Teehaus gefunden und würde dich gern zu einem Tee einladen, wenn du Zeit hast?“, lächelte ich nun Haruka an die neben mir stand.
„Hm, ein Date zu einem Tee? Also ich weiss nicht. Ich überleg es mir Rudi.“
So schnell in mir Hoffnung keimte, so schnell war sie auch wieder fort. Aber in der Art wie sie mich ansah, spürte ich auch Unsicherheit bei ihr, so hoffte ich zumindest.
So kam es das ich sie nach einiger Zeit erneut zu einer Teestunde einlud und sie diesem Wunsch nachgab und wir uns zusammen, mit der Anstandsdame Miko Tsuno, einen ersten Tee gönnten. Wir redeten alle über den Dienst, dieses erste Gefecht und was man so belangloses zu bereden hatte. Am ende gingen wir auseinander, aber untypisch für Haruka lächelte sie mich an und ich war ab da eigentlich schon hilflos verloren. In dem Augenblick dachte ich aber nur, toll, endlich ein Treffen und dann ist da noch eine Anstandsdame dabei, das kann ja was werden.

*Heute*
„Rudi. Rudiii!“, hörte ich plötzlich eine Stimme die mich rief.
„Ja?“, ich drehte meinen Kopf.
Anton kam auf mich zu. Es war irgendwie komisch ihn hier zu sehen. Da im letzten Gefecht auf Caliban der Doppelgänger von Anton Brahmert gestorben war. Zu diesem Zeitpunkt war ich blindlings und ohne Nachzudenken gewendet und hatte den Nebelparder mit meinem letzten Gaussgeschoss erledigt. Dabei hatte ich aber meinen Gegner vergessen, was dazuführte das dieser mich abschoss. Ich hatte Glück, denn ich konnte mich mit meinem Schleudersitz retten. Naja und nun stand der echte Anton wieder da.
„Was ist denn Anton?“
„Du solltest mal Pause machen. Du pumpst da schon fast zehn Minuten. Alles in Ordnung mit dir?“
„Ja alles gut. Ich dachte an die Zeit zurück wo ich Haruka kennegelernt hab und wir noch neu bei den Chevalliers waren.“
„Ok. Denk daran. Nach dem Apell heute ist später dann noch das erste Treffen der neuen Lanze. Wir sollten vorbereitet sein, wer weiß was nun kommt und wer mit wem zusammen arbeiten muss!“
„Ach ja, stimmt.“, ich schlug mir vor den Kopf. „Hätte ich fast vergessen. Ich bin nachher noch mit Haruka und Miko zum Essen verabredet. Aber ich hol dich dann ab und wir gehen dann zusammen zur Besprechung. Sagen wir 20 Uhr?“
„Ja, passt. Dann mach mal weiter und überanstreng dich nicht!“, grinste mich Anton unbeschwert an und verließ die Trainingshalle. Ich setzte mein Training fort und schaute zufällig auf die Uhr. Gut ich hatte noch anderthalb Stunde Zeit. Und so drifteten meine Gedanken wieder in die Vergangenheit, während ich mich an die Rudermaschine begab und begann.

*Damals*
Damals nach den schweren Gefecht gegen die ehemalige Einheit von Copeland wurde unser Verhältnis immer tiefer. Haruka wehrte sich gegen diese Gefühle und ich rang mit mir auch, denn ich bin ja doch einiges älter als sie. Wir schafften es zwar immer sehr professionell miteinander um zu gehen, insgesamt jedoch nährten wir uns beide weiter an, es war unausweichlich, so kam es mir vor. Keiner wollte und doch wussten wir das es was besonders gab. Also begann ich Haruka zu umwerben. Es dauerte lange und viele Möglichkeiten für ein privates Treffen gab es nicht.
„Haruka, komm doch bitte mal mit, wir müssen endlich mal reden.“ ich sah sie an und suchte nach einer Reaktion. Die Gefechte hatten vieles verändert, es war soviel in so kurzer Zeit passiert.
„Rudi, ich weiss. Aber es ist ein schlechter Zeitpunkt einfach. Zur Zeit passiert soviel. Lass uns später reden.“
„Du läufst doch nicht weg vor mir oder?“, fragte ich sie besorgt.
„Nein. Nur … ach Rudi. Es ist im Augenblick einfach zu viel, bitte versteh das.“ sie sah mich an und ich fühlte das es eine Bitte war einfach nur Geduld zu haben.
„Na gut, diesmal lasse ich dich in Ruhe. Du weisst aber das wir uns bald aussprechen sollten.“, wir schauten uns an sie nickte. Kühl und besonnen, typisch japanisch, das war ihre Reaktion. Eine Abfuhr für jeden anderen, aber für mich der Reiz nicht aufzugeben. Ich spürte das Haruka auch mich mochte und irgendwann kam es zu unserem Treffen auf Wayside.
„Hallo Haruka. Du siehst umwerfend aus. Komm bitte rein.“
„Danke. Du siehst auch schick aus. Ich freue mich auf das Essen und die nette Gesellschaft.“, sie lächelte und ging dicht an mir vorbei ins Zimmer. Ich hatte ein einfaches aber leckeres Essen vorbereitet.
„Also wie geht es mit uns weiter“, platzte es aus mir raus. „Ich muss immer an dich denken. Es ist wie ein Teenie der seine erste Liebe erlebt. Verwirrend aber so schön und intensiv. Wie geht es dir? Was fühlst du, Haruka?“, wir schauten uns in die Augen. Sie lächelte, sie schob ihre Hand unter meine und sagte.
„Ach Rudi. Mir geht es wie dir. Ich habe mich lange gewehrt gegen meine Gefühle. Habe mit Miko geredet und sie meinte ich solle das Leben genießen. Das ist aber nicht einfach, denn ich müßte dir so vieles erklären und berichten. Es dauerte einfach bis ich Informationen hatte und diese mir diesen Schritt hier erlaubten.“ Ich sah sie verwirrt an.
„Ja, du verstehst das schon richtig. Ich sehe es in deinem Blick, aber du willst es dir noch nicht eingestehen. Als Angehörige der ISA und als persönliche Wache für Miko habe ich keinen Raum für eine Beziehung, geschweige denn eine Beziehung zu einem Davion. Es hat ewig gedauert bis ich an Informationen von dir kam, bis Miko wohl auch meinen Vorgesetzten klar machen konnte das ich auch zur Aufrechterhaltung meiner Tarnung eine Beziehung führen sollte. Na ja, jedenfalls ich möchte, wenn nur eine ehrliche Beziehung, keine Schauspielerei. Ich mag dich sehr, ich fühle mich zu dir hingezogen Rudi und das weisst du auch. Wir spüren das wir beide zusammen gehören und passen und nur deshalb erzähle ich dir das alles. Bitte versteh das nicht falsch. Ich … ja ich liebe dich und das macht mir auch Angst.“
Sie sah mich an, ich muss da gesessen und ausgesehen haben wie ein verschreckter Hase. Es war mein Gefühlschaos, so dass ich in meiner Freude über ihre Offenheit ihr gleich einen Heiratsantrag machte, wobei mir klar war das es ein Fehler war.
„Dann bitte ich dich um deine Hand, Haruka. Bitte mach diesen Mann zum glücklichsten in dieser Einheit.“
„Nein, liebster. Ich will dich mehr und näher kennenlernen.“ Auch hier hielt sich Haruka ganz Japanerin zurück. Sie lächelte.
„Aber was nun?“ Was sollte das alles, ich war glücklich, verwirrt.
Sie sah mich an, „Rudi, ich genieße uns, aber ich will nichts überstürzen und dein Antrag ehrt mich mehr als du dir vorstellen kannst. Es ist noch zu früh für so einen Schritt.“
Wir aßen noch dann ging der Abend seinem Ende entgegen.
„Das war ein wundervoller Abend. Ein tolles Essen und ich bin so froh das du der Mann bist dem ich mein Herz schenken möchte und der seines mir schenken möchte. Danke Rudi, für deine liebe Art, dein hartes Training und deine Arbeit mich zu entlasten. Wir sind ...“ mehr konnte sie nicht sagen. Denn wir waren uns immer näher gekommen. Ich schloss die Augen, genoss ihren Duft der immer näher kam, nach Frühling duftete und dann berührten meine Lippen die ihren. Irgendwas schien zu explodieren in diesem Augenblick, diese zarten Lippen und dieser schöne Kuss. Ich öffnete meine Augen und wir schauten uns an, dann küssten wir uns wieder. Ich glaube Haruka war in diesem Augenblick auch so von der Situation gefangen wie ich. Als wir uns wieder ansahen wurde uns erst bewusst das wir uns umarmten. Keiner wollte loslassen, keiner wollte was sagen, wir hatten einen neuen Punkt erreicht von dem es kein zurück gab. Wir setzten uns wieder und redeten. Es gab soviel was wir besprachen, was ich in jener Nacht erfuhr von ihr. Es war alles tausendmal komplizierter danach. Natürlich hatte die ISA mich schon durch leuchtet, alles sah gut aus. Ich war nun über sie informiert und sie über mich.

*Heute*
Etwas neben mir piepste. Oh shit. Ich sah auf meine Uhr, die Zeit war verflogen und ich musst mich mit dem Duschen beeilen. Gleich mussten wir alle auf dem großen Platz hier in Dantonville antreten. Ja das war die Zeit in der es wieder große Umbrüche geben würde. Aber nun musste ich mich beeilen. Schnell mein Handtuch schnappen und los. Ich duschte schnell, ging in mein Quartier und zog die neue Paradeuniform an.
„Anton“ ich klopfte an seine Tür, diese ging auch gleich auf und vor mir in der selben Uniform erschien Anton.
„Ja, bin schon fertig. Dachte schon du hast die Zeit vergessen.“
„Nein, um Gottes willen. Das würde Ärger geben wenn ich diesen Anlass verpassen würde.“
„Von wem denn alles?“, grinste mich mein Freund an.
„Ach von einigen denke ich. Also los. Was macht eigentlich dein Mech?“
„Der ist wieder in Top Zustand, so sagen es die Techs. Und wie sieht es bei dir aus?“
„Der Verfolger ist ein toller Mech. Gestern war ich auf der Übungsbahn, meine Güte die Power ist für so einen Mech beeindruckend. Aber nun sollten wir schnell runter.“
Wir verließen das Gebäude und schlossen uns unseren Kameraden an. Alle strömten in Richtung Paradeplatz. Auf dem Weg kam ich wieder ins grübeln.

*Damals*
Damals kam ich morgens aus meinem Quartier und ging zum Frühstück.
„Hey Anton“ rief ich über die Straße. „Wollen wir zusammen frühstücken?“
„Klar Rudi. Moment ich komm rüber. Du siehst ja glücklich aus. Was ist passiert?“
„Ach Anton, die Liebe.“ Anton grinste breit, dann gratulierte er mir.
„Na endlich Rudi. Mensch du Glückspilz, das freut mich. Wann ist es denn passiert mit euch beiden?“ ich sah Anton ein wenig verwirrt an.
„Wieso wann passiert?“
„Ach weisst du, also … hm … es gab da vielleicht so ein paar kleine Wetten wann du und Yamada endlich euch eure Liebe gesteht.“ abwehrend hob er die Hände. „nicht falsch verstehen, aber es war vielen schon lange klar das es irgendwann passieren musste und so haben ein paar Leute halt gewetttet,“
„Und du natürlich auch. Und auf wann hast du getippt?“
„In einer Woche erst, auf den kommenden Dienstag.“
„Das tut mir aber leid. Heute Nacht ist es passiert. Da haben wir uns ausgesprochen und uns gegenseitig unsere Gefühle gestanden.“
„Dann meinen herzlichsten Glückwunsch. Das wurde aber auch Zeit. Ich freue mich für dich und Haruka.“
„Danke Anton.“
Es war nicht sehr überraschend, das es Wetten gab, wohl aber das es auf so ein großes Interesse gestoßen war. Ironischer Weise hatten wohl Miko und Germaine selbst mit gewettet wann es denn endlich passieren würde. Und Miko hatte gewonnen.
Die Zeit bis zum Abflug von Wayside war viel zu kurz danach. Es gab viel zu tun, so das Haukra und ich uns das erste mal liebten, kurz vor dem Start in die neue Mission. Danach verbrachten viel Zeit miteinander, so es denn vor dem Start möglich war. Nach und nach wurde es mir klar, das wir irgendwann Heiraten würden. Es gab nur die Pflicht und die Ehre von Haruka gegenüber Miko die das erst mal nicht zuließ. Jedenfalls sagte sie das immer.

*Heute*
Wieder hier auf dem Paradeplatz standen wir nun alle Nebeneinander. Alle noch in den alten Formationen wie sie am ende des Feldzugs gegen die Nebelparder eingeteilt waren.
Die Gruppe der Mechkrieger war dezimiert. Es gab große Lücken die erst noch gefüllt werden mussten. Ach ja... der Einsatz damals gegen die Nebelparder. Wirre Bilder, aber ich schüttelte die Gedanken schnell ab.

Meine Gedanken schweiften zum heutigen Tagesplan und ich dachte daran was alles noch kommen würde. Heute Abend, nach dem ersten Treffen mit den neuen Lanzenkameraden, wollte ich meine Frau endlich ausführen, hier in Danton Ville. Wir beide hatten gestern Abend den Entschluss gefasst bei der kämpfenden Truppe von Jara und Copeland zu bleiben. Jetzt da ich mich an meinen neuen Mech, einen Verfolger gewöhnt hatte, meine Techs ebenfalls bei den Chevalliers untergekommen waren, konnte es weiter gehen.
Außerdem war es möglich den Hunchback IIC zu behalten und für diesen einen Hangarplatz auf der Milizbasis zu bekommen. Solange ich und Haruka keinen Mech brauchten diente der Mech in der Miliz. Bei Verlust würde er vom Planetaren Herren ersetzt werden, womit aber niemand wirklich in der nächsten Zeit rechnen wollte.
Als nächsten Schritt von Haruka und mir wollten wir uns ein Haus suchen, mit einem Grundstück, um später dort einen Garten anzulegen und unsere Ruhe zu haben. So hatten wir, bei einem hiesigen Makler, uns ein ansehnlich großes Stück Land reservieren lassen, welches wir uns nach der Parade mit einem hiesigen Beamten angucken wollten.
Beim betreten der Umkleide viel mir auf, wie neu und gepflegt alles war. Bei den Chevalliers, jedenfalls in der Kaserne, standen jedem immer frische Handtücher zu und lagen bereit. Ich entkleidete mich und trat in die Dusche, machte sie an und genoss das wohlige plätschern des warmen Wassers. Das Wasser lief mir über den Kopf und für einen Augenblick nahm ich nur das rauschen des angenehm temperierten Wassers war. Genoss einfach den Schweiß abzuspülen, mich zu erfrischen. Dann seifte ich mich ab und wusch die Seife runter. Danach betrat ich den Umkleide-bereich, entnahm meinem Sprind meine Uniform und verließ die Trainingshalle, grüßte auf dem Weg noch ein paar Kameraden der Infantrie und begann meinen Weg zu meinem Quartier.
Heute Nachmittag sollte bekannt gegeben werden wer alles in der neuen Hetzlanze Dienst tun sollte, wer welche Aufgabe bekam usw. . Natürlich hoffte ich nun mit meiner Erfahrung und dem neuen stärkeren Mech darauf vielleicht befördert zu werden und mit viel Glück vielleicht auch eine Chance auf den Lanzenführer Posten, wobei ich eigentlich lieber darauf verzichten würde, wenn ich dadurch mit meiner Haruka mehr Zeit verbringen konnte. Finanzielle war ich mehr als Abgesichert und der Sold der Chevalliers war mein Geld zum Verbrauch.
Haruka ging es ähnlich, da sie auch nicht nur von den Chevalliers bezahlt wurde, aber das ist eine andere Geschichte.

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Wayside V, Dantonville
Kasernengelände der Dantons Chevaliers
18. Januar 3067, 12:30 Uhr

Die Decius-Metellus-Kaserne der Chevaliers verfügte neben allerlei hochmoderner Annehmlichkeiten auch über ein nagelneues Simulator-Center, das hier, weitab der Inneren Sphäre, vollkommen deplatziert wirkte. Allerdings passte es damit vorzüglich zum übrigen militärischen Bereich, zur Grafenresidenz und der wachsenden Stadt, die vom technischen Standard so gar nicht in die Peripherie passten.
Jara hatte ihre neu gewonnenen Befugnisse genutzt, um sich selber das Premieren-Training zuzuspielen und anschließend die Reste ihrer Kompanie in eine ausgedehnte Taktik-Übung zu jagen. Die zehn Männer und Frauen, die nach dem Ausscheiden von Nobbs, Jännicke und Barrios und dem Beginn von Bill Tracys Reha-Maßnahme, noch unter ihrem Kommando standen, waren geradezu dankbar für das Training gewesen und hatten sich mit großem Eifer in ein simuliertes Gefecht auf Kompanieebene geworfen.
Um alles etwas spannender zu gestalten hatte Jara, die selber nicht im Cockpit sondern im Überwachungs- und Kontrollraum gesessen hatte, die Führungspositionen rotiert und die erfahrenen Lanzenführer in die zweite Reihe geschickt. Mit Eliden Kush und Hanna Dünkirch als Lanzenführern und Elisa Brüning als Kompaniechefin waren die Chevaliers schwungvoll angetreten und glorreich gescheitert.
Obwohl Jara weder enttäuscht noch verärgert war, hatte sie auf eine Auswertungsbesprechung bestanden und nun saßen die Mechkrieger der 2. Kompanie am Holotisch und gingen in gelöster Stimmung die Gefechts-ROMs durch.
„Dass das eine deftige Niederlage war, brauche ich ja nicht groß zu erläutern“, sagte sie, vor allem an Corporal Elisa ‚Whiskey‘ Bräuning gewandt. „Ein Totalausfall der ganzen Kompanie bei Erreichen keines einzigen Missionsziels. Woran hat es gelegen?“
Die junge Frau zuckte hilflos mit den Schultern: „Ich weiß es nicht, Ma’am. Ich habe versucht, die schweren Mechs ins Zentrum zu bringen, um mit den schnelleren Maschinen zu flankieren. Das hat nicht so gut funktioniert, aber ich verstehe nicht, warum wir damit so fatal gescheitert sind.“
„Wollen sie’s wissen?“
„Unbedingt!“
„Okay, aufgepasst!“ Jara gab dem Holotisch einige Anweisungen und ließ die Ausgangssituation des Gefechtes anzeigen.
„Ihre Idee ist theoretisch ja gar nicht schlecht. Ein klassisches Angriffsmanöver, um einen etwa gleichstarken feindlichen Verband zu stellen und zu bekämpfen. Sie haben dabei aber ein paar Dinge übersehen.
Zuerst einmal die Befehlslage. Ihr Auftrag war es doch gar nicht, den Feind zu vernichten. Sie sollten Gebiet aufklären und halten. Eine Konfrontation hätte gar nicht stattfinden müssen und vor allem nicht zu den Bedingungen des Gegners, der sich gut in der Defensive ausruhen konnte.
Dann die Reichweite. Sie hatten den Vorteil der größeren Kampfentfernung. Viele der Mechs waren mit Langstreckenraketen, Gauss und ER-Waffen bestückt. Diesen Vorteil haben sie durch ihren Angriff aus der Hand gegeben.
Und das größte Problem: das Timing hat nicht gestimmt. Die Scouts waren durch das schwierige Gelände zuerst am Feind und mussten viel Feuer einstecken, bevor sie die Kampflanze herangeführt hatten. Private Dünkirch hat ihre Sache mit den Scouts gut gemacht, aber sie war den Feindkräften hoffnungslos unterlegen. Als Corporal Kush dann mit den schweren Brocken eingegriffen hat, war es schon viel zu spät und die Hälfte der Kompanie bestand nur noch auf dem Papier.“
Jaras Blick wanderte zu Eliden Kush, der aufmerksam zugehört hatte und nun unter ihrem Blick erschrak. „Corporal, warum haben sie denn eine halbe Ewigkeit gebraucht, um ihre Mechs nachzuführen? So langsam ist doch nicht einmal Atlas!“
„Das Gelände hat uns stärker gebremst als ich es erwartet habe. Wir haben uns die südliche Hügelkette hinaufbewegt und sind durch die Steigung verlangsamt worden.“
Jara lachte: „Ja, die Hügel… können sie mir erklären, was zur Hölle sie auf diesen Hügeln wollten? Ich hatte das Gefühl, sie hüten dort Bergziegen.“
„Mein Plan war es, einen Überblick über das Kampffeld zu bekommen und unsere Langstreckenwaffen von den Hügeln aus zum Tragen zu bringen, bevor wir den Schwung der Abwärtsbewegung für einen Sturmangriff hätten nutzen können. Außerdem wollte ich mögliche feindliche Luftunterstützung auf uns und unsere starke Panzerung lenken, um die leichter gepanzerten Lanzen zu entlasten.“
„Luftunterstützung war doch gar nicht aufgeklärt und im Briefing hieß es doch ausdrücklich, dass…“
Weiter kam Jara nicht, denn ein Klopfen an der Tür des Besprechungsraumes riss sie aus ihrer Erklärung. Die Tür öffnete sich und Major Juliette Harris steckte ihren Kopf hinein: „Jara, hast du einen Moment?“
„Wie lange?“
„Zehn bis sechzig Minuten, je nachdem.“
Der Tonfall der Stabsoffizierin unterstrich die Dringlichkeit ihres Anliegens und Jara nickte. „Natürlich“, sagte sie, „ich bin gleich da.“
Dann wandte sie sich an ihre Kompanie: „Sharpe, übernehmen sie die restliche Auswertung. Danach können sie alle zum Mittagessen. Nutzen sie den Nachmittag für persönliches Training oder gehen sie den Techs zur Hand! Und ich erwarte von jedem eine kurze Notiz zu den neuen Simulatoren!“

„Was ist so dringend?“, fragte sie, als sie zu Juliette auf den Gang hinaustrat.
„Das schaust du dir besser selber an“, gab die ältere Frau geheimniskrämerisch zurück.
„Wo?“
„Vor dem Mechhangar. Komm mit, Brennstein und Simstein warten schon.“
„Das ist ja eine große Runde“, bemerkte Jara, während sie Juliette folgte, die zügigen Schrittes in Richtung des Haupthofes der Kaserne eilte.
„Das sind alle, die irgendwie beteiligt sind“, kam die Antwort, die wenig zur Erhellung der Situation beitrug.
Bevor Jara sich weitere Gedanken machen konnte, erreichten sie auch schon den großen betonierten Platz vor den technischen Anlagen und die Einheitserbin der Chevaliers begann das Problem zu verstehen.
Drei riesige Tankwagen standen nebeneinander vor dem Mechhangar und die drei Fahrer, an ihrer jeweiligen Firmenkleidung gut zu unterscheiden, standen mit Brennstein und Simstein im Kreis und unterhielten sich.
Als die beiden Frauen dazu stießen und Juliette die junge blonde Mechkriegerin vorstellte, war sich Jara der kaum verhohlen anzüglichen Blicke der Fahrer durchaus bewusst.
„Meine Herren, das ist Captain Fokker, unsere Chefin. Und, wenn ich sie richtig verstanden habe, auch die Bestellerin eines Tankwagens?“
„Genau“, sagte einer der Männer. „Miss Fokker hat fünfzig Tonnen Kühlflüssigkeit bei uns geordert.“
„Stimmt“, bestätigte Jara. „Das hab ich getan. Fünfzig Tonnen sind aber nur eine Wagenladung, oder?“
„Und genau das ist das Problem“, setzte Juliette sie ins Bild. „Parallel zu dir hat Doreen eine Ladung bei einer anderen Firma bestellt und Matthew hat bei einer dritten Firma geordert. Und jetzt stehen wir mit einhundertfünfzig Tonnen hier. Das ist tatsächlich dreimal so viel, wie wir brauchen.“
„Das ist auch mehr, als in unsere Tanks passt, oder?“, wollte Jara wissen.
„Wir kriegen neunzig Tonnen unter“, bestätigte Simstein. „Momentan sind zwanzig Tonnen eingelagert, die wir von Caliban zurückgebracht haben.“
„Okay“, sagte Jara und überlegte kurz. „Ich bin mir sicher, dass sich das irgendwie lösen lässt.“ Sie wandte sich an die Fahrer: „Würden sie uns einen Moment entschuldigen?“
Nachdem sich die vier Chevaliers etwas zurückgezogen hatten, warf Jara einen halb amüsierten, halb besorgten Blick in die Runde: „Vorschläge?“
„Wir können eine Ladung abnehmen“, schlug Juliette vor. „Die Konventionalstrafen für die Verträge liegen bei ca. 75% des Warenwertes. Die Konditionen sind bei allen etwa gleich. Wir würden also 250% für die einfache Ladung zahlen.“
„Können wir Kapazitäten schaffen, um alles einzulagern?“, wollte Jara wissen.
Simstein schüttelte den Kopf: „Schwer. Wir könnten weitere dreißig Tonnen auf den Landungsschiffen einlagern, aber dann zahlen wir für die Lagerung von Gefahrgut am Raumhafen drauf. Vor allem: Wir brauchen Ewigkeiten, um diese Mengen zu verbrauchen.“
„Können wir uns die vollen drei Ladungen überhaupt leisten?“
„Es ist ärgerlich, aber Kühlmittel kostet zum Glück kein Vermögen. Das Geld können wir zwar nicht wirklich einsparen, aber unsere Rücklagen sind aktuell groß genug“, erklärte Juliette.
„Was wäre denn“, wollte Brennstein wissen, „wenn wir die Gelegenheit nutzen, um sämtliche Kühlflüssigkeit an allen Mechs, Jägern und Panzern auszutauschen?“
„Das wären weitere zwanzig Tonnen, aber ich brauche gut zwei Wochen, um das abzuarbeiten und einen leeren Tank, um das verbrauchte Kühlmittel zu lagern.“
„Gut, dann machen wir das. Und beim Rest schauen wir, ob die Miliz oder die Eagles das aufkaufen wollen. Also eine Ladung komplett in die Tanks, dann vierzig Tonnen in zwei Wochen und sechzig bieten wir an und übernehmen im schlimmsten Fall die Differenz oder zahlen halt die Strafe. Oder hat jemand eine bessere Idee?“
Da niemand eine elegantere Lösung vorschlug, war es damit abgemacht.
„Eine Sache noch“, warf Juliette ein, als Jara schon zu den Fahrern gehen wollte.
„Ja?“
„Wir sollten darüber nachdenken, für die Logistik eine Stabsstelle einzurichten. Kühlmittel kostet wirklich nicht die Welt, aber solche Fehler in der Absprache sollten sich nicht wiederholen. Die Fäden sollten dort irgendwo zusammenlaufen.“
„Bei dir?“, schlug Jara vor.
„Das schaffe ich zeitlich nicht“, gab die ältere Frau unumwunden zu. „Das ist ein Vollzeitjob bei einem Regiment.“
Jara seufzte: „Okay. Ich werde es Copeland in unsere Besprechung heute Abend vorschlagen. Mal schauen, was er dazu sagt.“

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Wayside V, Dantonville
Kasernengelände der Dantons Chevaliers
18. Januar 3067, 14:30 Uhr

Es klopfte an Copelands Bürotür. Für einen Moment war Copycat irritiert, denn das Büro war brandneu, und auch sein Colonel-Abzeichen war brandneu. Selbst das Klopfen an der Tür wirkte brandneu. So wie alles in der Decius Cecilius Metellus- Gedächtniskaserne.
"Ja?"
Die Tür öffnete sich, und Corporal Hellingsdottir sah herein. "Chef, Sie haben Besuch."
"So? Wer ist es denn?"
"Major Harris und Captain Fokker."
Harrison Copeland runzelte die Stirn. Sie waren seit vier Tagen wieder auf Wayside V und noch dabei, Dantonville und die Kaserne "in Besitz" zu nehmen, daher hatten die Führungsleute der Chevaliers ohnehin jeden Morgen und jeden Abend ein Meeting, in der Estelle und er als offizieller Anführer und Stellvertreterin der Einheit Probleme einsammelte und zu lösen versuchte.
Wenn Jara also vor der Zeit hier reinschneite, dann war es ein Problem, das sie nicht alleine in den Griff bekam. Da Juliette dabei war, musste es entweder ernst sein, oder um Stabsaufgaben gehen.
"Ich bitte die Ladies herein, Ingar. Ach, und Ingar..."
Die junge Unteroffizierin, die nun für ihn das war, was Sergeant Jensen für Germaine war, hielt inne. "Ja, Sir?"
"Machen Sie Kaffee. Meiner ist kalt, und ich bin sicher, die Damen würden auch gerne etwas trinken." Nicht, dass es nicht mit fünfunddreißig Grad zur Mittagszeit heiß genug wäre.
Die junge Frau lächelte. "Sehr wohl, Chef." Nach hinten gewandt sagte sie: "Ladies, der Alte lässt bitten."
Die beiden Frauen betraten das Büro. Wobei "Büro" der falsche Ausdruck war. "Halle" traf es besser. Der Herr der Chevaliers hatte einen Raum erhalten, der dem Begriff Repräsentation eine neue Qualität verlieh. Im Prinzip nahm sein Büro im dritten Stockwerk des Verwaltungstrakts der Kaserne ein Drittel des Stockwerks ein.
"Formell oder informell?", fragte er, als die beiden Frauen eingetreten waren. Vieles musste sich noch einschleifen, das war allen klar, egal, wie gut sie auf Caliban zusammengearbeitet hatten und egal, wie viel Blut die ehemaligen Husaren mit den Chevaliers vergossen hatten.
"Beides", sagte Juliette Harris.
"Hm." Harrison nickte in Richtung der großzügigen Couchecke, die gegenüber dem Konferenztisch lag. Spötter hatten schon am ersten Tag gesagt, ohne einheimischen Führer würde man sich im eigentlich für Germaine Danton gedachten Büro verlaufen können. Ganz Unrecht hatten sie damit nicht. "Setzen wir uns bequem hin, meine Damen. Der Kaffee ist bestellt."
Die beiden Damen, die eine Einheitsmitglied seit der Gründung und seither Germaines Stabschefin, die andere seit der zweiten Mission dabei, Adoptivtochter des Grafen und designierte Einheitserbin - und damit eines nicht allzu fernen Tages Anführerin der Einheit - gehörten mit zu dem, was essentiell für die Chevaliers war. Die beiden gingen hier ein und aus, und das informell, das heißt zwar mit Gruß, aber nicht mit Salut, obwohl dies eine militärische Einheit war. Das gehörte zu den Dingen, die sich gerade einschliffen.
Die beiden nahmen auf der bequemen Eckcouch Platz und schlugen die Beine übereinander, während sich Copeland auf den Zweiersitz ihnen gegenüber setzte.
Kurz darauf öffnete sich die Tür, und Corporal Ingar Hellingsdottir trat mit einem Tablett ein. Sie platzierte die Kaffeetassen vor den drei Offizieren, stellte Zucker und Milch dazu, goss aus der großen Kanne ein und verfeinerte nach dem Geschmack des einzelnen und stellte schließlich noch einen kleinen Teller mit selbstgebackenen Keksen hin - die berühmten Chevaliers-Mechkekse mit echtem Marzipan. Anschließend deutete sie eine Verbeugung an und wollte gerade wieder gehen.
"Ingar, das war sehr schnell", sagte Copeland.
Die Unteroffizierin schmunzelte leicht. "Jan hat mich eingewiesen, Chef", sagte sie, als würde das alles erklären.
Als die beiden Frauen genauso unverständlich dreinschauten wie ihr Chef, fügte sie erklärend hinzu: "Es war eh an der Zeit, eine neue Kanne aufzusetzen. Und als ich das Rumoren auf dem Hof und zudem Ihrer beider Stimmen plus die von Captain Brenstein gehört habe, musste ich nur eins und eins zusammenzählen. Allerdings habe ich auch mit Captain Brenstein gerechnet." Sie zuckte mit den Achseln. "Wie ich schon sagte, Jan hat mich eingewiesen."

