Gray Sun Jackals - Operation Grüne Hölle |
Andai Pryde
Colonel

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Gray Sun Jackals – Operation Grüne Hölle

Kapitel 1 – Willkommen in der Hölle
Hunter’s Paradise
Timbuktu Collective, westliche Peripherie
17. Oktober 3151
Aus dem Orbit wirkte Hunter’s Paradise beinahe friedlich.
Eine breite Sichel aus hellem Blau lag unter der Rust Bucket, eingefasst von der dünnen, silbrigen Linie ihrer Atmosphäre und dem vollkommenen Schwarz dahinter. Wolkenbänder zogen über die südliche Hemisphäre, weiß und weich wie aufgeworfene Wolle, während zwischen ihnen dunkle Landmassen sichtbar wurden, deren Küsten sich in langen, hellen Bögen durch das Meer schnitten. Inselketten lagen wie verstreute Splitter vor den Kontinenten, manche kaum mehr als grüne Punkte im Wasser, andere groß genug, um unter eigenen Wettersystemen zu verschwinden. Selbst aus mehreren tausend Kilometern Entfernung konnte man erkennen, wie dicht die Vegetation war. Das Grün des Planeten besaß nichts von den gedeckten Farben kultivierter Agrarwelten. Es war tief, fast schwarz, und fraß sich bis an die Ränder der Strände, über Berghänge und in die breiten Täler hinein, als hätte hier niemals jemand versucht, es zurückzudrängen.
Nur an wenigen Stellen unterbrachen geometrische Formen die Wildnis. Eine Handvoll heller Narben im Dschungel, gerade Linien, befestigte Landeflächen und die metallischen Reflexe kleiner Siedlungen, die sich an Flussmündungen oder auf felsigen Hochflächen festklammerten. Von hier oben wirkten sie unbedeutend. Vorläufige Eingriffe in eine Welt, die lange genug existiert hatte, um zu wissen, dass sie Menschen überdauern würde.
Major Lysa Trent stand mit einer Hand am Rahmen des Beobachtungsfensters und betrachtete den Planeten, während die Rust Bucket unter ihren Füßen arbeitete.
Das Schiff vibrierte nicht gleichmäßig. Eine saubere Maschine hätte es vielleicht getan; ein jüngeres Landungsschiff, eines, dessen Triebwerke noch innerhalb der ursprünglichen Spezifikationen arbeiteten und dessen strukturelle Streben nicht in vier Jahrhunderten dutzendfach repariert worden waren. Die Rust Bucket besaß ihren eigenen Rhythmus. Ein tiefes, kaum hörbares Summen aus den Deckplatten, gefolgt von einem leichten Zittern in den Knien, wenn die Steuerdüsen einen Impuls gaben. Irgendwo hinter der Wand setzte eine Pumpe mit einem rauen Schlagen ein, das nach sechs Takten verstummte und nach einer Pause wiederkehrte. Lysa hatte während der vergangenen Wochen gelernt, welche Geräusche zur normalen Unruhe des Schiffs gehörten und bei welchen Captain Foyle zumindest eine Augenbraue hob.
Bislang hatte er keine gehoben.
Das hätte sie beruhigen sollen.
„Es sieht nicht besonders gefährlich aus.“
Lena Hux stand anderthalb Meter neben ihr, die Arme vor der Brust verschränkt. Sie hatte sich für den Anflug umgezogen, doch selbst ihre Bordkleidung wirkte, als wäre sie unmittelbar vor dem Ablegen aus einer Verpackung genommen worden. Die dunkelgraue Hose besaß noch scharfe Bügelfalten, das leichte Jackals-Hemd saß eng und sauber, und ihr kurzer, fransiger Haarschnitt hatte trotz der trockenen Umluft des Schiffs seine Form behalten. Nur die magnetischen Sohlen ihrer Stiefel und der Sicherheitsgurt, den sie sich vorschriftsmäßig um die Hüfte gelegt hatte, erinnerten daran, dass sie sich nicht auf einer Aussichtsterrasse befanden.
Lysa löste den Blick nicht vom Planeten.
„Das ist meistens ein schlechtes Zeichen.“
Lena sah zu ihr herüber. „Was?“
„Wenn etwas aus sicherer Entfernung harmlos wirkt.“
Für einen Moment schien Lena nach einer Antwort zu suchen, die gleichzeitig geistreich und nicht respektlos klang. Sie entschied sich dagegen und richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf das Fenster. Unter ihnen schob sich die Tag-Nacht-Grenze über den Ozean. Sonnenlicht lag auf den oberen Schichten der Atmosphäre und zog einen bernsteinfarbenen Saum über den Horizont. Weiter westlich türmte sich eine Wetterfront auf. Selbst aus dem Orbit wirkte sie nicht wie gewöhnliche Bewölkung, sondern wie eine Mauer, die sich über einen halben Kontinent spannte. Blitze flackerten tief in ihrem Inneren und beleuchteten die Wolken für Sekundenbruchteile von unten.
Dort lag ihr Ziel.
Die Kennung des verlassenen Komplexes lautete *Prospektions- und Forschungsstation Cindershield Vier*. Der Name stammte noch aus den Jahren, in denen das Gebiet auf verwertbare Erzvorkommen untersucht worden war. Die ersten Prospektoren hatten breite Stollen in den Berg getrieben, kilometerlange seismische Messlinien durch den Dschungel geschlagen und schließlich festgestellt, dass der Fels unter ihnen wirtschaftlich beinahe wertlos war. Später hatte eine Jagdgesellschaft die Anlage übernommen, dann ein pharmazeutisches Konsortium, danach eine örtliche Exportgesellschaft, die lebende Tiere, Eier, Chitinplatten und biologisches Material an Abnehmer in der Inneren Sphäre verkauft hatte.
Jeder neue Besitzer hatte etwas hinzugefügt.
Labore. Hangars. Kühlhäuser. Unterirdische Lager. Geschütztürme. Elektrische Zäune. Sensorpfosten. Minenfelder, deren aktueller Zustand niemand zuverlässig dokumentiert hatte. Aus dem ehemaligen Prospektionslager war im Laufe eines Jahrhunderts eine Festung geworden, nicht gegen Armeen, sondern gegen das, was im Dschungel lebte.
Vor siebenundvierzig Tagen war der regelmäßige Datenverkehr abgebrochen.
Vor zweiundvierzig Tagen hatte Cindershield Vier noch eine automatische Statusmeldung ausgesendet.
Vor neununddreißig Tagen war auch diese verstummt.
Der erste Aufklärungstrupp des Betreibers war nie zurückgekehrt. Eine zweite Expedition hatte nach dem Verlust zweier geländegängiger Fahrzeuge abgebrochen, ohne den äußeren Perimeter zu erreichen. Die Besatzung eines Beobachtungsflugzeugs berichtete von Sturmschäden, ausgefallenen Zäunen und großen Bewegungen im Wald. Ihre Bilder zeigten einen geschlossenen Hauptzugang und keine erkennbaren menschlichen Aktivitäten.
Die Gray Sun Jackals sollten die Anlage erreichen, sichern und feststellen, warum sie aufgegeben worden war.
Es war einer der ersten Verträge, die sie als eigenständige Einheit angenommen hatten.
Und der erste, bei dem ein Fehler weit genug von jeder ernsthaften Hilfe entfernt geschehen würde, dass niemand rechtzeitig kam, um ihn zu korrigieren.
Über den Bordlautsprecher erklang ein kurzes Knacken.
„An alle Decks.“ Harrigan Foyles Stimme war ruhig, leicht singend und so unbeeindruckt, als kündige er eine Änderung der Essenszeiten an. „Wir beginnen in drei Minuten mit der Bremssequenz. Wer jetzt noch lose Gegenstände besitzt, darf sie anschließend aus den Lüftungsgittern bergen. Wer selbst lose ist, wird schwieriger.“
Ein leises metallisches Schaben lief durch die Struktur, als erste Außenklappen in Position fuhren. Lysa spürte, wie sich der Druck ihrer Stiefelsohlen gegen das Deck veränderte. Die Rust Bucket drehte sich langsam aus ihrer bisherigen Fluglage. Der Planet wanderte im Fenster nach oben, bis die dunkle Rundung des Rumpfes einen Teil des Blickfelds verdeckte.
Lena griff nach dem Halteriemen an der Wand.
„War das ein Scherz?“
„Bei Captain Foyle ist das selten eindeutig.“
„Ich dachte, Piloten sollten Passagiere beruhigen.“
„Wir sind keine Passagiere.“
„Technisch gesehen—“
Lysa wandte den Kopf.
Lena schloss den Mund.
Sie tat es nicht eingeschüchtert. Nicht vollständig. In ihrem Gesicht lag vielmehr jene flüchtige, fast kindliche Verärgerung eines Menschen, der gerade daran erinnert worden war, dass Talent nicht automatisch Gleichrangigkeit bedeutete. Sie verbarg sie schnell, aber nicht schnell genug.
Lysa sagte nichts dazu.
Die junge MechKriegerin war seit nicht einmal zwei Monaten bei den Jackals. Ihre Simulatorergebnisse waren ausgezeichnet, ihre Schießleistungen im Javelin teilweise besser als die erfahrenerer Piloten. Auf kleine, schnell bewegliche Ziele reagierte sie mit einer Präzision, die sich nur bedingt trainieren ließ. Sie konnte im Lauf feuern, das Gewicht ihres Mechs verlagern und gleichzeitig eine Zielerfassung halten, bei der andere stehen bleiben mussten.
Doch sie erwartete noch immer, dass Krieg nach klaren Regeln funktionierte.
Dass jemand die Ersatzteile bereitstellte, wenn etwas ausfiel. Dass Briefings vollständig waren. Dass Vorgesetzte wussten, was sie taten. Dass Gegner eine erkennbare Absicht besaßen und die Welt außerhalb ihres Cockpits wenigstens grundsätzlich verstand, welche Rolle sie in Lenas Geschichte spielte.
Hunter’s Paradise würde ihr diese Höflichkeit vermutlich nicht erweisen.
Die Triebwerke zündeten.
Der erste Schub kam nicht als Schlag, sondern als wachsender Druck, der sich durch Lysas Beine in die Hüfte schob. Die Beleuchtung im Beobachtungsraum flackerte einmal. Metall knirschte tief im Rumpf, eine lange, wandernde Folge von Spannungsgeräuschen, die sich anhörte, als würde etwas Gewaltiges mit stumpfen Fingern über die Außenhaut streichen.
Lena spannte die Schultern an.
„Normal“, sagte Lysa.
„Ich habe nichts gefragt.“
„Du hast das Fenster angesehen, als erwartest du, dass es herausfällt.“
„Ich prüfe die Dichtung.“
„Natürlich.“
Lena hob das Kinn. „Ich habe einen technischen Blick.“
„Du hast gestern Chief Jensen gefragt, warum wir die BattleMechs nicht dichter nebeneinanderstellen, um mehr Platz zu sparen.“
„Das war eine berechtigte Frage.“
„Britta hat dir daraufhin erklärt, was ein Schwerpunkt ist.“
„Sehr laut.“
„Sie hielt dich offenbar für schwerhörig.“
Für den Bruchteil einer Sekunde kämpfte Lena gegen ein Lächeln. Dann gewann ihre Würde.
„Alle hier halten sich für ausgesprochen witzig.“
„Nein.“ Lysa wandte sich wieder dem Fenster zu. „Einige halten nur dich für ausgesprochen unterhaltsam.“
Das Grinsen brach doch durch, klein und widerwillig. Es machte sie mit einem Mal deutlich jünger.
Dann erreichte die Rust Bucket die ersten Ausläufer der Atmosphäre.
Das Geräusch veränderte sich.
Bis dahin hatten nur die Systeme des Schiffs gesprochen: Pumpen, Triebwerke, Aktivatoren, die tiefe Resonanz eines massiven Rumpfes unter Last. Nun kam etwas von außen hinzu. Zuerst ein fernes, kaum wahrnehmbares Rauschen, als striche Sand über Metall. Dann wurde es tiefer und voller, breitete sich über die Außenhaut aus und wuchs innerhalb weniger Sekunden zu einem gleichmäßigen Dröhnen.
Die Luft nahm das Schiff in Besitz.
Ionisiertes Gas flammte vor den Sichtfeldern auf. Ein matter orangefarbener Schein kroch über den Rand des Fensters, verdichtete sich zu hellen Strömungen und wurde stellenweise beinahe weiß. Plasmabänder rissen über den Schutzschilden der Sensoren auseinander. Der Planet verschwand hinter Licht, Hitze und der vibrierenden Unruhe einer Atmosphäre, die mit mehr als zehn Kilometern pro Sekunde gegen die stumpfe Masse des Landungsschiffs schlug.
Die Rust Bucket war keine elegante Maschine. Ihr Rumpf war für Last, Truppen und das Überleben unter Beschuss gebaut worden, nicht für Schönheit. In den oberen Atmosphärenschichten zeigte sich jede Kompromissentscheidung ihrer Konstrukteure. Der Fahrtwind fand Kanten, Verstärkungen und jahrhundertealte Reparaturplatten, verwandelte sie in Instrumente und ließ das Schiff in einem Chor aus tiefem Heulen, hochfrequentem Pfeifen und vibrierendem Donner erzittern.
Die Sicherheitsgurte spannten sich über Lysas Hüften.
Lena stand jetzt mit beiden Händen an den Halteriemen.
„Immer noch normal?“
„Frag Foyle.“
„Ich möchte eine ehrliche Antwort.“
„Dann frag ihn nicht.“
Eine Stimme erklang hinter ihnen.
„Captain Foyle ist in technischen Angelegenheiten immer ehrlich.“
Captain Joren Rans betrat den Beobachtungsraum, indem er sich mit einer Hand an den Wandgriffen entlang zog. Er bewegte sich trotz der zunehmenden Belastung kontrolliert und ohne Hast. Nichts an ihm wirkte spektakulär. Das dunkle Haar war kurz, die Borduniform schlicht, sein Gesicht ruhig und etwas zu müde für einen Mann, der behauptete, vor einer Stunde geschlafen zu haben. Doch selbst Lena machte ihm Platz, ohne dass er sie darum bitten musste.
Joren stellte sich neben Lysa und sah durch das flammende Fenster.
„Er definiert nur manche Begriffe anders als wir“, fügte er hinzu.
Lena atmete hörbar aus. „Das beruhigt mich überhaupt nicht.“
„Dann funktioniert dein Gefahreninstinkt.“
„Sehr hilfreich.“
Joren betrachtete sie kurz. „Dein Mech ist gesichert?“
„Dreifach.“
„Munition geprüft?“
„Persönlich.“
„Neurohelm?“
„In meinem Bereitschaftsschrank.“
„Notfallausrüstung?“
Lena zögerte.
Jorens Blick veränderte sich kaum. Vielleicht war es nur die Art, wie er den Kopf um wenige Grad neigte.
„Welche Notfallausrüstung?“, fragte sie.
Lysa schloss für einen Moment die Augen.
Die Migräne saß seit dem Morgen hinter ihrer rechten Schläfe. Noch war sie nicht mehr als ein dumpfer Druck, eine Vorwarnung, die sich bei jeder stärkeren Vibration mit einem kalten Impuls hinter das Auge schob. Sie hatte das Licht in ihrer Kabine gedimmt, Wasser getrunken und auf die Medikamente verzichtet. Das stärkere Mittel hätte geholfen, verlangsamte aber ihre Reaktion und machte die Gedanken weich an den Rändern.
Sie konnte sich weder das eine noch das andere leisten.
Joren erklärte Lena mit derselben Geduld, mit der er einem unerfahrenen Rekruten eine fehlerhafte Feuerlinie erläutert hätte: „Atemmaske. Wasser. Signalgeber. Handlampe. Messer. Insektenschutz. Zwei Magazine für deine Seitenwaffe. Medizinisches Basispaket.“
„Ich sitze in einem dreißig Tonnen schweren BattleMech.“
„Und falls du aussteigen musst?“
„Warum sollte ich aussteigen?“
„Feuer. Reaktorschaden. Aktivatorausfall. Cockpittreffer. Umsturz. Bergung eines anderen Piloten. Der allgemeine Wunsch, nicht mit deinem Javelin gemeinsam zu sterben.“
Lena blinzelte. „Ich habe eine Pistole.“
„Dann kannst du wenigstens dem Tier, das dich frisst, deine Unzufriedenheit mitteilen.“
Lysa sah Joren von der Seite an.
Sein Gesicht blieb vollkommen ernst.
Lena dagegen starrte ihn an, unsicher, ob sie gerade aufgezogen wurde. Diese Unsicherheit war vermutlich Absicht. Joren verstand es besser als die meisten, einem jungen Soldaten eine Lektion zu erteilen, ohne ihn öffentlich bloßzustellen. Zumindest nicht stärker, als notwendig war.
„Ich hole den Rest“, sagte sie schließlich.
„Vor der Gefechtsbereitschaft.“
„Natürlich.“
Sie löste ihren Gurt, wartete den nächsten Schubimpuls ab und arbeitete sich zur Tür. Kurz bevor sie den Raum verließ, drehte sie sich noch einmal um.
„Und ich weiß sehr wohl, was ein Schwerpunkt ist.“
Dann war sie fort.
Joren sah ihr nach.
„Britta?“
„Britta.“
„Sie wird darüber hinwegkommen.“
„Wer?“
„Britta.“
Lysa ließ einen leisen Atemzug durch die Nase entweichen. Joren wandte sich wieder dem Fenster zu, doch sie bemerkte das kaum sichtbare Zucken in seinem Mundwinkel.
Unter ihnen verdichtete sich die Atmosphäre. Das Plasma wurde dunkler, riss stellenweise auf und gab kurze Blicke auf Wolkenschichten frei. Die Rust Bucket sank nicht direkt auf Cindershield Vier zu. Foyle flog einen langen, kontrollierten Bogen über den Ozean, baute Geschwindigkeit ab und hielt das Schiff außerhalb der stärksten Zellen der Wetterfront. Auf der taktischen Anzeige neben dem Fenster erschien eine grüne Linie, die sich in weitem Radius um mehrere rot markierte Sturmgebiete legte.
„Wir verlieren die Verbindung zu den Oberflächensonden“, sagte Joren.
„Vollständig?“
„Unregelmäßig. Lieutenant Parris schiebt es auf die Ionisation. Olan glaubt, dass mindestens zwei Relais am Boden ausgefallen sind.“
„Foyle?“
„Glaubt beiden nicht.“
„Das klingt nach ihm.“
Joren verschränkte die Hände hinter dem Rücken. „Die letzte verwertbare Aufnahme ist vier Stunden alt. Hauptlandefläche frei. Keine großen Wärmesignaturen in unmittelbarer Nähe. Teile des äußeren Zauns liegen am Nordwesthang am Boden.“
„Tiere?“
„Möglicherweise. Der Regen stört die Auswertung. Die Sensoren erkennen Bewegung, aber keine saubere Masse.“
„Wie viele?“
„Zu viele, um sie als Messfehler abzutun.“
Lysa nickte langsam.
Das Bild des Komplexes lag ihr seit Tagen vor. Eine befestigte Fläche am Fuß eines bewaldeten Bergmassivs, drei Seiten von steilen Hängen umschlossen, die vierte durch Mauern und Zäune gesichert. Der Hauptbau war direkt in den Fels getrieben worden. Nur ein breiter, gepanzerter Torblock, mehrere Beobachtungstürme und die oberen Geschützbunker lagen offen. Südlich davon befand sich ein Landefeld, groß genug für mittlere Frachter, jedoch nicht für ein Schiff von der Masse der Rust Bucket. Foyle musste auf einem älteren Schwerlastpad knapp zwei Kilometer entfernt niedergehen.
Zwischen dem Pad und der Anlage verlief eine befestigte Straße.
Jedenfalls auf den Karten.
Die letzten Luftbilder zeigten an mehreren Stellen Überwucherung, Erdrutsche und etwas, das aussah, als hätte ein Tier von der Größe eines Hauses einen Teil der Fahrbahn aufgerissen.
„Wir gehen nach Plan Sigma vor“, sagte sie. „Keine Erkundung über die Straße hinaus. Keine Jagd. Keine Bergung unbekannter Fracht. Niemand folgt Bewegungen in den Wald.“
„Cassia wird enttäuscht sein.“
„Cassia ist immer enttäuscht, wenn sie nichts erschießen darf.“
„Fiona mehr.“
„Fiona darf das Tor öffnen, falls die Steuerung ausfällt.“
„Das wird sie trösten.“
Die Wolken verschluckten das Schiff.
Der Übergang kam ohne Vorwarnung. Eine Sekunde lang lagen noch dunkle Landschaften weit unter ihnen, durch Lücken in der Wolkendecke sichtbar. Dann schlug graues Weiß gegen das Fenster. Regen peitschte in breiten Bahnen über die transparente Panzerung, wurde vom Fahrtwind horizontal verzerrt und verschwand in Wirbeln hinter dem Rumpf.
Die Turbulenzen trafen die Rust Bucket seitlich.
Das Schiff neigte sich kaum merklich, doch die Masse reagierte langsam genug, dass sich die Bewegung in Lysas Magen fortsetzte. Steuerdüsen feuerten. Der Boden zitterte, der Rumpf arbeitete hörbar gegen die Belastung. Ein dumpfer Schlag lief durch die Außenhaut, gefolgt von einem zweiten, schwächeren.
Über den Lautsprecher meldete sich Foyle.
„Es klopft jemand.“
Joren sah zur Decke.
„Hagel?“, fragte Lysa.
„Wahrscheinlich.“
Foyles Stimme fuhr fort: „Für jene von Ihnen, die an transparente Fenster glauben: Dies ist ein guter Zeitpunkt, diesen Glauben zu überdenken. Beobachtungsräume werden geschlossen. Gefechtsbesatzungen auf Bereitschaftspositionen.“
Die äußeren Schutzblenden begannen herabzufahren. Der letzte Blick auf Hunter’s Paradise bestand aus Regen, grauem Licht und einem einzelnen Blitz, der so nahe durch die Wolken brach, dass sein Nachbild für einen Moment als violette Linie in Lysas Sichtfeld blieb.
Dann schlossen sich die Panzerplatten.
Das Dröhnen wurde dumpfer.
Lysa löste den Gurt.
„Zeit, dass wir uns ansehen, ob aus unseren Leuten schon eine Einheit geworden ist.“
Joren trat zur Tür. „Und falls nicht?“
„Dann finden wir es heraus, bevor der Planet es tut.“
Das Gefechtsdeck der Rust Bucket roch nach heißem Metall, Maschinenöl und Menschen, die zu lange in zu wenig Raum verbracht hatten.
In den Bereitschaftsgängen herrschte eine geordnete Form von Chaos. Techniker bewegten sich zwischen geöffneten Wartungsschächten, gesicherten Munitionswagen und den Füßen der BattleMechs hindurch, deren Panzerung im gelben Licht der Deckenlampen stumpf glänzte. Hydraulische Leitungen hingen in breiten Bögen von den Versorgungsauslegern. Kühlmittelpumpen summten. Über ihnen verliefen Laufstege, auf denen Besatzungsmitglieder Ausrüstung prüften, Kabel lösten und die letzten Halteklammern kontrollierten.
Jeder Schubimpuls ließ lose Werkzeuge in ihren Magnethalterungen zittern.
Zwischen all dem stand Britta Jensen.
Die Lademeisterin trug ein unterstützendes Exoskelett über ihrem Overall. Die hydraulischen Verstärkungen lagen entlang ihrer Arme und Oberschenkel, machten sie noch breiter und verliehen jeder Bewegung etwas Endgültiges. Sie hatte einen Datenblock in der linken Hand und deutete mit der rechten auf einen jungen Techniker, der vor einem Munitionswagen stand, als hätte man ihn beim Verrat an der Einheit ertappt.
„Wenn diese Klammer sich beim Abstieg löst“, brüllte sie über das Deck, „fliegt der Wagen nicht irgendwie durch die Bucht. Er fliegt exakt dort hinein.“
Sie zeigte auf das linke Bein von Olan Firths Archer.
Der Techniker folgte ihrem Finger.
„Und dann“, fuhr Britta fort, „erklären Sie Master Sergeant Firth, warum sein Kniegelenk mit Ihren Raketen verheiratet ist.“
„Chief, die Anzeige ist grün.“
„Die Anzeige ist ein Licht. Ich bin Ihre Vorgesetzte. Was davon sollten Sie ernster nehmen?“
Der Techniker griff nach der Klammer.
Britta sah Lysa kommen und hob den Datenblock.
„Noch sieben Minuten bis Gefechtsfreigabe. Wenn Foyle uns bis dahin nicht in einen Berg gesteckt hat.“
Aus den Lautsprechern über ihnen kam Harrigans Stimme.
„Ich höre dich, Clamp.“
Britta blickte zur Decke. „Dann flieg besser.“
„Ich fliege ausgezeichnet.“
„Du fällst kontrolliert.“
„Das ist die Definition einer Landung.“
Die Verbindung knackte ab.
Britta schüttelte den Kopf, wobei sie nicht wirklich verärgert wirkte. „Raumfahrer.“
Lysa sah über das Deck.
Ihr Caesar stand in der zentralen Bucht, die Beine in schweren Klammern fixiert, den Torso leicht nach vorn geneigt. Die graue Grundlackierung war erst vor wenigen Wochen mit dem Emblem der Jackals versehen worden. Ein stilisierter Schakalkopf vor einer blassen Sonnenscheibe, noch zu neu, um Kratzer, Ruß und unterschiedliche Farbschichten angesetzt zu haben. Die Einheit besaß noch keine gemeinsame Patina. Manche Maschinen trugen alte Hausfarben unter hastig aufgebrachter Tarnlackierung, andere die Spuren früherer Besitzer oder Regimenter. Hale Drummonds Shadow Hawk IIC stand neben einem Davion-geprägten Caesar, einem lyranischen Archer und Lenas vergleichsweise zierlichem Javelin.
Zusammen sahen sie nicht aus wie eine gewachsene Formation.
Eher wie die Auslage eines Händlers, der zu viele unterschiedliche Kriege beerbt hatte.
Vielleicht war das ehrlicher.
Lysa blieb vor dem Javelin stehen.
Lena befand sich bereits auf der Einstiegsplattform. Eine kleine Tasche hing jetzt an ihrem Gurt, deutlich voller als zuvor. Sie überprüfte den Verschluss ihres Neurohelms, während Decker Poll sich am Geländer gegenüber lehnte und sie mit sichtbarem Vergnügen beobachtete.
„Ist das ein Überlebenspaket“, fragte er, „oder ziehst du aus?“
Lena zog den Kinnriemen straff. „Einige von uns bereiten sich professionell vor.“
„Ich habe auch ein Messer.“
„Das zählt nicht, wenn du es nur benutzt, um Verpackungen zu öffnen.“
„Es ist ein taktisches Mehrzweckmesser.“
„Es hat einen Korkenzieher.“
„Man weiß nie, was der Feind mitbringt.“
Lena schob sich an ihm vorbei zur Cockpitluke. „Vielleicht kannst du ihm eine Flasche öffnen, während er dich frisst.“
Decker sah Joren an, der hinter Lysa stehen geblieben war.
„Das hat sie von Ihnen.“
„Dann hört sie zu“, sagte Joren.
Lena blieb einen Moment in der Luke stehen. Ihr Blick suchte Lysa, fast unbewusst. Als sie bemerkte, dass die Majorin sie tatsächlich ansah, richtete sie die Schultern etwas gerader.
„Javelin einsatzbereit, Major.“
„Noch nicht“, sagte Lysa.
Lenas Gesicht fiel minimal.
Lysa deutete auf den Gurt an ihrer rechten Hüfte. „Atemmaske außen getragen. Nicht im Beutel. Wenn das Cockpit voller Rauch steht, wirst du den Verschluss nicht ertasten wollen.“
Lena sah hinunter, löste den Beutel und befestigte die Maske sichtbar am Gurt.
„Jetzt?“
„Jetzt.“
Das Wort genügte. Lena nickte, und für einen Moment lag in ihrem Gesicht etwas, das beinahe Stolz war. Dann verschwand sie im Cockpit.
Decker pfiff leise.
„Die Prinzessin hat ihre Krone vergessen.“
Lenas Stimme kam aus dem noch offenen Cockpit. „Ich kann dich hören.“
„Das war Absicht.“
„Poll“, sagte Lysa.
Er nahm sofort die Hände vom Geländer. „Major.“
„Wenn Sie noch genug Zeit haben, Hux zu unterhalten, haben Sie genug Zeit für eine zweite Prüfung Ihrer Ausrüstung.“
„Natürlich, Major.“
„Und nehmen Sie den Korkenzieher mit.“
Joren hustete in seine Faust.
Decker zog sich mit einem breiten Grinsen zurück.
Einige Meter weiter stand Hale Drummond auf der Plattform seines Shadow Hawk IIC. Er trug den Neurohelm bereits unter dem Arm und beobachtete das Geschehen mit einer Regungslosigkeit, die nicht mit Ruhe verwechselt werden durfte. Hale war älter als die meisten MechKrieger auf dem Deck. Sein Gesicht war von Jahren geprägt, in denen Befehle selten diskutiert und Fehler noch seltener verziehen worden waren. Die Art, wie er den Kopf hielt und das Gewicht verlagerte, verriet selbst außerhalb des Cockpits eine Ausbildung, die nicht aus der Inneren Sphäre stammte.
Sein Blick folgte Lena, dann Decker.
„Sie reden zu viel“, sagte er.
„Sie sind jung“, erwiderte Joren.
„Das ist keine Entschuldigung.“
„Es ist eine Erklärung.“
Hale schien darüber nachzudenken. „Erklärungen sind häufig nur Entschuldigungen, die Uniform tragen.“
„Und Sie sind heute ungewöhnlich gesprächig.“
„Der Planet missfällt mir.“
Lysa sah zu ihm hinauf. „Warum?“
Hale blickte zum geschlossenen Außenschott, als könnte er durch mehrere Meter Panzerung und Sturm hindurchsehen.
