The World of BattleTech (http://forum.twobt.de/index.php)
- BattleTech Foren (http://forum.twobt.de/board.php?boardid=2)
-- Kurzgeschichten (http://forum.twobt.de/board.php?boardid=5)
--- A Cavaliers Legend (http://forum.twobt.de/thread.php?threadid=890)
Geschrieben von Ace Kaiser am 02.05.2026 um 00:04:
Zenturio Hannes Faber musste an sich halten, um nicht nervös in der Zentrale der SWASHBUCKLER auf und ab zu laufen. Stattdessen saß er auf einem Gastsitz im Hintergrund und verfolgte den Anflug des Union-Landungsschiffs aus der Flugparabel ins Conrad-Mittelgebirge. Genauer gesagt ins Norad-Tal, in dem die Miliz vor ewigen Zeiten Fort Wegener angelegt hatte, um eine schlecht angreifbare Position zu haben, während man gleichzeitig die Pässe übers Gebirge schützen konnte. Eigentlich eine gute Idee für den Fall, dass die als Conrad-Zacke bekannte Tiefebene südlich der Berge ins Weltmeer ragte, Aufmarschgebiet für eine Invasion wurde.
Nun gab es zwar besagte Invasion, aber sie erfolgte von zwei Seiten, da die Miliz des Planeten gleichzeitig gegen die amtierende Gouverneurin putschte. Zumindest jene Teile der Miliz, die sich mit dem Kopf des Putsches, der Wengenbaum-Familie, gemein gemacht hatten. Damit verlor Fort Wegener keinesfalls seine Aufgabe. Aber seine Position war dadurch prekär, weil von zwei Seiten Angriffe geführt wurden.
Nun war das Fort von vorne herein kein großer Stützpunkt und kaum ausgerüstet. Aber eben eine Festung. Solange die Besatzung still gehalten hätte, zum Beispiel wenn die Akugawa-Miliz das Gebirge unbehelligt hätte überqueren können, hätte man Stützpunkt und Besatzung ignorieren können. Aber zwei Faktoren waren hinzu gekommen, die sich nicht ignorieren ließen.
Einerseits, dass die Familie Wengenbaum die Parole ausgegeben hatte, dass wer nicht mit ihr war, gegen sie war.
Und andererseits, dass sich Zorn Kenderson in diesem Tal befinden sollte, jener junge, charismatische Anführer der Kenderson Cavaliers, der nicht nur ein ganzes Regiment an nagelneuem, zeitlos eingelagertem Kriegsgerät gefunden haben sollte, sondern schon auf einem anderen Planeten ein anderes Depot entdeckt und geplündert hatte. Was die Einheit theoretisch reich genug gemacht hatte, damit jedermann in den vorzeitigen Ruhestand hätte gehen können. Kenderson aber hatte sich dazu entschieden, sich und seine Einheit aktiv zu halten. Die Details waren Faber nicht bekannt, aber er wusste, dass militärische Macht ein guter Antrieb war. Wenn es auf Allans World wirklich ein ganzes Regiment aus Mechs und Panzern gab, die während der Nachfolgekriege hier versteckt worden waren, dann war das ein Milliardenwert! Mehrfach! In C-Noten! Jene Einheit, die darauf ihre Hand legen und die Beute auch noch vom Planeten abtransportieren konnte, würde genug ausgesorgt haben, um sich einen Peripherieplaneten samt Bevölkerung zu kaufen.
Soweit das Briefing diese Themen behandelt hatte, war ihm und seinen Leuten gesagt worden, dass Kenderson einen Überfall auf die Conrad-Zacke angeführt hatte. Während der Mission sei er mit einem zweiten Mech von seinen Leuten getrennt worden und beide Piloten hatten hier oben Zuflucht gefunden. Das machte ihn zu einem Ziel auf dem Präsentierteller, denn sein Leben oder sein Tod würden eine Eintrittskarte ins Brian-Kastell sein, in dem die Kriegsmaschinen verborgen gewesen waren. Wengenbaumspione berichteten, dass diese Beute real war. Andere Spione wiederum berichteten, dass Kenderson im Norad-Tal mittlerweile um die zwanzig Mechs aller Klassen zusammengezogen haben sollte.
Das hatten die Wengenbaums aber verworfen. Eher waren sie bereit daran zu glauben, dass Kenderson noch vor der Mission auf der Zacke einen Teil seiner Leute ins Tal entsandt hatte, um hier auf ihn zu warten. Da es mindestens acht verschiedene gesichert beobachtete Mechs bei den Verteidigern gab, welche den Südpass und die Straße im Nordwesten verteidigten, schien das plausibler. Aber warum sollten die Spione lügen? Oder konnte man ihnen nicht trauen?
Fakt war, dass sich die Führung der Miliz dazu entschlossen hatte, das Tal zu nehmen und Kendersons Einheit zu vernichten, was die Chance, das Brian-Kastell samt der militärischen Güter in die Hände zu bekommen, massiv erhöhen würde. Der Hauptpreis in diesem Konflikt, der unter ein wenig Zeitdruck stand, denn egal wie sich die Wengenbaums legitimierten, wenn ihr Putsch nicht abgeschlossen war, bevor New Avalon eine kampfstarke Einheit schickte, war mindestens die Beute im Brian-Kastell verloren.
Die Aufgabe seiner Latin Striders würde es sein, mit der SWASHBUCKLER ins Tal zu fliegen, an einem sicheren Punkt, der von der Artillerie des Forts nicht beschossen werden konnte, zu landen, und von diesem Punkt aus den Nordwestpass von innen zu nehmen und damit das Tal für eine Invasion zu öffnen, während zeitgleich die Akugawa-Miliz als Ablenkung von Süden aus angriff. Das würde die acht Mechs unter Kenderson erfolgreich aufsplitten und beschäftigt halten. Soweit sagte es der Plan.
Nun waren die Latin Striders keine große Einheit, sondern nur eine kleine, überschaubare Söldnertruppe aus der Peripherie, die sich nicht den Luxus gönnen konnte, bei ihren Aufträgen wählerisch zu sein. Aber im Idealfall fanden ihre Einsätze, meistens Wachdienste, Verteidigung strategischer Ziele und ab und an mal eine Kampagne gegen Piraten, in der Peripherie statt, jenem Gürtel aus besiedelten Planeten rund um die Innere Sphäre, die keinem der sechs großen Reiche zugeordnet waren. Die Striders eine Kompanie zu nennen, war gerade so gerechtfertigt. Dreizehn Piloten, elf Maschinen, achtzehn Techs, das war alles. Hinzu kamen normalerweise noch die Familien, noch einmal achtundneunzig Leute, aber Hannes hatte sie auf dem letzten Zwischenstopp, einem freundlichen, ruhigen Planeten, untergebracht. Die Unterbringung war bescheiden, aber weit besser, als sie es manches Mal während der Reisen der Striders gewohnt waren.
Zwar zahlte der Auftraggeber gut und hatte im voraus die Hälfte bezahlt, die andere Hälfte bei ComStar hinterlegt, großzügige Prämien für Tote und Verletzte ausgelobt, und kleine, aber immerhin zehn Jahre laufende Hinterbliebenenrenten. Aber genau das war der Punkt, an dem der Zenturio misstrauisch geworden war. Wer sein Geld derart festlegte, nach genau abgesprochenen Konditionen, der brauchte seine kleine Einheit wirklich dringend. Und das war bei der eher nicht so hohen Qualität der Truppe eine gefährliche Aussage. Denn das bedeutete, dass seine Jungs und Mädels als Kanonenfutter benötigt wurden.
Dennoch hatte Faber zugesagt, denn das Geld, das es zu verdienen galt, würde, selbst wenn alle Striders sterben würden, ihren Familien zugute kommen.
Der Verlust der Mechs, einige seit Jahrhunderten in Familienbesitz, und keiner nicht mindestens aus zwei verschiedenden Maschinen bestehend, und nicht immer das gleiche Modell, wurde damit nicht kompensiert. Auch ihre uralten Kampfroboter, tausendfach geflickt, waren Geld wert. Gerade, weil der Zenturio immer Wert darauf gelegt hatte, die besten Techs anzuheuern, die er mit dem Geld der Einheit bezahlen konnte. Und die sich nicht zu fein waren, die jungen AsTechs der Striders auszubilden. Der Sold, welcher bereits geflossen war und noch fließen würde, war bei weitem nicht ausreichend, um selbst den pessimistischen Schätzwert der elf Maschinen zu kompensieren. Aber wurde die Einheit vernichtet und die Striders aufgelöst, war gutes, bares Geld für seine Familien da, das für ein bürgerliches Leben auf ihrer neuen Heimatwelt reichen würde.
Zugleich fielen die immensen Wartungskosten weg, die jede Mech-Kampfeinheit stemmen musste. Summa summarum ein guter Deal für die Latin Striders.
Und angenommen, sie wurden nicht verheizt, angenommen, sie, oder das Gros seiner Leute überlebte diesen Kontrakt, dann bestand sogar die Möglichkeit, nein, natürlich nicht einen oder mehrere Mechs aus dem Depot zu erhalten. So vermessen, das zu glauben, war Faber nicht, auch wenn ihr Mittelsmann, dieser Janard Medice, so etwas ein paarmal angedeutet hatte. Aber wenn sich die Sieger an der Beute bedienten, wurden vielleicht andere Mechs in den beiden Milizenn nicht mehr benötigt. Oder es fiel eine Beutemaschine der Cavaliers für sie ab. Jeder weitere Mech mehr war dann ein Segen für seine Leute. Selbst eine uralte, geflickte Maschine war dann in einem besseren Zustand als die Mechs seiner Leute. Zumindest hoffte er das.
„T minus eine Stunde“, sagte Kapitän Björn Philip. Er sah zu Faber herüber. „Besser, Sie machen sich jetzt fertig, Zenturio.“
Der Anführer der Striders nickte und erhob sich. „Danke, dass ich bis hierhin in der Zentrale sein durfte, Kapitän Philip.“
„Gerne. Mit Dingen, die mich nichts kosten, bin ich normalerweise großzügig“, scherzte er. Die beiden Männer nickten sich noch einmal zu, dann verließ Faber die Brücke. Die SWASHBUCKLER war nicht ihr eigentliches Transportmittel zwischen den Sternen. Das war die KAYNE, ein umgebautes Maultier. Für diesen Auftrag war das schlecht bewaffnete zivile Schiff nicht geeignet genug gewesen, sodass ihnen die SWASHBUCKLER zugewiesen worden war, welches der Miliz gehörte. Also im Moment den Wengenbaums.
Der Union war wesentlich besser bewaffnet und auch besser gepanzert als ihr altehrwürdiges Maultier. Es würde den Landeanflug gewiss überstehen. Und anschließend würde Philip mit der Bewaffnung nicht nur dafür Sorge tragen, dass der Anmarschweg zum Pass von den Schiffsgeschützen der SWASHBUCKLER gedecjt wurde. Sondern dass die Striders auch tatsächlich ihren Auftrag erfüllten. Trotzdem, sicher zu Boden kommen war ein Vorteil, weshalb er dankbar für diese Zuteilung war.
Über mehrere Treppen kletterte Faber im Union in die Tiefe, bis er die Ladebucht 1 erreichte. Hier standen acht ihrer Maschinen, darunter auch sein Donnerkeil. Kurz ging er zu den Spinden, um sich bis auf seine Glücksshorts auszuziehen, damit er der kommenden Hitze im Cockpit besser widerstehen konnte. Dann ging er zu seiner Maschine.
MeisterTech Frohn stand schon bereit, in der Hand eine Kühlweste und den Neurohelm. „D's Baby schnurrt“, empfing er den Zenturio mit seinem harten Peripherie-Akzent, und reichte ihm die Ausrüstung. „All' Babies sinh fit“, fügte er an.
„Na, dann wollen wir doch mal das Schlechteste erwarten und das Beste hoffen“, sagte Faber frohgemut, extra ein wenig lauter, damit seine Piloten, die weitestgehend bereits in ihren Cockpits saßen und auf das Ende des Drops warteten, ihn hörten und glaubten, er ginge zuversichtlich in diese sehr gewagte Mission.
Er nahm die Sachen entgegen und wollte gerade die Strickleiter zum Cockpit erklimmen, da legte der MeisterTech seine Hand auf seine Schulter. „Nich' vergess'n. Kenderson isn feiner Kerl. Wenn sich wer ergibt, schießt er nich' mehr.“
„Äh, ja“, machte Faber. Er hatte nicht vor, mit schießen aufzuhören, bevor der Auftrag nicht erfüllt war. Vor allem nicht, wenn ihre einzige Fluchtmöglichkeit in Form des Unions jederzeit anfangen konnte, auf sie zu schießen, um sie für einen weiteren Angriff zu motivieren. Rechnerisch würden sie gewinnen. Allein von der Tonnageverteilung konnte es nicht anders sein. Sie und das 5. Bataillon der Miliz gegen vier oder fünf BattleMechs? Das konnte doch nur gutgehen, vor allem weil die Sprengladungen, die in den Steilwänden rund um den Pass installiert worden waren, von der Zündung abgetrennt waren. Aber man wusste ja nie, und vielleicht waren es sogar sechs Mechs. So oder so, sie würden die Passage mindestens bis zur SWASHBUCKER öffnen, etwas anderes war logisch gesehen unmöglich. Oder es musste ein Wunder für die Cavaliers geschehen.
Die Frage für ihn war nur, wie hoch der Preis war, den die Latin Striders dafür bezahlen mussten. Wieder einmal.
Faber kletterte ins Cockpit, warf die Weste über und schloss sie an. Nach dem kalten Schauder des Kühlmittels, welches nun zu zirkulieren begann, setzte er den Neurohelm auf, vergewisserte sich, dass die neuronalen Sensoren an den richtigen Stellen saßen und schloss die Riemen. Sein letzter Blick ging zu seiner Notfallausrüstung im Sockel der Pilotenliege. Darin waren unter anderem ein Nadler und eine Autopistole. Falls er abgeschossen wurde. Falls er sich mit der Pilotenliege raus schießen konnte. Falls er es schaffte, lebend auf dem Boden anzukommen. Falls er es schaffte, am Boden zu überleben. Lang genug, dass er sich den Weg in eine Deckung freischießen konnte.Wirklich, konnte er nicht positiver denken? Eigentlich lagen alle Karten bei der Miliz, den Dracs und ihnen, den Striders. Aber sie standen gegen einen Mann und seine Leute, die jetzt schon das zweite Sternenbunddepot entdeckt hatten. Der einen Überfall auf die Conrad-Zacke nicht nur überstanden, sondern seine Leute heil rausgebracht hatte und selbst entkommen konnte. Der mit nur einem einzigen Mech vom Typ Tomahawk einen gut ausgedachten Hinterhalt nahezu pulverisiert hatte. Gut, das war gewesen, weil seine Gegner viel zu nahe herangekommen waren und offenbar keine Ahnung hatten, was die große Karbonstahlaxt mit genau so unvorsichtigen Gegnern anrichten konnte. Aber dennoch. Kenderson war auf der einen Seite, sie waren auf der anderen Seite. Und es wäre ein Fehler gewesen, ihn zu unterschätzen. 'Na wenigstens', dachte Faber in einem Anflug von Sarkasmus, 'hat er nicht auch noch die Wolfs Dragoner in der Hinterhand'.
***
Während die SWASHBUCKLER dem Boden entgegen fiel, begann Kapitän Philip ruhiger und ruhiger zu werden. Er begann vor jeder Landung eigentlich immer mit etwas Nervosität oder einem dummen Tick, wie populäre Melodien pfeifend, auf Dinge klopfend, mit einem Fuß wippend, sowas halt. Je näher aber der Grund für die Anspannung kam, desto gelassener wurde er. Manchmal verglich er das mit Lampenfieber, welches verschwand, sobald sich der Vorhang der Bühne hob – und oh Boy, der Vorhang hob sich rasant.
Der schwierige Part der Mission war nicht unbedingt der Parabelflug. Die Berechnungen waren korrekt, auf den Millimeter genau, und wenn sich die Landezone nicht radikal verändert hatte, würden sie sicher aufsetzen. Einen direkten Anflug zu nehmen wäre wegen der Berge riskanter gewesen, oder wenn sein Schiff höher geflogen wäre, um über die Bergspitzen zu kommen, hätten sie ein leichteres Ziel geboten. Eine Landung nach Parabelflug aber bot große Sicherheit, Präzision, und das kleinste Zeitfenster, in dem die Artillerie von Fort Wegener sie beschießen konnte.
Die kritische Zeit war natürlich kurz vor dem Bodenkontakt. Sein Union musste stark reduzieren, fast die ganze Fahrt aufheben, um nicht zu hart aufzusetzen, damit er einerseits hinterher noch ein Schiff hatte, und andererseits die Mech-Kompanie, welche er absetzen sollte, nicht schon an Bord zerstört wurde. Oder so sehr durcheinander geschüttelt, dass der ganze Überraschungsvorteil dahin war und Kenderson Zeit hatte, Mechs am Lander zusammen zu ziehen, um das Ausschiffen zu sabotieren. Oder zumindest zu erschweren. Da machte sich Philip nichts vor. Die Maschinen, die Kenderson besaß, waren von wesentlich besserer Qualität als jene der Latin Striders. Diese brauchten die Überraschung, den Vorteil, um selbst mit einer Kompanie Mechs die Nordwestpassage zu öffnen. Je mehr Verteidiger auf der Sohle des Passes warteten, desto schwieriger würde es werden, selbst mit dem 5. im direkten Angriff.
„T minus zehn“, sagte Trondheim, der Navigator.
Zehn Minuten noch. Das bedeutete, die Steuerdüsen feuerten bereits, um die Fallgeschwindigkeit aufzuzehren. Davon hatte die SWASHBUCKLER nicht viel aufgebaut, nur so viel, um die Anziehungskraft des Planeten zu überwinden und der Parabel zu folgen. Zeit hatten sie genug gehabt. Aber trotzdem kamen sie jetzt runter wie ein nach allen Seiten leuchtender Komet. Zehn Minuten bedeuteten noch etwa dreitausend Meter. Weniger ging nicht, weil die Parabel die Höhe vorgegeben hatte. Immerhin, jetzt erst waren sie sehr gut am Nachthimmel zu sehen, und bisher hatte sie keine Radarsignale getroffen.
„ORTUNG!“, kam es von Lieutenant Lucksteen, „WIE ES SCHEINT VON EINEM KAMPFSCHÜTZE!“
Na, das hatte ja gut funktioniert. Ein Kampfschütze war einer jener Mechs, die auf Luftabwehr ausgelegt waren. Dabei wurden sie Luft/Raum-Jägern, VTOL und atmosphäregebundenen Jägern natürlich gefährlicher als einem militärischen Landungsschiff, aber dennoch würden seine Waffen Schäden verursachen. Zusätzlich zu jenen Schäden, die zweifellos dazu kommen würden, wenn die SWASHBUCKLER in den Neigungswinkel der Fort-Artillerie eintrat und ohnehin fast keine Fahrt mehr hatte. Für über eine Minute würden sie eine wunderbare Zielscheibe abgeben, und man konnte nur hoffen, dass die Artillerie in der Zeit nicht allzu häufig schoss.
Und durch den Wall aus militärischem Rauch, den sein Schiff kurz vor der Landung erzeugen würde, natürlich so wenig wie möglich treffen würde. Der Rauch war nicht nur optisch undurchsichtig, sondern verhinderte auch Radar-, und Magnetbandortung. Aber jeder halbwegs kompetente Gunner würde sich die Fallgeschwindigkeit seines Unions nehmen, zweimal kurz drüber rechnen und dann genau wissen, wohin er mit seiner Kanone zielen und wann er nur noch abdrücken musste. Dazu kam, dass die Ortungsfähigkeit des Kampfschütze den Überrraschungsmoment teilweise aufgehoben hatte. Nun konnten sie nur noch auf ein wenig Glück hoffen – und dass ihre Panzerung dick genug war. Ein unglücklicher Treffer, der eine Landeluke außer Betrieb setzte und verhinderte, dass ein Teil der Latin Striders sofort ausschleusen und gefechtsbereit werden konnte, wäre ein absoluter Horror, der den ganzen Plan womöglich scheitern lassen würde.
