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Zum Ende der Seite springen Hinter den feindlichen Linien - Season 7 - Zwischen Himmel und Hölle
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Cunningham Cunningham ist männlich
Captain


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5th Syrtis Fusiliers - Pillage and looting since first succession war


20.12.2018 11:20 Cunningham ist offline E-Mail an Cunningham senden Homepage von Cunningham Beiträge von Cunningham suchen Nehmen Sie Cunningham in Ihre Freundesliste auf
Tyr Svenson Tyr Svenson ist männlich
Lieutenant


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Zentralsystem des Akarii-Imperiums


Das Shuttle drehte bei, verlangsamte und glich seine Geschwindigkeit der sehr viel größeren XAN an. Auch wenn das Schiff bestenfalls von mittlerer Größe war, wirkte das Shuttle daneben wie ein Schiffshalter, der sich an einen Weißen Hai heften wollte. Und dennoch bestand die Möglichkeit, dass das so winzig wirkende und nur schwach bewaffnete Shuttle das Schicksal der XAN mit sich trug. Oder zumindest das Schicksal ihrer Passagiere…

Cpatain Thera Los überprüfte noch einmal den Sitz ihrer Uniform – ein nervöser Tick, der nicht wirklich dabei half, ihre unguten Vorahnungen zu unterdrücken. Die voll aufgeladene und entsicherte Laserpistole in ihrem Gürtelholster und die vier bewaffneten Marines hinter hier – sowie das knappe Dutzend in voller Gefechtsausrüstung, die in Rufweite warteten – waren da schon ein wenig wirkungsvoller, aber eben doch nicht wirklich genug. Sie unterdrückte den Impuls, sich zu den Marineinfanteristen umzudrehen oder gar noch einmal Admiral Taran anzufunken. Beides hätte sie schwach wirken lassen – und das konnte sie sich nicht leisten. Nicht ausgerechnet jetzt. Die Würfel waren geworfen. Jetzt blieb nur noch, die Augen zu zählen. Kurz zuckten ihre Hände, die sie hinter dem Rücken verschränkt hatte, direkt neben dem Pistolenholster. ‚Oder den anderen Spieler über den Haufen zu schießen.‘ Wenn sie sich nur sicher gewesen wäre, dass das tatsächlich etwas bringen würde…
Ein leiser Summton und das Aufleuchten einer Signallampe informierten Thera Los, dass der Druckausgleich erfolgt war. Unwillkürlich straffte sie sich, unterdrückte noch einmal den Drang, nach der Waffe in ihrem Gürtel zu tasten – und biss die Zähne zusammen, als die Sicherheitsluke aufglitt.

Der Captain, der das Shuttle betrat, war in mehrfacher Hinsicht eine Überraschung. Zum einen war er jung, vielleicht in Thera Los Alter. Außerdem war er alleine – sie hatte damit gerechnet, dass wer auch immer in dem Shuttle war, zumindest einen Adjutanten mitbringen würde. War das ein gutes Zeichen – oder ein schlechtes?
Ansonsten…der Offizier war hochgewachsen und breitschultrig, bewegte sich mit der wachsamen Eleganz eines Drehh-Fechters, was ihm in Kombination mit der dunklen Dienstuniform und dem dunkelgrauen Farbton seiner Schuppen eine leicht bedrohliche Aura verlieh. Gutaussehend war er – und sich dessen anscheinend auch bewusst. Thera Los stutzte. Dunkelgraue Schuppen? Das konnte doch nicht sein. Der einzige hochrangige Akarii-Offizier mit dieser Schuppenfärbung, den sie bisher kennengelernt hatte war…
„Captain. Ich bin Yelak Taran. Bringen Sie mich zu meinem Bruder.“
Das kam ebenso überraschend wie logisch, sodass Thera Los ein paar Augenblicke nicht viel mehr tun konnte, als den – jüngeren? –Bruder des Admirals anzustarren. Offenbar einige Herzschläge zu lange: „Gibt es ein Problem, Captain? Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit.“
Unwillkürlich stellte sich Thera Los Nackenkamm auf: „Sie hatten Zeit genug, hierzufliegen, CAPTAIN. Angesichts einer Flugzeit von wie viel – zehn Stunden? – sollten fünf Sekunden Sie nicht belasten. Identifizieren Sie sich.“
„Ich sagte doch bereits…“
„Ich habe Sie gehört. Jetzt würde ich gerne eine Bestätigung dafür erhalten.“ Sie spürte die Anspannung der hinter ihr stehenden Marinesoldaten. Vielleicht hätte sie einen etwas weniger konfrontativen Ton anschlagen sollen. Aber sie kannte ihre Pflicht. Trotz der offensichtlichen Ähnlichkeit – wenngleich Yelak Taran muskulöser war als sein älterer Bruder – und obwohl sie irgendwann schon mal eine allerdings schon etwas veraltete Aufnahme von Admiral Tarans Bruder gesehen hatte, durfte sie nichts als gegeben hinnehmen. Sich unter einer falschen Identität Zugang zur Zielperson zu verschaffen, war ein beliebter Meuchelmörder-Trick. Zumindest, wenn man nicht die Fähigkeiten der Cha’kal besaß, die angeblich durch Wände gehen konnten und nicht einmal durch das Vakuum des Weltraums aufhalten ließen.
Außerdem genoss sie die Möglichkeit, dem für ihren Geschmack etwas zu selbstsicheren Neuankömmling seine Grenzen aufzuzeigen. Gerade WEIL sie bis vor ein paar Sekunden halb damit gerechnet hatte, sich vor den Läufen eines Enterkommandos wiederzufinden. Das war vielleicht nicht klug – die Nerven lagen auch so blank – aber nur natürlich.

Offenbar war sie allerdings nicht die einzige, deren Zivilisationslack leichte Kratzer zeigte: „SIE…“, der Captain schluckte herunter, was er offensichtlich hatte sagen wollen, und aktivierte mit einer abgehakten Bewegung die Identifikationssoftware seines Handgelenkkoms.
Kurz zuckte es um Thera Los Mundwinkel, auch wenn sie es sich verbot, ihre Befriedigung zu offensichtlich zu zeigen, während sie die überspielten Daten sichtete. Yelak Taran wippte währenddessen ungeduldig mit dem Fuß – freilich ohne Thera Los zur Eile drängen zu können.
Die Identifikation schien zu stimmen – wenn auch die Freigabeorder für den Flug etwas vage wirkte. Thera Los runzelte die Stirn. Konnte es sein, dass…
Dann erinnerte sie sich. Wie sein älterer Bruder hatte Yelak Taran zu der sich gegen Prinz Jor formierenden Offiziersverschwörung gehört, die nach ihrem Scheitern zwar geschwächt aber nicht völlig zerschlagen worden war und immer noch einen nicht zu unterschätzenden Machtfaktor darstellte. ‚Interessant. Ist er ein Bote der Fronde? Oder geht es Yelak darum, seinen Bruder zu warnen? Es geht auf jeden Fall nicht nur darum, ihn zu Hause willkommen zu heißen.‘

Offenbar dauerte ihre Inspektion Yelak Taran zu lange: „Was ist eigentliche Ihre Funktion? Sind Sie Captain der XAN?“
„Captain Okami ist auf der Brücke. Mein Name ist Thera Los. Ich bin Stabschefin von Admiral Taran.“
Ihr Name schien dem Bruder des Admirals nichts zu sagen. Thera Los war sich nicht sicher, ob sie darüber froh oder ein klein wenig beleidigt sein sollte. Und deshalb schwang in Ihrer Stimme immer noch eine leichte Schärfe mit: „Und da Sie jetzt nicht nur meinen Namen sondern auch meine Position kennen, wäre es schön, wenn wir da gleichziehen würden. Oder ist das hier ein Familienbesuch?“
Kurz zuckte es in dem Gesicht von Yelak Taran – ‚Treffer!‘ – aber seine Stimme blieb sarkastisch wie vorher: „Ich komme von der Admiralität. Und da ein Captain bei der Admiralität wohl den Captain eines Admirals aussticht, wie wäre es, wenn Sie mich endlich zu `Kas bringen würden?“
Thera Los hätte die Behauptung Yelaks zwar zur Diskussion stellen können, entschied sich aber dagegen. Zumindest für den Augenblick. Sie signalisierte den Marines, zurückzubleiben und wandte sich brüsk um: „Kommen Sie schon!“

Statt hinter ihr zu bleiben, setzte sich Yelak Taran neben sie, auch wenn das in den engen Gängen des Kurierschiffes etwas zu eng war, um wirklich bequem zu sein: „Stabschefin sagten Sie? An Bord eines Kurierschiffs? Und sehr viel scheinen Sie ja nicht über meinen Bruder zu wissen, da Sie mich nicht erkannt haben. WAS GENAU ist eigentlich Ihre Aufgabe?“
‚DAS schon wieder.‘ Langsam war Thera Los es leid. Nicht, dass sie sich dafür schämen würde, hin und wieder von ihrem Aussehen profitiert zu haben. Aber dass manche automatisch davon ausgingen, dass das das einzige – oder zumindest erste – war, dem sie ihren Rang verdankte, war schon ziemlich beleidigend.
„Ich dachte, Sie sind beim Stab der Admiralität. Dann sollten Sie eigentlich die Aufgaben eines Stabschefs kennen. Wenn auch nicht aus eigener Erfahrung. Und was mir Ihr Bruder erzählt hat…
Nun, er hat mir zum Beispiel von seiner Verlobten erzählt.“ Das Erreichen des gemeinsamen Ziels verhinderte, dass Yelak die nächste verbale Salve abfeuern konnte, die er zweifellos bereits vorbereitet hatte. Thera Los nickte den beiden Soldaten zu, die vor Admiral Tarans Quartier Wache hielten und betätigte den Summer. Fast lautlos glitt die Kabinentür auf – der Admiral hielt sich nicht damit auf, die Gegensprechanlage zu aktivieren.