Als sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, zeigte Copeland ein sehr zufriedenes Grinsen. Es war ihm schwergefallen, Jan Jensen aus seiner vorigen Position als Adjutant und Sekretär des Einheitskommandeurs zu entlassen, aber augenscheinlich hatte er die fähigste Frau der Einheit zu seiner Nachfolgerin herangezogen.
"Also, meine Damen, ich bin ganz Ohr."
"Eigentlich wollten wir dir das erst heute Abend sagen", begann Harris, "aber dann haben wir uns entschlossen, das Eisen zu schmieden, solange es noch heiß ist. Dir ist vielleicht der Krach heute morgen aufgefallen, Harry."
"Krach gibt es hier immer. Dies ist eine MechKaserne für ein ganzes Regiment plus Hilfstruppen."
"Dieser war etwas besonders." Harris räusperte sich. "Es gab ein kleines Verwaltungsproblem."
"Welcher Art?"
"Eine Überbestellung", sagte Jara.
"Eine Überbestellung von was?"
"Kühlflüssigkeit", sagte Harris. "Jara hat fünfzig Tonnen bestellt. Leider hatten unsere MeisterTech und Matthew die gleiche Idee. Also trafen heute morgen zeitgleich drei Wagen ein. Was besonders ärgerlich ist, weil alle drei Wagen dreitausend Kilometer fahren mussten, um nach Dantonville zu kommen."
"Davon abgesehen sind einhundertfünfzig Tonnen natürlich zuviel", fügte Jara an. "Allerdings kostet Kühlflüssigkeit nicht die Welt, und wenn wir zwei Wagen abnehmen, bringt uns die Strafzahlung für die Rücknahme des letzten Lasters finanziell nicht um."
"Hm", sagte Copeland. "Schön ist es trotzdem nicht. Das ist Geld, das wir in Ausrüstung hätten stecken können. Immerhin wartet O'Bannon vollkommen zu Recht darauf, dass wir seine Panzer wieder ausheben." Harry lächelte. "Sie haben sich sehr bewährt."
"Ja, das haben sie. Aber die Kosten reichen nicht mal für einen gebrauchten Savannah Master aus", wiegelte Juliette ab. "Es geht uns um ein wesentlich elementareres Problem, Harry. Du weißt, wir haben einen Quartiermeister, wir haben einen Zeugwart. Und die Verwaltungsaufgaben hat früher Cindy erledigt, beziehungsweise ich, wenn es um besondere Nachschubgüter geht. Aber jetzt sind wir ein Regiment, und ich kann nicht beides tun."
"Ich übrigens auch nicht", sagte Jara. "Ich hätte nicht gedacht, dass ich das mal sagen würde, aber meine bisherige Arbeit reicht mir vollkommen aus."
"Wer sind Sie, und was haben Sie mit Captain Fokker gemacht?", scherzte Copeland.
"Nein, im Ernst. Ich habe auch noch ein Privatleben. Zumindest gerüchteweise sollte ich eines haben. Hat man mir gesagt", erwiderte Jara im gleichen Ton.
Die beiden lächelten. "Nun, Jaras Arbeitslast zu verringern, oder zumindest auf einem Level zu halten, ist eine wichtige Sache. Dass du dir nicht selbst noch Mehrarbeit suchst, ist übrigens eine überraschende, aber willkommene Entwicklung, Jara."
"Geschenkt", wiegelte sie ab. "Ich stoße an meine Grenzen. Es hat gedauert, bis ich das erkannt habe, aber immerhin, ich habe es erkannt."
"Was uns zur Kernfrage bringt: Wen nehmen wir?"
"Nehmen wofür?", fragte Juliette.
"Na, als Chef der Versorgungsabteilung. Ich stimme euch zu, wir sind zu groß, als dass einer von uns das nebenbei mit erledigen könnte. Zugleich sind wir aber auch zu groß, um diesen Job einen allein erledigen zu lassen. Wenn wir also die Versorgung umbauen, dann sollten wir gleich ein ganzes Ressort aufstellen. Immerhin hat eine Verbundwaffeneinheit wesentlich mehr und höhere Ansprüche als eine reine Mechtruppe. Zudem die ClanTech..." Copeland machte einen ärgerlichen Laut. "Wäre sie nicht so effektiv... Egal. Ich dachte an einen Offizier, zwei Unteroffiziere und eine Gruppe von acht Soldaten, meinetwegen auch zivilen Beschäftigten. Habt Ihr einen Kandidaten im Auge?"
Juliette Harris schüttelte den Kopf. "Bisher nicht. Wir wollten mit dem Problem erst einmal zu dir kommen. Auch, damit du weißt, warum wir gerade in Kühlflüssigkeit schwimmen, quasi."
"Und wir konnten nicht wissen, dass du auch schon dran gedacht hast."
"Nicht wirklich", sagte Copeland. Er trank einen Schluck von seinem Kaffee und forderte die Frauen auf, sich zu bedienen. Dann erhob er sich und ging zu seinem Schreibtisch. "Aber heute morgen flatterte mir diese Bewerbung auf den Tisch, und ich habe zumindest grob in die gleiche Richtung gedacht wie ihr. Ursprünglich jedoch dachte ich eher an Stabsdienst." Copeland kehrte mit einer Mappe zurück, die er Fokker und Harris hinlegte.
Die beiden schlugen die Mappe auf. "Du willst einen Mechkrieger auf diese Position setzen? Sicher, er hat eine beeindruckende Erfahrung, aber...", meinte Juliette.
"Blätter mal tiefer", sagte Copeland.
Sie suchte und legte die Bewerbung des MechKriegers auf das Deckblatt.
Jara las konzentriert mit und begann dann zu strahlen. "Na, die Dame kommt ja wie gerufen."
"Dann nehmt euch mal morgen Nachmittag nichts vor, Ladies. Ich lade sie alle zu einem Vorstellungsgespräch nach Dantonville ein." Harrison Copeland lächelte. "Schätze, die Chevaliers rekrutieren wieder."

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Wayside V, Dantonville
Kasernengelände der Dantons Chevaliers
19. Januar 3067, 14:45 Uhr

„Deine Gebete sind offensichtlich an der richtigen Stelle angekommen“, hatte James Campbell seiner Schwester gesagt, als er am Vorabend seine Post gesichtet hatte. „Und zwar in vollem Umfang.“
Nun standen beide, Bruder und Schwester, entrechteter Mechkrieger und Militärlogistikerin, vor dem Haupttor der Chevaliers-Kaserne und warteten geduldig darauf, dass der Infanterie-Soldat, der ihre Papiere entgegengenommen hatte, aus dem Wachhäuschen zurückkehrte.
Die Mittagshitze war unerträglich und der beinahe achtstündige Hubschrauber-Flug von Parkensen City nach Dantonville hatte seinen Teil dazu beigetragen, dass Jessica sich selbst in der dünnen zivilen Bluse und dem luftigen Rock mittlerweile unbequem und zerknautscht fühlte. Sie konnte leicht sehen, dass es ihrem Bruder ähnlich erging, obwohl auch er nur leichte zivile Kleidungsstücke trug.
Er hatte es anfangs strikt abgelehnt, in Zivil zu dem Vorstellungsgespräch zu reisen, aber sie hatte ihn davon überzeugen können, dass die Uniform, die sie von MacBradey’s Bravehearts noch besaßen, mit nichts behaftet war außer schlechten Erinnerungen und dass ein Neuanfang auch am Aussehen festgemacht werden konnte.
Nach einer gefühlten Ewigkeit, die sie sich in den spärlichen Schatten des Wachhäuschens gedrückt hatten, kehrte der Soldat zurück und händigte ihnen ihre Unterlagen und Besucherausweise aus.
„Miss Stuart, Mister Campbell, mit ihren Ausweisen ist alles in Ordnung. Ihr Termin findet im zentralen Stabsgebäude statt, Zimmer 3.01. Gehen sie einfach geradeaus bis zum Zentralplatz, etwa dreihundert Meter von hier und folgen sie denn der Beschilderung bis zu Gebäude Nummer 13. Der Raum, den sie suchen, befindet sich in der dritten Etage. Bitte melden sie sich im Vorzimmer.“
Die beiden bedankten sich bei dem jungen Söldner und machten sich auf den Weg.
Ein Infanteriezug trabte im Laufschritt an ihnen vorbei. James musterte die Männer und Frauen, die ihre Uniformhemden nicht trugen und lediglich im T-Shirt ihre Runde drehten. Keiner fiel aus der Formation.
„Guter Drill“, sagte er. „Aber das wirklich spannende ist doch, dass offensichtlich sogar die T-Shirts zur Uniform gehört. Gibt nicht viele Söldnereinheiten, die so gut ausgerüstet sind.“
Jessica musste ihm Recht geben. „Regimentsgröße. Brandneue Kaserne. Alles sehr professionell. Das ist beinahe wie in einer regulären Hauseinheit.“
Während sie sich dem großen Exerzierplatz der Kaserne näherten, kam ein BattleMech in Sicht, der dort abgestellt war und bei dem selbst Jessica keine Probleme hatte, das Modell zu bestimmen.
„Ist das…“
„…der Waldwolf von Captain Fokker?“, führte James ihre Frage zu Ende. „Es sieht ganz so aus. Schau dir nur die Sorgfalt bei der Bemalung an. Die Abschussmarkierungen. Was für eine großartige Maschine.“
„Hier lang“, unterbrach Jessica seine Schwärmerei und deutete eine Kasernenstraße hinunter. James, der seinen Blick nur schwer von dem riesigen Clan-Omni losreißen konnte, folgte ihr.
„Ich bin begeistert“, gab er zu. „Ich will unbedingt hier dienen.“
Jessica lächelte nachsichtig: „Lass uns erst einmal anhören, was das Gespräch bringt, bevor wir uns entscheiden, ob wir unsere Seelen an die Chevaliers verkaufen.“
Sie fanden das Stabsgebäude ohne Schwierigkeiten und betraten nach kurzem Studium der Türschilder des angenehm klimatisierten Baus das Vorzimmer zum Kommandeursbüro durch die offen stehende Tür. Eine junge Frau mit offenkundig skandinavischen Wurzeln und den Rangabzeichen eines Corporals blickte sie von ihrem Schreibtisch aus an. Im Gegenzug zu den Soldaten, die sie draußen gesehen hatten, trug die Stabsdienerin keine Felduniform, sondern das Schwarz-Weiß-Grau der schickeren Dienstanzüge. Die weiße und wirklich protzige Uniformjacke hing allerdings über ihrer Stuhllehne.
„Guten Tag, was kann ich für sie tun?“
„Mein Name ist Jessica Stuart“, ergriff die Logistikerin das Wort, „und das hier ist mein Bruder, James Campbell. Wir haben um 15.00 Uhr einen Termin mit Colonel Copeland und sollen uns hier melden.“
„Achso, ja, unsere ersten Bewerber für heute“, freute sich die Söldnerin. „Warten sie einen Moment, ich schaue nach, ob die Herren und Damen Offiziere schon so weit sind.“
Sie verschwand durch eine angrenzende Tür und ließ die Geschwister mit steigender Nervosität zurück. „Herren und Damen Offiziere?“, echote James. „Ein Colonel war ja schon beeindruckend, aber mir wird mulmig bei dem Gefühl, einem ganzen Tribunal gegenüber zu sitzen.“
„Lassen wir uns überraschen“, versuchte Jessica zu beruhigen und war sich nicht sicher, wer von ihnen den Zuspruch nötiger hatte.
Schritte, die sich auf dem Gebäudeflur näherten, ließen sie aufhorchen und im nächsten Augenblick betrat eine Frau in ihren Dreißigern das Vorzimmer. Die Dienstgrababzeichen auf ihrem Dienstanzug wiesen sie als Major aus und ihr Blick zeugte von Souveränität und Erfahrung.
„Schönen guten Tag“, grüßte sie. „Sind sie der erste Termin?“
„Wir sind der 15.00 Uhr-Termin“, bestätigte Jessica. „Jessica Stuart, guten Tag. Und das ist mein Bruder, James Campbell.“
„Einen schönen guten Tag, Ma’am!“, begrüßte James die Frau, von der er hoffte, dass sie bald seine Vorgesetzt sein würde.
„Major Juliette Harris“, stellte sich die Offizierin vor und gab ihnen die Hand. „Schön, dass sie da sind. Ich schau mal schnell, ob der Colonel schon so weit ist.“
„Der Corporal ist schon nachsehen gegangen“, informierte James.
„Hellingsdottir? Na dann ist ja alles in Ordnung.“ Sie wedelte entschuldigend mit der Aktenmappe in ihrer linken Hand. „Ich muss allerdings sowieso rein. Haben sie noch einen Moment Geduld, sie werden sicher gleich aufgerufen.“ Sie lächelte: „Und bleiben sie ganz entspannt. Wir beißen nicht.“
Sie öffnete die Tür zum Kommandeursbüro, nur um Corporal Hellingsdottir gegenüberzustehen.
„Ist der Alte bereit, Ingar?“
„Colonel Copeland wartet nur noch auf sie, Ma’am.“
„Bin ich zu spät?“
„Keineswegs. Sie sind sogar zwei Minuten zu früh, Major.“
Harris steckte ihren Kopf durch die Zwischentür: „Soll ich unseren ersten Termin gleich mitbringen?“
Die Stimme, die ihr antwortete war nicht zu verstehen, aber es war auch gar nicht nötig, denn die Söldner-Offizierin drehte sich zu den beiden Gästen um und winkte sie heran: „Na dann kommen sie gleich mit. Sie sind ja sicherlich nicht den ganzen Weg von Parkensen City hierhergekommen, um jetzt noch stundenlang warten zu müssen.“
Jessica war nicht undankbar. Andere Menschen brauchten Zeit zum Entspannen und Vorbereiten, aber vor Prüfungen, Bewerbungsgesprächen und ähnlichen kritischen Momenten war sie froh, über jede Minute, in der sie sich nicht zusätzlich in ihre Unruhe und ihren Prüfungsstress hineinsteigern konnte. Erleichtert folgten sie und ihr Bruder der Offizierin.
Das Büro von Colonel Harrison Copeland war gewaltig und umfasste eine bequeme Sitzecke, einen Schreibtisch mit Blick durch das Fenster über die gesamte Kaserne und einige andere Annehmlichkeiten. Dominiert wurde es jedoch von einem gewaltigen, aber eleganten Konferenztisch, an dessen einen Seite Major Harris neben zwei weiteren Söldnern in der pompösen weißen Uniform der Chevaliers Platz genommen hatte.
Harris saß nun zur Linken eines etwas kleineren, aber muskulösen Mannes, den Jessica auch ohne sein Namensschild zweifelsfrei als Colonel Copeland erkannt hätte. Die Silberstreifen in seinen kurzen und akkurat ausrasierten Haaren zeugten von der Last großer Verantwortung, aber sein Gesicht war freundlich und seine Augen lächelten auf eine ehrliche und gewinnende Art und Weise.
Noch einen Platz weiter, auf der rechten Seite des obersten Offiziers der Chevaliers und wiederrum einige Zentimeter kürzer, saß eine blonde Frau, die Jessica aus ihrer Vorbereitung ebenso bekannt war und um die sich aberwitzige Geschichten rankten. Captain Jara Fokker war schwer einzuschätzen und ihre Miene verriet nichts über ihre Gefühle oder Gedanken. Ihre im Grunde unverschämte Jugend merkte man ihr überhaupt nicht an. Captain Fokker wirkte wie ein Mensch, der mehr in seinem kurzen Leben gesehen hatte als andere in achtzig oder neunzig Jahren. Es lag keine Unbekümmertheit, kein jugendlicher Leichtsinn in ihren eisblauen Augen, deren Blick sich forschend und stechend in die Gesichter der Geschwister grub. Ihre blonden Haare fielen als derart langer Zopf über ihren Rücken, dass Jessica nicht abschätzen konnte, wie weit sie unter den Tisch reichten und alleine die Tatsache, dass ihre vorgesetzten Offiziere ihr als Mechkriegerin solch eine unpraktische Frisur durchgehen ließen zeugte davon, dass sie entweder unheimlich gut oder unheimlich protegiert war.
Die beiden Mechkriegeroffiziere der Chevaliers standen auf und streckten den Geschwistern die Hände zur Begrüßung entgegen.
„Schön, dass sie so pünktlich da sind“, begrüßte der Colonel sie, während sie Hände schüttelten. „Willkommen bei den Chevaliers. Mein Name ist Colonel Harrison Copeland, derzeitiger Kommandeur der Dantons Chevaliers. Die junge Frau zu meiner Rechten ist Captain Jara Fokker, die aktuelle Besitzerin der Truppe und unsere Stabschefin, Major Juliette Harris, haben sie ja offensichtlich bereits kennengelernt.“
„Die Freude ist ganz auf unserer Seite, Colonel Copeland“, beeilte Jessica sich zu sagen. „Ich bin Jessica Stuart und das ist mein Bruder, James Campbell.“
„Wunderbar“, freute sich der Offizier und deutete auf die freien Stühle gegenüber der Chevaliers-Delegation. „Setzen sie sich doch.“
Jessica fiel auf, dass Copeland keine Unterlagen vor sich liegen hatte. Harris hatte die Aktenmappe aufgeschlagen, die sie vorher unterm Arm getragen hatte und vor Fokker lag immerhin ein DataPad, aber der Regimentskommandeur hat nicht einmal einen Notizzettel vor sich liegen. War er so gut vorbereitet oder einfach nicht interessiert?
„Wenn ich ihre Bewerbung richtig verstanden habe“, begann er das Gespräch, „dann möchten sie unbedingt gemeinsam eine Einheit finden. Ist das richtig?“
„Das ist absolut korrekt“, bestätigte James.
„Ich nehme an, es ist dann kein Problem für sie, wenn wir das Gespräch gleich mit ihnen beiden führen?“
„Nein, das ist kein Problem“, winkten die Geschwister ab.
„Gut, dann werden Captain Fokker und Major Harris zuerst einige Fragen stellen, danach habe ich vermutlich auch noch ein paar Dinge auf Lager und abschließend können sie loswerden, was ihnen auf dem Herzen liegt. Ist das für sie okay?“
„Selbstverständlich“, stimmte Jessica zu und „Jawohl“ sagte ihr Bruder.
„Wunderbar, dann habe ich zuerst noch eine kurze Frage an sie beide: Möchten sie etwas trinken? Tee? Kaffee? Wasser? Einen Fruchtsaft?“
„Nein, danke“, winkte James ab.
„Zu einem Glas Wasser würde ich nicht Nein sagen“, antwortete Jessica, die zwar einerseits höflich sein wollte, andererseits aber wirklich starken Durst verspürte.
Nachdem Copeland seine Sekretärin hereingerufen, ihr den Getränkewunsch aufgetragen und sie mit dem Wasser zurückgekehrt war, übergab er das Wort an Major Harris.
„Als Stabsoffizierin richten sich meine Fragen eigentlich nur an sie, Miss Stuart. In ihrem Lebenslauf schreiben sie, dass sie ausgebildete Militärlogistikerin sind. Sie haben aber in den letzten Jahren bei den MacBradey’s Bravehearts eher allgemeinen Stabsdienst geleistet. Wie frisch sind ihre Logistik-Fähigkeiten noch?“
„Es stimmt, dass ich bei den Bravehearts auch andere Bereiche der Stabsarbeit übernommen habe. Die Einheit war nicht so groß, dass sie sich einen großen Stab hat leisten können. Ich habe aber dort auch Logistik für eine Einheit auf Bataillonsgröße organisiert und bin nach meiner Einschätzung darin noch sehr fit.“
„Die Chevaliers sind eine Verbundwaffeneinheit von Regimentsgröße“, fuhr Harris fort, ohne erkennen zu lassen, ob sie mit der Antwort auf ihre erste Frage zufrieden war oder nicht. „Wo sehen sie besondere Herausforderungen in der Logistik der Chevaliers?“
„Nach allem, was ich in den offiziellen Unterlagen sehen konnte, verfügt ihre Einheit über einige sehr spezialisierte Truppenkontingente, vor allem innerhalb der Infanterie. Das bedeutet eine große Menge an Spezialgerät, das auf die jeweiligen Einsätze zugeschnitten sein muss, aber gleichzeitig auf kompatibel zum übrigen Equipment sein sollte. Ich vermute, dass die Chevaliers deutlich mehr Ausrüstung mitführen, als andere Einheiten dieser Größenordnung. Außerdem ist die Truppe zweigeteilt in die Ländereien samt Miliz auf Wayside und die aktive Truppe. Dreigeteilt, wenn man die Höllenhunde mitrechnet. Material muss also entsprechend aufgeteilt werden ohne dass irgendwo Unter- oder Überversorgung herrscht. Dazu kommen die üblichen Probleme von Einheiten dieser Größe: Unübersichtliche Zuständigkeiten, schwer einzuschätzender Materialbedarf, ständig wechselnde Strukturen und so weiter.“
Jessica atmete innerlich auf und spürte, wie der Druck etwas nachließ. Dies war ihr Fachgebiet, solche Fragen konnte sie beantworten, ohne ins Straucheln zu geraten.
„Wer ist für die Bestellung von Kühlmitteln und Munition zuständig? Der MeisterTech, die Teileinheitsführer oder der Kommandeur?“
„Eine Fangfrage“, stellte Jessica überrascht fest. „Die Zuständigkeit liegt beim Stab, der Techbereich beantragt alle zur Wartung nötigen Güter, wozu die Kühlflüssigkeit gehört. Anträge für Munition reichen die Teileinheitsführer in Rücksprache mit der Regimentsführung ein.“
„Und wie sieht das bei Bekleidung aus?“
„Das kommt auf die Kleidung an. Standard-Uniformen sind Zuständigkeit des Zeugwarts oder, wenn es keinen gibt, des Stabes. Funktionskleidung kann unter Umständen durch die jeweiligen Bereiche bestellt oder beantragt werden, das ist aber von Einheit zu Einheit unterschiedlich geregelt.“
Harris nickte anerkennend und zeigte damit das erste Mal eine Reaktion auf die Antworten. „Angenommen, wir stellen sie als Stabsoffizierin ein: Wie gehen sie mit den vorhandenen Richtlinien, Befehlen und Regelungen der Einheit um?“
„Ich würde mich natürlich schnellstmöglich in die entsprechenden Vorgaben einarbeiten und sie in meiner täglichen Arbeit umsetzen“, antwortete Jessica wie aus der Pistole geschossen.
Harris hob ein ganz wenig, nur einen Millimeter vielleicht, die Augenbrau, aber es reichte, um Jessicas Sicherheit und Ruhe in Panik zu verwandeln. Hatte sie etwas Falsches gesagt? Aber die Offizierin kritzelte nur mit einem Stift auf ihren Unterlagen herum und sagte: „Vielen Dank. Das ist alles von mir. Captain Fokker, übernehmen sie?“
Fokker, die bisher noch kein Wort gesagt hatte, lehnte sich in ihrem Stuhl nach vorne und wirkte dabei wie ein Raubtier auf dem Sprung. Ihre klare, befehlsgewohnte Stimme durchschnitt den großen Raum als wäre er ein Kasernenhof. „Gerne“, sagte sie und lächelte dabei. „Mister Campbell, meine Fragen zielen verständlicherweise mehr in ihre Richtung.“
Jessica lehnte sich etwas zurück, um verfolgen zu können, wie ihr Bruder mit der Situation umging. Offenbar schüchterte die junge Frau – oder ihr Ruf, der ihr zweifellos vorauseilte – ihn ein, denn er wirkte merkwürdig angespannt.
„Mister Campbell, kommen wir gleich zu den unangenehmen Dingen. In ihrer Dienstakte sind zwei Zwischenfälle mit vorgesetzten Offizieren verzeichnet, einmal aus ihrer Zeit bei der 3rd Caledonia Militia und einmal aus ihrer Zeit bei den MacBradey’s Bravehearts. In beiden Fällen haben sie daraufhin die Einheit verlassen. Können und wollen sie dazu etwas sagen?“
„Bei der Miliz hatte ich Probleme mit meiner Kompanieführerin“, gab James zu, wirkte dabei aber alles andere als glücklich. „Sie hat sich gegenüber mir und einigen meiner Kameraden extrem unkorrekt verhalten. Ich habe dann als Vertrauensperson eine Beschwerde bei ihrem Vorgesetzten eingereicht. Der hat die Sache im Sande verlaufen lassen und von da an hatte sie mich im Visier. Mir ist dann irgendwann der Kragen geplatzt und ich habe mich zu einer dummen Aktion hinreißen lassen. Kurz darauf habe ich dann die Einheit freiwillig verlassen, um mit meiner Schwester zu den Bravehearts zu gehen. Die Probleme dort hatten damit zu tun, dass der Kommandeur die Wartung meines Mechs so lange mit niedrigster Priorität eingestuft hat, bis ich im Gefecht wegen technischer Probleme abgeschossen wurde. Das hat er mit allen Maschinen gemacht, an denen die Piloten das Besitzrecht hatten. Wieder bin ich freiwillig gegangen, weil ich nicht in einer Einheit dienen kenn, die mich aus Kostengründen einer derartigen Lebensgefahr aussetzt.“
Fokker runzelte die Stirn: „Sie sagten was von einer dummen Aktion. Was muss ich mir darunter vorstellen?“
„Ich habe vor der versammelten Kompanie behauptet, ihr in jeder soldatischen Fähigkeit überlegen zu sein.“
„Und?“
„Und sie war nicht froh darüber und das hat mir einen dicken Tadel eingebracht.“
„Nein“, korrigierte die Söldneroffizierin sich, „ich meine: Haben sie Recht behalten?“
„Ich habe sie auf der Hindernisbahn, im Simulator und am Schießstand regelrecht gedemütigt. Nur in der Disziplin ‚Meldung beim Disziplinarvorgesetzten machen‘ war sie wohl besser als ich“, gab er mit einer Mischung aus Stolz, Reue und alter Wut zu.
Entgegen Jessicas Befürchtungen grinste Fokker über die Antwort ihres Bruders. Dann fiel ihr wieder ein, was die Akten zu Captain Fokker sagten und sie befürchtete, die beiden waren halbwegs aus dem gleichen Holz geschnitzt.
„Vollständige infanteristische Ausbildung, Ausbildung zum Mechkrieger, beides mit guten Noten abgeschlossen, eine Auszeichnung für herausragende Kameradschaft, zweimal Vertrauensperson der Mannschaftsdienstgrade“, zählte Fokker den Werdegang ihres Bruders auf. „Meinen sie, sie sind ein guter Soldat?“
„Ob ich ein guter Soldat bin, kann ich nicht beurteilen. Ich bin sicher kein schlechter Soldat und ich übe meinen Beruf gerne aus und versuche dabei, so gut zu sein, wie ich sein kann. Ich glaube aber, dass ich auf jeden Fall ein guter Kamerad bin.“
„Eine letzte Frage: Bei ihren diversen Hobbies – vor allem Kampfsport inklusive Aikido, was unseren Spieß freuen dürfte – ist mir aufgefallen, dass sie ausgebildeter Marschtrommler sind. Können sie noch trommeln?“
Jessica bemühte sich, nicht ungläubig zu schauen. James wurde tatsächlich nach seiner Zeit in der Feuerwehrkapelle gefragt. Das hatte sie nicht erwartet und, wenn sie seinen Gesichtsausdruck richtig deutete, er auch nicht.
„Ich müsste üben, aber ich denke, die Grundlagen beherrsche ich noch.“
„Wunderbar. Dann bin ich fertig. Colonel?“
Copeland, der mit großem Interesse den Fragen und Antworten gefolgt war, lächelte. „Ich habe nur jeweils eine Frage an sie. Ich würde gerne noch von ihnen wissen, welche Karrierepläne sie haben und wie groß ihre Ambitionen sind, im Rang aufzusteigen. Vielleicht fangen sie gleich an, Miss Stuart?“
Jessica nickte zögerlich. Was sollte sie auf so eine Frage schon erwidern? „Nun, ich war bei meiner alten Einheit Lieutenant 2nd Class. Ich habe ein Offizierspatent und bin mir sicher, ich könnte auch eine Stabsfunktion bis zum Captain ausüben. Ich würde aber selbstverständlich abwarten, wie meine Vorgesetzten meine Arbeit beurteilen.“
Copeland nickte, ohne dass die Kopfbewegung etwas über seine Bewertung der Antwort erkennen ließ. „Und sie, Mister Campbell?“
„Ich bin mit Mannschaften und Unteroffizieren bisher immer sehr viel besser zurechtgekommen, als mit Offizieren. Ich habe es nicht eilig, die Seiten zu wechseln, aber ich werde auch nicht ablehnen, wenn mir eine Beförderung zugetraut und angeboten wird.“
„Gut“, sagte Copeland. „Haben sie noch Fragen an uns?“
Da es keine Fragen gab, bedankte er sich für das Gespräch und bat die Geschwister hinaus. Jessica war sich vollkommen unsicher, was sie von diesen fünf Minuten halten sollte. Ein wirklich gutes Gefühl hatte sie nicht.

Nachdem die beiden Bewerber das Büro verlassen hatten, warf Copeland einen Blick zu den beiden Frauen an seiner Seite. „Müssen wir da jetzt wirklich drüber reden?“, wollte er wissen und macht dabei deutlich, dass er am liebsten sofort Verträge aufgesetzt hätte.
„Ja, müssen wir“, bremste Juliette ihn.
„Womit bist du nicht zufrieden? Eine ausgebildete Logistikerin und ein solider Mechpilot. Das ist doch ein großartiger Anfang.“
„Wenn wir jemanden für die Logistik einstellen, müssen wir unsere ganze Stabsarbeit umstrukturieren“, begann die Stabschefin zu erläutern. „Miss Stuart wird ein eigenes Team leiten müssen. Wir müssen überlegen, dass der Posten eigentlich für einen Major geeignet ist, mindestens aber einen Captain mit dienstrechtlichen Sonderbefugnissen. Sie wirkte nicht so richtig führungsstark auf mich.“
„Das wird sie lernen.“
„Sie sieht ihre Aufgabe darin, Vorgaben umzusetzen. Als ich sie gefragt habe, wie sie mit den bestehenden Vorschriften umgehen will, wollte ich eigentlich hören, dass sie bereit ist, ihren Bereich zu gestalten und neue Impulse zu setzen. Wenn wir sie jetzt auf diesen Posten setzen, dann werden wir sie völlig überfordern und im besten Fall Geld rauswerfen für jemanden, der uns keinen Mehrwert bringt und im schlimmsten Fall Schaden anrichtet.“
Copeland zögerte, merklich gebremst in seiner Begeisterung. „Wie siehst du das, Jara?“, fragte er nach rechts.
„Was Juliette sagt, hat schon Hand und Fuß. Aber ich bin dafür, die beiden einzustellen.“
„Kannst du das begründen?“
„Gerne“, antwortete sie und grinste. „Ich will den Mechkrieger in meiner Kompanie haben.“
Sie genoss die irritierten Blicke der beiden älteren Chevaliers für einen Moment, ehe sie fortfuhr: „Er ist Marschtrommler. Der Spieß spielt Dudelsack. Ich find das geil.“
Die immer größer werdenden Augen von Copeland und Juliette ließen sie in Lachen ausbrechen: „Ihr müsstet eure Gesichter sehen. Nein, im Ernst: Campbell scheint mir ein guter Mechkrieger zu sein, der in der Zwoten wunderbar aufgehoben wäre. Wir haben dort Mechs über und Mechkrieger zu wenig und ich habe den Eindruck, dass man aus ihm was machen kann. Und ich traue mir durchaus zu, mit ihm umzugehen. Ich weiß nicht, was bei seinen früheren Vorgesetzten passiert ist, aber ich habe nicht das Gefühl, dass er ein Querulant ist.
Was seine Schwester angeht: Können wir sie nicht erst einmal als Lieutenant 1st Class einstellen und sie dann einfach zügig, aber nicht überhastet befördern? Wenn wir ihr gute Leute an die Hand geben, die ihr den Rücken freihalten können? Korrigier mich, Juliette, aber fachlich scheint sie was drauf zu haben, oder?“
„Es scheint so“, gab die Stabsoffizierin zurück. Aber Lieutenant wird nicht gehen. Sie müsste schon als Captain anfangen und dann zügig Major werden.“
„Das ist doch keine schlechte Idee“, meinte Copeland. „Juliette, du suchst die Leute für ihr Team von Hand aus. Zwei erfahrene Unteroffiziere und vier bis acht loyale und belastbare Mannschaftsdienstgrade, am besten mit Erfahrung. Sie fängt als Captain an und wir bauen sie zumindest soweit auf, dass sie sich behaupten kann. Ihr Bruder wird…“
„…Corporal“, ergänzte Jara. „So wie alle Mechkrieger, die bei uns anfangen. Wenn er so gut ist, wie ich denke, dann wird er nicht lange bis zum Sergeant brauchen und von dort an sehen wir weiter.“
„Gut, sind wir dann alle einer Meinung?“, wollte der Kommandeur der Chevaliers wissen.
„Unbedingt und absolut“, sagte Jara.
„Mit Bauchschmerzen, aber von mir aus“, stimmte Juliette weniger euphorisch zu.
„Wollen wir’s ihnen gleich sagen?“
Jara nickte: „Unsere ersten Neuzugänge dieses Mal. Bringen wir’s hinter uns.“

