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Zum Ende der Seite springen Chevaliers Season V
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Marlin
Sergeant


Dabei seit: 27.03.2005
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Naraka, Halbinsel "Bootcamp"

Der Unteroffizier hielt an und wandte sich jetzt an die Gruppe hinter ihm, dabei hielt er ein Autogewehr hoch. Die Einheit verfügte zwar auch über eine ganze Anzahl höher entwickelter Waffen, aber für die Ausbildung von Reservesoldaten wurden die natürlich nicht verwendet. Es gab außerdem einfach nicht genug Lasergewehre und andere Hightechwaffen für alle.

„Also aufgepasst, das hier ist eins unserer Standard-Autogewehre, Lite-Arms-Tech AutoMaticRifle. Gezogener Lauf, wie seit tausend Jahren üblich, Optikvisier mit 1,5 Vergrößerung, Notvisier, Kimme und Korn bis zweihundert Meter, aufrüstbar. Zwei Feuermodi, hier, Anzeige waagerechter Strich gleich Einzelfeuer, hier, drei-Strichfächer, 3-Schussmodus. Senkrechter Strich ist Sicherung. Darüber, hier“ er zeigte mit seinem dicken Finger darauf, „die Ladungsanzeige fürs Magazin. Fällt die Energiezelle mal aus, nehmt das Notvisier und schaut, dass ihr nicht sinnlos alles verballert.

Ihr habt fünfunddreißig Schuss im vollen Magazin. Heute schießen wir mit Notvisier, damit ihr übt, ohne den Technikkram klarzukommen, morgen mit der Optik. Seid vorsichtig und achtet auf die Kommandos der Sicherheitsmannschaft. Die ersten Bahnen jeder mit zehn Schuss, danach volle Magazine, danach Stressübung, danach Sturmbahn. Teilt euch eure Kräfte bis dahin gut ein, esst nicht zuviel, bis zum Ende, danach könnt ihr ausruhen. Alles klar soweit?"

Die acht „Verlorenen“ vor ihm murmelten Zustimmung. Die Übungen waren der Preis, den sie dafür zu bezahlen hatten, dass die Truppe sich ihrer angenommen hatte. Es gab zwar immer noch einen Unterschied zwischen denen, die von Anfang an oder zumindest aus vollem Einsatz bei der Einheit waren und bereits eine vollwertige militärische Ausbildung und Einsatzerfahrung aufzuweisen hatten, und denen, die einfach keine Alternative mehr hatten und in militärischer Hinsicht relativ unbeschriebene Blätter waren. Und das ließ man sie mitunter auch spüren. Wirkliche Schikanen waren freilich verpönt. Aber die Kommandeure sorgten dafür, dass auch die ungeübten Männer und Frauen nicht nur einen Beitrag als Hilfskräfte leisteten, sondern mehr und mehr bereit waren, vollwertige Kampfeinsätze zu übernehmen. Wobei die Bereitschaft auch in psychologischer Hinsicht zu verstehen war. Der XO hatte es in seiner charmanten Art und Weise so ausgedrückt: „Als Menschen seid ihr gekommen, jetzt müsst ihr lernen, nur noch Soldaten zu sein. Und euer Gegner darf euch nicht mehr bedeuten als eine Zielscheibe!“

Nicht jeder „Verlorene“ fieberte der Chance sich zu bewähren entgegen. Aber Renitenz war auch keine Option.
Dadif hatte gut aufgepasst, obwohl er das Gewehr kannte. Seine Schützenfähigkeiten waren zwar nicht sehr ausgeprägt, aber grundsätzlich konnte er etwas treffen. An den Ernstfall dachte er gar nicht. Es würde auf jeden Fall sehr anstrengend werden. Die Infanteristen der Basis, beeindruckende Erscheinungen, auch wenn sie keine Gefechtspanzer bemannten wie die richtig großen Leute, die natürlich fast alle im Einsatz waren, hatten eine Hindernisbahn, von vielen Hetzbahn genannt, gebaut, die ziemlich fordernd war. Nachdem man darüber gejagt wurde, war man ziemlich erledigt. Er nahm sich vor, sich anzustrengen. Man durfte wirklich nicht zu satt sein, wenn man das in Angriff nahm. Aber natürlich, jeder, der eine Waffe hielt, musste fit sein, um seine Einheit zu verteidigen, wenn es denn sein musste. Bevor er wieder zu viele Gedanken zuließ, riss er sich zusammen, nahm sein Magazin in Empfang und stand an dem Zugang zum Schießkurs. Die anderen waren gerade fertig, so konnten er und seine Gruppe jetzt ihre Stellung beziehen.

Das ganze Gelände lag auf einer Halbinsel, zu der sie in APCs gefahren worden waren. Das waren teils beeindruckende Maschinen, bis zu fünfzig Tonnen schwer und waffenstarrend. Kotzi war heute nicht dabei, der hatte sich schon vor Tagen gefreut, einen dieser Schwebepanzer zu fahren. Und sei es nur, um, wie er sagte „Euch Kinder rumzukutschieren“. Vermutlich sicherten sie auch das Gelände. So weit draußen auf dem Meer gelegen war es natürlich um die Lärmentwicklung und damit die Entdeckung der Basis zu erschweren. Tagelanges Schießen war sicher recht weit hörbar, auch wenn es nur Handwaffen waren, und die Kommandeure wollten das Risiko minimieren.

Dadifs Gruppe war die der am wenigsten kriegerischen Mitglieder der Einheit. Das wurde zwar von keinem der Infanteristen angedeutet, die mit ihnen übten, aber Dadif kannte fast alle von ihnen und mit ein wenig Menschenkenntnis war schon das Äußere einiger Unbekannter dahingehend sehr friedlich. Einige waren übergewichtig - was wohl auch der verblüffend guten Versorgung in der Einheit zu verdanken war - andere kannte er als medizinisches Personal, wieder andere hatten früher Technikerjobs gehabt, außerhalb des militärischen Techwesens, als sie von der Einheit aufgelesen wurden. Der eine oder die andere war in der Zivilverwaltung gewesen, bevor sein oder ihr Leben auf den Kopf gestellt worden war. Und dann gab es noch ihn selbst. Aber er war in besserer Verfassung als die meisten der anderen, einerseits durch seine natürlichen Anlagen, andererseits durch seine häufigen Patrouillen und etwas Training. Einige hatten die Hetzbahn sicher noch nicht gesehen, hoffentlich wussten sie, was auf sie zukam.

Bevor sie nach Naraka gekommen waren, hatte sich die Ausbildung auf Lektionen in der überschaubaren Umgebung ihrer eigentlichen Heimat beschränkt - das war hiermit nicht zu vergleichen. Dadif würde zwar jedem helfen, der Hilfe brauchte, aber sie vorzuwarnen, dafür hielt er sich nicht für berechtigt. Er wusste, dass der Hindernisparcours eher eine Teamübung als eine Rekordstrecke war. Das Prinzip sah er ein. Und dass die echten Infanteristen, ganz zu schweigen von den Gefechtspanzerkriegern oder den Kommandokräften, uneinholbar waren, das wusste jeder. Er wollte trotzdem sein Bestes geben.
Er schoss die vorgegebenen Ziele mit mäßigem Erfolg, sprach wenig mit seinen Kameraden, und kam so durch die Schießbahnen. Es war ihm egal, dass mit guten Ergebnissen auch bessere Möglichkeiten für Einsätze für ihn in Frage kamen, als Wachsoldat war er zufrieden und brauchte nicht weiter viel. Seine Zweifel an seinen Fähigkeiten zu töten, waren weiterhin vorhanden, auch wenn man das beste tat, ihm die auszureden.
Während der Stressübung war erhöhte Aufmerksamkeit der Sicherungsleute zu merken. Das war auch notwendig, da die Übung recht anspruchsvoll war und Unfälle niemals ganz ausgeschlossen werden konnten. Bis auf eine Situation, in der ein etwas dickleibiger Techniker namens Steve nicht mehr weiterwollte und sie ihn vom Platz schleifen mussten, gab es keine Vorfälle. Dadif hatte seinen Stresslauf ziemlich gut gemacht, er hatte sich in einer Art Trance befunden. Natürlich war er danach ziemlich erschöpft, vor allem geistig, aber die Leute schienen zufrieden mit ihm zu sein.
Jetzt kam das zumindest körperlich schwierigste. Die Sturmbahn.

**

Zwei Hindernisse hatten sie bereits überwunden, das erste war eine Hürde aus runden Stämmen, über die man sich bäuchlings schwingen konnte. Da die Stämme unbehandelt waren, drohte für den Fall eines unvorsichtigen Vorgehens nicht nur blaue Flecke sondern auch eine heftige allergische Reaktion. Zum Glück hatten sie nur Gewehrattrappen dabei, und keine Rucksäcke oder weiteres Gepäck, bis auf ihre Tragegurte, vor allem mit Wasserflasche und natürlich dem Sauerstoff. Aber auch so war es bei den beiden korpulenteren Kameraden schon etwas schwierig. Das zweite Hindernis waren kleine Steinkreise, die man hintereinander durchstapfen sollte, auch dies möglichst schnell. Aber jetzt, die dritte Hürde, eine übermannshohe Wand. Dadif hatte gelernt, wie man darüber hinwegkam, seitwärts anlaufen, einen Fuß ranpressen und hoch. Aber es erforderte gewisse körperliche Fähigkeiten, speziell den Körper anzuspannen und genug Kraft, um sich an der Wand hochzuziehen.

Die zwei dicken Leute in Dadifs Gruppe hatten nie viel trainiert, und dazu kamen die häufigen Aufenthalte in weniger als 1 G und ihre speziellen Aufgaben für die Einheit, die sie nur geistig forderten. 'Arme Schweine', dachte Dadif, als er nach hinten sah und schon bei der ersten Hürde ihre Probleme erkannte.
Er wartete, bis die ersten der Gruppe sich über die Wand schwangen und folgte. Jedoch sprang er nicht auf der anderen Seite herunter, sondern hielt sich oben. Jemand anderes tat das gleiche. Dadif lächelte ihn dankbar an. Zu zweit sollten sie es schaffen, den beiden genug zu helfen, dass sie sich herüberwuchten konnten. Nach mehreren Anläufen, der eine gab dem ersten Kletterer noch Anschubhilfe von unten, war es geschafft. Alle vier waren ziemlich geschafft, aber der Kurs ging noch weiter. Jetzt folgten Seile über eine Sandgrube. Der war sehr fein gesiebt, so dass man zwar nicht wirklich feststeckte, aber jemand der von den Seilen abstürzte, würde gut Stiefelhoch einsinken und einiges an Energie investieren müssen, um wieder herauszukommen. Sie beide, Dadif und sein Helfer, ein mittelalter MedTech namens Young, blieben jetzt am Ende der Gruppe. Einige waren schon weit vorn, ihre beiden "Sorgenkinder" blieben zusammen und marschierten weiter. Immerhin hatten sie den Willen, die Gruppe nicht allein zu lassen.

Young schien zwar kräftig zu sein, war aber nicht der schnellste und schien etwas mit den Füßen zu haben. Dadif sparte sich den Atem nachzufragen. Schwebebalken, runde Stämme der örtlichen "Baumhalme" über einer metertiefen Grube. Die Spannung war ihren beiden Schützlingen anzumerken, als sie hinüberwankten. Auch Dadif wollte hier nur ungern abstürzen, denn dort herauszukommen würde ebenfalls wieder Mehraufwand bedeuten. Er zog an seinem Sauerstoff. Einer der beiden war bereits drüber und beobachtete seinen Kameraden, der zwar schwankte, aber auch vorankam. 'Sehr gut,' dachte Dadif, als der andere es unbeschadet hinübergeschafft hatte. Jetzt musste er es auch selbst schaffen. Bis zur Hälfte war er gut dabei und schnell, aber jetzt zögerte er, balancierte, ruderte wie wild mit den Armen, und - fiel. Zwar war der Sand weich, aber er fühlte sich blamiert. Außerdem war die Grube tief, die Seiten schon gelockert, er war erschöpft und durchgeschwitzt. Hier am Meer war es wärmer als in der Basis. Er versuchte in Marschrichtung heraufzuklettern, aber oben bot der Sand keinen Halt für ihn. Zum Glück war Young da und hatte ihn beobachtet. "Hier, ,Nase', nimm das Gewehr!" er hielt ihm seine Gewehrattrappe in und hielt es am Tragegurt. Dankbar nahm Dadif Anlauf und hielt sich fest. Beide grunzten vor Anstrengung, aber Young hielt ihn so lange fest, bis die Füße wieder Tritt fanden und er oben stand.

Er lächelte Young dankbar zu. "Danke. Weiter?", schnaufte er. Young nickte nur. Er schien ebenso erschöpft zu sein wie Dadif. Jetzt die Kriechbahn, unter Drähten hindurch. Die anderen waren schon fertig. Der Sand machte es ihnen schwer, aber es hätte schlimmer sein können. Er hatte von Matschbahnen gehört, die einen noch schlimmer verlangsamten. Hier war Wasser, sauberes Wasser jedoch rar. Daher wurde es nicht für diese Bahn vergeudet.
Als nächstes ein Graben, nicht so dramatisch, aber jetzt waren alle so erschöpft, dass es nur noch sehr langsam vorwärts ging. Die Uniform klebte Dadif am Körper, er hechelte nur noch. 'Weiter, nicht mehr lange.' dachte er.
Hühnerleiter, runde Stufen hoch, dann Absprung um einige Meter. Uff. Die Beine knickten ein, er wollte nicht weiter, aber was war schon zu machen? Es war nicht mehr viel vor ihnen.
Eine normalere Hürde, jedoch mit solch schweren Beinen war es nicht mehr einfach wie sonst. Zum Glück war sie befestigt.

Er bekam kaum noch mit, wie er die letzten Hindernisse überwand, aber am letzten tiefen Schützenloch war er erledigt. Herunterspringen und dann wieder hochklettern. Allein wäre das eigentlich kein Problem. Aber nach diesem Tag und dem Parcours war er am Ende. Young sah ebenfalls fertig aus. Im Graben standen die beiden schwereren Kameraden, ebenfalls erledigt. Die anderen, die bereits fertig waren, standen etwas abseits und sahen erschöpft zu ihnen. Einige saßen, andere standen auf ihre Gewehrte gestützt und pumpten hart.
Die schweren Kameraden versuchten gar nicht mehr, sich herauszuziehen und warteten auf die beiden Nachzügler mit erschöpften, hoffnungsvollen Gesichtern. Wenn auch nicht anderes, es gab Dadif etwas Kraft um das hier zu beenden. Er wollte nur noch schlafen. Also atmete er tief durch, mit dem Zusatzsauerstoff, versteht sich, setzte sich auf den Rand und ließ sich herunterfallen. Young wartete noch und atmete ebenso seinen Sauerstoff. Einer der beiden schweren Kollegen half Dadif per Räuberleiter und mit aller Kraft war er wieder auf der anderen Seite. Hier wartete er auf Young, dem er etwas half, auch wenn er kaum noch etwas in seinen Armen spürte.

Zusammen mit ihm tat er das gleiche wie vorhin bei der hohen Hürde. Sie zogen aus Leibeskräften, und mit Hilfe des unteren Kameraden schafften sie den ersten der schweren Kollegen aus der Grube. Dadifs Beine trugen ihn allerdings nicht mehr, er brach in die Knie, seine Muskeln zitterten und er zog nur noch an seinem Sauerstoff. Die anderen beiden zogen nach Leibeskräften an dem unglücklichen korpulenten Kameraden, und es dauerte eine Weile. Er zappelte und trat die Wand um höher zu kommen, nach gefühlten Minuten fühlte sich Dadif wieder genug, um mitzuzerren und zog an seinem Gurt. Das war vielleicht der entscheidende Schub, der alle drei zur Erde stürzen ließ.
Die nächsten Minuten bekam Dadif nichts mehr mit, sie sammelten sich und tranken und atmeten ohne etwas zu sagen. Nach einiger Zeit kamen ihre Beobachter, die Unteroffiziere mit einem jungen Offizier zur Gruppe. Der junge Mann sah drahtig und kräftig aus und schien nicht unerfreut zu sein.
"Leute, zuhören. Eure Zeit ist nicht erwähnenswert, das war auch nicht der Punkt. Ihr solltet hier durchkommen und das als Gruppe. Nehmt euch ein Beispiel an Dobrowolski und Young. So geht man durch diesen Kurs. Helft euch gegenseitig, haltet zusammen und damit könnt ihr viele Schwächen von Einzelnen kompensieren. In unseren zukünftigen Unternehmungen wird dies nötig sein. Also passt gut auf jeden Kameraden von euch auf und helft einander, egal zu welcher Untereinheit ihr gehört. Zusammen könnt ihr verdammt viel erreichen.
Dobwolski, Young, gut gemacht." Damit drehte er sich um und die Unteroffiziere übernahmen wieder.

Sie ließen sie noch eine Weile sitzen, aber da es nicht klug war, verschwitzt auszukühlen, schleppte sich die Gruppe fort, saßen noch eine Weile in einer Hütte und wurden anschließend wieder mit einem Schweber zur Heimatbasis gebracht. Camp Paradies klang jetzt sehr einladend für alle, obwohl es nicht immer so gemütlich war. Dadif schlief im Schweber, er wurde jedoch am Ende der Fahrt eingeladen, mit der Gruppe zur Bar zu gehen und den Tag Revue passieren zu lassen, wozu er einwilligte. Aber erst einmal musste er sich erfrischen und sich neu anziehen.
Der Tag endete spät und Dadif schlief wie ein Stein. Morgen war wieder ein Schießtag, jedoch würde er hoffentlich nicht so anstrengend werden.

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Combined Arms Mechwarrior, hier fahre ich Panzer, stampfe mit Mechs und fliege VTOLs

http://www.mechlivinglegends.net/2017-01/mechwarrior-living-legends-communi
ty-edition/

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23.02.2017 21:31 Marlin ist offline E-Mail an Marlin senden Beiträge von Marlin suchen Nehmen Sie Marlin in Ihre Freundesliste auf
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Vergiftete Saat II

Suirei-Fluss, unweit des Anwesen von Ohno Takenaka, Provinz Iga, Planet Numki, Draconis-Kombinat

Seit inzwischen mehr als 1.000 Jahren war der Angriff von Elitekommandos auf ein ahnungsloses Ziel ein gern und oft benutztes Sujet von Buchautoren und Filmemachern. Meistens erfolgte der Zugriff wenige Seiten oder Handlungsstunden, nachdem die Höhle des Bösen identifiziert worden war. Die kleine Schar Supersoldaten, nicht selten auch ein einzelner Held, drang in den Schlupfwinkel der Kriminellen, Terroristen, Rebellen oder Schergen des üblen Despoten ein, und überwältigte die zahlenmäßig so gut wie immer deutlich überlegene Schar von Unterlingen mit präziser Gewaltanwendung, die meistens sonderbar klinisch wirkte. Da schluchzte kein Getroffener nach seiner Mutter, wimmerte vor Schmerzen oder flehte um Gnade. Der Sieg der "Guten" - wenn auch nicht immer garantiert - wurde zumeist unter minimalen Verlusten erzielt, es sei denn natürlich, man hatte dem oder den Protagonisten eine Handvoll externer "Entbehrlicher" zur Seite gestellt, die zur Erhöhung der Dramatik einen Großteil des Sterbens auf der Seite der "Gerechten" übernehmen durften.
Mit diesem oft angewandten und nur selten grundlegend abgewandelten Skript bewiesen die Schöpfer - und jene, die daran Gefallen fahnden - vor allem zwei Dinge. Einen Mangel an Originalität und eine ebenso standhafte wie weitgehende Ignoranz gegenüber Plausibilität und Glaubwürdigkeit der Handlung. Natürlich KONNTE man genau so vorgehen. Manchmal musste man es sogar, etwa im Rahmen von Polizeieinsätzen bei Geiselnahmen und ähnlichem. Dann freilich handelte es sich bei den Zielen fast immer um einige wenige, schlechter bewaffnete und nicht unbedingt professionell ausgebildete Kriminelle. Gegen ein hartes Ziel auf diese Art vorzugehen war ein Drehbuch, das die Wahrscheinlichkeit eines Scheiterns oder hoher Verluste erheblich erhöhen, wenn nicht gar garantieren musste. Denn in den Zeiten halb- und vollautomatisch feuernder Waffen mit hoher Durchschlagskraft brauchte es nicht viel, um den besten Soldaten auszuschalten. Nur ein wenig Pech (oder Glück, das hing vom Standpunkt ab). Elitesoldaten WAREN bestens ausgebildet und ausgerüstet, und viele von ihnen waren gezielt wegen bestimmter Eigenschaften ausgesucht worden - schnellen Reflexen und vor allem einem schnellen Geist, einer sicheren Hand und scharfen Sinnen, sowie der Bereitschaft, auf Befehl ohne Fragen extreme Gewalt anzuwenden. Aber in Wahrheit waren ihre besten Waffe Timing, Planung und Vorbereitung. Dies bewies der Umstand, dass auch Einheiten, die keineswegs über einen Ruf wie Donnerhall verfügten und technisch ihrem Gegner unterlegen waren, mit genau diesem Rezept wiederholt beeindruckende Ergebnisse erzielt hatten. Wenn Kommandos zuschlugen, wählten sie nach Möglichkeit den optimalen Zeitpunkt aus, auch wenn das viel Geduld erforderte. Und weit öfter als man annahm, waren sie dem Gegner zumindest zunächst zahlenmäßig mindestens ebenbürtig, wenn nicht gar überlegen. Kritisch wurde es oft in dem Moment, wenn feindliche Verstärkung eintraf.
Vor allem legte jeder Kommandeur, der auch nur einen Schuss Pulver wert war, den größten Wert darauf, lange vorher zu wissen, wo sich wie viele Gegner mit welchen Waffen und Ausrüstung wann aufhielten, welche Besonderheiten das Ziel aufwies, und hinter welchem Mauervorsprung ein eigener Mann oder ein Gegner gegebenenfalls Deckung nehmen konnte.

Die Zwillingsmonde von Numki präsentierten sich an diesem Abend als zwei schmale Sicheln, die eine zu-, die andere abnehmend. Die Mondzyklen - die Himmelskörper waren etwas kleiner als die terranische Luna - wären einem Bewohner Terras exotisch erschienen, da der eine Mond binnen 24, der andere in 36 Tagen seinen vollen Zyklus absolvierte. Sonnen- wie Mondfinsternisse waren auf Numki weitaus häufiger als auf der Erde, und einige der lokalen Tempel hatten sie wie auch die verschobenen Mondphasen in ihre Rituale mit einbezogen. Doch sie waren nicht die einzigen, die die astronomischen Bedingungen mit Adleraugen beobachteten.

Die Kampfschwimmer, die sich mit der Hilfe von Tauchscootern durch die Fluten des Suirei bewegten, hatten sehnsüchtig darauf gewartet, dass günstige Lichtverhältnisse herrschten - sprich, die Nacht möglichst dunkel war. Verschwendet war die Wartezeit jedenfalls nicht gewesen, denn sie hatten vor ihrem Einsatz eine umfassende Vorbereitung absolviert. Sie hatten wochenlang wieder und wieder den Ablauf des Angriffs durchgesprochen, hatten Bauzeichnungen und Aufnahmen studiert, waren die Sensoren des Ziels, die Ausrüstung, Bewaffnung und Panzerung ihrer Gegner durchgegangen und hatten ihre eigene Ausrüstung darauf abgestimmt. Sie wussten sogar, aus welcher Sorte Glas die Fenster, und wie dick die einzelnen Wände waren. Solches Wissen konnte Leben retten, wenn man beschossen wurde - oder einen Gegner ausschalten musste. Und sie handelten in dem beruhigenden Wissen, dass sie nur ein wenngleich wichtiger Bestandteil einer großen, gut geölten Maschinerie waren. Weit, weit hinter ihnen rasten in diesem Moment Schweber-Transportpanzer heran, begannen sich die Rotoren von Helikoptern zu drehen. Zeitgleich mit ihrem Angriff würden reguläre Reserveverbände einen doppelten Einschließungsring um das Ziel legen und nötigenfalls Unterstützung bieten. Ein Entkommen war praktisch ausgeschlossen, sei es auf dem Land-, Luft- oder Wasserweg. Das Netz zog sich unerbittlich zusammen, quälend langsam noch, aber das würde sich bald ändern.
Numki verfügte neben dem Kommandobataillon seiner Streitkräfte auch über eine Einheit ähnlicher Größe, die zur Polizei gehörte. Beide Verbände waren gut ausgerüstet und verfügten sogar über eine Handvoll Gefechtsrüstungen. Der einzige nennenswerte Unterschied zwischen Polizei und Militär war der, dass die Soldaten eine intensivere Ausbildung im Einsatz von Sprengmitteln und schwereren Waffen erhielten. Aber das machte die Polizeikommandos - und um solche handelte es sich in diesem Fall - nicht weniger gefährlich. Von beiden Einheiten stand immer je eine oder zwei Gefechtskompanien auf Sulafat im Einsatz, und da die Verbände rotierten, hatte praktisch jedes Mitglied Kampferfahrung. Sie hielten natürlich nicht mit den ganz Großen wie den DEST mit, waren aber regulären Einheiten und jeder Söldnereinheit deutlich überlegen. Gerüchten zufolge, die niemals bestätigt - oder dementiert - worden waren, gab es auf Numki noch eine dritte, deutlich kleinere aber zugleich wesentlich gefährlichere Kommandoeinheit. Es hatte immer wieder Geschichten gegeben, einige eher isolierte Gemeinden dieser Welt würden noch immer den alten Traditionen der Ninja folgen, und ausgesuchte Kinder, aber auch Waisen, darunter auch Nicht-Japaner, von klein auf gezielt erziehen und ausbilden, bis sie nicht nur exzellente Kommandosoldaten sondern auch Meister der sozialen Infiltration waren. Perfekte Attentäter, die im Auftrag der Shimatze und ihrer handverlesenen Verbündeten mordeten. Doch das mochte auch nur ein Mythos sein, den die Shimatze hätschelten, damit sich ihre Rivalen möglichst unbehaglich fühlten.

Die Männer und Frauen benutzten geschlossene Atemsysteme, in denen die verbrauchte Luft aufgefangen wurde, so dass keine verräterischen Luftblasen aufstiegen. Die Tauchscooter blieben in einer Tiefe von mindestens anderthalb Metern, und damit praktisch unsichtbar - natürlich waren sie ebenso wie die Kampfanzüge der Soldaten in gedeckten Farben gehalten. Nur hin und wieder ließ sich eine der Gestalten zur Oberfläche hinauftragen, für einen schnellen, sichernden Blick. In sicherer Entfernung überwachten Kameraden den Schiffsverkehr am Flussober- und -unterlauf, damit nicht etwa ein Frachtkahn oder eine Motoryacht der Operation in die Quere kam.
Als sie die Flussseite des Takenaka-Anwesen erreichten, fächerten die Kommandos auf. Bewusst hielten sie Abstand zur Bootsanlegestelle. Dort standen nachts immer zwei bewaffnete Wachen. Die Sicherheitskräfte hatten Anweisung, sich in unregelmäßigen, geringen Abständen in der Zentrale zu melden, also mussten sie möglichst schnell ausgeschaltet werden.
Die Kommandosoldaten tauchten erst unmittelbar am Ufer auf, wo ihnen die direkt am Wasser errichtete Mauer des Anwesens Deckung bot. Die Bewegungen der Männer und Frauen - insgesamt handelte es sich um zwei Team zu je neun Kommandos - hätten auf einen Beobachter langsam, fast träge gewirkt, aber so verhinderten sie, dass das Geplätscher die Wachposten alarmierten. Da sie davon ausgehen mussten, dass im Anwesen nach Funkfrequenzen gescannt wurde, kommunizierten sie auf Sichtkontakt mit Hilfe von IR-Lasern in einer abgewandelten Form des Morsealphabets. Das fiel nur auf, wenn die Wachposten selber Nachtsichtbrillen benutzten, und so hell erleuchtet wie das Anwesen war, war dies offenkundig nicht der Fall. Als mit einmal die Lichter der Villa simultan erloschen, wussten die Kommandos, dass ihre Stunde gekommen war. Natürlich verfügte die Anlage über Brennstoffzellen, die eine Notstromversorgung für Tage gewährleisteten. Aber es dauerte ein wenig, bis die ansprang - und die Reaktivierung der Außenbeleuchtung war für den Fall eines Stromausfalls nicht als primär erachtet worden.

Der Angriff begann mit brutaler Gewalt. An der Anlegestelle detonierten in rascher Folge zwei Schock- und eine Blendgranate. Fast ein Dutzend Kommandos stürmte an den paralysierten Wachposten vorbei vor - obwohl die Männer im Moment keine Gefahr mehr darstellten, wurden sie gnadenlos niedergeschossen. Die Polizisten hatten klare Ziele, und man hatte entschieden, in der ersten Phase des Angriffs keine Kräfte zur Sicherung von Gefangenen zurückzulassen. Andere Kommandos überwanden die immerhin mehr als zwei Meter hohe Mauer beinahe mühelos mit Hilfe ihrer Kletterausrüstung. Sie sicherten das Vorgehen ihrer übrigen Kameraden. In der Ferne wurden bereits das Heulen von Schwerbepanzern und das Hämmern von Rotoren laut - der Ring schloss sich. Eine gellende Stimme - offenkundig eine Aufzeichnung - brüllte in Endlosschleife: "Polizei von Iga! Legen Sie sich flach auf den Boden, Hände hinter den Kopf! Leisten Sie keinen Widerstand, versuchen Sie nicht zu fliehen! Bei Zuwiderhandlung wird sofort geschossen!"
Aber auch wenn der Angriff überraschend gekommen war, die Wachposten waren nicht vollkommen überrumpelt. Die meisten gaben offenkundig der Klugheit den Vorzug und folgten umgehend den Anweisungen. Ohno Takenaka mochte sie gut bezahlen, aber nicht SO gut, dass sie ihr Leben einfach wegwarfen, und die Geräuschkulisse war bereits einschüchternd genug. Doch nicht jeder war klug und geistesgegenwärtig genug, um die Zeichen der Stunde richtig zu deuten. Im Garten hämmerte ein Sturmgewehr los, doch die Garbe wurde mit einem wahren Blitzgewitter aus gut einem halben Dutzend Lasergewehren beantwortet, die die Gegenwehr sofort zum Schweigen brachten.

Die Lichter in der Villa flammten flackernd wieder auf, und panisches Geschrei und Kreischen wurde laut, doch die Angreifer waren nicht gewillt, ihr Vorgehen zu bremsen und etwa über eine geregelte Übergabe zu verhandeln. Es galt, das Überraschungsmoment voll auszunutzen. Die Kommandos, die Feuerschutz gaben, nahmen bereits die Fenster der Villa ins Visier. Das gepanzerte Glas konnte dem konzentrierten Beschuss nicht lange standhalten. Der Angriff erfolgte unter intensivem Einsatz von Schockmitteln. Blend-, Betäubungs- und Gasgranaten bahnten den Angreifern den Weg.
Doch noch war der Widerstand der Verteidiger nicht vollkommen gebrochen. Von einem der zerschossenen Fenster peitschten Salven in den Garten, abgegeben aus zwei Schnellfeuergewehren, die sich abwechselten. Die Schützen waren natürlich nicht so töricht, sich freistehend zu präsentieren. Die Kommandos hechteten in Deckung, doch einer strauchelte und fiel lang hin, offenkundig von einer Garbe getroffen. Er bewegte sich nur noch schwach, und unterdrückte mühsam ein Stöhnen.
Die Angreifer im Garten deckten als Antwort die Fensterfront des Zimmers, aus dem auf sie geschossen wurde, mit Salven aus ihren Gewehren ein, zwangen die Verteidiger in Deckung. Dann richtete sich eine schlanke Gestalt auf, ein Unterlaufgranatwerfer bellte, und im nächsten Moment löste sich das Zimmer in eine Flammenhölle auf. Jetzt feuerte keiner mehr.
Das Eindringen ins Haus vollzog sich über drei Hauptachsen, doch es hörte sich nicht so an, als ob noch viel Widerstand geleistet wurde. Die Bewohner, und das schloss die meisten Wachleute mit ein, lagen am Boden und signalisierten möglichst lautstark, dass sie sich ergeben wollten - oder sie waren beim Versuch Widerstand zu leisten oder auf der Flucht niedergeschossen worden. Lautes Klagen, Weinen und das Stöhnen der Verwundeten war zu hören, und die einstmals prunkvolle Villa mit dem sorgfältig gepflegten Garten glich einem Schlachtfeld.

Eine letzte Überraschung freilich hatten die Bewohner offenbar noch parat. Mit einem Mal sprang das Tor der Garage auf, und mit einem ohrenbetäubenden Heulen schoss ein gepanzerter Schweber heraus, offenkundig eine Zivilversion des berühmten Savannenmasters. Das Fahrzeug raste durch den Garten, so dass einige Kommandosoldaten sich nur mit Mühe in Sicherheit bringen konnten. Einer der Polizisten war nicht schnell genug, und auch wenn der Hovercraft ihn nur streifte, wurde er ein gutes halbes Dutzend Meter durch die Luft geschleudert, bis er mit knochenbrechender Wucht aufschlug. Salven aus den Handfeuerwaffen seiner Kameraden schlugen wirkungslos in die Flanken des Schwebers ein, ein, zwei Granaten detonierten in seinem "Kielwasser", viel zu spät abgefeuert. Irgendwo peitschte ein schweres Gaussgewehr, doch selbst diese massive Infanteriewaffe richtete nichts aus. Der Fahrer versuchte nicht etwa, das Tor zu erreichen, sondern hielt gleich auf die Bootsanlegestelle und den Fluss zu. Für ein solches Fahrzeug war eine Wasserfläche eine ebenso gute Fahrbahn wie Asphalt bedeutungslos.
Als die Maschine auf den Fluss hinaus schoss, beschleunigte sie rapide auf über 200 Kilometer.
In einem Buch oder Film hätte jetzt entweder einer der Kommandosoldaten einen unmöglichen Meisterschuss abgefeuert und die Flüchtigen gestoppt, oder es hätte eine hochdramatische Verfolgungsjagd gegeben. Tatsächlich aber benutzte einfach einer der Kommandos sein Funkgerät.
Die 30-Milimeter-Leuchtspurgeschosse, abgefeuert aus einhundert Metern Höhe, ließen die Nacht aufflammen wie ein Hagelschauer unzähliger Sternschnuppen. Die Einschläge frästen sich in die Flanke des Hovercrafts, ließen die Maschine schwanken und taumeln. Der Fahrer bog zum Ufer hin ab, vielleicht um dort zu stoppen und sich zu ergeben, vielleicht in der Hoffnung, in den Auewäldchen Deckung zu finden. Der Pilot des Helikopters war offenbar nicht gewillt, ein Risiko einzugehen. Vier Kurzstreckenraketen schlugen fast synchron im Heck des Schwebers ein. In einem Feuerball überschlug sich der Hovercraft, krachte gegen die Uferböschung und versank dann in den Fluten des Suirei, die die Flammen auf der Stelle erstickten.

***

Sitz der Shimatze, Stadt Iga, Provinz Iga, Planet Numki, Draconis-Kombinat

Lady Tomoe trug einen Edo Komon-Kimono, eine für eine Dame ihres Standes eher informelle Kleiderwahl, dessen punktartige Muster eine Gebirgslandschaft anzudeuten schienen. Viele weibliche Kurita-Adligen verwendeten so gut wie immer gemusterte Kleidung formelleren Schnitts, aber in ihrem eigenen Haus konnte sich die Regentin eine gewisse Lässigkeit erlauben. Ihr ebenfalls anwesender Bruder trug eine Uniform, die nach der Art der Offiziersanwärter der VSDK geschnitten war. Noch nicht volljährig, hatte er nicht die zwei Schwerter als Statussymbol aller eher martialisch angehauchten Adligen bei sich, doch bei dem Kaiken an seiner Hüfte handelte es sich gewiss nicht um eine Schauwaffe.
Bruder und Schwester starrten den vor ihnen strammstehenden Mann in der Uniform der Polizei ebenso intensiv wie scheinbar emotionslos an, doch wenn ihn dies verunsicherte, ließ er sich nichts anmerken.