„T minus fünf.“
Noch etwa tausendzweihundert Meter. Llord, sein Pilot, reduzierte mit Hilfe des Bordcomputers genau in dem Maß, wie die Parabel es vorschrieb. Leider machte es ja auch berechenbar. Aber schnell runterkommen hielt Philip für besser als ein oder zwei irrationale Manöver, um der direkten Schusslinie zu entgehen, die zudem Zeit kosten würden. Und wer wusste das schon, vielleicht hatten sie Glück, und die besten Kanoniere von Fort Wegener waren nicht an den Lafetten? Eine irrwitzige Hoffnung, zugegeben.
„T minus eine Minute!“
„Ortung jetzt auch von Fort Wegener“, meldete Lucksteen, diesmal wesentlich ruhiger. Gut. Ihre schrille Stimme hatte fast eintausend Meter Fallweg lang in seinen Ohren geklingelt.
„Waffenmaat“, sagte der Kapitän. „Feuer frei.“
„Aye, Sir“, erwiderte Jensen und feuerte die vorbereitete Vierziger-Salve LSR ab. Die Raketen verließen die Werferrohre genau wie in einer unspektakulären Übung, und detonierten, als wären Zielmarkierungen für Jensen vorhanden gewesen, sehr exakt auf dem Kamm westlich des Passwegs, der sich hier schon deutlich ins Tal eingeschnitten hatte. Schnell bildete sich eine dichte, undurchdringliche Wand aus Nebel. Sein Sichtschutz.
„Signal zur Landung“, sagte er. Damit gab es keinen Weg zurück, kein Durchstarten und Entkommen mehr. Allerdings hielt er das Risiko auch für vertretbar.
„Aye, Sir.“ Der Signalmaat ließ die Sirene durchs Schiff hallen. Wer noch keinen Sitz, festen Halt oder eine Stelle zum Anschnallen gefunden hatte, sollte spätestens jetzt erfolgreich suchen.
Leise Glockenschläge gingen durch die Hülle. Der Kampfschütze schickte mit seinen Autokanonen auf fünfhundert Meter seine ersten Grüße hoch. Philip lächelte verbissen. Das konnte sein altes Ross ab, das war nicht so schlimm.
„T minus dreißig Sekunden!“
Weitere Erschütterungen kamen hinzu, als die Artillerie von Fort Wegener eingriff. Drei schnelle Treffer, zwanzig Sekunden Pause, wieder drei Treffer. Dann waren sie im Deckschatten der Nebelwolken, und das Feuer hörte auf. Eventuell, weil die Geschütze nachladen mussten. Eventuell, weil die Nebelwand doch wirkte.
„TOUCHDOWN!“
„Gut gemacht, EinsWO! Hangartore öffnen! Die Striders können ausschiffen!“, rief er. Na, abgesehen vom Beschuss war das doch eine Landung wie im Bilderbuch gewesen. Alles, was sie jetzt noch tun mussten, war, den Pass zur Tal-Innenseite zu decken, bis das 5. Bataillon den Weg hoch kam. Das würden sie auch noch hinkriegen.
Auf einem seiner Monitore sah er Hangarbucht eins. Die große Rampe war bereits fast heruntergefahren, und die ersten Mechs machten sich bereit, verließen ihre Transportbühnen und stampften aus dem Hangar in Richtung Gefechtsfeld. Der Donnerkeil von Faber war der dritte. Sehr diszipliniert, die Burschen. Immerhin das. Man konnte sich einiges von dieser Truppe erhoffen.
Das Ausschiffen ging zügig vonstatten und dauerte nicht mal eine Minute. Dann bewegten sich die Latin Striders schon auf ihr Einsatzgebiet zu. Wirklich, ihre Mechs mochten alt sein, ihr Training aber war akkurat.
„Auf FeindMechs achten!“, mahnte Philip. Immerhin, die Polkuppe der SWASHBUCKLER war jetzt unterhalb der Felsklippe, wenn auch nur lausige zwei Meter, aber damit konnten sie nicht mehr direkt beschossen werden. Ihre größte Gefährdung waren jetzt die Mechs, und mit vier bis acht Maschinen sollte ein Union eventuell fertig werden. Aber so viele konnte Kenderson kaum einsetzen, wegen der Angriffe auf beiden Seiten. Eigentlich lief es doch gut für sie. Bis er den Fluch von Kershaw hörte.
„Was ist, EinsWo?“
„Schäden an der Hydraulik von Hangarrampe eins, Sir. Ich schicke die Techs hin, um das zu flicken!“
„So schnell wie möglich. Ich mag es nicht, mitten in Feindgebiet mit offenen Luken rumzusitzen!“
„Aye, Sir!“
War das auch geklärt. Also, Zorn Kenderson, was war der nächste Zug nach dieser unheilvollen Überraschung?
***
Geschrieben von Ace Kaiser am 22.05.2026 um 23:43:
„Na also, da hast du doch, was du dir gewünscht hast, alter Junge“, sagte Thomas Jackson zu sich selbst, als er seinen Donnerkeil zur Seite warf, um die fünfundsechzig Tonnen schwere Maschine aus dem Sniperfeuer des feindlichen Kampfschützen zu bringen. Da Warnington die gegnerische Maschine mit seinem Panther noch in der Ortung hatte und die Daten mit ihm teilte, schickte er aus der Deckung heraus eine Salve der Fünfzehner LSR raus, von denen immerhin acht Raketen in die gleich schwere Maschine einschlugen und großflächige Schäden verursachten. Schwer genug, dass der vorwitzige mittelschwere Mech, der sich bis auf vierhundert Meter an den Pass herangetraut hatte, wieder ein wenig zurückfiel, um wieder hinter eine Biegung aus massivem Gestein zu kommen.
„Gut geschossen“, sagte der Unteroffizier der Miliz, den der Alte zusammen mit dessen Lanze auf der Conrad-Zacke adoptiert hatte.
„Gut gezielt“, erwiderte Thomas, nicht nur ein klein wenig erleichtert, dass er es aus der direkten Schusslinie rausgeschafft hatte – für den Moment. Vier Mechs standen hier Wache, und das in einer ziemlich guten Abwehrposition, um jeden Angreifer auf dem Nordöstlichen Pass gut bekämpfen zu können. In diesem Fall die Mech-Einheiten des 5. Milizbataillons. Im Moment zwei Lanzen, die sich abwechselnd bemühten, den Pass zu stürmen. Aber der Alte hatte ihnen im Briefing bereits gesagt, dass dies nur der Ablenkungsangriff sein würde, und er nur dann zu einer vehementen Attacke mutierte, falls das Abwehrfeuer nicht stark genug war. Denn das eigentliche Ziel war, die Landung eines Unions der Miliz mit einer Kompanie Mechs an Bord zu verschleiern, zumindest solange das möglich war.
„Konzentration, Jungs. GAZ des Landers in zwei Minuten“, sagte Captain Winningham, der ihre kleine Verteidigerlanze anführte. Ihm zur Seite stand dabei Corporal Johannis in seinem Dunkelfalke, was aus ihnen eine durchmischte mittelschwere Lanze machte.
„Ja, Sir“, erwiderte Jackson. Wie war er gleich noch mal in diese Situation geraten? Im Gegensatz zu Ellie hatte er sich nicht bewährt und noch nicht die ersten Abschüsse auf seiner Maschine aufmalen lassen können. Er hatte gute Werte und gute Simulatorergebnisse, weshalb ihm immer mehr zugetraut worden war. Das ging soweit, dass, als der erste Mech aus dem Brian-Kastell betriebsbereit war, namentlich genau dieser Donnerkeil, ihm erlaubt worden war, von der doch recht alten Wespe auf den nagelneuen mittelschweren Mech zu wechseln. Darüberhinaus hatte er sich freiwillig gemeldet, als Winningham zu den acht Mechs seiner Wolfs Dragoner noch vier weitere Maschinen hatte mitnehmen wollen. Er und Ellie sowie Lieutenant Chan und ihr Flügelmann hatten das Rennen gemacht. Tja, und als es darum gegangen war, den Köder zu spielen bei der angeblichen Überrumpelung des Nordostpasses, hatte er sich auch freiwillig gemeldet. Und das alles nur, weil es ihn wurmte, dass die kleine Ellie ihm gegenüber schon so viel Vorsprung aufgebaut hatte. Oh, es war kein Neid, kein Hass, überhaupt kein negatives Gefühl wie Eifersucht oder so. Es war einfach nur der Gedanke, von der Jüngeren abgehängt zu werden, bevor er sich überhaupt als Mech-Pilot hatten empfehlen können. Aber hier und jetzt, auf der Liege des Donnerkeils, mit einer Maschine, die ihm gehorchte, als wäre sie eine Prothese seines Körpers, da musste es doch verflixt noch mal möglich sein, dass er sich zumindest im Gefecht bewährte. Von Abschüssen wollte er ja gar nicht träumen, das war ja auch gar nicht der Plan. Und ehrlich gesagt waren ihm die Kugeln schon öfter um die Ohren geflogen, seit er ein Cavalier war, nur meistens hatte er dann keine mehrere Tonnen Blech zu seinem Schutz vor eben diesen.
Unten auf dem tieferen Teil des Passes sprang eine vorwitzige Valkyrie einige Dutzend Meter die Steigung rauf, feuerte seine 10er LSR und den Medium-Laser ab, ohne Schaden anzurichten, und sprang danach wieder in Deckung.
„Bei einer Minute werden sie vermutlich versuchen zu stürmen“, sagte Winningham mit einer Ruhe in der Stimme, die unnatürlich wirkte. Aber natürlich, ein Wolfs Dragoner hatte ganz andere Konflikte gesehen als ein kleiner Söldner bei den Cavaliers. Gerade jemand, der es zum Offizier gebracht hatte, war etwas Besonderes. Wenn er so unterkühlt wie ein Finne nach dem Eisbad klang, dann war das nicht gespielt, dann war er das auch. Thomas hatte ihn jetzt einige Tage richtig kennengelernt, nachdem sie einander mehrmals über den Weg gelaufen waren, und auch seine direkte Erfahrung mit ihm war, dass Winningham die Kühlflüssigkeit seines Mechs direkt an seine Adern angeschlossen haben mochte. „Sie werden drauf hoffen, dass wir uns dann nicht der Bedrohung in unserem Rücken zuwenden können“, fügte er an. „Und ich will, dass es genauso wirkt. Warnington, Sie haben die leichteste Maschine. Sobald wir offiziell vom Union wissen, sehen Sie nach. Das ist plausibel.“
„Ja, Sir“, erwiderte der erfahrene Unteroffizier. Eigentlich war James nur auf seiner Reserveübung, als der Putsch ihn kalt erwischt hatte, und das auch noch auf der falschen Seite des Konflikts. Aber der Mann ergriff seine Chancen und war mutig. Nicht angstlos. Der Alte sagte immer, dass nur Narren keine Angst kannten. Angst war gut, bewahrte vor zu großen Risiken. Aber auch hier galt, alles war in Maßen zu genießen. Angst sollte nie in Panik umschlagen.
„Rauchvorhang auf dem Kamm“, meldete Johannis. „Und ich sehe den Union.“
„Na also. Da unten kommen jetzt auch die großen Brocken. Ist das ein Todesbote, der da hochgestapft kommt?“
Warnington pfiff anerkennend. „Achtzig Tonnen und vier PPK. Das ist die Mühle von Vin Jahn, Sergeant, und ziemlich nerviger Wengenbaum-Loyalist. Hat sich die Maschine eher dadurch als durch Leistung verdient.“
„Danke für die Information. Ich werde mal schauen, wie gut sein Gleichgewichtssinn so ist. Warnington, Sie kennen Ihre Aufgabe. Und Jackson, wie lange wollen Sie noch hinter dem Felsen stehen? Lugen Sie drüber und feuern Sie.“
„Ja, Sir!“, rief Thomas hastig und nahm wieder eine Schussposition ein. Mit freier Sicht den Pass hinab erkannte er den skurril geformten Todesbote und seinen Begleiter, einen gedrungenen Schütze, der seine beiden 20er Werfer aber noch geschlossen hatte. Hinter ihnen ging ein Steppenwolf einher. Das machte insgesamt vier PPKs, die da zu ihnen hoch kamen. Und ein PPK-Treffer war nie zu unterschätzen. Ein richtig gesetzter einzelner Schuss konnte einen zwanzig Tonnen schweren Scout aus der Bahn werfen oder gar zerstören. Also feuerte er seine LSR auf ihn ab, kaum dass eine Feuerleitlösung hereinkam. Die KSR-Salve aus ungelenkten, aber kräftigen Raketen jagte er aufs Geratewohl auf die beiden Mechs vorne ab und wurde mit drei Treffern am Todesbote belohnt. Die anderen landeten seitlich in der Felswand links vom Achtzigtonner und sprengten dort Gestein als Schrapnell ab, der teilweise gegen den Steppenwolf flog und dessen Piloten sichtlich irritierte.
„Sir, ich sag's nur ungern, aber da kommen elf Maschinen aus dem Tal auf uns zu“, sagte Warnington. „Die sehen dafür, dass sie aus der Peripherie kommen, gut in Schuss aus. Gefeuert haben sie auch schon auf mich, und das gar nicht mal schlecht. Da geht ein Donnerkeil mit, der hat mir einen Streifschuss verpasst.“
„An den Plan halten, Sergeant. Geben Sie denen einen Gruß und kommen Sie dann zu uns zurück.“
„Aye, Captain“, sagte der Milizionär. Der Plan war, die Kompanie in den Pass zur Stellung zu locken, also genau dahin, wohin sie ohnehin wollten. Damit begann für die vier Piloten der gefährliche Teil, eingequetscht zwischen den beiden Backen eines Schraubstocks, der sich mehr und mehr schloss. Thomas kannte den Plan des Alten, und Winningham hatte dem zugestimmt. Aber je mehr Zeit verging, desto mehr Zweifel stiegen im jungen Mech-Anwärter auf. Nicht nur einmal hatte er heute daran gedacht, dass es in der Infanterie vielleicht nicht so gefährlich wurde wie in der Mech-Truppe. Dann aber erinnerte er sich daran, dass Ellie immer noch einen Vorsprung vor ihm hatte, was die Reputation auf einem Mech anging, und das ärgerte ihn genug, um wieder runterzukommen und stattdessen noch ein paar Lasertreffer auf den Todesbote zu setzen, bevor der versuchte, seinen vorwitzigen Donnerkeil dafür zu bestrafen. Zugegeben, solange er nicht in akute Lebensgefahr geriet, machte diese Arbeit schon Spaß.
***
„John Brown’s body lies a-mouldering in the grave. John Brown’s body lies a-mouldering in the grave. But his soul goes marching on!“ Der Sniper sang laut und falsch. Aber das war in Ordnung, denn die elf Kampfkolosse, die unter ihnen über die Passsohle zum Übergang auf die Passstraße marschierten, verursachten einen solchen Lärm, dass wahrscheinlich eine Begleitmusik aus Pauken, Posaunen und Trompeten nicht gehört werden würde. Und das waren die Mech-Geräusche, welche diese Giganten nur beim Marschieren machten. Ein Geräusch, das ein normaler Infanterist nicht gerne hörte. Zwar hieß es, fünfzig Infanteristen konnten es gemeinsam mit einem Mech aufnehmen, aber das bedeutete auch eine entsprechende Verlustrate – außer, die Infanterie verfügte über Infernowerfer und konnte genug dieser Eier auf einen Mech ihrer Wahl abfeuern, um ihn und seinen Piloten durchzurösten. Bevor sie selbst durchgeröstet wurden.
Ausnahmen gab es genau zwei auf den Schlachtfeldern der Nachfolgestaaten und der Peripherie. Nummer eins war die Schleichkampfausrüstung. Dunkle, Lichtabsorbierende und Infrarotabdeckende Kampfanzüge mit Multifunktionsvisieren, die es einem Kämpfer ermöglichten, in totaler Dunkelheit zu operieren, und, wie der Name schon sagte, sich unerkannt an ein Ziel anzuschleichen. Weil ein MechPilot, der nicht in seinem Cockpit steckte, nur ein schlecht bewaffneter Infanterist war. Sofern es gelang, ihn zu überraschen. Ja, Schleichkampfanzüge erlaubten sogar eine gewisse Zeit unter Wasser, ohne Nachteile zu erleiden. Zudem bestand die Außenhülle aus Kevlar, was Kugeln abfing, und aus Nanotuch, das spitze Gegenstände und Nadlerplastikgeschosse abwehrte. Alles natürlich nur bis zu einem gewissen Punkt.
Nummer zwei war die Sprungtruppenausrüstung. Mit etwas Hybris konnte man sagen, dass es sich hierbei um kleine Rüstungen für einen Infanteristen handelte, welche seine Panzerung verstärkten, ihn sprungfähig machten und, bei guten Modellen, externe Waffen bis hin zu tragbaren Kurzstreckenraketen unterstützten.
Jorge Hiller kannte natürlich beide Ausrüstungen, hatte auf beiden viel trainiert, und, da war er stolz drauf, auch echte Einsätze damit absolviert. Sowie diese überlebt. Mit nur leichten Verletzungen. Worauf er auch nicht nur wenig stolz war.
Als der Union unter ihnen die Frachtluken öffnete, die Rampen senkte und die ersten schweren Maschinen die Rampe runter kamen – das war der Moment, an dem Michelle Winston angefangen hatte, laut und falsch zu singen – meldete Corporal Roderik, ihr Spotter über den Kurzstreckenfunk: „Keine Infanterie im Hangar.“
Hiller griff sich an die Kehle und aktivierte so sein eigenes Mikrofon. „Gut, Roderik. Suchen Sie ein Ziel für Winston.“
„Hat es. Hydraulikansatz Rampe eins, linke Seite.“
„Hab ihn.“
„Feuer.“
Das schwere ZEUS-Gewehr von Private First Class – lange würde sie das nicht bleiben, wenn sie so weitermachte – ruckte auf, den Schuss hörte man normalerweise mehrere hundert Meter weit, und fuhr durch den von den Mechs verursachten Trubel und Lärm nahezu unerkannt durch eben diese Hydraulikstrebe und zerfetzte sie. Hiller wusste als langjähriges Söldnerkind, dass auf der Brücke des Unions nun eine relativ harmlose Warnung aufblinken würde, dass besagte Hydraulik ausgefallen war. So etwas kam immer mal wieder vor und bedeutete eigentlich nicht viel. Außer, man stand mit heruntergelassenen Rampen mitten in einem Kampfgebiet. Und die Hydraulik war nicht einfach nur ausgefallen oder hatte Öldruck verloren, sondern war so nachhaltig zerstört, dass eigentlich das Kopfstück ersetzt werden musste. Und das in solch einer Situation. „Ziel zerstört“, meldete Winston.
„Gutes Mädchen“, gurrte Hiller, wohlweislich dabei nicht das Mikrofon aktivierend. Das tat er einen Augenblick später, nachdem er einen letzten Blick auf die Gesamtsituation geworfen hatte. „Die Kompanie ist weit genug abgerückt. Schaffen wir vollendete Tatsachen. ANGRIFF!“
Hiller selbst sprang auf, dabei die Plane abstreifend, die über ihm gelegen hatte und die ihn vor Magnetbandortungen und Infarotsichtungen bewahrt hatte. Neben und hinter ihm taten es die anderen neunzehn Mitglieder seines Kommandos gleich, und kurz darauf standen zwanzig Soldaten in voller Sprungkampfausrüstung auf der Klippe über dem Union-Landungsschiff SWASHBUCKER. Das dauerte aber nur eine Sekunde, dann sprangen die zwanzig Mann in die Tiefe. Winston und Roderik würden ihren Angriff von außen decken, aber nachrücken, sobald der Hangar sicher war.