Ganz offenbar hatte auch er nicht mit DIESEM Besuch gerechnet: „Was bei allen Göttern der Sternenleere machst DU hier?!“
Über das Gesicht von Yelak Taran huschte ein rasches, fast spitzbübisches Lächeln: „Hallo Bruder. Das ist genau die Begrüßung, die ich erhofft habe.“
„Ist irgendetwas geschehen? Hast du…“
Yelak Taran winkte ab: „Entspann dich. Es geht allen gut. Na ja – zumindest allen, auf die es ankommt…“
Thera Los fragte sich, ob Tarans Bruder damit vielleicht den kürzlich verstorbenen Kriegsminister meinte. ‚Allerdings, SO neu ist das nun wieder auch nicht.‘
Währenddessen fuhr Yelak fort: „Und du musst auch keine Angst haben, dass diesmal ICH in die Peripherie verbannt werde. Außerdem wäre das auch ein verdammt schlechtes Timing, wo du gerade dein Flottenkommando abgegeben hast.“
Thera Los verdrehte die Augen. Dass Admiral Taran seine ‚Versetzung‘ in den Draned-Sektor seiner Beteiligung an der Offiziersfronde verdankte, war ein offenes Geheimnis. Aber dennoch nichts, was man leichtfertig vor einigen Marines erwähnen sollte.
Offenbar war ihr Vorgesetzter derselben Meinung: „Nun komm schon rein, bevor mich die Rührung überwältigt. Und du bist doch sicherlich nur hierhergekommen, weil du glaubst, dass ich deine schlechten Witze vermisst habe.“ Während er seinen Bruder in sein Quartier dirigierte, warf er Thera Los einen kurzen Blick zu und fuhr sich mit einem Finger der rechten Hand unauffällig über die linke Seite seines Halses. Thera Los neigte leicht den Kopf und wandte sich zum Gehen, während sich das Kabinenschott hinter den beiden Taran-Brüdern schloss.

Keine zwei Minuten später lehnte sie sich zurück und erlaubte sich ein kurzes Lächeln. Ganz offensichtlich war Yelak Taran NICHT an Bord gekommen, um seinen Bruder zum Selbstmord zu überreden. Und offensichtlich würde auch niemand anderes mit dieser Aufgabe betraut werden. ‚Zumindest vorerst.‘ Außerdem hatte sie sichergestellt, dass niemand das Gespräch der beiden Brüder belauschen würde. Nun ja, niemand – außer ihr.

„Ihr habt WAS versucht?!“
„Du hast mich schon verstanden! Und vor ein paar Jahren haben wir immerhin fast dasselbe schon einmal geplant. Vor deinem ‚Urlaub‘ im Draned-Sektor klang das bei dir noch ganz anders, als es um Jor ging. Also spar dir deine Entrüstung!“
„Damals hatten wir aber unter anderem eine ganze Reihe Admiräle, Generäle, Gouverneure und einen Marschall hinter uns! Nicht nur ein paar subalterne Offiziere, unzufriedene junge Adlige und eine Handvoll desillusionierter Gardisten. Die Offiziersfronde wurde dezimiert…“
„Da bist du nicht mehr auf dem Laufenden. Du bist nicht der einzige, den sie aus der Verbannung nach Hause holen.“
„Und ihr hattet nicht einmal die traurigen Überreste der Fronde hinter euch.“
„Mehr als du denkst. Und es wären noch wesentlich mehr gewesen, wenn Rallis und diese anderen alten Fossile nicht…“
„Dass ihr ausgerechnet auf DEN gesetzt habt, zeigt doch schon, wie verzweifelt ihr wart.“
„Du solltest ihn nicht unterschätzen. Und er war der einzige in der kaiserlichen Familie, der offen gegen die Allecars Stellung bezogen hat!“
„Abgesehen von Tobarii, meinst du.“
„Bah! Nur als er nicht mehr ignorieren konnte, dass Dero Allecar es mit seiner Frau treibt! Davor waren die beiden ein Herz und eine Seele in der Anbiederei an die Menschen. Es war so widerlich…“
„Was wirfst du den beiden eigentlich vor? Wir brauchten den Frieden mit der Konföderation. Ansonsten…“
„Hätten die CN und TSN Illis‘ Flotte im Raum zerfetzt, ich weiß. Es ging mir…uns doch nicht darum, DAS der Frieden mit der Konföderation geschlossen wurde. Sondern WIE.
Wie beide sich darin überboten haben, die Glatthäute als die besseren Akarii zu präsentieren.“
„Ich hoffe sehr, dass das nicht alles war, was euch dazu bewogen hat, einen Staatsstreich zu planen. So einen Blödsinn erwarte ich vielleicht von ein paar durchgeknallten Expansionisten im Gefolge von Jor und Karrek Thelam, aber von dir…“
„Und da liegt dein Irrtum. Für dich ist Dero immer noch der Nichtsnutz, mit dem du dich vor zwanzig Jahren herumgetrieben hast. Klar, heute vögelt er die Prinzessregentin, aber abgesehen davon…“
„Sei nicht so vulgär! Du spricht über eine kaiserliche Prinzessin.“
„Nau und? Immerhin ist es wahr! Und dank den verstiegenen Ambitionen der Allecars weiß das inzwischen das ganze Imperium. UND unsere Gegner. Was meinst du, was das für die Moral unserer Truppen oder das Ansehen des Imperiums bedeutet – gerade jetzt? Mal abgesehen davon, dass Dero auch noch den Kriegsminister umbringen musste! Und das alles nur, weil Meliak Allecar und sein widerlicher Sprössling es sich in den Kopf gesetzt haben, dass jetzt SIE an der Reihe sind.
Vor unseren Augen rollt ein verdammter Staatsstreich ab! Und nur wir waren bereit, das Richtige zu tun!“
„Indem ihr selber einen Putsch lostretet? Und dazu noch einen schlecht vorbereiteten!“
„Wir wollten die Dinge wieder ins Lot bringen!“
„Hast du vergessen, warum wir uns damals gegen Jor gestellt haben? Es ging uns nicht darum, irgendeine Blutlinie oder Dynastie auf den Thron zu bringen oder sie dort zu halten. Es ging darum, einen verblendeten Dilettanten die Waffen aus der Hand zu schlagen, mit denen er in seiner Dummheit ins Fleisch des Imperiums schnitt…“

Thera Los hätte beinahe aufgelacht. Sie erkannte diese Worte, auch wenn sie bezweifelte, dass ihr Vorgesetzter sich dessen bewusst war, dass er aus dem Zyklus ‚Der blutige Himmel‘ zitierte.

„Und das gleiche haben wir versucht.“
„Dero ist nicht Jor. Er ist nicht der Kronprinz, er ist nicht Kriegsminister – und schon gar nicht ist er ein Großadmiral. Er war Sonderbotschafter und hat uns einen Frieden gesichert, dank dem wir wieder in die Offensive gehen konnten. Dass er Tobarii herausgefordert hat, das WAR eine Dummheit – aber das macht ihn nicht zu Jor. Er hat weder einen Krieg zur falschen Zeit vom Zaun gebrochen und mit der falschen Strategie geführt, noch damit angefangen, die Streitkräfte nach irgendwelchen vorsintflutlichen Vorstellungen zu säubern und unsere besten Kommandeure kaltzustellen.“

Thera Los fragte sich, ob Admiral Taran damit auch sich selbst meinte. Vermutlich, denn er litt nicht unter falscher Bescheidenheit. Vielleicht hatte seine Opposition gegenüber Prinz Jor schon an dem Tag begonnen, als der Kronprinz den unter anderem von Taran entworfenen Plan für die Mantikore-Offensive drastisch verändert hatte, um seinen sehr viel weitreichenderen und waghalsigeren Offensivplänen zu entsprechen.