"...wurde beim Zugriff ebenso getötet wie sein ältester Sohn. Getötet wurden auch fünf Wachleute sowie zwei Bedienstete. Mehrere weitere Personen wurden verletzt, aber keiner davon lebensbedrohlich. Takenakas jüngerer Sohn und seine Tochter wurden außerhalb der Villa an ihren jeweiligen Wohnorten gefasst und werden im Moment noch zu der Frage verhört, ob sie von den ,Nebengeschäften' ihres Vaters wussten. Wir haben ihnen nahegelegt zu kooperieren, schon im Interesse ihrer Angehörigen. Ohno Takenakas Besitztümer und Aktivposten wurden beschlagnahmt...
Tomoe hob die Hand, und der Polizeioffizier verstummte abrupt: "Sollte sich die Unschuld eines von beiden - oder beider - noch lebenden Kindern erweisen, erhält er oder sie das Haus zurück. Und jeweils ein Viertel der Vermögenswerte des Vaters." Sie führte dies nicht extra aus, doch sollte sich besagte Unschuld NICHT beweisen lassen, war materielle Armut noch das geringste Problem der überlebenden Sprösslinge des Takenaka-Familienoberhauptes.
"Wir verhören natürlich ebenfalls seine Leibwächter, soweit sie noch aussagefähig sind, und ebenso die Bediensteten. Angesichts der Größe von Takenakas Geschäftsimperium müssen wir uns bei seinen geschäftlichen Mitarbeitern freilich erst einmal auf die Führungskräfte konzentrieren. Aber wir haben ein paar gute Hinweise, wer noch in den Schmuggel verwickelt war, und wir gehen den Spuren intensiv nach." Letzteres mochte beunruhigend klingen, denn FIS-Polizeikräfte, die einer Spur "intensiv nachgingen", neigten dazu, die physische und psychische Unversehrtheit ihrer Gefangenen nicht unbedingt zu respektieren. Vielmehr verletzten sie diese oft mit gehöriger Rücksichtslosigkeit und Routine.
"Unsere eigenen Kräfte haben zwei Scherverletzte zu beklagen - eine Schussverletzung und einen doppelten Beinbruch in Verbindungen mit schweren Prellungen und drei gebrochenen Rippen, dazu kommen einige leichtere Blessuren bei weiteren Einsatzkräften."
Hanzo nickte leicht: "Ich werde unsere Verwundeten besuchen und ihnen für den Einsatz danken. Der Einheitsführer soll etwaige Auszeichnungs- und Beförderungsanträge der Regentin vorlegen."
"Wie Ihr wünscht, mein Lord...Sulafat wurde verständigt, und die dortigen Niederlassungen und das Personal stehen unter Beobachtung. Es gab bereits erste Festnahmen. Wir gehen davon aus, dass man Geschäfte mit einigen Rebellengruppen gemacht hat, die sich über Bioprodukte finanzieren, aber Takenaka war aber offenbar so klug, die Bezahlung nicht in Form heißer Ware wie Sprengstoff, Waffen oder Munition vorzunehmen. Wir müssen leider davon ausgehen, dass zumindest einzelne Beamte in die Operationen involviert waren." Mit diesen dürren Worten umriss der Polizeioffizier das Anlaufen einer der größten Säuberungs- und Fahndungsaktionen, seit die Odaga und Shimatze den letzten großen Aufstandsversuch auf Sulafat zerschlagen hatten. Es ließ sich noch nicht genau abschätzen, aber vermutlich würde die Affäre mit einigen Dutzend Verhaftungen, mindestens einem Dutzend langer Haftstrafen und wohl auch einigen Todesurteilen enden.
Die Regentin brachte ihrer Untergebenen mit einem einzigen, nicht einmal drohenden Blick zum Verstummen: "Verständigen Sie mich - egal zu welcher Tageszeit - wenn es um weitere Inhaftierungen geht, namentlich wenn sich die Notwendigkeit ergeben sollte gegen externe Geschäftspartner und höherrangige Beamte hier oder auf Sulafat vorzugehen. Ich will, dass mir jeder Name mit einer kurzen Einschätzung vorgelegt wird. Über die Urteile und Konsequenzen entscheide ich zu gegebener Zeit." Tomoe wandelte Todesurteile nicht selten schlussendlich in Verbannung oder Haft um, aber eben nicht immer. Es war von Vorteil, als großmütig zu gelten, nur durfte man und viel mehr noch frau dabei nicht schwach erscheinen. Der Baum des Respekts musste hin und wieder mit dem Blut von Verbrechern getränkt werden, wie man so sagte. Manchmal war es aber auch besser, keinen öffentlichen Skandal zu riskieren. Solche Dinge wurden unter der Hand erledigt...
"Sehr wohl, Herrin!"
"Doch der Schmuggel - so verwerflich er auch ist, und allein dafür hat dieser Verbrecher den Tod verdient - ist nicht meine eigentliche Sorge. Hochverrat gegen unsere geliebte Heimatwelt ist nichts, was wir tolerieren können. Ich bedauere fast, dass Ohno uns nicht mehr für eine öffentliche Hinrichtung zur Verfügung steht, aber so wie es ist, wird es wohl am besten sein." Hochverratsprozesse hatten den Nachteil, dass sie zugleich publik machten, dass es Opposition oder feindliche Agenten im eigenen Herrschaftsbereich gab, und das gestand kein Adliger gerne ein. Besonders, wenn er selber auf wackeligen Füßen stand. Zumindest wog er oder sie sehr sorgfältig ab, ein welches Ausmaß an Wahrheit der Allgemeinheit zugemutet werden konnte.

Der Offizier straffte sich. Als hochrangiger Angehöriger der Tokko, wie man die Höhere Sonderpolizei oder Tokubetsu Koto Keisatsu als Teil der Sicherheitskräfte der Shimatze bezeichnete, war es seine Aufgabe, genau diese Art von Dingen zu unterbinden. Die einzig gute Art von Hochverrat war die, die bereits im Ansatz verhindert wurde, und dies war hier nicht geglückt. Wenn man hinzunahm, dass es in letzter Zeit einige Gerüchte über einen angeblichen Imagawa-Erben gegeben hatte, gab es gute Gründe für Nervosität in den Führungsriegen der Sicherheitskräfte. Die Lady nahm solche Bedrohungen nicht auf die leichte Schulter, und so konziliant sie meist auftrat, sie war nicht umsonst das Kind eines regierenden Lords.
Es hatte in planetaren wie reichsweiten Schwesterorganisationen schon Fälle gegeben, in denen Polizei- und Geheimdienstoffiziere für ein reales oder auch nur imaginäres Versagen zum rituellen Selbstmord "ermutigt" worden waren, und in solchen Fällen blieb dem Betreffenden kaum eine andere Wahl. Die Bande der sozialen Gebräuche waren im Kombinat sehr fest, und sie konnten ebenso Halt geben, wie fesseln oder gar erdrosseln. Nicht, dass die Shimatze in dem Ruf standen, so etwas zu praktizieren, aber es gab ja immer ein erstes Mal. In diesem Fall freilich...
"Dank unserer Agenten im Takenaka-Geschäftskonglomerat und auch in seinem Haushalt konnten wir glücklicherweise zugreifen, bevor noch Schlimmeres geschah. Es ist natürlich nicht zu entschuldigen, dass wir ihn nicht bereits bei seinem ersten Versuch festgenommen haben, Details über die Verteidigungsprozeduren von Numki weiterzugeben. Ich übernehme selbstverständlich die volle Verantwortung für möglichen Fehler."
Die Lady lächelte dünn, während sie den Kopf schüttelte: "Es gibt keinen Fehler, den man - den IHR - hättet vermeiden können. Takenaka stand als Schmuggler unter Beobachtung, der schlimmstenfalls mit Rebellen Geschäfte machte und über den wir gehofft hatten, die Nachschubrouten der Schwarzmarkthändler UND der Terroristen besser infiltrieren und letztlich zerschlagen zu können. Es gab keine Hinweise, dass seine verbrecherische Energie noch weiter ging. Ich habe mich seinerzeit aus guten Gründen gegen eine sofortige Zerschlagung seiner Organisation entschieden, und würde es wieder tun."
Der Offizier entspannte sich unmerklich, nahm aber sofort wieder Haltung an, als der Bruder der Regentin das Wort ergriff: "Das bedeutet aber nicht, dass wir nicht herausfinden müssen, WIE weit der Verrat ging. Welche Informationen weitergegeben wurden, welche er noch weitergeben wollte - und an wen er sie verkauft hat. Unser Haus hat mehr als einen Feind."

Der junge Lord mochte noch Jahre von der Volljährigkeit entfernt sein, aber die meisten Offiziere und Beamten nahmen ihn bereits jetzt ernst. Nicht nur, weil sie nicht riskieren wollten, dass er in ein paar Jahren alte Rechnungen beglich, wenn er erst regierender Lord wurde.
"Die Befragung der Bediensteten geht in diese Richtung, mein Lord. Und wir haben einige Hinweise erhalten, die sehr interessant klingen, auch von unserer Spionin vor Ort, die wir freilich erst noch verifizieren müssen. Es wurde auch umfangreiches Datenmaterial erbeutet. Einiges ist zerstört und wird sich vielleicht nicht mehr rekonstruieren lassen, aber es gibt große Datenmengen, an deren Entschlüsselung wir mit Hochdruck arbeiten. Es scheint, als ob Ohno Takenaka ein geheimes Geschäftsarchiv angelegt hat. Ich bezweifle, dass selbst seine Geschäftspartner das wussten."
An diesem Punkt mischte sich Tomoe wieder ein: "Nicht überraschend. Bei diesem Gesindel lässt sich nie sagen, wann sie zusammenarbeiten, und wann sie einander zu hintergehen trachten. Aber das könnte den entscheidenden Hinweis geben...Es ist mir klar, dass man Erfolg nicht BEFEHLEN kann, aber ich erwarte, dass Ihre Einheit mit oberster Priorität an dieser Aufgabe arbeitet. Wie im Fall möglicher sensibler Festnahmen ERWARTE ich, dass ich über jede relevante Neuentwicklung umgehend informiert werde. Wenn Com-Stars Gesandte hier auftauchen, möchte ich ihnen mehr als ein paar Geschenke anbieten können. Und nicht externe Fachkräfte bemühen müssen." Sie führte dies nicht näher aus, aber wenn die Tokko nicht in der Lage war, das Material selber zu entschlüsseln, blamierte sie sich selbst und auch ihre Herrin vor den ausländischen Söldlingen wie auch vor ihren Nachbarn. Und so ein Gesichtsverlust war nichts, was der Adel des Kombinats auf die leichte Schulter nahm.

Der Offizier ging jetzt dazu über, einzelne interessante Fundstücke durchzugehen. So waren in verschiedenen Verstecken der Takenakas insgesamt mehr als drei Tonnen unverzolltes Biomaterialien der unterschiedlichsten Sorten entdeckt worden, zumeist bereits aufbereitete Bestandteile für die Herstellung von medizinischen und Schwarzmarktdrogen oder Aufputschmitteln. Das Problem war, dass sich die Herkunft des Materials nach der Grundverarbeitung nur noch sehr schwer feststellen ließ, da häufig verschiedene Chargen gemischt wurden. Bei den Basiskomponenten verzichtete man darauf, "Markersubstanzen" beizumischen, schon weil auch die staatlichen und im staatlichen Auftrag handelnden Abnehmer neben den großen Erntelagern von einer Vielzahl kleiner eigenständiger Sammler beliefert wurden.
Waffen und Sprengstoffe waren kaum in nennenswerter Menge beschlagnahmt worden, zumindest das war eine Erleichterung. Verdächtig wirkte freilich der Fund von einigen Dutzend Clan-Handfeuerwaffen, samt Energiezellen und Ersatzteilen. Dafür gab es in der FIS immer einen Markt, gerade weil die Clans dem Handel mit Kriegstechnik ablehnend gegenüberstanden. Allerdings hatten fast zwanzig Jahre Neben-, wenn auch selten Miteinander von FIS'lern und Clanern dazu geführt, dass etliche der Invasoren nun toleranter geworden waren, was den Umgang mit dem eigenen Nachschub anging. Man konnte nicht von einem wirklichen Handelsstrom zwischen den besetzten Gebieten und der FIS sprechen, aber auf tausenderlei kleinen, verdeckten Kanälen sickerten Güter, manchmal auch Informationen und Menschen herüber und hinüber.

"Am bemerkenswertesten sind zweifellos die Regenbogenperlen, die wir gefunden haben, etwa zwei Dutzend. Sie lagen in Ohno Takenakas persönlichem Safe. Es handelt sich um handverlesene Ware, leider sämtlich unmarkiert." Das hieß, die Perlen waren weder merklich uneben in der Form, noch wiesen sie offensichtliche Unreinheiten aus, was beides von vielen Käufern als wertmindernd betrachtet wurde, und eine Identifizierung erleichterte. Es gab freilich auch Handwerksmeister, die es verstanden, aus "Mängelexemplaren" besondere Kunstwerke zu formen. Anders als viele andere "Rohstoffe" wurden Regenbogenperlen nur markiert gehandelt, denn ihr hoher Wert machte sie zum idealen Tauschobjekt für Kriminelle und Rebellen. Schon die Imagawa hatten ihr Monopol auf den Handel rigoros durchgesetzt, und die neuen Herren hatten das System noch verfeinert. Man versah die Perlen schon unmittelbar nach der Ernte mit mikroskopisch kleinen Nummern, die mit einer für das Auge unsichtbaren und sehr spezifischen "Tinte" aufgebracht wurde. Sowohl die Nummern als auch die Zusammensetzung der "Tinte", die jährlich wechselte, waren registriert. Wer mit unregistrierten Perlen handelte, beging ein Kapitalverbrechen. Aber das änderte natürlich nichts daran, dass trotzdem geschmuggelt und unterschlagen wurde...

Der junge Lord neigte nachdenklich den Kopf: "Ließe sich eventuell anhand der Zusammensetzung der Perlen etwas herausfinden? Ich meine, ihre Farbe stammt doch von den Spurenelementen, welche die Muschel aufnimmt. Könnte man das abgleichen, auch durch Vergleiche mit Perlen und Perlmutt aus bekannten Erntestränden? Es kann nicht so viele unbekannte Erntegebiete geben, und wenn wir erst einmal wissen, wo wir suchen müssen..."
Der Offizier überlegte. Er war - natürlich - kein Experte auf dem Gebiet. Aber selbstverständlich verwarf man die Idee des künftigen Lords nicht, auch wenn man ihr nicht unbedingt zustimmte: "Dazu müsste ich erst entsprechende Fachkräfte konsultieren - die wir natürlich vorher auf ihre Verlässlichkeit und Verschwiegenheit überprüfen müssen."
Tomoe lächelte strahlend: "Eine sehr gute Idee, sorgt dafür, dass dies umgehend veranlasst wird."
Der Polizist neigte den Kopf: "Wie Ihr wünscht. Jedoch, wenn Ihr mir meine Kühnheit verzeiht...das wird einige Zeit dauern und vor allem Kosten verursachen. Wir müssen sowohl den erbeuteten Perlen als auch Vergleichsstücken Material entnehmen, und die Perlen gelten dann nicht mehr als unberührt, was ihren Wert erheblich verringert."
Die Stimme Tomoes war so sanft wie stets, doch es war mit einmal ein stählerner Unterton zu hören. Ein Unterton, der schon manchen gestandenen Krieger verblüfft, wenn nicht gar eingeschüchtert hatte - und der das letzte gewesen war, was einige Gegner von Haus Shimatze in ihrem Leben gehört hatten, bevor man sie zu ihrer Hinrichtung führte: "Und wenn wir jede einzelne Perle die wir erbeutet haben zu Staub zermalen müssen, und noch einhundert weitere dazu, ich will, dass ermittelt wird, woher die Perlen in der Takenaka-Villa kommen und wer sie auf welchen Wegen an unsere Feinde - um wen auch immer es sich dabei handelt - weitergegeben hat. Und zwar umgehend."
"Wie Ihr befehlt - Herrin...mein Lord!"

***

In einem ungenannten System, Landungsschiff Aikoku Maru

Die Aikoku Maru, ein Buccaneer, hatte bereits seit geraumer Zeit an das Sprungschiff der Scout-Klasse angedockt, das gerade dabei war, den Antrieb aufzuladen. Bis es soweit war, konnte man nur warten - die wenigsten Handelsschiffe verfügten über Lithium-Fusions-Batterien, die ihnen zwei Sprünge in Folge erlaubten, und die meisten boten auch nur die notwendigsten Annehmlichkeiten für Passagiere. Interstellarer Personenverkehr war eher etwas für eine Minderheit, und viele Angehörige dieser Minderheit flogen nicht mit zivilen Anbietern, sondern wurden vom Staat befördert, nicht selten ihrem gewaltsamen Ende in der Schlacht entgegen. Ein großer Teil der Menschen verließ auch im 31. Jahrhundert nie den Planeten, auf dem sie geboren waren. Es gab natürlich richtige Passagier-Landungsschiffe, die über Promenadendecks, Kantinen, sogar Spielsalons und andere Annehmlichkeiten verfügten, doch die waren eher etwas für reiselustige und zahlungskräftige Vertreter der Ober- und wohlhabenderen Mittelschicht. Bei der Aikoku Maru handelte es sich gewiss nicht um so ein Schiff. Die Handvoll Passagiere die der Frachter mitnahm, lebten in kleinen Quartieren und mussten zusehen, wie sie klarkamen. Aber dafür war das Ticket zwischen den Sternen bezahlbar, und niemand stellte viele Fragen.

Die Frau driftete mit einer Gelassenheit und Souveränität in der Schwerelosigkeit des Frachtraums, die verriet, dass sie eine umfassende Erfahrung mit einer solchen Umgebung hatte. Auf vielen Schiffen sah die Crew dergleichen nicht gerne, aber hier herrschte der Grundsatz, dass sich die Passagiere dort aufhalten durften, wo sie niemanden störten und keinen Schaden anrichten könnten. Wenn sie dabei Gefahr liefen, SELBER Schaden zu nehmen, nun, das war ihr Problem. Und es gab nichts, was eine unbewaffnete Frau ohne entsprechendes Werkzeug in einem riesigen Frachtraum mit versiegelten und solide verankerten Schwerlastcontainern anrichten konnte. Da das Landungsschiff im Moment angedockt war, entfiel die künstliche Schwerkraft, die durch Abbrems- oder Beschleunigungsmanöver entstand. Nicht wenige Raumreisende hatten in solchen Momenten mit Übelkeit, Orientierungslosigkeit und Panikattacken zu kämpfen, doch dies war hier gewiss nicht der Fall. Auf ihrem Gesicht lag ein fast kontemplativ zu nennender, friedlicher, ja träumerischer Ausdruck. Sie hatte die Arme zur Seite hin ausgestreckt, und die langen blonden Locken umgaben ihr Gesicht wie eine goldene Gloriole.

Der Neuankömmling machte nicht viele Geräusche, während er sich geschickt durch die Schwerelosigkeit bewegt, doch ein leises Geräusch oder eine Art siebenter Sinn alarmierten die ,Träumerin'. Mit einem Mal schlug sie die Augen auf, versetzte ihren Körper in eine leichte, wohl berechnete Drehbewegung und schlang den Arm im genau richtigen Moment um eine Stützstrebe, die als Hilfe für die Bewegung in der Schwerelosigkeit angebracht worden war.
Der Mann sagte nichts, er brachte es allerdings perfekt fertig, seiner unterschwellige wenngleich nur gelinde Ablehnung wortlos Ausdruck zu verleihen. Die Frau musste sich auf die Lippen beißen, um ein Grinsen oder - viel schlimmer - ein prustendes Gelächter zu unterdrücken. Die meisten Menschen hätten angenommen, ihr Untergebener hätte für solche frivolen Dinge wie die Schwerelosigkeit und die Chance, ihre Wirkung auf den Körper auch einmal zu genießen einfach nicht den Sinn gehabt. Sie war hingegen überzeugt, dass er das lediglich nur nicht zeigen wollte, weil es nicht zu dem Bild von sich passte, dass er dem Universum - und wohl auch sich selbst - vermitteln wollte.

"Noch eine Stunde bis zum Sprung." meinte er und räusperte sich: "Ich gebe ja sehr gerne zu, dass ich mich bis hierher mit meinen Befürchtungen geirrt habe...aber ich bleibe dabei, es war ein viel zu hohes Risiko, dass gerade wir auf diese Mission gegangen sind." Er hatte ursprünglich den Einsatz im Alleingang übernehmen wollen, oder jedenfalls nicht mit IHR.
Die Frau kicherte: "Kein Risiko. Oder besser gesagt eines, das sich genauestens kalkulieren ließ - und deutlich geringer war, als du vielleicht denkst."
Auch das brachte ihr einen - wenngleich kaschierten - mürrischen Blick ein. Sie wusste, ihr Gegenüber mochte es gar nicht, im Unklaren gelassen zu werden. Er beschwerte sich freilich nie, es sei denn in einer seltenen Anwandlung von Ironie. Vom ersten Tag ihrer Zusammenarbeit an hatte er selbst dann Befehle befolgt, wenn er anderer Meinung gewesen war oder wusste, dass man ihn in wesentlichen Punkten im Dunkeln ließ. Das Ausmaß an Loyalität, das er der Mission und damit auch ihr entgegenbrachte, war eine seiner größten Stärken - und gefährlichsten Schwächen.
Aber im Moment blieb ihrem Untergebenen wieder einmal nur, ihre Worte zu akzeptieren.
"Außerdem..." fügte sie hinzu: "offen gestanden - du hast es doch auch ein Stück weit genossen. Gute Arbeit übrigens, wie du unseren ,Freund' eingeschüchtert hast. Ich dachte schon, er macht sich vor Angst in die Hose."
Das brachte ihr ein schiefes Grinsen ein: "Danke. Das ist alles eine Frage der Übung. Ich möchte aber betonen, dass mir nicht jeder Aspekt meines Auftritts zugesagt hat."
Das wurde erneut mit spöttischem Gekicher quittiert, und nach einem Moment stimmte er darin ein: "Nun gut, Sterncaptain." Er betonte den Rang fast ironisch: "Dann gehe ich angesichts dieser Zurschaustellung von anmaßender Selbstzufriedenheit davon aus, dass die Mission ganz nach Plan verlaufen ist." Er konnte sich jedoch nicht verkneifen hinzuzufügen: "Wie auch immer der aussieht."
Die Frau lachte schallend, wenn auch mit einem ausgemacht boshaften und hämischen Unterton: "Ganz richtig, Novacommander. Man muss nur die richtige Saat ausbringen, dann braucht man sich wegen der Ernte keine Sorge zu machen. Du kannst beruhigt sein, alles wird sich so entwickeln, wie es vorhergesagt wurde..."

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Neue Ziele

Camp Paradies, Naraka, Präfektur Buckminster, Draconis-Kombinat

Während Dirk Graham alias Zwerg durch die Gänge der Basis eilte, hatte sogar er Mühe, ein Staunen zu unterdrücken. Als erfahrener Soldat hatte er schon so einiges erlebt und gesehen, doch selbst er war beeindruckt, wie stark sich die Atmosphäre im Stützpunkt binnen eines Tages verändert hatte. Die Landungsschiffe waren eingetroffen, und hatten eine Flut von Soldaten und Offizieren mit sich gebracht. Wo zuvor meist gähnende Leere geherrscht hatte, die von der kleinen Stammbesatzung nur dürftig kaschiert wurde, ging es jetzt beinahe beengt und vor allem betriebsam zu. Eigentlich war genug Platz vorhanden, doch die wohnlichen Teile der Basis mussten erweitert werden. Überall wurde gearbeitet, geübt, gebaut, Quartiere, Werkstätten und sonstige Infrastruktur überprüft und verbessert. Waffen wurden zerlegt und wieder zusammengesetzt, Kabel verlegt, und die Kampfgiganten der Einheit ausgebessert, durchgesehen, aufmunitioniert beziehungsweise ,maskiert'. Letzteres beschränkte sich längst nicht auf einen neuen Tarnanstrich und Kennziffern, variierende Abschussmarkierungen, eine Umprogrammierung des Transponders oder dergleichen. Die Techs und Astechs waren inzwischen Meister darin, künstliche Verschleiß- und Gefechtsspuren anzubringen, minimale Veränderungen an der Kalibrierung der Energiewaffen vorzunehmen. Der Austausch neuer oder vielmehr alter Antennen, Ortungsschüsseln und Leuchtstrahler, ein subtiler Wechsel der Radar- und Funkfrequenzen und Scramblerroutinen verstanden sich von selbst. Ja, ein Mech posierte wie ein Pferd beim Hufschmied, das eine Bein angewinkelt, während er sich mit einem Arm abstützte. Techniker bearbeiteten seinen Metallfuß, damit die Maschine künftig andere Spuren hinterließ. Ein gründlich ,erneuerter' Mech konnte nach einer ,Rundumüberholung' vermutlich nur noch anhand der Aussage des Piloten mit einem früheren Einsatz in Verbindung gebracht werden.
Apropos Tarnanstrich - man war offenbar eifrig beschäftigt, ALLEN Gefechtspanzern und Maschinen neue Muster zu verpassen. Zwerg entging nicht, dass diesmal auch die Panzer der Einheit einbezogen wurden. Ursprünglich bestehend aus einer verstärkten Kompanie Spähpanzern und schweren Hoover-MTW's, hatte sich diese Einheit im Laufe der Zeit trotz einzelner Verluste durch die Aufnahme von Versprengten und Untergrundkämpfern sowie einige Beutefahrzeuge praktisch verdoppelt, auch wenn das Alter der Maschinen stark schwankte. Dabei dominierten Schwebertransporter und Luftkissen-Spähpanzer, aber eine Handvoll schwererer Hoover-Panzer sowie leichte oder mittelschwere Rad- und Kettenfahrzeuge waren auch von der Partie. Bisher hatten sie keine wesentliche Rolle bei den Einsätzen gespielt, waren fast immer zurückgeblieben - doch das sollte sich anscheinend ändern.

Auch die Stimmung der Männer und Frauen hatte sich gewandelt. Oder vielleicht sollte man eher sagen, dass jene, die nun das Bild bestimmten, in der Mehrzahl von anderem Schlag als die mitunter unsicheren, isolierten und teilweise auch traumatisierten ,Verlorenen' waren, die die Mehrzahl der ursprünglichen Garnison gebildet hatten. Die Angehörigen der Kerneinheit, nahezu alles erfahrene Soldaten - und das schloss auch jene kampferprobten ,Verlorenen' ein, die sich voll und ganz mental und ,dienstlich' integriert hatten - agierten selbstsicherer, zielstrebig, sie traten als Team auf, kurz, als eine Einheit. Das verwunderte auch nicht, schließlich teilten sie seit vielen Monaten ein Schicksal und eine Überzeugung. Das hieß natürlich nicht, dass sie alle eine große glückliche Familie waren, oder nur für den nächsten Einsatz lebten. Aber der Binnenzusammenhalt war bei ihnen größer, die Soldaten hatten inzwischen eine gute Vorstellung von den eigenen Stärken und Schwächen gewonnen, sie kannten ihre Offiziere und die Offiziere wiederum wussten über ihre ,Spezialisten' Bescheid. Sie waren gemeinsam durch Triumphe und bittere Rückschläge gegangen. Und sie fühlten sich in der Mehrzahl auf Gedeih und Verderb aneinander gebunden, gab es doch für sie - wie inzwischen auch für ihn - kein Zurück mehr.

Die Basis war an sich ein Unikum, größtenteils unterirdisch gelegen, auch wenn es eine Anzahl ausgebauter Gebäude über der Erde gab, zumeist große Lagerhallen. Sie war ein Relikt der Vergangenheit Narakas, selbst ein großer Mond der um einen in der habitablen Zone gelegenen Gasriesen kreiste. Er war während der Sternenbundära besiedelt worden und der einzige Ort in diesem System, an dem man ohne Raumanzug auskam - wenn auch selber nicht gerade heimelig. Aber es gab hier seltene Rohstoffe, Metalle, Transurane, Kristalle, weiß der Teufel was noch, die es seinerzeit lohnend erscheinen ließen, eine ,Welt' zu besiedeln, deren Klima recht widrig und deren Atmosphäre nur mit gewisser technischer Unterstützung auf längere Zeit zu verkraften war. Deshalb vermutlich hatte man diesen Ort nach dem buddhistischen und hinduistischen Wort für Fegefeuer oder Hölle benannt, und damit eine berückende Ehrlichkeit und Weitsicht bewiesen. Oh sicher, es gab auch einheimisches Leben, gar nicht einmal wenig. Die menschlichen Besucher hatten sich zumeist nicht sehr dafür interessiert, aber auf Naraka waren vermutlich viele Millionen verschiedene und natürlich einzigartige Arte von Pflanzen, Insekten, Panzerfischen, Krebsen und Kopffüßlern entstanden, die niemals auch nur ansatzweise vollständig erforscht worden waren. Freilich gab es keine heimischen höher entwickelten Tiere an Land. Und von den mitgebrachten terranischen oder sonstigen Spezies hatten sich nur wenige an den geringen Sauerstoffgehalt anpassen können, um außerhalb kontrollierter Umgebungen zu überleben. Eine dieser Ausnahmen, wenngleich eine wenig erfreuliche, bildeten die Bithinianischen Schmutzschleifer, eine bis sieben Kilogramm schwere Wurmart, die in der Lage war, den Boden besser als ein geübter Pionier zu durchlöchern und selbst kleine Steine zu zerstören. Irgendein Idiot hatte die gloriose Idee gehabt, die Tierchen als biologische Bohrmaschinen einzusetzen, um den Boden für den Abbau aufzulockern. Dass die dämlichen Viecher auch Häuser untergraben und Minengänge beschädigen konnten, hatte er nicht bedacht. Tatsächlich musste die Garnison routinemäßig die Stollengänge nach Wurmlöchern absuchen. Die Einheimischen benutzten die Zähne der Würmer um damit Amulette und kleine Kunstwerke oder Werkzeuge herzustellen - und angeblich aßen sie die Viecher auch...

Jedenfalls, nach dem was man ihm erzählt hatte - die Angehörigen seiner Truppe hatten einen Crashkurs in der Lokalgeschichte erhalten, da es ihre Aufgabe war, auch außerhalb der Basis Beobachter zu spielen - hatten die Bergbauunternehmen über einige Jahrhunderte ihr Bestes getan, die Welt nach allen Regeln der Kunst auszuplündern und dabei gründlich zu versauen. Schließlich gab es damals außer den Bergleuten und ihrem Anhang keine Bewohner, und die wollten reich werden und ihren Spaß haben - und zu Hölle mit dem, was nach ihnen kam. Auf Umweltschutzbestimmungen nahm man kaum Rücksicht, was schließlich dazu führte, dass in weiten Gebieten die Landschaft für Jahrzehnte in eine schlammige und steinige Einöde mit verseuchten Böden verwandelt wurde, und die Meere und Gewässer besorgniserregende Werte an schädlichen Metallen und Chemikalien aufwiesen.
Doch diese Herrlichkeit währte nicht ewig. Das war ein Glück für die einheimische Flora und Fauna gewesen, die einiges an Verlusten hatte hinnehmen müssen, bevor sie sich angepasst hatte. Irgendwann war auch noch das letzte lohnende Abkommen weitestgehend ausgebeutet, das war wohl nach dem Ersten Nachfolgekrieg gewesen. Das hieß nicht, dass es hier keine Rohstoffe mehr gab - nur waren die Kosten für den Transport und Abbau einfach zu stark gestiegen, vor allem da die moderne Technik, die das Leben hier angenehmer gestaltet hatte und die für den Bergbau und Verschiffung nötig war, dringend an anderen Orten gebraucht und damit immer teurer wurde. Folglich machte man den Laden schrittweise dicht. Die Transportschiffe kamen seltener, der Nachschub stoppte, die Löhne sanken. Die Tagebaue, Minen und Verarbeitungszentren gingen schrittweise zugrunde, und mit ihnen die meisten der einst quirligen Bergarbeitersiedlungen mit einstmals insgesamt wohl über 100.000 Einwohnern. Häufig wurde nicht einmal das Gerät abtransportiert. Förderbänder, Schmelzofen und andere Anlagen blieben zusammen mit verrosteten Transportfahrzeugen zurück und erinnerten zusammen mit den verlassenen Siedlungen selbst noch Jahrhunderte wie ein Friedhof voller versteinerter Urzeittiere an Narakas ,glorreiche' Vergangenheit. Einige der Minen waren so groß und stabil, dass man sie noch mit ein wenig Mühe noch heute als Unterschlupf nutzen konnte - wie in diesem Fall, obwohl hier wohl einige Schmuggler nachgeholfen hatten, die hier in der Vergangenheit für einige Jahre eine Basis betrieben, bevor sie sich nach grüneren Weiden umsahen.

Die Besprechung war nicht von ungefähr an Bord eines der Landungsschiffe angesetzt worden. Das lag sicher nicht nur daran, dass es dort gemütlicher war, nein, auch die technische Ausstattung war besser und die Umgebung ließ sich leichter kontrollieren. In der Basis hielten sich mitunter auch einzelne Einheimische auf. Das ließ sich nicht ganz vermeiden, obwohl Befehl bestand, die Besucher nie aus den Augen zu lassen. An Bord der Landungsschiffe kam man aber wirklich nur mit einem direkten Aufpasser im Schlepptau, und die Zugangsluken wurden Tag und Nacht scharf bewacht. Wobei man nicht nur Spionage, Sabotage oder auch Diebstahl fürchtete. Letzteres war am wahrscheinlichsten, denn die Lander beherbergten eine wahre Schatzkammer an Vorräten und Technik. Und schließlich...manche Bewohner Narakas wollten möglicherweise so verzweifelt den Mond verlassen, dass sie sich als blinde Passagiere an Bord schlichen, ohne zu wissen wohin die Reise ging.
Folglich musste sogar Dirk sich einer kurzen Überprüfung durch ein argwöhnisches Dreierteam von Wachposten unterziehen, bevor er die Rampe hinaufmarschieren konnte. Es war eine Wohltat, die Atemmaske abzunehmen, auch die angenehme Wärme im Schiff und die Sauberkeit der Gänge waren eine erfreuliche Abwechselung. In der Luft lag der unverkennbare Duft nach frischem Kaffee, Brot und irgendeiner Suppe - die Küche des Schiffes arbeitete praktisch rund um die Uhr, um die Einheit in Schichten zu versorgen. Bei mehreren hundert Männern und Frauen war das eine Mammutaufgabe, und nicht von ungefähr musste nahezu jeder gelegentlich beim Kantinendienst aushelfen.

Er traf gerade noch rechtzeitig zur Besprechung ein - ein Glücksfall, wie er sich insgeheim eingestand. Zwar wurde in einer Spezialeinheit wie der seinen der Dienstbetrieb außerhalb des Einsatzes etwas laxer gehandhabt, aber das hieß nicht, dass man sich ALLES erlauben konnte. Schon der Umstand, dass vor dem Schott zwei bewaffnete Wachposten standen machte klar, dass es hier nicht nur um eine Routineberatung ging.
Nicht, dass der Raum an sich etwas Besonderes war. An Bord herrschte eine gewisse Enge, auch wenn die Unterbringungskapazitäten noch lange nicht ausgereizt waren. In demselben Zimmer konnte vor ein paar Stunden ein Treffen des...sagen wir Schachclubs stattgefunden haben, jetzt folgte eben eine geheime Besprechung - und eine Stunde danach vielleicht eine Poesielesung oder ein Treffen der Maler und Zeichner. Vielleicht nahmen sogar dieselben Männer und Frauen daran teil. Die Kommandeure der Einheit ermutigten ihre Untergebenen in der - limitierten - Freizeit zu solch vergleichsweise unkriegerischen Beschäftigungen. Nicht, dass sich Kampfsportturniere oder Taktiksimulationen nicht auch großer Beliebtheit erfreuten. Es war dieser ganzheitliche Ansatz der Truppenbetreuung, der dazu beitrug, dass die Einheit trotz der beengten Umgebung und der hohen Belastungen so gut funktionierte.

Ein Blick in den Raum bestätigte Dirks Eindruck, dass es sich um eine wichtige Besprechung handelte. Diesmal waren nicht nur die ,Sekretärin' und ,Beast', ihres Zeichens Chefin beziehungsweise XO der militärischen Abwehr, Aufklärung und Spezialkräfte der Truppe anwesend, seine direkten Vorgesetzten - sondern auch die Führungsspitze der gesamten Einheit.
Da war zunächst einmal ,die Gräfin' alias ,Top'. Zwerg hatte ihr bisher nur selten von Angesicht zu Angesicht gegenübergestanden, denn ihre Verpflichtungen nahmen sie oft in Beschlag. Mitunter verschwand sie für längere Zeiten, ohne dass jemand außer dem innersten Zirkel wusste, wohin. Sie war eigentlich keine besonders beeindruckende Erscheinung, nicht sehr groß, für jemand ihres Standes und Rangs noch jung, auch nicht gerade eine besondere Schönheit zu nennen. Hätte man sie in einen Kimono gesteckt, wäre sie mit ihren Gesichtszügen und dem langen schwarzen Haar in einem Adelspalast des Kombinats nicht sonderlich aufgefallen. Aber ihre Gesten und Stimme, ihr ganzes Auftreten forderten Respekt ein. Wer nur ein bisschen über ihren Hintergrund wusste, der erwies ihn ihr auch - oder wünschte sich bald, er hätte es getan.
Ihr XO, der den Gefechtsnamen ,Lupus' führte, eine schlanke, mittelgroße Erscheinung - seine scharfen, harten Gesichtszüge mit der markanten Nase hatten tatsächlich etwas wölfisches an sich - musterte die Runde schweigend mit dunklen, stechenden Augen, denen nichts zu entgehen schien. Wenn die Gräfin anwesend war, hielt er sich meistens im Hintergrund, erkannte sie ohne jeden Widerspruch als die Stärkere an - was manchmal Anlass zu Witzen gab. Doch dank seines Hintergrundes und Rufes betrachtete die Sondereinheit ihn de facto als einen Ebenbürtigen, eine Ehre, die sie nicht vielen gewährte. Das mochte auch daran liegen, dass er etliche von ihnen mit seinen Mechs herausgeboxt hatte, als ihre Lage sehr...unvorteilhaft gewesen war.

Außer Zwerg waren noch drei einfache Kommandosoldaten seiner Einheit anwesend, sowie ,Munin' - der als Kommunikationsexperte und Spezialist für elektronische Kriegführung galt - und ,Kitsune'. Ihr Spitzname war einmal mehr Beweis für den fragwürdigen Sinn für Humor, der in der Truppe kultiviert wurde. Sie hatte erstmals bei Operation Bulldog bei der Betreuung von Kriegsgefangenen und Internierten gearbeitet. Denn wie man so schön sagte, es war oft leichter, die Nebelparder von den besetzten Welten zu vertreiben, als ihre Ideologie aus den Hirnen ehemaliger Claner, Leibeigenen oder unterworfenen Zivilisten zu tilgen. Inzwischen war sie eine Spezialistin sowohl für Epidemiologie - das wurde man zwangsläufig, wenn man in solchen Lagern Dienst tat - vor allem aber Spezialistin bei Fragen des Verhörs und der ,Reprogrammierung' von Gefangenen. Ihre Tätigkeit hatte zwangsläufig zu Kontakten mit Geheimdienstkreisen geführt, was der Grund war, aus dem sie die Frau der Stunde war, wenn Zwergs Einheit medizinischen Sachverstand benötigte.
Alle Anwesenden waren bewaffnet, auch die Offiziere - und es waren selten ,nur' Standard-Dienstwaffen. Die meisten trugen schwere Pistolen oder Laser im Hüftholster, und ihr offen zur Schau gestellter Munitionsvorrat überstieg zumeist den üblichen Rahmen. Dazu kam oft noch eine Reservewaffe im Schultergurt oder Stiefel, nicht selten auch noch ein Vibrodolch oder eine konventionelle Klinge.

Die Besprechung begann übergangslos. Auch die Kommandeure der Truppe nahmen es mit dem Protokoll nicht sehr eng, so lange klar war und blieb, wer das sagen hatte. Es stand sogar Saft, Tee und Kaffee bereit, und wer wollte, konnte sich an einer Gebäckschale vergreifen, die zwanglos herumging. Wobei das Knabberzeug nicht nur der Erquickung diente - die Gesundheit in der Truppe wurde genauso aufmerksam kontrolliert wie die Gefechtsbereitschaft der Mechs, Gefechtsanzüge, Waffen und Panzer. Die Offiziere und Unteroffiziere achteten peinlich genau darauf, dass jeder Soldat die Mindestmenge an Vitaminen und anderen Nährstoffen zu sich nahm.