„Ein Raubtier zeigt sich, wenn es will, dass du es siehst.“
„Und wenn es das nicht tut?“
„Dann sieht es bereits dich.“
Hinter ihnen stieß jemand ein leises, trockenes Lachen aus.
Sera Gwynn stand im Schatten unter dem Torso ihres Exterminators. Sie trug ihren Neurohelm in der einen und Handschuhe in der anderen Hand. Das schwarze Haar fiel asymmetrisch um ihr Gesicht, die roten Spitzen wirkten im Arbeitslicht dunkler als getrocknetes Blut. Ihre Miene war freundlich genug, um beiläufig zu wirken, doch ihre Augen ruhten auf Hale.
„Das klingt beinahe abergläubisch.“
„Nein“, sagte Hale. „Nur vertraut.“
Sera lächelte etwas stärker.
Es erreichte ihre Augen nicht.
„Gefechtsdeck“, meldete Foyle über die Lautsprecher. „Noch vier Minuten. Wir durchstoßen die letzte Wolkenschicht. Seitenwind stärker als prognostiziert. Das Landefeld ist dort, wo die Karten es versprechen. Das ist bereits mehr, als ich erwartet habe.“
Britta wandte sich zum Deck. „Letzte Sicherungen! Danach will ich niemanden mehr zwischen den Maschinen sehen!“
Die Techniker zogen sich zurück. Versorgungsschläuche wurden gelöst, Kabel verschwanden in Wandnischen, Plattformen klappten ein. Warnleuchten wechselten von Gelb auf Rot. Das Deck begann sich zu leeren, bis nur noch die BattleMechs in ihren Halterungen standen und die letzten Piloten in den Cockpits verschwanden.
Lysa nahm den Aufzug zu ihrem Caesar.
Während die Plattform aufstieg, wurde das Dröhnen der Atmosphäre tiefer. Die Rust Bucket hatte den größten Teil ihrer orbitalen Geschwindigkeit abgebaut und ging nun in den eigentlichen Sinkflug über. Der Rumpf stand aufrecht zur Oberfläche, getragen vom Schub seiner Haupttriebwerke. Jede Böe traf die breite Masse des Schiffs und drückte sie gegen die Korrekturimpulse der Steuerdüsen.
Durch offene Wartungsbereiche sah Lysa den Kopf ihres Caesar näherkommen. Die Panzerung zeigte alte Einschläge, sauber ausgeschliffene Reparaturstellen und neue Sensorgehäuse, deren Farbton nicht ganz zum restlichen Material passte. Auf der Brustplatte stand in kleinen weißen Buchstaben ihr Rufname.
*ANUBIS.*
Noch vor drei Monaten hatte dort eine andere Kennung gestanden.
Eine andere Einheit.
Ein anderer Krieg.
Sie schob den Gedanken beiseite, stieg in das Cockpit und zog die Luke hinter sich zu.
Sofort wurde die Welt enger.
Der Sitz nahm ihren Rücken auf. Gurte schlossen sich über Brust, Hüften und Oberschenkeln. Das Cockpit roch nach Kunststoff, Metall, Schweiß und dem schwachen, bitteren Rest eines Reinigungsmittels, das Willa Nye gegen Lysas ausdrücklichen Wunsch verwendet hatte. Die Anzeigen erwachten nacheinander. Reaktorstatus. Aktivatoren. Kühlkreisläufe. Munitionszuführung. Kommunikationskanäle. Das taktische System zeichnete die Umrisse des Schiffs und die Positionen der übrigen Maschinen.
Lysa setzte den Neurohelm auf.
Ein vertrauter Druck legte sich um ihren Schädel. Die Sensorpads berührten Stirn, Schläfen und Nacken. Für einen Augenblick verstärkte sich die Migräne hinter ihrem rechten Auge zu einem scharfen Punkt, dann ebbte sie wieder ab.
Sie atmete gleichmäßig.
„Jackals, Bereitschaft.“
Jorens Stimme kam aus seinem Mad Cat. „Pops, bereit.“
„Curfew bereit“, sagte Olan Firth. Leise, nüchtern, als melde er eine abgeschlossene Berechnung.
„Ronin, bereit.“
„Phantom, bereit.“
Weitere Stimmen folgten. Rook Martez zu laut. Karin Thale zu schnell. Decker mit kaum gebremster Vorfreude. Lena korrekt, beinahe überdeutlich.
Die Panzerbesatzungen meldeten sich aus dem Fahrzeugdeck. Aris Demirs tiefer Ton. Ewan McCrays raues Knurren. Darius Kosta, dessen Stimme immer klang, als verhandele er selbst bei einer Gefechtsmeldung noch über den Preis.
Schließlich blieb nur ein Kanal offen.
„Rust Bucket an Jackals“, sagte Foyle. „Sichtkontakt zum Zielgebiet.“
Die taktischen Anzeigen wechselten.
Ein Außenbild erschien auf Lysas Hauptschirm.
Hunter’s Paradise lag unter ihnen.
Nicht die blaue, beinahe friedliche Welt aus dem Orbit, sondern ein Land aus grauem Regen, dunklem Wald und aufgerissenen Hängen. Wolkenfetzen jagten zwischen Bergkämmen hindurch. Wasser stürzte in hellen Bändern über schwarze Felswände. Der Dschungel bewegte sich unter dem Sturm wie eine zusammenhängende Masse, Baumkronen bogen sich, verschwanden im Regen und tauchten wieder auf.
Zwischen ihnen lag Cindershield Vier.
Der Komplex war zunächst kaum zu erkennen. Nur einige gerade Linien widersprachen dem Gelände. Ein Stück Mauer. Die obere Hälfte eines Wachturms. Eine breite, helle Fläche, die unter Schlamm und Pflanzen fast verschwunden war. Dann korrigierte der Sensor das Bild, erhöhte den Kontrast, und die Anlage trat aus dem Sturm hervor.
Der Berg hinter ihr wirkte wie eine dunkle Wand.
Das Haupttor lag an seinem Fuß, mehr als zwanzig Meter hoch und breit genug, um schwere Fahrzeuge und IndustrieMechs gleichzeitig aufzunehmen. Zwei massive Stahlflügel schlossen den Zugang. Verwitterte Warnmarkierungen zeichneten gelbe Streifen über die Oberfläche. Oberhalb des Tores ragte ein befestigter Kontrollblock aus dem Fels, dessen Fenster dunkel waren.
Die äußere Mauer zog sich von dort in beide Richtungen über den Hang. Stellenweise war sie von Vegetation überwuchert, an anderen Stellen aufgerissen. Ein Beobachtungsturm im Norden stand schief. Sein oberes Segment hing nur noch an einer Seite und bewegte sich im Wind.
Die Landefläche lag südlich des Komplexes.
Sie war frei.
Weitgehend.
„Da ist etwas auf dem Pad“, sagte Karin Thale.
Lysa vergrößerte den Ausschnitt.
Am Rand der Fläche lagen mehrere dunkle Körper. Einer war länglich, vielleicht acht Meter. Ein anderer besaß einen gewölbten Rücken und sechs oder acht Gliedmaßen, deren genaue Anzahl im Regen nicht zu erkennen war. Keiner bewegte sich.
„Kadaver“, sagte Olan.
„Alt?“, fragte Joren.
„Keine ausreichenden Daten.“
„Ich bekomme Wärme“, meldete Sera.
„Von den Körpern?“
„Darunter.“
Ein Blitz zuckte über das Bild. Für einen Moment wurde die gesamte Landefläche in kaltes, weißes Licht getaucht.
Etwas bewegte sich zwischen den Kadavern.
Es war zu schnell, um eine Form zu erkennen. Nur ein dunkler Schatten, der sich vom Pad löste und in den angrenzenden Wald glitt.
„Kontakt“, sagte Lena.
Ihre Stimme war höher als zuvor.
„Keine Zielerfassung“, befahl Lysa. „Wir sind noch im Schiff.“
„Es war groß.“
„Das ist hier keine ungewöhnliche Eigenschaft.“
Foyle meldete sich. „Ich setze uns fünfhundert Meter westlich der vorgesehenen Markierung. Der östliche Rand des Pads ist unterspült.“
„Verstanden.“
„Außerdem steht dort etwas, das ich ungern unter meinem Triebwerk verteilen würde.“
„Das Tier?“
„Nein. Ein Fahrzeug. Oder die Hälfte davon.“
Die Rust Bucket sank durch den Regen.
Die Haupttriebwerke brannten jetzt mit zunehmender Leistung. Auf dem Außenbild wurde der Dschungel nach unten gedrückt, Baumkronen bogen sich unter der heißen Abluft, Wasser verdampfte in weißen Wolken. Schlamm und lose Vegetation wirbelten über das Pad. Der Horizont verschwand vollständig hinter der eigenen Abgasfahne.
Warnanzeigen flackerten über Lysas Schirm.
*LANDUNG IN 30 SEKUNDEN.*
Das Schiff begann stärker zu vibrieren.
Jeder Pilot schwieg.
Lysa hörte nur das tiefe Donnern der Triebwerke, das gedämpfte Knacken der Halterungen und ihren eigenen Atem im Neurohelm. Der Schmerz hinter ihrer Schläfe pulsierte im Takt des Schiffs.
Zwanzig Sekunden.
Die Lageanzeige schwankte um wenige Grad. Steuerdüsen korrigierten. Die massive Fortress-Klasse bewegte sich seitlich, langsam genug, dass das Auge die Verschiebung kaum wahrnahm, doch die Trägheit drückte Lysa gegen die Gurte.
Zehn Sekunden.
Das Außenbild zeigte nur noch graubraunen Dampf.
Fünf.
Vier.
Drei.
Der Bodenkontakt kam als tiefer Schlag, der durch die Beine des Landungsschiffs in den Rumpf fuhr. Die Halterungen des Caesar ächzten. Für einen Moment schien die gesamte Maschine zurückzufedern, dann senkten sich die Landestützen unter der Last, Hydraulik nahm die Bewegung auf, und die Rust Bucket kam zur Ruhe.
Nicht vollständig.
Der Wind drückte weiter gegen das Schiff. Regen schlug gegen die Außenhaut. Triebwerke liefen aus, ihr Donner sank zu einem schweren, nachhallenden Grollen.
Foyle wartete mehrere Sekunden.
„Wir stehen“, sagte er schließlich. „Der Planet scheint anderer Meinung zu sein, aber vorläufig zählt meine.“
Lysa öffnete den Kommandokanal.
„Jackals, Gefechtsbereitschaft. Erste Sicherungsgruppe nach Plan Sigma. Keine Maschine verlässt das Pad ohne Freigabe.“
Sie hörte die Bestätigungen.
Dann öffneten sich die Tore der Rust Bucket.
__________________ Wer aufhört besser zu werden, hat aufgehört gut zu sein!
"Ich treffe alles, was ich sehe!"
Starcolonel Kurt Sehhilfe, Clan SeeBug
Dieser Beitrag wurde 6 mal editiert, zum letzten Mal von Andai Pryde: 10.08.2026 10:58.
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21.07.2026 15:11 |
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Andai Pryde
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Hunter’s Paradise kam ihnen nicht entgegen.
Es schlug ihnen ins Gesicht.
Die äußeren Rampen waren kaum vollständig abgesenkt, als Wind und Regen in die Fahrzeugdecks fuhren. Wasser peitschte horizontal durch die Öffnungen, lief in breiten Bahnen über den Metallboden und verwandelte den Staub der vergangenen Wochen innerhalb von Sekunden in graue Schlieren. Der Geruch des Planeten drang tief in das Schiff hinein.
Feuchte Erde.
Fäulnis.
Harz.
Etwas Süßliches, schwer und beinahe fleischig, das Lysa nicht einordnen konnte.
Darunter lag der vertraute Gestank der Triebwerksabgase, heißer Panzerung und verdampfenden Wassers.
Der Caesar löste sich aus seinen Halteklammern.
Die ersten Schritte nach einer Landung waren immer die kritischsten. Systeme, die im Schiff einwandfrei funktioniert hatten, mussten unter tatsächlicher Last reagieren.
Aktivatoren nahmen das Gewicht auf. Gyroskope suchten das Gleichgewicht. Neurohelm und Maschine fanden jenen schmalen Bereich gemeinsamer Bewegung, in dem ein BattleMech nicht mehr wie ein gelenkter Koloss wirkte, sondern wie die Verlängerung eines menschlichen Körpers.
Lysa setzte einen Fuß auf die Rampe.
Metall dröhnte unter dem Gewicht.
Das Außenbild ihres Cockpits war voller Regen. Tropfen liefen über die Sensorabdeckungen, wurden von Luftströmen fortgerissen und sofort durch neue ersetzt. Zielsysteme legten grüne Linien über die Welt. Entfernung zum Boden. Neigung. Windrichtung. Wärmequellen.
Der Caesar trat hinaus.
Der erste Schritt auf Hunter’s Paradise ließ ihn bis zu den Knöcheln in aufgeweichten Schlamm sinken.
Lysa verlagerte das Gewicht und spürte den Widerstand über die Rückmeldung des Neurohelms, nicht wie echten Schlamm an einem Fuß, sondern als komplexe Mischung aus Druckanzeigen, Gyroreaktion und dem kaum erklärbaren Körpergefühl erfahrener MechKrieger. Der Boden hielt. Sie setzte den zweiten Fuß auf.
Rechts von ihr stapfte Jorens Mad Cat aus dem Schiff. Der schwere Mech bewegte sich langsamer, prüfte jeden Schritt, bevor er die Rampe vollständig verließ. Dahinter folgte Olan Firths Archer. Sera Gwynn ging als Vierte hinaus, ihr Exterminator schlanker und beweglicher als die schweren Maschinen vor ihr.
„Erster Ring“, befahl Lysa. „Pops Süd. Curfew Nord. Phantom West. Ich halte Ost und Schiff.“
Die Maschinen verteilten sich.
Die Sichtweite lag bei kaum achthundert Metern. Dahinter verschluckten Regen und Wald jede Kontur. Das Landefeld war größer, als es aus der Luft gewirkt hatte, eine alte Schicht aus verstärktem Beton, durchzogen von Rissen und überwuchertem Moos. An mehreren Stellen hatten Wurzeln die Oberfläche angehoben. Wasser sammelte sich in breiten Senken, deren Tiefe nicht zu erkennen war.
Die Kadaver lagen am östlichen Rand.
Aus der Nähe wirkten sie noch weniger vertraut.
Das größte Tier besaß einen langen, reptilienartigen Schädel, doch die Kiefer waren seitlich aufgeklappt wie die Mandibeln eines Insekts. Dunkle Panzerplatten bedeckten Rücken und Nacken. Ein Teil des Rumpfes war aufgerissen worden. Rippen oder Chitinstreben ragten aus einer schwarzen, glänzenden Masse. Der Regen wusch dünne, rosafarbene Flüssigkeit über das Pad.
Das zweite Wesen hatte sechs Beine. Vielleicht acht; zwei waren unter dem Körper eingeklemmt. Sein Rücken trug einen halbtransparenten Kamm, in dem noch schwaches, grünliches Licht pulsierte.
„Das lebt noch“, sagte Lena.
Ihr Javelin stand auf der Rampe, dahinter Decker Polls Flea. Beide warteten auf Freigabe.
„Negativ“, sagte Olan. „Nur Restreaktionen.“
„Das ist Licht.“
„Biolumineszenz muss keine bewusste Funktion sein.“
„Es pulsiert.“
„Auch dein Warnsignal pulsiert. Es denkt trotzdem nicht.“
Decker lachte über den offenen Lanzenkanal.
Lena schwieg.
Lysa vergrößerte das Bild. Zwischen den Chitinplatten bewegten sich kleine Körper, hunderte vielleicht, jedes kaum länger als eine Hand. Sie krochen aus der Wunde, verschwanden im Schlamm und wurden vom Regen fortgetragen.
„Infanterie wird nur in geschlossenen Fahrzeugen eingesetzt“, befahl sie. „Atemschutz außerhalb der Maschinen. Niemand berührt die Kadaver.“
Cassia Morales meldete sich vom Transportdeck. „Das war ohnehin nicht mein Plan.“
„Pyro?“
Eine kurze Pause.
„Corporal Kelly wollte eine Probe nehmen“, sagte Cassia.
„Nur eine kleine“, protestierte Fiona im Hintergrund.
„Nein.“
„Aber—“
„Nein.“
„Verstanden, Major.“
Cassias Mikrofon blieb einen Augenblick offen.
„Nimm die verdammte Schaufel wieder aus dem Rucksack.“
Dann schloss sich der Kanal.
Die Fahrzeuge rollten aus der Rust Bucket. Zuerst Aris Demirs Condor, dessen Luftkissen Wasser und Schlamm in breiten Fächern über den Boden jagte. Dahinter der Maxim-Transporter, der schwere Manticore-Panzer und ein Schrek-PPC-Träger. Jeder Fahrer hielt Abstand, testete Bremsen und Bodenhaftung, bevor er sich in den zugewiesenen Sektor bewegte.
Die Einheit begann Gestalt anzunehmen.
Nicht schön. Nicht vollkommen. Aber funktional.
Lysa beobachtete, wie Joren den südlichen Rand absuchte, Olan seinen Archer auf einer leicht erhöhten Betonplatte positionierte und Aris Demir die Panzer so verteilte, dass sich ihre Feuerbereiche überschnitten. Keiner wartete auf detaillierte Einzelanweisungen. Das war gut.
Am nördlichen Waldrand bewegten sich die Bäume.
Nicht der Wind.
Eine Reihe dunkler Kronen bog sich nacheinander zur Seite. Langsam zuerst, dann schneller, als schob sich etwas Großes zwischen den Stämmen hindurch. Die Sensoren zeigten keine eindeutige Wärmesignatur. Der Regen kühlte alles, die Vegetation erzeugte Tausende kleiner Bewegungen, und die dichte Biomasse verschluckte Radarimpulse.
„Kontakt Nord“, sagte Olan.
Der Archer drehte seinen Torso.
Lysa sah, wie sich die Raketenklappen an seinen Schultern öffneten.
„Nicht schießen!“
Etwas blieb hinter der Baumlinie stehen.
Die Entfernung betrug vierhundertdreißig Meter.
Zu nah.
Ein Laut rollte aus dem Wald.
Er war nicht laut im üblichen Sinn. Kein Brüllen, das durch schiere Lautstärke erschreckte. Es war tief, so tief, dass die Cockpitmikrofone ihn zunächst als Vibration erfassten. Der Schlamm in den Pfützen kräuselte sich. Dann stieg der Ton an, wurde zu einem langen, rauen Grollen, das sich zwischen den Bäumen brach und aus mehreren Richtungen zurückkehrte.
Lena atmete hörbar ein.
„Was war das?“
„Etwas, das möchte, dass wir wissen, dass es da ist“, sagte Hale.
Sein Shadow Hawk hatte inzwischen das Schiff verlassen und stand hinter dem ersten Ring.
„Oder es ruft etwas“, ergänzte Sera.
„Das ist hilfreicher“, murmelte Decker.
Der Wald bewegte sich erneut.
Ein Kopf schob sich zwischen zwei Baumstämmen hervor.
Er befand sich fast auf Höhe des Archercockpits.
Zuerst waren nur die Augen zu sehen. Zwei matte, gelbliche Flächen, weit auseinanderliegend, geschützt unter knöchernen Wülsten. Dann folgte ein langer Schädel, von Narben und dunklen Schuppen überzogen. Regen lief über die Oberfläche und tropfte von einer Reihe kurzer Hornplatten. Das Tier öffnete das Maul.
Die Kiefer waren breit genug, um den Torso eines leichten BattleMechs zu umfassen.
Zwischen den Zähnen hingen Pflanzenfasern und etwas Dunkles, das wie ein Stück Haut wirkte.
Lenas Zielsystem sprang an.
„Ziel erfasst.“
„Feuer halten“, wiederholte Lysa.
„Es kommt näher.“
„Es beobachtet.“
„Es ist ein verdammter Dinosaurier.“
„Megasaur“, korrigierte Olan.
„Das macht es nicht besser.“
Das Tier trat aus dem Wald.
Sein Körper folgte langsam dem Kopf, schwer und muskulös, getragen von zwei gewaltigen Hinterläufen. Die kleineren Vorderarme lagen dicht am Brustkorb. Der Schwanz zog eine breite Furche durch das Unterholz. Das Wesen war nicht so groß wie ein schwerer BattleMech, aber groß genug, dass niemand seine Masse unterschätzen konnte.
Es blieb am Rand des Pads stehen.
Regen glänzte auf seinen Schuppen.
Der Kopf bewegte sich von Olan zu Hale, weiter zu Lysa und schließlich zur offenen Rampe der Rust Bucket. Die Pupillen verengten sich. Das Tier atmete aus. Eine weiße Wolke quoll aus seinen Nüstern und vermischte sich mit dem Regen.
„Wärmesignatur hinter ihm“, meldete Sera. „Mindestens drei kleinere.“
„Jungtiere?“, fragte Joren.
„Oder Rudel.“
Der Megasaur setzte einen Fuß auf den Beton.
Krallen schabten über die Oberfläche.
Lysa ließ den Caesar einen halben Schritt nach vorn gehen.
Die Bewegung war bewusst langsam. Keine Waffen. Keine plötzliche Torsoausrichtung. Nur Masse, die sich zwischen das Tier und das Schiff schob.
Der Kopf des Megasaurs ruckte zu ihr.
Das Grollen begann erneut.
Lysa öffnete den Außenlautsprecher des Caesar und erhöhte die Verstärkung.
„Schallstoß“, sagte sie.
Ein niederfrequenter Alarmton brach aus den Lautsprechern des BattleMechs. Nicht laut genug, um Gehör zu schädigen, aber tief und fremd. Der Megasaur zuckte zurück. Sein Kopf schwang zur Seite. Die kleineren Signaturen im Wald verschwanden.
Lysa ließ den Ton erneut erklingen.
Das Tier öffnete das Maul, stieß ein heiseres Brüllen aus und trat noch einen Schritt auf das Pad.
„Major“, sagte Lena.
„Ich sehe es.“
„Ich habe einen sauberen Schuss.“
„Das ist nicht die Frage.“
„Es ist fünfzig Meter von Olan entfernt.“
„Vierundsechzig“, sagte Olan.
„Das ist nicht besser!“
Der Megasaur senkte den Kopf.
Der Archer hob einen Arm.
Lysa erhöhte die Lautstärke des Schallstoßes bis an die Belastungsgrenze der Außenlautsprecher. Gleichzeitig trat der Caesar vor, stellte sich breiter hin und schlug mit dem rechten Fuß auf den Beton.
Der Aufprall ließ Wasser aus den Pfützen springen.
Das Tier erstarrte.
Für einen langen Augenblick standen sich Kriegsmaschine und Raubtier gegenüber. Der Caesar, fast siebzig Tonnen Metall, Kunststoff, Myomerfasern und gezähmte Fusionsenergie. Das Tier, vielleicht ein Zehntel dieser Masse, aber geboren auf einer Welt, die nichts hervorbrachte, was sich durch Vorsicht allein behauptete.
Dann wich der Megasaur zurück.
Er tat es nicht panisch. Sein Blick blieb auf dem Caesar. Ein Schritt. Noch einer. Erst als er die Baumlinie erreichte, drehte er den Kopf, stieß einen kurzen Laut aus und verschwand im Dschungel. Die Vegetation schloss sich hinter ihm.
Niemand sprach sofort.
Der Regen rauschte über die Außenmikrofone.
Dann meldete sich Decker.
„Ich hätte nicht gedacht, dass man einen Dinosaurier anschreien kann.“
„Sie hat ihn nicht angeschrien“, sagte Lena.
„Was dann?“
„Dominanz gezeigt.“
„Du klingst, als hättest du das geplant.“
„Ich habe verstanden, was die Majorin getan hat.“
„Nachdem sie es getan hat.“
„Das reicht immerhin.“
„Princess, Jitter“, sagte Lysa.
Beide verstummten.
„Äußerer Sicherungsring. Jetzt.“
Die beiden leichten Mechs gingen vor.
Lysa beobachtete Lenas Javelin besonders aufmerksam. Die junge Pilotin bewegte ihn sauber, fast zu sauber, mit jener bewussten Präzision eines Menschen, der wusste, dass er beobachtet wurde. Sie umging die Kadaver in weitem Bogen, hielt die Waffen zum Wald und nahm ihre Position am südöstlichen Rand ein.
Decker war schneller und weniger vorsichtig. Sein Flea sprang beinahe über eine aufgebrochene Betonstelle, fing die Bewegung mit einer eleganten Gewichtsverlagerung ab und erhielt dafür sofort eine scharfe Bemerkung von Joren.
Es war kein Einsatz gegen Menschen.
Noch nicht.
Doch schon jetzt zeigte sich, wer Befehle als Rahmen verstand und wer sie als Hindernis betrachtete.
„Perimeter stabil“, meldete Aris Demir. „Keine weiteren Kontakte auf dem Pad. Straße ist befahrbar, aber nur einspurig. Nordgraben überflutet.“
„Aufklärung bis zum ersten Tor“, befahl Lysa. „Phantom vor. Princess und Jitter versetzt dahinter. Baba und Caber folgen. Keine Verfolgung in den Wald.“
„Verstanden“, sagte Sera.
Der Exterminator setzte sich in Bewegung.
Seine Schritte waren kaum leiser als die anderer BattleMechs, doch Sera platzierte sie sorgfältig, vermied tiefe Wasserstellen und überwachsene Risse. Der Mech glitt nicht, aber er wirkte so, weil jede Bewegung in die nächste überging. Lena folgte links, Decker rechts. Der Condor schwebte hinter ihnen, der Maxim mit Cassias Infanteriezug blieb dicht bei dem vorrausfahrenden Panzer.
Lysa wartete, bis die Gruppe die ersten zweihundert Meter zurückgelegt hatte.
„Restliche Einheit: Verteidigungsstellung um das Schiff. Pops übernimmt.“
„Und Sie?“
„Ich gehe zum Tor.“
„Das war nicht Teil von Sigma.“
„Sigma ging davon aus, dass wir Funkkontakt zur Anlage bekommen.“
Joren schwieg kurz.
„Ich komme mit.“
„Sie halten das Schiff.“
„Lysa.“
Nur er verwendete ihren Vornamen auf einem Gefechtskanal, und selbst er tat es selten.
Sie verstand den Einwand. Der Kommandeur einer frischen Söldnereinheit sollte nicht an der Spitze einer Erkundungsgruppe durch unbekanntes Gelände marschieren. Er sollte Übersicht behalten, Informationen sammeln und Entscheidungen treffen. Er sollte sich nicht persönlich in den schmalen Korridor zwischen Wald und Berg begeben, während ein Planet voller Raubtiere die Sensoren störte.
Doch die Jackals waren noch keine Einheit, die sich allein durch Rangabzeichen führen ließ.
Einige folgten ihr, weil sie ihre Kompetenz respektierten. Einige, weil sie bezahlt wurden. Andere, weil sie keine bessere Wahl hatten. Wieder andere warteten vermutlich nur darauf, ob die Gray Sun Jackals den ersten schwierigen Vertrag überstanden oder sich ebenso schnell auflösten, wie sie gegründet worden waren.
Lysa konnte ihnen nicht befehlen, gemeinsam in etwas hineinzugehen, das sie selbst aus sicherer Entfernung betrachtete.
„Sie halten das Schiff“, wiederholte sie.
Joren atmete einmal aus.
„Verstanden, Major.“
Der Caesar setzte sich in Bewegung.
Die Straße nach Cindershield Vier war keine Straße mehr.
Sie war eine Erinnerung daran.
An einigen Stellen lag noch schwarzer, rissiger Verbundbelag unter Schlamm und Moos. An anderen hatten Wurzeln breite Platten angehoben oder vollständig gesprengt. Regenwasser floss in knöcheltiefen Strömen hangabwärts und brachte Blätter, Äste und kleine Tiere mit sich, die zu schnell vorbeigespült wurden, um sie zu erkennen.
Der Wald stand dicht an beiden Seiten.
Lysa hatte Dschungel auf New Syrtis gesehen und die feuchten Wälder Kitterys durchquert. Hunter’s Paradise ähnelte beiden nur oberflächlich. Die Pflanzen hier wirkten nicht einfach groß, sondern übermäßig entwickelt.
Farne reichten einem BattleMech bis zur Hüfte. Lianen hingen in armdicken Bündeln von den Bäumen. Manche Stämme besaßen glatte, helle Rinde, andere waren von dunklen Platten bedeckt, die sich im Wind gegeneinander verschoben und ein trockenes Klackern erzeugten.
Zwischen den Blättern leuchteten Blüten in grellen Farben. Rot. Blau. Ein beinahe elektrisches Violett. Einige schlossen sich, als der Caesar vorbeiging. Andere öffneten sich.
Die Außenfilter meldeten Sporen.
Lysa schaltete die Cockpitbelüftung vollständig auf geschlossenen Kreislauf.
Vor ihnen bewegte sich Sera durch den Regen. Der Exterminator blieb regelmäßig stehen, richtete den Kopf in den Wald und wartete. Manchmal schien sie etwas zu sehen. Manchmal nur zu lauschen.
Lena hielt ihre Position, obwohl es ihr sichtbar schwerfiel. Ihr Javelin war für Bewegung gebaut. Stillstand machte ihn verletzlich, und Lena dachte in Geschwindigkeit. Immer wieder verlagerte sie das Gewicht, ging einen halben Schritt vor und korrigierte sich wieder.
„Princess“, sagte Ewan McCray über den Gruppenkanal, „du läufst mir gleich vor den Transporter.“
Lenas Javelin drehte den Kopf leicht.
