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Ace Kaiser Ace Kaiser ist männlich
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Dabei seit: 01.05.2002
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Aus meiner Schatzkiste... Auf diesen Beitrag antworten Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen Diesen Beitrag editieren/löschen Diesen Beitrag einem Moderator melden       Zum Anfang der Seite springen

>>In diesen Thread kann jeder schreiben der eine kurze Kurzgeschichte Posten möchte, egal zu welchem Thema. Mit kurz meine ich einen einzigen Post lang.
Damit dieser Thread aber nicht leer bleibt, hat Ace schon mal ein paar Geschichten gespendet.<<
Udo Lüdemann


Wie der Name schon sagt, poste ich hier mal, weil ich gerade noch nicht die richtige Inspiration für AE habe, einige meiner älteren - und abgeschlossenen - Geschichten.
Viel Spaß damit und auch hier freue ich mich über Feedback.
Seid gnädig, einige Sachen sind zehn Jahre alt. ^^
Es ist ein buntes Gemisch aus eigenen Universen, PR-Fanfics und dergleichen. ^^


Tage wie diese…

Für einen Mutanten des Solaren Imperiums, eingebunden im Mutantenkorps, einer Untereinheit der Galaktischen Abwehr, begann der Tag von Anne Sloane recht beschaulich.
Sie saß auf der Terrasse ihres Penthouse, legte die Beine hoch und genoss während eines Cappuccino die Morgenzeitung.
Seltsam, ging es der Mutantin durch den Kopf. Jetzt lebe ich schon so lange, ich müsste eigentlich ein altes Mütterchen sein, das für seine Enkel Pullover strickt.
Oder wie die Omas der Neuzeit die Diveboards repariert.
Stattdessen sitze ich hier, warte auf mein Frühstück und bin noch so jung wie damals, als Perry mir anbot, unsterblich zu werden.
Ein Schauer ging über ihren Leib, als sie an die riesigen Anlagen zur Zelldusche auf Wanderer dachte, der künstlichen Heimatwelt von ES, dem unbegreiflichen Überwesen, welches den Menschen seit siebzig Jahren zur Seite stand.
Ja, sie hatte angenommen. Ja, sie war nun unsterblich. In einem Zeitraum von 62 Jahren würde sie nicht mehr altern. Danach wartete die nächste Zelldusche. Oder der Tod.
Doch der Tod lauerte ihr eigentlich sowieso überall auf.
Jederzeit. An jedem Ort.
Aber bitte nicht an ihrem Frühstückstisch.

Missmutig stellte sie fest, dass der Gedanke an Wanderer die Erinnerung an ihren letzten Einsatz geweckt hatte.
Auf Ekkhon II hatte sie, als Kolonialarkonidin getarnt, die Bemühungen der Galaktischen Händler sabotiert, das Beteigeuze-System einer der Sippen zuzusprechen.
In diesem System hatte eine Koalition der Springer, wie die Händler auch genannt wurden, den dritten Planeten vernichtet – in der Annahme, es sei Terra, die kleine, freche Welt, die ihnen soviel Ärger bereitet hatte.
Nun gab es nur noch die Welt Nummer vier in diesem System, die sich innerhalb der Ökosphäre seiner Sonne befand. Dies hatten auch die Springer erkannt und stritten seit dem Abzug der Topsider, die dankenswerterweise die falsche Erde verteidigt und damit deren Zerstörung erzwungen hatten, um diese ressourcenarme Wasserwelt.
Sie war nicht interessant genug, um deswegen einen Krieg zwischen den Sippen auszulösen.
Aber immer noch interessant genug, um als alleiniges Territorium eines Patriarchen herzuhalten.
Deshalb absolvierte das Korps beinahe einmal jährlich einen Einsatz, um genau das zu verhindern.
Denn immerhin war Beteigeuze IV heutzutage eine heimliche Kolonie der Menschheit.
Die Wasserangepassten Bewohner waren zu den Verbündeten der Terraner geworden und seit Jahren wertvolle Handelspartner. Terra importierte Dutzende Gemüsesorten von Beteigeuze IV und exportierte im Gegenzug Technologie und biologische Erkenntnisse.
Das Terra sich also von den arroganten Springern nicht die Butter vom Brot nehmen lassen würde, stand fest.
Und solange die Sippen untereinander so schön zerstritten waren, ja einige Patriarchen mittlerweile sogar Agenten der Erde waren, hatte man nach jeder sabotierten Konferenz mindestens ein Jahr Ruhe.

Anne seufzte leise. Ihr Partner war diesmal Ralf gewesen, der Teleoptiker. Warum nicht der große, kräftige Ras Tschubai? Warum nicht der flauschige Gucky?
Nein, es hatte der langweilige, kleine Francojapaner sein müssen. Und das nur wegen seiner Fähigkeit, die Sinneseindrücke eines anderen Intelligenzwesens quasi einzusehen. Was Defacto einen Telepathen einigermaßen ersetzen konnte.
Zusammen mit ihrer Fähigkeit der Telekinese hatten sie ein schlagkräftiges Team gebildet.
Ein Team, gut. Aber ein lausiges Paar. Ralf Marten war schlampig, übertrieben höflich und hatte immer dieses Nichtssagende Lächeln aufgesetzt.
Nicht dass sie je was mit ihm angefangen hätte.
Nicht dass sie jemals etwas mit einem anderen Mann gehabt hätte. Nicht mehr seit… Ja, nicht mehr seit Perry sich für Thora entschieden hatte. Und gegen sie…
Anne verdrängte die schmerzlichen Erinnerungen. Wurde es etwa wieder Zeit für einen Kneipenzug mit John Marshall, dem Chef des Mutantenkorps?
Auch ihn, den schwarzhaarigen Australier hatte sie nie als Partner in Betracht gezogen.
Aber als Freund. Als ihren besten Freund. Und das war er nun schon seit einigen Jahrzehnten.

Ärgerlich über sich selbst warf Anne die Zeitung fort.
So langsam sollte sie mal darüber hinweg kommen, anstatt ständig nur an Perry zu denken. Der betrachtete sie doch ohnehin nur als Freundin, bestenfalls als kleine Schwester.
Nur in den wenigen Tagen der ersten Venus-Expedition, da war es kurz anders gewesen. Da hatte der beinharte und charismatische Knochen so etwas wie Gefühl für sie gezeigt.
Aber seitdem…

Die Türklingel unterbrach ihren Gedankengang.
Anne erhob sich und durchquerte ihre Wohnung.
Definitiv. Sie musste etwas in ihrem Leben verändern. Je früher, desto besser. Sechzig Jahre Leerlauf, nur notdürftig betäubt durch Risikoeinsätze für die Abwehr konnten doch keine Lösung sein.
Sie öffnete die Tür. Es war niemand zu sehen.
Doch auf dem Boden lag ein Strauß fröhlicher Sommerblumen. Rosen, Nelken und Tulpen.
Neugierig hob sie den Strauß auf und öffnete die Karte. Die Blüte eines Vergissmeinnichts fiel heraus.
„Für die schönste Frau, die ich kenne“, las Anne laut. „Für das Licht in meinem Leben. Für den Sinn auf meinem Weg.“
Skeptisch warf sie einen Blick auf die Blumen. Schön anzusehen waren sie ja. Aber die Karte war nicht unterschrieben.
Mühsam drängte sie den Gedanken zurück, die Blumen könnten von Perry sein. Nein, unmöglich. So schade das auch war, aber in einer festen Beziehung war er nun mal treu wie Gold. Aber von wem waren sie dann?
Nun, das Appartementgebäude gehörte der Galaktischen Abwehr. Anne konnte also sicher sein, dass der Überbringer ein halbes Dutzend Sicherheitschecks hatte über sich ergehen lassen müssen – ganz zu schweigen von den Blumen, für die es noch etwas strenger zugegangen sein musste.
Also nahm sie den Strauß mit rein.

Zuerst rief sie beim Portier an. „Hallo, Dick, Anne Sloane hier. Sagen Sie, wer hat die Blumen für mich gebracht?“
Der rundliche alte Mann runzelte die Stirn. „Welche Blumen, Miss Sloane? Bei mir ist niemand vorbei gekommen.“
Unschlüssig sah Anne auf den Strauß auf ihrem Küchentisch. Wenn der alte GalAb-Agent sagte, es sei niemand an ihm vorbei gekommen, dann war das so sicher wie der Bau des ersten Imperiumsschlachtschiffs terranischer Fertigung.
Der Agent reagierte sofort. „Ich fordere sofort ein Team an, Miss Sloane. Verlassen Sie den Raum, in dem die Blumen liegen. Und waschen Sie sich penetrant die Hände.“
Anne nickte mechanisch. Das hatte Richard gut erkannt. Die Blumen waren nicht regulär abgegeben worden, konnten also eine verdammte Teufelei sein.
„Sofort“, bestätigte die Mutantin. Mit ihrer Fähigkeit der Telekinese baute sie eine undurchdringliche Wand zwischen sich und den Blumen auf.
Sie ging ins Badezimmer, kramte kurz im Schränkchen und fand eine Tube AntiFex, die sie während des Einsatzes auf Goszul offiziell verloren hatte. Diese Paste vernichtete neunzig Prozent aller bekannten Pilzsporen, Viren und Bakterienstämme.
Danach schlüpfte sie aus dem Morgenrock und legte Alltagskleidung an.
Eine Minute später erschien auch schon ein Gleiter mit den offiziellen Farben der Galaktischen Abwehr vor ihrer Terrasse, während zeitgleich ein Einsatzkommando in arkonidischen Einsatzanzügen mit einem Nachschlüssel durch die Vordertür stürmte.
***
Eine halbe Stunde später salutierte der Anführer der Einsatztruppe vor der Mutantin. „Tut mir leid, Captain Sloane. Aber diese Blumen… Sie sind einfach nur Blumen. Wir können leider nicht nachvollziehen, wer sie vor Ihrer Tür platziert hat, das Kamerasystem auf dem Gang hat zu genau dieser Zeit einen Blackout.
Aber auf jedem Fall wollte Ihnen niemand etwas böses.“
„Nur Blumen?“ Ungläubig starrte Anne auf den bunten Strauß.
„Ja, Ma´am. Nur Blumen. Und ungewöhnlich schöne noch dazu, wie ich finde.
Wenn Sie meinen Rat hören möchten, Captain…“ Der Einsatzchef, ein Lieutenant, mit dem sie auch schon in einigen Einsätzen gewesen war, beugte sich vertraulich vor.
„Stellen Sie sie in eine Vase mit frischem Wasser.“ Dazu nickte er gewichtig.
Anne verzog die Lippen zu einem spöttischen Grinsen. „Witzbold“, kicherte sie und griff telekinetisch zu. Der Mann schwebte plötzlich hilflos in der Luft und schwebte auf die Tür zu.
Er ruderte mit den Armen und meinte mit einem scheinheiligen Grinsen: „Ich habe es nur gut gemeint, Captain.“
„Ja, ja, Anderson. Werden Sie endlich erwachsen.“
Die anderen Mitglieder der Einsatzgruppe grinsten, während sie ihre Ausrüstung weg packten.
Ein lauter Schmerzensschrei zeigte an, dass Anne den Lieutenant überraschend los gelassen hatte.
Doch von diesem Rausschmiss ließ dieser sich nicht entmutigen. Er kam wieder herein, die Hände abwehrend hochgehalten: „Hoooo, Captain, Waffenstillstand. Mir ist nur gerade ein Gedanke gekommen, wer die Blumen hingelegt haben könnte.“
Na, zäh war der Bengel ja. Und ehrlich bis unter die blonden Haarspitzen. Wenn sie mit solch einem Kind nun wirklich überhaupt nichts hätte anfangen können, dann… Ärgerlich wischte sie den Gedanken beiseite. „Und, Lieutenant, wer bitte?“
Anderson trat näher an Anne Sloane heran, um vertraulich mit ihr zu sprechen. Seine Teammitglieder machten vergeblich lange Ohren oder drehten die Mikrophone ihrer Einsatzanzüge hoch. Anne erschuf eine telekinetische Barriere, die den Schall absorbierte.
„Nun, Captain Sloane, ich denke, dass es nur einer Ihrer Kollegen aus der Sondereinheit Mutantenkorps gewesen sein könnte. Wenn Sie wollen, nehme ich die Karte mit und lasse typographische Tests daran vornehmen. Es liegen ja Schriftproben von allen Mutanten vor. Es ließe sich also schnell herausfinden, welcher…“
„Danke, Anderson, aber das ist nicht nötig. Wenn es einer meiner Kollegen war, dann handelt es sich garantiert um einen Scherz.“
Der junge Offizier sah sie finster an. „Darf ich offen sprechen, Ma´am? Danke. Sagen Sie, wie lange kennen wir uns nun schon? Seit dem Einsatz in Moskau. Richtig?
All die Zeit kamen Sie mir immer… Traurig vor. So als würde Ihnen etwas Wichtiges fehlen. Ich habe die Karte gelesen, und ich denke, da bewundert Sie jemand wirklich. Nicht auf diese kindliche Art wie ich das tue. Ich glaube wirklich, dass Sie jemand liebt. Und ich denke, diese Liebe würde Ihnen gut tun.“
Einen Moment war Anne wütend, ja sogar zornig. Sie dachte daran, den Lieutenant telekinetisch einzuwickeln, durchs Fenster zu werfen, halb Terrania überqueren zu lassen, um ihn dann in den Goshun-See zu werfen.
Doch diese klaren, jungenhaften Augen – sie konnte es nicht.
Sie beugte sich vor und gab dem Offizier einen Kuss auf die Wange. „Danke, Cliff. Sie haben mich auf eine Idee gebracht. Ich werde selbst herausfinden, wer mir die Karte und die Blumen geschickt hat.
So, ich muss dann los. Wenn Sie hier fertig sind, wird der Portier wieder abschließen.
Herrschaften.“ Mit diesen Worten verließ Anne das Penthouse.
Aus den Augenwinkeln bekam sie noch mit, wie Anderson für den Kuss auf die Wange eine erhebliche Menge an gut gemeinten Knüffen von seinen Kameraden ab bekam.
„Männer“, lachte sie.
***
„Also“, brummte sie nachdenklich, als sie im Hauptquartier der GalAb ankam, „wer kommt denn in Frage? Ein Telekinet oder ein Teleporter? Beide hätten exzellente Möglichkeiten, das Sicherheitssystem des Hauses zu überlisten.
Eventuell auch ein Frequenzseher… Oder jemand, der bereits im voraus weiß, was ihn hinter der nächsten Wand erwartet…“
Anne überwand die Sicherheitssperren schnell und routiniert. Das sie auf zwanzig verschiedene Arten abgetastet, vermessen und analysiert wurde, bekam sie gar nicht mit.
Es war schlichte Routine für sie.
Als sie im Stockwerk der Abteilung Mutantenkorps ankam, blinzelte sie überrascht. Sie hatte den ganzen Weg vollkommen in Gedanken bis hierher zurückgelegt.
Sie trat ein, nickte den Verwaltungsangestellten und Agenten zu und betrat den Aufenthaltsraum der Abteilung, der direkt neben dem Konferenzraum lag, in dem die Mutanten und ihre unterstützenden Agenten gebrieft wurden.

Ralf Marten war anwesend.
„Morgen“, brummte Anne.
„Morgen“, brummte Ralf zurück. Er goss sich Kaffee ein und schenkte ebenfalls einen Becher für Anne voll.
Zwei Stücke Zucker rundeten ihren Becher ab.
Anne ergriff den Kaffee, trat an den Kühlschrank und inspizierte ihn auf Snacks.
Möhren, natürlich. Gucky musste gerade in Terrania sein.
Ohne aufzusehen reichte sie Ralf Marten zwei Donuts mit Schokoladenglasur und nahm sich selbst einen mit Zuckerguss.
Dann setzte sie sich zu dem Teleoptiker an den Tisch, reichte ihm die Terrania Gazette und nahm sich selbst die Arkonstyle.

Während sie so beisammen saßen und frühstückten, meinte Ralf: „Hast du nicht frei, Anne?“
„Du doch auch, Ralf.“
Der Halbfranzose sah über den Rand seiner Zeitung zu ihr herüber. „Ich habe schlecht geschlafen. Da dachte ich mir, geh mal rüber ins HQ, trink einen Kaffee auf Staatskosten, sieh den Verwaltungsleuten bei der Arbeit zu und du kannst schlafen wie ein Murmeltier.“
Anne schmunzelte über den Witz. „Warum hast du nicht wie sonst einfach etwas Yoga gemacht? Danach geht es doch problemlos bei dir.“
Ralf runzelte die Stirn. „Hat auch nicht geklappt. Irgendwie bin ich seit wir zurück sind etwas durch den Wind.“ Er zuckte die Achseln. „Vielleicht fehlt mir die Gefahr.“
„Ja, klar“, erwiderte Anne, biss in ihren Donut und stellte sich einen heroischen, von einem Hügel herabstürzenden Ralf Marten vor, in der Linken die Fahne der Terranischen Republik, in der Rechten ein Lasergewehr auf Dauerfeuer.
„Und du?“, wechselte der Teleoptiker das Thema. „Warum bist du hier?“
„Blumen.“
„Blumen?“, echote der Mutant.
„Blumen“, bestätigte Anne. „Jemand hat heute ohne eine Spur zu hinterlassen einen Strauß Blumen vor meiner Tür abgelegt.
Die Dinger sind harmlos, aber hübsch. Also schließe ich mal einen Terroranschlag aus.
Da bleibt nur noch eine Möglichkeit. Einer meiner lieben Kollegen aus dem Mutantenkorps nimmt mich gerade etwas hoch.“ Sie kramte kurz in ihren Taschen und warf Ralf Marten die Karte zu, die bei den Blumen gewesen war. „Lies. Das spricht Bände.“
Ralf Marten studierte die Karte und meinte: „Ist doch ein netter Text. Was hat du gegen einen Bewunderer?“
„Was habe ich gegen einen Bewunderer? Nichts. Aber ich mag es nicht, hochgenommen zu werden. Und selbst wenn es ernst gemeint ist, wie soll ein Einsatzagent des Mutantenkorps denn eine Beziehung mit seinen Verpflichtungen der Erde gegenüber unter einen Hut bringen?“
Ralf legte die Zeitung beiseite. „Und? Schon eine Idee?“
„Es kann ja nur ein Teleporter oder Telekinet sein. Das grenzt die Suche stark ein.“
„Ach, deswegen bist du hier.“
„Genau.“ Anne schob sich das letzte Stück Zuckergussdonut in den Mund und spülte mit dem Kaffee nach. Sie stand auf, legte die Zeitschrift ab und nickte Ralf zu. „Danke für den Kaffee. Ich geh dann mal.“
„Viel Erfolg. Aber übertreib es nicht, Engelchen.“
„Engelchen?“
Ralf Marten runzelte die Stirn. „Habe ich das gesagt? Sorry, ist mir so rausgerutscht.“
Anne Sloane nickte fahrig und verließ den Raum.
***
Zwanzig Minuten später war sie nicht sehr viel schlauer.
Son Okura, der Frequenzseher, schied von vorne herein aus. Er hatte einen Einsatz auf Arkon.
Tama Yokida, der hochbegabte Telekinet war zwar auf Terra, unterstützte aber gerade GalAb-Agenten bei der Aushebung eines Terroristennetzwerkes. Und das seit drei Tagen.
Tako Kakuta befand sich seit acht Stunden auf Luna. Mit zehn Sprüngen wäre es ihm möglich gewesen, zur Erde zu teleportieren. Aber das hätte den japanischen Mutanten an den Rand seiner Kraft gebracht, und Anne glaubte nicht so recht daran, dass Tako solch ein Scherz diese Mühe wert war.
Blieb noch Betty Toufry, die Telepathin und Telekinetin. Konnte sie, hatte sie sich einen Scherz erlaubt? Nein. Sie weilte derzeit auf Mimas und untersuchte mit GalAb-Agenten eine unheimliche Mordserie auf dem Saturnmond.
Vielleicht Ras Tschubai? Er war in Terrania. Und er war sogar hier in diesem Gebäude.
Hm, Ras Tschubai. Beim Gedanken an den großen, muskulösen und durchtrainierten Schwarzen hellte sich Annes Miene auf. Wenn er die Karte platziert hatte, dann wünschte sie sich, dass es ernst war. So richtig ernst. Eigentlich war der Teleporter genau ihr Typ.
Laut der Hauspositronik tagte er seit mehreren Stunden in einer Sitzung mit Reginald Bull, Kitai Ishibashi und Allan D. Mercant in einem der kleineren Konferenzräume der Etage.
Am besten, entschied Anne, stellte sie den Teleporter direkt zur Rede.

Als sie den Konferenzraum betrat, war sie sich nicht so sicher, was ihr den Atem raubte, die Konzentration an Zigarrenqualm, oder die Konzentration an Testosteron in der Luft.
Die Konferenz entpuppte sich vor ihren Augen schnell als Pokerrunde, bei der geraucht und getrunken wurde, was das Zeug hielt.
Auf einer Couch schlief Wuriu Sengu. Er schnarchte zum Steinerweichen.
„Hallo, Anne“, begrüßte sie Bully und begann, einen Haufen Chips zu sich heran zu ziehen.
„Es ist gerade ein Platz frei geworden. Wuriu hat aufgegeben. Interesse?“
Die Telekinetin versuchte, nur durch den Mund zu atmen, aber so schmeckte sie den Rauch erst richtig. Bäh.
„Nein, Staatsmarschall. Ich suche nur Ras.“
Der Teleporter sah auf. „Was ist los, Anne? Kann ich dir helfen?“
Dieser Ras Tschubai. Nett, hilfsbereit. Durchtrainiert. Und herrlich weiße Zähne.
Aber die dicke Zigarre störte, auf der er herumkaute.
„Wie lange spielt Ihr eigentlich schon?“, fragte sie geradeheraus.
„Keine Zeitangaben, bitte“, blaffte Bully. „Dies ist ein Herrenabend. Und wir haben alle frei. Er hat begonnen, als er begann. Und er endet, wenn er endet.“
Als er Annes wütenden Blick sah, fügte er leiser hinzu: „Das letzte Mal, als ich auf die Uhr sah, war es drei.“
„Und Ras war die ganze Zeit hier?“, fragte sie enttäuscht.
Der Afrikaner grinste und nahm einen Schluck von der bernsteinfarbenen Flüssigkeit aus dem Glas vor sich. „Zumindest die letzten beiden Stunden, wenn ich es richtig abschätze.“
Anne dachte an das Klingeln an der Haustür.
Nein, damit schied Ras aus. Vor allem, wenn sie die beiden leeren Flaschen Glenmorangie unter dem Tisch betrachtete.
„Na dann spielt mal weiter“, erwiderte sie schroff und wandte sich zum gehen.
„Wolltest du nicht was von mir, Anne?“, fragte der Schwarze Stirnrunzelnd. „Wenn ich dir helfen kann, du weißt, ich…“
„Das hast du schon“, sagte sie und verließ den Raum.
***
Frustriert ging Anne durch die Büros. Wer blieb denn jetzt noch? Hatte Tako doch diese Wahnsinnstat gewagt? Gab Wuriu nur vor zu schlafen?
War Ras heimlich auf der Toilette gewesen und war in Wirklichkeit gesprungen?
Oder war es Gucky, der Schelm?
Nein, der süße Pelzträger schied aus. Bei all dem Schabernack, den der Mausbiber von Tramp so gerne betrieb, er würde niemals die Gefühle eines anderen verletzen. Bei all der Verspieltheit war er doch sehr verantwortungsbewusst.
Sie ging zurück zum Aufenthaltsraum, setzte sich an den Tisch und vergrub den Kopf in ihren Händen. Irgendwie war ihr nach heulen zumute. Warum tat sie es nicht einfach? Immerhin bedeutete es, wenn sie dieses Rätsel nicht löste, eine direkte Gefahr für ihre Sicherheit zuzulassen.

„Kein Erfolg gehabt, Anne?“, fragte Ralf und sah von seiner Zeitung auf.
Die Mutantin sah herüber. Sie hatte gar nicht gemerkt, dass der Teleoptiker noch im Raum war. Übergangslos brach sie in Tränen aus. Die Enttäuschung, der Frust, der Ärger der letzten Wochen, der letzten Jahre, ja Jahrzehnte, brach sich Bahn.
Ralf Marten stand auf, kam zu ihr herüber und schloss sie in die Arme.
Hemmungslos ließ sie die Tränen fließen und fühlte sich mit jeder Sekunde etwas mehr von einer Last befreit.
Als sie sich schließlich aus den Armen des Halbjapaners löste war es ihr, als hätte jemand eine große Last von ihrem Herzen genommen. „Danke“, sagte sie.
Der Teleoptiker sah sie einen Moment mit versteinerter Miene an. Doch dann lächelte er und sagte: „Da nicht für, Anne.“
Sie versuchte ein dankbares Lächeln, scheiterte aber.

„Und? Du hast niemanden gefunden, der die Blumen platziert haben könnte, richtig?“
Anne schüttelte den Kopf. „Nein. Ich habe immer noch keine Ahnung. Vielleicht hast du sie ja vor meine Tür gelegt.“
Sie dachte über diesen Gedanken nach und winkte ab. „Entschuldige. Dumme Idee.“
„Dumm? Wieso?“ Ralf sah sie verwundert an.
„Na… Du und ich, wir… Ich meine, ja, wir kommen super miteinander aus, der Einsatz auf Ekhon II war gute Teamarbeit. Aber ich kann mir dich nicht als Verehrer vorstellen.“
„Verstehe“, brummte Ralf und wandte sich zum gehen.
„So war das doch nicht gemeint, Ralf“, sagte Anne schnell und hielt den Kollegen am Unterarm fest. „Es ist ja nicht gerade so, als hättest du es jemals versucht oder so. Wir sind halt nur Freunde.“
In den Augen des Teleoptikers blitzte es auf. Aber es erlosch beinahe sofort wieder. „Und was, wenn ich es war? Was, wenn ich die Karte geschrieben habe? Die Blumen platziert?“
Anne lachte wie über einen guten Witz. „Ach komm. Du und die Karte geschrieben. Ich bitte dich. Wir waren schon immer gute Freunde, Ralf. Ich könnte mir das auch gar nicht vorstellen. Du und ich im Bett… Nein. Oder auch nur beim küssen. Das ist ja so, als würde ich meinen Bruder küssen.“
„Das sagst du auch nur, weil wir es noch nie probiert haben“, scherzte der Halbfranzose unsicher. „Ich bin ein toller Küsser.“
Anne dachte an ihren ruinierten Tag. Und daran, dass wenigstens eine sichere Konstante ihrem Leben gut tun würde. Also stand sie auf und stellte sich direkt vor Ralf. „Okay. Tun wir es. Bringen wir es hinter uns. Küss mich.“
Erschrocken wich Ralf einen Schritt zurück. „Was bitte?“
„Ich sagte, küss mich. Oder willst du kneifen?“
Anstatt zu antworten trat Ralf an sie heran, etwas zu hastig. Seine Lippen näherten sich den ihren, verharrten. Dann senkten sie sich unendlich langsam auf ihre. Als sich die Münder berührten, glaubte Anne in Flammen zu stehen. Die Flammen jagten von den Lippen in ihre Eingeweide und setzten ihren Unterleib unter Feuer. Sie öffnete ihren Mund und liebkoste die Zungenspitze Ralfs sanft und lockend. Es ging so leicht, auf einmal war alles so leicht. So eindeutig, so offensichtlich!
Ralfs Zunge streichelte über ihre, und zur Leichtigkeit kam Gewissheit.

Als sie endlich inne hielten, sahen sie sich an und lächelten. Es war ein dümmliches, verliebtes Lächeln. „Endlich“, hauchte Ralf. Ihm liefen Tränen die Wangen herab.
„Ja“, erwiderte Anne und küsste die Tränen fort. „Ja. Endlich.“
Endlich war sie über Perry hinweg. Endlich hatte sie ihre Schwärmerei für Ras abgelegt.
Endlich hatte sie etwas wichtiges erkannt. Sie liebte Ralf Marten. Und das mit einer Kraft, mit einer Leidenschaft, die sie schockierte und faszinierte gleichermaßen. Und er liebte sie auch.
Wer wusste schon, wie lange?

„Was ist das hier eigentlich für ein mentaler Krach, hä?“, klang plötzlich eine Fistelstimme auf. Gucky, der Mausbiber, war in den Raum gesprungen und sah die beiden streng an. „Das war ja ein Schlag auf der PSI-Ebene, als hätte jemand ES Eis in den Nacken gesteckt. Eure Liebeserkenntnis habe ich ja sogar noch in Rio de Janeiro gehört. Ich musste nicht einmal espern!“
Anne sah zu Ralf und von ihm zu Gucky. Sie feixte dem Mausbiber zu. „Gewöhn dich dran. Das wirst du jetzt wohl öfter hören.“
„Sehr viel öfter“, sagte Ralf und küsste Anne auf die Wange.
Das nahm sie zum Anlass, um ihn wieder zu küssen und mit ihrer Zunge über seine Lippen zu wandern.
„Na, ich sehe, Ihr seid beschäftigt“, brummte der Mausbiber. „Lasst euch nicht stören, ja?“
Er teleportierte vor die Tür, blockierte sie telekinetisch und sah zu Perry Rhodan hoch.
„Auftrag ausgeführt, Leutnant Guck?“, fragte der streng.
Gucky salutierte spielerisch und erwiderte: „Ja, Sir. Auftrag ausgeführt. Blumen platziert, Verdächtige aus dem Weg geräumt und die beiden mehrmals in den gleichen Raum gelockt.
Wurde ja auch Zeit. Das konnte ja keiner mehr mit ansehen, wie sie sich unbewusste Blicke zugeworfen haben.“
„Ja“, bestätigte Rhodan, „es wurde allerhöchste Zeit, dass Anne endlich glücklich wird.
Hoffen wir, das es hält zwischen den beiden…“
Er wandte sich zum gehen. „Bleibt nur noch eine Frage bei diesem jungen, überfälligen Glück, Leutnant Guck.“
Der Multimutant hochte auf und stellte die Ohren in Rhodans Richtung, als der Präsident erneut seinen militärischen Rang verwendete. Normalerweise war das der Beginn eines Tadels.
Entsprechend misstrauisch fragte er: „Ja, Perry?“
„Wo hast du die Blumen her?“
„Aus Bullys Garten. Der hat doch so viele schöne Blumen.“
Rhodan lachte laut. „Gucky“, meinte er mit Tränen in den Augen, „du wirst nie erwachsen.“

__________________
Ace Kaiser,
Angry Eagles

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29.01.2005 12:02 Ace Kaiser ist offline E-Mail an Ace Kaiser senden Beiträge von Ace Kaiser suchen Nehmen Sie Ace Kaiser in Ihre Freundesliste auf
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Der letzte Report


„Dies ist der letzte Appell der Menschheit. Diese Tonbandaufnahme ist wahrscheinlich das letzte Lebenszeichen, daß ein freier Mensch von sich gibt....
Mein Name ist Donald C. Suthorn, ich bin... ich war Arzt in Little Rock, Arkansas, bevor das Unglück geschah, bevor die Invasion erfolgte. Eine Invasion von Außerirdischen!! Oh nein, keine Invasion wie Sie vielleicht vermuten, wer immer Sie sind, der dies gerade hört. Nein, eine wesentlich subtilere Invasion, der ich auf die Schliche kam, als sich einige meiner Patienten plötzlich veränderten... über Nacht ihren Charakter änderten, so daß ich sie nicht wiedererkannte. Aus manisch depressiven Menschen wurden lebenslustige, realitätsnahe Zeitgenossen, aus Trunkenbolden wurden nachdenkliche, beherrschte Menschen, aus forschen, alles Hinterfragenden wurden desorientierte Duckmäuser.
Ich habe die Gefahr geahnt, habe versucht, den Stadtrat zu warnen, aber entweder war er zu diesem Zeitpunkt bereits unterwandert, oder sie haben mich einfach ignoriert.
Verständlich, wer glaubt schon ernsthaft daran, daß Außerirdische landen, unsere Körper kopieren und unsere Leben weiterleben...?
Was mit denen geschehen ist, die sie ersetzt haben, weiß ich nicht, ich muß aber davon ausgehen, daß sie tot sind. Meine Frau, meine Schwester, mein Schwager... Es ist viel zu irreal, um wahr zu sein, aber ich muß es wohl akzeptieren. Außerirdische fallen über uns her, fressen unsere Körper und ersetzen sie anschließend durch Angehörige ihrer eigenen Spezies...
Mittlerweile ist die ganze Stadt in ihrer Hand. Alle meine Versuche, ihre Ausbreitung zu verhindern, endeten darin, daß auch mein letzter Mitstreiter, Jeff, gefangen und womöglich eliminiert wurde.
Mein Leben zählt keinen Penny mehr. Ich werde jetzt hinausgehen, und versuchen, aus dieser Stadt zu entkommen. Vielleicht gibt es da draußen noch eine klitzekleine Chance für... Was war das? Ein Geräusch? Ich...!“

„Pfoten hoch, wo ich sie sehen kann! Gut so! Sarge, den Scan, bitte!“ „Er ist clean! Der erste lebende Mensch in dieser Stadt, es ist kaum zu glauben!“
„W-was? Wer sind Sie? Was ist hier los?“
„Marines Special Forces, Sir! Wir werden hier eingesetzt, seit die normale Kommunikation mit dieser Stadt Anomalien aufweist! Wir sind seit einer Woche hier und haben ziemlich schnell herausgefunden, was hier gespielt wird!“
„Wie? Was?“
„Nun beruhigen Sie sich, Sir! Dieser Scanner mißt Ihre Körpertemperatur. Wären Sie eine von den Pflanzen da draußen, wäre sie unter zwanzig Grad. Sie sind also ein Mensch, oder eine neue Generation dieser Aliens. Aber eine kurze Blutprobe...“
„Auuu!!!“
„...wird uns Klarheit verschaffen!“
„Das Blut gerinnt, Lieutenant!“
„Okay, Sie sind sauber! Parker hier wird Sie aus der Stadt bringen!“
„Aber... Aber... Aber, was wird aus der Stadt?“
„Keine Bange, Sir! Seit Independence Day sind wir auf diesen Fall vorbereitet! Jeder, der diese Stadt in den letzten vier Wochen verlassen hat, wird landesweit gecheckt! Die Pharma-Industrie hat seit zwei Tagen ein Mittel bereit, was nur gegen diese Pflanzen wirkt. Und draußen vor der Stadt haben sich neun Divisionen der Marines und der Nationalgarde versammelt, um die Aliens zurück in den Outer Space zu jagen! Was glauben diese Pflanzenaliens eigentlich? Daß sie nur auf der Erde zu landen brauchen, eine Stadt infiltrieren müssen und von dort ihre Leute in aller Welt schicken können, um die Erde zu erobern? Nicht mit uns, denn wir wurden für diesen Fall speziell ausgebildet! Gehen Sie jetzt mit Parker, Sir! Und, wenn wir Überlebende finden, werden wir Sie benachrichtigen! Mein Zug geht jetzt Pflanzen metzeln!“


Epilog: Zwei Tage später war die Invasion der fremden Pflanzen zerschlagen worden! Nirgendwo auf der Erde hatten sie Fuß fassen können. In den Lagerhallen am Rande von Little Rock hatte man all die Menschen entdeckt, die kopiert worden waren. Zusammengepfercht zur Produktion von Naturdünger! Bereits ein halbes Jahr später ging das Leben im kleinen Städtchen wieder normal vonstatten, bis auf den kleinen Unterschied, daß die Menschen hier weit aufmerksamer sein würden als all die anderen in ihrem Land.
Und die Moral von der Geschicht´: Wenn Du als Alien eine Invasion planst, lege Dich nie mit den paranoiden Amis an!!!!
Ende



Der X-Punkt

Alpha:
Die Schmerzen... Die unglaublichen Schmerzen rasten durch meinen Leib. Sie marterten, sie quälten mich.
Riina in den Armen eines anderen zu sehen, zu wissen, dass sie ihn ehelichen, ihm Kinder gebären würde, war zuviel. Zuviel für mich, zuviel für meine Welt.
Ich zerbrach. Ich starb. Das was ich Leben genannt hatte, war nur noch ein Schatten, denn mit Riina war das Licht aus meinem Leben verschwunden.
Ich weiß nicht, warum ich das hier niederschreibe, denn sobald ich ES getan habe, wird es sowieso niemand lesen können. Vielleicht rechtfertige ich mich hier. Vielleicht versucht mein Unterbewusstsein mit diesem Text auch nur, meinen vor Schmerz irrsinnigen Verstand zu erreichen.
Aber es nützt nichts. Es nützt alles nichts.

Ich bin entschlossen, all dem ein Ende zu setzen. Ich begehe Selbstmord. Aber nicht irgendeinen Selbstmord. Ich reiße sie alle mit. ALLE! Auch Riina und Selm, ihren Mann, ihre Familien, meine Familie, alle, die ich kenne und Abermilliarden dort draußen, die nicht einmal wissen, dass es mich gibt.
All sie werde ich töten, auslöschen, wenn ich das Universum vernichte.

Erst war es nur eine fixe Idee. Mein Tod war schon beschlossen, doch mich quälte die Erkenntnis, dass Riina mit ihrem Supermann weiterleben würde, so als gäbe es mich nicht. Als hätte es mich nie gegeben.
Die Idee, auch sie zu töten, dazu ihren Mann, hatte was. Aber es würde immer noch jemandem geben, der sich an sie und ihre Beziehung erinnerte. Was mich auf den Gedanken brachte, sie alle umzubringen. Alle. Wirklich alle. Die ganze Welt.
Doch warum nur die Welt? Warum nicht die Schöpfung beenden, das ganze, verdammte, dämliche und ungerechte Universum zerstören? Warum nicht auf einen Neuanfang hoffen?
Von diesem Gedanken war es nur ein kleiner Schritt bis zum theoretischen Modell diverser Superbomben, Raumzeitmanipulationen oder der frühzeitigen Entropie am Ursprung des Universums selbst.
Der letzte Gedanke faszinierte mich so sehr, dass ich auf ein recht einfaches Verfahren kam, wie ich am Ursprungsort des Universums die totale Vernichtung heraufbeschwören konnte.
Oh, es war so einfach, so simpel gewesen. So banal, dass wohl nur ein Genie darauf kommen konnte, der zwar genial war, aber seinen Verstand abgegeben hatte.
Doch es nützte mir nichts. Denn das Verfahren, das ich entwickelt hatte, konnte nur am Ursprung, am Ort des Urknalls eingesetzt werden. Dennoch hatte mir die Berechnung Spaß gemacht, mir beinahe über meinen Schmerz hinweggeholfen.

Dann kam mir die Erkenntnis... Der Ursprung des Universums ist hier!!!! Hier, wo ich bin. Oder am anderen Ende des Universums, zwei Meter oder Kilometer neben, vor, hinter mir!!
Denn der Ursprung WAR das Universum. Und als es sich ausgedehnt hatte, da hatte sich auch der Ursprung ausgedehnt.
Ich hatte, ich habe nun eine reelle Chance, alles zu vernichten. Es zu beenden. Die Ungerechtigkeit. Die Schmach. Den Schmerz. Den Schmerz...
Dies ist wahrscheinlich der letzte geschriebene Satz in diesem Universum.
Aber es wird schon bald niemanden mehr geben, den dies kümmern kann.
*
An einem fernen Ort in einer fernen Zeit, vor oder hinter uns, es ist egal, steht ein junger Männlicher von seinem Schreibtisch auf, tritt an einen Tisch heran und legt einen Schalter um. Die Apparatur, die mit dem Schalterdruck aktiviert wurde, brummt kurz und erstirbt. Für immer! Wieder mal…
*
Verwirrt sehe ich auf. Es hätte funktionieren müssen. Funktionieren sollen! Ich hätte nicht mehr in der Lage sein dürfen, etwas zu denken, etwas zu fühlen. Ich hätte nicht mehr sein dürfen! Aber ich bin noch da. Meine Umgebung ist noch da.
Das Universum ist noch da! Ich habe versagt.

Zeta:
„Hi“, sage ich leise. Der niedergeschlagene Mann wirbelt herum, fixiert mich mit seinen drei Augen. Merkwürdige Art zu sehen. Drei Augen verschaffen ihm augenscheinlich eine sehr gute Rundumsicht, aber wenn er schielt, kriegt er bestimmt Kopfschmerzen.
Interessiert betrachte ich die braune, geschuppte Haut. Die zwei Arme, die in langen, viergliedrigen Händen enden, deren Finger dünne, aber äußerst geschickte Tentakel sind.
Aber alles in allem wirkt er sehr menschlich auf mich.
Vielleicht sind im Laufe der Jahre auch einfach nur meine Ansprüche zurück geschraubt worden.
Wie oft habe ich diese Szene erlebt? Wie oft werde ich sie noch erleben? Ich kann es nicht sagen, will es auch nicht.
„Hi“, erwidert mein Gegenüber nach einem Moment der Verwirrung. Offensichtlich hat ihn mein Anblick nicht geschockt. Sicher wundert er sich, wie ich mit nur zwei Augen richtig sehen kann. Sicher wundert ihn, wie ich mit den kurzen, mit Scharniergelenken versehenen Fingern überhaupt etwas greifen, geschweige denn feinmotorische Arbeiten vornehmen kann.
Aber trotz der ganzen Unterschiede sehe ich etwas, was er mit allen, die ich zuvor beobachtet habe, gemein hat. In seinen Augen ist dieser Schmerz. Dieser verdammte Schmerz, den ich schon so oft gesehen habe. Einsamkeit, Verlassenheit, Angst vor der ungewissen Zukunft, der schwere Verlust im Leben.
Der ultimative Grund, sein eigenes Leben beenden zu wollen. Und der ultimative Verstand, das Universum mit sich zu reißen.