Die Gräfin kam direkt zur Sache, wie es ihre Art war: "Wir haben Sie ausgesucht für einen Vorbereitungseinsatz im Zuge unserer nächsten Operation. Kurz zusammengefasst werden Sie eine Welt infiltrieren und dort sowohl Unterstützungsmaßnahmen koordinieren, als auch selber Sabotageaktionen durchführen. Dieser Teil ist zwar noch nicht gesichert, aber gehen Sie lieber davon aus. Es wird die möglicherweise wichtigste, gefährlichste Mission, an der Sie in den letzten Monaten teilgenommen haben, und das Gelingen des Einsatzes - und damit das Überleben ihrer Kameraden - hängt zu einem erheblichen Teil von Ihrem Erfolg ab. Ich weiß, dass dies die Art von Einsatz ist, für den Sie ausgesucht und ausgebildet wurden. Wir verlassen uns auf Sie." Sie rief ein Bild auf - die Aufnahme eines zumeist blauen Planeten, dessen Landmasse sehr klein erschien.
"Dies ist ihr Ziel, Sulafat. Ich will Ihnen den Planeten nicht als Urlaubziel ans Herz legen - zu den Details kommen wir später - aber ich kann Ihnen versichern, dass sie sowohl den Planeten als auch seine Bewohner in jedem Fall ernst nehmen müssen, auch wenn es dort keine reguläre Garnison gibt."

Sie nickte der Sekretärin zu, die nun das Wort übernahm. Wenn es etwas gab, was man Dirks Chefin NICHT ansah, dann ihre tatsächliche Funktion in der Einheit. Sie war noch kleiner als die Gräfin, wog kaum 50 Kilo. Mit ihren lange schwarzen Haare, der kaffeebraunen Haut, den großen dunklen Augen, den ebenmäßigen Gesichtzügen und der weichen Stimme mit dem singenden Tonfall wirkte dieses Persönchen mit etwa 30 Jahren gewiss nicht wie eine Herrin über Leben und Tod, und trat auch selten so auf. Ein Eindruck, der nicht falscher hätte sein können. Sie war zwar keine Einsatzagentin, sondern eine begnadete Kommunikations- und Analysespezialistin, was dem Vernehmen nach mitunter zu Konflikten zwischen ihr und Beast führte. Aber sie war hochintelligent und die Gräfin und ihr XO vertrauten ihr blind, zudem war sie vom ersten Tag an Teil der Einheit gewesen. Dass sie alle noch immer lebten und so oft Erfolg hatten, war zu einem erheblichen Teil auch ihr Verdienst. Ihr Tonfall hatte fast etwas Plauderndes, als sie die Details der Mission umriss - aber die Männer und Frauen hörten ihr aufmerksam zu: "Unsere Besprechung hier gilt erst einmal nur den allgemeinen Grundlagen. Die Details besprechen wir dann noch in...familiärer...Atmosphäre. Sie verlassen Naraka auf Schmugglerschiffen, wechseln dann auf einer Zwischenstation die Identität, gehen getrennt in drei Team 'rein und treffen sich erst vor Ort wieder. Einsatzführer ist Beast. Es gilt höchste Geheimhaltungsstufe. Sie haben nach dieser Besprechung 48 Stunden sich mit den grundlegenden Details der Infiltration vertraut zu machen und etwaige Verbesserungsvorschläge zu machen. Der eigentliche Aufbruch erfolgt dann noch einmal fünf Tage darauf." Ein knappes Zeitfenster, selbst wenn die Teilnehmer natürlich auch die Transitzeiten für die Perfektionierung ihrer Rolle nutzen würden. Höchste Geheimhaltungsstufe besagte, dass man nicht nur gegenüber den regulären Soldaten und Hilfstruppen der Einheit zu schweigen hatte. Auch jenseits des eigenen Teams war ein Gedankenaustausch nur mit Genehmigung eines vorgesetzten Offiziers erlaubt. Der Grund dafür war klar - wenn ein Team aufflog, sollte nicht auch gleich die Tarnung der anderen kompromittiert werden.
"Sie erhalten die Einsatzdetails zusammen mit den Unterlagen mit ihren Tarnidentitäten, ebenso die Einreisepapiere. Falls es dazu Fragen gibt, gehen Sie diese direkt mit mir durch - egal zu welcher Tageszeit. Sie werden relativ ,nackt' reingehen, aber wir haben eine grundlegende Ausrüstung vor Ort bereitstellen können. Details dazu haben wir ebenfalls vermerkt."

Unter Tarnidentität war viel mehr zu verstehen als nur ein anderer Name. Auch ohne plastische Chirurgie konnte man das Aussehen der Einsatzagenten massiv verändern. Gefärbte Kontaktlinsen und Haare, eine Modifikation der Hautfarbe, künstliche Narben, Tätowierungen, Einlegsohlen, die einen mehrere Zentimeter größer erscheinen ließen, Kunststoffpolster, die bestimmte Gesichtspartien verfremdeten - die Möglichkeiten waren schier endlos. Natürlich barg das auch ein gewisses Risiko, denn bei einer gründlichen Leibesvisitation fiel dergleichen unter Umständen auf, und selbst der dümmste Polizist wusste dann, dass man etwas zu verbergen hatte. Aber andererseits konnte man so als jemand vollkommen anderes durchgehen - was in diesem Geschäft überlebenswichtig war.

"Noch vor der Abreise werden Sie sich einer umfassenden medizinischen Überprüfung unterziehen. Sie werden darüber hinaus geimpft, ein Vergnügen in dessen Genuss übrigens jedes Mitglied der Einheit kommen wird. Etwaige Auffälligkeiten sind UMGEHEND zu melden, dies ist KEIN Moment für falsch verstandenes Heldentum. Ihre Aufgabe vor Ort ist zunächst simpel. Halten Sie den Kopf unten, erfüllen sie die notwendigen Bestandteile ihrer Deckidentität, gewinnen sie ein Gefühl für die Lage vor Ort. Wir haben Ihnen eine umfassende Übersicht über die örtliche Geschichte und momentane politische und sicherheitsrelevante Situation zur Verfügung gestellt. Studieren Sie diese schon im Vorfeld."

Das war eine relative Neuheit der Arbeit bei dieser Einheit, anders als bei vielen traditionellen Kommandoeinsätzen, an denen er früher teilgenommen hatte. Aber spätestens seit dem Aufbau der Basis auf Naraka hatte Zwerg eine Vorstellung, wie nützlich die Kenntnis der lokalen Geschichte bei dieser Art von out-of-area-Einsätzen sein konnte. Er hatte das zunächst nicht ganz verstanden - bis er hierher gekommen war.

Die Aufgabe der letzten großen Abbauzentren nicht das vollständige Ende Narakas als Ort menschlichen Lebens gewesen. Ein paar Bergarbeiter waren damals geblieben, Menschen, die nirgendwohin konnten oder wollten. Angesichts des atomaren Feuers, das unzählige Welten in den Nachfolgekriegen verzehrte, erschien eine ,vergessene Welt' manchen vielleicht als keine schlechte Wahl, selbst wenn es DIESE war. Andere hatten noch ein paar Jahre lang die letzten Restvorkommen an örtlichen Bodenschätzen ausgebeutet, mit zunehmend primitiven Mitteln, in der vergeblichen Hoffnung, die Nachfrage würde so stark steigen, dass sich ihre Arbeit wieder rentierte. Und schließlich waren irgendwann auch neue ,Siedler' gekommen. Zunächst Schmuggler, die die Welt als Zwischenstation nutzten um Waren zu lagern, zu handeln und ihre Schiffe zu reparieren. Die Bergleute und sie hatten nach einigen Anlaufschwierigkeiten zumeist einen Art Modus Vivendi gefunden, und auf der Welt war ca. ein Dutzend Stützpunkte entstanden, die sich meistens um einen improvisierten ,Raumhafen' herum gruppierten und grundlegende Dienstleistungen anboten. Bald kamen auch die Vertreter von jenen, die den Schmugglern Aufträge erteilten und die Waren abnahmen - das organisierte Verbrechen des Kombinats, die Yakuza. Aber es kamen auch Menschen, die auf den zivilisierten Welten des Kombinats für sich keine Zukunft mehr sahen, etwa weil ihre Angehörigen als Verräter hingerichtet worden waren. Dazu kamen Sonderlinge in philosophischer, politischer und religiöser Hinsicht. Das Kombinat war normalerweise nicht sehr großzügig gegenüber Dissidenten, doch manche Lords sahen weg, wenn Störenfriede einfach verschwanden und sich damit das Problem praktischerweise von selbst erledigte. Natürlich durfte das nicht irgendwelche bedrohlichen Ausmaße annehmen, aber wen kümmerten schon ein paar hundert Menschen mehr oder weniger? Eine Ausreise aus dem Kombinat in einen feindlichen Staat, nun, DAS war eine andere Sache. Und da praktisch immer irgendwo Krieg herrschte, hatten einige Menschen lieber Zuflucht in solch abgelegenen Ecken gesucht, wie dieser Mond ein war.
So kam es, dass Naraka gut zweihundert Jahre nach dem Ende der offiziellen Nutzung Bevölkerung von vielleicht 10-15.000 Menschen beherbergte, weit verstreut, in isolierten Siedlungen. Gewiss nicht viele Menschen für einen so großen Himmelskörper, aber manchmal offenbar immer noch ZUVIEL, um einander in Ruhe zu lassen. Es hatte in den zwei Jahrhunderten mehr als einen blutigen Verteilungskampf innerhalb der Schmuggler gegeben. In den Schmugglerverstecken galt neben dem Faustrecht zumeist das Wort der lokalen Syndikatsvertreter, und sie setzten es wenn nötig brutal durch. Gewaltsame Todesfälle kamen immer wieder vor, doch im Sinne der Interessenwahrung wurde eine Eskalation zumeist vermieden. Aber das war kein Schutz für jene, die nicht unter dem Schutz der Yakuza standen.

Die Nachkommen der Flüchtlinge und die Schmuggler hielten oft Abstand zueinander. Die Schmuggler sahen auf die, wie sie sie oft nannten, ,Dreckfresser' herab - die Menschen, die ihren Lebensunterhalt auf der kärglichen Scholle, aus dem Fischfang und der Zucht von einheimischen oder importierten Tieren fristeten, zumeist als Selbstversorger in Gemeinden mit vielleicht einigen hundert, höchstens einmal tausend Menschen lebten. Dazu trug bei, dass die ,Erd-' oder ,Schollengebundenen', wie man sie auch nannte, nicht genug Geld und Verbindungen hatten, um sich moderne Technik oder auch nur ,normale' Kleidung zu leisten. Ihre Transportmittel waren alt, ihre Kleidung oft aus einheimischen Pflanzenfasern selbstgemacht. Ihr Essen aus eigenem Anbau war schmack- und nahrhaft und von beeindruckender Vielfalt - aber es konnte auf lange Sicht auch tödlich sein. Sie waren anders als die meisten Schmuggler und Bewohner der ,Raumhäfen' nicht in der Lage, ihre Nahrung aus importierten Gütern herzustellen oder die einheimischen Rohstoffe soweit aufzubereiten, dass sie nicht immer wieder Gefahr liefen sich selbst und die kommenden Generationen schleichend zu vergiften. Die Schadstoffbelastung hatte zwar über die Jahre nachgelassen, aber Unwetter, Stürme, Strömungswechsel und andere Zufälle führten immer wieder dazu, dass neue Giftstoffe freigesetzt werden. Deshalb war die Lebenserwartung der ,Schollengebundenen' im Schnitt gering - abgesehen davon, dass sie auch nur sehr begrenzten Zugang zu moderner Medizin hatten, wobei unter ,modern' bereits Breitband-Antibiotika und verlässliche Blutkonserven zu verstehen waren. Sie waren natürlich keine Höhlenmenschen oder Primitive, sie wussten von den Welten da draußen - aber um ihre Segnungen zu genießen, fehlte ihnen zumeist das Geld, die Güter, um sich das Geld zu verschaffen - und die Brutalität und Waffen, sich zu nehmen, was sie nicht selbst herstellen konnten.

Das war aber nur ein Teil des Problems. Die Mehrzahl der Flüchtlinge gehörten zu denen, die im Kombinat ohnehin bestenfalls als Bürger zweiter Klasse galten. Viele waren zum Beispiel jüdischen Glaubens - und wo schon auf etlichen Welten des Kombinats das Christentum mit Argwohn beäugt wurde, wurde das Judentum auf offizielle Anweisung Haus Kuritas seit jeher aktiv unterdrückt und konnte nur im Verborgenen praktiziert werden. Massenhafte Übergriffe auf Gläubige waren zwar relativ selten, und wer seinen Glauben nicht praktizierte oder sich gar zu einer anerkannten Religion bekehrte, galt künftig als vollwertiger Bürger Kuritas, egal woran seine Eltern und Großeltern geglaubt hatten. Einige Lords setzten die geltenden Bestimmungen zudem nur höchst nachlässig um oder sahen in Bezug auf die religiösen Aktivitäten einiger ihrer Untertanen gar geflissentlich und mit bemerkenswerter Ausdauer in eine andere Richtung. Mitunter sammelten die akribisch angelegten Polizeiakten über ,Untergrundsynagogen' und heimliche religiöse Feste auf Anweisung ,von oben' einfach nur noch Staub an. Andererseits kam es aber auch immer wieder vor, dass ein ehrgeiziger oder einfach nur buchstabengetreuer Beamter oder Adliger sich der Bestimmungen entsann, die in etwa so alt wie das Kombinat waren, und hart durchgriff. Der Vorwurf der Nachlässigkeit gegenüber dem Gesetz des Koordinators war nichts, was man leichten Herzens riskierte - und konnte gravierende Folgen haben. Zumindest wollte so mancher Würdenträger für weiteres Wegsehen großzügig entschädigt werden...
Das war für jene Menschen, die den Glauber ihrer Vorfahren für einen wesentlichen Bestandteil ihres Lebens hielten, schwer erträglich. Allein, auch ein Exil an einem Ort wie Naraka bedeutete keinen vollständigen Schutz vor den Auswirkungen der staatlichen Politik. Nur weil die Schmuggler und Gesetzlosen selber als Bürger zweiter Klasse oder noch weniger galten, waren sie noch lange nicht frei von den Vorurteilen ihrer Landsleute.

Aus all diesen Gründen war das Zusammenleben zwischen den Schmugglern und ihrem Anhang beziehungsweise den Flüchtlingen und ihren Nachkommen, die etwa zwei Drittel der Einwohner Narakas stellten, im Allgemeinen bestenfalls von einem distanzierten Nebeneinander geprägt. Man machte gelegentlich miteinander Geschäfte, ließ sich aber kaum wirklich auf den anderen ein - oder wohnte in seiner direkten Nähe. Natürlich gab es immer wieder durchaus auch harmonische Beziehungen und Partnerschaften, ebenso wie Bewegungen von der einen Gruppe zur anderen, doch sie waren vergleichsweise selten, und der Übertritt beziehungsweise enge Verbindungen zu den ,Anderen' waren oft ein schmerzlicher Prozess, der den vollständigen Verlust der alten Verbindungen bedeuten konnte. Schlimmstenfalls aber...
Es kam immer wieder vor, dass Siedler beraubt, betrogen, verletzt oder ermordet wurden, wenn sie die Schmugglerstützpunkte besuchten, und die Gesetzlosen machten sich ihr Monopol auf Fremdwelt-Waren schonungslos zunutze. Doch nicht immer waren die Rolle von Angreifer und Opfer so eindeutig verteilt. Auch die ,Schollengebundenen' waren keine Heiligen. Es kam vor, dass sie mitleidlos zusahen, wie schiffbrüchige Schmuggler oder Ausgestoßene an Krankheit und Hunger zugrunde gingen, obwohl sie ihnen mit geringem Risiko hätten helfen können. Und es gab Geschichten von ,Stadtbewohnern', die von Siedlern ermordet und beraubt worden waren. Einige Male waren kleine Gruppen der Gesetzlosen wegen der Übertretung irgendwelcher Regeln und Gebote der ,Schollengebundenen' überfallen worden, oder hatten bitter für Verbrechen büßen müssen, die in Wahrheit nur Einzelne von ihnen oder gar Angehörige einer ganz anderen Gruppe begangen hatten.

Vor nunmehr 30 Jahren hatte ein lokaler Schmugglerchef auf irgendeine Weise zwei uralte Battlemechs akquirieren können, eine Wespe und einen Hornisse. Davor hatte es hier für Jahrhunderte bestenfalls ein paar alte marode zivile Industriemechs gegeben, die für ein Gefecht wahrlich nicht geeignet waren. Vermutlich wollte er sich mit den Kampfgiganten ursprünglich vor Piratenangriffen schützen, sie weiterverkaufen, vielleicht auch für einen drohenden Untergrundkrieg gerüstet sein. Statt dessen aber waren sie zuerst zur Erpressung von Schutzgeld und dann in einer bis heute nicht ganz erklärten Eskalation für einen brutalen Überfall auf eine Siedlung der ,Schollengebundenen' genutzt worden. Die hatten nur Handfeuerwaffen und ein paar Maschinengewehren gehabt. Genug, um die Schmuggler von normalen Übergriffen abzuschrecken, aber vollkommen unzureichend für einen Angriff mit zwei vollwertigen Mechs, einem halben Dutzend Schweber und fünfzig Bewaffneten. Bis heute wurde über die Details nur im Flüsterton berichtet, sowohl bei den ,Erdgebundenen' als auch bei den Gesetzlosen, denn selbst vielen von ihnen grauste insgeheim vor dem, was damals geschehen war. Über einhundert Zivilisten waren abgeschlachtet worden, die Hälfte davon Kinder und Jugendliche, eine ganze Siedlung geplündert und niedergebrannt. Es hatte Dutzende Fälle von Folterungen und Vergewaltigungen gegeben, fast 40 Frauen und Mädchen waren verschleppt und irgendwohin ins Kombinat verlauft worden - dem Vernehmen war keine zurückgekehrt. Das Ereignis hatte sich tief in das Bewusstsein der Bewohner Narakas eingebrannt. Eine Allianz von Yakuza-Vertretern hatten für ein ,angemessenes' Schutzgeld garantiert, dass sich der Überfall nicht wiederholte, aber es kam immer mal wieder vor, dass einige Betrunkene über eine Neuauflage faselten. Die Mechs waren ja noch da...

Als die Truppe das erste Mal und in voller Stärke auf Naraka aufgeschlagen war, hatte man wohl auch deshalb die Furcht fast mit Händen greifen können. Sie waren stark genug gewesen, um praktisch den gesamten Mond straflos zusammenzuschießen, und sowohl die Schmuggler als auch die ,Schollengebundenen' hatten vielfach wohl genau das erwartet. Zwerg kannte die Details nicht, aber es hieß, die Gräfin und ihr XO hätten in einem Meisterstück der Diplomatie das Beste für ihre Einheit herausgeholt, ohne auch nur einen Warnschuss abfeuern zu müssen. Die Schmuggler hatten sich einverstanden erklärt diese aufgegebene Basis den Neuankömmlingen zu überlassen und sahen künftig krampfhaft weg, was die Aktivitäten der Truppe betraf. Ihre Mitglieder standen zudem unter dem Schutz der örtlichen ,Kingpins', wenn sie sich in die Schmugglerstützpunkte begaben - keine vollständige Garantie nicht in Probleme zu geraten, aber doch ein netter Bonus. Zudem lieferten die beiden nächstgelegenen Schmugglerstützpunkte Nachschub zu vertretbaren Preisen. Ob man sie eingeschüchtert hatte, bestochen oder beides, das war unklar.

Die nächste Siedlung der ,Schollengebundenen' hatte ebenfalls Besuch erhalten. Zwerg war als Leibwächter dabei gewesen, als die Gräfin und ihr Stellvertreter, der sogar ein paar Brocken Hebräisch radebrechte, sich die Einheimischen in einem improvisierten Festmahl zum Freund gemacht hatten, mit nicht mehr als einigen tausend Einheiten Antibiotika, anderer Medizin und ähnlichen Geschenken. Seitdem war auch die Beziehung zu DIESEM Teil der Bevölkerung stabil. Natürlich blieben sie nicht völlig frei von Konflikten. Soldaten und Bauern gerieten immer aneinander, und sei es nur, weil ein Idiot Zielschießen auf eine Baumplantage veranstalten musste. Aber die Einheimischen stellten bereitwillig und für minimale Preise einheimische Rohstoffe und Hilfsarbeiter. In mancher Hinsicht schien die Gräfin die ,Schollengebundenen' sogar zu bevorzugen - vielleicht, weil die Gefahr geringer war, dass jemand von ihnen vom Planeten herunterkam und dann auch noch bei den Behörden plauderte. Sie hatte zudem eine Handvoll Männer und Frauen - sowohl aus den Reihen der Gesetzlosen als auch von den Siedlern - direkt für die Einheit rekrutiert.
Ohne eine detaillierte Kenntnis der örtlichen Bedingungen wäre es wohl nicht möglich gewesen, so gute Bedingungen ohne Gewalteinsatz oder einen wesentlichen höheren Preis herauszuschlagen. Und auch bei einigen früheren Missionen war es diese Art von Lokalkolorit gewesen, die den Sieg ermöglicht oder doch wesentlich erleichtert hatte. Deshalb hatte es sich Zwerg schon lange abgewöhnt, über die ,Hausaufgaben' zu mosern, wie es einige seiner ehemaligen Kameraden sicher getan hätten, weil sich das nicht wirklich mit dem Machismo vertrug, der in Spezialeinheiten mitunter kultiviert wurde.

Die Sekretärin fuhr währenddessen fort: "Sie werden vor Ort Hilfskräfte anwerben, die der Einheit als einheimische Führer dienen sollen. Die Kontaktdaten erhalten sie noch, es gibt ein paar potentielle Ansprechpartner. Seien Sie wachsam, wir können den Leuten dort nicht wirklich trauen. Aber sie sind habgierig - und haben genug Angst vor uns - dass wir sie benutzen können, so lange wir nicht zuviel verlangen. Wie genau die Hilfskräfte eingesetzt werden, muss sich noch entscheiden. Entweder wir führen im Zielgebiet eine klassische Überfallaktion durch. In diesem Fall werden die Einheimischen wohl nicht benötigt. Wahrscheinlicher ist aber, dass wir vor Ort mit einer neu eintreffenden Einheit konfrontiert werden. Der Name der Truppe lautet ,Höllenhunde', und es handelt sich dabei um ein gemischtes Bataillon ohne sonderlich beeindruckenden Ruf und Tradition. Sie sind nicht zu unterschätzen, aber als Einheit relativ jung. Etwa zwei Kompanien Panzer - ein etwas unorganischer Mix aus überschwerem, mittleren und leichtem Gerät - eine Infanteriekompanie und eine unterbesetzte Staffel Jäger. Die Einheitsdetails sowie Angaben und Bildmaterial zu den Offizieren und zu früheren Einsätzen der Einheit finden Sie in den Dossiers. Sollten die Höllenhunde tatsächlich auftauchen, sind sie unser primäres Ziel. In diesem Fall werden Sie sie beobachten und dann mit einer Reihe von Sabotage- und Zersetzungsmaßnahmen beginnen."
Sie lächelte engelhaft, doch ihre Worte waren weit weniger süß: "Beast hat bereits eine Liste möglicher Optionen zusammengestellt, aber fühlen Sie sich frei, weitere Vorschläge anzubringen. Unser Ziel sind dabei sowohl die Technik der Einheit, als auch in vollem Umfang ihre Angehörigen. Unterschätzen Sie aber weder die Höllenhunde, und besonders nicht die örtliche Polizei. Eigenschutz und Konspiration hat oberste Priorität. Aufklärung und Überraschung ist mir lieber als spektakuläre Aktionen. Die Zwischenfälle sollten entweder wie Unfälle oder Aktionen der örtlichen Guerilla sein. Glücklicherweise ist die sowohl psychotisch als auch kreativ genug, dass uns das ziemlich viel Spielraum lässt..."
An dieser Stelle übernahm Lupus: "In diesem Fall tritt eine Änderung unser Einsatzparameter in Kraft. Wir haben uns bisher bei den Einsätzen gegen Kombinats- und Adelstruppen, erst recht aber gegenüber draconische Zivilisten um einen möglichst geringen Blutzoll bemüht. Dies gilt in diesem Fall NICHT, im Gegenteil. Die Höllenhunde unterstehen im Moment einem Kontrakt Com Stars und sind damit betraut, die Angriffe im Grenzgebiet - auf beiden Seiten der Frontlinie - zu untersuchen und wenn möglich zu unterbinden. Die Konsequenzen sind klar. Zudem haben führende Angehörigen der Höllenhunde, ebenso wie die ihrer Muttereinheit, der Chevaliers, in der Vergangenheit beste Beziehungen sowohl zu den Geisterbären als auch zu den Exilwölfen und den Kell Hounds unterhalten. Es gibt zahlreiche persönliche Verbindungen, mitunter auch Überschneidungen zu diesen Gruppen"
Seiner Stimme war die Abscheu anzuhören. Claner waren natürlich bei den meisten FIS-Bewohnern verhasst. Was aber die Kell Hounds betraf, die man hier im Kombinat als "Kieru inu" kannte und zumeist auch verabscheute - wenn ein stereotypischer mordender, vergewaltigender und plündernder Söldner in einem Kombinatsfilm der letzten Jahrzehnte auftauchte, war er zumeist ein Wolfs Dragoner oder ein Kell Hound... Nun, gerade bei denen gab es gute Gründe, aus denen die Mehrzahl der Männer und Frauen der Einheit sie zur Hölle wünschte.
"Überdies ist auf die Angehörigen der Chevaliers und Höllenhunde ein Schwarzmarktkopfgeld für bestätigte Tötungen ausgesetzt, für einzelne, namentlich genannte Offiziere gibt es Sonderprämien. Es ist zumeist nicht überragend hoch, aber ein netter Zusatzverdienst. Wir wissen nicht, wer es ausgesetzt hat - das läuft wohl über Mittelsmänner - aber die Söldner müssen in der Vergangenheit jemanden ernsthaft verärgert haben. Die Liste der Kandidaten ist zu lang um sich sicher zu sein, doch die Details können uns ja auch egal sein. Fakt ist, dass uns das zusätzlichen Anreiz und auch eine gewisse Tarngeschichte liefert, diesen Abschaum so effizient wie möglich zu eliminieren. Sie haben volle Handlungsfreiheit." Zwerg musste eine Grimasse unterdrücken. Er kannte den Ruf, den sich Lupus hart erarbeitet hatte. Wenn er noch zu solchen Sentimentalitäten geneigt hätte, hätten ihm die Höllenhunde beinahe leidgetan.
Mit diesen Worten war der allgemeine Teil der Besprechung vorbei. Zwergs Chefin begann, die Kleinteams aufzuteilen und verabredete sich mit ihnen zu direkten Besprechungen. Jetzt aber lag erst einmal eine intensive - wenn auch vermutlich nicht unbedingt pulsbeschleunigende - Lektüre vor ihm und seinen Kameraden. Es sah so aus, als würde er eine Menge Kaffee brauchen...

****

Selber Ort, etwas später

"Herein." Die Stimme war nicht besonders laut, doch als Hadriana Framma alias Spike eintrat, erstarrte sie in starrer Habacht-Haltung. Der Einheits-XO blickte zunächst nicht auf, sondern war offenbar in einige Daten auf seinem Sichtschirm vertieft. Sein kleines Büro wirkte ziemlich nüchtern, penibel, was in etwa dem Bild entsprach, das Spike von ihrem Vorgesetzten hatte. Wie so oft wusste sie nicht recht, ob er sie zunächst warten ließ um sie zurechtzuweisen - denkbar - oder weil er nur noch etwas erledigen wollte, bevor er sich mit ihr befasste, was er offenbar nur widerwillig tat. Sie mochte ihn nicht, und er erwiderte diese Gefühle freimütig. Es hatte eine Zeit gegeben in der sie sich gewünscht hatte, ihn auf der Trainingsmatte zu erwischen um ihm Respekt einzuprügeln - denkbar, dass der Zwischenfall bei dem sie ihr Gegenüber beim Übungskampf beinahe erwürgt hatte mit dieser Wunschvorstellung zusammenhing. Aber ihr war klar, das würde ihr vermutlich das Genick brechen, und nicht nur im übertragenen Sinne. Davon abgesehen...seitdem sie ihn ein paar Mal bei Sparringskämpfen beobachtet hatte, hatte sie die deprimierende Ahnung, dass der Offizier im Ernstfall mit ihr den Boden aufwischen konnte.
Schließlich blickte Lupus auf: "Hadriana Framma." meinte er, nicht fragend, einfach nur feststellend, und mit einem Unterton spöttischer Belustigung, den er immer an den Tag legte, wenn er ihren Namen aussprach - wieso, das hatte sie noch nie verstanden.
Er verzichtete darauf, sie rühren zu lassen, was zweifelsohne eine nicht sehr subtile Art und Weise war, in der er seine Meinung über ihr Verhalten kundtat. Auch seine ersten Worte ließen an Deutlichkeit nicht zu wünschen übrig, so dass sie sehr an sich halten musste, um ihm nicht ins Gesicht zu springen: "Es freut mich, dass Sie in meiner Abwesenheit keine weitere Katastrophe angerichtet haben. An Ihren sozialen Fertigkeiten sollten Sie aber noch arbeiten - die Einheit besteht nicht nur aus Ihnen und ihrem...Freund." Er hielt ihr, natürlich, immer noch den Zwischenfall beim Training vor. Damals hatte er sie unter vier Augen angefahren, sollte sie tatsächlich jemanden der Truppe umbringen oder schwer verletzen, würde er sie von ihren eigenen Kameraden zu Tode prügeln lassen. In dem Moment hatte er sich nicht so angehört, als ob das nur so dahergesagt gewesen wäre. Was seine übrigen Worte anging...in vielen Armeen und auch in manchen Söldnereinheiten waren Beziehungen zwischen Mitgliedern nicht gerne gesehen, mitunter sogar verboten. In dieser Truppe wurde das liberaler gehandhabt - so lange es die Einsatzbereitschaft nicht beeinflusste. Seine folgenden Worte waren dann aber doch eine Überraschung: "Ich hoffe ich liege nicht falsch mit der Entscheidung - und Sie können sich dafür auch bei der Gräfin bedanken - aber Sie werden fürs erste vom technischen Dienst abgezogen. Im nächsten Einsatz brauchen wir JEDEN Piloten und JEDEN Mech...also werden Sie vorerst zur Theaterlanze versetzt und erhalten den Dasher zugeteilt."

Im ersten Moment glaubte Spike, sich verhört zu haben. Sie bekam wieder einen Mech? Und das von dem Offizier, der ihr mehrfach zu verstehen gegeben hätte, er würde ihre Leistungen gemessen an dem Einheitsdurchschnitt für gerade so genügend und ihre Einstellung in vielerlei Hinsicht für mangelhaft halten? Sie war eine gute Scoutpilotin, aber da Kampfeinsatz nun einmal nicht die primäre Aufgabe von Aufklärern war, hinkte sie mit ihren zwei Abschüssen in ihrer Laufbahn natürlich deutlich hinter den meisten Kameraden hinterher. Was wohl zusammen mit ihren übrigen Streitpunkten dazu beitrug, dass der XO sie kritisch betrachtete. Das spezielle Einsatzprofil - die Theaterlanze war im letzten halben Jahr mehrfach im Einsatz gewesen - trug dazu bei, dass auch ein Scoutmech wie der Dasher immer wieder im Kampfeinsatz gefordert war.
Unter anderem Umständen hätte sie ihrem Vorgesetzten begeistert gedankt, aber sie hatte so die Vermutung, dass die Sache einen Haken hatte. Und damit lag sie offenbar nicht falsch: "Sie haben gute Anlagen als Scoutpilotin, aber ihre Diensteinstellung und die Gefechtsleistungen sind insgesamt deutlich weniger beeindruckend. In einer Einheit wie der unseren brauchen wir flexible Allrounder, keine Spezialisten. Und Soldaten, die wissen, warum und wofür sie fechten. Auch als Scout werden Sie im kommenden Einsatz kämpfen müssen, möglicherweise hart kämpfen. Sie bekommen eine Chance zu zeigen, was sie können. Wohlgemerkt, das ist Ihre letzte und EINZIGE Chance. Sie mögen sich vielleicht noch Illusionen über mögliche Alternativen machen, aber sie gehören zu dieser Einheit wie wir alle. Entweder Sie siegen mit uns, oder sie fallen mit uns. Wir sind schon zu weit gegangen, als dass es noch einen anderen Ausweg geben könnte. Je früher Sie das akzeptieren, desto besser." Sie wusste, was er meinte. Gleichgültig was sie persönlich getan hatte, sie war Teil der Operationen der Einheit. Und es gab Menschen, die das niemals vergessen oder verzeihen würden. "Jetzt haben Sie die Chance, zu zeigen, dass ihre Fähigkeiten UND sie als Person Vertrauen verdienen. Ich will nicht behaupten, dass es leicht wird."
Er war aufgestanden und baute sich vor ihr auf. Lupus war körperlich nicht gerade eine sonderlich beeindruckende Erscheinung - die Truppe konnte mit etlichen zwei-Meter-Hünen mit 120 Kilo Gewicht aufwarten, denn für den Einsatz von Gefechtsrüstungen war solch ein Gardemaß von Vorteil. Aber der XO schaffte es dennoch, einschüchternd zu wirken: "Nicht nur, weil der Einsatz hart wird. Unterschätzen Sie auch die Maschine nicht. Sie ist nur leicht gepanzert, aber dafür schneller als alles was Sie bisher geführt haben. Und sie vergibt keine Fehler. Ihre Sensoren, ihr Antrieb, ihre Waffen - das ist Clanmaterial, besser, weitreichender, aber eben auch ein bisschen anders als das, was Sie kennen. Ich habe das schon mehr als einmal erlebt - Piloten, die ihre Maschine nicht voll ausreizen, weil sie jenseits der ihnen bekannten Leistungsparameter liegt. Das darf Ihnen NICHT passieren. Scheitern Sie damit, riskieren sie ihr Leben, ihren Mech und das Wohl ihrer Kameraden." Vermutlich lag ihm das erste von den drei Dingen am wenigsten am Herzen.

"Ich weiß eine Maschine zu führen." entgegnete Spike, vielleicht nicht GANZ so trotzig wie sonst. Schließlich wäre es dämlich gewesen, gerade jetzt einen Streit zu riskieren.
"So? Als ich das erste Mal Clantech in die Finger bekam, hatte ich offen gestanden meine Probleme. Aber Sie haben mir ja zweifellos einiges voraus." Der Sarkasmus in Lupus' Worten war dick und kalt genug, damit man ihn in Scheiben schneiden und zur Reaktorkühlung hätte verwenden können.
"Machen Sie sich mit den verschiedenen Konfigurationen der Maschine vertraut. Sie müssen noch im SCHLAF wissen, wann welche Version geeignet ist. Es geht nicht nur darum, ,eine Maschine zu führen'. Sie müssen sie beherrschen als wäre sie ein Teil ihres Körpers, ohne auch nur einen Moment überlegen zu müssen. Sie sind die Augen und Ohren - und der Tarnumhang - ihrer Einheit. Aber um die Sache gut verkaufen zu können, werden Sie auch zubeißen müssen. Und sich beteiligen, wenn wir den Gegner stellen."
Er zog einen Datenträger hervor: "Und noch etwas, womit Sie sich vertraut machen werden. Und worüber Sie erst einmal mit KEINEM reden werden unterhalb der Kommandoebene. Hier sind einige wahrscheinliche Operationsgebiete und mögliche Szenarien. Sie müssen die relevanten Details reflexartig beherrschen, ebenso die Einsatzprozeduren. Die genaue Schwerkraft," schon die geringen Abweichungen von Terranormal-Schwerkraft, die fast jede Welt aufzuweisen hatte, beeinflussten die Leistungen der Mechs und Waffen in manchmal entscheidender Art und Weise: "Reichweite der verschiedenen Sensorgruppen unter den lokalen Bedingungen, Untergrundbeschaffenheit, Tiefe und Fließgeschwindigkeit der örtlichen Gewässer, ja verdammt noch mal den Bruchfaktor der Bäume und Reißfestigkeit der Schlingpflanzen," dergleichen konnte die Marschgeschwindigkeit von Mechs und Fahrzeugen drastisch herabsetzen, abhängig vom Typ und Gewicht: "Und nicht zuletzt die Deckungsmöglichkeiten vor Luftsicht - die ganze Liste. Und Sie müssen sich über Alternativen Gedanken machen, falls etwas mit ihrem Teil der Aufgabe schiefgeht. Und irgendetwas geht fast IMMER schief."

All das hörte sich schon etwas einschüchternd an. Für einen Moment fragte sich Spike, ob es hier um ein Himmelfahrtskommando ging - die ganze Mission roch ja ein Stückweit danach - bei dem sie als entbehrliches Opfer vorgesehen war. Aber würde man dann einen Clanmech riskieren? Nein, Spike war nicht gewillt, sich eine Blöße zu geben. Wie ihr Vorgesetzter es gesagt hatte, das war ihre Chance - und wie sie ihn einschätzte, wirklich ihre letzte: "Ich werde gute Arbeit leisten." versicherte sie.
Der Offizier lächelte grimmig: "Das werden Sie beweisen können und müssen. Sie haben 48 Stunden, dann erwarte ich einige taktische Szenarien und Simulationen, die beweisen, dass sie sich in den Einsatz und in die neue Maschine einfühlen können. Ihr Abschneiden entscheidet, ob die Versetzung Bestand hat. Sie werden hoffentlich mehr tun als ,gute Arbeit leisten'. Ich erwarte PERFEKTION. Weggetreten."