„Mein Name ist Hux.“
„Steht Hux irgendwo an deinem Mech?“
„Nein.“
„Dann weißt du jetzt, warum ich Hux nicht meinte.“
„Sergeant McCray“, sagte Lysa.
„Major.“
„Beschränken Sie sich auf relevante Meldungen.“
„Der Javelin vor mir ist relevant.“
„Ihre Meinung zu seiner Pilotin nicht.“
„Verstanden.“
Eine Pause.
„Prinzessin.“
Lysa schloss für einen Moment die Augen.
Im Condor lachte jemand. Vermutlich Kaito Sato. Aris Demir sagte etwas, das nicht über den Kanal übertragen wurde, woraufhin das Lachen sofort verstummte.
Lena ließ sich zurückfallen, bis sie wieder den vorgeschriebenen Abstand zum Maxim hatte. Ihre Antwort kam erst danach.
„Sergeant McCray.“
„Ja, Hoheit?“
„Falls etwas aus dem Wald kommt, das groß genug ist, um Ihren Transporter zu fressen, werde ich zuerst prüfen, ob es Manieren besitzt.“
Decker Poll brach in Gelächter aus.
Sogar Cassia Morales’ Stimme klang amüsiert. „Die Kleine lernt.“
„Sie lernt langsam“, sagte Ewan.
„Aber sie trifft schnell“, erwiderte Jada Okeke vom Manticore, der weiter hinten zur Unterstützung bereitstand.
Lena schwieg.
Lysa sah auf der taktischen Anzeige, wie ihr Javelin den Kopf ein wenig höher nahm.
Ein kleiner Erfolg.
Vielleicht zu klein, um ihn zu benennen. Aber Einheiten wuchsen selten durch große Reden zusammen. Meist geschah es in solchen Momenten. In einem geteilten Witz. Einer unerwarteten Verteidigung. Einer Stimme, die im richtigen Augenblick nicht gegen, sondern für jemanden sprach.
Vor ihnen hob Sera die linke Hand ihres Exterminators.
Die Kolonne stoppte.
„Bewegung rechts“, meldete sie. „Klein. Viele.“
Lysa richtete die Sensoren auf den Wald.
Zunächst sah sie nichts. Dann bewegte sich der Boden.
Eine breite, dunkle Fläche schob sich zwischen den Wurzeln hindurch, teilte sich und floss wieder zusammen. Tausende insektoide Wesen, jedes ungefähr so groß wie ein menschlicher Unterarm, strömten parallel zur Straße durch den Dschungel. Ihre Körper waren flach, von glänzendem Chitin bedeckt, getragen von sechs schnellen Beinen. Zwei lange Fühler tasteten vor ihnen durch das Laub.
Sie beachteten die Kolonne nicht.
Noch nicht.
„Keine Waffen“, sagte Lysa.
„Sie kommen näher“, meldete Lena.
„Sie kreuzen nur unsere Bewegungsrichtung.“
„Das sagen Sie sehr sicher.“
„Nein. Ich sage es ruhig.“
Der Schwarm erreichte den Straßenrand.
Die ersten Tiere krochen auf den dunklen Belag. Wasser lief über ihre Rücken. Eines blieb stehen und hob den Vorderkörper. Unter dem Kopf öffnete sich eine Reihe kleiner Mundwerkzeuge, die sich unabhängig voneinander bewegten.
Dann wandte es sich ab.
Der Schwarm überquerte die Straße vor Sera und verschwand auf der anderen Seite.
Der Vorgang dauerte fast eine Minute.
Kein BattleMech bewegte sich.
Als das letzte Tier im Farn verschwunden war, blieb eine dünne, milchige Spur auf dem Boden zurück. Der Regen begann sie sofort fortzuwaschen.
„Das war widerlich“, sagte Lena.
„Korrekt“, antwortete Olan über den übergeordneten Kanal.
Sie schien einen Moment überrascht, dass er überhaupt zuhörte.
„Danke.“
„Es war keine Wertung. Mehrere Arten dieser Größenordnung nutzen chemische Signale. Die Spur könnte weitere Tiere anziehen.“
„Sie hätten auch einfach sagen können, dass es schlimmer wird.“
„Das wäre unpräzise.“
Sera setzte sich wieder in Bewegung.
Cindershield Vier tauchte nach einer weiteren Biegung vor ihnen auf.
Aus Bodennähe wirkte die Anlage größer als auf den Bildern. Die äußere Mauer erhob sich zwölf Meter über den Hang, gebaut aus Verbundbeton und Stahlsegmenten, deren Oberflächen von Moos, Rost und dunklen Wasserbahnen überzogen waren.
An der Krone verliefen Reste eines elektrischen Zauns. Mehrere Leitungen hingen herab und schlugen im Wind gegen die Mauer.
Links und rechts des Haupttores standen Geschütztürme.
Die Waffen waren eingefahren.
Oder zerstört.
Der nördliche Turm trug eine breite Kerbe in der Panzerung. Etwas hatte die Außenplatte eingedrückt, nicht durch Beschuss, sondern durch rohe Gewalt. Vier tiefe Rillen verliefen parallel über das Metall.
Lena verlangsamte ihren Javelin.
„Das waren keine Krallen.“
„Was dann?“, fragte Decker.
„Ich weiß es nicht.“
„Dann waren es vielleicht Krallen.“
„So große Krallen gibt es nicht.“
Hale meldete sich vom Landefeld. „Du bist auf Hunter’s Paradise.“
Lena antwortete nicht.
Vor dem Tor stand ein Fahrzeug.
Foyle hatte es aus der Luft für ein Wrack gehalten. Aus der Nähe war zu erkennen, dass es sich um einen schweren geländegängigen Transporter handelte, sechs Räder, gepanzerte Kabine, Ladefläche mit geschlossenem Aufbau. Er war seitlich gegen einen Betonpoller gefahren. Die Frontscheibe war zersplittert, die Fahrertür offen.
Pflanzen wuchsen bereits durch den Radkasten.
„Phantom“, sagte Lysa.
Der Exterminator blieb stehen.
„Ich sehe es.“
Sie ging nicht direkt zum Fahrzeug. Stattdessen umrundete sie es in weitem Bogen, Sensoren auf Boden, Mauer und Wald gerichtet. Erst als sie die Rückseite erreicht hatte, trat sie näher.
„Keine Wärme. Keine Bewegung.“
„Spuren?“
„Viele. Zu viele.“
Das Außenbild des Exterminators wurde an die Gruppe übertragen. Im Schlamm rund um das Fahrzeug lagen tiefe Abdrücke. Manche erinnerten an dreizehige Füße. Andere bestanden aus kreisförmigen Vertiefungen und langen Schleifspuren. Dazwischen menschliche Stiefelabdrücke, vom Regen beinahe ausgelöscht.
Sie führten zum Tor.
Keine führten zurück.
„Fahrzeug untersuchen“, befahl Lysa. „Viper, zwei Leute. Voller Atemschutz. Maxim bleibt geschlossen.“
„Verstanden.“
Die Heckklappe des Maxim öffnete sich gerade weit genug, um zwei Infanteristen hinauszulassen. Cassia Morales kam selbst. Sie trug eine versiegelte Feldmaske, Regenponcho über der Panzerung und ein Gewehr eng an der Schulter. Neben ihr stapfte Oleg Petrov mit einer schweren Unterstützungswaffe, als trüge er einen Spazierstock.
Sie bewegten sich geduckt zum Transporter.
Lysa beobachtete sie über die Sensoren des Caesar. Der Maßstab ließ Menschen neben BattleMechs immer zerbrechlich wirken. Zwei kleine Gestalten im Regen, umgeben von Maschinen, Mauern und einem Wald, der sie mit wenigen Schritten verschlucken konnte.
Cassia erreichte die offene Fahrertür.
Sie leuchtete hinein.
„Blut“, meldete sie.
Lena bewegte den Javelin unwillkürlich einen Schritt vor.
„Menschlich?“
„Wenn du einen besseren Experten für Blut hast, kannst du ihn runterschicken.“
Lena blieb stehen.
Cassia beugte sich weiter in die Kabine. Oleg sicherte den Wald.
„Kein Körper. Sitzgurt gerissen. Lenkrad verbogen. Fahrer wurde wahrscheinlich herausgezogen.“
„Von außen?“, fragte Joren.
„Sieht so aus.“
„Torsteuerung“, sagte Lysa. „Findet ihr etwas?“
Cassia ging zur Beifahrerseite. Dort lag ein tragbares Bediengerät auf dem Boden, das Kabel noch mit dem Armaturenbrett verbunden.
„Vielleicht. Gerät ist tot.“
„Bringt es zum Maxim. Keine weiteren Untersuchungen.“
Cassia hob den Datenblock auf.
In diesem Moment schlug etwas gegen die Innenseite des Fahrzeugaufbaus.
Der Knall war laut genug, dass selbst die BattleMechmikrofone ihn erfassten.
Cassia fuhr herum. Oleg riss die Waffe hoch.
Ein zweiter Schlag.
Das Fahrzeug schwankte auf seinen Federn.
„Zurück!“, befahl Lysa.
Cassia und Oleg wichen vom Transporter weg.
Die geschlossene Hecktür beulte sich nach außen.
Ein dritter Schlag riss die obere Verriegelung aus der Halterung. Metall kreischte. Die Tür hing schief.
Der Javelin riss den Torso auf den Transporter herum. Beide Arme kamen hoch, die vier Medium Laser schwenkten mit ihnen auf das Fahrzeug ein, während die Snub-Nose PPC im rechten Torso der Bewegung des Oberkörpers folgte.
„Ich habe Ziel—“
„Infanterie in der Schusslinie!“
„Ich sehe sie!“
Cassia rannte nicht zum Maxim zurück. Sie wich seitlich aus, zog Oleg mit sich und suchte Deckung hinter einem Betonblock. Der schwere Schütze ließ sich auf ein Knie fallen und richtete die Waffe auf das Fahrzeug.
Die Hecktür flog auf.
Etwas fiel heraus.
Es war ungefähr drei Meter lang, schlank und mit durchsichtigen, eng am Körper liegenden Flügeln bedeckt. Sechs Gliedmaßen schlugen über den Beton. Der Kopf bestand fast vollständig aus Augen und einer vertikalen Mundöffnung, die sich in mehrere gezackte Segmente teilte.
Das Tier war verletzt.
Eine seiner Körperseiten war eingedrückt. Dunkle Flüssigkeit trat aus mehreren Rissen im Chitin. Trotzdem richtete es sich auf und stieß einen hohen, vibrierenden Laut aus.
Weitere Geräusche antworteten aus dem Inneren des Transporters.
„Kontakt!“, rief Cassia.
Das erste Wesen sprang.
Nicht auf die Menschen.
Auf Lenas Javelin.
Es überwand die Entfernung mit einem einzigen Satz, schlug gegen das linke Bein des Mechs und klammerte sich an der Panzerung fest. Die durchsichtigen Flügel entfalteten sich, schlugen gegen das Metall und erzeugten einen schrillen Ton.
Lena schrie auf.
Der Javelin taumelte einen Schritt zurück.
„Ruhig!“, befahl Lysa.
„Es ist an meinem Bein!“
„Ich sehe es.“
„Ich kann nicht schießen!“
„Dann tu es nicht.“
Das Tier zog sich am Bein hoch. Seine Mundwerkzeuge schabten über die Panzerung. Funken sprühten, als harte Zähne oder Schneidplatten über eine Gelenkabdeckung rutschten.
„Princess“, sagte Joren ruhig über den Kanal. „Rechtes Bein belasten. Linkes Knie anheben. Langsam.“
„Es kommt zum Cockpit!“
„Es ist noch sieben Meter davon entfernt. Knie anheben.“
Der Javelin verlagerte das Gewicht.
Zu schnell.
Der Fuß rutschte im Schlamm. Der Mech schwankte, fing sich und hob dann das linke Bein. Das Insekt klammerte sich fester.
„Jetzt nach außen drehen“, sagte Joren. „Nicht treten. Drehen.“
Lena gehorchte.
Der Javelin schwang das Bein seitlich. Die Bewegung war nicht stark genug, das Tier abzuschütteln, aber sie drehte dessen Körper vom Kniegelenk weg.
„Jitter“, befahl Lysa. „Präzisionsfeuer.“
Der Flea trat näher.
Decker schwieg jetzt. Keine Witze, keine Kommentare. Sein Mech senkte den rechten Stummelarm. Ein leichter Laser richtete sich auf das Tier.
Lena hielt still.
Das musste sie mehr Überwindung kosten als das gesamte Manöver zuvor.
Der Laser blitzte.
Rotes Licht schnitt durch den Regen und traf das Insekt am Ansatz der vorderen Gliedmaßen. Auf diese Distanz verlor der Strahl kaum Energie an die Feuchtigkeit in der Luft. Chitin platzte auf. Dampf und dunkle Flüssigkeit spritzten über die Panzerung des Javelin. Das Tier löste sich, fiel auf den Boden und wand sich.
Oleg Petrov feuerte.
Die schwere Waffe hämmerte kurze Salven in den Körper, bis er reglos blieb.
Aus dem Transporter drängte ein zweites Wesen.
Dann ein drittes.
Cassia warf sich hinter den Betonblock. Decker drehte den Flea. Sera bewegte den Exterminator zwischen Fahrzeug und Tor, während Lysa den Caesar nach vorn brachte.
„Infanterie zurück zum Maxim!“
Der Maxim setzte sich bereits in Bewegung. Ewan McCray ließ den Transporter quer zur Straße gleiten und öffnete die seitliche Luke hinter Cassia und Oleg. Beide rannten.
Das zweite Insekt breitete die Flügel aus.
Der Luftschlag wirbelte Wasser vom Boden. Es erhob sich unbeholfen, schwerer als seine schmalen Flügel vermuten ließen, und stieg bis auf Höhe des Exterminatorknies.
Sera feuerte nicht.
Sie schlug zu.
Der linke Arm ihres BattleMechs bewegte sich in einem kurzen, präzisen Bogen. Die Hand traf das Tier seitlich und schleuderte es gegen die Mauer. Chitin brach mit einem Geräusch wie berstendes Holz.
Das dritte Wesen verschwand unter dem Transporter.
„Wo ist es?“, fragte Lena.
Sensoren suchten.
Nichts.
Der Maxim erreichte Cassia und Oleg. Beide sprangen durch die offene Luke. Ewan beschleunigte sofort und zog zurück.
„Alle Maschinen Abstand zum Wrack“, befahl Lysa.
„Bewegung darunter“, sagte Sera.
Das Fahrzeug hob sich.
Nur wenige Zentimeter zuerst.
Dann kippte es zur Seite.
Das dritte Tier kam nicht hervor.
Etwas Größeres bewegte sich im Aufbau.
Die Außenwände beulten sich. Schrauben rissen. Ein Teil des Dachs hob sich an, als würde von innen ein Keil dagegen gedrückt.
„Zurück“, sagte Lysa.
Der Transporter barst.
Metallplatten flogen über den Vorplatz. Eine traf den Exterminator an der Schulter, prallte ab und schlitterte über den Beton. Aus dem geöffneten Aufbau quoll eine Masse aus Chitin, Gliedmaßen und nassem, dunklem Gewebe.
Es war kein einzelnes Tier.
Es war ein Nest.
Dutzende kleinere Körper klammerten sich aneinander und an eine zentrale, aufgedunsene Kreatur, deren Hinterleib den gesamten Laderaum ausgefüllt hatte. Flügel schlugen. Beine tasteten. Ein hoher Chor aus vibrierenden Lauten füllte den Vorplatz.
Lena fluchte.
„Feuer frei“, befahl Lysa.
Die Straße wurde von Licht zerrissen.
Decker eröffnete mit den Lasern seines Flea. Sera feuerte aus kurzer Entfernung. Lenas Javelin drehte sich auf den Transporter ein. Beide Arme kamen hoch, und eine kontrollierte Salve kohärenten Lichts schlug in die aufgebrochene Ladefläche. Die Strahlen trafen die zentrale Masse und brannten tiefe, glühende Furchen durch Chitin und Gewebe.
Nicht wild. Nicht panisch. Die Strahlen trafen die zentrale Masse und brannten tiefe, glühende Furchen durch Chitin und Gewebe.
Der Condor raste seitlich über den Platz. Seine Waffen hämmerten in die kleineren Tiere, die sich vom Nest lösten. Aris Demir hielt den Panzer in Bewegung, gab Kaito Sato immer neue Winkel und verhinderte, dass sich die Wesen an der Hülle festsetzen konnten.
Oleg feuerte aus der halb geöffneten Maximluke.
Cassia schrie Befehle.
Der Geruch erreichte selbst die gefilterten Außenrezeptoren des Caesar als Warnmeldung: organische Dämpfe, Säuren, verbranntes Protein.
Lysa setzte den rechten Fuß des Caesar auf den hinteren Teil des Transporters.
Der Rahmen brach unter dem Gewicht zusammen.
Mehrere Kreaturen wurden zerquetscht. Die zentrale Masse wand sich, hob den Kopf oder das, was als Kopf diente, und stieß einen Ton aus, der alle anderen Frequenzen für einen Moment überlagerte.
Der Wald antwortete.
Von beiden Seiten.
Nicht ein Laut.
Viele.
Olan Firths Stimme kam sofort über den Kanal.
„Major, großflächige Bewegung nördlich und östlich des Komplexes. Mehrere Wärmesignaturen. Sie nähern sich.“
„Entfernung?“
„Unter einem Kilometer.“
„Anzahl?“
„Nicht bestimmbar.“
Lysa sah zum Haupttor.
Geschlossen.
Der äußere Vorplatz bot kaum Deckung. Hinter ihnen verlief die schmale Straße zum Landefeld. Links und rechts stand dichter Dschungel. Wenn der Schwarm oder die Tiere, die auf den Nestlaut reagierten, die Straße abschnitten, mussten sie sich zurückkämpfen.
Oder das Tor öffnen.
„Pyro“, sagte Lysa.
„Major.“
Die Stimme der Sprengstoffspezialistin klang beinahe erwartungsvoll.
„Sie wollten etwas sprengen.“
„Mehr als alles andere.“
„Sorgen sie dafür, dass wir durch dieses Tor kommen!“
„Endlich.“
Cassia meldete sich sofort. „Wir sind noch nicht einmal wieder vollständig im Maxim.“
„Dann sorgen Sie dafür.“
Lysa trat vom Wrack zurück. Die letzten kleineren Insekten versuchten, sich über den Boden zu verteilen. Decker und der Condor erledigten sie mit kurzen, gezielten Feuerstößen.
Lena stand mehrere Meter entfernt.
Ihr Javelin war mit dunkler Flüssigkeit bespritzt. Ein tiefer Kratzer zog sich über die Panzerung des linken Unterschenkels, doch die Gelenkanzeige blieb grün.
„Princess“, sagte Lysa.
„Einsatzbereit.“
Die Antwort kam sofort.
Zu sofort.
„Schaden?“
„Oberflächlich.“
„Verletzung?“
„Nein.“
„Panik?“
Eine Pause.
„Nein.“
Lysa betrachtete den Javelin.
„Lügen Sie mich später besser an.“
Lena atmete aus.
„Verstanden.“
„Sie sichern Pyro.“
„Ja, Major.“
Kein Protest. Keine Rechtfertigung.
Auch das war ein kleiner Erfolg.
Der Maxim kam heran und setzte Cassia, Fiona und zwei weitere Infanteristen unmittelbar am Tor ab. Fiona trug einen schweren Rucksack mit Sprengmaterial, Werkzeug und tragbaren Diagnosegeräten. Selbst durch die Entfernung und den Regen war ihre Begeisterung erkennbar.
Sie kniete neben dem äußeren Bedienfeld.
„Mechanische Verriegelung“, meldete sie. „Stromversorgung tot. Steuerkasten wurde von innen abgeschaltet.“
„Kannst du ihn öffnen?“, fragte Cassia.
„Alles kann geöffnet werden.“
„Ohne den Berg einzureißen.“
„Du nimmst mir jede Freude.“
Fiona öffnete das Paneel. Wasser lief über Kabel und Kontakte. Sie steckte eine Lampe zwischen Schulter und Helm, griff tief in die Mechanik und begann, mehrere Leitungen zu prüfen.
Lena positionierte den Javelin direkt hinter ihr.
Der Wald bewegte sich.
Jetzt überall.
Baumkronen schwankten gegen den Wind. Äste brachen. Tiefe Laute rollten durch den Regen, einige weit entfernt, andere erschreckend nah. Auf Lysas taktischer Anzeige erschienen Kontakte und verschwanden wieder.
„Pops, schicken Sie Ronin nach vorn“, sagte Lysa. „Curfew übernimmt seinen Sektor am Landefeld.“
„Verstanden.“ Joren wechselte den Kanal. „Ronin, zur Torgruppe. Halten Sie die Straßenmitte frei. Curfew wirkt über Sie hinweg.“
Hales Antwort kam ohne Verzögerung. „Ronin unterwegs.“
Wenige Augenblicke später erschien der Shadow Hawk IIC zwischen den Regenvorhängen auf der Straße. Hale verlangsamte erst am Rand des Vorplatzes und nahm links des Tores Stellung, ohne die Rückzugsachse zum Landefeld zu blockieren. Red Horizon war damit wieder vollständig.
„Pyro“, sagte sie.
„Ich arbeite.“
„Wie lange?“
„Wenn Sie mich weiter nerven, länger.“
Cassia drehte sich zu ihr. Selbst aus dem Cockpit des Caesar konnte Lysa die Bewegung erkennen.
„Corporal.“
„Zwei Minuten.“
„Du hast dreißig Sekunden.“
„Dann wird es lauter.“
„Damit kann ich leben.“
„Das sagen immer alle, bevor es laut wird.“
Am nördlichen Rand des Vorplatzes brach etwas durch die Mauer des Dschungels.
Kein Megasaur.
Ein Schwarm kleiner, vierbeiniger Tiere, jedes etwa so groß wie ein Pferd, sprang auf die Straße. Ihre Körper waren schmal, von kurzen Federstacheln bedeckt, die Köpfe niedrig und lang. Sie liefen nicht direkt auf die Jackals zu. Sie flohen.
Hinter ihnen bewegte sich etwas Größeres.
Die ersten Tiere erreichten den Vorplatz, sahen die BattleMechs und versuchten, ihre Richtung zu ändern. Zwei rutschten auf dem nassen Beton aus. Ein drittes prallte gegen den Condor und wurde vom Luftkissen zur Seite geschleudert.
„Feuer halten!“, befahl Lysa.
Der Schwarm teilte sich um die Maschinen.
Eines der Tiere sprang zwischen Lenas Javelin und dem Tor hindurch. Fiona duckte sich unter dem Bauch hinweg, ohne ihre Arbeit zu unterbrechen.
„Das war knapp“, sagte Lena.
„Ich hatte es gesehen“, rief Fiona.
„Du hast nicht einmal hochgesehen!“
„Ich habe seinen Schatten gesehen.“
„Das ist nicht dasselbe!“
„Tor fast offen!“
Ein weiterer Laut ertönte aus dem Wald.
Diesmal erkannte Lysa das Brüllen des Megasaurs vom Landefeld.
Nur war es nicht allein.
Mehrere tiefe Stimmen antworteten, gefolgt von jenem hohen, vibrierenden Ton der Insekten.
Die fliehenden Tiere verschwanden auf der Südseite des Vorplatzes.
Dann brach der erste große Körper aus dem Wald.
Ein Megasaur, kleiner als der vom Landefeld, aber schneller. Er trug mehrere insektoide Wesen an den Flanken. Die Tiere hatten sich zwischen seinen Schuppen festgebissen. Der Megasaur schlug mit dem Kopf nach ihnen, rannte blind vor Schmerz und Wut und kam direkt auf die Jackals zu.
„Kontakt Nord!“, rief Decker.
„Nicht auf den Kopf“, befahl Lysa. „Beine stoppen!“
Olan Firth feuerte vom Landefeld.
Eine Salve Langstreckenraketen schoss durch den Regen, zog eine weiße Spur über die Straße und traf den Boden unmittelbar vor dem Megasaur. Beton explodierte.
Die Druckwelle und Splitter trafen die Vorderläufe. Das Tier stolperte, überschlug sich und rutschte fast dreißig Meter über den nassen Vorplatz.
Die insektoiden Wesen lösten sich.
Drei flogen auf.
Lena reagierte zuerst.
Der Javelin drehte sich aus der Hüfte. Zwei Laserblitze trafen das erste Insekt in der Luft. Es platzte auseinander. Der dritte Strahl verlor sich im Regen, bevor er das zweite Tier richtig erfasste, streifte nur einen Flügel. Das Wesen stürzte ab und wurde vom Condor überrollt. Das dritte flog direkt auf Fiona zu.
Lena konnte nicht feuern. Das Tor, Fiona und Cassia lagen in der Linie.
Sie bewegte den Javelin.
Nicht zurück.
Nach vorn.
Der leichte BattleMech machte einen schnellen Schritt und stellte den linken Fuß zwischen die Infanteristinnen und das heranrasende Tier. Das Insekt prallte gegen die Panzerung, klammerte sich fest und schlug mit den Mundwerkzeugen nach dem Gelenk.
Lena hob das Bein nicht panisch an.
Sie drehte es.
Genau wie Joren es ihr gezeigt hatte.
Decker schoss.
Der Laser traf sauber.
Das Insekt fiel.
„Danke“, sagte Lena.
„Ich rahme mir das ein.“
„Später.“
Lysa hörte die Veränderung in ihrer Stimme.
Die Angst war noch da. Sie musste da sein. Aber sie kontrollierte Lena nicht mehr vollständig.
Fiona schlug mit der flachen Hand gegen das geöffnete Steuerfeld.
„Ich habe die Verriegelung.“
„Öffnen!“
„Das Tor braucht hydraulischen Druck. Das Notsystem reagiert nicht.“
„Sprengung.“
„Das kann die Führungsschienen verziehen.“
„Wir brauchen keine Garantie.“
Fiona grinste hinter ihrer Atemmaske. Man hörte es in ihrer Stimme.
„Jetzt wird es laut.“
Sie zog zwei vorbereitete Ladungen aus dem Rucksack und befestigte sie an den seitlichen Verriegelungspunkten. Cassia sicherte nach Norden. Oleg stand neben ihr, die schwere Waffe im Anschlag.
Weitere Tiere erschienen zwischen den Bäumen.
Nicht alle flohen.
Mehrere der pferdegroßen Jäger blieben am Rand des Vorplatzes stehen. Ihre Köpfe bewegten sich ruckartig. Sie sahen das verletzte Megasaur, die toten Insekten und die Menschen am Tor.
Dann begannen sie sich zu verteilen.
„Rudelverhalten“, sagte Sera.
„Das sehe ich“, erwiderte Lysa.
„Sie flankieren.“
„Das sehe ich ebenfalls.“
„Nur damit wir dieselben Beobachtungen teilen.“
Der Exterminator trat nach links und schnitt den Tieren den Weg zur Infanterie ab.
Fiona zog das Zündkabel.
„Ladungen gesetzt! Alle zurück!“
Cassia und Oleg rannten zum Maxim. Fiona folgte, blieb jedoch nach drei Schritten stehen, kehrte um und riss den Diagnoseblock aus dem offenen Steuerkasten.
„Fiona!“, brüllte Cassia.
„Der kostet Geld!“
Lena senkte die Hand des Javelin. Fiona sprang darauf, klammerte sich an einen der Finger und wurde mitsamt der Hand vom Tor weggehoben.
„Das ist nicht vorschriftsmäßig“, sagte Lena.
„Aber schnell!“
Der Maxim nahm Cassia und Oleg auf.
„Deckung!“, befahl Lysa.
Die BattleMechs drehten sich vom Tor weg. Der Caesar hob den linken Arm vor den Cockpitbereich. Lena setzte Fiona hinter einem Betonblock ab und ging sofort in die Hocke.
Die Ladungen zündeten.
Der Knall traf den Vorplatz wie ein körperlicher Schlag.
Feuer und Metallstaub schossen aus beiden Seiten des Tores. Die Verriegelungsgehäuse wurden aus der Mauer gerissen. Eine Druckwelle jagte Regen und lose Blätter über den Beton. Etwas Schweres brach im Inneren der Konstruktion.
Für einen Augenblick geschah nichts.
Dann bewegte sich der rechte Torflügel.
Nur wenige Zentimeter.
Er stockte.
Fiona hob den Kopf hinter dem Betonblock.
„Hydraulik blockiert!“
„Kann ein Mech es bewegen?“, fragte Lysa.
„Wenn Sie die Schienen nicht brauchen.“
„Brauchen wir sie?“
„Später vielleicht.“
„Jetzt nicht.“
Lysa ging zum Tor.
Der Caesar stellte sich vor den rechten Flügel. Die Oberfläche war von Rost, Moos und Sprengspuren bedeckt. Nah genug sah sie die Kratzer auf dem Metall, tiefe Rillen, manche mehrere Meter lang. Zwischen ihnen klebten dunkle Reste, die der Regen nicht vollständig abgewaschen hatte.
Sie setzte beide Hände des BattleMechs an die Kante.
„Pops.“
„Ich sehe dich.“
„Wenn das Tor fällt, übernimmt Ronin den Durchgang.“
„Verstanden.“
„Princess, Infanterie schützen.“
„Ja, Major.“
Lysa erhöhte die Myomerleistung.
Der Caesar drückte.
Zunächst gab die Konstruktion nicht nach. Warnanzeigen erschienen an beiden Armaktivatoren.
Der Mech stemmte die Beine in den Boden. Beton splitterte unter den Füßen. Die Servomotoren heulten auf.
Dann löste sich etwas tief im Berg.
Ein metallisches Krachen rollte durch das Tor.