„Du bist kein Ragnir“, stellt mein Gegenüber fest.
„Das ist wahr“, erwidere ich. „Sicher wunderst du dich, dass wir miteinander reden können. Ich weiß nicht, ob dir bewusst ist, dass das Universum geradezu vor Leben birst, das es unzählige Zivilisationen gab, gibt und geben wird, von denen nicht wenige interstellare, ja intergalaktische Raumfahrt beherrschen.
Deren Technologie ist sehr hoch stehend. Eine dieser Rassen hat mir dieses Spielzeug überlassen. Es scannt dein Gehirn, erfasst dessen Funktionsweise und übersetzt mit diesen Kenntnissen für uns unsere Worte.“
„Ein interessantes Gerät“, gibt mein Gegenüber zu. In seinen Augen erwacht Interesse an der Situation. Er ist augenscheinlich ein gebildeter Mann. Und Interesse an meinem kleinen Translator, der wie eine Brosche an meinem Shirt hängt.
„Setzen wir uns“, schlage ich vor. Ich sehe mich nach einer geeigneten Gelegenheit um und nehme Platz.
Zögernd folgt der Männliche meinem Beispiel.
„Nun, wie du ja schon festgestellt hast, bin ich kein Ragnir. Ich bin ein Terraner. Mein Name ist Julian.“
„Ich bin Threoden.“
Ich nicke verstehend. „Du bist Physiker, Threoden?“
„Nein, eigentlich nicht. Ich bin Computerwissenschaftler. Ich arbeite an einem neuronal vernetzten Computersystem, um eine künstliche Intelligenz zu erzeugen.“
„Aha“, bemerke ich. „Daher also. Deswegen ist es dir so leicht gefallen.“
„Was leicht gefallen?“, erwidert er verwundert.
„Na, das Universum zu zerstören! Schon vergessen? Du hattest deine phänomenale Erfindung gerade aktiviert und darauf gewartet… Nun ja, das danach nichts mehr zum warten ist. Du wolltest den Mittelpunkt des Universums benutzen, um anhand der universalen, quasineuronalen Vernetzung der Gravitations- und Zeitlinien einen totalen Zerfall, sprich Rücksturz auszulösen. Eine beschleunigte absolute Entropie.“
Der Ragnir sieht mich mit einem Gesichtsausdruck an, den ich nur als belämmert beschreiben kann. Nach meinen ungezählten Erfahrungen mit ungezählten Spezies traue ich mir diesen Vergleich durchaus zu.
„Äh, ja, stimmt“, erwidert Threoden und kratzt sich verlegen am Kinn. „Das hatte ich eigentlich vor.“
„Deswegen bin ich hier. Als du nämlich versucht hast, das Universum zu vernichten, habe ich es verhindert.“
„Was?“ Threoden springt auf und starrt mich an. Einen Augenblick später lässt er sich wieder auf seine Sitzgelegenheit fallen. „Das erklärt natürlich einiges. Und ich dachte, wenn ich den Sensor betätige, dann war es das. Mit dem Universum und dem ganzen Rest.“
„Soweit hast du ja auch Recht“, erwidere ich. „Die ganze Sache hat nur einen Haken. Sobald du deine Maschine auslöst, bleibt die Zeit stehen. Und wenn die Zeit stehen bleibt, wird auch das Universum nicht vernichtet. Wenn jemand genau an dieser Stelle eingreift, dann kollabiert das Universum nicht. Und er hat dafür im wahrsten Sinne des Wortes keine Zeit. Weil es keine Zeit gibt. Ich konnte also in aller Ruhe verhindern, dass dein Plan Erfolg hat.“
„Ah, so, verstehe.“ Er sieht mir in die Augen. „Und warum?“
„Nun, einer muss es ja tun. Ich weiß ja nicht genau, warum du das Universum zerstören wolltest, und ich wette, du hast einen triftigen Grund dafür. Aber mal ganz ehrlich. Wären wir nicht alle um einiges ärmer dran, wenn wir das Universum den Bach runtergehen lassen würden?“
„Natürlich hatte ich meine Gründe. Und ich bin mir nicht so sicher, dass wir so vieles ärmer wären, wenn wir das Universum verlieren würden.“
„Tja, abgesehen von uns. Ohne Universum gäbe es uns nicht, richtig? Aber das ist genau der springende Punkt.
Lass mich raten. Entweder hast du deine Gefährtin verloren, oder sie hat dich für einen anderen verlassen.“
„Du bist gut“, erwiderte der Ragnir.
Ich zucke mit den Achseln. „Erfahrung, einfach nur Erfahrung. Ich weiß gar nicht, wie oft ich das Universum schon vor der Vernichtung bewahrt habe. Und fast immer sind die Auslöser Männliche, die ihre Lebensgefährtin auf die eine oder andere Art verloren haben.
Scheint so, als würden Frauen fast nie auf diesen dämlichen Gedanken kommen.“
„Davon verstehst du nichts. Du weißt nicht, was ich durchgemacht habe.“ Schroff wendet sich Threoden ab.
„Och doch, mein Freund, oh doch. Denn ich war genau wie du. Ich hatte die gleiche Idee.
Sieh mal, ich bin auch Wissenschaftler. Und ein ziemlich guter noch dazu. Aber irgendwann gerieten bei mir die Hormone durch einander. Ich versuchte, bei einer Frau zu landen, die nun überhaupt nicht meine Kragenweite ist. Sie hat mich abgekanzelt und ist lieber mit einem Sportstar zusammen gekommen.
Das hat mich so gekränkt, das ich vor Schmerz und Verzweiflung weder ein noch aus wusste.
In meiner Wut habe ich dann das gleiche getan wie du. Ich habe versucht, das Universum zu vernichten.“
„Oh“, machte Threoden.
„Aber mir ist was witziges dazwischen gekommen. Anscheinend versuchte jemand genau dasselbe wie ich. Genau gleichzeitig mit mir wurde das Universum von einem anderen Punkt aus zerstört. Da der Kollabierungspunkt, das Zentrum des Universums aber nur an einer Stelle sein kann, hob sich die Wirkung gegenseitig auf.
Ich habe es danach noch mal probiert, und noch mal und noch mal, aber jedes Mal kam mir der andere in die Quere. Natürlich hätte ich es an diesem Punkt sein lassen können und den anderen das Universum zerstören lassen. Der Effekt wäre jedenfalls wie gewünscht gewesen.
Aber ich war damals sehr ehrgeizig. Ich wollte es sein, der das Universum vernichtet. Niemand sonst. Auch wenn es im Nachhinein vollkommen egal war, denn ohne Universum gab es ja auch niemanden, der auch nur wissen konnte, dass es mal ein Universum gab. Geschweige denn, wer es zerstört hat.
An diesem Punkt angekommen versuchte ich, ein Gerät zu entwickeln. Es sollte mir erlauben, bei gleichzeitiger Aktivierung von seiner und meiner Maschine die Raumzeit zu durchbrechen.
Ich wollte meinen Gegenüber zur Rede stellen.
Nun, kurz und knapp, es gelang.

Und es stellte sich heraus, dass mein Gegenüber ein jugendliches Genie war. Der ebenso wie ich in der Liebe ein Riesenpech gehabt hatte und nun in seiner Verzweiflung versucht hatte, das Universum zu vernichten.“
Ich lache kurz, als ich mich an den kleinen, wie platt gedrückt wirkenden Vierfüßler mit den schmalen Aktionstentakeln erinnerte.
„Dabei war alles, was er brauchte, ein Gespräch mit einem Älteren, der ihm zuhörte, seinen Schmerz verstand und etwas davon auf sich nahm. Als er sich wieder gefasst hatte, versprach er, seine Maschine nie wieder zu aktivieren.
Und dann sagte er etwas, was ich nie vergessen werde. Er bat mich, meine Maschine ebenfalls nie wieder zu aktivieren, denn für ihn begann sich sein Leben wieder einzurenken. Er wollte es noch mal mit dem Universum probieren. Und wenn ich es zerstört hätte, ja, dann wäre das wohl kaum gegangen…“
Nachdenklich betrachte ich meine Fingerspitzen. „Den Rest kannst du dir ja denken. Ich kehrte auf meine Welt zurück und fand eine andere Partnerin. Und plötzlich hatte ich keinen Grund mehr, das Universum zu vernichten.
Mehr noch, ich verstand, wie egoistisch ich gewesen war. Ein ganzes Universum. Im Nachhinein erkannte ich, dass die Vernichtung eines ganzen Universums doch eine Nummer zu groß gewesen war. Eben einfach nicht meine Kragenweite.
Wenn du so willst, wachte ich auf. Und erkannte etwas anderes. Das Universum durfte nicht vernichtet werden. Zu viele intelligente Wesen fühlen sich ganz gut damit. Zu viele vertrauen darauf, dass ihre Völker ein paar Millionen Jahre haben würden, um Intelligenz zu entwickeln, Zivilisationen aufzubauen und das gesamte Gefühlsspektrum zu durchlaufen, von Freude bis Liebeskummer. Das es ein Morgen geben würde – auch wenn Übermorgen das gesamte Universum durch den entropischen Effekt kollabieren würde.
Aber die Zeit bis dahin zu verkürzen war schlicht und einfach eine Frechheit.
Und damit begann meine Karriere als Wächter. Als Garant für den Fortbestand des Universums. Ich wurde der Wächter des Ursprungs des Universums.
Mit Hilfe meiner Maschine richtete ich einen Moment zwischen den Zeiten ein. Und von diesem Moment aus verhindere ich mit meiner Maschine die Zerstörung des Universums.

Damit aber nicht genug, ich reise auch zu denen, die es versuchen. Und erkläre ihnen, wie egoistisch sie sind. Wieso ihre Verletztheit nicht gleich ein ganzes Universum kosten darf. Warum sie ihr Genie eher zum Nutzen ihrer Spezies einsetzen sollten, statt zu dessen Zerstörung. So wie du.“
„Ja, du hast Recht. Es war vielleicht ein törichter Gedanke, nicht daran zu denken, dass nicht schon ein anderer vor mir auf den Gedanken gekommen ist, das Universum zu vernichten. Da es das Universum noch gibt, musste es dafür einen Grund geben. Ich habe wohl nicht weit genug gedacht, was?“
Ich nicke. Aber diese Wendung im Gespräch gefällt mir gar nicht. Er hätte jetzt eigentlich Rotz und Wasser heulen sollen, oder was sonst die Ragnir immer tun, wenn sie sich den Kummer von der Seele spülen. Und mir mit tausend Details über die Beziehung zu seiner Verflossenen und über sie selbst erzählen sollen.
„Aber wenn du jetzt hier bist…“ Threoden springt auf und läuft zu seiner Maschine. Atemlos aktiviert er sie und…

Omega:
Ich lächele. „Habe ich vergessen zu erwähnen, dass ich eine Möglichkeit gefunden habe, die andere Maschine endgültig zu zerstören? Von diesem Ding aus wirst du das Universum nie wieder zerstören können.“
„Pah! Das bedeutet gar nichts! Ich werde eine neue bauen. Und wenn du dann wieder kommst, dann werde ich bereit für dich sein! Ich…“
Erschrocken betrachtet der Ragnir die klaffende Wunde in seiner Brust. Sein Blut ist bräunlich und wird an der Luft schnell schwarz. Sein Blick geht von den blutverschmierten Händen zu mir. Er starrt auf die Waffe in meiner Hand. Ein Geschenk meiner Freunde, von denen auch der Translator stammt.
Natürlich. Das gibt es ja auch immer wieder. Typen, die keinem Argument zugänglich sind. Schon seit einiger Zeit gehe ich keinerlei Risiko ein und eliminiere sie, anstatt mich auf lange Psychoduelle einzulassen. Die Gefahr, dass ich dabei sterbe und das Universum untergeht ist mir einfach zu groß.
Als mein Translator mir mitteilt, dass Threoden tot ist, untersuche ich seinen Computer auf Daten über die Maschine, die er gebaut hat. Ich vernichte, was immer ich finde. Elektronische Unterlagen, Papierdokumente und teilweise montierte Technik.
Die Maschine selbst stelle ich auf Überlastung. Sie wird implodieren und ohne Rückstände vernichtet werden. Das haben die Dinger so an sich.
Nachdenklich bereite ich mich auf den Rückweg vor. Es ist eigentlich schade um ihn. So wie um viele vor ihm. Aber solange ich den Ursprung des Universums, den X-Punkt bewache, kann und darf ich kein Risiko eingehen. Ich bin der Wächter des Ursprungs des Universums. Ein selbsternannter, aber sehr effektiver Wächter. Und im Moment der einzige, der es so hält.
Wenn ich versage, dann wird das so was von egal sein.
Ich schaudere bei dem Gedanken. Mittlerweile mag ich das Universum nämlich.
Und ich reagiere nicht mehr über, wenn eine Beziehung zerbricht.
Was mich an meine derzeitige Beziehung erinnert. Sie hat versprochen, heute Kartoffelgratin zu machen…


Die Putzen des Imperators


Es war ein glanzvolles Fest am Hofe des Imperators, fand Captain Adon Branna. Die mächtigsten Männer und Frauen huldigten ihrem weisen Herrscher, die besten Musiker spielten auf und die Schönsten der Schönen vertrieben ihnen die Zeit mit ihrer Anmut und ihrer Lieblichkeit.
Branna, ein Protégé von Darth Vader, fühlte sich sehr geehrt, zu dieser Feier eingeladen worden zu sein.

Gerade betrat dieser mächtige Mann den Saal, ging hierhin, dorthin und führte ein paar Gespräche. Schließlich kam er zu Adon Branna. Der junge Mann mit der kometenhaften Karriere versteifte sich, um seinen hochrangigen Gönner mit dem ihm gegenüber angebrachten Respekt zu ehren, aber der Schüler Imperator Palpatines winkte ab. "Lassen Sie das, Captain Branna. Dies ist eine Festivität des Imperators. Übertriebene Förmlichkeit spricht dem Gedanken dieser Gelegenheit zuwider."
"Aye, mein Lord", erwiderte Branna und unterdrückte den starken Impuls, vor diesem Mann zu salutieren.
"Und, junger Mann?" fragte Vader, beinahe im unverfänglichen Plauderton. "Wie gefällt es Ihnen am Hofe?"
Einen Moment war Branna unsicher. War dies wirklich Vader, Darth Vader, die rechte Hand des Imperators, der Versagen nicht selten mit dem Tod durch die Hand der geheimnisvollen Macht zelebrierte? Der aber exzellentes Können und Talent auch gegen den Widerstand anderer konsequent förderte? Der Mann, der Gerüchten zufolge die Vernichtung des Planeten Alderaan befohlen hatte?
Und dieser Mann bemühte sich nun um eine zwanglose Konversation mit ihm, einem jungen Captain von Corellia?
Vorsichtig wägte er seine Worte ab. "Ich sehe eine Menge berühmter Menschen hier, mein Lord. Den Schauspieler Dantros, den Reeder Starwatcher, den Admiral Soon. Es ist mir eine Ehre, mit ihnen in einem Raum zu sein, vor allem, da Seine Herrlichkeit ebenfalls anwesend sein wird."
Vader hob die rechte Hand und schwenkte den erhobenen Zeigefinger in Brannas Richtung. "Sie sind naiv, Captain. Das ist im gleichem Maße herzerfrischend wie gefährlich. Die Anwesenheit des Imperators bei diesem Fest allein sollte Ihnen zeigen, daß dies hier mehr ist als nur eine Party.
Überdies sollten, nein, müßten Sie begreifen, junger Mann, daß Sie der einzige sind, der diesen Abend mit so ungezwungenen Augen betrachtet.
Ich weiß, der Imperator wünscht sich bei solchen Gelegenheiten eine entspannte Atmosphäre. Aber sein schweres Amt holt ihn immer wieder ein und zwingt ihn sogar heute dazu, wichtige Aspekte seiner Würde wahrzunehmen. Auch die meisten Anwesenden sehen hierin mehr als ein Fest. Für sie ist es nicht wie in Ihren Gedanken, dem Imperator einfach nahe zu sein. Sie produzieren sich in seinem Schein in der Hoffnung, damit weit über ihr Vermögen zu wachsen."
"Ich verstehe, mein Lord. Sie gaukeln den anderen vor, durch ihre Anwesenheit größere Bedeutung zu haben als es ihren Stellungen in unserer Kultur geziemt. Und durch die Anwesenheit des Imperators könnte aus diesem Schein wirklich Sein werden."
"Sehr gut erkannt, Branna. Ich sehe, daß Ihr ungeschliffener Geist immer und immer wieder brillante Facetten erschafft. Sie sind auf dem besten Weg, ein brillanter Taktiker zu werden."
"Ich danke Ihnen, mein Lord. Sollte ich diesen Weg gehen, dann nur, weil Sie mich geformt haben."
"Nun, Sie formen sich selbst. Ich gebe Ihnen lediglich den Willen der Macht kund und weise Ihnen die Richtung."
Erstaunt sah Branna seinen Gönner an. Versuchte der mächtige Sith etwa, aus Brannas Weltbild als Mittelpunkt zu verschwinden, sich seiner glühenden Verehrung zu entziehen? War Vader wirklich nur ein Lotse, der ihn, den jungen Corellianer auf den richtigen Pfad gelockt hatte? Aber was bedeutete dies? Würde sich Vader aus seinem Leben zurückziehen, weil er meinte, Branna würde seinen Weg nun alleine gehen können?
Vaders Schutz zu verlieren, seine Erfahrung, ja, seine Freundschaft wäre ein schwerer Schlag für den jungen Soldaten.
"Ihre Gedanken verraten Sie, Captain. Und Ihre Augen spielen Ihr Innerstes wieder."
Vader neigte sein Haupt in Brannas Richtung. "An diesem Ort aber sollte man mit den Augen lügen können und sein Herz nicht offen vor sich tragen. Denn für viele hier wären Sie nur eine Fußnote in einer Intrige am imperialen Hof, wenn Sie nicht auf Ihre Schritte achten. Es gibt Dinge, vor denen nicht ich Sie beschützen kann, wohl aber Sie selbst."
"Aye, Lord Vader", murmelte er.

Der Sith deutete mit der Rechten auf einen Diener, der ein Tablett mit gefüllten Gläsern transportierte. Eines davon erhob sich wie von Geisterhand und schwebte in die Hand des Lords. Er gab es an Branna weiter. "Trinken Sie. Dies ist Ihre erste Lektion heute Abend."
Gehorsam nahm der Offizier einen Schluck. "Fruchtsaft", stellte er fest. "Curama, vielleicht etwas zu reif." Und wird fast mit Edelsteinen im gleichen Gewicht bezahlt, fügte er in Gedanken hinzu.
"Und vor allem alkoholfrei. Behalten Sie an diesem Ort stets Ihre Sinne beisammen und zeigen Sie keine Schwäche."
„Ja, mein Lord.“ Dankbar nahm Adon Branna zur Kenntnis, daß der Lord der Sith ihn nicht ganz sich selbst überlassen würde.
Aber ihm wurde klar, daß es nun an der Zeit für ihn war, das, was er gelernt hatte vom Leben prüfen zu lassen, um seinen Lehrmeister und Mentor stolz zu machen.

In diesem Moment betrat der Imperator selbst den Saal. Branna fühlte sein Herz hüpfen. Unwillkürlich wollte er sich in Bewegung setzen, um in das Spalier zu treten, welches die hohen Herren und feinen Damen für Palpatine bildeten, doch ein Impuls ließ ihn stehen bleiben.
„Warum gehen Sie nicht hinüber, Captain? Wollen Sie dem Imperator nicht ihre Ehrerbietung zeigen?“
Branna nahm einen weiteren Schluck Curama und erwiderte: „Mein Lord, die Ehrerbietung erweise ich ihm in meiner Arbeit. Aber auf dieser Feier gibt es genügend Gaffer und Schleimer, die sich im Glanz seiner Herrlichkeit sonnen wollen. Soll ich, ein Soldat, mich dazustellen und den Ruf der Streitkräfte diskreditieren?
Sollte der Imperator aber, in seiner unendlichen Weisheit, entscheiden, mich sehen zu wollen, werde ich ihm den nach dem Protokoll zustehenden Respekt entgegen bringen.“
Der Imperator schritt auf ihrer Höhe vorbei auf seinen Thron zu. Zackig nahm der Captain Haltung an und salutierte. Neben ihm neigte der Sith sein Haupt.
Für einen Moment nur sah Palpatine zu ihnen herüber. Sein altes Gesicht blitzte kurz unter der Kapuze seiner Robe auf. Ein feines Lächeln umspielte seine Lippen, als Branna glaubte, von ihm direkt angesehen zu werden.
„Gut gemacht, Captain. Sehr gut gemacht. Durch Ihr rücksichtvolles Verhalten haben Sie mehr Aufmerksamkeit erregt und mehr Gefälligkeit erhalten. Der Imperator wird mich in den nächsten Tagen sicherlich zu Ihnen befragen. Dies wird ein wichtiger Schritt in Ihrer Karriere sein.“
„Einer Karriere, die auch von mir sehr sorgsam beobachtet werden wird“, stellte eine alte, weibliche Stimme fest.
Adon Branna fuhr herum. Eine Frau in einem blutroten Kleid, verhüllt mit einem ebenfalls blutroten Schleier stand dort, umgeben von mehreren ähnlich, aber schlichter gekleideten Damen.
Neben ihm sagte Darth Vader: „Captain Branna, darf ich vorstellen, Lady Drusa Peacemaker von den Imperialen Ordnungskräften. Lady Peacemaker, Captain Branna von den Streitkräften.“
Eine knorrige, alte Hand streckte sich ihm entgegen. „Es ist mir immer wieder eine Freude, einen neuen Protégé von Lord Vader kennenzulernen.“
Adon bemühte sich, keinerlei Regung zu zeigen, als er die Hand ergriff und einen Kuß aufhauchte. „MyLady.“
„Höflich ist er ja, Vader. Ich hoffe nur, er ist nicht eine so gänzliche Enttäuschung wie Baron Tagge.“
„Die Macht ist mit ihm, Lady Peacemaker. Er wird seinen Weg gehen.“
Die knorrige Hand verschwand wieder unter dem Kleid. „Ich will es hoffen. Um Ihret- und um seinetwillen, Vader.“
Für einen Moment fühlte sich Branna regelrecht seziert, sein innerstes offen gelegt. Von dieser Frau wallte plötzlich eine wahre Woge von Macht zu ihm herüber.
„Ja, wir werden ihn beobachten...“ Langsam ging die in rot gekleidete Frau mit ihrem Gefolge weiter. Sie strebte direkt auf den Imperator zu und angstvoll machten die Menschen ihr Platz.

„Verzeihen Sie mir, Captain. Durch mich haben Sie die Aufmerksamkeit der Lady erregt. Dies ist für Sie sowohl Chance als auch Fluch. Begehen Sie in der Zukunft nur einen einzigen Fehler, werde ich es schwer haben, Sie zu schützen. Bleiben Sie jedoch tadellos, wird Lady Peacemaker ihren kometenhaften Aufstieg noch beschleunigen.“
„Für einen Moment, mein Lord, dachte ich, diese Frau würde mein Innerstes nach außen kehren. Wer ist sie? Ich habe sie noch nie gesehen. Geheimdienst?“
„Oh nein, Captain.“ Vader klang amüsiert. „Sie ist nicht... wirklich vom Geheimdienst. Sie ist die Oberste Putze des Imperiums, nur dem Imperator verantwortlich.“
„Was? Die Oberste Putze? Aber wie will sie, ich meine, wie...“ Branna fühlte sich schwer werden, sehr schwer. Vader fixierte ihn, Adon konnte es spüren. Übte er mit der unheimlichen Macht dieses Gewicht aus?
Der Lord der Sith wandte sich um und ging in eine stillere Ecke des Saales. Branna folgte ihm.
„Unterschätzen Sie diese Frau nicht. Niemals. Sie ist eine der mächtigsten Menschen im Imperium und gebietet über einen Apparat, der sich über alle von Menschen besiedelten Gebiete erstreckt. Ich kann es nicht klar erfassen, aber ich meine, sie ist erfahren sogar in der Macht. Doch sie verbirgt eine tiefere Einsicht vor mir.“
„Aber wie kann...“ „Sie so mächtig werden, meinen Sie?“ komplettierte Vader amüsiert. „Nun, das ist einfach. Die Anforderungen an eine Putze in der Nähe des Imperators sind enorm. Kennen Sie das Aufgabengebiet einer solchen Frau? Sie hat Zutritt zu den geheimsten Räumlichkeiten, wird tagtäglich mit Staatsgeheimnissen konfrontiert. Jede einzelne von ihnen gebietet über ein paar hundert Reinigungsdroiden, die sie ausschließlich alleine wartet und auf Manipulationen prüft.
Ihre Ausbildung ist rigoros. Wie sonst könnte eine Putze entscheiden, ob das achtlos auf dem Boden liegende Dokument Abfall oder der Marschbefehl für ein paar Flotten Sternenzerstörer ist? Wie sonst könnte sie eine Bombe im Innenleben eines Reinigungsdroiden erkennen und entschärfen? Wie sonst könnte sie Attentäter aufspüren und eliminieren? Eine Putze ist eine Frau im Hintergrund. Meist unscheinbar, aber immer da. Die Macht, die sie genießt, ist still. Aber sie ist vorhanden. Hier, im Palast, hat sie sogar Macht über die Geheimdienste und die Garde des Imperators selbst.“
„Unglaublich. Einfach unglaublich. Aber so ist es immer. Nicht die lauten, aufmerksamkeitsheischenden Menschen sind die wirklich wichtigen. Man sieht es an jenen hier im Saal, die um jeden Preis auffallen wollen.
Die Stillen, zurückhaltenden wie Sie, Lord Vader, sind die wahren Mächtigen. Aber ist die Macht der Putzen derart groß?“
„Die Macht der Putzen“, begann der Sith und wurde unwillkürlich leiser, „ist so immens, daß sie ihre Mitglieder selbst aussuchen. Sie erwählen nur Frauen, weil diese ausdauernder und berechenbarer sind. Die Ausbildung beginnt im zehnten Lebensjahr und umfasst Kampfsport, Wirtschaftswissen, Sprengstoff, Kultur, militärische Strategie, Droidentechnik und Putzhilfen. Die elitärsten und fähigsten Putzen kommen hierher an den Hof des Imperators. Sie selbst sind nur Lady Peacemaker verpflichtet. Sie wiederum, wie ich schon sagte, ausschließlich dem Imperator.
Deswegen, Captain, die letzte Lektion des heutigen Abends. Achten Sie auf die Putzen des Imperators. Je unscheinbarer sie sind, desto fanatischer, loyaler und tödlicher sind sie. Sie haben Lady Peacemakers Aura gespürt, ja? Dies ist nur ein unscheinbarer Teil der Macht, der ihrem Ordnungsdienst gehört.“
Captain Branna trank sein Glas aus und nickte. „Ja, mein Lord. Ich denke, es ist Zeit für mich zu gehen. Ich habe über vieles nachzudenken.“
„Eine kluge Entscheidung“, sagte Vader und entließ ihn.

* * *

Drei Jahre später stand Adon Branna auf der Brücke des Sternenzerstörers GLORY. Er hatte mittlerweile den Rang eines Admirals erreicht. Eine Gruppe aus zehn Sternenzerstörern unterstand seinem Kommando.
Diese Gruppe stand wie die halbe imperiale Flotte im Gefecht mit der Rebellenallianz, die ihnen in die Falle eines zweiten, angeblich nicht einsatzfähigen Todessterns gegangen war.
Aber es lief nicht so wie es geplant war. Es lief überhaupt nicht so, wie es geplant war. Die schnellen, an Feuerkraft überlegenen Jäger der Rebellen hatten bereits mehrere hundert Tie-Jäger zerstört und sogar einige Sternenzerstörer schwer getroffen.
Gerade eben beobachtete Branna gebannt, wie das Kommandoschiff der Flotte von einem Kamikaze-Piloten mittig in der Brücke getroffen wurde und ins Trudeln geriet.
„Das Kommandoschiff meldet sich nicht mehr, Admiral“, meldete der Funkoffizier panisch.
Nein, ging es ihm durch die Gedanken. Der Gigant flog direkt in Richtung des Todessterns. Dazu kam, daß eine kleine Gruppe Rebellenjäger mit einem corellianischen Frachter in die Baustelle eingeflogen war.
Die historischen Berichte belegten eindeutig, daß auch der erste Todesstern von einer kleinen Gruppe Rebellenjäger vernichtet worden war. Jeder Riese hatte seine Achillesferse.
„Panik auf allen Frequenzen“, meldete der Funk wieder.
Gerade schlug der Gigant mit der Spitze in die Oberfläche der mächtigen Kampfstation auf. Die Spitze drang mehrere hundert Meter tief ein. Der Supersternenzerstörer verging in einer Feuerlohe und erzeugte dabei hunderte Sekundärexplosionen im Innern des Giganten.
„Oh mein Gott, der Imperator ist an Bord“, rief jemand panisch.
„Und Lord Vader“, blaffte Branna laut. „Disziplin auf meiner Brücke. Wurde der Rebellenangriff analysiert? Besteht Gefahr?“
„Ja, Admiral, es besteht erhebliche Gefahr.“
„Sir, die Rebellenkampfschiffe beginnen sich zu lösen und drehen in den freien Raum ab.“
Branna ruckte herum. „Meldung an alle Schiffe und alle Jäger: Hiermit übernimmt Admiral Branna von der GLORY das Kommando über die Flotte. Alle Einheiten gehen sofort auf Fluchtkurs und treffen sich auf der Rückseite des Sanctuariummondes.
Nachricht an den Todesstern: Sofort evakuieren!“

„Ein Drittel der Flotte hat bestätigt. Der Rest sagt, wir seien dreckige Verräter.“
„Sollen Sie doch. Jedes einzelne Schiff, daß diese Schlacht überlebt, wird im Imperium bald bitter gebraucht werden.
Rudermann, abdrehen. Die Flotte soll uns eskortieren. Funk, holt unsere Jäger aus dem Todesstern wieder raus.“
„Unmöglich, Sir, wir bekommen keinen Funkkontakt.“
„Eigene Einheiten feuern auf uns. Wir werden von Tie-Jägern angegriffen.“
„Ignorieren. Weiter beschleunigen.“
Adon Branna wippte mit den Füßen auf und ab. Warum starteten keine Fluchtkapseln, keine Transporter vom Todesstern? Wo blieben Vader und der Imperator? Was war mit der vielgerühmten Loyalität von Lady Peacemaker? Wo waren sie und ihre zehntausend Putzen? Warum halfen sie dem Imperator nicht zu entkommen? Wieso schien auf einmal alles schiefzugehen?
„Kettenreaktionen im Innern des Todessterns, Sir“, meldete die Ortung. „Der Hauptreaktor explodiert.
Erste Beiboote setzen sich vom Todesstern ab.“
„Immerhin. Wie lange bis zur Vernichtung? Ist der Imperator an Bord der Fähren?“ Und Lord Vader? Die Peacemaker kann von mir aus ruhig an Bord bleiben, dachte er.
„Noch eine Minute. Wir sind noch immer im Radius einer möglichen Explosion, aber wir werden es schaffen.
Nun auch Bewegung bei der restlichen Flotte. Aber zu spät. Sie sind verloren.“
Branna schloß betreten die Augen. Diese Narren. Warum hatten sie nicht gehört? Nun verlor das Imperium ein Drittel seiner Flotte. Was für ein Aderlass.
„Der Imperator?“
„Nicht an Bord der Fähren.“
Der Sith würde nicht ohne seinen Herrscher fliegen, das wußte Adon Branna. Also waren beide noch an Bord.
„Der Todesstern explodiert in drei...zwei... eins...Jetzt!“
Vor ihrer aller Augen verging das mächtigste, je von Menschen geschaffene Werkzeug in einem gigantischen Feuerball.
Die Soldaten und Offiziere raunten auf. Der Imperator war tot. VADER war tot.
Admiral Branna gestattete sich, für einen Augenblick zu trauern.

„Weiter auf Kurs halten. Zum Sammelpunkt der Flotte. Überlebende aus dem Explosionsradius ebenfalls einweisen. Auf uns kommt die nächsten Tage eine Menge Arbeit zu, Herrschaften.“
„Jawohl, Admiral“, antworteten sie ihm grimmig.
Beschäftigen. In Bewegung halten. Noch gab es das Imperium. Und sie hatten es zu schützen.
Ein gutes hat es aber, dachte Branna bei sich. Wenigstens bin ich jetzt diesen Drachen los, diese eklige Vettel Drusa Peacemaker, die mir im Nacken saß wie ein gieriger Mynock mit dem Gemüt eines wütenden Wookies, seit ich die Ehre hatte, sie auf dem Fest des Imperators zu treffen.
Hinter dem Admiral klapperte etwas. Er wandte sich um. Sechs Meter hinter ihm stand eine Putze, grinste entschuldigend herüber und montierte die abgefallene Wartungsklappe wieder an den Reinigungsdroiden.
Eine Waffe im Droiden? Oder eine Bombe? Ich traue einer Putze alles zu.
Nein, es ist nicht vorbei. Mit kaltem Blick musterte er die junge Frau. Es ist wohl nie vorbei.

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Das unsagbar Böse
Was es will

Wie hatten sie es geschafft, mich zu fassen? Gab es einen Verräter in meiner Einheit? Nein, ich vertraute ihnen allen, von meinen Piloten über den Technikern bis hin zum letzten Hilfskoch. War der imperiale Geheimdienst doch effizienter als ich gedacht hatte? Möglich, denn gerade Minas Tir war eine Welt, auf der sich Kopfgeldjäger und Datendealer die Klinke in die Hand gaben.
Waren wir also nachlässig gewesen, oder war es ein Zufall, daß ich jetzt hier vor dem Imperator stand, vor meinem schlimmsten Feind?
Vielleicht aber war nur ich nachlässig gewesen?
Oder es war der denkbar ungünstigste aller Umstände eingetreten, der Fall, vor dem einen nichts bewahren und den niemand verhindern konnte? Hatte ich einfach Pech gehabt und war zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen?
Ich konnte mich an einen Ausspruch erinnern, der Napoleon zugeschrieben wurde, einem Feldherrn der prästellaren Erdkultur. Demnach sollte er gefragt haben, als seine Generäle einen zur Beförderung zum General anstehenden Offizier in höchsten Tönen gepriesen hatten: Ja, schon, aber hat er auch Glück?
So fühlte ich mich, ich, Tirelian Arathorn, General im Dienste der noch jungen Demokratiebewegung gegen die absolutistische Monarchie des Galaktischen Imperiums. Vom Glück verlassen. Oder hatte ich es nie besessen?

Ich sah mich um. Der Thronsaal des Imperators war groß, mächtig, geradezu gewaltig. Ich hätte mit meiner SOLARWIND ein Gefecht gegen einen ERADICATOR der imperialen Streitkräfte in ihr ausfliegen können. Und doch war sie leer bis auf mich, den Rebellen, meine zehn Wachsoldaten, die zu der Einheit gehörten, der es gelungen war, mich lebend zu fangen, den fünf Soldaten der Imperialen Garde in ihren traditionellen purpurnen Gefechtsrüstungen und... Und den Imperator, der auf seinem Thron saß, dem höchsten Punkt im Saal.
Dort war er also, mein ärgster Feind, Maximilian der Siebte, der Herr über die terranischen Kernwelten, Regent des Galaktischen Zentrums, Eroberer der peripheren Sternhaufen.
Da saß er, gehüllt in eine schwarze Kutte, deren Kapuze sein Antlitz verhüllte.
Manche sagten, er habe überhaupt kein Gesicht. Er sei schon lange körperlos geworden und die Kutte sei das einzige, was seine Essenz im Diesseits hielte.
Andere wieder sagten, daß er über die Jahre seiner Regentschaft erst mit geclontem Eigengewebe und später mit bionischen Implantaten am Leben gehalten wurde und nun viel zu entstellt sei, um sein Gesicht zeigen zu können.
Ihn, den Herrscher über tausend Milliarden Intelligenzen, Kommandant über fünfhunderttausend Kampfschiffe und Oberbefehlshaber über eine Million Legionen.

Sollte ich hier unter seinem Antlitz Furcht empfinden? Sollte ich auf meine Knie fallen? Ihn um Gnade anflehen? Nein, entschied ich barsch und wies diesen Gedanken weit von mir.
Ich hatte nichts, was ich dem Imperator anzubieten hätte, denn mit meiner Verhaftung waren alle Einrichtungen, die ich gekannt und teilweise selbst aufgebaut hatte, verlegt worden.
Dieser Gedanke beruhigte mich und ließ das Monster der Angst um meine körperliche und geistige Gesundheit verstummen. Was blieb mir also noch? Heldenmut, dieser kleine Augenblick ohne Selbsterhaltungstrieb, in dem man Unmögliches leisten konnte?
Oder kühle Überlegung, geschicktes Taktieren, gute Sprachführung, Dinge, die mich in den Augen des Imperators interessant machten. Interessant genug, um mich am Leben zu lassen und mir so die Zeit zu geben, die ich brauchen würde, um zu fliehen?

Letztendlich war es eine Mischung aus Angst, Trotz und wahrem Heldenmut, die mich die Hände meiner Begleiter abschütteln ließ und mich bis zum Sims der Treppe stürmen ließ, an deren Ende der Thron des Imperators war. Schon hoben die Gardisten ihre Waffen, bedrohten mich und machten mir bewusst, daß nur ein einziges Wort aus berufenem Mund genügte, mein erbärmliches Leben zu beenden. Doch dieses Wort kam nicht. Neuer Mut floss mir zu und trotzig sah ich zum Imperator hinauf auf seinen Thron und rief: „Seit Jahren bekämpfe ich nun dich und dein Millionenheer. Seit Jahren schare ich meine Getreuen um mich und führe sie in Schlacht um Schlacht. Wir bekämpfen, wir bestürmen dich und der Tag, an dem wir dieses pervertierte System dem du dienst, hinwegfegen werden, ist nicht mehr fern.
Was ich aber wissen will, ist: Warum machst du das, Imperator?“

Da erhob sich die schwarz gekleidete Gestalt auf ihrem Thron und richtete sich auf zur vollen Größe. Langsam, gesetzten Schrittes kam der Herr über diese Galaxis - von den Rebellenenklaven einmal abgesehen - die Stufen hinab, bis er direkt vor mir stand. Aus dem Dunkel der Kapuze glaubte ich, zwei weiß glühende Kohlenstücke zu sehen, die meinen Blick erwiderten, die mich sezierten. Wie viel davon war Angst, wie viel war wirklich?
Plötzlich griff der Imperator an seine Kapuze und zog sie herunter!
Ich erschrak, hatte ich auch nie an diese Gerüchte geglaubt, daß der Anblick seines Gesichtes einen Menschen töten konnte - aber man konnte ja nie wissen.
Doch so schrecklich war das Gesicht gar nicht. Ich sah das schmale Gesicht eines früh ergrauten Terraners, dessen graue Augen mich spitzbübisch anstrahlten.
„Wegen der Altersversorgung“, hörte ich den Imperator sagen.
***
„Wegen der Altersversorgung?“ echote ich. Oh Mann, dümmer hätte ich mich nie anstellen können.
Der Imperator nickte. „Es gibt viele Gründe, die dafür sprechen, Imperator zu werden. Und die Altersversorgung ist ein Punkt, den man einfach nicht unterschätzen sollte. Schon nach einem Jahr Regentschaft war ich voll Pensionsberechtigt.“
„Nach nur einem Jahr?“ staunte ich. „Ich bin einer der höchsten Anführer der Demokratiebewegung und hatte den vollen Pensionsanspruch erst nach fünf Jahren erreicht.“
„Und das ist noch nicht alles. Nach meinem Abschied werde ich für zehn Jahre achtzig Prozent meiner imperialen Bezüge bekommen. Steuerfrei, natürlich.“
„Steuerfrei. Davon können wir Rebellen nur träumen. Bei unseren Soldzuzahlungen langen die Finanzämter mit beiden Händen zu. Und das, obwohl die Überstunden nicht einmal unter die Zuschläge fallen.“
„Und außerdem“, führte der Imperator weiter aus, „bekomme ich für meinen Ruhestand auf einer Welt meiner Wahl ein Landhaus nahe einer Großstadt gestellt. Du siehst also, es lohnt sich, Imperator zu werden."
„Also, mit dem Landhaus kann ich mithalten. Sollten wir nämlich noch vor meiner Pensionierung New Terra erobern, habe ich Vorranganspruch auf ein Penthouse in Roma.“
„Das ist wirklich nicht schlecht, muß ich zugeben. Aber wie wird es finanziert? Oder ist es nur ein Vorkaufsrecht?“
„Aber nein, aber nein. Es ist ein Sonderfonds für Kriegshelden und Versehrte und finanziert die Objekte aus den Zinsen. Deshalb dürfen wir New Terra dieses Jahr auch nicht mehr erobern, damit das Kapital auf ein ausreichendes Volumen angewachsen ist, damit die Zinserträge ausreichen, um allen bisherigen Antragstellern ihre Provisionswohnungen stellen zu können, ohne das Kapital selbst angreifen zu müssen.“
„Ach, deshalb. Und meine Admiräle dachten, es wäre eine taktische Kampfpause, um Truppen für einen Umschließungsangriff auf Tiquireo heranführen zu können.“
„Ja, klar. Als wenn die Idioten in der Admiralität einmal in ihrem Leben geradeaus denken würden. Die Trottel denken doch so kompliziert, daß sie glauben, jedes angreifende Raumschiff würde automatisch von einem Großangriff vom anderen Ende der Galaxis ablenken.“
„Nun, ich gebe zu, es gehört mal wieder etwas Junges Blut in die Admiralität. Aber die Herren kleben so an ihren Sesseln, daß ich schon eine Revolution bräuchte, um wenigstens die Hälfte von ihnen loszuwerden.“
„Hm, das ist ein Problem: Wie wäre es mit einer rotierenden Besetzung? Versetze doch nach und nach jeden einzelnen Admiral für ein Jahr in ein aktives Kommando. Dadurch kommen wenigstens in einem gewissen Maße neue Leute in die Admiralität, und die eingerosteten alten Knochen können ihre Kampfkenntnisse auffrischen. Vielleicht nehmen auch einige von ihnen freiwillig den Abschied, um die Praxis zu meiden?“
Nachdenklich strich sich der Imperator übers Kinn. „Das macht Sinn. Das ich selbst da nicht dran gedacht habe... Aber so ist das nun mal. Wenn ich es nicht mache, dann macht es kein anderer für mich. Es ist ein Kreuz mit den Leuten hier.“
Ich runzelte die Stirn. „Warum machst du den Job dann noch, Maximilian VII.?“
„Oh“, erwiderte der Imperator, „sei doch nicht so förmlich, Tirelian. Nenn mich Maxie.“
„Okay. Dann bestehe ich darauf, daß du mich Tir nennst.“
„Einverstanden. Hm, lass uns einen Kaffee trinken gehen. Dann zeige ich dir, warum ich diesen Job mache.“
Ich willigte ein und verließ an der Seite des Imperators den Thronsaal, gefolgt von einem Rattenschwanz an Soldaten und Leibgardisten.
***
Als sich der Imperator mir gegenüber auf der weichen Lederbank niedergelassen hatte, streckte er sich behaglich. „Unsere Kantine“, erklärte er. „Eingerichtet mit allem möglichen SchickiMicki und“ - er machte eine Kunstpause „- ausgestattet mit menschlicher Bedienung!“
Ich pfiff anerkennend. In unseren Kantinen gab es bestenfalls menschliche Köche. Den Rest machten Serviceroboter. Ab und an traf man auch auf zehnarmige Murrguals, die mit der freiwilligen Servierarbeit ihre ausgeprägten Elterinstinkte für uns Humanoide bewältigten.
Eine junge Frau kam an unseren Tisch. Sie trug eine weiße Uniform mit Schürze. In der Hand hielt sie einen Schreibblock. Ein antiquiertes Relikt im Zeitalter von elektronischen Gedankenmappings. „Hallo, Maxie. Das freut mich aber, daß du heute noch Zeit gefunden hast, in die Kantine zu kommen. Tante Annie hat extra für dich eine Portion Blaubeerkuchen zurückgehalten.“
„Ach“, meinte der Imperator, „eigentlich wollte ich nur einen Kaffee trinken, Lena.“
„Es sind weganische Blaubeeren“, lockte sie.
„Okay, in Ordnung. Weganischen Blaubeeren konnte ich noch nie widerstehen. Ich nehme ein Stück. Dazu brasilianischen Kaffee, ja? Und mein Gast hier, er nimmt... Ja, was hättest du denn gerne?“
Ich lächelte verlegen. „Tut mir leid, ich habe kein Geld dabei. Deine Soldaten haben es mir bei der Verhaftung abgenommen.“
„Ach ja, richtig. Das gehört ja zum Procedere. Ach, was soll´s, ich lade dich ein. Du kannst dann das nächste Mal bezahlen, okay?“
„Das klingt gut, Maxie. Also, dann nehme ich auch Kaffee und... Haben Sie Früchtesalat nach Zentrumsart mit Palpinien von Auris III?“
Die Bedienung sah mich an und stemmte ihre zierlichen Hände in die Hüften. „Schätzchen, hier kriegst du nicht nur deinen Fruchtsalat nach Zentrumsart, ich kann dir sogar echten Rebellenkaffee von Gondor Central machen. Du bist doch ein Rebell, oder?“
Hm, Kaffee aus der Heimat. Den bekam ich ja sogar in unserer Kantine auf Minas Tir nur alle zwei Wochen mal.
„Das hast du gut erkannt, Lena. Er ist ein Rebell“, meinte der Imperator grinsend. „Ach nein, Ihr sagt ja lieber Demokraten dazu. Er ist ein General, musst du wissen.“
„Mann“, staunte die Bedienung, „das haut mich um. Wenn das so ist, Herr General, bekommen Sie auch ein Häubchen echter europäischer Sahne auf Ihren Kaffee. Sonst noch was?“

Ich muß zugeben, ich war beeindruckt. Sogar sehr beeindruckt. Weniger von der europäischen Sahne, denn dies war Terra, die Thronwelt. Da musste es diese Sahne einfach geben. Aber die Kantine beeindruckte mich. Denn hier wurden sogar die Soldaten der Garde freundlich und mit einem Lächeln bedient. Und ich hatte immer soviel Schlechtes über die Umgangsformen der imperialen Köche gehört...
„Nein, Danke. Du hast uns schon glücklich gemacht“, schäkerte der Imperator.
Lena verzog ihre Lippen zu einem Schmollmund. „Zu liebenswürdig, oh mein Imperator. Das du aber heute nicht wieder das Trinkgeld vergisst, Maxie.“
Sie ging davon, das Bestellte zu holen, und ich rief entrüstet: „Was? Du hast ihr kein Trinkgeld gegeben?“
Maxie duckte sich wie unter einem Schlag. „Jaja, ich gebe es ja zu. Letzte Woche habe ich nicht genügend mitgehabt. Ich wollte ihr ja stattdessen einen eigenen Mond schenken, aber sie wollte lieber das Trinkgeld. Sie steht nicht so auf diese extravaganten Sachen. Aber obwohl ich es nachgereicht habe, lässt sie keine Gelegenheit aus, es mir unter die Nase zu reiben.“
„Ist ja auch nicht richtig. Der Imperator vergisst das Trinkgeld. Also echt.“
„Nun fang du nicht auch noch an, Tir. Hast du nie was vergessen?“
„Wenn du mich so fragst“, gestand ich kleinlaut, „habe ich schon mal die eine oder andere Jägerstaffel vergessen, wenn ich gerade so richtig schön in einer Schlacht steckte. Wenn ich dann an sie gedacht habe, hatte ich meistens schon gewonnen. Du kannst dir nicht vorstellen, wie sauer Rebellenpiloten werden können, wenn sie sich nicht beachtet fühlen.“
„Was soll ich da erst sagen? Weißt du, wie viele Soldaten unter meinem Kommando stehen? Und jede Einheit schickt mir zu Weihnachten eine Glückwunschkarte. Und wehe ich vergesse mal, eine zu beantworten. Die können vielleicht nachtragend sein.“
„Also, das kenne ich auch. Und überhaupt, manchmal...“
„So, hier ist das Bestellte, meine Herren.“
Ich grinste Maxie über meinen Kaffee hinweg an und sagte: „Genießen wir erst einmal das Essen. Über unsere Truppen können wir uns immer noch aufregen.“
***
Ich musste zugeben, die Kantine des Imperatorenpalastes war nicht nur erstklassig, sie hatte mehrere Kometen verdient. Aber viel Zeit, daran zu denken blieb mir nicht, denn Maxie, der Imperator, führte mich in seinen privaten Wohnbereich.
War ich schon vom Thronsaal beeindruckt, so faszinierte mich seine Privatwohnung über alle Maßen.
Maxie bemerkte mein Staunen mit einer diebischen Freude. „Zu den Vorzügen, Imperator zu sein gehört auch diese Dienstwohnung. Ja, dies ist kein Garten, es ist bereits Teil der Wohnung. Das besondere ist, daß die Hologeneratoren in der Lage sind, jede nur vorstellbare Umwelt zu produzieren - virtuell natürlich. Zurzeit lasse ich mir die Umgebung meines Wochenendchalets auf dem Jupitermond Europa projizieren. Du solltest hier mal eine Nachtphase verbringen, einfach traumhaft.“
„Diese Halle ist riesig“, stellte ich fest.
„Nein, das kommt dir nur so vor. Die Holoramen leisten wahre Wunder. Dieser ganze Bereich besteht aus einer Halbkugel mit einem Durchmesser von exakt vierhundert Metern. Also eher kleinliche Maße.“
Kleinlich? „Kleinlich? Meine ganze Dienstwohnung passt wohl bei dir ins Wohnzimmer, habe ich das Gefühl.“
„Man scheint euch Rebellengeneräle ja nicht so zu schätzen, wenn Ihr euch mit so erbärmlichen Hütten zufrieden geben müsst“, stichelte Maxie.
„Aber dafür haben wir die bessere Ideologie“, erwiderte ich bissig.
DAS schien den Imperator zu treffen. Schwer sogar. Betreten sah er zu Boden und meinte: „Da hast du wohl Recht. Gerne mal hätte ich auch in der Tagespolitik ein kleines Widerwort wie in der Kantine. Aber mein Beraterstab und meine Gardisten wurden quasi mit fanatischem Gehorsam großgezogen. Selbst wenn sie mich mal korrigieren, dann nur, um mir damit eine Freude zu machen, nicht, Jungs?“
Die Wachsoldaten brummten beleidigt. Es klang nicht gerade wie einstudiert, fand ich.
„Und was soll ich denn machen, Tir? Ich bin nun mal der Imperator, und ich habe das Reich zusammenzuhalten. Solange ich die Verwaltung zügle, diesen riesigen Moloch mit Eigenleben, kommt es wenigstens nicht mehr zu Anträgen auf Verfahren 47 Strich 14!“

47-14!!! Ich konnte es kaum glauben, als ich es hörte.
So hieß das Formular, mit dem ein imperialer Kommandeur beantragen konnte, eine komplette planetare Bevölkerung auszulöschen. 47-14 stand stellvertretend für alle Grausamkeiten, die das Imperium den Individuen antun konnte.
Eine Überraschung war für mich auch, daß Maxie diesem Treiben einen Riegel vorgeschoben hatte.
Bisher war man in meinem Stab davon ausgegangen, daß dieses Verfahren nicht mehr genehmigt wurde, weil die galaktische Presse das Auslöschen kompletter planetarer Bevölkerungen für einen lange überholten Modetrend hielt, den nicht einmal ein grausamer Eroberer praktizieren sollte, der nur etwas up to date sein wollte.
Anscheinend hatten wir uns alle in dem Punkt geirrt.
Maxie lud mich weiter ein, durch den kleinen Park zu dem geduckten Gebäude mit der wiet ausladenden Terrasse.
„Meine Dienstwohnung“, erklärte er. „Aus Formenergie. Ich kann das Gebäude also verändern, wie immer ich es möchte. Letztes Jahr hatte ich zum Beispiel wahnsinnige Lust auf den regulanischen Architekturstil und wohnte in einem Kelchgebäude.
Ich schwieg beeindruckt, Formenergie war eine der neuesten Techniken des Imperiums, man traf es erst auf den Kernwelten an. Selbst unseren Agenten war es bisher noch nicht gelungen, uns Projektoren für Formenergie zu besorgen.
Der Imperator führte mich herum. Das Wohnzimmer, venusisch. Das riesige Bad, artaphisch. Sein Arbeitszimmer, neo-barock. Das Schlafzimmer, spartanisch. „Und all das kann ich immer und jederzeit verändern, wie immer ich es will“, betonte Maxie.