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Thorsten Kerensky
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Wayside V, Dantonville
Decius-Cecilius-Metellus-Kaserne, Block 13: Großer Lage- und Besprechungsraum
8. April 3067, 08:00 Uhr

Der Große Lage- und Besprechungsraum, von den meisten Soldaten der Chevaliers kurz „GLuB“ genannt, war eine hochmoderne und zweckmäßige Einrichtung. Der „GLuB“ war kreisrund und maß gute zwölf Meter im Durchmesser. An den Wänden hingen die Banner des Draconis Kombinats, des planetaren Herrschers, des Grafen Germaine Dantons und, zentral und größer als die übrigen Fahnen, das der Chevaliers.
Seine vier leicht treppenförmigen Sitzreihen boten beinahe einhundert Menschen Platz. Ausgestattet waren die einzelnen Sitzplätze mit Mikrofonanlagen, Bildschirmen und diversem anderen Schnickschnack; alles nette und praktische Gimmicks, die theoretisch sogar multinationale, multilinguale Konferenzen erlaubte.
In der Regel wurde der Raum jedoch für die erweiterten Führungslagen benutzt, mehr oder weniger kurze Briefings für die Teileinheitsführer und andere relevante Entscheider der Chevaliers. Die Gesichter waren die gleichen wie sonst auch, stellte Stefan Hellmann fest, aber Wochentag und Uhrzeit stimmten nicht, was nur bedeuten konnte, dass etwas Wichtiges passiert war. Das mochte auch der Grund sein, warum statt des üblichen halb-verschlafenen Kaffeeschlürfens nun ein reges Murmeln und Tuscheln das Rund erfüllte.
Die Gespräche verstummten jedoch schlagartig, als die letzten beiden fehlenden Offiziere den Raum betraten: Colonel Harrison Copeland und Major Jara Fokker. Beide trugen sie Felduniform, wirkten aber auch darüber hinaus wie ein eingespieltes Team. Stefan zog Kraft aus diesem Eindruck, denn er schätzte das Gefühl, dass die beiden wichtigsten Menschen der Truppe mit- und nicht gegeneinander arbeiteten. Das hätte in dieser schwierigen und für eine Söldnereinheit auch ungewöhnlichen Kombination durchaus auch anders sein können.
„Aaachtung!“, brüllte jemand und die versammelten Offiziere erhoben sich auf das Kommando und nahmen Haltung an.
Copeland und Fokker erreichten ihre Sitzplätze unter dem Chevaliers-Banner und der Colonel setzte sich, während die Einheitseigentümerin an das Rednerpult trat und einen langen Blick in die Runde warf.
„Guten Morgen, meine Damen und Herren“, begrüßte sie schließlich die Anwesenden.
„Guten Morgen, Major Fokker!“, echote das Offizierscorps.
„Danke, setzen Sie sich!“
Stefan nahm mit den anderen zusammen Platz, gespannt, was nun folgen würde. An das für eine Söldnereinheit vergleichsweise streng militärische Protokoll hatte er sich schnell gewöhnt, er kannte es aus seiner Zeit bei einer regulären lyranischen Einheit nur zu gut. Auch die übrigen Söldner gingen erstaunlich gut mit dieser im Gewerbe ungewöhnlichen Disziplin um. Anfangs hatte er sich gefragt, warum bei den Chevaliers funktioniert, was bei der Waräger-Wache oder anderen Söldnereinheiten nicht klappte. Er war zu dem Schluss gekommen, dass es zu einem Teil daran lag, dass beinahe das gesamte Offizierscorps mit gutem Beispiel voran ging, zu einem anderen Teil aber vermutlich auch an der ausgesprochen guten Bezahlung und Versorgung durch die Einheit. Nur die wenigsten Chevaliers waren sich nicht bewusst, dass es ihnen außerordentlich gut ging.
„Ich freue mich, heute fast die gesamte Führungsebene der Einheit hier begrüßen zu können“, begann Fokker. „Unser Kranken- und Verletztenstand ist erfreulich niedrig. Wir haben personell und materiell fast volle Sollstärke hergestellt. Dafür möchte ich Ihnen allen meinen Dank aussprechen. Sie haben in Ihren Abteilungen gute Arbeit geleistet.“
Zustimmendes Gemurmel und vereinzeltes Klatschen ertönte, ebbte aber schnell wieder ab. Alle Anwesenden kannten die Zahlen und wussten, dass die Einheit in einem guten und erholten Zustand war. Was Fokker sagte war zwar gut fürs Ego, aber keine Neuigkeit.
„Die Chevaliers“, fuhr sie ruhig und sachlich fort, „stehen nicht nur auf dem Papier sehr gut da. Wir haben zwar nicht alle offenen Stellen besetzen können, aber die Schlüsselpositionen sind mit kompetenten Personen besetzt; unsere Technik funktioniert tadellos; finanziell stehen wir sehr gut da und wir genießen die Protektion einflussreicher Adliger im Kombinat.
Das alles ist schön und gut, macht uns aber auch zu einem Ziel für Neid und… Missgunst. Unsere jüngst angewachsene Gegenspionage hat einige kleinere Angriffe auf unsere Infrastruktur vereiteln können. Ich möchte trotzdem alle noch einmal daran erinnern, welchen Stellenwert unsere militärische Sicherheit und Geheimhaltung haben. Bitte geben Sie das auch an die untergeordneten Bereiche weiter: Dienstgeheimnisse gibt es aus einem guten Grund. Schärfen Sie Ihren Leuten ein, dass jedes ausgeplauderte Detail eine Schlüsselinformation für feindliche Spionage und Sabotage sein kann und uns in letzter Konsequenz Leben fordern kann.“
Sie ließ die Worte kurz sacken, atmete durch und straffte sich kaum merklich. „Das bringt uns zum eigentlichen Grund unserer Versammlung: Gestern Abend erreichte uns eine ComStar-Nachricht mit beunruhigendem Inhalt. Offenbar sind die Höllenhunde in großer Gefahr, Ziel einer koordinierten und vielschichtigen Angriffsserie zu werden. Oder anders ausgedrückt: Jemand hat es ganz gezielt auf unsere Panzertruppe abgesehen.
Colonel Copeland und ich haben die Informationen als glaubwürdig eingeschätzt und gehen von einer existenziellen Bedrohung aus. Wir haben Graf Danton informiert, der uns in der Lageanalyse zustimmt. Er möchte seine zweite Einheit natürlich nicht auslöschen lassen und hat daher die Chevaliers in voller Einheitsstärke mit der Rettung der Höllenhunde betraut.“
Ein Raunen ging durch die Reihen und Stefan fühlte auch in sich zwiespältige Gefühle aufsteigen. Er kannte die Höllenhunde selber nicht einmal und so wie ihm ging es vielen der Chevaliers. Ein Blick ins Rund zeigte ihm, dass sie „alteingesessenen“ Söldner ganz andere Mienen machten als die erst kürzlich aufgenommenen Kameraden. Die einen waren zurückhaltend bis skeptisch, die anderen wirkten so, als würden sie am liebsten sofort losziehen.
Fokker wartete einen Moment, bis wieder Ruhe eingekehrt war, ehe sie fortfuhr: „In Absprache mit Colonel Copeland und Lieutenant Colonel Harris habe ich entschieden, dass wir diese Rettungsmission annehmen. Ich werde noch heute Abend das Regiment antreten lassen und die Chevaliers über ihre neuen Missionsziele informieren. Vorher möchte ich aber mit Ihnen allen offen über unseren Auftrag reden.“
Eine Tür ging auf und ein Unteroffizier betrat den Besprechungsraum. In der Frau, die mit ihrem Auftritt Major Fokker effektiv unterbrochen hatte, erkannte Stefan die Adjutantin der Kommandeurin, Corporal Laage. Zielstrebig durchquerte sie unter den neugierigen Blicken der Offiziere den Besprechungsraum und flüsterte Fokker etwas ins Ohr.
Kurz tauschten sie sich flüsternd aus, dann nickte die Eignerin der Chevaliers und trat wieder ans Rednerpult: „Colonel Copeland wird sie über die Details unserer Mission in Kenntnis setzen.“
Eilig folgte sie ihrer Adjutantin in Richtung Ausgang, verharrte bei Copeland aber einen Augenblick, flüsterte ihm etwas zu, was ihn kurz aus der Fassung brachte und verschwand dann.
Stefan wusste nicht, ob er beunruhigt sein sollte. War es nicht einfach wahnsinnig, einer einundzwanzig Jahre jungen, kaum felderfahrenen Frau zu folgen? War es nicht auch wahnsinnig, ihr ein Regiment anzuvertrauen? Andererseits standen Danton und Copeland hinter ihr, zwei alte Hasen, denen er vertrauen wollte und konnte. Bisher hatte es eigentlich auch gar keine Gründe für Misstrauen gegeben. Fokker machte ihren Job routiniert und ordentlich. Auch ihre Zusammenarbeit mit Copeland schien reibungslos zu laufen.
Aber würde das auch unter Feindfeuer funktionieren? Konnte sie ein Regiment genauso souverän durch einen Einsatz führen wie ihre Kompanie? Stefan nahm sich vor, seine Kompanie auch auf Situationen einzustellen, in denen die Führung unklar, widersprüchlich oder gar nicht handelte. Schaden konnte es nicht.
Als Harrison Copeland an das Rednerpult trat, strahlte er eine ganz andere Art der Autorität aus als die junge Fokker. Wo sie eine eher körperliche Präsenz zeigte und durch ihre Entschlossenheit und Kompromisslosigkeit ihrem Umfeld Respekt abverlangte, ging von dem erfahrenen Colonel eine Aura der Souveränität aus, die nur Erfahrung verschaffen konnte. Copeland war ein Mann, der nicht protzen musste oder laut werden brauchte, sondern dessen Körperhaltung, dessen Gesicht, dessen Augen klar und deutlich sagten, dass er mit allen Wassern gewaschen war und wusste, was er tat. Stefan, der aus seiner Zeit in lyranischen Linienregimentern eine gewisse Reife seiner Vorgesetzten gewohnt war, empfand den militärischen Führer der Chevaliers als sehr beruhigend.
„Nun, wie sie bereits von Major Fokker gehört haben, gehen wir von einer sehr greifbaren Gefahr für die Höllenhunde aus und starten eine Rettungsmission. Bevor ich mich jetzt in den Details unserer Route, des Einsatzgebietes und möglicher Gegner ergehe – Informationen, die ich ihnen natürlich auch noch digital zur Verfügung stellen werde und die derzeit strengster Geheimhaltung unterliegen – gebe ich ihnen die Chance, erste Fragen zu stellen. Ich bitte um Handzeichen, sollte jemand bereits Fragen haben.“
Tatsächlich gingen mehrere Hände in die Höhe. Für Stefan etwas gewöhnungsbedürftig. Zumindest in seinen ehemaligen Einheiten hatte es als unhöflich gegolten, Fragen zu stellen, bevor der Vortragende seine Ausführungen beendet hatte. Aber natürlich waren die Chevaliers bei aller Organisation und Uniformierung eine Söldnereinheit und legte entsprechend viel Wert auf die Einbeziehung aller ihrer gut bezahlten Spezialisten.
Die erste Frage ging an Lieutenant Colonel McAllister, die in aller Seelenruhe die vermutlich drängendsten Gedanken formulierte: „Nur um sicherzugehen, dass ich es richtig verstanden habe: Welche Teile des Regiments werden in Marsch gesetzt, was passiert mit dem Rest von uns und ist unsere Bezahlung geregelt?“
Copeland lächelte: „Danke, Estelle, das ist vielleicht wirklich nicht ganz deutlich geworden. Die Bezahlung ist natürlich geregelt. Die Details finden Sie in den digitalen Unterlagen, aber die Kurzfassung ist, dass Graf Danton für unsere Kosten aufkommt und wir sehr umfassende Bergerechte genießen. Natürlich ist unser Einsatz nicht ganz billig, aber der Preis ist vermutlich nicht besonders hoch, für die Rettung einer erfahrenen und verdienten Einheit wie den Höllenhunden. Nicht zu vergessen die politische Botschaft, die sicher im ganzen Kombinat gehört werden wird. Wir dürfen nicht vergessen, dass Germaine Danton jetzt Politiker ist.“ Leises Gelächter kam auf, das aber umgehend in ein Raunen umschlug, als der Colonel fortfuhr: „Ach so, selbstverständlich bricht das gesamte Regiment auf. Oder möchten Sie einem Chevalier sagen müssen, dass er nicht dabei helfen darf, seine Brüder zu retten?“
Nach dem folgenden Gelächter meldete sich Captain Dualla Hildebrand zu Wort: „Auf die Gefahr hin, jetzt die Spielverderberin zu sein, aber wissen wir denn, ob die Höllenhunde überhaupt gerettet werden müssen? Ich meine, alles was wir haben ist das Wort von ComStar. Und auch das nur sehr vage, wenn ich Major Fokker richtig verstanden habe. Wenn wir jetzt quer durch die Innere Sphäre marschieren, dabei vermutlich einige lokale und regionale Autoritäten gegen uns aufbringen und am Ende gar keine Bedrohung bestand oder man uns einfach aus dem Weg geht, dann stehen wir relativ dumm da, oder? Wie verlässlich sind diese Informationen denn wirklich? Und können wir ComStar wirklich trauen?“
„Gute Frage und berechtigter Einwand“, gab Copeland zu. „Natürlich wissen wir nicht einhundertprozentig, ob die Informationen stimmen. Und ja, es stimmt: Wenn wir für die Hirngespinste irgendeines ROM-Agenten das halbe Kombinat in Aufruhr versetzen, werden die finanziellen Fragen unsere geringste Sorge sein.“
Er legte eine kleine Pause ein, um das Gesagte bei allen Anwesenden wirken zu lassen. Ein kurzer Blick in die Runde verriet Stefan, dass sämtliche Anwesenden gespannt auf das warteten, was noch kommen musste.
„Aber“, fuhr Copeland ungerührt fort, „wenn wir die Informationen nicht ernst nehmen und sie stimmen, dann ist es auch nicht besser. Dann lassen wir unsere Kameraden im Stich. Ich kann aber auch das sagen: Sowohl Graf Danton wie auch meine Wenigkeit halten die Informationen für belastbar. Noch während wir hier sprechen sitzen so ziemlich alle Geheimdienste, die auf dieser Welt vertreten sind, inklusive unserer eigenen Experten, an der ComStar-Nachricht und suchen noch die kleinsten Unregelmäßigkeiten in dem Video. Wir tun alles, was wir können, um uns möglichst sicher zu sein.“
Die übrigen erhobenen Hände hatten sich wieder gesenkt, offenbar hatten sich die Führungsoffiziere, Stefan eingeschlossen, entschieden, erst einmal die Ausführungen des CO abzuwarten. Vielleicht wollten einige von ihnen aber auch einfach gar nicht zu viele Zweifel streuen, denn fast alle in der Runde waren heiß auf eine neue Aufgabe und fühlten trotz der vergleichsweise luxuriösen Umstände die Enge von Wayside und die Bedrückung der Untätigkeit.
Copeland räusperte sich: „Gut, wenn es keine weiteren Fragen gibt, dann kommen wir nun zum interessanten Teil der Veranstaltung. Ich muss Sie nicht extra darauf hinweisen, dass sämtliche nun folgenden Informationen strengster Geheimhaltung unterliegen und diesen Raum nicht verlassen dürfen.“
Er warf einen mahnenden Blick in die Runde, auch wenn er natürlich sehr genau wusste, dass ein Geheimnis in einer Söldnereinheit kaum lange ein Geheimnis bleiben würde, wenn mehr als eine Person davon wusste.
„Die folgenden Informationen“, fuhr er fort, „haben unsere Stabsanalysten zusammengestellt. Sie stammen zum Teil aus offiziellen und frei zugänglichen Quellen, zum größeren Teil aber aus den Händen von ROM, der ISA und weiteren gut informierten Parteien. Beginnen wir mit den Fakten über unser Einsatzgebiet, danach kommen wir zur Marschroute. Ich werde jetzt nur das Wichtigste anschneiden, die übrigen Infos haben Sie dann digital vorliegen. Ich erwarte von jedem hier, dass er das Material sorgfältig studiert und prüft und alle Auffälligkeiten, Fragen und Anmerkungen unverzüglich an mich weitergibt.“
Stefan straffte sich und massierte sich kurz die Nasenwurzel, um seine Aufmerksamkeit zu fokussieren und die letzten Reste der Schläfrigkeit abzustreifen, während Copeland begann, um Darius, Numki und Sulafat zu referieren.

***

Wayside V, Dantonville
Decius-Cecilius-Metellus-Kaserne, Block 13: Kommandeursbüro
8. April 3067, 08:15 Uhr

„Guten Morgen. Wie läuft das Briefing?“, begrüßte Germaine seine Nachfolgerin, als diese in ihr Büro rauschte. Er hatte sich einen Kaffee bringen lassen und es sich in der Sesselgruppe bequem gemacht.
„Ich wollte gerade anfangen, meinen Führungsoffizieren die Details der Mission zu offenbaren, als du mich hast rausrufen lassen“, entgegnete Jara leicht schnippisch.
„Ach“, winkte ihr Mentor ab, „ich denke, das kann Harry auch sehr gut machen. Viel wichtiger ist, dass du beim Antreten nachher eine gute Figur machst. Dir ist bewusst, dass nicht nur die Chevaliers sehr aufmerksam zusehen werden?“
„Die Presse?“, mutmaßte Jara.
„Die auch“, kam die etwas ausweichende Antwort. „Ich war so frei, deine Adjutantin Kaffee aufsetzen zu lassen. Möchtest du einen?“
„Mein Körper ist ein Tempel“, gab sie zurück.
„Wie du willst.“
„In diesem Tempel darf der Kaffeegott angebetet werden. Aber ich kann mir selber nehmen. Mach deine adligen Hände mal nicht zu schwielig.“
Germaine lachte gutmütig: „Deine Hände sind auch adlig, meine liebe Jara.“
„Ja, aber die haben sehr viel mehr Hornhaut“, gab sie trocken zurück, nahm sich eine Tasse und genehmigte sich ihren zweiten Kaffee für den Tag.
„Zu den Vorteilen der Grafschaft gehört auch die tägliche Maniküre“, kam es von Germaine ebenso trocken und nun war es an Jara zu lachen.
Sie wurde ernst, als sie sich setzte: „Du hast mich sicher nicht aus dem Meeting gerufen, um über deine Fingernägel zu sprechen, richtig?“
„Das stimmt“, gab er zu. „Ich habe ein Geschenk für dich.“
„Cool. Das ist nett. Aber hätte das nicht warten können?“
„Nicht wirklich. Du musst es jetzt auspacken, damit du es beim Antreten deiner Einheit zeigen kannst.“
Nun hatte er definitiv ihr Interesse geweckt. „Du hast mich. Was ist es?“
Mit einem verschmitzten Grinsen reichte er ihr einen Umschlag, eingewickelt in Kindergeschenkpapier mit Cartoon-Hunden. „Verzeih das Papier. Ich wollte eins mit Mäusen, aber es gab wohl nur dieses. Passt aber auch ganz gut.“
„Das verstehe ich nicht ganz“, gab sie zu.
„Na, du musst es natürlich auspacken.“
Jara nestelte an dem Papier rum, bekam die Klebestreifen aber nicht so richtig ab. Instinktiv griff sie an ihre Hüfte und zog ein großes, schweres Kampfmesser. „Ist es zerbrechlich?“
„Ganz und gar nicht“, grinste Germaine und blickte auf die Klinge. „Hast du das Ding immer noch?“
„Aber selbstverständlich. Du hast hoffentlich nicht wirklich geglaubt, dass ich es zurückgeben würde.“
„Nein, nicht wirklich“, sagte er, während sie sich daran machte, das Papier aufzuschneiden.
Zum Vorschein kam ein flacher, aktenpapiergroßer Karton. Sie öffnete den Deckel und entnahm eine Dokumentenmappe mit dem gräflichen Logo. Sie schlug sie auf, musterte kurz das einzelne Blatt darin und sah schließlich irritiert auf.
„Ich schenke dir die Höllenhunde“, grinste Germaine sie an.
Jara besah noch einmal die Urkunde, die Schenkungsurkunde, und schüttelte dann leicht den Kopf. „Völliger Wahnsinn. Was schenkst du denn Miko zur Hochzeit, wenn du mir jetzt schon zwei Söldnereinheiten geschenkt hast?“
„Die KonCap?“, schlug Germaine feixend vor.
„Touché. Aber im Ernst: Warum?“
„Eigentlich ist es ganz einfach“, erklärte der Graf. „Dir gehören damit beide Einheiten, die Chevaliers und die Höllenhunde. Du kannst also nachher ganz offiziell verkünden, dass du deine beiden Einheiten wieder vereinst. Das macht es ein gutes Stück plausibler, dass die Chevaliers in voller Stärke ausrücken. Immerhin sammelst du dann deine Teileinheit ein. Das werden immerhin ein paar der gedienten Krieger unter den Adligen verstehen, denen ihr unterwegs auf die Füße tretet.“
„Das dürfte der kleinere Teil sein. Was machen wir mit den anderen? Mit den Politikern und Geschäftsleuten, die uns nicht freundlich gesonnen sind und die kein Interesse an Soldatenehre haben?“
„Vergiss die Bürokraten nicht“, ergänzte Germaine und meinte es todernst. „Du wirst lernen müssen, Strippen zu ziehen und das sehr schnell. Du hast vielleicht nicht viel Einfluss, aber Luthien hat ein wohlwollendes Auge auf die geworfen und alleine die Andeutung davon kann – muss nicht, aber kann – etwas bewirken. Außerdem habe ich noch eine Überraschung für dich.“
„Noch eine? Hast du noch mehr Einheiten zu verschenken?“
„Sowas in der Art. Ich schicke dir Corbin May mit auf die Reise.“
„Corbin May? Der Name sagt mir was. Fernsehjournalist, richtig? Einer von der seriöseren Sorte?“
„Du hast deine Hausaufgaben gemacht“, lobt Germaine sie. „Allerdings ist Mr. May seit zwei Stunden kein Journalist mehr, sondern Hofberichterstatter. Und zwar deiner.“
„Aha?“, machte Jara, ehrlich verwundert, was sie mit einem Pressesprecher auf einer Mission anfangen sollte.
„Mr. May hat den Auftrag, deine Öffentlichkeitsarbeit zu steuern und dich zu inszenieren. Er wird dich zur Kriegsheldin machen, wird dafür sorgen, dass dir dein Ruf vorauseilt. Ein paar Interviews, ein paar Doku-Filme, Treffen mit den richtigen Leuten und so weiter. Kurzum: Er wird dir helfen, gute Publicity zu haben. Und das möglichst beim Volk und bei den Herrschern.“
„Muss das wirklich sein? Ich bin Soldatin und kein Popstar“, tat Jara ihren Unmut kund.
„Nicht alle Kriege werden auf dem Schlachtfeld gewonnen. Es wird Zeit, dass du Politik und Presse lernst. Sieh es als eine neue Herausforderung an.“
Die Söldnerin schüttelte resigniert den Kopf: „Ich hätte bei den Wolfen bleiben sollen.“
„Ein einfaches und unkompliziertes Leben ist das Privileg der unteren Dienstgrade, nicht das der Clans. Oder glaubst du, dort gäbe es keine Machtpolitik?“
Sie wusste, dass er die Wahrheit sagte und sie wusste auch, dass seine Argumente gut waren. Ihr blieb nichts übrig, außer einzuwilligen und sich in ihr Schicksal zu fügen. Und zu hoffen, dass sie den Kampf gegen die Kameras gewinnen konnte.

__________________
Ama-e-ur-e
is-o-uv-Tycom‘Tyco
is-o-tures-Tesi is-o-tures-Oro
is-u-tures-Vo-e-e

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Es klopfte an der Tür seines Büros. Harrison Copeland konnte ein Schmunzeln nicht unterdrücken. Pünktlich wie eine ComStar-Botschaft. „Herein.“
Lieutenant Colonel Estelle McAllister trat ein. Die mittelgroße Lyranerin trug wie immer eine makellose Einsatzuniform mit einer Seitenwaffe, üblicherweise eine Autopistole, weil „es zu viele Typen da draußen mit Körperpanzer“ gab, gegen die Flechettenwaffen nicht ausreichten, egal, was sie mit einem ungeschützten Körper anrichten konnten. „Sir, ich melde mich wie befohlen.“
„Setz dich.“
Mit misstrauischem Amüsement, also wenn man nicht wirklich befürchtet, das etwas Böses passieren könnte, nahm sie Platz. „Nanu, dauert es länger?“
„In der Tat, es wird länger dauern.“ Copycat sah zur nächsten Uhr. Es war eins durch. Noch ein wenig früh für Alkohol, wie er fand. Ein großer Trinker war er sowieso nicht. Also aktivierte er seine Gegensprechanlage. „Ingar, ist Major Harris schon zu sehen?“
„Kommt gerade zur Tür rein, Sir.“
„Gut, dann lassen Sie sie ein und bringen Sie uns die Getränke.“ Er sah McAllister prüfend an. „Für Lt. Colonel McAllister ist das...“
„Ein heißer Kakao aus Milch, nicht aus Wasser, mit einem Extralöffel Zucker und zwei Marshmallows, für Major Harris ein starker, schwarzer Kaffee mit einem Glas Wasser und für Sie, warten Sie, Sir, es ist ein Uhr, also wäre es jetzt Zeit für einen Grüntee.“
Copeland zog beide Augenbrauen hoch, auch wenn Ingar Hellingsdottir dies über die Gegensprechanlage nicht sehen konnte. „Streichen Sie den Grüntee und bringen Sie mir einen Irish Coffee, aber ohne den Whisky.“
„Jawohl, Sir.
Sie können gleich durchgehen, Ma'am.“
Die Tür öffnete sich, und Juliette Harris trat ein. „Melde mich wie befohlen, Sir.“
„Nehmen Sie Platz, Juliette.“
Hellingsdottir folgte auf dem Fuß mit einem Tablett und servierte jedem sein Getränk. Sogar Copelands Virgin Irish Coffee war dabei. Dabei hatte er den Wunsch erst vor einer Minute geäußert. Er beschloss, angemessen beeindruckt zu sein. „Danke, Ingar. Gute Arbeit. Trinken Sie jetzt den Grüntee?“
„Soll ja nicht umkommen, der gute. Ihre draconische Lieblingssorte, Sir“, erwiderte sie verschmitzt. Sie nickte den Anwesenden zu, drückte ihr leeres Tablett an sich und schickte sich an, den Raum zu verlassen.
„Ingar, holen Sie sich doch Ihren Tee und setzen Sie sich dazu. Das, was ich hier zu besprechen habe, sollten Sie auch hören. Das erspart mir, alles zu wiederholen.“
Das irritierte die junge Frau, aber gehorsam eilte sie ins Vorzimmer.
„Nanu, da versucht wohl jemand, Jan Jensen als beste Ordonnanz des Planeten den Rang streitig zu machen“, scherzte Major Harris.
„Mit Erfolg“, sagte McAllister, nippte an ihrem Kakao und verzog die Miene genießerisch. „Mit Erfolg.“
Hellingsdottir trat wieder ein und setzte sich auf den dritten Platz, den Copeland ihr durch ein Nicken anwies.
„Meine Damen. Ich habe euch beide kommen lassen, damit wir vor dem Antreten noch ein paar Kleinigkeiten besprechen können. Einige wichtige Dinge. Das Allerwichtigste aber zuerst: Germaine hat vor knapp zweieinhalb Stunden die Höllenhunde an Major Fokker verschenkt.“
McAllister prustete in ihren Kakao. „Hat er das? Hat er überhaupt das Recht dazu? Davon abgesehen, geniale Idee. Jara muss nur sagen, sie will ihre Einheit nach Erfüllung des Kontrakts selbst aufsammeln, und wir haben zumindest eine gängige Ausrede.“
„Ja, er darf das. Die Höllenhunde sind formal zwar eine eigenständige Einheit geworden, weil der Kontrakt es erfordert, aber sie sind nur aus der Befehlsstruktur ausgetreten. Die Chevaliers haben immer noch erhebliche Besitzrechte an ihrem Material, und eingetragener Oberkommandierender ist immer noch Germaine Danton.“
„Das war sicher nicht seine Idee. Germaine denkt nicht so weit“, spöttelte Harris. Ihr Kaffee war heiß und stark, wie sie ihn mochte. Und wie er sie in unzähligen Gefechtssituationen durch unzählige Nächte gebracht hatte. Bisher einigermaßen bei Verstand und unverletzt. Bisher. Aber man sollte den Teufel ja nicht an die Wand malen.
„In der Tat, es war ein Vorschlag von Gouverneur Parkensen. Zudem zieht er im Hintergrund etliche Fäden, um die Passage der Einheit so leicht wie möglich zu machen. Den Rest aber müssen wir erledigen, und das vor Ort und oft genug improvisiert. Was uns zum Thema bringt.“
Harry trank einen Schluck Kaffee, schleckte etwas von der Sahne vom Rand und stellte die Tasse mit Bedauern wieder ab. „Ihr wisst, warum Major Fokker in den letzten Wochen des Wiederaufbaus so extrapoliert dargestellt wurde“, begann er vorsichtig.
„Ich habe mich nicht beschwert“, sagte Estelle. „Im Gegenteil. Auf dem Papier bin ich zwar deine Stellvertreterin und damit die Nummer zwei im Feld, aber es hat nicht geschadet, Major Fokker mehr nach vorne zu stellen. Vor allem, um den alten Chevaliers in der Einheit zu zeigen, dass die Husaren nun Chevaliers sind, und nicht die Chevaliers Husaren Light.“
„Was ja auch richtig ist. Aber ich befürchte, wir können das nicht länger so beibehalten.“
Harris setzte sich gerade auf. „Also das musst du mir erklären, Harry.“
„Zu Germaines Strategie gehört es, dass, ah, Jara mit all dem, was sie erlebt hat, mit all dem, was sie erreicht hat, hm, sagen wir präsentiert wird. Ihr wisst schon, mit zwanzig Major, eigenes Regiment, den Clans entkommen, nachdem sie dort die Kriegerränge erreicht hat, und so weiter, und so fort.“
„Ja. Wundert einen nicht, dass die Produzenten von „Der ewige Krieger“ sie nicht schon wegen zu viel Drama verklagt haben“, scherzte Harris.
„Germaine und Parkensen gehen davon aus, dass wir nicht nur die Schenkung ausnützen müssen, sondern auch Jara als, sagen wir Heldin produzieren müssen. Als jemand, mit dem sich Offizielle gerne zeigen, dem man nur unfreiwillig Steine in den Weg legt. Und seien wir ehrlich, sie hat alles, was sie jetzt in Händen hält, aus eigener Kraft erreicht. Wir brauchen nicht mal zu übertreiben.“
„Worauf willst du hinaus?“, fragte Harris.
„Germaine hat Corbin May angeworben.“
„May?“ Interessiert hob Estelle eine Augenbraue.
„May?“, fragte Juliette interessiert.
„Corbin May macht vor allem Gesellschaftsformate“, half Corporal Hellingsdottir aus. „Vier Brautkleider und eine orbitale Hochzeit, Zehn Bachelor für eine Industriekapitäne, Das Höllenquiz im leeren Meer, sowas halt. Zudem unterhält er diverse gesellschaftliche Sendungen, die das Wenige, was auf Wayside V passiert, entsprechend aufbereiten und als aufregend und am Puls der Zeit verkaufen. Dabei ist er stets auf eine sichere Faktenlage bedacht, was ihn im Wust des Privatfernsehens auf dieser Welt zu einer seriösen Figur macht.“
„Danke, Ingar. Mr. May hat die Aufgabe, Jara zu porträtieren und dieses Bild vorab zu allen Stationen der Chevaliers zu senden, um sie als Zugpferd und Türöffner zu präsentieren. In ihrem Windschatten werden die Chevaliers quasi mit durchschlüpfen. Hoffentlich. Ich würde es nicht wirklich gut aufnehmen, wenn sich irgendein lokaler Fürst mit unserer Truppe anlegen würde. Aus welchen Gründen auch immer.“
„Oder die Clans zu einem Angriff auf uns verleiten würde. Habe gehört, die Feuerrösser wären für so eine Möglichkeit dankbar.“ Estelle hatte ihren Kakao mit Bedauern abgestellt. „Und die Wölfe sind auch nahe genug dran, um sich für den letzten Besuch der Chevaliers zu bedanken. Der lief für sie ja nicht so erfreulich.“
„Er wäre es gewesen, hätten sie uns nicht verraten“, sagte Juliette mit ruhiger Stimme. „Die Prügel, die sie deshalb bezogen haben, haben sie tausendfach verdient gehabt.“
„Oder der Schwarze Drache schickt ein paar Söldner. Mit denen haben sich die Chevaliers auch schon angelegt. Und gewonnen“, fügte Harry an. „Damit sind wir noch nicht einmal bei möglichen Intrigen, die einfach aus Prinzip versuchen werden, Germaine zu schwächen, weil das auch Herzog Kaiser treffen würde. Die Dracs sind da durchaus ein komischer Haufen. Und recht eigenwillig.“
„Du willst uns also sagen, dass Jara, ja, was, ein Star werden muss?“
„Ein Schaubild. Ja. Mr. May wird das Beste tun, um Jara das Laufen auf Stilettos beizubringen.“
„Oh mein Gott, sie wird ihn dafür kalt lächelnd umbringen“, sagte Juliette.
„So schlimm wird es schon nicht werden. Aber, und das ist der springende Punkt, Jara wird sehr beschäftigt sein. Sie wird ihr Kommando nicht abgeben, aber einige ihre Sonderarbeiten müssen nun in andere Hände.“
„Sie ist eine effiziente Verwalterin“, wandte Juliette ein.
„Wir können ihr nicht alles aufbürden. Schlimm genug, dass wir sie so viel haben an sich raffen lassen. Aber ich wäre eingeschritten, wenn ich festgestellt hätte, dass der Brocken für sie zu groß zum Kaufen gewesen wäre.“
„Man kann ihr da schlecht widersprechen. Germaine hat ihr die Einheit gegeben“, wandte Estelle ein.
„Dennoch. Sie wird keine Luft mehr zum Atmen haben, wenn sie all ihre Pflichten weiterhin wahrnimmt. Deshalb wird Captain Stuart ihre Aufgaben in vollem Umfang übernehmen, plus einiger Sonderaufgaben, die Jara bisher erledigt hat. Schafft sie das, Juliette?“
„Hm. Sie ist ein Vollblutprofi. Ich hätte spätestens nächste Woche einen entsprechenden Vorschlag gemacht. Weiter.“
„Estelle, du wirst alle Pflichten ab sofort wahrnehmen, die dir Jara bisher abgenommen hat. Das volle Stellvertreter-Dings mit Versammlungen leiten, die Einsatzfähigkeit der Teileinheiten überwachen, die Statistiken führen, alles, wozu ich eher nicht komme. Juliette, ich möchte, dass du dich ebenfalls extraponierst, damit ein Urgestein der Chevaliers deutlich sichtbar an der Spitze steht.“
„Und wie soll ich das deiner Meinung nach anstellen?“
„Sei einfach etwas lauter in Zukunft. Und halte des Öfteren Besprechungen auf Kompanieführer-Ebene ab, um Stabsdienst-Aufgaben abzusprechen und zu verteilen. Ich wünschte, ich könnte ihr auch die Verantwortung für die Gegenspionage abnehmen, aber Lieutenant Decaroux ist ein guter Mann und weiß, wie er Extra-Arbeit von Jara fernhalten kann, ohne den Informationsfluss zu ihr zu stören. Knie dich dennoch ebenfalls rein und unterstütze die Gegenspionage als XO der Einheit, so gut du kannst.“
„Ich denke nicht, dass das Jara schmecken wird. Sie liebt ihre Stabsarbeit, und damit meine ich nicht nur Decaroux und seinen S2-Dienst“, sagte Juliette.
„Sie wird sehr bald sehr wenig Zeit haben, um irgendwas zu schmecken“, erwiderte Harry. „Sie hat ihre Einheit zu führen, sie hat ihre Aufgaben als Eigentümerin und sie hat Mr. May am Hals. Selbst wenn sie nicht dankbar dafür ist, dass wir ihr Aufgaben abnehmen, so wird sie doch einsehen, dass sie dieses Volumen nicht bewältigen kann.
Ach, und nur, damit es gesagt ist: Das war selbstverständlich kein Vorschlag meinerseits, sondern eine dienstliche Anweisung.“ Sein Blick ging zu seiner Ordonnanz. „Sie wissen, was Sie von jetzt an tun müssen, Corporal.“
Hellingsdottir nickte. „Ich werde Major Fokker so gut ich kann den Rücken freihalten.“
„Richtig. Ab sofort müssen wir alle das.“
„Es wird ihr nicht gefallen, aber es muss wohl getan werden“, sagte McAllister und nahm ihren Kakao wieder in die Hand. „Eines allerdings würde mich schon interessieren... Wann genau habe ich aufgehört, von mir selbst als Husar zu denken und angefangen, mich eine Chevalier zu nennen? Und warum fühlt sich das so gut an?“
Die beiden ehemaligen Husaren tauschten ein stilles Lächeln aus.

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Eine Vollversammlung aller Höllenhunde kam nicht so oft vor. War normalerweise auch nicht möglich, denn ein Teil von ihnen sollte eigentlich ständig auf Wache sein. Hier und jetzt, im Anflug auf das nächste Sprungschiff, dass sie eine Etappe weiter bringen sollte, brauchte es nur die Ortungscrew ihres Overlords, sowie des Piloten. Und die waren auch noch per Vidschaltung dabei.
Ansonsten hatten sich alle Dantons Höllenhunde im größten Hangar der CRYING FREEDOM eingefunden. Auch, wenn die Gelegenheit günstig war – ungewöhnlich war es allemal, dass der Alte, Major Manfred Scharnhorst, sie allesamt versammelt hatte.

„Ich bitte um Ruhe“, sagte Manfred, als er ans Rednerpult trat. Die Höllenhunde hatten einen etwas flapsigeren Stil als ihre Muttereinheit, die Chevaliers, deshalb hatte auch keiner der Offiziere den Major gemeldet und die ganze Meute stramm stehen lassen. Dennoch kehrte sofort eine peinliche Stille ein. Für Scharnhorst hätten sich nicht wenige dieser Soldaten sofort eine Kugel eingefangen.
„Herrschaften, ich habe euch einerseits zusammengerufen, um den Einsatzplan der nächsten Wochen und Monate zu besprechen, und euch andererseits eindeutige Verhaltensmaßnahmen mitzugeben. Wie der Grabenfunk vielleicht bereits gemeldet hat, ha, ha, natürlich hat er das, sind wir im Visier unbekannter Geheimbünde, die bereits versucht haben, unseren Nachschub zu sabotieren. Unter anderem wäre es ihnen fast gelungen, uns auf die Liste der vogelfreien Einheiten zu setzen. Das hätte uns Schwierigkeiten machen können.“
Lautes Gemurmel setzte ein. Scharnhorst ließ sie gewähren, denn vogelfrei zu sein war nichts, was ein anständiger Inner Sphärler anstrebte. Die Unanständigen, nun, Schwamm drüber.
„Dazu kommt natürlich, dass wir hier keine Unbekannten sind. Bei den Geisterbären stehen wir natürlich seit der Kenda-Geschichte in gutem Ruf, und das tun wir auch beim Koordinator persönlich, ebenfalls wegen der Kenda-Geschichte. Leider hat die Sache auch noch einen Haken.“
Einer der Infanteristen meldete sich. „Der Schwarze Drache.“
„Zum Beispiel. Aber ich bin durchaus bereit, vorauszusetzen, dass wir mehr als einen Feind in dieser Region der Inneren Sphäre haben, der uns Tod und Vernichtung geschworen hat“, erwiderte der Major. „Will sagen: Nur weil Teddy uns mag, heißt das nicht, dass sich das bis in die regionalen Adelskreisen durchgesetzt hat. Vor allem, wenn wir herkommen, um einiges, ah, durcheinander zu wirbeln.
Ich fasse noch mal kurz zusammen, was wir hier tun: Eine unbekannte Jägereinheit wütet auf Geisterbärengebiet, und eine augenscheinlich mit ClanTech ausgerüstete Einheit von knapper Kompaniestärke überfällt Kombinatswelten in relativer Nähe zum Einsatzgebiet der Jäger. Unsere Aufgabe ist es, herauszufinden, wer Drahtzieher dieser Angriffe ist, und ob zwischen beiden Einheiten ein Zusammenhang besteht. Dazu besuchen wir drei Kombinatsplaneten, und danach zwei Welten der Geisterbären. Auf den Kombinatswelten bedeutet das natürlich, dass unser unbekannter Freund wissen kann, dass wir kommen. Und wir setzen uns der Gefahr der Sabotage aus. Da wir bereits sabotiert wurden und da man bereits versucht hat, dafür zu sorgen, dass wir die Englein singen hören können, gehe ich nicht davon aus, dass er sich mit ein paar unfeinen Graffitti zufrieden geben wird.“
Leises, trotziges Gelächter erklang.

