Andai Pryde
Colonel

Dabei seit: 01.05.2003
Beiträge: 4.869
Herkunft: Berlin
 |
|
| Gray Sun Jackals - Operation Grüne Hölle |
 |
Gray Sun Jackals – Operation Grüne Hölle

Kapitel 1 – Willkommen in der Hölle
Hunter’s Paradise
Timbuktu Collective, westliche Peripherie
17. Oktober 3151
Aus dem Orbit wirkte Hunter’s Paradise beinahe friedlich.
Eine breite Sichel aus hellem Blau lag unter der Rust Bucket, eingefasst von der dünnen, silbrigen Linie ihrer Atmosphäre und dem vollkommenen Schwarz dahinter. Wolkenbänder zogen über die südliche Hemisphäre, weiß und weich wie aufgeworfene Wolle, während zwischen ihnen dunkle Landmassen sichtbar wurden, deren Küsten sich in langen, hellen Bögen durch das Meer schnitten. Inselketten lagen wie verstreute Splitter vor den Kontinenten, manche kaum mehr als grüne Punkte im Wasser, andere groß genug, um unter eigenen Wettersystemen zu verschwinden. Selbst aus mehreren tausend Kilometern Entfernung konnte man erkennen, wie dicht die Vegetation war. Das Grün des Planeten besaß nichts von den gedeckten Farben kultivierter Agrarwelten. Es war tief, fast schwarz, und fraß sich bis an die Ränder der Strände, über Berghänge und in die breiten Täler hinein, als hätte hier niemals jemand versucht, es zurückzudrängen.
Nur an wenigen Stellen unterbrachen geometrische Formen die Wildnis. Eine Handvoll heller Narben im Dschungel, gerade Linien, befestigte Landeflächen und die metallischen Reflexe kleiner Siedlungen, die sich an Flussmündungen oder auf felsigen Hochflächen festklammerten. Von hier oben wirkten sie unbedeutend. Vorläufige Eingriffe in eine Welt, die lange genug existiert hatte, um zu wissen, dass sie Menschen überdauern würde.
Major Lysa Trent stand mit einer Hand am Rahmen des Beobachtungsfensters und betrachtete den Planeten, während die Rust Bucket unter ihren Füßen arbeitete.
Das Schiff vibrierte nicht gleichmäßig. Eine saubere Maschine hätte es vielleicht getan; ein jüngeres Landungsschiff, eines, dessen Triebwerke noch innerhalb der ursprünglichen Spezifikationen arbeiteten und dessen strukturelle Streben nicht in vier Jahrhunderten dutzendfach repariert worden waren. Die Rust Bucket besaß ihren eigenen Rhythmus. Ein tiefes, kaum hörbares Summen aus den Deckplatten, gefolgt von einem leichten Zittern in den Knien, wenn die Steuerdüsen einen Impuls gaben. Irgendwo hinter der Wand setzte eine Pumpe mit einem rauen Schlagen ein, das nach sechs Takten verstummte und nach einer Pause wiederkehrte. Lysa hatte während der vergangenen Wochen gelernt, welche Geräusche zur normalen Unruhe des Schiffs gehörten und bei welchen Captain Foyle zumindest eine Augenbraue hob.
Bislang hatte er keine gehoben.
Das hätte sie beruhigen sollen.
„Es sieht nicht besonders gefährlich aus.“
Lena Hux stand anderthalb Meter neben ihr, die Arme vor der Brust verschränkt. Sie hatte sich für den Anflug umgezogen, doch selbst ihre Bordkleidung wirkte, als wäre sie unmittelbar vor dem Ablegen aus einer Verpackung genommen worden. Die dunkelgraue Hose besaß noch scharfe Bügelfalten, das leichte Jackals-Hemd saß eng und sauber, und ihr kurzer, fransiger Haarschnitt hatte trotz der trockenen Umluft des Schiffs seine Form behalten. Nur die magnetischen Sohlen ihrer Stiefel und der Sicherheitsgurt, den sie sich vorschriftsmäßig um die Hüfte gelegt hatte, erinnerten daran, dass sie sich nicht auf einer Aussichtsterrasse befanden.
Lysa löste den Blick nicht vom Planeten.
„Das ist meistens ein schlechtes Zeichen.“
Lena sah zu ihr herüber. „Was?“
„Wenn etwas aus sicherer Entfernung harmlos wirkt.“
Für einen Moment schien Lena nach einer Antwort zu suchen, die gleichzeitig geistreich und nicht respektlos klang. Sie entschied sich dagegen und richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf das Fenster. Unter ihnen schob sich die Tag-Nacht-Grenze über den Ozean. Sonnenlicht lag auf den oberen Schichten der Atmosphäre und zog einen bernsteinfarbenen Saum über den Horizont. Weiter westlich türmte sich eine Wetterfront auf. Selbst aus dem Orbit wirkte sie nicht wie gewöhnliche Bewölkung, sondern wie eine Mauer, die sich über einen halben Kontinent spannte. Blitze flackerten tief in ihrem Inneren und beleuchteten die Wolken für Sekundenbruchteile von unten.
Dort lag ihr Ziel.
Die Kennung des verlassenen Komplexes lautete Prospektions- und Forschungsstation Cindershield Vier. Der Name stammte noch aus den Jahren, in denen das Gebiet auf verwertbare Erzvorkommen untersucht worden war. Die ersten Prospektoren hatten breite Stollen in den Berg getrieben, kilometerlange seismische Messlinien durch den Dschungel geschlagen und schließlich festgestellt, dass der Fels unter ihnen wirtschaftlich beinahe wertlos war. Später hatte eine Jagdgesellschaft die Anlage übernommen, dann ein pharmazeutisches Konsortium, danach eine örtliche Exportgesellschaft, die lebende Tiere, Eier, Chitinplatten und biologisches Material an Abnehmer in der Inneren Sphäre verkauft hatte.
Jeder neue Besitzer hatte etwas hinzugefügt.
Labore. Hangars. Kühlhäuser. Unterirdische Lager. Geschütztürme. Elektrische Zäune. Sensorpfosten. Minenfelder, deren aktueller Zustand niemand zuverlässig dokumentiert hatte. Aus dem ehemaligen Prospektionslager war im Laufe eines Jahrhunderts eine Festung geworden, nicht gegen Armeen, sondern gegen das, was im Dschungel lebte.
Vor siebenundvierzig Tagen war der regelmäßige Datenverkehr abgebrochen.
Vor zweiundvierzig Tagen hatte Cindershield Vier noch eine automatische Statusmeldung ausgesendet.
Vor neununddreißig Tagen war auch diese verstummt.
Der erste Aufklärungstrupp des Betreibers war nie zurückgekehrt. Eine zweite Expedition hatte nach dem Verlust zweier geländegängiger Fahrzeuge abgebrochen, ohne den äußeren Perimeter zu erreichen. Die Besatzung eines Beobachtungsflugzeugs berichtete von Sturmschäden, ausgefallenen Zäunen und großen Bewegungen im Wald. Ihre Bilder zeigten einen geschlossenen Hauptzugang und keine erkennbaren menschlichen Aktivitäten.
Die Gray Sun Jackals sollten die Anlage erreichen, sichern und feststellen, warum sie aufgegeben worden war.
Es war einer der ersten Verträge, die sie als eigenständige Einheit angenommen hatten.
Und der erste, bei dem ein Fehler weit genug von jeder ernsthaften Hilfe entfernt geschehen würde, dass niemand rechtzeitig kam, um ihn zu korrigieren.
Über den Bordlautsprecher erklang ein kurzes Knacken.
„An alle Decks.“ Harrigan Foyles Stimme war ruhig, leicht singend und so unbeeindruckt, als kündige er eine Änderung der Essenszeiten an. „Wir beginnen in drei Minuten mit der Bremssequenz. Wer jetzt noch lose Gegenstände besitzt, darf sie anschließend aus den Lüftungsgittern bergen. Wer selbst lose ist, wird schwieriger.“
Ein leises metallisches Schaben lief durch die Struktur, als erste Außenklappen in Position fuhren. Lysa spürte, wie sich der Druck ihrer Stiefelsohlen gegen das Deck veränderte. Die Rust Bucket drehte sich langsam aus ihrer bisherigen Fluglage. Der Planet wanderte im Fenster nach oben, bis die dunkle Rundung des Rumpfes einen Teil des Blickfelds verdeckte.
Lena griff nach dem Halteriemen an der Wand.
„War das ein Scherz?“
„Bei Captain Foyle ist das selten eindeutig.“
„Ich dachte, Piloten sollten Passagiere beruhigen.“
„Wir sind keine Passagiere.“
„Technisch gesehen—“
Lysa wandte den Kopf.
Lena schloss den Mund.
Sie tat es nicht eingeschüchtert. Nicht vollständig. In ihrem Gesicht lag vielmehr jene flüchtige, fast kindliche Verärgerung eines Menschen, der gerade daran erinnert worden war, dass Talent nicht automatisch Gleichrangigkeit bedeutete. Sie verbarg sie schnell, aber nicht schnell genug.
Lysa sagte nichts dazu.
Die junge MechKriegerin war seit nicht einmal zwei Monaten bei den Jackals. Ihre Simulatorergebnisse waren ausgezeichnet, ihre Schießleistungen im Javelin teilweise besser als die erfahrenerer Piloten. Auf kleine, schnell bewegliche Ziele reagierte sie mit einer Präzision, die sich nur bedingt trainieren ließ. Sie konnte im Lauf feuern, das Gewicht ihres Mechs verlagern und gleichzeitig eine Zielerfassung halten, bei der andere stehen bleiben mussten.
Doch sie erwartete noch immer, dass Krieg nach klaren Regeln funktionierte.
Dass jemand die Ersatzteile bereitstellte, wenn etwas ausfiel. Dass Briefings vollständig waren. Dass Vorgesetzte wussten, was sie taten. Dass Gegner eine erkennbare Absicht besaßen und die Welt außerhalb ihres Cockpits wenigstens grundsätzlich verstand, welche Rolle sie in Lenas Geschichte spielte.
Hunter’s Paradise würde ihr diese Höflichkeit vermutlich nicht erweisen.
Die Triebwerke zündeten.
Der erste Schub kam nicht als Schlag, sondern als wachsender Druck, der sich durch Lysas Beine in die Hüfte schob. Die Beleuchtung im Beobachtungsraum flackerte einmal. Metall knirschte tief im Rumpf, eine lange, wandernde Folge von Spannungsgeräuschen, die sich anhörte, als würde etwas Gewaltiges mit stumpfen Fingern über die Außenhaut streichen.
Lena spannte die Schultern an.
„Normal“, sagte Lysa.
„Ich habe nichts gefragt.“
„Du hast das Fenster angesehen, als erwartest du, dass es herausfällt.“
„Ich prüfe die Dichtung.“
„Natürlich.“
Lena hob das Kinn. „Ich habe einen technischen Blick.“
„Du hast gestern Chief Jensen gefragt, warum wir die BattleMechs nicht dichter nebeneinanderstellen, um mehr Platz zu sparen.“
„Das war eine berechtigte Frage.“
„Britta hat dir daraufhin erklärt, was ein Schwerpunkt ist.“
„Sehr laut.“
„Sie hielt dich offenbar für schwerhörig.“
Für den Bruchteil einer Sekunde kämpfte Lena gegen ein Lächeln. Dann gewann ihre Würde.