Einige Zeit später saßen wir auf der Terrasse, ich, Maxie und unsere Wachsoldaten. Maxie hatte Getränke geholt und sich zu mir an den Tisch gesetzt. „Sag mal, Imperator...“, begann ich leise.
„Ja?“ „Warum erzählst du mir das alles? Warum zeigst du mir das hier? Ist es, weil ich sowieso zum Tode verurteilt bin und mein Wissen nicht mehr weitergeben kann? Ist es das?“
Maxie sah mich entrüstet an. „Nun hör mal, Tir, denkst du wirklich, ich wäre so hinterhältig?“ Er räusperte sich. „Okay, okay, denkst du mittlerweile, ich wäre so hinterhältig, jetzt, wo du mich etwas näher kennst?“
Ich musste grinsen. „Nein, Maxie, das glaube ich nicht. Also, warum machst du das alles?“
„Nun...“, begann der Imperator gedehnt, „ich bin mittlerweile über vierhundert Jahre alt und habe nur noch hundert und ein paar vor mir. Meine älteste Tochter ist bereits Urgroßoma und alle meine direkten Nachfahren können mittlerweile eine eigene Stadt bevölkern. Aber ich sehe sie bestenfalls ein oder zweimal im Jahr. Ich will nicht, daß das mein ganzes Leben so weitergeht, Tir.“
„Und? Wie kann ein Rebellengeneral dir dabei helfen?“
„Werde neuer Imperator“, sagte er trocken.
***

„Was? Das kann nicht dein Ernst sein!“ Ich schüttelte verständnislos den Kopf. „Himmel, ich bin Demokrat. Warum sollte ich Imperator werden wollen?“
„Tir, denkst du vielleicht, diese Idee ist mir erst gerade gekommen? Denkst du wirklich, ich könnte so ein Narr sein?
Tir, du weißt, daß die Galaxis zerrissen ist. Das Imperium ist bereits zu alt, um nicht von Korruption und Vetternwirtschaft durchsetzt zu sein. Die Imperialen sind bequem geworden, zu sehr auf den eigenen Vorteil bedacht. Solange ich aber mit strenger Hand und einem zwanzig Stunden-Tag regiere, kriege ich wenigstens die wichtigsten Auswüchse in den Griff. Aber Hey, ich habe auch noch ein Leben, das ich gerne führen möchte.“
„Toll! Und jetzt willst du es mir aufdrücken? Du willst mich mitten in diese Schlangengrube setzen? Mir werden sie noch weniger gehorchen als dir, Maxie.“
„Das ist wahrscheinlich. Die ersten Jahre werden sie dir mächtig auf der Nase herumtanzen, um ihre neuen Grenzen auszuloten. Aber du hast ein einmaliges Talent, Tir. Dir ist es gelungen, hunderte Alienvölker mit einer Gruppe zusammenzubringen, die ihnen grauenvolles angetan hat: Humanoide. Dir ist es gelungen, in den Menschen Stolz zu wecken. Stolz. Nicht auf Eigentum, sondern auf die Gemeinschaft, die sie bilden.
Das ist es, was ich auf dem Thron sehen will. Einen charismatischen Nachfolger mit Idealen, die er sich über Jahrzehnte bewahrt hat, und keinen rückgratlosen Akademieabgänger, den sich die Bürokraten zurechtbiegen können, wie sie es wünschen.“
Ich zwinkerte verblüfft. „Du meinst das wirklich ernst, nicht wahr?“
„Todernst, Tir.“
„Das ist dann wahrscheinlich der verrückteste Plan, von dem ich je gehört habe, Maxie“, seufzte ich und stieß mit dem Imperator an.

***

Der Thronsaal war gerappelt voll. Auf einmal wirkte er nicht mehr so geräumig wie noch Tage zuvor, wenngleich seine Höhe noch immer beeindruckend war.
Medien, Beamte, Militär, Adlige, es war so ziemlich jeder vertreten, der es zu diesem wichtigen Staatsakt in den paar Tagen geschafft hat und sich für wichtig genug hielt.

Maxie erhob sich von seinem Thron. Sofort erloschen die kleinen Gespräche. Zur Hymne des Imperators (ein wirklich düsteres Lied, finde ich) schritt er bis an den Rand seines Podestes und schlug die Kapuze nach hinten.
Als die Musik verstummte, begann er zu sprechen, und seine Worte wurden nicht nur mit Hall bis in den hintersten Winkel der Halle getragen, nein, man hörte sie auf jeder Welt der Galaxis, auf der ein Empfänger stand. „Bürger des Imperiums, hört meine Worte. Dies hier an meiner Seite ist General Tirelian Arathorn von der Demokratiebewegung. Ein fähiger Soldat, Anführer und Fachverwalter. Er wurde gefangen von meinen Truppen und vor meinen Thron gebracht.
Einige meiner Getreuen fordern nun seinen Tod.“
Lautstarker Jubel und Beifall unterbrach den Imperator, der nicht verhindern konnte, daß ein Schmunzeln über seine Lippen huschte.
„Aber ich bin der Herr über Leben und Tod, und so schenke ich Tirelian sein Leben.“
Ein hastiger Blick traf mich. Jetzt musste es alles ganz schnell gehen.
„Außerdem adoptiere ich Tirelian an Sohnes statt und erkläre ihn zu meinem Nachfolger. Als letzte Amtshandlung erlasse ich hiermit eine Generalamnestie für die gesamte Demokratiebewegung.“
Er neigte sein Haupt in meine Richtung und ich erwiderte den Gruß.
„Ach ja, und ich trete hiermit zurück.“
Ein Raunen ging durch die Halle. Wir tauschten die Plätze. Eigentlich eine vollkommen wahnsinnige Idee, aber nachdem mich noch nach vollen fünf Sekunden kein aufgebrachter Offizier erschossen hatte, ergriff ich das Wort. „Hiermit übernehme ich das Amt des Imperators von Maximilian VII. und trete es an unter dem Namen Arathorn I.!“
Plötzlich schossen die großen Tore des Saals auf und hunderte Elitesoldaten der Rebellenbewegung stürmten den Saal. Wir hatten sie unter allergrößter Geheimhaltung kontaktiert und sehr mühsam zur Erde geschafft.
Ein Großteil von ihnen stürmte sofort zum Podest und reihte sich, wie abgesprochen bei der Garde des Imperators ein. Andere aber durchstöberten das Publikum nach unbeliebten Offizieren, Wirtschaftsbossen und schlechten Schauspielern, um sie zu inhaftieren.
„Halt!“ rief ich. Die Soldaten verharrten in ihrem Tun. „Hiermit erkläre ich alle Demokratieflotten zum Teil der Imperiumsflotte. Die Einheiten werden gleichberechtigt sein und miteinander arbeiten.
Des Weiteren erkläre ich diese Demokratieinfanteristen ab sofort für Teil der Garde des Imperators.
Und zur Feier meiner Amtseinführung erkläre ich eine Generalamnestie für das gesamte imperiale Heer.“
Meine Leute stockten. „Das heißt, Ihr dürft niemanden verhaften“, erklärte ich.
„Aber das ist so unfair“, erwiderte ein Leutnant.
„Nun sei kein schlechter Gewinner. Wir sind auf Terra, basta. War doch von vorneherein klar, daß wir irgendwie mit den Imperialen würden leben müssen, oder?“
**
Maxie trat an meine Seite. „Soweit so gut. Die nächsten Tage entscheiden jetzt darüber, wie die Sache ausgeht. Wenn keine Flotteneinheiten rebellieren, wenn sich nur wenige Bezirksregierungen auflehnen, haben wir gute Karten, hiermit durchzukommen. Ich werde noch ein paar Monate hier bleiben, um dir beratend zur Seite zu stehen, Tir.
Die Menge im Thronsaal hatte indes eifrig zu diskutieren begonnen. Langsam, nur langsam begann zaghafter Applaus. Doch der steigerte sich zu einem wahren Getöse, der in Rufen wie Lang lebe der neue Imperator gipfelte.
„Und um ganz sicher zu gehen halte die Idee von der parlamentarischen Monarchie noch ein paar Monate zurück. Du darfst gerne nächsten Monat die Vollversammlung der Vertreter aller bewohnten Planeten der Galaxis abhalten. Aber den Konservativen musst du es schonend beibringen, daß diese Einrichtung permanent wird.“
„Ist gut, Maxie. Ich werde mir Zeit lassen. Und, was machst du, wenn wir hier alles umgebaut haben?“
„Ich?“ frage der ehemalige Imperator und schnalzte genießerisch mit der Zunge. „Ich gehe endlich in meinen wohlverdienten Ruhestand und nerve meine vielen Kinder, Enkel und Urenkel!“

„Aha“, erwiderte ich. „Das also willst du, Maxie.“ DAS hätte ich mir eigentlich denken können.

Ende

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Dreitausend Jahre...
Von Tiff

Das ist also die Solare Residenz, dachte Mondra Diamond. Beeindruckend. Verdammt beeindruckend. Die Beschreibungen von Startac und Trim kommen dem Anblick nicht einmal nahe.
Doch so atemberaubend der Anblick Terranias durch die großen Panoramafenster des Büros des Terranischen Residenten auch war, sie hatte eigentlich andere Sorgen als sich anzusehen, wofür sie so lange mit der SOL gekämpft hatte. Ihre Sorge hieß Pery Rhodan.
Der große Terraner, der Unsterbliche stand am Panoramafenster seines Büros und starrte hinaus. Wortlos, ohne eine Regung.
"Ach, komm, Perry", versuchte Mondra ihren Gefährten zum reden zu bringen. "Ich bin nun mal keine Nonne. Und immerhin verschweige ich es dir nicht, sondern erzähle dir alles.
Es ist ja auch nicht so, als wäre es was ernstes gewesen."
Noch immer keine Reaktion. Also beschloß Mondra Diamond, die Sache von Anfang an durchzukauen.
"Na gut, wenn du es so möchtest, Perry Rhodan. Hallo, ich bin es, deine Gefährtin Mondra Diamond. Wir haben einen gemeinsamen Sohn namens Delorian, der von ES dazu ausersehen wurde, mit der SOL in die Vergangenheit zu reisen und dort der Chronist der Superintelligenz zu werden.
Während ich nur fünf Jahre unterwegs war, waren es durch eine Zeitdilatation bei dir ganze sechzehn.
Du kannst von mir erwarten, daß dir in dieser Zeit weiterhin mein Herz gehört. Aber du kannst nicht erwarten, daß ich meine Bedürfnisse ignoriere. Zärtlichkeit, Leidenschaft, Sex. Die ersten beiden Jahre ohne dich waren sehr einsam. Das hätte mich auf die Dauer verrückt gemacht."
Da, eine Reaktion. Hatte er sich wirklich leicht zu ihr umgewandt?
"Ich weiß, ich weiß, warum ausgerechnet Trim Marath? Ich kann es dir nicht sagen. Seit dem Einsatz in ZENTAPHER habe ich eben irgendwie ein Faible für den Jungen. Nenn es Beschützerinstinkt, wenn du willst. Und irgendwie hat es mir auch geschmeichelt, daß er sich in mich verschossen hat. Stell dir vor, er war tatsächlich noch Jungfrau..."
Perry grunzte irgendetwas. Es klang beinahe wie ein amüsiertes Prusten. Aber das widersprach seiner ernsten Haltung.
"Erst dachte ich ja, er hätte was mit Startac. Ich meine, die lange Zeit, die sie einsam im Land Dommrath verbracht haben, sie hatten nur einander und vielleicht nie wieder die Chance, in die Milchstraße zurückzukehren, geschweige denn auf Menschenabkömmlinge und damit auf Sexualpartner zu treffen...
Und wir leben in aufgeklärten Zeiten. Man kann ja mal ein wenig im eigenen Revier jagen gehen, oder?"
Wieder dieses Grunzen. Lachte dieser Mann sie womöglich aus? Spielte er nur den Ernsten? Seit er sie direkt von der SOL in sein Büro bestellt hatte, wußte sie nicht, woran sie mit Perry war. Oder war das seine Art zu sagen, erzähl weiter?
Mondra fuhr fort: "Aber war nix. Die beiden fanden sich wohl nicht besonders anziehend. Doch während Startac sich schnell auf der SOL einlebte und in einem Monat mehr Freundinnen verschlissen hat als Atlan in seinen besten Jahren, gab sich Trim scheu und mimosenhaft. Nicht, daß es nicht genügend Anwärterinnen gegeben hätte, die gerne mal mit Trim, dem Helden auf die Matratze gehüpft wären.
Aber der Junge wollte einfach nicht. Okay, ich gebe zu, ich habe damals die Große Schwester-Nummer abgezogen. Trim vertraute mir schließlich, und es tat mir gut, seine Aufmerksamkeit und sein Vertrauen zu haben.
Himmel, ich konnte ja nicht ahnen, daß er seit ZENTAPHER so auf mich fixiert war. Nein, er hat sich nicht verliebt. Nicht wirklich. Aber er sah mich wohl irgendwie als sexuelles Nonplusultra an. Und das hat mir mehr als geschmeichelt, Perry. Irgendwie war es... erregend.
Es hat dann nicht lange gedauert, bis wir eine Menge freie Zeit zusammen verbracht haben, wenn Startac in der Scherbenstadt der Mom´Serimer unterwegs war oder eine seiner Freundinnen ausführte. Und irgendwann haben wir uns dann eben geliebt."
Wieder dieses Geräusch. Lachte oder weinte der Unsterbliche?
"Man kann eben nicht so lange Zeit aufeinander hocken und nichts füreinander empfinden. Trim wußte immer, daß ich dich liebe. Daran hat sich nichts geändert. Aber er hat die Erfahrung genossen, die er mit mir gemacht hat. Und ich habe es auch genossen. Er ist nicht besser als du, nur anders. Seine Schüchternheit, seine übertriebene Vorsicht hat etwas, finde ich.
Aber jetzt sind wir wieder auf Terra, und ich will wieder mit dir zusammensein, Perry. Ich habe mit Trim geredet, ich denke, er kann damit umgehen. Immerhin hat er bei unserer Rückreise in die Milchstraße bereits angefangen, andere Frauen außer mir zu treffen.
Wir werden vielleicht Freunde bleiben, aber mein Bett ist ab sofort nur noch für dich reserviert.
Nimm an oder laß es. Aber steh da nicht so hoheitsvoll am Fenster und laß mich hier meine Entschuldigungen stammeln."

Perry drehte ihr sein Gesicht zu. "Entschuldige, Mondra, das war nicht meine Absicht. Auf meinem Schreibtisch liegt eine Folie. Ich möchte bitte, daß du sie liest."
Eine Abfindung? ging es Mondra durch den Kopf. Ein Vorschlag, wie wir unsere Trennung mit dem geringsten Medienschaden für den Residenten hinter uns bringen können? Oder vielleicht ein Ehevertrag?
Mondra ergriff die Folie und begann mit pochendem Herzen zu lesen.
Es war die Zusammenfassung eines Dossiers. Einsatz in der Galaxis TRADOM, las Mondra, gemeinschaftliches Projekt des Hu´hany Tussans mit der LFT, beteiligt die LEIF ERIKSSON unter Perry Rhodan und die KARRIBO unter Mascantin Ascari da Vivo... Nein, kein richtiges Einsatzdossier, mehr ein unabhängiger Bericht des TLD.
Aufmerksam las Mondra die Folie durch, aktivierte die Scrollfunktion und nahm sich die nächste Seite vor. Danach Seite drei, vier, sieben, neun, elf....
"Das... Das ist.... Perry!"
Der Unsterbliche drehte sich nun vollends zu ihr um. "Mondra, Schatz... Ich habe dich nicht hergerufen, weil du eine Affäre mit Trim Marath hattest. Um ehrlich zu sein wußte ich nicht einmal davon.
Ich habe dich gerufen, weil... Ich wollte, daß du es von mir erfährst, und nicht in irgendeiner TriVidshow."
"Du hast tatsächlich Imperator Bostichs Tochter... Ascari da Vivo? Während des Einsatzes in TRADOM?"
Sie zählte schnell die Seiten der Folie nach. "Neunzehn mal an Bord der LEIF? Der TLD war ja sehr gründlich. Sogar die verschiedenen Stellungen hat er anhand des Kama Sutra klassifiziert. Haben sie dir und Ascari auch Noten gegeben?"
"Bitte, Mondra, mach keine Scherze. Es ist eben passiert, und ich bin kein Mönch, genauso wenig, wie du eine Nonne bist. Wir haben jetzt zwei Möglichkeiten. Wir machen da weiter, wo wir aufgehört haben, oder wir trennen uns. Bitte denk darüber nach. Ich will nicht, daß du deine Entscheidung vielleicht irgendwann bereuen mußt. Es kann sein, daß Ascari nicht verhütet hat und das kann noch eine Menge Ärger bedeuten."

Stumm starrte Mondra den großen Terraner an. "Dreitausend Jahre sexuelle Erfahrung, und du vergißt einen der wichtigsten Grundsätze, Perry? ICH habe daran gedacht, Herr Unsterblicher!"
Na toll, dachte sie, was kommt als nächstes? Eine Einladung von Opa Bostich zum fünften Geburtstag meines Stiefsohnes? Wütend blätterte sie durch die Folie. Auf Seite neunzehn schlug sie mit dem Handrücken einmal quer über das Speichermedium.
"Hast du eine Entscheidung getroffen, Mondra?" fragte Perry ernst.
Ein Grinsen stahl sich auf ihre Züge, als sie ihrem Gefährten die Seite zeigte. Sie hatte ein kleines Video rausgepickt und vorzoomen lassen.
"Perry, Liebling", hauchte sie, "das will ich auch mal ausprobieren."
Der Resident riß die Augen auf. "Syntron! Ich will den Rest des Tages nicht gestört werden, und wenn die Blitzer im Vorzimmer warten."
Miteinander kichernd halfen sie sich gegenseitig aus der Kleidung. Perry sah auf die Folie und meinte: "Das wird eine Menge Arbeit, Mondra... Aber sie ist es wert."
"Dreitausend Jahre sexuelle Erfahrung", hauchte Mondra und begann seine Brust zu küssen, "ich weiß durchaus, was ich an dir habe, Liebling."

Die Strategie
Von Tiff

„Männer!“ Die Stimme des großen Terraners in der grünblauen Jacke hallte durch den Koferenzraum.
Die anwesenden sechsundzwanzig Terranerabkömmlinge zuckten zusammen.
„Dies ist unser Plan! Die Gelegenheit ist günstig. Arkon war nie schwächer als heute. Wir machen die Große Tour, die uns bis ins Herz des Huhany´Tussan trägt: Arkon selbst!“
Den Worten des großen Terraners fiolgte Applaus und Jubel.
„Letztendlich hat Maurenzi Curtis einsehen müssen, daß ich Recht hatte. Auch wenn uns Tradom bedroht, wir faktisch stündlich vor unserer Vernichtung stehen und die Arkoniden gezwungenermaßen unsere Verbündeten sind muß der terranischen Ehre Genüge getan werden.
Wir haben nicht vergessen, daß diese verdammten Rotaugen hier auf Terra waren und unsere Heiligen Plätze besudelt haben. Wir haben nicht vergessen, daß sie uns noch immer für schwach halten und uns verspotten.
Nein, wir haben nicht vergessen, und wir werden dafür Rache nehmen! Das arkonidische Reich wird bittere Tränen ob ihrer Niederlagen vergießen, während wir unsere unvermeidbaren Siege feiern werden! Ja, wir werden siegen!“
Lauter Jubel antwortete ihm.
Zufrieden sah der Mann in die Runde. „Unseren ersten Sieg holen wir uns auf Ekhon. Die Kolonialarkoniden werden gar nicht richtig begreifen, was mit ihnen passiert, wenn wir sie niederwalzen, vernichten, in Grund und Boden stampfen. Wir werden sie demütigen.
Das nächste Ziel wird Ariga sein, bereits tief im Herzen ihres Reiches. Auch diese Welt nehmen wir im Handstreich. Ihr eigenes Volk wird über uns fluchen und klagen, wenn wir unsere Gegner niedermetzeln.
Und mit jeder Minute, die wir sie ein wenig mehr vernichten, wird das fluchen lauter werden. Doch für uns ist dies die süße Musik des Sieges. Wir werden Ariga zerschlagen hinter uns lassen!“
Wieder jubelten die Anwesenden.
„Zalit sollte nicht weiter der Rede wert sein. Unsere Kampferfahrung dürfte zu diesem Zeitpunkt gewaltig genug sein, um selbst den Zarlt, den Vize-Imperator dazu zu zwingen, uns widerwillig Respekt zu zollen, nachdem wir seine besten Leute ausradiert, gedemütigt, vernichtend geschlagen haben.“
Nun erfolgte neben dem Jubel auch Applaus der Anwesenden.
„Was dann folgt, meine Herren, wird uns einen Platz im Almanach einbringen. Wir dringen direkt auf die Kristallwelt vor. Dort wird die Niederlage vollkommen für die Rotaugen. Dort nehmen wir Rache für ihre Überheblichkeit, ihre Arroganz, für die Besetzung Terras und für ihren arroganten Imperator, der tatsächlich einen Unsterblichkeitschip von ES abgepreßt hat.
Vor den Augen Bostich I. und vor den Augen des Volkes von Arkon I werden wir eine Schlacht entfesseln, die sie alle Rotz und Wasser heulen lassen wird. Unsere Gegner haben keine Chance, nicht die geringste.
Und endlich wird selbst Bostich I. unsere Überlegenheit anerkennen müssen. Dies wird der größte Triumph überhaupt, wenn Bostich I. uns den Sieg zuerkennt und seine Niederlage eingesteht.“
Nun hielt es niemanden mehr auf seinen Platz. Sie sprangen alle auf, johlten, pfiffen und klatschten begeistert.
Nachdem es wieder etwas ruhiger geworden war, sagte der große Mann: „Ganz Terra schaut auf euch. Selbst die Riesen von Ertrus werden euch die Daumen drücken. Ach was sage ich, die gesamte LFT wird mit dem Herzen bei euch sein, wenn Ihr.... Wenn WIR ins Herz Arkons einfallen und den arroganten Arkoniden zeigen, was eine echte terranische Harke ist!
Wir fliegen in einer Woche ab. Ich erwarte in dieser Zeit zwei Trainingseinheiten pro Tag. Die erste wird sofort ausgeführt. Weggetreten!“
Die Männer sprangen auf und verließen unter lautem Jubel den Konferenzraum.
Nur einer blieb noch einen Augenblick.

Der Mann in der grünblauen Jacke sah auf. „Ist noch was, Ebbeck?“
Der grinste. „Coach, das wollte ich noch unbedingt loswerden. Du bist der beste Motivator, den die terranische Fußballnationalmannschaft jemals hatte.“
Sprachs und folgte den anderen auf den Platz. Trainieren, um die Rotaugen im terranischen Königssport vernichtend zu schlagen.


Die Schule des Nicht-Beachtens
von Tiff


„Was hast du dir dabei bloß gedacht, Daniel?“ Die tadelnde Stimme der Kursleiterin ging mir durch Mark und Bein. „So etwas habe ich ja noch nie gesehen. Das ist einfach unverzeihlich. Unter diesen Umständen wirst du den Erweiterungskurs noch mal wiederholen müssen.“
„Ja, aber“, begehrte ich auf, „ich habe die anderen Aufgaben doch erfüllt.“
„Nur, weil ich hier und da ein Auge zugedrückt habe. Na gut, ich gebe dir noch eine Chance, Daniel. Schreibe ein Protokoll des heutigen Unterrichtstages und erkläre anschließend in kurzen, prägnanten Worten,warum du DAS getan hast.“
Immerhin gab sie mir eine Chance, meinen Fehler wieder auszubügeln. „Danke schön“, sagte ich artig. Aber was für eine Chance.

Also, fangen wir von vorne an. Mein Name ist Daniel Koenig. Ich bin ein erwachsener Mann und sollte dem Leben gewachsen sein. Aber ich bin es nicht. Ich bin zuuu... wie nennt man es doch gleich? Zu aufmerksam. Und das kann einem Gesellschaftlich und auch im Beruf echt in die Quere kommen.
Also habe ich mich für diesen Kurs angemeldet. Die Unwichtigen Individuen der Umwelt Nicht-Beachten leicht gemacht. Klang eigentlich ganz easy.
Die Grundprüfung habe ich ganz locker hingekriegt, war weiter kein Problem. Denn geradeaus sehen und so tun, als sei man beschäftigt ist wirklich nicht schwer. Mein Problem ist der Erweiterungskurs. Gut, letztendlich habe ich ihn bestanden, und wissen sie auch wie? Ich will es erzählen.

Also, ich saß an diesem verdammten Protokoll und dachte darüber nach, was so alles passiert war. Meine Gruppe kam aus dem Hauptbahnhof und wurde gleich von ein paar Asozialen Wegelagerern um ein paar Euro angebettelt. Suse war die Beste. Hat ihre Nase hoch in den Wind gehoben und die ganze Bande ignoriert.
Mann, wenn ich auch so cool gewesen wäre. Aber nein, mich haben sie natürlich in ein Gespräch verwickelt. Und beinahe hätten sie mir sogar Geld abgeluchst. Aber ich konnte mich mit einem gebrauchten Einweg-Kugelschreiber freikaufen.
Dann war da dieser alte Opa, der immer von seiner Operation erzählt hat. Den hat´s überhaupt nicht gestört, daß Suse ihn ignorierte, der hat einfach drauflosschwadroniert, was seine Dritten hergaben.
Da hat sich Kalle gut bewährt. Er ging hin zum Opa und sagte: „Laber uns nicht voll, Mann.“
Der Kerl ist zwar ein ziemlich grobschlächtiger Armleuchter, aber manchmal hat er echt was zu sagen.
Danach wurde es schwierig, weil uns dieser Franzose nach dem richtigen Weg gefragt hat. Ich konnte leider als einziger französisch und habe es ihm erklärt. Die Kursleiterin hat es aber nicht als Fehler notiert, weil er doch Ausländer war und wir Deutsche auf Ausländer einen guten Eindruck machen müssen.
Und erst dieser Typ mit dem Hund. Der hatte einen Kiefer, da hätte ein Baby quer reingepaßt. Und der Hund erst mal. Den habe ich schon ignoriert, weil ich voll Schiß vor ihm hatte.
Langsam bekamen wir Hunger. Wie es sich gehört haben wir also alle anderen bei McManus vom Tresen weggedrängt, um als erste bedient zu werden - das laute Schimpfen haben wir meisterlich ignoriert - und anstatt drinnen zu essen, wie wir eigentlich gesagt haben, nahmen wir die Tabletts mit nach draußen und haben sie da auf die Mülleimer gelegt.
Wir gingen also weiter, ich kaute noch an meinem letzten Burger, als diese leichtbekleidete Dame auf mich zuging, mir auf den Hintern schlug und sagte: „Und jetzt Verdauungssex!“
Okay, ich habe sie ignoriert, aber ich glaube, die Kursleiterin hat den Schweiß auf meiner Stirn gesehen. Und ich glaube, ich hatte auch rote Wangen.
Bis hierher kann ich mir also nicht vorwerfen, den Kurs nicht bestanden zu haben.
Bis der Typ im Rollstuhl kam.
Er wollte nicht betteln, oder so. Nein, er saß nur auf diesem, hm, Elektrowagen, ja, ein Elektrowagen, kein Rollstuhl, und wollte sich gerade ein Brötchen aus einer Plastiktüte holen, als ihm die Tüte zu Boden fiel. Also, ich habe ihn natürlich ignoriert, wie sich das gehört. Und ich war auch schon mindestens drei Meter entfernt, als mir auffiel, daß der Kerl gar keine Beine gehabt hatte. Er konnte also ohne fremde Hilfe niemals bis zum Boden kommen, wo seine Plastiktüte lag. Und es ist doch so, nicht nur ich und meine Kommilitonen waren spitze im ignorieren, auch die anderen Menschen auf der Straße ignorierten ihn, daß es meiner Kursleiterin eine wahre Freude war.
Also drehte ich mit einem tiefen Seufzer um, klaubte die Tüte auf und reichte sie dem Typen auf dem Elektrohobel. Er ergriff sie - kann man das so sagen? Ich meine, er hatte ja keine Hände, nur diese Ellenbogenstümpfe, zwischen denen er die Tüte einklemmte. Aber er sagte artig Danke zu mir.
Eigentlich hätte ich da ja stolz sein müssen, weil ich so ein braver Junge war und dem armen Mann ohne Beine und ohne Arme das Brötchen aufgehoben hatte, aber ich war es nicht. Denn ich hatte ein echt doofes Gefühl, so als ob mich alle anderen auf der Straße ansehen würden als wäre ich noch viel schlimmer dran als der Kerl mit den Stümpfen.
Das kommt eben davon, wenn man solche Typen nicht ignoriert, sage ich.
Aber ich habe den Kurs trotzdem bestanden. Soll ich Ihnen verraten, wie?
Ich habe in meine Erklärung geschrieben, daß er ja nichts von mir wollte und um nichts gebeten hatte. Er hätte ja mich ignorieren können...
Das war schlau, was?

Jedenfalls, jetzt bin ich stolzer Absolvent der Schule des Nicht-Beachtens. Und eine Lektion habe ich echt gelernt: Solange man nicht in einen Spiegel guckt, geht diese Nicht Beachten-Sache voll easy.


Enter the MATRIX
by Tiff

Der Schlag kam hart, aber nicht unvorbereitet. Corrandos spannte seine Muskeln an, spürte aber, wie ein beträchtlicher Teil der Energie durch schlug und ihn zum wanken brachte.
Ein schneller Schritt zurück verlieh ihm wieder Standfestigkeit.
Er sah auf und fixierte seinen Gegner. Unglaublich. Warum war dieser einfache Mensch so stark? Hatte er es mit einem Agenten seines Feindes zu tun?
Oder war dieser Bodybuilder einfach nur auf Steroide?
Stumm sahen sie sich einen Augenblick an. Corrandos konnte sich denken, welche Gedanken durch den Kopf seines Gegners huschten. Der Kerl ist doch kleiner als ich. Muskulös, aber nicht allzu stark. Warum kippt er nicht um?
Corrandos nutzte die Pause, um ein wenig Atem zu schöpfen. Er durfte nicht auffallen, nicht zu sehr jedenfalls. Sofern man von einem fairen Kampf sprechen konnte, so wollte er diesen dem Menschen liefern. Das war auch der Grund, warum er noch keine seiner überlegenen Fähigkeiten gegen diesen erschreckend starken Normalsterblichen eingesetzt hatte.
„Brauchst du Hilfe?“, kam eine spöttische Stimme vom Türeingang. Während Corrandos einen harten Schlag am Kiefer seines Gegners anbrachte, warf er einen schnellen Blick zur Seite und erkannte Iriada. Die junge von seinesgleichen lehnte im Türrahmen, die schwarze Sonnenbrille keck die Nase herunter geschoben.
Ihre Hände hatte sie tief in den Taschen ihres schwarzen Mantels versenkt. Sie grinste frech herüber.
Es krachte, als seine Faust auf den Kiefer des Bodybuilders schlug. Der Mann wankte und wäre beinahe umgefallen, hätte ihn nicht einer seiner Kumpane – die den Kampf eben zu solch einer Farce machten - gestützt.
Der Riese schüttelte kurz den Kopf, spie mit einem Schwall Blut einen ausgebrochenen Zahn aus und ging wieder auf Corrandos los.

Der erfahrene Kämpfer ging in einen spektakulären Spagat, brachte so seine Schlaghand in Position für einen Angriff auf den Unterleib und den Bauch des Gegners.
Sein Gegner ging erstaunlicherweise mit – nicht schnell genug. Aber seine Geschwindigkeit war bemerkenswert. War er doch ein Agent?
Nein, entschied Corrandos, als der Mann zu Boden sank und sich dort unter Schmerzen zusammenkrümmte.
Langsam drückte sich Corrandos wieder aus dem Spagat hoch.
„Nein, Iriada, ich brauche deine Hilfe nicht.
Also, nachdem das geklärt ist, Gentlemen“, sagte er in Richtung der anderen Sportler, die ihn mit ungläubigen Blicken musterten, „würde ich gerne wissen, ob noch einer gegen mich antreten will. Oder sagt Ihr mir so, was ich wissen möchte?“
Mit einem Aufschrei stürzte der erste auf ihn zu. Die anderen folgten sofort.
Corrandos hatte nun keine Wahl mehr, er musste seine beinahe göttliche Kraft einsetzen, um dem Regen aus Tritten und Fäusten auszuweichen.
Iriada wirbelte aus ihrem Mantel, warf ihn den beiden auf sie zustürmenden Muskelmännern über die Köpfe und gelangte in deren Rücken.
Sie benutzte ihre göttliche Kraft bereits. Das war nicht nur an ihrer übermenschlichen Geschwindigkeit zu sehen. Auch ihre Kraft stand in keinem Vergleich zu ihrer hoch gewachsenen, schlanken Gestalt. Sie ergriff beide Männer an den Kragen ihrer Sporthemden und warf sie sich über die Schultern. Sie flogen mehrere Meter.
Corrandos hatte im Moment eigene Sorgen. Auch wenn seine eigene Geschwindigkeit gerade die Grenze dessen brach, was einem Menschen möglich war, wenngleich die Gliedmaßen seiner Gegner quasi in Zeitlupe auf ihn zukamen, so konnte es ihm doch schnell passieren, dass er in einem Moment der Unaufmerksamkeit doch getroffen wurde. Sein Körper konnte keine hundert Tritte und Schläge überleben.

Ohne jegliche Eleganz wand er sich durch das Labyrinth angreifender Gliedmaßen. Hier zählte nicht Ästhetik, sondern Effizienz.
Iriada hingegen tänzelte durch die Reihen ihrer Gegner, als wäre sie eine Ballerina in einem festgelegten Stück. Sie ließ einen Fausthieb über sich hinweg gleiten, bog den Rücken wie eine Gerte und benutzte die Gelegenheit für einen Überschlag, bei dem sie ihrem Gegner gleich eine ihrer Stiefelspitzen ans Kinn setzte.
Der Riese grunzte kurz und klappte in sich zusammen.
Corrandos kämpfte nicht annähernd so formschön, aber dennoch extrem effizient. Einen seiner Gegner trat er gegen die nächste Wand. Das Holzklettergerüst dort brach, als der Bodybuilder auftraf.
Einen anderen ergriff er am Kragen und benutzte den verdutzten Gegner für einige Momente als Schild, sofort darauf als Rammbock.

Schwer atmend stand Corrandos über einem Haufen stöhnender und blutender Leiber. Iriada musterte ihn spöttisch. „Etwa schon kaputt, mein Lieber? Es waren doch nur neun.“
„Und es war kein Agent dabei“, stellte Corrandos enttäuscht fest. Der Schweiß rann ihm in Strömen herunter.
Corrandos griff sich einen der noch nicht Bewusstlosen heraus und zog ihn hart hoch.
„Also“, fragte er schwer atmend, „hast du mir was zu sagen?“
Der Mann starrte ihn aus Schreck geweiteten Augen an. „Du bist kein Mensch!“
„Rede keinen Blech!“, blaffte Corrandos barsch und verstärkte den Griff.
„Ist ja gut. Das, was du suchst ist am Hafen. Pier neun, Lagerhaus elf. Aber man wird dich erwarten.“
„Das lass mal meine Sorge sein“, brummte Corrandos und hämmerte seinem letzten Gegner die Stirn auf den Schädel. Wohldosiert. Immerhin wollte er den Menschen nicht töten.
„Und was jetzt, o großer Heroe?“, fragte Iriada spöttisch.
Sie kam näher und wischte mit zwei Fingern über sein Gesicht. „Du triefst. Wie wäre es mit einer Dusche?“
Corrandos warf einen Blick auf die Umkleideräume. Hatte er soviel Zeit? Nein. Aber vielleicht reichte es, um sich kurz zu waschen.
Er deutete auf die stöhnenden Sportler. „Schick sie schlafen. Ich gehe mal ans Waschbecken.“
Als er den Waschraum betrat, hörte er noch ein hastig gemurmeltes Bittetötemichnicht, gefolgt von einem dumpfen Schmerzenslaut.
*
„Schon besser“, murmelte er und wischte sich den nackten Oberkörper mit einem geliehenen Handtuch ab.
„Hast du zugenommen?“, erklang wieder Iriadas spöttische Stimme. Sie stand wie von einem guten Regisseur platziert in der Tür, einen Stiefel lässig gegen den Rahmen gestemmt, und betrachtete ihn über den Rand ihrer Sonnenbrille.
Corrandos betrachtete sein Spiegelbild. Okay, er hatte keinen Waschbrettbauch. Aber zugenommen? „Ich wusste gar nicht, dass du so scharf drauf bist, mich nackt zu sehen“, versuchte er Iriada zu kontern.
Die Jüngere stieß sich an der Tür ab und legte von hinten die Arme um seine Schultern. Sie hatte die Lippen zu einem spöttischen Lächeln verzogen. „Es gibt vieles, was du nicht von mir weißt“, hauchte sie. „Zum Beispiel die Stelle meines neuen Tattoos.“
„Lass die Spielchen, Iriada“, brummte Corrandos und versuchte, seiner Stimme einen gelangweilten Ton zu geben. Schwierig, wenn eine Versuchung wie Iriada den nackten Oberkörper berührte.
Demonstrativ griff der Ältere zu seinem Hemd.
Iriada gab ihm einen Kuss auf die Wange und nahm ihre Hände zurück.

Corrandos zog sich wieder an. Das schwarze Hemd, der schwarze Ledermantel.
„Dein Telefon klingelt“, meinte Iriada plötzlich.
Kurz darauf erklang der Klingelton seines neuen Handys.
Er zog es hervor. „Cor hier. Meteus? Ja, ich habe seine Spur. Nicht zu ihm oder der Organisaton selbst. Aber mit etwas Glück werden wir eine Menge Ausrüstung für seine Agenten vernichten können.
Ja. Gut. Ich nehme Iriada mit. Ist Wolfen verfügbar? Gut. Ich schicke ihm die Adresse der Lagerhalle per SMS. Was ist mit Guystel oder Havvok?
Okay. Aber schick sie mir, sobald sie fertig sind. Wenn wir auf Agenten treffen, reichen drei von uns vielleicht nicht aus.
Cor Ende.“
Er sah die Jüngere an. „Meteus hat zugestimmt. Wir zwei sind jetzt ein Team. Wir treffen Wolfen in der Nähe der Lagerhalle.“
„Im Team mit dir. Das ist doch alles, was sich eine junge Frau jemals von Leben erhoffen konnte.“
Corrandos schickte die SMS an Wolfen ab, steckte das Handy weg und zog eine schwarze Sonnenbrille hervor. „Scherzkeks“, neckte er Iriada, während er sich die schwere Ray Ban auf die Nase schob. „Lass uns gehen.“

Auf dem Weg hinaus raunte Iriada ihm ins Ohr: „Wir wurden belauscht.“
„Gefahr?“ „Kann sein. Er folgt uns.“ In der Tür blieb Corrandos stehen und drehte sich so, dass er mit der kleinen verspiegelten Innenfläche seines linken Brillenglases den Gang hinter sich einsehen konnte. Er grinste. „Nur ein kleiner Junge. Das LEGAT rekrutiert keine kleinen Jungen. Ignoriere ihn.“
Vor dem Trainingscenter stieg Corrandos in seinen weißen Lotus. Ein verdammter Spritfresser, aber er lag so gut in den Kurven, das man sich fragte, warum die Menschen nach diesem Sportwagen überhaupt noch Flugzeuge bauten.
Iriada schwang sich auf ihre Himmelblaumetallic-Yamaha. „Bis gleich“, rief sie, warf Corrandos einen Kussmund zu und setzte sich ihren Helm auf.
Der schüttelte nur den Kopf.
Er schnallte sich an, setzte den Blinker und jagte dann die Straße hinab. Eine Lagerhalle wartete auf ihre Einebnung.