Scharnhorst winkte ab. Es wurde wieder ruhiger. Makaberheit war eine Stärke seiner Panzereinheit.
„Vorweg eines: Ich möchte nicht einen einzigen Soldaten durch eine Verletzung oder gar einen Todesfall außerhalb möglicher Gefechte verlieren. Ja, wir werden den Feind angreifen, wenn wir meinen, ihm gewachsen zu sein. Nein, wir tun dies nicht, wenn er uns überlegen sein sollte. Ja, notfalls geben wir auch Fersengeld. Daher werden wir alle drei Aufenthalte auf den Kombinatswelten behandeln, als wären wir in potentiell feindlichem Gebiet. Das bedeutet, dass der Ausgang auf das Minimum reduziert ist, Zapfenstreich ist zehn Uhr abends Ortszeit, und alle Höllenhunde sind grundsätzlich in Gruppen von mindestens zehn Personen unterwegs, die zusammen die Kaserne oder die CRYING FREEDOM verlassen und auch zusammen wieder betreten. Ist das klar?“
Scharnhorst sah in überraschte Gesichter. Hier und dort sah er auch Ablehnung und die ersten Funken von Gedanken in den Augen der unruhigeren Soldaten, die darüber nachdachten, wie diese Anweisung zu umgehen war.
„Leute, wir wurden gewarnt. Sehr eindeutig gewarnt. Wir fliegen nicht zu einem Freundschaftsbesuch, wir fliegen zu einer polizeilichen Ermittlung. In dieser werden wir automatisch zum Ziel, sobald wir den Urheber der Angriffe identifiziert haben. Und dies womöglich nicht nur für diesen, sondern auch für seine Verbündeten. Ich will nicht einen von euch an irgendeinem nebligen Morgen in der Gosse einer verregneten Vorstadt in einer Lache aus eigenem Blut mit sattem Kehlenschnitt wiederfinden. Habt Ihr mich verstanden?“
Brummig wurde bejaht. Na immerhin, ging es Scharnhorst durch den Kopf.
„Nachdem die Sicherheit geklärt ist, ja, ich behalte mir vor, im Notfall eine volle Ausgangssperre zu verhängen, wenn ich sie für notwendig halte, sage ich euch jetzt, in welcher Reihenfolge wir welche Welten anfliegen werden. Unser erstes Ziel ist Numki, Herrschaftsgebiet der Grafen von Shimatze. Dies ist im Moment die achtzehnjährige Tomoe Shimatze, die solange regieren wird, bis ihr Bruder Hanzo in etwa zwei Jahren volljährig ist und die Grafschaft offiziell übernehmen kann. Ja, James?“
Battaglini nahm die Hand wieder zurück. „Ich habe nachgedacht. Ich kann mir vorstellen, dass es Tomoe-chan nicht leicht hat, so als Frau in der Grenzregion zu den Geisterbären, mit denen vor kurzem noch Krieg war. Ich denke, einige ihrer Nachbarn würden es gut finden, wenn so richtig machohaft ein Mann die Grafschaft übernimmt und damit die Verteidigung wieder auf Vordermann bringt.“
„Aha. Und das bedeutet?“
„Kann es nicht sein, dass Tomoe-chan die Angreifer bezahlt, um von sich, ihrem Bruder und ihrer Welt abzulenken?“
„Ich habe daran auch schon gedacht, aber ein Verdacht ist kein Beweis. Genauso gut kann Haus Odaga von Darius versuchen, die Grenzsituation zu destabilisieren, um Haus Shimatze als unfähig darzustellen, was weiter oben in der Hierarchie den Gedanken an eine Übernahme durch Haus Odaga salonfähig machen soll. Oder aber es spielt eine dritte Partei eine Rolle, eine Rebellengruppe beispielsweise. Oder es handelt sich tatsächlich im Clanner, Schwarzkastler, die von den Geisterbären mit in die Innere Sphäre geschleppt wurden und die sich nun austoben. Oder die ISA steckt mit drin, oder der Schwarze Drache, den wir schon erwähnt haben, oder der Tai-shu des Distrikts, oder ganz handelsübliche Piraten. Fakt ist, wir wissen noch rein gar nichts. Natürlich behalten wir im Hinterkopf, dass Haus Shimatze der Drahtzieher sein kann. Oder Haus Odaga. Aber wir werden es nicht aussprechen, bevor wir nicht handfeste Beweise haben. Es wäre etwas peinlich, wenn wir halb Haus Odaga aufs Schaffott schicken würden, und dann waren es doch Clanner.
Daher bleibt es dabei: Wir tragen so viele Spuren und Hinweise wie möglich zusammen und überlassen der ISA und ROM die Auswertung. Sollte sich unser Feind stellen und wir können ihn schaffen... Nun. Höllenhunde-Arbeit eben.“
Zustimmendes Gemurmel klang auf.
„Übrigens, nur um das klar zu stellen: Niemand, ich betone das, niemand wird Tomoe-chan Tomoe-chan nennen. Ihr sagt zu ihr Shimatze-sama, nichts anderes. Erwische ich einen von euch dabei, sie auch nur heimlich Tomoe-chan zu nennen, setzt es was.“
„Aber du darfst das, Chef?“, klang eine Stimme weiter hinten auf.
Scharnhorst grinste schief. „Ja, aus genau dem Grund. Ich bin der Chef.“
Verhaltenes Gelächter erklang.
„Planet Nummer zwei ist Darius. Graf Seizo Odaga ist nicht nur ein Nachbar der Shimatzes, er teilt sich mit ihnen auch einen Planeten, aber dazu gleich mehr. Während wir bei Tomoe-chan relativ sicher sein sollten, so ist das für Darius nicht gegeben. Seizo hat einiges durch die Angriffe einstecken müssen, was ihn Prestige gekostet hat. Kann natürlich Absicht von ihm gewesen sein um zu verschleiern, dass er der eigentlich Drahtzieher ist. Die Dracs denken ja gerne mal um fünf Ecken. Aber auch hier gilt: Erst mal Beweise sammeln. Auf Darius gilt besondere Vorsicht für die ganze Truppe. Seizo ist ein alter Freund von Anatoli Kenda. Sein Bastardsohn wurde mit dessem Namen geehrt, daran könnt Ihr erkennen, dass sicher nicht alle Bande und Loyalitäten abgeschnitten wurden, als Kenda zum Ronin wurde. Und selbst wenn er es dabei belässt, uns, die wir Kenda getötet haben, anzugranteln, aber nicht anzugreifen, uns zu schikanieren, aber nicht zu beschießen, so kann doch sein unehelicher Sohn oder irgendeiner seiner Untergebenen auf die Idee kommen, unser Tod wäre eine gute Idee.“
Scharnhorst sah ins Rund und maß die Menge mit den Augen. „Besondere Vorsicht. Odaga mag uns nicht. Während Tomoe-chan uns bereits freudig begrüßt hat und hofft, dass wir die Vorfälle schnell aufklären helfen, hat Seizo nur unter Protest zugestimmt, uns ermitteln zu lassen. Immerhin, er hat uns im Gegensatz zu Haus Shimatze bereits umfangreiche Daten und Aufzeichnungen zukommen lassen, darunter mehrere Dutzend Zeugenaussagen von Überlebenden der Angriffe.
Was uns zu Planet Nummer drei auf der Liste bringt, auf der ein Angriff in nächster Zeit erwartet wird: Sulafat. Nach einer kleinen Rebellion gegen sein Fürstenhaus, die Imagawa, griffen Shimatze und Odaga ein, um die Welt zu befrieden. Sie regieren und beherrschen diese Welt nun zu gleichen Teilen, während die Imagawa als ausgerottet gelten. Sulafat ist... Besonders. Die Welt ist Lieferant für Biorohstoffe medizinischer und industrieller Art für den halben Distrikt, was sie einerseits wertvoll macht. Aber der Dschungel, der diese Rohstoffe hervorbringt, ist auch besonders dicht. Dicht genug, um etliche Arbeiter zu verschlingen, die sich trauen, diese Rohstoffe zu ernten. Dicht genug, um einige überlebende Rebellen, einige überlebende Loyalisten und einige berufsbedingte Arschlöcher zu verbergen, deren Zahl uns unbekannt ist, die uns aber durchaus gefährlich werden könnten. Vor allem, wenn sie sich mit unseren neuen besten Freunden verbünden sollten. Der Feind meines Feindes, und so weiter. Auf Sulafat wird es keinen Ausgang geben. Wenn ich schon keinen Soldaten durch ein scharfes Messer in einer Seitengasse auf Darius verlieren will, dann erst recht keinen, weil er oder sie mit einem primitiven Blasrohr ein exotisches Gift verpasst bekommt oder in einem Vorgarten die falsche Blume pflückt. Sulafat ist ein extrem heißes Pflaster, in so ziemlich jeder Hinsicht, und der Dschungel verschlingt Dinge und Menschen sehr, sehr schnell.“
Wieder sah Scharnhorst ernst ins Rund. „Wir wurden gewarnt. Wir wurden angegriffen. Man hat versucht, uns zu Vogelfreien erklären zu lassen. Wenn jemandem jetzt der Ernst der Lage noch nicht bewusst ist, dann wird vielleicht dies hier helfen können.“ Er hielt eine Depesche hoch. „Hierin steht, dass die Chevaliers aufgebrochen sind, um sich mit uns auf einer der drei Kombinatswelten zu vereinigen.“
Diese Nachricht löste einen mittleren Geräuschorkan aus, der nur langsam wieder verebbte.
„Wahrscheinlich wird dies Sulafat sein. Zumindest hat uns das Colonel Copeland versprochen, der neue Einheitskommandeur. Die Chevaliers rücken im Übrigen auf Befehl und Kosten von Graf Germaine Danton aus. Offiziell, weil er uns Jara geschenkt hat. Was, wie ich denke, hier nicht gerade auf Widerstand stoßen wird.“
„Sind wir nicht eigentlich unabhängig?“, rief jemand. „Nicht, dass ich was dagegen habe, wenn die Rose der Chevaliers uns abholt.“
„Wir standen nicht unter Dantons Befehl, aber er hält – hielt – noch immer große Anteile an unserer Ausrüstung und war bis dato eingetragener Einheitseigentümer“, erklärte Scharnhorst. „Überhaupt denke ich, dass der Grund für unsere Abwesenheit, nämlich bei ComStar ein paar C-Noten verdienen zu können, erledigt ist. Wir können jetzt nach Hause, Leute, und diesmal hat die Einheit sogar ein Zuhause. Und was noch besser ist: Die Chevaliers haben nach unserem Abgang, nach den Kämpfen auf Wayside V, eine Panzerkompanie neu aufgestellt, die wir natürlich assimilieren werden. Zumindest habe ich das fest vor. Und damit überhaupt gar nicht in Frage gestellt wird, wer hier das Recht hat, wen in seine Reihen zu holen, werdet Ihr, verehrte Höllenhunde, in den nächsten Wochen und Monaten ausschließlich BESTE Leistungen erbringen. Ist das klar?“
„SIR, JA, SIR!“
Scharnhorst grinste. „So will ich euch sehen. Kommen wir jetzt zu den Geisterbärenwelten, die...“

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Wie Blüten im Frühlingswind

Schloss Odaga, Provinz Shikoku, Planet Darius, Draconis-Kombinat

Die alte bronzene Signalglocke von Schloss Odaga erklang wieder und wieder, als sich die Prozession ihrem Ziel näherte. Der helle Klang schwang sich empor über die Mauern, Gebäude und Burghöfe, durchdringend und mahnend, war vielleicht sogar bis zum Stadtrand der Hauptstadt zu hören. Der Schrein im zentralen Burghof, dem sich die feierliche Prozession gemessenen Schrittes näherte, war nicht sehr prunkvoll, aber wie die ganze Anlage stilsicher entworfen und gebaut. Vor allem war er alt, was ihm in den Augen der meisten Kuritaner einen ganz eigenen Wert verlieh.
Es mochte reine Fiktion sein, dass die Glocke - ein Anachronismus wie die ganze Anlage - angeblich viele Jahre gegossen worden war, bevor man das Schloss in der Sternenbundära erbaut und Haus Odaga hier seinen Sitz genommen hatte. Angeblich hatten sie die Glocke aus dem Zeitalter des Krieges mitgebracht. Zweifellos hatte sie wie der Schrein viele Jahre kommen und gehen sehen und deren Anbruch verkündet. Ebenso wie den Tod vieler Lords von Darius und den manches Koordinators, aber auch freudige Ereignisse wie die Geburt eines Erben, sei es auf Darius oder Luthien. Sie hatte triumphierend von Siegen und klagend von Niederlagen gekündet in den gut 200 Jahren fast ununterbrochener Kriegsführung, die man die Nachfolgekrieg nannte, bis schließlich die Rückkehr von Kerenskis verdorbenen Erben eine ganz neue Runde im ewigen Blutvergießen eingeleitet hatte.
Buddhisten glaubten, dass das Läuten von Glocken die Menschen von Sünden reinigen konnte, und so grüßte die Glocke bestimmte Ereignisse wie etwa jeden Jahreswechsel mit genau 108 Schlägen, um die 108 menschlichen Sünden und weltlichen Begierden für das kommende Jahr abzuwehren. Man konnte allerdings geteilter Meinung sein, wie wirkungsvoll dieser Schutz war.
Vor allem aber hatte die Glocke wieder und wieder zum Krieg gerufen, wie auch jetzt. Einmal mehr machte man sich auf Darius bereit, zu den Waffen zu greifen.
Manche Menschen mochten Lord Odaga für ein Fossil, einen hoffnungslosen Nostalgiker halten - wer von ihnen einen Funken Verstand besaß, hütete sich freilich, das laut zu sagen - doch er wusste ohne Frage ein Schauspiel zu organisieren. Ob er selber an jede Zeremonie GLAUBTE, welche er mit demonstrativer Inbrunst zelebrierte, das war nicht immer ganz klar, aber er glaubte zweifellos an die Kraft von Symbolen und Ritualen. Und so hätte der Lord von Darius niemals seine Untergebenen auf eine gefahrvolle Mission geschickt, ohne ihnen einen Abschied zu bereiten, wie es schon mehr als ein Dutzend seiner Vorgänger getan hatten. Besonders dann nicht, wenn unter den Soldaten sein einziger noch lebender Sohn und Erbe war.

Einige der Teilnehmer trugen die Kleidung der Shinto-Geistlichkeit oder buddhistischer Priester und Nonnen. Glaube war im Kombinat etwas, was selten nur eine rein persönliche Sache war - dafür waren gerade der Buddhismus und der Shinto-Glauben zu eng mit der Ideologie der herrschenden Klasse verbunden. Die meisten Anwesenden aber gehörten der kämpfenden und nicht der betenden Klasse an - wiewohl in der Geschichte des Kombinats auch so mancher Mönch und manche Nonne Ehre und Ruhm im Kampf errungen hatte. Ob nun im Nahkampf oder im Cockpit eines Jägers oder Mechs.
Die Rüstungen der Odaga-Palastwachen waren denen japanischer Samurai nachempfunden und boten einen ebenso prachtvollen wie bedrohlichen Anblick. Das galt auch für die Soldaten der Sturmkompanie des Mechbataillons von Darius, doch wurden sie alle sogar noch übertroffen vom Lord selber in seiner prunkvollen Rüstung, dem ausladenden Helm und der düsteren Maske, und den vier ausgewählten Mechkriegern der Sturmkompanie, denen er das Geleit gab und die im Zentrum der Zeremonie standen. Diese fünf trugen zusätzlich zu den modernisierten Oyoroi-Panzern prunkvoll gemusterte und unübersehbar mit dem Odaga-Mon verzierte Jinbaori über den Rüstungen. Diese Kimono-artige Jacken waren einst speziell für gepanzerte Samurai entworfen worden und wurden im Kombinat bis in die Gegenwart zu zeremoniellen Anlässen getragen. Natürlich zog auch ein kuritanischer Mechkrieger, anders übrigens als viele Eliteinfanteristen, nicht im Oyoroi ins Gefecht. Aber diese Rüstungen waren Symbol dessen, wofür sie standen und was sie waren, worauf sich ihr Anspruch und ihr Selbstverständnis gründeten. Sie waren fast ebenso unverkennbar und unverzichtbar wie das Schwerterpaar als Zeichen der Zugehörigkeit zum bewaffneten Stand oder zum Adel. Und, wie Seizo Odaga mitunter zu spötteln pflegte, viele Kuritasoldaten wären wohl lieber gestorben als eine solche Abschiedszeremonie in Shorts und Kühlwesten zu zelebrieren.

Das Mechbataillon war der Stolz der Streitkräfte von Darius, und in jeder Generation hatte mindestens ein Mitglied der Familie in seinen Reihen gedient, obwohl der Lord oder einer seiner Söhne nicht selten auch in einem regulären Regiment des Kombinats seinen Dienst versah, wenn gerade Krieg herrschte. Nicht, dass die Odaga zu den kurzsichtigen Geschöpfen gehörten, welche die anderen Waffengattungen missachteten. Aber die Bedeutung der Battlemechs ließ sich nicht leugnen, vor allem wenn es um schnelle Schwerpunktbildung ging. Und wo die konventionellen Einheiten des Planeten zumeist die Verteidigung übernahmen, hatten die Mechtruppen in fast jedem größeren Krieg mindestens eine Kompanie für die Kämpfe an den Grenzen des Kombinats mobilisiert. Und in den letzten Jahren hatte das Bataillon einen nicht geringen Anteil daran gehabt, Sulafat zu sichern und zu halten.
Dabei mochte so mancher auswärtige Betrachter über das Bataillon insgeheim die Nase rümpfen. Es verfügte zwar normalerweise über 52 Maschinen - vier Kompanien und eine persönliche Lanze des Lords - von denen mehr als die Hälfte schwere und überschwere Modelle waren. Aber ungeachtet dieser zahlen- und tonnagemäßigen Stärke, viele der Mechs waren nach heutigen Maßstäben alt, ein oder zwei Jahrzehnte, wenn nicht noch mehr. Manche waren gar vor ein oder zwei Jahrhunderten konstruiert worden, Maschinen, die mitunter praktisch seit der Geburt des Kombinats im Einsatz waren. Zwar hatte man sie alle nach Möglichkeit modernisiert, Bemühungen, wie sie auch den konventionellen Streitkräften der Odaga zuteil geworden waren. Moderne Waffen und Panzerungen steigerten die Kampfkraft moderat, und ließen sich leichter und vor allem billiger beschaffen als komplett neue Maschinen. Aber das brachte es eben mit sich, dass die Einheit mitunter einen etwas zusammengestoppelten Eindruck machte, und an schierer Kampfkraft mit vielen Frontlinieneinheiten nicht ganz mithalten konnte, wenn es eins zu eins stand. Clantech oder FIS-Omnis waren die Ausnahme, und an einsatzfähigen Clanmechs verfügten die Odaga gerade einmal über drei Stück, obwohl sie in allen Konflikten des Kombinats mit den Müllgeburten tapfer an vorderster Front gefochten und einen hohen Preis gezahlt hatten.

Anatoli Tanigaki schritt mit gemessenen Bewegungen direkt neben seinem Lord und Vater, nicht etwa hinter ihm, wie es eigentlich seinem Rang entsprochen hätte. Dies war in mehrfacher Hinsicht ein Ehrenplatz, und der junge Mann achtete noch mehr als sonst darauf, einen angemessen ernsten, würdevollen und entschlossenen Eindruck zu machen, mochte er innerlich auch von Unsicherheit und Zweifeln geplagt sein. Er war geradezu froh über die Maske, die sein Gesicht verbarg und wünschte sich, er wäre innerlich so unerschütterlich wie es sein Panzer suggerierte. Es war das erste Mal, dass Seizo ihn so unverhohlen in der Zeremonie als seinen Erben, ja als praktisch Gleichgestellten präsentierte, und der junge Offizier fühlte gewiss nicht nur, ja nicht einmal in erster Linie Stolz über diese Ehre. Natürlich war ihm das Verpflichtung, und er war ein Stück weit auch stolz darauf, dass sein Vater ihm weit genug vertraute. Hätte er das nicht getan, nun, Seizo Odaga hätte jederzeit die Möglichkeit offen gestanden, einen geeigneten Erben zu adoptieren oder einen entfernten Verwandten aus einer Nebenlinie an seine Seite zu holen. Es gab da einige mögliche Kandidaten. So war es zweifellos eine Auszeichnung für Anatoli, aber eine, die er niemals angestrebt oder sich auch nur gewünscht hatte - jedenfalls nicht SO. In seinen Träumen hatte es solch eine Szenerie nie gegeben.

Natürlich hatte der junge Offizier Zeremonien wie die heutige schon mehr als einmal beobachtet, und auch selber mitgemacht, wenngleich nicht in so prominenter Position. Die Soldaten, die im Begriff waren in die Schlacht zu ziehen, würden auch diesmal mit ihrem Lord am Burgschrein beten, und die Gunst ihrer Ahnen und der vergöttlichten Gefallenen erflehen, auf dass diese ihnen die Kraft verleihen mochten, mit Ehre zu kämpfen und wenn nötig zu sterben. Es galt als schreckliches Schicksal, fern der Heimat zu fallen. Nicht wegen des Todes an sich, denn der sollte den Soldaten leicht wie eine Feder erscheinen. Nein, was man fürchtete war die Gefahr, in einem namenlosen Grab in fremder Erde zu verfaulen oder gar auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden, ohne dass jemand erfuhr, wo und wie man gefallen war. Wer so starb, konnte schwerlich Ruhe im Grab finden, sondern war dazu verdammt, als ruheloser Geist umherzuwandern, klagend und verloren - so sagten zumindest manche. Und deshalb hinterließen die Männer und Frauen im Dienste der Odaga etwas am Schrein, das zur Not an ihrer Stelle verbrannt und beigesetzt werden konnte. So wie ihre Vorfahren in so vielen Kriegen, zurück bis zu der Zeit, bevor die Menschheit die Erde verlassen hatte. Ein Gedicht oder eine Zeichnung, wenn sie denn geschickt genug dafür waren, mitunter geschrieben oder gemalt mit ihrem eigenen Blut aus einem selbst zugefügten Schnitt, das auf Reispapier tropfte. Die meisten aber hinterließen eine Haarlocke, Fingernägel - den Geschichten zu Folge hatte manch einer, der auf besonders gefahrvolle Mission tief im Feindesland ging sogar ein Ohr oder einen Finger zurückgelassen.

Anatoli wusste nicht erst in diesem Moment, da er einmal mehr im Begriff war auf eine riskante Mission zu gehen, er hatte immer ein glückliches Leben gehabt - für einen Bastard. Uneheliche Kinder waren keine Schande für einen kuritanischen Adligen, so lange er sich an die Grundregeln des Anstandes hielt. Ein Lord, der die Frauen und Töchter seiner Nachbarn und untergebenen Adligen belästigte, machte sich ebenso unmöglich wie einer, der JEDEM hübschen Gesicht in der Dienerschaft nachstellte. Nicht, dass es dergleichen nicht hin und wieder gab. Aber es gehörte sich nicht, und wer so handelte, wurde zumeist mit schneidender Verachtung gestraft, wenn nicht gar mit noch...handgreiflicheren...Formen des Missfallens. Ebenso beging praktisch gesellschaftlichen Selbstmord, wer seine Konkubine und ihre Kinder unverhohlen seiner legitimen Ehefrau und ihren Sprösslingen vorzog, oder aber das entgegen gesetzte Extrem vertrat und die ,Nebenfamilie' mit ungebührlicher Grausamkeit behandelte - auch all das kam natürlich immer wieder vor. Die Lehrgeschichten, Kopfkissenanekdoten und Schwänke in den Sakekneipen des Kombinats erzählten manche Geschichte von betrügerischen Bastardkindern und Gespielinnen, von den tragischen Opfern heimtückischer Mordanschläge - sei es auf der richtigen oder auf der falschen Seite des Bettes - aber, natürlich, auch von nobler Selbstaufopferung, von Ehrenrettung durch einen glorreichen Tod oder herausragende Heldentaten. Im Allgemeinen aber wurden Geliebte und Bastarde zwar mit einem gewissen Abstand, doch auch mit Anstand behandelt. Die Grenze zur eigentlichen Familie des Lords war da, aber so lange alle sich an die alten überlieferten Spielregeln hielten, wurde üblicherweise niemand wirklich verletzt, psychisch wie auch physisch. Zumindest redete man sich das gerne ein.

Anatoli war ein Stück weit ein Sonderfall, da ihn seine Halbbrüder eigentlich nie als etwas anderes als einen nahezu Gleichgestellten behandelt hatten. Das mochte an ihrem Charakter gelegen haben, oder daran, dass ihr Vater sich erst Jahre nach dem Tod seiner geliebten Ehefrau eine Konkubine genommen hatte. Eine Frau, die er auf seine Art ebenfalls geliebt hatte, denn er hatte nach ihrem viel zu frühen Tod auch nie mehr einen Ersatz für sie gesucht oder gar gefunden. Böse Zungen sagten, der Lord habe in seinem Herzen einfach nicht genug Liebe für mehr als zwei Frauen gehabt - und kaum genug für seine Kinder, und schon gar keine für seine Untertanen.
Sei dem, wie es sei, Ehefrau und Geliebte hatten jedenfalls nie auch nur ansatzweise miteinander konkurriert, und als Anatoli geboren wurde, waren Seizos legitime Kinder alt genug, um darin keine Gefahr oder Verrat an ihrer Mutter zu sehen, die sie wegen ihres vorzeitigen Todes ohnehin kaum gekannt hatten. Und dass auch Anatolis Mutter nicht alt geworden war, hatte die Jungen verbunden, über den Alters- und Standesunterschied hinweg.
Anatolis Weg war vorgezeichnet gewesen, sowie sein Vater ihn bei Hofe geduldet hatte, anstatt ihn und seine Mutter flugs abzuschieben und die Geliebte mit einem seiner Untergebenen zu verheiraten. Er würde aufwachsen als ein loyaler Diener seines Lords und später seiner Brüder, der es vermutlich bis zu einem geachteten Offiziersposten bringen und irgendwann die dritte Tochter eines kleinen Adligen oder die Erbin eines aufstrebenden Mannes aus dem Bürgertum heiraten würde. Seine Kinder würden zum niederen Adel gehören und als Teil des Odaga-Haushaltes aufwachsen. Kein herausragendes, aber auch kein schlechtes Schicksal. Doch dann hatte der größte und schreckliche Gleichmacher von allen eingegriffen.

Der Bastardsohn des Lords war noch ein Kind gewesen, als er seinen ältesten Halbbruder im Kampf gegen die Clans verloren hatte. Hiroshi Odaga war in seinem Victor - einem Mech, der seit gut 200 Jahren in Besitz der Familie und erst ein Jahr zuvor modernisiert worden war - durch eine Reaktorexplosion förmlich zerfetzt worden. Er hinterließ eine junge Ehefrau, aber kein Kind. Die Witwe war in ein buddhistisches Kloster eingetreten - tatsächlich war sie heute ans geweihte Nonne anwesend.
Anatoli hasste die Claner abgrundtief seit dem Tag als er vom Tod Hiroshis erfahren hatte - er hatte seinen Halbbruder geliebt, nicht weniger als wenn sie dieselbe Mutter gehabt hätten. Dabei hatte er damals nicht einmal ansatzweise wissen können, was die Invasoren und ihre Handlanger ihm noch nehmen würden. Dieser erste Schicksalsschlag hatte an seiner Zukunftsperspektive zunächst nicht viel geändert, abgesehen davon, dass er gelernt hatte zu hassen.
Er war zum Mechkrieger und Offizier ausgebildet worden, und auch wenn er nicht in den regulären VSDK gedient hatte, hatte er ein hartes Training in der Ausbildungseinheit von Darius und später ein Militärstudium im Dover-Institut auf Benjamin absolviert, das ihn zum vollwertigen Mechkrieger qualifizierte. Der eher liberale Geist dieser Schule hatte ihm sicher einiges erleichtert. Er hatte wie die meisten jungen Kuritaner insgeheim dem Tag entgegengefiebert, an dem er sich im Kampf würde beweisen können. Eine große Hilfe während seiner Ausbildung waren ihm nicht zuletzt zwei gute Freunde seines Vaters gewesen - der Peshten-Offizier Anatoli Kenda und dessen Frau Hitomi, die zeitweise Militärgeschichte auf Benjamin gelehrt hatte. Er hatte die Kendas stets als praktisch so etwas wie Familie betrachtet, hatte eine Weile auf ihrem Familiensitz gewohnt, und wenn man von dem jungen Bastard sagen konnte, dass er seine Zuneigung nicht leichtfertig verschenkte, so war nicht minder wahr, dass er seine Meinung so gut wie nie änderte, wenn er erst einmal Zutrauen zu jemanden gefasst hatte. So waren das zweifellos harte und entbehrungsreiche Jahre gewesen - Rekruten wurde nichts geschenkt, auch denen von noblem Blut, und Bastarden schon gar nicht - aber auch glückliche.

Sein erster richtiger Einsatz, der kurze aber brutale Krieg gegen die Geisterbären, war dann viel härter und bitterer gewesen, als er es sich ausgemalt hatte - doch so war es wohl Kriegern seit Anbeginn der Zeit ergangen. Und einmal mehr hatte das Schicksal hart zugeschlagen. Zwölf Jahre nach dem Tod seines einen Halbbruders war auch der zweite, Toyonari Odaga, der jüngere legitime Sohn des Lords, im Kampf gegen die Geisterbären gefallen. Er hatte es nicht einmal bis zu seinem Galeere-Mech geschafft, als ein Strahl Tiefflieger den vorgeschobenen Stützpunkt seiner Einheit mit Splitterbomben belegte. Anatoli, der zum Zeitpunkt des Luftangriffs mit seiner Lanze Dutzende Kilometer entfernt im Einsatz gewesen war, hatte in dem zerfetzten Etwas das man ihm zeigte nichts mehr von dem pflichtbewussten jungen Mann mit dem Sinn für Wortspiele und gutmütige Scherze erkennen können, an den er sich erinnerte. Toyonari war unverheiratet gewesen, wohl vor allem, weil Seizo für ihn auf eine Ehe mit Tomoe Shimatze gehofft hatte.
Anatoli hatte nach diesem Schicksalsschlag nur einen einzigen schalen Trost gehabt, als er das Kommando und auch den Mech seines Halbbruders übernahm: In den folgenden Wochen hatte er ausreichend Gelegenheit gehabt, Rache für seine BEIDEN Brüder zu nehmen. Und wenn auch der Tod der Claner sie nicht zurückbrachte, es hatte sich sehr gut angefühlt, diese...Kreaturen erbarmungslos zu vernichten.
Lord Seizo Odaga gehörte nicht zu den Menschen, die so etwas Verletzliches wie Trauer oft in der Öffentlichkeit zeigten. Anders als bei den Barbaren - Steiner oder Davion oder gar den Clans - galten öffentliche Tränen zwar im Kombinat keineswegs als Schande. Aber auch solche Regungen durften ein gewisses Maß nicht überschreiten, wollte man nicht als schwach gelten. Wie es wirklich in Anatolis Vater ausgesehen hatte, einem Mann, der seinen Vater, zwei Söhne, die zwei Frauen die er geliebt hatte und viele gute Freunde gewaltsam oder durch andere Schicksalsschläge verloren hatte, verriet ein kurzes Gedicht, das seit vielen Jahren am Schrein zu lesen war, in unvergängliches Metall geprägt. Der Lord war gewiss kein Poet, aber seine Worte waren zweifelsohne von Herzen gekommen:
"Dreibeinige Krähe über blut'gem Feld -
Hoffnung auf Wiedergeburt?
Nie mehr für mich."
Mit der Krähe war natürlich Yatagarasu gemeint gewesen, der himmlische Bote und Kami.

Der Koordinator hatte schließlich Frieden mit den Geisterbären geschlossen, ein Frieden, den auch der Lord von Darius und seine Soldaten zu respektieren und zu wahren hatten. Doch obwohl Anatoli die Weisheit dieses Entschlusses würdigen konnte - das Kombinat hatte genügend Probleme mit den irrwitzigen Angriffen aus dem Steiner-Raum während des Bürgerkrieges gehabt - so hatte er insgeheim wie viele andere Kuritaner und natürlich auch wie sein Vater den Ausgang des Konflikts als Demütigung empfunden. Das Kombinat wäre zweifellos in der Lage gewesen, den Invasoren eine noch härtere Lektion zu erteilen, und ohne Frage hätten nicht wenige Menschen in den besetzten Gebieten der ehemaligen FRR einen Fortgang der Kämpfe begrüßt, an deren Ende die Befreiung gewinkt hätte. Statt dessen hatte man sich im Kombinat mit einem Patt, ja gar mit dem Verlust eines Planeten abgefunden, und die Rasalhager konnten künftig bestenfalls auf eine Existenz unter dem Protektorat Com-Stars oder die Herrschaft eines Mannes hoffen, dessen Verstand durch die pervertierte Ideologie der Clans inzwischen gründlich vergiftet war.
Kurze Zeit darauf war auch noch das Leben von Anatoli Kenda - wie das vieler anderer aufrechter Söhne und Töchter des Kombinats - auf dem Altar der Koexistenz von Geisterbären und Drachen geopfert worden. Der Tod seines "Patenonkels", das Stigma, Angehörige eines Geächteten zu sein, das seither auf Kendas Frau und Kindern lastete - Menschen, die Anatoli Tanigaki über alles achtete und schätzte - hatten den jungen Kuritaner schwer getroffen.
Zugleich war der Tod seines zweiten Bruders ein Wendepunkt gewesen. Anatoli musste zusehends Verantwortung übernehmen, nicht nur als Offizier. Er musste lernen, als Stellvertreter seines Vaters zu agieren - auf dem Schlachtfeld, als Verwalter und als Diplomat. Mit viel Mühe und Glück war ihm das bis heute geglückt. Und jetzt, da sein Vater ihn mehr und mehr respektierte, ihn in seine geheimsten Pläne und Manöver eingeweiht hatte, um die Zukunft des Hauses zu sichern, natürlich immer auch zum Wohle des Bezirks und des Kombinats, war es einmal mehr seine Aufgabe, in die Bresche zu springen.

Er hatte seine letzten Anweisungen unter vier Augen erhalten. Seizo Odaga hatte kein Hehl daraus gemacht, wie besorgt er war: "Diese Söldnerhunde sind bereits in unserem Distrikt. Nicht mehr lange, und sie fangen an, hier herumzuspionieren."
Der Lord hatte verächtlich geschnaubt: "Ich habe Gerüchte gehört, ihr Herr rührt sich ebenfalls. Und damit meine ich nicht Com-Star oder den Koordinator. Wenn jetzt auch noch diese Chevaliers sich in Marsch setzen...nun, ich denke, ich brauche nicht zu sagen, was das bedeuten kann. Wenn sie sich zusammentun...das könnte zuviel sein. Ich will nicht, dass dieser Abschaum in MEINEM Reich herumschnüffelt und mit ihren dreckigen Pfoten Dinge hervor gräbt, die besser begraben bleiben sollten, oder aber das beiseite schafft, was ans Licht des Tages gehört. Auch wenn wir nicht sicher wissen, was sie hier wollen, wir müssen sie alle als potentielle Feinde betrachten. Und da wäre es töricht, ihnen nur über die Schulter zu schauen, sobald sie hier bei uns oder auf Sulafat sind. Also schicke ich dich mit deiner Kommandolanze los."
Anatoli kommandiert de facto oft einen Großteil der Streitkräfte von Darius, so lange sein Vater das nicht übernahm, doch im engeren Sinne war er Kommandeur der Sturmkompanie des Mechbataillons. Und seine Kommandolanze war so ziemlich das Beste, was Darius aufzubieten hatte, sah man von Seizos persönlicher Lanze ab. Neben Anatolis Galeere-A waren da noch ein moderner Kampftitan und zwei alte aber umfassend modernisierte Todesboten. Genug Feuerkraft, um eine mittelschwere Panzerkompanie auseinander zu nehmen, wenn man es geschickt anstellte.
"Du wirst auf Numki eintreffen, bevor diese stinkenden Köter ankommen. Sieh zu, dass du erfährst, wie das Shimatze-Mädchen und ihr Bruder über sie denken. Genug Grund zu Besorgnis haben wir ihnen ja gegeben. Es sollte dir nicht schwerfallen, sie in die richtige Richtung zu bewegen. Wir müssen uns da abstimmen, auch was das weitere Vorgehen angeht. Tomoe ist starrköpfig, aber eben nur eine junge Frau, ihr Bruder ist ein halbes Kind." Seizo hatte gelacht: "Es wäre sicher zuviel erwartet, wenn ich sage, sieh zu, dass du dich mit Tomoe auch in anderer Hinsicht...arrangieren kannst."
Anatoli hatte gequält gelächelt. Er teilte nicht so ganz die Einschätzung seines Vaters, was die Erbin von Numki betraf. Nur ein paar Mal hatte er mit ihr von Angesicht zu Angesicht zu tun gehabt, vor allem während des letzten Aufstandes auf Sulafat, aber was er da gesehen hatte, gab Anlass zu der Vermutung, dass sich Tomoe ebenso schwer manipulieren wie ins Ehebett - oder überhaupt ein Bett - locken ließ. Zumindest, so lange es nicht ihrem Haus zugute kam. Das machte sie zu einer schwierigen Verbündeten. Wenn man freilich gemeinsame Gegner hatte...falls die Söldner glaubten, mit ihr leichtes Spiel zu haben, erwartete sie vermutlich eine böse Überraschung.
"Du wirst dann zu den Söldnern stoßen, vorgeblich als Verbindungsoffizier. Immerhin sind WIR es ja, die am schwersten unter den Überfällen zu leiden hatten und am meisten über die Angreifer wissen. Sie haben also wenig Vorwand, dich wegzuschicken. Sieh zu, dass dir nichts entgeht, was sie treiben. Ich will wissen, was das für Leute sind, jenseits der Dossiers die wir haben. Sie werden natürlich auch auf UNS angewiesen sein, denn auf Numki, Darius und Sulafat können sie nichts kaufen, ohne dass die Shimatze oder wir ihnen die Erlaubnis geben." Das stimmte zweifellos. Ein daher gesäuselter Wunsch von den Lippen Tomoe Shimatzes oder ein raues Bellen von Seizo Odaga, und die Händler würden eher Seppuku begehen, als auch nur ein Reiskorn verkaufen. Die Söldner verschwanden schließlich wieder - die Lords blieben.