Von unten musste es jetzt so aussehen, falls überhaupt jemand auf die richtigen Bildschirme sah, als würden die zwanzig Infanteristen aus dem Nebel brechen, den das Union-Landungsschiff mit seinen eigenen Rauchgranaten auf der Klippe platziert hatte. Wie kleine Mechs stürzten sie hervor und ließen sich auf den Plasma-Flammenzungen ihrer Ausrüstung die Wand hinab und die Rampe hinauf tragen. Schnelligkeit war das Ziel der Aktion und ihr Lohn. Scheitern und siegen lagen nun sehr dicht beieinander, vor allem weil der Alte befohlen hatte, dass unnötige Opfer zu vermeiden waren. Wer nicht auf sie schoss, wurde auch nicht beschossen. Rational unterstützte Hiller diese Haltung natürlich. Aber der Soldat in ihm drin, ganz tief in seinen Eingeweiden, der fand es wesentlich sicherer, jeden, der in diesen Landungsschiff atmete und nicht zu den Cavaliers gehörte, als potentielles Risiko einfach zu erschießen. Seine Einheit wäre nicht die erste gewesen, die zu milde gegen ihre Gegner vorging, und die anschließend den Preis dafür bezahlen würde. Vornehmlich mit dem eigenen Tod. Aber der rationale Hiller war stärker als der Bauchgefühlsoldat, also gab er mit seinem Autogewehr lediglich eine Salve als Warnung ab, bevor er mitten im Hangar landete und die Waffe drohend auf die anwesenden Techniker richtete. „AUF DEN BODEN!“, brüllte er und unterstrich seine Worte mit einer weiteren Salve an die nächste Hangarwand. Seine Leute landeten neben und hinter ihm. Eine Fünfergruppe jagte gleich weiter Richtung Reaktor, während fünf andere Leute die Besatzung im Hangar zusammentrieb und zu Boden zwang, wenn sie es denn noch nicht war, schön brav mit Händen über dem Kopf.
Hiller und die restlichen neun Mann eilten da aber schon weiter. Die Waffenkammer stand an, und die Brücke musste besetzt werden. Dafür teilten sie sich diesmal zwei zu acht auf.
Im Gang, der den Hangar mit dem Rest des Schiffs verband, stießen sie das erste Mal auf bewaffneten Widerstand. Aber der Matrose war schlau genug, Hände und Waffe nach oben zu richten. Dennoch verpasste ihm einer seiner Leute einen kräftigen Stoß in den Bauch – nicht in den Magen, das hätte ihn durch die Kraftverstärker getötet – und nahm dem dann wehrlosen die Waffe ab. Nach einer schnellen Visitation, die zwei Magazine zutage förderte, schleifte er den halb bewusstlosen Mann in den Hangar zu den anderen Gefangenen. Dann war das erste Treppenhaus erreicht, und bevor Hiller es verhindern konnte, sprang einer seiner Leute hinein, das Gewehr nach oben gerichtet. „SICHER!“ Der Captain folgte ohne zu zögern und stürmte als Erster die schmale Treppe hinauf. Somit war er auch der Erste, der es auf Höhe der Kommandobrücke wieder verließ.
„Waffenkammer gesichert“, erklang eine Meldung über den Kurzstreckenfunk.
„Reaktor gesichert“, kam die nächste Meldung.
„Acht Mann in Gewahrsam“, meldete der Hangar. Gut, das bedeutete, nur noch neun weitere Leute waren auszuschalten. Zog man die Brückenbesatzung ab, bedeutete das, dass es vier, höchstens noch fünf Matrosen sein konnten, die theoretisch in der Enterabwehr ausgebildet worden waren. Zwei von ihnen hatten sich vor dem Schott zur Zentrale eine provisorische Deckung aufgebaut. Sie trugen sogar Kevlar-Westen, aber keine weitere Schutzausrüstung, geschweige denn Helme. Es widerstrebte Hiller auf einmal zutiefst, die Männer regelrecht abzuschlachten. Hatte der zynische Soldat also doch verloren?
Also feuerte er eine Salve über ihre Köpfe hinweg, und in der Enge des Korridors verursachten die Autogranaten einen markerschütternden Radau. Die beiden jungen Männer begriffen wohl, dass sie zu jung zum Sterben waren und am Leben blieben, wenn sie es nicht drauf ankommen ließen. Sie streckten daraufhin die Waffen und traten von der Barrikade zurück, die aus einigen nicht besonders stabilen Möbeln bestand.
Einer seiner Leute schoss in den Haufen hinein, aber es gab keine versteckte Sprengfalle, die ausgelöst wurde, die Möbelstücke wurden nur teilweise zerfetzt, und Splitter verletzten einender Matrosen am Arm. Zwei seiner Leute eilten vor, rangen die beiden zu Boden, nahmen ihnen die Waffen ab und durchsuchten sie oberflächlich. Derweil verteilten sich Hiller und die anderen fünf Kommandos über die drei Zugänge zur Brück.
„Elf Mann gesichert“, meldete der Hangar erneut. Mit ihren beiden machte das dann dreizehn.
Hiller stellte sich an das Hauptschott und ließ es aufgleiten. Sofort klangen die Schüsse mehrere Autopistolen auf, die durch die Öffnung fuhren, obwohl sich keiner seiner Leute zeigte. „Auf mein Kommando“, befahl er über Funk. Dann stellte er den Lautsprecher an. „KAPITÄN PHILIP!“, rief er über die Schüsse hinweg. „GEBEN SIE AUF! DIE SWASHBUCKLER IST IN UNSERER HAND!“
Als Antwort fielen weitere Schüsse. Also irgendjemand rechnete sich Chancen aus, ungepanzert gegen Sprungtruppen zu bestehen. Auf den Bordkameras musste die Brückenbesatzung doch irgendwann gesehen haben, wer sie hier angriff.
„LASSEN SIE DEN QUATSCH! WAS HINDERT MICH, EINFACH EINE INFERNO IN IHRE ZENTRALE ZU FEUERN?“
„Dann können Sie die SWASHBUCKLER nicht mehr starten!“, klang die Stimme eines Mannes auf, der laut der Dossiers in seinen Vierzigern steckte. Hiller wollte ihn korrigieren und erklären, dass ein Start und ein kurzer Flug auch von den Kontrollmöglichkeiten am Fusionsreaktor möglich war. Aber niemand mochte Klugscheißer besonders. Außerdem gehörte es zum Plan, sich als die „Guten“ hinzustellen und die Wengenbaum-Miliz als die ehrlosen Arschlöcher, die sie waren. Zumindest jene, die an das glaubten, was sie taten.
„WAS SIND IHRE FORDERUNGEN?“, fragte er daher.
„Na, verlassen Sie mein Schiff, und zwar sofort! Ich habe hier den Daumen auf der Selbstzerstörung!“, antwortete der Landungsschiffskapitän.
„SIE WOLLEN FÜR DIE WENGENBAUMS STERBEN?“, rief Hiller.
„Ich würde mit meinen Leuten sterben!“, erwiderte er.
„NIEMAND MUSS STERBEN! ICH BIN CAPTAIN HILLER VON DEN CAVALIERS! SIE HABEN DAS WORT VON LIEUTENANT COLONEL KENDERSON, DASS SIE ALS KRIEGSGEFANGENE MIT ALLEN RECHTEN UND EHREN BEHANDELT WERDEN!“
„Das sieht Ihr Kenderson vielleicht so, aber was sagt die Gettysburg-Miliz wohl?“
„LIEUTENANT COLONEL KENDERSON IST DIE MILIZ!“ Das war zwar etwas übertrieben, aber wenn es half, die Situation zu entschärfen, bevor die Striders zurückkamen und sie ganz, ganz schnell eine sehr blutige Lösung brauchten, dann musste er es versuchen. Bevor er ein Bündel Granaten auf die Brücke werfen und die Schotts mit Hilfe der Hydrauliken der Rüstungen verschließen ließ.
Derweil waren seine Leute schon einige Zeit auf Position und warteten auf sein Zeichen, durch die anderen beiden Zugänge auf die Brücke einzudringen.
„Erklären Sie das, Hiller!“
„DER CHEF WURDE ZUM LIEUTENANT COLONEL DER MILIZ ERNANNT UND IST NUN KYRENSKYS STELLVERTRETER!“ Der Part war überhaupt nicht gelogen, sondern äußerst wahr. „ICH WIEDERHOLE MICH! SIE HABEN SEIN WORT, ALS KRIEGSGEFANGENE BEHANDELT ZU WERDEN! ALSO NEHMEN SIE DEN DAUMEN VON DER SELBSTZERSTÖRUNG UND ERGEBEN SIE SICH!“
Nicht, dass mit der Kontrolle des Fusionsreaktors durch seine Leute die Selbstzerstörung funktionieren würde, wohlgemerkt.
„Ich haben Frauen in meiner Crew!“, erwiderte der Kapitän.
„DIE HABE ICH AUCH! UND?“
„Garantieren Sie mir die Einhaltung der Ares-Konvention?“
„ACH! AUF EINMAL INTERESSIERT EINEN OFFIZIER DER WENGENBAUM-MILIZ DIE ARES-KONVENTION?“ Hiller tadelte sich selbst dafür, diesen Satz rausgehauen zu haben, aber irgendwie brauchte dieser Mann einen echten Denkzettel. „KEINE SORGE! WIR HALTEN UNS AN DIE ARES-KONVENTION, KAPITÄN PHILIP! IHRE WEIBLICHEN BESATZUNGSMITGLIEDER WERDEN ALS SOLDATEN BEHANDELT, UND NICHTS ANDERES!“
„Wir senken die Waffen!“ Kurz darauf war das Klicken von Magazinen zu hören, die herausgenommen wurden, und das typische Geräusch der Entnahme der ersten Salve aus den Läufen. Zumindest von den Autopistolen. Laserwaffen konnte man auf diese Weise nicht sichern.
„SAGEN SIE, DASS SIE SICH ERGEBEN UND UNS DAS SCHIFF ÜBERGEBEN!“, setzte Hiller nach.
„Ich ergebe mich und übergebe Ihnen mein Schiff!“
„UND IHRE LEUTE!“
„Und meine Leute!“
Hiller schaltete den Lautsprecher wieder stumm und sagte: „Auf drei gehen wir durch alle drei Schotten rein. Eins, zwei, drei!“
Die anderen beiden Schotten sprangen auf. Hiller sah es, als er sich in die Tür des Hauptschotts stellte und mit der Waffe den Raum absuchte. Das heißt, eines ging auf, das andere ließ sich nur zur Hälfte öffnen. Seine Leute machten das Beste draus und steckten die Läufe ihrer Autogewehre hindurch und suchten nach Zielen. An der Spitze seiner restlichen Leute drang er in die Zentrale ein, in der sechs Leute waren. Vier Offiziere, zwei weitere Matrosen, die diesmal sogar Helme zu den Gefechtswesten trugen. Alle hatten die Arme erhoben. Hiller senkte seine Waffe. „Ich nehme Ihre Kapitulation an, Kapitän Philip“, sagte er über den Lautsprecher, nur diesmal ohne Verstärker. „Rennie, James, durchsucht die Frauen. Kleen, Jordick, die Männer. Der Rest durchforstet die Brücke nach versteckten Waffen und dergleichen.“
Zwei seiner Soldaten gingen auf die drei Frauen zu. Die Waffen hatten sie bereits in Ruhestellung. „Na, dann kommt mal her, Schätzchen“, sagte einer von ihnen.
Entsetzt sah Philip zu Hiller herüber. „Ich habe Ihr Wort!“
„Und Rennie und James sind Frauen“, erwiderte der Captain trocken. „Entschuldigen Sie, wenn die beiden in einer ungewissen Gefechtssituation ihre Kampfausrüstung nicht ablegen.“
„Oh“, machte der Kapitän.
„Ja, oh.“
Zwei Minuten später waren die Leibesvisitationen und die Durchsuchungen erledigt. Keine Minen, keine versteckten Waffen. Hiller wechselte die Frequenz. „Olymp ist gefallen. Ich wiederhole, Olymp ist gefallen.“
„Gute Arbeit“, klang die Stimme von Zorn Kenderson auf. „Jetzt räumen Sie das Ding mal aus dem Weg, Captain.“
„Ja, Sir.“ Er öffnete das Visier seines Helms. „Wir starten.“
Entsetzt sah Philips, der als Einziger noch keine Handschellen trug, zu ihm herüber. „Mit offener Rampe? Wollen Sie, dass das Ding abreißt und mein Schiff irreparabel beschädigt?“
„Erstens ist es jetzt mein Schiff“, sagte Hiller mit leiser Betonung. „Sie haben kapituliert, oder? Und zweitens fliegen wir nur ein Stück die Klippe rauf. Um Platz zu machen für den Chef und seine Mech-Kompanie.“
„Sie wollen den Striders in den Rücken fallen?“
Hiller schüttelte den Kopf. „Wenn die Striders klug sind, werden sie sich ergeben, wann immer sie können. Der Lieutenant Colonel hat ein anderes Ziel.“ Er schlug mit der Rechten auf ein Pult. „Also, Leute, wie geübt. Ein kurzer Hüpfer um achtzig Meter, dabei drehen wir die SWASHBUCKLER so, dass die offene Klappe ins Talinnere zeigt. Anschließend Feuerunterstützung für unsere Leute auf dem Pass!“
„Ja, Sir!“
Hiller wechselte wieder auf die Kompaniefrequenz. „Roderik, Winston, nach der Landung auf der Klippe selbstständig neues Ziel suchen. Nicht auf die Nebelfront verlassen, die besteht höchstens noch ein paar Minuten.“
„Verstanden, Sir“, klang das erste Mal Winstons Stimme auf. Eiskalt wie immer. Fast. Irgendwie hatte die eigentlich melodische Sopranstimme auch ein wenig … fröhlich geklungen. Na, das konnte ja was werden.
Geschrieben von Ace Kaiser am 10.06.2026 um 22:53:
Kaum, dass sie ausgeboardet hatten, dirigierte Zenturio Faber seine Latin Striders vom Platz drei in der Marschkolonne Richtung Nordostpass. Die SWASHBUCKLER würde wie ein natürlicher, zudem auch noch gut bewaffneter Pfropfen die kleine Schlucht verstopfen, welche sie gerade benutzten, und das Einzige, was sie fürchten mussten, war Beschuss von oben. Falls der mögliche Entsatz schneller in Position gelangen konnte, als sie die Mechs erreichten, die gerade den Angriff der Wengenbaum-Miliz abwehrten.
Geschah das nicht, waren alle Vorteile auf ihrer Seite. Wenn das Sandwich schnell und präzise durchgeführt wurde, würden sechs, sieben weitere Mechs und eine halbe Kompanie Panzer ihre Streitmacht ergänzen. Mit dieser Walze aus Stahl und Myomer würde es dann in die andere Richtung gehen, und die Südpassage würde freigekämpft werden. Mit beiden Wegen offen blieb Kenderson nur noch der Rückzug in das Innenleben von Fort Wegener. Gut verteidigt mit der Artillerie des Forts, aber angeblich hatte es ein Kommando-Unternehmen der Miliz geschafft, zumindest einen Teil der Geschütze zu verminen.
Aber solange er keine Explosionen hörte, schloss er das aus, schob diese „Information“ in den Bereich der Märchen. Zu oft hatte er erlebt, dass eigentlich sichere Informationen absolute Nullnummern gewesen waren, die zudem auch noch jene, die sich auf sie verlassen hatten, extrem gefährdeten. Deshalb ging Faber auch Schritt für Schritt vor. Mit einer eigenen Einschätzung der Lage zum Beispiel. Die Latin Striders hätten den Hangar nie verlassen, wenn nicht der Rauchvorhang funktioniert hätte. Wenn die Ortung der SWASHBUCKLER nicht die vier erwarteten Mechs der Cavaliers auf dem Pass geortet hätte. Wenn mehr auf sie geschossen hätten als ein Kampfschütze und ein wenig Artillerie. Wobei, von einem Kampfschütze hatte keiner was gesagt. Kenderson, der laut Nachrichtendienst selbst im Tal war, sollte zwei Marodeure mitgebracht haben, was an sich schon ein Problem war. Aber die Kämpfe der letzten Tage hatten gezeigt, dass er mittlerweile weitere Mechs nachgezogen hatte. Wie die ins Tal gekommen waren, wusste niemand zu sagen, auch wenn einige Gerüchte wissen wollten, dass es eine geheime Passage ins Tal gab, die von Mechs begangen werden konnte. Doch ein Kampfschütze? Aber der war nun mal da, und das machte ihn misstrauisch. Vielleicht war alles nach Plan gelaufen, vielleicht hatten sie die Cavaliers und die hiesige Miliz überrascht. Vielleicht verlief alles nach Plan. Vielleicht, vielleicht, vielleicht. Aber Hannes Faber machte sich klar, dass sie ausgeschifft hatten. Damit blieb ihnen nur noch, den Angriff durchzuführen und die Operation abzuschließen. Irgendwie.
„Magnetbandortung“, meldete Kevin Maguire, der Pilot des Feuerfalken, der vorweg marschierte. „Identifiziere einen Mech vom Typ Dunkelfalke.“
Das war schon mal einer der Mechs, die auch Kapitän Philips' Crew geortet hatte. Das verschaffte ihm ein wenig Sicherheit. Für den Bruchteil einer Sekunde erlaubte er sich einen fröhlichen Gedanken: „Was soll jetzt noch schief gehen?“
Kaum war der Gedanke vergangen, fühlte er sich, als würde ihn jemand zwingen, den Blick von der Mitte der auf 180° komprimierten Rundumortung von 360° nach oben links zu richten, wo sich die talseitige Klippe befand, auf denen der Union seinen undurchdringlichen Rauchfächer platziert hatte. War der Kampfschütze etwa schon da? Theoretisch keine Unmöglichkeit, praktisch eher Wahnsinn, gegen seine elf Maschinen antreten zu wollen. Das dachte er zumindest, bis er sah, wie sich zwei kräftige Unterarme aus eben jenem Nebel schoben, denen ein Autokanonenrohr folgte, bevor er den Rumpf des dazu gehörigen avioniden Mechs erkannte. Ein Marodeur. Aber nicht irgendein Marodeur, sondern dieses Monster, von dem er gehört hatte, dass Kenderson darüber verfügte. Eigentlich nur ein Gerücht, aber angeblich wurde er von Wolfs Dragonern modifiziert und eingesetzt. Jedoch war die Aufrüstung dieses Koloss auf einhundert Tonnen so interessant für vermögendere Einheiten, dass auch andere mittlerweile nachgezogen hatten. Was es trotzdem unwahrscheinlich machte, ausgerechnet hier einem dieser Biester zu begegnen. Eigentlich.
Allerdings ging in der Peripherie das Gerücht, dass mittlerweile mehrere dieser Giganten gesichtet worden waren – in Konflikten, die jemanden, der solche Monster besaß, eigentlich gar nicht interessierten. Zwar hatte er pro Arm nur je einen Medium-Laser wie das Original, dafür aber eine verstärkte, panzerbrechende LBX-10 Autokanone auf dem Chassis statt der üblichen 5er, und die Zweitwaffen in den Unterarmen bestanden aus PPK's, die reichweitenstärker waren als die Standard-PPK's. Zugegeben, die Reichweite war hier kein Vorteil für Kenderson. „Gegner elf Uhr auf der Klippe. Kampflanze in den Angriff, und ...“, begann Faber schon routiniert seine Befehle gebend, als sich ein zweiter Marodeur aus dem Rauch schob, diesmal zum Glück ein „normaler“. Na ja, Glück. Darauf folgten ein Schütze, ein Kampftitan und ein Tomahawk. Alles in allem hatten sich da oben, in bester Schussposition nach unten, fast vierhundert Tonnen schwer bewaffneter Stahl versammelt. Das wog so ziemlich seine ganze Kompanie auf, auch wenn man nicht noch addierte, dass diese Maschinen keinesfalls eine Millionen Mal geflickt und teilweise mit anderen Modellen als Hybride wieder hergestellt worden waren.
Ohne ein weiteres Wort eröffneten die fünf Modelle das Feuer auf seine Maschinen, lange bevor diese ihre Waffenarme nach oben richten konnten. Sein eigener Mech ruckte heftig, als die große Autokanone des Marodeur II die Unverschämtheit besaß, seinen Donnerkeil zu treffen und ihm den rechten Arm abzureißen. Die PPK's gingen beide in Maguires Feuerfalken und rissen ihm die Beine unter dem Mechleib fort, sodass die mittelschwere Maschine schwer zu Boden ging, gerade als er den schweren Laser hatte einsetzen wollen. Der Schütze hatte beide 20er LSR-Werfer geöffnet und feuerte eine Salve über seine ganze Kompanie verteilt, die PPK des Kampftitans erwischte den Stadtkoloss und warf ihn schwer auf die Seite. Der Tomahawk feuerte seine M-Laser unablässig nach unten, aber so, wie er die auf einer Seite deformierte Axt hielt wollte der Pilot etwas völlig anderes tun, und diese merkwürdigen zuckenden Bewegungen ließen Faber Angstschweiß vom Rücken bis in die Poritze laufen. Was, wenn Kenderson da drin saß, bereit, hier runterzuspringen und ihnen Saures zu geben? Faber hatte einige Gefechts-ROMs von ihm gesehen, und er wusste, was dieser Wahnsinnige mit dem Titanstahlbeil anrichten konnte und bereits hatte.