„Alle hier halten sich für ausgesprochen witzig.“
„Nein.“ Lysa wandte sich wieder dem Fenster zu. „Einige halten nur dich für ausgesprochen unterhaltsam.“
Das Grinsen brach doch durch, klein und widerwillig. Es machte sie mit einem Mal deutlich jünger.
Dann erreichte die Rust Bucket die ersten Ausläufer der Atmosphäre.
Das Geräusch veränderte sich.
Bis dahin hatten nur die Systeme des Schiffs gesprochen: Pumpen, Triebwerke, Aktivatoren, die tiefe Resonanz eines massiven Rumpfes unter Last. Nun kam etwas von außen hinzu. Zuerst ein fernes, kaum wahrnehmbares Rauschen, als striche Sand über Metall. Dann wurde es tiefer und voller, breitete sich über die Außenhaut aus und wuchs innerhalb weniger Sekunden zu einem gleichmäßigen Dröhnen.
Die Luft nahm das Schiff in Besitz.
Ionisiertes Gas flammte vor den Sichtfeldern auf. Ein matter orangefarbener Schein kroch über den Rand des Fensters, verdichtete sich zu hellen Strömungen und wurde stellenweise beinahe weiß. Plasmabänder rissen über den Schutzschilden der Sensoren auseinander. Der Planet verschwand hinter Licht, Hitze und der vibrierenden Unruhe einer Atmosphäre, die mit mehr als zehn Kilometern pro Sekunde gegen die stumpfe Masse des Landungsschiffs schlug.
Die Rust Bucket war keine elegante Maschine. Ihr Rumpf war für Last, Truppen und das Überleben unter Beschuss gebaut worden, nicht für Schönheit. In den oberen Atmosphärenschichten zeigte sich jede Kompromissentscheidung ihrer Konstrukteure. Der Fahrtwind fand Kanten, Verstärkungen und jahrhundertealte Reparaturplatten, verwandelte sie in Instrumente und ließ das Schiff in einem Chor aus tiefem Heulen, hochfrequentem Pfeifen und vibrierendem Donner erzittern.
Die Sicherheitsgurte spannten sich über Lysas Hüften.
Lena stand jetzt mit beiden Händen an den Halteriemen.
„Immer noch normal?“
„Frag Foyle.“
„Ich möchte eine ehrliche Antwort.“
„Dann frag ihn nicht.“
Eine Stimme erklang hinter ihnen.
„Captain Foyle ist in technischen Angelegenheiten immer ehrlich.“
Captain Joren Rans betrat den Beobachtungsraum, indem er sich mit einer Hand an den Wandgriffen entlang zog. Er bewegte sich trotz der zunehmenden Belastung kontrolliert und ohne Hast. Nichts an ihm wirkte spektakulär. Das dunkle Haar war kurz, die Borduniform schlicht, sein Gesicht ruhig und etwas zu müde für einen Mann, der behauptete, vor einer Stunde geschlafen zu haben. Doch selbst Lena machte ihm Platz, ohne dass er sie darum bitten musste.
Joren stellte sich neben Lysa und sah durch das flammende Fenster.
„Er definiert nur manche Begriffe anders als wir“, fügte er hinzu.
Lena atmete hörbar aus. „Das beruhigt mich überhaupt nicht.“
„Dann funktioniert dein Gefahreninstinkt.“
„Sehr hilfreich.“
Joren betrachtete sie kurz. „Dein Mech ist gesichert?“
„Dreifach.“
„Munition geprüft?“
„Persönlich.“
„Neurohelm?“
„In meinem Bereitschaftsschrank.“
„Notfallausrüstung?“
Lena zögerte.
Jorens Blick veränderte sich kaum. Vielleicht war es nur die Art, wie er den Kopf um wenige Grad neigte.
„Welche Notfallausrüstung?“, fragte sie.
Lysa schloss für einen Moment die Augen.
Die Migräne saß seit dem Morgen hinter ihrer rechten Schläfe. Noch war sie nicht mehr als ein dumpfer Druck, eine Vorwarnung, die sich bei jeder stärkeren Vibration mit einem kalten Impuls hinter das Auge schob. Sie hatte das Licht in ihrer Kabine gedimmt, Wasser getrunken und auf die Medikamente verzichtet. Das stärkere Mittel hätte geholfen, verlangsamte aber ihre Reaktion und machte die Gedanken weich an den Rändern.
Sie konnte sich weder das eine noch das andere leisten.
Joren erklärte Lena mit derselben Geduld, mit der er einem unerfahrenen Rekruten eine fehlerhafte Feuerlinie erläutert hätte: „Atemmaske. Wasser. Signalgeber. Handlampe. Messer. Insektenschutz. Zwei Magazine für deine Seitenwaffe. Medizinisches Basispaket.“
„Ich sitze in einem dreißig Tonnen schweren BattleMech.“
„Und falls du aussteigen musst?“
„Warum sollte ich aussteigen?“
„Feuer. Reaktorschaden. Aktivatorausfall. Cockpittreffer. Umsturz. Bergung eines anderen Piloten. Der allgemeine Wunsch, nicht mit deinem Javelin gemeinsam zu sterben.“
Lena blinzelte. „Ich habe eine Pistole.“
„Dann kannst du wenigstens dem Tier, das dich frisst, deine Unzufriedenheit mitteilen.“
Lysa sah Joren von der Seite an.
Sein Gesicht blieb vollkommen ernst.
Lena dagegen starrte ihn an, unsicher, ob sie gerade aufgezogen wurde. Diese Unsicherheit war vermutlich Absicht. Joren verstand es besser als die meisten, einem jungen Soldaten eine Lektion zu erteilen, ohne ihn öffentlich bloßzustellen. Zumindest nicht stärker, als notwendig war.
„Ich hole den Rest“, sagte sie schließlich.
„Vor der Gefechtsbereitschaft.“
„Natürlich.“
Sie löste ihren Gurt, wartete den nächsten Schubimpuls ab und arbeitete sich zur Tür. Kurz bevor sie den Raum verließ, drehte sie sich noch einmal um.
„Und ich weiß sehr wohl, was ein Schwerpunkt ist.“
Dann war sie fort.
Joren sah ihr nach.
„Britta?“
„Britta.“
„Sie wird darüber hinwegkommen.“
„Wer?“
„Britta.“
Lysa ließ einen leisen Atemzug durch die Nase entweichen. Joren wandte sich wieder dem Fenster zu, doch sie bemerkte das kaum sichtbare Zucken in seinem Mundwinkel.
Unter ihnen verdichtete sich die Atmosphäre. Das Plasma wurde dunkler, riss stellenweise auf und gab kurze Blicke auf Wolkenschichten frei. Die Rust Bucket sank nicht direkt auf Cindershield Vier zu. Foyle flog einen langen, kontrollierten Bogen über den Ozean, baute Geschwindigkeit ab und hielt das Schiff außerhalb der stärksten Zellen der Wetterfront. Auf der taktischen Anzeige neben dem Fenster erschien eine grüne Linie, die sich in weitem Radius um mehrere rot markierte Sturmgebiete legte.
„Wir verlieren die Verbindung zu den Oberflächensonden“, sagte Joren.
„Vollständig?“
„Unregelmäßig. Lieutenant Parris schiebt es auf die Ionisation. Olan glaubt, dass mindestens zwei Relais am Boden ausgefallen sind.“
„Foyle?“
„Glaubt beiden nicht.“
„Das klingt nach ihm.“
Joren verschränkte die Hände hinter dem Rücken. „Die letzte verwertbare Aufnahme ist vier Stunden alt. Hauptlandefläche frei. Keine großen Wärmesignaturen in unmittelbarer Nähe. Teile des äußeren Zauns liegen am Nordwesthang am Boden.“
„Tiere?“
„Möglicherweise. Der Regen stört die Auswertung. Die Sensoren erkennen Bewegung, aber keine saubere Masse.“
„Wie viele?“
„Zu viele, um sie als Messfehler abzutun.“
Lysa nickte langsam.
Das Bild des Komplexes lag ihr seit Tagen vor. Eine befestigte Fläche am Fuß eines bewaldeten Bergmassivs, drei Seiten von steilen Hängen umschlossen, die vierte durch Mauern und Zäune gesichert. Der Hauptbau war direkt in den Fels getrieben worden. Nur ein breiter, gepanzerter Torblock, mehrere Beobachtungstürme und die oberen Geschützbunker lagen offen. Südlich davon befand sich ein Landefeld, groß genug für mittlere Frachter, jedoch nicht für ein Schiff von der Masse der Rust Bucket. Foyle musste auf einem älteren Schwerlastpad knapp zwei Kilometer entfernt niedergehen.
Zwischen dem Pad und der Anlage verlief eine befestigte Straße.
Jedenfalls auf den Karten.
Die letzten Luftbilder zeigten an mehreren Stellen Überwucherung, Erdrutsche und etwas, das aussah, als hätte ein Tier von der Größe eines Hauses einen Teil der Fahrbahn aufgerissen.
„Wir gehen nach Plan Alpha vor“, sagte sie. „Keine Erkundung über die Straße hinaus. Keine Jagd. Keine Bergung unbekannter Fracht. Niemand folgt Bewegungen in den Wald.“
„Cassia wird enttäuscht sein.“
„Cassia ist immer enttäuscht, wenn sie nichts erschießen darf.“
„Fiona mehr.“
„Fiona darf das Tor öffnen, falls die Steuerung ausfällt.“
„Das wird sie trösten.“
Die Wolken verschluckten das Schiff.
Der Übergang kam ohne Vorwarnung. Eine Sekunde lang lagen noch dunkle Landschaften weit unter ihnen, durch Lücken in der Wolkendecke sichtbar. Dann schlug graues Weiß gegen das Fenster. Regen peitschte in breiten Bahnen über die transparente Panzerung, wurde vom Fahrtwind horizontal verzerrt und verschwand in Wirbeln hinter dem Rumpf.
Die Turbulenzen trafen die Rust Bucket seitlich.
Das Schiff neigte sich kaum merklich, doch die Masse reagierte langsam genug, dass sich die Bewegung in Lysas Magen fortsetzte. Steuerdüsen feuerten. Der Boden zitterte, der Rumpf arbeitete hörbar gegen die Belastung. Ein dumpfer Schlag lief durch die Außenhaut, gefolgt von einem zweiten, schwächeren.
Über den Lautsprecher meldete sich Foyle.
„Es klopft jemand.“
Joren sah zur Decke.
„Hagel?“, fragte Lysa.
„Wahrscheinlich.“
Foyles Stimme fuhr fort: „Für jene von Ihnen, die an transparente Fenster glauben: Dies ist ein guter Zeitpunkt, diesen Glauben zu überdenken. Beobachtungsräume werden geschlossen. Gefechtsbesatzungen auf Bereitschaftspositionen.“
Die äußeren Schutzblenden begannen herabzufahren. Der letzte Blick auf Hunter’s Paradise bestand aus Regen, grauem Licht und einem einzelnen Blitz, der so nahe durch die Wolken brach, dass sein Nachbild für einen Moment als violette Linie in Lysas Sichtfeld blieb.
Dann schlossen sich die Panzerplatten.
Das Dröhnen wurde dumpfer.
Lysa löste den Gurt.
„Zeit, dass wir uns ansehen, ob aus unseren Leuten schon eine Einheit geworden ist.“
Joren trat zur Tür. „Und falls nicht?“
„Dann finden wir es heraus, bevor der Planet es tut.“
________________________________________
Das Gefechtsdeck der Rust Bucket roch nach heißem Metall, Maschinenöl und Menschen, die zu lange in zu wenig Raum verbracht hatten.