Eine halbe Stunde später erreichte Corrandos Pier neun. Iriada war selbstverständlich schon da. Sie stand in der Deckung einer kleineren Lagerhalle und ließ sich von Wolfen aus dem reichhaltigen Arsenal seines Familienvan versorgen.
Kichernd wie ein kleines Mädchen, dass endlich das superteure Puppenhaus geschenkt bekommen hatte, besah sie sich die beiden schwarz lackierten Uzis, bevor sie die Waffen fertig geladen auf der Innenseite ihres Mantels befestigte.
Wolfen sah mit einem strahlenden Grinsen zu ihm herüber. Er deutete auf seinen ausgezogenen Kofferraum. Dort lagen bereits ein ultrascharfes japanisches Schwert und mehrere Shuriken für ihn bereit.
Der hoch gewachsene Blondschopf mit den schmalen Schultern kannte die Vorlieben von Corrandos, wo immer es ging sich nicht allzu sehr auf die Schusswaffen der Menschen zu verlassen.
Corrandos nickte nur stumm, nahm das Katana an sich und steckte es sich in den Gürtel. Danach stopfte er sich die Wurfsterne und Wurfmesser in die Taschen seines Mantels.
Anschließend bediente er sich bei den Granaten – Blender und Sprenggranaten – und schnallte sich noch einen zweiteiligen Schulterholster um, in die er je eine Walter PPK und drei Magazine steckte.
Danach hielt er ein kurzes Briefing ab.

„So ist die Lage. Wir sind zu dritt. Wir wissen nicht, was uns in der Halle erwartet.
Es könnten menschliche Söldner sein, vielleicht Agenten. Sie könnten uns erwarten, vielleicht überraschen wir sie.
Jedenfalls schießen wir erst und fragen dann.“
Wolfen lud seine beiden gekürzten Schrotflinten fertig. „Also wie immer. Erledigen wir sie gleich, oder brauchen wir sie noch für ein Verhör oder so?“
„Unser Ziel ist es, die Ausrüstung für Agenten zu vernichten. Wenn wir da reingehen, gibt es keine Gnade. Wir schießen solange, wie sich noch was bewegt, was nicht zu uns drei gehört. Und danach jagen wir den ganzen Laden in die Luft. Mit allem, was drin ist.
Wir sind im Krieg, vergesst das nicht. Wir sind endlich einmal im Vorteil, in der Offensive. Doch der kann uns schnell wieder verloren gehen. Jeder einzelne Schritt, jede einzelne Aktion muss sitzen. Stein für Stein im Mosaik bildet die Grundlage für unseren Kampf. Für den Sieg.
Wolfen. Du sprengst dich durch den Nordeingang.
Iriada. Übers Dach. Ich komme von Westen. Dort gibt es zwar keinen Eingang, aber ein Fenster in sechs Meter Höhe, das auf eine Galerie führt. Wir greifen den Feind also nicht nur von drei Seiten an, wir attackieren ihn auf drei Ebenen.
Noch irgendwelche letzten Wünsche, Ratschläge und dergleichen?“
Iriada trat näher an Corrandos heran und küsste ihn. „Jetzt nicht mehr.“
Wolfen hob abwehrend die Arme. „Denk nicht mal dran, Boß.“
„Ha, ha, Wolfen. Also.“ Er lud die Walters durch und steckte sie in die Holstertaschen. „Gehen wir es an.“

„Jackpot!“, rief Corrandos, als er nach dem riskanten Sechs Meter-Sprung durch den Scherbenregen des zerstörten Fensters auf der Balustrade landete. Gerade verluden die Menschen in der Halle einen Kampfexo, wie er immer wieder gegen seine Heimatstadt eingesetzt wurde. Dies war also eine Basis des Gegners.
Corrandos duckte sich unter der Garbe eines MPs hinweg und warf mit einer flüssigen Bewegung einen Shuriken.
Sein Gegner, der einzige Wächter auf der Balustrade, sackte getroffen in sich zusammen. Seine Rechte verkrampfte und zog den Feuerknopf durch, bis das Magazin leer war.
Corrandos war aber längst außer Reichweite. Er sprang über das Geländer in die Tiefe.
Zufrieden registrierte er das Entsetzen im Gesicht des bewaffneten Mannes, auf den er niederfuhr wie ein Rachegott. Als sein Stiefel sich in den Hals des Mannes bohrte, hörte Corrandos es knirschen.
Er ließ sich von seinem Schwung zu Boden tragen, rollte sich ab und duckte sich in der Deckung einiger Stahlkisten.
„EIN GOTT!“, brüllte jemand.
In diesem Moment brach Iriada durch das Dach, überschlug sich und wirbelte auf dem Weg zum Boden in einer Schraube um die eigene Achse. Dabei feuerte sie ihre automatischen Waffen mit eiskalter Präzision ab.
„Zwei“, stellte sie eiskalt fest und erschoss einen Gegner, der gerade versuchte, seine Waffe auf sie anzulegen.
Das Haupttor wölbte sich unter dem Druck einer Explosion nach innen, gab nach und fiel mit ohrenbetäubendem Lärm um.
Wolfen kam mit einem Grinsen herein. „Bin daha. Wer noch?“

Von einem Moment zum anderen brach pures Chaos aus. Wolfen feuerte beide Schrotflinten im schnellen Wechsel ab und sprintete in Deckung. Dabei wich er einer Geschoßgarbe aus, die so präzise lag, dass der Schütze nur eines sein konnte. Ein Verbesserter. Ein Agent.
Iriada schien zur gleichen Ansicht gekommen zu sein, denn während sie um sich schoss, arbeitete sie sich auf den Agenten zu, der Wolfen ernsthaft in Bedrängnis brachte.

Corrandos zückte die Walters und lieferte sich ein Gefecht mit einem anderen Agenten. Sie liefen eine imaginäre Bahn ab und feuerten aufeinander. Kein sehr effektiver Kampf.
Bis der Agent gegen einen Stahlträger stieß, den er übersehen hatte.
Er klappte zusammen wie ein Kartenhaus.
Hinter ihm hielt ein dritter Agent Iriada im Fadenkreuz seines Laserzielsuchers. Corrandos sah es nicht. Er spürte es nur. Die Angst um seine… Gefährtin ließ ihn instinktiv reagieren.
Er warf sich in einen Flic Flac nach hinten, zog das Katana und hieb es bei der Landung nach dem Abschlusssalto kraftvoll zu Boden. Der Mann fiel zwiegespalten zu Boden. Zweimal.
Hinter ihm seufzte jemand auf. Er wirbelte herum und sah einen Menschen mit einer blutenden Stirnwunde zu Boden sinken.
Iriada winkte ihm lächelnd zu. Verdammt, waren sie ein gutes Team.
Die letzten Überlebenden, durchwegs Menschen, ergriff die blanke Panik. Kopflos stürmten sie aus der Halle. Die drei ließen sie ziehen.

„Das müsst Ihr gesehen haben!“, rief Wolfen aufgeregt, als er die Frachtcontainer einer flüchtigen Untersuchung unterzog.
Corrandos ließ für einen Moment von Iriada ab. Seine Sorge, sie könne verletzt sein, ohne es bemerkt zu haben, nahm bei ihm beinahe schon lächerliche Züge an.
Aber es machte ihm schmerzhaft bewusst, wie sehr er diesen Energiegeladenen Wirbelwind liebte.
„Was gibt es denn, Wolfen?“
Der Schlacks tauchte aus einem Container auf. „Volltreffer, Corrandos. In vier Containern sind Exos. Da ist uns ja ein verdammt harter Schlag gelungen. Zusammen mit dem in der Halle macht das fünf Exos, die unserem Gegner fortan fehlen werden.“
Iriada presste die Lippen aufeinander, bis sie nur noch dünne Striche waren. „Gefahr“, hauchte sie. Das ziehen der Uzis und das herumwirbeln war bei ihr ein Gedanke. Sie zielte auf die Galerie.
„Nicht schießen“, zischte Corrandos. „Das ist das Kid aus dem Sportcenter.
Was willst du, Kleiner?“
Der junge Mann hob einen Zeigefinger und deutete hinter die drei. Noch während seine Lippen sich verformten, um den Buchstaben V zu bilden, sprintete Corrandos los. Wolfen und Iriada warfen sich in Deckung.
MG-Garben verfolgten Corrandos, als wären es Jagdhunde, die hinter ihrer Beute her waren.
Er sprang auf eine Mannshohe Kiste, von dort auf einen zehn Meter entfernten Container.
Er zog sein Schwert und sprang erneut.
Mit beiden Händen hielt er sein Schwert am Knauf, zum tödlichen Stoß parat.
Er sah das Entsetzen des Agenten in der Enge des Exo-Cockpits, als er nichts tun konnte, um die Klinge abzuwehren. Sie durchbrach das Panzerglas und fuhr durch seinen Körper wie Butter.
Als der Agent starb, stellte der Exo das Feuer ein.

„Das war knapp“, stellte Corrandos fest.
„Knapp ist das falsche Wort. Eine Sekunde später wären wir alle draufgegangen!“ Wolfen blaffte gereizt. Den Exo zu untersuchen war seine Aufgabe gewesen. Sein Fehler, der ihnen beinahe den Tod gebracht hätte.
Der Junge kam näher. „Das war ja… Das war ja so cool. Diese Bewegungen. Diese Action. Phantastisch. Ich wusste doch, dass es nicht nur ein Film war. Ich wusste, dass ich Recht habe. Wir leben wirklich in der Matrix. Und Ihr seid freie Menschen, die hier gegen die Maschinen kämpfen.
Ist das cool.
Sagt mal, gibt es Neo wirklich? Und Trinitiy? Und Morpheus? Wäre das fett, sie alle zu treffen.
Waren das hier Agenten? Mann, müsst Ihr stark sein, um sie einfach so zu besiegen.“
Der junge Mann besah sich die Bescherung.
Wolfen zuckte die Schultern. „Ich platziere dann man die Sprengladungen.“
„Also?“, sagte der Junge. „Wann befreit Ihr mich aus der Matrix? Immerhin schuldet ihr mir was. Ich habe euch vor dem Agenten im Kampfroboter gewarnt.“
„Nicht ganz richtig“, brummte Iriada verärgert. „Wärst du hier nicht durch das Oberlicht eingestiegen, dann hätte ich den Agenten wesentlich früher gespürt.“
„AHA! Es waren also doch Agenten. Ich wusste es.“

Corrandos schüttelte den Kopf. Ging das schon wieder los?
„Hör mal, Kleiner. Wir…“ „Shark!“, korrigierte der junge Mann. „Was?“ „Shark. Das ist mein Hackername, unter dem ich die Matrix bekämpfe.“
„Also gut… Shark. Du weißt natürlich, dass es sehr gefährlich ist. Die Matrix ist mächtig. Du kannst sterben. Die rote Pille zu schlucken könnte dein Tod sein.“
„Die blaue. Es ist die blaue Pille. Das weiß doch jeder.“
Corrandos schüttelte den Kopf. „Nein, es ist die rote. Du willst mir doch nicht erzählen, wie ich meinen Job zu machen habe?“
„Nein“, gestand Shark und sah betreten zu Boden. „Natürlich nicht.“
Corrandos lächelte und zog eine rote Pille aus seinem Mantel. „Ich denke, die zweite Pille können wir uns sparen, was?“
Der Junge strahlte. Er ergriff die Pille und schluckte sie ansatzlos runter. „Und wann sehe ich Trinityyyyyyy…“
Iriada schnellte vor und bewahrte Shark vor einem harten Sturz.
Corrandos seufzte. „Nimm ihn mit raus. Und dann nimm ihm die Erinnerung. Wenn er aus der Betäubung aufwacht, will ich, dass jeder Hinweis auf uns aus seinem Gedächtnis ausradiert wurde. Seine Matrix-Spinnereien kannst du ihm aber lassen.“
„Er wäre anders herum aber sicher besser dran“, beschwerte sich Iriada.
„Es ist sein Leben.“ Corrandos seufzte. „Entweder töten wir ihn oder wir lassen ihm das Leben, das er für sich ausgesucht hat.“
Iriada nickte. Sie warf sich den Jungen über die Schulter und ging langsam hinaus.
Wolfen hob den rechten Daumen. „Bloß raus hier, Corrandos. Hier drinnen ist genügend Semtex verteilt, um die Lagerhalle auf den Mond zu schießen.“

Auf den Knopfdruck Wolfens explodierten die Sprengstoffpakete. Die Halle fiel in sich zusammen. Danach blähte sie sich auf und wurde mehrere hundert Meter hoch in die Luft getragen.
„Das war´s. Soviel zum Thema Exos.“
Corrandos nickte dankbar. „Sehen wir zu, dass wir hier weg kommen. Iriada, wie weit bist du?“
„Fast fertig.“
„Gut. Wir… Ja, Cor hier. Ja. Ja. Der Einsatz verlief gut. Keine Verluste. Wir haben fünf Exos vernichtet und vier Agenten eliminiert. Ich finde es auch nicht schlecht.
Warum ich… Na, ich war wohl etwas unvorsichtig. Ein Mensch ist uns vom Sportcenter gefolgt. Du glaubst es nicht, er hält uns für… Richtig, er hält den Film Matrix für real. Stell dir vor, er hat uns gefragt, ob er Trinity treffen kann.
Hm? Nein, ich denke nicht, dass wir ihn mit der Wahrheit konfrontieren können.
Es ist eine Sache daran zu glauben, in einer gigantischen Simulation zu stecken.
Es ist aber eine ganz andere Sache zu erfahren, dass man plötzlich in einen Krieg geraten ist, der von Göttern und Dämonen geführt wird.
Das dürfte ihn doch viel zu sehr überfordern.
Ja, Iri löscht bereits seine Erinnerungen. Er wird mit Kopfschmerzen aufwachen. Aber er wird wenigstens gesund sein. Ja. Wir kommen zurück.
Cor aus.“
Corrandos steckte sein Handy fort und betrachtete den Jungen. „Das ist schon der fünfte dieses Jahr. Wenn ich…“
„Wenn du was?“, fragte Iriada.
„Wenn ich diese Wachovsky-Brüder jemals treffen sollte, dann…“
„Dann solltest du ihnen sehr, sehr dankbar sein. Wenn wir die Geschichte mit der Matrix als Ausrede nutzen können, wird die Gefahr, Menschen unwissentlich in unseren Krieg hinein zu ziehen, sehr gering.“
Corrandos stutzte. Er beugte sich vor und küsste Iriada flüchtig. „Du bist ein Genie.“
Er nickte Wolfen zu, der gerade abfuhr. „Aber ich hasse diesen Film trotzdem.“

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Der Scharfrichter

„Brenn Baby, brenn“ rief Mike und feuerte den Flammer seines Battlemechs in die Tür des Bunkers, in den Sekundenbruchteile zuvor ein Infanterist rein gelaufen war. Er und seine Lanzenkameraden waren Söldner, die für das Haus Kurita arbeiteten. Über ihnen kreiste ein Bumerang…ein leichtes Spähflugzeug welches ihre Aktionen aufnahm und weiterleitete, den ihre Einheit war nicht nur jung, sondern es war auch ihr erster Einsatz überhaupt. Die Anzahl der Einsätze die er schon erlebt hatte, konnte er an den Fingern einer Hand abzählen, und er war der Erfahrenste der vier. Zudem war sein Mech vom Typ Vulkan der schwerste… .
Doch plötzlich knackte das Com und die Stimme des Sho-sa Ming ertönnte: „Brechen sie auf der Stelle ihre Aktionen ab und begeben sie sich sofort zu Punkt Beta.“
Sho-sa Ming war im Grundegenommen für diese Mission ihr Vorgesetzter, den er plante den gesamten Angriff, wobei sie jetzt nur eine sehr schwach verteidigte Flanke angegriffen hatten. Was Mike jetzt störte war der drängende Unterton, zwar recht emotionslos wie die Asiaten nun mal waren aber irgendwie drängend. Der Befehl war an seine gesamte Lanze gesendet wurden, es gab also nichts weiter zu sagen, als das sie tatsächlich abbrechen sollten und zu Punkt Beta zurück kehren sollten, den von diesen Punkt waren sie gestartet. Irgendwas huschte dort auf den Boden entlang…ohne gross nachzudenken feuerte er mit seiner leichten Autokanone drauf…was auch immer dort gewesen war, es war weg. Aber da waren noch mehr…also setzte er mit seinen mittelschweren Laser nach…nun war dort wirklich nichts mehr. Er drehte den Mech, lies ihn langsam in Richtung Beta marschieren, dicht gefolgt von seinen Lanzenkameraden.

Am Punkt Beta wartete schon ihr Verbindungsoffizier, der nicht gerade glücklich aussah. Mit ein paar einfachen Handbewegungen deutete er ihnen, das sie ihre Mechs abstellen, und zu ihm kommen sollten. Natürlich waren sie in dieser provisorischen Basis nicht alleine. Überall arbeiteten Techs an Maschinen, hasteten Leute umher, ein scheinbares Durcheinander wie es in provisorischen Basen üblich war. Und über dies fing der Morgen an zu grauen.
Unten angekommen gesellte sich Mike zu den anderen und musste sich anhören wie ihr Verbindungsoffizier sagte: „Ihr habt verdammt grossen Mist gebaut. Wenn ihr Glück habt, dürft ihr noch ein paar Toiletten putzen.“
Sich bei den Verbindungsoffizier auszusprechen wäre sinnlos gewesen, den der Sho-sa Ming kam aus einen der Zelte heraus. Schnurstracks und mit scheinbar emotionsloser Miene kam er auf sie zu, anhand seines festen Ganges jedoch konnte ein kundiger Mensch erkennen das der Sho-sa zornig war. Mike und seine Leute waren jedoch keine kundigen Menschen… .
Bevor der Sho-sa allerdings etwas sagen konnte, stoppte genau neben ihnen, nicht mal einen Meter entfernt ein Battlemech vom Typ Grashüpfer. Überrascht sahen sowohl der Sho-sa, ihr Verbindungsoffizier als auch die Söldner den Mech an.
Die Cockpittür wurde geöffnet und jemand stieg hinaus, raste förmlich an den Mech herunter und stand plötzlich neben ihnen allen. Mike stand mit offenen Mund da. Nicht nur das diese Person gerade die ungefähr acht oder neun Meter an den Mech in Rekordzeit herunter geklettert war, nein, diese Person hatte nicht mal eine Strickleiter benutzt. Der Neuankömmling war nackt, bis auf einen Lendenschurz und ein Schwert, welches auf seinen Rücken geschnallt war. Weder eine Kühlweste, welche den Piloten innerhalb eines Gefechtes, bei dem sich zwangsweise der Mech gewaltig erhitzte, kühlte, noch Sandalen die die Füsse vor der Hitze schützten trug er. Aber das war gar nicht so auffällig. Die Haut war das besondere an diesen Asiaten. Ausser Gesicht und Hals, ab den Handgelenken abwärts sowie den Fussknöcheln abwärts war der Mann schwarz tätowiert, wenn man mal von den anderen roten Tätowierungen absah, die einen Drachen zeigten, welcher verschiedenes gleichzeitig tat und sich um den gesamten Körper herum wand.
Der Sho-sa schien glatt um drei Schritte zurück zu weichen, als der Neuankömmling auftauchte und was der Asiate sagte war noch verwirrender: „Ich übernehme.“ Dabei sah er den Sho-sa direkt und wirklich ohne Gefühlsregung an.
Ihr Verbindungsoffizier stellte sich >>schützen<< vor ihnen hin und fragte: „Wer sind sie?“
Statt auf diese Frage einzugehen sagte der Fremde zu Sho-sa Ming: „Ich werde sie mir für mehrere Stunden ausleihen, bevor ich über sie richten werde.“
Der Verbindungsoffizier fing an sich zu beschweren, von wegen das der Neuankömmling noch nicht mal einen Rang oder Namen hatte. Der Sho-sa rief sogar den Namen des Verbindungsoffiziers und man hörte deutlich die Sorge aus seiner Stimme, doch der wollte nicht reagieren, versuchte weiterhin die Aufmerksamkeit des Unbekannten zu erringen, der wiederum die ganze Zeit den Sho-sa ansah, scheinbar nicht mal atmete und sich nicht regte.
Die folgende Bewegung war zu schnell, als das irgendjemand darauf hätte reagieren könnte.
Der Fremde zog sein Schwert, köpfte in einer fliessenden Bewegung den Verbindungsoffizier und steckte das Schwert wieder weg noch bevor der Körper des toten irgendwie auch nur wanken konnte. Erst als der Körper sich neigte, fiel der Kopf ab. Mike und seinen Leuten war plötzlich ziemlich unwohl.
Der Unbekannte sah immer noch den Sho-sa an, bis auf die Arme, Schultern und einer leichten Torsodrehung hatte er sich nicht bewegt, stand immer noch da und sagte ruhig aber laut genug: „Er hat in seiner Eigenschaft als Verbindungsoffizier versagt und die Ehre des Hauses Kurita besudelt.“
Der Sho-sa hatte nur für einen Sekundebruchteil Entsetzen gezeigt, doch nun nickte er lediglich bejahend, das Gesicht wieder eine emotionslose Maske.
Dann drehte er sich um, ging wieder zurück in das Zelt aus dem er gekommen war. Zwei Kurita Infanteristen kümmerten sich um die sterblichen Überreste des ehemaligen Verbindungsoffiziers. Während dieser Zeit standen die Söldner unschlüssig da, wussten nicht so recht was sie tun sollten, bis der Unbekannte zu ihnen sagte: „Mitkommen“
„Und was ist wenn wir nicht wollen?“ rutschte es aus Mike heraus. Der Tätowierte sah betont deutlich auf die Stelle, an der der ehemalige Verbindungsoffizier gelegen hatte, eine deutlichere Antwort gab es ohne Worte nicht.

Sie folgten ihm zu einen der vielen LKWs, auf denen sich Soldaten gesetzt hatten, um an die ehemalige Flanke zu fahren. Sie würden dort die Gegend durchkämmen, nach verwundeten suchen und Erste Hilfe leisten. Die Verwundeten waren dann zwar Kriegsgefangene aber man konnte sie bei einem Gefangenenaustausch dann loswerden.
Schweigend fuhren sie los, und Mike war überrascht über den teilweise leicht ängstlichen Gesichtsausdruck bei den anderen Soldaten, die den Unbekannten gesehen hatten. Auch schien es, als ob die anderen Fahrzeuge mehr Abstand zu ihren LKW liessen. Wer war dieser Kerl? Einer seiner Kameraden fragte ihn auf Französisch: „Weißt du wer das ist?“
Mike antwortete wahrheitsgemäss: „Nein. Aber wenn er so mit Ming umgehen kann, muss er mindestens den gleichen Rang haben.“
Die Fahrt dauerte genauso lange wie mit ihren Mechs die Rückkehr gedauert hatte, nur das sie jetzt an den ersten Panzerwracks anhielten, also weit vor der Position, an der sie gewesen waren.
Die sechs leichten Panzer waren kein Hindernis für die Söldner gewesen. Vier von denen hatten sich hier gestellt und waren vernichtet wurden. Da es möglich war, das ein oder zwei von deren Besatzungen überlebt hatten, fing man hier mit der Suche an. Die Kuritasoldaten schienen froh zu sein, von dem Unbekannten weg zu kommen, insbesondere als er ihnen nicht folgte sondern direkt auf die Gräben zuging, welche noch zwei Kilometer entfernt waren.
Nebel war aufgezogen und die Söldner froren, da sie nicht viel mehr anhatten als Shorts, T-Shirt und Kühlweste, und die Temperaturen unter zehn Grad lagen. Die Tatsache das sie auch noch ohne Unterstützung direkt in Feindesland marschierten war auch nicht gerade hilfreich.
Es dauerte einige Minuten bis sie die Entfernung zurück gelegt hatten, doch schon von weitem hörten sie das Stöhnen. Furchtlos ging der Unbekannte darauf zu, die Söldner allerdings waren unruhig, den der Schützengraben war nur noch wenige Meter entfernt. Schützengräben in denen vorhin feindlichen Infanteristen gewesen waren. Und auch wenn ihre Waffen den Mechs nichts hatten antun können, so konnten sie ihnen jetzt durchaus Schaden.
Der Vulkan war direkt auf den Schützengraben getreten, Mike erinnerte sich daran. Der Fuss war etwas in den Boden eingesagt, als die Wände des Schützengraben nachgegeben hatten. Der Tätowierte sprang in den einen Meter tiefen Abdruck, verschwand somit kurzzeitig aus ihren Blickfeld. Doch sie folgten ihm, und sahen einen der Ursprünge des Stöhnens (es gab auch noch andere Geräusche, ein Schreien aus einer anderen Richtung, Rufe…alles mögliche an Geräuschen). Dort unten lag jemand, direkt neben den Abdruck. Als Mike und seine Leute das sahen, wurde ihnen mulmig. Der Soldat dort unten war Matsch, lebte aber noch. Der Fuss des Vulkans, Mikes Mech, hatte den Soldaten unter sich zermalmt. Der linke Arm und das linke Bein waren völlig Matsch, der Torso überraschenderweise scheinbar heile. Mike überlegte…er war vor ungefähr einer halben Stunde hier gewesen. Alleine die Schmerzen mussten gewaltig sein.
Der Tätowierte tastete den Infanteristen ab, sprach leise auf ihn ein in einer Sprache die die Söldner nicht verstanden. Traurig schüttelte er den Kopf, fragte den Verletzten etwas…dann kam das Verblüffenste: er gab den Verletzten einen Kuss auf die unverletzte Hand. Augenblicklich hörte der Soldat auf zu stöhnen, bewegte sich nicht mehr…er war tot.
Erst jetzt merkten die Söldner das sie nicht mehr alleine waren. Einige Kuritasoldaten waren nach gerückt. Sie standen am Rande des Grabens, wagten es irgendwie nicht, diesen zu überqueren, sondern sahen den Toten an. Natürlich gab es noch ein paar weitere Leichen. Deutlich sah man die Spuren von KSR-Einschlägen nur wenige Meter weiter am Graben. Dort hatte ihre Speerschleuder einigen Infanteristen eingeheizt. Die Einzelteile von ihnen zu finden war nicht leicht, sie zuzuordnen unmöglich. Hier ein Stiefel mit Inhalt, dort ein Arm, ein halber Kopf, teile eines Torsos… . Nicht unbedingt ein schöner Anblick. Für Infanteristen war der Anblick schon fast normal, für Mechkrieger allerdings nicht alltäglich. Meist überquerten Mechkrieger mit ihren Maschinen das Feld, Tod und Vernichtung spuckend, die Auswirkungen sahen sie kaum. Sie sassen mindestens fünf Meter über den Erdboden in ihren Cockpits, ignorierten meist alles was nicht metallisch war, und nach der Schlacht brachten sie ihre Maschinen zum reparieren zurück. Das Schlachtfeld jedoch, betraten sie erst wieder, wenn es gesäubert wurde, wenn überhaupt. Deshalb war es nicht ungewöhnlich das den Söldnern immer unangenehmer wurde. Tote hatten sie schon gesehen, aber noch nicht in der Menge und aus der Nähe. Hier gab es keine Überlebenden. Der Unbekannte ging weiter nachdem er sich kurz umgesehen hatte, vorbei an weiteren toten Infanteristen, diesmal von Mechmgsalven zerfetzt. Mike fiel auf, das der Unbekannte die Waffen der Gegner überprüfte, nicht auf ihre Funktionalität sondern um was für Waffen es sich handelte. Warum? Er wusste es nicht.
Endlich verlies der Unbekannte die Schützengräben und die Söldner atmeten auf. Neben der Kälte war es dort eng…die Toten… .
Oben blieb er kurz stehen, horchte. Dann rannte er plötzlich los, mit einer Geschwindigkeit…der Kerl musste so schnell sein wie ein J.Edgar bei Vollgas, dachte Mike. Nur mit Mühe konnten die Söldner ihm folgen, verloren ihn sogar mehrmals aus den Augen. Nach nicht mal einer Minute hörten sie ein leises Röcheln, direkt voraus, dann ein Klicken, als ob eine Waffe ohne Munition abgefeuert werden sollte.
Der Tätowierte stand ganz ruhig da, sah irgendwie entspannt aus. Vor ihm lagen vier Infanteristen, wovon einer eine Pistole in der Hand hatte und diese Hand gerade sinken lies. Die Vier sahen erbärmlich aus, jeder von ihnen war verletzt. Der mit der Pistole hatte eine Wunde am Kopf, deutlich am scheinbar getrockneten Blut zu sehen, welches die Stirn und die gesamte linke Kopfseite rund ums Ohr bedeckt…wo war eigentlich das Ohr?
Dem Zweiten ging es nicht besser, seine Kleidung war nass und an mehreren Stellen zerfetzt, lebte vermutlich aber noch gerade so eben, denn er röchelte vor sich hin. Der Dritte starte wirr in der Gegend herum, lag vermutlich unter Schock den, der Grund war das ab den Knie fehlende Bein, welches einfach abgebunden war. Der Vierte…der hatte es hinter sich.
Die Worte die der Tätowierte zu den Infanteristen sagte, verstand keiner der Söldner, den es war nicht ihre Sprache. Vermutlich war es so was wie die Frage, ob die Infanteristen sich ergaben.
„Bringen sie drei unserer Infanteristen her, von denen einer ein volles Medpack dabei haben soll. Wir haben hier drei verletzte Kriegsgefangene. Und treiben sie irgendetwas auf, was man als Barre nutzen kann“ Sagte der Tätowierte zu Mike.
Während Mike sich auf die Suche nach Diesen machte, einige fand und sich dann wunderte, wie eilig die Jungs es hatten ihm zu folgen als er den Tätowierten erwähnte und was dieser gesagt hatte, kümmerte sich der Tätowierte um die drei Überlebenden. Er redete mit ihnen, überprüfte ihre Verletzungen, gab kurz die Bitte an die rum stehenden drei Söldner: „Bitte suchen sie ebenfalls etwas, was man als Trage verwenden kann. Und wenn es zwei Gewehre und zwei Westen von den Toten sind, die wir zur Trage umarbeiten können…“
Trotz das der Tätowierte nun kurzzeitig alleine war, unternahmen die drei Gegner nichts gegen ihn. Sie liessen ihn gewähren. Die Verletzungen des Ersten lies der Unbekannte erstmal links liegen. Der Mann schien noch agil genug. Auch der Einbeinige schien noch ein paar Minuten überleben zu können, nur der der so nass und mit zerfetzter Kleidung am Boden lag mochte es nicht schaffen.
Mike kam mit den Soldaten fast zeitgleich mit seinen Kameraden wieder bei den Unbekannten an. Der hatte mittlerweile seine Untersuchungen abgeschlossen und erste Versorgungen angefangen. Seine Worte an die Kuritasoldaten waren schnell aber genau, für die Söldner jedoch zu schnell, so das sie nicht alles mitbekamen, nur das die Verletzten schnellstens zum MEDlager gebracht werden sollten, und irgendwas wegen den Schwerstverletzten. Das mitgebrachte unverbrauchte Medpack wurde auch an den Schwerstverletzten aufgebraucht und die Frage des Transportes wurde schnell geklärt. Die Söldner hatten nur drei Westen aufgetrieben und ein Sturmgewehr, aber die Kuritasoldaten hatten auch zwei Sturmgewehre dabei. Aus zwei der Sturmgewehre, aus denen die Munition entfernt wurde, und den Westen wurde eine Art Liege gebastelt, auf der der Schwerstverletzte jedoch nicht ganz liegen konnte, sondern die Beine am Vordermann vorbei baumeln lassen musste. Der am Ohr Verletzte stützte den Einbeinigen während der dritte Kuritainfanterist hinter den Verletzten her ging, bereit mit seinen Gewehr auf diese zu feuern, sofern sie eine falsche Bewegung machten.
Die Stimmung der Söldner war auf den Tiefstpunkt. Als sie aus ihren Mechs gestiegen waren, hatten sie zwar Bedenken gehabt, weil sie so schnell zurückbeordert waren, aber ihre Stimmung war gut gewesen. Von dem Hochgefühl war nichts mehr geblieben. Ihnen war kalt, der Tod ihres Verbindungsoffizier hatte sie schockiert, der mysteriöse Unbekannte erschien undurchsichtig und die vielen Toten und Verletzten auf diesen Feld… .
Es war nicht nur der Anblick der Gegner, es waren auch die Gerüche und die Geräusche. Schreie von Verletzten, Rufe der Kuritainfanteristen… Gerüche von Verbrannten, Verschmorten, Blut und anderen Dingen, statt von grüner Wiese, Blumen und frischer Luft.
Der Tätowierte blieb nicht stehen um sich die Gegend anzusehen, sondern marschierte gleich weiter, auf einen der Bunker zu, von denen es an dieser Flanke gerade mal drei gab.
Der Geruch nach Verbranntem wurde stärker, je näher sie dem Bunker kamen, und es dauerte nicht lange da erkannte Mike den Bunker. Er hatte dort einen Infanteristen mit den Flammer seines Mechs erlegt.
Die halb geschlossene Tür in den Bunker war ziemlich zerschmolzen, lies sich deshalb nicht weiter öffnen und versperrte den Weg. Der Platz reichte aber aus, das man mit etwas Mühe sich vorbei quetschen konnte. Der Tätowierte ging vor, bedeutete den Söldnern mit zu kommen. Es gab zwar kein Licht im inneren, aber es war bereits hell genug, das man Schemen erkennen konnte, dort wo die Sonne nicht hin kam. Deshalb stolperte Mike auch fast über die Überreste des Infanteristen am Boden, der in den Bunker hinein geflüchtet war. Naja, viel mehr als der Schädel war nicht übrig, der Rest war komplett zu Asche verbrannt. Und ein paar erkaltete Metalpfützen von der Ausrüstung des Soldaten waren auch noch da. Weiter ging es. Die Augen konnte man verschliessen, die Nase aber nicht. Und diese warnte die Söldner Sekunden bevor sie die zweite Leiche sahen. Es gab noch eine weitere Tür, welche offen stand, angeschmolzen. Und geradeaus stand das was vom leichten Laser übrig war, sowie den Schützen der ihn bedient hatte. Sie alle betraten den Raum, sahen den Infanteristen der hinter der Tür hockte. Schwere Verbrennungen zeichneten seinen Körper und er lebte noch. Er reagierte nicht auf ihre Anwesenheit, sah wirr in die Gegend herum, stöhnte ab und an. Einer der Söldner übergab sich, was kein Wunder war angesichts des Gestanks nach Verbranntem und Verschmorten.
Der Tätowierte betrachtete den Infanteristen, sprach ihn an. Der Infanterist starrte weiter in der Gegend herum, reagierte nicht mal, als der Tätowierte ihn berührte.
„Sollen wir ihn raus bringen?“ fragte Mike, der sich irgendwie fehl am Platze fühlte und genauso wenig wusste was er tun sollte, wie seine Kameraden.
Statt zu antworten richtete sich der Tätowierte auf, seine Reaktion kam unvorbereitet und entsetzte die Söldner. Er zog sein Schwert und köpfte den Verletzten kurzerhand. Das ganze verlief Lautlos, das einzige was man hörte war das runterfallen des Kopfes. Wie das Schwert aus der Scheide fuhr und wieder zurück gesteckt wurde hörte man nicht.
„Folgen“ sagte der Tätowierte im Befehlston, verlies den Bunker.
Die Söldner waren zu geschockt um dem Befehl nicht Folge zu leisten und mussten sich beeilen um wieder mit den Unbekannten Schritt zu halten.
Er lief auf eine bestimmte Stelle zu, machte halt, schien auf die Söldner zu warten. Als sie endlich ankamen, wartete er noch ein paar Sekunden bevor er sie fragte: „Was sehen sie hier?“ Dabei deutete er auf das was direkt vor seinen Füssen lag.
„Drei…vier Tote“ antwortete einer der Söldner.
Die Stimme des Tätowierten war immer noch emotionslos, genauso wie seine Mimik und Körperhaltung. Er zeigte überhaupt nicht ob ihn die Antwort gefiel oder missfiel.
„Sieht hier irgendjemand Waffen bei diesen Toten?“ fragte er wieder.
Die Leichen waren zum grossen Teil verdampft oder verbrannt, Waffen waren jedoch nicht zu sehen, nicht mal Überreste von ihnen.
„Durchsuchen sie Sie nach Waffen.“
Die Söldner waren unschlüssig, als der Tätowierte aber mit atemberaubender Geschwindigkeit nach seinen Schwert griff, sprangen die Söldner hin zu den Leichen, fingen mit der Durchsuchung an. Der Tätowierte sah ihnen emotionslos zu, lies das halb gezogene Schwert wieder lautlos zurück gleiten.
Die Söldner waren gründlich, wenn es ihnen auch nicht gefiel an Leichen rumzuhantieren. Der eine oder andere mochte daran denken, sich eine Waffe zu schnappen, oder die eigene Pistole, oder das eigene Messer zu zücken und den Tätowierten damit zu zeigen, das sie sich nicht gerne bedrohen liessen. Andererseits war der Unbekannte verdammt schnell mit den Schwert und hatte zudem irgendwie Befehlsgewalt über die Kuritasoldaten, war mit Sicherheit ein hochrangiger Elitesoldat.
Waffen fanden sie rein gar keine, nicht mal ein Klappmesser, was sie dann auch meldeten.
„Mit Was wurden diese Soldaten getötet?“ fragte der Tätowierte.
Aufgrund der Verbrennungen war die Antwort leicht: Laserfeuer.
Nur wenige Meter weiter hielt der Unbekannte wieder an, er deutete nur auf die Leichen und auf ein Objekt, welches halb unter den Oberkörper einer der Leichen begraben war: ein ehemals weisses T-Shirt, welches an einen Stock gehängt war.
Mike wurde heiss. Der verursachte Schaden stammte von einer kleinkalibrigen Autokanone. Er brauchte nicht lange zu überlegen um zu erkennen das beide Orte von seinen Mechwaffen angegriffen wurden war. Und noch weniger musste er nachdenken um die Bedeutung des weissen T-Shirts und der waffenlosen Leichen zu erkennen. Sie hatten kapitulieren wollen und er hatte auf sie gefeuert. Auch seine Kameraden fingen an zu verstehen.
Plötzlich setzte sich der Tätowierte im vor den Söldnern hin, so wie nur die Asiaten sitzen konnten, nicht direkt auf den Boden mit den Hintern, sondern auf den Knien und Zehen sitzend, wenn man das Sitzen nennen konnte. Mike glaubte, das man diese Sitzart Lotusstellung nannte. Das Schwert holte er von seinen Rücken, legte es in der Scheide steckend lassend vor sich auf den Boden. Mit einer Handbewegung deutete er den Söldnern, das sie sich vor ihn setzen sollten. Diese sahen sich ratlos an, wussten nicht was sie tun sollten. Weitere Kuritasoldaten tauchten auf, gingen an ihnen vorbei, betrachteten die Szene kurz aus den Augenwinkeln. Was merkwürdig war: keiner von ihnen sagte ein Wort, sonst riefen sie sich immer etwas zu, doch mit einen mal war es überall still.
Ehe sie sich versahen setzten sich zwei weitere Personen still hinter den Tätowierten und sahen schweigend die Söldner an. Es waren ein Tai-i aus der Kommunikationsabteilung sowie der Adjutant des Sho-sa Ming. Was immer nun ablief, es war wichtig. Also setzten sich die Söldner, wobei sie nicht so sitzen konnten wie die Asiaten und stattdessen im Schneidersitz ruhten.
„Wie lautete ihr Befehl Betreff dieses Angriffes. Wie lautete er ganz genau?“ fragte der Tätowierte die Söldner.
Da Mike ihr Anführer war, lag es an ihm zu Antworten: „Wir sollten den Gegner an der Front angreifen und vernichten. Danach sollten wir uns zurück ziehen.“
Die Worte des Tätowierten machten klar das sich die Söldner geirrt hatten: „Der Befehl lautete sämtliche motorisierte Einheiten anzugreifen und sich dann zurückzuziehen.“
Er hatte das Wort >>motorisierte Einheiten<< betont, lies eine Sekunde Zeit und sprach dann weiter: „In der Befehlsbeschreibung hies es, das sie NUR motorisierte Einheiten angreifen und sich spätestens zurück ziehen sollen, sobald sie die Schützengräben erreichen.“
Dieser Befehl und die Befehlsbeschreibung waren zuerst an den Verbindungsoffizier gegeben wurden, und später dann noch mal den Söldnern im Beisein des Verbindungsoffiziers von Sho-sa Ming vorgetragen wurden, direkt bevor sie den Befehl ausführen sollten.
„Die Schlammkriecher haben auf uns gefeuert, wir mussten uns verteidigen.“ Versuchte sich der Söldner neben Mike zu verteidigen.
„Ihr Gegner verfügte nur über Infanterieabwehrwaffen und sechs Panzer. Informationen die wir ihren ehemaligen Verbindungsoffizier gegeben haben und der sie sicherlich darüber informiert hat. Es bestand somit kein Grund auf die Infanterie zu feuern.“
„Es waren nur ein paar Infanteristen. Ausserdem haben wir den Befehl befolgt: wir haben die Panzer vernichtet.“ Meinte der Söldner.
„Sie haben die Befehle missachtet und damit dem Haus Kurita mehr geschadet als unterstützt.“ Erwiderte der Tätowierte ruhig. Er sah die ungläubigen Gesichtsausdrücke der Söldner und wusste das sie eine genauere Erklärung benötigten.
„Ziel ihrer Operation sollte sein, die Panzer auszuschalten und sich dann sofort zurück zu ziehen. Der Gegner hätte dann zwei Möglichkeiten gehabt, entweder seine Infanterie zurück ziehen, und uns damit die Schützengräben unversehrt zu übergeben, oder aber weitere Panzer an diese Flanke zu schicken, was wiederum seine Basis schwächen würde. Durch ihr eigenmächtiges Handeln haben sie die Schützengräben für uns wertlos gemacht, nicht mal die Hälfte von ihnen sind noch nutzbar, und zwei der drei Bunker haben sie vernichtet. Desweiteren müssen wir nun an dieser Flanke Kriegsgefangene machen und unsere ohnehin knappen medizinischen Vorräte für die Verletzten aufbrauchen. Von der Lebensmittelknappheit ganz zu schweigen. Im Klartext: statt abwarten oder vorstossen zu können, müssen wir uns an dieser Flanke wieder zur Ausgangsbasis von vor drei Tagen zurückziehen.“
So langsam dämmerte den Söldnern was sie angerichtet hatten. Die Verletzten Kriegsgefangenen würden tatsächlich Nahrung und Medizin brauchen, und das wo doch alle sogar die Offiziere auf Viertel-Nahrungs-Rationen gesetzt waren und an medizinischer Ausrüstung gerade mal das noch vorhanden war, was die einzelnen Soldaten bei sich trugen.
Aber das schlimmste kam erst noch: „Ausserdem haben sie gegen die Kriegskonventionen verstossen, indem sie auf sich ergebende Soldaten geschossen haben.“
Nun waren die Söldner endgültig sprachlos. Den der Beweis für diese Behauptung lag nur wenige Meter neben ihnen.
„Wie lautet das Urteil?“ fragte Mike mit belegter Stimme. Er hatte verstanden das dies hier kein Picknick war, sondern eine Verurteilung.
„Mit sofortiger Wirkung ist ihr Dienstverhältnis für das Draconis Kombinat aufgelöst. Sie werden mit ihren Mechs zurück nach Outreach gebracht, was sie dort tun ist ganz alleine ihre Sache, aber für das Draconis Kombinat werden sie nicht mehr arbeiten. Ihr Sold wird ihnen für die geleisteten Dienste ausgezahlt werden, abzüglich der Zahlungen an die Hinterbliebenen derjenigen, die sich ergeben hatten, und die sie trotzdem erschossen haben. Natürlich werden diese auch ihre Namen erhalten, damit sie wissen von wem das Geld kommt. Und ihre Taten werden in ihrer Söldnerakte detailliert aufgeführt werden.“
Die Söldner nickten nur betrübt. Mit den letzten Worten war klar, das sie nicht mehr als Söldner in der inneren Sphäre arbeiten würden, nie wieder. Vielleicht aber in der Peripherie…
Sie bekamen vom Adjutanten noch ein Schriftstück, indem alles noch mal aufgeführt war, gegen was sie verstossen hatten und weshalb sie angeklagt waren.
Und dann hies es auch schon: Abmarsch.
Der Tätowierte begleitete sie in seinen Grashüpfer zu einen Landungsschiff der Leopardklasse. Alleine der Hinweg dauerte zwei volle Tage, ohne Schlaf, fast ohne Pause. Der Söldner in der Speerschleuder hatte nach einen Tag protestiert und seinen Mech gewendet, dabei die Waffen aktiviert, um klar zu machen das er sich so was nicht bieten lies. Die ganze Zeit waren sie mit deaktiviertem Zielsystem gelaufen, auch der Grashüpfer, doch dann drehten die anderen Söldner sich ebenfalls, um ihren Kameraden zu helfen. Der Tätowierte in seinen Mech gab nur eine Salve aus seinen vier mittelschweren Lasern ab. Einer der Laser traf die Speerschleuder am Kopf, öffnete das Cockpit, so das der Pilot unwillkürlich frische Luft atmete. Die anderen drei Laser trafen den Vulkan in der Torsomitte und vernichteten dort den gesamten Panzerungsschutz. Und das alles ohne aktives Zielsystem, also nur manuell. Diese beeindruckende Vorführung reichte, um die Söldner förmlich zum Landungsschiff fliehen zu lassen.
Sie waren überglücklich als sie dort angekommen waren, ihre Mechs verladen hatten, ein paar Stunden geschlafen hatten, und den Planeten verlassen hatten. Bloss weg von diesen Tätowierten, wer war er überhaupt?