__________________
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is-o-tures-Tesi is-o-tures-Oro
is-u-tures-Vo-e-e

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Eine leichte Sommerbrise wehte von der Southern Sea herüber und schuf in der Spätnachmittagssonne hier in der Nähe des Äquators eine recht heiße, aber dennoch angenehme Atmosphäre. Die drei Personen, die im Schatten eines großen Sonnenschirms aus Leinen an einem runden Tisch saßen und englisch Tee tranken – einer hatte Kaffee, war ja klar – genossen den Moment der Ruhe sichtlich. Beinahe schien es unglaublich, dass die letzten Blindgänger der Schlacht gegen Imaras Husaren hier am See erst vor wenigen Monaten geborgen und entschärft worden waren. Hier, wo nun eine Villa stand, viele Villen, eine Kaserne, eine Stadt, ein Raumhafen. All das erbaut in wenigen Monaten.
„Sie haben mir nicht viel Zeit für Vorbereitungen gelassen, Sho-sa“, sagte der Kaffeetrinker mit einem Lächeln. „So müssen Sie mit dem vorlieb nehmen, was mein Haushalt hergibt.“
„Das ist doch eine ganze Menge“, sagte Elden Parkensen, der planetare Verwalter und oberste Beamte des Kombinats auf dieser schönen Welt zu seinem Gegenüber und griff nach einem der Gurkensandwiches, die auf einem schlichten Porzellanteller drapiert waren. „Wie ich sehe, hat sich Ihr Stab große Mühe gegeben, Germaine.“
Beim Wort Stab zuckte eine Augenbraue des großen Mannes. Er dachte dabei immer noch automatisch an den Stab seiner Chevaliers. Jene Chevaliers, die er für einige Zeit Jara überlassen wollte, die für ihn wie eine Tochter war. Nein, eigentlich wie eine kleine Schwester, aber er hatte es nicht oft für klug gehalten, das öffentlich auszusprechen. Tochter klang irgendwie besser.
„Sie haben mir gute Leute überlassen, Herr Direktor“, sagte Danton ausweichend.
„Ich bitte Sie, Hakshaku, waren wir nicht schon bei den Vornamen und beim Du?“, fragte Parkensen vertraulich. „Falls Sie mit einem dahergelaufenen Beamten so vertraulich werden wollen, natürlich.“
Beim Kombinatsbegriff für einen Grafen zuckte Dantons Augenbraue erneut. Nichts wäre ihm ferner gewesen als etwas anderes in diesem Grafentitel zu sehen als eine Aufgabe, die Mikado Mamoru, der Herr dieser Welt – in Blut gewaschen von ihm und seinen Leuten – ihm auferlegt hatte. Die Privilegien, die mit diesem Rang kamen, bedeuteten ihm nichts. Oder anders ausgedrückt, die meisten Veränderungen in seinem Leben, seit er anerkannter draconischer Adliger und direkter Gefolgsmann eines planetaren Herzogs des Kombinats war, mussten sich ihm erst erschließen.
Die dritte Person am Tisch kicherte amüsiert. „Ihr wart tatsächlich schon beim Du, Germaine. Ich bezweifle, dass du das vergessen hast. Kriegst du also Manschetten?“
Danton legte verlegen eine Hand in den Nacken. „Ich versuche einfach, nicht zu viele Fehler zu machen und mich anzupassen. Nichts für ungut, Elden. Ich bin nur ein Terraner, nichtadlig und zudem Zeit meines Lebens Soldat gewesen oder auf dem Weg dorthin. Ich fange erst an zu begreifen, was für ein Kuckucksei Ace mir da ins Nest gelegt hat, als er mir eine Grafschaft und einen Titel angeboten hat. Und ehrlich gesagt dachte ich die ganze Zeit, ich kriege einen Haufen Dreck und Abraum zum Titel, aber keine Stadt.“
Elden Parkensen lächelte. „Was die Fehler angeht, so wird Tsuno-sama sicherlich ihren Teil dazu beitragen, dass sie selten und spärlich bleiben.“
„Miko“, fuhr sie ihm ins Wort. „Oder wenn es Ihnen lieber ist, Mikako.“
Der alte Soldat rang sichtlich mit sich. Schließlich nickte er. „Wakata, Miko-sama.“
Die junge Frau schnaubte halb amüsiert, halb verärgert, fügte sich aber in die Entscheidung. Letztendlich war sie auch Draconierin und kannte ihre Leute. Elden Parkensen verhielt sich verglichen mit einem Konservativen geradezu liberal-radikal. „Hai, hai.“
Parkensen lächelte auch zum Eingeständnis ihrer Niederlage und fuhr fort. „Was die Stadt angeht, so stand Parkensen City, das der Koordinator auf Empfehlung meines innig geliebten Herzogs nach meinem unwürdigen Namen benannt hat, schon seit einiger Zeit unter immensem Druck. Wir hatten darüber gesprochen. Da der Raumhafen die Stadt umgibt und das Meer im Süden ist, gab es nicht wirklich viele neue Baugebiete, sodass wir schon seit mehr als drei Jahren keinen Bau unter drei Stockwerken genehmigt haben. Zwar gibt es kleinere Siedlungen und Güter auf dem Land, auf dem wir unsere Nahrungsmittel für den Eigenverbrauch und den Export anbauen, aber nicht alle Menschen wohnen – ich zitiere – gern am Arsch der Welt, und dann noch einer Welt wie Wayside V. Wir brauchten also dringend eine realistische Alternative.“
„Ich erinnere mich, dass es damals am militärischen Personal für eine funktionsfähige Miliz gescheitert ist“, murmelte Germaine. „Beziehungsweise in die Zukunft geschoben werden sollte.“
„Richtig. Bis Imaras Husaren wie ein Gottesgeschenk in unseren Schoß fielen – nach Blut, Tod und Zerstörung. Bis dahin: Stirling ist und war nicht wirklich eine Alternative. Zwar gibt es dort eine Kleinstadt, die von den Soldaten und dem Tross, den sie dort mit hinaus genommen haben, lebt, aber es ist eben eine Kleinstadt. Früher oder später hätten wir uns entscheiden müssen, ob wir die Strände zubauen oder Teile des Raumhafens, und beides wäre nicht sehr gut gewesen. Die Strände sind mit das einzige, was Parkensen City vorzeigen kann, und der Raumhafen ist, seit so viele Nationen und Fraktionen direkte Handelsbeziehungen mit den Clans aufgenommen haben, ohnehin schon am Rand des Kollaps. Wir brauchten dringend einen Ausweichhafen für all jene, die einen Landeplatz brauchen oder nur bis zu uns fliegen und hier an die Clans verkaufen. Und was läge dann näher, als drei positive Dinge zu kombinieren? Ihr Gut als Eigentum mit einer neu zu errichtenden Stadt an der zweiten großen Wasserquelle Wayside Vs und ein neuer Raumhafen, der den Druck von der Hauptstadt nimmt?“
Der Herr der Chevaliers lachte. „Wenn ich an unser Gespräch von damals denke, wurde mir meine Hoffnung nach einem eigenen Raumhafen nicht gerade mit Konfettiparade bestätigt. Allerdings war ich damals auch der einzige im Raum, der gewusst haben musste, wie prekär die Raumhafensituation bereits war. Aber was euer Problem angeht: Warum keine dritte Stadt gründen? Eventuell unter Druckkuppeln oben auf den Kontinenten. Für alle, die nicht auf Atemluft angewiesen sind bei der Be-, oder Entladung sicher eine gute Entscheidung“, sagte Germaine. „Starts und Landungen dürften erheblich billiger werden, und eine Anbindung via Shuttle an die bewohnbaren Meeresschelfs könnte eine Goldgrube werden.“
Parkensen hielt inne, zückte einen antiquiert zu nennenden Notizblock und kritzelte etwas hinein. „Interessant. Ich werde dem Koshaku diese Idee vortragen, Germaine.“
Der Herr der Chevaliers war verblüfft. „Daran hat noch niemand gedacht?“
„Die Kontinentalschelfs sind lebensfeindliche Wüsten bar fast allen Lebens, während wir hier unten in den Senken der verdampften Ozeane Luft und Wasser haben. Nein, auf diesen verrückten Gedanken ist noch niemand vor dir gekommen.“
„Nun. Gern geschehen. Es erklärt auf jeden Fall, wie Dantonville so schnell wachsen konnte. Bevölkerungsüberdruck. Ich denke, viele von denen, die zu den Erstsiedlern gehören, werden daraus einen Vorteil ziehen.“
Parkensen nickte. „In mehr als einer Hinsicht, weshalb ich dich bitten möchte, einer, ah, besonderen Gruppe an Siedlern deinen Segen zu geben. Du verstehst, ich kann nicht jeden Menschen, der hierher zieht und sich ein Haus baut oder eines kauft, bis zu seiner Geburt durchleuchten. Bereits jetzt geben sich die Agenten der Inneren Sphäre in Parkensen City die Klinken in die Hände und wir kommen da kaum hinterher. Ich habe versucht, ein stabiles Gerüst für Dantonville zu schaffen, bevor wir dieses Abenteuer begonnen haben, und ich denke, vieles ist mir gelungen, wenn auch nicht alles. Zu diesem Gerüst gehört auch eine Abteilung der ISA.“
„ISA“, sagte Danton. Seine Stimme war neutral, weder übertrieben freundlich, noch abwertend. Die ISA hatte nicht den besten Ruf in der Inneren Sphäre, aber zumindest unter den Geheimdiensten galt sie als ziemlich effektiv und, am Draconis-Kombinat gemessen, rechtsstaatlich. „Ich nehme an, der Graf wird nicht gerade viel Einfluss auf sie haben.“
„Das kommt darauf an, wie du mit der ISA und ihren offiziellen Vertretern umgehen wirst“, sagte Parkensen.
„Was ist mit den Yakuza?“, fragte Danton plötzlich.“Laut Ace sollten die Kaiku no gumi in meiner Stadt einen Ableger gründen, um die nicht ganz so illegalen Machenschaften zu kontrollieren und zu verhindern, dass sich andere Verbrecherbanden hier etablieren können. Schickt mir Hattori Suzuki also einen oder mehrere seiner Enkel?“
Parkensen gluckste leise. „Seit du verhindert hast, dass der alte Mann wegen des Zwischenfalls am Raumhafen durch Yobitsume einen Finger verliert, hat er eine überraschend gute Meinung von dir. Er schickt dir seinen Schwiergersohn Napoléon, den Vater von Enzo, den du bereits kennengelernt hast. Er wird einer Unterabteilung von dreißig Mitgliedern der Kaiko no gumi vorstehen. ISA und Yakuza zusammen werden tun, was in ihrer Macht steht, um Wayside V, den Herzog, natürlich den Grafen, aber auch den Handel und die Bürger dieses schönen Planeten vor ausländischen Interessen zu schützen.
Was mich zum nächsten Punkt bringt: Eine funktionierende Polizeitruppe. Bisher sind das nur fünfundzwanzig Freiwillige, aber wenn die Stadt wächst, wenn die Zuwanderungszahlen nach Wayside V stabil bleiben, können das rasch ein paar hundert werden.“
„Einverstanden“, sagte Germaine. Es schien, dass er sich eher mit den Yakuza als mit den ISA-Agenten anfreunden konnte. Und der Gedanke an reguläre Polizei, so naheliegend er auch war, schien ihn auch positiv zu stimmen. „Welcher hochgestellte Beamte übernimmt die staatliche Verwaltung meiner Grafschaft?“
„Rangk. Du hast ihn schon getroffen. Und ich denke, er hat beim Aufbau der Stadt Übermenschliches geleistet. Keine lyranische Bauvorschriften einhalten zu müssen spart eine Menge Zeit“, sagte Parkensen mit spöttischem Unterton. „Allerdings hat er bereits in Parkensen City dafür gesorgt, dass wir keine Probleme mit korrupten Baulöwen bekommen, die zu überteuerten Preisen Bruchbuden aus minderwertigem Material in die Höhe pfuschen. Unsere Baufirmen arbeiten schnell, aber sie leisten auch die Arbeit, für die sie bezahlt werden.“
„Das ist gut zu wissen“, sagte Danton zufrieden. Tatsächlich hatte er von Anfang an Bedenken gehabt, was die in seinen Augen zu schnell hochgezogene Stadt betraf. Aber seine Pioniere hatten Stichproben vorgenommen und ihm bestätigt, dass selbst mittlere Erdbeben, die in dieser Region durchaus zu erwarten waren, keines der neuen Gebäude nachhaltig beschädigen würden. Allerdings wollte er nicht wissen, was die Baumaßnahme gekostet hatte. Sicher genug, um zwei neue Sturm-BattleMechs ab Fabrik zu kaufen. Im Baugeschäft ein riesiges Vermögen.
Er deutete auf die nahe dem Ufer stehende Reihe mannshoher Palmen. „Danke übrigens für diese Bäume und die anderen Pflanzen, die über die Stadt verteilt wurden. Ich dachte erst, wir müssen hier vom Setzling bis zur Hecke alles selbst hochziehen.“
„Nun, wir waren vorbereitet. All dies war für die neue Siedlung vorgesehen, die wir in spätestens drei Jahren in Angriff nehmen wollten. Es herüberzuschaffen war eine große Herausforderung für die Miliz. Wir haben sechs der vierzehn Baumschulen im Stirling-Tiefland fast vollständig geplündert, und auf jeden Fall hat es die Miliz beschäftigt und zusammengeschweißt.“
Danton schwindelte für einen Moment beim Gedanken, wie weit der Herzog voraus gedacht hatte. Und dann noch einmal beim Gedanken an die wirklichen Kosten dieser Aktion. Die Miliz bekam ihren Sold zwar so oder so, aber wenn man alles zusammenrechnete, war es ein gigantischer Kostenfaktor. Hoffentlich würde er sich dieser Vorausarbeit und all dem Vertrauen als würdig erweisen.

„Es gibt da noch einen Punkt, den ich ansprechen muss“, sagte Elden Parkensen, als er das letzte Häppchen vom Teller nahm. „Und zwar die Chevaliers betreffend.“
„Ich denke, ich werde genug Zeit dafür aufbringen müssen, um die Ryoken aus dem Nichts entstehen zu lassen. Für Fragen, die Chevaliers betreffend, wirst du für die nächsten drei Jahre zu Copycat gehen müssen.“
„Ich hätte vorher gerne deinen Segen. Oder noch besser: Dich als Boten.“
Wieder wanderten Dantons Augenbrauen zusammen. „Okay, du hast meine ungeteilte Aufmerksamkeit, Elden.“
„Die Chevaliers sind jetzt ein Regiment, richtig?“
Danton und Tsuno nickten.
„Und wie groß ist deine Spionageabwehr? Zehn Leute? Elf? Oder nur acht?“ Parkensen trommelte mit den Fingern der Rechten auf den Tisch. „Es sind fast eintausend Leute. Leute, die bisher gegen die Clans gestanden haben, aber deren nächster Kontrakt sie vielleicht wieder in die Innere Sphäre bringt. Ihr werdet neu rekrutieren, dies sogar müssen, und wer weiß, welche Kuckuckseier Ihr euch da mit ins Nest holt.“
„Zugegeben.“
„Die ISA könnte das für die Chevaliers übernehmen. Jetzt, wo die Truppe einem Grafen des Kombinats gehört... Okay, okay, nicht die ISA. Aber um einen offiziellen Verbindungsmann wird Colonel Copeland nicht herumkommen.“
„Ganz abgesehen von den inoffiziellen Mitarbeitern der ISA im Regiment“, sagte Danton säuerlich.
„Die allerdings nicht gegen, sondern für deine Chevaliers arbeiten werden. Was man von den Spionen der anderen großen Reiche nicht unbedingt erwarten kann, die sich natürlicherweise bereits angesammelt haben.“
„Was also schlägst du vor?“
„Vergrößere die Spionageabwehr der Chevaliers. Bring sie auf fünzig, besser sechzig Leute. Dazu ein paar Mitarbeiter, die eher inoffiziell zuarbeiten, und natürlich eine eigene Militärpolizei von etwa derselben Stärke. Ich erinnere da nur an eine gewisse Szene in dieser Kneipe, „Schwein von Glengarry“.“
„Wildsau von Glengarry“, korrigierte Danton. Er hatte die Hände vor dem Gesicht verschränkt und betrachtete den Draconier nachdenklich. „Eine Vergrößerung der Abteilung hatten wir eh vor. Bei der Regimentsgröße der Einheit müssen wir das tatsächlich, wollen wir den ganzen Karren nicht mal an die Wand fahren. Wir haben so schon genug Feinde: die Schwarzen Drachen, Blakes Wort, die Clanswacht von Clan Jadefalke und Clan Wolf... Und das besser heute als morgen.“
Elden Parkensen grinste. „Und genau das ist der Punkt, auf den ich zu sprechen kommen wollte. Der Jaffray-Raumhafen ist ein wunderbarer Ort. Denn an Raumhäfen sammelt sich meistens etwas, was aus den unterschiedlichsten Gründen hängenbleibt, statt weiterzureisen. Ich will damit sagen, ich hätte in meiner Tasche so um die zwanzig Bewerbungen von Leuten, denen ich vertraue oder die mir empfohlen wurden, die nahezu sofort bei den Chevaliers anheuern und in der Spionageabwehr dienen können. Eventuell, mit ein wenig mehr Zeit, kann ich mehr auftreiben.“
„Wie sicher sind diese Leute?“, fragte Germaine skeptisch.
„So sicher, dass ich es wage, sie dir und Harry Copeland ans Herz zu legen. Also, sprichst du mit ihm? Und am besten auch mit Jara, jetzt, wo sie deine Erbin ist?“
Danton zögerte einen Moment, sah zu seiner Verlobten herüber, dann wieder zu Parkensen. „Hm.“
„Hm, was?“
„Hm, ich werde deinen Vorschlag weiterreichen. Wie du weißt, habe ich das Kommando abgegeben, an sehr fähige Leute. Ich kann und will ihnen nicht in jedes Interna dreinreden, obwohl die Einheit mir immer noch gehört. Zumindest, bis Jara sich mit ihnen selbstständig macht.“
„Das letzte war ein Scherz, richtig?“, fragte Parkensen mit einem Lächeln. „Manchmal verstehe ich Humor nicht gut genug, um das beurteilen zu können.“
Germaine Danton schwieg einen Moment länger als angenehm gewesen wäre. „Ja, das war ein Scherz. Jan!“
„Mylord?“, klang die Stimme des Rasalhaagers auf, der seit einem halben Jahr Dantons Schatten und wichtigster Zuarbeiter war. Heute diente er dem Grafen von Dantonville als Sekretär, was für einen einfachen Infanteristen einen großartigen sozialen Aufstieg bedeutete. Er war knapp außer Hörweite geblieben, aber bei Dantons Ruf sofort an den Tisch getreten.
„Arrangiere mit Harry ein Treffen. Am besten noch diesen Abend. Man hat mir gesagt, du hast exzellente Beziehungen zu seinem Vorzimmer.“
Für einen Moment verzog der blonde Rasalhaager die Miene. Dieses Vorzimmer war sein Reich gewesen, bevor Danton freiwillig abgetreten war. Aber Harrison Copelands Adjutantin war seine Wahl gewesen. Er hatte die Frau handsortiert und ausgebildet. „Sagen wir gute Beziehungen, Mylord. Heute Abend? Ich werde es weiterreichen.“
Jensen nickte unmilitärisch und verließ die Terrasse.
„Danke“, sagte Parkensen schlicht.
„Danke mir nicht zu früh. Wir werden einigen Leuten viel zusätzliche Arbeit bereiten“, wehrte Danton ab. „Wir werden sehen, wie sie das aufnehmen.“

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Thorsten Kerensky
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Wayside V, Dantonville
Kasernengelände der Dantons Chevaliers
20. Januar 3067, 11:50 Uhr

„… es geht ja hier nicht um ein Gegeneinander. Je mehr Druck ihr ausübt, desto stärker wird die Gegenwehr sein. Nehmt den Druck raus, ladet den Angreifer ein. Er will euch angreifen? Das ist okay. Das darf er. Lasst das zu und lenkt die Energie einfach an euch vorbei. Lasst das zu.“
Jara lauschte konzentriert den Worten von SeniorTech Collin O’Doyle. Der Mittvierziger wusste, wovon er sprach und konnte den anwesenden Chevaliers gut vermitteln, was er zu sagen hatte.
O’Doyle leitete die Aikido-Übungsgruppe der Einheit und für diese Trainingseinheit hatte er Jara eingeladen, um die Lektionen mit ihrem praktischen Wissen über den brutalen Clan-Nahkampf zu bereichern.
Sie war der Einladung gerne nachgekommen. Nicht nur, weil mit Sharpe, van Eening und neuerdings Campbell gleich drei Mitglieder ihrer Kompanie diese Kampfkunst praktizierten, sondern auch, weil sie jedes Mal aufs Neue erstaunt war über die gewaltfreie Philosophie des Aikido, das so ganz anders war als das, was sie in ihrem Leben an Kampfsport gelernt hatte.
„Den Omote-Eingang für Tenchi-nage haben wir uns ja gerade im Detail angeschaut“, fuhr O’Doyle fort. „Jara, vielleicht hast du noch Anmerkungen dazu?“
Jara erhob sich aus dem für sie immer noch unbequemen Seiza – sie musste diese japanische Sitzweise langsam wirklich öfter praktizieren, immerhin war sie nun mehr oder weniger Kombinats-Soldatin – und trat aus der geduldig und aufmerksam zuschauenden Reihe der Schüler nach vorne. In ihrer engen Sporthose und dem ebenso anliegenden Top bildete sie einen starken Kontrast zu den Aikidoka in ihren Übungsanzügen, den Keiko-Gis, und den traditionellen Hosenröcken, den Hakamas. Auch wenn sie die Überzeugung vertrat, dass schwere Kleidung im Kampf eher hinderlich war, musste sie neidlos anerkennen, dass die japanischen Sportsachen unglaublich elegant in den Bewegungen aussahen.
„Gerne, Collin“, bedankte sie sich und winkte James Campbell zu sich, von dem sie erwartete, dass er bei ihren Demonstrationen vernünftig reagieren würde. Immerhin trug er einen schwarzen Gürtel um die Hüfte.
„Wenn ich das richtig verstanden habe, dann versucht ihr ja, bei dem Eingang euren Gegner zu öffnen und ihn aus dem Gleichgewicht bringen. Meine Erfahrung ist, dass das in der Regel gegen einen geübten Angreifer nicht funktionieren wird. Ich zeig euch mal, was ich meine. Ich werde James jetzt angreifen und er wird versuchen, seine Technik anzuwenden, okay?“
Sie federte leicht in den Knien und griff nach dem Handgelenk ihres Neuzugangs. Während er versuchte, ihre Bewegung zu kippen und abzuleiten, machte Jara zwei unglaublich schnelle und kurze Schritte, um ihr Gleichgewicht zu halten, duckte sich und ließ ihre freie Faust gerade nach vorne schnellen. Sie berührte ihren Übungspartner nur leicht, aber es reichte, um ihn einen erschrockenen Schritt nach hinten machen zu lassen.
„Wie ihr seht, ist Nahkampf eine Frage von Schnelligkeit und Gleichgewicht. Die Idee, meine Achse wegzunehmen und mich zu kippen ist theoretisch gut, aber das klappt nur, wenn ihr schneller seid als ich. Traut sich das jemand zu?“ Amüsiertes Lachen antwortete ihr und sie musste grinsen.
„Collin hat vorhin gesagt, es geht im Konflikt darum, sich selber seinen Raum zu nehmen und sich natürlich zu bewegen. Das sehe ich auch so. Wenn ihr aber gegen jemanden kämpft, der euch wirklich ans Leder will, dann braucht ihr Tempo und Willen. Ich habe beim Wolfsclan gelernt, das Clan-Credo auch im Nahkampf zu befolgen. Schnell zuschlagen, hart zuschlagen und keine Schwäche zeigen.“
Jara warf dem Aikido-Trainer einen Blick zu: „Haben wir noch Zeit für eine Technik?“
O’Doyle schüttelte entschuldigend den Kopf. Die Übungszeit war rum und für die meisten ging der Dienst weiter.
„Schade. Ich hätte euch gerne noch gezeigt, was ihr nach dem Eingang an kleinen Fiesheiten einsetzen könnt, aber vielleicht ergibt sich ja irgendwann die Chance, diesen Austausch zu vertiefen.“
Sie verneigte sich vor O’Doyle und setzte sich wieder zu den Schülern in die Reihe.
Kurz darauf, nach der rituellen Verabschiedung, stand sie mit dem SeniorTech etwas abseits und trocknete ihr verschwitztes Gesicht mit einem Handtuch, während der Aikidoka sich aus seinem Hakama befreite.
„Das war eine sehr interessante Übungseinheit. Ich hätte wirklich nichts dagegen, das beizeiten fortzusetzen“, bot sie ihm an.
„Gerne“, stimmte er ihr zu. „Allerdings brauchen meine Schüler vermutlich erst mal ein paar Wochen, um sich von dem Input zu erholen.“
Jara lachte: „Ich hab mich doch extra zurückgehalten.“
„Captain Fokker?“, erklang es hinter ihr und mit einem entschuldigenden Blick zu O’Doyle drehte sie sich zu dem Infanteristen um, der nach ihr gerufen hatte.
„Was gibt es, Corporal?“
„Sie haben Besuch, Ma’am. Der Graf erwartet sie in ihrem Büro.“
„Danke. Hat er gesagt, ob es dringend ist?“
„Ich habe ihm gesagt, dass sie beim Sport sind und er meinte, er hätte es nicht eilig.“
„Gut. Warten lassen sollte ich ihn vielleicht doch nicht. Sie können wegtreten, Corporal.“ Sie wandte sich wieder dem Aikido-Trainer zu: „Nochmal vielen Dank für die Erfahrung. Melde dich, wenn es wieder passt!“

Als sie wenig später ihr Büro betrat, hatte sie nicht nur geduscht, sondern auch wieder zur Felduniform gewechselt und ihre Sportsachen in einer Tasche dabei, die sie achtlos in die Ecke warf. Germaine Danton, ihr Mentor und oberster Dienstherr, wartete im Couchbereich des großzügigen Raumes auf sie. Zwei Tassen standen auf dem Tisch, daneben eine Kaffeekanne.
„Schön dich zu sehen, Jara“, begrüßte er sie, stand auf und umarmte seine Erbin. „Frisch geduscht, wie ich rieche?“
„Ich komme direkt vom Sport. Du hast Kaffee mitgebracht?“
„Dein S2-Soldat war so freundlich, welchen zu bringen. Guter Mann?“
„Guter Soldat, guter Stabsdienstler. Der Kaffee ist allerdings… naja, du wirst es merken“, sagte sie und zog eine Flasche mit einem isotonischen Getränk aus einem Schrank.
Germaine, der sich unverdrossen einschenkte, lächelte: „Es kann kaum schlimmer sein als das, was die drakonischen Hofdiener für Kaffee halten. Der Tee ist klasse, spitzenmäßig sogar, aber das Kaffeekochen muss ihnen wirklich nochmal jemand beibringen. Ich bin froh, dass ich meinen Adjutanten mitnehmen durfte, auch wenn immer alle tödlich beleidigt sind, wenn ich ihn den Kaffee aufsetzen lasse. Was für einen Sport hast du denn getrieben?“
„Aikido“, antwortete sie und setzte sich in einen Sessel gegenüber dem Neu-Adligen.
„Aikido? Ist das nicht ein pazifistischer Kampfstil?“
„Sowas kommt in den besten Einheiten vor“, unkte Jara. „Scheint gerade ganz beliebt zu sein. Drei meiner Mechkrieger sind in der Gruppe. Ein SeniorTech leitet die Runde, was ich gut finde. Da kommen Leute aus allen Waffengattungen zusammen und der Dienstgrad spielt mal keine Rolle. Meine Welt ist es aber nicht. Ich mag es… direkter.“
„Warum warst du dann da?“
„Ich wurde eingeladen, einen Einblick in den Clan-Nahkampf zu geben.“
Germaine lachte: „Und wie viele Verletzte müssen die Sanis jetzt behandeln?“
„Ich war sanft wie ein Lamm“, antwortete Jara und hob entschuldigend die Hände. „Meine brutale Seite kann ich in den Bewerbungsgesprächen gerade sowieso viel besser ausleben.“
„Anstrengend?“, wollte Germaine mit einem Hauch von Mitgefühl in der Stimme wissen.
„Du hast ja keine Ahnung.“
„Glaub mir, die hab ich. Graf zu sein ist auch kein Zuckerschlecken. Die Termine, die Bankette, dauernd Interviews und vom Händeschütteln bekomme ich langsam Schwielen an den Händen“, grinste er.
„Ja, das klingt nach dem schlimmsten Alptraum eines jeden Söldners“, konterte Jara und erwiderte das Grinsen. „Aber was kann ich eigentlich für einen derart beschäftigten Mann tun?“
„Ich brauche eine Unterschrift von dir“, gab Germaine zu und schob ihr eine Mappe hin. „Also genau genommen sind es sieben oder acht Unterschriften. Und auch das nur, weil ich vorhin schon die Beglaubigungen selber habe anfertigen lassen.“
„Unterschriften? Wofür?“
„Für die Adoptionsurkunde, meine Lieblingstochter“, säuselte der ältere Söldner und er schien sichtlich Spaß an Jaras verdutztem Gesichtsausdruck zu haben.
„Die habe ich dir doch schon unterschrieben“, wunderte sie sich.
„Nur digital. Es scheint, das Kombinat braucht das auch noch auf Papier.“
„Soso. Und am Ende darf ich dankbar sein, es nicht in Kanjis aufmalen zu müssen, oder?“
Germaine zuckte mit den Schultern: „Wir geben dem Koordinator, was der Koordinator will. Oder in diesem Fall ein extra von Luthien eingeflogener hoher Beamter mit wenig Sinn für Humor.“
„Muss ich Juliette bitten, einen meiner Anwälte die Papiere prüfen zu lassen?“
„Deine Anwälte?“, echote der Graf amüsiert. „Noch sind es meine Chevaliers, vergiss das nicht.“
„Auf dem Papier“, gab Jara zurück, während sie begann, die Dokumente ungelesen zu unterzeichnen.
„Nanu“, wunderte Germaine sich, „woher das plötzliche Vertrauen?“
„Du hast mir ein Regiment geschenkt und machst mich gerade zur Adligen. Egal, was ich hier unterschreibe, ich glaube nicht, dass es mich noch schocken kann.“
Er grinste: „Ein gesunder Fatalismus – du wirst prima zurechtkommen. Das Übergabe-Antreten in zwei Tagen ist in trockenen Tüchern?“
„Der Termin steht: 22. Januar, 15 Uhr. Das Sicherheitskonzept ist fast fertig, die Teileinheitsführer sind informiert und geben heute die Information an ihre Soldaten weiter, Juliette steht mit den Milizen, den Eagles und der Polizei in Verbindung… habe ich was vergessen?“
„Was ist mit der Yakuza?“
„Gibt es schon eine in Dantonville?“
„Ich kümmere mich drum“, antwortete Germaine ausweichend. „Gegenspionage?“
„Decaroux ist an der Sache dran.“
„Kommt er zurecht?“
„Er behauptet es zumindest.“
Germaine sah sie ernst an: „Ihr werdet in dem Bereich aufstocken müssen. Ich habe… gute Ideen, Tipps und Hinweise bekommen, die ich dir und Harry gerne weitergeben würde. Nach der Übergabe sollten wir einen Termin machen.“
Jara nickte: „Gerne. Kann es die zwei Tage noch warten?“
„Es muss. Aber vor dem Ball in einer Woche sollten wir das Thema durch haben.“
Bei Jara schrillten sämtliche Alarmglocken. Nicht wegen der Gegenspionage, sondern wegen der anderen Sache: „Welcher Ball?“
„Na der Ehrenball zu deiner Adoption und deiner Einführung in den Adelsstand.“
„Dazu gibt es einen Ball?“
„Ich muss die Honorationen dieses Planeten bespaßen und bei Laune halten und was wäre dafür besser geeignet, als meine Vorzeige-Offizierin zu präsentieren?“
Der Graf grinste durchtrieben und Jara war klar, dass er sich wirklich auf das Ereignis freute. „Du willst mich nur zwingen, ein Kleid zu tragen, oder?“
„Viel besser“, gab Germaine zurück und konnte sich ein Lachen kaum verkneifen. „Ich zwinge dich, einen Kimono zu tragen.“
Er registrierte ihren panischen Blick und hob beschwichtigend die Hände: „Keine Sorge. Der beste Schneider von ganz Wayside wird sich persönlich um dein Outfit kümmern. Mach einen Termin mit ihm aus, am besten gleich für morgen. Er ist angewiesen, sich für dich jederzeit Zeit zu nehmen. Seine Kontaktdaten habe ich dir digital zukommen lassen.“
„Ich muss wirklich leuchten, oder?“
„Ach… Miko wird dir schon die Show stehlen, dafür ist gesorgt. Aber es kann nicht schaden, dich als junge, hübsche Frau zu zeigen. Wenn es dafür sorgt, dass dich ein paar Leute unterschätzen, dann ist schon viel gewonnen. Außerdem“, fügte er hinzu, „ist das doch mal eine tolle Möglichkeit, wieder richtig zu feiern. Dann kannst du auch gleich deine neue Privatwohnung im Grafenschloss austesten.“
„Privatwohnung?“ Jara verzog das Gesicht, aber ihre Mimik erschlaffte, als sie begriff, dass Germaine seine Worte ernst gemeint hatte. Was in Kerenskys Namen sollte sie mit einer Wohnung im Schloss?