Übergangslos endete das Inferno aus Lärm und Warnsignalen. Alle fünf Feindmaschinen stoppten den Beschuss. Ein schneller Blick auf den Hilfsmonitor, der ihm die Einsatzbereitschaft der Kompanie zeigte, meldete, dass zwei Maschinen ausgeschaltet waren und drei weitere kurz davor standen. Noch war keiner der Mechs explodiert, was in der Enge der Schlucht auch noch das Ende weiterer Mechs bedeutet hätte. Noch nicht. Aber alle Maschinen hatten mehr oder minder schwere Schäden erlitten. Die Angriffsposition und der Winkel auf seine Kompanie waren gut gewählt worden, und Hannes beschlich der Verdacht, dass die verdammte Überraschung nicht von ihnen ausging und über Kenderson kam, sondern genau umgekehrt! Verdammt!
Wie zur Bestätigung knackte es in seinem Funkempfänger, als ein Funkspruch über die offene Frequenz kam. „Latin Striders, hier spricht Lieutenant Colonel Zorn Kenderson von der Mallorys World Miliz. Die SWASHBUCKLER wurde von unserer Infanterie erobert und wird gerade auf die Klippe geflogen, eure Kompanie bildet für uns perfekte Zielscheiben, und der Entlastungsangriff der Miliz auf die Nordwestpassage wird gerade abgefangen. Die Fünfte wartet darauf, dass ihr die Tür aufmacht und wird nicht vorher eingreifen.“
Faber checkte die Information. Tatsächlich hob der Union wieder ab und machte einen kurzen Hüpfer aus der Schlucht hinaus. Nicht, dass sie eine Chance gehabt hätten, die Sicherheit seiner Hangarbuchten zu erreichen.
„Hier spricht Zenturio Hannes Faber von den Latin Striders. Was wollen Sie, Kenderson?“, fragte er barscher, als er vorgehabt hatte.
„Helfen Sie mir, Munition zu sparen, Zenturio.“
Faber stutzte, als er das hörte, und hätte am liebsten aufgelacht. Wenn es nicht so wahr gewesen wäre. „Sie wollen, dass wir uns ergeben?“
„Richtig. Ich kann Sie und ihre Leute hier auch einfach zu Klump schießen. Aber Sie sind eine Söldnereinheit, und ich gewinne nichts dabei, ihre Maschinen zu vernichten. Aber ich kann Kampfkraft konservieren, die ich später noch benötigen werde, wenn Sie sich ergeben. Um ihnen die Sache schmackhaft zu machen, Zenturio, komme ich ihnen entgegen. Sie ergeben sich jetzt sofort und verlassen ihre Maschinen. Im Gegenzug erlaube ich ihnen die komplette Bergung ihres kompletten Geräts und dessen Reparatur mit meinen Mitteln. Alle Mechs bleiben in ihrem Besitz und werden ihnen zurückgegeben, sobald es ihnen möglich ist, diesen Konflikt zu verlassen. Das wird wahrscheinlich erst sein, wenn wir diesen Bürgerkrieg beendet haben. Aber außer den Reparaturen werden Sie keine weiteren Verluste haben. Sie haben drei Sekunden.“
Was hatte sein MeisterTech doch gleich noch gesagt? „Nich' vergess'n. Kenderson isn feiner Kerl. Wenn sich wer ergibt, schießt er nich' mehr.“
Faber war versucht, ihm zuzustimmen. Aber schlussendlich war ihre Situation zu aussichtslos. Von da oben konnten die gegnerischen Maschinen Feuer und Stahl auf sie herabregnen lassen, bis keiner seiner Kolosse mehr stand. Dabei würden sie vielleicht einen oder zwei ihrer Gegner abschießen. Vielleicht auch nur beschädigen. War es das wert? „Wir ergeben uns“, sagte Faber. Und er wunderte sich darüber, wie lang drei Sekunden sein konnten. „Kompanie, Reaktoren runterfahren, Waffen im Cockpit lassen und die Mechs verlassen.“
„Sind Sie sich sicher, Zenturio?“, fragte Gernsback.
„Ich bin mir sicher, dass wenn der zornige Tomahawk zu uns runter kommt, wir so richtig Saures kriegen. Also ja, wir ergeben uns, Martha.“
„Wollte nur sichergehen, dass wir hier einer Meinung sind. Die Konditionen sind auch zu gut, um wahr zu sein. Also, Leute, steigt aus und seid nett zu den Cavaliers. Dann sind sie hoffentlich auch nett zu uns.“
Die Worte seiner Stellvertreterin waren letztendlich ausschlaggebend. Ein Mech der Striders nach dem anderen fuhr seinen Reaktor runter. Das internationale Zeichen für „ich ergebe mich bedingungslos“.
„Gute Wahl“, lobte Kenderson. „Ellie, geh jetzt Winningham helfen.“
„Ja, Sir!“ Wie von imaginären Fesseln befreit startete der Tomahawk auf seinen Sprundüsen durch und ließ sich auf seinem Plasmastrahl reitend in die Schlucht hinunter tragen. Dies tat die Maschine mit einer solchen Eleganz und Zielstrebigkeit, dass er erschreckte. Faber hatte schon viele gute Piloten gesehen. Gerade in der Peripherie, wo die Ausrüstung alt und oft repariert war, mussten Piloten gut bis genial sein, um ihre tausendfach geflickten Kolosse von Schlacht zu Schlacht zu tragen. Aber dieser hier, den Kenderson „Ellie“ gerufen hatte, der machte ihm Angst. Andererseits aber auch froh, denn auf einmal war er sicher, dass es eine sehr gute Idee gewesen war, den weiteren Kampf mit der fünfundfünfzig Tonnen schweren Maschine zu vermeiden.
***
Es war eine Sache, die Stellung zu halten. Es war eine vollkommen andere Sache, dies zu tun, während hinter einem die Blips von elf BattleMechs näher und näher kamen, von denen man sehr genau wusste, dass sie feindlich waren. Und das, während auf der anderen Seite weitere BattleMechs immer wieder versuchten, die eigene Stellung zu stürmen. Etwas, was Thomas mittlerweile persönlich nahm.
Im Moment kämpfte er hauptsächlich mit seinem LSR-Werfer dank der Leitzieldaten seiner Kameraden gegen versteckte Ziele, und mit dem schweren und dem mittleren Laser gegen den Todesbote, der sich die ausgebaute Straße nach oben wälzte. Auch die anderen Mechs der improvisierten Lanze unter Darnell Winninghams Kommando schossen auf den Giganten, der seinerseits versuchte, mit seiner PPK Treffer zu landen. Und ja, so ein PPK-Treffer war nichts, was ein Mech auf die leichte Schulter nehmen sollte.
Dazu kam, dass sein Donnerkeil genau genommen brandneu war. Er wusste genau, dass MeisterTech Crawford ihm jeden einzelnen Kratzer krumm nehmen würde. Und davon hatte es schon einige gegeben. Auf der Haben-Seite aber war, dass die Waffen alle funktionierten. Was für einen frisch erweckten Mech mit neu hochgefahrenem Reaktor nicht unbedingt zu einhundert Prozent zu erwarten gewesen war. Aber Tante Jeannie, wie die MeisterTech hinter vorgehaltener Hand in der Einheit hieß, hatte sich sehr viel Zeit genommen, um den ersten Schwung von drei Maschinen aus dem Depot optimal vorzubereiten, damit es eben nicht zu Fehlern kam.
Gerade ließ Thomas seinen Donnerkeil einen Seitenschritt tun, um die 2er Kurzstreckenraketen abzufeuern, ungelenkte, aber kampfstarke Raketen, die deshalb am besten auf kurze Distanz eingesetzt wurden. Die hundertdreißig Meter, die der Todesbote noch entfernt war, waren solch eine kurze Instanz, entschied Thomas. Zwei Treffer auf der Brust gaben ihm Recht, und die Schadensanalyse seines Bordcomputers behauptete, die Treffer hätten an dieser Stelle die Panzerung zumindest beschädigt.
„Wo sind die Valkyrien? Sieht jemand die Valkyrien?“, fragte Louis Johannis, der Flügelmann von Winningham. Eine berechtigte Frage, denn beide Maschinen waren sprungfähig und konnten sie theoretisch überspringen. Oder versuchen, irgendwo auf den schmalen Felsgrat zu beiden Seiten des Passes zu springen und sich dort oben einen alternativen Weg ins Tal zu suchen, ihnen quasi in den Rücken zu fallen.
„Negativ“, erwiderte Thomas Jackson. „Auch der Brandstifter, den ich vorhin kurz in der Ortung hatte, ist nicht mehr zu sehen.“
„Insgesamt gesehen, von der Tonnage, sind sie kein Problem für uns“, sagte Winningham mit einer so ruhigen Stimme, als wäre er nicht in einem Gefecht, sondern in einer Raucherpause. „Wir sind außerdem in der besseren Position. Aber wenn sie tatsächlich mit den Sprungdüsen einen Weg suchen, uns seitlich zu attackieren, können sie einem oder zwei von uns gefährlich werden.“
„Sie werden uns nicht umgehen?“, fragte Thomas.
„Nein, das ist unnötig. Hinter uns kommen ja die Striders. Aber ich kann mir vorstellen, dass sie sich einen Abschuss holen wollen, und das wäre ein effektiver Weg. Unser Vorteil: Viele Sprünge bedeutet, dass alle drei Maschinen überhitzen. Gerade der Brandstifter mit seinem beiden S-Lasern und M-Lasern kann nicht gleichzeitig springen und sein ganzes Arsenal abfeuern.“
Ach ja, da war noch was, ging es Thomas durch den Kopf. Ein Problem, das er selbst gerade nicht hatte, die Abwärme. Alle Waffen, alle Bewegungen, alle Sprünge, aber auch Schäden durch Beschuss nicht nur von Lasern und PPK's verursachten Wärme. Wärme, die sich stauen konnte. Gerade sprungfähige Mechs litten darunter. Abwärme bedeutete, den eigenen Reaktor hochzujagen, wenn man es übertrieb. Schon mehr als ein Mech-Pilot war daran gestorben, dass sein Reaktor notabschalten wollte, wegen eben dieser Abwärme, und er zu oft auf den Veto-Schalter geschlagen hatte, der genau das verhinderte. Nur, um das zweifelhafte Erlebnis zu haben, auf einem durchgehenden Reaktor zu sitzen. Auf jeden Fall ein schneller Tod.
Er selbst hatte da wenig Sorgen. Die im Brian-Kastell eingelagerte Kühlflüssigkeit war von Tante Jeannie getestet und freigegeben worden, und sein nagelneuer Mech, kaum angenagt vom Zahn der Zeit, verfügte über brandneue Wärmetauscher.
Wenn man es in Argumente packen wollte, dann war sein taufrischer Mech in etwa zwei Donnerkeile wert, die schon das eine oder Jahrhundert auf den Schlachtfeldern der Inneren Sphäre gesehen hatten, und damit auch jede Menge Reparaturen. Das alte Dilemma der modernen Kriegsführung war eben jenes, dass Mechs in der Inneren Sphäre nicht nur selten waren, jedenfalls wenn man bedachte, dass die Menschheit über eintausend Welten besiedelt hatte, und auf jede Welt bestenfalls vier bis fünf Mechs kamen, wenn man alle zusammenzählte. Neue Mechs produzierten nur die vollautomatisierten Fabriken, von denen es vielleicht acht oder neun gab, und die Stückzahlen im Ausstoß reichten bei weitem nicht aus, um die Verluste zu ersetzen. Deshalb wurden alle Maschinen repariert, solange es ging, und manchmal auch aus zwei Mechs einer gemacht. Mit etwas Glück aus zwei Mechs des gleichen Typs. Da war ein Mech, der noch alle Originalkomponenten besaß, natürlich automatisch überlegen. Und mit der vollen Einsetzbarkeit seines Arsenals stieg die Kampfkraft seiner Maschine nun mal locker auf das Doppelte. Das war aber auch eine Hypothek, die ihn quasi zum Siegen verdammte, wenn er schon den besten Mech der ganzen Lanze unter dem Arsch hatte, im wahrsten Sinn des Wortes.
„DREI UHR, TOM!“
Der warnende Ruf von Winningham klingelte ihm in den Ohren, und er reagierte automatisch, wandte den Mechtorso nach rechts, also auf die drei Uhr-Position und hob den rechten Waffenarm mit dem Schweren Laser. Bevor er noch eine Zielerfassung hatte, löste er zudem die 2er KSR aus, auf gut Glück. Sobald das Fadenkreuz golden aufblinkte, ein sicheres Zeichen, dass der Bordcomputer einen Feind identifiziert hatte, folgte der Schwere Laser im rechten Arm.
Über ihm stand tatsächlich der Brandstifter, und eine volle Salve seiner vier Laser prasselte auf ihn hernieder. Sein Schwerer Laser hingegen ging daneben, dafür aber trafen beide Kurzstreckenraketen den Torso und ließen die Maschine taumeln. Kurz darauf verließ sie ihre Position auf der Klippe über ihn, aber Thomas war gewarnt. Noch mal würde ihm das nicht passieren.
„Alles in Ordnung, Tom?“
„Danke für die Warnung, Sir“, erwiderte Thomas und hoffte, dass sich seine Stimme nicht so erbärmlich anhörte, wie er sich insgesamt fühlte. „Mir geht es gut. Der Mech hat nur ein wenig Panzerung verloren.“
„Freut mich zu hören. Wir konzentrieren uns wieder auf den Todesboten. In seinem Deckschatten folgt ein Kreuzritter, und diese Biester sind sprungfähig.“
„Verstehe, Sir“, erwiderte Thomas. Der Kreuzritter würde hinter dem schwereren AngriffsMech bleiben, bis er die Distanz und Gelegenheit hatte, einen gezielten Sprung auszulösen, um in eine bessere Position für einen Angriff zu kommen. „Für einen Ablenkungsangriff geben sich die Wengenbaumer jedenfalls alle Mühe“, zischte er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
„Die wollen sich augenscheinlich von den Mietlingssöldnern der Striders nicht ausstechen lassen. Das ist etwas, was wir nutzen können“, merkte Johannis an, der nicht weniger ruhig klang als der Captain der Wolfs Dragoner.
„Report!“, klang Warningtons Stimme in der Lanzenfrequenz auf. „Die Latin Striders haben gestoppt! Der Hinterhalt vom Colonel hat funktioniert!“
„Stoppen ist schon mal gut“, brummte Winningham. „Aufgeben wäre aber noch besser für uns.“ Gezielt gab sein humanoider Mech vom Typ Vollstrecker abwechselnd Feuer aus seinem M-Laser und dem S-Laser ab, während er zwischendurch Salven seiner 15schüssigen Langstreckenlaffette auf den Todesbote auslöste, von denen, wie Thomas neidisch feststellen musste, mindestens zehn immer trafen. Und von denen, die vorbei gingen, fing sich der Kreuzritter jedes mal mindestens eine ein. Wie konnte jemand mit LSR so gut schießen? Ob die Wolfs Dragoner irgendwelche Tricks hatten, irgendwas technisches aus Sternenbundzeiten?
„Report! Die Mechs der Striders fahren runter! Ich komme zurück!“
„Copy, Warnington. Sie werden hier auch gebraucht“, versprach der Captain und klang dabei regelrecht fröhlich. „Sehen wir zu, dass wir den Job hier beenden, bevor die Milizionäre bemerken, dass ihr Entlastungsangriff gerade in sich zusammengefallen ist.“
„Verstanden!“, riefen Thomas und Louis Johannis beinahe synchron. Der Todesbote also, hm?
„CAPTAIN! NEUN UHR!“, gellte Warningtons Ruf auf, als er gerade mal auf dem Rundumbild von Thomas' Cockpit wieder zu sehen war. Instinktiv sah er auf, aber nicht nach links in Richtung neun Uhr, sondern wieder die Klippe hoch. Und ja, er behielt recht. Der Brandstifter schob sich gerade über die Kante. Erfassungsalarm ging durch seine Maschine, doch er feuerte die LSR ab, ungezielt wie zuvor die KSR, nur diesmal einen Schwarm von fünfzehn Raketen. Sofort setzte er mit dem S-Laser im rechten Arm nach und hatte die Unverschämtheit, zu treffen. Auf die nahe Distanz war sein gut dreißig Tonnen schwererer Mech ein wahres Monster gegenüber dem feindlichen ScoutMech. Mit einem Auge aber schielte er auf seine Magnetbandortung und erkannte dort den Grund für den Warnruf des Milizionärs. Auf der anderen Seite der Schlucht waren die beiden Valkyrien aufgetaucht und deckten Winningham und Johannis mit ihren 10er LSR-Werfern ein, während der Todesbote nun noch einen Gang zulegte und mit dem Kreuzritter im Schlepp für seine Begriffe die steile Straße hochpreschte.
Über ihm geschah ein kleines Wunder. Die LSR schlugen voll durch, nachdem der Schwere Laser die Brust verwüstet hatte. Ohne nachzudenken oder auf die Abwärme zu achten jagte er die weit gefährlicheren KSR hinterher, kaum dass die Lafette Feuerbereitschaft meldete, und mindestens eine ging in die Eingeweide, wo sie detonierte. Daraufhin erstarrte die Maschine und kippte wie in Zeitlupe nach vorne.
Thomas hatte erwartet, dass der Reaktor durchgehen würde. Das erwartete er immer noch, und das war schlimm. Wenn die Maschine explodierte, während sie zu Boden stürzte, oder noch schlimmer, zwischen den Cavaliers-Mechs gestürzt war, bedeutete das auch für sie Schäden. Aber danach sah es nicht aus. Ein durchgehender Reaktor hätte die Maschine bereits wie ein Feuerwerk in der Infrarotortung aufleuchten lassen, ach was, wie ein brennender Weihnachtsbaum.
Nun fiel sie einfach vornüber, und anstatt sich über seinen ersten Abschuss zu freuen, auch wenn er vermutlich zulasten eines menschlichen Lebens ging, war sich Thomas absolut unschlüssig, was er nun tun sollte. War es klug, den gegnerischen Mech aufzufangen? Es würde doch auf jeden Fall verhindern, dass das Ding doch noch explodierte, oder? Also griff er beherzt mit der linken vollmodulierten Hand zu, als der Gegner seine Höhe erreicht hatte, stemmte sich in den Sturz und nahm die Rechte mit dem Laser zu Hilfe. Sein Mech wurde mehrere Meter zurückgeschoben, aber die Maschine schaffte es ohne weitere Schäden. Er stieß den Brandstifter von sich, der mit dem Rücken gegen der Felswand zu liegen kam und wandte sich wieder dem Todesbote zu, indem er die erneut auf Bereitschaft gewechselte 15er LSR einsetzte.
Die Valkyrien hatten derweil schon die zweite Salve an LSR abgeschossen, von den Lasern ganz zu schweigen, aber eine von ihnen stand nur noch auf einem Bein, weil Warnington einen wunderschönen Treffer mit seiner PPK platziert hatte. Jedoch schienen sie davon unbeeidruckt. Beide Gegner schossen weiter. Warnington trat die Sprungdüsen durch, wollte ebenfalls auf die Klippe, brach aber ab, als zwei PPK-Schüsse des Todesboten deutlich zeigten, dass der Koloss etwas dagegen hatte. Er fluchte etwas wirklich fieses über Geschlechtskrankheiten und einer heimischen Krebsart, was er mit dem gegnerischen Piloten in Verbindung brachte, während er wieder landete.
In diesem Moment erlebte der Pilot der Valkyrie mit zwei Beinen die Überraschung seines Lebens. Genauer gesagt die letzte Überraschung seines Lebens. Denn eine Titanstahlaxt fuhr seiner Maschine ziemlich genau von der rechten Schulter aus gesehen in den Torso und zerschnitt dabei das Cockpit. Die Axt steckte dabei in der Hand des Tomahawks. Dann nutzte der zwanzig Tonnen schwerere Mech seinen Gewichtsvorteil und schwang die Axt samt ScoutMech gegen die Valkyrie auf einem Bein und brachte damit beide zu Boden. Ellie befreite ihre Axt aus der ersten Maschine und holte gerade aus, als die einbeinige Valkyrie den Reaktor herunterfuhr. Der Pilot ergab sich. Leider nutzte der Kreuzritter diese, sagen wir, Beschäftigung, und setzte seine LSR an. Nur durch den Einsatz der Sprungdüsen entkam Ellie, denn um niemand anderen handelte es sich, diesem direkten Beschuss, musste aber trotzdem vier Raketentreffer hinnehmen. Dabei sprang sie nicht wirklich, sondern gab gerade so viel Schub, das sie quasi einen Meter über dem Boden schwebte und einen Impuls in eine bestimmte Richtung bekam, der sie aus der Schussrichtung brachte. Fast zumindest. Trotzdem eine beeindruckende Leistung.