Als der Tätowierte am Sammelpunkt ankam brauchte er nicht lange zu suchen, um Sho-sa Ming zu finden. Sein Adjutant wartete schon und fragte ihn vorsichtig, ob er nicht ein paar Minuten Zeit für den Sho-sa erübrigen konnte. Erstmal lies sich der Tätowierte erklären was während seiner Abwesenheit geschehen war, was mit den Gefangenen war, wie viele Verletzte überleben würden, Kleinigkeiten eben. Der Tätowierte wusste, was der Sho-sa wissen wollte, kannte die Bedenken, auch wenn Ming sie nicht erwähnte. Das Urteil über die Söldner war extrem…lasch. Deshalb erwähnte er fast nebenbei: „Ich werde nächste Woche wieder abfliegen und dem Kanrei Bericht erstatten über die Söldner“
„Ohne ihnen zu nahe treten zu wollen…das Urteil…es scheint als ob die Söldner sehr glimpflich davon gekommen wären.“ Halb erwartete der Sho-sa das er für seine Worte geköpft wird.
„Der Kanrei selbst, bat mich nach Möglichkeit die Söldner sanfter zu bestrafen, sofern sie Fehler machen. Er möchte anderen Söldnern ein Zeichen setzen, das das Kombinat nicht mehr Söldner verabscheut, sich aber auch nicht von ihnen auf der Nase herum tanzen lässt. Hätte ich sie so bestraft, wie es mir gefällt, wären ihre Köpfe als Abschreckung vor den Schützengräben aufgespiesst wurden.“
Der Wille des Kanreis… . Nur er alleine konnte sich dem ungestraft widersetzen. Das er dies nicht tat, gab ein deutliches Zeichen an den noch sehr jungen Sho-sa.
Der Tätowierte sprach weiter: „Ich denke, die Hinterbliebenen werden den Söldnern gebührend danken, wenn sie das Geld bekommen… und ihre Namen.“
Es klang so beiläufig, und es war absolut emotionslos vorgetragen. Aber der Sho-sa fröstelte trotzdem. Der Kanrei wollte nicht, das der Tätowierte in seiner Funktion als Scharfrichter die Söldner für ihre Tat hin richtete. Der Tätowierte kam dem nach. Er gab den Hinterbliebenen >>nur<< die Namen der Söldner, so das diese Rache nehmen konnten, wenn sie wollten.

Mike uns seine Kameraden unterhielten sich mit einen der Besatzungsmitglieder an Bord des Landungsschiffes. Die einzige Person, die es wagte über diesen Tätowierten zu reden.
Der Farbige respektierte den Glauben und die Bräuche der anderen Crewmitglieder, welche allesamt Asiaten waren, hatte selber aber eine ganz andere Religion. Deshalb konnte er auch freier über manche Dinge reden.
„Diesen Tätowierten…ja, den habe ich des öfteren gesehen. Man bezeichnet ihn als Scharfrichter, einen Namen hat er nie genannt. Ist hier immer fast nackt rum gelaufen, war überall zu finden, selbst in abgesperrten Bereichen, wo man nur mit Codekarte rein kommt. Und einmal habe ich gesehen wie er diese Tai.Chi-Übungen machte…“
Die Söldner schienen gelangweilt, einer meinte: „Sowas ist doch nichts besonderes. Machen die doch andauernd.“
Der Farbige lächelte: „Aber nicht bei Schwerelosigkeit und dann auch noch ohne Magnetschuhe oder angeleint zu sein.“
„Unmöglich“
Mike wandte ein: „Eigentlich nicht. Du musst nur auf jede Bewegung eine Gegenbewegung machen damit du nicht die Position veränderst. Soweit zumindest die Theorie.“
„Hey, ich bin schon seid 20 Jahren an Bord dieses Schiffes und habe wirklich ne Menge Null-G-Erfahrung. Aber meine Position ohne Hilfe einfach am Boden zu halten, und mich dann noch zu so bewegen…das kann ich vielleicht erst in weiteren 20 Jahren. Der Typ aber war nicht älter als 20. Andererseits könnte es auch stimmen, was man über die Legende des Scharfrichters sagt…“ sinnierte der Farbige.
„Ich weis nur das er verdammt schnell ist mit dem Schwert. So schnell wie der unseren Verbindungsoffizier geköpft hat…“
„Und ich weis das er verdammt gut zielen kann, ohne Computerhilfe…“ murrte der Speerschleuderpilot. Mike wollte nicht drum rum reden, er wollte wissen was es über diesen >>Scharfrichter<< zu berichten gab: „Um wieder zum Thema zurück zu kommen. Warum haben alle so eine riesen Angst vor ihm gehabt. Und warum hat selbst der Sho-sa ihm gehorcht?“
„Er kam auf Bitte des Kanreis als Beobachter für euch Söldner. Vom Rang her habe ich keine Ahnung. Irgendwas mit >>sho<< am Ende. Aber mit diesen Rängen kenne ich mich eh nicht aus, ist nicht mein Ding. Ob sho, sa oder i, am Ende ist mir vollkommen wurscht. Aber dazu kommt eben noch die Sache das er Scharfrichter ist. Laut der Legende wird der Scharfrichter immer nach seinen Tode wieder geboren. Dabei hat er dann die komplette Erinnerung und alle Fähigkeiten aus den vorherigen Leben. Wer ihn also in diesen leben böses will, an dem wird er sich im nächsten eben rächen. Entkommen ist somit unmöglich.“
Einer der Söldner stöhnte: „Toll. Ein Unsterblicher. Und was ist dann seine Aufgabe? Herumirren und alle Niedermetzeln?“
Der Farbige blieb ruhig: „Mitnichten. Er ist der Scharfrichter. An ihn wendet man sich, wenn einen Unrecht geschehen ist. Allerdings sollte man sich nicht wegen Kleinigkeiten an ihn wenden, ansonsten könnte es sein, das er über einen selbst richtet. Habe ich eigentlich erwähnt das sein häufigstes Urteil der Tod ist? Egal. Jeder kann zu ihm kommen, egal ob einfacher Landstreicher oder Adeliger. Und er richtet über jeden, sogar über den Koordinator. Das verrückte dabei ist, das er ausserhalb des Gesetzes steht, man kann ihn nicht belangen wenn er richtet. Und niemand zweifelt seinen Richtspruch an. Nun, er kennt sich ja auch bestens mit den Gesetzen aus. Hat mich sogar beraten, weil ich wissen wollte wie das mit der Kündigung aussieht…“
„Und warum gehorcht oder fügt man sich dann seinen Urteil?“
„Würden sie sich jemanden widersetzen der seid über 4.000 Jahren Richter ist?“
„Viertausend Jahre?“
„Ja. Ihn gibt es, seid dem es Japan gibt. Bin mir nicht sicher, aber das sind mindestens 4.000 Jahre.“
Mike überlegte. Dann: „Irgendwo habe ich gelesen das das japanische Keramikhandwerk über 12.000 Jahre alt ist.“
Das ganze klang irgendwie zu verrückt um wahr zu sein. Aber in jeder Legende gab es eine Wahrheit. Vielleicht hatte man bei den Kerl irgendein Zuchtprogramm vorgenommen, wie es angeblich auch bei den Clans stattfand. Wer wusste schon was in den Geheimlabors der Häuser stattfand?
24.03.2005 20:20 eikyu ist offline E-Mail an eikyu senden Beiträge von eikyu suchen Nehmen Sie eikyu in Ihre Freundesliste auf Fügen Sie eikyu in Ihre Kontaktliste ein
eikyu eikyu ist männlich
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Wolken

Er sass in seinen Cockpit und genoss die Stille. Eine innere Ruhe durchflutete ihn, das er sich rein gar nicht bewegen mochte, so stark war die Ruhe das er nicht einmal seinen Körper mehr spührte. Während er da so sass betrachtete er den strahlend blauen Himmel mit den vereinzelten Wolken, wie sie da langsam vorrüber zogen. Innerlich lächelte er, als er eine entdeckte die so aussah wie eine Kirche. Das erinnerte ihn an Mascha, seine Frau. Vor seinen geistigen Auge sah er sie nochmal, wie sie am Traualtar stand und ihm das Jawort gab. Mann was waren damals seine Knie weich gewesen. Nur mit Mühe hatte er sich aufrecht halten können, so aufgeregt war er gewesen.
Dann, nach der Feier, waren sie nach Hause gekommen und er hatte sie über die Schwelle getragen. Natürlich hatten die Verwandten dafür gesorgt das sie nicht gleich ins Bett fallen konnten. Das Schlafzimmer war gefüllt mit lauter Luftballons gewesen... .
Etwa ein Jahr später bekamen sie Zwillinge, Mike und Sascha, zwei junge Prachtburschen, die es faustdick hinter den Ohren hatten. So viele Streiche wie die beiden ausgeheckt hatten... .
Die gemeinsame Reise nach Solaris als die Jungen zehn waren. Das erste mal das die Jungs einen Battlemech von nahen sahen. Vermutlich war das der Grund warum Mike Mechpilot werden wollte, während sein Bruder Sascha lieber Rauminfanterist wurde.
Was die beiden wohl derzeit machten?
Durch die nächste Wolke fühlte er sich an den Bauernhof erinnert, damals Zuhause, als er noch klein war. Dort hatte er immer jeden Sonntag frische Milch abgeholt und sogar ein Pony reiten dürfen. Dafür half er beim Kühetreiben. Trekkerfahren durfte er als jugendlicher dann später auch, und auf den Droffest hatte er Mascha kennen gelernt. Mascha...
Leicht überrascht sah er die Wolke an...sie sah aus wie das Gesicht von Mascha...und sie lächelte ihm zu.
"Mascha ich komme" dachte er nur...

Der Suchtrupp brach die Cockpittür auf. Drinnen lag nur ein Toter. "kennst du den?" fragte der eine den anderen. "Kann mich im Moment nicht an seinen Namen erinnern, aber ich weis noch wie er beim Pokerspiel mir von seiner Frau erzählt hat...Mascha hies sie, sie ist jetzt seit drei Jahren tot. Und von seinen beiden Söhnen Mike und Sascha."
"Und warum lächelt er?"
"Vermutlich weil er weis, das er jetzt wieder mit seiner Frau vereint ist..." sagte der andere und sah zufällig durch das nicht mehr vorhandene Cockpitfenster in den Himmel. Täuschte er sich, oder sah die eine Wolke da wirklich wie ein Herz aus?
27.03.2005 18:56 eikyu ist offline E-Mail an eikyu senden Beiträge von eikyu suchen Nehmen Sie eikyu in Ihre Freundesliste auf Fügen Sie eikyu in Ihre Kontaktliste ein
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Teleria Auf diesen Beitrag antworten Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen Diesen Beitrag editieren/löschen Diesen Beitrag einem Moderator melden       Zum Anfang der Seite springen

Das Eis an den Bäumen funkelte berauschend. Fröhlich stapfte Teleria durch den Schnee, betrachtete den winterlichen Wald den sie gerade durchquerte.
Doch plötzlich hörte sie Laute die den Frieden störten, Kampfgeräusche.
Sie packte den Stab, welchen sie bisher nur als Gehstock genutzt hatte mit beiden Händen, lief den Geräuschen entgegen. Weit musste sie nicht rennen, nur wenige Meter weiter, hinter einen Hügel stiess sie auf den Kampfplatz. Drei Goblins kämpften gegen zwei Männer, und der eine von ihnen schien schon angeschlagen, während die Goblins unverwundet waren.
Sie bewegte sich rasch an die Kämpfenden heran, griff einen der Goblins mit einen Hieb ihres Stabes an. Nun war der Kampf ausgewogen, einer gegen einen, was aber nicht bedeutete das der Kampf auch gerecht war. Einer der Männer war verwundet und versuchte sich nur noch zu verteidigen, der andere ging auch mehr auf defensive weil er nicht mehr soviel Kraft hatte. Somit blieb nur noch Teleria, die das Blatt wenden konnte, indem sie den Goblin vor sich hart angriff.
Da dieser nur über ein Messer verfügte, hatte Teleria einen Reichweitenvorteil, den sie ausnutze indem sie ihn näher an den einen Mann herantrieb. Der Mann erkannte seine Chance, sprang förmlich von seinen Gegner weg, rammte den Goblin der eigentlich Telerias Gegner gewesen war das Kurzschwert in den Leib. Dabei dachte der andere Goblin daran ihn anzugreifen, da er ja kurzzeitig ungedeckt war, übersah aber Teleria, die kurzerhand ihren Stab mit aller Kraft gegen den Kopf des Goblins haute das es nur so krachte.
Der dritte Goblin lief lieber davon, als sich den dreien zu stellen.
„Danke“ ächzte der unverletzte Mann und es war das erste mal das die Drei sich gegenseitig betrachten konnten. Die Männer hatten vermutlich gedacht, sie wären von einer stämmigen, kampfgezeichneten Frau gerettet wurden, doch da täuschten sie sich. Teleria war das genaue Gegenteil. Schlank und zierlich, fast schon als jugendlich zu bezeichnen. Die roten Haare lagen nach hinten weg, liessen den Blick auf ihre spitz zulaufenden Ohren frei, ein Zeichen ihrer halbelfischen Herkunft. Die dicke Strickjacke über den anderen Klamotten machten sie zwar dicker, aber jeder konnte sich ausrechnen, das der Blick täuschte…sie war zierlich.
Die Beuteltasche hing mehr auf ihren Rücken den auf ihrer Seite, war durch den Kampf verrutscht. Und in ihrer Rechten hielt sie nun den Stab, der genauso gross war wie sie.
Sie ging zu den am Boden liegenden Verletzten hin, betrachtete seine Wunden. Dieser Mann war vermutlich ein Fallensteller, einer der wenigen in dieser Gegend die von der Jagd lebten und die Felle der erlegten Tiere verkaufte. Er hatte mindestens 50 Winter erlebt, seine Lederkleidung war an einigen Stellen durch Messerstiche der Goblins durchbohrt und die Wunden bluteten. Er brauchte eindeutig Hilfe. Ohne darauf zu achten was einer der beiden denken würde fing sie mit einen merkwürdigen Singsang an, lies ihre Hand Zentimeter über den Körper des Verletzten gleiten, berührte teilweise eine der Wunden die dann sofort aufhörten zu bluten. Richtig heilen konnte sie die Wunden damit nicht, aber zumindest die Blutungen stoppen. Die Wunde an der Flanke des Mannes machte ihr am meisten Sorgen, den dort war das Messer richtig tief gedrungen. Sie musste unbedingt etwas dagegen tun, da sie vermutete, das innere Organe getroffen waren.
Sie holte ein Stofftüchlein aus ihren Beutel hervor benetzte ihn mit ihrer Spuke, sang dabei weiter, machte dazu noch merkwürdige Handbewegungen und wischte mit dem benetzten Tüchlein über die Flanke des Verletzten. Der Sog mit einen mal scharf die Luft ein, nur um dann überrascht frei zu atmen.
„Mehr kann ich im Moment nicht machen“ gab Teleria mit bedauern zu.
„Du…bist eine Hexe…“ stammelte der andere Mann erschrocken, wich von ihr weg.
„Ja und?“ Teleria war etwas überrascht über den plötzlich feindlich eingestellten Mann.
„Eine Hexe…weiche von mir…“ der Mann vor ihr, der so erschrocken war, war jung, vielleicht gerade mal 20, und vermutlich ein Ritterlehrling bei irgendeinen Adeligen. Die Kleidung passte dazu, und auch sein guter Umgang mit dem Kurzschwert.
„Nur weil ich eine Hexe bin, heist das doch noch lange nicht das ich auch böse bin.“
Nun sagte der Verletze, der langsam versuchte sich zu erheben: „Nicht alle Hexen sind bösartig, junger Mann. Wäre sie das, hätte sie unsere Gegner nicht einfach nur angegriffen sondern verflucht.“
„Woher wollt ihr die Sicherheit nehmen, das sie nicht doch böse ist?“ fragte der junge Mann, versuchte mit seinen Kurzschwert Teleria auf Abstand zu halten, die aber überhaupt nicht vor hatte, sich ihm zu nähern.
„Ich habe 30 Jahre lang mit einer Hexe zusammen gelebt. Glaubet mir, ich kenne den Unterschied zwischen einer guten und einer bösen Hexe. Diese hier ist eine gute Hexe, das erkenne ich auf den ersten Blick.“ Antwortete der alte Fallensteller.
„Ach, lasst mich doch in Ruhe“ schnauzte der junge Mann, trat eiligst den Rückzug an, hin zu seinen Pferd welches einige dutzend Meter weiter stand.
Als er weg war, stand der alte Mann wieder, sah Teleria in die Augen und sagte: „Danke. Aber leider kann ich dir nichts anbieten.“
Teleria lächelte: „Das macht nichts. Soll ich Euch noch zu Eurer Hütte begleiten?“
„Nein, nein. Lass mal. Das schaffe ich schon irgendwie. Und wegen der Goblins mache ich mir auch keine Sorgen. Waren vermutlich nur ein paar Ausgestossene. Und mit dem einen werde ich auch noch fertig.“
„Wie ihr meint. Phex sei mit euch.“ Verabschiedete sich Teleria
„Phex mit dir…“
Fröhlich summend marschierte Teleria weiter, dachte sich nur: Und wieder eine gute Tat begangen.
12.04.2005 10:56 eikyu ist offline E-Mail an eikyu senden Beiträge von eikyu suchen Nehmen Sie eikyu in Ihre Freundesliste auf Fügen Sie eikyu in Ihre Kontaktliste ein
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Der Stumme Auf diesen Beitrag antworten Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen Diesen Beitrag editieren/löschen Diesen Beitrag einem Moderator melden       Zum Anfang der Seite springen

Ruhig sass er auf seinen Platz, hörte dem Lehrer zu, als dieser die Formel zur Berechnung von Dreiecken erklärte.
Hier in der Ecke hatte er seine Ruhe, neben ihn war nur ein scheinbar schüchternes Mädchen namens Anja, welches natürlich innerhalb ihrer Mädchengruppe war. Überhaupt schien es hier fünf Mädchen und drei Jungengruppen zu geben, bei 28 Schülern, mit ihm eingerechnet.
Das hatte er schon nach einer Stunde herausgefunden, jetzt war er über eine Woche hier und wusste so ziemlich alles über die Mitschüler.
Nur wussten die Mitschüler so gut wie nichts über ihn, ausser seinen Namen. Den das Problem mit ihm war: er sagte nichts. Die Lehrer hatten dies von Anfang an gewusst, waren von seiner Pflegefamilie darauf hingewiesen wurden. Und die Schüler…sie kapierten das auch recht schnell.
Seine Welt war halt eine andere. Und man lies ihn relativ in Ruhe, bis auf gestern, da hatten zwei Jungs herausfinden wollen, ob er nicht doch mal was sagte, wenn man ihn verprügelte. Und tatsächlich, aus seinen Munde kam noch nicht mal ein stöhnen, deshalb ging man im allgemeinen davon aus, das er Stumm war. Zudem hatte er sich noch nicht einmal gewehrt, er hatte die Tritte und Schläge einfach über sich ergehen lassen, war später nach Hause gekrochen.
Das er nun an einigen Stellen grün und blau war schien niemanden zu interessieren, genauso wenig ob er da war, oder nicht. Er tat auch nichts um auf sich aufmerksam zu machen. Er sah zwar mit seinen roten Haaren, der hageren Gestalt und den immer kränklichen weissen Farbton auffällig aus, doch seine Art war so ruhig, das man ihn kaum wahrnahm.

In der grossen Pause wanderte Anja mit ihrer Freundin Nicole über den Schulhof, plaudernd aber recht ziellos. Sie sassen zwar nebeneinander in der Klasse, aber das bedeutete nicht, das sie sich in der Klasse über alles unterhalten konnten. Manche Sachen waren vertraulicher, die besprach man dann lieber in den grossen Pausen. Ein Ort wo man gut reden konnte war der Rasenplatz direkt neben der Sporthalle, der von Bäumen umrahmt war, allerdings nur wen die Jungs dort nicht wieder Fussball spielten.
Zum Glück taten sie es diesmal nicht, der Rasen war frei, deshalb hielten die beiden Mädchen darauf zu, betraten diesen direkt neben der Turnhalle und wollten dahinter aus der Sicht der Anderen verschwinden.
„…ist langweilig…“ meinte Nicole gerade über einen neuen Bekannten, als Anja am Arm packte und anhielt. Sie hatten die Turnhalle gerade umrundet, standen auf den Rasen dicht an der Mauer, im Schatten.
„Dort“ sagte Anja nur und deutete mit dem Kinn nach vorne. Zuerst dachte Nicole nur, das dort der Stumme Kerl auf den Boden im Schneidersitz sass, der neben Anja im Klassenraum sass, wollte gerade meckern, als sie die Bewegung vor dem Stummen sah.
Er war nur rund fünf Meter von ihnen entfernt, schien sie aber nicht zu bemerken. Seine ganze Aufmerksamkeit galt zwei roten Eichhörnchen, welche er fütterte.
Aber Eichhörnchen waren doch extrem scheue Tiere und das eine kletterte sogar an seinen Arm hoch, wie machte er dass?
Er schien sich zu freuen, streichelte das wagemutige Eichhörnchen.
Die beiden Mädchen waren so dermassen überrascht von der Situation das sie sicherlich minutenlang so da standen, bis die beiden Tier von ihm liessen.
Langsam stand er auf, sah die beiden Mädchen und legte den Kopf schräg und zog etwas die Augenbrauen zusammen als ob er sagen wollte: „Was macht ihr hier?“ Er folgte ihren Blicken und erkannte das sie den Eichhörnchen zusahen, die gerade im Dickicht verschwanden.
Auch er sah zu, das er verschwand, den die Glocke läutete, welche das Ende der Pause erkennen lies.

Nur zwei Tage später:
Anja, Nicole, Jasmin und Gabi ergaben zusammen eine der Mädchengruppe der man ohne weiteres den Titel geben konnte: schüchternes Kleeblatt. Sie gingen zusammen den Weg nach Hause, dicht gefolgt vom Stummen. Gabi ging es den ganzen Tag schon irgendwie nicht gut, sie hatte Unterleibsschmerzen. Mit einen mal hatte sie wieder eine dieser Schmerzattacken, diesmal aber mindestens zehn mal stärker als sonst, so fühlte es sich zumindest an. Das sie dabei zu Boden ging war nur zu verständlich, das der Schmerz fast so stark blieb war dagegen für sie nicht normal. Tränen schossen ihr in die Augen als sie sich am Boden krümmte, während ihre Freundinnen irgendwie nicht wussten wie sie helfen konnten.
Aber der Stumme schien es zu wissen, den er war plötzlich da. Er legte seine flache linke Hand direkt unter Gabis Bauchnabel. Sie war genauso überrascht wie ihre Kameradinnen, doch irgendwas hinderte diese am Eingreifen. Gabi spürte eine merkwürdige Wärme die von der Hand des Stummen ausging, auf ihren Körper übergriff. Gabis Muskeln entspannten sich, während sie gleichzeitig das Gefühl hatte, das der Stumme ihr die Unterleibsschmerzen wegnahm. Das ganze dauerte vielleicht eine halbe Minute, dann nahm er die Hand weg, half Gabi beim Aufstehen, doch sie war noch so wackelig auf den Beinen, das ihre Freundinnen sie stützen mussten. Diese sahen den Stummen misstrauisch an, doch als Gabi zu ihm „Danke“ sagte, wandelte dies sich in Verwirrung. Er nickte nur, lies die vier alleine.
„Was hat er getan?“ fragte Anja, während Nicole fragte: „Wo hat er dich berührt?“
Einen direkten Hautkontakt hatte es nicht gegeben, die Schmerzen waren fast vollständig weg, nur noch so gering vorhanden das man sie ignorieren konnte. Gabi erzählte was sie gespürt hatte, was er getan hatte und doch war es für sie unglaublich. Niemand konnte mit Handauflegen heilen, oder etwa doch?

Mike, Anja und der Stumme fuhren zusammen in die „Stadt“. Mike war der Stärkste in der Klasse, vielleicht sogar der ganzen Schule, aber bei weitem nicht aggressiv.
Sein Hobby war das Kickboxen, was er häufig zur Schau stellte indem er sich jemanden als Ziel suchte und an diesem ein paar Schläge austestete ohne die Person zu berühren. Nebenbei hörte er noch gerne Heavy Metal.
Die schüchterne Anja hingegen übte mit Karate und mochte eine Musikband, die zwar im Bereich Heavy Metal spielte, aber die Mike nicht als solche bezeichnete…er sagte zu der Musik der Band lieber: Schmuse Metal.
Mike wusste wo man die Musik am billigsten her bekam, deshalb hatte Anja ihn gebeten mit zu kommen. Mike wollte in den Laden ohnehin noch mal gehen, für ihn war es da kein Problem sie mitzunehmen. Aus einer Laune heraus hatte Anja zu den Stummen gesagt, das er auch mit kommen sollte. Warum genau wusste sie nicht. Aber vielleicht konnte er ihr nachher helfen, den sie wollte noch Stoff für einen Rock besorgen, und wollte gerne eine zweite Meinung hören.
Der Laden in dem Mike die billigere Musik wusste lag versteckt am Rande des Stadtzentrums, in einer der vielen kleineren Nebenstrassen. Kein wunder also, das Anja diesen Laden noch nie gesehen hatte. Von aussen sah der Laden nicht gerade ansprechend aus. Im ersten Stock des Reihenhauses gelegen, eine schwarze Glastür und ein grosses dunkles Fenster in dem einige Plakate von bekannten Heavy Metal Bands ausgestellt waren. Dazu noch ein grosses schwarzes Schild auf dem in verschiedenen rottönen stand: Heavy Metal Laden.
Als der Stumme die Plakate sah legte er den Kopf etwas schräg, ein Zeichen für Neugier.
„Warte erst bis du drinne bist“ meinte Mike gutgelaunt und öffnete die Tür.
Drinnen war es bei weitem nicht so düster wie man erwartete. Zwar waren die Möbel alle aus einen einheitlichen dunklen Holz, die Wände dunkelrot und auch der Teppich im fast gleichen dunkelrot, aber die Beleuchtung machte dies wieder wett. Zudem war die Decke weiss, somit kam man sich nicht vollkommen so vor, als ob man in einer Gruft wäre. Innen gab es alles was man so benötigen könnte. Angefangen von Lederkleidung, über CDs, Schmuck, Plakate, Bettwäsche, Bücher und Heften, Kerzen und Zierobjekten. Dazu noch eine gewaltige Menge anderer Sachen. Und über dies hörte man leise Heavy Metal Musik.
Anja lies die Szene nur kurz auf sich wirken, ging dann direkt auf die CDs zu, stöberte dort herum. Mike wiederum betrachtete die Gürtelschnallen. Der Stumme jedoch ging durch den ganzen Laden, betrachtete alles während er die Arme vor den Bauch ineinander verschränkt hatte. Für ihn schien das alles neu zu sein, als ob er einiges noch nie gesehen hätte.
Sie waren nicht die einzigen, den es gab noch zwei weitere Besucher, aber das war unwichtig.
Anja wurde schnell fündig, und bemerkte das Mike recht gehabt hatte, die CDs waren hier um gut zwei Euro billiger als in herkömmlichen Läden. Was aber vermutlich wichtiger war, die Auswahl an Heavy Metal CDs war sehr viel grösser, auch an älteren Sachen.
Mike hatte seine Suche nach Gürtelschnallen soweit reduziert, das er nur noch überlegte welche von zwei Möglichen er nahm. Der Verkäufer holte die beiden aus den Glaskasten heraus, in dem alle Schnallen ruhten, damit niemand sie einfach so klauen konnte. Mike testete erst die eine, hielt sie an seinen Gürtel während er sich in einen zwei Meter hohen Wandspiegel betrachtete.
„Wirkt irgendwie zu gross.“ Brummte er leicht enttäuscht, gab die Schnalle zurück und erhielt die andere.
Doch auch hier störte ihn irgendwie etwas. Der Stumme stand neben ihn und reichte ihn einen der Gürtel, die man hier auch kaufen konnte. Dieser war nur schwarzes Leder, nicht so wie der den Mike derzeit anhatte mit den vielen Nieten. Mike sah den Stummen etwas irritiert an, nahm aber dann doch den Gürtel, legte ihn sich um die Hüfte und hielt dann noch die Schnalle ran.
„So sieht das ganze recht gut aus“ gab Mike zu. Nur als er auf den Preis sah, schüttelte er den Kopf. „Mist, mir fehlen ein paar Euro. Kann mir jemand von euch bis morgen 5 Euro leihen?“
Anja mochte nicht gerade jetzt schon Geld ausgeben, ausser für die CD, deshalb zögerte sie. Zum Glück sprang der Stumme ein, gab Mike einen Fünfer.
Zufrieden verliessen sie den Laden, Anja hatte ihre CD und Mike seine Gürtelschnalle mitsamt Gürtel. Nun ging es ins Stadtzentrum, dort wo die ganzen grossen Kaufhäuser waren.
„Wieso willst du dir eigentlich einen Rock selber nähen? Und dann auch noch jetzt, wo es eisig kalt ist?“ Fragte Mike.
„Gerade weil es jetzt noch kalt ist, möchte ich ihn nähen. Damit ich ihn dann anziehen kann. Und es ist billiger wenn ich ihn mir selber nähe, als das ich einen Kaufe. Kostet mich weniger als die Hälfte. Den die Arbeitszeit rechne ich nicht. Und dann ist es ja auch noch ein Unikat…“
Draussen kalt, innen warm, das war der erste Eindruck im Kaufhaus. Relativ voll war es auch draussen, nur hier war es aufgrund der Wärme etwas angenehmer. Anja wusste wo sie hin wollte, in welcher Ecke des Kaufhauses die Stoffe lagen und fing an zu suchen. Mike wusste nicht was er tun sollte, fühlte sich fehl am Platz da er mit Stoff nichts anfangen konnte. Auch der Stumme stand nur da, beobachtete Anja, was sie gar nicht mit bekam.
„Nun sucht doch mal mit“ meinte sie. „Ich brauche etwas was zu diesen Pulli passt“ dabei meinte sie den Pulli den sie derzeit anhatte, den man aber aufgrund der Jacke nicht sehen konnte. Etwas Lustlos betrachtete Mike die Stoffe, ging aber mehr zur Farbe weiss. Der Stumme hingegen ging zu den schwarzen Stoffen hinüber. Diesmal war es Anja die ihn beobachtete, sah wie er nicht nur den Stoff ansah sondern auch fühlte.
Er schien sich für einen entschieden zu haben und deutete auf den. Auch Mike war fertig, nur das er keine Ahnung hatte, welcher Stoff interessant sein könnte.
„Würde was weisses nehmen, passt sicherlich am besten“ murmelte er. Der Stumme schüttelte lächelnd den Kopf erfasste plötzlich Mikes Hand. Noch bevor dieser reagieren konnte geschah etwas für ihn unglaubliches: er sah Anja in ihren Pulli, ansonsten nackt. Auch wenn er später nicht behaupten konnte, den Schambereich erkannt zu haben so wusste er doch, das dieses Bild unheimlich detailliert war. Er glaubte sogar ihren Geruch in der Nase zu haben. Dann wurde der weisse Rock hinzugefügt, verschiedene Formen aber immer die gleiche Farbe. Und er verstand: weiss und weiss war hierbei nicht so gut.
Mit offenen Mund sah er den Stummen an, als dieser Sekunden später die Hand wegnahm.
Anja war verwirrt, sie hatte nur gesehen wie der Stumme Mikes Hand kurz gefasst hatte, wie Mike ihn überrascht ansah und dann nur nickte, während der Stumme nur wissend lächelte.
Einladend deutete der Stumme auf den schwarzen Stoff den er ausgesucht hatte.
„Eigentlich wollte ich es ja mal mit Farbe ausprobieren, aber irgendwie gefallen die mir alle nicht. Schwarz…ich weis nicht. Kann es mir irgendwie nicht richtig vorstellen.“
Das was dann kam traf sie genauso unvorbereitet wie es Mike getroffen hatte: sie sah sich in ihren Pulli. So hatte sie sich noch nie gesehen, im Spiegel ja, aber noch nie so. Es war irgendwie anders. Und dann sah sie den schwarzen Rock, verschiedene Muster. Der Blick ging tiefer, hin zu den Füssen. Mal mit Strumpfhose, mal mit Strümpfen, mal ohne dem, verschiedene Schuhe die sie anhatte… .
Sie entschied sich dann für den schwarzen Stoff sagte aber kein weiteres Wort. Das was eben passiert war, musste sie erstmal fassen.
Langsam gingen sie zurück, zu den Haltestellen, an denen mehrere Busse und Strassenbahnen abfuhren in die verschiedensten Richtungen.
Sie waren vielleicht zehn Meter vom Kaufhaus entfernt, als Mike das Kind sah, welches direkt auf ihn zu lief. Das Kind war mit Sicherheit nicht älter als vier, dick eingepackt aber irgendwie panisch. Es prallte beinahe gegen Mike, nur eine Drehung seinerseits verhinderte den zusammenstoss. Durch die Drehung sah er den Stummen, der wie sonst auch, immer einen Meter hinter ihnen ging, und überraschenderweise das Kind vom Boden hob. Irgendwas schrammte an Mikes Bein vorbei, ein Hund dessen Leine hinter ihm wehte und der direkt auf den Stummen zu rannte. Nein, korrigierte Mike sich, nicht der Stumme war das Ziel sondern das Kind.
Er sah wie das Kind panisch versuchte weiter an den Stummen hoch zu klettern, ausser Reichweite des Hundes, der Stumme hielt das Kind aber fest auf seinen linken Arm, während er den rechten Arm dem Hund entgegen streckte, die Handfläche dem Hund entgegen.
Es war merkwürdig, der Hund stoppte vor den beiden, bellte, gab Laute von sich und wedelte mit den ganzen Hinterteil. Der Hund war ein Boxer, eine Rasse die als recht Kinderlieb galt, und bei der der Schwanz nicht sonderlich ausgeprägt war, vermutlich weg gezüchtet. Und das Verhalten des Hundes war...verspielt.
Das Kind jedoch rief: „Hund ist böse, Hund ist böse, Hund…“ Es verstummte aprubt.
Mike und Anja konnten sich vorstellen was nun passierte, der Stumme hatte die Hand des Kindes mit der rechten umfasst und es dauerte nicht mal zehn Sekunden als das Kind überrascht fragte: „Hund ist nicht böse?“
Der Stumme lächelte, schüttelte verneinend den Kopf. Bevor er in die Hocke ging um das Kind abzusetzen, streichelte er den Hund am Kopf, was diesen scheinbar etwas beruhigte. Als das Kind allerdings wieder auf den Boden war, lies der Hund sich nicht halten, er berührte mit der Schnauze das Kind, wuffte vor sich hin und… .
„Bäh…“ sagte das Kind als der Hund ihm einmal durchs Gesicht leckte. Der Stumme hielt nun beide, das Kind in der Linken, den Hund streichelte er mit der Rechten, zeigte dem Kind was es tun durfte, wie man den Hund streichelte.
Zuerst war das Kind sehr zögerlich, der Hund reagierte schliesslich auf die Berührung und war mehr in Spiellaune als in Schmusephase. Doch nach nicht mal zwei Minuten sahen alle vier, Anja, Mike, die Mutter des Kindes und die Halterin des Hundes wie das Kind den Hund sogar knuddelte.
Stolz sah das Kind seine Mutter, die nur knapp einen Meter entfernt neben der Hundehalterin stand, an und sagte: „Hund ist nicht böse.“
Der Stumme lächelte vor sich hin, ging an Mike und Anja vorbei, die dem Schauspiel zugesehen hatten.

Die Tage vergingen wie im Flug. Es wurde Frühling, die Pfingstferien erschienen viel zu kurz als auch schon der Sommer kam. Und mit ihm auch die Abschlussfahrt. Es gab auch nicht viel zu berichten. Der Stumme schrieb fast nur einsen, blieb aber immer stumm, was natürlich seine mündliche Note in den Keller zog. In der Klasse wurde er in Ruhe gelassen, auch die anderen Schüller liessen ihn zufrieden, was auch daran lag, das er so still war. Nicht nur stumm, sondern auch Unauffällig, in sich gekehrt, zugleich aber auch Neugierig wie kein anderer. Doch er drängte sich nicht vor, sondern beobachtete aus der Ferne.
Viel gab es über den Stummen wirklich nicht zu berichten, nur zwei Dinge die aufgefallen waren. Erstens: er mochte es nicht wenn man Tiere in irgendeiner Form schlug oder quälte. Ein Freizeitbesuch im Zoo zeigte deutlich wie sehr es ihn schmerzte, das manche Tiere dort so hausen mussten, kleiner Platz, ohne andere Tiere, nur immer Fressen und schlafen.
Bei diesen Anblick hatte er leise geweint. Überhaupt zeigte sich, das er keine Aggressionen besass, nicht mal Wut empfand.
Den einen oder anderen war aufgefallen, das eine der Jungen- und eine der Mädchengruppen, welche sich beide für erwachsener hielten als der Rest in den Pausen kiffte. Nicht nur einfach Zigaretten rauchten sondern tatsächlich Joints. Bis zu dem Zeitpunkt als der Stumme zwei Nicht-Schüler mitbrachte. Wie sich herausstellte waren die beiden Ex-Junkies welche einen Drogenentzug hinter sich hatten, und der Stumme arbeitete in diesem Drogenentzugsprogramm mit. Die Beiden redeten mit den Schülern, vermutlich besuchten auch einige der Jungs und Mädels aus den beiden „erwachseneren“ Gruppen das Programm, den irgendwie verschwanden die Joints vollkommen aus der Schule.