Der Flügel bewegte sich.
Langsam. Zentimeter um Zentimeter. Rost und Schmutz rissen aus den Führungsschienen. Wasser stürzte aus dem entstehenden Spalt. Dahinter lag Dunkelheit.
Lysa drückte weiter.
Der Spalt wurde einen Meter breit.
Zwei.
Drei.
Aus dem Inneren strömte kalte, abgestandene Luft. Sie trug den Geruch von feuchtem Beton, altem Öl und etwas anderem hinaus.
Etwas Verwestem.
Das Tor öffnete sich weit genug für einen BattleMech.
Lysa hielt inne.
Die Scheinwerfer des Caesar schnitten in den Berg.
Der Tunnel dahinter war gewaltig. Eine breite Zufahrt führte abwärts in die Anlage, flankiert von Wartungsstegen und Schienen für schwere Frachttransporter. Notleuchten glommen in großen Abständen entlang der Wände. Nicht alle waren erloschen.
Einige flackerten.
Weiter innen stand ein IndustrieMech mitten im Gang.
Er war auf die Knie gesunken. Beide Arme lagen auf dem Boden. Das Cockpit war geöffnet.
Auf der Frontpanzerung befanden sich Handabdrücke.
Dutzende.
Dunkel und verwischt.
Hinter dem IndustrieMech lagen mehrere Körper.
Menschen.
Zumindest waren sie es gewesen.
Lena sagte nichts mehr.
Decker ebenfalls nicht.
Selbst Fiona schwieg.
Lysa ließ die Sensoren über den Eingang gleiten.
Keine Wärme.
Keine Bewegung.
Dann erschien auf ihrem Schirm ein kurzer Kontakt.
Tief im Tunnel.
Zu schwach, um ihn zu identifizieren. Zu deutlich, um ein Fehler zu sein.
Etwas hatte sich hinter dem knienden IndustrieMech bewegt.
Nur für einen Augenblick.
Dann war es verschwunden.
Über ihnen rollte das Brüllen der Tiere durch den Sturm.
Vor ihnen wartete der Berg.
Lysa öffnete den Gefechtskanal.
„Gray Sun Jackals, neuer Auftragsschwerpunkt. Wir sichern den Zugang, bringen die Infanterie hinter das Tor und errichten eine Verteidigungslinie im ersten Hallenabschnitt.“
Sie sah auf die Körper im Gang.
„Niemand geht allein.“
Ihre Hände lagen ruhig auf den Kontrollen.
„Und ab jetzt behandeln wir Cindershield Vier nicht mehr als verlassen.“
Hinter dem knienden IndustrieMech flackerte eine Notleuchte.
Für einen Sekundenbruchteil zeichnete sie etwas an der Wand ab.
Eine lange, gekrümmte Silhouette.
Dann wurde der Tunnel wieder dunkel.
__________________ Wer aufhört besser zu werden, hat aufgehört gut zu sein!
"Ich treffe alles, was ich sehe!"
Starcolonel Kurt Sehhilfe, Clan SeeBug
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28.07.2026 02:35 |
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Andai Pryde
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Kapitel 2 – Hinter dem Tor
Hunter’s Paradise
Timbuktu Collective, westliche Peripherie
17. Oktober 3151
Die Notleuchte flackerte ein zweites Mal.
Diesmal blieb die gekrümmte Silhouette nicht lange genug an der Wand stehen, um dem Zielsystem des Caesar mehr als eine Handvoll widersprüchlicher Werte zu liefern. Ein warmer Rand, zu flach für den Oberkörper eines Menschen. Eine bewegte Masse in Bodennähe. Etwas Langes, das den Lichtkegel durchschnitt und hinter dem knienden IndustrieMech verschwand, bevor die Sensorfusion daraus eine brauchbare Form berechnen konnte.
Lysa wechselte nicht sofort auf die Scheinwerfer.
Das sichtbare Licht hätte den Tunnel heller gemacht, aber nicht zwangsläufig klarer. Regenwasser rann über die Schwelle, Dampf und feiner Nebel hingen über den eingelassenen Frachtschienen, und jeder glänzende Tropfen warf einen Teil des Lichtes zurück. Stattdessen ließ sie die Restlichtverstärkung herunterregeln, legte die Wärmebilder darüber und öffnete die passiven magnetischen Sensoren. Metallfüllung, Leitungen und die Masse des IndustrieMechs überlagerten sich auf der Anzeige zu einem groben, farblosen Relief. Das Radar lieferte harte Kanten, die Infrarotoptik dazwischen mehrere kalte Flächen. Nur das tiefe, unregelmäßige Vibrieren in den Schienen gehörte zu etwas, das sich noch bewegte.
Hinter dem Caesar drückte der Sturm durch das geöffnete Tor.
Der rechte Torflügel stand schief in seiner Führung, weit genug aufgestemmt, dass ein BattleMech hindurch kam, aber nicht weit genug, um den Zugang bequem zu machen. Regen sprühte gegen die Rückseite des Cockpits und zog in silbrigen Linien über die Außenkameras. Wind trieb Blätter, Schmutz und schwarze Chitinfragmente in den Berg. Wo sie an den Füßen der Mechs hängen blieben, sammelte sich Wasser um sie und verwandelte den Beton in eine dunkel glänzende Fläche.
Vor Lysa kniete der IndustrieMech mitten im Tunnel. Dahinter lagen die Toten, nur bruchstückhaft erkennbar: ein heller Ärmel, eine Hand am Rand der Schiene, ein Schuh, der nicht mehr zu einem sichtbaren Bein gehörte. Die verwischten Abdrücke auf der Frontpanzerung der Maschine wirkten im grünen Notlicht wie Schatten von Händen, die noch immer nach Halt suchten.
„Red Horizon, Stellung halten“, sagte Lysa. „Ronin übernimmt links. Phantom rechts unter den Wartungssteg. Jitter und Princess bleiben hinter mir und sichern den offenen Zugang. Niemand geht am IndustrieMech vorbei.“
Die vier Bestätigungen kamen nicht vollkommen gleichzeitig.
Hale Drummond, im Gefechtsfunk Ronin, bewegte seinen Shadow Hawk IIC zuerst. Die fünfundvierzig Tonnen schwere Maschine setzte den linken Fuß dicht an die Tunnelwand und drehte den Torso so weit ein, dass ihre Waffen am Caesar vorbeiwirkten, ohne den Eingang vollständig zu verstellen. Hale brauchte dafür keine sichtbaren Korrekturen. Er wählte eine Position, prüfte den Boden mit einem kurzen Gewichtswechsel und blieb dort.
Auf der gegenüberliegenden Seite führte Sera Gwynn den Exterminator unter die stählerne Galerie. Trotz der schlankeren Linien war ihre Maschine schwerer als Hales Shadow Hawk. Das zeigte sich weniger in der Bewegung als in dem tiefen Ton, der bei jedem Schritt durch die Schienen lief. Sera setzte die sechzig Tonnen langsam und genau, bis zwischen Schulterpanzerung und rostigem Geländer kaum mehr als ein Meter blieb.
Decker Polls Flea verharrte am rechten Rand der Schwelle. Der leichte Mech schien selbst im Stillstand nach vorn zu drängen. Kleine Korrekturen gingen durch Hüfte und Beine, kaum mehr als nervöse Gewichtsverlagerungen. Decker war einundzwanzig und gut genug, dass er oft vergaß, wie wenig Erfahrung hinter seinen Reflexen stand.
Lenas Javelin hielt links hinter dem Caesar. Die geöffneten Hände des Mechs hingen neben den Hüften. Lenas Javelin hielt links hinter dem Caesar. Die geöffneten Hände des Mechs hingen neben den Hüften. Die vier Medium Laser saßen paarweise in den Armen, während die Snub-Nose PPC im rechten Torso der Drehung des Oberkörpers folgte. Lena hielt die Arme noch tief, doch der Torso selbst kehrte immer wieder zu demselben Punkt zurück, auf den dunklen Bereich hinter dem IndustrieMech gerichtet, verharrte dort einen Herzschlag zu lange und schwenkte erst spät wieder weiter.
Hale bemerkte es zuerst. „Princess. Du klebst an einem Punkt.“
„Da war was.“ Lenas Stimme kam zu schnell, die Worte fast übereinander. „Ich hab noch nichts Sicheres, aber da war was.“
„Kann sein. Trotzdem: Kopf hoch, ganzer Raum. Nicht nur die eine Ecke.“
„Wenn ich wegsehe und es kommt genau da raus—“
„Dann siehst du's, sobald es sich bewegt. Was du jetzt machst, siehst du gar nichts mehr außer der einen Stelle.“
Kurze Stille. Der Torso des Javelin löste sich, ruckartig, als koste es Überwindung, und schwenkte in eine neutrale Mittelstellung.
„Verstanden.“
Kein Zusatz. Lena klang enttäuscht, nicht widerspenstig. Das war ein Unterschied, auch wenn er im Gefecht keine eigene Kategorie besaß.
Lysa öffnete den Führungskanal. „Anubis an Pops.“
Joren Rans antwortete aus seinem Mad Cat auf der Straße zwischen Anlage und Landefeld. Sein Callsign Pops entstammte nicht aus seinem Alter, sondern aus der Geduld, mit der er jüngere Piloten davon abhielt, sich selbst für unsterblich zu halten.
„Pops hört.“
„Unbestimmter Kontakt im Tunnel, hinter dem IndustrieMech. Noch keine Waffenwirkung. Wie sieht es draußen aus?“
„Die größeren Tiere ziehen vom Vorplatz weg“, sagte Joren. „Curfew hat zwei weitere Salven vor den nördlichen Waldrand gesetzt. Seit der Lockruf aus dem Transporter verstummt ist, sammeln sich die Bewegungen nicht mehr am Tor. Sie verteilen sich nach Süden und Osten.“
„Vollständiger Rückzug?“
„Nein. Drei größere Kontakte im Norden, mehrere kleinere entlang der Straße. Im Augenblick nähert sich keiner auf direkter Linie. Das kann sich wieder ändern. Baba hält den Torbereich, Caber steht mit dem Maxim hinter der südlichen Mauer. Dust Wolves bleibt auf der Straßenachse.“
Während Joren die Callsigns seiner eigenen Lanze, den Dust Wolves, und der Halblanze aus dem Panzerkontingent der Jackals nannte, fügten sich die Symbole auf der taktischen Anzeige ein, verschoben sich und machten die Aufteilung für alle Gray Sun Jackals deutlich: Curfew war Olan Firth im Archer, Baba der erfahrene Condor-Kommandant Aris Demir, Caber Ewan McCray im Maxim.
„Sunfist?“
„Unverändert am Landefeld. Slab sichert die westliche Rampe, Widow den nördlichen Waldrand, Micron hält die rückwärtige Zufahrt und unterstützt die Techniker. Deine drei sind dort, wo wir sie brauchen.“
Die drei übrigen Mitglieder von Lysas eigener Kommandolanze standen bei der Rust Bucket. Bram Kellor im Ostsol, Miko Varr im Marauder und Willa Nye im Starslayer bildeten mit Lysa gewöhnlich Sunfist.
Willa war vor ihrer Zeit als MechKriegerin Systemtechnikerin auf einem Handelsschiff gewesen, und diese Vergangenheit war ihr geblieben: Wo andere Piloten nach dem Gefecht ihre Waffen prüften, prüfte sie Datenprotokolle, und niemand in der Kompanie las eine beschädigte Festplatte schneller aus als sie.
Heute war die Lanze getrennt. Lysa führte die Erkundung einzeln, begleitet von Red Horizon als vollständigem Viererelement, während ihre eigenen Leute das Landungsschiff, die Werkstätten und den einzigen sicheren Rückzugsort schützten.
Die Trennung war taktisch richtig, fühlte sich jedoch anders an, als mit den vertrauten Symbolen dicht um den Caesar zu arbeiten, vielleicht war es aber auch Lysas Art mit der Tatsache umzugehen, dass sie immer noch eine frische Einheit führte und sich gerne ein Bild von vorne machte. Das machte das Eingreifen in vielerlei Hinsicht einfach oder zumindest redete sie sich das ein. Joren hatte dazu seine eigene Meinung, wo die Kommandantin zu sein hatte.
„Sie bleiben dort“, sagte Lysa. „Keine Verlegung, solange wir nicht wissen, ob hinter dem Tor überhaupt Raum für weitere Mechs ist, außerdem möchte ich die Bucket ungerne ohne größeren Schutz lassen.“
„Bram hat bereits gefragt.“
„Natürlich hat er das.“
Jorens Stimme blieb ruhig. „Ich habe ihm erklärt, dass eine Reserve ihre Aufgabe nicht besser erfüllt, wenn sie aus Sorge in denselben Engpass läuft und auch nicht, wenn die gesamte Rückzugsmöglichkeit vernichtet oder einem möglichen Feind in die Hände fällt. Er war nicht begeistert, hat aber aufgehört, den Ostsol in Richtung Straße zu drehen.“
Im Hintergrund seines Kanals war ein dumpfer Schlag zu hören, danach Brams Stimme, zu weit vom Mikrofon entfernt, um jedes Wort zu verstehen. Es klang nicht nach einem Widerspruch, eher nach einer Feststellung darüber, wie wenig Vertrauen manche Menschen in seine Fähigkeit hätten, lediglich bereitzustehen.
Lysa ließ ihn reden. Bram sprach, wenn er sich sorgte. Miko schwieg. Willa arbeitete. Die drei unterschiedlichen Reaktionen waren ihr vertrauter als jede Statusanzeige.
„Wir müssen uns etwas wegen der Funkverbindung überlegen“, sagte sie zu Joren. „Der Berg wirkt sich bereits auf die Signalstärke aus.“
„Parris verlegt einen Repeater bis zum ersten Straßenknick. Danach müssen wir in den Tunnel hinein verlängern. Sag Bescheid, sobald deine Infanterie genug Boden hat, um einen Knoten zu setzen.“
„Bestätigt.“
Ein leises Schaben lief über den Beton und brachte ihre Aufmerksamkeit zurück in den Tunnel.
Decker atmete über den Funkkanal der Lanze hörbar ein. „Da ist es wieder. Links vom IndustrieMech, knapp über dem Boden. Die Wärme ist fast weg, aber ich habe vier Druckpunkte auf der Schiene.“
Er sprach schnell, und die ersten Wörter liefen beinahe ineinander. Dann zwang er sich hörbar, die Messwerte der Reihe nach durchzugeben: vier aufeinanderfolgende Erschütterungen, ungleichmäßig gesetzt, als trüge eines der Beine weniger Gewicht.
Hale meldete sich. „Es kommt näher. Langsam. Kein Mensch.“
„Woher wissen Sie das?“, fragte Lena.
„Die Schrittfolge.“ Hale ließ eine kurze Pause. „Und die Höhe.“
Mehr sagte er nicht, wie es typisch für ihn war. Lena begann keine Diskussion. Das tiefe Schaben wurde lauter und endete in einem harten metallischen Klirren, als etwas einen losen Bügel aus der Schiene schob.
Der Kopf des Tieres erschien zuerst.
Breite Knochenplatten lagen über dem Schädel wie übereinander geschobene Schilde. Wasser und schwarzes Sekret füllten die Furchen dazwischen. Unter einem schweren Wulst öffnete sich ein milchiges Auge, in dem der Lichtrest der Notleuchten schwach zurückschimmerte. Der lange Kiefer blieb halb geöffnet. Kurze, unregelmäßige Zähne standen darin, nicht groß genug für die Masse des Körpers, aber zahlreich.
Das Tier hob den Kopf, sah die Mechs und blieb stehen.
Sein Körper kam nur allmählich hinter dem IndustrieMech hervor. Vier kräftige Beine trugen eine breite, tief liegende Masse, deren Rücken fast die Hüfte der knienden Arbeitsmaschine erreichte. Flache Panzerplatten bedeckten Flanken und Wirbelsäule. Mehrere waren auf der rechten Seite abgerissen oder nach außen gebogen. Darunter lag eine Wunde, die vom Vorderbein bis weit über den Bauch verlief. Schwarze Chitinstücke steckten darin. Eines der abgebrochenen Mundwerkzeuge der fliegenden Angreifer ragte noch zwischen zwei Rippenplatten hervor.
Das Tier atmete in kurzen, pfeifenden Stößen. Jeder Atemzug öffnete fleischige Schlitze an seinem Hals. Blut fiel in langsamen Tropfen auf den Beton und vermischte sich mit dem Wasser in der Schiene.
Lena sagte leise: „Es ist verletzt.“
„Ja“, erwiderte Sera. Ihre Stimme war weicher geworden, ohne dass sie weniger kontrolliert klang. „Und es sieht hinter uns den einzigen Ausweg. Beobachte die Schultern und die Hinterläufe. Wenn es springen will, verlagert es vorher das Gewicht.“
Lena antwortete nicht sofort. „Die Hinterläufe sind schon angespannt.“
„Weil es kaum noch stehen kann.“
Hale sagte nichts. Der Kopf seines Shadow Hawk IIC blieb auf das Tier gerichtet, aber seine Waffen visierten das Ziel nicht an.
Lysa prüfte den Raum zwischen den Maschinen und dem Tor. Für die Lanze war die Aufstellung eine Absicherung. Für das Tier war sie eine geschlossene Wand aus Metall, die ihm den einzigen erkennbaren Weg ins Freie versperrte.
„Wir geben ihm einen Ausweg“, sagte sie. „Ronin an die linke Wand. Phantom einen Schritt zurück unter die Galerie. Jitter geht nach draußen rechts, Princess links. Langsam, und jeder meldet seine Rückwärtsachse, bevor er sich bewegt.“
Decker bestätigte zuerst. „Jitter rückwärts rechts. Hinter mir frei bis zum Tor.“
Sein Flea setzte den Fuß zurück, blieb kurz hängen, als die Ferse eine verbogene Führungsschiene berührte, und korrigierte zu schnell. Der leichte Mech schwankte sichtbar.
Decker fluchte halblaut und fing ihn ab.
Niemand kommentierte es.
Lena prüfte ihre Rückkameras länger. „Princess rückwärts links. Der Maxim steht noch hinter der Mauer, aber seine Front ragt in meinen äußeren Sensorbereich. Caber, bleiben Sie dort?“
Ewan McCrays Stimme kam aus dem Hovertransporter. „Ich bleibe. Sie haben knapp sechs Meter bis zur Schwelle und danach freien Beton. Nehmen Sie sich die Zeit. Meine Leute sitzen lieber zwei Sekunden länger im Regen, als unter Ihrem Fuß zu landen.“
„Verstanden. Ich gehe zurück.“
Der Javelin setzte sich behutsam in Bewegung. Lena prüfte mehrfach die Rückansicht auf ihrem Display, verlor dabei für einen Moment das Tier aus dem Hauptbild und drehte den Torso zu spät wieder nach vorn. Sera bemerkte es, sagte jedoch nichts. Die junge Pilotin fand den Kontakt selbst wieder.
Lysa brachte den Caesar nach links. Der rechte Armaktivator meldete noch immer die Überlastung vom aufhalten des Tores. Sie bewegte die Maschine nur so weit wie nötig und ließ zwischen ihrem rechten Fuß und dem IndustrieMech einen geraden Korridor entstehen.
Das Tier sah die Öffnung.
Eine halbe Minute lang blieb es stehen. Der Kopf schwankte. Ein Vorderbein knickte ein und fing sich wieder. Hinter ihm flackerte die Notleuchte, sodass der gekrümmte Schwanz für einen Moment erneut als lange Silhouette über die Wand glitt.
Dann setzte es sich in Bewegung.
Der erste Schritt war vorsichtig. Beim zweiten rutschte die verletzte Vorderklaue in der nassen Schiene weg. Der Körper schlug gegen den Arm des IndustrieMechs, Stahl dröhnte durch den Tunnel, und das Tier stieß einen heiseren Laut aus, der mehr Atem als Stimme war. Es riss den Kopf herum, sah keine Bewegung der Mechs und lief weiter.
Es kam nicht schnell, aber schneller, als seine Wunde erwarten ließ.
Der Schwanz traf eine umgestürzte Werkzeugplattform. Schubladen sprangen auf. Schrauben, Griffe und gebrochene Anzeigen verteilten sich über den Boden. Das Tier geriet erneut ins Rutschen, fing sich und lief direkt auf den Caesar zu, bevor es den freien Korridor erkannte und zur Seite zog.
Aus der Nähe war seine Verletzung größer. Zwischen den Platten sah Lysa das dunkle Pulsieren des Fleisches. Der Geruch von Blut und feuchtem Tier erreichte die chemischen Sensoren des Caesar als Warnmeldung und drang Sekunden später, verdünnt durch Filter und Umluft, auch ins Cockpit.
Lena atmete über die Funkverbindung hörbar schneller.
„Es flieht“, sagte Sera, ohne die Stimme zu heben. „Lass es gehen.“
Der Satz galt nur der jungen Pilotin im Javelin . Lysa hörte, wie die junge Frau einmal schluckte.
„Verstanden.“
Das Tier lief am Caesar vorbei. Sein Schwanz strich über die Panzerung des linken Fußes und hinterließ eine dunkle Spur. Es sprang über die beschädigte Torschiene, stolperte auf dem Vorplatz und blieb für einen Augenblick zwischen den Mechs, dem Condor und dem offenen Wald stehen.
Aris Demir ließ den Turm seines Panzers langsam aus der Achse drehen. „Baba an alle. Feuer halten. Drift, nimm uns zwei Meter zurück und gib ihm die Südseite.“
Kaito Sato reduzierte die Leistung der Hoverturbinen. Das Fahrzeug glitt zurück, ohne die plötzliche, spielerische Schärfe, die seinen Fahrstil sonst kennzeichnete. Wasser schoss unter dem Luftkissen hervor, aber der Weg zum Wald wurde frei.
Das Tier nahm ihn.
Es rutschte auf dem nassen Beton aus, schlug mit der Schulter auf und stemmte sich wieder hoch. Breite Farnwedel bogen sich auseinander. Aus der Tiefe des Dschungels antwortete ein tiefer Ruf. Das verletzte Tier gab einen kurzen, rauen Laut zurück, dann verschwand es zwischen den Pflanzen.
Lysa wartete, bis die Sensoren nur noch gestörte Wärme im Wald zeigten.
„Kontakt entfernt sich“, meldete Aris. „Keine Verfolgung. Die übrigen Tiere halten Abstand.“
Decker ließ langsam die Luft aus seinen Lungen. „Ich dachte einen Moment, es nimmt meinen Flea als leichteste Beute.“
Seine Stimme suchte nach dem Ton, mit dem er gewöhnlich aus Nervosität einen Scherz machte. Er fand ihn nicht ganz.
Hale antwortete nicht. Sera ebenfalls nicht.
Nach zwei Sekunden fügte Decker leiser hinzu: „Schon gut.“
Das Schweigen über dem Kanal war nicht peinlich. Es ließ den Satz dort liegen, wo er hingehörte, und nahm ihm den Zwang, noch einen zweiten hinterherzuschieben.
Lysa richtete den Caesar wieder auf den Tunnel aus. „Red Horizon hält die Stellung. Wir bringen jetzt Infanterie hinein und sichern nur bis zum IndustrieMech. Viper geht mit Wall und zwei Schützen vor. Kein Sanitäter im ersten Element. Sobald der Nahbereich frei ist, kommt das medizinische Team nach.“
Cassia Morales meldete sich aus dem Maxim. „Viper verstanden. Wir nehmen Atemschutz, Markierungsleuchten und die kurze Fasertrommel. Wenn wir hinter der Maschine Deckung finden, setze ich den ersten Repeater.“
„Pyro bleibt zunächst im Fahrzeug.“
Im Hintergrund war ein missmutiges Geräusch zu hören. Fiona Kelly brauchte kein offenes Mikrofon, um sich bemerkbar zu machen.
Cassia antwortete, und in ihrer Stimme lag ein Anflug müder Belustigung. „Das wird ihr nicht gefallen. Es ist trotzdem sinnvoll. Sobald ich einen sicheren Arbeitsbereich habe, darf sie sich den IndustrieMech ansehen, aber nicht vorher.“
„Genau.“
„Dann sagen wir es ihr beide, damit sie nicht glaubt, sie könne die andere überreden.“
Lysa schaltete Fiona auf den Kanal. „Pyro, Sie bleiben bei Caber, bis Viper den ersten Abschnitt freigibt. Es geht nicht darum, Ihre Fähigkeiten infrage zu stellen. Im Augenblick brauchen wir vorn Gewehre und Augen, keine Technikerin mit einem Rucksack voller Gegenstände, die explodieren könnten.“
Fiona schwieg überraschend lange. „Der Rucksack ist gesichert.“
„Sie bleiben trotzdem.“
Ein Schnaufen kam über die Leitung. „Verstanden, Major.“
Das Einverständnis klang widerwillig, aber eindeutig. Für den Augenblick genügte das.
Der Maxim glitt aus seiner Deckung an den rechten Rand des Tores. Die Seitentür öffnete sich dort, wo die dicke Portalwand wenigstens einen Teil des Regens abhielt.
Cassia sprang als Erste hinaus.
Sie war mittelgroß und drahtig, doch selbst unter Feldpanzerung bewegte sie sich mit jener fließenden Sicherheit, die nicht aus Eleganz, sondern aus jahrelangem Wissen um den eigenen Schwerpunkt entstand.
Das dunkle Deckhaar war eng nach hinten geflochten, die Seiten kurz rasiert. Unterhalb des Helmrands verschwanden farbige Tätowierungen am Hals, bevor sie sich unter Kragen und Schutzplatten fortsetzten. Eine helle Brandnarbe zog sich dazwischen wie ein Riss durch Farbe.
Cassia blieb nicht direkt an der Tür stehen. Sie machte zwei schnelle Schritte zur Seite, ging in die Hocke und ließ das Gewehr über die Torschwelle wandern. Mit der freien Hand wies sie Oleg Petrov nach links, die beiden Schützen nach rechts und tiefer an den Boden. Keine lauten Befehle, keine ausladenden Gesten. Zwei Finger, eine flache Hand, ein kurzer Kreis in der Luft. Ihre Leute kannten die Zeichen und trennten sich, bevor der Maxim die Tür wieder schließen konnte.
Oleg – Wall im Funk – wirkte neben ihr wie eine andere Gattung Mensch. Breite Schultern und ein massiver Oberkörper füllten die Schutzweste aus. Er trug die schwere Unterstützungswaffe eng am Körper, damit der Lauf nicht an der Schwelle anschlug. Wo Cassia sich geschmeidig bewegte, war Oleg langsam und unübersehbar. Jeder Schritt sagte, dass er nicht ausweichen würde, solange hinter ihm jemand kleiner war.
Cassia erreichte den Rand des Tunnels und hob die Faust.
Die vier Infanteristen blieben stehen.
„Viper an Anubis. Wir gehen zunächst nur bis zur ersten Schiene. Die Luft ist belastet, aber ohne akute Toxine. Sicht am Boden schlechter als aus Ihren Cockpits. Wir haben Blutspuren, Werkzeug und mehrere lose Leitungen. Princess soll ihre Füße dort lassen, wo sie sind, bis ich die Laufwege markiert habe.“
Lena antwortete sofort. „Ich bewege mich nicht.“
Der Ton war zu schnell, beinahe beleidigt. Cassia sah nicht zu ihrem Javelin hinauf.
„Gut. Dann muss ich mir um eine Sache weniger Sorgen machen.“
Sie bedeutete ihren Leuten weiterzugehen.
Die ersten Schritte hinter das Tor wirkten klein zwischen den Beinen der BattleMechs. Cassia führte an der linken Schiene entlang, Oleg hielt etwas versetzt die Mitte. Die beiden Schützen prüften den Wartungssteg, die Unterseite des IndustrieMechs und jede Lücke zwischen den abgestellten Geräten. Einer trug die Fasertrommel am Rücken. Hinter ihm rollte das dünne, gepanzerte Kabel über den Boden und verband die Gruppe mit einem Steckmodul am Maxim.
Lysa sah nicht jedes Detail mit bloßem Auge. Die Helmkameras der Infanteristen liefen als vier kleine Bilder am Rand ihres Cockpitdisplays, überlagert von groben Positionsdaten. Wenn Cassia den Kopf drehte, schwankte das Bild mit. Infrarot zeigte den warmen Umriss ihrer Hände am Gewehr, Restlicht machte den Beton körnig und blass.
„Erster Körper“, sagte Cassia.
Sie blieb drei Schritte davor stehen und leuchtete nicht sofort auf das Gesicht. Zuerst prüfte sie die Hände, die Waffe daneben und den Raum hinter dem Körper. Erst als Oleg die Achse deckte, ging sie näher.
„Keine Reaktion. Keine erkennbare Atmung. Wir berühren nichts, bis der Abschnitt gesichert ist.“
Der Mann lag mit dem Gesicht nach unten in einem dunkelgrünen Arbeitsoverall. Ein Jagdkarabiner befand sich knapp außerhalb seiner Reichweite. Fünf leere Hülsen lagen zwischen Schiene und Wand. Die Rückseite des Overalls war an mehreren Stellen aufgerissen.
Cassia setzte einen roten Leuchtmarker an den Boden und ging weiter.
Der zweite Körper lag halb unter einer verbogenen Frachtführung. Eine Frau in grauer Sicherheitskleidung. Ihr Holster stand offen, die Pistole fehlte. Cassia kniete sich nicht zu ihr, sondern ließ die Helmkamera über Rücken, Hände und Umgebung laufen.
„Auch keine Reaktion. Der Rücken der Jacke ist beschädigt. Ob Schuss oder Splitter, klärt das medizinische Team.“
Sie sprach bewusst vorsichtig. Nicht weil sie unsicher war, sondern weil sie zwischen Beobachtung und Urteil unterschied.