In den Bereitschaftsgängen herrschte eine geordnete Form von Chaos. Techniker bewegten sich zwischen geöffneten Wartungsschächten, gesicherten Munitionswagen und den Füßen der BattleMechs hindurch, deren Panzerung im gelben Licht der Deckenlampen stumpf glänzte. Hydraulische Leitungen hingen in breiten Bögen von den Versorgungsauslegern. Kühlmittelpumpen summten. Über ihnen verliefen Laufstege, auf denen Besatzungsmitglieder Ausrüstung prüften, Kabel lösten und die letzten Halteklammern kontrollierten.
Jeder Schubimpuls ließ lose Werkzeuge in ihren Magnethalterungen zittern.
Zwischen all dem stand Britta Jensen.
Die Lademeisterin trug ein unterstützendes Exoskelett über ihrem Overall. Die hydraulischen Verstärkungen lagen entlang ihrer Arme und Oberschenkel, machten sie noch breiter und verliehen jeder Bewegung etwas Endgültiges. Sie hatte einen Datenblock in der linken Hand und deutete mit der rechten auf einen jungen Techniker, der vor einem Munitionswagen stand, als hätte man ihn beim Verrat an der Einheit ertappt.
„Wenn diese Klammer sich beim Abstieg löst“, brüllte sie über das Deck, „fliegt der Wagen nicht irgendwie durch die Bucht. Er fliegt exakt dort hinein.“
Sie zeigte auf das linke Bein von Olan Firths Archer.
Der Techniker folgte ihrem Finger.
„Und dann“, fuhr Britta fort, „erklären Sie Master Sergeant Firth, warum sein Kniegelenk mit Ihren Raketen verheiratet ist.“
„Chief, die Anzeige ist grün.“
„Die Anzeige ist ein Licht. Ich bin Ihre Vorgesetzte. Was davon sollten Sie ernster nehmen?“
Der Techniker griff nach der Klammer.
Britta sah Lysa kommen und hob den Datenblock.
„Noch sieben Minuten bis Gefechtsfreigabe. Wenn Foyle uns bis dahin nicht in einen Berg gesteckt hat.“
Aus den Lautsprechern über ihnen kam Harrigans Stimme.
„Ich höre dich, Clamp.“
Britta blickte zur Decke. „Dann flieg besser.“
„Ich fliege ausgezeichnet.“
„Du fällst kontrolliert.“
„Das ist die Definition einer Landung.“
Die Verbindung knackte ab.
Britta schüttelte den Kopf, wobei sie nicht wirklich verärgert wirkte. „Raumfahrer.“
Lysa sah über das Deck.
Ihr Caesar stand in der zentralen Bucht, die Beine in schweren Klammern fixiert, den Torso leicht nach vorn geneigt. Die graue Grundlackierung war erst vor wenigen Wochen mit dem Emblem der Jackals versehen worden. Ein stilisierter Schakalkopf vor einer blassen Sonnenscheibe, noch zu neu, um Kratzer, Ruß und unterschiedliche Farbschichten angesetzt zu haben. Die Einheit besaß noch keine gemeinsame Patina. Manche Maschinen trugen alte Hausfarben unter hastig aufgebrachter Tarnlackierung, andere die Spuren früherer Besitzer oder Regimenter. Hale Drummonds Shadow Hawk IIC stand neben einem Davion-geprägten Caesar, einem lyranischen Archer und Lenas vergleichsweise zierlichem Javelin.
Zusammen sahen sie nicht aus wie eine gewachsene Formation.
Eher wie die Auslage eines Händlers, der zu viele unterschiedliche Kriege beerbt hatte.
Vielleicht war das ehrlicher.
Lysa blieb vor dem Javelin stehen.
Lena befand sich bereits auf der Einstiegsplattform. Eine kleine Tasche hing jetzt an ihrem Gurt, deutlich voller als zuvor. Sie überprüfte den Verschluss ihres Neurohelms, während Decker Poll sich am Geländer gegenüber lehnte und sie mit sichtbarem Vergnügen beobachtete.
„Ist das ein Überlebenspaket“, fragte er, „oder ziehst du aus?“
Lena zog den Kinnriemen straff. „Einige von uns bereiten sich professionell vor.“
„Ich habe auch ein Messer.“
„Das zählt nicht, wenn du es nur benutzt, um Verpackungen zu öffnen.“
„Es ist ein taktisches Mehrzweckmesser.“
„Es hat einen Korkenzieher.“
„Man weiß nie, was der Feind mitbringt.“
Lena schob sich an ihm vorbei zur Cockpitluke. „Vielleicht kannst du ihm eine Flasche öffnen, während er dich frisst.“
Decker sah Joren an, der hinter Lysa stehen geblieben war.
„Das hat sie von Ihnen.“
„Dann hört sie zu“, sagte Joren.
Lena blieb einen Moment in der Luke stehen. Ihr Blick suchte Lysa, fast unbewusst. Als sie bemerkte, dass die Majorin sie tatsächlich ansah, richtete sie die Schultern etwas gerader.
„Javelin einsatzbereit, Major.“
„Noch nicht“, sagte Lysa.
Lenas Gesicht fiel minimal.
Lysa deutete auf den Gurt an ihrer rechten Hüfte. „Atemmaske außen getragen. Nicht im Beutel. Wenn das Cockpit voller Rauch steht, wirst du den Verschluss nicht ertasten wollen.“
Lena sah hinunter, löste den Beutel und befestigte die Maske sichtbar am Gurt.
„Jetzt?“
„Jetzt.“
Das Wort genügte. Lena nickte, und für einen Moment lag in ihrem Gesicht etwas, das beinahe Stolz war. Dann verschwand sie im Cockpit.
Decker pfiff leise.
„Die Prinzessin hat ihre Krone vergessen.“
Lenas Stimme kam aus dem noch offenen Cockpit. „Ich kann dich hören.“
„Das war Absicht.“
„Poll“, sagte Lysa.
Er nahm sofort die Hände vom Geländer. „Major.“
„Wenn Sie noch genug Zeit haben, Hux zu unterhalten, haben Sie genug Zeit für eine zweite Prüfung Ihrer Ausrüstung.“
„Natürlich, Major.“
„Und nehmen Sie den Korkenzieher mit.“
Joren hustete in seine Faust.
Decker zog sich mit einem breiten Grinsen zurück.
Einige Meter weiter stand Hale Drummond auf der Plattform seines Shadow Hawk IIC. Er trug den Neurohelm bereits unter dem Arm und beobachtete das Geschehen mit einer Regungslosigkeit, die nicht mit Ruhe verwechselt werden durfte. Hale war älter als die meisten MechKrieger auf dem Deck. Sein Gesicht war von Jahren geprägt, in denen Befehle selten diskutiert und Fehler noch seltener verziehen worden waren. Die Art, wie er den Kopf hielt und das Gewicht verlagerte, verriet selbst außerhalb des Cockpits eine Ausbildung, die nicht aus der Inneren Sphäre stammte.
Sein Blick folgte Lena, dann Decker.
„Sie reden zu viel“, sagte er.
„Sie sind jung“, erwiderte Joren.
„Das ist keine Entschuldigung.“
„Es ist eine Erklärung.“
Hale schien darüber nachzudenken. „Erklärungen sind häufig nur Entschuldigungen, die Uniform tragen.“
„Und Sie sind heute ungewöhnlich gesprächig.“
„Der Planet missfällt mir.“
Lysa sah zu ihm hinauf. „Warum?“
Hale blickte zum geschlossenen Außenschott, als könnte er durch mehrere Meter Panzerung und Sturm hindurchsehen.
„Ein Raubtier zeigt sich, wenn es will, dass du es siehst.“
„Und wenn es das nicht tut?“
„Dann sieht es bereits dich.“
Hinter ihnen stieß jemand ein leises, trockenes Lachen aus.
Sera Gwynn stand im Schatten unter dem Torso ihres Exterminators. Sie trug ihren Neurohelm in der einen und Handschuhe in der anderen Hand. Das schwarze Haar fiel asymmetrisch um ihr Gesicht, die roten Spitzen wirkten im Arbeitslicht dunkler als getrocknetes Blut. Ihre Miene war freundlich genug, um beiläufig zu wirken, doch ihre Augen ruhten auf Hale.
„Das klingt beinahe abergläubisch.“
„Nein“, sagte Hale. „Nur vertraut.“
Sera lächelte etwas stärker.
Es erreichte ihre Augen nicht.
„Gefechtsdeck“, meldete Foyle über die Lautsprecher. „Noch vier Minuten. Wir durchstoßen die letzte Wolkenschicht. Seitenwind stärker als prognostiziert. Das Landefeld ist dort, wo die Karten es versprechen. Das ist bereits mehr, als ich erwartet habe.“
Britta wandte sich zum Deck. „Letzte Sicherungen! Danach will ich niemanden mehr zwischen den Maschinen sehen!“
Die Techniker zogen sich zurück. Versorgungsschläuche wurden gelöst, Kabel verschwanden in Wandnischen, Plattformen klappten ein. Warnleuchten wechselten von Gelb auf Rot. Das Deck begann sich zu leeren, bis nur noch die BattleMechs in ihren Halterungen standen und die letzten Piloten in den Cockpits verschwanden.
Lysa nahm den Aufzug zu ihrem Caesar.
Während die Plattform aufstieg, wurde das Dröhnen der Atmosphäre tiefer. Die Rust Bucket hatte den größten Teil ihrer orbitalen Geschwindigkeit abgebaut und ging nun in den eigentlichen Sinkflug über. Der Rumpf stand aufrecht zur Oberfläche, getragen vom Schub seiner Haupttriebwerke. Jede Böe traf die breite Masse des Schiffs und drückte sie gegen die Korrekturimpulse der Steuerdüsen.
Durch offene Wartungsbereiche sah Lysa den Kopf ihres Caesar näherkommen. Die Panzerung zeigte alte Einschläge, sauber ausgeschliffene Reparaturstellen und neue Sensorgehäuse, deren Farbton nicht ganz zum restlichen Material passte. Auf der Brustplatte stand in kleinen weißen Buchstaben ihr Rufname.
ANUBIS.
Noch vor drei Monaten hatte dort eine andere Kennung gestanden.
Eine andere Einheit.
Ein anderer Krieg.
Sie schob den Gedanken beiseite, stieg in das Cockpit und zog die Luke hinter sich zu.
Sofort wurde die Welt enger.
Der Sitz nahm ihren Rücken auf. Gurte schlossen sich über Brust, Hüften und Oberschenkeln. Das Cockpit roch nach Kunststoff, Metall, Schweiß und dem schwachen, bitteren Rest eines Reinigungsmittels, das Willa Nye gegen Lysas ausdrücklichen Wunsch verwendet hatte. Die Anzeigen erwachten nacheinander. Reaktorstatus. Aktivatoren. Kühlkreisläufe. Munitionszuführung. Kommunikationskanäle. Das taktische System zeichnete die Umrisse des Schiffs und die Positionen der übrigen Maschinen.
Lysa setzte den Neurohelm auf.
Ein vertrauter Druck legte sich um ihren Schädel. Die Sensorpads berührten Stirn, Schläfen und Nacken. Für einen Augenblick verstärkte sich die Migräne hinter ihrem rechten Auge zu einem scharfen Punkt, dann ebbte sie wieder ab.
Sie atmete gleichmäßig.
„Jackals, Bereitschaft.“
Jorens Stimme kam aus seinem Mad Cat. „Pops, bereit.“
„Curfew bereit“, sagte Olan Firth. Leise, nüchtern, als melde er eine abgeschlossene Berechnung.