„Du warst nicht hier. Während deiner Zeit im Exil hat sich vieles geändert. Du hättest miterleben sollen, wie Dero und Tobarii mit ihrer idiotischen Seid-doch-nett-zu-den-Menschen-Strategie die Flotte gespalten, die Reformer diskreditiert und die Traditionalisten gegen sich aufgebracht haben, nur um sich dann gegenseitig an die Gurgel zu gehen! Die kaiserliche Dynastie und die Reformbewegung wird sich vielleicht nie wieder von diesem Schlag erholen – und dass jetzt, da wir gleichzeitig eine starke Führung UND die Bereitschaft und die Fähigkeit zur Reform brauchen. Einen Schritt zu kurz, und die Völker des Imperiums werden sich gegen uns wenden – und dann werden die T’rr-Rebellionen nicht mehr als ein Vorspiel sein.“
„Glaubst du, das weiß ich nicht? Was meinst du, warum…“
„Und einen Schritt zu weit, und wir versinken endgültig im Bürgerkrieg. Dann gibt es kein Imperium mehr, nur noch einen zerfetzten Torso, eine zerbrochene Flotte, die sich selber zerfleischt, während die Menschen, die Peshten und wer weiß noch sich nach Belieben Stücke aus dem Leichnam des Imperiums reißen.“

Offenbar war Mokas Taran nicht der einzige, der die alten Klassiker gelesen hatte. Nun ja, die traditionelle Ausbildung der alten Adelsfamilien. Die Bürde, die eine bis in die Akarii-Antike zurückreichende Ahnenreihe nun einmal mit sich brachte. Thera Los war froh, dass ihr dieses Schicksal erspart geblieben war.

„Und deshalb brauchen wir eine starke Führung!“, fuhr Yelak leidenschaftlich fort: „Aber wen haben wir jetzt? Der Kaiser ist tot. Der Kronprinz auch – und das ist gut so! Und alles, was übrigbleibt, ist eine Prinzessregentin, deren Liebhaber ihren Ehemann ermordet hat. Ob der alte Meliak den Thron für seinen Sohn will oder nur für seinen Enkel...glaubst du, das wird nicht auf Widerstand stoßen? Das kann der Funke sein, der das Reich endgültig zerreißt. Du hast nicht erlebt, wie die Allecars angefangen haben, sich am Hofe breitzumachen. Wir MUSSTEN handeln, bevor sie sich endgültig festgesetzt hatten.“
„Wer auf dem Thron sitzt, ist mir ehrlich gesagt ziemlich gleichgültig. Solange er die Flotte und die Armee das tun lässt, was nötig ist.“
„Und dazu setzt du auf DERO?!“
„Warum denn nicht? Ich gehe mal davon aus, dass er sich nicht auf einmal einbildet, über Nacht zum Flottenstrategen berufen worden zu sein, wie ein anderer Thronprätendent den wir beide gekannt haben. Dero…ist bereit zuzuhören. Und die Allecars werden die Flotte UND die Armee brauchen. Männer – und Frauen – die ihnen zeigen, wie man das Imperium schützt, bewahrt und wieder in ruhige Gewässer führt. Und dann stehen wir bereit. So wie es die Tarans schon seit Jahrtausenden getan haben. Nicht weil wir dazu gezwungen werden. Sondern weil wir es WOLLEN.“
„Du klingst schon genauso wie Vater!“
„Danke…glaube ich.
Aber verrate mir doch, wen wolltet ihr anstatt dessen auf dem Thron? Rallis? Navarr? Sag bitte nicht Lisson oder Karrek Thelam. SO verzweifelt könnt nicht einmal ihr gewesen sein.“
„Rallis und Navarr…waren unsere beste Chance. Ob als Regenten oder auf dem Thron – das hätte Stabilität bedeutet. Jedenfalls sehr viel mehr, als ein ungeborener Imperator mit einer…beschädigten Prinzessregentin und einem Allecar an ihrer Seite. Oder gar einem Allecar auf dem Thron.
Lisson…hat keinen Herrscherwillen. Und Karrek…“
„Ist dir nie der Gedanke gekommen, dass genau DAS das Ergebnis hätte sein können, selbst WENN ihr Erfolg gehabt hättet? Dass während ihr euch mit den Allecar-Loyalisten herumschießt und verzweifelt darum bemüht seid, die Reste der Heimatflotte unter Kontrolle zu bekommen und so etwas wie Normalität und Legitimität vorzugaukeln, Großadmiralin Lay Rian, gestützt auf ihr Amt UND ihre Flotte auf die Idee kommen könnte, ‚ihren‘ Thelam auf den Thron zu hieven?“
„Lay Rian ist keine Idiotin. Sie HASSTE Jor – sie will ganz bestimmt nicht seine Reinkarnation auf dem Thron. Und sie ist Loyalistin.“
„Loyal WEM gegenüber? Dem REICH? Der DYNASTIE? Diesen Schlachtruf kann man sehr verschieden meinen…
Und wenn ihr gescheitert wäret…“

Der Admiral schwieg kurz und statt Ärger und Frustration schwang jetzt etwas anderes in seiner Stimme mit, eine Emotion, die Thera Los nicht sofort einordnen konnte.

„Was wäre dann mit Vater gewesen? Was mit Ciara? Ist dir klar, dass…wenn ihr gescheitert wäret, wenn du…
Was hätte ich dann tun sollen? Was wäre mir übrig geblieben, als in den Draned-Sektor zu flüchten und die Flotte, die ich für das Imperium geschaffen habe, in den Aufstand zu führen? Und bei diesem Versuch entweder zu sterben – oder den Bürgerkrieg zu beginnen, den ihr verhindern wolltet.“
„Was redest du da für einen Unsinn? Du hättest…“
„Du bist mein BRUDER. Im Guten wie im Schlechten. Wir haben uns gemeinsam gegen Jor gestellt. Wenn ihr jetzt tatsächlich losgeschlagen hättet und GESCHEITERT wäret…
Ich wäre so oder so ein Toter auf Abruf gewesen. Einen…Verrat hätte man mir vielleicht nachgesehen. Aber einen zweiten…“

Einige Augenblicke herrschte Schweigen und Thera Los fragte sich schon, ob der Admiral bemerkt hatte, dass die Komm-Anlage aktiviert war und sie abgeschaltet hatte. Doch dann erklang wieder seine Stimme, jetzt mit einem leicht melancholischen Unterton, den die Stabschefin aus einigen der Gespräche mit ihrem Vorgesetzten kannte: „ Das bringt doch alles nichts. Also, wo stehen wir?“
„Was meinst du? Pan’chra? Oder wir beide, Bruderherz?“
Die Antwort war ein amüsiertes Schnaufen: „Fangen wir erst mal mit der Situation in der Hauptstadt an und den Scherben eures geplanten Putschversuches. Was das ‚uns‘ angeht, verschieben wir lieber noch ein bisschen. Bis ich nicht mehr den Wunsch verspüre, dir eine zu kleben, Brüderchen.“
„Na, das möchte ich mal sehen…
Pan’chra…keiner weiß so genau, wie es jetzt weitergeht und was die neuesten Entwicklungen für den Kampf um den Thron bedeutet.“
„Aber die Allecars sind auf dem Vormarsch, sitzen jedoch nicht gerade fest im Sattel. Damit können wir arbeiten. Gut.“
„Na ja. Du wärst nicht der erste, der erst im Nachhinein merkt, dass das Nuron, dass er reiten wollte, in Wirklichkeit ein ungezähmtes Akiti ist.“

Das Nuron war ein vierfüßiges, warmblütiges Reptil von Akar, das schon seit vorgeschichtlicher Zeit von den Akarii als Fleisch- und Lederlieferant, dann als Trage-, Zug- und Reittier domestiziert wurde.
Beim Akiti hingegen handelte es sich um ein sehr viel schwerfälligeres, wechselwarmes und mehr als doppelt so schweres Reptil, das zwar als ein wertvoller Fleisch- und Lederlieferant galt, für Trage- oder Zugdienste jedoch aufgrund seiner Größe, der unterarmlangen Hauer und dem gefährlichen Naturell ungeeignet und nur mit begrenztem Erfolg in den Kriegen der Akarii-Antike als eine Art ‚lebender Panzer‘ eingesetzt worden war.