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„Sie wollten mich sprechen, Demi?“
Der Angesprochene sah auf, als der Besucher gegen den Türrahmen klopfte. Ein Grinsen huschte über sein Gesicht. „Kommen Sie rein, Steel. Schon was vom Alten gehört?“
Lt. Colonel Manfred Scharnhorst von Dantons Höllenhunden erwiderte das Grinsen. In der Hand hielt er ein Tablett. „Sören bat mich, das hier mitzunehmen. Er meinte, Sie wären am Ende der Kanne angelangt, Demi.“
„Ah, mein rettender Engel“, sagte der ComStar-Präzentor mit einem sehnenden Blick nach der vollen Kaffekanne und die zusätzliche Tasse für Scharnhorst. „Setzen Sie sich, Steel. Und, haben Sie?“
Scharnhorst platzierte das Tablett auf dem Schreibtisch des Demi-Präzentors und nahm Platz. Während er dem ComStar-Mann und dann sich selbst einschenkte sagte er: „Germaine geht es gut, die Einheit steht. Sie hat ihre Konfrontation mit den Nebelkätzchen recht gut überstanden. Und dabei wurde auch noch ein Kriegsschiff ausgeschaltet. DAS weiß ich allerdings, weil es mir ROM gesagt hat. Nicht, dass die Chevaliers mit solchen brisanten Daten hausieren gehen.“
„Also wieder ein Auftrag erfolgreich ausgeführt, und das unter erschwerten Bedingungen.“
Scharnhorst schnaubte amüsiert. „Ich würde Verrat, einen Hinterhalt, die Ausschaltung des Kommandeurs und Bodenbeschuss durch ein Kriegsschiff im Orbit jetzt nicht unbedingt erschwerte Bedingungen nennen, aber ich mag Ihren Humor.“
Demi-Präzentor VIII Hamish Lockwell grinste den Panzerfahrer an und stieß seinen Kaffeebecher gegen den des Höllenhunds. „Da sind wir ja schon zwei. Wo ist die Einheit jetzt?“
„Auf Wayside V. Sie reorganisiert sich, und, wenn ich es richtig verstanden habe, sie geht auf Harrison Copeland über.“
„Es juckt Sie in den Fingern, zurückzukehren und das Kommando selbst zu übernehmen, was, Steel?“
„Einigermaßen“, gab er zu. „Aber ich bin erstens kein Mitglied der Chevaliers, und zweitens nicht mehr der Ranghöchste. Und wahrscheinlich würde ich meine Chevaliers auch nicht mehr wiedererkennen. Himmel, Germaine nimmt eine Auszeit und überschreibt Miss Fokker die Einheit.“
Lockwell runzelte die Stirn. „Das ist die junge Dame, die von Clan Wolf adoptiert wurde, aber ausbrechen konnte, um den Wölfen später Seite an Seite mit den Chevaliers einzuheizen, richtig?“
„Ja, der kleine Teufelsbraten, genau der.“
Der Demi schob die Augenbrauen zusammen. „Scheint so, als würde es bei den Chevaliers in naher Zukunft nicht langweilig werden.“
„Wahrscheinlich nicht“, brummte Steel in seine Tasse und nahm einen tiefen Schluck. Oh, er mochte den Kaffee in Hamishs Büro. „War das genug Smalltalk?“
„Was denn? Ich dachte, Sie freuen sich, wenn Sie was über die Haupteinheit erzählen können“, lachte der ComStar-Präzentor. „Aber Spaß beiseite. Es freut mich natürlich, was über Germaine und seine Leute zu hören. Ich hatte entfernt mit ihm zu tun, damals, als es Team Stampede noch gab. Jedoch, und das sage ich nicht oft, Sie haben Recht, Steel. Zurück zum Business.“
Eine Akte wurde über den Tisch geschoben. „Erinnern Sie sich an den Ärger, den der Schwarze Drache gemacht hat?“
„Schwarzer Drache? Diese draconische Sezessionsarmee?“
„Das umschreibt es recht gut. Ultimativ führten ihre Aktionen zu einem begrenzten, aber recht heftigen Krieg gegen das Geisterbärendominion. Es war eine Menge Pathos im Spiel, Ehrenkrams und so weiter. Und es sind ein Haufen guter Krieger gestorben, die wir früher oder später dringend gebraucht hätten. Auf beiden Seiten.“
Scharnhorst nahm die Akte und schlug sie auf. „Hm? Was sehe ich hier, Demi?“
„Diese fünf Welten befinden sich auf der draconischen Seite der Grenze zu den Bären. Wir haben dort Unregelmäßigkeiten festgestellt. Unruhen, widersprüchliche Berichte, bewaffnete Piraten, die aus dem Nichts auftauchten und im Nichts wieder verschwanden... Kurz und gut, Ärger, der durchaus mit den Schwarzen Drachen zu tun haben kann. Oder aber mit einer radikalen Fraktion in den Rängen der Geisterbären, die auf diese Weise versuchen, den eigentlich beendeten Konflikt neu zu entfachen. Nicht wenige führende Bären hatten den Krieg als „Glücksfall für den Clan“ bezeichnet, der „wie ein reinigendes Gewitter die Schwachen und Unfähigen“ aus den Kriegerrängen herausgespült hat. Sie kennen den Sermon dieser Fanatiker, die meinen, in der Inneren Sphäre zu siedeln hätte alleine schon gereicht, um den Clan zu schwächen.“
„Ich erinnere mich, da einiges gehört zu haben“, sagte Scharnhorst nickend. „Und wie kommen wir ins Spiel?“
„Nun, ich brauche eine zuverlässige, schnelle und schlagkräftige Truppe, die einiges an Vielseitigkeit aufzubieten hat, um mal, hm, nach dem Rechten zu schauen? Die Dracs sind einverstanden, sagen, sie haben nichts zu verbergen. Tatsächlich mögen sie die Vorstellung, dass eine Truppe nachschauen kommt, die garantiert nichts mit dem Schwarzen Drachen zu tun haben kann, recht gerne. Und da Ihr Chef jetzt ein draconischer Adliger ist - ja, ich weiß, ehemaliger Chef – können wir aus der Geschichte einen ganz offiziellen Auftrag eines draconischen Adligen machen. Sind Sie dabei?“
„Hm.“ Nachdenklich strich sich Scharnhorst übers Kinn. „Primärziele?“
„Ich verlange von Ihnen nicht, gegen eine Übermacht bis zum letzten Mann zu stehen. Stechen Sie ins Wespennest, machen Sie Meldung und gehen stiften. Aber wenn Sie aufs Gras schlagen, und ein paar Schlangen kriechen hervor, die Sie bewältigen können, haben Sie freie Jagd. Bisher war keine Einheit, die auf einer der Welten aufgetaucht ist, größer als Lanzenstärke, dazu meist leicht oder mittelschwer. Und, das möchte ich betonen, Ihre Einheit hat Erfahrung darin, eine von Dracs gestellte Falle zu entdecken sowie den Dracs selbst Fallen zu stellen.“
„Anders ausgedrückt: Wenn wir tatsächlich einen Gegner aufspüren, soll ich entscheiden, ob wir ihn vernichten können oder nicht. Ansonsten tun wir was? Gute, alte Detektivarbeit?“
Der Demi nickte. „Etwas in der Art. Ihr Captain Lane ist auf dem Gebiet ein erfahrener Mann, außerdem werden die lokalen Behörden Ihnen alles zur Verfügung stellen, was sie bereits haben.“
Scharnhorst runzelte die Stirn. „Was, wenn wir ins Dominion müssen?“
„Vorher Rücksprache mit mir. Allerdings haben Sie einen guten Ruf bei den Bären, Steel. Man erinnert sich bei ihnen noch sehr wohlwollend an die Geschichte mit Kendas Ronin.“ Der Demi stutzte. „Schauen Sie zu, dass Sie nicht in einen Hinterhalt irgendwelcher Überlebender laufen, die Rache geschworen und Kraft gesammelt haben. Es würde gut passen.“
„Allzu viele haben wir damals nicht übrig gelassen, Demi.“ Scharnhorst nickte. „Wie lange?“
„Ein halbes Jahr maximal, um alle fünf Welten abzuklappern. Das schafft Ihr Overlord doch?“
„Keine Sorge, alle Umbaumaßnahmen sind beendet. Vorher war er für Fracht optimiert, aber mittlerweile haben wir die Decks auch an Gefechtssituationen für Landungseinheiten angepasst. Und das Beste ist: Alle Höllenhunde passen auf einen Schlag rein.“
„Sie nehmen also an, Steel?“
Scharnhorst nahm die Akte an sich. „Wir fingen eh schon an, ein wenig einzurosten. Und Sie können sicher den Kasernenplatz brauchen, wenn hier diese ominöse Olympiade steigen soll, nicht?“
„Platz ist das sicher nicht unser Problem. Aber ich brauche, ich brauche wirklich ein paar zuverlässige Leute da draußen, ohne unsere planetare Sicherheit zu schwächen. Man weiß ja nie.“
„Dann bin ich Ihr Mann und die Höllenhunde heulen auf Ihr Geheiß.“ Scharnhorst streckte dem ComStar-Mann die Hand entgegen, die dieser fest ergriff und drückte.
„Sie fliegen in drei Tagen ab, Manfred.“
„Das ist zu schaffen. Wünschen Sie den Höllenhunden Glück, Demi.“ Scharnhorst erhob sich, salutierte dem Vorgesetzten und wandte sich zur Tür um.
„Es wäre vielleicht besser, Ihren Gegnern Glück zu wünschen“, scherzte Lockwell.
Scharnhorst lachte kurz prustend, dann verschwand er durch die Tür.
Lockwell indes lehnte sich einen Moment zurück und bedauerte es, sich gerade selbst um einen so angenehmen Zeitgenossen beraubt zu haben. Aber Dienst war Dienst, und Schnaps war Schnaps.

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Wayside V, Dantonville
Zentraler Stadtplatz („Sarah-Slibowitz-Platz“)
22. Januar, 14:55 Uhr

Es war absolut windstill, kein Lüftchen wehte und die staubige Hitze lag dumpf und brütend über dem überdimensionierten zentralen Platz von Dantonville. Irgendwann, wenn die kleine Siedlung einmal zu einer lebendigen Stadt herangewachsen war, würden seine Ausmaße passen, aber noch war er ein gewaltiges unbebautes Monstrum in der Stadtstruktur, das keinerlei Funktion für die Zivilbevölkerung des Ortes bot.
Für die Chevaliers hatte dies freilich den Vorteil, dass sie die immense Freifläche nutzen konnten, um als Einheit in Regimentsgröße geschlossen anzutreten und gleichzeitig noch Platz für Zuschauer zu haben. Inklusive einer überdachten Tribüne für Ehrengäste.
Für den heutigen Anlass hatten die Honorationen von Dantonville darauf ebenso Platz genommen wie Abordnungen aus Parkensen City, der planetaren Miliz, der Dantonville-Miliz und Offiziere der Angry Eagles. Letztere hatten genug Soldaten mitgebracht, um die Decius-Cecilius-Metellus-Kaserne ebenso zu bewachen wie das Großereignis der Chevaliers, denen so die Chance geboten wurde, bis zum letzten Mann aufzumarschieren.
Jara, die sich am Rande des Platzes nervös ihre Ausgehuniform zurecht zog und aufgrund der bestialischen Hitze bereits jetzt zu Schwitzen anfing, kannte jedes kleine Detail. Akribisch war sie mit einem Eagles-Major die Sicherheitsfragen durchgegangen, hatte über Einlasskontrollen, Streifen, Scharfschützen, Personenschutz, Sanitätstrupps, Luftaufklärung, Parkplätze und allerlei Dinge mehr gesprochen. Sie war heilfroh, dass die Verantwortung für das eigentliche militärische Zeremoniell nicht bei ihr lag, sondern bei Colonel Harrison Copeland und sie nichts zu tun hatte, als an der Spitze ihrer Kompanie zu laufen und Befehle auszuführen. Großer Tag, großes Trara.
Sie sah an sich herunter. Von den schweren, auf Hochglanz polierten Kampfstiefeln glitt ihr Blick an den weißen Beinen der Uniformhose empor. Copeland und Danton hätten sie gerne im optionalen Rock gesehen, aber sie hatte nicht eingesehen, den alten Männern diesen Gefallen zu tun. Den übrigen Frauen in ihrer Kompanie hatte sie einfach befohlen, Hosen zu tragen, so dass zumindest ihre Truppe ein geschlossenes Bild abgeben würde. Ihr Blick glitt hinauf zur weißen Jacke mit den schwarzen Aufschlägen und goldenen Knöpfen. Orden trug sie, wie fast alle Söldner, keine, lediglich schmale Kampagnenabzeichen schmückten ihre Brust. Zusätzlich zum obligatorischen Offizierssäbel hätte sie gerne eine Pistole und das Bowiemesser getragen, aber in dem Punkt war Copeland überdeutlich gewesen und schließlich hatte sie eingelenkt.
Sie fühlte sich nackt.
Nicht reinreden lassen hatte sie sich allerdings bei dem Emblem, das sie an einem schmalen Stoffband wie einen Orden eng um den Hals trug. Es zeigte den stilisierten Wolfskopf des Wolfclans und bedeutete für sie eine harte Schule, der sie viel zu verdanken hatte. Die Schirmmütze der Uniform saß fest auf ihrem Kopf, von dem aus ihre langen Haare in einem sauber geflochtenen Zopf über ihren Rücken fielen.
Ein letztes Mal musterte sie auch die Uniformen ihrer Kompanie und war mit dem Ergebnis zufrieden, als ein langgezogener Pfiff ertönte, der das Zeichen war, Marschordnung einzunehmen.
„Macht mir keine Schande, Leute!“, ermahnte sie ihre Kompanie, die zu ihrer großen Zufriedenheit ohne Probleme in Formation trat. Sie vorneweg, dahinter drei Reihen zu je drei Mechkriegern. Mehr waren sie noch nicht, noch fehlten zwei Neuzugänge, um Sollstärke zu erreichen. Kotare war für die erste Reihe verantwortlich, mit Sharpe führte der Spieß und ein ehemaliger Husar die letzte Reihe. Dazwischen war Simon Moore verantwortlich, ein ehemaliger Waräger und von Jara ganz bewusst dafür ausgewählt. Das war ihre Art zu zeigen, dass sie nun alle zusammengehörten.
Vor ihnen standen die Reste und Neuzugänge der ersten Kompanie, davor liefen lediglich die Truppenfahne und, ganz an der Spitze, Colonel Copeland. Hinter ihnen folgte unmittelbar die dritten Kompanie, danach die Reste der Panzertruppe, der Luftraumjäger, die Infanterie, die Raumfahrer, der Stab, die Techs, das medizinische Personal und anschließend das zivile Personal. Alles in allem ein beeindruckender Zug – ein ganzes Regiment eben.
Vor ihnen erklangen Trommelwirbel, dann Trompeten, als sich die Militärkapelle, eine Leihgabe der Miliz, alleine in Bewegung setzte und zu dem ihnen zugewiesenen Platz marschierten, womit die Zeremonie offiziell begonnen hatte.
Es dauerte, schon der immensen Größe des Platzes wegen, fast zwei Minuten, bis die Musiker standen und die Instrumente verstummten. Lediglich die Trommeln schlugen einen ruhigen Takt.
„Meine Damen und Herren, liebe Ehrengäste“, erklang eine verstärkte Stimme vom Zentralplatz aus. „Herzlich Willkommen zum Regimentsantreten der Dantons Chevaliers. Auf dem Platz hat gerade das Militärmusikkorps der Wayside-Miliz Aufstellung genommen, dass die Veranstaltung musikalisch begleiten wird. Es folgt nun der Einmarsch der Truppenfahne und des Regiments. Ich bitte sie, sich zum Einmarsch der Truppenfahne zu erheben!“
Seine Stimme erstarb und dafür bellte Copelands Organ auf. Ohne technische Hilfe, befehlsgewohnt und zackig: „Dantons Chevaliers hören auf mein Kommando! Ich spreche sie an mit ‚Regiment‘! Reeegiment: Im Gleichschritt marsch!“
Wie ein Mann stampften die Stiefel der Chevaliers auf den Boden, setzte sich der hunderte von Menschen zählenden Zug zum Takt der Trommel in Bewegung. Jara war froh, dass die Nebenstraße, aus der sie den Platz betraten, asphaltiert war, denn sonst hätte spätestens jetzt eine Staubwolke über Dantonville gehangen.
„Links, Zwo, Drei, Vier…“, zählte Sharpe hinter ihr und brachte die Kompanie damit leise aber effektiv in perfekten Gleichschritt, während sie den Rücken der Ersten hinterherliefen, vorbei an den zahlreichen Zuschauern, die sich das Spektakel natürlich nicht entgehen ließen. Immerhin hielt der größte Arbeitgeber der Stadt eine Mitgliedervollversammlung unter freiem Himmel ab.
Dass die Mechkrieger ganz zu Beginn des Zuges liefen, bedeutete für sie auch, dass sie den gesamten Platz einmal umrunden mussten und schließlich quer zum eigentlichen Geschehen stehen würden, die Köpfe die ganze Zeit gedreht. Jara hoffte, dass alle daran gedacht hatten, ihre Halsmuskeln zu dehnen.
Als sie etwa ein Drittel der Strecke zurückgelegt hatten – vermutlich hatte die Truppenfahne gerade ihre finale Position an der Längsseite des Platzes erreicht – stimmte die Kapelle einen Marsch an, den sie nicht erkannte. Vermutlich ein Militärmarsch des Kombinats, aber sicher war sie sich nicht. Es ließ sich jedoch gut dazu im Takt bleiben.
Schließlich erreichte die Kompanie den ihr zugewiesenen Platz und von vorne ertönte Copelands Stimme:
„Reeegiment: Vooorne Halt!
Stiiillgestanden!
Liiinks um!
Riiicht euch!“
Wieder schaffte ihre Kompanie es, die Befehle zackig, gleichzeitig, vorbildlich umzusetzen. Sie konnte sehen, dass auch die übrigen Chevaliers einen beeindruckenden Anblick boten, die weißen Uniformen, getaucht ins Sonnenlicht. Die Mechkrieger standen nun auf der südlichen Querseite des Zentralplatzes, ihnen gegenüber standen die Zivilisten der Einheit und auf der westlichen Längsseite hatte das Gros des Regimentes Platz gefunden.
„Diiie Augen geradeaus!
Zum Gruß an die Truppenfahne die Auuugen rechts!“, bellte Copeland und die Blicke aller Angetretenen schnellten nun zur östlichen Querseite, wo die Musikkapelle und die Truppenfahne standen.
Jara konnte eine einsame weiße Gestalt sehen, über deren Brust eine breite Schärpe lag und die nun nach vorne schritt, vor die Fahne, vor die verstummende Kapelle. Das war Germaine Danton, Gründer und oberster Dienstherr der Chevaliers.
Von rechts löste sich nun Copeland aus der Formation, schritt auf seinen Grafen zu und salutierte schneidig: „Colonel Danton, ich melde ihnen das Regiment der Chevaliers vollzählig angetreten und zum Apell bereit!“
Germaine erwiderte den Gruß und auch seine Stimme trug mühelos über den Platz: „Danke, Colonel Copeland. Sie können eintreten!“
Nachdem der Mechkrieger sich wieder in die Aufstellung eingegliedert hatte, nahm der Graf militärische Haltung an: „Chevaliers: Stillgestanden!“
Wie ein Mann und mit einem donnernden Hall zeitgleich aufstampfender Füße, strafften sich die Chevaliers.
„Chevaliers, ich trete das vorerst letzte Mal als euer kommandierender Offizier vor euch. Trotzdem möchte ich das nicht tun, ohne euch ein letztes Mal voller Stolz hier begrüßen zu dürfen. In diesem Sinne: Guten Tag, meine Chevaliers!“
„Guten Tag, Colonel Danton!“, riefen, nein brüllten hunderte Kehlen zurück.
Danton war sichtlich gerührt und verharrte einen Moment, ehe er an das Mikrofon trat, das extra für diesen Anlass aufgebaut worden war. „Chevaliers: Rührt euch!“, befahl er und wartete noch einen weiteren Augenblick, bis die Formation in eine bequemere Haltung gewechselt hatte.
„Ich will euch nicht mit langen Reden langweilen. Ihr wisst selber sehr genau, welche Prüfungen hinter uns liegen und ihr könnt euch sehr gut vorstellen, welche Aufgaben vor euch liegen. Ihr wisst, dass ich unglaublich stolz auf jeden einzelnen Chevalier bin, weil jeder einzelne Chevalier seinen Teil dazu beigetragen hat, dass wir als Einheit nicht nur überlebt haben, sondern immer größer und immer besser geworden sind. Wir haben gemeinsam viele…“
Jara kniff die Augen zusammen, um Germaine besser sehen zu können, während er seine Rede fortsetzte und die üblichen und nötigen Sätze sagte, die so oder so ähnlich bei jedem größeren militärischen Ereignis gesagt werden mussten. Gedenken an die Toten, Einschwörung auf Kameradschaft und Loyalität zum Regiment, Lob für das Geleistete – ritualisierte Zuneigung auf militärische Art.
Ihre Augen wanderten über die angetretenen Söldner, aber ihre Gedanken schweiften zu den Chevaliers, die heute nicht hier waren, zu Metellus und Slibowitz, zu Stein und Asmussen und all den anderen, die ihr Leben gelassen hatten im Dienst der Einheit. Die gestorben waren, damit so viele hatten leben können. Sie hatte immer versucht, so viele Chevaliers wie möglich durchzubringen und je größer ihre Aufgaben wurden, desto mehr ihrer Leute waren in Plastiksäcken vom Schlachtfeld getragen worden.
Und nun?
Nun übernahm sie die Verantwortung für das gesamte Regiment. Das Regiment, das ihre Heimat, ihre Familie geworden war. Mehr denn je würde sie sich dafür ins Zeug legen müssen, dem Schnitter möglichst viele Chevaliers vorzuenthalten.
Ihre Aufmerksamkeit kehrte auf den Platz zurück, als Germaines Stimme ihren Ton veränderte, vom Erzählenden ins Befehlende glitt.
„…ist es mir ein besonderes Anliegen und auch eine besondere Freude, einige Chevaliers stellvertretend für so viele von euch auszeichnen und befördern zu dürfen.“, sagte er gerade.
„Es treten vor: Colonel Harrison Copeland. Lieutenant Colonel Estelle McAllister. Major Juliette Harris. Captain Matthew Brenstein. Captain Christine Sleijpnirsdottir. Captain Jara Fokker. Captain Markus van der Roose. Lieutenant 1st Class Dualla Hildebrand. Lieutenant 1st Class Stefan Hellmann. Master Sergeant Miles Sharpe.”
Nachdem seine Stimme verklungen war, nahmen Jara und die übrigen Genannten Haltung an und traten aus der Formation. In einer Reihe, der Reihenfolge der Nennung entsprechend, stellten sie sich vor ihrem scheidenden obersten Dienstherren auf.
Der wartete in Ruhe ab, bis seine Offiziere sich sortiert hatten und sprach dann wieder in das Mikrofon: „Chevaliers: Stillgestanden!“
Wieder dieses synchrone Stampfen tausender Kampfstiefel, dann Stille.
Die Stimme des Grafen war laut und klar, als er das Wort ergriff: „Als Kommandeur der Dantons Chevaliers ist es mir ein große Ehre, folgende Beförderungen auszusprechen:
Ich bestätige die Feldbeförderung von Harrison Copeland zum Colonel.
Ich bestätige die Feldbeförderung von Estelle McAllister zum Lieutenant Colonel.
Ich befördere die Captain Mathew Brennstein, Jara Fokker und Christine Sleijpnirsdottir zum Major.
Ich befördere die Lieutenants Dualla Hildebrand und Stefan Hellmann zum Captain.
Ich bestätige die Beförderung von Miles Sharpe zum Master Sergeant und bestätige seine Ernennung zum Regimetnsspieß.“
Er trat einen Schritt zurück und ließ sich von Jan Jensen, seinem persönlichen Adjutanten, eine Schachtel geben. Jara, die völlig überrascht davon war, schon wieder befördert worden zu sein, erkannte den Sinn der Box erst, als Germaine erst Copeland und McAllister die Hand geschüttelt hatte und danach vor Brennstein trat und zwei Ansteckpins mit seinem neuem Dienstgradabzeichen daraus hervorholte. Er steckte erst dem zukünftigen Kommandeur des Mech-Bataillons diese Abzeichen an, dann der Luft-/Raum-Pilotin und trat dann vor Jara.
Routiniert entfernte er ihre Captain-Abzeichen und steckte auch ihr das neue Emblem an den Kragenspiegel. Im Gegensatz zu den anderen Offizieren gab er ihr jedoch nicht die Hand, sondern umarmte sie ganz unmilitärisch. „Meinen Glückwunsch, Jara. Überraschung geglückt?“
„Danke und ja“, antwortete sie, bevor der Graf sich grinsend weiterarbeitete.
Schließlich kehrte er zum Mikrofon zurück und fuhr fort:
„Mit meinem Rückzug aus den Angelegenheiten der Chevaliers ergeben sich folgende Änderungen in der Führungsstruktur der Einheit:
Colonel Harrison Copeland übernimmt das militärische Kommando über das Regiment.
Lieutenant Colonel McAllister wird stellvertretende Regimentskommandeurin.
Major Brennstein übernimmt das Kommando über das Mechbataillon.
Major Sleijpnirsdottir wird als Kommandeurin der Luft-/Raumjäger dafür verantwortlich sein, diesen Bereich auf 12 Maschinen auszubauen.
Captain Hildebrand übernimmt die Erste Mechkompanie. Major Brennstein bekommt eine eigene Kommandolanze.
Captain Hellmann übernimmt das Kommando über die Dritte Mechkompanie.
Captain van der Roose erhält den Auftrag, eine vollwertige Pionierkompanie aufzubauen.“
Germaine warf einen prüfenden Blick auf seinen Notizzettel, ob er auch nichts vergessen hatte. Er schien mit sich zufrieden zu sein.
„Chevaliers: Auf die soeben beförderten und ernannten Kameraden ein dreifaches und kräftiges Chevaliers…“
„HURRA! HURRA! HURRA!“, brüllten die angetretenen Söldner und Jara lief eine Gänsehaut über den Rücken. Sie sah die Truppen in ihrem Rücken nicht, aber sie spürte die Energie, die von den Soldaten ausging und ein Hochgefühl durchflutete sie.
„Chevaliers: Rührt euch!“, befahl Danton. „Es bleiben bei mir: Colonel Copeland und Major Fokker. Der Rest: Eintreten!“
Wieder verstrich Zeit, ehe wieder Ruhe auf dem Platz eingekehrt war.
„Eine Ära geht heute zu Ende, nach über vier Jahren, die ich diese Einheit aufgebaut und geführt habe. Hier und heute übergebe ich das Kommando, die Verantwortung an zwei Chevaliers, die mein volles Vertrauen haben. Das Vertrauen, dass sie diese Einheit in eine erfolgreiche Zukunft führen. Ich habe gerade eben schon die militärische Befehlsgewalt an Colonel Copeland übertragen. Nun ist es meine letzte Amtshandlung als Dienstherr der Chevaliers, die Gesamtverantwortung zu übergeben.
Chevaliers: Stillgestanden!
Hiermit übergebe ich die Söldnereinheit Dantons Chevaliers an Major Jara Fokker. Gemäß den vertraglichen Vereinbarungen führt sie ab sofort und zunächst befristet auf drei Jahre die Einheit an meiner Stelle und ist für alle Belange entscheidungsbefugt.“
Er sah sich um und wirkte auf einmal etwas verlegen. „Ich habe mich nur bis hierher vorbereitet“, gestand er ein. „Harry, Jara, wenn ihr fertig seid, könnt ihr gerne auf einen Scotch in meine Residenz kommen. Ansonsten gehören die Chevaliers euch. Viel Spaß damit.“
Sprach es und verließ einfach den Platz in Richtung Ehrentribüne.
Jara und Copeland sahen sich an. „Willst du?“, fragte der ältere Söldner.
„Mit Vergnügen“, entgegnete sie. Und hob zum ersten Mal bei diesem Antreten ihre Stimme, die in Lautstärke und Klarheit den beiden erfahrenen Männern in nichts nachstand.
„Colonel Germaine Danton, Graf Germaine Danton, war der erste Chevalier. Er wird immer einer von uns sein, gleichgültig, wo er ist und gleichgültig, wo wir sind. Dieses Regiment ist sein Regiment, das vergessen wir nie. Lasst ganz Wayside, lasst diese Stadt, lasst Colonel Danton hören, dass wir ihn nicht vergessen! Auf Colonel Danton ein dreifaches Chevaliers…“
„HURRA! HURRA! HURRA!“, brüllten die angetretenen Söldner aus vollen Kehlen und in ihrem Ruf lag die Dankbarkeit so vieler von ihnen, die ihr Schicksal, ihre Chance dem Alten persönlich verdankten. Jara war voller Stolz auf diese Einheit – ihre Einheit – und gleichzeitig wurde ihr zum ersten Mal bewusst, welche ungeheure Verantwortung sie übernommen hatte und in was für Fußstapfen sie getreten war.
Sie war froh, als Copeland übernahm und sie zum Abschluss des Antretens zu ihrer Kompanie zurückkehren ließ.

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Wayside V, Dantonville
Decius-Cecilius-Metellus-Kaserne, Stabsgebäude
24. Januar, 13:15 Uhr

Wichtige Entscheidungen wurden bei den Chevaliers traditionell im großen Offizierskreis getroffen, so dass alle relevanten Teileinheitsführer und Stabsbereichsleiter ihre Meinung und Expertise einbringen konnten. So war vielleicht nicht völlig ausgeschlossen, dass Fehlentscheidungen gefällt wurden, die Wahrscheinlichkeit dafür aber zumindest deutlich reduziert.
Manche Entscheidungen jedoch waren so wichtig und bedeutend, dass sie im engsten Kreis besprochen und beschlossen wurden und so wunderte Jara sich nicht, dass in Copelands Büro lediglich der militärische Oberbefehlshaber der Truppe selbst, der Graf von Dantonville, sowie die Stabschefin Juliette Harris saßen und auf sie warteten, auf die derzeitige Besitzerin der Söldnereinheit.
Das Thema hatte Germaine mitgebracht und auch er nur auf Hinweis von außerhalb. Es sollte um Gegenspionage und die geheimdienstliche Sicherheit des Regiments im Allgemeinen gehen, Themen, die für die Chevaliers bisher eine untergeordnete Rolle gespielt hatten. Nun aber, als Einheit in Regimentsgröße, noch dazu als verlängerter Arm des drakonischen Adels und mit der Einstufung als Veteranen-Truppe, hatte sich die Zahl ihrer potenziellen Feinde drastisch erhöht und somit auch ihre Attraktivität für fremde Nachrichtendienste.
„So viele Colonels“, grinste Jara zur Begrüßung. „Da komme ich mir als kleiner Major ja geradezu fehlbesetzt vor.“
„In deinem Alter war ich gerade einmal Fähnrich“, stellte Copeland nüchtern fest.
„Außerdem könntest du dich jetzt selbst befördern“, ergänzte Germaine feixend.
Juliette zwinkerte ihr zu: „Du bist ja auch in deiner Funktion als S2-Stabsoffizier und Einheitschefin hier. Da spielt deine eher mäßig verlaufende Beförderungskarriere keine so große Rolle.“
Nach diesem Austausch von Freundlichkeiten wurden die vier recht schnell wieder ernst.
„Was haben wir?“, wollte Copeland wissen und sah dabei zuerst Germaine an.
Der ließ sich nicht zweimal bitten: „Ich habe aus der Hauptstadt den eher wenig dezenten Hinweis bekommen, dass wir gut daran täten, recht bald eine schlagkräftige und loyale Gegenspionage auf die Beine zu stellen und Charles Decaroux mit seiner kleinen Freizeit-Abwehr nicht mehr ausreicht, um diesen Job zu erledigen. Ein Verbindungsoffizier der ISA wird euch sowieso zugeteilt und befindet sich vermutlich schon auf dem Weg hierher, auch wenn ich noch keinen Namen kenne.“
„Gut, soweit der Stand. Ideen dazu? Jara?“
„Klar. Ich habe mir dazu schon meine Gedanken gemacht und ich glaube, wir brauchen dreierlei.
Erstens: Wir brauchen eine Gegenspionage-Abteilung, die zuständig ist für das Aufspüren von Agenten in unseren Reihen, die unsere Soldaten und Angestellten für Anwerbeversuche fremder Dienste sensibilisiert und natürlich auch für die Informationsgewinnung zuständig ist. Ich denke, wir brauchen circa 30 Leute in dieser Abteilung.
Zweitens brauchen wir eine eigenständige Militärpolizei, die einerseits klassische MP-Aufgaben wahrnimmt, aber auch der exekutive Arm unserer Gegenspionage ist und Unterstützung bei der Festnahme feindlicher Agenten liefert und so weiter. Auch hier etwa 30 Soldaten.
Drittens eine Abteilung für IT-Sicherheit und Daten-Analyse, sozusagen unsere eigene Hacker-Crew. In ihrer Arbeit eng verzahnt mit der Gegenspionage und zuständig für digitalen Schutz, aber auch die digitale Aufklärung. Hier reichen vermutlich 10 Profis.“
„An wen hast du als Leiter gedacht?“, wollte Juliette wissen.
„Kleinweich für die IT-Truppe. Für die MP schlage ich Deborah van Baaren vor. Sie hat in dem Bereich Erfahrung, ist bereits Offizier und Estelle stellt ihr durchweg gute Noten aus. Für die Gegenspionage machen wir Decaroux zum Captain, lösen ihn aus seiner jetzigen Position und er kann sich vollkommen darum kümmern.“
„Vom Sergeant zum Captain? Ein rasanter Aufstieg“, merkte Copeland an.
Die Einheitserbin konnte sich ein süffisantes Grinsen nicht verkneifen: „Nicht bei den Chevaliers.“
„Auch wieder wahr. Wie wäre es damit: Er wird erst einmal Lieutenant 1st Class und wenn seine Truppe wächst und gedeiht, dann im nächsten Schritt zum Captain?“
„Einverstanden.“
„Nicht so schnell“, bremste Juliette. „Ich habe das mal überschlagen und das wird ganz schön teuer. 30 Agenten, 30 MPs, 10 Hacker… das kostet uns eine Stange Geld.“
„Es kostet uns mehr, diese Sicherheitslücken nicht zu schließen“, entgegnete Copeland. „Jara, du bist als S2 für die ganze Sache zuständig. Wo können wir kürzen?“
Jara hatte darüber im Vorfeld schon nachgedacht, aber ihr fiel zum ersten Mal auf, dass diese Spezialkräfte tatsächlich ihr persönlich unterstehen würden. Damit würde sie ihre Hausmacht innerhalb des Regiments gehörig ausbauen.
„Bei der IT-Gruppe. Ein Großteil der IT liegt sowieso beim S3. Wenn wir dort eine gute Vernetzung schaffen, dann reichen auch fünf Spezialisten. Bei den anderen beiden Gruppen halte ich Kürzungen für kritisch und würde mittelfristig eher noch aufstocken.“
Juliette seufzte hörbar, sagte aber nichts zu Jaras Expansionsplänen.
„Wie sähe dein Bereich dann aus?“, fragte Copeland nach.
Jara überlegte kurz und fasste dann zusammen: „Das wären dann ein Offizier, zwei Unteroffiziere und vier Mannschaftsdienstgrade in der direkten S2-Stabsarbeit. Dazu kämen Kleinweich mit 5 ITlern, Decaroux mit 30 Agenten und van Baaren mit 30 MPs. Außerdem natürlich unsere Stützpunkt- und Regimentsfeuerwehr mit 30 Kameraden. Also knapp über 100 Chevaliers, davon 4 Offiziere und 3 leitende Unteroffiziere.“
„Alle unter deinem direkten Kommando?“
Sie zuckte mit den Schultern: „Als eingetragene Einheitsbesitzerin bin ich die einzige, die nicht dem Verdacht der Spionage ausgesetzt ist. Beziehungsweise: Wenn ich eine feindliche Agentin bin, dann ist sowieso alles zu spät. Also macht das schon Sinn.“
„Einsprüche gegen den Strukturplan?“, fragte Copeland in die Runde und sowohl Germaine als auch Juliette schüttelten verneinend den Kopf.
Tatsächlich waren schnelle und entschlossene Maßnahmen zur Verbesserung ihrer Sicherheit dringend notwendig. Eine gemischte Einheit in Regimentsgröße war für Angriffe auf die IT-Struktur, die Kommunikationsmittel oder die Einsatzpläne mindestens genauso verwundbar wie für Angriffe im Feld. Je komplexer eine militärische Einheit aufgebaut war, desto leichter war es, ihre Mechanismen zu stören und damit Nachschubwege lahmzulegen, Fehlinformationen zu streuen oder die Moral zu untergraben.
„Vielleicht sollten wir darüber nachdenken, unsere medizinische Abteilung um psychologisches Personal zu erweitern“, sprach sie ihren Gedankengang laut aus. „Der Father kümmert sich zwar rührend um die Seelsorge, aber ein ausgebildeter Psychologe wäre mir ganz recht.“
„Gute Idee“, stimmte Copeland ihr zu. „Das sollten wir im Hinterkopf behalten. Zuerst wäre aber zu überlegen, woher wir die Agenten für Decarouxs Truppe rekrutieren und woher wir die MPs nehmen.“
„Du könntest McAllister bitten, zuverlässige und geeignete Infanteristen für die MP vorzuschlagen. Für die Agenten… da werden wir wohl extern suchen müssen. Da könnte es schwer werden, loyale Leute zu finden.“
„Da habe ich noch ein paar Asse im Ärmel“, mischte Germaine sich ein und lächelte geheimnisvoll. „Ich schicke euch die Leute, versprochen.“
„Suchen wir parallel dazu trotzdem?“
„Warum nicht?“
„Gut“, schloss Copeland das Thema. „Dann haben wir die Zeit, um über das medizinische Personal zu reden. Einen Psychologen wolltest du, Jara?“
„Ja, genau. Am besten einen, der sich auch auf Neurologie versteht. Und wo wir gerade dabei sind: Fleischer ist ein großartiger Chirurg, ein guter Internist und sogar geprüfter Gynäkologe. Aber ein Zahnarzt und ein HNO wären super Ergänzungen zum Team. Zumal Fleischer auch nicht rund um die Uhr arbeiten kann. Sagen wir, wir suchen einen Oberstabsarzt, einen Stabsarzt und machen Fleischer zum Oberfeldarzt und dann…“

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Wayside V, Dantonville
Decius-Cecilius-Metellus-Kaserne, Sanitätstrakt
24. Januar, 17:30 Uhr