„Ronin, bereit.“
„Phantom, bereit.“
Weitere Stimmen folgten. Rook Martez zu laut. Karin Thale zu schnell. Decker mit kaum gebremster Vorfreude. Lena korrekt, beinahe überdeutlich.
Die Panzerbesatzungen meldeten sich aus dem Fahrzeugdeck. Aris Demirs tiefer Ton. Ewan McCrays raues Knurren. Darius Kosta, dessen Stimme immer klang, als verhandele er selbst bei einer Gefechtsmeldung noch über den Preis.
Schließlich blieb nur ein Kanal offen.
„Rust Bucket an Jackals“, sagte Foyle. „Sichtkontakt zum Zielgebiet.“
Die taktischen Anzeigen wechselten.
Ein Außenbild erschien auf Lysas Hauptschirm.
Hunter’s Paradise lag unter ihnen.
Nicht die blaue, beinahe friedliche Welt aus dem Orbit, sondern ein Land aus grauem Regen, dunklem Wald und aufgerissenen Hängen. Wolkenfetzen jagten zwischen Bergkämmen hindurch. Wasser stürzte in hellen Bändern über schwarze Felswände. Der Dschungel bewegte sich unter dem Sturm wie eine zusammenhängende Masse, Baumkronen bogen sich, verschwanden im Regen und tauchten wieder auf.
Zwischen ihnen lag Cindershield Vier.
Der Komplex war zunächst kaum zu erkennen. Nur einige gerade Linien widersprachen dem Gelände. Ein Stück Mauer. Die obere Hälfte eines Wachturms. Eine breite, helle Fläche, die unter Schlamm und Pflanzen fast verschwunden war. Dann korrigierte der Sensor das Bild, erhöhte den Kontrast, und die Anlage trat aus dem Sturm hervor.
Der Berg hinter ihr wirkte wie eine dunkle Wand.
Das Haupttor lag an seinem Fuß, mehr als zwanzig Meter hoch und breit genug, um schwere Fahrzeuge und IndustrieMechs gleichzeitig aufzunehmen. Zwei massive Stahlflügel schlossen den Zugang. Verwitterte Warnmarkierungen zeichneten gelbe Streifen über die Oberfläche. Oberhalb des Tores ragte ein befestigter Kontrollblock aus dem Fels, dessen Fenster dunkel waren.
Die äußere Mauer zog sich von dort in beide Richtungen über den Hang. Stellenweise war sie von Vegetation überwuchert, an anderen Stellen aufgerissen. Ein Beobachtungsturm im Norden stand schief. Sein oberes Segment hing nur noch an einer Seite und bewegte sich im Wind.
Die Landefläche lag südlich des Komplexes.
Sie war frei.
Weitgehend.
„Da ist etwas auf dem Pad“, sagte Karin Thale.
Lysa vergrößerte den Ausschnitt.
Am Rand der Fläche lagen mehrere dunkle Körper. Einer war länglich, vielleicht acht Meter. Ein anderer besaß einen gewölbten Rücken und sechs oder acht Gliedmaßen, deren genaue Anzahl im Regen nicht zu erkennen war. Keiner bewegte sich.
„Kadaver“, sagte Olan.
„Alt?“, fragte Joren.
„Keine ausreichenden Daten.“
„Ich bekomme Wärme“, meldete Sera.
„Von den Körpern?“
„Darunter.“
Ein Blitz zuckte über das Bild. Für einen Moment wurde die gesamte Landefläche in kaltes, weißes Licht getaucht.
Etwas bewegte sich zwischen den Kadavern.
Es war zu schnell, um eine Form zu erkennen. Nur ein dunkler Schatten, der sich vom Pad löste und in den angrenzenden Wald glitt.
„Kontakt“, sagte Lena.
Ihre Stimme war höher als zuvor.
„Keine Zielerfassung“, befahl Lysa. „Wir sind noch im Schiff.“
„Es war groß.“
„Das ist hier keine ungewöhnliche Eigenschaft.“
Foyle meldete sich. „Ich setze uns fünfhundert Meter westlich der vorgesehenen Markierung. Der östliche Rand des Pads ist unterspült.“
„Verstanden.“
„Außerdem steht dort etwas, das ich ungern unter meinem Triebwerk verteilen würde.“
„Das Tier?“
„Nein. Ein Fahrzeug. Oder die Hälfte davon.“
Die Rust Bucket sank durch den Regen.
Die Haupttriebwerke brannten jetzt mit zunehmender Leistung. Auf dem Außenbild wurde der Dschungel nach unten gedrückt, Baumkronen bogen sich unter der heißen Abluft, Wasser verdampfte in weißen Wolken. Schlamm und lose Vegetation wirbelten über das Pad. Der Horizont verschwand vollständig hinter der eigenen Abgasfahne.
Warnanzeigen flackerten über Lysas Schirm.
LANDUNG IN 30 SEKUNDEN.
Das Schiff begann stärker zu vibrieren.
Jeder Pilot schwieg.
Lysa hörte nur das tiefe Donnern der Triebwerke, das gedämpfte Knacken der Halterungen und ihren eigenen Atem im Neurohelm. Der Schmerz hinter ihrer Schläfe pulsierte im Takt des Schiffs.
Zwanzig Sekunden.
Die Lageanzeige schwankte um wenige Grad. Steuerdüsen korrigierten. Die massive Fortress-Klasse bewegte sich seitlich, langsam genug, dass das Auge die Verschiebung kaum wahrnahm, doch die Trägheit drückte Lysa gegen die Gurte.
Zehn Sekunden.
Das Außenbild zeigte nur noch graubraunen Dampf.
Fünf.
Vier.
Drei.
Der Bodenkontakt kam als tiefer Schlag, der durch die Beine des Landungsschiffs in den Rumpf fuhr. Die Halterungen des Caesar ächzten. Für einen Moment schien die gesamte Maschine zurückzufedern, dann senkten sich die Landestützen unter der Last, Hydraulik nahm die Bewegung auf, und die Rust Bucket kam zur Ruhe.
Nicht vollständig.
Der Wind drückte weiter gegen das Schiff. Regen schlug gegen die Außenhaut. Triebwerke liefen aus, ihr Donner sank zu einem schweren, nachhallenden Grollen.
Foyle wartete mehrere Sekunden.
„Wir stehen“, sagte er schließlich. „Der Planet scheint anderer Meinung zu sein, aber vorläufig zählt meine.“
Lysa öffnete den Kommandokanal.
„Jackals, Gefechtsbereitschaft. Erste Sicherungsgruppe nach Plan Alpha. Keine Maschine verlässt das Pad ohne Freigabe.“
Sie hörte die Bestätigungen.
Dann öffneten sich die Tore der Rust Bucket.
________________________________________
Hunter’s Paradise kam ihnen nicht entgegen.
Es schlug ihnen ins Gesicht.
Die äußeren Rampen waren kaum vollständig abgesenkt, als Wind und Regen in die Fahrzeugdecks fuhren. Wasser peitschte horizontal durch die Öffnungen, lief in breiten Bahnen über den Metallboden und verwandelte den Staub der vergangenen Wochen innerhalb von Sekunden in graue Schlieren. Der Geruch des Planeten drang tief in das Schiff hinein.
Feuchte Erde.
Fäulnis.
Harz.
Etwas Süßliches, schwer und beinahe fleischig, das Lysa nicht einordnen konnte.
Darunter lag der vertraute Gestank der Triebwerksabgase, heißer Panzerung und verdampfenden Wassers.
Der Caesar löste sich aus seinen Halteklammern.
Die ersten Schritte nach einer Landung waren immer die kritischsten. Systeme, die im Schiff einwandfrei funktioniert hatten, mussten unter tatsächlicher Last reagieren. Aktivatoren nahmen das Gewicht auf. Gyroskope suchten das Gleichgewicht. Neurohelm und Maschine fanden jenen schmalen Bereich gemeinsamer Bewegung, in dem ein BattleMech nicht mehr wie ein gelenkter Koloss wirkte, sondern wie die Verlängerung eines menschlichen Körpers.
Lysa setzte einen Fuß auf die Rampe.
Metall dröhnte unter dem Gewicht.
Das Außenbild ihres Cockpits war voller Regen. Tropfen liefen über die Sensorabdeckungen, wurden von Luftströmen fortgerissen und sofort durch neue ersetzt. Zielsysteme legten grüne Linien über die Welt. Entfernung zum Boden. Neigung. Windrichtung. Wärmequellen.
Der Caesar trat hinaus.
Der erste Schritt auf Hunter’s Paradise ließ ihn bis zu den Knöcheln in aufgeweichten Schlamm sinken.
Lysa verlagerte das Gewicht und spürte den Widerstand über die Rückmeldung des Neurohelms, nicht wie echten Schlamm an einem Fuß, sondern als komplexe Mischung aus Druckanzeigen, Gyroreaktion und dem kaum erklärbaren Körpergefühl erfahrener MechKrieger. Der Boden hielt. Sie setzte den zweiten Fuß auf.
Rechts von ihr stapfte Jorens Mad Cat aus dem Schiff. Der schwere Mech bewegte sich langsamer, prüfte jeden Schritt, bevor er die Rampe vollständig verließ. Dahinter folgte Olan Firths Archer. Sera Gwynn ging als Vierte hinaus, ihr Exterminator schlanker und beweglicher als die schweren Maschinen vor ihr.
„Erster Ring“, befahl Lysa. „Pops Süd. Curfew Nord. Phantom West. Ich halte Ost und Schiff.“
Die Maschinen verteilten sich.
Die Sichtweite lag bei kaum achthundert Metern. Dahinter verschluckten Regen und Wald jede Kontur. Das Landefeld war größer, als es aus der Luft gewirkt hatte, eine alte Schicht aus verstärktem Beton, durchzogen von Rissen und überwuchertem Moos. An mehreren Stellen hatten Wurzeln die Oberfläche angehoben. Wasser sammelte sich in breiten Senken, deren Tiefe nicht zu erkennen war.
Die Kadaver lagen am östlichen Rand.
Aus der Nähe wirkten sie noch weniger vertraut.
Das größte Tier besaß einen langen, reptilienartigen Schädel, doch die Kiefer waren seitlich aufgeklappt wie die Mandibeln eines Insekts. Dunkle Panzerplatten bedeckten Rücken und Nacken. Ein Teil des Rumpfes war aufgerissen worden. Rippen oder Chitinstreben ragten aus einer schwarzen, glänzenden Masse. Der Regen wusch dünne, rosafarbene Flüssigkeit über das Pad.
Das zweite Wesen hatte sechs Beine. Vielleicht acht; zwei waren unter dem Körper eingeklemmt. Sein Rücken trug einen halbtransparenten Kamm, in dem noch schwaches, grünliches Licht pulsierte.
„Das lebt noch“, sagte Lena.
Ihr Javelin stand auf der Rampe, dahinter Decker Polls Flea. Beide warteten auf Freigabe.
„Negativ“, sagte Olan. „Nur Restreaktionen.“
„Das ist Licht.“
„Biolumineszenz muss keine bewusste Funktion sein.“
„Es pulsiert.“
„Auch dein Warnsignal pulsiert. Es denkt trotzdem nicht.“
Decker lachte über den offenen Lanzenkanal.
Lena schwieg.
Lysa vergrößerte das Bild. Zwischen den Chitinplatten bewegten sich kleine Körper, hunderte vielleicht, jedes kaum länger als eine Hand. Sie krochen aus der Wunde, verschwanden im Schlamm und wurden vom Regen fortgetragen.