Warnington hatte derweil wieder aufgeschlossen und reihte sich ein, um das Feuer auf den Todesbote zu verstärken. „Gratuliere zum Abschuss, Tom“, funkte er herüber.
Ach ja, da war ja noch was. „Danke“, erwiderte er erstaunlich ruhig. „Holen wir uns den Todesbote.“
Als hätte der gegnerische Mech sie gehört, schoss er erneut seine PPK ab, direkt auf Winninghams Maschine. Das war auch der Moment, in denen er nur noch achtzig Meter entfernt war, und dies war wohl die Distanz, auf die der Kreuzritter gewartet hatte. Er zündete seine Sprungdüsen, zog am Todesboten vorbei, um den Kameraden in der Flammenhölle seiner Plasmadüsen nicht zu Kebab zu rösten – ein Manöver, das man in Pilotenkreisen „Todessprung“ nannte, weil es entweder den Gegner tötete, oder den ausführenden Piloten – und ließ sich in Richtung der Ausweichstellung tragen. Auf halbem Weg aber kam ihm ein anderer Mech entgegen, stürzte die Klippe herab, setzte kaum die Sprungdüsen ein, um seinen Sturz zu mildern und traf exakt in etwa fünf Metern Höhe, von den Sohlen gemessen, mit dem Feind zusammen. Die Axt sauste auch diesmal von oben in den Torso und erwischte die zehn Tonnen schwerere Maschine. Gemeinsam gingen sie dann zu Boden, der Tomahawk kontrolliert, der Kreuzritter wie eine Marionette ohne Fäden.
„Ich kümmere mich um diesen hier! Macht ihr den Todesboten platt!“, rief Ellie über Funk.
Derweil war die Distanz des MonsterMechs bis zu ihrer Stellung aber weiter geschmolzen, während die Tomahawk-Pilotin versuchte, ihre Axt zu befreien, um ihrem Gegner den Rest zu geben. Der Todesbote, achtzig Tonne geballte, gepanzerte Macht, marschierte einfach weiter, obwohl er mittlerweile ahnen musste, dass der Entlastungsangriff der Striders gescheitert war. Erhoffte er sich, allein zu schaffen, woran seine Halbkompanie gescheitert war? Oder die Striders? Oder war er einfach durchgedreht wegen der Verluste und reagierte nur noch wie eine Maschine?
Jedenfalls blühten zwei PPK-Treffer auf seiner Brust auf, stoppten ihn jäh und warfen ihn fast um bei der schieren Gewalt der Treffer. Über ihnen auf der Klippe, von der die beiden Valkyrien geschossen hatten, schob sich ein Marodeur in Schussposition und zielte in die Tiefe. „Sergeant Jahn, lassen Sie es sein und ergeben Sie sich!“, erklang die feste Stimme ihrer Kontaktoffizierin Jessica Bloodbourne über die starken Lautsprecher des Fünfundsiebzigtonners. „Der nächste Schuss geht in die gleiche Stelle!“ Wie um ihre Worte zu bestätigen, bewegte sich die auf dem Torso des avioniden Mechs angebrachte Fünfer Autokanone in Position.
Es vergingen bange Sekunden, Sekunden, in denen die Mechs der Verteidiger runterkühlen konnten und alle Waffen, vor allem die Raketenwerfer des Donnerkeils, wieder grüne Werte zeigten, Schussbereitschaft. Dann erlosch die Signatur des Kreuzritters, und Sekunden darauf auch die des Todesbote. Die Maschinen fuhren ihre Reaktoren herunter.
Erleichterung überkam Thomas. Sein erstes reales Gefecht hatte er also nicht nur überlebt, sondern sich sogar einen Abschuss gesichert. Aber was nützte ihm das, wenn Ellie sich in der gleichen Situation zwei geholt hatte, eventuell sogar drei, je nachdem wie der Kreuzritter gewertet wurde? Er spürte eine gewisse Eifersucht und ließ sie zu. Ehrgeiz, in Maßen genossen, war gut. Sich etwas mehr anzustrengen, ohne gleich den Hals zu riskieren, war gut. Und wenn er sich an Ellie maß, hatte er sich ein ziemlich hohes Ziel gesetzt. Aber wenn schon, dann musste es sich ja auch lohnen. Was ihn zu einem anderen Punkt brachte, den er bisher so gut er gekonnt hatte, verdrängt hatte. Wie ging er jetzt genau mit Ellie um?
„Für einen Augenblick hatte ich vier Panzer in der Ortung“, klang nun Warningtons Stimme auf, „aber die sind nach einer kurzen Ortung gleich wieder zurückgerollt. Anscheinend hat ihnen nicht gefallen, was sie gesehen haben.“
„Holen wir sie uns?“, fragte Ellie, nachdem sie ihre Titanstahlaxt endlich aus dem Kreuzritter befreit hatte.
„Nun, warum auch nicht? Cavaliers, wir stürmen!“, rief Winningham.
„Ja, Sir!“, rief Thomas begeistert, und er war da nicht der einzige.
***
Mehrere hundert Lichtjahre entfernt, in einer vollkommen anderen Region der Inneren Sphäre, die „Konföderation Capella“ genannt wurde, kamen ein kräftiger Mann und eine nicht weniger kräftige Frau durch eine kleine Zeltstadt gestapft, einem ausgetretenen Pfad folgend, der kaum einen Tag alt war. Sie hielten auf ein großes Zelt zu, das sich durch eine Funkantenne auszeichnete und augenscheinlich eine wichtige Funktion erfüllte. Auf der Plane des sichtbaren Teils prangte das stilisierte Bild eines Musketenschützen mit roten Stiefeln, weißen Hosen und einer langen roten Rockjacke, gekrönt von einer schwarzen Bärenfellmütze. Das Symbol der Red Longjacks.
Zwischen sich trugen sie einen geschunden aussehenden Mann, den sie mehr trugen und schleiften, als dass er ging.
Als die beiden Infanteristen, die vor dem Zelt Wache standen, sie kommen sahen, wollte einer, das Gesicht krebsrot, das Lasergewehr von der Schulter nehmen. Bevor er aber seine Absicht, was auch immer die war, aber eindeutig mit den lädierten Menschen vor ihm zu tun hatte, ausführen konnte, legte ein älterer Mann, der gerade aus dem Zelt trat, ihm eine Hand auf die Schulter. „Ruhig Blut, José.“
Der Infanterist verharrte dabei, seine Waffe runter zu nehmen, zögerte noch einen Moment länger, dann nahm er sie wieder über die Schulter. „Jawohl, Colonel.“
Der Ältere tätschelte die Schulter des Mannes, dann trat er vor die drei Gestalten, die stehengeblieben waren. „Das ist er also?“
Der Mann nickte seiner Kameradin zu, und beide ließen den Mann zwischen sich los, sodass er zu Boden ging. „Jawohl, Colonel. Das ist der Cappie, der uns die letzten Tage terrorisiert hat. Liane hatte ein tolle Idee, wie wir ihn erwischen, und tja, hat funktioniert.“
Colonel Raymond Alonso seufzte. „Habt ihr ihn so zugerichtet, Cayne?“
Der große, kräftige Mann hob beide Hände in einer abwehrenden Geste. „Nein, oh nein, Sir, das war keiner von uns. Er ist so matschig wegen dem Giftpfeil, der ihn weg gepflückt hat. Ansonsten hat er keinen körperlichen Schaden erlitten, zumindest nicht durch uns. Nicht, Liane?“
Die kräftige eurasische Frau mit dem militärischen Kurzhaarschnitt dachte an ein, zwei belebende Tritte und auch einen kräftigen Schlag in die Nieren des Capellaners, die sie selbst ausgeführt hatte, bevor sie das Lager erreicht hatten. Immerhin war dies vermutlich der Scharfschütze, der mehrere ihrer Freunde getötet hatte. „Richtig. Wir haben nichts getan, ganz gemäß unseres Mottos, Colonel.“
„Hm, gut, nehmen wir an, er sieht so wild aus, weil er drei Tage lang durchs Unterholz gekrochen ist. Aber wenn er sich dabei verletzt hat, hätte euer erster Weg zum SanTech sein müssen.“
Cayne wiegelte ab. „Wir haben ihn abgetastet. Dabei konnte ich keine Brüche feststellen. Alles andere ist zu gut für ihn. Guter Soldat, nur leider gegen uns.“
Liane schnaufte. Das fasste es perfekt zusammen. Und „gegen“ hieß für sie: „Auf der Liste, um zu sterben.“
Alonso trat vor den Mann, ging in die Hocke und griff zu. So zog er ihn in eine sitzende Position. „Sie müssen nicht salutieren, Soldat. Seien Sie versichert, dass unser Ruf noch immer unser bestes Kapital ist und wir uns an die Ares-Konvention halten. In der Schlacht und außerhalb. Laut dieser sind Sie nur verpflichtet, uns ihren Rang und Namen zu nennen. Also? Halten sich die Capellaner auch an die Ares-Konvention?“
Der Mann hustete. Der Colonel zog seine Trinkflasche vom Gürtel und hielt sie dem Milizionär hin, der sie mit zittrigen Fingern annahm, kaum aufgeschraubt bekam und daraus trank. Dann gab er das Gefäß zurück. „Leutnant Harrison Chan, Larsha-Miliz.“
„Na also, das ist doch ein Anfang“, lobte Alonso. „Schafft ihn zum MedTech, danach ins Duschzelt, und wenn er weniger stinkt, bringt ihn wieder ins HQ-Zelt.“
„Ach, verhätscheln sollen wir ihn auch noch? Soll ich vielleicht mein Rasierzeug rausholen und ihm die Babyhaut pflegen?“, blaffte Liane böse.
„Ja“, sagte Alonso schlicht, während er langsam wieder in die Höhe kam. Dabei sah er der Kriegerin direkt in die Augen. Sie blinzelte zuerst. „Ja, Sir. Verstehe.“
„Sobald ihr ihn wieder hier abgeliefert habt, könnt ihr ihn übergeben und selbst Dienstschluss machen. Seid versichert, das gibt einen Bonus und einen positiven Eintrag in euren Dienstakten“, sagte Alonso in versöhnlichem Ton.
Tatsächlich schien das die kräftige Frau zu besänftigen. Sie griff wieder zu und zog Chan auf die Beine. „Kannst du wieder laufen? Der Colonel hat uns einen Befehl gegeben, und wir werden ihn ausführen, obwohl ich finde, dass eine Dusche viel zu gut für dich ist!“
Auch Cayne griff zu und half dem Leutnant hoch. „Komm, Junge. Nach der Dusche schauen wir kurz nach, ob nicht 'ne Portion Reis für dich bereitliegt, bevor es wieder zum Colonel geht“, versprach er. „Ist vermutlich besser als alles, was du die letzten Tage essen musstest, oder? Wir haben deinen halb verbrannten Rucksack mit den Essensrationen gefunden.“
Alonso schmunzelte, als sich die drei entfernten. Mit der Ausschaltung des Leutnants würde Ruhe in die Einheit einkehren, und er konnte sich endlich darauf konzentrieren, dieses verdammte Depot zu finden, das ihm versprochen worden war. Kenderson hatte, so sagten die Gerüchte, auf St. Jones Gerät, Mechs und Ersatzteile im Wert von einer halben Milliarde C-Noten gefunden. Das war eine Summe, für die seine Oma sehr lange stricken musste, und er würde sie sich nicht entgehen lassen. Diesmal nicht. Aber alles im richtigen Rahmen, mahnte er sich. Zumindest solange es nicht anderweitig notwendig wurde.
Geschrieben von Ace Kaiser am 02.08.2026 um 19:53:
„Es ist was passiert?“, fragte Lauren Wengenbaum mit Unglauben in der Stimme. Der Miliz-Offizier, der die unangenehme Aufgabe hatte, ihr und Claus zu berichten, hatte seine unerschütterlichste Pokermiene aufgesetzt und hoffte, wenn er nur sachlich genug blieb, damit durchzukommen. Immerhin fehlten der Miliz, also dem Wengenbaumtreuen Teil, Mannschaften und Offiziere an allen Enden. Obwohl das Gerücht, dass Lauren Wengenbaum ein Dutzend Gettysburg-Zivilisten versucht hatte hinrichten zu lassen, um die Gouverneurin am Telefon mithören zu lassen, hartnäckig die Runde machte.
„Tja“, begann Captain Ordell Sinclair. „Ich bringe Ihnen nur, was uns übermittelt wurde. Bevor wir keine Späher vor Ort haben, können wir nicht sicher sagen, was passiert ist, nachdem der Funkkontakt mit dem 5. Miliz-Bataillon abgebrochen ist.“
Claus, normalerweise der aufbrausende Part, der von seiner Cousine dann beruhigt werden musste, sah sich nun in vertauschten Rollen, als er das knallrote Gesicht der Mittsechzigerin sah. „Beginnen Sie doch von Anfang an, Ordie“, sagte er, den Kosenamen des Captains verwendend, um ihm zu zeigen, dass von Claus Wengenbaum keine unmittelbare Gefahr drohte. Dies brachte auch Lauren zumindest soweit zur Besinnung zurück, dass sie ihm einen erstaunten Blick zuwarf. Doch dann aber schnaubte sie wütend und setzte sich wieder an ihren Platz im Konferenzraum. „Ja. Beginnen Sie von Anfang an. Was ist mit der Operation passiert?“
Sinclair, ein Sohn der Hauptstadt-Sinclairs, nicht der Ostküsten-Sinclairs, wohlgemerkt, aktivierte den Holoprojektor des Konferenztischs. „Der ursprüngliche Plan sah vor, mit einem Kommando-Unternehmen ins Norad-Tal einzudringen und als Minimalziel die Sprengfalle an der Klippe über der Nordostpassage zu durchtrennen, damit unseren Angreifern nicht mehrere tausend Tonnen Granit um die Ohren fliegen. Das Signal, dass dieses Ziel erreicht worden ist, wurde Major Helios vor dem Angriff gemeldet. Es gab auch noch eine Option, die Artillerie in Fort Wegener zu sabotieren oder gar gleich zu sprengen. Aber ich mache den Part kurz: Die Klippe wurde nicht gesprengt, die Artillerie aber auch nicht. Trotzdem musste Helios annehmen, dass der Weg passierbar war und bleiben würde. Also gab Major Helios grünes Licht für die SWASHBUCKLER und die Striders.“
Das Holo erwachte zum Leben und zeigte nun besagtes Tal, das etwa in eintausendfünfhundert Metern Höhe lag. Es war nicht gerade flaches Gelände, und die Höhe war ein Durchschnittswert.
„Wie Sie sehen können, Ma'am, Sir, ist Fort Wegener so platziert, dass es das gesamte Tal beschießen kann, im Nordosten aber nur bis zu jenem Punkt, an dem der Weg in die Passage übergeht und sich seine Sohle um rund hundert Meter absetzt. Eine wunderbare Felsklippe. Ein Stückchen hinein befindet sich eine einigermaßen flache Senke, die selbst einem Union-Lander nicht nur eine sichere Landung bietet, sondern auch dafür sorgt, dass die rund achtzig Meter hohe Union komplett von Felsen abgedeckt ist. Die Artillerie von Fort Wegener kann dahin nicht schießen, weil es dafür einen Vorhaltwinkel braucht, den die Geschützrohre nicht haben. Falls es nicht gelänge, sie zu vernichten.“
„Soweit, so gut“, knurrte Lauren. „Was ist dann passiert?“
„Zum Zeitpunkt der Landung liefen bereits zwei Attacken, sowohl am Südpass, als auch am Nordostpass als Ablenkung. Die ersten Schüsse wurden etwa viertel vor vier Uhr Ortszeit abgegeben, und wir waren uns sicher, dass alle verfügbaren Mechs entweder hier oben oder da unten versammelt waren.“ Der Captain deutete im Holo auf die beiden Passsohlen der Straße, welche das Norad-Tal durchquerte.
„Und wir waren uns sicher, dass dieser Söldner bestenfalls acht Maschinen haben kann“, sagte Claus. Es klang reichlich grimmig. „Weiter.“
„Die SWASHBUCKLER hat die Klippe beschossen und einen Rauchvorhang gegen die Ortungsfähigkeiten des Feindes gelegt, vor allem gegen ihre Luftabwehr-Mechs“, fuhr Sinclair fort. „Das war erfolgreich, ebenso wie die Landung. Pünktlich um vier Uhr setzte das Union auf, senkte die Rampen und schleuste die Striders erfolgreich aus. Zumindest lässt das die Funkverbindung vermuten, denn dadurch dass wir die Beobachtungssatelliten über der Conrad-Zacke umdirigiert haben, können wir auch nicht ins Norad-Tal sehen. Zumindest die Funkmeldungen, welche die SWASHBUCKLER etwa eine Minute vor dem Aufsetzen wieder aufnahm, verschaffen uns einen Einblick, dass bis hierhin alles gut ging. Wir haben sogar für einige Zeit noch Telemetriedaten der Striders, bis diese abreißen. Auch gibt es Daten von den Mechs des 5. Bataillons.“
„Und die endeten irgendwann?“, fragte Claus grimmig.
„Ja, Sir. Etwa vier Minuten nach der Landung setzten die Datenströme des Unions komplett aus. Damit verloren wir die Striders natürlich auch aus der Sicht. Die Daten von der 5. flossen etwas länger, noch etwa elf Minuten und berichten uns vom Verlust von fünf ihrer Maschinen, bevor auch die anderen aufhörten zu funken. Ab dem Zeitpunkt ist das gesamte Norad-Tal und der Pass bis runter nach Caruso für uns ein dunkler Fleck, über den wir keinerlei Informationen mehr bekommen. Es lohnt sich vielleicht zu erwähnen, dass der Angriff auf den Südpass nicht nur abgewehrt wurde, sondern dass Kendersons Leute auch einen Ausfall ausführten, der die Akugawa-Miliz fast bis aus den Gebirge hinaus beförderte. Dies tat der Söldner mit acht Mechs verschiedener Klassen. Für die beiden mittelschweren und leichten Lanzen unmöglich zu überwinden, wenn Kendersons Leute weiterhin den Höhenvorteil und zweihundert Tonnen mehr Tonnage hatten.“
„Aber? Es klingt als gäbe es da ein aber.“
„Aber anscheinend war Kenderson schlau genug, um die Akugawa-Miliz nicht weiter zu verfolgen. Immerhin war der Angriff nur aus einen einzigen Grund mit lediglich zwei Lanzen ausgeführt worden: Weil die Passage in den höheren Lagen so eng wurde, dass Mechs nur noch Zielscheiben gewesen wären. Es brauchte flexible, sprungfähige, oder zumindest schnelle Maschinen. Den Nachteil hatten die Verteidiger nur teilweise, und das nutzten sie auch vollständig aus. Die Akugawa-Miliz hat auch vier Maschinen verloren, eine davon allerdings erst, nachdem sie von den Techs als unreparierbar deklariert wurde. Die anderen drei Maschinen konnten später geborgen werden, als die Cavaliers wieder in ihre Bergfestung zurückgekehrt sind, aber auch hier, zwei Mechs Totalausfall.“ Die Pilotenverluste ersparte er den Wengenbaums. Keinen der beiden interessierte es, ob und wie viele Dracs für sie starben. Ob das Gerücht stimmte, und der Tai-sa der Miliz, der ebenfalls Wengenbaum hieß, mit den beiden und dem verschwundenen Dagobert verwandt war?