„Was ist mit den Thronprätendenten?“
„Rallis…der dürfte wie immer auf die Füße fallen.“
„Ja, auch wenn es die Füße von jemand anderem sind.“
„Autsch. Er ist nämlich nicht gerade leichter geworden in den letzten Jahren.
Navarr…haben sie mit Marschall Parin und Admiral Kjani Rau in Richtung Draned-Sektor in Bewegung gesetzt. Zusammen mit oder gefolgt von einer kompletten Trägerkampfgruppe, wenn nicht noch mehr. Wie du ohne Zweifel weißt.“
„Allerdings. Was ich allerdings immer noch nicht weiß ist, wer dahinter steckt. Einen der aussichtsreichsten Thronprätendenten mit zwei derartig hochkarätigen Offizieren – und zusätzlichen Schiffen – in die Peripherie abzustellen...“
„Und dann wäre noch Karrek. Zuerst dachte ich ja, man hätte ihn ebenfalls kaltgestellt, als man ihn zu Lay Rian abgeschoben hat. Aber wenn ich mir das jetzt so ansehe…“
„Haben wir bald ZWEI Thelam-Prinzen mit einer Flotte. Vielleicht seid ihr ja nicht die einzigen, die einer…zu ambitionierten Politik der Allecars vorbeugen wollen.“
„Ja…die Allecars. Die machen sich inzwischen breit wie ein Schimmelpilz. Angeblich haben sie schon bei Rallis wegen Prinzessin Linais Hand nachgefragt.“
Admiral Taran schnaubte: „Ich kann nicht glauben, dass Dero so unverfroren ist. Das war bestimmt sein Vater. Was hat Rallis gesagt?“
„Das weiß keiner so genau. Auch wenn ich gehört habe, dass einige der Alternativbeschäftigungen, die er Meliak Allecar – UND dessen Sohn – vorgeschlagen hat, sehr…farbig gewesen sein sollen.“
„Und Linai?“
„Hält erst einmal formelle Trauer. Es heißt, man hätte sie aufgefordert, die Kaiserliche Garde zu mobilisieren…“
„Wart ihr das?“
„SO verzweifelt waren wir nun wieder auch nicht. Und es hätte sowieso nichts gebracht. Sie tut…gar nichts.“
„Vielleicht ist das erst mal das klügste. Abwarten, bis sich der Staub etwas gelegt hat.“
„Wenn dann überhaupt noch etwas zu tun übrig BLEIBT. Wenn die Allecars genug Zeit haben, sich einzugraben…außerdem laufen Linai jeden Tag, den sie mit Nichtstun verbringt, die Gefolgsleute davon. Zu den Allecars, zu Rallis.“
„Zur Fronde…“
„Wir tun unser Bestes. Und das wär es…“
„Was ist mit Lisson Thelam?“
„Ach verdammt, den habe ich vergessen. Aber das kommt häufiger vor.“
„Manchmal nicht die schlechteste Position um zu starten. Die in der ersten Reihe…“
„Werden als erste erschossen, ich weiß. Aber wenn du jetzt wieder mit Imperator Clodus kommst, dann muss ich dich daran erinnern, wie das letztendlich ausging.“

Imperator Clodus war in einer recht turbulenten Phase der Spätantike auf den Thron gekommen, weil er nach einer blutigen Palastrevolte der einzige männliche Überlebende der herrschenden Kaiserlinie war. Die aufständischen Mitglieder der kaiserlichen Garde hatten den Gelegenheitshistoriker und Freizeitgelehrten ganz einfach vergessen. Als loyale Verbände die Überhand gewannen, fanden sie Clodus in der Palastbibliothek und erhoben ihn umgehend zum Kaiser. Er hatte seine Sache erstaunlich gut gemacht und bescherte dem Reich zwanzig Jahre dringend benötigten Frieden. Nur seine Familienpolitik erwies sich als katastrophal, sodass das Reich nach seinem Tod in einen Bürgerkrieg stürzte, aus dem Xias der Blutige als Sieger hervorging. Dieser wiederum hatte sein Ende gefunden, als sein Blutdurst in Wahnsinn umschlug. Das Haus Allecar und Taran hatten dabei eine wichtige Rolle gespielt…

„….natürlich hat er noch ein paar unverheiratete Töchter, die durchaus noch eine Rolle spielen könnten. Wenn sie passend heiraten, dann könnte Lisson tatsächlich ein Fokus für den Widerstand gegen die Allecars werden. Vor allem, wenn er seine Schmuckstücke mit einem der anderen Thronprätendenten verheiratet…“
Der Admiral schnaubte wieder: „Ich nehme mal an, die fraglichen Damen wollen da auch noch etwas mitzuentscheiden haben. Und wen meinst du bitteschön? Navarr ist wohl etwas jung für die beiden.“
„Gar nicht mal so sehr.“
„Und Rallis ist zu alt.“
„Geht so.“
„Und Karrek…ich hoffe, Lisson ist nicht SO desperat.“
Yelak Tarans Stimme gewann einen leicht sarkastischen Ton: „Das sind natürlich nicht die einzigen möglichen Kandidaten. Es gibt noch den ein oder anderen, der kaiserliches Blut in den Adern, einen Sieg auf seinem Schild und – vielleicht – sogar eine Flotte in der Hinterhand hat. Oder was meinst du, `Kas?“

Die Antwort ließ einige Sekunden auf sich warten, vermutlich weil es Thera Los Vorgesetzten die Sprache verschlagen hatte. Was sie selber anging, so konnte sie sich ein boshaftes Kichern nicht ganz verkneifen.

„Du spinnst doch, Yelak.“
„Was meinst du, warum ich Ciara nicht auf meinen kleinen Trip mitgenommen habe?“
„Hättest du das gemacht, dann hätte ich dich wohl wirklich zusammenschlagen müssen.“
„Warum das denn?“
Auf einmal gewann die Stimme des Admirals an Schärfe und Härte: „Weil ich nicht will, dass sie dabei ist, falls ich verhaftet oder gleich vor ein Erschießungskommando gezerrt werde.“
Thera Los war sich nicht sicher, ob Yela realisierte, wie ernst es seinem Bruder bei diesen Worten war. Falls der jüngere Taran es bemerkt hatte, so war er offenbar sofort zu dem Entschluss gekommen, das lieber zu ignorieren oder vielmehr zu überspielen: „Und ich dachte, weil du Angst hattest, Ciara würde beim Anblick deiner ‚Stabschefin‘ die falschen Schlüsse ziehen. Oder vielleicht die richtigen?“
„Was redest du schon wieder für einen Schwachsinn?!“
„Du musst doch zugeben, das Mädchen ist zum Anbeißen.“
„CAPTAIN Los ist ein fähiger Offizier. Sie ist loyal – jedenfalls insoweit das unter diesen Umständen möglich ist. Und sie verabscheute Jor.“
„Verstehe.“
„Dass Sie daneben auch angenehm anzuschauen ist…“

Thera Los runzelte die Stirn. Sie schätzte sich schon etwas besser ein.

„…ist mir nicht entgangen. Und kann manchmal durchaus von Vorteil sein – und sei es auch nur, weil sie und auch ich deswegen unterschätzt werden. Aber wenn ich bei der Zusammenstellung meines Kommandostabs nach solchen Maßstäben vorgegangen wäre, dann hätte ich mich wohl eher an einer Konkubinenschule umsehen sollen. Ich wähle meine Vertrauten nach ihrer Leistungen, ihrem Können und ihrem Potential aus.“
„Potential hat sie tatsächlich…“

Ein dumpfes Klatschen und ein unterdrückter Fluch ertönten. Thera Los runzelte die Stirn und schnaubte dann amüsiert. Offenbar hatte der ältere Taran-Bruder dem jüngeren doch noch eine verpasst. ‚Jungs…‘

„Reicht das? Was soll das überhaupt? Willst du wissen, ob du freie Bahn hast?
Außerdem ist Thera eine gute Zuhörerin. Eine rare Gabe.“

Wieder fragte sich Thera Los, ob der Admiral wusste, dass sie zuhörte. Manchmal hatte er beunruhigend hellsichtige Anwandlungen.

„Sag bloß, dass du sie auch mit deinen geliebten Reminiszenzen über die vergängliche Größe und Schicksal von Imperien beglückt hast.“
„Da du ja nicht mehr erreichbar warst…“
„Jetzt WEISS ich, dass ihr beide nicht im Bett gelandet seid. Obwohl es natürlich sein kann, dass sie mal währenddessen eingeschlafen ist. Auf einmal tut sie mir richtig leid.“
„Weißt du was, du wirst immer witziger, je älter du wirst. Was soll denn erst werden, wenn du mal erwachsen bist. Nicht auszudenken…“

Übergangslos wurde Admiral Taran wieder ernst und Thera Los realisierte, dass das Geplänkel zwischen den beiden Brüdern nur ein Schattenspiel gewesen war, um die darunter lauernde Anspannung zu verschleiern. Wie Soldaten, die auf dem Schlachtfeld pfiffen.