„Infanterie wird nur in geschlossenen Fahrzeugen eingesetzt“, befahl sie. „Atemschutz außerhalb der Maschinen. Niemand berührt die Kadaver.“
Cassia Morales meldete sich vom Transportdeck. „Das war ohnehin nicht mein Plan.“
„Pyro?“
Eine kurze Pause.
„Corporal Kelly wollte eine Probe nehmen“, sagte Cassia.
„Nur eine kleine“, protestierte Fiona im Hintergrund.
„Nein.“
„Aber—“
„Nein.“
„Verstanden, Major.“
Cassias Mikrofon blieb einen Augenblick offen.
„Nimm die verdammte Schaufel wieder aus dem Rucksack.“
Dann schloss sich der Kanal.
Die Fahrzeuge rollten aus der Rust Bucket. Zuerst Aris Demirs Condor, dessen Luftkissen Wasser und Schlamm in breiten Fächern über den Boden jagte. Dahinter der Maxim-Transporter, der schwere Manticore-Panzer und ein Schrek-PPC-Träger. Jeder Fahrer hielt Abstand, testete Bremsen und Bodenhaftung, bevor er sich in den zugewiesenen Sektor bewegte.
Die Einheit begann Gestalt anzunehmen.
Nicht schön. Nicht vollkommen. Aber funktional.
Lysa beobachtete, wie Joren den südlichen Rand absuchte, Olan seinen Archer auf einer leicht erhöhten Betonplatte positionierte und Aris Demir die Panzer so verteilte, dass sich ihre Feuerbereiche überschnitten. Keiner wartete auf detaillierte Einzelanweisungen. Das war gut.
Am nördlichen Waldrand bewegten sich die Bäume.
Nicht der Wind.
Eine Reihe dunkler Kronen bog sich nacheinander zur Seite. Langsam zuerst, dann schneller, als schob sich etwas Großes zwischen den Stämmen hindurch. Die Sensoren zeigten keine eindeutige Wärmesignatur. Der Regen kühlte alles, die Vegetation erzeugte Tausende kleiner Bewegungen, und die dichte Biomasse verschluckte Radarimpulse.
„Kontakt Nord“, sagte Olan.
Der Archer drehte seinen Torso.
Lysa sah, wie sich die Raketenklappen an seinen Schultern öffneten.
„Nicht schießen!“
Etwas blieb hinter der Baumlinie stehen.
Die Entfernung betrug vierhundertdreißig Meter.
Zu nah.
Ein Laut rollte aus dem Wald.
Er war nicht laut im üblichen Sinn. Kein Brüllen, das durch schiere Lautstärke erschreckte. Es war tief, so tief, dass die Cockpitmikrofone ihn zunächst als Vibration erfassten. Der Schlamm in den Pfützen kräuselte sich. Dann stieg der Ton an, wurde zu einem langen, rauen Grollen, das sich zwischen den Bäumen brach und aus mehreren Richtungen zurückkehrte.
Lena atmete hörbar ein.
„Was war das?“
„Etwas, das möchte, dass wir wissen, dass es da ist“, sagte Hale.
Sein Shadow Hawk hatte inzwischen das Schiff verlassen und stand hinter dem ersten Ring.
„Oder es ruft etwas“, ergänzte Sera.
„Das ist hilfreicher“, murmelte Decker.
Der Wald bewegte sich erneut.
Ein Kopf schob sich zwischen zwei Baumstämmen hervor.
Er befand sich fast auf Höhe des Archercockpits.
Zuerst waren nur die Augen zu sehen. Zwei matte, gelbliche Flächen, weit auseinanderliegend, geschützt unter knöchernen Wülsten. Dann folgte ein langer Schädel, von Narben und dunklen Schuppen überzogen. Regen lief über die Oberfläche und tropfte von einer Reihe kurzer Hornplatten. Das Tier öffnete das Maul.
Die Kiefer waren breit genug, um den Torso eines leichten BattleMechs zu umfassen.
Zwischen den Zähnen hingen Pflanzenfasern und etwas Dunkles, das wie ein Stück Haut wirkte.
Lenas Zielsystem sprang an.
„Ziel erfasst.“
„Feuer halten“, wiederholte Lysa.
„Es kommt näher.“
„Es beobachtet.“
„Es ist ein verdammter Dinosaurier.“
„Megasaur“, korrigierte Olan.
„Das macht es nicht besser.“
Das Tier trat aus dem Wald.
Sein Körper folgte langsam dem Kopf, schwer und muskulös, getragen von zwei gewaltigen Hinterläufen. Die kleineren Vorderarme lagen dicht am Brustkorb. Der Schwanz zog eine breite Furche durch das Unterholz. Das Wesen war nicht so groß wie ein schwerer BattleMech, aber groß genug, dass niemand seine Masse unterschätzen konnte.
Es blieb am Rand des Pads stehen.
Regen glänzte auf seinen Schuppen.
Der Kopf bewegte sich von Olan zu Hale, weiter zu Lysa und schließlich zur offenen Rampe der Rust Bucket. Die Pupillen verengten sich. Das Tier atmete aus. Eine weiße Wolke quoll aus seinen Nüstern und vermischte sich mit dem Regen.
„Wärmesignatur hinter ihm“, meldete Sera. „Mindestens drei kleinere.“
„Jungtiere?“, fragte Joren.
„Oder Rudel.“
Der Megasaur setzte einen Fuß auf den Beton.
Krallen schabten über die Oberfläche.
Lysa ließ den Caesar einen halben Schritt nach vorn gehen.
Die Bewegung war bewusst langsam. Keine Waffen. Keine plötzliche Torsoausrichtung. Nur Masse, die sich zwischen das Tier und das Schiff schob.
Der Kopf des Megasaurs ruckte zu ihr.
Das Grollen begann erneut.
Lysa öffnete den Außenlautsprecher des Caesar und erhöhte die Verstärkung.
„Schallstoß“, sagte sie.
Ein niederfrequenter Alarmton brach aus den Lautsprechern des BattleMechs. Nicht laut genug, um Gehör zu schädigen, aber tief und fremd. Der Megasaur zuckte zurück. Sein Kopf schwang zur Seite. Die kleineren Signaturen im Wald verschwanden.
Lysa ließ den Ton erneut erklingen.
Das Tier öffnete das Maul, stieß ein heiseres Brüllen aus und trat noch einen Schritt auf das Pad.
„Major“, sagte Lena.
„Ich sehe es.“
„Ich habe einen sauberen Schuss.“
„Das ist nicht die Frage.“
„Es ist fünfzig Meter von Olan entfernt.“
„Vierundsechzig“, sagte Olan.
„Das ist nicht besser!“
Der Megasaur senkte den Kopf.
Der Archer hob einen Arm.
Lysa erhöhte die Lautstärke des Schallstoßes bis an die Belastungsgrenze der Außenlautsprecher. Gleichzeitig trat der Caesar vor, stellte sich breiter hin und schlug mit dem rechten Fuß auf den Beton.
Der Aufprall ließ Wasser aus den Pfützen springen.
Das Tier erstarrte.
Für einen langen Augenblick standen sich Kriegsmaschine und Raubtier gegenüber. Der Caesar, fast siebzig Tonnen Metall, Kunststoff, Myomerfasern und gezähmte Fusionsenergie. Das Tier, vielleicht ein Zehntel dieser Masse, aber geboren auf einer Welt, die nichts hervorbrachte, was sich durch Vorsicht allein behauptete.
Dann wich der Megasaur zurück.
Er tat es nicht panisch. Sein Blick blieb auf dem Caesar. Ein Schritt. Noch einer. Erst als er die Baumlinie erreichte, drehte er den Kopf, stieß einen kurzen Laut aus und verschwand im Dschungel. Die Vegetation schloss sich hinter ihm.
Niemand sprach sofort.
Der Regen rauschte über die Außenmikrofone.
Dann meldete sich Decker.
„Ich hätte nicht gedacht, dass man einen Dinosaurier anschreien kann.“
„Sie hat ihn nicht angeschrien“, sagte Lena.
„Was dann?“
„Dominanz gezeigt.“
„Du klingst, als hättest du das geplant.“
„Ich habe verstanden, was die Majorin getan hat.“
„Nachdem sie es getan hat.“
„Das reicht immerhin.“
„Princess, Jitter“, sagte Lysa.
Beide verstummten.
„Äußerer Sicherungsring. Jetzt.“
Die beiden leichten Mechs gingen vor.
Lysa beobachtete Lenas Javelin besonders aufmerksam. Die junge Pilotin bewegte ihn sauber, fast zu sauber, mit jener bewussten Präzision eines Menschen, der wusste, dass er beobachtet wurde. Sie umging die Kadaver in weitem Bogen, hielt die Waffen zum Wald und nahm ihre Position am südöstlichen Rand ein.
Decker war schneller und weniger vorsichtig. Sein Flea sprang beinahe über eine aufgebrochene Betonstelle, fing die Bewegung mit einer eleganten Gewichtsverlagerung ab und erhielt dafür sofort eine scharfe Bemerkung von Joren.
Es war kein Einsatz gegen Menschen.
Noch nicht.
Doch schon jetzt zeigte sich, wer Befehle als Rahmen verstand und wer sie als Hindernis betrachtete.
„Perimeter stabil“, meldete Aris Demir. „Keine weiteren Kontakte auf dem Pad. Straße ist befahrbar, aber nur einspurig. Nordgraben überflutet.“
„Aufklärung bis zum ersten Tor“, befahl Lysa. „Phantom vor. Princess und Jitter versetzt dahinter. Baba und Caber folgen. Keine Verfolgung in den Wald.“
„Verstanden“, sagte Sera.
Der Exterminator setzte sich in Bewegung.
Seine Schritte waren kaum leiser als die anderer BattleMechs, doch Sera platzierte sie sorgfältig, vermied tiefe Wasserstellen und überwachsene Risse. Der Mech glitt nicht, aber er wirkte so, weil jede Bewegung in die nächste überging. Lena folgte links, Decker rechts. Der Condor schwebte hinter ihnen, der Maxim mit Cassias Infanteriezug blieb dicht bei dem vorrausfahrenden Panzer.
Lysa wartete, bis die Gruppe die ersten zweihundert Meter zurückgelegt hatte.
„Restliche Einheit: Verteidigungsstellung um das Schiff. Joren übernimmt.“
„Und Sie?“
„Ich gehe zum Tor.“
„Das war nicht Teil von Alpha.“
„Alpha ging davon aus, dass wir Funkkontakt zur Anlage bekommen.“
Joren schwieg kurz.
„Ich komme mit.“
„Sie halten das Schiff.“
„Lysa.“
Nur er verwendete ihren Vornamen auf einem Gefechtskanal, und selbst er tat es selten.
Sie verstand den Einwand. Der Kommandeur einer frischen Söldnereinheit sollte nicht an der Spitze einer Erkundungsgruppe durch unbekanntes Gelände marschieren. Er sollte Übersicht behalten, Informationen sammeln und Entscheidungen treffen. Er sollte sich nicht persönlich in den schmalen Korridor zwischen Wald und Berg begeben, während ein Planet voller Raubtiere die Sensoren störte.
Doch die Jackals waren noch keine Einheit, die sich allein durch Rangabzeichen führen ließ.
Einige folgten ihr, weil sie ihre Kompetenz respektierten. Einige, weil sie bezahlt wurden. Andere, weil sie keine bessere Wahl hatten. Wieder andere warteten vermutlich nur darauf, ob die Gray Sun Jackals den ersten schwierigen Vertrag überstanden oder sich ebenso schnell auflösten, wie sie gegründet worden waren.