„Das bedeutet, diese Maschinen stehen für die Eroberung der Hauptstadt nicht zur Verfügung“, sagte Claus ernst. „Dieser Kenderson rangiert uns von einer bequemen Ausgangslage immer mehr in eine nachteilige Situation hinein. Und was geschah dann? Es gab doch ein Dann, oder, Ordie?“
„Nun. Die Cavaliers tauchen wieder in den Funkprotokollen auf, kurz nachdem die Telemetriedaten der am Angriff auf den Pass beteiligten Mechs des 5. Bataillons erloschen sind. Und zwar eine halbe Stunde später meldeten die Wachen rund um Caruso, ein kleines Dorf mit Miliz-Depot, in dem das Hauptquartier der 5. errichtet worden war, die Ankunft von sechs feindlich gesinnten Mechs, die den IFF-Code der Miliz ausstrahlten. Also den alten der Gettysburgs. Dann bricht auch dieser Funkstrom ab, und seither wissen wir nichts über die Situation. Ich habe bereits Späher ausgeschickt, aber wie Sie wissen, ist es uns nicht gelungen, auch nur einen Stützpunkt der Luftstreitkräfte dazu zu bringen, auf unsere Seite zu wechseln. Wir sind auf Bodenfahrzeuge angewiesen, deshalb habe ich Schweber ausgeschickt.“
„Also ein Totalverlust? Müssen wir das 5. Bataillon etwa abschreiben?“, fragte Claus resigniert.
„Wahrscheinlich ja, Sir, aber vielleicht melden sich noch einige Einheiten der Panzer, einzelne Mechs oder die Pioniere oder Techs, sobald sie eine sichere Distanz von den Cavaliers erreicht haben. Aber das ist nicht das Hauptproblem.“
Sinclair deutete auf das Holo, in dem die Schlacht, soweit die Daten das gezeigt hatten, abgespielt worden war. Es veränderte sich und zeigte nun die Nordostpassage auf einer verkleinerten Karte. Die Verbindung vom Norad-Tal nach Caruso wurde farbig hervor gehoben. Dann aber begannen zwei weitere Routen zu blinken, die sich weiter oben vom Pfad abspalteten. Einer ging nach Osten, einer nach Westen. „Caruso war die schnellste Passage den Pass hoch, deshalb wundert es mich nicht, dass Major Helios das Dorf als Standort gewählt hat. Aber es führen zwei weitere Wege auf den Pass.“
„Ja, heilige Scheiße, das ist ...“, fluchte Lauren ungläubig.
„Exakt, Ma'am. Das ist der Grund, warum die Miliz im Tal einen ständig besetzten Stützpunkt unterhält. Der Ostpfad geht zur B223 runter. Und der Westpfad zur B224 und der Hauptstadtroutenbahn.“
„Sehe ich das richtig? Kenderson kann uns nun beide Straßen sperren, wenn er das will?“, fragte Claus.
„Zwei von fünf Passagen über die Berge“, murmelte Lauren ungläubig.
„Es bleiben noch eine Bahnroute und zwei Schnellstraßen“, versuchte Sinclair den Geist wieder einzufangen, den er selbst aus der Flasche gelassen hatte. „Außerdem ist nicht gesagt, dass Kenderson die Routen, die er blockieren kann, auch blockieren wird. Und zuguterletzt kann die Akugawa-Miliz ihn und seine Mechs auch einfach umgehen. Das dauert zwar länger, aber dann kann Kenderson da sitzen, so lange und so gut er will, und es ist uns egal.“
„Außer, dass er wesentlich mehr Mechs mit hat, als wir bisher geglaubt haben. Außerdem verfügt er jetzt über die Mechs der Striders, und alles, was er von Helios' Leuten erobern konnte“, sagte Claus. „Er kann sich da oben einnisten, alles in Ruhe reparieren, und zuschlagen, wann immer er will. Und einen Union-Lander hat er jetzt auch, verdammt!“
„Ich kümmere mich darum“, erklang eine bekannte Stimme vom Eingang.
Sinclair wandte sich nicht um. Die beiden Wengenbaums aber sahen den Mann direkt an. Der Ärger aus ihren Augen verschwand und machte Erleichterung Platz. „Janard.“
Ja, das war zweifellos der Bastard Janard Medice, vogelfrei übrigens, wegen des Angriffs auf einen ComStar-HPG. Leider aber auch der engste Verbündete der Wengenbaums und ihr wichtigster Berater. Sinclair nickte ihm grüßend zu, war sich aber nicht sicher, ob der es gesehen hatte oder ob es ihn überhaupt interessierte.
Medice schritt an ihm vorbei und begrüßte die beiden Familienoberhäupter. „Ich bin gerade erst eingetroffen, und was muss ich sehen? Kenderson treibt hier sein Unwesen. Nun, zum Glück bin ich darauf eingestellt.“
„Was willst du tun, Janard?“, fragte Lauren.
„Na, was wohl? Ihn zurück zum Kastell locken und dort festnageln, bis unsere Leute und die Akugawa-Miliz die Hauptstadt erobert und die Gettysburgs ausgeschaltet haben. Denn das Kastell ist Kendersons Interesse, nicht die Gouverneurin, nicht die Hauptstadt, nicht die Bevölkerung des Planeten. Ich weiß, ich weiß, sie arbeiten zusammen und ehrenhalber wurde er Lieutenant Colonel der Miliz und Kyrenskis Stellvertreter und das alles. Aber Mietlinge riskieren ihre Hälse nicht, denn die brauchen sie noch für ihre Köpfe. Wenn ich seine Interessen direkt bedrohe, muss er reagieren.“ Janard Medice grinste. „Und ich habe die Mittel mitgebracht, um genau das zu tun.“
***
Charles Freemond erwachte. Das war er die letzten Tage öfter schon, aber es hatte nie dazu gereicht, dass er den Drang verspürt hätte, aufzustehen. Nun aber trieb ihn ein dringendes Bedürfnis, und ein Blick unter seine Decke offenbarte ihm, dass der Katheter gezogen worden war. Ein gutes Zeichen. Für einen Moment musterte er seine Bandagen. Keine war durchgeblutet oder mit anderen Flüssigkeiten durchtränkt. Auch gut. Dann setzte er sich vorsichtig auf.
„Whoa! Vorsicht, Sir!“, rief eine MedTechs von ihrem Arbeitsplatz an einem PC. „Der Doc hat zwar gesagt, Sie dürfen heute aufstehen, aber fallen Sie nicht gleich mit der Tür ins Haus.“
Helene Bürger kam mit raumgreifenden Schritten näher. Dabei passierte sie leere Betten. In der Krankenstation des Kastells war nicht viel los, und von den erschöpften und teils dehydrierten Milizionären, die sie hier aufgenommen hatten, musste keiner mehr liegen. Freemond war quasi ihr letzter derzeitiger Patient, aber es konnten jederzeit welche hinzu kommen. Derzeit hütete sie das Revier allein, und die Ärzte und MedTechs der Cavaliers gingen anderen Tätigkeiten nach wie das Material für den Ernstfall vorzubereiten. Einer aber musste immer hier sein, und sei es drum, um einen aufgeschnittenen Daumen zu bepflastern.
„Helfen Sie mir“, verlangte Freemond, ihr den rechten Arm ausstreckend.
„Ja, Sir.“ Sie griff zu, und erstaunlich einfach kam der Verletzte auf die Beine. Dann stand er, etwas wacklig zwar, aber er stand. Auch eine gute Nachricht.
„Ich möchte zur Toilette.“
„Gut. Hier entlang, Sir. Halten Sie sich an meinem Unterarm fest. Nein, keine Widerrede. Erst wenn wir sicher sind, wie viel Sie schon wieder geben können, dürfen Sie allein gehen. Ein einziger unglücklicher Sturz, und die Wunden gehen wieder auf. Schließlich ist es keine Woche her, dass Sie verletzt wurden.“
„Einverstanden“, gab er nach.
Gemeinsam betraten sie die Lazarett-Toilette. Zwanzig Betten, unisex belegbar, aber hier wurde wieder in Männer und Frauen aufgeteilt. Charles seufzte und ging auf das Symbol mit dem Hosenträger zu. Ob die Northwind Highlander auch mit diesen Piktogrammen arbeiteten? Und wenn ja, wie hatten sie das Kilt-Problem gelöst? Kurz lächelte er beim Gedanken an dieses Dilemma.
„Wohin treibt es Sie, Sir?“, fragte Bürger.
„Bringen Sie mich zu einer der Kabinen. Darf ich alleine reingehen?“
„Oh, seien Sie versichert, selbst wenn ich was sehe, werde ich es Ihnen nicht abschneiden, Sir, aber ich denke, Sie sind fit genug, um die Toilette selbst zu benutzen.“
Wie versprochen öffnete sie die Tür und machte eine einladende Geste.
„Danke.“ Charles trat an ihr vorbei, schloss die Tür, verriegelte sie aber nicht, und setzte sich auf die Toilette. Diese dämlichen Patientenkittel, die hinten ständig offen standen, hatten durchaus Vorteile.
„Wie ist die derzeitige Lage, Miss?“, fragte er durch die Tür.
„Sie meinen draußen vor dem Kastell? Dass wir im Brian-Kastell sind, haben Sie mitbekommen? Dass die Miliz sich aufgespalten hat und der Planet gerade einen Bürgerkrieg erlebt?“
„Ja“, erwiderte er. „Und ja.“
„Gut, dann muss ich ja nicht so viel erklären. Die Lage draußen ist leicht erklärt. Der Alte ist mit etwa sechzehn Mechs im Einsatz da draußen, hat ein paar neue Freunde gemacht und ist über die Conrad-Zacke getobt, bevor er ins Conrad-Mittelgebirge geflohen ist. Dort hat er weitere Freunde gemacht und seinen Verfolgern sauer eingeschenkt.“
„Ja, das klingt nach Kenderson. Wie ist die Lage hier? Und wie geht es meinen Leuten?“
„Wir sind noch immer im Verschlusszustand. Ab und an treffen noch Milizionäre ein, aber die kommen durch die Hintertür und werden von zuverlässigen Leuten gebracht. Wenn Sie mich fragen, Sir, plant Kyrenski, hier eine einigermaßen schlagfertige Truppe aufzustellen, die sich selbst bis zur Hauptstadt durchkämpfen könnte. Vor dem Kastell sind die Kämpfe weitestgehend abgeflaut. Es haben sich zwei Lager gebildet, auf jeder Seite Truppen aus Mechs, Infanterie und gepanzerten Fahrzeugen in etwa Bataillonsstärke. Zur einen Einheit haben sich die Reste der Hangmen gesellt, also sehen wir diese als eher feindselig an. Die andere, nun, ist auch feindselig. Immerhin wollen die alle ins Depot einbrechen und uns unsere Beute streitig machen.
Ihren Leuten geht es gut. Sie haben sich integriert, bleiben aber unter Miss Kendersons Befehl in einer Lanze und derem Support organisiert.“
„Gut zu wissen. Nadeen ist eine fähige Frau. Wie ist denn die Beute so? Fällt was für die Firefighters ab? Ich meine, reicht es?“
Beinahe konnte er Bürger durch die Tür hindurch grinsen sehen. „Wie man es nimmt bei einem Bataillon Mechs und einem weiteren gepanzerter Fahrzeuge und Panzer als Fundstücke. Ich schätze mal, ein paar Schrauben und einige Panzerplatten werden da schon übrig bleiben, Sir.“
Diese Antwort entsetzte Freemond für einen Moment, aber dann begann er zu rechnen und kam zum Schluss, dass es wirklich für einem Mittelschweren Sternenbund-Mech reichen konnte. Falls seine Leute sich bewährten, vielleicht noch mit dazugehörigen Ersatzteilen.
Nachdem er seine Blase entleert hatte, bestand Bürger darauf, ihn wieder zurückzuführen.
„Das ging doch schon ganz gut. Wie war es für Sie, Captain?“
„Es ging, und ich fühle mich nicht schwächer. Schlapp, aber nicht schwächer.“
Kurz nachdem sie wieder den Bettensaal erreicht hatten, trat ein weiterer Mann ein und grinste schief. „Na, das freut mich doch zu hören.“
„Duvalle, richtig? Der Mann, der von Janard Medice vorgeführt wurde und dadurch Schuld daran ist, dass die Cavaliers in eine Falle geraten sind“, sagte Charles Freemond.
„Richtig, und im Moment Stabschef der Cavaliers, Sir. Gerade eben wollte ich zu Ihnen und mich nach Ihrem Zustand erkundigen, da heute der Tag ist, an dem die Schmerzstillenden Infusionen beendet wurden und Sie wieder aktiv werden können. Und mit aktiv meine ich einen Schreibtisch. Oder etwas ähnliches.“ Er deutete auf das einzige Bett in Benutzung. „Außer natürlich, Sie wollen lieber noch hierbleiben.“
„Die Alternative ist, dass ich eine Stube im Kastell beziehe, nehme ich an.“
Clark Duvalle schüttelte leicht den Kopf. „Ich dachte mehr an ein Schauspiel. Ihre Firefighters sind eine kleine, aber feine Truppe, und ich habe da so zwei, drei Ideen, wie wir das ausnutzen können. Sie müssen dafür natürlich einverstanden sein, aber Ihr Anteil an der Beute würde sich auch erhöhen. Stimmt es, dass es zwischen Ihnen und dem Major eine mündliche Absprache unter Zeugen gibt?“
„Yes, Sir, die gibt es.“
„Irgendetwas Schriftliches?“, hakte er nach.
Charles Freemond zögerte. „Die Firefighters halten sich an das gegebene Wort. Aber, nein, nichts Schriftliches. Hätte ich so etwas verlangen sollen?“
„Und wer sind die Leute, die als Zeugen dabei waren?“
„Außer mir und dem Major? Lieutenant Bloodbourne von der Miliz und Corporal Paul Gross von meiner Unterstützungseinheit.“
„Sind Sie sicher, dass ich weiter mit zuhören sollte, Mr. Duvalle?“, fiel Helene Bürger ein.
„Ich wurde informiert, dass Lieutenant Kenderson einen Uniformsatz für den Captain bereit gestellt hat. Bitte holen Sie ihn schon mal, MedTech Bürger.“
„Ich eile wie eine Schildkröte“, erwiderte sie und ging schnell zu einer Reihe Schränke, verweilte dort aber sehr interessiert die Schubläden und Schranktüren öffnend.
„Der Witz ist, dass wir jetzt über eine Woche hier sind, dass der Major einen Überfall auf der Conrad-Zacke gegen gelandete draconische Miliz ausgeführt hat, der leider zu einer Kampagne geworden ist, und dass Medice immer noch nicht aus seinem Versteck gekrochen ist. Deshalb haben wir vor, ihn auszuräuchern. Und Sie spielen dabei eine Rolle, Captain. Nicht die wichtigste, aber wichtig genug. Wenn es nichts Schriftliches gibt, irgendwo in der Stadt hinterlegt, bedeutet das, es gibt nichts, das nachweist, dass Sie gerade gegen Ihre eigenen Prinzipien verstoßen.“
„Erzählen Sie mir einfach alles von Anfang an, inklusive dem Raid, den Major Kenderson veranstaltet hat“, sagte Freemond. „MedTech, Sie können mir meine Uniform bringen. Scheint, als wäre ich eine Zeitlang nicht mehr Ihr Gast!“
***
Etwa eine Stunde später klingelte in der Hauptstadt ein ganz normales Feldtelefon. „Rühmlich, S2.“
„Sergeant, ich brauche eine direkte Verbindung zu Major Pallas!“
„COLONEL Pallas, bitte. Wer ist da überhaupt?“
„Es tut nichts zur Sache, wer ich bin. Wichtiger ist, von wo aus ich anrufe: Aus dem Brian-Kastell! Das Brian-Kastell, in dem Major Kenderson und seine stärksten Mechs gerade nicht anwesend sind!“
Das war einleuchtend, aber noch war Sergeant Kevin Rühmlich nicht überzeugt. „Da kann ja jeder kommen. Sie ...“
„Hören Sie, ich habe nicht viel Zeit, bevor ich aufzufliegen drohe. Sagen Sie ihm: „Ein kleiner Schritt für mich, ein großer Schritt für die Menschheit“!“
„Warten Sie.“ Rühmlich schickte die Anruferin auf die Warteschleife und rief beim Colonel an.
„Was gibt es, Kevin?“
„Sir, ich habe hier eine Anruferin, die behauptet, sie sitzt gerade im Brian-Kastell.“
„Möglich. Wir haben versucht, den Laden zu infiltrieren. Hat sie ein Codewort genannt?“
„Yessir! Ein kleiner Schritt für mich, ein großer Schritt für die Menschheit, so ihre Worte.“
„Das ist ein Code, der nicht von dieser Operation stammt. Aber meinetwegen. Stellen Sie die Lady durch. Man sollte die Chancen nutzen, wenn sie sich ergeben. Falls sie sich ergeben. Auf jeden Fall habe ich nicht vor, irgendwelche Truppen in irgendwelche Fallen zu führen.“
„Yessir!“ Er drückte die Warteschleife erneut. „Ma'am, ich stelle Sie jetzt zum Colonel durch. Colonel, nicht vergessen.“
„Selbstverständlich nicht.“
Rühmlich drückte die entsprechende Taste. Wenn diese Frau zu denen gehörte, die am Morgen des Putsches aufgebrochen waren, dann konnte es sein, dass sie von Colonel Pallas' Beförderung nichts mitgekriegt hatte. Insoweit schien sich gerade etwas sehr interessantes anzubahnen. Augen und Ohren im Brian-Kastell sollten nützlich sein.
***
Als es an der Tür zu Zorns provisorischen Büro klopfte, vermisste er für einen Moment seine treue Sekretärin Miss Halbard schon ein wenig. Statt Josies freundlicher, hellen Stimme klang der knorrige Bariton von Master Sergeant Conrad Maretz auf, der ihm für seine Zeit in Fort Wegener das Vorzimmer polierte. „Sir? Zenturio Faber ist hier.“
„Soll eintreten.“ Seit sie die Latin Striders defacto besiegt hatten, befand sich ihr Material, und noch wichtiger ihre Leute in Fort Wegener. Nicht im Gefängnis, in dem sich gerade fünf MechKrieger und die Besatzung der SWASHBUCKLER der Miliz die Zellen teilten, sondern in den normalen Bereichen. Die Striders waren dafür bezahlt worden, sie anzugreifen, und mit ihrer Kapitulation war ihre Motivation, sich mit den Cavaliers anzulegen, vollkommen erloschen. So hoffte Zorn.
Der Master Sergeant öffnete die Tür, und der schlanke Hannes Faber trat ein. „Sir.“
„Hannes. Bitte setzen Sie sich. Tee? Kaffee? Einen kleinen Snack?“
„Danke, Sir, ein Kaffee wäre schön.“
Die Tür öffnete sich erneut, und Maretz trat ein, ein kleines Tablett vor der Brust, auf der zwei Kaffeetassen standen. „Bitte, Lieutenant Colonel Kenderson, schwarzer Crema mit Milch. Zenturio Faber, hier, ein doppelter Espresso mit zwei Löffeln Rohrzucker.“
Verblüfft sah der Söldneroffizier den Milizionär an. „Ich habe meinen Kaffee hier in Fort Wegener noch nicht auf diese Weise getrunken. Woher wissen Sie das, Master Sergeant?“
Der altgediente Mann neigte nur leicht den Kopf. „Betriebsgeheimnis, Sir. Wir Unteroffiziere haben unsere Mittel und Wege.“ Tatsächlich hatte er zwei Striders darüber reden hören, dass der Zenturio seinen Kaffee „nicht wie sonst“ trank, und eine unverbindliche, kurze Unterhaltung später hatte der Sergeant herausgefunden, was er zum Thema wissen musste. Natürlich war das nicht das Einzige, was er aus den Striders herausgekitzelt hatte. Die MechKrieger der Einheit waren erfrischend naiv, während die Techs der Truppe fast bis zum Platzen dicht hielten. Aber ein Mann wie er, der Jahrzehntelang in der Gegenspionage tätig gewesen war, kannte die Kniffe. Also nickte er noch mal in Richtung des Majors der Cavaliers. „Lieutenant Colonel, wenn Sie etwas brauchen, zögern Sie nicht, zu fragen.“ Damit ging er wieder in den Vorraum und schloss die Tür.