Hale bewegte den Shadow Hawk IIC einen halben Schritt vor. „Hinter dem IndustrieMech keine neue Bewegung. Passivradar zeigt einen größeren Raum oder eine Kreuzung. Die Rückläufe sind zu weit entfernt für den Tunnel.“
Lysa sah dieselben verzögerten Echos. Hinter der knienden Maschine verlor sich die enge Reflexion der Wände. Das Signal kehrte erst nach deutlich längerer Laufzeit zurück, gestört von Metallstreben und mehreren großen Hohlräumen.
Noch wussten sie nicht, was dort lag.
Aber der Berg endete nicht am IndustrieMech.
Cassia erreichte die offene Wartungsklappe an der linken Seite des IndustrieMechs. Die Abdeckungen lagen nicht auf dem Boden verstreut, sondern waren in einer sauberen Reihe neben der Schiene abgelegt worden. Wasser stand in ihren Vertiefungen. Unter der Klappe verliefen Kabelbündel, Diagnoseanschlüsse und ein manueller Sicherungsblock. Ein dicker Steuerstecker hing lose aus seiner Buchse.
Sie beugte sich nicht sofort hinein. Einer der Schützen leuchtete den Bereich von der Seite aus, während Oleg den Raum hinter ihr hielt.
„Das sieht nicht nach einem Treffer aus“, sagte Cassia. „Stecker gelöst, Abdeckungen abgenommen. Die Maschine wurde geöffnet, bevor hier alles durcheinandergeriet.“
„Kann der Pilot das vom Cockpit aus veranlasst haben?“, fragte Lysa.
„Nicht diese Verbindung. Dafür muss jemand an die Wartungsseite.“
Hale ließ die Sensoren seines Shadow Hawk IIC über Knie und Hüften des IndustrieMechs laufen. „Die Beine stehen in den Wartungsmulden. Beide Knie sind gleichmäßig belastet. Er ist nicht zusammengebrochen.“
Lena blickte von ihrem Javelin auf die kniende Maschine hinab. „Dann hat der Pilot sie absichtlich so abgestellt.“
„Oder jemand hat ihn dazu gebracht“, sagte Hale. Er sprach ruhig, ohne den Gedanken auszuschmücken. „Mehr wissen wir nicht.“
Lena setzte zu einer Antwort an, doch Cassia hob die Hand, weil sich einer ihrer Schützen bewegte. Die junge MechKriegerin verstummte. Für einen Moment war nur Regen im Tor und das leise Knacken des offenen Funkkanals zu hören.
Der Schütze hatte unter dem rechten Arm des IndustrieMechs etwas entdeckt. Er ging tief in die Hocke, leuchtete unter die Maschine und meldete einen dritten Körper. Ein älterer Mann im hellen Kittel lag auf der Seite, die Arme dicht an den Brustkorb gezogen. Ein Datenmodul hing noch an seinem Gürtel. Die dunkle Verfärbung unterhalb des Brustbeins konnte von Blut stammen, doch aus dem schwankenden Helmbild ließ sich nichts Sicheres erkennen.
Cassia setzte auch dort einen Marker.
„Der Bereich bis zur Maschine ist frei“, sagte sie. „Ich will den medizinischen Trupp jetzt. Zwei Leute genügen, aber einer davon soll eine vollständige Kamera und Probenbeutel mitbringen. Außerdem brauche ich Pyro für die Wartungsklappe. Ohne Sprengstoffrucksack.“
Lysa bestätigte. „Caber, zweites Element bis zur Schwelle. Sanitäter und Dokumentation gehen mit Viper. Pyro folgt erst, wenn die beiden drin sind.“
Ewan wiederholte den Befehl in eigenen Worten, damit es im Lärm des Maxims keine Missverständnisse gab. Kurz darauf öffnete sich die Seitentür erneut. Ein Feldsanitäter mit weißem Kennfeld am Schulterpanzer sprang heraus, gefolgt von einer Infanteristin mit Kameramodul, Probenmaterial und zusammengefalteter Trage. Fiona Kelly kam als Letzte. Sie hatte ihren großen Rucksack zurückgelassen und trug nur einen Werkzeugkoffer, der mit zwei Gurten über ihrer Schulter hing.
Sie war fünfundzwanzig, kräftig gebaut und trotz der Schutzkleidung sofort an der platinblonden, fast bis auf die Kopfhaut geschorenen Buzzcut-Frisur zu erkennen. Ruß saß in den Falten um ihre Nase und an einem Ohr, als hätte sie sich vor dem Einsatz nur dort gewaschen, wo die Atemmaske abdichten musste. Ihre Bewegungen waren nicht unvorsichtig, aber voller aufgestauter Energie. Sie sah den offenen Wartungszugang und beschleunigte unwillkürlich.
Cassia streckte den Arm aus, bevor Fiona an ihr vorbeikam. „Du wartest hinter Wall, bis ich dich rufe. Du berührst nichts, was nicht zur Maschine gehört, und wenn du etwas Interessantes findest, sagst du es zuerst laut.“
Fiona blieb stehen. „Ich kann gleichzeitig reden und arbeiten.“
„Das bezweifle ich nicht. Ich bezweifle nur, dass du immer in der richtigen Reihenfolge damit beginnst.“
Fiona zog die Atemmaske höher und sah am massiven Rücken Olegs vorbei zum IndustrieMech. Dann nickte sie und blieb, wo Cassia sie hingestellt hatte. Der Wunsch, endlich an die Maschine zu gelangen, war an ihrer gespannten Haltung deutlich genug zu erkennen.
Das medizinische Team untersuchte die Körper dort, wo sie lagen. Der Feldsanitäter tastete zunächst nach Lebenszeichen, obwohl die Dauer des Ausfalls und der Zustand der Leichen kaum Hoffnung ließ. Danach dokumentierte er nur, was ohne Bewegung erkennbar war.
Die Körper befanden sich nicht im selben Zustand. Der Mann im Overall war noch vergleichsweise gut erhalten, die Haut ledrig, aber intakt. Die Sicherheitsfrau daneben war deutlich weiter fortgeschritten, an mehreren Stellen bis auf das Gewebe freigelegt. Kleine, saubere Fraßspuren zogen sich über Hände und Gesicht.
„Die sind nicht alle gleich alt“, sagte der Sanitäter, mehr zu sich selbst als über den Kanal. „Oder etwas kam ran, das nicht überall ran konnte.“
Er leuchtete unter eine nahe Wartungsverkleidung. Der Gitterrost eines schmalen Lüftungsschachts war von innen verbogen. Für einen Menschen zu eng. Für etwas Kleineres nicht.
„Das würde erklären, warum hier nichts Kleines mehr sitzt“, sagte Cassia. „Was reinpasst, kommt auch wieder raus.“
Der Mann im Overall war an schweren Verletzungen des Rückens und Halses gestorben. Bei der Sicherheitsfrau fand er einen Einschuss unterhalb des rechten Schulterblatts. Das Projektil war schräg durch den Oberkörper gegangen und unter dem linken Schlüsselbein ausgetreten. Die Wunde war zu klein für den Jagdkarabiner des ersten Toten.
„Sie lief wahrscheinlich zum Tor“, erklärte er, nachdem er die Lage des Körpers und den Winkel verglichen hatte. „Der Schütze stand hinter ihr oder seitlich in Richtung Halle. Mehr kann ich sagen, wenn wir sie bergen dürfen.“
Lena hörte die Meldung über den Kanal. „Vielleicht hat jemand im Dunkeln auf eine Bewegung geschossen. Wenn die Tiere schon frei waren und die Kommunikation ausfiel, könnte die Sicherheit sich gegenseitig nicht mehr erkannt haben.“
Sie sagte es nicht, um eine Erklärung zu liefern, sondern weil sie eine finden wollte. Lysa kannte den Impuls. Ein Unfall ließ sich leichter in die Welt einordnen als ein Schuss in den Rücken.
Cassia sah zur Sicherheitsfrau hinab. „Kann sein. Deshalb schreiben wir jetzt auch nur auf, wo sie liegt und was wir sehen. Alles andere kommt später.“
Lena erwiderte nichts. Der Javelin stand so reglos, dass nur das Summen seiner Kühlung über die Nahbereichsmikrofone drang.
Beim Wissenschaftler fand der Sanitäter einen weiteren Einschuss, diesmal von vorn und leicht abwärts. Zwei kleine Abplatzungen in der Panzerung des IndustrieMechs lagen ungefähr auf derselben Linie. Keine Hülsen. Keine Waffe in Reichweite des Toten.
Cassias Gesicht blieb hinter der Maske verborgen, doch ihre Stimme wurde rauer. „Zwei Richtungen, mindestens zwei Schussfolgen. Wir machen aus dem Tunnel noch keine Geschichte, aber wir behandeln ihn ab jetzt nicht nur als Unfallstelle.“
Lysa gab den Befehl an alle weiter. Waffen blieben auf den dunklen Raum gerichtet. Niemand bewegte Beweismaterial. Der Sanitäter markierte die Körper, zog sich mit der Dokumentarin hinter die Deckung des IndustrieMechs zurück und wartete dort, bis der Bereich dahinter freigegeben war.
Fiona durfte endlich an die Wartungsklappe.
Sie kniete sich davor, stellte den Werkzeugkoffer auf die trockene Seite der Schiene und arbeitete zunächst nur mit Lampe und Messfühler. Auf Lysas Cockpitanzeige erschien kein lesbarer Text von Fionas kleinem Diagnosegerät. Was die Technikerin sah, ging über ihre Kamera und einen Datenadapter an den Maxim, von dort über die provisorische Faserleitung an die Rust Bucket. Willa Nye erhielt die Rohdaten am Landefeld und sprach nach einer halben Minute auf dem Technikkanal.
„Micron an Anubis. Die Verbindung wurde manuell getrennt. Keine Lichtbogenspuren, keine mechanische Beschädigung. Der IndustrieMech ging vorher in Wartungsstellung. Reaktor und Gyro wurden danach sauber heruntergefahren.“
Willa saß in ihrem Starslayer oder an einem mobilen Terminal unter der Rampe der Rust Bucket; Lysa konnte es nicht sehen. Ihre Stimme reichte. Sie war so nüchtern, dass selbst ein schwerer Schaden wie eine unpersönliche Abweichung klang.
„Kann Pyro die Maschine wieder aktivieren?“
Fiona hob den Kopf, als wolle sie selbst antworten, wartete jedoch.
„Wahrscheinlich“, sagte Willa. „Aber nicht jetzt. Wir kennen weder den Zustand der Steuerung noch den Grund der Trennung. Außerdem blockiert die Maschine den Zugang weniger, solange sie kniet.“
„Sie bleibt aus.“
„Bestätigt.“
Fiona atmete durch die Nase aus. Ihre Schultern sanken kurz, dann begann sie, die Abdeckungen und Anschlüsse zu fotografieren. Sie hatte die Entscheidung akzeptiert. Dass sie sie mochte, war nicht erforderlich.
„Was ist mit dem Cockpit?“, fragte Lysa.
Cassia blickte zur geöffneten Luke hinauf. „Noch nicht gesichert. Die Galerie darüber und der Bereich hinter der Maschine sind nicht vollständig frei.“
„Dann bleibt es unangetastet. Sobald Sie sicheren Zugang haben, dokumentieren Sie den Pilotensitz, die Steuerung und den Datenlogger. Danach die Abdrücke auf der Frontpanzerung. Nichts abwischen und nichts bewegen, bevor die Aufnahmen vollständig sind.“
„Verstanden.“
Hale ging als Erster am IndustrieMech vorbei.
Der Shadow Hawk IIC musste den Torso einziehen und den linken Fuß zwischen Wand und Schiene setzen. Seine Schulterpanzerung streifte beinahe ein Kabelbündel, das aus einem offenen Schacht hing. Hale hielt an, wartete, bis Cassias Leute vollständig aus dem Gefahrenbereich waren, und setzte den zweiten Fuß erst dann nach.
Seine aktiven Sensoren tasteten den Raum vor ihm ab. Kurze Radarimpulse zeichneten keine glatte Wand mehr, sondern ein unregelmäßiges Geflecht aus Stützen, Fahrzeugen und offenen Flächen. Der Magnetanomalie-Detektor meldete schwere Metallmassen auf beiden Seiten. Infrarot fand kalte Maschinen, einige wärmere Leitungen und tiefer im Berg mehrere schwache, nicht eindeutig zuzuordnende Quellen. Über die seismischen Sensoren lief ein entferntes, langsames Pulsieren, das ebenso von Pumpen wie von etwas Lebendem stammen konnte.
„Der Tunnel öffnet sich“, sagte Hale. „Deutlich. Ich habe mehr als hundertfünfzig Meter bis zur nächsten massiven Rückwand, möglicherweise weiter. Seitliche Ausdehnung mindestens neunzig Meter. Decke über zwanzig.“
Lysa ließ sich seine Messdaten übertragen. Die ersten Konturen erschienen als dünne Linien auf dem taktischen Bild. Kein vollständiger Grundriss, eher ein Gerippe: parallele Kranbahnen, hohe Stützen, mehrere große Objekte und dunkle Bereiche, in denen die Rückläufe verloren gingen.
Sera führte den Exterminator auf der anderen Seite vorbei. Die höhere Masse der Maschine ließ die Frachtschienen unter jedem Schritt tiefer klingen. Sie blieb hinter dem IndustrieMech stehen, hob den Kopf des Mechs und schaltete erst jetzt die Scheinwerfer hinzu.
Licht strich durch Nebel und Staub.
Der Raum dahinter wurde nicht auf einmal sichtbar. Zuerst erschien eine Reihe rostiger Träger, dann die Unterseite einer Kranbahn, die sich weit in die Dunkelheit zog. Der Lichtkegel glitt über Plattformwagen, Gitter, die Front eines abgestellten Industriefahrzeugs und verlor sich an einer Betonstütze, die so breit war wie der Torso des Flea. Als Sera den zweiten Scheinwerfer nach Osten schwenkte, tauchten Käfigmodule aus dem Schwarz auf.
Die Halle war größer, als der Zugang erwarten ließ.
Sie erstreckte sich annähernd zweihundert Meter in den Berg und maß an der breitesten Stelle mehr als hundertzwanzig Meter. Die Decke lag zwischen fünfundzwanzig und dreißig Metern hoch, getragen von massiven Stahlbetonbögen und natürlichen Felsrippen. Zwei schwere Krananlagen liefen darüber, ausreichend hoch, um selbst über einem aufrecht stehenden BattleMech Lasten zu bewegen. Zwischen den Schienenfeldern blieben breite Fahrgassen für IndustrieMechs und Fangfahrzeuge. Wartungsgruben, Hebebühnen und abgestellte Wagen unterbrachen sie, doch mit Räumarbeiten konnten die Jackals einen großen Teil ihrer Kompanie unterbringen.
Für eine Gefechtsordnung reichte der Raum dennoch nicht. Ein zwölf Meter hoher Mech konnte dort stehen, wenden und zu einer Werkstattposition laufen. Eine Lanze konnte sich bewegen, wenn jeder Pilot wusste, welche Spur er benutzte. Für schnelle Ausweichmanöver, Sprünge oder Raketenfeuer war der Raum ungeeignet. Ein stürzender Mech würde Kräne, Leitungen oder mehrere Fahrwege zugleich blockieren. Die Halle war ein logistischer Knotenpunkt, keine unterirdische Arena.
An der Ostseite standen die Käfige.
Einige waren auf schweren Schienenplattformen montiert und höher als der Javelin bis zur Hüfte. Armdicke Streben, Verbundplatten und mehrfach gesicherte Türen ließen erkennen, welche Kräfte ihre Bewohner entwickeln konnten. Warnfelder bedeckten die Außenseiten.
SEDIERUNG VOR TRANSPORT ZWINGEND.
ELEKTROSPERRE AKTIVIEREN.
KEIN PERSONAL IM TRANSFERBEREICH.
Mehrere Türen standen offen. Die Verriegelungsbolzen waren zurückgezogen, nicht abgerissen. Ein Käfig lag auf der Seite, seine Frontstreben nach außen gebogen. In einem anderen hing ein zerrissener Haltegurt von der Decke. Stroh, Futterreste, getrocknetes Blut und dunkles Sekret klebten an den Böden.
Westlich standen drei Wartungsrahmen für IndustrieMechs. Zwei Maschinen befanden sich noch darin, eine ohne rechten Arm, die andere von Gerüsten umgeben. Der dritte Rahmen war leer. Von dort musste der kniende Lastenheber zum Tor gelangt sein.
Cassia blieb hinter der Deckung eines Plattformwagens stehen. Die Helmkamera zeigte zunächst nur einen Ausschnitt der gewaltigen Halle. Dann hob sie den Kopf langsam und sah zu den Kränen, den Galerien und den dunklen Seitengängen.
„Das ist kein Raum, den vier Leute sichern“, sagte sie. „Ich kann Ihnen den ersten Fahrstreifen, die Kontrolltreppe und eine Rückzugslinie zum Tor geben. Alles dahinter bleibt ungeklärt, bis ich mehr Personal und Sensoren habe.“
„Mehr verlange ich nicht“, antwortete Lysa. „Wir errichten den Brückenkopf am Eingang und nehmen nur, was wir halten können.“
Sie öffnete den gemeinsamen Kanal. „Alle Jackals, neue Bezeichnung: Das Haupttor und der Zugangstunnel heißen ab jetzt Alpha. Wiederhole: Alpha. Red Horizon rückt als vollständige Lanze in die vordere Halle ein. Ronin hält die westliche Fahrgasse, Phantom die östliche Käfigzone. Jitter bleibt zunächst im Tunnel und sichert Alpha nach außen. Princess deckt Vipers Infanterie. Mein Caesar bleibt an der Hallenschwelle. Kein anderes Mechelement verlegt vom Landefeld.“
Erst nachdem Lysa den Namen ausgesprochen hatte, erschien ALPHA neben dem Zugang auf allen taktischen Karten.
Decker bestätigte und setzte seinen Flea nicht sofort in Bewegung. Er wartete, bis Cassia den freien Streifen mit grünen Leuchtmarkern versehen hatte, dann führte er die leichte Maschine rückwärts an die Schwelle. Der jugendliche Drang, sich in der großen Halle Platz zu suchen, war noch da; Lysa sah ihn in den kleinen Bewegungen des Mechs. Doch er hielt den ihm zugewiesenen Raum.
Lena folgte Cassias Zeichen tiefer hinein. Der Javelin setzte jeden Fuß zwischen die markierten Schienen. Seine Hände blieben geöffnet und leicht vom Torso abgesetzt, nicht als Waffen, sondern damit Lena im Notfall eine Barriere bilden oder etwas abfangen konnte, ohne erst eine ungewohnte Bewegung einzuleiten.
Sera brachte den Exterminator an den Rand der Käfigzone. Sie nutzte Infrarot und Radar, um hinter den geschlossenen Modulen zu prüfen. Drei enthielten keine Wärme. In einem vierten lag eine schwache, flache Signatur am Boden, zu kalt und unbeweglich, um sicher zu sagen, ob dort ein Tier schlief oder ein Kadaver auskühlte.
„Ich öffne nichts“, meldete sie. „Der Bereich bleibt unter Beobachtung.“
Hale stellte den Shadow Hawk IIC in der westlichen Fahrgasse so auf, dass er die Kontrolltreppe, die Wartungsrahmen und einen niedrigen inneren Korridor zugleich überblicken konnte. Seine Maschine wirkte zwischen den hohen Stützen kleiner, als sie war. Der Exterminator ragte schlank daneben auf, die sechzig Tonnen jedoch in jedem Abdruck sichtbar, den seine Füße im Schmutz hinterließen.
Lysa führte den Caesar durch die Engstelle.
Unterhalb des IndustrieMechs lagen noch zwei Körper, die Cassias Leute nur markiert hatten. Sie musste den rechten Fuß dicht an die Wand setzen, den linken über eine beschädigte Schiene heben und den Torso leicht drehen. Der Caesar war mit seinen Händen voran in die Öffnung gedrungen; nun musste Lysa darauf achten, dass der belastete rechte Arm keine herabhängenden Leitungen erfasste.
Die Halle nahm die Maschine auf, ohne sie klein erscheinen zu lassen. Erst als Lysa den Kopf hob und die Kranbahn weit über dem Cockpit sah, begriff sie vollständig, welche Massen hier früher bewegt worden waren. Die ersten Prospektoren hatten keinen Raum für BattleMechs gebaut. Sie hatten Erzfrachten, Bohrgeräte und IndustrieMechs in Schichten transportieren wollen. Spätere Besitzer hatten den alten Maßstab geerbt und mit Käfigen, Laborzugängen und Quarantäneschleusen gefüllt.
Lysa stellte den Caesar unmittelbar hinter der Hallenschwelle ab. Von dort konnte sie nach Alpha, in die Mitte und zu einem Teil der Ostseite wirken. Der Platz war nicht ideal. Er war der beste, den sie im Augenblick besaß.
„Pops an Anubis“, kam Joren Rans Stimme über den bereits schwächer werdenden Kanal. Als Kompanie-Exekutivoffizier war er es gewöhnt, Lysa Berichte zuzutragen, die sonst durch mehrere Stationen hätten laufen müssen; in einer Einheit von zwölf Mechs blieben die Wege zwischen Führung und Ausführung kurz, und Joren nutzte das, ohne viel Aufhebens darum zu machen. „Die Hallendaten sind angekommen. Das Signal springt trotzdem. Parris hat den ersten Repeater am Straßenknick, aber zwischen Tor und Kontrolltreppe fehlt eine stabile Strecke.“
„Viper setzt ihren Knoten hinter dem IndustrieMech. Danach ziehen wir die Faserleitung bis zur Kontrollkabine.“
„Verstanden. Ich halte Dust Wolves weiter auf der Straße. Sunfist bleibt am Schiff.“
Bram meldete sich diesmal selbst. „Slab an Anubis. Nur zur Bestätigung: Wir sichern hier weiter die Rust Bucket, auch wenn in der Halle Platz für uns wäre.“
Er bemühte sich, sachlich zu klingen. Der Satz war trotzdem eine Frage. Bram Kellor war Lieutenant und stand nach Lysa und Joren an dritter Stelle der Kommandokette, gleich vor Cassia; als zweites Mitglied von Sunfist nahm er diese Verantwortung ernster, als sein sonst aufbrausendes Auftreten vermuten ließ, und eine Entscheidung, die er nicht verstand, ließ ihn selten ruhen, bis er sie entweder akzeptiert oder widerlegt hatte.
Lysa sah auf die Symbole von Bram, Miko und Willa am Landefeld. Dort stand die Rust Bucket selbst, ein Fortress-Klasse-Landungsschiff, das nicht nur Transportmittel war, sondern die einzige Werkstatt, die die Jackals besaßen: Jede Mech Bay im Inneren diente zugleich als Reparaturbucht, dazu kam ein eigener Fahrzeughangar und das gesamte Ersatzteillager. Nichts davon existierte außerhalb des Rumpfes, schon gar nicht in einer ungesicherten Umgebung wie dieser. Wenn etwas aus dem Dschungel auf den hinteren Bereich durchbrach, war Sunfist nicht nur das stärkste geschlossene Element vor Ort, sondern verteidigte auch den einzigen Ort, an dem sich beschädigte Maschinen überhaupt wieder instand setzen ließen.
„Ja“, sagte sie. „Red Horizon ist vollständig bei mir. Ich brauche meine eigene Lanze nicht ebenfalls im Berg, solange unsere Rückseite nur von Panzern und Dust Wolves gehalten würde. Sie bleiben mit Miko und Willa am Schiff und sorgen dafür, dass wir einen Ort haben, zu dem wir zurückkehren können.“
Bram antwortete nicht sofort. Das offene Mikrofon übertrug ein kurzes Reiben von Stoff und danach sein tiefes Ausatmen.
„Verstanden“, sagte er schließlich. „Wir halten das Landefeld.“
Mehr war nicht nötig.
Miko fügte nur hinzu: „Nordsektor unverändert. Zwei größere Wärmesignaturen bewegen sich parallel zur äußeren Sicherung, halten aber Abstand. Ich beobachte.“
Willa meldete: „Faserverbindung vom Schiff bis zum Straßenknoten stabil. Sobald Viper den Innenknoten setzt, kann ich die Stationsdaten ohne Kompression empfangen.“
Drei Stimmen. Drei Arten, denselben Auftrag anzunehmen.
Cassia begann, die Halle in Bereiche zu zerlegen.
Sie nannte sie nicht sicher, weil sie beleuchtet waren. Sie sprach von geprüft, beobachtet oder ungeklärt. Mit den Händen wies sie ihrem Zug Schusssektoren zu, markierte tote Winkel hinter den Plattformwagen und legte einen schmalen Korridor fest, in dem Techniker und Sanitäter sich bewegen durften. Zwei Infanteristen spannten fluoreszierende Leinen zwischen magnetischen Haltern. Grün bedeutete freier Weg nach Alpha, Rot ein ungesicherter Seitengang, Blau die Strecke zur medizinischen Sammelstelle.
Oleg baute seine schwere Waffe hinter einer niedrigen Betoneinfassung auf. Er prüfte nicht nur den Blick in die Tiefe, sondern auch, ob sein Feuer einen der Mechs oder die Kontrolltreppe kreuzen würde. Danach hob er die Lafette noch einmal an und setzte sie einen halben Meter weiter links. Die Bewegung wirkte langsam, doch niemand musste ihm erklären, warum ein guter Schussbereich wertlos war, wenn er den Rückzug der eigenen Leute abschnitt.
Cassia ging von Stellung zu Stellung. Sie legte einem jungen Schützen kurz die Hand auf den Lauf, als dieser zu hoch über eine Deckung zielte, drehte ihn einige Grad und zeigte ihm den Spalt zwischen zwei Käfigmodulen. Bei einer anderen Soldatin zog sie den Schultergurt fester, damit die Waffe beim Klettern nicht gegen das Geländer schlug. Sie sprach leise genug, dass Lysa über den Kanal nur einzelne Wörter hörte. Kein Pathos. Keine allgemeinen Mahnungen. Nur konkrete Dinge: hier sehen, dort nicht stehen, beim Rückzug diesen Pfosten links lassen.
Die Einheit wuchs nicht dadurch zusammen, dass alle denselben Ton trafen. Sie wuchs in solchen Korrekturen, wenn jemand bemerkte, wo ein anderer noch nicht wusste, worauf es ankam.
Am Tor erschien der erste Kabeltrupp.
Vier Techniker kamen aus dem Regen, zwei mit einer schweren Trommel zwischen sich, zwei weitere mit Werkzeug, Haltern und einem tragbaren Signalverstärker. Die Leitung verlief von der Rust Bucket entlang der Straße, über den ersten Repeater bei Joren und weiter zum Tor. Es war kein Kabel, das die Anlage mit der Leistung des Landungsschiffs versorgen konnte. Dafür war die Strecke zu lang und der Bedarf der Halle zu groß. Die Leitung trug Glasfaser, gesicherte Funkdaten und eine geringe Stromversorgung für Verstärker, Kameras und Feldgeräte.
Der Regen hatte die graue Ummantelung dunkel gefärbt. Schlamm klebte an den Handschuhen der Techniker und zog sich bis zu ihren Knien. Einer kniete an der Schwelle, bohrte einen Halter in den alten Beton und führte die Leitung so hoch an der Wand entlang, dass weder ein Mechfuß noch ein Hoverkissen sie erfassen konnte. Ein zweiter befestigte in regelmäßigen Abständen kleine Leuchtmarken. Wo die Leitung eine beschädigte Stelle überqueren musste, legten sie eine flache Stahlbrücke darüber und verankerten sie beidseitig.
Die Arbeit dauerte, und niemand sagte währenddessen etwas, das sie schneller gemacht hätte.
Die Geräusche der Halle veränderten sich. Zum Regen und den gedämpften Tierlauten kamen das Surren des Kabelspulers, das kurze Kreischen eines Bohrers, Cassias leise Anweisungen und das tiefe Klicken abkühlender Mechpanzerung. Ein tragbarer Luftprüfer begann in regelmäßigen Abständen zu piepen. Weiter innen fiel Wasser von der Decke in eine Grube und traf dort mit demselben hohlen Klang immer wieder auf Metall.
Decker hielt Alpha. Nach zehn Minuten wurden die kleinen Korrekturen seines Flea seltener. Nach zwanzig stand der Mech fast still. Lysa wusste nicht, ob er endlich Ruhe gefunden hatte oder nur Angst hatte, erneut aufzufallen.
„Jitter“, sagte sie auf dem Lanzenkanal. „Melden Sie Ihren Sektor.“
Er brauchte einen Augenblick. „Außenbereich frei bis zum Condor. Der Regen nimmt zu. Zwei kleine Kontakte am südlichen Waldrand, beide vom Tor weg. Im Tunnel keine Bewegung. Mein Magnetdetektor bekommt Störungen vom IndustrieMech und der Kranbahn, aber nichts Neues.“
Die Meldung war vollständig, und als Decker endete, wartete er auf die Bewertung.
„Gut. Halten Sie das.“
Ein leises „Verstanden“ kam zurück. Danach hörte Lysa, wie Decker einmal tief ausatmete. Das Lob hatte ihn mehr getroffen, als er zeigen wollte.
Lena stand inzwischen über Cassias innerer Sperre. Der Javelin wirkte beinahe zu sauber zwischen Blutspuren, rostigen Wagen und den abgenutzten Käfigen. Auf der linken Unterschenkelpanzerung klebten Reste des Insekts, das Decker vor dem Tor abgeschossen hatte. Eine dunkle Flüssigkeit war in die Fugen gelaufen und hatte dort eine unregelmäßige Kruste gebildet.