Lysa konnte ihnen nicht befehlen, gemeinsam in etwas hineinzugehen, das sie selbst aus sicherer Entfernung betrachtete.
„Sie halten das Schiff“, wiederholte sie.
Joren atmete einmal aus.
„Verstanden, Major.“
Der Caesar setzte sich in Bewegung.
________________________________________
Die Straße nach Cindershield Vier war keine Straße mehr.
Sie war eine Erinnerung daran.
An einigen Stellen lag noch schwarzer, rissiger Verbundbelag unter Schlamm und Moos. An anderen hatten Wurzeln breite Platten angehoben oder vollständig gesprengt. Regenwasser floss in knöcheltiefen Strömen hangabwärts und brachte Blätter, Äste und kleine Tiere mit sich, die zu schnell vorbeigespült wurden, um sie zu erkennen.
Der Wald stand dicht an beiden Seiten.
Lysa hatte Dschungel auf New Syrtis gesehen und die feuchten Wälder Kitterys durchquert. Hunter’s Paradise ähnelte beiden nur oberflächlich. Die Pflanzen hier wirkten nicht einfach groß, sondern übermäßig entwickelt. Farne reichten einem BattleMech bis zur Hüfte. Lianen hingen in armdicken Bündeln von den Bäumen. Manche Stämme besaßen glatte, helle Rinde, andere waren von dunklen Platten bedeckt, die sich im Wind gegeneinander verschoben und ein trockenes Klackern erzeugten.
Zwischen den Blättern leuchteten Blüten in grellen Farben. Rot. Blau. Ein beinahe elektrisches Violett. Einige schlossen sich, als der Caesar vorbeiging. Andere öffneten sich.
Die Außenfilter meldeten Sporen.
Lysa schaltete die Cockpitbelüftung vollständig auf geschlossenen Kreislauf.
Vor ihnen bewegte sich Sera durch den Regen. Der Exterminator blieb regelmäßig stehen, richtete den Kopf in den Wald und wartete. Manchmal schien sie etwas zu sehen. Manchmal nur zu lauschen.
Lena hielt ihre Position, obwohl es ihr sichtbar schwerfiel. Ihr Javelin war für Bewegung gebaut. Stillstand machte ihn verletzlich, und Lena dachte in Geschwindigkeit. Immer wieder verlagerte sie das Gewicht, ging einen halben Schritt vor und korrigierte sich wieder.
„Princess“, sagte Ewan McCray über den Gruppenkanal, „du läufst mir gleich vor den Transporter.“
Lenas Javelin drehte den Kopf leicht.
„Mein Name ist Hux.“
„Steht Hux irgendwo an deinem Mech?“
„Nein.“
„Dann weißt du jetzt, warum ich Hux nicht meinte.“
„Sergeant McCray“, sagte Lysa.
„Major.“
„Beschränken Sie sich auf relevante Meldungen.“
„Der Javelin vor mir ist relevant.“
„Ihre Meinung zu seiner Pilotin nicht.“
„Verstanden.“
Eine Pause.
„Prinzessin.“
Lysa schloss für einen Moment die Augen.
Im Condor lachte jemand. Vermutlich Kaito Sato. Aris Demir sagte etwas, das nicht über den Kanal übertragen wurde, woraufhin das Lachen sofort verstummte.
Lena ließ sich zurückfallen, bis sie wieder den vorgeschriebenen Abstand zum Maxim hatte. Ihre Antwort kam erst danach.
„Sergeant McCray.“
„Ja, Hoheit?“
„Falls etwas aus dem Wald kommt, das groß genug ist, um Ihren Transporter zu fressen, werde ich zuerst prüfen, ob es Manieren besitzt.“
Decker Poll brach in Gelächter aus.
Sogar Cassia Morales’ Stimme klang amüsiert. „Die Kleine lernt.“
„Sie lernt langsam“, sagte Ewan.
„Aber sie trifft schnell“, erwiderte Jada Okeke vom Manticore, der weiter hinten zur Unterstützung bereitstand.
Lena schwieg.
Lysa sah auf der taktischen Anzeige, wie ihr Javelin den Kopf ein wenig höher nahm.
Ein kleiner Erfolg.
Vielleicht zu klein, um ihn zu benennen. Aber Einheiten wuchsen selten durch große Reden zusammen. Meist geschah es in solchen Momenten. In einem geteilten Witz. Einer unerwarteten Verteidigung. Einer Stimme, die im richtigen Augenblick nicht gegen, sondern für jemanden sprach.
Vor ihnen hob Sera die linke Hand ihres Exterminators.
Die Kolonne stoppte.
„Bewegung rechts“, meldete sie. „Klein. Viele.“
Lysa richtete die Sensoren auf den Wald.
Zunächst sah sie nichts. Dann bewegte sich der Boden.
Eine breite, dunkle Fläche schob sich zwischen den Wurzeln hindurch, teilte sich und floss wieder zusammen. Tausende insektoide Wesen, jedes ungefähr so groß wie ein menschlicher Unterarm, strömten parallel zur Straße durch den Dschungel. Ihre Körper waren flach, von glänzendem Chitin bedeckt, getragen von sechs schnellen Beinen. Zwei lange Fühler tasteten vor ihnen durch das Laub.
Sie beachteten die Kolonne nicht.
Noch nicht.
„Keine Waffen“, sagte Lysa.
„Sie kommen näher“, meldete Lena.
„Sie kreuzen nur unsere Bewegungsrichtung.“
„Das sagen Sie sehr sicher.“
„Nein. Ich sage es ruhig.“
Der Schwarm erreichte den Straßenrand.
Die ersten Tiere krochen auf den dunklen Belag. Wasser lief über ihre Rücken. Eines blieb stehen und hob den Vorderkörper. Unter dem Kopf öffnete sich eine Reihe kleiner Mundwerkzeuge, die sich unabhängig voneinander bewegten.
Dann wandte es sich ab.
Der Schwarm überquerte die Straße vor Sera und verschwand auf der anderen Seite.
Der Vorgang dauerte fast eine Minute.
Kein BattleMech bewegte sich.
Als das letzte Tier im Farn verschwunden war, blieb eine dünne, milchige Spur auf dem Boden zurück. Der Regen begann sie sofort fortzuwaschen.
„Das war widerlich“, sagte Lena.
„Korrekt“, antwortete Olan über den übergeordneten Kanal.
Sie schien einen Moment überrascht, dass er überhaupt zuhörte.
„Danke.“
„Es war keine Wertung. Mehrere Arten dieser Größenordnung nutzen chemische Signale. Die Spur könnte weitere Tiere anziehen.“
„Sie hätten auch einfach sagen können, dass es schlimmer wird.“
„Das wäre unpräzise.“
Sera setzte sich wieder in Bewegung.
Cindershield Vier tauchte nach einer weiteren Biegung vor ihnen auf.
Aus Bodennähe wirkte die Anlage größer als auf den Bildern. Die äußere Mauer erhob sich zwölf Meter über den Hang, gebaut aus Verbundbeton und Stahlsegmenten, deren Oberflächen von Moos, Rost und dunklen Wasserbahnen überzogen waren. An der Krone verliefen Reste eines elektrischen Zauns. Mehrere Leitungen hingen herab und schlugen im Wind gegen die Mauer.
Links und rechts des Haupttores standen Geschütztürme.
Die Waffen waren eingefahren.
Oder zerstört.
Der nördliche Turm trug eine breite Kerbe in der Panzerung. Etwas hatte die Außenplatte eingedrückt, nicht durch Beschuss, sondern durch rohe Gewalt. Vier tiefe Rillen verliefen parallel über das Metall.
Lena verlangsamte ihren Javelin.
„Das waren keine Krallen.“
„Was dann?“, fragte Decker.
„Ich weiß es nicht.“
„Dann waren es vielleicht Krallen.“
„So große Krallen gibt es nicht.“
Hale meldete sich vom Landefeld. „Du bist auf Hunter’s Paradise.“
Lena antwortete nicht.
Vor dem Tor stand ein Fahrzeug.
Foyle hatte es aus der Luft für ein Wrack gehalten. Aus der Nähe war zu erkennen, dass es sich um einen schweren geländegängigen Transporter handelte, sechs Räder, gepanzerte Kabine, Ladefläche mit geschlossenem Aufbau. Er war seitlich gegen einen Betonpoller gefahren. Die Frontscheibe war zersplittert, die Fahrertür offen.
Pflanzen wuchsen bereits durch den Radkasten.
„Phantom“, sagte Lysa.
Der Exterminator blieb stehen.
„Ich sehe es.“
Sie ging nicht direkt zum Fahrzeug. Stattdessen umrundete sie es in weitem Bogen, Sensoren auf Boden, Mauer und Wald gerichtet. Erst als sie die Rückseite erreicht hatte, trat sie näher.
„Keine Wärme. Keine Bewegung.“
„Spuren?“
„Viele. Zu viele.“
Das Außenbild des Exterminators wurde an die Gruppe übertragen. Im Schlamm rund um das Fahrzeug lagen tiefe Abdrücke. Manche erinnerten an dreizehige Füße. Andere bestanden aus kreisförmigen Vertiefungen und langen Schleifspuren. Dazwischen menschliche Stiefelabdrücke, vom Regen beinahe ausgelöscht.
Sie führten zum Tor.
Keine führten zurück.
„Fahrzeug untersuchen“, befahl Lysa. „Viper, zwei Leute. Voller Atemschutz. Maxim bleibt geschlossen.“
„Verstanden.“
Die Heckklappe des Maxim öffnete sich gerade weit genug, um zwei Infanteristen hinauszulassen. Cassia Morales kam selbst. Sie trug eine versiegelte Feldmaske, Regenponcho über der Panzerung und ein Gewehr eng an der Schulter. Neben ihr stapfte Oleg Petrov mit einer schweren Unterstützungswaffe, als trüge er einen Spazierstock.
Sie bewegten sich geduckt zum Transporter.
Lysa beobachtete sie über die Sensoren des Caesar. Der Maßstab ließ Menschen neben BattleMechs immer zerbrechlich wirken. Zwei kleine Gestalten im Regen, umgeben von Maschinen, Mauern und einem Wald, der sie mit wenigen Schritten verschlucken konnte.
Cassia erreichte die offene Fahrertür.
Sie leuchtete hinein.
„Blut“, meldete sie.
Lena bewegte den Javelin unwillkürlich einen Schritt vor.
„Menschlich?“
„Wenn du einen besseren Experten für Blut hast, kannst du ihn runterschicken.“
Lena blieb stehen.
Cassia beugte sich weiter in die Kabine. Oleg sicherte den Wald.
„Kein Körper. Sitzgurt gerissen. Lenkrad verbogen. Fahrer wurde wahrscheinlich herausgezogen.“
„Von außen?“, fragte Joren.
„Sieht so aus.“
„Torsteuerung“, sagte Lysa. „Findet ihr etwas?“
Cassia ging zur Beifahrerseite. Dort lag ein tragbares Bediengerät auf dem Boden, das Kabel noch mit dem Armaturenbrett verbunden.
„Vielleicht. Gerät ist tot.“
„Bringt es zum Maxim. Keine weiteren Untersuchungen.“
Cassia hob den Datenblock auf.
In diesem Moment schlug etwas gegen die Innenseite des Fahrzeugaufbaus.
Der Knall war laut genug, dass selbst die BattleMechmikrofone ihn erfassten.
Cassia fuhr herum. Oleg riss die Waffe hoch.