"Du wirst auch während ihrer Anwesenheit auf Darius ihr wichtigster Ansprechpartner bleiben. Ich bereite da schon ein paar geeignete ,Begrüßungsfeierlichkeiten' vor. Das erspart mir die Zumutung, mich persönlich mit ihnen abzugeben. Aber vor allem will ich, dass du sie auf Sulafat im Auge behältst. Ich glaube nicht, dass die Höllenhunde auf Darius oder Numki eine Dummheit versuchen. Wenn der Rest dieser käuflichen Missgeburten hier wäre, sähe das anders aus, aber die Chevaliers sind weit weg. Vorläufig. Jede Dummheit würde damit enden, dass die Höllenhunde Mann für Mann schreiend ans Kreuz geschlagen werden. Aber auf Sulafat? Mit den Rebellen als mögliche Verbündete? Oder wenn sie noch ein paar Überraschungen in petto haben...Na, wir haben ja darüber gesprochen. Du hast freie Hand, auf Sulafat entsprechende Maßnahmen zu ergreifen um sie etwas ,aufzuweichen', wenn sich die Notwendigkeit ergibt. Du, DU ALLEIN kannst unseren Agenten dort den Angriffsbefehl erteilen. Ich verlasse mich darauf, dass du weder zu früh zuschlägst, noch zögerst."

Tatsächlich war man gerade dabei, auf Sulafat im Gebiet der Odaga zwei kleine Einsatzteams zusammenzustellen. Die Mitglieder waren Söldner, die vermutlich nicht einmal genau wussten, für wen sie arbeiteten. Eine Handvoll ausgesuchter Geheimpolizisten koordinierte die Vorbereitungen. Sollte Anatoli sich also veranlasst sehen, ein paar Attentate oder Anschläge unter falscher Flagge anzustoßen...
Nicht, dass der junge Offizier sich Illusionen machte. Was ihm zur Verfügung stand, war nicht gerade Elitepersonal. Die Männer und Frauen wussten wie man eine IED bastelte und platzierte oder einen Mann aus 500 Schritten Entfernung den Kopf wegblies, wenn die Bedingungen nicht zu widrig waren. Sie waren nicht nur Idioten, die man nach dem Motto ,pray and spray' einsetzte. Nützliche Fähigkeiten, zweifellos, aber sie waren eben keine Nekakami. Anatoli wusste auch nicht genau, WO auf Sulafat die Söldner sich herumtreiben würden, und durfte sie nicht zu offensichtlich in eine Richtung drängen. Und es war nicht zu erwarten, dass er Tomoe dazu beschwatzen konnte, ihm ein Team ihrer sagenumwobenen Ninja zu überlassen. Wenn es die denn gab. Da war es ja noch wahrscheinlicher, dass er Gelegenheit bekam sie nackt im Bade zu sehen.
Aber sei dem wie es sei, er hatte so zumindest eine Alternative zum offenen Kampf. Nicht, dass der auszuschließen war. Doch auch dafür fühlte er sich vorbereitet. Was er von den Söldnern und ihren Fähigkeiten wusste, riet zur Vorsicht. Aber Anatoli kannte die Fähigkeiten seiner Soldaten, und die der Streitkräfte auf Sulafat. Im Ernstfall konnte er auf mehrere tausend ausgebildete und vielfach kampferprobte Infanteristen und Paramilitärs und auf einen zwar betagten aber regelmäßig modernisierten und gut gewarteten Fuhrpark aus Dutzenden konventionellen Gefechtsfahrzeugen sowie eine leichte und schwere Mechkompanie bauen, dazu noch einiges an Infanteriegeschützen, Salvenwerfern und Luftabwehrbatterien. Sollte es ihm gelingen, die Schimatze als Verbündete zu gewinnen, kamen noch ein paar gefährliche Asse im Ärmel hinzu.
Natürlich, übertriebene Selbstsicherheit war einer der größten Kardinalfehler, den ein Befehlshaber begehen konnte, praktisch gleichauf mit mangelnder Kenntnis über den potentiellen Gegner und das Schlachtfeld. Aber es gab durchaus Grund für vorsichtigen Optimismus.

"Und wenn es in unserem Gebiet keine Probleme gibt, und die Söldner anfangen herumzuschnüffeln um herauszubekommen was bei diesen dreckigen Clanern im Moment eigentlich schiefgeht, wer hinter den Angriffen auf die Besatzer steckt... Dann müssen wir auch das um jeden Preis wissen. Dieser Abschaum hat viel zu gute Kontakte zueinander, als dass ich einer von BEIDEN Seiten trauen würde. Wenn sie die Köpfe zusammenstecken, kann das nur Unheil bedeuten. Ich würde wetten, dass da mehr als ein Spiel gespielt wird, und wir müssen zusehen, dass wir unsere Figuren geschickt platzieren und rechtzeitig die richtigen Züge ausführen. Oder die Steine vom Brett nehmen."

Auch das verstand sich von selbst, doch Anatoli machte sich wenige Illusionen. Im Clangebiet war er nicht mehr als ein Beobachter, einer, dem man zudem auf die Finger schauen würde. Andererseits, eine Söldnereinheit war notwendiger Weise immer ein amorpher Organismus. Entgegen aller Selbstidealisierung ging es den meisten Söldnern primär um Geld, und ihre Einheiten hatten oft einen deutlich geringeren Zusammenhalt und vor allem interne Kontrolle als Hauseinheiten. Denn Söldner mussten natürlich immer wieder neue Leute einstellen, oft aus der halben Inneren Sphäre. Personen mit zweifelhafter Vergangenheit zumeist, die bestenfalls im Laufe der Zeit wirklich Teil der Einheit wurden. Irgendwo gab es immer Schwachpunkte in so einer Truppe, und wenn man sich darauf verstand, die richtigen Knöpfe zu drücken, war dies zumeist durchaus erfolgversprechend. Geld, die Aussicht auf eine Heimat, eine bessere Position und Daueranstellung - es gab viele Dinge, die man einem Söldner anbieten konnte. Schon Wertschätzung war eine Währung, nach der viele von ihnen insgeheim hungerten, handelte es sich doch bei ihnen oft um Männer und Frauen, die im regulären Militär irgendwann gescheitert waren. Und Anatoli hatte selbst erfahren wie es war, von anderen als zweitklassig betrachtet zu werden. Erfahrungen, die er nutzen konnte, um Schwachstellen zu finden und auszunutzen. Es lohnte sich selten, auf die Offiziere einer Einheit zu zielen, auch wenn das mitunter beeindruckende Ergebnisse brachte. Sicherer und aussichtsreicher war, wenn man den ,Bauch' angriff, die medizinischen und technischen Dienste. Er würde bei seinem Bemühungen nicht allein sein. Nicht umsonst handelte es sich bei den drei As- und dem Seniortech, die ihn und die anderen Mechpiloten begleiten würde, um Männer und Frauen, die neben ihrer technischen auch eine nachrichtendienstliche Ausbildung für verdecktes Vorgehen genossen hatten. Auch sie waren nicht gerade das, was sich der Laie unter Topagenten vorstellte - die es in Wahrheit sowieso so gut wie nie gab, jedenfalls nicht so wie die Vids sie zeigten - aber es reichte um eine Straßengang zu infiltrieren, einen Computer oder eine Kamera zu hacken, ungesehen einzubrechen und Überwachungstechnik zu installieren oder lahmzulegen. Für eine Söldnereinheit mochte das hoffentlich reichen. Aber er musste vorsichtig vorgehen - war man erst einmal mit der Hand in der Schatztruhe erwischt worden, erhielt man keine zweite Chance. Doch auch das war eine Sorge für einen anderen Tag.

Anatoli verneigte sich tief vor seinem Vater und vor dem Schrein - vor denen, die er nicht sehen konnte, und die doch da waren. Dann klatschte er in die Hände, um sich der Aufmerksamkeit der Gefallenen sicher sein zu können, der Ahnen, inzwischen vereint mit den Göttern, ja selber zu Göttern geworden. Er kniete in einer fließenden Bewegung nieder. Schreibgerät lag - natürlich - bereit. Mit sicherer Hand schrieb er einige wenige Zeilen
"Wenn wir auch fallen wie
Blüten im Frühlingswind -
weint nicht, seid stolz auf uns."
Er atmete tief durch, dann löste er den Kampfhandschuh, zog den Dolch, den er zur Feier seiner Volljährigkeit zusammen mit dem Kriegsschwert von seinem Vater erhalten hatte, und schnitt sich in die Handfläche. Bedächtig ließ er sein Blut auf das Papier tropfen. Ein letztes Mal verneigte er sich tief vor seinem Lord, dann erhob er sich und trat zur Seite, damit seine Kameraden es ihm gleichtun konnten.
Er fing den Blick seines Vaters auf, aus diesen dunklen, alten Augen, müde von Jahren, von Leid und Krieg, und doch voller Kraft und erbarmungsloser Entschlossenheit, fast vollkommen verborgen hinter der drohenden Gesichtsmaske. Augen, die für einen Moment vor Stolz zu strahlen schienen. Doch wenn der Herr von Darius insgeheim Angst verspürte, auch noch das letzte seiner Kinder auf eine gefahrvolle Mission zu senden, so zeigte er dies nicht. Das hätte nicht nur ihn, sondern auch seinen Sohn beschämt.
Stattdessen wartete der Lord, bis auch der letzte der Krieger die Zeremonie beendet hatte. Dann, nachdem sie alle schweigend gebetet hatten, zog er sein Schwert, reckte es mit geballter Faust in den Himmel, als wolle er die Sonne selbst aufspießen. Seine Stimme hallte über den Hof: "Söhne und Töchter von Darius! Einmal mehr geben wir unseren Besten das Geleit, wenn sie aufbrechen, um unsere Welt zu schützen, wie so oft schon. Nur die Götter wissen, ob sie zu uns zurückkehren werden - doch was wir wissen ist, dass sie ihre Pflicht vorbildlich erfüllen und uns alle stolz machen werden! Wir sind das Schwert des Kombinats! Wir sind die Kinder des Drachen! WIR SIND DARIUS! Und wer sich uns in den Weg stellt, sei es offen mit blanker Klinge, sei es heimlich und verschlagen wie ein Meuchler in der Nacht oder mit falscher Freundlichkeit und den vergifteten Worten eines Verräters - wir werden ihn zerschmettern! Die stählernen Hufe der Schwarzen Pferde werden ihn in den Staub treten! Heute - morgen - IN ZEHNTAUSEND JAHREN!"
Jubelnd stimmten die Soldaten ein, rissen ihre Schwerter heraus, reckten sie empor und nahmen die letzten Worte ihres Lords auf: "BANZAI! BANZAI! BANZAI!"

Dann brach Anatoli Tanigaki auf, der Erbe von Seizo Odaga, um sich mit den Höllenhunden zu treffen. Männer und Frauen, die Kameraden und Freunde der Kellhounds waren, derjenigen waren, die seinen Großvater auf Lyons ermordet hatten. Söldner, die Seite an Seite mit Geisterbären gekämpft hatten, den Kreaturen, die seinen Bruder getötet hatten. Clanabschaum diente sogar möglicherweise jetzt noch in ihrer Einheit. Und nicht wenige von den Höllenhunden - gerade von den Veteranen und Offizieren - hatten Anteil daran gehabt, den Mann feige und hinterhältig umzubringen, dessen Namen Anatoli trug und der für ihn ein Onkel oder älterer Bruder gewesen war. Es waren Männer und Frauen, die nun vermutlich darauf aus waren, auch noch seinen Vater zu ermorden oder ihm mindestens das zu rauben, was ihm rechtmäßig zustand.
,Das wird NICHT passieren!'
13.05.2017 19:27 Cattaneo ist offline E-Mail an Cattaneo senden Beiträge von Cattaneo suchen Nehmen Sie Cattaneo in Ihre Freundesliste auf
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Es war am frühen Morgen, als der Master Sergeant der Chevaliers, Myles Sharpe, Sergeant Jack Ryan-Jones aus dem Bett schmiss. Und das mit Verve. Jack hatte wie alle die ganze Nacht daran gearbeitet, den Abflug in vierzig Stunden möglich zu machen, und insgeheim hatte er noch mehr Zeit benutzt, um seinen eigenen Plan durchzusetzen. Nun stand er im Gang und unterwarf sich dem Befehl des obersten Unteroffiziers der Chevaliers. Er ahnte, das etwas, irgendetwas, nicht so gelaufen war, wie er es gehofft oder erwartet hatte. Und er ahnte, dass der Moment, an dem Gewalt noch etwas am Lauf der Dinge ändern konnte, bereits vergangen war. So ungefähr eine Woche. Dennoch spannte er sich an und lauerte auf seine Gelegenheit. Nicht, um zu töten, aber um sich durchzusetzen. Sein Herz sackte freilich ein Stück die Hose hinab, als er Sergeant Jesse Stonefield im Gang stehen sah. Der Mann war ehrlich über die Situation verwirrt, denn er wusste nicht, was Jack wusste.
Als der Spieß dann auch noch First Lieutenant Steinberger aus seiner Stube holte, und das, obwohl der Mann als Offizier über dem Master Sergeant stand, wurde zur Gewissheit, dass Jacks Pläne nicht so verdeckt gewesen waren, wie er es gehofft hatte.
Als die drei versammelt waren, musterte Sharpe die drei Männer, warf einen Blick auf seine Armbanduhr und verkündete: „Fünf Uhr morgens. Für Sie drei bedeutet das Dienstbeginn. Folgen Sie mir ins Büro des Alten.“ Damit wandte er sich um und ging vorneweg.

In Jacks Gehirn raste es. Was, wenn sie aufgeflogen waren? Warum aber war Sharpe dann allein gekommen? Lauerte ein Team Elementare in einem Seitengang, um sie hochzunehmen, sobald sie sich die Blöße der Gewalt gaben? Oder vertraute der Mann auf seine natürliche Autorität, von der er, zugegeben, genug hatte? Genug, um selbst ihm, einem erfahrenen Feldkommandeur, Respekt abzunötigen. Robert sah fragend zu ihm herüber. Ryan winkte ab. Er war gegen Gewalt gewesen, und er war es immer noch. Die Chevaliers waren nicht seine Heimat, aber sie hatten ihn gut behandelt, als er es gebraucht hatte, und er vertraute dem Grafen. Und ehrlich gesagt war es eine nette Erfahrung gewesen, mal auf der Seite der Guten zu sein, und nicht nur immer in der Twilight Zone jener Menschen, die pauschal als Piraten bezeichnet wurden, nur weil sie in der Peripherie lebten und sich um sich selbst kümmern mussten. Aber alles hatte mal ein Ende, und sein Ende bei den Chevaliers hätte eigentlich in sechs Stunden kommen sollen.

Sharpe führte sie durch die Laufgänge des brandneuen Kasernegebäudes über den Innenhof, auf dem eine Abordnung der Miliz des Grafen eine morgendliche Sportstunde abhielt und zwei Leichte Mechs, Sergeant Wilcox Vixen II und Corporal Grubers Mercury, ihren Patrouillelauf begannen. Die beiden Mechs verließen den Hof zügig, und bei der Sportgruppe waren keine der Elementare, die sie von den Geisterbären übernommen und noch immer von Clan Wolf im Exil ausgeliehen bekommen hatten. Das war beruhigend, aber Ryan machte sich klar, dass, wenn sie es wussten, Sharpe für eine Absicherung gesorgt haben würde. Der Mann war zu schlau, um einzig auf seine Autorität zu vertrauen.
Sie hielten direkt auf das Stabsgebäude zu, und dort steuerten sie tatsächlich das Büro von Copycat an, dem neuen Alten der Chevaliers. Corporal Hellingsdottir, die gute Seele des Büros, empfing sie alle mit einem Lächeln. „Guten Morgen, Lieutenant. Guten Morgen, Spieß. Guten Morgen, Sergeant Ryan-Jones, guten Morgen, Sergeant Stonefield. Der Alte ist bereits drin. Gehen Sie direkt rein. Sergeant Stonefield, Sie waren noch nie hier. Was möchten Sie trinken?“
„Was?“, fragte der Lyraner vollkommen überrascht.
„Es ist etwas früh am Morgen, und ich kenne Ihre Gewohnheiten nicht. Trinken Sie Kaffee, oder eher Tee? Wir haben hier ein paar sehr schöne Sorten.“
Unsicher wechselte Stonefield einen Blick mit Steinberger. „Kaffee, schwarz, bitte, Ingar.“
Die junge Frau antwortete mit einem Lächeln und begann, ein Tablett zu bestücken. Jack konnte nicht verhindern, dass seine Augenbrauen zuckten, als nicht nur seine bevorzugte Kaffeebechergröße auf dem Tablett Platz fand, sondern, dass es mehr als fünf Tassen waren. Insgesamt waren es acht.
Sharpe trat ein. „Morgen, Sir. Ich bringe den Rest.“
Colonel Harrison Copeland saß nicht an seinem Schreibtisch, er saß auf der Couchecke. Ihm gegenüber saßen Betty Rush und Danielle Vascot, beide im Range eines Corporals, beide Mech-Kriegerinnen. Und beide Teil des Komplotts. Und es ging hier nicht um den flotten Dreier, den sie mal zusammen gehabt hatten. Auf dem einzigen Sessel aber, der am Couchtisch stand, in die Uniform eines Ryuken-Offiziers mit den Rangabzeichen eines Tai-sa versehen, saß der Alte, der eigentliche Alte. Germaine Danton.
„Bitte setzen Sie sich, meine Herren. Unsere Getränke kommen sofort. Jack, kommen Sie bitte zu mir. Jesse, Sie auch.“
Mit gemischten Gefühlen setzte sich der ehemalige Pirat zum Colonel, aber auf dessen Seite, die von Danton weiter entfernt war. Steinberger hatte dieses Glück nicht. Er musste sich bis auf Tuchfühlung zu Danton setzen, ebenso Stonefield.
Sekunden darauf betrat Hellingsdottir das Büro, brachte ihr Tablett und stellte vor jedem sein bevorzugtes Getränk, nichtalkoholisch, ab. Obwohl, mittlerweile hätte Jack nichts gegen einen kräftigen Grog oder gleich ein Wasserglas voll Rum gehabt.
Als die Getränke standen, stellte sie sich mit gespreizten Beinen und auf dem Rücken verschränkten Armen an den Tisch. Das war die typische Rührt euch-Haltung der Chevaliers. Es war die einzige aggressive Geste bis dato, und ehrlich gesagt beruhigte es Jack. Das passte schon eher zur Situation.

Copeland wechselte einen langen Blick mit Danton. Dieser nickte, und der Herr der Chevaliers seufzte. „Ich muss ehrlich sein, Jack, ich bin enttäuscht. Der Graf ist enttäuscht. Was haben Sie zu Ihrer Verteidigung zu sagen?“
Der ehemalige Pirat runzelte die Stirn. Lohnte es sich, Zeit zu gewinnen? Abzuwimmeln, zu leugnen? „Ich verstehe nicht, was Sie meinen, Sir.“
„Ich denke, Sie wissen sehr gut, was ich meine, Jack.“
Danton beugte sich vor. „Jack. Was hat Sie zum Teufel geritten, als Sie die DREAMCATCHER angeheuert haben?“
Ryan-Jones sah mit seinem einen Auge Danton an und wusste, dass er alles wusste. Es war vorbei. Oder doch nicht? Wenn er alles wusste, dann wusste er auch, dass Jack nicht vorgehabt hatte, Gewalt anzuwenden und elegant, aber stilvoll im Getümmel des Aufbruchs seine eigene Mission zu beginnen. „Familienangelegenheiten, mein Lord“, antwortete er.
„Und dafür überreden Sie vier weitere Chevaliers dazu, zu desertieren? Sie wissen, dass Sie das Recht haben, jederzeit den Dienst zu quittieren. Das haben wir damals so ausgemacht. Aber diese vier? Die Verträge von Rush und Vascot laufen noch ein halbes Jahr Minimum, und sowohl Stonefield als auch Steinberger sind Teil der Chevaliers, weil dies einer der wenigen Orte in von Menschen bewohnten Bereichen der Galaxis ist, in denen sie nicht automatisch wegen Piraterie abgeurteilt und erschossen werden.“
„Das ist mir bewusst, Sir. Das ist mir bewusst.“
„Also: Warum?“
Jack ließ für eine Sekunde den Kopf hängen. Dann sah er wieder auf. „Alleine bin ich nicht stark genug, Sir.“
Copeland sah ihn ernst an. Danach ging sein Blick zu Stonefield, Steinberger und den Frauen. Keiner hielt seinem Blick lange stand, mit Ausnahme des ehemaligen Piraten. „Sie hätten zuerst zu mir kommen sollen, Jack. Zu mir, oder zum Grafen. Sie haben viel für die Chevaliers getan. Wir sind Ihnen in mehr als einer Hinsicht zu Dank verpflichtet. Wir hätten einen Weg gefunden, um Ihre und unsere Interessen auf einen gemeinsamen Nenner zu stellen.“
„Was denn?“, fragte Ryan-Jones spöttisch. „Sie kümmert das Schicksal eines unbedeutenden Peripherie-Planeten außerhalb jeder Rechtsstaatlichkeit?“
„Wenn ich involviert werde, dann ja“, klang Dantons Stimme auf. „Ich kann nicht überall sein, und ehrlich gesagt kümmert mich auch nicht jeder Mensch. Ist eine etwas große Aufgabe bei eintausend Milliarden Individuen. Aber wenn es wichtig für Sie ist, Jack, ist es auch wichtig für mich.“
Die beiden Männer sahen sich lange in die Augen. Schließlich senkte der ehemalige Pirat den Blick. „Entschuldigung, Sir.“
„Angenommen.“
„Wir halten es Ihnen zugute, dass Sie gewaltlos desertieren wollten“, erklärte Copeland. „Letztendlich hat seine Lordschaft Recht, und Sie haben sich gewaltige Verdienste erworben. Das spricht für Sie. Außerdem kennen wir den Inhalt der Bitte Ihrer Schwester und... Nun, unterstützen sie.“
Überrascht, verwundert und ein wenig erschrocken sah Jack den Colonel an. „Sir?“
„Seien Sie froh, dass es unser Geheimdienst war, und nicht die ISA.“
„Ja, Sir. Entschuldigung, Sir. Danke, Sir.“ Er sah auf die Tischplatte, griff nach seinem Getränk und nahm einen kräftigen Schluck Kaffee. „Wie geht es jetzt weiter?“
„Jara wird mir den Kopf abreißen, so sieht es aus. Aber ich lasse Sie ziehen, Jack. Natürlich mit Ihrem Pillager. Den brauchen Sie jetzt nicht zurückzulassen.“
Überrascht sah er auf. Ja, der Plan hatte vorgesehen, überhaupt erst mal vom Planeten runter zu kommen. Sie hätten sich dann schon irgendwie mit passenden Maschinen versorgen können. Es gab da immer noch ein, zwei Orte und ein paar Personen, die ihm Gefallen schuldeten. Aber den Pillager mitnehmen zu können, den er quasi von der Schraube ab wieder aufgebaut hatte, war schon eine große Hilfe.
„Die Frage ist, was Sie vier wollen“, sagte Copeland. Wieder sah er die anderen vier an. Ernst und lange.
Stonefields Lippen arbeiteten vernehmlich. Dann aber sagte er: „Mit Verlaub, Sir, ich würde gerne bei den Chevaliers bleiben.“
„Genehmigt. Robert?“
Der Lyraner rang mit sich, sah zu Jack herüber und gab sich dann einen Ruck. „Ich möchte mein Kommando behalten.“
„Einverstanden. Betty?“
Die junge Frau schien wie aus einem Traum zu erwachen. Sie schreckte hoch, sah zu Jack, dann zum Alten, mit dem sie schon eine lange Zeit gedient hatte, dann zu Danton. Gehetzt tauschte sie einen Blick mit Vascot. „Sir, ich war immer gerne ein Husar. Ich bin auch gerne ein Chevalier, aber... Ich bitte um Erlaubnis Sergant Ryan-Jones begleiten zu dürfen.“
„Erteilt. Danielle?“
„Ich habe mich schon sehr lange entschieden. Aber ich weiß es zu schätzen, dass du mir noch einmal die Wahl lässt, Harry. Ich begleite Jack. Ich habe es ihm versprochen.“ Und das klang nicht so, als würde sie auf eine Erlaubnis warten.
„Genehmigt. Sie können zwar beide Ihre Battlemaster nicht mitnehmen, auch nicht als Dauerleihgabe, aber der Graf lässt Sie nicht entrechtet auf das Universum los. Wir bieten euch zwei unserer Reservemaschinen an, den Phoenix Hawk PHX-3K und den Phoenix Hawk PHX-3D. Beide sind auf dem neuesten Stand, den Wizard erreichen kann, und damit sind sie auch doppelt so schweren Peripherie-Modellen überlegen. Nehmt es, oder lasst es."
Wieder tauschten die beiden Frauen einen kurzen Blick, sahen zu Jack und nickten dann schließlich. "Mit Dank, Harry", sagte Sergeant Vascot.
"Gut. Lasst mich das Ganze mal auf die offizielle Ebene stellen. Jack, Danielle, Bettina, für Sie drei wird es immer einen Platz in den Chevaliers geben, solange diese Einheit existiert. Ihr Wegfall zwei Tage vor dem Aufbruch bringt uns in echten Notstand, und unser Stab wird Amok laufen, aber ich und der Graf haben diesmal in Ihrem Sinne entschieden. Der Graf war es auch, der Major Fokker betrunken gequatscht hat, damit sie den Ausgang unseres Gesprächs akzeptiert.
Sollten Sie, sagen wir, innerhalb eines Jahres nicht zurückkehren, Danielle, Betty, erwarten die Chevaliers ihre Maschinen zurück, oder aber einen gleichwertigen Ersatz beziehungsweise Kompensation. Haben Sie das verstanden?“
Beide Frauen nickten, überrascht, erfreut.
„Dann war es das von meiner Seite. Sie packen sofort. Sie bekommen kein Tech-Personal mit, keine Unterstützungstruppen. Sie müssen da alleine durch.“
Jack nickte. „Die Mechs sind uns schon eine große Hilfe.“
„Das war es aber noch nicht für mich.“ Dantons Miene verzog sich zu einem Lächeln. „An Bord der DREAMCATCHER wird Sie ein kleines Team erwarten. Techs, Infanterie, zwei entrechtete MechKrieger, drei mit mittelschweren Maschinen. Ehemalige Waräger, die unbedingt von diesem Planeten runter wollten und die sich zwar gegen eine Assimilation durch die Chevaliers gesträubt, aber nichts gegen eine gut bezahlte Mission in die Peripherie haben.“
Jack starrte den Grafen an wie einen Geist. Das bedeutete eine ordentliche Investition. Nicht nur das. Danton hatte das alles hinter seinen Rücken organisiert und mit der DREAMCATCHER koordiniert. Jack fühlte, wie ihm die Knie weich wurden. Wie lange wusste Danton Bescheid? Viel zu lange. Ohne sein Wohlwollen, begriff er, hätte er nun genauso gut verhaftet oder gar tot sein. Beides wäre legitim gewesen.
„Bringen wir die Sache auf den Punkt“, sagte Copeland mit lauter Stimme. „Hätten Sie fünf auch nur einen Moment, an einem Punkt der Planung ernsthaft Gewalt gegen einen Chevalier oder eine andere, unbeteiligte Person in Kauf genommen, oder sogar den Tod geplant oder in Kauf genommen, würde dies hier Ihr Kriegsgericht sein. Das haben Sie aber nicht. Darüber hinaus haben Sie alle große Verdienste um die Chevaliers errungen, die beachtet werden müssen. Verstehen Sie mich nicht falsch: Alles, was hier gesprochen wurde, alles, was der Einheitsgeheimdienst über Sie zusammengetragen hat, bleibt in diesem Raum und wird nicht ausgesprochen. Von Ihnen nicht, von uns nicht.“ Bei „uns“ sah er Steinberger und Stonefield explizit an. „Offiziell haben Sie den Antrag auf unbezahlten Urlaub gestellt. Und dabei bleiben wir auch.“
„Ja, Sir“, murmelten Jack, Vascot und Rush.
„Gut. Dann hauen Sie ab und bereiten Sie sofort Ihren Abflug vor. Jesse, Robert, ab in Ihre Verfügungen. Robert, Sie kriegen zwei neue Rekruten für Ihre Lanze. Sie werden sie on the fly einarbeiten müssen.“
„Ja, Sir. Kriege ich hin.“
Die fünf Krieger, drei Urlauber und zwei Männer, die nun endgültig bei den Chevaliers angekommen waren, erhoben sich, ließen den Rest ihrer Getränke zurück und verließen nach einem Salut den Raum. Jack salutierte direkt in Dantons Richtung. Der Graf erwiderte mit einem unmilitärischen Nicken. Jack begriff, welches Glück er damit erfahren hatte, ausgerechnet an Germaine Danton geraten zu sein. „Ich werde Sie nicht enttäuschen, mein Lord.“
„Das weiß ich, Jack.“
Er wandte sich ab und verließ das Büro, nicht aber, ohne aus dem Augenwinkel zu sehen, dass Hellingsdottir im Bund ihrer Hose auf dem Rücken einen Nadler trug. Ob er entsichert war, konnte Jack nicht erkennen, aber es sprach eine deutliche Sprache. Nämlich, dass er verdammt viel Vertrauen bekommen hatte, aber nicht zu viel.

Auf dem Gang sagte Steinberger: „Hör mal, Jack, ich...“
„Nein, es ist in Ordnung, Robert, Jesse. Betty und Dani begleiten mich, und wir können nicht nur unsere Mechs mitnehmen, der Alte hat uns auch noch eine kleine Streitmacht besorgt. Letztendlich bin ich froh, dass wir uns nicht rausschießen mussten. Das hätte ich auch nicht gemacht. Zumindest nicht gerne.“
Robert atmete auf. „Wenn du wiederkommst, wird in meiner Lanze ein Platz für dich sein, Jack.“
„Na, das hoffe ich doch schwer.“ Er gab den beiden Lyranern die Hand. „Robert. Jesse.“
Die beiden erwiderten den Händedruck von ihm mit festem Griff. Dies war der Abschied. Vielleicht für immer.
Danielle Vascot und Betty Rush gaben den Männern ebenfalls die Hand und drückten ihnen dann Küsse auf die Wangen. „Wäre schön, wenn wir auch hier Seite an Seite gekämpft hätten“, sagte Betty.
„Jeder Mensch braucht einen Platz“, erwiderte Robert. „Jesses und mein Platz ist hier. Das weiß ich jetzt.“
„Ja, das sehe ich auch so.“ Sie trennten sich mit einem letzten Blick voneinander.
„Und jetzt, Tai-sho?“, fragte Danielle, die alte draconische Anrede für den kommandierenden Offizier benutzend.
„Jetzt“, sagte Jack, „schaffen wir unseren Kram in den Lander und sehen zu, dass wir meiner Schwester zu Hilfe kommen.“
„Jawohl, Sir.“
„Hoffentlich sind die Waräger wenigstens ein klein wenig zuverlässig“, murrte Betty.
„Wir werden sehen.“ Jack nickte, aber mehr zu sich selbst. Er hatte einiges dazu gelernt. Es wurde Zeit, dies auch anzuwenden.
***
Fast zwei Tage später und nach einem sehr langen und sehr informativen Gespräch zwischen Copeland und Major Fokker, warum man eine Mechlanze nicht eine halbe Woche vor einem Einsatz auseinander reißen sollte – was ein wenig scheinheilig war, immerhin hatte sie der Aktion lange zuvor zugestimmt, wenn auch mit Bauchschmerzen – beluden die Chevaliers geschlossen ihre Landungsschiffe. Es hatte einen letzten Appell gegeben, den Danton besucht hatte, dann war der Lindwurm in Aktion getreten, und Mechs, Luft/Raumjäger, Panzer, eine Menge Material und Fahrzeuge sowie sehr viele Versorgungsgüter hatten als endloser Strom ihren Platz in den vier Union-Landern und den Seeker Platz gefunden. Etwas abseits stand Nelissens Leopard, die DEVON'S PRIDE. Matias hatte lange gezögert, nicht unbedingt wegen dem zu erwartenden Chaos und den Kämpfen, wohl aber aus Loyalität. Dann allerdings hatte er das eindeutig ruhigere Angebot angenommen, für ein halbes Jahr für die Miliz zu fliegen, was nicht nur die Kassen wieder auffüllen würde, sondern auch die Möglichkeit bot, die Mannschaft wieder zu organisieren.

Germaine Danton beobachtete den Lindwurm, nahm seinen Feldstecher, sah sich einzelne Gesichter an, die er seit Jahren kannte, sah andere, die noch nicht so lange dabei waren. Aber alle trugen sie die Uniform der Chevaliers, alle folgten sie Harry und Jara in dieser Mission bei dem Versuch, die Höllenhunde, die vielleicht in Gefahr waren, zu retten. Oder aber, um sie abzuholen. Auch die Chevaliers hatten eigentlich mal eine ruhigere Mission verdient, aber Germaines Magen teilte ihm durchaus geräuschvoll mit, dass das eine dümmliche Hoffnung war, nachdem jemand versucht hatte, die Höllenhunde auf die Liste der vogelfreien Einheiten zu setzen.
Seine Verlobte Miko legte ihm eine Hand auf die Schulter. Auch sie ließ eine Menge Freunde und Bekannte gehen, aber Dienst war eben Dienst. „Es wird alles gut ausgehen“, sagte sie.
„Danke, dass du für mich lügst“, sagte Danton und tätschelte ihre Hand mit der Linken. Mit der Rechten hielt er das Fernglas und sah dabei zu, wie Jara Fokker an Bord der ROSEMARIE ging. Er wünschte sich, nicht sein Magen, sondern Miko würde Recht behalten.
Germaine beobachtete die Lander, bis sie sich einer nach dem anderen erhoben, um die Weite des Weltraums für sich zu erobern, bereit, sich der nächsten Mission zu stellen, welche das Schicksal für Dantons Chevaliers bereit gestellt hatte. Wie immer ohne Briefing.