Cassia trat unter den Mech und sah hinauf. „Princess, Ihre rechte Seite deckt den Wartungsgang, aber nicht die Treppe. Wenn ich Leute nach oben schicke, möchte ich vorher wissen, ob Sie den Torso drehen.“
„Ich kann beide Bereiche nicht gleichzeitig halten.“ Lena klang defensiv, aber nicht frech. „Wenn ich die Treppe nehme, bleibt der Gang offen. Phantom sieht ihn nur schräg durch die Käfige.“
Cassia sah zu Seras Exterminator und wieder hinauf. „Dann bleiben Sie auf dem Gang. Die Treppe sichere ich mit Infanterie. Sagen Sie mir nur jede Drehung an, bevor Sie sie machen.“
Lena zögerte. „Sie nennen mich weiterhin Princess.“
Cassia verschränkte die Arme nicht; sie blieb unter einem dreißig Tonnen schweren Mech stehen und hielt das Gewehr so, dass es weder drohte noch im Weg war. „Das ist Ihr Callsign.“
„Sie benutzen es anders als die anderen.“
Über dem Kanal entstand Stille. Decker sagte nichts. Sera ebenfalls nicht.
Cassia hob langsam den Kopf. „Vielleicht. Im Augenblick benutze ich es, weil wir im Einsatz sind und weil ich nicht ‚Hux‘ durch den Lärm brüllen will. Wenn Sie später darüber sprechen möchten, tun wir das später. Jetzt brauche ich von Ihnen eine sichere rechte Flanke.“
Lena antwortete erst, nachdem ihr Atem einmal deutlich über die Leitung gegangen war. „Sie haben die rechte Flanke.“
„Gut.“
Cassia wandte sich ab und ging zur nächsten Stellung. Lena blieb einen Moment reglos, dann richtete sie die Sensoren wieder auf den Fahrzeugkorridor.
Der innere Repeater ging online.
Willas Stimme kam nun ohne Rauschen aus der Rust Bucket. Die Bildübertragung der Infanterie stabilisierte sich, und die taktische Karte der Halle erhielt schärfere Konturen. Techniker stellten zwei portable Kameras auf den Galerien auf. Die Kontrollkabine am hinteren Hallenrand lag noch immer außerhalb des gesicherten Bereichs, aber ihre breite Fensterfront und die Metalltreppe waren nun vollständig sichtbar.
Hales Stimme kam ruhig über den Kanal, während sein Shadow Hawk IIC die westliche Fahrgasse weiter absuchte. „Hier scheint es einen weiteren Tunnel Richtung Westen zu geben. Ein Schott, hoch genug für einen einzelnen Mech.“
Sera bestätigte ihrerseits, ihre Scheinwerfer auf die gegenüberliegende Wand gerichtet. „Osten ebenfalls. Breiter, aber mit einer Art Schleusenkammer davor.“
Lysa ließ sich beide Positionen auf die taktische Karte legen. Erst jetzt, mit der stabilen Verbindung zur Kontrollkabine, lieferte das System auch die alten Beschriftungen dazu: Über Hales Fund stand MATERIALSTOLLEN WEST 2, verwittert, aber lesbar, sobald die Kamera nah genug heranzoomte. Das östliche Tor trug keine sichtbare Aufschrift, doch Sprühdüsen und Entwässerungsrinnen an seiner Schwelle kennzeichneten es unmissverständlich als Tiertransfer. Dazwischen führte ein niedrigerer Fahrzeugkorridor tiefer in die menschlichen Bereiche der Station.
Lysa bezeichnete die beiden Zugänge noch nicht mit eigenen Namen.
Namen auf einer Karte schufen den Eindruck, man hätte etwas verstanden. Im Augenblick waren es geschlossene Tore in ungeklärte Räume.
„Viper“, sagte sie, „Sie nehmen mit zwei Leuten die Kontrolltreppe. Nur bis zur Kabine. Pyro bleibt unten, bis der Raum frei ist. Ronin und Princess decken den Aufstieg.“
Cassia prüfte die Winkel. „Ich nehme Wall und Neves. Der Rest hält die Sperre. Wenn oben etwas lebt, will ich keinen Schuss aus dem Rücken.“
„Bestätigt.“
Sie ging los, ohne Eile zu zeigen. Oleg folgte ihr, die schwere Waffe diesmal am Tragegurt, weil sie auf der schmalen Treppe nicht sinnvoll eingesetzt werden konnte. Private Neves, eine kleine Frau mit dunkler Haut und einem langen Kratzer auf der rechten Wangenplatte ihres Helms, sicherte nach hinten.
Auf jeder Stufe lagen Schlamm und verwischte Schuhabdrücke. Manche führten hinauf, andere hinunter. Dunkle Tropfen zogen sich am Geländer entlang. Cassia hielt bei der ersten Plattform an, kniete sich hin und betrachtete die Spuren, ohne sie zu berühren.
„Mehrere Personen“, meldete sie. „Einige liefen. Mindestens eine wurde gestützt oder gezogen. Die Blutspur geht nach oben.“
Hale senkte den Kopf seines Shadow Hawk, bis die Sensoren auf Höhe der Kabine lagen. „Kein Wärmebild hinter den Fenstern. Die Scheiben reflektieren zu stark für sichere passive Werte.“
„Dann sehen wir hinein, wenn wir dort sind“, sagte Cassia.
Sie erreichte die Tür. Das Bedienfeld war dunkel. Fiona stand unten an der Absperrung und verfolgte jeden Handgriff.
„Mechanisch verriegelt“, meldete Cassia. „Keine sichtbare Beschädigung.“
„Pyro kann hoch“, sagte Lysa.
Fiona nahm den Werkzeugkoffer und lief zur Treppe. Nicht schnell genug, um unvorsichtig zu wirken, aber so schnell, wie Cassia es gerade noch hinnahm. Auf der Plattform ging sie sofort in die Hocke, öffnete das Panel und schloss einen Messadapter an.
„Kein Strom am Schloss. Der Motor ist intakt. Ich kann ihn mit der Feldzelle speisen, aber wenn dahinter etwas blockiert, brennt er durch.“
„Erst Widerstand messen“, sagte Willa aus der Ferne.
Fiona blickte zur kleinen Kamera, die an ihrem Schulterriemen befestigt war, als könne sie Willa dadurch sehen. Sie trug keinen Helm, nur die leichte Atemmaske, die ihr helles, kurzgeschorenes Haar frei ließ; die Kamera saß dort, wo bei einem Schiedsrichter im Fußball ihr Platz gewesen wäre, nah genug am Kopf, um zu zeigen, wohin sie sah, ohne dass ihr Gesicht darunter verschwand. „Ich weiß.“
Sie sagte es nicht trotzig. Eher leiser als sonst. Dann tat sie genau das.
Nach zwei Minuten klickte die Verriegelung.
Cassia stellte sich seitlich der Tür, Oleg auf die andere Seite. Neves ging eine Stufe tiefer und hielt den Rückweg. Fiona zog sich hinter Oleg zurück.
Die Tür öffnete sich nur einen Spalt. Kalte, trockene Luft strömte heraus und brachte den Geruch von Kunststoff, Staub und etwas Verbranntem mit.
Cassia schob die Tür mit dem Lauf ihres Gewehrs weiter auf.
Der Kontrollraum dahinter blieb still.
Zwei Reihen von Arbeitsplätzen standen vor den breiten Fenstern. Mehrere Stühle lagen auf der Seite. Datenblöcke, leere Becher und persönliche Gegenstände waren über die Konsolen verteilt. Eine graue Jacke hing noch über einer Lehne, als hätte ihr Besitzer sie nur für wenige Minuten abgelegt. Auf einem Tisch stand das gerahmte Bild einer Familie vor einem hellen Meer. Staub bedeckte das Glas, doch nicht den schmalen Streifen, an dem jemand es zuletzt angefasst hatte.
Cassia ging zuerst hinein. Sie prüfte die Ecken, den Raum unter den Konsolen und die schmale Tür an der Rückwand. Oleg folgte ihr, ließ die schwere Waffe am Gurt hängen und zog stattdessen seine Seitenwaffe. In einem Raum, der kaum breiter als ein Fahrzeugkorridor war, hätte die große Waffe mehr behindert als geschützt.
„Kontrollraum frei“, meldete Cassia. „Keine Körper. Eine Blutspur führt zur hinteren Tür. Mehrere Arbeitsplätze wurden geöffnet, aber nicht geplündert. Pyro kann an die Technik.“
Fiona trat ein. Diesmal blieb sie an der Schwelle stehen, bis Cassia ihr mit zwei Fingern die Hauptkonsole zuwies. Dann stellte sie den Koffer ab und begann zu arbeiten.
Lysa sah den Raum nur durch die Helmkameras und die optische Vergrößerung des Caesar. Die Fenster lagen fast hundert Meter entfernt. Selbst mit Sichtvergrößerung konnte sie die Menschen darin erkennen, aber keine kleinen Anzeigen lesen. Was Fiona auf ihren Geräten fand, musste über die Verbindung an Willa und von dort als Bericht oder übertragene Systemdaten zu Lysa gelangen.
„Das lokale Netz hat noch Minimalspannung“, sagte Fiona nach einer Weile. „Die Notversorgung sitzt tiefer unter der westlichen Wand. Ich speise nur die Konsole und den Verteiler, nicht die Schotts.“
Willa antwortete aus dem Bereich der Rust Bucket. „Zuerst isolieren. Der Kontrollraum hängt möglicherweise noch an automatischen Befehlsfolgen.“
„Ich trenne die Ausgänge.“
„Alle.“
Fiona hielt mit dem Adapter in der Hand inne. „Das dauert länger.“
„Ja.“
Ein ungeduldiges Ausatmen ging über den Kanal, dann begann Fiona mit dem ersten Anschluss. Sie kommentierte nicht weiter. Willa ebenfalls nicht. Die beiden waren sich in vielem zu ähnlich, um sich leicht zu mögen: Beide wollten Probleme lösen, nur hielt Willa jeden zusätzlichen Schritt für notwendig, während Fiona in jedem notwendigen Schritt ein Hindernis auf dem Weg zur interessanteren Lösung sah, manche davon mussten eben mit lautem Getöse aus dem Weg geräumt werden. Für Lysa war die eine ein Skalpell und die andere der Hammer, beide erreichten ihre Ziele auf unterschiedlichen Wegen.
Während die Technik arbeitete, kam der Rest von Cassias Zug aus dem Maxim nach. Ihr Foot Platoon zählte, sie selbst eingeschlossen, achtundzwanzig Köpfe, und mit den bereits eingesetzten Wachen an Alpha und der inneren Sperre blieb nicht mehr genug übrig, um die Halle wirklich zu füllen. Cassia stieg wieder hinunter und ordnete die verbliebenen Leute nicht in einer geraden Linie an. Sie legte überlappende Bereiche an: zwei Menschen an Alpha, zwei auf der westlichen Galerie, drei hinter der inneren Sperre und ein bewegliches Paar zwischen Kontrolltreppe und medizinischer Sammelstelle.
„Das ist alles, was ich habe, bis der zweite Zug hier ist“, sagte sie über den Kanal zu Lysa. „Raj Patels Leute sitzen noch auf der Rust Bucket, und ihr Hover-Platoon braucht andere Wege als meine Füße. Wenn Sie mir mehr Deckung für die Tiefe wollen, brauche ich entweder sie oder Stones Panzerung.“
„Beide, sobald es sich einrichten lässt“, sagte Lysa. „Für jetzt arbeiten wir mit dem, was wir haben.“
„Keiner steht direkt vor einer Mechachse“, sagte Cassia, während sie die Positionen abging. „Wenn eine Maschine ausweichen muss, gewinnt sie. Wir nicht. Die grüne Leine bleibt frei, auch wenn ihr glaubt, hinter einem Container bessere Deckung zu haben. Wer seinen Bereich verlässt, meldet es vorher.“
Ein junger Private zeigte auf die Schatten unter einem Käfigmodul. „Was, wenn dort etwas durchkommt?“
Cassia ging neben ihm in die Hocke und sah aus seiner Höhe in den Spalt. „Dann gehst du nicht näher heran, um nachzusehen. Du markierst, meldest und ziehst dich bis zum nächsten roten Licht zurück. Wall hat den Winkel von hinten. Wir sind hier nicht, um zu beweisen, wer zuerst eine Klaue sieht.“
Der Private nickte. Seine Finger lagen noch immer zu fest um den Griff des Gewehrs.
Cassia zog den Lauf ein Stück nach unten. „Und nimm den Finger vom Abzug. Wenn du erschrickst, will ich nicht, dass Neves die Antwort in den Rücken bekommt.“
Er korrigierte den Griff. „Ja, Lieutenant.“
Sie klopfte einmal gegen seine Schulterplatte und ging weiter.
Die Ruhe, die nun in die Halle einzog, war keine Entspannung. Sie bestand aus wiederholten, unspektakulären Handgriffen. Menschen trugen Material durch Alpha, stellten es an die falsche Stelle, wurden von Cassia oder den Technikern umdirigiert und trugen es weiter. Kabel wurden befestigt, Lichtquellen so gedreht, dass sie die Augen der Wachen nicht blendeten, und Bewegungsmelder in den Seitengängen angebracht. Die Infanteristen lernten, wie weit der Fuß eines Javelin bei einer normalen Drehung ausschwenkte. Lena lernte, dass die Menschen unter ihr nicht dort blieben, wo ihre taktischen Symbole sie zuletzt gezeigt hatten.
Einmal hob der Javelin den rechten Fuß, weil Lena ihre Stellung um einen halben Schritt verbessern wollte.
„Princess, halten“, sagte Cassia sofort.
Der Mech fror in der Bewegung ein.
Unter der Ferse stand ein Techniker mit einer Kabelbrücke. Er hatte die Warnung gehört und blieb ebenfalls reglos. Als Lena das Bein zurücksetzte, trat er wortlos zur Seite und presste den Kiefer zusammen.
„Ich hatte ihn auf dem Positionsbild“, sagte Lena. Ihre Stimme war blass vor Schreck. „Er sollte hinter der grünen Leine sein.“
Cassia blickte zu dem Techniker. „Marlow, warum waren Sie außerhalb des Korridors?“
Der Mann hob die Kabelbrücke. „Die Leitung lag zu dicht an der Schiene. Ich wollte sie nur versetzen.“
„Dann melden Sie es. Ein BattleMech sieht keinen guten Grund, sondern nur eine Wärmequelle, die sich zwischen andere Echos schiebt.“
Sie sah zum Javelin hinauf. „Und Sie bewegen keinen Fuß, ohne vorher nach unten anzusagen. Die Symbole kommen verzögert, besonders solange das Netz noch aufgebaut wird.“
Lena brauchte einen Moment, bevor sie antwortete. „Ich hätte nachfragen müssen.“
„Ja.“ Cassia wandte sich an den Techniker. „Und Sie hätten melden müssen. Keiner von beiden macht den Fehler ein zweites Mal.“
Marlow nickte. Lena sagte nichts mehr.
Decker, der den Austausch gehört hatte, ließ seinen Flea vollkommen still. Lysa erwartete beinahe einen Versuch, Lena aufzumuntern oder das Schweigen mit einem Spruch zu füllen. Er tat es nicht. Vielleicht hatte er begriffen, dass jedes Wort die Sache nur größer gemacht hätte.
__________________ Wer aufhört besser zu werden, hat aufgehört gut zu sein!
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Starcolonel Kurt Sehhilfe, Clan SeeBug
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30.07.2026 17:19 |
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Andai Pryde
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Die erste Faserkopplung zur Kontrollkabine wurde hergestellt. Auf Lysas taktischer Karte stabilisierten sich die Linien des lokalen Netzes. Fiona und Willa arbeiteten sich durch die Notversorgung. Ein alter Industriefusionsgenerator unterhalb der westlichen Werkstätten lieferte noch knapp zwölf Prozent seiner Nennleistung. Genug für Hallenlicht, Pumpen, Luftumwälzung und einzelne Bedienfelder. Nicht genug für die gesamte Station, schon gar nicht für die großen Tierhaltungsanlagen.
„Der Hauptreaktor ist nicht ausgefallen“, berichtete Willa. „Er wurde getrennt. Mindestens zwei Schalter sind mechanisch blockiert. Niemand schaltet ihn von hier aus wieder zu.“
„Bleibt aus“, sagte Lysa. „Wir aktivieren nur das lokale Hallennetz und keine Tür, die nicht vorher physisch geprüft wurde.“
„Bestätigt.“
Fiona ließ die ersten Deckenlampen anlaufen.
Sie gingen nicht gleichzeitig an. Eine Röhre über den IndustrieMech-Rahmen flackerte, summte und wurde hell. Zwei weitere folgten an der Ostseite. Dann erwachte ein ganzer Abschnitt der Kranbahn in kaltem, weißlichem Licht. Der Wechsel war so abrupt, dass die Restlichtverstärker der Mechs automatisch abdunkelten.
Die Halle verlor einen Teil ihrer Schatten und gewann dafür andere.
Unter den Käfigen lagen dunkle Bereiche, die von den Deckenlampen nicht erreicht wurden. Wasser glänzte auf den Schienen. Rostrote Streifen zogen sich an den Stützen hinab. An der natürlichen Felsdecke wuchsen blasse Pilzfelder, wo Feuchtigkeit durch Risse sickerte. Die Körper auf dem Boden wirkten im Licht kleiner und menschlicher als im grünen Notglimmen.
Lena starrte zu lange auf eine Frau neben einem umgestürzten Plattformwagen. Lysa sah es daran, dass sich der Kopf des Javelin nicht mehr mit den Sensorsweeps bewegte.
„Princess, Sektor halten“, sagte Hale.
Seine Stimme war nicht hart. Lena reagierte trotzdem sofort und drehte den Torso zurück zum Fahrzeugkorridor.
„Ich halte.“
Hale ließ den Kanal danach offen, sagte aber nichts weiter. Er musste ihr nicht erklären, warum sie die Toten später ansehen konnte. Im Augenblick brauchte Cassia ihre Aufmerksamkeit.
Als die Halle ausreichend beleuchtet war, ließ Lysa den Caesar in den Standby-Modus gehen. Das Cockpit wurde leiser. Die Waffen blieben verfügbar, doch die Leistung des Reaktors sank, und die Kühlung fuhr auf ein ruhigeres Niveau zurück.
Sie öffnete die Luke.
Kalte, feuchte Luft schlug ihr entgegen. Nach den Stunden im geschlossenen Cockpit war der Geruch der Halle stärker, als die Filter ihn vermittelt hatten: Metall, nasser Beton, altes Öl, Blut, Tiersekret und der trockene, bittere Rest verbrannter Elektronik. Unter allem lag die abgestandene Luft eines Ortes, in dem wochenlang keine Tür richtig geöffnet worden war.
Lysa nahm den Neurohelm ab. Ihre Haare klebten darunter am Kopf und hatten sich aus dem pragmatischen Nackendutt gelöst. Der Druckring des Helms verlief als helle Linie über ihre Stirn. Als sie die Leiter hinabstieg, antworteten ihre Beine noch für mehrere Schritte auf die Bewegung eines Mechs, nicht auf die eines Menschen. Der Hallenboden schien sich unter ihr zu neigen, obwohl er stilllag.
Bram hätte sie gefragt, ob alles in Ordnung war. Miko hätte es an ihrem Gang gesehen und nichts gesagt. Willa hätte ihr einen Stuhl hingestellt, wenn die Werte es verlangten, und jede Erklärung ignoriert.
Keiner der drei war hier; Red Horizon war eine vollständige Lanze und erfüllte den Auftrag. Das war nicht dasselbe wie die vertraute Nähe ihrer eigenen Leute, und es musste es auch nicht sein.
Joren meldete sich, kaum dass die Luke offen war, offenbar von Willas Statusanzeige gewarnt. „Du bist ausgestiegen.“
„Der Bereich gilt als gesichert.“
„Gilt als gesichert ist nicht dasselbe wie gesichert. Als dein Stellvertreter halte ich fest, dass die Kommandantin sich gerade außerhalb ihres gepanzerten Cockpits in einer Anlage bewegt, die wir vor drei Tagen noch nicht kannten.“
„Das halte ich zur Kenntnis genommen, Joren.“
Ein kurzes Schweigen, das eher nach einem unterdrückten Seufzen klang als nach Widerspruch. „Ich sage es trotzdem jedes Mal, damit es gesagt ist.“
„Das weiß ich zu schätzen.“
„Warum tust du es dann?“
Lysa sah durch die Halle, zu Cassia, zu den Infanteristen, die zwischen den Käfigreihen arbeiteten, zu dem beschädigten IndustrieMech, der noch immer kniete. „Weil ich mir lieber selbst ein Bild mache, als mich in einem gepanzerten Sarg auf fremde Berichte zu verlassen. Und weil eine Kommandantin, die ihre Leute nur über Sensoren kennt, irgendwann Entscheidungen trifft, die am Boden keinen Sinn ergeben.“
„Das ist eine Meinung, keine Garantie für deine Sicherheit.“
„Ich weiß.“
Joren ließ es dabei bewenden, wie er es fast immer tat. Er würde es beim nächsten Mal wieder sagen, und sie würde es wieder hören, und beide wussten, dass sich an diesem Muster nichts ändern würde, solange sie das Kommando führte.
Willa meldete sich, als Lysa den Boden erreichte. „Der Caesar zeigt erhöhte Belastung am rechten Schulter- und Ellenbogenaktivator. Kein akuter Ausfall. Sobald die Lage es zulässt, brauche ich eine direkte Diagnose.“
„Sie befinden sich am Schiff.“
„Pyro kann die Sensorwerte auslesen. Ich sage ihr, was sie anschließen muss.“
Fiona hörte mit. „Nicht zwingend mein Spezialgebiet.“
„Dann warten Sie auf Microns Anleitung“, sagte Lysa.
Fiona antwortete nicht sofort. „Verstanden.“
Willa fügte trocken hinzu: „Ich sende die Prüfreihenfolge.“
Lysa ging durch die Halle.
Aus der Höhe des Cockpits waren Menschen Markierungen und Bewegungen gewesen. Am Boden sah sie ihre Gesichter, die Nässe auf den Uniformen und den Schlamm an den Knien. Ein Infanterist rieb sich die Finger, bevor er sein Gewehr wieder aufnahm. Eine Technikerin saß für wenige Sekunden auf einer Kabeltrommel, den Kopf zwischen die Schultern gezogen, bis der nächste Ruf sie aufstehen ließ. Oleg stand hinter seiner Waffe und wirkte selbst dort noch wie ein Teil der Deckung.
Cassia kam ihr entgegen. Ohne Helm war ihr Gesicht schmaler, als Lysa es aus der Distanz erwartet hatte. Die fast schwarzen Augen lagen unter schweren Lidern. Auf der linken Halsseite liefen farbige Linien der Tätowierung in Brandnarben hinein. Ein dünnes, nicht angezündetes Zigarillo steckte hinter ihrem Ohr; in der Halle durfte sie nicht rauchen, und die Art, wie sie gelegentlich mit der Zunge an die Innenseite ihrer Wange drückte, verriet, dass ihr der Verzicht missfiel.
„Der Brückenkopf reicht vom Tor bis zur Kontrolltreppe“, sagte sie. „Westlich halten wir nur die erste Fahrgasse. Östlich bis zur vorderen Käfigreihe. Alles dahinter ist ungeklärt. Ich habe zwei Bewegungsmelder am Fahrzeugkorridor und einen akustischen Sensor an der Tierhaltung. Wenn einer anschlägt, ziehen meine Leute auf die rote Linie zurück und die Mechs übernehmen.“
„Verluste?“
„Keine. Marlow hat beinahe gelernt, wie ein Javelin von unten aussieht. Hux hat beinahe gelernt, wie ein Techniker unter ihrem Fuß aussieht. Beide leben und sind jetzt aufmerksamer.“
Cassia sagte es ohne Spott. Die Härte lag in der Sache selbst.
„Die medizinische Untersuchung?“
„Vierzehn Tote im Bereich, den wir halten. Bei fünf sehe ich eindeutige Schussverletzungen oder zumindest Verletzungen, die nicht zu den Tieren passen. Drei Sicherheitsleute fehlen ihre Waffen. Wir bergen sie erst, wenn die Wege vollständig dokumentiert sind.“
Lysa blickte zur Kontrollkabine. „Ich will die Karte sehen.“
„Oben ist frei. Hinter der Kabine führt ein Bürotrakt zu einem Schutzraum. Blutspur dorthin, Tür von außen verriegelt. Wir haben noch nicht geöffnet.“
„Warum nicht?“
Cassia hielt ihrem Blick stand. „Weil Sie gesagt haben, wir sichern zuerst, und weil hinter einer verriegelten Tür auch jemand mit einer Waffe sitzen kann. Außerdem war der Brückenkopf noch nicht stabil. Jetzt ist er es genug, dass wir die Tür prüfen können.“
Lysa nickte. „Gut.“
Cassia zog den Zigarillo hinter dem Ohr hervor, betrachtete ihn und steckte ihn wieder ein. „Ich nehme Wall und den Sani. Pyro öffnet. Sie können mitkommen, wenn Sie nicht im Weg stehen.“
Es war keine respektlose Herausforderung. Es war Cassias Art, einem zwölf Meter großen Problem zu erklären, dass es am Boden andere Regeln gab.
„Ich bleibe hinter Ihrem ersten Element.“
„Dann kommen Sie.“
Sie gingen die Treppe hinauf.
Lysa spürte den langen Einsatz in den Oberschenkeln. Die Stufen waren steil, das Metall nass und an mehreren Stellen verbogen. Cassia bewegte sich vor ihr, ohne das Geländer zu benutzen. Oleg folgte hinter Lysa und machte die Treppe bei jedem Schritt spürbar schwerer.
Im Kontrollraum stand Fiona über einer geöffneten Konsole. Ohne Maske roch sie tatsächlich schwach nach Rauch und chemischem Treibmittel. Ihre hellen, fast abrasierten Haare warfen unter den Lampen keinen Schatten. An den Augenbrauen fehlten kleine Stücke, älter als der heutige Einsatz.
„Das lokale System ist isoliert“, sagte sie. „Micron hat die Ausgänge einzeln geprüft. Wir können Karten und Protokolle lesen, aber kein Schott bewegt sich, solange wir es nicht gesondert freigeben.“
Auf dem Hauptdisplay lag ein vereinfachter Plan der Station. Nun konnte Lysa ihn selbst sehen.
Die Halle bildete einen großen, fast rechteckigen Knoten im Berg. Westlich führten Werkstätten, Lager und der alte Materialstollen nach oben. Östlich lagen Quarantäne, Tierhaltung und mehrere Verladebereiche. Hinter dem Kontrollraum begann der menschliche Komplex aus Büros, Unterkünften, Krankenstation und Datenkern. Die meisten Gänge waren für Menschen und Fahrzeuge gebaut, nicht für BattleMechs.
Fiona zeigte auf das westliche Schott. „Das ist der alte Materialstollen. Dreizehn Meter mittlere Breite, aber zwei enge Kurven. Ein Mech kommt durch, eine Lanze nicht nebeneinander. Der äußere Abschnitt meldet eine Blockierung.“
Lysa betrachtete das Tor auf der Karte. „Bezeichnung Beta.“
Fiona tippte die Kennung ein. BETA erschien über dem westlichen Zugang.
„Der östliche Tiertransfer wird Gamma“, sagte Lysa. „Alpha bleibt Haupttor und Eingangstunnel.“
Erst jetzt hatten alle drei Zugänge Namen. Die Änderung ging über die Faserverbindung an die taktischen Systeme der Einheit.
Decker meldete sich vom Flea. „Jitter bestätigt Alpha.“
Er sagte nichts darüber, dass ihm ein anderer Name besser gefallen hätte. Vielleicht erinnerte er sich daran, dass nicht jeder Gedanke gesprochen werden musste.
Lysa studierte die Karte weiter. „Gamma führt wohin?“
„In ein Seitental“, sagte Fiona. „Zwei Schleusenkammern, Dekontamination, danach ein Außenplatz für Fangfahrzeuge. Die Außenkamera ist tot. Sensoren ebenfalls.“
Willa ergänzte über den Lautsprecher: „Beta öffnet sich hinter dem westlichen Höhenrücken, ungefähr vierzig Meter über Alpha. Die Blockierung liegt im letzten Drittel. Art unbekannt.“
„Keine Öffnung heute“, sagte Lysa. „Beide Zugänge bleiben mechanisch und elektronisch gesperrt.“
Sie wandte sich zum hinteren Korridor.
An der Wand hing ein schmaler Spiegel, vermutlich Teil einer kleinen Waschstation für das Kontrollpersonal. Ein Riss lief von der oberen rechten Ecke bis in die Mitte. Im fleckigen Glas sah Lysa sich selbst, bevor sie bewusst hinsah.
Der Neurohelm hatte ihr aschblondes Haar mit den kupfernen Strähnen flach an den Kopf gedrückt. Einzelne Strähnen hingen lose über der Schläfe und klebten an feuchter Haut, das Kupfer darin dunkler als sonst im schwachen Licht des Korridors. Der Dutt saß schief, mehr Gewohnheit als Frisur. Unter dem rechten Auge lag ein dunkler Schatten. Die helle Drucklinie über der Stirn ließ sie müder wirken, nicht älter. Am Kragen ihres Kühlanzugs hatte sich Salz abgesetzt. Ein dunkler Fleck zog sich über die Schulter, wo Regenwasser von der offenen Cockpitluke hineingelaufen war.
Für einen Moment stand dort keine Kommandantin in einem sauberen Lagebild, sondern eine Frau, die seit dem Orbit kaum gesessen, mehrere Stunden in feuchter Hitze gekämpft und einen Torflügel mit einem BattleMech aus der Schiene gedrückt hatte.
Der Schmerz hinter ihrem rechten Auge pulsierte einmal.
Lysa löste den Blick vom Spiegel und stellte die Helligkeit der kleinen Wandlampe herunter. Cassia bemerkte die Bewegung. Sie sagte nichts dazu.