„Genug damit. Warum bist du wirklich hier? Doch nicht nur, um mich mit dem neuesten Klatsch zu versorgen. Dazu hätte auch ein Komm-Anruf gereicht.“
„Da hören mir zu viele mit. Außerdem fliegt ihr unter Komm-Sperre. Dass ich mich durchgemogelt habe, ist ein verdammtes Wunder.“
„Ja – falls nicht jemand die Taran-Brüder mit einem Schlag erledigen will.“, knurrte der Admiral.
„Vielleicht wollte ich auch einfach meinen Bruder wiedersehen? Oder dir den Kopf zurechtrücken, bevor dir die Allecars das Hirn mit irgendwelchem Blödsinn vernebeln um dich für ihre verstiegenen Ambitionen einzuspannen.“
„Yelak. Ich habe das Scheitern der Fronde überstanden, den Draned-Sektor und die TSN.“
„Ja. Aber jetzt bist du auf Akar. Und das Spiel wird hier inzwischen mit ganz anderen Einsätzen gespielt…“
„Bist du nur hierhergekommen, um mir das zu sagen?“
„Nein. Du bist mein Bruder. Ich bin hiergekommen, damit du der Entscheidung nicht alleine gegenüberstehst, die für dich getroffen wurde. Und bevor du mir sagst, dass dein höchst zweitschneidiges Schwert ist, vergiss nicht – du warst mehr als zwei Jahre weg. Die Leute haben dich nicht vergessen – dank deiner Erfolge, dank Ciara, dank Vater und auch dank mir. Aber du wirst jetzt jeden Fetzen Unterstützung brauchen, den du kriegen kannst.“

Diesmal verzichtete der Admiral darauf, seinem Bruder zu wiedersprechen. Vermutlich, weil er wusste, dass der Recht hatte: „Also gut. Ich muss wissen, wer von unserer alten Runde noch dabei ist. Und wie es in der Admiralität aussieht. Wer zieht die Fäden, wer sind die aufsteigenden Sterne? Und vor wem muss ich mich in Acht nehmen. Und dazu…“

Thera Los Handgelenk-Komm fiepte: „Admiral.“
„Sie können wieder zu uns stoßen. Nachdem wir den brüderlichen Smalltalk abgehakt haben, wird es Zeit, dass wir etwas Flottenpolitik planen. Und da möchte ich Sie dabei haben. UND Ihre Meinung hören.“
Ja, kein Zweifel, der Admiral wusste oder ahnte zumindest, dass sie gelauscht hatte. Noch ein Grund, warum sie inzwischen froh war, NICHT mit ihm ins Bett gegangen zu sein. Mokas Taran wusste auch so schon beunruhigend viel über sie: „Selbstverständlich, Admiral.“
18.01.2019 17:08 Tyr Svenson ist offline E-Mail an Tyr Svenson senden Beiträge von Tyr Svenson suchen Nehmen Sie Tyr Svenson in Ihre Freundesliste auf
Cattaneo
Captain


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Schattenspiele

TRS PEGASUS, drei Sprünge vor Deneb, FRT-Grenzgebiet

Normalerweise sprach man davon, dass ein Schiff eine Brücke hatte, und in der Vorstellung vieler Terraner und Konföderierter war dies der Ort, an dem die Entscheidungen fielen. Das mochte auf vielen Schiffen zutreffen – ging aber oft auch an der Realität vorbei. Größere Schiffe, insbesondere Kriegsschiffe, hatten meistens auch eine Ersatzbrücke, die weise Kapitäne selbst außerhalb akuter Gefechtssituationen stets einsatzbereit und bemannt hielten. So konnte im Fall des potentiell katastrophalen Ausfalls der Hauptbrücke eine guttrainierte Ersatzcrew das Kommando übernehmen. Viele Schiffe waren so gerettet, manch verzweifeltes Gefecht gewonnen worden.
Dann gab es natürlich auf wirklich GROßEN Schiffen wie Flottenträgern ein separates Kommandozentrum um Dinge wie den Flugbetrieb und die Bewegungen des unterstellten Flottenverbandes zu koordinieren. Das ließ sich schlecht mit dem mitunter hektischen Betrieb auf der eigentlichen Brücke in Einklang bringen. Die wirklich wichtigen Entscheidungen aber, die wurden oft in einem kleinen, an das Kommandozentrum angrenzenden Besprechungsraum gefasst, wo der oder die Kommandeur beziehungsweise Kommandeurin der Trägergruppe sich mit den Schwadronskommandeuren und anderen Offizieren abstimmen konnte – direkt von Angesicht zu Angesicht oder via hochentwickelter Kommunikationsmittel. Die letztendliche Entscheidung lag immer bei einer einzelnen Person – sah man natürlich von den generellen Anweisungen aus dem Flottenstab und von Terra ab. Doch selbst im hochtechnisierten und zentralisierten Krieg des 27. Jahrhunderts hatten die Flottenchefs immer noch viel Spielraum, zumal wenn sie weit entfernt von Terra operierten. Nur ein schwacher Kommandeur ließ sich in seinem Handeln durch seine Untergebenen bestimmen. Nur ein kompletter Idiot aber ignorierte ihre Einwände und Vorschläge.

Admiral Maike Noltze war gewiss weder schwach noch eine komplette Idiotin – wiewohl sie sich nur zu bewusst war, dass es im Moment eine Menge Terraner, kaiserliche Akarii und wohl auch etliche Konföderierte und Neutrale gab, die sie genau so bezeichneten. Mit ein wenig Glück würde sie diesen Narren bald das Gegenteil beweisen.
Der jüngste Vorstoß des imperialen Admirals Ersten Ranges Kal Ilis gegen die FRT – nicht etwa gegen die von der TSN besetzten imperialen Gebiete, sondern auf ureigenes terranisches Territorium – hatte nicht nur sie überrascht, das war nicht zu leugnen. Die operativen Analysen hatten den Kaiserlichen nach den hohen Verlusten des letzten Jahres keine weitere Großoffensive an dieser Front zugetraut. Ilis hatte zwar die Konföderation aus dem Feld geschlagen, dabei aber zugleich seine eigene Flotte kastriert – und ihr darüber hinaus noch einen Arm abschlagen lassen. So zumindest hatten die Einschätzungen gelautet. Doch das war, offenbar, eine Fehleinschätzung gewesen. Sie hätte es nach den bitteren Lehren von Karrashin, Hannover und Sterntor vermutlich voraussehen müssen. Aber wie sollte man vernünftig Krieg führen, wenn man sich nicht einmal mehr auf die eigene Aufklärung verlassen konnte?
Glücklicherweise hatte der Nachrichtendienst diesmal nicht ganz so skandalös versagt wie mehrfach in den letzten Monaten. Ilis‘ Flotte und Marschrichtung waren entdeckt worden, lange bevor er in Angriffsreichweite kam. Dennoch hatte Noltze sich mit diesem dringenden Problem befassen müssen. Sie hatte die konföderierten Invasoren im Shifang-System laufengelassen, anstatt ihnen die verdiente Lektion einzubläuen.
,Nun ja, vielleicht erledigen das ihre eigenen Leute ja jetzt für mich.‘ Sie gönnte Okamba und seinen Schoßhunden nun wirklich jede Unannehmlichkeit, die ihnen zustoßen mochte. Leider würde das die Dinge für sie nicht verbessern, selbst wenn die CC ihre eigenen Militärs für die fragwürdig autorisierte ‚Rettungsaktion‘ abstrafte.
Noltze wusste, sie persönlich würde für die Schlappe in Shifang ebenfalls noch bezahlen. Das Operationsgebiet der Vierten Flotte unterstand ihrer Verantwortung, und damit hatte sie jeden Rückschlag an dieser Front zu verantworten. Einzig der Kopf von Rear Admiral Kilian Scotlands „Scotty“ saß noch lockerer als ihr eigener, denn immerhin war er für die Feindaufklärung hauptverantwortlich.
Aber sie konnte einen so massiven Vorstoß – zwei komplette verstärkte imperiale Trägerkampfgruppen die in wenigen Sprüngen so wichtige FRT-Systeme wie Deneb, Winston und Thordall erreichen konnten – nicht ignorieren und auf ihre weit verstreuten Deckungsverbände und die lokalen Systemverteidigungskräfte vertrauen.

Deshalb hatte sie rasch gehandelt. Und dabei kam die Expertise einiger ausgewählter Untergebener ins Spiel, denn mit Hilfe ihres Flottenstabes war ein ambitionierter Reaktionsplan ausgearbeitet worden. Seine Bewilligung hatte sie viel Überzeugungsarbeit gekostet, und sie wusste, damit hatte sie jeglichen noch vorhandenen Kredit auf Terra aufgebraucht. Ging jetzt etwas RICHTIG schief, dann gab es keine Macht im Universum, die sie retten konnte – immer vorausgesetzt, dass sie überlebte. Aber sie hatte vom Oberkommando und von der Präsidentin grünes Licht bekommen. Befehle an die übrigen Verbände der Vierten waren hinausgegangen, doppelt und dreifach verschlüsselt. Ein Teil des Planes war noch während seiner Umsetzung modifiziert worden, als die ,Mitspieler‘ sich mit Verbesserungsvorschlägen gemeldet hatten. Noltze war sich nicht darüber erhaben, die Anregungen erfahrener Kommandeure anzuhören und zu berücksichtigen.