Ein zweiter Schlag.
Das Fahrzeug schwankte auf seinen Federn.
„Zurück!“, befahl Lysa.
Cassia und Oleg wichen vom Transporter weg.
Die geschlossene Hecktür beulte sich nach außen.
Ein dritter Schlag riss die obere Verriegelung aus der Halterung. Metall kreischte. Die Tür hing schief.
Lena richtete beide Arme des Javelin darauf.
„Ich habe Ziel—“
„Infanterie in der Schusslinie!“
„Ich sehe sie!“
Cassia rannte nicht zum Maxim zurück. Sie wich seitlich aus, zog Oleg mit sich und suchte Deckung hinter einem Betonblock. Der schwere Schütze ließ sich auf ein Knie fallen und richtete die Waffe auf das Fahrzeug.
Die Hecktür flog auf.
Etwas fiel heraus.
Es war ungefähr drei Meter lang, schlank und mit durchsichtigen, eng am Körper liegenden Flügeln bedeckt. Sechs Gliedmaßen schlugen über den Beton. Der Kopf bestand fast vollständig aus Augen und einer vertikalen Mundöffnung, die sich in mehrere gezackte Segmente teilte.
Das Tier war verletzt.
Eine seiner Körperseiten war eingedrückt. Dunkle Flüssigkeit trat aus mehreren Rissen im Chitin. Trotzdem richtete es sich auf und stieß einen hohen, vibrierenden Laut aus.
Weitere Geräusche antworteten aus dem Inneren des Transporters.
„Kontakt!“, rief Cassia.
Das erste Wesen sprang.
Nicht auf die Menschen.
Auf Lenas Javelin.
Es überwand die Entfernung mit einem einzigen Satz, schlug gegen das linke Bein des Mechs und klammerte sich an der Panzerung fest. Die durchsichtigen Flügel entfalteten sich, schlugen gegen das Metall und erzeugten einen schrillen Ton.
Lena schrie auf.
Der Javelin taumelte einen Schritt zurück.
„Ruhig!“, befahl Lysa.
„Es ist an meinem Bein!“
„Ich sehe es.“
„Ich kann nicht schießen!“
„Dann tu es nicht.“
Das Tier zog sich am Bein hoch. Seine Mundwerkzeuge schabten über die Panzerung. Funken sprühten, als harte Zähne oder Schneidplatten über eine Gelenkabdeckung rutschten.
„Lena“, sagte Joren ruhig über den Kanal. „Rechtes Bein belasten. Linkes Knie anheben. Langsam.“
„Es kommt zum Cockpit!“
„Es ist noch sieben Meter davon entfernt. Knie anheben.“
Der Javelin verlagerte das Gewicht.
Zu schnell.
Der Fuß rutschte im Schlamm. Der Mech schwankte, fing sich und hob dann das linke Bein. Das Insekt klammerte sich fester.
„Jetzt nach außen drehen“, sagte Joren. „Nicht treten. Drehen.“
Lena gehorchte.
Der Javelin schwang das Bein seitlich. Die Bewegung war nicht stark genug, das Tier abzuschütteln, aber sie drehte dessen Körper vom Kniegelenk weg.
„Jitter“, befahl Lysa. „Präzisionsfeuer.“
Der Flea trat näher.
Decker schwieg jetzt. Keine Witze, keine Kommentare. Sein Mech senkte den rechten Stummelarm. Ein leichter Laser richtete sich auf das Tier.
Lena hielt still.
Das musste sie mehr Überwindung kosten als das gesamte Manöver zuvor.
Der Laser blitzte.
Rotes Licht schnitt durch den Regen und traf das Insekt am Ansatz der vorderen Gliedmaßen. Chitin platzte auf. Dampf und dunkle Flüssigkeit spritzten über die Panzerung des Javelin. Das Tier löste sich, fiel auf den Boden und wand sich.
Oleg Petrov feuerte.
Die schwere Waffe hämmerte kurze Salven in den Körper, bis er reglos blieb.
Aus dem Transporter drängte ein zweites Wesen.
Dann ein drittes.
Cassia warf sich hinter den Betonblock. Decker drehte den Flea. Sera bewegte den Exterminator zwischen Fahrzeug und Tor, während Lysa den Caesar nach vorn brachte.
„Infanterie zurück zum Maxim!“
Der Maxim setzte sich bereits in Bewegung. Ewan McCray ließ den Transporter quer zur Straße gleiten und öffnete die seitliche Luke hinter Cassia und Oleg. Beide rannten.
Das zweite Insekt breitete die Flügel aus.
Der Luftschlag wirbelte Wasser vom Boden. Es erhob sich unbeholfen, schwerer als seine schmalen Flügel vermuten ließen, und stieg bis auf Höhe des Exterminatorknies.
Sera feuerte nicht.
Sie schlug zu.
Der linke Arm ihres BattleMechs bewegte sich in einem kurzen, präzisen Bogen. Die Hand traf das Tier seitlich und schleuderte es gegen die Mauer. Chitin brach mit einem Geräusch wie berstendes Holz.
Das dritte Wesen verschwand unter dem Transporter.
„Wo ist es?“, fragte Lena.
Sensoren suchten.
Nichts.
Der Maxim erreichte Cassia und Oleg. Beide sprangen durch die offene Luke. Ewan beschleunigte sofort und zog zurück.
„Alle Maschinen Abstand zum Wrack“, befahl Lysa.
„Bewegung darunter“, sagte Sera.
Das Fahrzeug hob sich.
Nur wenige Zentimeter zuerst.
Dann kippte es zur Seite.
Das dritte Tier kam nicht hervor.
Etwas Größeres bewegte sich im Aufbau.
Die Außenwände beulten sich. Schrauben rissen. Ein Teil des Dachs hob sich an, als würde von innen ein Keil dagegen gedrückt.
„Zurück“, sagte Lysa.
Der Transporter barst.
Metallplatten flogen über den Vorplatz. Eine traf den Exterminator an der Schulter, prallte ab und schlitterte über den Beton. Aus dem geöffneten Aufbau quoll eine Masse aus Chitin, Gliedmaßen und nassem, dunklem Gewebe.
Es war kein einzelnes Tier.
Es war ein Nest.
Dutzende kleinere Körper klammerten sich aneinander und an eine zentrale, aufgedunsene Kreatur, deren Hinterleib den gesamten Laderaum ausgefüllt hatte. Flügel schlugen. Beine tasteten. Ein hoher Chor aus vibrierenden Lauten füllte den Vorplatz.
Lena fluchte.
„Feuer frei“, befahl Lysa.
Die Straße wurde von Licht zerrissen.
Decker eröffnete mit den Lasern seines Flea. Sera feuerte aus kurzer Entfernung. Lenas Javelin richtete den Torso aus und schickte eine kontrollierte Salve kohärenten Lichts in den aufgebrochenen Transporter. Nicht wild. Nicht panisch. Die Strahlen trafen die zentrale Masse und brannten tiefe, glühende Furchen durch Chitin und Gewebe.
Der Condor raste seitlich über den Platz. Seine Waffen hämmerten in die kleineren Tiere, die sich vom Nest lösten. Aris Demir hielt den Panzer in Bewegung, gab Kaito Sato immer neue Winkel und verhinderte, dass sich die Wesen an der Hülle festsetzen konnten.
Oleg feuerte aus der halb geöffneten Maximluke.
Cassia schrie Befehle.
Der Geruch erreichte selbst die gefilterten Außenrezeptoren des Caesar als Warnmeldung: organische Dämpfe, Säuren, verbranntes Protein.
Lysa setzte den rechten Fuß des Caesar auf den hinteren Teil des Transporters.
Der Rahmen brach unter dem Gewicht zusammen.
Mehrere Kreaturen wurden zerquetscht. Die zentrale Masse wand sich, hob den Kopf oder das, was als Kopf diente, und stieß einen Ton aus, der alle anderen Frequenzen für einen Moment überlagerte.
Der Wald antwortete.
Von beiden Seiten.
Nicht ein Laut.
Viele.
Olan Firths Stimme kam sofort über den Kanal.
„Major, großflächige Bewegung nördlich und östlich des Komplexes. Mehrere Wärmesignaturen. Sie nähern sich.“
„Entfernung?“
„Unter einem Kilometer.“
„Anzahl?“
„Nicht bestimmbar.“
Lysa sah zum Haupttor.
Geschlossen.
Der äußere Vorplatz bot kaum Deckung. Hinter ihnen verlief die schmale Straße zum Landefeld. Links und rechts stand dichter Dschungel. Wenn der Schwarm oder die Tiere, die auf den Nestlaut reagierten, die Straße abschnitten, mussten sie sich zurückkämpfen.
Oder das Tor öffnen.
„Pyro“, sagte Lysa.
„Major.“
Die Stimme der Sprengstoffspezialistin klang beinahe erwartungsvoll.
„Sie wollten etwas sprengen.“
„Mehr als alles andere.“
„Sorgen sie dafür, dass wir durch dieses Tor kommen!“
„Endlich.“
Cassia meldete sich sofort. „Wir sind noch nicht einmal wieder vollständig im Maxim.“
„Dann sorgen Sie dafür.“
Lysa trat vom Wrack zurück. Die letzten kleineren Insekten versuchten, sich über den Boden zu verteilen. Decker und der Condor erledigten sie mit kurzen, gezielten Feuerstößen.
Lena stand mehrere Meter entfernt.
Ihr Javelin war mit dunkler Flüssigkeit bespritzt. Ein tiefer Kratzer zog sich über die Panzerung des linken Unterschenkels, doch die Gelenkanzeige blieb grün.
„Princess“, sagte Lysa.
„Einsatzbereit.“
Die Antwort kam sofort.
Zu sofort.
„Schaden?“
„Oberflächlich.“
„Verletzung?“
„Nein.“
„Panik?“
Eine Pause.
„Nein.“
Lysa betrachtete den Javelin.
„Lügen Sie mich später besser an.“
Lena atmete aus.
„Verstanden.“
„Sie sichern Pyro.“
„Ja, Major.“
Kein Protest. Keine Rechtfertigung.
Auch das war ein kleiner Erfolg.
Der Maxim kam heran und setzte Cassia, Fiona und zwei weitere Infanteristen unmittelbar am Tor ab. Fiona trug einen schweren Rucksack mit Sprengmaterial, Werkzeug und tragbaren Diagnosegeräten. Selbst durch die Entfernung und den Regen war ihre Begeisterung erkennbar.
Sie kniete neben dem äußeren Bedienfeld.
„Mechanische Verriegelung“, meldete sie. „Stromversorgung tot. Steuerkasten wurde von innen abgeschaltet.“
„Kannst du ihn öffnen?“, fragte Cassia.
„Alles kann geöffnet werden.“
„Ohne den Berg einzureißen.“
„Du nimmst mir jede Freude.“
Fiona öffnete das Paneel. Wasser lief über Kabel und Kontakte. Sie steckte eine Lampe zwischen Schulter und Helm, griff tief in die Mechanik und begann, mehrere Leitungen zu prüfen.
Lena positionierte den Javelin direkt hinter ihr.
Der Wald bewegte sich.
Jetzt überall.
Baumkronen schwankten gegen den Wind. Äste brachen. Tiefe Laute rollten durch den Regen, einige weit entfernt, andere erschreckend nah. Auf Lysas taktischer Anzeige erschienen Kontakte und verschwanden wieder.
„Pyro“, sagte sie.
„Ich arbeite.“
„Wie lange?“
„Wenn Sie mich weiter nerven, länger.“
Cassia drehte sich zu ihr. Selbst aus dem Cockpit des Caesar konnte Lysa die Bewegung erkennen.