Der Korridor hinter der Kontrollkabine war schmal und trocken. Bürotüren standen offen, Papier und persönliche Gegenstände lagen auf dem Boden. In einem Raum fehlte ein vollständiges Datenterminal. Die Halterungen waren geöffnet, die Leitungen sauber getrennt.
Fiona kniete davor. „Das wurde ausgebaut. Nicht herausgerissen. Wer es genommen hat, kannte das Modell oder hatte Zeit.“
Cassia ging nicht auf die Schlussfolgerung ein. „Dokumentieren. Weiter.“
Am Ende des Korridors stand eine runde Schutzraumtür. Das manuelle Rad befand sich in verriegelter Stellung. Dunkle Schleifspuren führten über den Boden bis zur Schwelle. An der Wand daneben hing ein Notfallplan für zwölf Personen und sechzig Tage.
Cassia klopfte mit dem Griff ihres Gewehrs dreimal gegen die Tür.
„Cindershield Vier. Hier sind die Gray Sun Jackals. Falls jemand dahinter lebt, antworten Sie. Wir öffnen von außen.“
Sie wartete.
Zunächst kam nichts.
Dann fiel im Inneren etwas um.
Der Laut war dumpf und schwer genug, dass alle im Korridor still wurden.
Cassia wiederholte den Ruf, diesmal langsamer. Keine Stimme antwortete.
„Tür ist verzogen“, sagte Fiona nach einer Prüfung. „Das Rad bewegt die Bolzen nicht vollständig. Ich brauche den hydraulischen Spreizer.“
„Keine Ladung?“, fragte Cassia.
Fiona sah kurz zu ihr. „In einem Schutzraum, in dem vielleicht jemand direkt hinter der Tür liegt? Nein.“
Cassia nickte einmal. „Gut. Wall, holen.“
Oleg ging zurück zur Halle.
Lysa blieb im Korridor. Durch die Wand drang das tiefe Summen des Notgenerators. Von unten kamen gedämpfte Stimmen, Schritte und gelegentlich das schwere Setzen eines Mechfußes. Die Station war noch immer größtenteils dunkel und ungeklärt. Doch der vordere Bereich besaß nun Licht, Markierungen, Wachen und eine Verbindung zur Rust Bucket.
Ein Brückenkopf war noch kein Besitz, sondern nur ein Ort, von dem aus man nicht sofort wieder vertrieben wurde.
Oleg kam mit dem Spreizer auf dem Rücken zurück. Der hydraulische Satz war für Fahrzeugrettung gedacht und schwer genug, dass selbst er ihn nicht beiläufig trug. Er setzte die Pumpe neben der Tür ab, führte die Schläuche aus und schob die erste Backe in den schmalen Spalt am Rahmen.
Fiona half ihm, ohne die Arbeit an sich zu reißen. Sie prüfte die Dichtung, suchte nach dem verzogenen Punkt und setzte die zweite Backe knapp unterhalb des oberen Riegels an.
„Wenn wir nur unten drücken, verkantet sie stärker“, erklärte sie. „Wir öffnen in zwei Schritten. Erst den oberen Rahmen entlasten, dann das Rad.“
Cassia stand seitlich der Tür. „Wie laut?“
„Das Metall wird laut, aber es gibt keine Detonation.“
„Damit kann ich arbeiten.“
Fiona begann zu pumpen.
Der Druck stieg langsam. Die Schläuche versteiften sich, und irgendwo im Rahmen knackte eine Halterung. Die Tür bewegte sich zunächst nicht. Dann löste sich die umlaufende Dichtung mit einem langen, feuchten Geräusch. Ein schmaler Spalt entstand, aus dem warme, verbrauchte Luft strömte.
Der Geruch füllte den Korridor: Schweiß, trockene Abfälle, Desinfektionsmittel und die säuerliche Schwere eines Raumes, dessen Filter weit über ihre vorgesehene Laufzeit gearbeitet hatten.
Kein Verwesungsgeruch.
Cassia hob die Hand. Fiona stoppte.
„Wir öffnen weiter“, rief Cassia durch den Spalt. „Falls Sie eine Waffe haben, legen Sie sie sichtbar ab. Wir kommen herein, um zu helfen.“
Aus dem Inneren kam ein leises Scharren. Danach wieder Stille.
Die Tür öffnete sich weitere zehn Zentimeter. Das Rad ließ sich nun bewegen, aber nur ruckweise. Oleg stemmte beide Hände dagegen, während Fiona den Druck hielt. Als die oberen Bolzen frei waren, sprang das Rad plötzlich ein Stück herum und stieß Oleg gegen die Schulter. Er fing es ab, ohne einen Laut von sich zu geben.
Cassia schob sich als Erste durch die Öffnung.
Das Bild ihrer Helmkamera zeigte schmale Sitzbänke, Vorratsschränke und einen Tisch, auf dem leere Wasserbeutel lagen. Verpackungen von Notrationen waren sorgfältig zu Bündeln verschnürt. Andere lagen aufgerissen am Boden. Ein kleines Sanitärabteil war mit einer Decke verhängt. Die Beleuchtung bestand nur aus einer schwachen roten Leiste über der hinteren Wand.
Zwei der Vorratsschränke waren vollständig leer. Im dritten lagen nur noch aufgerissene Packungen und einige unbrauchbare Filterkartuschen. Am Wasseraufbereiter blinkte eine rote Störanzeige. Unter dem Auslass stand ein trockener Auffangbehälter, dessen Boden von kalkartigen Rückständen bedeckt war. Der Schutzraum mochte für zwölf Personen und sechzig Tage ausgelegt worden sein. In seinem tatsächlichen Zustand hätte er diese Vorgabe nicht annähernd erfüllt.
Dort stand eine Feldliege.
Eine Frau lag darauf, so dünn, dass die Decke kaum eine Erhebung über ihrem Körper bildete. Dunkles Haar klebte in Strähnen an ihrem Gesicht. Ein verschmutzter Verband zog sich von der linken Schulter über den Brustkorb. Neben der Liege hingen leere Infusionsbeutel an einer Halterung aus Draht und Klebeband.
Die Augen der Frau öffneten sich.
Ihr Blick sprang von Cassias Gewehr zur Tür und wieder zurück. Eine Hand bewegte sich unter der Decke.
Cassia blieb stehen. „Lassen Sie die Hand sichtbar.“
Die Frau zog eine Pistole hervor. Der Lauf zitterte. Ihr Finger lag nicht am Abzug, doch die Mündung wanderte in Richtung Tür.
Oleg konnte durch den Spalt nicht sauber wirken. Der Medic stand hinter ihm.
Cassia senkte das eigene Gewehr nicht, trat aber auch nicht näher. „Hören Sie mir zu. Wir sind Söldner, Gray Sun Jackals. Corvantis Extraction Holdings hat uns geschickt, weil die Station seit Wochen schweigt. Ich weiß nicht, wer Sie hier eingeschlossen hat, aber wir gehören nicht zu ihnen. Wenn Sie schießen, treffen Sie wahrscheinlich den Sanitäter hinter mir. Dann wird Ihre Lage nicht besser.“
Die Frau blinzelte. Ihre Lippen bewegten sich, bevor ein Ton kam.
„Corvantis?“
„Ja. Das ist vermutlich nicht die Antwort, auf die Sie gehofft haben. Es ist trotzdem die Wahrheit.“
Der Arm mit der Pistole sank ein wenig.
Cassia wartete. Sie machte keinen schnellen Schritt und griff nicht nach der Waffe, solange die Frau sie noch festhielt.
„Wie heißen Sie?“
„Mara.“ Der Name brach in der Mitte. Sie schluckte und versuchte es erneut. „Mara Venn.“
Der Name löste auf Lysas Anzeige einen Treffer aus den bereits geborgenen Personaldaten der Station aus: Dr. Mara Venn, Veterinärmedizin und xenobiologische Tierhaltung.
„Gut, Mara. Ich bin Cassia. Hinter mir steht ein Mann, der Ihnen Flüssigkeit, Schmerzmittel und eine saubere Krankenstation anbieten kann. Dafür müssen Sie die Pistole auf den Boden legen.“
Mara Venn sah lange auf die Waffe, als müsste sie sich daran erinnern, weshalb sie sie überhaupt hielt. Dann ließ sie den Arm über den Rand der Liege sinken. Die Pistole rutschte aus ihren Fingern und fiel auf den Boden.
Cassia trat vor, schob sie mit dem Stiefel außer Reichweite und winkte den Medic hinein.
Er arbeitete schweigend. Puls, Atmung, Pupillen, Verband, eine neue Infusion. Als Mara versuchte, sich aufzurichten, drückte er sie mit einer Hand vorsichtig zurück.
„Sie bleiben liegen. Ihr Kreislauf ist kaum vorhanden, und ich möchte ihn nicht auf dem Boden suchen.“
Mara sah über ihn hinweg zu Cassia. „Licht.“
„In der Halle“, sagte Cassia. „Nur das Notnetz.“
„Nicht alles einschalten.“
„Das haben wir nicht.“
Mara schloss die Augen. Ihre Hand tastete über die Decke, bis sie den Unterarm des Medics fand. „Sie hören es. Pumpen. Türen. Wenn die Anlage arbeitet, kommen die Tiere.“
„Welche Tiere?“, fragte Cassia. „Die aus den Gehegen oder die aus dem Wald?“
Die Finger der Frau spannten sich. „Alle.“
Der Sanitäter sah zur Helmkamera. „Wir müssen sie herausbringen. Schwere Dehydrierung, Unterernährung, Wundinfektion. Transportfähig, aber nicht lange gesprächsfähig.“
Lysa trat bis zur Tür. „Dr. Venn, ich bin Major Trent. Wir bringen Sie auf unser Landungsschiff. Sie müssen jetzt keine Erklärung abgeben. Eine Frage: Ist noch jemand in einem Schutzraum, von dem wir wissen sollten?“
Mara öffnete die Augen. Ihr Blick fand Lysa nur langsam.
„Heller.“
„Wer ist Heller?“
„Sicherheit.“
„Ist er in einem Schutzraum?“
Mara schüttelte den Kopf, kaum mehr als eine Bewegung im Kissen. „Er brachte mich. Sagte, er kommt zurück.“
Der Sanitäter hob die Hand. Das Gespräch war beendet.
Cassia akzeptierte es ohne Widerspruch. „Wir brauchen die Trage.“
Oleg holte sie aus dem Korridor. Der Transport durch die Schutzraumtür dauerte länger als das Öffnen. Der Spalt war schmal, die Schläuche lagen im Weg, und Mara durfte nicht gekippt werden. Fiona kniete am Rahmen und hielt die Leitung des Spreizers beiseite, während Cassia den Kopf der Trage führte.
Als sie die Kontrolltreppe erreichten, stand Lena mit dem Javelin noch immer an der inneren Sperre. Der Kopf des Mechs folgte der Trage.
„Princess“, sagte Cassia, „Sie bleiben stehen. Wir gehen unter Ihrem linken Arm vorbei. Keine Bewegung, bis ich die blaue Linie erreicht habe.“
„Ich sehe Sie.“
Lena klang angespannt. Nach dem beinahe übersehenen Techniker war sie sich jeder Masse ihres Mechs bewusst. Sie hielt den Javelin so still, dass selbst die Hände unbewegt neben dem Torso blieben.
Die Trage erreichte den Hallenboden.
Lena senkte langsam die linke Hand. „Ich könnte Deckung geben. Nur die Hand zwischen der Trage und den Käfigen. Ohne einen Schritt.“
Cassia sah hinauf. „Können Sie den Arm bewegen, ohne den Torso zu drehen?“
„Ja. Ich nehme nur den linken Arm aus der Feuerachse. Die rechten Laser und die PPC bleiben auf dem Fahrzeugkorridor. Ich nehme Ihnen keine Sicht.“
Die Antwort kam ausführlicher, als ein erfahrener Pilot sie formuliert hätte. Lena wollte zeigen, dass sie an jeden Teil gedacht hatte.
Cassia prüfte den Winkel. „Dann langsam. Ansagen, bevor Sie stoppen.“
„Ich senke jetzt um zwei Meter.“
Die Hand des Javelin glitt herab und blieb wie eine gepanzerte Wand zwischen der Trage und den dunklen Käfigreihen stehen. Die Finger waren leicht gekrümmt, weit genug entfernt, um niemanden zu berühren.
„Position“, sagte Lena.
Cassia führte die Trage darunter hindurch. „Halten.“
Der Maxim kam bis an Alpha. Ewan ließ das Fahrzeug so stehen, dass die Seitentür zum Tunnel zeigte. Zwei Sanitäter nahmen Mara auf. Der Feldsanitäter stieg mit ihr ein.
„Anubis an Jitter und Princess“, sagte Lysa. „Sie begleiten den Maxim bis zum ersten Straßenknick und kehren dann sofort zurück. Dust Wolves übernimmt dort.“
Decker bestätigte. Lena brauchte einen Moment länger, weil Cassia ihr erst die Handbewegung freigeben musste.
Der Javelin setzte sich diesmal erst in Bewegung, nachdem Lena den Boden, den Maxim und die Infanteriepositionen nacheinander geprüft hatte. Decker ging auf der anderen Seite. Sein Flea schob sich schneller durch Alpha, bremste jedoch an der Schwelle, bis Ewan ihm die rechte Spur bestätigte.
Draußen verschluckte der Regen die drei Fahrzeuge fast sofort.
Joren meldete die Übernahme am Straßenknick. „Pops an Anubis. Wir haben den Transport. Glimmer hält den Nordhang, Ruckus die Südseite. Curfew deckt die Straße zum Schiff.“
Ruckus war Rook Martez im Panther. Lysa kannte sein Callsign, ohne dass sie es hätte nachschlagen müssen; bevor seine Stimme über den Kanal kam, ordnete sie den Namen bereits im Kopf der richtigen Fahrzeugsilhouette zu.
„Südseite frei. Ich sehe nur Pflanzen, Regen und etwas, das hoffentlich ein Baumstamm ist.“
Joren ließ die Bemerkung ohne Antwort stehen. Rook fügte nichts hinzu.
„Zustand der Überlebenden?“, fragte Joren.
„Schwer geschwächt, aber lebend. Mara Venn, Veterinärmedizin und Verhaltensforschung. Heller, vermutlich Sicherheitschef, wird vermisst.“
„Kann sie sagen, was passiert ist?“
„Noch nicht zuverlässig. Dr. Vex entscheidet, wann wir wieder mit ihr sprechen.“
„Gut. Dann lassen wir aus dem ersten Namen noch keinen Täter werden.“
„Genau.“
Der Maxim erreichte die Rust Bucket. Lena und Decker kehrten um. Auf dem Rückweg blieb der Funk ungewöhnlich still. Decker fuhr seinen Flea diesmal nicht am Javelin vorbei, obwohl die Straße breit genug gewesen wäre. Beide kamen in derselben Reihenfolge zurück, in der sie aufgebrochen waren.
Währenddessen begann Fiona mit der Diagnose des Caesar. Lysa stand unterhalb der rechten Schulter, als die Technikerin die Außenabdeckung öffnete und den Datenadapter anschloss. Willa saß mehr als einen Kilometer entfernt, sah aber jeden Wert auf ihrem Terminal.
„Aktivator überhitzt, keine strukturelle Abweichung“, sagte Willa. „Das Gelenk muss abkühlen. Danach Kalibrierung. Zwei Stunden ohne schwere Last am rechten Arm.“
Fiona strich mit zwei Fingern über eine Leitung. „
Alles klar.“ Damit war für sie alles gesagt.
Die Halle war inzwischen hell genug, dass ihre Arbeit nicht mehr wie ein Abenteuer aussah, sondern wie eine Reparatur in einer kalten, schmutzigen Werkstatt.
Die Zeit nach der Bergung Mara Venns dehnte sich.
Red Horizon blieb vollständig in der Halle. Hale hielt die westliche Fahrgasse. Sera überwachte Gamma und die Käfigreihen. Decker übernahm nach seiner Rückkehr wieder Alpha. Lena stand an der inneren Sperre, bis Cassia ihr erlaubte, den Javelin in einen markierten Bereitschaftsplatz zurückzunehmen.
Die drei übrigen Sunfist-Piloten blieben am Landefeld. Bram bewegte den Ostsol nicht mehr in Richtung Straße. Stattdessen half er den Technikern mit den Händen des Mechs, eine umgestürzte mobile Barrikade aufzurichten, die der Sturm verschoben hatte. Miko hielt den Marauder mit Blick auf den nördlichen Waldrand. Willa wechselte zwischen Starslayer und Technikstation und führte weiterhin die Systemanalyse der Anlage.
Lysa hörte ihre Stimmen nur selten. Gerade deshalb wusste sie, dass dort gearbeitet wurde.
Der Kabeltrupp zog eine zweite Leitung in die Halle. Die erste blieb für Befehls- und Sensordaten reserviert. Die zweite verband tragbare Kameras, Bewegungsmelder und die medizinische Sammelstelle. An der Schwelle von Alpha montierten die Techniker eine robuste Anschlussbox, deren grüne Kontrolllichter im Regen blinkten. Ein Signalverstärker unter der Kontrolltreppe nahm die Übertragung auf und schickte sie weiter zur Kabine.
Als die Verbindung stabil war, richtete Captain Foyle auf der Rust Bucket eine eigene Stationsanzeige ein. Seine Stimme kam über die Hallenlautsprecher, nachdem Fiona einen alten Verstärker angeschlossen hatte.
„Bucket an Anubis. Wir empfangen nun die Kameras eins bis sechs. Kamera vier zeigt hauptsächlich Walls Rücken, was vermutlich beruhigend gemeint ist. Kamera fünf sieht einen leeren Käfig. Kamera sechs sieht etwas, das Parris als Kabel bezeichnet und ich als nasse Schlange.“
„Die Schlange ist Ihre Verbindung zu uns“, sagte Lysa.
„Dann behandeln wir sie mit Respekt. Long Tom bleibt technisch bereit und ungeladen. Curfew hat drei mögliche Zielräume außerhalb des Stationsbereichs vermessen. Keine Feuerfreigabe, nur Planung.“
„Bestätigt.“
„Dr. Vex stabilisiert unsere Patientin. Sie möchte außerdem wissen, wann Sie zuletzt gegessen haben.“
Lysa sah auf die Uhr. „Das ist nicht Teil des Lageberichts.“
„Ich habe es wenigstens versucht.“
Foyle beendete die Verbindung, bevor sie antworten konnte.
Wenig später kam ein Versorgungstrupp mit warmen Getränken und Nahrungsbehältern. Der Geruch von Brühe und erhitztem Getreide mischte sich mit Öl und feuchtem Beton. Menschen aßen dort, wo ihre Stellung es erlaubte. Einige lehnten an Containern, andere saßen auf umgedrehten Werkzeugkisten. Niemand trat über die roten Markierungen.
Lena stieg aus dem Javelin.
Sie brauchte länger als Decker, weil sie jeden Gurt ordentlich löste und den Neurohelm sorgfältig in der Cockpithalterung befestigte. Als sie die Leiter hinunterkam, wirkte sie kleiner, als ihre Stimme im Funk vermuten ließ. Drahtig, kurze fransige Haare, die unter dem Helm ihre Form verloren hatten, und ein makelloser, schneeweißer Kühlanzug, der am Morgen noch aussah, als sei er nie getragen worden.
Lena stammte aus einer Familie, die sich solche Extravaganzen leisten konnte, und niemand in der Kompanie hatte je einen zweiten wie ihn gesehen; er war der eigentliche Grund, warum der Spitzname Princess an ihr haftete, mehr als ihr Nachname oder ihre Herkunft. Nun klebte der Stoff am Rücken, war an einem Knie verschmiert und trug einen dunklen Streifen dort, wo Lena beim Abstieg an die Panzerung gekommen war.
Sie bemerkte den Fleck sofort und rieb mit dem Handschuh darüber. Dadurch wurde er nur größer.
Decker sprang die letzten beiden Sprossen seines Flea hinunter und landete zu hart. Seine Knie gaben kurz nach. Er fing sich, sah sich um, ob es jemand bemerkt hatte, und zog die Jacke über der Kühlwest zurecht. Ein kurzes Frösteln durchlief seinen Körper, kaum dass er das warme Cockpit seines Mechs verlassen hatte. Das helle Haar stand in alle Richtungen. Das gewöhnliche Grinsen erschien erst, als er Lena sah, und wirkte aufgesetzt.
„Du hast da etwas“, sagte er und deutete auf ihren Ärmel.
Lena blickte auf den Fleck. „Das weiß ich.“
„Ich wollte nur—“
„Klappe.“
Decker schloss den Mund. Das Grinsen verschwand nicht ohne Enttäuschung. Er nahm zwei Nahrungsbehälter vom Versorgungstisch, stellte einen neben Lena ab und setzte sich ein Stück entfernt auf eine niedrige Schiene.
Nach einer Weile nahm sie den Behälter.
Keiner von beiden sagte etwas dazu.
Hale verließ seinen Shadow Hawk IIC erst, als Sera die westliche Fahrgasse zusätzlich in ihr Sensorfeld genommen hatte. Er stieg ohne Hast aus. Der drahtige Körper, das sonnengebleichte dunkelblonde Haar und der wilde Bartschatten ließen ihn älter wirken als seine fünfundvierzig Jahre. Er bewegte sich am Boden ebenso sparsam wie im Mech. Kein Blick blieb lange an einem Gegenstand hängen, doch nichts schien ihm zu entgehen.
Er ging nicht zu den anderen Piloten. Zuerst prüfte er die Markierungen an Alpha, dann Cassias Feuerstellung und schließlich den beschädigten IndustrieMech. Erst danach nahm er eine Tasse Kaffee und stellte sich an eine Stütze, von der aus er weiterhin die Halle überblickte.
Sera blieb im Exterminator.
Lysa sah nur die dunkle Silhouette ihres Mechs vor den Käfigen. Sera hätte aussteigen können. Sie entschied sich dagegen, solange der östliche Bereich ungeklärt war. Es war eine vernünftige Entscheidung. Bei Sera bedeutete Vernunft allerdings nie, dass sie nur einen Grund besaß.
Cassia setzte sich für drei Minuten auf die unterste Stufe der Kontrolltreppe. Sie zog das Zigarillo hinter dem Ohr hervor, drehte es zwischen den Fingern und steckte es wieder zurück. Die Müdigkeit zeigte sich nicht in ihrer Haltung, sondern darin, dass sie die Augen einmal länger schloss, als ein Blinzeln dauerte.
Dann stand sie auf und ging ihre Stellungen erneut ab.
***
Am späten Nachmittag hatte Willa genug aus dem lokalen Netz geborgen, um die letzten Stunden vor dem Ausfall zu ordnen.
Lysa stand im Kontrollraum, als die Ereignisse auf dem Hauptdisplay erschienen. Die Liste war unvollständig. Zeitstempel fehlten, Benutzerkennungen waren beschädigt, und mehrere Einträge ließen sich nur aus den Rückständen im Speicher rekonstruieren. Trotzdem ergab sich ein Ablauf.
Ein Außensensor am Nordzaun fiel aus.
Drei Minuten später wurde ein Zaunsektor getrennt.
Die Hauptenergie ging in einen reduzierten Modus. Danach öffneten sich die ersten Gehege im östlichen Komplex. Nicht gleichzeitig und nicht zufällig. Eine Tür nach der anderen. Schotts schlossen hinter den Tieren und öffneten vor ihnen. Lüfter wechselten die Richtung. Beleuchtung ging in einigen Korridoren an und in anderen aus.
Willa legte die Befehle über den Stationsplan. Zwei Linien entstanden. Sie kamen aus unterschiedlichen Haltungsbereichen, vereinigten sich kurz vor der Halle und endeten dort.
„Das reguläre Notprogramm führt nach Gamma“, erklärte sie über den Lautsprecher. „Bei einem Brand oder Ausfall werden Transferwege zum östlichen Außenplatz geöffnet. Diese Folge hat die Tiere von Gamma weggeführt. Der letzte freie Bereich war die Halle.“
Lysa sah auf Alpha. „Das Haupttor blieb geschlossen.“
„Ja.“
Fiona stand neben der Konsole und hielt die Arme vor der Brust. „Dann war die Halle kein Ausgang. Sie war ein Sammelraum.“
Cassia betrachtete durch die Scheibe die markierten Fundorte der Toten. „Mit Menschen darin und einem Haufen panischer Tiere.“
Niemand antwortete darauf.
Lena war ebenfalls in die Kabine gekommen, nachdem Hale ihren Bereitschaftsplatz übernommen hatte. Sie stand etwas abseits und sah auf die roten Wege. Der Fleck an ihrem Ärmel war getrocknet. Ihre Haltung erinnerte an Lysa – gerader Rücken, Hände ruhig hinter dem Körper –, aber sie hielt die Schultern zu hoch. Die Haltung war nachgeahmt, nicht gewachsen.
„Könnte das System versucht haben, die Tiere von den Laboren fernzuhalten?“, fragte sie. „Vielleicht hat jemand die falsche Route gewählt, weil Gamma bereits blockiert war.“
Willa antwortete nicht sofort. Sie prüfte zwei Einträge erneut. „Eine einzelne falsche Route wäre möglich. Hier wurden mehr als zwanzig Schotts in sinnvoller Reihenfolge geschaltet. Außerdem wechselte die Lüftung so, dass Gerüche aus Futter- und Sedierungsräumen entlang derselben Strecke gezogen wurden.“
Lena sah zu Fiona. „Jemand hat sie geführt.“
„Ja“, sagte Fiona. Ihre Stimme war leiser als sonst.
Lena wandte den Blick wieder zum Plan. Sie stellte keine weitere Frage.
Die Forschungsspeicher waren größtenteils erhalten. Datensätze über Chitinstrukturen, Regeneration, Toxine, Immunreaktionen und das ungewöhnlich langsame Zellaltern einiger großer Arten füllten ganze Verzeichnisse.
Manche Einträge betrafen Wesen, die Lysa aus eigener Anschauung kannte: das reptilartige Tier, das sie am ersten Tag auf dem Landefeld gesehen hatten, groß wie ein IndustrieMech und mit einem Kieferdruck, der selbst leichte Panzerung hätte durchdringen können. Andere Verzeichnisse widmeten sich ausschließlich den Insekten, deren Größe nach jedem gewöhnlichen Maßstab unmöglich war, aber auf Hunter's Paradise, unter einer Atmosphäre und Schwerkraft, die kaum noch der von Terra glich, offenbar ihre eigene Logik besaß. Die Menschen von Cindershield Vier hatten Tiere gefangen, untersucht, sediert und teilweise weiterverkauft. Manche waren nach Markierung wieder ausgesetzt worden. Andere sollten an Jagdparks, zoologische Einrichtungen, Pharmaunternehmen oder private Käufer gehen.
Nichts in den zugänglichen Daten deutete darauf hin, dass die Station die Kreaturen erschaffen hatte.
Die Tiere waren gefährlich, weil Hunter’s Paradise sie hervorgebracht hatte, nicht weil ein Labor sie aus Einzelteilen zusammengesetzt hatte.
Gelöscht waren andere Bereiche.
Besucherlisten der letzten Monate. Frachtmanifeste. Sondertransporte. Zahlungsregister. Externe Sicherheitsfreigaben. Lokale Kopien mehrerer Zugangsschlüssel.
„Die medizinisch wertvollsten Reihen sind vollständig“, sagte Willa. „Die Löschung zielte nicht auf Forschungsergebnisse. Sie zielte auf Personen, Wege und Zahlungen.“
Sera meldete sich aus ihrem Exterminator. „Dann wollte jemand nicht verbergen, was hier untersucht wurde. Er wollte verbergen, für wen die Station gearbeitet hat.“
Ihre Stimme kam klar aus dem Hallenlautsprecher. Sie klang weder überrascht noch besonders interessiert. Nur aufmerksam.
Fiona sah zur dunklen Silhouette des Mechs. „Oder jemand nahm die Daten mit, die er verkaufen konnte.“
„Zugangsschlüssel und Besucherlisten haben nur für einen begrenzten Markt Wert“, sagte Sera. „Für den richtigen Käufer allerdings sehr viel.“
Cassia hob eine Hand, bevor daraus ein Wortwechsel wurde. „Wir haben zwei Möglichkeiten und keinen Beweis. Beides kommt in den Bericht, nichts davon wird zur Tatsache.“
Sera antwortete nicht.
Fiona ebenfalls nicht.
Lysa ließ die Ereignisse sichern und auf drei getrennte Datenträger kopieren. Das Originalsystem blieb unangetastet. Willa arbeitete von der Rust Bucket aus weiter an den beschädigten Verzeichnissen, während Fiona jeden lokalen Zugriff protokollierte.
Dr. Vex meldete sich kurz vor Einbruch der Dunkelheit.
„Unsere Patientin ist wach“, sagte sie. „Stabil ist ein großzügiges Wort, aber sie kann einige Minuten sprechen. Einige. Nicht ein vollständiges Verhör, nicht Ihr gesamter Lagekatalog und keine geschickte militärische Auslegung von ‚nur noch eine Frage‘.“
„Verstanden.“
„Ich kenne Sie, Major.“
Das Bild wechselte zur Krankenstation der Rust Bucket.
Mara Venn lag unter einer Wärmedecke. Man hatte ihr Gesicht gereinigt und den alten Verband entfernt. Die neue Abdeckung an der Schulter war größer, als Lysa erwartet hatte. Eine Infusion lief in den rechten Arm. Mara sah nicht mehr aus, als würde sie jeden Augenblick das Bewusstsein verlieren, aber ihre Haut blieb grau und gespannt.
„Major Trent“, sagte sie.