Doch alles stand und fiel mit Noltzes eigenem Verband. Sie hatte ihr Flaggschiff zusammen mit den beiden begleitenden Majestic-Trägern von Shifang aus auf einen Abfangkurs gebracht und dabei das Wagnis in Kauf genommen, direkt durch kaiserliche Grenzsysteme zu springen. Diese waren zwar unbewohnt – während des jahrzehntelangen Kalten Krieges hatten sie als Pufferzone gedient, mit deren Hilfe sich das Imperium vor Überraschungsangriffen absichern, die sie aber gleichzeitig auch als potentielle Aufmarschgebiete nutzen wollte. Sie waren kaum vermint, denn auch das Imperium hatte nur begrenzte Mittel zur Verfügung, dass es lieber für die Sicherung strategisch wichtiger Systeme und Sprungpunktknoten nutzte. Doch es war zu erwarten, dass die Grenzsysteme mit Sensoren gespickt waren oder von leichten Patrouilleneinheiten überwacht wurden. Die terranischen Schiffe würden also nicht unbemerkt bleiben, was die Gefahr barg, dass Ilis SIE abfing oder aber den dritten imperialen Flottenträger, der in diesem Frontabschnitt nachgewiesen war, auf sie hetzte. Nach der Art und Weise, wie der gegnerische Admiral seine eigenen Leute über Hannover verheizt hatte, war ihm dies zuzutrauen, um sich seinen nächsten „großen Sieg“ über…sagen wir Deneb…zu sichern. Man musste Noltzes Schiffe ja nicht schlagen, nur dafür sorgen, dass sie Ilis nicht in die Suppe spuckten. Aber sie war bisher durchgekommen, und hatte so wertvolle Zeit gespart.
Ein konventioneller Kommandeur hätte vermutlich die übrigen, weit verstreuten Schiffe der Vierten – vier leichte Träger, den Pegasus-Träger KIEW und den Lexington-Träger YAMATO mit ihren unterbesetzten Begleitgeschwadern sowie einigen schwachen Hilfsverbänden – bei den wichtigsten Systemen konzentriert. Aber wenn sie sich etwas nicht mehr leisten konnte, dann ein rein konventionelles Vorgehen. Dazu war der Raum, den sie abzusichern hatte viel zu groß, und ihr Gegner neigte zu sehr zu irrationalen, irrwitzigen Entscheidungen. Sie musste versuchen, ihm die Schlacht zu ihren eigenen Bedingungen aufzuzwingen. In den nächsten Stunden würde sich zeigen, ob ihr dies gelang.

Der Verband unter ihrem Kommando bot einen beeindruckenden Anblick – neben der PEGASUS, als Typschiff ihrer Klasse schon mehr als 20 Jahre alt, aber bestens in Schuss und grundlegend modernisiert, waren da vor allem die WARSPITE und NAPOLEON. Die Majestic-Träger waren zwar noch nicht in den Genuss eines Umbaus zum ,Hammerkopf-Typ“, der MK III gekommen. Aber sie verdoppelten die Kampfliegerzahl der Pegasus mit einer beeindruckenden Mischung moderner Jäger und Jagdbomber. Begleitet wurden die drei Träger von insgesamt fünf schweren Ticonderoga-Kreuzer, drei Dauntless-Flakkreuzern und sieben leichten Achilles-Kreuzern. Dazu kamen mehr als dreißig Zerstörer, Fregatten und Korvetten sowie ein Dutzend Hilfsschiffe – Minensucher, Flottentanker und -transporter. Gut drei Dutzend Kampfflieger sowie ein Dutzend Radar-Shuttles sicherten im Moment den Verband vor Überraschungen. Und im Notfall standen insgesamt gut 200 Jäger, Bomber und Jagdbomber zur Verfügung. Die sechszehn Staffeln der drei Träger stellten eine formidable Streitmacht dar.
Da waren natürlich zunächst einmal die Black Aces der PEGASUS, ein Geschwader, das so alt war wie der Träger auf dem es diente, das erste acht-Staffeln-Bordgeschwader – neun, wenn man die Shuttles mitzählte – der TSN überhaupt. The Old Guard von der NAPOLEON führte ,natürlich‘ die Bärenfellmütze vor einer gekreuzten Muskete und Adlerstandarte als Abzeichen. Ihre Staffeln waren nach den Kavallerieeinheiten der Vieille Garde des Ersten Französischen Kaiserreichs benannt. Die King’s Dragoon Guards oder KDG von der WARSPITE – bekannter unter ihrem Spitznamen King’s Dancing Girls – waren ein deutlich jüngeres Geschwader, hatten sich aber ebenfalls bereits einen Namen machen können.
Sie alle hatten zwar nicht an der Hauptfront, bei der ,Mächtigen Zweiten‘ gefochten. Das hieß aber nicht, dass sie und ihre Begleitschiffe in den letzten Jahren nicht in eine Vielzahl von Gefechte verwickelt gewesen waren. Freilich handelte es sich dabei zumeist um kleinere Scharmützel, lokale Vorstöße, Zufuhrkrieg und die Jagd nach imperialen Raidern. Maike hoffte, dass Schiffe, Crews und Ofiziere sich bei ihrer ersten großen Schlacht genauso bewähren würden wie im ‚Kleinen Krieg‘. Aber solche Zweifel durfte sie sich natürlich nicht anmerken lassen.

Die Offiziere in der Kommandozentrale sahen in etwa so überarbeitet aus, wie sie sich fühlte – dies galt besonders für Scotty. In den letzten Tagen hatten sie alle sich nicht mehr als ein paar Stunden Schlaf gönnen können. ,Das dürfte mal ein Beispiel sein, bei dem die höheren Dienstgrade länger arbeiten mussten als die Schiffscrews.‘ dachte sie mit grimmiger Belustigung. Sie fühlte sich wie ein Jongleur, der mit einem Dutzend Fackeln und Messern jonglierte. Wenn man einmal danebengriff, verbrannte man sich die Finger – oder verlor sie.
Maike gratulierte sich insgeheim selbst, dass sie es geschafft hatte, ihr Aussehen makellos zu halten. Das war zwar ein etwas billiger Taschenspielertrick, aber das Militär war nun einmal ein konservativer Verein – und eine Admirälin mit schlecht sitzender Dienstuniform oder Ringen um die Augen war ungeeignet, Vertrauen zu erwecken. Sie hatte sich nicht umsonst nach oben gedient, ehrgeizig, unermüdlich und wenn nötig rücksichtlos. Schwäche durfte man niemals zeigen, ganz besonders nicht, wenn man gerade verwundbar WAR.

Dennoch krampfte sich ihr Herz zusammen und sie musste an sich halten, um nicht zusammenzuzucken, als auf den primären Bildschirmen Dutzende neue Symbole auftauchten, direkt am Sprungpunkt in Richtung Deneb. Im Moment waren nur Transitechos zu erkennen, doch es war bereits klar, dass es mehr als dreißig waren. Für eine Prüfung der FFI-Kennung waren sie noch zu weit entfernt, zudem störte die Hintergrundstrahlung des Sprungpunktes die Erkennung. Die Schiffe selbst verschwanden deshalb unmittelbar nach ihrem Eintritt in das System wieder von den Bildschirmen – angezeigt wurde nur ihre alte Position.
Wenn es sich dabei um die Vorhut von Ilis’ Flottenverband handelte, würden ihnen nur zu bald weitere folgen, bereiteten sich die Imperialen vermutlich bereits auf den Angriff auf die PEGASUS und ihre Begleitschiffe vor. Sekunden dehnten sich zu scheinbaren Ewigkeiten – dann kam die befreiende Nachricht: „Admiral – verschlüsselter Funkspruch! Terranische Codierung.“
Maike Noltze atmete auf: „Entschlüsseln.“
Der Signaloffizier bediente einige Tasten, runzelte die Stirn, wiederholte den Vorgang: „Doppelcodierung, maximale Sicherheitsstufe…Funkspruch liegt nun vor.“
Die Admiralin straffte sich. Sie ahnte bereits, wie die Botschaft lauten würde, und nickte Scotty zu: „Ich denke, das sollten Sie vorlesen.“
Ihre rechte Hand war sich der Bedeutung des Augenblickes nur zu bewusst. Seine Stimme klang selbstsicher und ruhig, als er die Botschaft ablas. Sie bestand aus gerade einmal zwei Worten: „Niitakayama Nobore.“*
Noltze gestatte sich ein Lächeln, das alle Männer und Frauen im Raum – und vermutlich das ganze Universum gleich mit – umfasste: „Die Yamato ist hier.“ Sie sprach es nicht aus, aber die Botschaft besagte auch, dass ihr Schlachtplan angelaufen war.
Dann wurde sie übergangslos ernst: „Funkspruch an die Flotte – bereitmachen für Rendezvous. Gefechtsbereitschaft bleibt bestehen. Sie neigte den Kopf: „Scotty, Sie übernehmen. Ich bin gleich wieder zurück.“