Die Dantons Chevaliers waren eine Söldnereinheit. Söldner, das bedeutete immer ein gewisses Maß an Freiheiten und Chaos, an Unordnung und Durcheinander, kurz an Zuständen, die in den Linienregimentern der Haustruppen nicht geduldet wurden.
Die Chevaliers waren aber auch ein Regiment mit Veteranenstatus und wenn diese Ansammlung an Kriegern und Vernichtungswerkzeug funktionieren sollte ohne aus dem Tritt zu geraten, war ein bestimmter Level an Organisiertheit unabdingbar.
Für Jessica Campbell war Organisieren keine lästige Pflicht, sondern eine willkommenen Aufgaben. Sie hatte sich in den wenigen Tagen im Dienste der Söldnertruppe zwar noch nicht wirklich eingelebt, aber sie hatte begonnen, die Truppe zu zählen. Sie war gut mit Zahlen, also hatte sie sich ihrer neuen Position auf diese Weise genähert.
Sie hatte begonnen, die Menschen zu zählen, die direkt oder indirekt für die Truppe arbeiteten, auch wenn das eher die Aufgabe von Juliette Harris war. Danach hatte sie die Waffen und Waffensysteme gezählt, auch wenn sie dort im Grunde auf dem Feld von Jara Fokker spielte. Aber als Logistikerin musste sie wissen, wie viele Menschen und wie viele Tonnen Material es im Ernstfall zu bewegen gab, welche Gefahrstoffe oder verderblichen Güter besonders behandelt werden müssen, welches Großgerät in welches Landungsschiff verbracht werden konnte, welche Chevaliers befähigt waren, schwere Transportlastwagen zu steuern und dergleichen mehr.
Mittlerweile war sie soweit, dass sie die Ausrüstung und das Material der Chevaliers katalogisierte, die nicht zur kämpfenden Truppe gehörten. Sie zählte Schrauben, Lebensmittelkonserven, Boxhandschuhe, Putzmittel, Wandfarbe, Schmerztabletten, Bettdecken, Feuerlöscher, … die Liste war endlos.
Jetzt aber hatten ihre Füße sie in den Sanitätstrakt der Kaserne geführt, wo sie in ihrer Funktion als Stabsoffizierin für den Sanitätsdienst mit Fleischer, dem leitenden Arzt der Einheit, reden wollte.
Sie klopfte an seine Bürotür.
Als er sie hereinbat, betrat sie ein geräumiges Zimmer, dessen bodentiefe Fenster angenehm viel Licht hineinließen. Zwischen den Blumen und Kunstdrucken an den Wänden fielen die Aktenschränke kaum auf und nur ein Anatomie-Modell auf dem großen Schreibtisch erinnerte daran, dass der weißhaarige Mann dahinter ein Mediziner war.
Fleischer trug keinen Kittel, sondern schlichte Zivilkleidung, ein Privileg, dass ihm in Friedenszeiten niemand streitig machte. Formal war er zwar zum Tragen seiner Uniform gezwungen, aber mit dem einzigen Arzt der Truppe wollte es sich auch niemand verderben.
„Ah, Captain… Campbell, richtig?“, begrüßte der Mediziner seine neue De-Facto-Vorgesetzte.
„Richtig, Dr. Fleischer.“
„Lassen Sie den Doktor ruhig weg… ich habe zwar promoviert, aber im Feld ist der Titel nicht das Papier wert, auf dem die Urkunde gedruckt ist. Was kann ich für Sie tun?“
„Eigentlich wollte ich fragen, was ich für Sie tun kann.“
„Für mich? Danke, Captain, aber mir geht es ausgezeichnet.“
Campbell lächelte: „Daran zweifle ich gar nicht. Aber ich dachte mir, Sie könnten vielleicht etwas Unterstützung gebrauchen, nachdem die Chevaliers auf Regimentsgröße angewachsen sind.“
„Sie wollen im Sanitätsbereich aushelfen?“
„Nicht ganz. Ich wollte Ihnen vorschlagen, das medizinische Personal aufzustocken. Ein Psychologe, ein Zahnarzt, ein Neurologe, vielleicht einen HNO, verstehen Sie?“
Der erfahrene Arzt überlegte einen Moment, dann nickte er leicht: „Aus fachlicher Sicht scheint mir das eine gute Idee zu sein. Ich wundere mich allerdings, warum Sie damit zu mir kommen und nicht einfach Ärzte einstellen.“
„Ich wollte zuerst mit Ihnen darüber sprechen, weil die Neueinstellungen auch strukturelle Veränderungen im medizinischen Bereich mit sich bringen würden.“
„Ich bin ganz Ohr.“
„Nun, irgendjemand muss den Hut aufhaben. Im zivilen Bereich würde man glaube ich Chefarzt dazu sagen. Beim Militär reden wir vermutlich eher von einem Oberfeldarzt. Ich dachte dabei an Sie.“
„Oberfeldarzt?“, überlegte Fleischer laut. „Das ist das Pendant zum Lieutenant Colonel. Die anderen Kollegen…“
„…würden entsprechend niedriger eingestuft werden. Und ja, dazu gibt es die entsprechende Solderhöhung und alles, was dazu gehört. Gesunde Soldaten sind unbezahlbar und gute Mediziner entsprechend viel Wert. Nehmen Sie an?“
Der Arzt grinste: „Na, ich wäre ja schön blöde, jetzt abzulehnen, nicht wahr?“

***

Wayside V, Dantonville
Decius-Cecilius-Metellus-Kaserne, Stabsgebäude
24. Januar, 19:45 Uhr

Müde rieb sich Jara über Stirn und Augen und versuchte, sich irgendwie auf die Unterlagen zu konzentrieren, die vor ihr lagen. Sie waren kaum aus dem Kampfeinsatz zurück und schon begann der Papierkrieg, sie fertig zu machen. So viele Sachen landeten auf ihrem Schreibtisch, dass sie selbst mit dem Delegieren kaum hinterher kam. Es war ein großes Glück, dass sie generell kein großes Freizeitbedürfnis hatte.
Sie nahm sich das nächste Dokument vor. Eine ihrer eigenen Ideen, ein Ausbildungs- und Förderprogramm für Offiziersanwärter. Traditionell erfolgte die Qualifikation für Führungspositionen in Söldnereinheiten durch Leistungen im Einsatz, aber bei einer Truppe auf Regimentsgröße konnte es nicht schaden, zumindest Grundlagen in Logistik, Menschenführung, Verbundwaffenkampf und moderner Kriegsführung zu vermitteln. Ihr lag viel an dem Projekt, aber sie entschloss sich dennoch, es an Lieutenant Moriteru Asai, ihren S2-Offizier, abzugeben. Der drahtige Drak war nicht nur fähig in der Ausbildungsplanung, sondern wurde auch extra dafür bezahlt, dass er ihr die Arbeit abnahm. Ein guter, zuverlässiger und stiller Zuarbeiter, für den sie sehr dankbar war.
Ein Klopfen an der Tür schreckte sie aus ihren Gedanken und auf ihre Bitte hin trat ein weiterer fähiger Zuarbeiter ein: Sergeant Kyle Kotare, ihre rechte Hand in ihrer Kompanie.
„Ma’am, die Zwote ist geschlossen im Besprechungsraum versammelt, sind Sie soweit?“
Jara hätte beinahe vergessen, dass sie ihre Soldaten zum Briefing beordert hatte. Unwirsch nickte sie. „Gleich, Kyle. Setz dich einen Moment.“
Ihr Flügelmann und Vertrauter nahm ihr gegenüber Platz. „Major?“
Jara verstand nicht genau, nach welchem Muster sie und Kotare zwischen förmlichen Anreden, militärischer Korrektheit und vertrauter Ansprache mit Vornamen wechselten. Klar, vor der Truppe war die Sache eindeutig, aber unter vier Augen schienen sie dieses Verhältnis jedes Mal neu auszuloten.
„Kannst du mir ein kurzes Update über die Kompanie geben?“, bat sie ihn, während sie einen Stoß Papier aus einer Schublade zog und in eine Mappe zu sortieren begann.
„Der Spieß hat die Leute gut im Griff. Katana ist während des Dienstes mit dem Kopf wieder bei der Sache, alle sind vom Truppenarzt wieder diensttauglich geschrieben worden und das Training zeigt Wirkung.“
„Wie macht sich Kush?“
„Er scheint den Tod von Viking verkraftet zu haben. Er passt sich gut ein.“
„Und Bräuning?“
„Sie haben es bemerkt?“
„Natürlich. Ich wäre eine schlechte Vorgesetzte, wenn ich es nicht mitbekommen hätte.“
Elisa Bräuning, Callsign Whiskey, schien seit Caliban mit irgendetwas zu kämpfen, dass sich bisher Jaras Zugriff entzog. Sie war fahrig, desinteressiert und nicht mit dem Eifer bei der Sache, den ihre Vorgesetzte erwartete.
„Eine Idee?“
„Ich bin kein Arzt, aber ich tippe auf PTSD und Suchtverhalten. Alkohol, würde ich sagen. Nachweisen konnten weder der Spieß noch ich bisher etwas.“
„Bleibt dran und wenn ihr irgendwas findet, dann lasst es mich wissen. Sonst noch was?“
„Nein, Ma’am. Sonst ist alles in Ordnung.“
„Gut. Dann wollen wir die Kompanie nicht länger warten lassen.“ Sie stand auf und klemmte sich die fertig bestückte Mappe unter den Arm. „Gute Arbeit. Du wirst einen starken Offizier abgeben.“
„Ma’am?“
„Das war ein Lob, Kyle. Und keine Überraschung. Du hast die Erfahrung und die Fähigkeit. Und jetzt los!“
Die wenigen Schritte zum Besprechungsraum legten sie schweigend zurück. Kotare trat als erster ein und hob seine Stimme zu einem lauten: „Aaachtung!“
Jara entging nicht, dass die Männer und Frauen dadurch aus ihren Gesprächen gerissen wurden, mit denen sie sich die Zeit vertrieben hatten.
Sharpe übernahm als höchster Dienstgrad im Raum das Wort: „Major Fokker, ich melde Ihnen die zwote Kompanie vollzählig anwesend!“
„Danke, Master Sergeant. Guten Abend, zwote Kompanie.“
„Guten Abend, Ma’am!“, schallte es ihr entgegen.
„Setzt euch!“
Nachdem das Stühlerücken abgeklungen war, setzte Jara sich auf einen Tisch, so dass alle Augen auf sie fallen konnten, und legte die Mappe vor sich ab. Es war noch gar nicht lange her, da wäre sie in so einer Situation nervös gewesen, aber mittlerweile machte es ihr gar nichts mehr aus. Es war ihr egal, dass sie jünger war als alle Anwesenden, sie wusste, dass sie sich der Loyalität und des Respekts ihrer Kompanie sicher sein konnte.
„Ladies und Gentlemen“, begann sie, „wie sie alle sehen können, sind unsere Reihen etwas ausgedünnt und wir müssen uns als Einheit neu formieren. Wir haben endlich etwas Klarheit, wie es strukturell weitergeht, also gibt es jetzt Fakten.
In der Kommandolanze behalte ich natürlich die Führungsposition und meinen Waldwolf. Katana, du übernimmst Voronins Bluthund und den zweiten Flügel. Freut mich, dass du uns erhalten bleibst.“
„Danke, Ma’am. Ich werde Ihnen keinen Grund geben, Ihre Entscheidung zu bereuen.“
„Ich weiß. Als Flügelfrau bekommst du Hope zugeteilt. Private Dünkirch, sie werden hiermit zum Corporal befördert. Meinen Glückwunsch.“
„Danke, Ma’am. Welchen Mech bekomme ich?“
„Sie übernehmen den Puma von Katana. Passen Sie gut darauf auf, ich hab die Maschine nicht erbeutet, um sie jetzt als Schrotthaufen enden zu sehen.
Mein Flügelmann im zweiten Bluthund wird Zelot. Corporal Kush, trauen Sie sich den schweren Omni zu?“
Gemurmel erhob sich und sowohl Kotare als auch Kush schauten irritiert. Der Corporal fing sich aber wieder und nickte: „Jawohl, Ma’am.“
„Gut. Kotare, ich habe Sie natürlich nicht vergessen, aber als Wingman sind sie einfach verschwendet. Sie bekommen die Kampflanze und den Tai-Sho von Major Metellus. Damit Sie die großen Fußstapfen besser ausfüllen, befördere ich Sie zum Lieutenant 1st Class. Meinen Glückwunsch.“
Kotare nickte einfach nur und Jara war sich nicht ganz sicher, ob er wirklich glücklich über ihre Entscheidung war. Er musste nicht nur auf eine IS-Maschine umsatteln, sondern auch noch eine Führungsposition übernehmen, auf die er seit seiner Ankunft in der Inneren Sphäre keine Ansprüche mehr geltend gemacht hatte. Zu seinem Pech war bisher tatsächlich überqualifiziert gewesen. Außerdem war er der einzige Pilot, der sich von Aberglauben nicht einschüchtern ließ. Und er besetzte eine Stelle, die bisher kein Offizier unbeschadet überlebt hatte und den Mech eines toten Einheitshelden.
„Ihren Wingman“, fuhr Jara fort, „kann ich leider noch nicht bekanntgeben, weil wir da noch Rekrutierungsbedarf haben. Sie bekommen aber noch jemanden. Versprochen.
Den zweiten Flügel bilden Whiskey und Baron. Corporal van Eening, ich kann Ihnen leider noch nicht sagen, welchen Mech Sie bekommen, aber wenigstens kennen Sie Ihre Wingleaderin bereits. Corporal Bräuning, ich muss Sie für die Position wohl oder übel zum Sergeant befördern. Meinen Glückwunsch. Machen Sie was draus!“
„Danke, Ma’am. Mein Mech?“
„Ebenfalls noch nicht geklärt. Sie werden aber beide schwere oder mittelschwere Maschinen bekommen. Wir bleiben als Kompanie der dicke Brocken.
Master Sergeant Sharpe, sie behalten natürlich die leichte Lanze und den Tempest. Noch weiter befördern kann ich Sie schlecht, Copycat reißt mir den Arsch auf, wenn ich ihm seinen besten Unteroffizier wegnehme. Ihr Flügelpartner wird Corporal Campbell, der das Callsign Puck tragen wird. Corporal, willkommen in der Einsatzplanung der Chevaliers. Ein Mech wird Ihnen noch zugewiesen.
Der zweite Flügel wird unter dem Kommando von Sergeant Moore stehen. Zyklon, Sie behalten den Bushwacker. Ihr neuer Wingman wird den Enfield übernehmen, leider kann ich Ihnen noch keinen Namen nennen, die Stelle ist noch offen.“
Jara schloss die Mappe wieder und sah auf, blickte in die gespannten Gesichter der neun Mechpiloten, die derzeit unter ihr Dienst taten.
„Wie sie sicher bereits bemerkt haben, haben uns einige Kameraden verlassen. Captain Hellmann hat das Kommando über die dritte Kompanie bekommen und Sergeant Torres gleich mitgenommen. Corporal Tracy wird die nächsten zwölf Monate zur Reha auf Wayside bleiben. Corporal Nobbs, Corporal Jännicke und Private Barrios verlassen die Einheit auf eigenen Wunsch. Haben Sie bis hierhin Fragen zur neuen Aufstellung?“
Als sich niemand meldete, ergriff Jara wieder das Wort: „Wir haben uns auf Caliban einen Ruf erworben. Das gilt für die ganzen Chevaliers, aber das gilt ganz besonders für diese Kompanie. Wir gelten als Elite, wir halten so ziemlich jeden Rekord der Einheit, sei es auf der Schießbahn, beim Sport, im Einsatz, beim Leistungsmarsch oder im Simulator. Dieser Status ist hart erkämpft und er wird noch härter zu halten sein. Ich habe vielleicht nicht mehr so viel Zeit für euch über, wie ich es vor Caliban hatte, aber das heißt nicht, dass wir das Training schleifen lassen oder irgendwo schlampig werden. Freuen sie sich also auf aufregende Wochen voller Spiel, Spaß und Spannung und seien sie froh, dass es sich davon ablenkt, dass dieser Planet alles bietet, nur kein vernünftiges Nachtleben. Dienstpläne folgen. Das wäre alles, wegtreten!“

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Wayside V, Dantonville
Decius-Cecilius-Metellus-Kaserne, Mechhangar, Cockpit Hammerhands
24. Januar, 11:45 Uhr

„So, mein Kleiner“, sprach er zu seinem Mech, als er am nächsten Morgen im Hangar zu Gange war. „Dann schauen wir mal, ob die neuen Kanonen ihren Dienst tun.“ Er durchlief routiniert die Aktivierungs-Sequenzen seines Mechs.
Unter ihm fing es an zu Vibrieren der sekundäre Monitor erwachte und eine Computer-Stimme meldete sich: „Bitte die Freigabe bestätigen.“
„Baby, burn in gas and fire. What a burn!!!“
„Willkommen, Herr des Feuers. Die Sperren werden deaktiviert. Die Fäuste der Rache stehen dir zur Verfügung“, sprach es aus den Lautsprechern im Cockpit.
„Na dann“, sagte Jules. Er umfasste die Kontrollen und bewegte seinen Mech aus dem Wartungskokon des Hangars auf dessen Mitte zu. Dann drehte er seinen Mech und folgte den Anweisungen des Techs am Boden. Dieser dirigierte ihn bis zu den offen stehenden Hangartoren.
Dann bekam er von der Einsatzzentrale die Freigabe, aus dem Hangar zu gehen und sich zur Schiessbahn zu begeben. Das gleichmäßige Schwanken und Rütteln im Cockpit zauberte ein Grinsen auf Jules Gesicht: „Hier Kress. Schießstand, sind die Zielattrappen aktiv?“
„Hier Schießstand-Aufsicht. Ja, alle Attrappen aktiv, Übungsbahn Drei ist für sie freigegeben. Viel Erfolg. Laut meinen Unterlagen haben sie drei Durchgänge?“
„Ja. Roger und verstanden. Starte Lauf Eins.“
Langsam schob er den Geschwindigkeitsregler vorwärts, drehte den Torso nach links. Da tauchte aus dem Boden das erste Ziel auf. Jules zielte und löste die linke AK aus. Doch der Schuss streifte die Attrappe nur. Jules nahm eine Zielkorrektur vor und der zweite Schuss aus der rechten AK saß mitten im Ziel. Die Linke meldete wieder Feuerbereitschaft. Die Laser ebenfalls.
„So, Baby, schauen wir mal, was du zu einem Alphaschlag sagst.“ Er drehte den Mechtorso wieder nach vorne, schwenkte nach rechts und erhielt ein golden leuchtendes Fadenkreuz.
„Puuuh“, stöhnte Jules auf, als die Hitze über ihm zusammenschlug. Dann: „Yeeehaw !“ Das Ziel war weg, die Schüsse lagen alle im Ziel und hatten die Attrappe zu Rauch und Qualm zerblasen.
„Hier Schießaufsicht. Passen sie auf ihre Hitze auf, Sir.“
„Passt schon. Es wird gleich noch wärmer. Muss ja mal alles bis zur Grenze testen.“
„Ok, wir haben sie ja auf dem Schirm.“
„Danke.“
Währenddessen war Jules um eine Kurve gegangen und hatte mit seinen AKs abwechselnd die sich bietenden Attrappen angegriffen. Nun kam er zum Ende der Bahn und da tauchten zwei Ziele auf. Das erste wurde von seinen Lasern getroffen, das zweite durch einen Doppelschlag der Autokanonen. Die Hitze war unerträglich.
„Hallo Schießstand, hier Hammer Eins. Habe auf meinem Monitor eine Störung, werde die Übung abbrechen und gegen Abend fortsetzen. Wann ist die Bahn frei?“
„Bahn ist frei ab 1800, Sir.“
„Danke, Schießaufsicht. Dann tragen sie bitte Hammer Eins für zwei Läufe ein. Danke.“
„Gerne, Sir.“
Er wunderte sich über die Meldung auf seinem Bildschirm. In rot leuchtenden Buchstaben teilte sein Bordcomputer ihm mit, dass das Kühlmittel zu wechseln sei und Wärmetauscher Drei und Sieben nicht funktionierten.
Innerlich fluchend steuerte Jules seinen Mech wieder in den Hangar, nahm den Neurohelm vom Kopf und entsicherte die Luke. Ein Tech stand auf dem Gerüst und schaute ins Cockpit: „Alles klar, Sir?“
„Nein. Mein System meldet schlechtes Kühlmittel und zwei Wärmtauscher als defekt, nach nur einer Runde auf dem Schießstand. Bitte schauen sie mal, was da schiefgegangen ist. Das Kühlmittel sollte laut Wartungsliste, ja frisch sein oder?“
„Ja, Sir. Wir haben es gestern komplett getauscht und auch die Tauscher gespült, sowie das Filtersystem in den primären Zuführungen komplett erneuert. Hitzeprobleme sollten nicht auftauchen.“
„Also gut. Schauen sie bitte alles durch. Ich brauche in drei Stunden eine Einschätzung, ob ich 1800 wieder raus auf die Schießbahn kann.“
„Sir, wir schauen uns alles an. Ich setze gleich die beiden neuen Techs dran, die sind echt gut und schnell.“
„Machen sie das.“
Jules stieg aus dem Cockpit und ging auf den Ausleger zum Fahrstuhl. Er fuhr runter und ging dann durch eine Seitentür aus dem Hangar in Richtung Einsatzzentrale und Besprechungsraum. Dort angekommen wartet schon der Offizier vom Dienst auf seinen Bericht. Die technischen Daten waren bereits in den Basiscomputer geladen und befanden sich auf dem Datapad des Offiziers.
„Hallo, Sir. Wenn man der Auswertung glauben darf, gab es eine Fehlfunktion des Kühlsystems beim ersten Alphaschlag. Wieso es dann zu so starken Verunreinigungen des Kühlmittels kam und dem Ausfall zweier Wärmetauscher, können wir noch nicht sagen. Die Zielerfassung nach Neujustierung hat 97%.“
„Hm, das gefällt mir nicht. Gibt es einen Bericht über die Qualität des Kühlmittels?“


Wayside V, Dantonville
Decius-Cecilius-Metellus-Kaserne, Mechkrieger Unterkünfte
24. Januar, 21:45 Uhr

„Verflucht, wo ist wieder mein Glück?“
Grinsend saßen Sharpe, Betty Rush und William Knox, dem gebeutelten Jules gegenüber. Er verstand die Welt nicht mehr. Sie spielten seit zwei Stunden Poker und er hatte nicht ein Blatt gewonnen. Nein, er hatte verloren.
„Los, raus damit! Wer von euch nimmt mich hier aus?“
Alle Augen richteten sich auf den nun noch breiter grinsenden Sharpe.
„Ja mein Täubchen, dein Sold gehört mir“, sagte er. „Und die nächsten zwei Wachdienste gehören dir, Kleiner.“
„Sarge… das ist doch unmöglich! Oder was sagt ihr?“
„Finde ich auch komisch, Sarge, dass du heute so auffällig gewinnst“, grummelte Betty. „Ihr spielt hier mit den Gefühlen einer armen Frau, ihr bösen Kerle.“
Alle guckten sie an und fingen laut an zu lachen. „Ja, arme Frau“, spottete nun William, „ich erinnere mich an dich und dein Glück beim letzten Mal, wo ihr mir die Hosen ausgezogen habt. Danke nochmals für die Woche Wachdienst, liebste Betty.“ Grinsend hob er die Arme, als Betty, die neben ihm saß, ihn knuffte.
„Gentlemen tun sowas trotzdem nicht.“
„Ja ja ja, ist ja gut Mädel. Aber ich habe echt übel verloren. Dabei bin ich doch hier am Tisch der Spieler und Sharpe die gemolkene Kuh.“
Er schaute zum Sarge, doch dieser zählte unbeteiligt seinen Gewinn, grinste und entgegnete in seiner typischen Art: „Ladies, jammert nicht, denn wenn ich nicht gewonnen hätte, hättet ihr das Geld jemand anderem geschenkt. So und nun werde ich aufhören und mir nach diesem herrlichen Abend eine Kneipe suchen. Morgen kräht der Hahn sehr früh und ich möchte doch nicht zu spät zu meinem Schreibtisch kommen.“ Er lachte und ging.
Die drei anderen sahen sich verdutzt an und gingen dann auch, abgesehen von Jules, auf dessen Zimmer sie gespielt hatten. Er öffnet nun das Fenster zum Lüften und blickte auf das Gelände der neuen Kaserne.
Man, das war ein teurer Abend und dann noch die zwei zusätzliche Wachdienste – so ein Mist. Dabei wollte er doch noch in die Stadt. Aber nein, er hatte wieder mal alles verspielt und morgen musste er auch noch zur Nachschub-Tante laufen und hoffen, dass er Spezialmunition für seinen Hammerhands anfordern konnte.
Der letzte Fight war einfach nur hart gewesen. Die meisten seiner Bordsysteme und die Panzerung waren repariert, aber er hatte die beiden AKs tauschen müssen, da sie schwer gezeichnet gewesen waren und eine Reparatur aufwendiger gewesen wäre, als sie gleich ganz zu tauschen. So hatte er nun von Independence Weaponary zwei neue Autokanonen an Bord und die alten Mydron Model B‘s ausgetauscht.
Er hatte zuerst mit dem Gedanken gespielt, seinen Mech umzurüsten auf eine Rotary AK. Das wäre aber eine schwierige Operation geworden. Also hatte er es nach langer Diskussion mit der Cheftech verworfen. Diese hatte noch angeboten, die Standard-Autokanonen gegen modernere Ultra- oder LB-X-Systeme zu tauschen, dies war aber für Jules keine Option gewesen. Denn mit seinen Standard-Kanonen konnte er verschiedene Munitionssorten verschießen.
Bei vier Tonnen Munition an Bord konnte er theoretisch alles mischen. Meist nutzte Jules aber panzerbrechende und weitreichende Munition. Damit konnte er meist seine Gegner überraschen.



RÜCKBLENDE
Wayside V, Dantonville
Lokal "Zur Magnolie", Geschäftsviertel
04. Januar, 22:45 Uhr

Eine untypische Kneipe für das Draconiskombinat war das hier. Der Name "Magnolie" war eher verwirrend als aufhellend. Denn statt in eine Kneipe gehobenen drakonischen Anspruchs, stolperte man in eine eher lyranische Standard Bar. Es gab ausschließlich Getränke aus dem Steiner Raum, sowie einige Spezialitäten von Terra. So munkelte man das man hier das letzte Königs Pilsener der IS bekam, bevor man in den weiten des Universums verloren ging. Entsprechend hoch war der Umsatz und die Besucherzahlen. Der Besitzer, ein großer eurasischer Mann stand meist an der Theke und beobachtet das treiben. Setzte sich mal hier zu mal dazu. Natürlich wurde die Kneipe von den Angry Eagles oder den Chevalliers gern besucht und meist fand man noch die Milizsoldaten hier. Alles schien sich hier zu treffen, was nicht unbedingt draconischen Ursprungs war.
So saß heute auch eine drahtige Cappellanerin hier und genoß ein dunkles Ale von Terra dessen Namen sie vorher noch nicht kannte, Guinness. Es war herb, ölig und irgendwie doch lecker. Sie merkte sehr wohl die interessierten Blicke des großen Mannes, ignorierte sie aber. Dann ging die Tür auf und ein Mann betrat die Kneipe.
"Miles, alter Haudegen. Heute allein oder kommt der Rest auch gleich noch?"
"Ruhig alter Mann. Ich bin allein. Brauche mal von den Jungens und Mädels ein wenig Ruhe. Habe sie gerade um paar Credits erleichtert, ein paar Wachdienste verteilt und nun kann ich mich mal entspannt allein hier niederlassen, oder?"
"Klar, aber der einzige noch nicht voll besetzte Tisch ist der dort", er wies in Richtung Sue Min.
"Kein Problem für mich. Und sie junge Lady, darf ich mich zu ihnen setzen?"
"Gern." erwiderte Sue Min ein wenig kühl.
"Danke. Sind sie bei den Angels oder der Miliz? Oh, Verzeihung, ich sollte erstmal mich vorstellen. Ich bin Miles Shapre, angehöriger der Chevalliers."
"Sue Min, ich suche hier einen Arbeitgeber."
"Aha. Vielleicht versuchen sie es mal bei uns?"
"Vielleicht."
"Wir suchen noch ein paar Piloten. Falls sie aber etwas anderes suchen ausser den anderen beiden Einheiten, vielleicht gäbe es noch eine andere rein draconische Einheit die neu ausgehoben werden soll, etwas für sie?"
"Nein eher nicht. Aber ich würde mich gern bei ihrer Einheit mal melden. Einen eigenen Mech besitze ich ebenfalls."
"Das ist sehr gut. Ich muss ihnen aber sagen das wir eine Söldnereinheit sind, nicht das sie denken wir wären die Reguläre Armee."
"Das ist kein Problem für mich. Wenn sie denn eine Cappellanerin aufnehmen würden."
Ohne mit der Wimper zu zucken, gab Miles Sharpe der jungen Dame eine Karte mit den Kontaktmöglichkeiten zu den Chevalliers. Trank sein Bier aus, verabschiedete sich höflich und verließ das Lokal wieder.

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Wayside V, Dantonville
Decius-Cecilius-Metellus-Kaserne, Block 13: Stabsgebäude 1
26. Januar 3067, 13:00 Uhr

Jara sah von ihrem Papierkram auf, als der leicht untersetzte Mechkrieger ihr Büro betrat und salutierte: „Major Fokker, ich melde mich wie befohlen!“
„Rühren, Sergeant“, antwortete sie und musterte den Mann, der vom Alter her beinahe ihr Vater hätte sein können. Einen Stuhl bot sie ihm mit voller Absicht nicht an.
Aus den Unterlagen auf ihrem Schreibtisch fischte sie eine dünne Mappe heraus, die sie aufschlug und kurz mit dem Daumen durchblätterte. „Fühlen Sie sich wohl, Sergeant?“
„Ma’am?“ Die Unsicherheit auf dem Gesicht des Unteroffiziers war nicht gespielt. Er wusste nicht, was er antworten sollte.
Also präzisierte Jara ihre Frage: „Bei den Chevaliers, Teuteburg. Fühlen Sie sich bei uns wohl?“
„Jawohl, Ma’am. Ich bin gerne in der Einheit.“
„Halten Sie sich für einen Teil des Regimentes… der Familie?“, hakte sie nach.
Sie konnte sehen, wie die Räder im Kopf des erfahrenen Mechkriegers arbeiteten, aber es klang aufrichtig, als er antwortete: „Ja, Ma’am. Ich habe hier gute Freunde und Kameraden.“
„Ihre Beziehung läuft gut?“
„Muss ich auf die Frage antworten, Ma’am?“ Teuteburg war nun sichtlich aus dem Konzept gebracht.
Jara schüttelte den Kopf: „Nein, müssen sie natürlich nicht. Solange ihre dienstlichen Leistungen nicht darunter leiden, ist ihre Beziehung natürlich Privatsache. Mir ist allerdings nicht entgangen, dass Sergeant Yamada zwischenzeitlich zur Miliz wechseln wollte. Seit ihrem… Rücktritt vom Rücktritt ist sie sehr viel konzentrierter und zielstrebiger bei ihren Pflichten und Aufgaben.“
„Haruka… Sergeant Yamada und ich geben uns große Mühe, Dienstliches und Privates zu trennen, Ma’am. Die jüngsten Entscheidungen waren dafür nur eine Bekräftigung. Aber unsere Beziehung ist stabil und glücklich.“
Die amtierende Herrin der Chevaliers nickte. „Das freut mich zu hören. Würden Sie sich als voll einsatzbereit und belastbar bezeichnen, Sergeant?“
„Ja, Ma’am. Zu einhundert Prozent.“ Teuteburg klang nun wieder etwas sicherer. Er schien selbstbewusst und reflektiert genug, um von seiner Aussage überzeugt zu sein.
„Ich habe mit den beiden anderen Kompaniechefs gesprochen“, eröffnete Jara ihm und sah die Verunsicherung in seinen Gesichtszügen zurückkehren. „Die Material- und Personallisten sind beinahe fertig und die Erste und Dritte Kompanie werden ordentlich umstrukturiert. Das betrifft natürlich auch ihre Lanze. Mit Sergeant Tsunos Abgang und dem Verlust ihres Flügelmannes ist ja von der Formation nicht mehr viel über.“
„Die Lanze gilt offiziell als aufgelöst, Ma’am“, merkte Teuteburg an.
„Richtig, Sergeant, und das wird sie auch bleiben. Ferner werden Sie und Sergeant Bramert nicht mehr gemeinsam in der Ersten Kompanie dienen.“
Teuteburg wirkte unglücklich über die Neuigkeiten. „Erlaubnis, frei zu sprechen, Major?“
„Nur zu, Sergeant.“
„Ma’am, Sergeant Bramert und ich sind ein eingespieltes und gutes Team. Ich vertraue ihm blind und weiß, dass das auch andersrum gilt. Uns zu trennen halte ich für unklug.“
„Gut“, sagte Jara und lächelte zum ersten Mal, seit Teuteburg ihr Büro betreten hatte. „Das sehe ich ganz genauso. Aber erstens ist in der neuen Ersten Kompanie kein Platz für sie und zweitens sind sie jetzt beide Sergeants und müssen beide Führungsverantwortung übernehmen. Auf die Rolle des einfachen Wingman kann sich keiner von ihnen mehr zurückziehen.
Sergeant Teuteburg, ich versetze Sie in die Dritte Kompanie zu Captain Hellmann. Sie werden dort die Scoutlanze aufbauen. ‚Scoutlanze‘ ist dabei vielleicht nicht ganz der richtige Begriff. Ihre Maschinen werden alle um die fünfzig Tonnen auf die Waage bringen. Mit den Details versorgt sie ihr neuer Kompaniechef um 1500 in seinem Büro. Melden Sie sich dort. Nehmen Sie Sergeant Bramert mit, er wird den zweiten Flügel Ihrer neuen Lanze führen und Ihr Stellvertreter sein. Einverstanden?“
Der Unteroffizier, der endlich verstanden hatte, dass er nicht für einen Anschiss oder etwas anderes Negatives, sondern für eine gute Sache zur Chefin gerufen worden war, nickte: „Ja, Ma’am. Darf ich fragen, warum ich die Lanze bekomme, Ma’am?“
„Sie haben ein FedCom-Offizierspatent, richtig?“
„Ja, Ma’am.“
„Na, sehen Sie“, sagte Jara. „Sie haben die Erfahrung und werden als Mensch und Soldat in der Truppe geschätzt. Das sind überzeugende Argumente für Sie.“
„Danke, Ma’am.“
„Keine Ursache.“ Sie schob ihm einen Papierumschlag über den Tisch. „Und nehmen Sie das hier.“
Teuteburg griff nach dem Kuvert und warf einen Blick hinein. „Ma’am?“
„Jetzt tun Sie nicht so überrascht. Als Sergeant führen Sie in meiner Einheit keine Lanze. Ich befördere Sie hiermit zum Sergeant Major. Sie finden die Papiere im Umschlag, wenn Sie die Augen von den Dienstgradpins losreißen können. Meinen Glückwunsch und natürlich auch die besten Grüße von Colonel Copeland.“
„Danke, Ma’am.“
„Gut, das wäre alles, Sergeant Major Teuteburg. Sie melden sich um Punkt 1500 bei Ihrem neuen Chef und empfangen von ihm die weiteren Details zu Ihrem Kommando. Danach gehen Sie mit den anderen Chevaliers in den vorzeitigen Dienstschluss. Feiern Sie aber nicht zu heftig, als Lanzenführer nehmen Sie morgen am Ball teil. Ausgehuniform mit allem Drum und Dran. Sie repräsentieren die Einheit und vor allem unser Unteroffizierscorps vor so ziemlichen allen Repräsentanten dieses Planeten und Abgesandten des Hofes in Luthien. Vielleicht lassen Sie sich von Sergeant Yamada über die angemessenen Umgangsformen unterrichten, wenn Sie dort noch unsicher sind. Verstanden?“
„Laut und deutlich, Ma’am.“
„Sehr ordentlich, Teuteburg. Oh… und bevor ich es vergesse: Sie dürfen Begleitung mitbringen. Wenn Sie es wagen, jemand anderen als Haruka einzuladen, übernehme ich für die nächsten Monate persönlich Ihre Nahkampf- und Fitnessausbildung.“