„Dr. Venn.“
„Mara.“
Lysa nickte. „Wir haben nur den vorderen Hallenbereich gesichert. Die Tierhaltung und die inneren Korridore sind noch geschlossen.“
Mara atmete langsam aus. „Gut.“
„Wir fanden mehrere Tote mit Schussverletzungen. Außerdem zeigen die Systemprotokolle, dass jemand die Tiere gezielt in die Halle geführt hat.“
Mara schloss die Augen. Ihre Finger bewegten sich auf der Decke, suchten eine Falte und hielten sie fest.
„Sie sagten im Schutzraum, Heller habe Sie hineingebracht. War er der Sicherheitschef?“
„Ja. Aron Heller.“
„Was geschah vorher?“
Mara brauchte lange, bevor sie antwortete. Als sie sprach, kamen die Sätze nicht geordnet, sondern in Stücken, zwischen denen sie nach Luft suchte.
„Es waren Besucher da. Männer. Eine Frau auch, glaube ich. Nicht zusammen. Zwei kamen über Gamma mit einem Fahrzeug. Später noch welche aus dem Materialstollen. Sie hatten Freigaben von Corvantis. Heller prüfte sie. Alles war gültig.“
„Was wollten sie?“
„Audits. Sondertransporte. Sie fragten nach schwarzen Laufwerken im Datenkern.“
„Schwarz markiert?“
Mara nickte schwach. „Andere Verschlüsselung. Nicht für Forschung. Ich hatte keinen Zugriff.“
„Wer hatte ihn?“
„Direktor San. Heller. Zwei Vertreter von Corvantis.“
Dr. Vex stand außerhalb des Bildes, aber Lysa sah an Maras Blick, dass die Ärztin dort war.
„Dann fiel der Nordzaun aus?“, fragte Lysa.
„Ein Besucher bestand darauf, sein Fahrzeug stehe dort. Heller schickte Leute hinaus. Danach ging in den Korridoren das Licht weg. Die Gehegetüren öffneten sich. Erst eine, dann viele. Wir dachten, es sei das Notprogramm, aber die Tiere kamen nicht nach Gamma.“
Mara hob die linke Hand wenige Zentimeter und ließ sie wieder sinken. „Sie kamen zu uns.“
„Haben Sie gesehen, wer die Schotts steuerte?“
„Nein. Im Kontrollraum war niemand mehr, als ich hinkam. Nur die Anzeige. Dann Schüsse. Heller fand mich auf der Treppe. Er blutete am Arm und sagte, ich müsse in den Schutzraum.“
„Warum verriegelte er von außen?“
Mara sah Lysa an. „Damit die Tür hielt.“
„Hat er das gesagt?“
„Er sagte, er kommt zurück.“
Die Antwort enthielt keine Gewissheit, nur die Erinnerung daran, was Mara hatte glauben wollen.
Lysa wechselte die Frage. „Kamen die Besucher wegen der Tiere?“
Mara schüttelte den Kopf. „Nein. Die Tiere waren hier. Sie wussten nur, wie sie sie benutzen konnten.“
„Wofür?“
„Um uns aus den Wegen zu treiben. Um die Sicherheit zu teilen. Vielleicht um alles wie einen Unfall aussehen zu lassen.“
Ihre Stimme brach. Dr. Vex trat ins Bild und legte eine Hand an Maras Arm.
„Genug“, sagte sie.
Mara ignorierte sie für einen letzten Satz. „Wir haben sie hereingebracht, Major. Nicht die Männer. Wir. Wir glaubten, die Käfige und Schotts wären Kontrolle. Und jetzt sind alle tot.“
Dann schloss sie die Augen, es blieb offen, wen genau sie meinte.
Dr. Vex beendete die Verbindung.
Lysa stand noch einige Sekunden vor dem dunklen Display. Hinter ihr summte die Konsole. Durch die Fenster sah sie die beleuchtete Halle, die Mechs und die Menschen zwischen ihnen. Das System von Cindershield Vier hatte aus Käfigen, Türen und Gerüchen eine Waffe gemacht, weil jemand verstanden hatte, wie all diese Teile zusammenwirkten.
Es war keine fremde Art von Krieg.
Nur eine andere Größenordnung derselben Verantwortung.
Joren kam über die Kontrolltreppe herauf, als Olan die Führung auf der Straße übernahm. Sein Mad Cat stand nun nahe Alpha, aber noch außerhalb der Halle. Dust Wolves blieb als Lanze auf der äußeren Achse; Karin und Rook hielten die Hänge, Olan den rückwärtigen Feuerbereich. Joren hatte sich nur für die Besprechung gelöst, nicht seine Formation aufgebrochen.
Ohne Neurohelm sah er müder aus als im Funk. Dunkelblondes Haar lag feucht an den Schläfen, die ersten grauen Strähnen deutlicher als am Morgen. Er stellte eine Tasse neben Lysa auf die Konsole.
„Brühe“, sagte er. „Foyle behauptet, sie sei trinkbar. Das ist keine Empfehlung, nur eine Information.“
Lysa nahm die Tasse. „Danke.“
Joren sah sie an, dann kurz zum heruntergeregelten Licht über der Konsole. „Wie stark?“
„Fünf.“
Sie ersparte ihnen beiden den ersten Teil des üblichen Gesprächs.
Er nickte. „Hast du etwas genommen?“
„Die leichte Dosis.“
„Wann?“
„Vor ungefähr zwei Stunden.“
Joren stützte die Hände auf die Lehne eines Stuhls. „Dann übernehme ich die Nachtschicht vollständig. Ich kann nach der äußeren Übergabe hierbleiben, und Hale führt Red Horizon, solange du schläfst.“
„Joren,“ setzte Lysa an, aber er hob nur die Hand.
„Olan kann vier Stunden übernehmen. Er steht ohnehin lieber im Regen, als in einem Raum voller Menschen zu sitzen.“
Lysa trank. Die Brühe war zu salzig und besser, als sie erwartet hatte. „Ich schlafe, sobald die Nachtaufstellung steht und Willa ihre erste Datenrekonstruktion abgeschlossen hat.“
Joren antwortete nicht sofort. Er sah durch das Fenster zu den Markierungen, den Wachen und den geschlossenen Schotts.
„Fünf Stunden“, sagte er schließlich. „Nicht zwei und danach ein Rundgang, von dem niemand etwas wissen soll.“
„Vier.“
Sein Blick blieb ruhig.
Lysa hätte weiter verhandeln können. Es hätte nichts verändert. „Fünf.“
„Gut.“
Er nahm seine eigene Tasse. Kein zufriedener Kommentar. Keine Bemerkung darüber, dass sie vernünftig geworden sei. Er akzeptierte die Zusage und wechselte zur Lage.
Die Nachtstellung wurde nicht in einer Reihe aufgebaut, sondern nach Notwendigkeit verteilt.
Im Inneren der Halle brauchte es keine vier Mechs mehr, das hatten die vergangenen Stunden deutlich gezeigt. Kein BattleMech konnte in den engen Büros oder Korridoren hinter der Kontrollkabine ohnehin etwas ausrichten; was dort Wache hielt, war Cassias Infanterie, nicht zwölf Meter Stahl. Für die beiden noch ungeklärten Seitenzugänge genügten zwei Maschinen. Hale blieb mit dem Shadow Hawk IIC in der westlichen Fahrgasse, mit Blick auf das Schott, hinter dem der Materialstollen lag. Sera hielt mit dem Exterminator die östliche Käfigzone und den Zugang zum Tiertransfer.
Decker und Lena zogen sich mit ihren Maschinen nach Alpha zurück, an die Schwelle zwischen Halle und Vorplatz, wo sie sowohl den Tunnel als auch den Übergang zur Straße im Blick behielten. Lysa ließ den Caesar ebenfalls dort stehen, bereit, aber nicht mehr aktiv im Cockpit. Sie zählte für die kommenden fünf Stunden zum ersten Ruheteam.
Joren schloss währenddessen die Übergabe an Olan ab. Danach würde er in der Kontrollkabine bleiben und die Nachtschicht übernehmen, während Hale Red Horizon im Inneren führte.
Alpha blieb geöffnet, wurde für die Nacht jedoch nicht ungesichert gelassen. Ein Technikertrupp der Rust Bucket verankerte zwei schwere Frachtgestelle versetzt im Tunnel und bildete damit eine breite Schikane. Ein BattleMech konnte zwischen ihnen hindurch, kleinere Tiere mussten jedoch einen knapp zwanzig Meter langen, vollständig ausgeleuchteten Korridor passieren.
Cassias Leute brachten Bewegungsmelder auf mehreren Höhen an und ergänzten sie durch mobile Kameras und zwei ferngezündete Leuchtkörper. Der Javelin und der Flea deckten den Korridor aus unterschiedlichen Winkeln, ohne einander in der Feuerlinie zu stehen. Die Sperre würde einen großen Angriff nicht aufhalten, aber niemand konnte mehr unbemerkt aus dem Regen in die Halle gelangen.
Dust Wolves hielt die Straße. Sunfist blieb am Landefeld bei der Rust Bucket. Die Trennung wurde für die Nacht nicht aufgehoben. Bram, Miko und Willa sicherten weiterhin Schiff, Werkstätten und rückwärtige Zufahrt. Manticore und Schrek standen an den Rändern des Pads, der Condor bei Alpha, der Maxim als bewegliche Verbindung dazwischen. Der eigentliche Perimeter der Nacht lag nicht im Berg, sondern auf der Strecke dazwischen und um das Landefeld selbst, dort, wo ein BattleMech seine Reichweite und seine Beweglichkeit tatsächlich nutzen konnte.
Cassias Infanterie teilte sich in zwei Wachen. Eine hielt Kontrollraum, Galerien und innere Sperre. Die andere ruhte in einem Bereich hinter der Hallenschwelle, der mit Planen gegen Zugluft und Sicht aus den Seitengängen abgeschirmt worden war. Niemand schlief in den tieferen Büros. Die Schutzraumtür blieb offen, der Raum selbst als medizinischer Ausweichpunkt vorbereitet.
„Ich hole Patel morgen früh heran“, sagte Cassia, als sie sich kurz zu Lysa gesellte. „Sein Zug sitzt seit Tagen auf der Rust Bucket und wartet auf einen Auftrag, der zu seinen Fahrzeugen passt. Hoverbikes und Sleds sind in dieser Halle nutzlos, aber draußen, auf der Straße und um das Landefeld, kann er die Perimeterwachen entlasten, die jetzt Dust Wolves allein tragen.“
„Genehmigt“, sagte Lysa. „Dann bekommen wir endlich beide Züge der Coyotes dort eingesetzt, wo sie am meisten taugen.“
Die Halle wurde nicht zur Basis erklärt, sie blieb ein gesicherter Vorderbereich einer unbekannten Anlage, aber auch ein zweiter Ort zum Ausruhen, der Platz bot.
Draußen verschwand der Vorplatz im Regen. Das Licht der Scheinwerfer endete an der ersten Wand aus Farnen und breiten Blättern. Dahinter riefen Tiere aus unterschiedlichen Entfernungen. Manche Laute waren hoch und rhythmisch, andere so tief, dass sie durch die Sohlen der Stiefel gingen. Einmal antwortete aus der Tierhaltung ein dumpfes Scharren. Sera meldete eine schwache Wärmebewegung hinter einem geschlossenen Käfig, doch die Verriegelung hielt.
Niemand öffnete ihn.
Lysa ging vor ihrer Ruhephase noch einmal durch den Brückenkopf.
Am Boden sah sie Decker auf dem Fuß des Flea sitzen. Die Ärmel seiner Feldjacke waren hochgekrempelt, doch er fror und rieb die Hände aneinander. Als er sie bemerkte, wollte er aufspringen.
„Bleib sitzen“, sagte sie.
Er blieb halb erhoben und setzte sich wieder. „Ich bin in fünf Minuten zurück im Cockpit.“
„Die Ablösung ist erst in zwölf fällig.“
„Ich wollte nur vorbereitet sein.“
Lysa sah zu Alpha. „Deine Meldungen im Tunnel waren gut.“
Etwas in Deckers Haltung veränderte sich bei dem Lob, kaum merklich, aber lange genug bekannt, dass Lysa es erkannte.
Er war einundzwanzig, der Sohn ihrer Cousine, und seit er als Junge in ihrem Schatten durch die Familienfeiern gelaufen war, hatte er nie aufgehört, sich um ihre Anerkennung zu bemühen. Auf Hunter's Paradise war das nicht anders, nur dass die Feiern durch Gefechte ersetzt worden waren und das Kompliment, das er suchte, nicht mehr Tante Lysa, sondern Major galt.
Sie ließ sich davon nicht weicher stimmen, als die Lage es erlaubte.
Decker blickte sie an. Das schnelle Grinsen erschien diesmal nicht. „Der Flea ist mir an der Schiene weggerutscht.“
„Das habe ich gesehen.“
„Ich hätte langsamer gehen sollen.“
„Ja.“
Er senkte den Blick auf seine Hände. „Ich dachte, wenn ich sofort korrigiere, sieht es niemand.“
„In einer Lanze sehen die anderen fast alles. Das ist einer der Gründe, warum sie existiert.“
Decker nickte. Nach einer Pause fragte er: „War das Tier wirklich nur auf dem Weg nach draußen?“
„Das wissen wir nicht. Wir gaben ihm einen Weg, und es nahm ihn.“
„Ich hatte Angst, dass es Lena erwischt, wenn sie zurückgeht.“
Der Satz kam leise und ohne Versuch, ihn leichter zu machen, aber seine Zuneigung war offensichtlich.
„Angst ist kein Fehler“, sagte Lysa. „Eine Bewegung, die du nur machst, damit niemand die Angst bemerkt, kann einer werden. In einer Einheit ist es auch wichtig, um Schwächen oder Fehler zu wissen, anstatt sie zu kaschieren. Geheimnisse töten Menschen, Decker.“
Sie sagte seinen Namen und nicht sein Callsign, was sie im Dienst selten tat. Für einen Moment war sie nicht die Kommandantin, die einen jungen Piloten zurechtwies, sondern eine Frau, die den Sohn ihrer Cousine ermahnte, weil ihr etwas an ihm lag, das über den Auftrag hinausging.
Decker sah zur dunklen Öffnung von Alpha. „Verstanden.“
Lysa ging weiter.
Lena stand neben dem Javelin und reinigte mit einem feuchten Tuch den getrockneten Schmutz von ihrem Kühlanzug. Der Fleck am Ärmel war nicht verschwunden. Sie hatte ihn nur verschmiert und größer gerieben.
„Sie bekommen ihn heute nicht heraus“, sagte Lysa.
Lena hielt inne. „Ich weiß.“
„Warum versuchen Sie es dann?“
Die junge Frau betrachtete das Tuch. „Ich möchte morgen nicht aussehen, als hätte ich auf dem Boden geschlafen.“
„Nun ich kann sie beruhigen, diese Frage wird sich in naher Zukunft nicht stellen, denn sie werden auf dem Boden schlafen.“
Lena presste die Lippen zusammen. Für einen Moment sah sie aus, als wolle sie widersprechen. Dann ließ sie das Tuch sinken.
„In der Akademie hatten wir nach jedem Einsatz einen Umkleideraum“, sagte sie. „Die Kühlanzüge gingen zur Reinigung, und bevor wir zur Auswertung mussten, waren wir wenigstens wieder… ordentlich.“
Sie schien selbst zu merken, wie das klang, und sah zur Seite. „Ich weiß, dass das hier nicht dasselbe ist.“
Lysa setzte sich nicht neben sie. Sie blieb stehen, nah genug, dass Lena nicht zum Cockpit hinaufrufen musste.
„Ordnung ist nichts Schlechtes. Sie darf nur nicht davon abhängen, dass jemand anders sie für Sie vorbereitet, oder sie von ihren Pflichten ablenkt. Im Gefecht interessiert sich niemand dafür.“
Lena nickte. „Cassia hält mich für verwöhnt.“
„Cassia hält fast jeden MechKrieger für verwöhnt. Wir sitzen in unseren Blechbüchsen, wie sie sagen würde, fein gestriegelt, geschützt im Warmen, während sie, ihre Mädels und Jungs durch den Schlamm kriechen.“
Ein kleines Lächeln erschien, verschwand jedoch wieder. „Sie hat bei mir wahrscheinlich mehr Gründe.“
„Dann geben Sie ihr weniger.“
Lena sah auf das Tuch. „Ich hätte den Techniker beinahe übersehen.“
„Er hätte seine Bewegung ebenfalls melden müssen. Sie waren beide Teil des Fehlers.“
„Aber mein Teil hätte ihn getötet.“
Lysa antwortete nicht sofort. Die Ehrlichkeit des Satzes brauchte keine Beschwichtigung.
„Deshalb haben Sie heute etwas gelernt, das ein Simulator nicht überzeugend beibringt“, sagte sie schließlich. „Ein Mech bewegt sich nicht nur auf Gegner zu. Er bewegt sich zwischen Menschen, Fahrzeugen und Dingen, die nicht ausweichen können. Behalten Sie das.“
Lena nickte. Ihre Augen glänzten im kalten Hallenlicht, aber sie blinzelte nicht schneller und sah nicht weg.
„Ja, Major.“
Lysa ließ sie mit dem Fleck und dem Tuch zurück.
Im Kontrollraum hatte Cassia die Nachtkarten an die Wand gehängt. Hale stand daneben und prüfte die Rückzugswege. Sera war wieder im Cockpit ihres Exterminators. Während der Schichtübergabe hatte sie sich für knapp zwanzig Minuten von der Stellung lösen lassen, Wasser aufgenommen, den Kühlanzug gewechselt und war anschließend in die Maschine zurückgekehrt. Oleg schlief bereits sitzend hinter seiner schweren Waffe, den Kopf an die Betonstütze gelehnt, während ein anderer Soldat die Stellung hielt.
Lysa legte sich im vorderen Bürotrakt auf eine Feldliege. Die Pistole lag in Reichweite. Durch die dünne Wand hörte sie Pumpen, Schritte und die gedämpften Stimmen der Wache. Der Berg war nicht still, doch die Geräusche gehörten nun teilweise den Jackals.
Sie schlief, bevor sie bewusst darauf wartete.
***
18. Oktober 3151
Vor Tagesanbruch
Als Lysa erwachte, war die Halle nicht lauter geworden.
Etwas fehlte.
Sie lag einige Sekunden still und hörte in die Wand hinein. Das Summen des Generators war noch da. Schritte gingen vor dem Büro vorbei. Aus der Ferne kam das tiefe, regelmäßige Brummen eines BattleMech-Reaktors im Bereitschaftsmodus.
Die Pumpen waren verstummt.
Lysa setzte sich auf. Der Schmerz hinter dem rechten Auge war auf ein dumpfes Ziehen zurückgegangen. Ihre Uhr zeigte, dass sie vier Stunden und achtundfünfzig Minuten geschlafen hatte.
Joren hatte ihr die fehlenden zwei Minuten offenbar erlassen.
Bevor sie die Stiefel vollständig geschlossen hatte, sprang eine der Pumpen wieder an. Sie ratterte zweimal, brachte ein Rohr in der Wand zum Schlagen und fand dann ihren Rhythmus. Jemand fluchte im Korridor. Fiona antwortete mit einer längeren Erklärung, von der Lysa nur die Wörter Ansaugventil und nicht meine Schuld verstand.
Im Kontrollraum saß Joren an der mittleren Konsole. Sein Neurohelm lag neben einer leeren Tasse. Cassia stand am Fenster und sprach leise mit einer Wache auf der Galerie. Willa war über einen großen Datenkanal zugeschaltet; ihr Gesicht erschien nicht, nur mehrere sauber geordnete Fenster mit Speicherfragmenten und Zeitmarken.
„Veränderung?“, fragte Lysa.
Joren sah kurz auf die Uhr. „Keine äußeren Kontakte. Glimmer hatte zwei mögliche Bewegungen am Westhang, beide verschwanden im Regen. Ruckus wollte nachsehen, blieb aber nach einem Blick von Olan an seiner Position. Gamma meldete einmal Vibration, keine Bewegung am Schott. Mara Venn schläft.“
Er schob ihr eine Tasse zu. Der Inhalt roch nach Kaffee und schmeckte wahrscheinlich nicht danach.
„Und die Pumpe?“
„Faserreste im Ventil. Pyro ist persönlich beleidigt, weil Cassia ihr eindeutig untersagt hat irgendetwas in die Luft zu jagen. Also fummelt sie jetzt die Fasern einzeln heraus. Ich glaube so wirklich begeistert ist sie nicht, vor allem wenn man bedenkt, was sich da so alles herumkriecht.“
Aus dem Lautsprecher kam Fionas Stimme. „Das ist einfach nur eklig, ich schwöre das nächste Mal nur was kleines, nur ein bisschen Feuer.“
Cassia schloss den Kanal, ohne zu antworten, das Nein war somit eindeutig genug.
Lysa nahm die Tasse. „Micron?“
Willa öffnete eine vergrößerte Ansicht des westlichen Stollens, der sich auf das Display legte. „Ich habe den Zugriff aus Beta lokalisiert. Wartungsknoten B-17, zweihundertacht Meter hinter dem Schott. Keine drahtlose Verbindung, keine Fernsteuerung. Jemand musste dort physisch ein Gerät anschließen.“
„Drei Stunden nach dem Alarm.“
„Drei Stunden und siebzehn Minuten. Zugriffsdauer elf Minuten, vierundzwanzig Sekunden. Besucherlisten, Frachtregister, Zahlungsdaten. Danach Löschvorgänge.“
Joren stand auf und trat neben Lysa. „Die Tiere waren zu diesem Zeitpunkt bereits in der Halle. Wer am Knoten arbeitete, wusste entweder, dass die Route funktionierte, oder nahm das Risiko bewusst in Kauf.“
„Gibt es einen Weg vom Datenkern nach Beta, ohne durch die Halle zu gehen?“, fragte Lysa.
Willa legte einen schmalen Servicetunnel über die Karte. „Ja. Personalgang entlang der westlichen Werkstätten. Mehrere Brandschotts dazwischen. Status unbekannt.“
„Dann konnten sie die Halle umgehen.“
„Wahrscheinlich.“
Willa schob ein weiteres Zeitfenster auf das Display. „Es gibt noch einen zweiten Zugriff.“
Lysa stellte die Tasse ab. „Wann?“
„Vor sechs Tagen. Derselbe Knoten. Nur vierunddreißig Sekunden.“
Im Kontrollraum wurde es still.
Willa zeigte die abgefragten Werte: Restleistung des Notgenerators, Zustand von Alpha, Temperatur in der Halle, Aktivität der Innenkameras und letzte Bewegung der großen Schotts.
„Jemand hat geprüft, ob die Station noch arbeitet“, sagte Joren.
„Oder ob inzwischen jemand angekommen war“, erwiderte Cassia.
Sie hatte sich vom Fenster abgewandt. Ihre Hand lag am Zigarillo hinter dem Ohr, zog es jedoch nicht hervor.
„Kann die Abfrage automatisch von einem zurückgelassenen Gerät gekommen sein?“, fragte Lysa.
„Technisch möglich“, sagte Willa. „Aber der Knoten erhielt vorher keine Energie. Jemand oder etwas musste den mechanischen Schalter am Gehäuse betätigen. Ein Zeitschalter hätte dort wochenlang auf eigener Versorgung warten müssen. Dafür finde ich keine Signatur.“
„Und der Transporter vor Alpha?“, fragte Lysa. „Ich will wissen, ob er zu einem der Aufklärungstrupps gehörte.“
„Die äußere Kennung ist beschädigt“, sagte Willa. „Das tragbare Bediengerät und die verbliebenen Fahrzeugdaten werden gerade ausgelesen. Ich gleiche beides mit den Fahrzeuglisten des Betreibers und den Einsatzunterlagen der beiden Expeditionen ab.“
„Priorität.“
„Schon dabei. Bis wir eine Übereinstimmung haben, behandeln wir das Fahrzeug als ungeklärt.“
„Einer der vermissten Aufklärungstrupps?“, fragte Lysa.
„Nicht ausgeschlossen“, sagte Willa. „Die Betreiberakten sind unvollständig, und ich habe noch keine gesicherte Teilnehmerliste für beide Einsätze. Der Zugriff beweist, dass jemand an diesem Knoten war. Noch nicht, wer.“
„Dann bleibt es genau so im Bericht.“
Sera meldete sich aus dem Exterminator. Sie war während Lysas Ruhephase nicht ausgestiegen. „Dann war vor sechs Tagen jemand in Beta. Ob dieselbe Person noch dort ist, wissen wir nicht.“
Hale antwortete aus dem Shadow Hawk IIC. „Und wir gehen nicht blind durch das Schott, um es herauszufinden.“
Es war keine Frage.
Lysa rief die äußere Karte auf. Der Regen hatte in der Nacht nachgelassen, war aber nicht verschwunden. Vor Alpha lag ein grauer, noch lichtloser Morgen. Die Straße zeichnete sich als dunkles Band zum Landefeld ab. Westlich davon stieg der Hang steil an und verbarg den Ausgang von Beta.
„Dust Wolves prüft bei ausreichendem Licht die Außenseite“, sagte sie. „Als vollständige Lanze. Glimmer und Ruckus gehen nicht allein voraus. Pops führt, Curfew hält die Unterstützungsposition. Niemand nähert sich dem Portal auf direkter Linie, bevor die Hänge nach Sensoren und Beobachtungsposten abgesucht sind.“
Joren nickte. „Wir gehen zuerst bis zum westlichen Felsrücken und bleiben in gegenseitiger Waffenreichweite. Karin wird das nicht mögen.“
„Sie muss es nicht mögen.“
„Nein.“ Ein kaum sichtbares Lächeln ging über sein Gesicht und verschwand wieder. „Sie wird es trotzdem tun.“
„Red Horizon bleibt in der Halle. Ronin hält Beta von innen, Phantom Gamma. Jitter und Princess sichern Alpha und den Fahrzeugkorridor. Mein Caesar bleibt an der Schwelle.“
Cassia ergänzte: „Meine Leute lösen die Nachtwache ab, sobald sie gegessen haben. Der innere Korridor bleibt geschlossen. Ich schicke niemanden tiefer, während draußen eine mögliche Beobachtungsstellung ungeklärt ist.“
„Bestätigt.“
Lysa wechselte auf den Kanal zur Rust Bucket. „Sunfist bleibt am Landefeld. Slab, Widow und Micron sichern zusammen mit Pater und Dealer Schiff und Landezone. Keine Verlegung in die Anlage.“
Bram antwortete nach einer kurzen Pause. Er klang müde, aber wach. „Verstanden. Wir halten die Rückseite. Wenn ihr Beta öffnet, will ich die Telemetrie des Caesar und Red Horizon auf meiner Anzeige.“
„Sie bekommen sie.“
Miko meldete: „Nordsektor ruhig. Ich habe in der Nacht zweimal schwache Wärme am Waldrand gesehen. Keine Annäherung, keine Waffenemissionen.“
Willa sagte: „Ich bleibe im System und führe die Datenanalyse. Pyro erhält keine Schottfreigabe ohne meine Bestätigung.“
Fionas empörtes Geräusch kam über einen offenen Nebenkanal und brach ab, als Cassia ihn erneut schloss.
Damit war die Lage verteilt, wenn auch noch lange nicht gelöst.
In der Halle begann die nächste Schicht aufzustehen. Planen wurden zurückgeschlagen, Stiefel geschlossen und Waffen geprüft. Der Geruch von neu erhitzter Brühe zog durch den vorderen Bereich. Decker kletterte in den Flea, langsamer als am Vortag. Lena stand unter dem Javelin und sah nach oben, bevor sie die Leiter ergriff. Sie prüfte erst, ob unter den Füßen des Mechs jemand arbeitete, dann meldete sie Cassia ihren Aufstieg.
Hale und Sera blieben auf ihren Positionen. Die großen Maschinen standen vor den geschlossenen Schotts wie schweigende Wächter. Hinter ihnen begann die ungeklärte Anlage. Vor ihnen führte Alpha hinaus in Regen und Dschungel.
Die Gray Sun Jackals hatten in der Nacht keinen weiteren Meter des Berges gewonnen, aber sie hatten auch keinen verloren.
Lysa trat an das Fenster der Kontrollkabine. Im grauen Licht vor Alpha glänzte die Faserleitung, die von der Rust Bucket durch den Tunnel und über die Hallenwand lief. Menschen hatten sie im Sturm verlegt, befestigt und über jede gefährdete Stelle geschützt. Sie war dünn im Verhältnis zu den Mechs und Kränen, kaum mehr als eine dunkle Linie auf altem Beton.
Doch über diese Linie liefen ihre Stimmen, Karten, Sensordaten und Befehle. Sie verband den kleinen beleuchteten Raum im Berg mit dem Landungsschiff, der Kommandolanze und allem, was den Jackals außerhalb von Cindershield Vier Halt gab.
Weiter westlich, hinter Fels und Regen, lag der Wartungsknoten, an dem vor sechs Tagen jemand die tote Station geprüft hatte.
Lysa sah nicht dorthin. Von hier aus gab es nichts zu sehen.
Sie wartete, bis Joren seine Lanze auf der Straße gesammelt hatte und alle vier Symbole der Dust Wolves dicht genug beieinanderstanden. Erst dann gab sie die Freigabe für den Aufbruch.
Der Morgen begann nicht mit einem Angriff.
Er begann mit vier BattleMechs, die langsam in den Regen hinausgingen, während hinter ihnen die Lampen von Alpha weiterbrannten und der Brückenkopf im Berg wach blieb.
__________________ Wer aufhört besser zu werden, hat aufgehört gut zu sein!
"Ich treffe alles, was ich sehe!"
Starcolonel Kurt Sehhilfe, Clan SeeBug
Dieser Beitrag wurde 1 mal editiert, zum letzten Mal von Andai Pryde: 11.08.2026 15:58.
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10.08.2026 13:11 |
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