Sie hatte es nicht weit bis zum Besprechungsraum. Hier konnten kontroverse Diskussionen geführt werden, ohne dass die ,Normalsterblichen‘ davon erfuhren. Der Raum verfügte auch über einige der besten und sichersten Kommunikationsanlagen des ganzen Trägers, die angeblich nicht einmal der Bord-NIC mitlesen konnte. Was hier herausging, war mindestens doppelt, meist aber drei- oder vierfach verschlüsselt und komprimiert.
Die Admirälin hatte ihre Gründe, dieses Gespräch allein zu führen. Geheimhaltung war von entscheidender Bedeutung, weshalb die Kommunikation zweimal bestätigt werden musste, mit Codes, die neben Noltze nur eine Handvolle Menschen kannten.
Sogar viele ihrer engeren Mitarbeiter kannten nicht jedes Detail des Schlachtplans, oder wussten, wer mit welcher Aufgabe betraut war. Das mochte übervorsichtig wirken, aber seit dem Verrat der Konföderation war ein wenig Paranoia nur angebracht. Offenkundig hatten die Konföderierten lange vor ihrem Kurswechsel Spione in der TSN eingeschleust, und das Ausmaß ihrer Zusammenarbeit mit dem Imperium war auf dramatische Art und Weise demonstriert und enthüllt worden. Auch wenn Cochranes Schicksal besiegelt schien, musste das nicht für alle seiner Lakaien gelten. Und dass der konföderierte Geheimdienst bei der eigenen Sicherheit schandhaft versagt hatte, war ebenfalls nur zu bekannt.

Als die drei Bildschirme nacheinander zum Leben erwachten, Zeichen, dass die Verbindung stand, zögerte Maike Noltze für einen Augenblick. Sie wusste, dies war möglicherweise ein Wendepunkt, zumindest im Leben von tausenden Männern und Frauen, und natürlich auch für ihr eigenes Geschick und ihre Karriere. Und damit nicht genug - ihre Befehle mochten auch noch sehr viel weitergehende Konsequenzen haben. Doch es war zu spät, viel zu spät, um noch auf Nummer sicher zu gehen, oder Skrupel zu hätscheln. Die Würfel waren geworfen, und jetzt blieb nur noch abzuwarten, wie das Spiel enden würde.
Die Gesichter, in die sie blickte, waren die von Profis – zwei Männer und eine Frau. Jeder einzelne war einiges älter als sie selbst, hatte den Krieg vom ersten Tag an mitgemacht und bereits lange zuvor in der TSN gedient.
„Gorgo – Einsatzbefehl erteilt.“
Die Antwort kam einige Sekunden später. Die große Entfernung und die Notwendigkeit, die Nachricht zu kodieren und dekodieren führte zu einer Verzögerung, die ein echtes Gespräch erschwerte. Doch dies war ohnehin nicht der Augenblick für lange Diskussionen, und die Antwort war denkbar knapp: „Bestätige.“ Die stämmige, dunkelhäutige Frau auf dem Bildschirm machte sich nicht einmal die Mühe zu salutieren.
„Echidna – Sie haben die Freigabe.“ Der grauhaarige Offizier auf dem zweiten Bildschirm nahm Haltung an. „Wir sind bereit!“
„Chimäre – schlagen Sie los.“ Der dritte Adressat, ein Rear Admiral, schien beinahe zu lächeln, aber es war kein gutes Lächeln, vielmehr eines, das nicht die Augen erreichte. Er verneigte sich leicht, um den Empfang zu bestätigen: „Admiral.“
Und dann erloschen die Bildschirme einer nach dem anderen. Die Spielfiguren begannen mit ihren Zügen.
Maike Noltze starrte noch für einige Herzschläge auf die schwarzen Monitore. Dann drehte sie sich um. Es wartete Arbeit auf sie.

*****

Imperialer Flottenträger QUASAR, einen Sprung vor Deneb

Kal Ilis war vor allem eines – alt. So alt, dass er mit dem verstorbenen Kaiser auf der Akademie ein Zimmer geteilt hatte, so alt, dass er sich seine ersten Sporen in Kriegen verdient hatte, die inzwischen lediglich noch die Historiker interessierten. Er war im festen Glauben an die Borealis-Doktrin aufgewachsen, die den Akarii die Führungsrolle, und allen anderen, niederen Rassen bestenfalls einen Platz als Diener zuwies. Das glaubte er noch immer, aber er war nicht zu alt, um dazuzulernen. Die minderwertigen Rassen – nicht nur die Menschen, aber besonders sie – hatten gerade in den letzten Jahren einiges an Einfallsreichtum und Widerstandskraft bewiesen. Das Imperium hatte Rückschläge hinnehmen müssen, sogar bittere Niederlagen. Sie waren zum Teil selbst verschuldet, durch Ignoranz und Einfallslosigkeit, aber nicht nur.
Doch wenn es etwas gab, an dem das großartigste Reich in der Geschichte der Galaxis gewachsen war, dann an Widerständen. Den Akarii war ihr Platz als auserwählte Herrscher nicht einfach zugefallen, sie hatten ihn sich erkämpfen müssen, genauso wie die kaiserliche Familie nicht kampflos zum uneingeschränkten Herrscher des Imperiums geworden war. Und er würde bis zu seinem letzten Atemzug darum kämpfen, damit sein Volk den ihm zustehenden Platz behaupten konnte.
Und deshalb war er hier, einmal mehr im feindlichen Territorium. Fast wie in den guten alten Zeiten. Und doch war nichts so wie damals.

Das Zentrum des Imperiums war in Aufruhr. Der Kriegsminister war tot, seine Nachfolge unklar. Wer auch immer das Amt übernahm, er oder sie musste damit rechnen, dass nicht nur die ohnehin gigantischen Herausforderungen eines Krieges um das Überleben des Imperiums zu bewältigen waren. Es würde auch sofort ein Gezerre einsetzen, um die entsprechende Person fest an eine der widerstreitenden Fraktionen auf der Hauptwelt zu binden oder aber, falls er oder sie zu einer ,feindlichen‘ Partei gehörte, die Amtszeit abzukürzen.
Ilis hatte auf Linai gesetzt, von dem Tag an als sie zur Regentin ernannt worden war – eine Überzeugung, die er vor den meisten anderen Akarii, selbst guten Kameraden, verheimlichen musste. Die Vorstellung, eine wirkliche Herrscherin auf dem Thron zu sehen, galt vielen – gerade aus Ilis‘ eigener Generation – als bizarr, abstoßend, geradezu undenkbar. Und das ziemlich erbärmliche Schmierentheater auf der Hauptwelt mochte diese Traditionalisten noch in ihren Ansichten bestärken. Der Admiral konnte ihr Gerede geradezu hören…
Ilis hatte vor langer Zeit einmal Dero Allecar gedroht, ihn zu töten, wenn dieser Linai hintergehen sollte. So langsam fragte er sich, ob er nicht tatsächlich seine Kampffähigkeiten aufpolieren musste. Der junge Allecar hatte zwar den törichten Gatten der Prinzessin beseitigt, doch er hatte das auf eine Art und Weise getan, die mehr Schaden anrichtete als Nutzen, und nun benahmen er und sein Vater sich keinen Deut besonnener.

Da war es fast schon zu genießen, dass er hier an vorderster Front stand. Ilis unterschätzte die generischen Kommandeure nicht – aber wer von ihnen kam schon auch nur im Entferntesten an seine Erfahrung heran? Wer von ihnen hatte mit zwei Schlachten eine ganze Nation aus dem Krieg gezwungen? Nein, hier draußen gab es niemanden, der ihm ebenbürtig war – anders als im Spiel der Lügen, falschen Versprechungen und verborgenen Dolche, das im imperialen Palast tobte.
Allerdings durfte er natürlich nicht ZU siegesgewiss sein. Das hatte schon mehr als einen imperialen Admiral Entehrung oder den Tod beschert. Und deshalb war ihm das Dilemma nur zu bewusst, in dem er sich momentan befand.

Er hatte darauf gebaut, dass Noltze mit den Konföderierten beschäftigt war und niemals rechtzeitig auf seinen Angriff reagieren konnte. Zwar war ausgeschlossen, dass ihm noch ein solcher Sieg wie über Hannover gelingen würde. Selbst wenn er einen lokalen Ministerpräsidenten in die Kapitulation prügeln konnte, hatte der Menschling gar nicht die Befugnisse, für die regulären Bodenstreitkräfte zu kapitulieren. Eine offizielle Kapitulation von…sagen wir Deneb…wäre deshalb nicht mehr als ein erfreulicher aber letzten Endes leerer Propagandasieg gewesen. Der Gegenschlag der Vierten Flotte wäre unweigerlich erfolgt.
Nein, er hatte darauf gebaut, ein wichtiges System zusammenschießen zu können und mit viel Glück einen der feindlichen Flotten- oder leichten Träger zu stellen, mindestens aber die TSN-Front ins Chaos zu stürzen. Doch Admiralin Noltze hatte schneller reagiert als er es für möglich gehalten hatte. Jetzt stand sie mit ihrem Verband nur einen Sprung von seiner Position entfernt und hatte sich mit der YAMATO zusammengetan.