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Ace Kaiser,
Angry Eagles

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Wayside V, Dantonville
Decius-Cecilius-Metellus-Kaserne, Block T7: Mechhangar der 2. Kompanie
14. April 3067, 12:30 Uhr

Hoch über dem Boden des Mechhangars hockte Jara Fokker, Eignerin eines Söldnerregiments, Adlige des Kombinats und Halterin diverser weiterer Titel und Positionen in ölverschmiertem Overall schwitzend und dreckig auf der Raketenlafette ihres Waldwolfs und hieb mit ihren Fäusten, die in abgenutzten Arbeitshandschuhen steckten, wieder und wieder gegen den Lademechanismus.
„Warum funktionierst du nicht?“, schrie sie den Kampfgiganten an, der ihren Frust stumm ertrug. „War doch sonst alles in Ordnung!“
Der junge AsTech, der auf einer Wartungsplattform nur wenige Schritte entfernt stand, betrachtete skeptisch die Daten auf dem Bildschirm seines Analysewerkzeugs, das über ein dünnes Kabel an die internen Sensoren des OmniMechs angeschlossen war. „Ich verstehe das nicht“, gab er zu. „Eigentlich dürfte es keine Probleme geben. Die Sensoren melden volle Beweglichkeit in der gesamte Lademechanik. Vielleicht ist der Sensor defekt. Oder es ist der Aufnehmer. Oder der Verteiler. Oder…“ Er brach ab, runzelte die Stirn und blickte zu der Mechkriegerin hinüber. „Nichts, was wir jetzt tun können, Ma’am. Ich muss das Stück für Stück austauschen und schauen, ob was passiert. Das wird ein wenig Zeit dauern.“
„Ein wenig Zeit?“, echote Jara. „Wir schiffen morgen Nachmittag ein. Ich würde gerne mit intakten Waffensystemen in den Einsatz gehen. Das muss heute noch fertig werden.“
Der AsTech zuckte mit den Schultern: „Ich schaue, was ich tun kann. Der Rest der Maschine ist ja in einem tadellosen Zustand. Aber die Umbauten an der Lafette brauchen Zeit. Ich will nichts versprechen.“
Die Söldnerin seufzte: „Kann ich hier noch irgendwas tun?“
„Nein, Ma’am. Für den Rest muss ich mir jemanden suchen, der in Vollzeit an Mechs schraubt.“
„Dann kümmere ich mich um den Rest der Kompanie. Danke für Ihre Mühe.“
„Gern geschehen“, antwortete der AsTech und sah der jungen blonden Frau danach dabei zu, wie sie sich geschickt und flink an ihrem Waldwolf nach unten hangelte und sich schließlich die letzten zwei Meter einfach zu Boden fallen ließ, wo sie sehr elegant den Sturz abfederte und sich, nachdem sie die Handschuhe ausgezogen und in einem Wartungsfach im Fuß des ClanMechs verstaut hatte, in Richtung Hangartor aufmachte.
Sie kam nicht weit.
Corporal Laage, ihre Adjutantin, fing die junge Chefin der Chevaliers ab. „Major Fokker, Sie haben Besuch.“
„So?“, fragte die Söldnerin skeptisch. „Kann der Besuch warten?“
„Es ist Corbin May, Ma’am, der Journalist.“ Laage brachte es fertig, diesen Satz auszusprechen, ohne sich anmerken zu lassen, ob sie die typische Geringschätzung gegenüber Zivilisten, noch dazu von der Presse, teilte. „Er hat mir sehr ausführlich und nachdrücklich geschildert, wie dringend es sei.“
Jara seufzte. „Na dann. Wo ist er jetzt?“
„Er wartet vor dem Hangar.“
Jara sah an sich hinunter, warf einen Blick auf ihren nicht besonders präsentablen Overall, wurde sich ihrer unordentlichen Haare, des Drecks in ihrem Gesicht und an ihren Händen bewusst und zuckte dann mit den Schultern. Nicht zu ändern.
„Dann will ich ihn mal nicht länger warten lassen. Danke, Corporal.“
„Ma’am.“ Laage salutierte und machte sich auf den Weg zurück zu ihrem Büro und ihrer Arbeit. Auch der Stab der Einheit hatte, so kurz vor dem Abmarsch, mehr als genug zu tun, um die Kaserne geordnet zurückzulassen.
Jara wollte sich den gröbsten Dreck am Overall abwischen, besann sich dann aber eines Besseren, während kurz ein hinterhältiges Grinsen über ihr Gesicht huschte. So wie sie war trat sie aus dem kühlen Kunstlicht des Hangars in die gleißende Mittagssonne, blinzelte ein paar Mal, bis ihre Augen sich an die andere Helligkeit gewöhnt hatten und hielt dann zielstrebig auf die drei Zivilisten zu, die zweifellos May samt Gefolge sein mussten. Der Reporter selbst trug sein Hemd lässig mit geöffnetem oberen Knopf, der Mann, der ihn begleitete trug eine lange Teleskopstange mit einem Mikrofon und die Frau daneben eine Kamera auf der Schulter.
Jara setzte ihr gewinnendstes Lächeln auf. „Corbin May, nehme ich an?“
„Das stimmt.“
„Major Jara Fokker“, lächelte sie und streckte ihm die ölverschmierte rechte Hand hin.
Der Journalist überspielte seinen Widerwillen augenblicklich, aber nicht schnell genug, um Jara die Genugtuung zu nehmen. Sie wusste, sie hatte den ersten Punkt gemacht, als er ihre Hand ergriff und schüttelte. Sie verzichtete darauf, übermäßig viel Kraft in ihren Händedruck zu geben, aber auch so empfand sie den Handschlag von seiner Seite aus als kraftlos. Zivilisten.
„Freut mich, Sie kennenzulernen, Miss Fokker“, sagte May. „Darf ich Ihnen meinen Tontechniker, Takashi Abe, und meine Kamerafrau, Ivana Sanders, vorstellen?“
Die Söldnerin nickte den beiden höflich zu, verzichtete aber auf einen Handschlag, da sie Mays Lakaien nicht zumuten wollte, ihre schwere Ausrüstung extra dafür ablegen zu müssen.
„Sie nehmen bereits auf, Mister May?“
„Nennen Sie mich bitte Corbin. Und ja, wir filmen alles. Aber keine Angst, wir schneiden nur die guten Szenen zusammen. Sie werden im hellsten und besten Licht erstrahlen.“
Jara, die eigentlich gar keine Lust hatte, mit dem Reporter auf die Vornamenebene zu wechseln, unterdrückte einen missmutigen Gesichtsausdruck. May hatte sich schnell gefangen und war offenbar nicht bereit, sie das Gespräch komplett dominieren zu lassen. Gut, damit hätte sie rechnen können, immerhin war der Umgang mit Menschen sein Fachgebiet. „Dann hoffe ich“, sagte sie grinsend, „dass ihr Licht meine derzeitige Aufmachung überstrahlen kann. Hätte ich gewusst, dass Sie kommen, Corbin, hätte ich mich vorher hübsch gemacht.“ Sie ließ ganz bewusst offen, ob er sie nun mit Vornamen anreden durfte oder nicht.
„Nun, ich habe vorgestern eine Nachricht geschickt“, sagte er lächelnd und mit gespieltem Tadel in der Stimme, der echten Ärger kaschierte. „Aber wir wollen ja sowieso ein umfassendes und vielseitiges Bild der berühmten und berüchtigten Jara Fokker einfangen.“
„Dann ist es vermutlich nicht so schlimm, dass ich die Ankündigung bisher übersehen habe. Ich bitte um Entschuldigung, wir haben gerade viel zu tun“, entgegnete sie mit einer vagen Geste, die grob das Kasernengelände einschloss und auf die überall unermüdlich laufenden Arbeiten verweisen sollte. Tatsächlich hatte sie ihren Posteingang in den letzten Tagen geradezu sträflich vernachlässigt und war von Mays Ankunft ehrlich überrascht. Sie würde allerdings mit ihrem Vorzimmer darüber reden müssen, welche Nachrichten mit Priorität versehen werden sollten.
„Wie dem auch sei“, fuhr sie fort, „nun sind Sie ja hier, Corbin. Wollen Sie mir erzählen, was Sie vorhaben?“
Der Reporter nickte, höflich lächelnd. „Gerne. Mein Plan ist es, Sie nach Möglichkeit auf Schritt und Tritt zu begleiten. Ich will einen Eindruck davon bekommen, wie Sie wirklich sind. Ich will aber auch so viel Rohmaterial wie möglich. Das meiste können wir hoffentlich so filmen, wie es sich ergibt, aber ein paar Dinge werden wir inszenieren müssen. Ein paar… besonders kritische Momente, eine Handvoll Interviews. Dann natürlich auch Interviews mit anderen Mitgliedern der Einheit aller Ebenen und Bereiche. Ich werde so tief wie möglich und so vielseitig wie möglich buddeln. Daraus picken wir uns dann die Rosinen heraus und erstellen Clips verschiedener Länge, um möglichst viele Sehgewohnheiten ansprechen zu können, möglichst viele kulturellen Gruppen… die Verteilung unserer Beiträge ist eine Wissenschaft für sich, mit der Sie sich aber wirklich nicht belasten müssen.“
Jara, die aufmerksam zugehört hatte, glaubte, den zentralen Punkt verstanden zu haben: „Sie wühlen sich quasi durch mein ganzes, auch intimes Leben?“
„Wir versuchen hier einen unglaublichen Spagat“, erklärte May ausweichend. „Wir wollen gleichzeitig die kompetente, zähe und erfolgreiche Kommandeurin zeigen, die coole und taffe Söldnerin, aber auch die vornehme und anmutige Adlige, die einfühlsame, freundliche, schöne Frau und noch ein paar Facetten mehr. Wir werden keine Intimitäten ausstrahlen lassen, aber je näher ich an Ihnen dran sein kann, desto besser werden die Ergebnisse.“
„Ich bin ganz zuversichtlich, dass ich Ihnen den Teil mit der Kommandeurin und der Söldnerin liefern kann“, sagte sie trocken. „Bei den anderen Punkten… naja, ich mache ungern Versprechungen, die ich nicht halten kann. Aber ganz zwangsläufig arbeite ich an meinem politischen Eindruck. Ich bin gespannt, ob Sie so gut sind, wie man sich erzählt. Wenn ja, dann sollten wir keine Probleme bekommen.“
„Also haben wir einen Deal?“
‚Ich kämpfe dort, wo ich hingestellt werde‘, dachte Jara. Laut sagte sie: „Das Schicksal hat unsere Pfade hier zusammengeführt. Machen wir das Beste draus.“
„Wunderbar, dann fangen wir gleich an mit…“
Weiter kam er nicht: „Eins noch, Corbin. Bevor ich es vergesse. Wenn Sie mir mit Ihrer Arbeit im Weg sind, dann haben wir ein Problem. Ich bin in erster Linie Soldatin und erst danach ihr Modell. Und wenn Sie zu weit in mein Privatleben eindringen, dann schnalle ich Sie höchstpersönlich auf die LSR-Werfer meines Waldwolfes und jage Sie in die Umlaufbahn. Ist das klar und deutlich angekommen?“
Man musste Corbin May zugutehalten, dass er bei dieser Drohung nicht einmal das Gesicht verzog. Er hatte im Verlaufe seiner Karriere sicher schon die eine oder andere Drohung gehört. „Selbstverständlich. Vielleicht gehen wir es besser anders herum an: Was werden Sie jetzt tun?“
„Ich habe etwas Zeit, um mein persönliches Marschgepäck zu packen. Uniformen, Unterlagen, Handfeuerwaffen… was man halt als Offizier im Einsatz so unbedingt braucht. Vermutlich auch ein paar repräsentative zivile Kleidungsstücke. Ich werde also in mein Quartier gehen und meinen Besitz in einen Seesack räumen. Sie können dabei gerne filmen, aber wehe, Sie oder Ihr Team filmen meine Unterwäsche.“ Ihr Zwinkern nahm dem letzten Satz nur einen Teil seiner Schärfe.
Noch ehe May antworten konnte, bog Captain Marcus van der Roose um die Ecke des Mechhangars, deutete einen Salut vor Jara an und warf einen skeptischen Blick auf die drei Filmmenschen. „Jara, hast du Zeit?“
„Nicht so richtig. Ist es wichtig?“
„Sie ist jetzt bereit, dich zu sehen.“
Jara schluckte und ihr wurde gleichzeitig heiß und kalt, während sie sich bemühen musste, nicht zu viele ihrer Emotionen auf ihrem Gesicht zu zeigen. „Ich bin auf dem Weg.“
Als sie losgehen wollte, merkte sie, wie das Kamerateam ihr folgen wollte. Unwirsch fuhr sie herum, starrte May und seine Crew mit einem unmissverständlich drohenden Blick an und knurrte: „Planänderung. Sie bleiben hier. Ich lasse Sie rufen, wenn ich zurück bin.“
Der Reporter wollte etwas sagen, aber der eben aufgetauchte Infanterie-Offizier schnitt ihm das Wort ab: „Ich nehme an, Sie sind Corbin May. Wenn das stimmt, traue ich Ihnen genug Intelligenz zu, um zu wissen, dass Sie jetzt besser nicht hinterherlaufen.“ Er atmete kurz durch und auf seinem Gesicht erschien ein freundliches und ehrliches Lächeln. „Da meine Einheit mit dem Verladen schon beinahe fertig ist, könnte ich Sie etwas auf unserem heiligen Grund herumführen. Als eine kleine Entschädigung, sozusagen?“
May, der sein eigentliches Ziel in dem kurzen Moment sowieso schon aus den Augen verloren hatte, nickte geschlagen. Er würde schon rausfinden, wie diese Jara Fokker tickte und er würde sein Material bekommen. Immerhin hatte er einem Grafen versprochen, Resultate zu bringen.

***

Wayside V, Dantonville
Wohngebiet „Mäuseheim“
14. April 3067, 15:00 Uhr

Frisch geduscht und in sauberer Felduniform blickte Jara aus dem Fenster der neugebauten, hochmodernen Wohnanlage. Ihr Blick streifte die Baukräne, die halfen, das Wohngebiet der aktiven und ehemaligen Einheitsmitglieder hochzuziehen. Innerhalb kürzester Zeit waren hier Häuser aus dem Nichts entstanden, Geschäfte, Praxen, eine Schule, eine Polizeistation und all die anderen Einrichtungen, die eine Stadt nun einmal benötigte.
Die Straßen waren längst fertig, erstes Grün entfaltete sich an ihren Rändern, mühsam dem kargen Fels-, Sand- und Steinboden abgerungen. Noch vor drei Wochen hatten die meisten Gebäude nicht einmal Fenster gehabt, jetzt zog erstes Leben in die neue Heimat der Chevaliers, füllten sich die Fenster mit Gardinen, Vorhängen, Dekoration, Blumentöpfen.
Im Hintergrund konnte sie den Grafenpalast erkennen und ringsum die gewaltige Baustelle von „Jerry Beach“, dem zukünftigen Naherholungsgebiet mit Jahrmarkt, Strandpromenade und vor allem viel feinem Sand. Noch allerdings war an Baden nicht zu denken. Das Meer war nur eine Ahnung am Horizont, der Meeresspiegel noch lange nicht weit genug erhöht, um an den Sandstrand zu reichen. Noch war das Baden streng verboten, die Wassermenge nicht groß genug, um der Belastung durch eine touristische Nutzung standzuhalten. Die Arbeiten in Dantonville gingen unfassbar schnell voran, aber zaubern konnten selbst die findigen Ingenieure des Planeten nicht.
Jara seufzte leise. Vielleicht würde diese Stadt, diese Region einmal ein Juwel sein, vielleicht würde dieses Juwel einst ihr gehören, aber jetzt, in diesem Moment, konnte nichts darüber hinwegtäuschen, dass Dantonville vor allem eine Baustelle war. Eine ambitionierte, gut getaktete und emsige Baustelle, zugegeben, aber dennoch eine Baustelle. Vieles halbfertig, vieles karg und öde. Wir würde es hier aussehen, wenn sie zurückkamen? Wie viele Chevaliers würden dann hier schon ihre eigene Wohnung beziehen können? Eine Familie gründen können?
Das leise Klingelgeräusch des ankommenden Aufzugs riss sie aus ihren Gedanken. Mit gemischten Gefühlen wandte sie sich vom Fenster ab und blickte den Flur entlang, an dessen Ende die Türen des Fahrstuhls leise aufglitten.
„Jaja!“, rief es ihr mit piepsiger Kinderstimme entgegen. ‚Jaja‘, das war Susans kleinkindliche Version von ‚Jara‘, besser klappte es noch nicht. Kaum, dass sie das gerufen hatte, riss sie sich von der Hand ihrer Mutter los und lief, etwas unbeholfen, aber sehr zielstrebig, schnurstracks auf Jara zu.
Diese setzte für ihr Patenkind ein Lächeln auf, ließ ihre Augen aber mit ernstem Blick zu Dawn schauen, die sich bemühte, den Kinderwagen aus dem Aufzug zu schieben und im Rollstuhl zu folgen, ehe die Türen sich wieder schlossen.
Jara beugte sich herab, hob Susan auf und beeilte sich, mit dem Kind auf dem Arm, ihrer Freundin zu Hilfe zu eilen. Diese schüttelte allerdings nur mit dem Kopf und deutete in Richtung Wohnungstür. Sie wollte die Hilfe nicht, wollte alleine zurechtkommen. Jara glaubte zu verstehen.
„Hallo Susan“, begrüßte sie also stattdessen ihr Patenkind, das über das ganze Gesicht strahlte.
„Jaja!“, quiekte es als Antwort.
Die Söldnerin und das Kleinkind alberten etwas herum, während Dawn das Appartement aufschloss und Jara dann doch, wortlos, den Kinderwagen in die Hand drückte, ehe sie vorweg in die eigene Wohnung rollte. Jara folgte ihr, sich neugierig umschauend.
Sie betrat einen kleinen Vorflur, folgte Dawns knapper Anweisung, den Kinderwagen rechterhand abzustellen und die Schuhe ruhig anzulassen, und fand sich einige Schritte weiter in einem geräumigen, hellen Wohnbereich wieder. Bodentiefe Fenster boten ein Panorama über die entstehende Stadt mit Blick in Richtung Söldnerkaserne und Raumhafen und freier Sicht auf alle entstehenden Stadtviertel. Vermutlich würde diese Aussicht bald zugebaut sein, zumal es in Richtung Raumhafen zum Kraterrand hinauf ging, aber derzeit war den Anblick atemberaubend.
Das Zimmer selbst war unterteilt in einen gut geplanten, praktischen Kochbereich, eine Essgruppe, sowie den gemütlicheren Aufenthaltsbereich, der den größten Teil des Raumes einnahm. Hier lag überall Kinderspielzeug herum und trotz der scheinbaren Unordnung entging Jara nicht, dass überall Schneisen freigeblieben waren, durch die Dawn sich bequem mit dem Rollstuhl bewegen konnte.
Jara alberte noch ein wenig mit ihrem Patenkind herum, bemüht, Susan nichts von der verkrampften und angespannten Stimmung spüren zu lassen, die sich zwischen den beiden erwachsenen Frauen breitgemacht hatte. Es dauerte nicht lange, da klopfte es, Marcus trat ein und nahm seine Tochter auf einen Spaziergang mit.
Zurück blieben eine zutiefst verunsicherte Jara und eine fast abweisende Dawn.
Schließlich brach Jara nach langen Momenten der drückenden Stille das Schweigen: „Ich weiß nicht…“
Weiter kam sie nicht, denn ein raues „Stopp!“ schnitt ihr das Wort ab.
Dawn rollte an den niedrigen Couchtisch und sagte nichts dazu, als Jara sich auf das Sofa setzte.
„Ich weiß nicht, was du sagen wolltest“, begann sie schließlich mit brüchiger Stimme. „Aber es spielt auch keine Rolle, denn ich glaube nicht, dass du irgendetwas sagen kannst, was die Situation besser macht.“
Jara beobachtete Dawns Körperhaltung, ihr Gesicht, lauschte den unterschwelligen Emotionen, die in ihren Worten mitschwangen. Ihrer Freundin fiel dieses Gespräch nicht leicht, Himmel, es musste für sie eine reine Qual sein. Und wer konnte es ihr verdenken?
Die Schlacht auf Caliban, die sie beide so viel gekostet hatte, war noch kein halbes Jahr her und Dawn war gesundheitlich einen weiten Weg gekommen. Sie hatte überlebt, konnte wieder sprechen, alleine essen und trinken und gewann mit jedem Tag ihre Kraft zurück. Aber sie würde nie wieder ohne Rollstuhl auskommen, sie würde nie mit ihrer Tochter toben können. Ja, sie würde überleben, aber sie hatte dennoch ihr Leben für die Chevaliers geopfert.
„Ich habe mir in den letzten Wochen und Monaten die Kampflogs angesehen“, begann Dawn schließlich leise, fast flüsternd. „Wieder und wieder und wieder. Ich wollte den Fehler finden. Ich wollte wissen, wo du Scheiße gebaut hast, wo du hättest anders handeln können, anders handeln müssen. Ich habe das Gefecht durchgespielt, mit anderen Entscheidungen, anderen Parametern und weißt du, was ich rausgefunden habe?“
Sie hob die Hand, um deutlich zu machen, dass sie keine Antwort hören wollte.
„Nichts!“, schrie sie jetzt fast, ihre Stimme kurz davor, sich zu überschlagen. „Es ist nichts da. Kein Fehler, kein falsches Zögern, keine Option. Es mussten Chevaliers sterben und ich habe keine Möglichkeit gefunden, mehr von uns zu retten.“ Ihre Stimme brach und sank wieder auf ein krächzendes Flüstern herab: „Da war nichts, gar nichts.“ Sie zögerte und schließlich: „Du hast einfach keinen verdammten Fehler gemacht.“
Jara verkniff sich, eine Antwort zu geben. Was hätte sie auch sagen sollen? Dass sie genau das Gleiche getan hatte, mit genau der gleichen Absicht? Wieder und wieder und wieder.
„Ich will dich hassen“, gab Dawn zu und Tränen traten ihr in die Augen. Schwer zu sagen, ob es Tränen der Trauer, der Wut oder der Verzweiflung waren. „Und ich will dich nicht hassen. Ich weiß nicht, wie ich fühlen soll. Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll, wie ich mit dir umgehen soll. Du hast keinen Fehler gemacht. Du hast nichts falsch gemacht. Und trotzdem sitze ich hier und freu mich wie ein Kind vor Weihnachten, weil ich wieder alleine scheißen kann und mir niemand mehr den Arsch abwischen muss. Ich bin ein verdammter Krüppel. Und das ist nicht gerecht. Es hätte nicht mich treffen sollen, es hätte…“
Sie brach ab, schüttelte stumm den Kopf, während ihr die Tränen über die Wangen liefen.
Jara kämpften den Impuls nieder, die junge Frau, die sie immer noch als eine Freundin betrachtete, in den Arm zu nehmen. Vermutlich hätte das alles auch nur noch schlimmer gemacht. Also entschied sie sich, zu reden: „Es hätte mich treffen sollen, nicht wahr?“
Dawn antwortete nicht, aber der Blick, den Jara auffing, sagte ihr, dass sie ins Schwarze getroffen hatte. „Es hätte mich treffen sollen“, fuhr sie fort, „weil es meine Entscheidung, meine Verantwortung, mein Befehl war. Und damit hast du Recht. Das ist nicht gerecht. Dieser verdammte Krieg, dieses beschissene Töten und Zerstören, war noch nie gerecht. Es war nicht gerecht, als es uns unsere Eltern genommen hat, als es dich zu den Piraten gebracht hat oder als unsere Freunde und Kameraden irgendwo in dieser beschissenen Galaxie verreckt sind. Unser Beruf ist zum Kotzen und trotzdem sind wir beide immer wieder ins Cockpit geklettert. Weil wir glauben, das Richtige zu tun. Wenn ich könnte, würde ich mit dir tauschen, wenn ich könnte, würde ich zurückgehen und alles anders machen. Ich weiß nicht wie oder was, aber ich würde es tun. Aber es geht nicht und jetzt bin ich die Chefin der Chevaliers und du sitzt im Rollstuhl und das ist scheiße und ungerecht. Und ich habe beides nicht gewollt.“
Sie brach ab, wusste nicht, was sie noch hätte sagen sollen. Jedes Wort klang so billig, so platt. Sie hatte ja auch gut reden, sie war bisher immer gestärkt aus allem rausgekommen, war immer nur aufgestiegen. All die Tiefschläge hatte das Leben immer nur für andere bereitgehalten. Für solche wie Dawn, die immer und immer wieder einstecken mussten.
„Ich hätte sterben sollen“, flüsterte Dawn schließlich.
„Was?“
Beim zweiten Mal sprach sie lauter, deutlicher, mit fester Stimme: „Ich hätte sterben sollen.“
„Das ist Bullshit“, blaffte Jara sie an. Wut und Frustration und Hilflosigkeit brachen sich Bahn. „Das ist Bullshit und du weißt es. Und das ist das egoistischste, was ich bisher je von dir gehört habe.“
Sie holte tief Luft, um wenigstens die Verachtung aus ihrer Stimme rauszuhalten, die sich zu fühlen begann. „Du hast eine Tochter, die dich braucht und der es völlig egal ist, ob du im Rollstuhl sitzt oder nicht. Und wenn du dich schon für dich selber nicht zusammenreißen kannst, dann tu es um Himmels Willen für Susan! Mich kannst du von mir aus hassen. Von mir aus hasse auch den Krieg, irgendwelche Götter und wen auch immer. Aber nicht dich selbst. Du bist besser als das.“
Germaine Danton hätte so einen Apell mit ruhiger, fürsorglicher Stimme vorgebracht, so viel war ihr klar. Aber Jara war nicht Germaine und auch wenn sie, vielleicht zum ersten Mal, die Rolle als ‚Alte‘ übernahm und einem Chevalier den Kopf wusch, so kam sie nicht aus ihrer Haut raus. Sie hatte gelernt, Schwäche und Mutlosigkeit zu verabscheuen und auch wenn sie bisher Dawn gegenüber extrem vorsichtig gewesen war, nun war ihr Geduldsfaden gerissen.
„Du bist doch nicht durch diese ganze Scheiße gegangen“, fuhr sie fort und starrte die rothaarige Frau aus zusammengekniffenen Augen an, „um jetzt die Flinte ins Korn zu werfen. Bist du nicht die Dawn Ferrow, die sich an den eigenen Haaren aus jeder noch so tiefen Scheiße gezogen hat? Du bist immer noch wichtig, du bist immer noch stärker als irgendein Mist, der sich nicht mehr ändern lässt. Also reiß dich gefälligst zusammen!“
Jara atmete hörbar aus. Das hatte rausgemusst und wenn sie Dawns Gesichtsausdruck richtig deutete, dann hatte sie das auch hören müssen. Da war… Wut. Trotz. Aber eben auch dieses Funkeln, dieser Kampfeswille, den Jara seit Caliban dort vermisst hatte. Dieses ‚Jetzt erstrecht und sowieso‘, das ‚Ihr könnt mich alle mal‘, das geheime Zeichen wahrer Kämpfer.
Dawn sagte nichts, Schweigen breitete sich zwischen den beiden jungen Frauen aus.
Jara stand schließlich auf: „Wenn du jemanden verachten musst, dann verachte mich. Aber wenn ich zurück bin, dann erwarte ich, dass du auf deinem Posten bist und Germaine mir nur das Beste über deine Arbeit in seinem Stab erzählt und dass ich von Marcus und Susan nur das Beste über deine Arbeit als Mutter höre. Nicht mehr… aber auch nicht weniger.“
Mit diesen Worten, und ohne auf eine Antwort zu warten, ging sie und machte sich auf den Weg zurück zur Kaserne. Sie wusste nicht, ob sie gerade die letzte Brücke zwischen Dawn und sich abgerissen hatte oder ob ihr der bitter benötigte Neustart gelungen war. Aber sie war sich sicher, dass die junge Mutter ihren Job machen würde, mit dem ihr eigenen Ehrgeiz. Das musste reichen.

__________________
Ama-e-ur-e
is-o-uv-Tycom‘Tyco
is-o-tures-Tesi is-o-tures-Oro
is-u-tures-Vo-e-e

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Verdachtsmomente I

Mai 3067, Bjarred, Präfektur Bjarred, Militärdistrikt Pesht, Draconis Kombinat

Ein weiteres Mal erinnerte sich Harrison (oder Harry) Copeland alias Copycat, Colonel und damit Oberkommandierender der Danton Chevaliers, an die Lektionen von Geduld und Diplomatie. Es waren Lehren, die er in den letzten Tagen zur Genüge hatte verinnerlichen dürfen. An seiner Seite regte sich Major Jara Fokker alias Sparrow. Sie hatte die selben Lektionen lernen müssen, und es war ihr anzumerken, dass ihr dies nicht leicht gefallen war.
Die Reise zur Unterstützung der Höllenhunde war von Anfang an kein leichtes Unterfangen gewesen. Wayside, ihre neue Heimat, lag mindestens zwei Sprünge vom nächsten "zivilisierten" System, Tarnby, entfernt - und selbst das war eine Welt am äußersten Rand des Kombinats. Allen Bemühungen der neuen Herren des Planeten zum Trotz war die Transportverbindung zwar konstant, aber die Zahl der verkehrenden Sprungschiffe doch arg begrenzt, und ihre Transportplätze zumeist auf lange Zeit ausgebucht. Es war kein Kinderspiel, in relativ kurzer Zeit zusätzliche Sprungschiffkapazitäten für ein komplettes gemischtes Regiment, verteilt auf ein gutes halbes Dutzend Landungsschiffe, zu mobilisieren. Das hatte die Abreise bereits verzögert. Man hatte sich entschlossen, nicht alle Landungsschiffe der Einheit mitzunehmen, auch wenn das bedeutete, dass die Fracht reglementiert werden musste. Doch auch so brauchten sie neben der Boreas, einem Seeker, nicht weniger als vier Union-Landungsschiffe. Ein weiteres Union und ein Leopard würden zurückbleiben.
Auch mit dieser reduzierten Schiffszahl war die Reise nicht billig. Die Transportgebühr für die Beförderung eines einzelnen Landungsschiffes betrug zumeist um 50.000 C-Noten für je zwei Sprünge, und Mengenrabatt wurde nicht eingeräumt. Das war einer der Gründe, warum nicht jeder begeistert reagiert hatte, als ALLE Chevaliers in Marsch gesetzt wurden, anstatt etwa eine Einsatzgruppe aus zwei Mechkompanien, vier Jägern, dem Infanteriebataillon, den Panzern und Atmosphärenfliegern zusammenzustellen, die man mit Mühe und Not mit zwei der Unions und dem Seeker hätte befordern können. Da nur relativ wenige Starlord-Landungsschiffe im freien Frachtbetrieb waren - zusammen mit den noch selteneren Monolithen die einzigen, die das Regiment solo hatten befördern können - brauchten sie üblicherweise zwei Sprungschiffe mittlerer Größe.

Natürlich hätte man mit einiger Mühe zwei Sprungschiffe oder ein Starlord für die ganze Reise chartern können. In jedem Fall hätte das Chartern von Sprungschiffen aber bedeutet, dass man in jedem System - Schiffe mit Lithium-Fusionsbatterien waren fast nie für nichtstaatliche Akteure tätig - den Antrieb hätte aufladen müssen. Und Ladestationen gab es nur auf einer Handvoll der geplanten Stationen. Bei gut zwanzig Sprüngen, die ihnen bis zum Einsatzgebiet der Höllenhunde bevorstanden, und einer Ladedauer von mehreren Tagen pro Sprung, war abzusehen, wie lange die Reise im günstigsten Fall in Anspruch nehmen würde. Eine Kommandostrecke aus aufgeladenen Sprungschiffen einzurichten stand vollkommen außer Frage. Dergleichen konnten nur die Nochfolgefürsten und einige wenige Regionalherrscher organisieren, und selbst die taten das wegen der enormen Kosten nur sehr selten.

Also war ihnen lediglich geblieben, Verträge mit Kapitänen und Unternehmen auszuhandeln, die auf Abschnitten ihrer Reiseroute unterwegs waren, ihre Frachtkapazität gewissermaßen zu mieten, und sich wie beim Stafettenlauf von einem System zum anderen mitnehmen zu lassen. Manchmal musste man dazu auch einen Umweg in Kauf nehmen. Aber nur so konnte man alle zwei, drei Sprünge darauf hoffen, dass man von bereits aufgeladenen Sprungschiffen empfangen wurde und nach einem kurzen - aber stets nervenaufreibenden - Andockmanöver unverzüglich weiterreisen konnte. Die Kosten waren in jedem Fall erheblich. Es war eben etwas anderes als im normalen Einsatzbetrieb, bei dem der FREMDE Auftraggeber den Transport stellte oder bezahlte. Der Hin- und Rückweg würde Germaine Danton - oder die Chevaliers - allein an Sprunggebühren ca. fünf Millionen C-Noten kosten, vorausgesetzt der Rücktransport der Höllenhunde blieb nicht auch noch an ihnen hängen. Das riss zweifellos ein sprichwörtlich mechgroßes Loch in die Reserven des Grafen. Es gab nämlich mittelschwere Battlemechs, die weniger kosteten. Manche würden sagen, für dieses Geld hätte Germaine Danton besser eine Söldnereinheit in relativer Nähe zum Einsatzgebiet der Höllenhunde anheuern und ihren Transport bezahlen sollen. Diese Art von Rückendeckung wäre schneller zu organisieren und billiger gewesen, als ein Marschbefehl für die Chevaliers.
Und von den Transportgebühren wurde kein einziges Gehalt eines Chevaliers bezahlt, keine Unterhaltkosten für einen einzigen Mech beglichen. Die beliefen sich schon ohne Gefechtsschäden und gesteigerten Munitionsverbrauch im Einsatz auf ca. 6.000 Yen oder 5.000 C-Noten pro Jäger oder Mech im Monat. Ein Panzer oder ein Zug Infanterie waren etwas billiger im Unterhalt. Mit anderen Worten, eine Einheit wie die Chevaliers mit ihren 40 Mechs, den Jägern und Unterstützungseinheiten und der Infanterie kosteten im günstigsten Fall monatlich etwa 250-300.000 C-Noten Unterhaltskosten. Nicht zu vergessen Crew und Wartung der Landungsschiffe...
Kurz und gut, er war froh, dass man Graf Danton vertrauen konnte. Das konnte man doch, oder? Er würde ganz sicher die Chevaliers nicht auf ungedeckten Rechnungen sitzen lassen, ein nur zu bekannter Alptraum für jede Söldnereinheit, und für manche das Todesurteil, wie man hörte.
Alternativmöglichkeiten wie die Nutzung der verbliebenen Transportkapazität für die Mitnahme von ziviler Fracht und Passagieren konnten die Kosten senken, waren aber zeitaufwendig und vom Gesichtspunkt der Sicherheit nicht unproblematisch.

Zunächst war aber alles gut gegangen, und die ersten Sprünge verliefen ohne größere Probleme. Der Empfang in Tarnby war sogar recht freundlich gewesen. Hier war man an den sporadischen Kontakt mit Wayside gewöhnt, und die Vorbereitungsarbeit hatte offenbar Wirkung gezeigt. Das örtliche Bataillon des 10. Pesht samt Unterstützungstruppen war zum Teil vielleicht nicht glücklich gewesen, eine so große Einheit passieren zu lassen. Solche Bedenken waren der Grund, dass der Graf und seine kuritanischen Verbündeten sich darum bemüht hatten, gutes Wetter für die Reise zu machen. Das bedeutete Geschenke und Freundschaftsbekundigungen für jeden, der irgendwie von Bedeutung war - angefangen von denen an Tai-shu Kiyomori Minamoto, dem Oberhaupt des Pesht-Militärberzirkes, überleitend zu den Präfekturkommandanten, deren Verwaltungsbezirke sie wie hier auf Bjarred - selbst Sitz einer Präfekturverwaltung - passieren würden. Und schließlich waren da die Adelshäuser oder lokalen Kommandeure der Systeme. Vielleicht weniger wichtig, aber ihre Unterstützung konnte eine Reise erheblich beschleunigen. Ihre Zurückhaltung hingegen...

Wie gesagt, in Tarnby war alle glatt gegangen. Copycat hatte insgeheim Abbitte für seine Bedenken geleistet. Er war nämlich von Anfang an skeptisch gewesen. Als Einheitskommandeur hatte er seine Hausaufgaben gemacht und wusste, dass eine nicht offiziell angeordnete und sanktionierte Reise durch den Pesht-Militärdistrikt für eine Einheit wie die Chevaliers eine heikle Sache war. Tai-shu Minamoto, der legendäre Kommandeur des 7. Schwert des Lichtes, hatte den Posten erst vor relativ kurzer Zeit übernommen. Anders als der eine oder andere seiner Vorgänger war er ein eingefleischter, ja geradezu fanatischer Traditionalist, der seinen Standpunkt sogar im Angesicht des Koordinators zu verteidigen wusste. Er galt als loyal, aber halsstarrig, und in "seinem" Bezirk hatte er erheblichen Einfluss. Und das hieß, er schätzte Einheiten wie die Ryuken nicht sonderlich, und Söldner - vor allem ausländische Söldner die zu kuritanischen Adligen gemacht wurden und irgendwelche Peripherieplaneten regierten - konnte er schon gar nicht ausstehen. Es war zwar nicht anzunehmen, dass er sie unterschätzte. Immerhin hatte er erfolgreich in unzähligen Schlachten gekämpft. Aber er betrachtete sie als dressierte Kampfmaschinen, als nützliche Hilfstruppen, entbehrliche Kampfoptionen - nicht als ebenbürtig. Jemanden, den man benutzte, dem man aber nichts schuldete. Und dass ihn ein paar Geschenke umstimmen würden, war nicht zu erwarten.

Die Idee, Major Fokker zum Sympathieträger auszubauen mochte vielversprechend sein und konnte in der ferneren Zukunft noch Früchte tragen. Aber um im Moment Wirkung zu zeigen war es noch viel zu früh. Man konnte zudem eine Publicitykampagne nur begrenzt via HPG betreiben, schon aufgrund der Kosten. Einen einzigen kleinen Filmbeitrag an zehn Systeme zu verteilen kostet schon bei Normalgeschwindigkeit leicht bis zu 10.000 C-Noten, und damit war er noch nicht einmal ausgestrahlt, nur übermittelt. Schließlich kostete die Übermittlung von zwei Buchseiten an Information an EIN System genau eine C-Note. Vor allem aber brauchte so eine Kampagne Zeit, um Wirkung zu entfalten. Wenn der solcherart gepriesene Sympathieträger fast zeitgleich mit dem Anlaufen der Medienoffensive eintraf, war die Wirkung minimal. Man musste erst Pflöcke einschlagen, das ,Produkt' justieren, Interesse wecken....nun, er verstand davon im Grunde wenig.

Wie dem auch sei, zwei weitere Sprünge hatten sie nach Bjarred gebracht. Copycat war angesichts des reibungslosen Verlaufs der Reise auf dem ersten knappen Viertel der Strecke geneigt gewesen, einen vorsichtigen Optimismus zu kultivieren. Nicht, dass ALLES zum Besten stand, als sie hier ankamen. Immerhin waren sie zu dem Zeitpunkt einschließlich des Fluges von Wayside zu den Sprungschiffen schon einige Wochen unterwegs gewesen. Die Unions, auf denen ein Gutteil der Soldaten reiste, waren für ihre schlechte Lüftung und spartanischen Quartiere berüchtigt - die Infanteristen und Panzerfahrer hatten es mit dem Seeker wesentlich besser getroffen. Nach einem längeren Aufenthalt auf einem Planeten, selbst einem wie Wayside, maulten einige Soldaten während so einer Reise, wie konnte es auch anders sein?

Bjarred verfügte über eine Ladestation, deshalb war eigentlich kein längerer Aufenthalt im System geplant gewesen. Die Station würde es erlauben, den Antrieb der zwei gecharterten Sprungschiffe in weniger als 24 Stunden aufzuladen - normalerweise benötigte man ein mehrfaches dieser Zeit, und natürlich bestand dabei auch keine Gefahr von technischen Problemen beim Ausfahren oder Einholen des Sonnensegels, kein Risiko, das Segel könnte durch den Einschlag von irgendwelchen kleinen, schnellfliegenden Objekten beschädigt werden. Da Bjarred Hauptwelt einer Präfektur war, war außerdem geplant gewesen, hier einige Nachschubsgüter aufzunehmen, die sie in der relativen Eile des Aufbruchs und auf ihrem doch eher abgelegenen Heimatplaneten kaum in ausreichender Menge hatten beschaffen können. Immerhin konkurrierten auf Wayside mehrere Einheiten um die knappen Ressourcen und Lieferungen. Medizinische Güter, etwas Munition, Ersatzteile, solche Sachen eben...
Und schließlich warteten auf Bjarred einige mögliche Kandidaten, um freie Plätze in den Reihen der Chevaliers zu füllen. Auch dies war ein Grund für gewisse Friktionen innerhalb der Einheit. Nicht jeder - Major Fokker eingeschlossen - war glücklich damit gewesen, dass man kurz vor der Abreise mehrere Mechkrieger MIT Maschinen hatte gehen lassen. Sicher, es war noch nicht ansatzweise klar, gegen wen und ob überhaupt man am Ende der Reise würde kämpfen müssen. Aber Leute, die von der Fahne gingen, waren nie ein gutes Zeichen. Nicht zuletzt gab es da einen gewissen, natürlich VOLLKOMMEN lächerlichen und abwegigen Aberglauben, der besagte, wenn jemand eine Einheit kurz vor dem Einsatz verließ, nur zu oft entweder er selbst oder seine alte Truppe dem sicheren Untergang geweiht war. Völliger Unsinn, selbstverständlich...

Sein Optimismus hatte schon kurz nach Ankunft in Bjarred einen kräftigen Dämpfer bekommen. Nach dem, was Copycat von Graf Danton gehört hatte, hätte er zu diesem Zeitpunkt noch nicht mit wirklichen Problemen gerechnet, doch es zeigte sich schnell, dass er sich gründlich getäuscht hatte. Zum einen hatte die Anlieferung der Nachschubsgüter nicht geklappt. Ein Teil war da gewesen, tadellos. Doch bei dem übrigen Material...
Zwanzig Tonnen Munition - alles Material, das man in der Peripherie eben nicht so einfach bekam - die eigentlich bei der Ladestation auf sie warten sollten, befanden sich noch auf Bjarred. Ihr Transport zur Station würde Tage brauchen, wenn sie überhaupt eintrafen. Statt zehn bestellten Tonnen Ferrofibrit lieferte man ihnen fünf Tonnen Standartpanzerung. Die medizinischen Güter waren zunächst nicht auffindbar, und als sie schließlich nach längerer Suche in einem ganz anderen Frachtraum und unter falscher Etikettierung auftauchten, stellte sich heraus, dass ein Teil der Medikamente abgelaufen war. Solche Fehler passierten natürlich, schließlich wurden hier zu Stoßzeiten hunderte Tonnen am Tag umgeschlagen. Aber es war schon außergewöhnlich viel Pech auf einmal gewesen. Versuche, die Klärung der Probleme zu beschleunigen oder Ersatz zu beschaffen, liefen nur zu oft ins Leere. Die Arbeiter und Lademeister waren nicht einmal besonders renitent oder ablehnend, von gewissen latenten Vorbehalten gegen eine größtenteils aus Nichtkuritanern bestehende und in der Peripherie ansässige Einheit abgesehen. Aber das kannte man. Das eigentliche Problem schien weiter oben zu liegen. Anfragen wurden verschleppt, Zusagen nicht eingehalten, zuständige Offiziere und Bürokraten waren nicht erreichbar oder mit Wichtigerem beschäftigt, Arbeitscrews wurden auf einmal zu anderen Einsätzen beordert. Es hatte sie eine Menge Mühe, Nerven und die eine oder andere dezente oder weniger dezente Bestechung und "Nachverhandlungen" gekostet, um auch nur einen Bruchteil der noch fehlenden Nachschubsgüter zu beschaffen.