***

Wayside V, Dantonville
Decius-Cecilius-Metellus-Kaserne, Block 9
26. Januar 3067, 15:15 Uhr

Der Gemeinschaftsraum im Unterkunftsgebäude der Mechkrieger war gut besucht, als Corporal Eliden Kush eintrat und sich neugierig umsah. Wegen des anstehenden Balls und der laufenden Vorbereitungen hatte Copeland frühen Dienstschluss befohlen und nun genossen die Chevaliers ihren freien Nachmittag.
Eliden bemerkte James Campbell, der alleine an einem Tisch saß und missmutig die Bierflasche vor sich anstarrte. „Hey, Puck, alles in Ordnung?“
„Geht dich einen Scheiß an!“, kam die schroffe Antwort des rothaarigen Mechkriegers.
„Woah, ich hab ja nur gefragt.“
„Lass gut sein, Zelot“, rief ihm Elisa Bräuning zu, die zusammen mit weiteren Söldnern der zwoten Kompanie und diversen alkoholischen Getränken an einem Ecktisch saß und Spielkarten austeilte. „Puck hat gerade nen saftigen Anschiss von der Chefin bekommen und ist jetzt beleidigt.“
„Wegen nem Rüffel von der Commandantiña?“ Eliden grinste, während er sich einen Stuhl heranzog und sich zwischen van Eening und Dünkirch in die Runde drängte. „Hey, Puck, regst du dich morgen auch über den Sonnenaufgang auf? Der ist genauso wahrscheinlich wie ein Anschiss vom Major.“
„Ist ihre Art, uns zu sagen, dass sie uns liebt und sich um uns sorgt“, pflichtete ihm Simon Moore spottend bei.
„Ja, als ob. Seltsame Art, Zuneigung auszudrücken“, grummelte der Neuzugang der Kompanie zurück.
Eliden sah sich um, sein Blick musterte die Mechkrieger der anderen beiden Kompanien, die mittlerweile aufmerksam der Auseinandersetzung über drei Tische hinweg folgten und hofften, dass irgendetwas Spannendes passierte.
Ohne den Spieß und Yamada, die ihre Freizeit irgendwo mit ihrem Freund verbrachte, waren sie vollzählig. Klar, die beiden Offiziere fehlten, aber mit Ausnahme von Campbell saß die ganze Kompanie an einem Tisch.
„Glaub’s uns einfach. Ist morgen schon wieder vergessen und dann kriegt einer von uns wieder was auf’s Fell. Mach dir da keinen Kopf drum und komm aus deiner Schmollecke raus“, baute Eliden dem Kameraden eine goldene Brücke.
Sehr zur Enttäuschung der übrigen Mechkrieger stand der Corporal tatsächlich auf und setzte sich zur zwoten Kompanie. „Ich versteh es einfach nicht. Okay, meine Uniform war vielleicht nicht komplett in Ordnung, aber so eine Standpauke gibt es dafür normalerweise nur in der Grundausbildung.“
„Die Chefin ist wahnsinnig unter Strom wegen der Zeremonie morgen. Abendkleider, Adlige, Tanzen… das ist nicht so ihre Welt“, erklärte Bräuning. „Außerdem sah dein Aufzug wirklich beschissen aus. So solltest du der Chefin nicht im Dienst über den Weg laufen.“
„Das bisschen Staub auf den Stiefeln ist doch…“
„Es ging doch gar nicht um den Staub“, unterbrach van Eening ihn. „Du hattest die Uniformtaschen nicht vernünftig eingeräumt, deine Hose saß zu locker und du hattest dein DataPad nicht dabei. Klar, das geht in den meisten Söldnereinheiten so durch, aber wenn der Major irgendwas nicht ausstehen kann, dann ist es ‚mangelnde Kampfbereitschaft‘.“
„Klingt mir zu sehr nach ‚Ewiger Krieger‘, oder?“
„Kann sein“, gab Eliden zu, „aber sie kann es sich leisten. Ich hab sämtliche Gefechts-ROMs ihrer Einsätze ausgewertet und sie ist verdammt gut.“
„Und das ist noch gar nichts im Vergleich zu ihrem Nahkampftraining. Freu dich auf nächste Woche, wenn das wieder auf dem Dienstplan steht.“
„Ich habe sie letzte Woche auf der Aikido-Matte erlebt. Das war schon beeindruckend“, gab Campbell zu.
„Was sie uns letzte Woche gezeigt hat, das war gar nichts“, warf van Eening ein, der in der gleichen Gruppe dem japanischen Kampfsport nachging. „Nächste Woche stehen wir auf ihrem Kampffeld und folgen ihren Regeln. Du wirst es sehen.“
„Ich würde lieber sehen, was für einen Mech ich bekomme. Ich bin Mechkrieger und kein Schlammstapfer.“
„Da bist du nicht alleine“, kommentierte Bräuning, die zusammen mit van Eening auch noch auf Maschinenzuweisung wartete. „Aber wenn du denkst, du kannst dich um die Nahkampf-Trainings drücken…“
„… oder um die Handfeuerwaffenausbildung…“, warf Moore ein.
„… die Hindernisbahn…“, griff van Eening auf.
„… oder sonst einen Ausbildungsinhalt, dann solltest du das gleich wieder vergessen. Haben wir alle gelernt.“
„Also stimmen die Gerüchte? Ist sie wirklich so hart, wie man munkelt?“, bohrte Campbell nach.
Eliden grinste: „Du bist in deiner ersten Woche noch sanft angefasst worden. Die Gerüchte dürften schon stimmen. Aber man muss fairerweise auch sagen, dass die Geschichten über ihre Einsatzleistungen auch stimmen.“
„Sie war also wirklich bei den Wölfen?“
„Aye. Und sie hat sich dort zum Krieger hochgearbeitet und ist mitsamt eines verdammten Waldwolfs aus eigener Kraft ihrer Rettungsmission entgegen gekommen. Vermutlich hatten die Kanisterköpfe Angst, dass sie sich einen zweiten Phelan eingefangen haben“, lachte Eliden.
„Genug Heldenverehrung“, spottet Bräuning. „Campbell, van Eening, holt mal noch ne Runde Bier aus dem Kühlschrank und dann lasst uns endlich spielen.“
„Geht klar, Sarge“, bestätigten die beiden und trotteten zum hinteren Bereich des Gemeinschaftsraumes, wo einige große Kühlschränke standen, in denen die Soldaten ihre Getränke lagern konnten.
Eliden verfolgte seine Kameraden mit dem Blick und registrierte, dass die Mechkrieger der anderen Kompanien ihnen mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Neid nachsahen, zumindest die jüngeren und grüneren unter ihnen. Die Zwote hatte sich einen gewissen Ruf als harte Elite erarbeitet, der sich auch nach den gewaltigen Rotationen teilweise erhalten hatte. Zumal seit Brennsteins Ernennung zum Bataillonskommandeur nun die anderen beiden Kompanien von frisch beförderten Chefs geführt wurden und sich folglich noch bewähren mussten.
In einem Simulatorgefecht hatten sie mit der Dritten von Captain Hellmann den Boden aufgewischt, wobei die „alte Garde“ um Fokker, Kotare und Yamada zwar den Löwenanteil geleistet hatte, aber der Ruhm war auf sie alle zurückgefallen. Weitere Tropfen in das Fass der überzogenen Erwartungen, wie Eliden vermutete.
Er wurde aus seinen Gedanken gerissen, als die entspannte und vertraute Stimmung im Aufenthaltsraum sich plötzlich veränderte. Soldaten, die rund um die Uhr unter sich waren, entwickelten ein Gespür dafür, wann etwas ihre Routinen störte und jetzt gerade war etwas passiert, was den Raum mit Neugier und Argwohn gefüllt hatte.
Eliden sah sich um und entdeckte den Grund für die Veränderung in der Tür: zwei junge Draks, ein Mann und eine Frau, beide kaum den Kinderschuhen entwachsen, hatten den Gemeinschaftsraum betreten. Die ausrasierten Schläfen wiesen sie als Mechkrieger aus, aber sonst konnte er – und offensichtlich auch sonst niemand – nichts mit ihnen anfangen. Beide trugen Zivil, hatten schwarzes Haar und dunkle Augen und offenkundig japanische Gesichtszüge und waren ein gutes Stück kleiner als der Durchschnitt der anwesenden Chevaliers. Und sie wirkten mindestens genauso irritiert und verwirrt wie die übrigen Menschen im Raum.
Bevor die gespannte Stille sich zu irgendetwas potentiell Unangenehmen entwickeln konnte, rief Campbell quer durch den Raum: „Oy, oy, können wir euch helfen?“
„Wir sind von der Wayside-Miliz zu den Chevaliers versetzt worden“, erklärte die Frau in fehlerfreiem Englisch, das aber von einem harten japanischen Akzent geprägt war.
„Na dann seid ihr hier richtig“, grinste der rothaarige Corporal. „Welche Kompanie?“
„Wir sind der zweiten Kompanie unter Captain Jara Fokker zugeteilt worden.“
Campbell deutete auf den Tisch, an dem Eliden und die übrigen Mechkrieger der Zwoten saßen: „Das sind wir. Setzt euch ruhig dazu, die beißen alle nicht. Wollt ihr ein Bier?“
„Bier?“, wunderte sich die Frau, während sie mit ihrem Begleiter etwas unsicher zu der Gruppe trat. „Ist es nicht verboten, Alkohol vor 20 Uhr zu konsumieren?“
Bräuning, die Moore mit einem Kopfnicken aufforderte, zwei freie Stühle dazuzustellen, lachte: „Ihr habt lustige Regeln bei der Miliz. Wir sind hier immer noch ne Söldnereinheit. Solange ihr im Dienst nüchtern seid, ist alles okay.“
„Aber…“
„Zu spät“, unkte Campbell und stellten vor den beiden jeweils eine Flasche Bier auf den Tisch. „Und sortiert eure Unterlagen. Die Chefin ist jetzt Major.“
„So, kurze Vorstellungsrunde“, entschied Bräuning, „ich bin Sergeant Bräuning, Callsign Whiskey…“
„… und sowas wie die Chefin hier, wenn die hohen Tiere nicht da sind“, fiel Moore ihr grinsend ins Wort.
„Der Spaßvogel da ist Sergeant Moore, oder Zyklon, aus der Scoutlanze. Einer von euch wird das Glück haben, sein Wingman zu werden.
Dann haben wir hier noch Puck, beziehungsweise Corporal Campbell, der euch das Bier spendiert hat. Neben euch sitzt Corporal van Eening, mein Wingman. Wir nennen ihn den Baron, wegen seinem lustigen ‚von‘ im Namen, aber er ist ein guter Junge. Corporal Dünkirch, Callsign Hope und zu guter Letzt Corporal Eliden ‚Zelot‘ Kush. Katana, also Sergeant Yamada, ist aus persönlichen Gründen verhindert…“
„Sie hat Wachdienst im Bett ihres Freundes“, frotzelte Campbell.
„… und natürlich die Lanzenführer, aber die sind selten hier. Major Fokker und Lieutenant Kotare sind natürlich in ihrer Freizeit im Offz-Block…“
„… oder im Kreis der Gleichen.“ Diesmal hatte Moore die Lacher auf seiner Seite.
„… und der Spieß macht halt Spieß-Dinge und lässt sicher hier eher selten blicken. Egal, weniger Stress für uns. Habt ihr schon mit Fokker gesprochen und Lanzenzuteilungen?“
„Nein. Lieutenant Colonel Harris hat uns hierher geschickt. Wir sollen unser Quartier beziehen und um Siebzehnhundert an der Kleiderkammer antreten, um unsere neuen Uniformen zu empfangen“, antwortete der männliche Drak und Eliden fiel auf, dass er zum ersten Mal etwas sagte. Sein Akzent war weniger stark ausgeprägt als der seiner Begleiterin.
„Was wird denn auf euren Namensschildern stehen?“
„Oh, Verzeihung. Wie unhöflich von uns. Ich bin Endo Takahiro… Verzeihung, Takahiro Endo. Ich bin als Private 1st Class eingestellt worden.“
„Genauso wie ich“, ergriff die neue Frau in der Kompanie das Wort. „Tomoko Furukawa, es ist mir eine große Ehre, Teil der Dantons Chevaliers zu sein.“
„Ehre?“ Bräuning lachte und auch die anderen Söldner grinsten breit. „Dann werdet ihr euch mit Fokker, Kotare und Katana blendend verstehen.“ Sie hob ihre Bierflasche: „Willkommen in der Zwoten, Frischfleisch. Freut euch auf den härtesten Drill jenseits der Clan-Heimatwelten. Auf euch!“

***

Wayside V, Dantonville
Decius-Cecilius-Metellus-Kaserne, Block 8, Offiziersclub „Jerry’s Degen“
26. Januar 3067, 15:45 Uhr

In der neuen Chevaliers-Kaserne waren die Unterkunftsgebäude 7 und 8 den Offizieren der Einheit vorbehalten. Einzelunterbringung und mehr oder weniger großen Appartements, die dem Dienstgrad und dem Dienstposten entsprechend ausgestattet waren. In Captain Stefan Hellmanns Fall bedeutete das Platz für ein bequemes Bett, eine kleine Sitzecke und einen Schreibtisch, sowie eine eigene Nasszelle mit Dusche. Kein exorbitanter Luxus, aber sehr großer Komfort verglichen mit den Verhältnissen im Einsatz.
Außerdem hatte er das Glück im Block 8 untergebracht zu sein. „Sein“ Gebäude hatte gegenüber dem Nachbarhaus einen Vorteil, zu dem er keinen Fuß vor die Tür setzen musste: Den Offiziersclub „Jerry’s Degen“. Rund um die Uhr geöffnet, immer mit mindestens einer Ordonanz an der Bar besetzt und tagsüber mit eigener Essensausgabe für die Offiziere, die lieber unter sich blieben beim Mittagessen. Die Verpflegung kam zwar aus der Hauptküche und war genau die gleiche wie für alle anderen Chevaliers auch, aber es gab selbst zur Mittagszeit immer irgendwo einen freien Platz und die Tischgespräche waren meist auf einem etwas zivilisierteren Niveau. Ein Nebenraum, Raucherbereich, war für Poolbillard und Darts bestimmt, bot aber auch regelmäßige Holovid-Abende an.
Der Nachteil war freilich, dass das gehobene Interieur nicht gerade dazu einlud, exzessive und unkontrollierte Ausschweifungen zu feiern. Das Ambiente alleine sorgte schon dafür, dass das Offizierskorps seine Würde bewahrte.
Hellmann war es ganz recht. Er war niemand, der auf Teufel komm raus seine Leber ruinieren musste und er hatte schon genug heruntergewirtschaftete Einheitsführer gesehen, um sich seine Kraft einzuteilen. Außerdem genoss er die Stille.
Der Dienst als Kompaniechef forderte ihn mehr, als er zugeben wollte und es war eine angenehme Abwechslung zum hektischen Dienst, sich mit einem guten Whiskey, einem ordentlichen Glas Wein oder einfach nur einem frischen Saft an der Bar zu entspannen und den Gedanken freien Lauf zu lassen. Er beneidete die übrigen Mechoffiziere seiner Kommandoebene nicht. Copeland, Brennstein und Fokker hatten alle Hände voll damit zu tun, ihre jeweiligen Teilbereiche zu führen, während er tatsächlich irgendwann am Tag Feierabend machen konnte.
„Ist der Stuhl noch frei?“
Hellmann sah auf und erkannte Captain Jessica Stuart, die neue Stabsoffizierin. Seit sie vor einer Woche bei den Chevaliers angefangen hatte, war er mehrfach wegen Nachschubfragen mit ihr in Kontakt gekommen und hatte sie als kompetente, aber reservierte Frau kennengelernt. Dass sie sich jetzt zu ihm setzen wollte, obwohl im Kasino noch reichlich Platz war, musste einen Grund haben.
„Ja, natürlich.“
Sie setzte sich und bestellte ein alkoholfreies Bier. Danach saßen sie einige Zeit schweigend nebeneinander.
„Die Wayside-Brezeln passen ganz gut zu dem alkoholfreien Bier“, durchbrach Hellmann schließlich die Stille. „Salzbrezeln aus einem einheimischen Getreide mit Salz aus den verdunsteten Ozeanen.“
„Wieder etwas über diese Welt gelernt“, gab Stuart ihre Unwissenheit unumwunden zu.
„Noch in der Eingewöhnungsphase?“
„Hier ist alles so…“
„… anders?“, schlug Hellmann vor.
„Ja, anders. Bei meiner alten Einheit hat man gemerkt, dass man unter Söldnern ist. Die Chevaliers sind deutlich straffer organisiert, beinahe wie ein Linienregiment. Und kein zweitklassiges. Alles ist neu und sauber und durchdacht.“
„Als Logistikerin ist das doch vermutlich sehr angenehm, oder?“
Die rothaarige Frau lachte leise: „Das ja. Gleichzeitig gibt es aber auch viel mehr Regularien und Formalitäten als bei kleineren und weniger bürokratischen Einheiten. Und dann diese ganzen Traditionen und Gebräuche, die ich noch nicht verstehe…“
„Oh, keine Panik. Das ist alles viel weniger undurchsichtig, als es wirkt. Ich habe schon einiges davon gelernt und bin gerne bereit zu teilen.“
„Sie sind selbst noch nicht so lange dabei, oder?“
„Vorgestern waren es drei Monate, seit die Chevaliers mich gefangen genommen haben.“
„Gefangen genommen? Und schon Kompaniechef?“, wunderte sich Stuart.
Der Mechkrieger zuckte mit den Schultern: „Das ist hier so üblich. Colonel Dantons Philosophie war immer, dass es besser ist, jemanden zu integrieren anstatt ihn zu bekämpfen. Das spart nicht nur Munition, sondern stärkt auch den Kader. Sie werden hier eine Menge Leute mit… spannendem Hintergrund antreffen. Ehemalige Piraten, Claner, natürlich die Husaren… erst haben die Chevaliers sie bis aufs Messer bekämpft, dann ihnen doppelten Sold angeboten und dann ihre Formation mit den Husaren quasi über Nacht auf Regimentsgröße aufgebläht. Plötzlich war jeder zweite Chevalier ein ehemaliger Gegner und trotzdem hat es funktioniert.“
„Das klingt alles so viel glaubwürdiger aus ihrem Mund als aus dem Einheits-Exposé.“
„Ich würde sagen, 50 Prozent der Geschichten entsprechen der Wahrheit und die andere Hälfte ist schamlos untertrieben“, erwiderte Hellmann mit einem Augenzwinkern.
„Gilt das auch für die Gerüchte über eskalierende Feiern? Müssen wir morgen mit amoklaufenden Piraten rechnen?“
„Oh, sie meinen die Aktion, die Ryan-Jones gerissen hat?“ Hellmann schüttelte den Kopf: „Ich denke nicht, dass es morgen zu solchen Zwischenfällen kommen wird. Aber Sie sollten sich ihre Begleitung gut aussuchen. Wissen Sie schon, wen Sie mitnehmen werden?“
Stuart musterte ihn eingehend. „Meinen Bruder“, sagte sie zögernd. „Und Sie?“
Hellmann zuckte mit den Schultern: „Vermutlich werde ich keine Begleitung mitnehmen. Die Chevaliers, mit denen ich den besten Kontakt habe, sind selber eingeladen und ich möchte nicht den Eindruck erwecken, Günstlingswirtschaft zu betreiben. Und ich bin noch nicht lange genug Kompaniechef, als dass ich schon wüsste, wer sich das… verdient hat.“
„Wenn Sie sich morgen einsam fühlen, können Sie mir ja einen Tanz anbieten“, lächelte Stuart mit beeindruckender Unverbindlichkeit.
Der Mechkrieger erwiderte das Lächeln: „Wir werden sehen. Vielleicht gibt es ja auch nur eine Teezeremonie. Ich habe gehört, damit lässt sich hier ein ganzer Abend füllen.“

__________________
Ama-e-ur-e
is-o-uv-Tycom‘Tyco
is-o-tures-Tesi is-o-tures-Oro
is-u-tures-Vo-e-e

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Wayside V, Dantonville
Decius-Cecilius-Metellus-Kaserne, Block 14: Stabsgebäude 2
26. Januar 3067, 15:20 Uhr

Ich ging nach meiner Beförderung aus dem Büro von Jara Fokker, zum Teil erleichtert, zum Teil nervös. Nun begann der richtige Papierkrieg auch wieder für mich. Daran konnte ich mich noch gut erinnern, als ich damals schon bei Haus Davion Lanzenführer war.
Mein erster Weg ging nun zu Hellmann, tja, das ist das Tor durch das ich durch musste und mal sehen was da auf mich zu kommt. Aber zuerst das Wichtigste, ich schnappte mir einen Kommunikator und tippte Antons Kennung in das Gerät.
„Hallo Anton. Ja Rudi hier. Komm bitte um 12 Uhr pünktlich zum Essen.“
„Bin ich doch immer.“ Eine leichte Verwirrung in seiner Stimme war nicht zu überhören.
„Ach ja, ich bin dein neuer Lanzenführer und du wirst mein Stellvertreter. Wir müssen sehen mit wem wir es um 15 Uhr zu tun haben. Du bekommst eine neue mir noch unbekannte Flügelfrau und Betty Rush wurde in unsere Lanze versetzt. Wir müssen sehen was wir an Mechs haben und uns Gedanken über Ausbildung und Übung machen.“ Ein kurzes Seufzen, dann ein stutzen
„Hey Rudi, Glückwunsch. Na das wird ja was, wir beiden sind nun die Chefs im Ring.“
„Danke Anton. Also, sei pünktlich. Die ersten Unterlagen die ich habe und gleich noch von Hellmann bekomme schicke ich dir noch. Mach dich vertraut. Die Akte deiner Flügelfrau gibt es noch nicht, da werden wir sehen was passiert. Ach ja, Betty brauch Training, sie muss noch Sattelfest werden, da du schon einiges an Erfahrung hast werde ich da viel an dich abgeben und dafür den Papierkrieg erstmal von dir fernhalten. Haben wir einen Deal?“
„Ja und was gibst du mir aus zur Feier des Tages?“
„Hm, vielleicht lade ich meinen Haufen gepflegt in ein schönes Lokal ein, wäre das so in der Richtung in Ordnung?“
Lachen antwortet mir. „Ja ja passt schon. Also bis gleich und vergeß die Unterlagen ja nicht!“
„Nein, sind schon bei dir, jedenfalls der erste Teil. Ach ja, wir haben nachher früh frei, trotzdem werden wir uns noch zu einem Gespräch im Stabsgebäude treffen und in unserem Lanzenraum eine kurze Besprechung machen. Hauptsächlich erstmal die Mechs anschauen und überlegen was wir zu bieten haben und leisten können. Erster Termin für Morgen ist das Treffen mit unseren beiden Kameradinnen und ein erstes Kennenlernen. Bis später, Anton.“
„Bis später Rudi.“
Das Gespräch mit Hellmann war sehr positiv verlaufen und ich schaffte es noch pünktlich zum Essen mit Anton.
„Na Rudi, alles klar?“ fragte mich mein Freund lächelnd.
„Es geht. Betty ist echt noch feucht hinter den Ohren, da müssen wir dran arbeiten. Die Akte deiner Flügelfrau bekomme ich morgenfrüh erst. Alles was ich weiss ist das sie eine Soldatin aus Liaos Linienregiment ist und einen Men Shen mitbringt.“
Anton pfiff, „Na das ist eine sehr schlagkräftige Scoutlanze dann. Weisst du genaueres zu dem Mech? Ist es eines dieser seltenen Stealth Modelle vielleicht sogar?“
„Keine Ahnung Anton. Die Unterlagen bekomme ich erst heute Abend überspielt. Aber wenn du es vor Neugier nicht aushälst, gegen 18 Uhr soll der Mech hier ankommen. Wie unsere anderen Mechs wird er in Hangar 8 stehen. Kannst ja hingehen und dir das Baby mal anschauen.“
„Und ob, vielleicht kann ich mir dann auch meine Flügelfrau anschauen. Ja nur anschauen , aus der Entfernung. Will ja nicht als zu Neugierig gelten.“
„Also ob das auffällt. Ich denke da werden einige Leute stehen und sich den Mech anschauen und vorallem den Piloten.“
„Ja, na klar. Aber ich werde mit der Dame zusammenarbeiten müssen und einen zu neugierigen oder aufdringlichen Chef will keiner haben.“
„Recht hast du. So nun lass uns was essen und dann sehen wir weiter. Wir dürfen nur nicht zu spät kommen zum Empfang, sonst hab ich keinen Spaß mehr, hat mir unsere Chefin versprochen und Haruka würde mich töten.“
„Jaaaa, das würde sie tatsächlich Rudi.“ Grinste mich Anton an.


Wayside V, Dantonville
Decius-Cecilius-Metellus-Kaserne, Block 13: Stabsgebäude 1
26. Januar 3067, 15:30 Uhr

Sue Min war überrascht, das sie mit ihren doch offensichtlichen Lügen bezüglich ihrer Vergangeheit so einfach durch gekommen war. Sie hatte sich zwar gefreut wieder mit ihrem Mech in einer Kampfeinheit zu stehen, aber irgendwie ging das alles viel zu einfach. Die Blicke der drei Söldneroffiziere und ihr Bauchgefühl sagten eindeutig das man ihr nicht traute. Im Prinzip war es ihr egal, sie wollte nur eins, wieder einen Posten haben an dem sie loyal kämpfen konnte. Die KonCap war nicht mehr ihr zuhause, Heimat ja, aber diese hatte sie verstoßen.
Also konzentrierte ich mich auf das hier und jetzt, auch wenn dies im ersten Schritt hieß, erstmal zu lügen. Nachdem ich nun formal zu den Chevalliers gehörte ging ich zu Juliette Harris, ließ mir eine Genehmigung ausstellen, so dass ich meinen Mech überführen konnte und noch die eingelagerten Mechersatzteile an das Lager der Chevalliers verkaufen konnte. So hatte ich gleich einen kleinen Bonus.
Juliette Harris war sehr nett zu mir und half mir mit den entsprechenden ID-Cards, den Formalitäten und der Zuweisung der Mechbucht und meines Quartiers. Danach erhielt ich noch die Einweisung und die Pläne für die Lanze und den normalen Essbetrieb. Es schien sehr locker gehandhabt zu werden,.
Nachdem ich nun wieder am Raumhafen in Parkensen City war und auch dort die Formalitäten beendet waren, stieg ich in meinen Mech und folgt den zwei Chevallier Fahrzeugen zurück zum Stützpunkt nach Dantonville. Das vibrieren unter mir und wieder in meinem Mech zu sitzen fühlte sich gut an. Alle Systeme waren in gutem Zustand, war der Mech doch zwei Monate vor meiner Flucht von Hellspont komplett gecheckt und gewartet worden. Sogar das letzte Systemupdate war durchgeführt und zwei meiner Mediumpulse Laser getauscht worden. Meine Reaper, so lautet mein Callsign und so war der Name meines Mechs, hatten schon einige Feuerproben hinter sich und alle gut überstanden. Naja, kein Wunder wenn man in einer der Haus Liao top Linieneiheiten diente. Wie dieser Planet nur aussah, eher trostlos, viel Staub. Die Atmosphäre nur in den Niederungen ehemaliger Meere, nichts was mit Liao mithalten konnte.
Wir erreichten schließlich nach drei Stunden Marsch die Randbezirke von Dantonville und das Mechtor zur Decius-Cecilius-Metellus-Kaserne. Die Torwachen sahen überrascht auf meinen Mech, denn dieser Typ war ausserhalb der Konföderation Capella sehr selten. Nach dem ich den Kanal zum Tower geöffnete hatte und meine ID übermittelt war, öffnete sich langsam das Tor. Auf der anderen Seite in einiger Entfernung ging ein großer Mech in Richtung Hangar. Meine Ortung identifizierte den Mech als Typ Hammerhands, eine Maschine aus den Vereinigten Sonnen. Der Tower wies mich an dem Weg bis zur Kreuzung zu folgen und dann links zu den Hangars ab zu biegen. Hanger 8 Platz 4 war meiner. Dort stellte ich meine Reaper ab, übergab einem Senoirtech namens Fred die Unterlagen meiner Maschine, unterzeichnete dann im Mechübergabebüro noch die Papiere und ging dann erstmal zur Logistik. Dort standen schon die beiden Fahrzeuge mit denen ich hierher gekommen war, diese wurden bereits entladen. Vom zuständigen Quartiermeister bekam ich meine Sachen und wurde dann samt meines Hab und Gutes in mein neues Quartier gebracht. Hier öffnete ich voller ungedult die Unterlagen und sah das es nur einen Termin gab und der war am morgigen Tag, wo ich auf meine drei neuen Kameraden treffen würde. Die Lanzenaufstellung war ungewöhnlich, genauso wie die Mechs mit denen ich zusammenarbeiten würde. Die Klassifizierung der Lanze als Scouts der dritten Kompanie war anscheinend ein Platzhalter, aber das würde ich morgen ja alles erfahren. Ich las noch kurz das Dossier zu meinem Lanzenführer und hoffte das dieser ehemalige Davionoffizier nicht zu sehr Arschloch und Liao Hasser war. Dann machte ich mich frisch und ging dann was Essen. Ziemlich früh für meine Verhältnisse legte ich mich ins Bett.
„Ach Mädchen was machst du hier nur. Meine noch lebende Familie hat mich verstoßen. Mein Familiezweig ist ausgelöscht. Ich sitze nun in der Peripherie des Draconsi Komibnats und das erste was ich getan hab, war meine neue Einheitschefin anzulügen. Ich muss besser werden.“ Kurz darauf war Sue Min eingeschlafen und träumte wieder diesen schrecklichen Alptraum vom missglückten Sprung des Sprungschiffes Dansk.

Wayside V, Dantonville
Decius-Cecilius-Metellus-Kaserne, Mechkrieger Unterkünfte
27. Januar, 07:00 Uhr

Als das Schiff gerade explodierte wachte ich auf und neben mir piepte der Wecker. Es wurde Zeit sich frisch zu machen und auf das Treffen am Mittag vor zu bereiten. Ab jetzt war ich Chevallier und nichts würde mich aufhalten in meinem Streben sich an meinen Peinigern zu rächen. Kälte trat in meine Jadegrünen Augen. Dann stand ich auf und ging duschen.