Und deshalb war es an der Zeit, das weitere Vorgehen zu beraten. Ilis bedauerte es, dass er Yon Ataki nicht bei sich hatte. Er hatte sie als fähige Kommandeurin kennen und schätzen gelernt. Aber die junge Admiralin war mit ihrem erst kürzlich wieder notdürftig einsatzbereit gemachten Träger YONDER im Ibari-System zurückgeblieben. Sowohl das Schiff als auch das Bordgeschwader und die begleitenden Kriegsschiffverbände hatten sich immer noch nicht von den Verlusten bei den Schlachten von London und Hannover erholt.
Stattdessen war Admiral Zweiten Ranges Teleri Sattala von der TORVA RAT, Ilis‘ zweitem Quasar-Träger, seine rechte Hand – ein Neuzugang in diesem Frontabschnitt. Ilis kannte ihre Akte, aber sonst wusste er wenig über sie. In den Besprechungen war sie bisher ungewöhnlich zurückhaltend ihm gegenüber gewesen – sicherlich nicht aus Schüchternheit, denn das hätte weder zu einer Admirälin noch zu einer Sattala gepasst.
Im Moment war sie die Wortführerin, die knapp die Fakten zusammentrug.
„Ausgehend von den Informationen unserer Aufklärer müssen wir kalkulieren, dass der Gegner über das Gegenstück dreier terranischer Trägerkampfgruppen verfügt. Dem stehen auf unserer Seite die beiden Quasare gegenüber, dazu drei Tormalin-Flugdeckkreuzer. Wir haben sechs Reva-Angriffstransportern,“ Ilis hatte sich dafür entschieden, die Schiffe mitzunehmen – teils zur Verwirrung des Gegners und um ihn glauben zu machen, dass er bereit war, eine Invasion zu starten: „davon ist einer zum Träger für die neuen Schnellboote des Typs Shajan umgerüstet worden. Und ein weiterer, die ZEHNTAUSEND TEKA, gehört zur neuen Ashigaco-Klasse, das heißt, er ist so viel wert wie zwei Tormalin – außer im direkten Schlagabtausch.“ Außerdem waren da noch drei Dutzend leichte und schwere Kampfkreuzer, fast sechzig Zerstörer, Fregatten und Korvetten und einige Hilfsschiffe.
„Mit dieser Flotte sollte es uns theoretisch möglich sein, den feindlichen Flottenverband zu überwältigen.“
Ilis unterdrückte ein Stirnrunzeln. Das klang recht zögerlich für eine Admirälin der imperialen Flotte.
„Sollten wir aber auf Deneb vorstoßen, gehen wir das Risiko ein, zwischen die Schiffe Noltzes und ein planetares Geschwader – vielleicht gar verstärkt durch die KIEW oder einen, vielleicht auch zwei der leichten Träger der Vierten – zu geraten. Wir haben keine ausreichenden Informationen über den Standpunkt der defensiven Trägerverbände, wir kennen nicht die Minenfelder im Deneb- oder anderen wichtigen terranischen Systemen, und wir müssen davon ausgehen, dass die TSN- und Nationalgardegeschwader längst vorgewarnt sind und ähnlich verbissen kämpfen werden wie im Sterntor-System.“
Teleri führte dies nicht weiter aus, aber mit den imperialen Kriegsschiffen von vor fünf Jahren wäre das noch kein Grund zur Sorge gewesen. Doch inzwischen waren die terranischen Jäger besser als damals, hatten die Menschlinge an Kampferfahrung gewonnen. Die imperialen Geschwader bestanden aus zu vielen jungen, unerfahren Piloten, und der Kampfgeist der übrigen Crews war weniger stabil, als es sich für kaiserliche Soldaten gehörte. Der Ausgang einer solchen Konfrontation wäre ungewiss, eine Niederlage war sogar wahrscheinlich. Das mochte man beklagen und damit hadern, aber leugnen konnte man es nicht. Ilis hatte wahre Wunder vollbracht, den Kampfgeist der Männer und Frauen unter seinem Kommando wieder aufzubauen – doch nicht einmal er konnte zaubern. Und anders als viele seiner Untergebenen nahm Admiral Sattala das offenbar auch nicht an.

„Und was würden Sie empfehlen, Admiral Sattala?“
Die Offizierin zögerte kurz, doch dann straffte sie sich: „Diese Operation basierte auf dem Angriff der Konföderierten auf ihre bisherigen Verbündeten. Die Terraner haben zu schnell reagiert, als dass wir den erhofften Nutzen daraus ziehen konnten. Dennoch haben wir damit ihre gesamte Front in Aufruhr versetzt, und sie haben wichtige Faustpfänder gegenüber den Konföderierten verloren. Es ließ sich nicht voraussagen, dass Cochranes Position so instabil ist, dass er dennoch gestürzt werden konnte. Ich empfehle angesichts all dessen, die Operation abzubrechen. Wir können auf unserem Rückzug durch ein, maximal zwei terranische Systeme niederer Priorität marschieren und dort militärische Ziele angreifen – dies sollte es dem Gegner unmöglich machen, uns zu stellen, während wir ihn zugleich vorführen. Die Menschlinge würden als die Narren dastehen, die von einem Krisenpunkt zum nächsten hasten, ohne etwas zu erreichen.“

Admiral Ilis antwortete nicht sofort. Er ließ die Reaktionen der versammelten Runde auf sich wirken. Die Mienen seiner Untergebenen zeigten deutlich, dass sie in ihrem Urteil gespalten waren. Einige Offiziere stimmten Teleri offenbar zu, zurückhaltend, aber dennoch bestimmt. Die meisten aber waren anderer Meinung. Sich aus dem gegnerischen Gebiet ohne eine Schlacht zurückzuziehen entsprach nicht dem Ehrenkodex der imperialen Flotte – und ganz bestimmt nicht den hochfliegenden Hoffnungen und Erwartungen, die sie in eine Operation unter dem Kommando des Siegers von Hannover gesetzt hatten. Ilis selbst wollte sich ebenfalls nicht zurückziehen – hatte er nicht die Konföderierten geschlagen, trotz all ihrer Stärke und Entschlossenheit? – doch er teilte einige Bedenken seiner Untergebenen.
Wichtiger jedoch war, dass ein kampfloser Rückzug im Moment aus anderen Gründen undenkbar war. Das Kaiserreich brauchte Siege, um sein Selbstbewusstsein aufrecht zu erhalten. Linai brauchte einen Sieg, damit ihre Rivalen nicht den Tod ihres Gatten in ein schlechtes Omen umdeuteten, in einen Rückschlag, den nur ein ,echter Mann‘, ein ,echter Imperator‘ zu bewältigen vermochte. Diese Gefahr drohte ihr sowohl von den Anwärtern auf den Thron, als auch von Seiten der Allecar. Dero mochte Linai aufrichtig lieben – oder sich das einreden – aber sein Vater liebte vor allem die Macht. Er würde sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, das Wohl seines Hauses und vor allem seine Position im Kampf um den Thron zu stärken. In der vergifteten, aufgeheizten Atmosphäre auf der Hauptwelt konnte eine Schlacht – oder ein Rückzug – viele Lichtjahre entfernt dramatische Konsequenzen haben. Aus diesem Blickwinkel blieb ihm eigentlich nur eine Wahl…

Als der alte Admiral sich erhob, nahmen alle anderen Offiziere Haltung an. Ilis‘ Führungsanspruch war unangefochten, nicht nur wegen seines Ranges – mochten einzelne auch Bedenken gegen seine Entscheidungen haben: „Wir werden uns nicht kampflos zurückziehen. Diese Flotte ist nicht auf die Hilfe der Konföderierten angewiesen. Wir haben die Menschlinge gelehrt uns wieder zu fürchten – es wird Zeit, ihnen diese Lektion noch einmal ins Gedächtnis zu brennen. Aber…das heißt nicht, dass wir blindlings dreinschlagen. Wir werden Admiral Noltze jagen, wir werden sie stellen, und wir werden ihre Flotte vernichten! Bereiten Sie die Schiffe auf den Sprung vor – und aufs Gefecht.“

*****
* Niitakayama Nobore (Ersteigt den Berg Niitaka) war der Code für den Angriffsbefehl der Imperialen Kaiserlichen Flotte für den Angriff auf Pearl Harbour 1941.

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