Die Abschlussfahrt ging los, fast schon eine Tagesfahrt nach Italien, wo sie dann eine volle Woche verbringen sollten. Alles verlief normal, die Zeit am Strand verbrachte der Stumme meist mit im Sand sitzen und beobachten, ins Wasser ging er nie. Vielleicht konnte er ja nicht schwimmen? In die „Spielhalle“, wo mehrere Spielautomaten und sogar ein Billardtisch standen war er auch selten. Diese Spielhalle war die einzige, in der auch die Jugendlichen durften, den Glücksspiele gab es hier nicht, nur eben Spielautomaten mit Baller-, Geschicklichkeits- oder Rennspielen. Dementsprechend wurde sie sehr gut besucht und war neben den Strand der zweite Treffpunkt. Spielen tat der Stumme aber auch nie, nur beobachten. Und einmal durfte er auch den Anstoss für ein Billardspiel machen, den er recht gut hin bekam.
Alles verlief soweit normal, bis zu den Tag wo sie einen weiteren Tagesausflug machten, hin zu einen Schloss.
Das Schloss selbst war eher unwichtig, viel mehr war der Garten etwas besonderes, alleine schon von der Grösse her.Einfach beeindruckend.
Auch besuchten sie die kleine Kapelle. Dort allerdings schien der Stumme nicht so begeistert zu sein. Er wanderte vorbei an den „Wunschbecken“, in dem viele ein bisschen Kleingeld hinein warfen. Er schritt den kurzen Hauptgang entlang, lies die Hände zu beiden Seiten über die paar Sitzbänke schweben und stand dann vor dem Alter. Auch dort lies er die Hände drüber schweben, berührte aber nichts.
Die anderen Schüller plauderten lieber, genossen die Kühle, den draussen war es ziemlich warm, standen am Wunschbecken und warfen Geld hinein oder sahen sich einfach um, bestaunten das Fenstermosaik. Auch der Stumme sah zu dem Fenster hoch, traurig, scheinbar im Zwiegespräch.
Die Verweildauer war nur kurz. Es ging weiter, wieder raus aus der Kapelle und kurz zeigte der Lehrer auf ihr Ziel, welches in der Ferne zu sehen war. Das grösste Gebäude, ein Dom, mitten in der Stadt. Von oben, auf den Dom könnte man die ganze Stadt überblicken sagte er.
Der Weg dahin dauerte fast eine halbe Stunde. Zwischendurch machten sie immer mal wieder kurze Stops um sich ein Eis zu kaufen, um sich zu sammeln oder nur um etwas besonders eindrucksvolles zu bestaunen. Doch endlich schafften sie es den Dom zu erreichen.
Er war wirklich gross im Gegensatz zu den anderen, gerade mal zwei maximal dreistöckigen Gebäuden. Und von aussen recht schön anzusehen, auch wenn hier und da deutlich zu sehen war, das man mal renovieren sollte. Statuen waren lädiert, Farbe verblasste, Vogelkot… .
Von weitem sah man schon die vielen Menschen die diesen Dom als Ausflugsziel sahen, davor standen, sassen, schwatzten in allen möglichen Sprachen, ein und aus gingen.
Die Meinung der Klasse war eher neutral, man wollte sich überraschen lassen ob es dort etwas besonderes zu sehen gab. Nur einer reagierte vollkommen anders als sonst: der Stumme.
Als er die Menschen dort sah, nur ungefähr zwanzig Meter entfernt, blieb er stehen, bekam kaum Luft, ging sogar kurz in die Knie.
„Was hast du?“ fragte Anja überrascht, half ihn wieder hoch. Doch das gehen fiel ihn sichtbar schwer, noch schwerer als das Atmen. Irgendwie schaffte er es dann doch, während alle anderen schon längst drinnen waren, geschtützt von Anja lehnte er an der Eingangstür, sah hinein auf die Menschenmenge. Es waren hunderte von Leuten drinnen, alle möglichen Nationalitäten, sie redeten, gafften. Der Lärmpegel war enorm. War vorher nur ein leichtes Entsetzen im Gesicht des Stummen zu sehen, so war es jetzt mehr als deutlich. Anja beobachtete ihn, sah wie er auf die Menge deutete und kraftlos die Arme sinken lies.
Langsam wankte er auf die Reihe von Bänken zu, Anja ging hinter ihm her, versuchte zu verstehen was er so entsetzlich fand. Für sie waren hier auch etwas zu viele Menschen, und der Lärmpegel war wirklich etwas hoch. Irgendwer rannte den Stummen einfach um, rannte aus den Dom hinaus ohne sich auch nur umzusehen. Mühsam stand der Stumme wieder auf, hatte gewaltige Schwierigkeiten die Kraft dafür aufzubringen. Scheinbar ziellos wankte er weiter, durch die Reihen der Bänke zeigte mal auf das eine, mal auf das andere. Und so langsam verstand Anja was ihn so entsetzte. Der Dom war eigentlich ein heiliger Ort. Doch die ganzen Menschen…Kaugummireste an den Bänken oder auf den Boden, Zigarettenkippen, ausgedrückt an den Bänken, Schnitzereien in den Bänken, Urin, ja sogar Kot auf den Boden. Alles von Menschen hinterlassen die hier standen. Das Entsetzen war einer grossen Traurigkeit gewichen. Ein Priester hatte sich hierher gewagt, raus aus den vor den Menschenmengen geschützten Bereich und bewegte sich vorsichtig durch die Menge, an ihnen vorbei. Er wies ihnen den Rücken zu, wollte vermutlich nach draussen. Doch der Stumme hob die Hand, so als ob er jemanden stoppen wollte. Merkwürdig, der Priester drehte sich um, ging direkt zu den Stummen, nickte zum Gruss, faltete die Hände zusammen.
Der Stumme deutete wieder mit der Hand auf die Menschenmenge, sah dabei traurig den Priester, als wenn er fragen wollte: wie konnte es soweit kommen?
Zu ihrer Überraschung antwortete der Priester auf italienisch. Sie wusste das es italienisch war, trotzdem verstand sie die Sprache. Der Priester erklärte das die Geldmittel für diesen Dom schon seid längerem gestrichen waren, sie sich nur noch durch die Touristen finanzierten. Man hatte versucht Geld für öffentliche Toiletten zu sparen, war aber in dem Dilemma ob man es dafür ausgab oder für dringend notwendige Restaurationen, wie zum Beispiel der linken Nebenkanzel, die von einen Gerüst eingerahmt war. Das verzierte „Dach“ fehlte welches man auf der rechten Nebenkanzel sah. Ein Kind trampelte dort rum, während die Eltern dem ganzen nur tatenlos zusahen.
Der Priester war schon abgehärtet von dem ganzen hier. Es gefiel ihm nicht, aber er wusste nicht wie man es ändern konnte.
„Dieser Ort ist entweiht“ sagte Anja in plötzlicher Erkenntnis. Der Priester straffte sich, schien Einspruch erheben zu wollen. Doch dann nickte er nur traurig.
Als der Priester raus war, merkte Anja das ihre Hand auf den Arm des Stummen ruhte.
„Was siehst du?“ fragte sie ihn nur. Die Antwort kam in Form von Bildern. Teilweise waren es Bilder von Sachen die sie aus ihrer Perspektive noch gar nicht sehen konnte, und bisher auch nicht gesehen hatte. Die bröckeligen Statuen, auf einer war sogar ein Aufkleber drauf gemacht wurden, von irgendwem, die verblassten Wandmalereien, insbesondere an der Kuppel. Die Sprünge in den Fenstermosaiken, die Bänke, die Nebenkanzeln welche von Touristen bestiegen wurden obwohl sie gesperrt waren, Wandschmierereien, kaputtgeschossenen Glühbirnen in den Lampen… . Und dutzende von anderen Sachen.
Mühsam gingen sie den Mittelgang entlang, hin zum Altar. Und dort kam der tatsächliche Schock. Es gab einige Leute, denen bedeutete die Absperrung nichts. Sie stellten sich direkt an den Altar und liessen sich fotografieren. Ohne genau hinsehen zu müssen, erkannte Anja das aus den offenen Buch dort Seiten herausgerissen waren. Sie bekam deutlich mit, wie einer der Touristen einfach etwas von den Altar nahm und einsteckte. Sie konnte nichts dagegen machen, sah es nur. Neben ihr war der Stumme auf die Knie gesunken weinte hemmungslos.
Die Tränen landeten auf den Boden, sammelten sich dort in einer kleinen Mulde.
War es Täuschung, Einbildung? Oder war das Tränenwasser des Stummen tatsächlich goldig?
Auch sie war traurig, zugleich aber wütend.
Während er dort weinte, bekam sie mit wie die Klasse sich langsam wieder nach draussen begab, nur eine Handvoll war noch oben und betrachtete die Gegend von der Dachkuppel aus.
Aus irgendeinen Grund hatte sich auch Anja neben den Stummen auf die Knie gelegt. Sie spürte das etwas von ihm ausging, konnte es aber nicht genau deuten. Sie merkte nur wie sich der Dom langsam lehrte. Und sie sah wie der Priester von vorhin sich ebenfalls niederkniete, neben den Stummen und lautlos mit geschlossenen Augen betete. Sie tat es auch, mit offenen Augen und gefalteten Händen, nicht wie der Priester mit aneinander liegenden Handflächen. Auch der Stumme sass dort, vermutlich betete er lautlos.
Es wurde ruhiger. Als Anja ihr Gebet beendete wagte sie es nicht sich umzudrehen, blickte nur zur Seite zu den Priester der sie just im selben Moment ansah. Zwischen ihnen beiden sass der Stumme.
Mit einen mal fing der Stumme an zu singen. Die Stimme war so anders als alle anderen Stimmen die sie je gehört hatte. Weder männlich noch weiblich, leise und doch…war es überhaupt die Stimme eines einzelnen die da aus dem Munde des Stummen kam? Die Stimme hallte leicht, klar zu hören trotz der Leisigkeit, in einer unbekannten Sprache.
Waren eben noch Gespräche zu hören gewesen und der Lärm von draussen, so hörte man nur kurz das Zuschlagen der Tore und den Gesang des Stummen. Ein Gesang der nicht nur Gänsehaut verursachte, man hatte das Gefühl als ob alle Haare stehen würden. Und der Gesang war wunderschön, betörend und irgendwie glaubte Anja auch- nicht irdisch.
Vor allem…man mochte nichts anderes tun als ihm zuzuhören, alles andere war unwichtig, die Zeit war…nicht mehr vorhanden, losgelöst. Sie wusste nicht wie lange sie da sass und zuhörte, aber sie hatte auf einmal das Gefühl das ein ganzer Chor singen würde. Dann…ein Licht, rein, strahlend, blendend, tauchte es über den Altar auf. Es war zu hell als das Anja etwas sehen konnte, sie merkte nur das es auf den Stummen zuschwebte und auf den Gesang antwortete mit eigenen Gesang, der ebenfalls so…anders und zugleich wunderschön klang, entfernt dem ähnlich wie der des Stummen und des Chors. Sie spürte Wärme, Erhabenheit, eine gewaltige Macht sowohl neben sich als auch vor sich. Dies war aber nicht negativ. Mit einen Mal war das Licht überall, eine Art Lichtexplosion. Und während das Licht so extrem erschien das Anja angst hatte zu erblinden schien der gesamte Gesang seinen Höhepunkt zu erreichen.
Als das Licht langsam verblasste hörte auch die Stimme des einen auf. Auch der Chor schien sich langsam zu verabschieden, zurück blieb nur noch der Gesang des Stummen. Doch auch der hörte bald auf. Erst jetzt wagte es Anja vom Fussboden aufzublicken, wunderte sich das sie auf einen roten Teppich ruhte, der war vorher nicht da gewesen sondern nur der nackte Stein. Der Altar war anders. Er war leuchtend weiss, nicht wie zuvor schäbig. Und das Buch…offen und heile. Die Kerzen schienen neu und nicht halb abgebrannt. Das Geschirr glänzte und wo war überhaupt die Absperrung? Sie war weg. Das Kreuz über den Altar bestand aus einen ganz anderen Holz als vorher. Der Blick ging höher, zu den Mosaikfenstern. Auch hier hatte sich was geändert. Die Bilder waren anders, immer noch christlich aber eben anders. Und vor allem kam mehr Licht durch. Anjas Blick ging noch höher. Irgendwie war alles heller, freundlicher. Dann stockte ihr der Atem. Die Malereien an der Kuppel waren deutlichst zu sehen, die Farben waren kräftig, so als ob man sie gerade frisch aufgetragen hatte, nicht so wie vorher verwaschen und kaum zu erkennen. Zeit sich um zu drehen, dachte sie und tat dies auch.
Ein Wunder war geschehen. Die Bänke waren alle heile, aber sie schienen nun auch aus einen anderen dunklem Holz zu bestehen, mit kleineren Verzierungen versehen an den Kanten. Die Nebenkuppeln waren vollständig, das Gerüst verschwunden. Der rote Teppich ging vom Altar aus bis zum Haupteingang. Wandmalereien sahen nun frisch aus, Unrat und Wandschmierereinen waren verschwunden. Die Mauern waren heller und auch der Boden. Licht…es war alles angenehm ausgeleuchtet, vorher war es eher eine Muffige Halle, jetzt ein erhabener Ort. Die drei Dutzend Leute auf den Bänken sahen sich ebenfalls erstaunt um.
Auch der Priester stand, seine paar Kollegen waren aus ihren Bereich hervor gekommen, sahen das Wunder.
Anja fasste die Bänke an, ob sie auch echt waren, staunte über die heilen Statuen, strich über das Holz der Nebenkanzeltreppe ohne es zu berühren.
Dieser Ort war nicht mehr entweiht.
Der Stumme ging mit den Priester zu dessen staunenden Kollegen. Er sprach mit der gleichen Stimme, mit der er gerade gesungen hatte zu ihnen. Was er sagte verstand sie nicht, das war auch egal, die Priester verstanden es sehr wohl.
Die Touristen verliessen den Dom, Anja und der Stumme waren die Letzten. Einige andere wollten hinein, doch die Tür lies sich nicht mehr öffnen. Und irgendwie wusste Anja, das dieser Ort nichts mehr für Touristen war, nur noch für Gläubige oder Hilfsbedürftige.
Draussen hatte man von dem ganzen nichts mitbekommen und Anja weigerte sich irgendwas zu sagen, was dort drinnen passiert war.

Der Rest der Reise war eher ereignislos. Es gab noch zwei weitere Ausflugsziele, eines davon war Venedig, doch bedeutendes passierte nicht mehr. Auch die Schule ging recht schnell vorbei, die meisten hatten einen Ausbildungsplatz oder Fortbildungsmöglichkeiten, einer der Schüler bekam seinen Abschluss nicht, insgesamt gesehen war es aber ein Erfolg.
Anja dachte eigentlich, das sie kaum noch jemanden von der Klasse sehen würde, deshalb war sie überrascht, als sie den Stummen wieder traf. Sie hatte eine Ausbildung zur Konditorin angefangen, in einer der berühmtesten Konditoreien der Stadt, arbeitete dort schon fast zwei Monate und hatte heute ihren ersten Schultag. Praxis bekam sie ja auf der Arbeit, aber es gab auch einiges an Theorie, welche man lernen musste, und das kam in der Schule, alle paar Wochen für zwei Wochen.
Und genau heute, an ihren ersten Schultag, wo sie vor diesem roten, grossen dreistöckigen Gebäude stand und nicht wusste wo sie hin sollte, traf sie den Stummen wieder.
Fast unauffällig bewegte er sich mit einer kleineren Menschenmenge in Richtung Haupteingang, und Anja erkannte ihn nur daran, das er so aussah wie früher, gleiche Kleidung, gleicher Rucksack und natürlich die gleichen roten Haare. Sie freute sich, zumindest eine Person an dieser riesigen Schule, die sie kannte. Somit beschleunigte sie ihre Schritte um ihn einzuholen.
„Was machst du den hier?“ fragte sie ihn zur Begrüssung, als er sich nach ihr umdrehte, vermutlich hatte er sie im Spiegelbild der Glastüren des Haupteinganges erkannt.
Er zückte eine schon leicht zerknitterte Anweisung heraus, wo er sich einzufinden hatte, die Grüne Karte die alle bekamen, auf der Stand wann sie sich in dieser Berufsschule einzufinden hatte, sowie die Bezeichnung der Klasse. Und die Bezeichnung bei ihm war die gleiche wie bei ihr, ihre Bezeichnung war KOND, für Konditoren, und danach die Jahreszahl sowie ein Schrägstrich und einen eins.
„Du bist auch Konditor? Aber wie…ich meine du bist so…redefaul…wie kommt es dann das du ohne Probleme eine Lehre bekommst? Und wo bist du?“ die frage war nicht böse gemeint, die Worte kamen ihr einfach so in den Sinn.
Das schien er zu erkennen, den beim Wort „redefaul“ musste er lächeln. Auf den ersten Teil der Frage ging er zwar nicht ein, aber er zeigte ihr ein leicht abgegriffenes Prospekt des Stadthotels, das bekannteste fünf-Sterne-Hotel in der Stadt.
Sie begriff das er dort lernte, und bei dieser Adresse musste er irgendwie durch Bekannte rein gekommen sein.
Sie folgte ihm erstmal rein und drinnen wurde es dann auch lauter, weil sich sehr viele Berufsschüler in den Gängen tummelten, Trauben gebildet hatten oder ganz einfach plaudernd zu ihren Zielen steuerten.
„Weist du den wo wir hin müssen?“ Anja musste fast schreien um sich selber zu hören. Der Stumme machte eine Handbewegung aus der sie schloss das er eine recht gute Ahnung hatte, es aber auch nicht genau wusste. Trotzdem folgte sie ihm, vielleicht auch nur weil er die Führung übernahm. Es gab am Treppenhaus eine Art Wegweiser, ein Schild welches zeigte in welchem Stockwerk welcher Bereich war, davor standen zwei ratlose Mädchen und wussten nicht weiter, wie so viele der Neuen. Anja wollte schon daran vorbei gehen, doch der Stumme hielt an, griff einfach bei den einen Mädchen nach der grünen Karte, ihre Einladung zu dieser Schule, auf der auch ihre Klasse stand, sah kurz drauf, gab ihr die Karte wieder und deutete dabei auf eine der vielen Bezeichnungen auf den Wegweiser zum zweiten Stockwerk.
„Und was sind wir?“ Anja war sich unschlüssig, den so was wie Konditor stand nicht drauf.
Er deutete auf den Wegweiser zum dritten Stock, auf den Bereich Gastronomie.
„Ich suche die Konditoren“ wandte das eine Mädchen ein, welches ebenfalls am Wegweiser stand.
„Wir suchen sie auch. Aber er hier…“ dabei deutete Anja auf den Stummen „…scheint zu wissen wo wir ungefähr hin müssen.“
Ein allgemeines Vorstellen, wobei Anja für den Stummen redete. Zwei weitere Schüler, ein Junge und ein Mädchen kamen hinzu, ebenfalls Konditorlehrlinge in der gleichen Klasse.
„Du redest nicht viel, oder?“ fragte das eine Mädchen den Stummen.
Anja schmunzelte: „Er redet nie.“
Der Stumme war scheinbar kurz abgelenkt, seine Augen weiteten sich kurz und er ging los, mit mehr als der doppelten Gehgeschwindigkeit.
„Hey, wo willst du hin?“ fragte der Junge. Doch Anja folgte dem Stummen schon. Da die anderen nicht wussten was sie tun sollten, folgten sie ebenfalls.
Weit mussten sie nicht laufen, den der Stumme hielt einfach einen etwa vierzigjährigen Mann an, deutete auf die grüne Karte mit den Klassennamen und dann auf den Mann. Hinter ihm sammelten sich die anderen vier.
„Ja, einen kleinen Moment. Gebt mir fünf Minuten dann bin ich wieder bei euch.“ Sagte der Mann, zwar in Eile aber doch recht nett. Mutlos liessen die anderen die Schultern sinken.
„Und wieder warten…“ maulte der Junge. Anja jedoch fragte den Stummen: „Weist du wer das ist?“
Der Stumme nickte und bot ihr die Hand an. Sie wusste was das bedeutete: er bot ihr an, es ihr zu zeigen. Sie ergriff die Hand und es sah aus als ob sich beide „Guten tag“ sagen wollten. Sekunden später keuchte Anja auf, als sie die Hand wieder los lies: „Er ist unser Klassenlehrer.“
Der kurze Kontakt hatte ihr eine gewaltige Menge Informationen beschert, alle Informationen die der Stumme besass. Sie hatte den Mann gesehen, allerdings in anderer Kleidung, vermutlich so was wie eine Feier draussen im Garten (welcher Garten war das? Fragte sie sich). Zudem bekam sie die Gesichter dessen Frau und seiner beiden Kinder zu sehen, wusste ihre Namen, hörte ihre Stimmen, wusste wie alt sie alle waren, wusste plötzlich das der Mann schon seid langem hier an der Berufsschule Konditoren und Bäcker lehrte, und das dies seine dritte Klasse wäre, bei der er Klassenlehrer war. Es gab noch eine Unmenge an weiteren Informationen aber die konnte sie gar nicht verarbeiten.
Lange mussten sie nicht warten, ihr Klassenlehrer kam recht schnell wieder, und meinte das sie erstmal ihm folgen sollten, das sie Möbel schleppen mussten.
„Möbel schleppen?“ fragte der Junge überrascht.
„Wir bekommen erstmal einen lehren Raum zugestellt. Und da ihr sicherlich nicht auf den Boden liegen wollt, brauchen wir Tische und Stühle.“ Antwortete der Klassenlehrer
„Wo er recht hat…“
Insgesamt dreimal musste jeder kreuz und quer durch das Haus laufen, um vom „Möbellager“ einen alten Klassenraum voller Tische und Stühle, hin zu ihren neuen Klassenzimmer zu gelangen und alle Stühle und Tische dort hin zu tragen, die benötigt wurden. Nebenbei wuchs ihre Anzahl von fünf Schülern auf zwölf. Und als sie fertig waren, sich alle Sitzplätze gesucht hatten gab es immer noch Nachzügler. Im Laufe der Woche würde die Anzahl von Schülern dann auf zwanzig wachsen, wie der Lehrer nebenbei bemerkte.
„So, dann würde ich sagen, stellt euch alle mal vor, während ihr Namenskärtchen erstellt und nachher auf euren Tisch stellt.“ Meinte der Lehrer, während er die „Kärtchen“ verteilte erzählte er erstmal etwas über sich, von wegen das er verheiratet war, zwei Kinder hatte, wie lange er hier schon arbeitete, das er Fachkunde unterrichtete auch für die Bäcker. Kleinigkeiten eben, die Anja aber dank des Stummen schon kannte. Und das besser als die anderen Schüler.
„Von dir weis ich ja, das du nicht viel sagst, deshalb übernehme ich deine Vorstellung, wenn du nichts dagegen hast“ meinte der Lehrer zum Stummen und stellte diesen dann kurz vor. Mehr als Namen, Alter und wo er lernte kam dabei erstmal nicht heraus. Für Anja war es aber der Beweis, das der Stumme ihren Klassenlehrer tatsächlich irgendwie kannte.
Auch die anderen Schüler stellten sich vor und damit endete die erste Stunde, die zweite kam gleich im Anschluss bei den gleichen Lehrer und hier ging er dann fast nebenbei auf den Schulalltag ein, welche Fächer sie hatten, was dort ungefähr stattfand und solche Sachen eben. Merkwürdig war nur, das dieser Klassenlehrer nichts dagegen hatte, wen man ihn duzte.

Die Schule war nichts besonderes. In der ganzen zeit fragte sich Anja nur, wie der Stumme auf der Arbeit auskam. Eine Frage in dieser Richtung wagte sie nicht zu stellen, irgendwie konnte sie es sich aber auch vorstellen. In dem Fach „Fachpraxis“ machten sie fast das gleiche wie auch auf der Arbeit, nur das es hier um das Lernen ging, fragen wurden gestellt warum etwas so gemacht wurde und nicht anders, in ihrer ersten Stunde beispielsweise backten sie vier Sandkuchen, lernten wie man ihn backte, welche Zutaten rein kamen, in welcher Reihenfolge, wie man das Rezept variieren konnte, was so wichtig an der Butter und dem Eigelb war…und vieles mehr.
In diesen Stunden sah Anja wie der Stumme arbeitete. Zwar alleine für sich und doch wiederum mit den anderen zusammen. Er grenzte sich irgendwie von den anderen ab, beobachtete sie aber gleichzeitig, reagierte auf Fehler… war da, aber doch nicht da.
Wenn man ihn brauchte war er zur Stelle, wusste irgendwie auch was man von ihn erwartete, und wenn man ihn nicht brauchte, beschäftigte er sich selber.
Was ihr auffiel war, das der Stumme mehr durch Beobachtung lernte als irgendjemand sonst. R betrachtete beispielsweise ein Schokoplättchen, welches unten dunkel war, und obendrauf ein weisses Schokoladenmuster hatte. Die meisten Schüler fragten sich noch, wie man das herstellte, natürlich indem man erst die eine Schicht machte, und dann die andersfarbige, doch wie das Muster?
Die Lösung fand er auch selber, und zeigte sie den anderen. Von wegen das man erst das Muster spritzte, mit einer Spritztüte, wenn dieses hart/ erkaltet war machte man die eigentliche Platte und schnitt diese noch mit einen Messer in die richtige Form. Fertig war das Schokoplättchen mit Muster.

Der Stumme war so unauffällig wie eh und je. Man bemerkte ihn gar nicht, und die anderen drei Jungs hatten ganz andere Sorgen als sich mit ihm anzulegen. Immerhin gab es noch 16 Mädchen in der Klasse, gegen die man sich durchsetzen musste. In der ganzen Zeit merkte Anja nur, das der Stumme und ihr Mathelehrer sich scheinbar sehr gut kannten. Wenn man eine Beliebtheitsliste aufbaute für die Lehrer so stand der Klassenlehrer ganz weit oben. Das er Witze erzählte während man eine Arbeit schrieb, das er indirekt Anregungen gab welche zur Lösung der Aufgaben führte, das er das ganze locker aber doch zielgerichtet anging…das mochten die Schüler. Der Mathelehrer kam auf den zweiten Platz. Er war nicht witzig, doch ruhig und gelassen. Wen alle nicht mochten, war der Fachpraxislehrer. Die spitzen, oft Fremden- oder Frauenfeindlichen Witze und Anspielungen kamen nicht gut an, welche er oft machte. Auch schien er von sich zu sehr eingenommen zu sein, was vielleicht auch durch sein Alter von fast 60 Jahren und der vielen Erfahrung mit Schülern kam.
Die Zwischenprüfung kam, und jeder bestand sie irgendwie. Auch den zweiwöchigen Weiterbildungskurs in Wolfenbüttel bestanden sie. Wobei Anja sich immer wieder fragte, wie der Stumme so gut sein konnte. Er redete nicht, konnte keine Fragen stellen und doch tat er für ihn neue Dinge so, als ob er sie schon öfters gemacht hätte. Alles lief normal, bis zum Anfang des dritten Schuljahres, welches mit einer sehr traurigen Sache anfing.

Der erste Schultag im letzten Schul und Lernjahr. Die Schüler sassen in ihren Klassenzimmer zur ersten Schulstunde, warteten auf ihren Mathelehrer, der eigentlich die erste Stunde mit ihnen hatte. Allerlei Gerede was man so erlebt hatte, war von verschiedenen Seiten zu hören. Dieses Gerede erstarb als der Klassenlehrer herein kam, mit einer tief bedrückten Miene. Das war schon etwas merkwürdiges. Sie erwarteten jetzt den Mathelehrer, und selbst wenn es eine Planänderung gab, würde der Klassenlehrer nicht so betrübt sein.
Dann fing der Lehrer an zu erzählen…das ihr Mathelehrer tot sei. Selbstmord. Erhängt. Samstag Nacht. Er wurde gefunden und es war unverständlich warum er es getan hatte. Eigentlich war der Mathelehrer ein Mann der Planung gewesen, er plante alles genau, kalkulierte Risiken, würde seine Familie eigentlich nicht so im Stich lassen.
Zwischendurch sah der Klassenlehrer immer wieder auf den Stummen, der manchmal bestätigend nickte, manchmal auch nicht ganz damit einverstanden war. Erst jetzt viel Anja auf, das der Stumme seid sie ihn heute gesehen hatte, recht traurig aussah, lange bevor sie diesen Raum betreten hatte. Hatte er etwa schon von dem Vorfall früher erfahren?
Sie erfuhren das die Beerdigung am Mittwoch war, und sie von der Schule aus den Tag nutzen konnten um zur Beerdigung zu kommen, dieses aber noch mit ihrer Lehrstelle abklären sollten.
Der Rest des Tages war nur wenig Unterricht, mehr ein wiederholen des letzten Unterrichtsstoffes und auch der nächste Tag ergab nur wenig neues. Zu geschockt waren die Lehrer und auch die Schüler vom Tode des Mathelehrers.
Der Mittwoch brach an, die Schüler sammelten sich frühmorgens an der Schule und fuhren dann mit ihren Autos als Konvoi hin zum Friedhof, der weit ausserhalb lag. Nur der Stumme fehlte, alle anderen waren anwesend. Sie waren die einzige Klasse die mit durfte, der Lehrer hatte auch in anderen Klassen Mathe gelehrt, warum ausgerechnet sie dort hin durften, war ihnen nicht bewusst, sie dachten auch nicht darüber nach. Die Zeremonie fand in der Kapelle statt, welche propenvoll war. Deshalb standen auch ein halbes Dutzend Personen draussen, unter anderem der unbeliebte Fachpraxislehrer. Sie stellten sich dazu, lauschten dem was drinnen gesagt wurde, welches durch Lautsprecher nach draussen übertragen wurde. Die Türen öffneten sich, der Sarg des toten Lehrers wurde nach draussen getragen und eine recht grosse Menge folgte ihm hinaus. Alles Angehörige, Freunde, Verwandte, Kollegen. Ganz zum Schluss folgten die Schüler, einige von ihnen weinten. Das Familiengrab lag auf einen freien Stück, nur links und rechts vom ihm waren weitere Gräber, und ungefähr 10 Meter davor. Eine riesige Freifläche, alles Rasen, lag davor. Rechts davon nahmen die Trauernden ihren Stehplatz ein, Links die Schüler, während die die Angehörigen nach und nach auf den Rasen ans Grab traten und eine Blume ins offene Grab zum Abschied warfen.
Aus den tränenverhangenen Augenwinkeln glaubte Anja etwas zu sehen, einige Meter hinter dem Grab war jemand. Als sie jedoch genauer hinsah…niemand. Sie wischte sich die Tränen aus den Augen, sah wie die Frau des Toten mit ihren Kindern ans Grab trat. Und wieder…aus den Augenwinkeln heraus sah sie die Person hinter dem Grab. Es war der Stumme, nur sehr schwach zu erkennen, fast so als ob er durchsichtig sei. Und er war nicht alleine !!!
Sie sah genauer hin…wieder weg…war es nur Einbildung gewesen?
Dann hatte sie plötzlich das Gefühl, das es Zeit zum gehen sei. „Lasst uns gehen“ sagte sie leise zu ihren Klassenkameraden, die dem auch folgten. Sie fuhren wieder weg, lange bevor die Trauernden den Friedhof verliessen, und sammelten sich in einen Kaffee. Ihr Gesprächsthema dort war das Begräbnis und zu guter Letzt die Frage warum der Stumme nicht dabei gewesen war. Nur Anja fragte sich, ob der Stumme nicht doch da gewesen war. Sie hatte sich beim weggehen noch mal umgedreht und zum Grab geschaut. Und wieder hatte sie für Sekundenbruchteile geglaubt den Stummen gesehen zu haben…zusammen mit den toten Lehre, wie sie hinter dessem Grab standen und die Trauernden betrachteten.

Am nächsten Tag war wieder Schule, und bevor die erste Stunde überhaupt anfing, wurde der Stumme von mehreren gefragt warum er nicht da war. Er sah den Fragenden direkt in die Augen…und irgendwie wagten diese es nicht, die Frage erneut zu stellen. Nur Anja fragte anders: „Ich glaube du warst da…aber nicht alleine, stimmts?“ Der Stumme nickte nur bejahend.
Ihr Klassenlehrer schloss die Tür auf, jeder stürmte an seinen Platz, wartete auf das was kommen würde.
„Zuerst einmal soll ich euch danken, das ihr Gestern da wart.“ Fing der Lehrer an, ging kurz auf das Begräbnis ein, und fing dann wieder an mit dem Unterricht. Die Stunde endete, es klingelte zur fünf Minuten Pause und eine der Schülerin lies sich darüber aus, das nur der Stumme gestern nicht da war, aber keinen reingwürgt bekam, sondern von den Lehrern verhätschelt wurde. Plötzlich stand die Frau des Toten im Klassenzimmer, mit einer Sporttasche in der Hand und sagte leicht säuerlich zu den Stummen, der mindestens genauso überrascht war wie alle anderen: „Hier deine Sachen“. Dabei lies sie die Tasche direkt vor seinen Füssen fallen, fauchte ihn dann förmlich an: „Und warum warst du gestern nicht da?“
Der Klassenlehrer sah sich die Sache von seinen Lehrerplatz an, schien neugierig aber nicht wirklich überrascht. Während die Schüler allesamt komplett verwirrt waren. Einigen, wie Anja zum Beispiel, viel aber auf, das die Witwe den Stummen duzte. Warum?
Er stand vor der Witwe, sah ihr direkt in die Augen, streckte die Arme aus mit den Handinnenflächen nach oben. Die Witwe sah in skeptisch an, wollte vermutlich erst nicht, doch dann legte sie ihre Hände auf seine.
Die Wut wich plötzlich dem Erstaunen auf dem Gesicht der Frau des toten Lehrers. Überrascht flüsterte sie: „…du warst da…aber…“
Anja wusste als einzige was da vorging, das der Stumme der Witwe gedanklich zeigte was er sah, gesehen hatte. Die Anderen wussten dies nicht, den der Stumme hatte bisher seine Fähigkeiten nicht vor ihnen offenbart. Die Witwe stand still…flüsterte ab und an so was wie: „…du warst da als er…warum hast du ihn nicht aufgehalten…du hast ihn begleitet…du bist ein…?“ Bei letzteren ging sie fast in die Knie, weinte bitterlich, umarmte den Stummen plötzlich. Dieser erwiderte die Umarmung. Als es wieder zur Stunde klingelte, löste sie sich von ihm, sagte leise „Danke“ und ging.
„Was war das den gerade?“ fragte eine der Schülerin, während der Stumme sich setzte.
„Sie hat ihm seine Sachen gebracht“ meinte der Klassenlehrer ganz ruhig.
„Wie…seine Sachen? Verstehe ich nicht…“
„Er hatte noch ein paar Sachen bei ihnen zu Hause. Da sie einen Neuanfang machen möchte, wird sie vieles was sie an ihren toten Ehemann erinnert aus ihren Blickfeld entfernen. Dazu gehören auch seine Sachen. Verständlich, wenn auch vielleicht nicht die beste Art damit umzugehen.“ Erklärte der Lehrer und deutete auf den Stummen.
„Und was hat das mit ihm zu tun?“ die Schülerin verstand es immer noch nicht.
„Unser sehr verehrter und leider verstorbener Lehrer war sein Ziehvater. Er hat bis zum Abschluss des ersten Lehrjahres bei seiner Ziehfamilie gewohnt.“
Diese Offenbahrung schlug ein wie eine Bombe, und für manche erklärte dies einiges. Der Stumme war der Ziehsohn des ehemaligen Mathelehrers gewesen. Und vermutlich hatte der ihm geholfen einen Lehrplatz zu bekommen. Und es erklärte auch, warum sie sich kannten…

Nicht alle bestanden die Endprüfung. Drei der Mädchen und einer der Jungen rasselten durch die Prüfung, hauptsächlich wegen den theoretischen Teil.
Anja schaffte es genauso wie der Stumme mit einer zwei im praktischen Teil. In der Theorie war der Stumme jedoch um längen besser als sie. Sowohl Meister als auch Meisterin des Stummen waren am Ende der praktischen Prüfung anwesend, nach der Bewertung und man sah deutlich das sie mehr als zufrieden mit seiner Leistung waren.
Was der Stumme tat, wusste Anja nicht, sie aber arbeitete nach der Lehre in einer anderen kleinen Konditorei. Es war drei Uhr Morgens, an einen Sonntag. Über ein Jahr lang war sie nun Konditorin und gerade kam sie aus der Disco. Leicht angetrunken fuhr sie in ihren Kleinwagen nach Hause. Viel hatte sie nicht getrunken, aber das letzte Bier fast auf EX tat nicht gerade gut. Deshalb fuhr sie nur 40, obwohl 60 erlaubt war. Dann ging es in eine der Seitenstrassen und sie wollte die Geschwindigkeit weiter drosseln. Plötzlich war da diese Katze mitten auf der Strasse, war wie hypnotisiert von dem Scheinwerferlicht. Anja wollte bremsen, konnte es aber nicht. Mit einen mal war da jemand, direkt hinter der Katze welche sich nur durch diese Person erschreckte und davon lief. Das dumme war nur, das die Person nun vor dem Auto stand, welches nicht bremste. Als Anja dann endlich bremste, wusste sie das sie diese Person überfahren hatte. Zitternd stieg sie aus den Wagen. Sie hatte jemanden überfahren! Ein Teil von ihr wollte weg rennen, ein anderer Teil war neugierig und der dritte Teil wollte helfen. Der dritte Teil siegte. Irgendwie schaffte sie es zu der Person, die hinter ihrem Auto lag, beugte sich herunter. Die Spuren ihres Autos waren mehr als deutlich an der Person zu sehen. Im Lichte der Strassenlampe glaubte sie das was vom Gesicht noch übrig war zu erkennen. Es war der Stumme. Sie hatte ihren ehemaligen Klassenkamerad überfahren. Nun war sie doppelt geschockt, wusste nicht was sie machen sollte. Erste Hilfe leisten…wie ging das doch noch gleich? Erstmal checken ob er noch atmete. Das tat er nicht mehr. Puls? Keiner… jetzt kam in ihr die Panik zum Vorschein. Bevor sie aber irgendwas tun konnte, sah sie, wie er die Augen öffnete. Er sah ihr direkt in die Augen, der Anblick war hypnotisch.
„Was habe ich bloss getan?“ fragte sie leise.
„Nichts schlimmes“ kam die Antwort vom Stummen. Die Stimme war so wie damals im Dom, melodisch, singend, warm und weich.
„Aber du bist verletzt…“ sie war hilflos, sah an seinen Körper herunter.
Der Körper des Stummen schien sich aufzulösen, nur Licht blieb zurück, die Körperkonturen konnte man nur erkennen anhand des geringeren Lichtes in der Region. Diese Umwandlung dauerte vielleicht zwei Sekunden und dann war Anja in seinen Licht gebadet. Er richtete sich schwebend auf, verharrte vor ihr, auf gleicher Augenhöhe, da er sie mit hochgezogen hatte. Sie stand vor ihm, spürte nicht nur das Licht sondern auch eine angenehme Wärme die von ihm ausging.
„Nein, ich bin nicht verletzt.“ Sang er
„Du bist ein…?“ sie wagte es nicht die Frage komplett auszusprechen, glaubte sie doch die Umrisse von Flügeln hinter seinen Rücken zu erkennen.
Er nickte nur.
„…und du warst damals auf der Beerdigung doch da….mit deinen Ziehvater, unseren Mathelehrer.“
Er nickte wieder und mit einen Mal wurde ihr alles klar. Sie verstand nun die Sache im Dom, die Sache mit den Begräbnis, verstand das er da war als sein Ziehvater Selbstmord begangen hatte, das er ihn danach begleitet hatte…und vieles mehr.
Und sie verstand warum er hier war…als sie noch wirklich Jung war, die Orientierungsstufe anfing , hatte sie in den Glauben verloren. Sie hatte in ihren letzten Gebet damals gefordert, als Beweis einen Engel zu sehen. Eine verrückte Forderung. Die aber jetzt wahrlich erfüllt war.
„Werden wir uns wieder sehen?“ war ihre letzte Frage
Darauf lächelte er nur, während er langsam gen Himmel schwebte.
Sie verstand auch so, das sie wohl nie wieder einen Engel erkennen würde. Ausser zu den Zeitpunkt wo er sie geleiten würde. Aber das würde noch dauern. Irgendwie war sie beruhigt. Sie wurde geliebt…nicht nur von Menschen… .
07.05.2005 20:40 eikyu ist offline E-Mail an eikyu senden Beiträge von eikyu suchen Nehmen Sie eikyu in Ihre Freundesliste auf Fügen Sie eikyu in Ihre Kontaktliste ein
eikyu eikyu ist männlich
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Die Riesen

Dirk spielte gerade am Rande des Waldes mit seinen Freund Timo als der Nieselregen anfing.
"Wir sollten machen das wir schleunigst nach hause kommen." meinte er.
"Jau...wer als letzter an der Kreuzung ist..."
Zusammen rannten sie die paar Kilometer in Rekordzeit, den sie wussten: der Regen würde kurzzeitig noch so leicht bleiben, aber dann würde es wie aus Fässern giessen.
"Erster" keuchte Dirk föllig ausser Atem. Auch Timo war ausser Atem als er sagte: "...wenns Morgen trocken ist, wieder um 9?"
"Ja...also bis denn..." verabscheidete sich Dirk.
Während er nach links lief, rannte Timo nach rechts. Beide Eltern waren Nachbarn, nur geteilt durch die Strasse, und sie waren einfache Bauern. Aber echte Konkorenz zwischen beiden gab es nicht. Dirks Familie hatte sich auf Landwirtschaft spezialisiert, während Timos Verwandte sich auf Viehwirtschaft eingeschossen hatten. Und die Familien waren sowas wie Kumpel.

Die ganze Nacht regnete es, doch am nächsten Morgen war es wieder ruhig.
"Uah...ein schöner Morgen...boah...Nebel..Geil..." sagte Dirk begeistert als er aus den Fenster sah.
Heute würde der Tag sein, sie würden mal wieder durch das Unterholz tiegern, schwer bewaffnet und gepanzert... so wie die Miliz.
Er rannte voller Vorfreude nach unten, wurde da allerdings von seinen Vater gestoppt: "Heyhoh....bevor du wieder rausrennst zu Timo, solltest du erst mal Frühstücken. Zwei 8-Jährige im Wald, ohne was gegessen zu haben....das kann nicht gut gehen." Sein Dad war mal wieder gut drauf.
"OK, wenns den sein muss..." ergab Dirk sich.
Das Essen dauerte nicht lange, genausowenig wie das Anziehen. Die schwere Panzerhose war in Wirklichkeit eine Arbeitsjeans, die Flakweste eine Lederweste mit zwei Taschen, der Stahlhelm ein Stiltopf, das Sturmgewehr ein Spielzeuggewehr welches Wasser verschoss, die Reservemunition in der Weste oder auch als Granaten verwendbar waren vier Müsliriegel.
Insgesamt war er also gerüstet, zumal er die Gummistiefel noch anzog, welche bis zu seinen Oberschenkeln reichte.
Nun konnte er es aber wirklich nicht mehr erwarten, er rannte so schnell er konnte raus, zur Kreuzung, wo er auch schon von Timo erwartet wurde.
„Na endlich, da biste ja endlich…“ begrüsste Timo ihn. Dessen Bekleidung war geringfügig anders als die von Dirk. Die Arbeitsjeans und die Gummistiefel waren hier das einzig gleiche. Statt einer Weste hatte er eine leichte Jacke an, somit galt seine Kleidung als Gefechtsanzug. Die rote Badekappe auf den Kopf wurde von einer blauen Schwimmbrille unterstützt, farblich gesehen war das ganze eh ein Desaster. Doch die beiden hatten genug Fantasie um auch aus seiner kleinen Wasserpistole einen Laserblaster zu machen. Timo war heute für die Verpflegung zuständig, deshalb hatte er auch seinen Rucksack dabei. Das Marschgepäck bestand hierbei aus mehreren Schalen mit den verschiedensten Esswaren, drei Flaschen Limo und sogar einer echten wenn auch sehr kleinen Axt. Dazu kam dann noch ein Pullover falls es kalt werden sollte. Natürlich hatte jeder von ihnen noch ein Kartoffelmesser dabei, als Überlebensmesser.
„Dann lass uns losgehen. Mal sehen ob der Platz den wir gestern für unser neues Hauptquartier ausgesucht haben, auch wirklich nach dem Regen noch geeignet ist.“
„Ja, und wenn, dann können wir vielleicht Teile des Alten nutzen…“ meinte Dirk begeistert.
Frohen Mutes gingen sie in den nahen Wald. Die Nebelschwaden hingen dicht zwischen den Bäumen, so das die Sichtweite unter zehn Meter lag. Ein paar Vögel sangen, aber mehr aus den Süden und Osten, was den beiden Wanderer doch merkwürdig vorkam. Trotzdem marschierten sie singend weiter zu ihren neuen Platz.
„Stark, das Wasser ist hier nicht mal heran gekommen, durch den Hang. Das wäre doch super…“ meinte Timo übermütig. Doch Dirk dämpfte seine Freude: „Das ist nur jetzt so. Im Winter schneit es hier direkt rein, weil dann der Wind hier voll reinhaut.“
„Im Winter sind wir aber nicht hier…“
„Stimmt, aber ich möchte doch nicht jeden Sommer das HQ neu aufbauen… . Ich möchte endlich mal einen festen Standort haben, mit einer echten Hütte.“
Timo darauf: „Würde ich ja auch gerne. Ne echte Waldhütte, aber so was schaffen wir leider nicht. Oder kannst du einen ganzen Baumstamm tragen?“
„Irgendwie nicht. Hast ja recht. Also lass uns das alte Ding abreissen.“
Somit marschierten sie weiter, zu ihren alten Quartier. Doch unterwegs stiessen sie auf eine riesige Pfütze.
„Sie dir das mal an…so quadratisch das Loch“ meinte Timo und beugte sich darüber, sties mit einen Stock herein.
„Scheint tief zu sein. Und die Grösse…. Länger als ein Rind. Hey, da sind ja noch mehr von diesen Löchern…“ bemerkte Dirk, sties dabei Timo an, der beinahe in den Tümpel gefallen wäre.
„Die sind ja regelmässig, wie Fussspuren von irgendwelchen Riesen“
„Lass uns ihnen folgen und diese Riesen stellen…“
„Ja, genau…“ Timo war begeistert. Riesen jagen, echte Riesen. Den was sonst konnte solch tiefe Spuren machen? Das solche Riesen vielleicht gefährlich sein konnten, daran dachte keiner von beiden, schliesslich waren sie doch bewaffnet mit einen Sturmgewehr und einen Laserblaster… .
Die Spuren führten genau zu ihrer alten Waldhütte, überall zertrampelte und umgestürzte Bäume, zur Seite geknickte Äste…doch die beiden sahen darin keine Gefahr.
Erst als sie an ihren ehemaligen Hauptquartier ankamen, wurde ihnen doch bewusster das die Riesen vielleicht gefährlicher sein konnten. Denn ihre Waldhütte stand nicht mehr. Einer der Riesen war in die hintere Hälfte getreten, somit war der Rest in sich zusammen gefallen.
„Lass uns nach brauchbaren Sachen suchen. Vielleicht hat ja irgendwas diesen Angriff überstanden.“ Meinte Timo besonnener.
„Ok…aber ich glaube, viel wird das nicht sein…“
Sie durchsuchten den Teil, wo der Riese nicht drauf getreten war, indem sie die dünnen Äste und Zweige zur Seite legten. Doch die einzigen beiden Gegenstände die das ganze Überstanden hatten, waren zwei Keksdosen, die eine war zwar eingedrückt, aber noch dicht. Der Inhalt der heilen Dose bestand aus ihren Schätzen : eine Handvoll Glasmurmeln, zwei Zinnfiguren, einer einstiegen Landkarte dieses Kontinents, bei der aber nur noch der nordöstliche Teil über war wo sie halt waren, der Rest war abgenagt, sowie einigen getrockneten Blättern. Der Inhalt der eingedellten Dose bestand nur aus Verbandsmaterial, Pflastern und einer Schere.
„Immerhin etwas. Aber nun lass uns die Riesen jagen. Die sollen uns diesen Schaden ersetzen.“
„Wie dumm muss man auch sein, um auf unser Hauptquartier zu treten. Also rein vom logischen müssen wir denen bei weitem überlegen sein.“
Timo pflichtete Dirk bei: „Stimmt. Also los…“
Weit brauchten sie nicht zu gehen, immer der Spur nach die unübersehbar vor ihnen lag.
Sie sahen es vor sich blitzen, rannten darauf zu und riefen „Halt, keinen Schritt weiter…“, legten dabei ihre Waffen an und erstarrten.
Die beiden Metallriesen wendeten sich mit erschreckender Geschwindigkeit ihnen zu, richteten ihre Arme nach den beiden Jungen aus und waren vermutlich nicht minder überrascht.
„Ähm…wau…riesig“ sagte Timo und der Lauf seiner Wasserpistole sank Richtung Boden.
Die beiden Giganten waren mindestens sechsmal so gross wie die Jungs, glänzten in ihrer hellblau-grau-weissen Tarnfarbe. Der vordere machte zwei Schritte auf die Jungs zu, welche sich nicht bewegten, ging etwas in die Hocke, streckte den rechten Zeigefinger aus und drückte damit gegen den Lauf von Dirks Gewehr. Dieser kleine Schubs lies Dirk rückwärts zu Boden plumpsen, weh tat er sich dabei nicht, den der Boden war ja noch weich.
„Wau….einfach geil… haste den Finger gesehen, so gross wie ich…“ fragte Dirk begeistert als sich der Mech wieder in seine alte Position zurück zog. Dann ruckte er noch einmal vor, dabei rief er : „Buh…“
Dirk hatte sich gerade versucht aufzurichten, vor lauter Schreck viel er wieder hin, auch Timo landete vor Schreck auf den Boden.
„Nana, schämt ihr euch nicht?“ sagte eine tiefe Männerstimme. Der Mann kam direkt zu ihnen, ungepflegter Bart, ungewaschen, schlank und in einen orangenen Overall.
„Hallo, ich bin Georg“ sagte der Mann zu ihnen und half den beiden Jungs auf.
„Dirk“ meinte er nur.
Timo war etwas gesprächiger: „Ich bin Timo. Sind das ihre beiden Roboter?“ dabei deutete er auf die beiden Metallgiganten.
Georg lachte: „Nein. Ich bin….nur ein Bekannter. Und ich übersetze für die beiden. Sowie für die anderen…“
Ihr Blick folgte seinen ausgestreckten Arm hin zu einen recht grossen Zylinder, der am Boden, neben den Giganten lag. Davor lag jemand, und eine weitere Person schien sich um die Liegende zu kümmern, winkte aber kurz zu ihnen herüber.
„Aber nun sagt doch mal, was führt euch hier her“ die Frage war so unschuldig von den Fremden mit den leichten Akzent, das die beiden darauf antworteten: „Einer dieser Riesen hat unsere Waldhütte zertrampelt und wir wollen eine Entschädigung.“
Die Augenbrauen von Georg hoben sich überrascht. Er sah zu den Riesen hoch, dann zu den Jungs, schüttelte innerlich den Kopf und antwortete dann: „Nun, wir haben nichts anzubieten ausser das was wir anhaben. Wir wollten mit unseren Schiff zu einen anderen Sprungschiff fliegen, als wir angegriffen wurden und über diesen Planeten abstürzten. Ich vermute mal, wir sind die einzigen Überlebenden….Nebenbei: ihr habt nicht zufälligerweise Verbandsmaterial bei euch?“
Während Dirk ihm die verbeulte Dose reichte, fragte Timo: „Wofür braucht ihr Verbände?“
„Die Landung mit der Rettungskapsel war etwas hart, und Billy hat sich dabei nicht nur den Arm gebrochen, sondern auch noch an mehreren Stellen böse aufgerissen. Nicht so schlimm das er ins Krankenhaus muss, aber schlimm genug…oh, Verbände, danke Jungs“ er winkte der Person zu, die sich um Billy kümmerte. Wie man beim näher kommen sah, war es eine Frau in einer Art Raumanzug, die die Keksdose an sich nahm, kurz den beiden Jungen zunickte und dann wieder zu ihren Patienten ging.
„Und was macht ihr nun in unseren Wald?“ die Frage war aus Neugier gestellt.
„Uns verstecken. Hm…eher diese beiden Riesen. Denn wenn jemand sie sieht, wird er denken, sie wollten ihm böses. Doch dem ist nicht so. Wir alle hier, wollen nur wieder nach Hause, ehrlich. Nur das wird uns niemand glauben. Den diese Riesen hier sind mittlerweile ein Symbol des Krieges geworden.“
„Aber dann geht doch einfach zum Raumhafen“ meinte Dirk. Timo schalt ihn: „Dummkopf, das geht doch nicht. Hat doch gerade gesagt das sie Ärger bekommen wen man sie sieht. Und so gross wie die sind, wird man sie kaum übersehen können“
„Ihr wisst nicht zufällig wo der nächste Raumhafen ist?“ fragte Georg scheinbar unschuldig. Er dachte sich, dass er mehr Informationen bekam, wen er nett zu den Kindern war. Und mit etwas Glück würden sie die Gestrandeten nicht verraten.
„Nein.“ „Doch“ kam die Antwort von Dirk: „Paps sagte, das in der Hauptstadt ein Raumhafen sei. Er erwähnte das gestern, weil er von dort einen neuen Traktor abholen muss und er deshalb nächste Woche vier Tage nicht zu Hause sein wird. Aber wo genau das ist weiss ich auch nicht, war noch nie in der Hauptstadt.“
„Ich auch nicht. Aber moment mal…die Karte…da stehts doch drauf“ erinnerte sich Timo.
Er nahm das Stück Papier und suchte dort kurz. Zeigte es dann den beiden. „Hier ungefähr sind wir, bei diesen Wald, hier unten. Und da ist das Dorf, da noch ein weiteres, und hier, das ist die Hauptstadt…“
„und diese Linie wird vermutlich eine Autobahn sein…“ vermutete Georg.
„Kann sein, habe die noch nie gesehen. War bisher nur im Dorf…“ auch Dirk nickte dazu. Weiter als bis zu dem Dorf nebenan waren sie nie gekommen.
„Und wie kommt dein Dad in die Hauptstadt?“
„Einmal im Monat kommt eine Art Kurier in jedes Dorf und bringt Post von ausserhalb dieses Planeten vorbei. Nebenbei nimmt er Personen auf, welche in die Hauptstadt wollen. Allerdings bringt er sie nur hin, nicht wieder zurück.“
Georg überlegte, das wäre eine Möglichkeit in die Hauptstadt zu kommen, doch das musste er mit den anderen absprechen.
„Was wollt ihr den als Entschädigung haben?“ fragte Georg die Jungs.
Dirk antwortete so wie es nur Kinder können: „Die Riesen haben unsere alte Hütte kaputt gemacht, da wäre es nur recht wenn sie die wieder aufbauen.“
Timo ergänzte: „Naja…am liebsten wäre uns ja eine echte Waldhütte…“ dabei sah er unschuldig zu Boden, scharrte etwas mit den Füssen.
Er musste sich ein Lachen verkneifen, die Kinder waren wirklich noch unschuldig. Vielleicht konnten sie tatsächlich eine Hütte aufbauen, in der sie kurzzeitig unterkommen konnten. Aber so leicht konnte er es den Kindern nicht machen: „Das ginge nur, wenn wir solange dort drin wohnen können, bis wir von hier weg können.“ Eine Waldhütte…recht romantisch, und für den Anfang eine gute Idee.
Die beiden Kinder sahen sich an, nickten dann bejahend.
„Und wo wollt ihr die Hütte hin haben?“ Georg hatte noch nicht ja gesagt, er wollte erstmal sehen wie unmöglich sich die Wünsche entwickelten.
Die Wünsche der Jungen waren alles andere als unmöglich, wenn man zwei dieser Roboter bei sich hatte. Für die Jungs alleine wäre es tatsächlich unmöglich gewesen, ausser einige Erwachsene hätten beim tragen der Baumstämme geholfen. Sie wünschten sich eine einfache Blockhütte mit einen geraden Dach, statt dem Spitzdach.
„Dafür benötigen wir aber eine ganze Menge Seil, Unmengen an sehr langen Nägeln, eine Baumsäge und eine grosse Axt.“ Bemerkte Georg, nachdem die Jungs ihn ihren Traum geschildert hatten.
„Mist. Wir haben keine langen Nägel. Und Seil…da habe ich nur so an die vier Meter.“ Meinte Timo. An mehr kam er nicht ran, ohne das es Ärger geben würde.
„Wenn wir die beiden Springseile noch dazu nehmen, wird es vermutlich auch noch nicht reichen, oder?“ fragte Dirk Georg.
Letzterer schüttelte verneinend den Kopf: „Nein. Bei solch einen Gebäude bräuchten wir so an die hundert Meter. Wenn wir keine Nägel haben das dreifache. Den die Stämme einfach nur aufeinander stapeln, und mit in den Boden gerammten Stämmen in Reihe zu halten geht nicht auf dauer gut. Ein aufweichen des Bodens, einer der Stämme gerät in Bewegung und das ganze Gebäude stürzt ein.“
Wie man es auch drehte und wendete, irgendwie fehlte den Jungs wichtiges Material. Trotzdem gaben sie nicht auf. Sie überlegten ob man nicht eine ähnliche Hütte wie die alte bauen könnte, die fast aussah wie ein Zelt, nur eben aus Holz und vielen Blättern. Aber auch dazu fehlte noch etwas Material.
Sie diskutierten vermutlich eine halbe Stunde lang, bis die Jungs zum Entschluss kamen, das sie noch mal nach Hause gingen und alles an Material auftrieben was möglich war.