„Corporal.“
„Zwei Minuten.“
„Du hast dreißig Sekunden.“
„Dann wird es lauter.“
„Damit kann ich leben.“
„Das sagen immer alle, bevor es laut wird.“
Am nördlichen Rand des Vorplatzes brach etwas durch die Mauer des Dschungels.
Kein Megasaur.
Ein Schwarm kleiner, vierbeiniger Tiere, jedes etwa so groß wie ein Pferd, sprang auf die Straße. Ihre Körper waren schmal, von kurzen Federstacheln bedeckt, die Köpfe niedrig und lang. Sie liefen nicht direkt auf die Jackals zu. Sie flohen.
Hinter ihnen bewegte sich etwas Größeres.
Die ersten Tiere erreichten den Vorplatz, sahen die BattleMechs und versuchten, ihre Richtung zu ändern. Zwei rutschten auf dem nassen Beton aus. Ein drittes prallte gegen den Condor und wurde vom Luftkissen zur Seite geschleudert.
„Feuer halten!“, befahl Lysa.
Der Schwarm teilte sich um die Maschinen.
Eines der Tiere sprang zwischen Lenas Javelin und dem Tor hindurch. Fiona duckte sich unter dem Bauch hinweg, ohne ihre Arbeit zu unterbrechen.
„Das war knapp“, sagte Lena.
„Ich hatte es gesehen“, rief Fiona.
„Du hast nicht einmal hochgesehen!“
„Ich habe seinen Schatten gesehen.“
„Das ist nicht dasselbe!“
„Tor fast offen!“
Ein weiterer Laut ertönte aus dem Wald.
Diesmal erkannte Lysa das Brüllen des Megasaurs vom Landefeld.
Nur war es nicht allein.
Mehrere tiefe Stimmen antworteten, gefolgt von jenem hohen, vibrierenden Ton der Insekten.
Die fliehenden Tiere verschwanden auf der Südseite des Vorplatzes.
Dann brach der erste große Körper aus dem Wald.
Ein Megasaur, kleiner als der vom Landefeld, aber schneller. Er trug mehrere insektoide Wesen an den Flanken. Die Tiere hatten sich zwischen seinen Schuppen festgebissen. Der Megasaur schlug mit dem Kopf nach ihnen, rannte blind vor Schmerz und Wut und kam direkt auf die Jackals zu.
„Kontakt Nord!“, rief Decker.
„Nicht auf den Kopf“, befahl Lysa. „Beine stoppen!“
Olan Firth feuerte vom Landefeld.
Eine Salve Langstreckenraketen schoss durch den Regen, zog eine weiße Spur über die Straße und traf den Boden unmittelbar vor dem Megasaur. Beton explodierte. Die Druckwelle und Splitter trafen die Vorderläufe. Das Tier stolperte, überschlug sich und rutschte fast dreißig Meter über den nassen Vorplatz.
Die insektoiden Wesen lösten sich.
Drei flogen auf.
Lena reagierte zuerst.
Der Javelin drehte sich aus der Hüfte. Zwei Laserblitze trafen das erste Insekt in der Luft. Es platzte auseinander. Der dritte Strahl verfehlte das zweite knapp, schnitt aber einen Flügel ab. Das Wesen stürzte ab und wurde vom Condor überrollt.
Das dritte flog direkt auf Fiona zu.
Lena konnte nicht feuern. Das Tor, Fiona und Cassia lagen in der Linie.
Sie bewegte den Javelin.
Nicht zurück.
Nach vorn.
Der leichte BattleMech machte einen schnellen Schritt und stellte den linken Fuß zwischen die Infanteristinnen und das heranrasende Tier. Das Insekt prallte gegen die Panzerung, klammerte sich fest und schlug mit den Mundwerkzeugen nach dem Gelenk.
Lena hob das Bein nicht panisch an.
Sie drehte es.
Genau wie Joren es ihr gezeigt hatte.
Decker schoss.
Der Laser traf sauber.
Das Insekt fiel.
„Danke“, sagte Lena.
„Ich rahme mir das ein.“
„Später.“
Lysa hörte die Veränderung in ihrer Stimme.
Die Angst war noch da. Sie musste da sein. Aber sie kontrollierte Lena nicht mehr vollständig.
Fiona schlug mit der flachen Hand gegen das geöffnete Steuerfeld.
„Ich habe die Verriegelung.“
„Öffnen!“
„Das Tor braucht hydraulischen Druck. Das Notsystem reagiert nicht.“
„Sprengung.“
„Das kann die Führungsschienen verziehen.“
„Wir brauchen keine Garantie.“
Fiona grinste hinter ihrer Atemmaske. Man hörte es in ihrer Stimme.
„Jetzt wird es laut.“
Sie zog zwei vorbereitete Ladungen aus dem Rucksack und befestigte sie an den seitlichen Verriegelungspunkten. Cassia sicherte nach Norden. Oleg stand neben ihr, die schwere Waffe im Anschlag.
Weitere Tiere erschienen zwischen den Bäumen.
Nicht alle flohen.
Mehrere der pferdegroßen Jäger blieben am Rand des Vorplatzes stehen. Ihre Köpfe bewegten sich ruckartig. Sie sahen das verletzte Megasaur, die toten Insekten und die Menschen am Tor.
Dann begannen sie sich zu verteilen.
„Rudelverhalten“, sagte Sera.
„Das sehe ich“, erwiderte Lysa.
„Sie flankieren.“
„Das sehe ich ebenfalls.“
„Nur damit wir dieselben Beobachtungen teilen.“
Der Exterminator trat nach links und schnitt den Tieren den Weg zur Infanterie ab.
Fiona zog das Zündkabel.
„Ladungen gesetzt! Alle zurück!“
Cassia und Oleg rannten zum Maxim. Fiona folgte, blieb jedoch nach drei Schritten stehen, kehrte um und riss den Diagnoseblock aus dem offenen Steuerkasten.
„Fiona!“, brüllte Cassia.
„Der kostet Geld!“
Lena senkte die Hand des Javelin. Fiona sprang darauf, klammerte sich an einen der Finger und wurde mitsamt der Hand vom Tor weggehoben.
„Das ist nicht vorschriftsmäßig“, sagte Lena.
„Aber schnell!“
Der Maxim nahm Cassia und Oleg auf.
„Deckung!“, befahl Lysa.
Die BattleMechs drehten sich vom Tor weg. Der Caesar hob den linken Arm vor den Cockpitbereich. Lena setzte Fiona hinter einem Betonblock ab und ging sofort in die Hocke.
Die Ladungen zündeten.
Der Knall traf den Vorplatz wie ein körperlicher Schlag.
Feuer und Metallstaub schossen aus beiden Seiten des Tores. Die Verriegelungsgehäuse wurden aus der Mauer gerissen. Eine Druckwelle jagte Regen und lose Blätter über den Beton. Etwas Schweres brach im Inneren der Konstruktion.
Für einen Augenblick geschah nichts.
Dann bewegte sich der rechte Torflügel.
Nur wenige Zentimeter.
Er stockte.
Fiona hob den Kopf hinter dem Betonblock.
„Hydraulik blockiert!“
„Kann ein Mech es bewegen?“, fragte Lysa.
„Wenn Sie die Schienen nicht brauchen.“
„Brauchen wir sie?“
„Später vielleicht.“
„Jetzt nicht.“
Lysa ging zum Tor.
Der Caesar stellte sich vor den rechten Flügel. Die Oberfläche war von Rost, Moos und Sprengspuren bedeckt. Nah genug sah sie die Kratzer auf dem Metall, tiefe Rillen, manche mehrere Meter lang. Zwischen ihnen klebten dunkle Reste, die der Regen nicht vollständig abgewaschen hatte.
Sie setzte beide Hände des BattleMechs an die Kante.
„Joren.“
„Ich sehe dich.“
„Wenn das Tor fällt, übernimmt Hale den Durchgang.“
„Verstanden.“
„Lena, Infanterie schützen.“
„Ja, Major.“
Lysa erhöhte die Myomerleistung.
Der Caesar drückte.
Zunächst gab die Konstruktion nicht nach. Warnanzeigen erschienen an beiden Armaktivatoren. Der Mech stemmte die Beine in den Boden. Beton splitterte unter den Füßen. Die Servomotoren heulten auf.
Dann löste sich etwas tief im Berg.
Ein metallisches Krachen rollte durch das Tor.
Der Flügel bewegte sich.
Langsam. Zentimeter um Zentimeter. Rost und Schmutz rissen aus den Führungsschienen. Wasser stürzte aus dem entstehenden Spalt. Dahinter lag Dunkelheit.
Lysa drückte weiter.
Der Spalt wurde einen Meter breit.
Zwei.
Drei.
Aus dem Inneren strömte kalte, abgestandene Luft. Sie trug den Geruch von feuchtem Beton, altem Öl und etwas anderem hinaus.
Etwas Verwestem.
Das Tor öffnete sich weit genug für einen BattleMech.
Lysa hielt inne.
Die Scheinwerfer des Caesar schnitten in den Berg.
Der Tunnel dahinter war gewaltig. Eine breite Zufahrt führte abwärts in die Anlage, flankiert von Wartungsstegen und Schienen für schwere Frachttransporter. Notleuchten glommen in großen Abständen entlang der Wände. Nicht alle waren erloschen.
Einige flackerten.
Weiter innen stand ein IndustrieMech mitten im Gang.
Er war auf die Knie gesunken. Beide Arme lagen auf dem Boden. Das Cockpit war geöffnet.
Auf der Frontpanzerung befanden sich Handabdrücke.
Dutzende.
Dunkel und verwischt.
Hinter dem IndustrieMech lagen mehrere Körper.
Menschen.
Zumindest waren sie es gewesen.
Lena sagte nichts mehr.
Decker ebenfalls nicht.
Selbst Fiona schwieg.
Lysa ließ die Sensoren über den Eingang gleiten.
Keine Wärme.
Keine Bewegung.
Dann erschien auf ihrem Schirm ein kurzer Kontakt.
Tief im Tunnel.
Zu schwach, um ihn zu identifizieren. Zu deutlich, um ein Fehler zu sein.
Etwas hatte sich hinter dem knienden IndustrieMech bewegt.
Nur für einen Augenblick.
Dann war es verschwunden.
Über ihnen rollte das Brüllen der Tiere durch den Sturm.
Vor ihnen wartete der Berg.
Lysa öffnete den Gefechtskanal.
„Gray Sun Jackals, neuer Auftragsschwerpunkt. Wir sichern den Zugang, bringen die Infanterie hinter das Tor und errichten eine Verteidigungslinie im ersten Hallenabschnitt.“
Sie sah auf die Körper im Gang.
„Niemand geht allein.“
Ihre Hände lagen ruhig auf den Kontrollen.
„Und ab jetzt behandeln wir Cindershield Vier nicht mehr als verlassen.“
Hinter dem knienden IndustrieMech flackerte eine Notleuchte.
Für einen Sekundenbruchteil zeichnete sie etwas an der Wand ab.
Eine lange, gekrümmte Silhouette.
Dann wurde der Tunnel wieder dunkel.
__________________ Wer aufhört besser zu werden, hat aufgehört gut zu sein!
"Ich treffe alles, was ich sehe!"
Starcolonel Kurt Sehhilfe, Clan SeeBug
Dieser Beitrag wurde 3 mal editiert, zum letzten Mal von Andai Pryde: Gestern, 09:43.
|
|