„Ich will ums Verrecken wissen, wie er das gemacht hat“, sagte Faber, und entließ den Rest der Luft aus den Lungen mit einen Zischen zwischen den Zähnen. „Das hat er aus meinen Leuten rausgekriegt, aber keiner hat auch nur ansatzweise erwähnt, dass der Master Sergeant sie ausgefragt hat.“
„Vermutlich hat er das auch gar nicht. Ein guter Nachrichtenoffizier hat seine Mittel und Wege. Aber genug davon. Was kann ich für Sie tun?“
„Ich komme gerade aus dem Funkraum. Wir haben mit der Söldnerkontaktkommission kommuniziert. Für die ist unser Vertrag mit den Wengenbaums abgeschlossen. Da wir nicht in der Lage sind zu verlängern, wurden wir aufgefordert, sobald wir es können, den Planeten zu verlassen. Wenn wir die Stratopause verlassen, ist aus Sicht der Kommission alles abgeschlossen und wir kriegen die vereinbarte Besoldung. Natürlich ohne die Prämien.“
„Und?“, fragte Zorn.
„Wenn es nach mir geht, würde ich die ROMA AETERNA herbei rufen, mein Material und meine Leute einschiffen und die Stratopause des Planeten hinter uns bringen. Das hätte diverse Vorteile, und einer davon ist, dass Sie kein Auge mehr auf uns haben müssen. Und keine Kosten. Danke übrigens, dass wir unsere Mechs reparieren durften.“
„Da nicht für. Sie bringen da einen interessanten Punkt auf den Tisch, Zenturio. Tatsächlich habe ich keinen Nutzen darin, Sie länger festzuhalten. Im Gegenteil, wenn Sie Ihren Kontrakt beenden und den Planeten verlassen, würde mir das sehr helfen. Außerdem, Sie und Ihre Leute sind feine Kerle, Faber. Ich habe mit Sharon, ich meine Mrs. Gouvernor gesprochen, und sie könnte sich vorstellen, die Latin Striders das nächste Mal selbst anzuheuern. In Zeiten der Not etwa.“
Die beiden Männer sahen sich eine Zeitlang stumm an. Dann nippte Zorn an seinem Kaffee und Faber trank den doppelten Espresso.
„Wir verstehen uns, Zorn.“
„Das tun wir.“ Er erhob sich, der Strider auch, dann gaben sie einander die Hand. „Holen Sie die ROMA AETERNA rüber. Der Raumhafen der Hauptstadt Allansville ist unter der Kontrolle der nichtmeuternden Miliz, also braucht Ihr Kapitän keinen Alarmstart hinzulegen.“
„Danke, Sir, ich weiß das zu schätzen. Wie ich so vieles zu schätzen weiß. An Ihnen und den Cavaliers, Sir.“ Damit verließ er das Büro wieder.
Zwei Stunden später senkte sich ein umgebautes, und gar nicht mal so altes Maultier auf das Tal herab. Es landete direkt neben der SWASHBUCKLER, an der noch letzte Reparaturen an der defekten Rampe ausgeführt wurden. Auch dafür würde Zorn bald eine Lösung finden müssen. Es dauerte nicht lange, bis die Striders ihr Material und ihre Leute auf die ROMA AETERNA geschafft hatten. Nach einem letzten Abschiedsgruß und nachdem die Cavaliers und Milizionäre genug Sicherheitsabstand eingenommen hatten, startete das Maultier durch und verlor sich schnell im Blau des Himmels.
Etwa eine halbe Stunde später aber kam ein dunkler Punkt von oben auf diese Welt herab, wurde größer, und größer, und man sehe und staune, es war ein Maultier-Landungsschiff. Die ROMA AETERNA. Nachdem ihr Landeerlaubnis erteilt worden war, setzte die alte Dame ziemlich exakt da wieder auf, wo sie gestartet war. Dann öffnete sich eine der drei Rampen, und Zenturio Faber trat hervor, begleitet von einigen seiner Offizieren und dem MeisterTech der Einheit. Er trat vor Zorn, salutierte und sagte: „Wir sind die Latin Striders. Unser letzter Kontrakt wurde gerade offiziell beendet, und wir sind frei, überall und jederzeit einen neuen anzunehmen. Ich habe gehört, dass auf Allans World durchaus ein paar Mechs gebraucht werden, auch wenn sie nicht mehr ganz so neu sind.“
Zorn Kenderson salutierte ebenfalls und sagte: „Das ist aber ein sehr interessanter Zufall, Zenturio. Mir ist Ihre Vita und die Ihrer Einheit bekannt, und erst vor kurzem habe ich mit unserer Unterkontraktnehmerin Sharon Gettysburg über Ihre Einheit geredet. Sie würde eine Truppe von Ihrem Schlag jederzeit anwerben. Kommen Sir, Zenturio. Handeln wir die Details aus.“
Geschrieben von Ace Kaiser am 24.09.2026 um 23:01:
Es hatte unbestritten eine Menge Nachteile, die Galionsfigur der Wengenbaumfamilie zu sein, fand Dagobert. Zum einen zogen sein verrückter Onkel Claus und die noch verrücktere Tante Lauren die eigentlichen Fäden – auf Geheiß dieses Wahnsinnigen Medice, natürlich, dem sie blind vertrauten – was ihn defacto machtlos machte, wenn es darum ging, wirklich wichtige Entscheidungen zu treffen. Zum anderen hatte er bei der Zerstörung von Mallorys World einen Logenplatz, und, wenn er noch etwas Pech hatte, auch einen beim Untergang der Wengenbaum-Dynastie.
Aber es gab auch eine Handvoll Vorteile, wenn man offiziell das Familienoberhaupt war, dem augenscheinlich sogar Lauren und Claus gehorchten. Außerhalb eines gewissen Zirkels, der zumeist aus dem Dunstkreis der beiden stammte, wusste niemand, dass er nur ein machtloser Schatten war, der lediglich sein Gesicht herzugeben hatte. Der engere Mitarbeiterstab um Claus und Lauren wusste das, dazu die Handvoll „Leibwächter“, die dazu abgestellt worden waren, ihn zu „beschützen“. Alle anderen Wengenbaums und die mit ihnen assoziierten Mitarbeiter und Mitläufer wussten das nicht.
Das eröffnete einige Möglichkeiten, die vor der Entführung seiner Mutter und seiner Geschwister nicht möglich gewesen wären. Und so wie es gerade schien, war das seinen beiden Marterern noch nicht aufgefallen. Also hieß es, schnell zu handeln. Sehr schnell.
Nun, alea iacta est, wie die Lateiner sagten. Die Würfel fielen und hatten Dagobert diesen Morgen ein ganz mieses Einser-Pasch gezeigt, als er erfahren musste, dass Janard Medice im Stammhaus der Wengenbaums aufgetaucht war. Schnurstracks hatte es den Strippenzieher zu Onkel und Tante gezogen. Und Dagobert, der bei solchen Besprechungen nie anwesend sein durfte, hatte die Gelegenheit genutzt, eine Notiz zu hinterlassen, dass er sich der Entführung seiner Familie widmen wolle und dafür ein paar gefangene Milizionäre befragen würde. Das hatte erstaunlich gut funktioniert, und seine „Leibwächter“ waren mit ihm zur General Jordan Astro-Kaserne rausgefahren, die über einen großzügigen Arrestbereich verfügte, und wo etliche der sogenannten „Neutralen“ eingesperrt worden waren. Dazu auch einige unwichtige Gettysburg-Anhänger. Alle wichtigen waren entweder mittlerweile entkommen oder auf die eine oder andere Art zu Tode gekommen. Die typische Paranoia seiner wahnsinnigen Verwandten. Aber, wie gesagt, es eröffnete Möglichkeiten.
Als der Wagen, in dem er fuhr, ein altertümlicher Bodenwagen, einem uralten Benziner von der Erde nachempfunden, aber mit modernem Elektromotor ausgestattet, zur späten Mittagsstunde vor dem Haupttor der Jordan Astro-Kaserne hielt, brauchte es nur wenige Sekunden, um ihn zu identifizieren. Dagobert Wengenbaum. Der Anführer der Familie. Das charismatische Oberhaupt, welches sich gerade anschickte, den Planeten ein für allemal für die Wengenbaums zu erobern und von der Präsenz der Gettysburgs zu säubern. Dementsprechend übereifrig war die Torwache. Auch der Wachhabende, ein junger Lieutenant, kam sofort aus der Wachklause geschossen, um ihn zu begrüßen, und das in einer Überschwänglichkeit, die Dagobert mehr als peinlich war. Aber nichts außer dem Lächeln, für das er bekannt war, zeigte sich auf seinem Gesicht. Gegenüber dem Lieutenant äußerte er seine Wünsche, und nach einer obligatorischen Rücksprache mit dem Kommandeur der Kaserne wurde er eingelassen. Im Moment war das ein Captain, weil die meisten wichtigen Offiziere im Feld gebraucht wurden, unter anderem bei der verdeckten Operation gegen das Brian-Kastell, wo sich zwei Kompanien der Wengenbaumtreuen Miliz als ausländische Söldner tarnten. Außerdem versprach der Wachoffizier, Captain Silsko würde sich persönlich um ihn kümmern.
Das ließ eine Saite in Dagobert anklingen. Silsko war eigentlich das, was man „neutral“ nennen würde. Des Öfteren hatten die Wengenbaums versucht, ihn auf die Seite vom damals noch springlebendigen Astro Luckner und damit in die Wengenbaumfamilie zu ziehen. Aber sie hatten damit nie Erfolg gehabt. Warum der Mann nicht wie etliche weitere Neutrale in einer Zelle seines Arresttrakts vergammelte, war eine erstaunliche, geradezu interessante Frage. War Lukas Silsko „umgefallen“ und übergelaufen?
Der Wagen hielt vor dem Gefängnistrakt, und einer seiner „Leibwächter“ öffnete von außen, weil die Innenverriegelung blockiert war, damit er nicht an irgendeiner Straßenkreuzung einfach aus dem Wagen sprang und verschwand. Dagobert stieg aus dem Wagen. Er richtete sich zu seiner vollen Größe auf, die mit eins dreiundneunzig beachtlich war. Leider war er ein relativ untrainierter Schlacks, deshalb brachte er es nur auf achtzig Kilo im Schnitt, sodass er zwar groß war, aber keinesfalls imposant wirkte. Wie hatte das jemand formuliert?Sein Auftritt war eher der eines Intellektuellen als das eines Sportlers. Was für seine Rolle in der Familie mehr gut als schlecht war.
Silsko war schon ziemlich alt für den Posten eines Captains. Dagobert nahm an, dass er als Neutraler bei Beförderungen unter Luckner einfach ständig übergangen worden war. Oder er war da, wo er diente, zufrieden und hatte Beförderungen abgelehnt.
Jedenfalls erwartete ihn der Kasernenkommandant bereits. Er war ein kleiner, bulliger Mann in den späten Vierzigern mit bereits ergrauten Schläfen und einem mächtigen, aber nachtschwarzen Schnurrbart, der penibel gewichst war. Auch seine Uniform, Makellosigkeit auf einen Meter und zweiundsiebzig Zentimetern, sowohl in der Höhe, als auch in der beachtlichen Breite. Silsko war ein Klotz auf zwei Beinen, fast schon quadratisch, wie Spötter behaupteten.
„Guten Tag, Herr Wengenbaum“, begrüßte er das angebliche Familienoberhaupt leicht respektlos.
„Guten Tag, mein lieber Captain Silsko. Ich habe Sie hier nicht erwartet, aber ich bin umso froher, einen aufrichtigen, loyalen Mann wie Sie hier anzutreffen.“
Silsko bellte rau auf. „Sagen wir es so. Angesichts meiner Beliebtheit bei der Truppe hat man sich mit mir geeinigt, auf welche Art ich meine Position behalten kann.“
„Und ich denke, das ist es wert. Vor allem Ihrer Leute zuliebe, nicht?“, meinte Dagobert fröhlich. Bevor der Captain etwas erwidern konnte, fügte er an: „Meine Familie ist entführt worden. Wir haben keine Ahnung, wohin man sie gebracht haben könnte. Aber ich muss sie wiederfinden und verhindern, dass sie gegen Claus und Lauren Wengenbaum eingesetzt werden können. Deshalb bin ich hier.“ Er deutete neben sich, wo zwei seiner Bewacher Aufstellung genommen haben. „Also ich und meine Bodyguards.“ Mit der rechten Hand, vor die Brust gehalten, zeigte er Silsko eine vier an. Da beide Wachhunde leicht hinter ihm standen, sahen sie das nicht.
Silsko aber sah die Geste, verzog dabei jedoch keine Miene.
„Und was wollen Sie hier, in meinem Arrestbereich, mit Ihren Bodyguards?“, fragte Silsko stattdessen geradeheraus.
„Zuallererst will ich, dass Sie und Ihre loyalsten Leute meinen Schutz verstärken. Nach der Entführung meiner Mutter und meiner Geschwister bin ich gefährdeter denn je. Wer zu ihnen vordringen kann, hat vielleicht schon mich im Visier. Und um der Familie Wengenbaums willens, unserer Sache willens, habe ich nicht vor, mich als Geisel für meine Feinde anzubieten. Kriegen Sie das hin, Lukas?“
Der Offizier verzog keine Miene, drechselte aber das rechte Ende seines Schnauzbarts mit der rechten Hand. „Natürlich kriege ich das hin. Aber nochmals: Was wollen Sie hier, Oberhaupt?“
„Ich will mit Major Breemster und einigen der anderen Leute hier reden. Sie sind zwar Neutrale, aber neutral kann vieles heißen. Und wenn sie mit ihrem Wissen nicht freiwillig rausrücken, kann ich auch ungemütlich werden. Dann machen wir alle eine kleine Spazierfahrt zur nächsten Kiesgrube, wenn Sie verstehen, was ich meine. Zwei, drei oder vier Tote sind mir dann auch egal. Hauptsache, ich kann beschützen, was ich liebe.“
„Jule ist eine sture dumme Hure. Das kommt davon, wenn man sieben Tage die Woche einen Schreibtisch der Versorgung reitet. Ihr werden Sie wohl eine Autopistole an den Kopf setzen müssen, um an Ergebnisse zu kommen. Darf ich das Yucatan-Industriegelände empfehlen? Dort gibt es in der Tat eine Kiesgrube, und man kann da ohne weiteres ein paar Körper verschwinden lassen.“
„Ich sehe, wir verstehen uns“, sagte Dagobert zufrieden. Zumindest hoffte er, dass Lukas Silsko verstanden hatte. „Gehen wir rein.“
Der Captain übernahm die Führung, und seine Autorität sorgte dafür, dass der Arresttrakt sich für Dagobert schneller öffnete als die Beine von Claus' Geliebten, nachdem er ihr ein Diamanthalsband geschenkt hatte.
Ein Sergeant Blohm führte derzeit die Wache. Er wirkte ein wenig blass, als er Dagobert erkannte, aber Silsko brachte ihn schnell wieder auf Spur. „Öffnen Sie die Zelle für die Gefangene Breemster“, befahl er so hart und abrupt, dass das soldatische Training griff und Blohm in den automatischen Modus versetzte. „Ja, Sir, Sofort.“ Er gab einem seiner Privates einen Befehl, griff in seinen Schreibtisch und zog seine Laserpistole samt Holster hervor, um es anzulegen.
„Während wir mit Breemster reden, bereiten Sie alle Gefangenen vor“, fuhr Silsko fort. „Falls das Gespräch nicht das erwartete Ergebnis erbringt, fahren wir mit ihnen allen zum Yucatan-Gelände und erhöhen den Druck.“
Diese Worte ließen den Unteroffizier ein wenig erbleichen. „J-jawohl, Sir.“
„Sie brauchen nicht mit reinkommen. Ich habe Schutz genug“, sagte Dagobert zu Lukas. „Organisieren Sie schon mal ein Begleitkommando. Wenn Breemster so stur ist, wie Sie sagen, werden wir so oder so rausfahren müssen.“
Der Kommandeur der Kaserne brummte etwas Unverständliches.
„Was wollen Sie sagen?“, fragte Dagobert freundlich.
„Diese beiden Schränke sind doch Luschen! Mit allem Verlaub, Sir!“, knurrte er laut.
„Um mich vor einer Frau zu beschützen, wird es wohl reichen“, erwiderte Dagobert spöttisch. Seine sogenannten Leibwächter zeigten nur wenig Reaktion. Kein Wunder, denn ihre Aufgabe war nicht, seine Unversehrtheit zu garantieren, sondern dass er ein Gefangener blieb.
„Nun gut. Melden Sie sich bei Blohm, falls wir wirklich rausfahren müssen. Ich organisiere, was wir brauchen.“
„Tun Sie das. Danke, Silsko. Bringen Sie mich hin, Blohm.“
„Ja, Sir. Dritte Tür rechts, Sir.“
Einer der Privates stand bereits vor der Tür, und Blohm, Dagobert und die beiden Schatten schritten zu ihm.
'Jetzt gilt es!', ging es Dagobert durch den Kopf.
Der Private zog eine Codekarte durch das Schloss der Tür, gab einen Pincode ein, und ein lautes Klicken bewies, dass das Ritual den gewünschten Erfolg erbracht hatte. Ein leichter Druck des Soldaten, und das Schott schwang nach innen auf. Die meisten Gefängnistüren öffneten nach außen, damit man notfalls einen Riegel improvisieren konnte. Aber Luckner war bei der Renovierung vor etwa fünf Jahren der Meinung gewesen, dass eine nach innen aufgehende Tür den Platz in der Arrestzelle reduzierte und zur Demut des Gefangenen beitrug. Denn wer hier landete, hatte es nicht anders verdient. Eigentlich.
Die aufschwingende Tür enthüllte den Blick auf eine mehr als karge Zelle der Größe 3x5 Meter, die aus einem Bett, einem winzigen Tisch mit einem Stuhl, einem kleinen Wandregal und einem Toilettenbecken ohne Brille bestand. Das Bett war mindestens so schlicht wie die Inneneinrichtung, die nicht mal über ein Fenster verfügte. Wohl aber über einen Monitor, Flachbildschirm, in die Wand eingelassen, in dem auf Dauerschleife Werbefernsehen für die Wengenbaums lief. Dagobert fragte sich, ob das Gerät für die offizielle Nachtruhe abgeschaltet wurde, wie es die Ares-Konvention vorsah. Andererseits waren weder Luckner noch sein Onkel und seine Tante so etwas wie Menschenfreunde, nicht mal annähernd. Wenn sie meinten, jemandem ungestraft etwas antun zu können, dann taten sie es auch. Soziopathen erster Güte, und leider war erst einer der drei Geschichte.
Noch etwas war im Raum, nämlich eine hochgewachsene blonde Frau mit Kurzhaarschnitt, die im Hab acht stand. Das war also Juliana Breemster, ihres Zeichens Majorin der Versorgung und eine „verdammte Neutrale“, wie sich Claus über sie auszudrücken pflegte. Nun, wenn Dagobert ihr hübsches Gesicht und die Oberweite des athletischen Körpers betrachtete, war ihm klar, dass diese Frau in Claus' Beuteschema passte. Wahrscheinlich hauste sie in dieser Zelle, um sie weichzukochen und den Wünschen seines Onkels offener zu machen.
Als sie Dagobert erkannte, zuckte kurz die rechte Hand, als wolle sie zum Salut hochgehen, aber sie unterdrückte den Impuls. „Was denn? Dagobert Wengenbaum und zwei Schläger?
Ich habe Claus erwartet. Oder wenigstens einen Offizier, der mir erklärt, was man mir eigentlich vorwirft.“
Ihre Stimme klang jung und hell, kein Sopran, aber auch kein Alt. Es war ein Timbre darin, das Dagobert gefiel. Nicht nur das, die Frau gefiel ihm, weil sie keinerlei Angst zeigte. Oder diese meisterhaft zu unterdrücken verstand. Nun. Da war ein leichtes Zittern an der linken Hand des angelegten Arms. Als Geschäftsmann des Wengenbaum-Clans war er darauf trainiert, Körpersprache zu lesen. Gut, damit ließ sich arbeiten.
„Reden Sie keinen Unsinn. Claus hat gerade genug Gespielinnen und braucht kein weiteres dummes Blondchen. Und das wird auch noch eine ganze Zeit so bleiben“, erwiderte er. Einer der Leibwächter trat vor ihm ein, führte eine Leibesvisitation bei Breemster durch und durchsuchte die Zelle oberflächlich. „Sicher.“
Nun erst war es Dagobert gestattet, zusammen mit dem zweiten Wachhund einzutreten. Das war einer der wenigen Vorteile des Sklaven Dagobert Wengenbaum: Damit er ein Sklave blieb, musste er am Leben bleiben. Deshalb betrieben seine Wächter zumindest einen gewissen Aufwand zu seinem Schutz. Eine Sache, die ihm durchaus Genugtuung bescherte.