Während die Jungen weg waren, redete Georg mit seinen Kameraden. Erzählte was er herausgefunden hatte, was die Jungs planten.
„Ist es sinnvoll den Kindern zu vertrauen?“ fragte die Frau.
„Warum nicht? Mehr als das sie die Miliz auf uns hetzen können die auch nicht tun. Und ich glaube nicht, das sie das tun werden. Zumindest nicht wenn wir ihnen helfen.“ Antwortete Georg und gab damit gleichzeitig kund, das er bereit war die Hütte zu bauen.
„Mit den Bau der Hütte vertreiben wir uns etwas Zeit und hätten einen Unterschlupf der wesentlich bequemer wäre als diese verfluchte Rettungskapsel. Muss halt nur jemand von uns da sein, wenn der Postbote kommt, und dann mit in die Stadt fahren. Dort wird es sicherlich die Möglichkeit geben, eine Nachricht zu verschicken. Allerdings sollte uns allen klar sein, das wir hier vermutlich Monate lang durchhalten müssen…“ meinte der verletzte Billy.
„Nun, wir könnten vielleicht bei den Farmern unterkommen. Es wäre zumindest eine Option…“
„Und was machen wir so lange?“ fragte einer der Roboter
„Hier bleiben und verstecken. Oder wollt ihr euch der planetaren Miliz ergeben?“
Billy versuchte die Lage etwas zu entschärfen: „Wisst ihr was komisch ist? Ich, ein Landungsschifftechniker soll zum ersten mal seid fast dreissig Jahren wieder eine Hütte bauen. Ich…“ dabei deutete er auf seinen gebrochenen Arm.
„Tja. Dann sind wir uns scheinbar einig. Wir helfen den Jungs ihre Hütte zu bauen. Ihre kleine Axt haben sie ja hier gelassen, fehlen nur noch die Stämme, und die könnt ihr besorgen“ mit diesen Worten meinte Georg die beiden Riesen „aber nimmt nur die umgefallenen Bäume, keine heilen raus reissen. Und vielleicht können wir auch welche von der alten Hütte nehmen…“

Es war vierzehn Uhr, als Timo und Dirk wieder kamen, über zwei Stunden später als erhofft. Die beiden Jungs staunten nicht schlecht als sie die Baustelle sahen. Die Roboter hatten einige Baumstämme gesammelt und so hingelegt, das Georg die Äste mit der Axt abhacken konnte. Der Verletzte lag an einen Baum gelehnt und betrachtete das ganze, während die Frau eine Feuerstelle vorbereitete. Die neue Hütte sollte mehrere hundert Meter von der alten gebaut werden, und scheinbar nahm sich Georg dem gerade an.
„Ah, da seid ihr ja wieder“ rief er ihnen entgegen, versenkte die Axt im Stamm auf den er gerade sass und kam zu ihnen.
„Wir wollten schon viel früher wieder hier sein, aber dann fiel unseren Eltern ein, das wir noch Mittag essen könnten. Aber dafür haben wir ein paar Sachen mitgebracht. Unter anderem die Baumsäge“ antwortete Dirk.
Georg betrachtete die Sachen. Alles war auf eine Schubkarre gelegt: der Spaten, die Schaufel, die Baumsäge, drei der langen Nägel, das Seil, Paketbänder, ein 500 Gramm Hammer und eine Schere.
„Wir waren auch nicht gerade untätig. Sarah bereitet gerade die Feuerstelle vor, die soll ausserhalb der Hütte sein, damit diese nicht abbrennt. Und wir haben eure alte Hütte komplett abgerissen, konnten zwei der Nägel dort retten sowie die Plane.“
„An die haben wir gar nicht mehr gedacht.“ Gab Dirk verlegen zu.
Der Verletze rief ihnen irgendetwas zu, und Georg antwortete in der gleichen Sprache. Die Jungs sahen ihn fragend an, so das er erklärte: „Er meinte nur, wir sollen arbeiten und nicht rum stehen und quatschen.“
Und so fingen sie an zu arbeiten. Die Kinder fingen an zu graben, damit man später die tragenden Stämme dort einsetzen konnte. Dadurch legten sie auch die Grösse der Hütte fest, immerhin anderthalb mal grösser als die alte.
Die Frau wiederum half Georg beim Sägen mit der Baumsäge.
Nach dem Sägen kam das erste einsetzen der Baumstämme, was ohne Probleme von statten ging.
Zusammen schafften sie es, die Hütte an diesen Tag aufzubauen. Naja, fast.
Die Kleinigkeiten konnte man auch am nächsten tage erledigen. Doch nun wurde es dunkel, Zeit für die Kinder nach Hause zu gehen. Sie packten alles wieder ein, was nicht mehr benötigt wurde und machten sich auf den Heimweg. Jedoch nicht ohne ein paar Kleinigkeiten da zu lassen, wie die beiden hart gekochten Eier, die beiden Müsliriegel und den Apfel. Für die Gestrandeten waren das jedoch Schätze, den bisher konnten sie sich nur von Notrationsriegeln ernähren, entfernt dem Müsliriegel ähnelnde kaum schmeckende Etwasse aus einer zähen Masse, in denen alle wichtigen Stoffe drin waren die ein Mensch so am Tage braucht. Nur das der Mensch auch etwas zum kauen und schmecken braucht, daran hatte man vermutlich nicht gedacht J

Am nächsten Tag kamen die Kinder wieder und wollten den Rest der Hütte fertig stellen, in der die drei Gestrandeten übernachtet hatten. Die beiden Roboter konnte man ja nicht unterstellen, die Hütte war ja gerade mal zwei Meter hoch, wie sollte sie da die Roboter beherbergen die jeder über acht Meter hoch waren… .
„Brauchen die Riesen den gar nichts zu essen?“ fragte Dirk.
„Eigentlich nicht. Ab und an etwas Wasser. Und ein wenig Öl für die Gelenke, das reicht eigentlich.“ Antwortete Georg. Etwas Öl war untertrieben…ein Fass Öl wäre vermutlich richtiger gewesen, aber an so was würden die Jungs sicher nicht heran kommen und mal eben so mitschleppen können.
„Heute dürfen wir leider nicht so lange bleiben…“
„Macht ja nichts. Die Hütte ist ja schon fast fertig. Nur noch ein paar Äste an den Seiten, dazu noch etwas Erde, und schon ist die Hütte windgeschützt. Wir haben angefangen aus der Kapsel alles zu bergen, was man heraus nehmen kann. Viel mehr als ein paar Notutensilien ist das aber nicht gewesen.“ Erklärte Georg.
Den Rest des Tages bis zum Mittag verbrachten sie mit den Endausbau der Hütte, die nun gross genug war, das alle fünf so gerade eben rein passten.
Im Laufe des Tages nahm der Wind zu, und am Abend ging der Sturm richtig los. Zum Glück befand sich die Hütte im Wald, so das der Wind nicht mit voller Wucht gegen die kleine Hütte prallte. Und nun bewies sich, wofür die ganzen Zweige notwendig waren, die an der Hütte anlagen, die das Dach und die Wände im Endeffekt bildeten. Sie hielten den Regen weitestgehend draussen. Die Plane tat ihr übriges. Das bei diesen Sturm niemand schlafen konnte war verständlich.
Die Nacht hätte fast ereignislos sein können, nur durch den Sturm gestört, wenn nicht plötzlich Dirk atemlos aufgetaucht wäre.
„Schnell…wir brauchen die Hilfe der Riesen…“ keuchte der Junge atemlos als er plötzlich in der Hütte auftauchte.
„Nun mal sachte, Junge. Was ist passiert?“ Georg war etwas überrumpelt, konnte sich nicht im geringsten vorstellen wieso die Roboter gebraucht wurden.
„Das Windkraftwerk…umgefallen…aufs Haus rauf…Bruder ist eingeklemmt…“ stammelte Dirk.
„Euer Windkraftwerk ist genau aufs Haus geknallt…“
„Ja…in das Zimmer meines Bruders rein. Er und seine Freundin sind von einen der Rotorblättern eingeklemmt. Verletzt…“
„Und warum macht ihr dann nicht einfach die Rotorblätter ab?“
„Weil jedes von denen fast ne ganze Tonne wiegt…“ das klang einleuchtend.
Georg sagte ein paar Worte zu der Frau und Billy, vermutlich so was wie :„Bleibt ihr hier, ich sehe mir die Sache mal an“
Dann rannte er raus, hin zu den Riesen, schrie sie an. Dirk wollte gerade an ihn vorbei rennen, als Georg rief: „Halt, wo willst du hin“
„Ich muss doch wieder nach hause, helfen…“
„Ja, aber mit denen geht es schneller…“ sagte Georg und deutete auf die beiden Roboter, die beide jeweils eine der Hände zu Boden sinken liessen.
„Kletter rein, er wird dich hoch nehmen und dann los rennen. Sag uns nur in welche Richtung wir müssen.“
Dirk tat wie ihm gesagt wurde, rief nebenbei: „Wir müssen durch den Wald, und wenn wir auf die Strasse treffen dann auf ihr nach links laufen…“
Als die Hand des Roboters sich hob, musste Dirk sich gewaltig festhalten am Mittelfinger dieser mechanischen Hand.
„Wau…“ dachte er bei sich, als die Hand sich immer höher hob, ungefähr auf Bauchnabelhöhe des Riesen. Und schon rannte der Riese los, hinter ihm der andere mit Georg. Und sie waren schnell. Wo die Jungs beim Schlendern mehr als eine halbe Stunde brauchten, benötigten die Roboter nur wenige Minuten. Und sie hielten sich an die Strasse.
Für Dirk war es einerseits ungemütlich, den er wurde etwas hin und her geschüttelt und war dem Wetter voll ausgesetzt, andererseits war es ein erhabenes Gefühl mehr als doppelt so hoch zu sein, wenn auch nur aufgrund dessen, das er in der Hand des Roboters kauerte.
Das Gefühl verblasste schnell, als er ihr Ziel sah.

Timo hatte die Roboter ja schon gesehen, seine Familie und die von Dirk aber noch nicht. Als sie das Beben des Bodens spürten sahen sie sich um, und als sie dann aus den Regen heraus die Riesen auftauchen sahen, waren alle bis auf Timo einer Panik nahe.
Dann sahen sie ungläubig zu Dirk hinauf, der Regendurchnässt in der Hand des einen Roboters kauerte und auf die Stelle zeigte, wo das Windkraftwerk das Haus getroffen hatte.
Eines der Rotorblätter war während des Fallens voll ins Haus gekracht, genauso wie die Spitze des Windkraftwerks, und hatte einen Teil des Daches zerstört.
Während der eine Roboter Dirk absetzte, der daraufhin zu den verängstigten Familien sagte: „Das sind Freunde, die wollen uns helfen“, was natürlich keiner so recht glauben wollte, lies Georg sich direkt ans Haus bringen, betrachtete die Lage des Blattes, welche beiden Personen dort einklemmte. Dirk hatte nicht ganz unrecht gehabt, wenn auch etwas übertrieben. So wie es sich angehört hatte, mussten die beiden schwer verletzt gewesen sein, doch jetzt…
Als das Windkraftwerk umgefallen war, hatte es einen Teil des Daches runter gerissen. Ein ziemlich grosser Teil davon lag auf den Bett, indem der Bruder von Dirk und die Freundin lagen und hatte die beiden eingeklemmt. Das bett war eines aus Metall, bei dem der Teil am Fussende unter der Last des Daches und des Rotorblattes zusammen gedrückt war. Die Freundin hatte sich zu dem Zeitpunkt zusammen gekauert, deshalb war sie nur recht Bewegungsunfähig. Der Bruder allerdings hatte nicht ganz soviel Glück gehabt, bei ihm war eines der Beine eingeklemmt. Um die beiden zu befreien musste man erst das Windkraftwerk weg nehmen, dann konnte man Teile des Daches weg nehmen.
Georg war nicht alleine oben, da war noch ein älterer Mann mitsamt einer älteren Frau die vergeblich versucht hatten die beiden Eingeklemmten zu befreien. Denen sagte er: „Hallo, wir müssen hier gleich gemeinsam versuchen das Dach, welches die beiden einklemmt, nach unten zu schmeissen, während meine beiden Kameraden das Windkraftwerk wegnehmen. Sind sie dazu bereit?“ Mit Kameraden meinte er die beiden Roboter, auf die er deutete.
Die Älteren nickten bejahend, deshalb wandte sich Georg den Riesen zu, rief ihnen in deren Sprache etwas zu, was diese offensichtlich verstanden.
Beide ergriffen das Windkraftwerk, versuchten dies mit ihrer Roboterkraft wieder auf zu richten. Als Georg sah, wie sich das eine Rotorblatt bewegte, rief er schnell: „Stop“
Ein paar weitere Worte von ihm in der unbekannten Sprache, und einer der Riesen hielt die Rotorblätter fest, damit diese sich nicht weiter drehten, der andere musste alleine das Kraftwerk anheben.
Doch das gelang nicht. Immerhin wog so ein Kraftwerk über 20 Tonnen. Also musste der andere gleichzeitig die Blätter blockieren und mithelfen beim Anheben.
Diesmal klappte es, wenn auch nur knapp. Sofort fingen die beiden Älteren mit Georg an, Teile des Daches nach unten zu werfen. Weitere Personen kamen hoch, halfen, so das die beiden eingeklemmten befreit werden konnten.
Die Freundin war bis auf ein paar Prellungen und Schrammen eher unverletzt. Der Bruder von Dirk hatte nicht ganz so viel Glück, bei ihm war das eine Bein gebrochen und gequetscht. Aber er lebte noch und wurde schnellstens nach unten gebracht, in einen Wagen gesetzt und ab ging es zu einen in der Nähe wohnenden Arzt.
Für Georg, Dirk und Timo war noch nicht schluss, das Dach musste noch erneuert werden, zumindest provisorisch, und das Windkraftwerk wieder befestigt und aktiviert werden. So lange gab es nur den Strom aus der Batterie.
Aber auch das Problem wurde gelöst. Dank der Roboter ging die Notreparatur des Daches schnell von statten, während einer nur noch das Windkraftwerk festhalten musste, damit Stahlseile neu gespannt werden konnten. Nun wurde dabei auch klar, wieso das Windkraftwerk umfallen konnte. Als der Sturm losging, war es aktiv gewesen und stand direkt im Wind. Dazu kam noch der aufgeweichte Boden… .
Zum Glück lies der Wind schnell nach, das einzige was blieb war der Regen.
Als der Morgen graute hatten sich die Riesen zurück gezogen, nur Georg war geblieben und half wo er nur konnte.
Endlich waren sie fertig. Zwischendurch waren Timo und Dirk genauso schlafen gegangen, wie einige andere. Deshalb war Georg zum Schluss alleine mit den Eltern und Grosseltern von Dirk. Diese fragten ihn dann auch gleich aus, woher er kam, was er hier machte… .
Georg gab bereitwillig Auskunft, soweit er es konnte. Er erzählte auch vom Zusammentreffen mit Dirk und Timo, ihre Reaktion auf die Roboter.
„Solche Maschinen habe ich noch nie gesehen.“ Meinte die Mutter von Dirk.
Der Opa wandte ein: „Ich schon. Es sind gewaltige Kampfmaschinen, jede ist mindestens anderthalb mal schwerer als das Windkraftwerk. Und eine von ihnen würde ausreichen, um die gesamte Miliz unseres Planeten zu vernichten.“
Als der Opa die leicht entsetzten Gesichter der anderen sah, erweiterte er mildernd: „Aber ich habe noch nie gesehen, das man sie auch für etwas positives einsetzen konnte. Und ich finde es gut, das die Kinder denken, es wären nur mechanische Riesen.“
„Wir haben nicht vor, jemanden hier zu schaden. Wir wollen nur wieder nach Hause“ meinte Georg.
„Haben sie dann schon irgendwelche Pläne?“
„Nun…die Kinder erwähnten einen Raumhafen. Und meist ist dort wo ein Raumhafen ist auch ein HPG. Ich denke, wir als Personen würden schon irgendwie hier weg kommen, nur wie man die Roboter hier ungesehen weg bekommen kann, das weis ich nicht.“ Gab Georg zu.
„Was den Raumhafen betrifft…da können sie morgen mitkommen. Allerdings gibt es hier kein HPG.“
Diese Information gefiel Georg nicht sonderlich. Aber andererseits konnte er vielleicht irgendwas über den Raumhafen deichseln. Zumindest einen Abflug für sie alle.
„Das Angebot nehme ich gerne an. Doch nun muss ich zurück zu meinen Leuten. Sonst werden die ungeduldig.“
„Wollen sie den nicht wenigstens bis zum Frühstück bleiben?“ fragte die Mutter.
„Ma´am. Es wäre unhöflich gegenüber meinen Kameraden wenn ich mir den Bauch voll schlage, während die von Notrationen sich ernähren müssen.“
Darauf wusste keiner eine Antwort. Warum Georg zum Schluss so merkwürdig war…wusste er selbst nicht so genau… .

Am nächsten Tag war Georg wieder da, um auf das Angebot des Mitfahrens einzugehen. Natürlich wurde er von Dirks Eltern vorher noch mit alten Klamotten des Vaters eingekleidet, damit er nicht so extrem auffiel. Seinen alten orangenen Overall lies er bei ihnen. Zudem wurde er noch etwas frisiert, der Bart etwas in Ordnung gebracht…kurzum er wurde in einen Farmer verwandelt. Die viele Arbeit als Tech hatte ihn genug Schwielen und andere Spuren in die Hände gegraben, das er durchaus als schwer arbeitende Person durchging. Und damit seine Anhänglichkeit an Dirks Vater erklärt werden konnte, würde dieser ihn einfach als Seasonarbeiter ausgeben. Das gab es durchaus, wenn auch seltener. Seasonarbeiter auf den Bauernhof, bei Erntezeit normal, auch wenn es bis zu dieser noch fast einen Monat dauerte.
Endlich war er soweit und ging mit Dirks Vater zur Strasse, wo innerhalb der nächsten ein bis zwei Stunden der so genannte Postwagen kommen musste, der sie in die Stadt bringen würde.
Genug Zeit für ein paar Plaudereien.
„Ich muss leider gestehen, das meine Frau nicht gerade begeistert war, als sie am frühen Morgen entdeckte, das die Roboter ihren kleinen Blumengarten platt getreten haben.“ Versuchte der Vater anzufangen.
„Nun, die Riesen sind halt riesig. Alles was kleiner ist als ein Haus, wird glatt übersehen.“ Dabei musste Georg schmunzeln, er stellte sich das erboste Gesicht der Mutter vor kurz nachdem sie die Roboter für ihre Hilfe gelobt hatte.
„Ich habe mir Gedanken über die Roboter gemacht, wie man sie weg schicken kann“
Das machte Georg neugierig.
„Es gibt einen Altmetallsammler in der Stadt. Er sammelt alles Metall, auch Fahrzeuge. Schlachtet alles aus, verkauft das meiste dann an einen Händler auf einen anderen Planeten. Transportieren tut er das ganze dann immer mit Tieflader und LKW. Vielleicht wäre das eine Möglichkeit“
Diese Neuigkeit war interessant, brachte aber neue Schwierigkeiten.
„Wie ich sah, gibt es hier auch Agromechs…allerdings sehen die gänzlich anders aus, als unsere Roboter. Deshalb wird es schwer werden, unsere Roboter zu tarnen.“
„Möglich. Aber erstmal müssen wir sehen, ob wir den Altmetallsammler überhaupt zur Zusammenarbeit überreden können.“

Drei Monate später kam der Postwagen wieder und brachte diesmal etwas für Dirk und Timo mit. Die Roboter waren vor fast drei Monaten mit den drei Gestrandeten weg gefahren, getarnt als Agromechs, versteckt unter riesigen Planen auf zwei Tiefladern.
Die beiden Jungs hatten die Roboter fast schon wieder vergessen, spielten mit anderen Kindern in ihrer Waldhütte. Das Leben verlief schon wieder ganz normal. Auch Dirks Bruder war wieder vollauf, der Knochenbruch war fast verheilt.
Und dann kamen heute die beiden Pakete an, gerade als die beiden bei Timos Eltern zu Mittag assen. „Wer sendet uns den Pakete?“ fragte Timo genauso überrascht wie alle anderen.
Der Postbote deutete nur auf den Aufkleber der an jeden der Pakete klebte, einen der sowohl Absende als auch Empfängeradresse zeigte.
„Hier steht drauf das er von Outreach kommt.“ Meinte der Postbote nur, lies sich den Empfang bestätigen und ging dann wieder.
Begierig darauf, was den da drin für sie sein könnte, öffneten die beiden Jungs ihre Pakete und jubelten.
„Ein Helm…ein echter Helm…“ jubelte Dirk. Er hielt einen militärischen Standardhelm in der Hand. Endlich musste er nicht mehr mit einen Topf auf den Kopf rum rennen.
Aber auch Timo jubelte und hielt ein echtes Med-Pack in der Hand. Zur Beruhigung der Eltern fehlten die Spritzen, nur die Verbandssachen, die Pflaster und ein Stützschlauch, sowie eine Schere und Pinzette waren vorhanden, neben Desinfektionsspray.
Natürlich gab es auch einen Brief von Georg. Er hatte diese Pakete abgeschickt, als kleines Dankeschön für die Hilfe der Kinder.
Und das war noch nicht alles. Es gab noch für jeden eine Zinnfigur die genau die gleiche Form hatte, wie die Roboter. Und das besondere war, das jede dieser Figuren genauso angemalt war wie die Riesen einst. Und es gab noch an jeder Figur, unten auf der Basis eine Bezeichnung. Der von Dirk hies demnach Panther, und der von Timo Feuerfalke. Passende Namen, wie die beiden fanden. Nur der Opa von Dirk hoffte, das die Jungs nie wieder einen von den Riesen begegneten. So friedlich wie hier waren die Battlemechs nämlich nicht… .
29.05.2005 15:37 eikyu ist offline E-Mail an eikyu senden Beiträge von eikyu suchen Nehmen Sie eikyu in Ihre Freundesliste auf Fügen Sie eikyu in Ihre Kontaktliste ein
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Das Ende eines Dorfes


Es war eine stürmische Herbstnacht. Der Himmel finsterer als das schwärzeste Pech und nur an einigen Stellen, die seltsam knotig wirkten, schien das Mondlicht fahl auf die schlafende Erde. Vom Sturm kaum berührt lag Spessing in einem weiten Tal in welches das Dorf mit Sicherheit Drei mal hineinpasst hätte.

Von Norden kommend schlängelte sich der Nipper das Tal. Die letzten Wochen ausgiebigen Regens hatten den sonst kleinen Bach bedrohlich anschwellen lassen. Eine Straße die normalerweise parallel zum Fluss verlief, war an einigen Stellen nicht mehr zu sehen oder von knistiegen Schlamm überdeckt.

Doch dies beunruhigte die Bewohner von Spessing nicht im Geringsten. Denn das kleine Dorf wurde auf dem einzigen Hügel im Tal gebaut, so dass der Bach, solange er nicht vollkommen außer Kontrolle geriet, nur ein oder zwei verlassene Hütten regelmäßig unter Wasser setzte. Da diese aber schon seit einiger Zeit leer standen störte sich niemand mehr daran. Ganz im Gegenteil, wenn man nämlich die Hütten auf Hochwasserschäden untersuchte, konnte man sich dabei ganz bequem mit Baumaterial für das eigene Heim versehen.

Spessing war nicht wirklich ein Dorf, man konnte es eher als die Vorstufe eines Dorfes bezeichnen. Es bestand acht mittleren Gehöften, die Bauern gehörten, welche das umliegende Land urbar machten. Sogar eine kleine Gastwirtschaft sowie ein kleiner Gottesschrein waren zu finden. Die Gastwirtschaft machte von außen einen sehr verfallenen Eindruck, so dass man angenehm überrascht war, wenn man das genaue Gegenteil im inneren antraf.

Sie war nämlich in viele kleine und gemütliche Nischen aufgeteilt in die man sich als Gast zurückziehen konnte. Dies hatte zum Ergebnis, dass eine optimale Mischung aus Gesellschaft und Privatsphäre erzeugt wurde. Der Wirt hatte genau darauf geachtet, dass dies ein Ort war, an dem man auf einer Reise oder nach einen arbeitsreichen Tag seinen Abend verbringen wollte.

Trotz der späten Stunde brannte im Wirtshaus noch Licht und die Letzten Gäste schickten sich gerade den Heimweg, zwar etwas wackelig doch bestimmt, zu suchen. Doch im allgemeinen Aufbruch klopfte es plötzlich an der Tür. Wer klopfte mitten in der Nacht an einer Gasthaustür? Nein, die Frauen der Bauern würden sich nicht mit einem einfachen Klopfen aufhalten, sie würden die Gastwirtschaft stürmen und ihre angetrunkenen Ehegatten nach Hause zerren.

Doch noch bevor Spekulationen an Substanz gewannen, öffnete sich knarrend die Tür. Alle Augen waren auf den schmalen Eingang gerichtet in dem eine dunkele Gestallt stand. Diese Gestallt war in einen schwarzen Umhang gehüllt, dessen Kapuze weit über das Gesicht des Fremden reichte. Niemand wagte ein Wort zu sagen als der Fremde eintrat. „Gott zum Gruße! Ich suche ein Lager für die Nacht und ein wenig Essen und wenn ihr es erübrigen könnt ein Krug Wein!“ sagte die alte Gestallt als die Kapuze zurückgeschlagen wurde.

Darunter kam ein von tiefen Furchen gezeichnetes Gesicht zum Vorschein. Die Haare waren von einer tiefen grauen Farbe, das Alter des Mannes konnte man getrost als steinalt bezeichnen. „Freilich wohl guter Mann, doch ist dafür eigentlich schon zu spät! Ich wollte gerade schließen. Doch wenn es euch nichts ausmacht das dass Essen schon lange kalt ist, könnt ihr gerne etwas abhaben.“ Sagte der Wirt um das verlegene Schweigen zu beenden, welches immer noch vorherrschte. „Das ist mir gleich, Hauptsache ich bekomme was zu Essen. Ich bin schon seit einigen Tagen unterwegs und habe viele Neuigkeiten zu berichten.“

Dies weckte nun endlich die anderen Gäste aus ihrer Stille. Ein Geschichtenerzähler! Neuigkeiten waren in so einen Dorf jedes Mal ein Ereignis. Denn hier in Spessing kannte Jeder Jeden und die Neuigkeiten beliefen sich darauf das die Nachbarskuh zwei Kälber geworfen hatte, oder ähnliche Banalitäten. „Wie läuft der Krieg an der Nafarküste?“ „Was gibt es neues von Bol Chi Al?“ Diese und andere Fragen stürmten auf den Alten ein.

„So lasst doch den Mann erst einmal Platz nehmen. Hier bitte Alterchen nimm hier Platz!“ Sprach der Wirt während er auf einen großen runden Tisch zeigte. Der Alte ging dorthin und nahm Platz, kurz darauf gesellten sich einige der Gäste zu ihm. Der Wirt brachte mittlerweile einen massiven Tonbecher und einen Krug Rotwein. Noch hatte er kein Wort gesprochen und ein leises Flüstern war von den Restlichen Gästen zu hören als der Alte den Becher füllte und ihn in einen Zug leerte.

„Ein guter Wein Herr Gastwirt, baut ihr ihn selber an?“ Einer der Gäste, es war der ein Junger Knecht, konnte seine Neugier nicht bremsen und sagte: „Na komm schon Alterchen, erzähle uns von deinen Neuigkeiten!“ Einer der älteren Bauern versuchte auch gleich wieder diese Unhöflichkeit auszugleichen indem er sagte: „Narun! Lass den guten Mann doch erst einmal etwas essen und zu Kräften kommen. Deine Ungeduld ist wieder einmal nicht zu ertragen!“

Dies entlockte der alten Gestallt ein zaghaftes Lächeln. In diesem Moment erschien der Wirt mit einem Leib Brot und einem großen Stück einer Wurst. „Wie ich schon sagte habe ich leider nichts Warmes mehr, Frieda meine Köchin hat schon Feierabend. Doch dies ist eine Spessinger Spezialität, weit über unser kleines Dorf sind wir dafür berühmt.“ Dankend nahm der Alte das Mahl an und machte sich gleich daran die Speise zu verschlingen.

Nur leises Murmeln war zu hören und einige schickten sich an, sich wieder auf den Heimweg zu machen. Nachdem der Alte so gespeist hatte setzte er an: „Nun, der Krieg an der Nafarküste läuft ganz gut. Vor drei Wochen haben des Imperators Paladine den Blutogerstamm der Rhonen zurückgeschlagen ohne große Verluste zu erleiden. In Bol Chi Al wütet hingegen eine unbekannte Seuche, der Imperator hat eine Ausgangssperre verhängt und die Stadt abgeriegelt. Niemand kommt hinaus und Niemand kommt hinein. Ihr könnt euch sicher Vorstellen welches Chaos dort herrscht. Denn wie mir zu Ohren gekommen ist werden langsam die Lebensmittel in der Stadt knapp. Doch Hilfe soll unterwegs sein, wie ich von Lord Sidius hörte. Dieser Berichtete mir nämlich das der Imperator seine Nekromanten dorthin entsendet hat um diese Seuche zu stoppen.“

„Bah! Nekromanten, diese Scharlatane können doch nichts gegen eine Seuche ausrichten! Narun, hast du nicht Verwandte in Bol Chi Al?“ Sprach einer der älteren Bauern. Der Wirt hatte sich in der Zwischenzeit zu den Anderen an den runden Tisch gesellt. „Unterschätze nicht die Kraft der Geister, Janok! Ich war selber einmal dabei, als einer der Kaiserlichen Nekromanten einen Geist beschwor…“ Meinte er als Narun ihm ins Wort fiel: „Ja Itak und Carl leben in Bol Chi Al und betreiben dort eine Schusterei. Oh ich bete zu Sooran das Sie noch leben!“

„Ist schon etwas über die Seuche bekannt?“ Meinte Janok als der Alte gespannt den Geprächen lauschte und keine Anstallten machte, weitere Neuigkeiten zu berichten. „So du warst also bei einer Geisterbeschwörung dabei, wann war das und zu welchen Zweck wenn ich fragen darf?“ Sprach darauf der Alte. Sie hatten diese Geschichte schon an die Tausend mal gehört und mit jeden Mal wurde Sie wunderlicher. Eigentlich war es ganz einfach.

Eine junge Frau war in einem Wald unterwegs gewesen. In diesem Wald stieß Sie auf eine Quelle und da es ein heißer Sommertag war und die junge Frau Durst hatte, trank Sie aus dieser. Kurz darauf wurde ihr übel und sie Brach zusammen. Es war schließlich einen fliegenden Händler zu verdanken dass die junge Frau nicht gleich an Ort und stelle starb. Denn dieser Händler war mit seinen Gefolge auch im selben Wald unterwegs und wie es der Zufall wollte, fand er die Frau, welche niedergesunken immer noch an der Quelle lag.

Während er sich näherte sah er einen Nebelfetzen über der Frau liegen welcher seltsamerweise immer mehr an Substanz gewann. In der Mitte, oder was man dafür halten konnte, war deutlich ein schwarzer Punkt zu erkennen. Geistesgegenwärtig wie er war rannte er sofort zu der Frau, nahm sie auf die Arme und trug Sie von der Quelle weg, woraufhin sich der Nebel langsam und von innen heraus auflöste.

Man hatte die Junge Frau daraufhin in ein Gasthaus gebracht, in welches der Spessinger Wirt eingekehrt war. Dort wurde nun ein Arzt gerufen, doch dieser konnte nichts feststellen. Daraufhin wurde ein Priester bestellt, dieser stellte eine Inbesitznahme durch einen Fuean fest. Auch meinte er dass seine Kräfte nicht ausreichten um den Fuean zu bändigen. So wurde ein kaiserlicher Nekromant herbeigeordert um dem Spuk ein Ende zu bereiten. Dieser kam auch unverzüglich und machte sich sogleich daran den Geist auszutreiben. Die Zeremonie dauerte etwas über eine Stunde und zeichnete sich durch eine beeindruckende Effektlosigkeit aus. Nachdem der Nekromant das Zimmer betreten hatte verfiel er ein in ein Schwiegen, dabei waren seine Augen auf das Mädchen gerichtet. Seine Lippen bewegten sich stumm so als ob er ein Gebet abhalten würde. Mit einem grellen Schrei erwachte das Mädchen von einer Sekunde auf die Andere. Darauf meinte der Nekromant das „Es“ vollbracht wäre und zog ohne ein weiteres Wort zu sagen wieder ab.

„Doch du hast uns Neuigkeiten versprochen Alterchen!“ Nörgelte wieder Narun in dessen Stimme sich langsam Müdigkeit schlich. „Wohl!“ antwortete darauf der Alte der gespannt der Geschichte gelauscht hatte. „Nun in Mugruva wurden Tunnel unter der Stadt entdeckt die die von allen möglichen und unmöglichen Gestallten bevölkert werden. Niemand weiß wer dieses Tunnelsystem anlegte noch zu welchem Zweck. Nun trifft fast jede Woche eine Söldnertruppe ein um zu erkunden, was sich dort verbirgt. Allerdings soll noch niemand aus dem Höhlen entkommen sein. Der Bürgerrat befürchtet nun dass die Tunnel angelegt wurden um die Stadt zu schwächen. Immerhin ist es von da nicht mehr weit bis Dulgan. Ach ja das Hätte ich ja fast vergessen, Dulgan wurde überrannt und ist nun fest in der Hand der Orks. Dort hätte der Imperator seine Paladine Hinschicken sollen. Zehntausende Menschen kamen in Dulgan um, so sagt man jedenfalls.“

Plötzlich ging wieder die Tür auf und einige der Frauen kamen herein. Nicht nur um ihre Männer nach Hause zu geleiten, nein vielmehr um das Neue zu erfahren. So stand bald eine Traube von Menschen um den Tisch an dem nach wie vor heftig diskutiert wurde. Nur selten ließen sie noch den Alten zu Wort kommen doch wenn dann schwiegen alle. „Nun“ begann der Alte schließlich „Ich werde mich nun zur Ruhe begeben. Anscheinend habt ihr ja genug Neuigkeiten für ein ganzes Jahr! Herr Wirt wie viel kostet die Nacht bei Ihnen?“

„Für dich Alterchen, mache ich einen speziellen Preis. Nur einen Dukaten verlange ich.“ Antwortete der Wirt. Er musste seine Stimme sehr anstrengen um überhaupt gehört zu werden. „Sehr gut! Nicht mehr wäre ich bereit gewesen zu zahlen doch nun lass mich schnell auf das Zimmer, ich brauche Ruhe!“ So begleitete der Wirt den Alten auf das Zimmer welches für Reisende vorgesehen war. Er öffnete es und ging eine Fackel nehmend hinein dicht gefolgt vom Alten. „Hier hast du Ruhe, der Lärm aus der Schankstube dringt nicht bis hierher, doch selbst wenn er bis hier her kommen würde, wäre dies kein Problem. Denn ich werde diese ganze Bande erst einmal vor die Tür bitten, immerhin ist es schon spät in der Nacht!“ darauf der Alte „Wohl, guter Mann, hier werde ich einen süßen Schlaf haben.“ Damit ging der Wirt wieder aus dem Zimmer die Tür hinter sich leise ins Schloss ziehend. Kaum war der Wirt aus der Tür begann eine seltsame Verwandlung an dem Alten.

Seine Gestallt begann zu flimmern, so als ob sich seine Konturen auflösten. Dieses flimmern griff blitzartig auf den Raum selber über. Dies veränderte wiederum das Flimmern so das der kleine Raum wie in Nebel getaucht wirkte. Plötzlich erschien mitten in der Brust des Alten ein schwarzes Loch welches nicht größer war als ein Stecknadelkopf.

Diese dummen Dorfbewohner! Mit ihrer Neugir, besser gesagt die von der Neugier verursachten Spannungen im Geiste der Dorfbewohner hatten ihn mit reichlich Energie versorgt. Ja, dies würde ausreichen um den Samen zu pflanzen. Er bewegte seine rechte Hand, welche nur noch in Ansätzen zu erkennen war, an das Loch. Dieses behielt dabei seine Größe, doch die Hand oder was von ihr übrig war, komprimierte sich auf eine Weise die die Augen eines Beobachters hätten tränen lassen.

Kurz darauf zog er seine Hand zurück wobei diese fast wieder normal wirkte, bis auf das unheimliche Flimmern. In der Hand lagen 5 dunkelblaue Körner. Langsam aber sicher verzog sich der Nebel aus dem Raum und das Flimmern ebbte auch ab. Daraufhin steckte der Alte die Körner in ein seiner Taschen. Es war getan. Er hatte den Samen in diese Welt geholt, nun mußte er nur noch gepflanzt werden, dann würde die energie der Dörfler ihm und nur ihm allein gehören.

Er erschauderte nur bei dem Gedanken daran. Einer dieser Dörfler hatte eine unglaubliche Energie. Diese würde es ihm ermöglichen wenigstens einhundert seiner Brüder in diese Welt zu hohlen. Natürlich erst nachdem er sich daran genährt hatte immerhin hatte er noch viel vor und brauchte die Energie.

Doch dies musste warten die die Dorfbewohner waren immer noch am diskutieren und zwar in einer Lautstärke die bis in sein Zimmer drang. So legte er sich auf das kleine Bett im Zimmer und wartete. Nach einer Stunde war schließlich nichts mehr zu hören. Da machte sich der Alte auf den Weg ins Freie.

Am Fuß des Hügels auf dem das Dorf lag war ein Brunnen gegraben worden. Diesen suchte der Alte auf, hohlte die schwarzen Körner hervor und ließ sie darin fallen. Im Wasser würden die Samen sich teilen und darauf warten das ein unbedachter Mensch sie verschlang. Tat dies dann einer der Dörfler so würde es keine Rettung mehr für ihn geben. Der Samen war erschaffen worden um den Menschen die Lebensenergie zu rauben. Kurz nach dem Verzehr würden sich am ganzen Körper eitrige Beulen bilden, welche hölliische Schmerzen verursachten. Dieser Schmerz wurde genutzt um in den Beulen die Energie zu konservieren.