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Sonensystem Wayside V , Nadir Sprungpunkt - Die Geschichte Sue Min Nerekov

21. August 3059
Konföderation Capella
Raumhafen Sian: Hellspont Corp. Auslieferungshangar

Sue Min Nerekov und ihre Kameraden der dritten Kompanie der vierten Capellanischen Husaren standen ehrfürchtig schauend in diesem riesigen, halb unterirdischen Mechhangar.
Der dritten Kompanie wurde die Ehre zuteil, ihre neuen Mechs in Empfang zu nehmen. So standen vor diesen zwölf Mechkriegern nun zwölf Battlemechs der neusten Generation die von Hellspont produziert wurde.
Zu Beginn war in einem Raum eine Lanzen- und Mechzuteilung durchgeführt worden, während der jeder anwesende Mechkrieger nach vorne gebeten worden war, um dann in einen Beutel zu greifen und einen Mechnamen zu ziehen.
Sue Min war als fünfte nach vorne gegangen, hatte ihrem Kompanieführer ins Gesicht geschaut und eine Karte gezogen. Sie hatte die Karte an den Kompanieführer weitergegeben, der hatte sie gelesen und laut und deutlich verkündet: „Sue Min Nerekov, der Kanzler lässt dir die Ehre zuteilwerden, einen Men Shen Mech zu steuern in der Befehlslanze der dritten Kompanie. Zugleich wirst du somit in den Rang des stellvertretenden Kompanieoffiziers erhoben. Die Konfiguration deines Mechs wird C sein. Weitere Konfigurationen werden dir zugebilligt und du darfst zwei Sets auswählen.“
„Ich fühle mich geehrt und wähle die Sets Primär und A als weitere Alternativen aus.“
„Eine gute Wahl und willkommen in den glorreichen Streitkräften der Konföderation Capella, Sang jian jun. Ich freue mich auf eine gute Zusammenarbeit.“
„Ich habe zu danken, dass man mich für so fähig hält und ich nützlich sein kann.“
Ein zustimmendes Nicken der anderen Piloten war die Folge gewesen.
Und nun standen sie hier und besahen sich ihre Mechs aus der Nähe. Die stummen, waffenstarrenden Riesen standen vor ihnen. Lackiert in einem Wüstentarnschema, versehen mit dem Wappen der Konföderation und dem Einheitszeichen. Die Namen der Piloten wurden gerade aufgetragen.
Bei der Kompanie handelte es sich um eine schwere bis mittelschwere Mech-Kampfeinheit. Eine Lanze hatte sogar einen überschweren Brandschatzer in ihren Reihen, während die meisten anderen Mechs eher schwer oder mittelschwer waren.
Es waren die aktuellsten Mechs und jeder einzelne Krieger, der hier war, hatte sich entweder ausgezeichnet im Kampf oder in seiner Loyalität zum Haus Liao.
Für Sue Min Nerekov galt beides. Erstens hatte sie an der Sun Zhang Akademie mit Auszeichnung graduiert, zum anderen gehörte ihre Familie seit Jahrzehnten zum innersten Kreis des Hauses Liao. Eines der bekannteren Familienmitglieder war Sang shao Jorgen Nerekov, der Leiter der Prefektorate Guard, und seit seiner Ernennung konnte sich die Familie in höheren Kreisen bewegen.
Vor Sue Min standen zwei Men Shen-Mechs, zwei Raven, zwei Sha Yu, ein Brandschatzer, zwei Phoenix Hawks, ein Lao Hu, ein Tsi T´sang und ein Cataphract. Die Befehlslanze bestand aus beiden Men Shen Mechs sowie einem Raven und dem Lao Hu. Die zweite Lanze bestand aus dem Brandschatzer, Tsi T`sang, Cataphract und einem Phoenix Hawk, somit bildet die dritte Lanze mit dem zweiten Phoenix Hawk, beiden Sha Yu und dem Raven die Scout-Einheit. Die Mechs der dritten Lanze waren zudem mit spezieller Tarntechnologie ausgerüstet. Dieser Kompanie war ein Union Landungsschiff zugeteilt worden.
Kurz bevor es zu den neuen Mechs in den Hangar ging, bekamen die neuen Mechkrieger ihre persönliche Ausrüstung. "Oh sieh mal die neuen Overalls. Man das sind ja Sahnestücke der Technologie und eine weitere Auszeichnung des Kanzlers!" scherzte Jin Wa Dim zu Sue Min. "Ja, die besten bekommen das Beste!" beide Frauen lachten und ernteten dann ein schiefes grinsen von den beiden anderen Pilotinnen der Kompanie.
"Hey Jin ... welcher Gott stand an deiner Seite als du den P-Hawk dir geangelt hast? Das ist doch wohl mehr als nur Glück gewesen!" rumpelte June Thorvalson. "Naja, beschweren wirst du dich doch auch nicht, der Tsi´T´sang ist auch nicht schlecht." Min Lee Rudolfson stand an der Tür und wartete schon auf ihre Kameradinnen. Sie hatte einen der Sha Yu gezogen.
Ach wie schön unbeschwert das alles ist und wir dienen nur dem Kanzler, dachte Sue Min.
Mit Stolz und großer Erregung kletterte Sue Min in das Cockpit ihres Fabrikneuen Mechs. Alles war neu, ein Wartungstech kam hinter ihr her und unterwies sie in die Systeme und in die spezielle Konfiguration ihres Mechs. Dann erfolgte die Anpassung des neuen Neurohelms.
Zudem bekamen sie die neuen Mechkrieger-Anzüge. Diese sahen aus wie ein Overall, nur mit kurzen Ärmeln und Beinen. Das besondere war, das diese neuen Anzüge die Kühlweste ersetzten und aus ballistischem Tuch bestanden. Somit hatte man bei einem möglichen Abschuss des eigenen Mechs auch außerhalb des Cockpits einen relativ guten Schutz in Gefechtszonen. Die Kühleffizienz lag auch deutlich höher bei dieser Art der Anzüge.


3062
Peripherie Taurus Konkordat

„Dao an Timon, Dao an Timon. Landezone unter schwerem Beschuss. Sehen eine große Zahl an feindlichen Mechs das Tal betreten, wo bleibt ihr?“ Die Panik des ComTechs des Landungschiffs war spürbar.
„Timon hier. Kommen gleich südlich rein. Hintere Hangartore öffnen, Notstart vorbereiten, sind ziemlich angeschlagen“, funkte der Kompanieführer aus seinem Lao Hu das Landungsschiff an.
Dann öffnete der Lanzenführer eine private Funkverbindung zu Sue: „Sue, schaff die Leute ins Schiff und verschwinde! Malart und June bleiben hier. Wir werden die feindlichen Mechs ablenken. Schafft den Brandschatzer schnell ins Schiff und dann ab.“
„Sir, wieso wollen sie sich opfern? Sie können nichts dafür, dass wir hier nicht nur auf eine Miliz getroffen sind, sondern zusätzlich auf zwei Söldnereinheiten. Kommen sie mit, wir haben schon einen Raben und einen Feuerfalke verloren. Wieso noch mehr opfern?“
„Tun sie, was ich sage. Sofort!“
"Ja, Sir!"
"Sue, du weisst es geht nicht anders. Aber wir versuchen auch noch rein zu kommen." Malert steuerte den zweiten Phoenixhawk und June den Tsi´T´sang.
Das Gefecht wurde ernst. Die beiden Sha Yu erklommen schon die Rampe, hinter ihnen machte sich der Brandschatzer auf den Weg und auch der zweite Men Shen stand hinten dran.
"Timon, hier Timber 1. Sind drinnen, Timmy 1, der Brandschatzer wird fest gezurrt, Timon 3 Men Shen steht auf Parkposition. Kommen sie. Timon 2, los schnell an deinen Platz."
"Hier Timon, Timmy 2 (June), schnell rein, ich kann die beiden noch alleine halten und dann ab. Timon 2 hat das Kommando, macht einen ordentlichen Bericht! Überspiele jetzt Gefechtsroms an Computer des Landungsschiffs."
Das Landungsschiff schloss das Hangartor und begann zu vibrieren, sich zu schütteln und zu tanzen als es mit Vollschub abhob und sich den Anziehungskräften zu entziehen begann. Das Raketenabwehrsystem leistete gute Arbeit, aber die Salve an LSR war nicht mehr wie ein verzweifelter Versuch. Timon 1 wurde durch einen Kopftreffer ausgeschaltet. Malert in seinem Cataphract wurde von den acht stürmenden Söldnermechs quasi zu Staub geschoßen.


5. Januar 3065
Orbit Tikonov
Landungschiff Leopardklasse

Sue Min Nerekov erwachte aus einem fürchterlichen Alptraum, schweißgebadet schaute sie sich in… wo war sie bloß? Alles wirkte eng, bedrückend und anders. War es doch kein Alptraum?


4. Januar 3065
Privater Raumhafen Tikonov
Terminal A

„Nein! Vater, ich verlasse dich und die Konföderation auf keinen Fall!“, flehte sie den vor ihr stehenden Mann an.
„Du gehorchst! Du nimmst meine Vertrauten, die beiden Leopard-Schiffe und ihr startet sofort zum Nadir-Punkt. Dort wartet das Sprungschiff Skagerak. Es hat die Fähigkeit, zweimal zu springen. Bring dich in Sicherheit! Deine Mutter und deine Geschwister sind schon tot, dieser Säuberung werde ich nicht entkommen. Aber ich will dich in Sicherheit wissen. An Bord der Leopards sind alles ebenfalls Verfolgte. Und jetzt raus mit dir und leb wohl!“
Plötzlich ertönten Schüsse von draußen, das Haus wackelte. Gegenfeuer aus dem Haus schlug in den Garten und suchte verzweifelt die Angreifer. Diese waren nicht zu sehen. Dann merkte man das leichte Erzittern des Bodens unter der Wucht von Mechschritten.
Sue Min sah nicht zurück, sie rannte nur noch. Hinter ihr schloss sich eine Stahltür, verriegelte sich. Sie lief, weinte und rannte in ihrer Angst weiter zum Leopard. Die beiden Schiffe schafften die Flucht, doch unterwegs wurden sie abgefangen, das eine Landungsschiff hielt die Feinde der Familie Nerekov auf, während das andere mit maximaler Geschwindigkeit auf das Sprungschiff zusteuerte.
Plötzlich erlosch das Signal des anderen Landungsschiffs. Alle an Bord des Schiffes waren erschrocken, traurig und gleichzeitig froh, selber noch zu leben.


14. Januar 3065
Nadir-Punkt Tikonov-System
Invader-Klasse-Sprungschiff Dansk

Das Andockmanöver war sehr schnell und hart, denn die Verfolger kamen immer näher, Sue Min war in ihrer kleinen Kabine an Bord des Leopard, es gab eine kurze Sprungwarnung und im nächsten Augenblick schien sie ins Nichts zu fallen, sah eine Sonne auf sich zukommen und dann explodierte alles wieder in seine ursprüngliche Größe. Sie wusste weder, wo sie war, noch wer es alles geschafft hatte und hier an Bord war. Sie wollte sich losschnallen, als eine Sirene erklang, dann die kurze Warnung, sie schnallte sich hastig wieder fest und es erfolgte ein zweiter Sprung. Bloß weg aus der Konföderation.
„Hier Nerekov. Captain, wo sind wir?“
„Ma‘am, wir sind in einem unbewohnten System im Steiner-Raum. Der Kapitän des Sprungschiffes wünscht, dass sie zu ihm kommen. Er hat noch eine Nachricht ihres Vaters.“
Ihr Vater war nun höchstwahrscheinlich tot und alles nur wegen seiner direkten Verwandtschaft zum capellanischen Minister und Meister der Maskirovka. Sie selbst war ebenfalls in direkter Linie mit diesem Monster verwandt, hatte diese Vorteile zu nutzen gelernt. Harte Prüfungen hatte sie bestehen müssen und es geschafft, mit ihren 23 Jahren eine gute Mechpilotin zu werden.
Sie hatte sich mit ihrem Mech retten können, genauso wie ihre beste Freundin Han So Qua. An Bord des Landungschiffs waren ansonsten nur Material und Ausrüstung und einige Techs. Auf dem anderen Landungsschiff, welches sein Ziel nicht erreicht hatte, waren dieselbe Anzahl an Menschen und Material verloren gegangen. In Gedanken versunken ging sie durch die Schleuse hinüber ins Sprungschiff.
Sie zitterte. War ihr kalt oder waren es die Nachwirkungen des Erlebten?
Sie war völlig am Boden zerstört und wusste nicht, wohin. Was hatte sie noch? Sie war eine Ausgestoßene, mit allen die hier an Bord waren, ohne Heimat, verfolgt vom militärischen Geheimdienst des Hauses Liao.
Sie betrat die Brücke des Invader-Sprungschiffes. Der Kapitän drehte sich in seinem Sessel zu ihr. Er blickte sie an, nein, er scannte sie förmlich, sagte aber nichts. Es war ihr unangenehm. Wo war nur ihre Freundin?
„Hallo, Miss Nerekov. Da hat ihr Vater uns aber verdammt nochmal in eine missliche Lage gebracht. Wie kann es sein, das ich mich hier, mit ihnen, in dieser Lage wieder finde?“
„Ich weiß es nicht. Vor einer Woche wurden meiner Familie sämtliche Bürgerrechte entzogen. Wir wurden per Befehl des Kanzlers verfolgt und nach und nach verschwanden viele Verwandte. Sie wurden abgeholt, umgebracht, ohne eine Ahnung zu haben, warum. Einzig mein Onkel lebt und arbeitet, als wäre nichts passiert. Mein Vater konnte seinen Bruder nicht erreichen, also arrangierte er alles für die Flucht unserer Familie von Liao. Leider staben meine Mutter, meine Geschwister auf der Flucht. Mein Vater und ich schafften es bis hierher nach Tikonov. Aber das war anscheinend nicht weit genug. Was für eine Botschaft haben sie für mich?“
„Hier, ein Verigraph-Brief, versiegelt. Ich habe auch einen bekommen, aber lesen sie ihren und dann sehen wir uns in meiner Kabine und reden weiter.“
Etwas abseits, geschützt vor den neugierigen Blicken der Brückencrew, begann sie zu lesen:
„Liebste Sue Min,
die gesamte Familie Nerekov ist beim Kanzler in Ungnade gefallen. Soweit ich herausfinden konnte, hat ein Vetter zweiten Grades mit Davion-Loaylisten zusammengearbeitet und einige Anschläge im St. Ives-Pakt vorgenommen. Er wurde erwischt und die Agenten meines Bruders stellten schnell seine Identität fest. Dein Onkel warnte mich noch, aber es war schon zu spät, die Häscher waren schon da.
Ich konnte nur dich und mich noch retten. Mein Herz starb an jenem Tag auf Liao, als deine Mutter und deine Geschwister starben. Du gabst mir die Kraft, nach einer weiteren Fluchtmöglichkeit zu suchen. Ich habe Kontakt zu anderen Flüchtigen gefunden und einige unserer nächsten Angehörigen konnte ich ebenfalls erreichen. Sie sollten gestern ankommen.
Leider war es eine Falle.
Es tut mir leid, mein Kind, du musst alleine weiter. Ich habe dir genug C-Noten auf ein Konto auf Tharkad überwiesen, ebenfalls hast du nun eine neue Identität. Versuche, soviel Abstand wie möglich zwischen dich und die Konföderation zu bekommen und bleibe ihr fern, sie hat uns verstoßen.
Ich bin traurig, dass ich nicht bei dir sein kann, aber die Menschen um dich herum sind hilfsbereit und bringen dich wohin du willst, samt deines Mechs. Danach musst du sehen, wie es weiter geht.
Dein dich liebender Vater
Gindo Wa Nerekov
PS: Ich habe herausgefunden, dass deine Freundin eine Agentin ist, werde sie los. Der Kapitän weiß Bescheid, er wird alles machen und ist vorbereitet.“
Tränen rannen Sue Min Nerekov über das Gesicht. Sie war allein, ganz allein. Selbst ihre beste Freundin schien eine Natter zu sein. Sie mussten weg, schnell und weit. Wohin nur?


5. Dezember 3065
Tharkad System

Die Freundin wurde festgenommen und an der nächsten Schleuse entsorgt, bevor Sue Min es überhaupt wusste. Die Batterien und der Antrieb wurden geladen und so sprang man bis zum Hauptplaneten des Steiner-Reiches. Während den Sprüngen fanden die Tchniker heraus das ein Peilsender am Sprungantrieb angebracht war, der Ortungsdaten des Schiffes über ein geheimes Protokoll an Liao Zellen funkte. Dies bedeutete das die Dansk im Tharkad System eine weile liegen musste, um dieses Problem gefahrlos zu entfernen und unerkannt weiter flüchten zu können.
Der Transit zur Steinerhauptwelt dauert nicht lange und so hatte ich Zeit meine Daten zu überprüfen. Vater hatte recht, alles war wie er gesagt hatte. Ich besaß meinen MenShen Mech eine weitere Konfiguration, sowie einige Ersatzteile. Mein Konto war gut gefüllt, auch wenn ich daran zweifelt das dies lange so bleiben würde. Auf Tharkad war es kalt, aber wunderschön. Ich genoss hier meine Zeit und versuchte ein wenig auszuruhen. Aber nach 3 Wochen bekam ich ein eigenartiges Gefühl, irgendwie fühlte ich mich beobachtet, mein Bauchgefühl täuscht mich da sehr selten. An einem leicht verschneiten Februartag kam die Gewissheit. Zwei Leute mit dem Aussehen von Liao Agenten verfolgten mich. Ich muste schnell weg, also nahm ich Verbindung auf mit dem Sprungschiff und meinem Landungsschiff und ordnete an das wir in drei Tagen starten müssen. Ich ging zum Hauptraumflughafen, suchte mir einen Astroterminal und einen Weg, um weiter weg zu kommen und fand als mögliches Ziel einen Planeten Namens Wayside V in der Peripherie, der zum Draconis Kombinat gehörte.
Das schien ein gutes Ziel zu sein und hier auf Tharkad konnte sie nicht mehr bleiben, denn wer wusste schon, wann meine Verfolger direkt wurden. Also schiffte ich mich nach nur drei Tagenein.
Einige meiner Begleiter wollten nicht weiter und so startet nur ein Leopard mit mir, meinem Mech, einigen Gütern und mir an Bord wieder in die Weiten des Universums, um dann mit dem Sprungschiff Dansk nach Wayside aufzubrechen.
Die Abmusterung des anderen Schiffes änderte einiges, denn der Kapitän wollte als Freihändler arbeiten und er versprach mir auf ein Konto in Terra 2% seiner Einnahmen zu hinterlegen. Hoffen wir das er dies auch tun wird.


3. September 3066
Wayside System

Zwei Sprünge vor meinem Ziel wurden wir auf wundersame Weise von einem anderen capellanischen Schiff gestellt. Die anfliegenden Jäger konnten die flüchtenden Dansk ein wenig beschädigen.
Aber erst am nächsten Punkt, als der Antrieb aufgeladen werden musste, schnappte die Falle zu. Das Segel wurde gerade eingeholt, als ein unbekanntes Sprungschiff materialisierte und sofort einige Jäger ausspuckte.
Die Segel wurden zwar schnell eingeholt und ein Notsprung nach Wayside eingeleitet, aber diesmal hatten die Verfolger mehr Glück. Einige Salven trafen die Dansk, als sie sprang. Dieser Sprung war fast unkontrolliert, holprig, bockend. Sich auf und zu faltende Sterne taumelten auf Sue Min ein, dann war alles ruhig.
Der Kapitän löste den Evakuierungsalarm aus, eine monotone Stimme verkündete: „ Antrieb in kritischem Zustand, alles sofort von Bord. In wenigen Minuten ist der kritische Punkt erreicht. Evakuierung einleiten!“
Alle rannten zu Rettungskapseln und zum angedockten Landungsschiff. Es war knapp, aber kurz nach dem Abdocken des Leopards begann das Sprungschiff zu vibrieren und einige Sekunden später explodierte es in einem grell weißen Feuerball, der so schnell, wie er entstanden war, wieder verschwand.
Man hörte nichts, aber sah dieses Schauspiel und konnte sich nicht abwenden. Nun war ich hier, im Wayside-System auf einem beschädigten Leopard-Landungschiff und versuchte nun, mein Leben neu zu ordnen, während die Schiffsbesatzung dabei war, Rettungskapseln zu finden und aufzunehmen und danach zum Planeten weiter zu fliegen.
Unser Fehlsprung war natürlich nicht unbemerkt geblieben, auch wenn die Raumüberwachung schnell war und binnen einiger Stunden ein Union uns passierte. Auch wurden wir sehr schnell von einer Lanze Luftraumjäger angefunkt und angewiesen einen bestimmten Kurs nicht zu verlassen. Nachdem wir nach 2 Tagen Transit endlich in den Orbit eindrehten, bekamen wir überraschend schnell einen Landeplatz zugewiesen. Jedoch danach ging der Tanz mit den Behörden des Draconis Kombinates los. Erst wurde der Sprungschiffkapitän stundenlang befragt, einige meiner Besatzungsmitglieder wurden auch härter als erwartet rangenommen. Nachdem dies alles erstmal über uns hereingebrochen war mussten wir überlegen wie es weiter geht. Schnell war klar das die Landungsschiffbesatzung wieder weg wollte und so entließ ich sie aus meiner Pflicht. Meinen Mech samt den Gütern hatte ich in einem Lagerhaus am Raumhafen unterbringen lassen. Nun begann für mich die Suche nach einem neuen Arbeitgeber, gut hier auf Wayside gab es nicht viele Möglichkeiten. Entweder man ging zur Planetaren Miliz oder man ging zu den Eagles, welche Teile der Miliz stellten oder man ging zu dem neuen Grafen und seiner Einheit den Chevalliers oder ganz und gar anders man suchte sich eine andere Welt und ach was es wären Banditen oder Piraten gewesen. Das wollte ich aber nicht, ich hatte kein Interesse an irgendwelchen Abenteuern mit dem Abschaum der Gesellschaft. Ich wollte wieder in eine gut strukturierte Einheit und kämpfen, tja und da lag das Problem. Die Eagles waren weit weg, sich der Miliz anzuschliessen und zu warten das man in die Kerneinheit rotiert fand ich nicht sehr angenehm, also versuchte ich mein Glück und schickte eine Nachricht samt Bewerbungsunterlagen nach Dantonville an den Stab der Chevalliers. ICh kam mir vor wie vor sieben Jahren, als ich den Abschluss auf der Akademie machte und wir uns bei den verschiedenen Einheiten des Kanzlers meldeten um aufgenommen zu werden, nur damals war ich so selbstsicher und hatte einen Platz in einer Kampfeinheit sicher. Doch heute war es anders, ich war die Aussenseiterin, praktisch gestrandet in der Peripherie.

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09.07.2015 07:01 Marodeur74 ist offline E-Mail an Marodeur74 senden Beiträge von Marodeur74 suchen Nehmen Sie Marodeur74 in Ihre Freundesliste auf
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„Du hast nach mir gerufen? Hier bin ich. Was kann ich für dich tun?“
Jara Fokker kniff die Augen zu Schlitzen zusammen. „Kommt mir irgendwie bekannt vor, aber ich kann es nicht ganz einordnen.“
Harrison Copeland trat grinsend ein, setzte sich und schlug die Beine übereinander. „Der ewige Krieger, Folge 43, als er rein zufällig von der Kurita-Front zur Capella-Front gewechselt hat. Ein Klassiker des sinnlosen Popcorn-Trivids.“
„Interessant. Wenn ich denn nur mal Zeit hätte, Trivid zu schauen.“
Copeland schmunzelte. „Ernsthaft. Was hast du auf dem Herzen?“
„Es geht um die Party morgen. Ich habe niemanden, mit dem ich hingehen kann.“
„Du hast was nicht?“, fragte Copycat erstaunt.
„Ist das so verwunderlich? Die meisten, die ich einladen könnte, gehen ohnehin hin. Darüber hinaus fällt es mir schwer, jemanden einzuladen, der nicht eingeladen ist, weil das nach Bevorzugung aussieht.“
„Nach Bevorzugung?“
„Ja, ich weiß, ein dummes Argument. Aber ich kann nicht anders, als so zu denken.“
„Verstehe. Warum fragst du nicht trotzdem mal Kush oder Kotare?“
„Weil beide schon jemanden haben, den sie mitbringen werden.“
„Weißt du das, oder vermutest du das nur?“, argwöhnte Copycat.
„Ich weiß es. Der Grabenfunk ist mächtig bei den Chevaliers. Also habe ich mich gefragt, ob du nicht mein Begleiter sein willst. Damit setzen wir auch gleich das richtige Zeichen. Nämlich dass ich nicht vorhabe, dich kurzerhand zu stürzen, die Einheit zu übernehmen und dich auf einem unbewohnten Planeten auszusetzen“, scherzte Jara.
„Noch nicht.“
„Richtig. Noch nicht.“ Sie grinste diabolisch. „Also? Ich weiß zu einhundert Prozent, dass du allein kommen wirst, weil deine Verabredung in Parkensen City Wachdienst aufgedrückt bekommen hat.“
„Ach so. Ich verstehe.“
Jara kräuselte die Stirn. „Nein, ich habe nichts daran gedreht, damit du ebenso wie ich übrig bleibst. Deine Sekretärin hat mir das verraten, mehr gehört nicht zur Geschichte. Wobei es mir ein Leichtes gewesen wäre, so etwas zu arrangieren. Ich wäre halt nur nie drauf gekommen.“ Hoffnungsvoll sah sie den Colonel an. „Also, Harry, wirst du mein Begleiter sein?“
„Mal sehen. Eine einundzwanzigjährige Superkriegerin, die einen Wolfsclansternhaufen aufgemischt hat, aussieht, als solle sie auf Tharkad modeln und die einen kometenhaften Aufstieg von der einfachen Mechkriegerin zum Major hingelegt hat, die in der Einheit wie eine Ikone verehrt wird, und das auch für ihr wirklich sehr gutes Aussehen, fragt mich, ob ich sie zu wichtigsten Feier ihres Lebens begleite. Da sage ich natürlich ja.“
Jara atmete auf. „Danke. Du rettest mir das Leben.“
„Aber ich möchte dich darauf hinweisen, dass es dadurch Gerede geben wird. Wenn dir das egal ist, dann werde ich der beste Tischherr sein, den du dir vorstellen kannst“, wandte Copeland ein.
„Das ist mir egal. Lass die Leute reden, wenn sie zuviel Zeit auf der Hand haben. Für eine Beziehung hätte ich ohnehin keine Zeit. Das wird der Grabenfunk schon von selbst merken.“
„Verstehe“, sagte Copeland. „Dann bedaure ich, dass du dir diese Zeit nicht nimmst, denn es ist eine sehr wichtige Angelegenheit für eine junge Frau wie dich. Egal, wie schlecht die Affäre mit Dawn ausgegangen ist. Und natürlich die Tatsache, dass ich vierzehn Jahre älter bin als du.“
Spöttisch sah sie ihn an. „Wieso sagst du das? Machst du dir etwa Hoffnungen?“
„Sagst du das zu allen Männern, die dein Vater sein könnten?“
„Das Alter ist doch egal, wenn der Rest stimmt. Oder siehst du das anders?“
„Ich sage, ich bedaure es, selbst keine zwanzig sein zu können.“ Er erhob sich. War es das, Jara? Es gibt noch einige Dinge, die ich vorbereiten muss.“
„J-ja. Das war alles. Und danke nochmal.“
„Mit deinen Vorbereitungen klappt alles soweit?“
„Danke der Nachfrage. Ich darf meine Uniform nicht tragen, aber nun steckt Germaine mich in einen Kimono. Und mein Sekretär gibt mir einen Crashkurs und Kurita-Hofetikette. Und Miko wird neben mir stehen und mich mit Tipps versorgen.“
„Dann bist du in den besten Händen.“ Er nickte der jungen Frau zu und wandte sich der Tür zu. „Ach, übrigens, du warst es tatsächlich nicht, der meiner Begleitung den Wachdienst aufgedrückt hat. Das war ich. Als ich hörte, dass du keinen Begleiter hast, habe ich ein paar Register gezogen und die richtigen Leute miteinander reden lassen.“
„Äh, danke? Gibt es einen tieferen Sinn dahinter?“
Copeland wandte sich kurz wieder zu ihr um. „Ich wollte dir nur zeigen, dass es durchaus Dinge gibt, die du in Puncto Menschenführung noch von mir lernen kannst. Nur für den Fall, dass die Geschichte mit dem Aussetzen auf einem menschenleeren Planeten noch in deinem Kopf herumspukt.“
„Spötter“, tadelte sie ihren Vorgesetzten. „Bis morgen dann.“
„Bis morgen, Major Fokker.“
Die Tür schloss sich hinter Copeland. Sicher, er war anders als Germaine, hatte andere Strategien und Vorgehensweisen. Und er überraschte. Positiv. Das gelang Germaine nicht immer. Allerdings waren beide in ihren Augen gleich waghalsig. Aber das Wichtigste war: Sie würde jetzt auf sicheren Beinen durch diese verdammte Party und die Ernennung zur Erbin schliddern, ohne Germaine zu blamieren. Hoffte sie zumindest.

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Noch drei Stunden bis zum Zeitpunkt, an dem Miko sie abholte. Jara gab es nicht gerne zu, aber sie war nervös. Richtig nervös. Nach einem Crashkurs in höfischen Etiketten fühlte sie sich eher noch unwissender als zuvor. Zwar hatte man ihr zugesichert, dass sie als Gaijin, was soviel wie vorlauter, unwissender und widerwärtiger Fremder hieß (eigentlich nur Fremder, den Rest hatte sie sich gedacht), ohnehin keinen Fehler begehen konnte, den man ihr nicht verzeihen würde. Aber das hatte ihren Ehrgeiz eher noch angestachelt. Sie war es nicht gewohnt, etwas anderes abzuliefern als ihre beste Leistung. Aber niemand, nicht einmal Germaine konnte das gesamte kuritanische Hofprotokoll im Kopf behalten. Nicht in so kurzer Zeit.
Dazu kam auch noch der Umstand, dass sie gerade in ihren Kimono gesteckt wurde, ein wunderbares leichtes Gespinst aus Seide in einem zarten Rosaton, der ihr – innen drin war sie eben doch irgendwie Girlie – sofort gefallen hatte. Bis man ihr zu verstehen gegeben hatte, dass dies nur die erste Lage war. Im Anbetracht der großen Hitze in Dantonville würde man ihr allerdings nur drei Lagen zumuten, was sie bei dem herrlich leichten Seidenstoff nicht überhitzen würde, und zudem hatte man ihr zu verstehen gegeben, dass die oberste Lage, ein reinweißer Kimono mit hellroten Kirschblütenblättern, einem Kimono nachempfunden war, den ausgerechnet die Erste Prinzessin des Kominats, Omiko Kurita, bei offiziellen Anlässen zu tragen pflegte. Das machte sie nervös, denn Dracs konnten das schnell als Herausforderung oder Affront ansehen, nicht als Ehrerweisung. Und wenn sie dann tatsächlich einen Fehler beging, dann... Nun. Das ging ihr mehr als gegen ihre Natur.
Also, dieser Abend würde alles werden, nur nicht einfach und entspannend. Dabei war die Liste der Gäste überschaubar: Offiziere und verdiente Soldaten der Chevaliers und der neugegründeten Miliz, Milizionäre und Angry Eagles aus der Hauptstadt und Sterling Base, Elden Parkensen, der planetare Verwalter und einige hochdekorierte Veteranen der Verteidigung Waysides gegen die Nebelparder, diverse Menschen des öffentlichen Lebens, der lyranische Botschafter, der VerSon-Botschafter, der Rasalhaager Botschafter, sogar der capellanische Botschafter, wobei man ihr zu verstehen gegeben hatte, dass der gute Mann eigentlich nur ein durchreisender Händler war, der seine Akkreditierung direkt von Sun-Tsu Liao bekommen hatte, um auf Wayside V, ah, einige Aufgaben zu erledigen. Die kleineren Reiche sowie die Liga hatten keine Botschafter auf dem Planeten, aber auch hier gab es ein paar inoffizielle Vertreter. Dann kamen noch einige verdiente Händler und ortsübliche Millionäre, Trivid-Stars, die es sogar auf dieser Hinterwäldlerwelt gab, sowie eine Abordnung der Kaika no Umi-Gumi, der örtlichen Yakuza-Abteilung, die ihr Bestes versuchte, um den Planeten möglichst verbrechensfrei zu halten und von Ace Kaiser persönlich geduldet wurde. Wenn sie ehrlich war, dann war dies eine Begegnung, die ihr gefallen konnte. Die Yakuza des Kombinats waren einen sehr weiten Weg gegangen, um aus den Schatten zu treten und ihren Nutzen für das Reich zu beweisen. Dies hatten sie getan. Mehrmals und unter großen Opfern.
„Das steht Euch großartig, Ojou-sama“, sagte Maria, ihre heutige Maid, die das kleine Heer draconischer Damen anführte, die sie heute ankleideten. Dabei sah Maria nicht gerade wie eine Drac aus, aber sie konnte eine dreihundertjährige Familiengeschichte im Kombinat nachweisen, in der ihre Familie oft als Buki, also Soldaten, und als Shinobe, also Diener, gedient hatten. Der Sprung, die Tochter eines Grafen anzukleiden, musste rein gesellschaftlich enorm für sie sein, obwohl Jara nur Gaijin und die Tochter eines Gaijin-Grafen war. Aber „man“ hatte ihr zu verstehen gegeben, dass die Drac-Gesellschaft viel Wert auf Äußerlichkeiten legte.
„So, und jetzt das Make-up“, sagte Maria.
Jara verzog das Gesicht zu Grausen, denn das traditionelle Hofdamen-Make-up sah eine weißgeschminkte Haut vor, rasierte Augenbrauen, falsche Augenbrauen auf der Stirn und kirschrot geschminkte Lippen. Dazu wurden die Haare zu einer komplexen Frisur hochgesteckt. Na, wenigstens hatten ihre Haare die richtige Länge.
Als Maria ihre Reaktion sah, lachte sie leise. „Keine Sorge, Ojou-sama, wir werden Eure natürliche Bräune nur etwas dämpfen, um Euch die richtige Blässe zu geben. Dazu werden wir nur betonen, was bereits da ist. Etwas Gloss wird Eure natürlich schönen Lippen betonen, und die Haare werden wir nicht traditionell aufstecken, sondern nach Art von Omiko Kurita-sama frisieren. Mehr Volumen, künstliche Locken und etwas auftoupieren, und Ihr werdet Euch vor Heiratsanträgen nicht retten können, Ojou-sama.“
Jara prustete leise. Na, DAS wäre ja mal wirklich eine interessante Abwechslung gewesen. Nicht, dass sie an irgendjemand interessiert wäre. Nicht, dass sie, seit sie mit Dawn auseinander war, auch nur irgendeinen Gedanken an NOCH eine Beziehung und damit an NOCH ein Desaster verschwendet hätte. Aber wo waren die ganzen Verehrer jetzt? Und konnte sie ihnen auch nur so weit trauen, wie sie ihren Mad Cat werfen konnte, wenn die Bastarde aus den Löchern gekrochen kamen, wenn sie aufgehübscht war? Hm.

„Gut siehst du aus“, klang eine lobende Frauenstimme von der Tür auf.
Die Kammerdienerinnen ließen sofort von ihr ab und verneigten sich in Richtung des Neuankömmlings. Es war Miko Tsuno, und sie trug ebenfalls einen Kimono in drei Lagen. Im Gegensatz zu Jara aber war sie blassweiß geschminkt. Allerdings war auch ihr Haar nicht traditionell aufgesteckt, was bei der Kürze ihrer Frisur ohnehin nicht möglich gewesen wäre. Auch hatte sie nicht das Klischee der aufgemalten Augenbrauen auf sich genommen, wohl aber den kirschroten Lippenstift. Mit einem Satz: Sie war ein Hingucker.
„Genau wie du“, erwiderte Jara. „Jetzt kann ich Germaine verstehen.“
Miko schmunzelte bei diesen Worten, und die Damen kicherten.
„Du hast noch Zeit, nicht?“
„Ich habe dich erst in drei Stunden erwartet, etwa zehn Minuten vor meinem Tischherrn, für ein letztes Briefing“, erwiderte Jara.
„Das kann warten. Maria, wir unterbrechen die Anprobe für ein paar Minuten.“
„Sehr wohl, Tsuno-sama.“
Die junge Drac wandte sich um und ging. „Folgen Sie mir, Major Fokker. Es ist ein Glückwunsch für Sie eingetroffen.“
Jara runzelte skeptisch die Stirn. „Werde ich mich freuen?“
Miko sah zurück und lächelte kaum merklich. „Du wirst dich zumindest immer daran erinnern. Im Guten, wie ich hoffe.“
Jara ließ einen undamenhaften Laut hören, der auf Luthien sicher jede feine Gesellschaft gesprengt hätte, und ging der älteren Freundin und bald auch Stiefmutter hinterher.