Breemster wohl eher nicht. Sie hatte die Leibesvisitation ruhig über sich ergehen lassen, obwohl der große, grobe Gorilla auf ihren Möpsen, dem Hintern und im Schritt viel länger verblieben war als schicksam gewesen wäre. Jule Breemster zeigte zwar keine Empörung offen, aber immer noch keine Angst. Jedenfalls nicht mehr als bisher. Sie rieb sich das rechte Handgelenk mit der Linken. „Was wollen Sie dann hier, Dagobert Wengenbaum?“, fragte sie geradeheraus.
Er trat nun sehr nahe vor sie, sehr zum Missfallen der Schießhunde. „Meine Familie ist entführt worden und wahrscheinlich auf dem Weg in die Hand der Gettysburgs. Sie verstehen sicherlich, dass ich das überhaupt nicht gut finde.“ Als er ihr gegenüberstand, sah er, dass er einen halben Kopf größer als sie war. Er mochte große Frauen, wenngleich er das letzte mal vor zehn Jahren hatte frei entscheiden können, mit wem er sich traf, geschweige denn wann und wo.
„Das ist verständlich. Was also wollen Sie von mir?“, fragte sie, beide Arme unter ihrem Busen verschränkend.
„Claus hat mir gesagt, dass Sie nicht so neutral sind, wie Sie behaupten. Im Gegenteil, Sie sind eine Gettysburg-Spionin. So seine Worte. Er geht sogar so weit zu sagen, dass Sie eine von Sharons Führungsagenten sind. Sie hatten nur das Pech, sich zu lange als Neutrale auszugeben. Deshalb sind Sie jetzt hier.“
„Wie überaus interessant. Ich hätte mir nur gewünscht, dass Sharon mir das früher gesagt hätte, damit ich es auch weiß“, spottete sie.
„Wie dem auch sei, ich brauche Antworten. Ich bin sicher, ich kann von Ihnen nichts über die Operation selbst erfahren. Aber über den Plan, über die Einsatzagenten, über die eingesetzten Vehikel, und über mögliche Safe Houses, in denen meine Familie versteckt sein könnte.“
„Was, wenn ich über solches Wissen verfügen würde?“, fragte sie.
„Nun, ich würde mich als sehr entgegenkommend erweisen. Zum Beispiel würde ich sichergehen, dass Claus seine Griffel von Ihnen lässt, Juliana. Dazu würde ich Sie zu meiner offiziellen Begleiterin ernennen, was Sie gleichzeitig aus dieser zugegeben bequemen Stube direkt wieder an die frische Luft befördern würde.“
Sie verzog die Lippen zu einem Flunsch. „Ich nehme an, ich muss dann mit Ihnen schlafen.“
„Absolut müssen Sie das, und natürlich vollkommen freiwillig. Im Gegenzug sorge ich dafür, dass Sie mit keinem anderen schlafen müssen. Und wie gesagt, Sie kommen hier raus.“
„Und ich verliere meinen Posten in der Miliz“, sagte sie ärgerlich.
„Nur vorübergehend. Bis die Gettysburgs besiegt sind. Wenn wir nicht mehr zwischen Loyalen, Feinden und Neutralen unterscheiden müssen, werden auch eine Menge Offiziersposten frei werden. Ich wünsche mir durchaus ein paar nicht fanatische Holzköpfe in dieser wichtigen Einrichtung. Sie könnten bis zum Colonel aufsteigen und das Oberkommando übernehmen. Wie klingt das?“
Sie musterte ihn eine Zeitlang. „Gut klingt das.“
„Also haben wir einen Deal?“, fragte Dagobert, mühsam seine Überraschung verbergend. Hatte er gerade einen Glückstreffer gelandet, und Jule war eine Gettysburg-Agentin?
Die Frau warf die Arme in die Luft und drehte sich weg. „Leider aber bin ich keine Agentin von Sharon. Und daher weiß ich nichts, was ich Ihnen anbieten könnte. Aber wenn Sie mich trotzdem hier rausholen, können wir über diese offizielle Begleiterin reden.“
Für einen Moment ging Dagobert ein Stich durchs Herz. War das die Wahrheit? Zog sie das wirklich in Betracht? Ein leichtes Rauschen in seinem Kopf und eine Flut Hormone machten es ihm für eine Sekunde schwer zu denken. Erst als er die aufkommende Begierde niedergekämpft hatte, konnte er mit seinem Plan fortfahren. „Falsche Antwort.“ Er wandte sich von ihr ab und verließ die Zelle, seine Leibwächter natürlich direkt hinter ihm. Draußen auf dem Flur wartete Silsko bereits auf ihm, in Begleitung von zehn gut bewaffneten Soldaten. Keine MP, sondern Infanteristen, Techniker, Pioniere, wie die Litzenfarbe auf den Schultern verriet. Beinahe hätte er gelächelt, aber auch diesmal beherrschte er sich.
„Alles ist so arrangiert, wie Sie es wollen, Dagobert“, sagte Silsko.
„Gut. Dann lassen Sie Major Breemster Handfesseln anlegen und rausschaffen. Auch die anderen sogenannten Neutralen und das Geschmeiß der Gettysburg-Hörigen. Vielleicht hilft es ihr auf die Sprünge, wenn ein paar von denen vor Ihnen sterben“, sagte er kalt.
Silsko verzog keine Miene, als er salutierte und den Befehl bestätigte.
„Dass Sie so ein Mistkerl sind, hätte ich nicht erwartet, Silsko. Und von Ihnen auch nicht, Dagobert“, klang Julianas Stimme aus ihrer Zelle auf.
„So kann man sich täuschen“, sagte Dagobert süffisant. Er nickte in Richtung ihrer Zelle, und der Captain erwiderte das Nicken. „Fesseln und abführen“, wies er zwei der Infanteristen an. „Danach holen wir die anderen.“
Die Männer und Frauen hatten grimmige Mienen aufgesetzt. Zwei verschwanden in der Zelle der Majorin und kamen bald mit ihr zurück, die Hände auf dem Rücken gefesselt, jeder hielt einen Arm gepackt.
Ihre Augen funkelten in einer Mischung aus Angst und Hoffnung, aber sie beherrschte sich. Kein einziges Wort kam über ihre Lippen, als die beiden Infanteristen sie durch den Gang in Richtung Ausgang schoben. Andere von Silskos Leuten öffneten weitere Zellen und fesselten deren Insassen, um sie dann ebenfalls hinaus zu treiben.
Als sich der Trakt merklich geleert hatte, folgte Dagobert nach draußen. Silsko blieb noch einen Moment und sagte zu Blohm: „Rechnen Sie nicht damit, dass alle zurückkommen.“
„Jawohl, Sir.“
Draußen warteten zwei Luftkissenwagen, ein großer Transporter und ein Viersitzer, ein leichtes gepanzertes Aufklärungsfahrzeug. Auch die anderen beiden Leibwächter warteten bereits, leicht verwirrt über das Geschehen.
Währenddessen verfrachteten die Infanteristen neben Jule noch acht weitere Soldaten in den Transporter. Einer der Soldaten sagte dann: „Noch ein Platz frei, Captain.“
„Sir, wir nehmen meinen Schweber. Ein Fahrer, wir beide, da bleibt nur noch Platz für eine vierte Person. Sie können zwei Ihrer Leibwächter mitnehmen, aber nicht alle vier.“
Einer der Männer, die Dagobert ins Gefängnis gefolgt waren, sagte: „Wir nehmen unseren Wagen. Hier entlang, Sir.“
„Das geht nicht“, erwiderte Silsko. „Da, wo wir hinwollen, kommen wir nur mit Luftkissenvehikeln hin. Sie können sich entscheiden zwischen den Wagen hier in der Kaserne zu lassen, oder später auf dem Gelände zurückzulassen.“
Der Mann wechselte einen Blick mit jedem der anderen drei Gorillas. Zwei nickten schließlich, und auch er bestätigte. „Ross, in den Transporter. Ich fahre im Aufklärer mit. Cim und Kuhlmann warten hier auf unsere Rückkehr in … Wie lange werden wir brauchen?“
Silskos Miene wurde einen Augenblick angestrengt. „Zwei Stunden etwa. Mit Hin-, und Rückfahrt.“
„Also in zwei Stunden. Ihr könnt im Mannschaftsheim etwas essen, wenn Ihr wollt. Es wird schon keiner den Bodenwagen in einer Kaserne stehlen.“
Die beiden Männer bestätigten.
Dagobert setzte sich zu Silsko hinten in den Schweber, der eine Leibwächter nahm neben dem Fahrer Platz, einem großen, bulligen Kerl, dem man eine filigrane Arbeit wie den Straßenverkehr der Hauptstadt eher nicht zutraute. Der zweite Leibwächter stieg in den Infanterietransporter zu den Wachen und den Gefangenen.
„Also los“, sagte Dagobert, lehnte sich zurück und harrte der Dinge, die da kommen sollten.
Noch bevor sie das Tor der Kaserne erreicht hatten, klappte der Leibwächter die Sonnenblende seines Platzes herunter und stellte sie so ein, sodass er im winzigen Schminkspiegel Dagobert weiter im Blick hatte. Wie paranoid. Aber wie hieß es so schön? Nur weil man paranoid war, hieß das nicht, dass man nicht doch verfolgt wurde.
„Wie lange werden wir fahren?“, fragte Dagobert, während der Fahrer die Torwache anwies, sie passieren zu lassen. „Zum Yucatan-Gelände?“
„Etwa zwanzig Minuten“, erwiderte Lukas Silsko.
Das Tor der Kaserne öffnete sich, der kleine Aufklärungswagen fuhr hinaus, und der Mannschaftstransporter folgte. Als beide Vehikel auf der Straße waren, schob Silsko unauffällig die Rechte in die Hosentasche seiner Uniform.
„Das würde ich lassen“, sagte Dagobert amüsiert.
Der Leibwächter drehte sich nun um und grinste. „Hat der Captain einen kleinen, aber feinen Nadler in der Tasche, mit dem er mich hinterrücks erschießen wollte?“
Den Fahrer durchfuhr so ein Schreck, dass er kurz die Kontrolle verlor und das Gefährt kurz einen Schlenker machte. Auch der Captain schien einen Schlenker zu machen, aber einen geistigen.
„Ja, es sieht nach einem Nadler aus“, erwiderte Dagobert. „Bevor Sie die falschen Schlüsse ziehen Lukas, darf ich Ihnen Norbert Svenson vorstellen?“
„Svenson? Sie sind ein Gettysburg?“
„Exakt. Abgestellt, um die Kernfamilie der Wengenbaums auszuspionieren, und, falls möglich, zu liquidieren. Dieser Teil meines Einsatzes ist noch nicht so alt. Seit Lauren versucht hat, Justice Gettysburg ermorden zu lassen, um genau zu sein. Äh, wenn Sie mir nicht trauen, können Sie gerne meine Waffen haben. Alles ist mir recht, wenn Sie drauf verzichten, mich zu erschießen.“ Der Bodyguard, dessen Gesicht nun wesentlich intelligenter aussah, runzelte die Stirn. „Wir sind uns doch dieser Leute sicher, oder, Dagobert?“
„Das ist eine gute Frage. Lukas, sind wir uns sicher?“
Der Captain mahlte mit den Backen. „Wir sind hier in einem Auto, meine Leute haben das Nötigste gepackt, und wir fahren nicht zum Yucatan-Gelände, falls Sie das noch nicht gemerkt haben, Dagobert. Natürlich können Sie sicher sein. Was ist mit dem zweiten Leibwächer? Ist er auch ein Agent?“
Norbert winkte ab. „So gut ist das Netzwerk der Gettysburgs nun auch wieder nicht. Ich fürchte, wir müssen ihn irgendwie loswerden.“
„Wir fahren zu einer kleinen Halle am Raumhafen. Dort stehen zivile Fahrzeuge bereit, mit denen wir unerkannt die Stadt verlassen können“, sagte Silsko. „Danach hatten wir vor, die Gettysburgs zu kontaktieren, um uns weiter zu bringen. Aber das können wir uns dank Ihnen sicher sparen, Mr. Svenson.“
„Gut“, sagte Dagobert. „Es war die richtige Entscheidung, auf Sie zu setzen, Lukas. Außerdem können wir in der Halle Jule und den anderen die gute Nachricht bringen, dass ihre zukünftige Freiheit viel positiver ausfällt, als sie gerade denken.“
„Und wir müssen uns um Ross kümmern“, merkte Svenson an. „Und mit „kümmern“ meine ich überwältigen, fesseln und in der Halle verstecken, bis wir weit genug weg sind. Es sterben viel zu viele Leute in diesem Konflikt.“
„Einverstanden“, sagte Dagobert.
„Einverstanden“, sagte Silsko.
Als beide Wagen vor der Halle hielten, stieg Silsko aus, um das Schiebetor aufzuschließen und zu öffnen. Die Halle war weit vom Schuss in einer unübersichtlichen, nicht überwachten Ecke des Hafens, auch weit weg von den Landungsschiffen der Cavaliers. Dank Svenson gab es einen Notfallplan, dass sie auf den Schiffen Schutz suchen konnten, wenn hier alles den Bach runterging, aber das hätte neben dem Risiko, die Eier zu erreichen auch bedeutet, fortan auf dem Hafen isoliert zu sein, und Dagobert wollte ein wenig mehr tun in nächster Zeit, wenn er schon mal den Klauen von Lauren und Claus entkommen war.
Nachdem die Wagen eingefahren waren, verschloss Silsko das Tor wieder und machte Licht. Nun ging alles ganz schnell. Zum Erstaunen der Gefangenen überwältigten Silskos Leute den zweiten Leibwächter und versuchten dies auch beim ersten, aber Dagobert wehrte das ab. „Befreit lieber die Gefangenen und sagt ihnen, dass das hier nicht das Yucatan-Gelände ist.“
Der Befehl wurde ausgeführt, und nachdem Ross stramm gefesselt, etwas blessiert und mit Augenbinde aus dem Wagen geführt wurde, folgte ihm direkt Breemster, ihre Handgelenke reibend. „Tolle Finte, Dagobert. Ich war so nahe dran zu glauben, dass wir in den Tod fahren. Danke für die Rettung, übrigens.“
„Gern geschehen, aber noch sind wir nicht in Sicherheit.“ 'Und das werden wir auch nicht sein, solange dieser dämliche Bürgerkrieg läuft', fügte er in Gedanken hinzu. Laut sagte er: „Wieso nahe dran, Jule?“
Sie verzog die Lippen zu einem Schmunzeln. „Erstens bin ich viel zu heiß, dass Sie ein Babe wie mich tatsächlich abknallen und in einem Massengrab verscharren würden.“
Dagobert lachte auf. „Vielleicht ist das richtig. Und zweitens?“
„Alle Soldaten, die Silsko gesammelt hat, haben irgendwann einmal unter mir gedient. Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass sie alle schweigend zusehen würden, wie ich und die anderen nach und nach ermordet werden.“
Zustimmendes Gemurmel begleiteten ihre Worte.
„Auch ein gutes Argument“, sagte Dagobert.
Silsko deutete in den Hallenhintergrund. „Alle ziehen Zivilkleidung an. Dann nehmen wir die Bodenwagen. Immer zwei Leute, maximal drei, in einem, damit wir nicht auffallen. Svenson nimmt derweil Kontakt zu den Gettysburgs auf und schickt uns zu verschiedenen Zielen, an denen wir aufgesammelt und weitergebracht werden. Los, doch, los. Es wäre ja schön, wenn den Wengenbaums tatsächlich erst in einer Stunde dreißig auffällt, dass wir überfällig sind. Aber verlassen würde ich mich nicht darauf.“
„Darf ich bei Ihnen mitfahren, Dagobert?“, fragte Breemster. „Ein Pärchen in einem Zivilwagen fällt nicht so leicht auf.“
„Ich beuge mich Ihrer Logik, Juliana.“
Der Bodyguard wurde an einen Stuhl gefesselt und neben der Augenbinde auch noch geknebelt. Nicht, dass ihn irgendjemand gehört hätte. Dann teilte der Captain die Soldaten auf die Autos auf; damit es passte, mussten in einem Wagen vier Leute fahren. Aber manchmal war etwas auffällig besser als wenig auffällig. Svenson teilte die Ziele auf und sorgte dafür, dass jene Vehikel, die das gleiche Ziel ansteuerten, deutlich zeitversetzt fuhren.
Wie Juliana gewünscht hatte, setzte Silsko sie und Dagobert zusammen in einen Wagen. Ihr Ziel war eine Tiefgarage in der Nordstadt. Sie fuhren als drittletzte los. Der allerletzte Wagen wurde von Svenson und Silsko besetzt.
Als ihr Wagen, ein relativ schlichtes Bodenmodell ohne Luxus und wenig Komfort, vom Raumhafengelände – dem Frachtbereich, wohlgemerkt, der nicht überwacht wurde – auf die Hermann Ritter Gedächtnisstraße fuhr, fragte Breemster unvermittelt: „Warum, Dagobert? Ich meine, so heiß bin ich nun auch wieder nicht, und so gut kennen wir uns auch nicht.“
Der junge Wengenbaum am Steuer lachte abgehackt. „Weil ich die Gelegenheit hatte, Juli. Als mich die Nachricht erreichte, dass meine Mutter und meine beiden Brüder gerettet wurden und Claus mich nicht auf der Stelle erschossen hat, begriff ich, dass ich mich endlich absetzen konnte aus diesem Irrenhaus. Svenson hatte da längst Kontakt zu mir aufgenommen und mir mehrere Fluchtpläne vorgelegt.“ Er bog auf eine Seitenstraße ab und beschleunigte knapp auf den erlaubten Höchstwert. Jetzt noch von der Polizei wegen Rasen angehalten zu werden wäre eine dumme Sache gewesen. Vor allem, wenn Lauren und Claus mittlerweile nach ihm suchten. „Aber nach dem ganzen Wahnsinn, den ich erlebt habe, so direkt an der Quelle, habe ich es nicht übers Herz gebracht, alleine zu fliehen. Svenson hielt es für verrückten Wahnsinn, aber ich habe gesagt, ich will wenigstens versuchen, irgendjemanden zu retten, auch wenn es bei dem Versuch blieb, oder wenn die Soldaten später im Einsatz starben. Dann aber nach eigener Entscheidung, und nicht, weil ein Gewaltherrscher sie zum Tode verurteilt hatte. Ihr wart die nächsten, die ich aufsuchen und loseisen konnte. Es war aber eine Menge Glück dabei, dass Silsko mitgemacht hat. Notfalls wäre ich nur mit Ihnen geflohen, Jule. Das war der kleinstmögliche Erfolg für mich.“
„Weil ich der ranghöchste Offizier bin?“
„Weil Sie, wie Sie sagen, ein Hottie sind.“ Er sah zu ihr herüber und grinste. „Natürlich, weil Sie der ranghöchste Offizier in Gefangenschaft sind, und weil Ihre Flucht von den anderen abgelenkt hätte. Hoffentlich. Dies aber ist der bestmögliche Ausgang, den Svenson und ich uns vorstellen konnten. Falls es alle in Sicherheit schaffen.“
Breemster beugte sich herüber und landete einen schmatzenden Kuss auf Dagoberts Wange. „Dann danke für die Rettung. Ich weiß das wirklich zu schätzen.“ Dann setzte sie sich wieder ordentlich auf dem Beifahrersitz hin und seufzte. „Meinen Sie, wir werden diesen Tausendsassa kennenlernen, jetzt, wo wir zu den Gettysburgs überlaufen? Diesen Zorn Kenderson?“
„Oh, das hoffe ich doch sehr“, sagte Dagobert. „Und ich hoffe noch mehr, dass er einen Teil meiner Probleme löst.“
„Das könnte tatsächlich passieren, wenn das, was ich über ihn und die Cavaliers gehört habe, stimmt“, sinnierte Breemster.
In der Kaserne derweil saßen zwei Leibwächter in einem Bodenwagen und warteten. Sie warteten und warteten. Als zwei Stunden um waren, wurden sie nervös. Nach drei Stunden, in denen die beiden Fahrzeuge nicht zurückgekehrt waren, spielten sie Schnick Schnack Schnuck um die Frage, wer in der Zentrale anrief und meldete, dass sie vermutlich versagt hatten.
Forensoftware: Burning Board 2.3.6, entwickelt von WoltLab GmbH