Nach nicht mal zwie Tagen würde das leidende Opfer endlich sterben. Doch die Energie blieb in den Beulen erhalten. Dann würde seine Stunde kommen. Zufrieden mit seiner Arbeit ging der Alte nun davon. Wenn er in einer Woche in das Dorf zurückkehrte würde er seine Früchte ernten.

Als er dann nach einer Woche zurück kam, war das Dorf leblos. Niemand war auf dem Dorfplatz oder den Wegen zu sehen, auch aus den Häusern drang nur noch Stille. Er ging in das erste Haus am Fuß des Hügels und begann mit seiner grausigen Ernte. Niemand hatte überlebt, das glaubte er jedenfalls. Nachdem er sich gesättigt hatte begann er die Energie zu sammeln um dann damit an Ort und Stelle seine Brüder zu beschwören.

Doch etwas fehlte. Die stärkste Energiequelle war nicht mehr im Dorf zu finden.
Narun war entkommen. Doch die Kraft reichte immerhin aus um fünf seiner Brüder zu beschwören.

__________________
Du führst die Reihen der Lebendigen
Vor mir vorbei und lehrst mich meine Brüder
Im stillen Busch, in Luft und Wasser kennen:
Dann führst Du mich zur sicheren Höhle, zeigst
Mich dann mir selbst, und meiner eignen Brust
Geheime tiefe Wunder öffnen sich
17.08.2005 17:43 Fafnir ist offline Beiträge von Fafnir suchen Nehmen Sie Fafnir in Ihre Freundesliste auf AIM-Name von Fafnir: Mad_Marauder YIM-Name von Fafnir: Tormano MSN Passport-Profil von Fafnir anzeigen
Thorsten Kerensky
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Ich fühle mich geehrt, nun endlich einen Beitrag zu diesem Thread leisten zu können, ein Blindschuss von heute früh. Ich möchte über diese Kürzest-Geschichte nichts verraten, außer dass sie mit BT nichts zu tun hat. ^^

Wahre Helden

Hauptmann Trent Walker marschierte an der Spitze seiner Männer den breiten Pfad hinauf zur Czerno-Hochebene. Nur wenige hundert Meter trennten die 7. Kompanie der 341. Sturminfanterie des heiligen argonischen Reiches noch von der Grenze.
Nach knapp zwei Jahren eines brüchigen Waffenstillstandes mit dem nördlichen Nachbarstaat, der Republik Schwarzfels, hatte der Marschbefehl die Erinnerungen an den blutigen und ergebnislosen Krieg wieder wachgerufen.
Es war ein schöner Sommertag, ein herrlich blauer Himmel überstrahlte die grimmig dreinblickenden Soldaten, die in straff geordneten Dreierreihen der Steigung trotzten.
Walker wusste, dass von der anderen Seite des Hügels ihnen eine Kompanie der Republik entgegen zog und dass sich die beiden Truppen auf der Hochebene treffen würden. Dieser Tag, so hatte er seinen Männern klar gemacht, würde von Strategie und Taktik geprägt sein. Die Defensivstärke der Männer von Argonien war wichtig, aber entscheidend würden ihre Flankenbewegungen werden und ihre Fähigkeiten im Angriff.
Als sie sich der Kuppe näherten, ließ Walker seine Männer aus der Marschreihe in eine breite Aufstellung mit zwei gestaffelten Reihen schwenken und als sie komplett auf der Anhöhe standen, ließ er halten.
Ohne sich zu bewegen standen seine fast fünfhundert Männer in der Nachmittagssonne, vor sich eine weite, grüne Bergwiese. Der Offizier fühlte die Anspannung, die Vorfreude aber auch die Sorge und Angst seiner Soldaten und teilte sie.
Unruhe, Hoffnung und Skepsis rangen in ihm um die Vorherrschaft über seine Gefühle.
Dann tauchte die 3. Kompanie der 209. Schwarzfels-Füsiliere auf der anderen Seite der Ebene auf. Genau wie er hatte der andere Offizier seine Leute in zwei geraden Reihen aufmarschieren lassen und machte vor dem Betreten der Czerno-Ebene Halt.
Walker löste sich aus den Reihen und ging ruhigen Schrittes auf den ihm entgegenkommenden Kommandeur zu. Beide hatten ihren Stellvertretern Anweisungen gegeben, nun würden sie sich treffen und die Details aushandeln, bevor es losging.
Der Argonier ergriff die Hand seines Gegenübers. „Hauptmann Trent Walker, 7./341. Sturminfanterie“, stellte er sich vor.
„Hauptmann Maximilian McArthur, 3./209. Schwarzfels-Füsiliere. Es ist mir eine Ehre.“
Walker musterte den anderen Offizier und kam nicht umhin, ihn sympathisch zu finden. „Gleichfalls. Heute ist ein besonderer Tag, deswegen schickt uns die Republik einen besonderen Offizier.“
McArthur lächelte, dann ließ er Walkers Hand los: „Das trifft auf Sie genauso zu wie auf mich, Hauptmann Walker.“
Der Argonier nahm das Kompliment mit einer angedeuteten Verbeugung zur Kenntnis: „Nun aber genug der Höflichkeiten. Unsere Männer bringen uns vermutlich um, wenn wir hier nur herumstehen und reden. Ich nehme an, es bleibt bei den getroffenen Absprachen?“
Der Republikaner nickte: „Ich sehe keinen Grund, daran etwas zu ändern. Das Wetter spielt mit und ich nehme an, ihre Männer brennen genauso auf diese Entscheidung wie meine. Fangen wir an.“
Grimmig nickte Walker und kehrte zu seinen Soldaten zurück. Als er sich umdrehte, sah er, dass auch der republikanische Offizier seine Männer erreicht hatte.
„Also gut, Männer! Ihr wisst, dass heute ein besonderer Tag ist! Macht mich stolz auf euch! Vorwärts!“
Johlend stürmten seine Soldaten den kleinen Abhang hinab auf die Czerno-Hochebene und auch auf der anderen Seite ertönte Geschrei, als die Füsiliere sich in Bewegung setzten und seinen Leuten entgegen stürmten.
Die eintausend Soldaten strömten auf die Hochebene. Und setzten sich friedlich ins Gras.
Walker und McArthur trafen sich in der Mitte des Feldes erneut und beiden war die Erleichterung deutlich anzusehen.
„Unsere Männer sitzen zwar getrennt, aber friedlich. Das hätte ich mir nie geträumt“, begrüßte der Republikaner ihn.
„Nach all dem Hass und all dem Blut bleibt zu hoffen, dass es auch so ruhig bleibt, wenn wir gewinnen.“
„Als ob das passieren würde. Der argonische Sturm mag ja Weltklasse sein, aber unsere Verteidigung macht das mehr als wett.“
Walker grinste: „Wir werden sehen. Möchten Sie die Worte an die Soldaten sprechen?“
„Nein, die Ehre überlasse ich Ihnen. Ich begnüge mich mit den Worten nach der Entscheidung. Mit den Worten des Siegers.“
Der Argonier hob die Schultern: „Wenn Sie meinen.“
Dann hob er ein Megafon an die Lippen, dass seine Stimme über die gesamte Hochebene trug:
„Tapfere Soldaten der Republik Schwarzfels, tapfere Soldaten von Argonien! Heute ist ein besonderer Tag. Das erste Mal seit Jahren treffen Männer unserer Nationen friedlich aufeinander. Heute ist unsere Chance, mehr in unserem Gegenüber zu sehen, als einen Mörder und einen Feind. Heute ist unsere Chance, uns als Menschen kennen zu lernen.
Wir sind heute nicht hier, um ewigen Frieden zu bringen, wir sind hier, um ein Zeichen zu setzen. Ein Zeichen, dass wir nach sieben langen Kriegsjahren und zwei unruhigen Nachkriegsjahren gemeinsam ein Fußballspiel sehen können und friedlich miteinander umzugehen.
Egal, welche Mannschaft heute gewinnt, egal wie die Fußballspieler auf dem Platz sich verhalten: Hauptmann McArthur und ich möchten, dass Sie sich fair und ruhig verhalten! Geben Sie ein Zeichen, dass dieser Krieg vorbei ist und dass es für unsere Nationen eine friedliche Zukunft gibt!
Gehen Sie aufeinander zu und nicht aufeinander los! Viel Spaß!“
Walker ließ das Megafon sinken und sah in den Augen des anderen Hauptmanns die gleichen Wünsche, die er auch in sich selber spürte. In Frieden zu leben und nach Hause zu können zu Frau, Kindern und Freunden. Dieser Tag könnte der erste Schritt dahin sein.

__________________
Ama-e-ur-e
is-o-uv-Tycom‘Tyco
is-o-tures-Tesi is-o-tures-Oro
is-u-tures-Vo-e-e

16.02.2009 10:43 Thorsten Kerensky ist offline E-Mail an Thorsten Kerensky senden Beiträge von Thorsten Kerensky suchen Nehmen Sie Thorsten Kerensky in Ihre Freundesliste auf
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THE CURSE

„Mein Name ist Jan Seegers. Ich bin verflucht.“
(Jan Seegers gegenüber der Polizei nach seiner Verhaftung.)

Kapitel eins
„Wenn Sie die TV UND RADIO im Abonnement erwerben, bekommen Sie nicht nur zweiundfünfzig Ausgaben frei Haus zum gleichen Preis wie am Kiosk, nein, sie dürfen sich sogar noch eine von drei Prämien aussuchen. Sie haben außerdem ein zweiwöchiges Kündigungsrecht. Die Prämien? Nun, da wäre einmal das Taschenradio, mit dem Sie die Sender empfangen können, deren Sendepläne Sie in unserer tollen Zeitschrift nachsehen können, das dreiteilige Kochtopfset für weniger Arbeit in der Küche und die wirklich nützliche, handliche Kompaktdatenbank komplett mit Touchscreen und fünfhundert Megabyte Speicher.
Ja? Die Datenbank? Ich schicke Ihnen die Unterlagen noch heute raus, Frau Meier, und in einer Woche haben Sie Ihre Prämie und die neueste Ausgabe unserer TV UND RADIO.“
Als Jan auflegte, ließ er sich erschöpft nach hinten sinken. Diese verdammt Arbeit im Callcenter war wirklich die Hölle. Wildfremden Menschen Zeitschriften aufquatschen, was hatte er sich nur dabei gedacht, hier anzufangen? Okay, die Leute hatten nicht wirklich einen Verlust bei der Geschichte. Die TV UND RADIO war vielleicht etwas altbacken, aber an sich eine gute Zeitschrift. Und abgesehen davon, dass die Leute für ein Jahr im Voraus bezahlten, passierte ihnen ja nichts. Dennoch lief ihm jedes Mal der kalte Angstschweiß die Stirn herab, wenn er irgendwo anrief.
„Na, wieder was verkauft? Dein Neunter heute. Wenn du so weitermachst, müssen wir noch Österreich und Luxemburg dazunehmen“, scherzte Herr Wolters, der Abteilungsleiter.
Jan lachte höflich, denn über die Witze der Vorgesetzten hatte man zu lachen, sonst lebte man nicht lange.
„Nein, wirklich. Du hast Talent für den Job. Ich denke, du bist gut genug, um neben der TV auch die gemischten Abos zu verkaufen.“
Erschrocken sah Jan auf. Da war er, der Pferdefuß. Das Callcenter war eben ein Callcenter und lebte von Verkäufen. Nicht nur davon die TV UND RADIO zu verkaufen, sondern auch weitere, populäre Zeitschriften.
Das Schlimmste was man hier tun konnte war Kombinationen zu verkaufen. Wer brauchte schon fünf Zeitschriften die Woche? Und bei jeder Kombi war unter Garantie ein Ladenhüter dabei, den man auf anderem Weg nicht loswurde.
„Ja, Herr Wolter“, brummte Jan.
„Nun lächle doch mal. Noch sechs und du hast dein Wochenpensum geschafft.“
Also quälte sich Jan ein Lächeln ab. Nur damit der Vorgesetzte zufrieden war und wieder ging. Okay, er schien Talent für den Telefonverkauf zu haben. Aber wenn er das Geld nicht dringend brauchen würde, dann hätte er längst etwas anderes gemacht.

„Mensch, Jan, wie machst du das nur? Ich habe gerade mal drei zusammen“, beschwerte sich Susanne vom Nebentisch.
Jan lächelte zu ihr herüber. Susanne hatte eine wirklich große Nase. Zum Glück war sie ein südländischer Typ, da fiel das nicht so auf. Hübsch war sie trotzdem nicht. „Eine zuckersüße Stimme reicht da eben nicht“, stellte er fest.
„Ja, kapiert. Was ist nun dein Geheimnis?“
„Nun. Ich hole mir Neins. So viele wie möglich“, fuhr Jan gedehnt fort.
Susanne runzelte die Stirn. „Neins? Was hast du davon, wenn ein Kunde nein sagt?“
„Nun, ist doch klar. Je mehr Nein sagen, desto mehr hast du angerufen. Und lass nur mal jeden zweiten Ja sagen. Das ist doch ein guter Schnitt, oder? Also, nicht von einem Nein aus der Bahn werfen lassen, sondern den Nächsten anrufen. Und danach wieder den Nächsten. Und so weiter. Je mehr du anrufst, desto mehr verkaufst du.“
„Ach, hm. Tja, danke. Guter Tipp. Was machst du eigentlich so nach der Arbeit?“, fragte sie wie beiläufig.
„Ich habe Morgen einen wichtigen Test. Dafür muß ich die Nacht noch ordentlich büffeln“, erwiderte Jan. „Ist nicht besonders lustig.“
„Oh. Tja. Und Morgen?“
„Volleyballtraining. Und bevor du fragst, Übermorgen ist Fußball dran.“
Susanne strich nachdenklich eine Strähne ihres Haares aus der Stirn. „Du willst nicht mit mir weggehen, richtig?“
„Du hast es erfasst.“ Das klang hart, ja, brutal. Aber es war zu ihrem eigenen Wohl. Mit dieser Einstellung fuhr Jan nun mal am Sichersten.
„Also, ich habe Pause. Machst du die zwanzig auf deiner Liste noch?“, wechselte er auf Arbeitsthemen.
„Ja, fünf mach ich noch. Wehe, du machst keinen neuen Kaffee, wenn du den alten leer machst“, erwiderte sie.
Jan legte sein Headset ab und grinste schief. „Ich überleg es mir.“
Na, wenigstens schien Susanne nicht sauer über die Abfuhr zu sein.

Drei Stunden später war Jan auf dem Heimweg. Es war arschkalt und die Nacht würde sternenklar sein. Laut Wetterbericht würden sie mindestens zehn Grad Frost kriegen und seine kleine Wohnung war nicht geheizt. Er stellte die Heizung nur an, wenn er Zuhause war. Leider war es meistens dann erst richtig warm, wenn er morgens wieder raus musste.
Fröstelnd richtete er den Kragen auf und zog sein Baseballcap tiefer herab. Hannover. Eine merkwürdige Stadt.
Schnell fand er den Weg zur nächsten U-Bahn und fuhr zum Kröpke. Auf dem größten Umsteigebahnhof der Stadt fand er schnell seine Linie und fuhr nach Hause in die Südstadt. Nicht gerade die beste Gegend, aber Jan war auch nicht gerade ein hoch bezahlter Top-Manager.
Die Bahn war gut gefüllt. Er hatte nur mit Mühe einen Sitzplatz ergattert. Desinteressiert glitt sein Blick über die anwesenden Menschen. Alle hatten sich gegen die Kälte dick eingepackt und starrten blicklos und leer vor sich hin. Hier und dort unterhielten sich ein paar Bekannte. Eigentlich war es langweilig wie immer.
An seiner Haltestelle stieg er aus, verschwand schnell in den Seitenstraßen. Er war etwas faul an diesem Abend, deshalb lief er nur fünf Blöcke vor und drei quer, um etwaige Verfolger abzuschütteln, bevor er sich seinem eigentlichen Ziel näherte.
Gut, der Van stand noch immer an seinem Platz. Eifrig kramte er seine Schlüssel hervor, öffnete den Wagen und stieg hinten ein.
Dort wechselte er seine Jeans, die dicke Steppjacke und den rauen Pulli gegen einen Geschäftsanzug.
Krawattenbinden. Wie er Krawattenbinden hasste.
Danach kletterte er nach vorne und fuhr los.
Er hatte Susanne nicht belogen. Nicht wirklich belogen. Ihm stand wirklich ein wichtiger Test bevor.
Vor seinem Appartementhaus hielt er an, parkte den Van an seinem üblichen Platz. Danach kramte er die Schlüssel für sein Penthouse hervor.

Müde und verspannt stieg er die Treppe hoch. Konnte das alles wahr sein? Musste das alles wahr sein?
„Guten Abend, Jan“, erklang es, als er seine Wohnung betrat.
Der junge Mann lächelte kalt. „Guten Abend. Sie haben es sich anscheinend schon von selbst aus bequem gemacht.“
Die ältere Frau lachte leise und nahm einen Schluck aus ihrem Cognac-Schwenker. „Nun, wenn man wie Sie einen so exzellenten Geschmack hat, dann fällt es mir schwer zu widerstehen.“
Jan grinste und hängte sein Sakko an der Flurgarderobe auf. Danach öffnete er seine Krawatte. „Können wir?“, fragte er leise.
Bedauernd sah die Frau auf den Schwenker und stellte ihn auf dem niedrigen Tisch ab. „Wir können.“
Übergangslos zog sie eine Pistole mit Schalldämpfer. Jan warf sich zur Seite; über ihm wurde ein Bild getroffen. Die Glassplitter regneten auf ihn herab.
Schnell, das Ledersofa als Deckung benutzend, robbte Jan zum Schuhschrank, zog die unterste Schublade auf und holte die Beretta aus dem Zwischenraum hinter der Schublade hervor. Er riss die Waffe gerade rechtzeitig hoch, um die ältere Frau wie eine Furie auf sich niederfahren zu sehen. Jan schoss dreimal. Einmal in den Kopf, zweimal in die Brust.
Da er Weichkerngeschosse verwendete, die sich im Körper verformten und die volle kinetische Energie im getroffenen Objekt entluden, wurde der Körper seiner Angreiferin nach oben geschleudert und dann auf den Rücken geworfen. Gut. Das hielt die Sauerei mit dem Blut in Grenzen.

Verärgert ging er in die Küche und kam mit einer Rolle Haushaltstüchern zurück. Na toll, den Teppich hatte sie schon ruiniert. Den konnte er gleich mit wegschmeißen. Aber das Blut auf dem Parkett war noch frisch genug, um es fort zu wischen. Danach durchsuchte er die Taschen der Sterbenden und förderte einige interessante Dinge zutage. Eine Packung Luckies, ein Zippo, zwei Reservemagazine, mehrere gefälschte Ausweise und einen Ehering.
Neben ihm begann die Sterbende hastig zu atmen. Dann brach ihr Blick und sie war tot.
Jan lächelte kalt und zählte leise bis einhundert. Währenddessen holte er aus einer Abstellkammer Kissen und eine andere Waffe hervor, die im Gegensatz zur Beretta über einen Schalldämpfer verfügte.
Die Kissen drapierte er um den Kopf der Toten. Danach setzte er die Pistole auf ihre Stirn auf.
Als er bei siebenundneunzig angekommen war, schlug die tote Frau plötzlich die Augen auf und fauchte. Jan drückte ab. Der Schädel zersprang wie eine reife Frucht.
„Ich werde alt“, brummte Jan, während er die Reste von Blut und Gehirn, die nicht in den Kissen gelandet waren, vom Ledersofa und der Wand entfernte. Und sein Hemd konnte er ja wohl auch wegschmeißen.
„Ich werde wirklich alt. Früher hätte ich bis hundert auch wirklich hundert Sekunden abgezählt.“

Tja, dieses Versteck war nun das, was man im Allgemeinen verbrannt nannte. Der Feind – irgendeine Partei von den vielen, mit denen er sich angelegt hatte – wusste nun, wo er wohnte. Ihm diese Killerin zu schicken war nicht mehr als ein müder Gruß, bestenfalls eine Warnung. Wenn sein unbekannter Gegner nicht wusste, wer er war und ihn für einen einfachen Agenten hielt, dann klang die Sache schon wahrscheinlicher, dass man geglaubt hatte, ihn mit einem Ghul ausschalten zu können.
Unauffällig erhob er sich, sah heimlich auf die Straße herab und in den Hintergarten. Auf den ersten Blick erkannte er nichts Verdächtiges. Und niemand schien sich am Van zu schaffen gemacht zu haben. Vielleicht war es doch sicher, die Nacht noch hier zu verbringen. Immerhin war er todmüde und hatte sich die Schulter geprellt, als er sich zu Boden geworfen hatte, und der Ghul hatte ihn ja nur Jan genannt und…
Resigniert ließ er den Kopf hängen. Seinen Job im Callcenter hatten sie also auch aufgespürt. Na Klasse.
Langsam griff er zum Telefon. Er rief eine Nummer an, die er nirgends aufgeschrieben hatte. Sie würde auch nur dieses eine Mal zu erreichen sein. Danach nicht wieder.
„Ich bin es“, sagte er, als die nichts sagende Bandansage eines Pizzalieferservice verstummt war. „Mein Versteck ist verbrannt. Ein toter Ghul liegt in meinem Wohnzimmer und meine Nachbarn haben die Schüsse gehört. Außerdem ist meine Tarnidentität auch verbrannt. Ich komme nach Hause.“
Jan legte auf, zündete sich eine Lucky der Toten an und begann wortlos zu rauchen. Packung und Zippo steckte er ein, nachdem er sichergestellt hatte, dass kein Sender darin versteckt war.

Langsam ging er durch die Wohnung. Er würde nicht besonders viel mitnehmen können. In der Einheit hieß es immer: Türme keinen Besitz auf, dann belastet er dich auch nicht.
Aber Jan war schlecht darin, sich auch dran zu halten. Also packte er zwei Koffer mit Anzügen und seinen Lieblingsklamotten voll, montierte die Festplatte aus seinem PC, natürlich nicht, ohne vorher zu prüfen, ob der Ghul hier dran gewesen war und füllte den spärlichen Rest Platz im Koffer mit Büchern, die er mochte oder noch nicht Zuende gelesen hatte.

Danach wusch er sich das Blut der Toten vom Gesicht und zog ein frisches Hemd an.
Schließlich schnappte er sich sein Sakko vom Haken der Flurgarderobe, zog zusätzlich den schweren schwarzen Wintermantel über und steckte drei der hier versteckten Waffen ein, weil sie ihm lieb waren. Lieb wie die Beretta, die ihm wieder mal das Leben gerettet hatte.
Im Treppenhaus empfing ihn ein zorniger Mitmieter. „Also, Herr Schrader, Ihre Waffenliebe in allen Ehren, aber Sie sollten keine scharfe Munition in Ihrer Wohnung aufbewahren. Ich habe Ihnen gesagt, irgendwann geht eine Ihrer Waffen mal los.“
Jan ließ den Mann einfach reden und drückte sich an ihm vorbei.
„Herr Schrader. Hey. Was machen Sie da eigentlich? Wollen Sie verreisen?“
Jan blieb kurz stehen und lächelte zurück. „Ein Meeting der Firma in London. Wird länger dauern. Wir werden uns eine ganze Zeit nicht sehen.“
„Na, dann werden wir endlich mal eine Zeitlang Ruhe in diesem Haus haben“, stellte der Mieter zufrieden fest.

Jan verließ das Haus und stieg in seinen Van. Er zündete sich eine neue Lucky an und starrte zu seinem Appartement hoch. „Wie man es nimmt, Herr Schulze, wie man es nimmt“, antwortete er auf die letzten Worte seines Nachbarn.
Er zog ein kleines Kästchen aus seinem Mantel und drückte die einzige Taste ein. Kurz darauf erfolgte eine kleine Explosion, die fünf Kilo Mehl in der Küche und den umgebenden Räumen verteilte. Danach gab es erst eine kleine Stichflamme. Dem folgte eine Explosion, als die Flamme die fein verteilten Mehlstäubchen als Brennstoff benutzte und durch den vielen Sauerstoff zwischen ihnen zusätzlich genährt wurde. Aus seinem Penthouse flogen die Scheiben raus, lange Stichflammen leckten aus den Löchern hervor.
Bei diesem Anblick lächelte Jan kalt. „Hoffentlich verbrennst du mit, du alter Sack.“
Aber dieser Wunsch würde unerfüllt bleiben. Lediglich seine Wohnung würde brennen. Gut brennen und der Ghul eventuell auch, wenn er Glück hatte.
„Mist“, murmelte Jan, als er den Van in Bewegung setzte. „Wenn ich den Laden sowieso hochjage, wieso habe ich dann überhaupt erst sauber gemacht? Scheiß Gewohnheiten.“
Schnell kam er auf die Hildesheimer Straße und suchte sich seinen Weg zum Fernverkehr.
Raus aus der Stadt. Erst mal.
**
Als Jan das unscheinbare Haus in Laatzen erreichte, fuhr er mit seinem Van direkt in die geöffnete Garage ein. Kurz machte er sich Sorgen, dass die Höhe nicht passte und in Gedanken malte er sich das Kreischen sich beschwerenden Metalls aus. Aber anscheinend hatte er Glück.
Jan stieg aus und besah sich die Sache näher. „Junge, da darf aber keine Briefmarke am Boden sein, sonst kommt der Wagen zu hoch“, murmelte er grinsend.
„Was für hoher Besuch“, erklang es von der Tür zum Haus herüber.
„Elena“, sagte Jan leise. „Meine Identität ist verbrannt.“
„Ich habe es schon gehört. Na, komm erst mal rein.“
Die Mittdreißigerin ging vorweg und Jan folgte ihr. Sie trug nur einen bequemen Hausanzug, der den Außentemperaturen überhaupt nicht angemessen war und zudem etwas eng saß.
Ärgerlich über sich selbst, dass die alte Schachtel ihn erregte schüttelte er wütend den Kopf. „Ich muss wohl mal dringend wieder“, brummte er leise zu sich selbst.
„Muss mal wieder was?“, fragte die Ältere.
„Mir ein junges Ding schnappen und ordentlich…“
„Ach, das. Hat dir schon mal jemand gesagt, dass du ein Schwein bist, Jan Seegers?“
„In letzter Zeit nicht“, erwiderte er leise.

Elena führte ihn in den Wohnraum und von dort in den Keller. Offiziell war sie Mitarbeiterin in einer hannoverschen Bank und ziemlich weit oben in der Hierarchie, um sich solch ein Haus leisten zu können, obwohl sie alleine lebte. Inoffiziell war sie Anlaufstelle für jeden fünften Agenten in Hannover.
Vom Wohnraum ging es in den Keller. Dort schob sie ein Regal mit Einmachgläsern zur Seite und schlug gegen die blanke Wand.
Kurz darauf glitt die Wand beiseite und Jan sah in eine fertig geladene AK 47.
„Lass den Quatsch, Mikhail“, raunte Elena und drückte den Agenten beiseite. Sie trat in den isolierten Raum ein und nickte den fünf anderen Anwesenden zu.
„Carl, ich bringe dir einen weiteren Verbrannten. Es scheint so als würde die Society uns langsam auf den Zahn fühlen wollen.“
Ein schmächtiger Mann mit blassem Teint drehte sich zu den Hereinkommenden um und grinste. Es wirkte auf Jan, als würde eine Maus ihre widerlichen Nagerzähne zeigen. Oh, er hasste dieses Bild. Und er hasste Carl Sunderman.
„Na, wenn das mal nicht Jan ist. Was haben wir denn feines?“
Jan warf sein Headset auf den Tisch, welches er im Callcenter benutzt hatte. „Hier sind die Stimmaufzeichnungen von vierhundert Menschen gespeichert. Zu mehr hat die kurze Zeit leider nicht gereicht.“
Carl nahm das manipulierte Headset entgegen wie einen Schatz. „Vierhundert? Du warst ja richtig fleißig.“
„Kann man sagen. Ich habe dreihundertneun neue Abonnenten für die TV UND RADIO gewonnen“, bemerkte Jan mit kaltem Lächeln.
„Dann bist du ja aufgeflogen, bevor du Mitarbeiter des Monats werden konntest“, spottete der blasse Mann.

„Lassen wir das“, bestimmte Elena, bevor der Streit eskalieren konnte. Beiden sagte man ein recht hitziges Temperament nach, und Elena war nicht daran interessiert herauszufinden, wie hitzig. „Carl, werte die Stimmen aus. Jan, dein Bericht.“
Der zuckte die Schultern. „Wie man es nimmt. Als ich vom Callcenter zurückkam, empfing mich ein Ghul-Attentäter. Bevor er mich angriff, hat er mich Jan genannt. Nicht unter meinem Decknamen Klaus, auf den mein Appartement lief. Ich habe den Ghul in Kopf und Brust geschossen und gewartet, bis er sich reanimiert hatte. Danach habe ich ihm den Schädel weggeblasen. Anschließend habe ich einen heißen Abgang vorbereitet und bin abgehauen.“
„Hm“, machte die Frau nachdenklich. „Wie könntest du dich verraten haben?“
„Wie wurde ich verraten? Ich habe jedenfalls keinen Fehler gemacht“, erwiderte Jan kalt.
„Hm. Vielleicht doch“, mischte sich Carl ein. „Einen Peilsender kriegt man schnell untergeschoben.“
Jan ergriff den schmächtigen Mann am Kragen. „Denkst du, ich bin ein verdammter Anfänger oder ein lausiger Innendienstler wie du?“
„Innendienstler? Der Innendienstler war mal Navy Seal und bricht dir gleich jeden einzelnen deiner verdammten Finger, wenn du sie nicht sofort wegnimmst.“
„Jungs, Jungs, Jungs!“, rief Elena und trennte die beiden Streithähne. „So kommen wir zu nichts. Es muß einen Grund dafür geben, warum Jan verbrannt ist. Und es wäre nicht schlecht, wenn wir herausfinden warum.“
„Einen Hinweis kann ich geben“, sagte Jan leise. „Ich wurde nur von einem Attentats-Ghul angegriffen. Hätten sie gewusst wer ich bin, dann wären sie mit einer Einheit gekommen. Oder gleich mit einem Alten.“
„Vielleicht wollten sie dich auch nur aufscheuchen, damit du sie direkt zu uns führst“, giftete Carl.
Wütend wollte Jan etwas erwidern, doch in diesem Moment sah William von seinem Platz aus auf. „Elena! Alarm im Haus. Drei, nein, vier, fünf, sechs Kontakte. Sie brechen durch die Fenster!“
„Wusste ich es doch! Sie sind dir gefolgt!“, blaffte Carl und griff unter seinen Schreibtisch. Dort zog er eine UZI hervor, lud sie fertig und richtete den Lauf der Waffe auf die getarnte Tür.

„Wir sitzen hier schön in der Falle“, brummte Jan und zog seine heiß geliebte Beretta.
„Sitzen wir nicht. Hinten gibt es einen Notausstieg, der im Gartenhaus hinter dem Pool endet“, antwortete Elena und deutete mit dem Daumen nach hinten.
Jan riss die Augen auf und warf sich unter einen Tisch. Kurz darauf erklang eine Explosion, die Elena voll erwischte. Sie hatte nicht einmal Zeit zu schreien, als die Splitter der versteckten Tür wie Schrapnell auf sie nieder fuhren. Als sie auf dem Boden aufschlug, waren ihre Augen gebrochen und Blut lief in dünnen Fäden aus ihrem Mund.
Carl formte Worte mit dem Mund, aber Jan hörte nichts mehr. Die Explosion hatte ihn taub gemacht.
Aber er wusste auch so, was der schmale Mann meinte. Also hob er die Beretta, rief Carl ein Arschloch zu und feuerte auf das erste Scheinwerferlicht, welches durch den Notausstieg kam. Der Getroffene fiel nach hinten und blieb liegen.
Zur Antwort rollte eine Granate in den Raum.
„Sie wollen uns nicht lebend“, hauchte Jan und wunderte sich, dass er seine eigene Stimme hören konnte. Mit seinem Gehör war es also doch noch nicht ganz Essig.
Carl warf sich vor, ergriff die Granate, warf sie zurück. Sie explodierte im Notausgang, kurz nachdem der dünne Mann von mehreren Kugeln getroffen wurde und nach hinten kippte.
„Das hat vielleicht gereicht“, japste Jan und stieß William und Shaugnessy an, die einzigen, die außer ihm noch lebten. „Raus hier! Jetzt oder nie!“

Er wusste nicht, ob die beiden ihn verstanden, aber Jan war es auch egal. Sie würden ihm schon folgen, wenn er voran ging.
Vier Gestalten in Panzerwesten und mit schweren Heckler&Koch UMP 45 ausgerüstet, lagen am Boden. Als sich eine von ihnen rührte, zögerte Jan nicht ihr eine Kugel in den Schädel zu jagen.
Hinter ihnen brach die Tür auf und ein wahrer Metallregen ergoss sich in den Raum. Leider holte er auch Shaugnessy von den Beinen, der schwer zu Boden stürzte. Er wälzte sich auf den Rücken und feuerte mit schmerzverzerrtem Gesicht in den Raum zurück. Geht, formten seine Lippen lautlos.
Kurz darauf traf ihn eine Kugel in der Stirn.
Jan kletterte voran, William hastig hinterher. Halb erwartete er eine Wache am Ausgang, aber das Gelände war sauber. Und langsam konnte er wieder etwas hören.
Neben ihm kam William aus dem Tunnel geklettert, doch dann bellten die automatischen Schüsse auf und schienen ihn tanzen zu lassen. Blut trat ihm aus dem Mund, als er mit ungläubigem Blick wieder zurück fiel.
Gut, das würde die Verfolger aufhalten.

Jan verließ das kleine Gartenhaus, hetzte über den Zaun in Nachbars Garten. Mist, seine Sachen und den Van konnte er jetzt wohl vergessen. Nur die Festplatte seines PCs blieb ihm.
Noch ein Garten, dann noch einer. Wieder überwand er einen Zaun und trat in einen Komposthaufen. Dort knickte er ab, nahm den letzten Garten und gelangte auf eine Straße.
Er orientierte sich kurz. Weg hier, so schnell wie möglich, bevor die Gegner ihn erreicht hatten.

Die Straße hinab sah er eine junge Frau in ihrem Wagen sitzen und telefonieren. Jan zögerte nicht lange, riss die Beifahrertür auf und warf sich in den Sitz. „Fahr los!“, brüllte er die Frau an und drückte ihr seine Waffe an den Schädel.
Entsetzt starrte die junge Frau ihn an, startete aber gehorsam den Motor und fuhr an.
„Schneller!“, kommandierte Jan und spannte den Hahn der Beretta.
Mit vor Angst bebenden Fingern nahm sie die nächste Kurve viel zu schnell, rammte ein parkendes Auto.
Aber wenigstens erreichten sie auf diese Weise die B442.
Nur fort von hier. „Richtung Hannover“, kommandierte er ruhig und nahm die Waffe herunter, behielt sie aber in der Hand. Mit der Linken massierte er seine Stirn.
„Was… Was ist denn überhaupt los?“, fragte die junge Frau verzweifelt. „Hören Sie, ich bringe Sie gerne irgendwo hin, aber tun Sie mir nichts. Ich habe einen kleinen Sohn und…“
„Ihr Balg interessiert mich nicht! Fahren Sie und halten Sie die Klappe“, herrschte er sie an.

Schweigend verließen sie Laatzen und kamen dabei Koldingen immer näher. Der Verkehr war zum Glück um diese Uhrzeit minimal.
„Schöne Fingernägel“, begann Jan eine zwanglose Konversation. „Carbonbeschichtet?“
„Ja, ist eine verdammte Sauerei und muß alle drei Wochen…“, begann die Frau im Plauderton, bis sie merkte, was sie gesagt hatte.
Ihr Gesicht verzerrte sich vor Wut und die Rechte bildete eine Kralle, die nach Jans Kehle schlug.
Der schoss. Seine Waffe hatte die ganze Zeit auf ihren Kopf gezielt.
Dann brachte er den Wagen zum Stehen, kletterte auf den Sitz der Toten und fuhr ihn ein Stück den nächsten Feldweg hinein.
Als er stumm bis fünfzig gezählt hatte, stieg er aus, öffnete den Tank und schnüffelte.
„Benzin“, stellte er zufrieden fest. Bei siebzig hatte er die Frau gefilzt und Bargeld gefunden. Dazu nahm er ihre Ringe und die Armbanduhr mit. Bei neunzig stopfte er einen Stofflappen in den Tank und zündete ihn an.
Bei neunundneunzig war er zwanzig Meter entfernt und wandte sich um. Die Frau, oder vielmehr der Ghul löste gerade den Sicherheitsgurt und warf ihm einen bösen Blick zu. In diesem Augenblick explodierte der Tank.
„Hundert. Ich werde wohl doch nicht alt“, brummte Jan zufrieden.
Er wandte sich um und ging. „Kommt, Leute, ein hübsches, junges Mädchen, das um drei Uhr Morgens mitten in der Woche am Straßenrand hält und mit einer Freundin quatscht, ohne die Türen abzuschließen… Für wie naiv haltet Ihr mich eigentlich?“
**
Noran hatte Angst. Angst wie noch nie in seinem Leben. Er hatte solche Angst, dass er kaum zu atmen wagte, geschweige denn sich zu bewegen.
Was war nur aus seiner kleinen Welt geworden? Gestern war alles noch in bester Ordnung gewesen, er hatte friedlich mit Vater, Mutter und seinen Geschwistern zusammen gelebt, war zur Schule gegangen. Und heute? Heute hatte sich alles geändert.
Einfach alles.
Seine Eltern waren tot, abgeschlachtet vor seinen Augen. Seine Geschwister verschwunden, verschleppt oder geflohen. Er alleine war zurück geblieben.
Er alleine harrte zwischen Wand und Kommode aus, hatte seine Beine umklammert und bemühte sich, nicht zu schluchzen, obwohl ihm so sehr zum heulen war.
Wie lange würde es dauern, bis sie ihn fanden und auch verschleppten? Oder würden sie ihn gleich töten, wie seine Eltern?

Ein furchtbarer Schrei ließ ihn den Kopf hoch nehmen und erschrocken ausatmen.
Das Geräusch, das er dabei verursachte, bereitete ihm große Angst, denn SIE hatten sehr gute Ohren. Noran glaubte sogar, dass sein Herz laut genug schlug, dass SIE ihn hören konnten.
Wieder hatten sie einen gefunden. Einen wie ihn. Und sie töteten ihn, öffneten seine Adern und tranken sein Blut, wie er es gesehen hatte, bei Vater und Mutter.
Er wollte nicht sterben. Nein, das war nichts, was ein Achtjähriger tun sollte.
Aber SIE fragten nicht danach, was er wollte. Sie nahmen sich einfach, was sie wollten.
Noch ein Schrei, er klang näher. Sie durchsuchten die Häuser, gründlicher als bei der Attacke, mit der sie die meisten Menschen auf die Straße geholt hatten. Sie suchten nun die Schlaueren, die Versteckten. Versteckte wie ihn. Und sie fanden jeden einzelnen, nach und nach.

Schritte klangen auf. Sie kamen in den Raum, kamen kurz näher, entfernten sich wieder, kamen wieder näher. Ängstlich hielt Noran die Luft an.
„Bei all dem Blut kann man kaum die Menschen riechen. Die Jäger sollten mehr Blut trinken und weniger vergießen“, hörte er eine gelangweilte Männerstimme.
Dann entfernten sich die Schritte wieder.
Noran wagte nicht aufzuatmen. Noch nicht. Nein, damit war er noch nicht in Sicherheit.
Wie Recht er damit hatte, spürte er, als dieses Gesicht mit den blitzenden Augen vor ihm auftauchte. Der Mund öffnete sich und entblößte zwei riesige Eckzähne. „Habe ich dich gefunden, kleiner Mensch.“
Noran erstarrte. Nun würde er sterben.

Von draußen drang ein neues Geräusch herein. Es war… Eine Explosion?
Rufe wurden laut, Maschinengewehrfeuer klang auf. Wieder diese Schreie, aber sie wirkten so anders. Das Gesicht vor ihm verzerrte sich vor Wut. „Sie schon wieder. Na, da muß ich wohl schnell einen Happen essen. Halt still, kleiner Mann, dann tut es nicht mehr weh als nötig!“
„Stimmt!“, erklang eine weitere Stimme. Übergangslos verschwand das Gesicht in einer roten Fontäne. Einer Fontäne aus Blut, die Noran besudelte.
Dann kippte der Körper beiseite.
Ein neues Gesicht tauchte vor ihm auf. Es wirkte hart und ernst, aber es hatte nicht diese leuchtenden Augen und auch nicht diese spitzen Zähne.
„Komm, Kleiner. Das ist kein Ort mehr für dich.“
Noran sah hoch, musterte das Gesicht und schlug die Hand, die der Fremde ihm bot weg. Dann sprang er auf und lief an ihm vorbei.

Draußen erwartete ihn ein grauenvoller Anblick. Die Straßen waren mit Toten übersäht. Überall lagen sie, manche zu Haufen, manche einzeln. Und zwischen ihnen lagen die kopflosen Leichen der Angreifer.
Noran sackte auf die Knie. Er würde leben. Vielleicht. Aber dieses Bild würde er nie wieder vergessen.
Eine schwere Hand legte sich auf seine Schulter. „Du kannst hier nicht bleiben. Du wirst mit mir kommen.“
Noran nickte schwer. Dies war nicht mehr sein Platz. Nie mehr.
**
Nur langsam fand Jan zurück in die Welt der Lebenden. Er war die Nacht durchgefahren, um über die A2 erst auf die E30 zu kommen und von dort bis nach Amsterdam zu fahren. In der Stadt hatte er seinen gestohlenen Wagen geparkt und offen gelassen, der beste Garant dafür, dass irgendein Trottel ihn stahl und damit effektiver verschwinden ließ als Jan das auf die Schnelle konnte.
Danach war er mit der Bahn nach Rotterdam weitergefahren, von wo er eine Fähre nach London nehmen wollte.
Nun saß er hier in der Wartehalle und langweilte sich zu Tode. Er musste eingeschlafen sein.
Mist, wie viele Verfolger hatte er jetzt wohl mittlerweile? Zehn? Zwanzig? Oder mehr?
Benommen schüttelte er den Kopf. Der Platz hatte sich reichlich belebt, es konnte nicht mehr lange dauern, bis die erste Fähre auf ihren Weg ging.
Wenn er erst einmal in London war, dann…
London war sicher. London war eine Hochburg der Organisation, die ihn gerettet und aufgezogen hatte. Der er seine erstklassige Bildung und seine Waffenkenntnisse verdankte. Die ihm im Ausgleich dafür aber das eigene Leben fortgenommen hatte und ihn als Agenten arbeiten ließ.
Wieder schloss er die Augen und ließ den Kopf gegen die harte Lehne hinter sich sinken. Dieser Traum, dieser verdammte Traum. In letzter Zeit hatte er ihn öfter. Er spürte jedes Mal die Verzweiflung, die Angst, roch das Blut der Toten.
Verdammt!

Seine Fähre wurde aufgerufen und Jan erhob sich. Noch war er nicht in Sicherheit, noch lange nicht. Aber auf der Fähre zu sein, während seine Verfolger ihn noch in Hannover oder in der Umgebung vermuteten, war sicher eine große Hilfe.
Andererseits, die Organisation würde nicht sehr erfreut darüber sein, einen Teil der Struktur Norddeutschland verloren zu haben. Und die Struktur war sehr nachhaltig ausgerottet worden.
Die Society wurde zunehmend dreister, schaffte es immer öfter die Organisation zu packen. Und mit jedem Agenten der starb, verlor Jan einen Teil seiner Unterstützung.

An Bord der Fähre packte Jan das wenige, was er in einen gekauften Koffer gepackt hatte, in seine Kabine, schloss ab und ging an die Bar. Dort schüttete er sich mit Bier und Scotch zu, bis er nicht mehr stehen konnte. Anschließend wankte er in seine Kabine zurück und ließ sich auf sein Bett fallen.
Diesmal würde er diesen Traum nicht haben, diesmal nicht.
Und es war ihm scheißegal, ob er sich eine Blöße gab und angreifbar wurde.

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Ace Kaiser,
Angry Eagles

Corrand Lewis,
Clan Blood Spirit

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24.01.2012 20:10 Ace Kaiser ist offline E-Mail an Ace Kaiser senden Beiträge von Ace Kaiser suchen Nehmen Sie Ace Kaiser in Ihre Freundesliste auf
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