Miko führte sie aus ihren Räumen zur Medienbox der Residenz, jener Bereich, der als einziger im ganzen Haus dazu bestimmt war, persönliche ComStar-Nachrichten abzuspielen. Es war ComStar-Equipment, und dementsprechend schweineteuer. Und natürlich konnte nur ComStar es warten. Aber da die Chevaliers mit ComStar auf sehr gutem Fuß standen, machte sie sich darum keine Sorgen.
Miko winkte sie in den Raum und schloss hinter der frischgebackenen Majorin die Tür. „Setz dich.“
Gehorsam nahm Jara Platz und wartete. Miko griff an ihr vorbei und rief eine Datei auf.
„Kennst du die Sendung?“
„Aber, aber. Ich lese doch nicht deine Post“, tadelte sie schmunzelnd. „Ich weiß nicht, was gesagt wird, aber ich weiß, wer es gesagt hat. Du wirst staunen. Ob du dich freust, ist deine Entscheidung.“
„Na, dann leg mal los.“
Miko fuhr die Datei an und trat hinter Jaras Sessel.
Der schwarze Bildschirm erwachte zum Leben. Als Erstes zeigte er das ComStar-Logo. Dann erschien das Logo des Kombinats, das rotschwarze Drachen-Mon. Darauf folgte der Cartoon-Adler der Angry Eagles. Das Bild wechselte und zeigte nun einen großen, dunkelblonden Mann in einer weißen Ausgehuniform. Zumindest seinen Oberkörper. Er lächelte, und Jara konnte nicht anders, sie freute sich über seinen Anruf.
„Hallo, Miss Fokker“, sagte Ace Kaiser mit einer leichten Verneigung. „Da ich mich gerade auf Luthien befinde, ist es mir leider unmöglich, bei Ihnen auf Wayside zu sein, wo ich jetzt sehr gerne wäre. Ich verpasse Ihre Adoption und die Einführung in das, was manche Einwohner meiner neuen Heimat als „die Gesellschaft“ bezeichnen, nur ungern.“ Er hob bedauernd die Arme. „Aber Geschäft ist Geschäft, und hätte Germaine nur früh genug gesagt, was er plant, hätte ich Mittel und Wege gefunden, um heute einer Ihrer Gäste zu sein.“
Jara musste lächeln. Sie glaubte dem Herzog von Wayside jedes Wort. Er war einfach der Mann für eine solche Aussage.
„Und als allererstes will ich Ihnen gratulieren, Jara. Dazu, dass Sie jetzt von draconischem Adel sind. Dracs haben eine lange Tradition der Adoption, also machen Sie sich um Anerkennung und dergleichen keine Sorgen.
Dann gratuliere ich dazu, dass Germaine Sie zur Einheitserbin bestimmt hat, was ihm bestimmt nicht leicht gefallen ist. Aber ich als Allererster weiß, wie wichtig eine klare Rangfolge und eine klare Erbfolge ist. Und ich bin sicher, Sie packen das, Jara. Ich gebe Ihnen hierbei einen Rat: Ab heute sind Sie einer von acht Menschen auf meiner Welt, die die absolute Spitze der Gesellschaft bilden. Nach Ihnen kommt sehr lange Zeit nichts, dann der planetare Gouverneur, einige Verwaltungsoffizielle, meine Offiziere, die Miliz-Offiziere, und danach lange Zeit wieder nichts, bis wir zu diversen Bürgermeistern, ausländischen Botschaftern und anderen Personen des öffentlichen Lebens kommen. Egal, was heute passiert: Sie sind ganz oben in der Fresskette, Jara. Sie können gar nichts falsch machen. Und haben Sie mal das Gefühl, dass es doch passiert ist, keine Sorge: Ihnen wird sofort verziehen werden.
Der dritte und letzte Glückwunsch aber geht an Ihre Beförderung zum Major. Ich kenne persönlich nur zwei Menschen, die in nur zwei Jahren so eine steile Karriere gemacht haben. Der eine ist Grayson Carlyle von den von mir hochrespektierten Gray Death Legion, der andere ist Khan Phelan Kell von den Wölfen im Exil, der einst genau wie Sie von Clan Wolf entführt und adoptiert worden ist. Ich bin gespannt, ich bin sehr gespannt auf zwei Dinge. Darauf, wie weit Sie noch aufsteigen werden, und ich beobachte Ihre Karriere genau, Miss Fokker, und darauf, wie lange Germaine es im Schaukelstuhl auf seiner Veranda aushält, bevor er von seiner Unrast gepackt wird und etwas tun muss.“
Bei diesen Worten musste Jara lachen, aber auch Miko lachte. Ace hatte da einen nur zu wahren Kern getroffen.
„Ach, ich rede hier und rede, dabei wollte ich doch nur einen schönen Abend wünschen. Oh, fast vergessen, da ist ja noch jemand, der Ihnen gratulieren möchte.“ Ace erhob sich und verschwand aus dem Bild.

An seine Stelle setzte sich ein draconischer Mann, den sie schon oft auf Fotos, Plakaten und in Holos gesehen hatte. Aber sie konnte nicht glauben, dass er gerade tatsächlich vor ihr Platz genommen hatte. Also, auf Luthien, vor einiger Zeit, aber um jetzt mit ihr zu sprechen. Um mit ihr zu sprechen. Übergangslos fühlte sich Jara nervös werden, zumindest, bis der Mann sprach.
„Hallo, Major Fokker. Ich weiß, es ist etwas arrogant, das anzunehmen, aber ich denke, ich muss mich nicht vorstellen.“
Nein, das musste er nicht, denn dies war – Holy Shit – Fucking Hohiro Kurita, der designierte nächste Koordinator und Kriegsheld der Claninvasion! Jara merkte, dass sie vergessen hatte zu atmen.
„Zunächst einmal einen schnellen Gruß an meine Cousine Mikako. Sie wird sicher mit Ihnen im Raum sein, nicht?“, fragte er augenzwinkernd.
Miko räusperte sich verlegen.
„Dann komme ich ohne Umschweife zu meinem Anliegen. Major Fokker, ich freue mich, Ihnen zu Ihrer Adoption gratulieren zu dürfen und ich freue mich noch mehr, Sie damit im Kreis der Adligen des Draconis-Kombinats begrüßen zu können.
Ich weiß nicht, ob Sie diesen Satz kennen, aber er stammt nicht von Jerome Blake, obwohl ich ihn prägend finde: „Mit großer Macht kommt große Verantwortung.“
Und genau das ist es, was Ihnen von nun an bevorsteht. Als Adlige des Kombinats haben Sie große Macht, Jara, und ich weiß, Sie werden sie für das einsetzen, was wir so schwammig als „das Gute“ bezeichnen. Daher sehe ich Ihrem Adelstitel nicht einfach gelassen, sondern voller Aufregung und Erwartung entgegen. Sehen Sie in mir, ah, sagen wir einen guten, wenn auch weit entfernten Freund, der sich nicht zu schade ist, Ihnen hie' und da unter die Arme zu greifen, wenn es in meiner Macht liegt. Das ist ein Versprechen an die Frau, die sich mit nichts weiter als den Klamotten am Leib in die Kriegerkaste des Clan Wolf gekämpft hat. Nicht wenige, ich darunter, wären nicht erstaunt gewesen, hätten Sie ein zweites Schisma ausgelöst, immerhin ist Germaine Danton, ein Krieger, den wir im Haus Kurita hoch einschätzen, und der ja nun in die Familie einheiratet, Ihr Lehrmeister.“ Hohiro lächelte lang genug, um seine Worte als gelungenen Scherz erscheinen zu lassen.
„Aber kommen wir zum Thema. Jara – ich darf Sie doch Jara nennen – ich weiß, wir sind nicht ganz die Kinder der gleichen Generation. Aber ich bin Ihnen kulturell und ideologisch näher als meinen Eltern oder gar meinem Großvater Takashi. Sehen Sie, ich sammle solche Leute. In meinem Kontaktordner. Füge sie meinem Netzwerk hinzu. Es würde mich nicht nur freuen, wenn Sie diesem Netzwerk beitreten, sondern es wäre eine Ehre, Sie dabei zu haben. Denn mit diesem Netzwerk stricke ich auch an der Zukunft, nicht nur der des Kombinats, sondern auch an dem der Inneren Sphäre. Sehen Sie, Major Fokker, es gibt immer wieder irgend einen Idioten mit Macht, der sich aufschwingt, seine Macht ausspielt, und mal eben ein ganzes Reich ins absolute Chaos führt. Weil ihn niemand aufhält. Es gibt immer eine geheime Verschwörung, die sich als lachender Dritter sieht, wenn es ihr nur gelingt, zwischen zwei Nationen einen Krieg anzustiften. Wenn keiner sie aufdeckt und in ihre Schranken weist, oder sie gar auslöscht. Es gibt, wie in einem Krieg, große Zeiten der Langeweile, unterbrochen von Momenten tödlichen Schreckens. Für diese Momente des tödlichen Schreckens mache ich mich bereit. Um die Menschen zu verteidigen. Und ich wünsche mir, dass Sie, Miss Fokker, ebenfalls einer dieser Menschen werden, mit denen ich die Menschen verteidigen kann. Da Sie von Adel sind, ab heute, könnte ich es Ihnen befehlen. Aber ich will, dass Sie mit dem Herzen dabei sind. Also lasse ich Ihnen die Entscheidung.
Im Anhang dieser Nachricht finden Sie einen Versendeschlüssel ComStars, der alle an ihn gerichteten Botschaften in meine private Inbox schickt; solche Botschaften erreichen mich überall in der Inneren Sphäre, wo es ComStar gibt. Sie erhalten zudem Zugriff auf ein ComStar-Konto für den Notfall mit einer ausreichenden Deckung. Kontaktieren Sie mich über die Nummer oder greifen Sie auf das Konto zu, nehme ich an, dass Sie zustimmen, mein Gefolgsmann zu werden. Oder vielmehr meine Gefolgsfrau. Ein Umstand, über den ich mich nicht einfach nur freuen würde, sondern den ich sehnsüchtig erwarte. Miss Fokker, Sie können mir viel geben, Sie können den Menschen viel geben. Und ich kann Ihnen sehr viel Unterstützung angedeihen lassen. Denken Sie über mein Angebot nach, und haben Sie eine schöne Feier.“

Das Lächeln Hohiro Kuritas war das Letzte, was Jara sah, bevor der Bildschirm wieder auf das ComStar-Logo wechselte. Uff, das musste sie erst einmal verdauen. Definitiv.

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„Alles in Ordnung?“, fragte Copycat. Jara sah zum Anbeißen aus, aber das hatte er auch nicht anders erwartet. Allerdings machte er sich Sorgen um sie. Er hatte erwartet, sie nervös und fahrig vorzufinden, obwohl ihr alle, wirklich alle versichert hatten, dass sie heute nichts falsch machen konnte. Stattdessen ließ sie die liebevolle Ankleideprozedur, die mit der Bindung des Gürtels einherging, dem Obi, wie eine Anziehpuppe über sich ergehen. Selbst als Harry eingetreten war, um sie abzuholen, hatte sie kaum reagiert, nur sein Hallo erwidert und dünnlippig gelächelt.
Jara sah auf, so als bemerke sie ihn jetzt das erste Mal in ihrem Ankleidezimmer. „Was?“
„Ich habe gefragt, ob alles in Ordnung ist. Ich habe erwartet, dich als nervöses, nägelkauendes Wrack vorzufinden, aber im Moment wirkst du eher, als wenn du ein paar Kilo Hanf geraucht hättest.“
„Du machst dir Sorgen? Danke, das ist süß von dir, Harry.“ Sie seufzte. „Ich habe einen Glückwunsch bekommen, der mir nicht mehr aus dem Kopf geht. Mikado-sama hat mir eine HPG-Nachricht geschickt.“
„Das war zu erwarten gewesen. Immerhin wirst du die Tochter seines Grafen und damit eine direkte Adlige unter ihm“, sagte Harry.
„Ja, so ähnlich hat er das auch formuliert. Und das alles werde ich sicher noch begreifen, irgendwann die nächsten Tage, wenn das hier alles vorbei ist und ich endlich in Ruhe nachdenken kann. Es hat mir noch jemand gratuliert.“ Ihr Blick wurde weniger fern und ruhte nun auf Copeland, um seine Reaktion einzuschätzen. „Es war Hohiro Kurita.“
Okay, das war beeindruckend. Copycat riss die Augen auf. „Nicht schlecht. Es bedeutet schon einiges, wenn der zukünftige Koordinator ausgerechnet dich kleine Landadlige zur Kenntnis nimmt.“ In Harrys Kopf schien es Klick zu machen, während die Erwähnung des Kronprinzen die draconischen Damen in helle Aufregung versetzt hatte. Zumindest für draconische Begriffe. Nur Maria ließ sich nicht aus der Ruhe bringen und band den Obi in aller Gemütsruhe zu Ende. Wenn diese Frau nicht zur ISA gehörte, dann niemand in diesem Raum, dachte der Colonel. „Dass er dich bemerkt hat, hat einen tieferen Grund.“
„Laut seiner Aussage beobachtet er meine Karriere, seit ich von den Wölfen zurückgekommen bin“, sagte sie. „Weil er Germaine im Blick hat, der im Kombinat hoch geschätzt ist.“
„Die erste Mission der Chevaliers. Die Kampagne gegen die Ronin. Man sagt, für den Alten wurde eine Teezeremonie abgehalten, bei der der uneheliche Sohn des Koordinators zugegen war. Theodore selbst soll symbolisch anwesend gewesen sein. Eine große Ehre. Ich verstehe, dass die Dracs die Chevaliers weiter beobachtet haben. Und damit auch dich. Darum mach dir keine Sorgen. Als Adlige bist du automatisch auf ihrer Seite.“
„Hoffentlich“, erwiderte Jara.
„Ja, hoffentlich.“ Harry grinste. „Aber da steckt noch mehr dahinter, richtig? Jetzt hat er einmal seine Augen auf dir, dem Blick wirst du nicht so schnell entkommen können.“
„Hast du eine Ahnung“, seufzte sie.
„So, fertig, Ojou-sama“, verkündete Maria. Sie befestigte noch eine Chrysantheme in ihrem Haar über dem rechten Ohr, trat zurück und ließ ihren Anblick auf sich wirken. „Wir sollten ein Abordnung der Hauswächter um Euch herum aufstellen, Ojou-sama, um den Ansturm besser kontrollieren zu können.“
„Keine Sorge. Ich werde mit gezogenem Säbel neben ihr stehen und sie mit meinem Leben verteidigen“, scherzte Harry. Er bot der jungen Frau seinen linken Arm an, da er Rechtshänder war und so die Rechte frei hatte, um Dienstwaffe oder Degen ziehen zu können. „Darf ich bitten, Rose der Chevaliers?“
„Sie dürfen“, sagte Jara gönnerhaft und legte ihre rechte Hand in seine linke Armbeuge. „Aber ich muss dich warnen, Harry. In dem Ding kann ich nur trippeln, nicht laufen oder geschweige denn gehen.“
Der Kommandeur der Chevaliers lachte auf. „Na, da haben wir ja endlich was gefunden, was dich ein wenig bremsen kann, Jara.“
„Ja, ja, mach nur Witze auf meine Kosten“, murrte sie gespielt.
„Das werde ich niemals nie machen. Ich habe ja keine Lust auf die einsame Sauerstoffwelt im Nirgendwo“, erwiderte er grinsend. „Wollen wir?“
„Wir wollen. Aber mach mich nicht schlechter, als ich bin. Es würde natürlich eine bewohnte Sauerstoffwelt werden.“
Harry lachte erneut. „Na, da bin ich aber beruhigt.“
***
Etwa zehn Minuten später musste sich Harry Copeland tatsächlich fragen, ob es nicht doch eine gute Idee wäre, seinen Säbel zu ziehen. Zumindest kam es Danton so vor, nachdem Harry ihm von seiner scherzhaften Aussage erzählt hatte – bevor der offizielle Empfang gestartet war. Ein Strom von Menschen schob sich in die gräfliche Residenz, und er als Hausherr, Miko als seine Verlobte und Jara als adoptierte Tochter empfingen die Neuankömmlinge, während sich Harry als Jaras Tischherr und neuer Herr der Chevaliers dazu stellen musste, um die Ankömmlinge zu begrüßen.
Die Ersten waren auch die ranghöchsten Gäste, die mehr Freude und eher weniger Probleme versprachen. Ganz vorne kam natürlich der planetare Gouverneur, Elden Parkensen, der Mann, der zu Lebzeiten bereits eine Legende war. Dann kamen die Offiziere der Eagles ab Majorsrang aufwärts und die Miliz-Anführer. Jara schaffte es, mit dem frisch beförderten Colonel Harry Klein ein paar Sätze zu wechseln, bevor er aus Höflichkeit seinen Platz für die Nachrückenden aufgeben musste. Dann folgten der Bürgermeister von Parkensen City nebst Frau, hohe Verwaltungsbeamte, Diplomaten, hintenan die geladenen Chevaliers, und dann... Dann kam das, was man als das Fußvolk der Party bezeichnen konnte. Beamte, ehemalige und aktive Krieger der Eagles und der Miliz, und, das war der unangenehmere Part, Menschen mit einer gewissen Berühmtheit aus dem Zivilleben der Stadt. Waren die ausländischen Diplomaten noch interessant für die junge Fokker-Danton gewesen – Germaine hatte darauf bestanden, dass, wenn sie einen Doppelnamen annahm, er genau in dieser Reihenfolge zu sein hatte, warum auch immer – und versprachen sie einen interessanten Abend, waren die Trividsternchen, Reichen, Berühmtheiten, Händler, und was sonst noch immer auf so einer Welt zu so einem Anlass eingeladen werden musste, erstens ein sehr undisziplinierter Haufen, und zweitens teilweise schon rüde im Auftreten und ihrer Art. Grund dafür war natürlich die Chance, mit dem neuen Stern der Gesellschaft, Jara Fokker, gesehen und fotografiert zu werden. Einige flirteten recht unverhohlen mit der jungen Frau; andere drängten sie zu Fotos. Wieder andere bekundeten durch die Blume recht eindeutiges Interesse an der höchstrangigen Junggesellin des Planeten. Was ihr an Rosensträußen geschenkt wurde – die Gärten rund um die Hauptstadt mussten furchtbar aussehen, jetzt, wo all die Blühpflanzen abgeerntet waren – konnte man mit ruhigem Gewissen als Flut bezeichnen. Genug, um einen kleinen Swimmingpool zu füllen.
Harry erwies sich dabei als hilfreicher Geist und Retter in der Not, da er, der Letzte in der Reihe, jene, die es zu bunt trieben, einfach zu sich herüber zog, ihnen die Hand schüttelte und sie dann dem Haushalt des Grafen überließ, damit sie platziert werden konnten. Dabei kam es genau zweimal zu einer Rangelei, denn für viele dieser Möchtegernprominenten war dies die wohl größte Chance, aus Jara Nutzen zu schlagen oder von ihr bemerkt zu werden. Aber letztendlich wagte es niemand, sich mit einem Mann anzulegen, der ihm Gegensatz zu ihnen über ein Regiment aktiver Soldaten gebot.
Letztendlich wusste sich aber auch dieser besonnene und überlegte Mann nicht anders zu helfen, als sich an Jara zu drücken, seinen linken Arm um ihre Schulter zu legen und alle weiteren Annäherungsversuche mit einem „Wir danken Ihnen sehr“, einem Händedruck und einem Verweis an die Dienerschaft abzublocken. Dass das die Gerüchteküche anheizen würde, war ihm dabei nicht so egal wie ihm Jaras Sicherheit wichtig war. Und ihr Geduldsfaden, denn der drohte zu reißen.

Daraufhin folgte die Verlesung der offiziellen Adoptionsurkunde durch Elden Parkensen, und die Menschenmenge im Ballsaal applaudierte artig bei der Übergabe der offiziellen Papiere an die stolzen Stiefeltern und das hübsche Adoptivkind. Im gleichen Atemzug trat Germaine ans Pult und verkündete noch einmal hochoffiziell Jaras Einsatz als Einheitserbin sowie ihre Beförderung zum Major. Dinge, die bekannt waren, zumindest jedem, der sich nicht nur für das blond umrahmte Engelsgesicht und den waffenscheinpflichtigen Hintern interessierte, dennoch kam es zum Blitzlichtgewitter der Presse, der Jara wie ein Halo umfing. Dann erst wurde sich zum Essen gesetzt, und jene Gäste, die ihre zweite Chance bei Jara ausprobierten, wurden bestimmt, aber nachdrücklich von der Dienerschaft zu den ihnen zugewiesenen Plätzen zurückgeführt. Hilfreich waren dabei zwei sehr gut angezogene, disziplinierte und augenscheinlich ein klein wenig tätowierte Draconier, die es sich augenscheinlich in den Kopf gesetzt hatten, Jara an diesem Abend hilfreich zu sein, ohne etwas von ihr zu wollen.
Jara und Copeland selbst nahmen am Haupttisch Platz. Jara als Teil der Familie rechts von Germaine, Harry rechts neben ihr, obwohl ihm eigentlich der linke Platz neben Miko zugestanden hätte. Ab hier hätte sie den Abend vielleicht genießen können, aber gerade jetzt schienen ihr sämtliche Lektionen darüber entfallen zu sein, wie man die verschiedenen Speisen korrekt zu sich nahm, welches Besteck für welchen Gang und welches Glas zu benutzen war. Und das war nur der erste von sieben exquisiten Gängen an diesem Abend. Zum Glück half ihr Harry aus, soweit er es vermochte, und für alle anderen Belange stand Maria diskret hinter ihr und flüsterte ihr hilfreiche Tipps zu.
Germaine registrierte nicht ohne Amüsement, dass die junge Frau jetzt wohl lieber in einer handfesten Schlacht gesteckt hätte als hier in diesem Ballsaal in der Grafenresidenz. Zum Glück aber konnte sie es sich jetzt nicht mehr anders überlegen.
***
„Eine C-Note für deine Gedanken“, sagte Harry. Er drückte Jara ein Sektglas in die Hand und stellte sich neben sie, um den gleichen Blick auf die Southern Sea zu genießen wie sie.
Dankbar nahm Jara das eisgekühlte Glas entgegen und nippte daran. Die Sonne ging unter, die ersten der vielen Sterne der Umgebung und des galaktischen Zentrums waren zu sehen, und obwohl das Essen beendet war und sich alle frei bewegen durften, wurde sie dankenswerterweise nicht erneut von ihren Verehrern, sie nannte sie ja bei sich lieber Nutznießer, überrannt. Das lag vor allem daran, dass die Chevaliers „ihre“ Jara mit einem sich abwechselnden Schutzwall verteidigten, den keiner der Möchtegernfreier so ohne weiteres überwinden konnte und es auch selten wagte. Dahinter standen die beiden Draconier, die sich bereits einmal zwischen sie und ihre Verehrer gestellt hatten. Und dann war da natürlich der Graf selbst, der nach dem Essen so viel Aufmerksamkeit wie möglich zu binden versuchte und ein oder zwei ernste Gespräche mit „Prominenten“ führte, die ihm bei der Begrüßung negativ aufgefallen waren.
„Ich denke gerade: Dankenswerterweise ist es fast vorbei, und ich kann in mein Cockpit zurück.“
Harrison Copeland lachte glucksend. „Nun.“
„Ich meine, diese Idioten. Nur weil ich jetzt so einen dämlichen Adelstitel habe, stellen sie mir nach. Wären meine Leute nicht, dann... Und diese beiden. Die Dracs. Die sind auch sehr hilfreich. Wer es an meinen Leuten vorbei schafft, den halten sie auf.“
„Napoléon und sein Sohn Enzo.“
„Da klingelt was bei mir.“
„Napoléon wird die Kaiko no Gumi in Dantonville anführen. Enzo, sein Sohn, ist sein Stellvertreter. Es sieht ganz so aus, als wollten sie nicht nur die Stadt beschützen, sondern auch ihre schönste Rose.“
Jara lächelte. „Danke. Ich weiß, dass ich gut aussehe. Schätze, ich sollte nachher mit den beiden reden und mich bedanken. Ich wollte mich ohnehin mit ihnen unterhalten. Nachher, wenn ich etwas Ruhe hatte und meine Gedanken sortieren konnte. Hat dieser Fitz, oder wie er heißt, dieser Fernsehtyp, mir tatsächlich einen Heiratsantrag gemacht, oder habe ich mich verhört?“
„Das war ein Heiratsantrag, in der Tat“, schmunzelte Harry. „Aber wer mag es ihm verdenken? Du bist heute so hübsch, Jara, für einige Eklats, die heute passiert sind, gelten mildernde Umstände.“
„Ist das so?“ Sie wandte sich dem Colonel zu. „Wirke ich heute denn so erotisierend?“
„Aber, aber, Jara. Du wirkst immer erotisierend.“ Er räusperte sich. „Du hast doch in den Spiegel gesehen, bevor wir aufgebrochen sind?“
„Habe ich. Ich fand es so in Ordnung.“
„Das dürfte die Untertreibung des Jahres sein, junge Dame. Aber am meisten wirkst du erotisierend, wenn du in deinem Waldwolf sitzt, und die Gegner der Chevaliers verprügelst.“
„Spötter“, sagte sie und wandte sich wieder dem Meer zu.
Harry schnaubte amüsiert. „Muss leider sein. Steht so in der Stellenausschreibung zum Kommandeur der Chevaliers. „Schräger militärischer Humor ist mitzubringen.“ Steht tatsächlich in meinem Vertrag.“
„Gut, dass ich bereits schrägen militärischen Humor beherrsche. Meinst du, es merkt irgendeiner, wenn ich mit meinen Verehrern tanze... In meinem Waldwolf?“
„Die paar Fettflecken im Ballsaal können wir unauffällig entsorgen, denke ich. Und fehlen werden diese Burschen auch nicht.“
„Und die Frauen“, fügte Jara mit leichtem Ärger in der Stimme an.
„Und die Fr... Was?“
„Du hast schon richtig gehört. Nicht nur Männer finden mich erotisierend, ich hatte auch das eine oder andere Angebot für ein Tète-á-Tète von der holden Weiblichkeit. Und die Worte, die die beiden Damen benutzt haben, möchte ich nicht mal denken.“
„Jetzt bin ich überrascht, junge Dame. Dass du das bemerkt hast...“
Jara winkte ab und nahm noch einen Schluck vom Sekt. „Sagen wir, ich entwickle Routine durch Erfahrung. Ich weiß allerdings nicht, wie ich auf diese Sicht der Dinge komme, obwohl sie so richtig erscheint. Als wäre ich plötzlich ein alter Mann, der seine Wünsche und Träume über mich hinweg propagiert. Kannst du mal nachsehen, ob Germaine mir vielleicht heimlich einen Funkempfänger hinters Ohr implantiert hat, Harry?“ Sie lachte, aber es war nur kurz. „Oder, und das ist die Alternative, in mir steckt irgendwie eine Art Diamant, der meine Persönlichkeit darstellt, und ein paar der Facetten sind Personen, andere sind besonders starke Emotionen, und in letzter Zeit ist es mir einfach nicht gelungen, die Facetten zu drehen und die weicheren anstrahlen zu lassen, und seither sind Disziplin, Pflicht und Dienst unaufhörlich im Rampenlicht, sodass ich in Gedanken ein alter, vergreister Soldat werde, und... Und...“ Sie seufzte. „Entschuldige, Harry, ich will dich nicht mit den Sorgen und Problemen eines Kindes belasten.“
„Das darfst du und kannst du jederzeit, Jara. Ich weiß, wir kennen uns noch nicht besonders lange, und es ist viel verlangt von mir, aber da ich eh auf einem Schleudersitz sitze, was diesen Job angeht, muss ich dir unendlich viel Vertrauen vorschützen. Ich bitte dich darum, mir ebenfalls dieses Vertrauen zu erweisen und ruhig mit allem zu mir zu kommen, was dich plagt, und womit du alleine nicht zurecht kommst. Germaine wird nicht immer in der Nähe sein, aber ich werde es sein. Hoffentlich. Falls du nicht als Nächstes die Höllenrösser oder die Sternennattern unterwanderst.“
Sie lachte, und Harry fiel ein. „Oh, danke, Harry, das tat gut. Das war ein wirklich guter Witz.“ Sie hob fragend beide Augenbrauen. „Das war doch ein Witz? Ich meine, ich weiß, dass es einen Wettpool in der Einheit gibt, der darauf wettet, in welchen Clan es mich als Nächstes verschlägt und wie lange ich brauche, um diesmal mit meinem eigenen Sternhaufen heimzukommen. Aber das ist doch nur ausgemachter Quatsch, eine Frozzelei. Vielleicht auch eine überspannte Erwartungshaltung. Und ehrlich gesagt weiß ich nicht, was mit mir passieren wird. Immerhin fängt meine Karriere gerade erst an. Aber noch mal von einem Clan entführt werden, das steht definitiv nicht in meiner Lebensplanung.“
„Dann, Jara Fokker-Danton, sehe ich keinen alten Soldaten vor mir, sondern eine junge, witzige, charmante und vor allem liebenswerte Frau vor mir, die sich gerade nur ein wenig in ihren Rollenklischees verrannt hat. Jara Fokker, das Mädchen, ist definitiv noch irgendwo da drin. Und ab und an solltest du sie auch mal raus lassen.“
„Emotionen sind nicht gut“, sagte sie. „Es ist einfacher, ich bin effizienter, wenn ich mich nicht um so dumme Dinge wie Emotionen kümmere.“
„Das sagst du. Abwärts geht es garantiert irgendwann, und bei uns Soldaten bedeutet dies, dass Tod und Gewalt über uns kommen und uns ausradieren. Entweder, es passiert uns, oder es passiert uns nicht. Und die Wahrscheinlichkeit ist eher hoch, dass es uns passiert. Aber es gibt einen Trick.“
Die blonde junge Frau sah ihn an. „Ein Trick? Was für ein Trick, Harry? Kann das besser werden?“
„Oh, es kann“, sagte der Colonel. Er legte eine Hand auf ihre linke Schulter und drückte leicht zu. „Leben, Jara. Das Geheimnis ist, nicht zu vergessen zu leben. Du wirst geboren, und du wirst sterben, das ist unumstößlich. Schlechte Zeiten kommen in jedem Fall, selbst wenn du dein Leben in absoluter Glückseligkeit verbringst. Irgendwann stirbt jemand, den du liebst, oder ein unerwartetes Unglück geschieht. Die Kunst besteht darin, zwischen solchen Ereignissen so viel zu leben, wie nur geht, so viele positive Erfahrungen zu sammeln, wie es möglich ist. Spaß zu haben. Gut, den Punkt sollte man nicht übertreiben, aber er sollte auch nicht zu kurz kommen.
Jara, deine Einheit hat eine sehr effiziente und, ja, tödliche Offizierin kennengelernt. Denkst du nicht, es ist unfair von dir, wenn du ihr Jara, die Freundin und Weggefährtin vorenthältst? Du musst viel mehr lachen, Jara. Viel mehr Zeit mit Menschen verbringen, die dir etwas bedeuten. Habe Spaß an dem, was du tust. Oder anders ausgedrückt, lass uns eine Band gründen.“
„Bitte, was?“
„Du hast das schon richtig verstanden. Du spielst Gitarre. Ich klimper gerne mal am Bass. Der Spieß spielt Flöte, das könnten wir sicher irgendwie einbauen. Und wenn ich mich recht entsinne, ist einer deiner neuen MechKrieger Marschtrommler, und die geben eigentlich brauchbare Drummer ab. Brauchen wir noch jemanden für den Gesang, oder übernimmst du das?“
„Bitte was? Außerdem spielt der Spieß nicht Flöte. Na, nicht nur. Da hängt manchmal auch ein Dudelsack dran, und das stelle ich mir für eine Band schon cool vor. Wir können ja...“ Jara stockte, sah den Vorgesetzten aus großen Augen an und fing schließlich so sehr an zu lachen, dass sie sich den Bauch halten musste. Sie hielt erst inne, als ihr das Glas wegen ihrer Atemnot fast aus der Hand fiel. „Du hast Ideen. Eine Band. Ich und singen. Und der Name? Jara and the Chevaliers?“ Ein dickes Grinsen lag auf ihrem Gesicht. „Warum eigentlich nicht? Ich wollte eh mehr Gitarre spielen. Und wenn man mit mehreren spielt, macht es irgendwie auch mehr Spaß und man strengt sich an.“
Spöttisch zog Harry eine Augenbraue hoch.
„Ja, schon klar. Vor allem aber hat man mehr Spaß. Zusammen. Wirklich, keine schlechte Idee, Harry.“ Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und hauchte dem Größeren einen Kuss auf die linke Wange. „Ehrlich gesagt hatte ich schon fast vergessen, wie das geht, dieses Lachen. Und wie gut es sich anfühlt. Danke, Harry.“
„Gern geschehen, Rose der Chevaliers.“ Er winkte nach innen, und einer der Hausdiener kam mit einem Tablett, auf dem zwei frische Gläser Sekt standen, auf den Balkon. Harry nahm die Gläser ab, bedankte sich und schickte den Mann wieder rein. Eines reichte er Jara. „Du gefällst mir auch viel besser, wenn du lachst, Jara. Dann fühle ich mich gleich nicht mehr ganz so alt“, sagte er mit einem Zwinkern.
Ein wenig Röte kam auf ihre Wangen.“Danke, Harry. Aber wenn du nicht aufhörst, meinen amtierenden Kommandeur runterzumachen, überlege ich mir das mit der Sauerstoffwelt wirklich noch mal.“
Nun war es an Harrison Copeland, verblüfft zu sein. Schließlich aber lachte er. Als er endlich innehielt, sah er die junge Einheitserbin an uns sagte schlicht: „Danke, Jara.“
„Gern geschehen.“ Sie sah wieder hinaus auf den größenwahnsinnigen See, der sich Southern Sea nannte. „Bleiben wir noch etwas, bevor ich wieder rein muss?“
„Wir bleiben noch, Major Fokker. Das ist ein Befehl.“
„Endlich mal ein Kommandeur, der mir gefällt“, erwiderte sie lächelnd. „Und um darauf zurückzukommen, dass ich vielleicht tanzen muss, wie schnell kann mein Waldwolf hier sein?“
„Jara“, mahnte Harrison grinsend.
„Gut, gut, aber der Gedanke ist eben zu verlockend.“
Harry stieß mit ihr an. „Ich weiß. Aber sich nicht alles zu gönnen bedeutet auch zu leben, Major Fokker. Auf die Rose der Chevaliers.“
Sie schüttelte den Kopf. „Auf alle Chevaliers. Mögen sie noch lange die Innere Sphäre unsicher machen, egal unter wessen Kommando.“
Es gab etliche Beobachter dieser Szene, und nicht viele waren das, was man unbeteiligt nennen konnte. Aber der Mehrheit bot sich hier das Bild, dass ein starkes Team aus der Taufe gehoben wurde.

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Angry Eagles

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