Damit nicht genug, hatte man ihnen in dürren Worten mitgeteilt, dass ihre potentiellen Rekruten nicht kommen konnten. Der eine Mechpilot, eine Veteranin des 1. Geisterregiments, die nach der Schlacht von Proserpina aus ihrer alten Einheit ausgeschieden war, war in Haft weil man in ihrem Gepäck im Zuge einer Routinekontrolle streng verbotene dissidentische Literatur gefunden hatte. Und der zweite Kandidat, eine rasalhagische ehemalige Kriegswaise, die sich als Söldnerbalg bis zum Mechkrieger qualifiziert hatte und Anschluss an eine neue Einheit suchte, war unter dem Vorwurf festgenommen worden, eine Kellnerin misshandelt und vergewaltigt zu haben. In beiden Fällen war an eine Freilassung und Überstellung natürlich nicht zu denken - wiewohl der Gesichtsausdruck des zuständigen Polizeioffiziers Bände darüber sprach, wie passend er solchen Abschaum für eine Einheit wie die Chevaliers erachtete.
Auch das war natürlich nichts, was so ähnlich nicht schon passiert war. Söldner neigten nicht selten zu Fehlverhalten, wenn auch nicht unbedingt in derart gravierender Form, es gab ja oft einen Grund, warum sie nicht in den regulären Streitkräften dienten. Ein misstrauischer Charakter konnte jedoch angesichts all dieser unglücklichen Zufälle auf die Idee kommen, dass hier irgend jemand aktiv das Fortkommen der Chevaliers zu behindern trachtete, ob nun aus konkretem Anlass oder weil er sie einfach nicht ausstehen konnte.

Die Krönung des Ganzen jedoch war gewesen, dass man den von den Chevaliers gecharterten Schiffen die Nutzung der Ladestation verweigert hatte. Zunächst hatte es geheißen, es müsse eine Routine-Überprüfung durchgeführt werden. Das Warten hatte sie einen Tag gekostet. Und dann hatten sie erfahren, dass andere Schiffe vorrangig abgefertigt werden sollten - obwohl sie erst nach den Chevaliers eingetroffen waren oder gar erst erwartet wurden. Da die Lademenge einer Station mittlerer Größe wie dieser begrenzt war, war abzusehen, dass ihnen noch eine längere Wartezeit bevorstand. Um ihre Sonnensegel selber aufzuladen würden sie sich aus Sicherheitsgründen ein guten Stück von der Station entfernen müssen, hieß es, was auch noch einmal Zeit gekostet hätte...

Und deshalb waren sie hier, um einmal mehr zu versuchen, doch noch irgendwie voran zu kommen. Im Moment freilich sah es so aus, als würden sie erneut feststecken. Sie hatten es immerhin weiter geschafft als bisher - nicht bis zum Stationskommandanten, aber doch bis zu einem unmittelbaren Untergebenen. Bei ihm hofften sie, mehr zu erreichen.
Chu-i Sakai war freilich jemand, der schon für Copycat schwer erträglich war, und was Sparrow von ihm halten mochte, darüber schwieg man wohl besser. Schon sein Aussehen war für jemanden mit Gefechtserfahrung...gewöhnungsbedürftig. Er war höchstens in den Dreißigern, und seine Uniform wies nicht ein einziges Gefechtsabzeichen auf. Die zwei Schwerter auf seinem Schreibtisch, platziert in einem prunkvollen traditionellen Ständer, waren wohl nur deshalb nicht von einer dicken Staubschicht bedeckt, weil hier regelmäßig jemand sauber machte. Scheiden, Griffe und Ständer verrieten höchste Handwerkskunst, zeigten aber nicht einmal die geringste Spur von Abnutzung oder Gebrauch.
Auch der Offizier selber war makellos herausgeputzt, die Uniform zweifellos eine Maßanfertigung. Er war perfekt rasiert, die Fingernägel und Hände gepflegt, der Haarschnitt auf den Millimeter genau. Er war das vollendete Abbild des Mannes, der aufgrund seiner Beziehungen zum Offizier gemacht worden war, und ein vollkommen überzogenes Bild vom eigenen Wert und Einfluss hatte.
Es war aber viel mehr sein Verhalten als sein Aussehen, das ihn schwer verdaulich machte. Von der ersten Minute an kultivierte der Kuritaner eine herablassende Art, die klar machte, dass er den höheren Rang der beiden Söldner - und Jaras adoptierten Stand - nicht im geringsten respektierte. Er hatte sie kurz abgefertigt und angewiesen zu warten, während er sich angelegentlich um ihr Anliegen kümmern wollte. Copycat bereute es schon, dass er sich entschieden hatte, zu bleiben. Er hatte gedacht, die Anwesenheit von ihm und Sparrow würde sicherstellen, dass der Mann ihr Anliegen erledigte. Doch der Chu-i hatte seine ganz eigene Prioritätsliste. Wenn er überhaupt Notiz von den Söldnern nahm, sprach er nur mit Copycat, und selbst diesen behandelte bestenfalls als ranggleichen Offizier. Er vermied es konsequent, ihn beim Rang zu nennen - wenig überraschend, denn die VSDK taten sich wie die meisten Hausmilitärs oft etwas schwer mit den Rängen in Söldnereinheiten. Der, nun ja, mitunter freizügige Umgang vieler Mietsoldaten mit der Rangtabelle und Beförderungen trug natürlich dazu bei.
Major Fokker übersah der Kuritaner einfach als Offizierin, wenn auch nicht unbedingt als Person - wenn er sie hin und wieder auf eine Art und Weise musterte, als sähe er genau das, was unter ihrer Uniform wäre, und könne darüber nach Belieben verfügen. Copycat spürte, wie Jara langsam aber sicher dabei war, die Geduld zu verlieren. Er wusste freilich auch, würde sie etwas sagen, würde Chu-i Sakai das entweder "überhören", oder in herablassendem Ton mit ihm als Jaras Vorgesetzten reden, als wäre die junge Offizierin ein quengeliges Kind, das man besser ignoriere. Bisher hatte jede Taktik versagt. Dezente Schmeichelei wurde als Selbstverständlichkeit akzeptiert, verdeckte Bestechungsangebote stießen nur auf Unverständnis. Wenn dieser Sakai das war, wonach er aussah, war er freilich nicht darauf angewiesen, sich etwas dazuzuverdienen. Dann handelte er allein quasi aus einem Pawlowschen Reflex heraus, der ihm befahl, Nicht-Kuritaner UND Söldner UND Peripheriebewohner als Menschen zweiten, dritten oder vierten Ranges zu betrachten.

Angesichts der Umstände hielt Harry Copeland es für besser, selbst tätig zu werden, denn der Geduldsfaden der Besitzerin der Chevaliers war sichtlich kurz davor, zu reißen: "Chu-i Sakai, ich weiß, dass Sie ein viel beschäftigter Mann sind. Zweifellos gibt es hier auf der Station zahlreiche Aufgaben, die Ihrer Aufmerksamkeit bedürfen. Unser Anliegen ist jedoch von größter Dringlichkeit."
Der Offizier, der für einen Moment langsam und genüsslich Jara von den Knien bis in Schulterhöhe gemustert hatte, während er Papiere und Datenträger sortierte, wandte seine Aufmerksamkeit Copycat zu. Seine Stimme klang geradezu widerwärtig kultiviert: "Ihr Anliegen liegt mir vor und ist mir bekannt. Das Wohl des Kombinats erfordert es jedoch, gewisse Prioritäten zu setzen, und dabei rangiert dieses Anliegen nicht an oberster Stelle. Das sieht sicher bei Ihnen in der Peripherie anders aus, aber wir haben hier viele Faktoren zu bedenken. Da kein akuter Notfall vorliegt, erwarte ich, dass Sie sich in Geduld üben. Sie sollten auf ihr Schiff zurückkehren, ich werde Sie benachrichtigen lassen, so wie sich die Situation ändert."
Da Höflichkeit und Bestechung offenbar nichts brachten - sie hatten heute schon zwei Stunden damit vergeudet - war auch Harry gewillt, es mit anderen Mitteln zu versuchen. Mit einem Mal war Stahl in seiner Stimme: "Wir haben bereits ein übergroßes Maß an Geduld bewiesen. Ich kann nachvollziehen, dass Sie andere Dinge zu bedenken haben, doch ich erwarte, das unser Anliegen ernst genommen wird. Wenn Sie über weitere Schritte nicht entscheiden können, verlange ich umgehend, Ihren Vorgesetzten zu sprechen, sei es den Stationskommandanten oder jemanden auf Bjarred. Major Fokker ist eine Adlige des Kombinats, die Tochter eines Grafen, und die Chevaliers die ihr gehören und die ich kommandiere sind eine verdiente Einheit, die sich mehrfach im Dienste des Koordinators bewährt hat."
Der jüngere Offizier schien für einen Moment konsterniert von den Worten. Dann straffte er sich. Seine Stimme triefte förmlich vor Geringschätzung: "Meine Vorgesetzten haben Wichtigeres zu tun als mit Ihnen zu reden...SÖLDNER. Warten Sie, bis man sich Ihrer annimmt, wie es sich für Personen ihres Standes gehört. Die so genannten Verdienste Ihrer Einheit beeindrucken hier niemanden - schließlich haben Sie nur getan, wofür man bezahlt hat." Was er meinte war, nur weil ein Klempner den Abfluss reinigte, nahm man ihn noch lange nicht als Ebenbürtig wahr: "Und was den Status der Besitzerin angeht..." er lächelte höhnisch: "...man kann eine HURE von Clanern und Söldnern...", er benutzte das obszöne Wort für eine Straßenprostituierte, nicht die Bezeichnung Geisha: "...in ein kostbares Kleid stecken und ihr einen Titel verleihen, sie bleibt doch immer nur ein Stück Dreck von der Straße."

Harry spürte, wie Jara unmittelbar vor der Explosion stand. Die Sorge um die Höllenhunde, Frustration über das lange Warten, die Missachtung der Chevaliers und ihrer eigenen Person und die letzten, unverhofften Beleidigungen, von einem Mann, der sie ignorierte wenn er sie nicht anstarrte wie ein Stück Fleisch, das war langsam aber sicher genug. Jara fiel es ohnehin schwer, sich in der strickten Ordnung des Kombinats einzufühlen, und sie hatte in ihrem bisherigen Leben gelernt, dass man sich Respekt eher erkämpfen musste, als ihn auszuhandeln. Mit etwas Glück würde sie voraussichtlich dem Chu-i nur ins Gesicht springen, und nicht gleich ihr Messer ziehen. Und tatsächlich, die junge Söldnerin erhob sich abrupt, die Fäuste geballt. Vielleicht war sie sich nicht einmal selbst im Klaren darüber, WAS sie eigentlich genau tun wollte. Sicher war nur, ihre Geduld war am Ende.

Copycat war sich später nicht zu 100 Prozent richtig, wodurch er zum Handeln bewegt wurde, denn zunächst spielte er tatsächlich mit dem Gedanken, sie gewähren zu lassen und die Show zu genießen, obwohl er wusste, dass er das später vermutlich bereuen würde. Aber irgend etwas ließ mit einmal seine Sensoren einen heulenden Alarm ausstoßen. War es der Umstand, dass der Kuritaner der durchtrainierten Söldnerin sogar jetzt nur auf die Beine zu starren schien, wo es doch zu erwarten war, dass er langsam registrierte in welcher Stimmung sie war? So dumm konnte nicht einmal ein ahnungsloser Bürokrat sein. Oder waren es kaum sichtbare Muskelregungen, eine fast unmerkliche Versteifung des scheinbar entspannten Körpers, Anzeichen darauf, dass der Offizier in Wahrheit bereit war, in Sekundenbruchteilen zu handeln? Die fast nicht sichtbare Geste, mit der er vermeintlich beiläufig einen Stapel Akten bei Seite schob, die ihm aber zugleich freien Zugriff auf seine Schwerter geben würde? Vielleicht auch alles zusammen, bewertet unter jahrelanger Erfahrung als Söldner, in einem Umfeld, wo man oft, sehr oft brisante Situationen zwischen Untergebenen oder eigenen Soldaten und Fremden schlichten musste, und eine tödliche Eskalation stets möglich war.

Was es auch immer war, er war sich mit einem Mal sicher, dass Chu-i Sakai alles andere als der Papiertiger und Schreibtischheld war, der er zu sein schien. Als warte der junge Offizier vielmehr, dass Jara oder Harry die Beherrschung verlieren würde, als rechne, ja hoffe er darauf...
Copycat erhob sich unvermittelt und legte Jara die Hand auf die Schulter. Die jüngere Offizierin starrte ihn einen Moment irritiert und wütend an, doch angesichts seines warnenden Blicks entspannte sie sich. Sie hatte gelernt, seiner Erfahrung zu vertrauen.
Die beiden Söldner bauten sich in fast perfekter Synchronisation vor dem Tisch des Kuritaners auf - in ausreichender Entfernung, dass es nicht als Übergriff verstanden werden konnte, aber nahe genug, um drohend zu wirken.
Harry hob die Stimme leicht: "Ihr Verhalten entehrt Sie selbst, Ihre Familie und Vorgesetzten. Ich sehe jedoch keinen Grund, dies mit Ihnen weiter zu diskutieren. Ich erwarte, UMGEHEND einen vorgesetzten Offizier zu sprechen. Oder wollen Sie, dass wir direkte Beschwerde einlegen - nicht nur beim Distriktkommando, sondern auch auf Luthien? Die VSDK mögen in der Verwaltung vor dem Adel kommen, aber der Adel ist es, der das Fundament für das Kombinat bildet. Wenn Sie der Meinung sind, die Weisheit des Koordinators anzweifeln zu können, wen er in einen höheren Stand erhebt oder nicht, sind Sie wohl kaum am richtigen Platz." Tatsächlich war es im Kombinat so, dass die Adelshäuser nur ihre Planeten direkt und meist ziemlich absolut regierten, planetenübergreifende Dinge entschieden eigentlich die Präfektur- und Militärbezirkskommandanten. Nur war es zugleich nicht abzustreiten, dass Adel und VSDK so eng verquickt waren - oft in Personalunion - dass diese Trennung in der Realität weniger bedeutete, als man als Außenseiter vielleicht annahm. Der Dienst in den VSDK war geradezu verpflichtend für viele Familien.
Für einen Moment wirkte der Chu-i möglicherweise enttäuscht, ganz gewiss aber nicht eingeschüchtert. Was hieß, er war entweder ein sehr mutiger und entschlossener oder sehr dummer Mann. Oder ein Mann, der einiges wusste, was Jara und Harry verborgen blieb. Er öffnete den Mund, vermutlich für die nächste impertinente Antwort, doch dann schloss er ihn wieder wortlos und straffte sich.

Eine kalte, gelassene Stimme ließ Colonel Copeland und Major Fokker herumfahren, eine alte Stimme, doch voll Autorität: "Wenn Sie eine Beschwerde einreichen wollen, wäre ich ja wohl die richtige Adresse. Ich kann Ihnen aber nicht garantieren, dass ihre Probleme mir sonderlich den Schlaf rauben werden."
Der Mann war fast lautlos eingetreten, und trotz seines unübersehbar hohen Alters - er musste einiges über 70 sein - bewegte er sich immer noch mit ebenso kraftvollen wie geschmeidigen Bewegungen, die verrieten, dass er sich in Form hielt. An einem gesunden Leben konnte das nicht liegen. Eine Narbe auf der rechten Seite seines Gesichtes verzerrte dieses zu einem halbseitigen Grinsen, und es war kein angenehmes. Mehr noch, er hatte nur noch einen Arm - vermutlich eine lange zurückliegende Verletzung, erlitten vor den Neuerungen in der prothetischen Medizin. Das weiße Haar war kurz geschnitten, das Gesicht, dessen Altersfalten es gewiss nicht gemütlich aussehen ließen, glattrasiert. Offenbar war er kein japanischstämmiger Kuritaner, obwohl die genaue Herkunft seiner Vorfahren sich nicht klar erkennen ließ. Er trug das traditionelle Schwert kuritanischer Offiziere und eine Pistole. Harry nahm unwillkürlich Haltung an, als er die Rangabzeichen registrierte - in roter Farbe, was einen (ehemaligen) Mechkrieger verriet, und die ihn als Sho-sho auswiesen. In der Rangtabelle des Kombinats stand er damit nur drei Stufen unter dem Gunji-no-Kanrei. Harry brachte eine formvollendete wenn auch nicht sehr tiefe Verbeugung zustande, und einen Moment später folgte Jara seinem Beispiel. Sie brauchte etwas länger, weil es ihr nicht leicht fiel, vom Modus "auf Krawall gebürstet" in "folgen wir dem Protokoll" umzuschalten.
"Wir haben die Ehre mit..."
"Sho-sho Valdis Kevlavic. Und wenn Sie mit der Behandlung Ihres...Anliegens unzufrieden sind, dann können sie ihre Beschwerden dazu gerne bei mir abladen." In der Stimme des Mannes schwang nicht sehr subtile Verachtung mit. "Sie beschweren sich, weil wir Sie in der Prioritätskette nach hinten verschoben haben? Nun, das liegt daran, dass Ihr Anliegen mir doch sehr suspekt erscheint. Sie wollen durch das halbe Kombinat reisen, nur um eine Söldnereinheit ihrer neuen Besitzerin zu unterstellen? Und benötigen dazu ein komplettes gemischtes Regiment? Kein HERZOG reist mit so einem Gefolge, außer er führt etwas im Schilde. Erwarten Sie eine Meuterei? Dann sollten die VSDK etwas darüber erfahren um sich der Sache anzunehmen! Wir WISSEN, wie man mit renitenten Söldlingen umspringt..." Zweifellos erinnerte sich der Mann noch an den "Tod allen Söldnern"-Befehl im Vierten Nachfolgekrieg.
"Als reine Ehrengarde ist das doch deutlich überdimensioniert. Eine Kompanie Mechs würde ja wohl ausreichen, um die Ehre oder Tugend von Sho-sa Fokker zu beschützen." Die letzten Worte dehnte er spöttisch - sei es, dass er Jaras Rang in Zweifel zog, der ja ein rein einheitsinterner war, nicht an einer anerkannten Ausbildungsstätte oder dem Hausmilitär erworben, oder dass er ihre Ehre und Tugend für nicht sonderlich schützenswert oder als nicht vorhanden betrachtete. Oder alles zusammen.

Jara zeigt die Zähne: "Ich respektiere Ihre Befürchtungen...", schon das war natürlich eine nicht sehr subtile Beleidigung: "...aber ich kann Ihnen versichern, dass wir keine Hintergedanken haben. Allein, die Chevaliers haben viele Feinde, auch wenn die meisten davon gelernt haben, uns zu respektieren. Und wir reisen immerhin in ein Gebiet, in dem Kampfhandlungen stattfinden, die die VSDK bisher nicht unterbinden konnten."
Der Sho-sho blieb gelassen: "Es gibt einen schmalen Grad zwischen berechtigten Bedenken - oder fadenscheinigen Vorwänden und überzogener Furcht. An vierzig Mechs, ein halbes Dutzend Jäger und ein komplettes Infanteriebataillon mit Panzern, Kampffliegern und Gefechtsrüstungen scheint mir denn doch etwas viel für eine reine Vorsichtsmaßnahme. Zusammengestellt in einer Einheit deren Personal aus sehr zweifelhaften Quellen stammt. Die VSDK legen keinen Wert darauf, irgendwelche Intrigen von Adligen pazifizieren zu müssen. Man sollte meinen, Ihre Truppen werden woanders dringender benötigt, als auf einer zweimonatigen Reise hin und zurück, nur um die Händchen von einer Handvoll ANDERER Söldner zu halten, die bisher noch nicht einmal in Kampfhandlungen verwickelt sind und wenn ich nicht irre im Moment zwei Einheiten Banditen hinterher spüren, die kaum Kompaniestärke haben. Es ist IHR Geld, aber es ist MEINE Sache, dass ihre Mietschläger nirgendwo in einen Streit hineingezogen werden. Oder einen anzetteln. Und was meine sonstigen Prioritäten angeht...das 10. Pesht ist zu einer Alarmübung abkommandiert worden, und das geht nun einmal vor. Deshalb wollen wir die Ladestationen und Speicher bereit halten. So lange Sie mir keine überzeugenden Gründe nennen, sehe ich keinen Grund, ihnen eine höhere Priorität zuzugestehen. Und ehe Sie fragen - ich bezweifle, dass der Präfekturkommandant so schnell für Sie zu sprechen ist. Sie können sich gerne an ihn oder an Luthien wenden, aber ich denke eine weinerliche Beschwerde wird ihrem Ansehen auch nicht gut tun."

Harry sah sich genötigt einzuschreiten. Ein Schreiwettbewerb zwischen Valdis und Jara würde niemanden weiterbringen. Außerdem konnten sie den im Moment nur verlieren. Allerdings durfte er sich auch nicht ZU nachgiebig zeigen: "Ein Großteil der Arrangements war bereits im Voraus getroffen. Es spricht nicht von Respekt gegenüber dem Adel und einer Kriegsheldin wie Major Fokker, wenn Sie diese Zusagen außer in den dringendsten Fällen in Frage stellen. Wir erwarten, dass Zusagen respektiert werden, so lange es nicht ZWINGENDE Gründe gibt. Die man uns mitteilen sollte."
Der alte Offizier lächelte dünn: "Wenn Sie dem Kombinat dienen wollen, sollten sie zuerst lernen, dass man Befehle und Weisungen nicht diskutiert. Man führt sie aus. Sie sind ja keine gebürtigen Kuritaner, aber wenn sie jemals Teil unseres Militärs oder des Adels sein wollen, wäre das ein GUTER Anfang. Und...Kriegsheldin? Ich habe Ihre...Werbungskampagne verfolgt. Damit mögen Sie vielleicht bei leichtgläubigen Narren Eindruck schinden, die auf ein hübsches Gesicht - oder hübsches was-auch-immer - und ein paar mittelmäßige Erfolge hereinfallen. Nicht bei mir. Sagt Ihnen der Name Frances Marrion etwas? Nein? Natürlich nicht! Aber es gab eine Zeit, da war sie der Held eines ganzen Planeten, und teilweise auch darüber hinaus. Jeder auf Verthandi kannte sie und die Swamp Fox. Und nun ist sie seit über 40 Jahren tot und vergessen. Es gibt nichts vergänglicheres als Helden! Ich habe die Falle für die Swamp Fox ersonnen. Ich habe mit anderen...,Helden'...gekämpft, sei es direkt oder indirekt." Er schaute auf seinen fehlenden Arm, aber in seinen Wort lag eher eine grimmige Belustigung: "Wo sind sie jetzt? Grayson Carlyle ist an Krebs gestorben, Lori Kalmar ist tot. In ein paar Jahren wird man sich auch an SIE nicht mehr erinnern. Wie an einige andere, mit denen ich zu tun hatte. Also kommen Sie mir nicht mit Heldentum."

Mit einmal war er wieder im Hier und Jetzt: "Sie werden sich also noch etwas in Geduld üben müssen. Und das ist MEIN letztes Wort. Nur keine Sorge, ewig will ich Sie gewiss nicht als Nachbarn haben. Sie werden weiterreisen können, so wie der Dienstbetrieb es erlaubt." Angesichts seines Ranges machte er nicht den Eindruck, als ließe er mit sich reden. Copycat war zwar nicht unbedingt geneigt, es dabei zu belassen, aber er sah schon, dass er im Moment nicht weiterkam. Es war schon ein großer Schritt, dass man ihn überhaupt so weit oben zur Kenntnis nahm. Der Sho-sho musste direkt dem Präfekturkommandanten unterstehen, war vielleicht gar dessen ähm rechte Hand. Ein direkter Konflikt mit einem Mann wie ihm war etwas, was sie im Moment am wenigsten gebrauchen konnten. Eine letzte Sache meinte er aber ansprechen zu müssen: "Ich erwarte, dass Sie ihren Untergebenen ein angemessenes Verhalten gegenüber höherrangigen Offizieren - selbst wenn diese nicht reguläres Militär sind - und Adligen beibringen. Das Benehmen von Chu-i Sakai war eine Schande für jeden VSDK-Offizier."
Der so gescholtene Kuritaner blieb erstaunlich gelassen, was den Verdacht von Copycat eher noch untermauerte. Valdis hingegen lächelte kalt, und sehr, sehr unangenehm: "Wenn es Sie beruhigt, der Chu-i wird in den Streitkräften des Koordinators niemals Karriere machen...wenn Sie oder Sho-sa Fokker ihn zu einem Ehrenduell fordern wollen, bin ich sicher, das lässt sich arrangieren."
Für einen Moment sah es so aus, als wolle Jara dieses Angebot wahrnehmen, geladen wie sie war. Nach einem warnenden Kopfschütteln ihres Vorgesetzten überlegte sie es sich aber anders. Die Verabschiedung fiel von beiden Seiten ziemlich frostig aus, doch Copycat hoffte, dass dieses Treffen zumindest etwas in Bewegung gebracht hatte.

Nachdem die beiden Söldner gegangen waren, starrte der Sho-sho noch eine Weile sinnend vor sich hin. Dann schüttelte er leicht den Kopf: "Das hätte besser laufen können." Der junge Offizier neigte ehrerbietig den Kopf: "Ich habe versagt, und bedaure dies zutiefst."
Valdis Kevlavic lächelte flüchtig: "Oh, Sie haben gute Arbeit geleistet. Acht von zehn Söldnerhunden mit denen ich zu tun hätte, wären Ihnen nach dieser Vorstellung auch wirklich an die Kehle gegangen. Das es nicht funktioniert hat ist zwar bedauerlich, aber ich mache Ihnen daraus bestimmt keine Vorwürfe. Wenn die Söldner Sie verletzt hätten, hätte ich sie festnehmen können. Und wenn Sie einen von denen verletzt oder getötet hätten, nun, niemand könnte anzweifeln, dass es in Selbstverteidigung geschah."
Der Chu-i zog mit einer ebenso schnellen wie lautlosen Bewegung das Wakizashi - bei Kämpfen auf kürzeste Distanz, Schlägen und Stichen aus dem Handgelenk war es wesentlich besser geeignet als das Katana. Die Klinge war makellos und rasiermesserscharf. Mit einer geübten Bewegung wog er die Klinge in der Hand, bevor er sie wieder in der Scheide versenkte: "Und wie wird es nun weitergehen?"
Der ältere Offizier schnaubte: "Wir werden die Söldner noch eine Weile schmoren lassen. Aber wir sollten es auch nicht übertreiben." Er lächelte böse: "Ihre Reise durch den Bezirk ist schließlich noch lang. Wer weiß, was da nicht noch alles passieren könnte. Sie haben sich WIRKLICH eine Menge Feinde gemacht."
Der Chu-i nickte: "Und ihre Möchtegern-Rekruten?"
"Die lasse ich noch eine Weile hinter Gittern versauern. Wenn anzunehmen ist, dass sie etwas Vernunft angenommen haben, und sich die Vorwürfe gegen sie nicht erhärten...kann man ihnen eine Option anbieten. Einen Ausweg, der sich als produktiv für das Kombinat erweist."
Der jüngere Offizier betrachtete ein letztes Mal sinnend und bedauernd die Schwerter, offenbar noch immer voll Reue: "Eine ausgezeichnete Idee...Hm, es ist wirklich schade, dass Euer kleiner Plan nicht funktioniert hat. Es wäre nicht nur eine gute Gelegenheit gewesen, sondern auch ein Akt karmischer Gerechtigkeit."
Valdis Kevlavic nickte. Er gab nicht annähernd so viel auf die philosophischen Prinzipien, die im Kombinat so verbreitet waren, wie die meisten seiner Kameraden. Aber sogar er erkannte die Poesie in den Gedanken seines Untergebenen. Wie treffend es gewesen wäre, wenn sein Untergebener einen Vertrauten oder gar die Adoptivtochter des Mannes verstümmelte oder tötete, der seinen Vater hatte ermorden lassen. Der junge Offizier durfte nicht einmal mehr dessen Familiennamen tragen.
"Geduld, nur Geduld. Dieses Spiel ist noch lange nicht vorbei, Toshiro Kenda." meinte er. Und mancher Betrachter hätte sein sanftes Lächeln als ähnlich bedrohlich empfunden, wie die Schwerter seines Untergebenen

Ende

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PLATZHALTER

18. März 3067 / Stabsbesprechung Chevalliers / 16:00 Uhr

In dem großen Besprechungsraum war es voll. Man sah aus allen Teileinheiten der Chevalliers und des zivilien Personals die Offiziere, Unteroffiziere und Stabsleiterinnen und Stabsleiter. Dann traten Graf Danton, Major Fokker-Danton und Copycat gemeinsam auf die kleine Erhöhung und es wurde schlagartig ruhig im Saal.
Nicht nur wegen der Präsenz der drei höchsten Chevalliers, sondern auch wegen ihrer angespannten und ruhigen Art. Bei Jara bedeutete dies entweder eine neue harte Trainigseinheit oder ein Kampf bis aufs Blut. Da Copycat und Germain mit vorne standen konnte es sich nur um letzteres handeln. Der Graf trat ans Mikro und nach den ersten Sätzen konnte man spüren wie elektrisiert alle waren und sich sicher waren für eine Gute Sache in die kommende Schlacht zu ziehen.
"Stephan, ist das wahr das wir in einer Woche starten zu einer Rettungsmission? Das gesamte Regiment?" fragte ich, Rudi Teuteberg, Lanzenführer der dritten Lanze des dritten Battaillons.
"Ja. Wir werden in 2 Tagen nochmal sprechen. Was macht ihre Lanze, sind die beiden Neuzugänge gut im Team integriert?" fragte Hellmann nach.
"Also Sue Min die Men Shen Pilotin ist sehr gut, hoch konzentriert und ehrgeizig kein Problem. Betty war am Anfang ein wenig schüchtern, hat nun aber denke ich einiges mehr drauf. Eines stört mich aber, seit ca. 3 Tagen ist sie verschlossen und irgendwie abweisend. Ich werde morgen mit ihr ein Gespräch haben, um sehen was los ist."
"Tun sie das, Rudi. Ich bin bis jetzt zufrieden so wie sie ihr Kommando führen. Machen sie weiter so." Hellmann schaute Rudi an und dann über seine Schulter hinweg zu jemanden in der Menge. Rudi begriff was das hieß und verabschiedete sich von seinem Vorgesetzten.
"Danke Sir. Ich bemühe mich. Bitte entschuldigen sie, ich muss noch zu meinem Vertreter und dann auch meine beiden anderen Lanzenmitglieder informieren." Rudi salutierte und drehte sich um und ging.



Tagesbefehl und Konferenzraum
05. April 3067 / Büro Hellmann / Morgens 07:00

"Herein!" rief Stephan Hellmann als es klopfte.
Rudi straffte sich und trat dann ein.
"Morgen Sir. Melde mich wie befohlen." Ich schaute mich um, es war niemand anwesend, das war komisch, denn eigentlich sollten alle Teileinheitsführer der dritten anwesend sein.
"Teuteburg, gut das sie hier sind. Die anderen kommen etwas später, ich habe noch was mit ihnen vorher zu besprechen. Also folgendes ist passiert. Erstens, Betty Rush ist mit sofortiger Wirkung nicht mehr Teil der Chevaliers und ihrer Lanze. Zweitens wir sind schon auf Suche nach Ersatz, ich kann ihnen aber nichts versprechen, sie kennen ja die Lage auf Wayside selbst. Drittens, bisher machen sie einen guten Job, aber ich möchte ihnen sagen, das sie nicht so "kumpelhaft" sein sollten, das ist schon aufgefallen. Halten sie ein wenig Distanz."
Rudi schaute seinen Vorgesetzten an, schüttelte den Kopf. Überlegte kurz, dann schaute er Hellmann durchdringend an.
"Sir, das Betty geht habe ich mir fast gedacht. Vor kurzem habe ich mit ihr Gesprochen, sie hat zwar nichts gesagt, aber es war mir klar das irgendwas passieren wird. Zu meinem Führungsstil Sir, das ist beim mir so. Das hat sich im Davion Militär so eingeschärft und hat mir damals immer gute Dienste geleistet meine Untergebenen zu ihrer optimalen Leistung zu treiben. Ich kann auch eckig und kantig sein wenn ich muß, aber auch nur dann wenn es Verfehlungen gibt. Wenn das hier ein Problem werden sollte dann müßen sie mir das früh genug sagen Sir."
Hellmann schaute seinen Untergebenen an. Tja, die Leistungen der dritten Lanze waren ordentlich, in jedem Bericht war eine Steigerung der einzelnen Lanzenmitglieder vermerkt. Auch die Beurteilungen seiner Untergebenen, die wöchentlichen und monatlichen Berichte von Teuteburg waren immer pünktlich akkurat und hatten immer wieder auch auf Defizite, aber auch Potentiale verwiesen. Die Wartungs- und Bestllformularen waren auch immer Ordentlich, über alles führte Teuteburg akkurat Buch.
Hellmann überlegte, dann erhob er sich, gab Rudi einen klaps auf den Oberarm und sagte, "Ich bin zufrieden mit ihnen Teuteburg. Trotzdem werde ich dich im Auge behalten und ich will das ihr immer noch meine Scouts seid, das darf im Missionsprofil deiner Lanze nicht fehlen. Also komm und wir holen uns schon mal Kaffee bis der Rest eintrifft."
Rudi war überrumpelt, der offizielle Teil schien erstmal beendet und nun waren sie wieder bei einem "Du". Aber ok, er war der Boss. Innerlich ärgerte ich mich trotzdem darüber das Betty nicht den Mut gehabt hatte sich mir mit zu teilen. Stattdessen erfuhr ich es von meinem Vorgesetzten, nachdem Betty nicht mehr Teil der Chevaliers war.
"Danke Stefan, ja Kaffee ist eine gute Idee." Ich ging hinter Hellmann her ins Vorzimmer wo schon die Kaffeemaschine ihren Dienst verrichtete.

Es dauerte nicht lange da kam auch schon Leutnant Arkabi, der Lanzenführer der zweiten. Zu dritten gingen wir zurück in Hellmanns Büro. Nachdem wir uns gesetzt hatten begann die Einsaatzbesprechung.
"Wie ihr beide wisst gehen wir demnächst raus. Hierzu müssen wir noch die endgültige Aufstellung der Lanzen durchgehen. In meiner Laanze fehlt ein Pilot und seit kurzem auch in der Laanze von Rudi." Mehmet Arkabi schaut überrascht.
"Wie? Noch ein vorzeitiger Abgang?"
"ja, Betty Rush ist raus. Wir suchen nun noch Ersatz. Ihr Mech, der Dunkelfalke ist in die Reserve gewandert. Ob wir in den nächsten sieben Tagen noch Ersatz finden und mit ihm einschiffen steht nicht fest. Genauso bei mir in der Lanze ist ein Kampftitan noch unbesetzt, hier gilt das gleiche wie in der dritten Lanze." erwiderte Hellmann.
Der Araber überlegte, aber eine Idee zur Lösung fand er auch nicht. Man begann also mit dem Austausch der aktuellen Daten der aktuellen Lanzen und den Bedarf an Material für den bevorstehenden Einsatz.
"Nach meinem Stand bekommen wir einen Union für uns, wo wir auch zwölf Stellplätze haben. Die dritte wird an die Plätze mit Ausschleusungsmöglichkeit geparkt, dahinter steht meine Lanze und die zweite als letztes. Im oberen Hangar werden teile der Instandsetzung mit an Bord sein, es wird also Eng, aber nicht nur in unserem Lander. Ich bitte euch alle Daten nochmal zu prüfen, eure Mechs in drei Tagen fertig zu haben um in das Landungsschiff zu verlegen. Hoffen wir mal das bis dahin noch die beiden Plätze besetzt werden können, ansonsten müssen wir unterwegs Nachrekrutieren."
"Im Kombinat? Nachrekrutieren?" kopschüttelnd und ein wenig spöttisch sah Mehmet die anderen beiden an.
"Naja, wir versuchen es ... aber die Hoffnung stirbt zu letzt." scherzte Rudi zurück.
"Dann ist ja alles klar. Ich erwarte von euch alle Daten und Unterlagen bis zum 08. um 12 Uhr auf meinem Tisch. Danach werden wir dann gegen Abend die Mechs überführen ins Landungsschiff. Damit ist die Besprechung beendet."
"Danke Sir" erwiderten die beiden Lanzenführer und verließen das Büro ihres Vorgesetzten.

05. April 3067 / Dantonville / Privathaus Teuteberg


"So ein Kuckucksei. So eine Blödsinn ... sowas habe ich noch nie erlebt!" tobte Rudi in dem gemeinsamen Haus von ihm und Haruka. Diese saß ganz ruhig auf einem Sessel und beobachtete ihren Mann wie er wütend durch den Raum marschierte. Dann in einem kurzen Augenblick der ruhe glitt sie vom Sessel, umarmte ihn, gab ihm einen Kuss und schaute ihm tief in die Augen.
"Schatz, es ist Bettys entscheidung, nicht deine nicht meine. Sie hat sich jemanden angeschlossen warum auch immer und du musst nun das Beste daraus machen und das wirst du auch. Falls nicht werden wir uns gleich im Dojo sehen und ich werde dich ablenken."
"Haruka ... ach wenn ich dich zarte Lotusblüte nicht hätte. Und trotzdem ist es ärgerlich das ich meine erste Untergebene bereits verliere vor Missionsbeginn und das so kurz vorm Start. Es ist klar das wir auf Wayside nicht nach rekrutieren können. Das der Alte, Copeland und Jara das zugelassen haben, ich verstehe es nicht. Ach ja, nachher kommt noch Anton und Sue Min, ich muss beiden das auch noch mitteilen, falls der Flurfunk nicht schneller war. Meine 'Hoffnung ist das sich wer um Ersatz schon kümmert, nicht das meine Lanze unterzählig bleibt, das wäre ein echtes Problem für das angedachte Missionsprofil."

"Das wird schon und nun muß ich schnell noch alles vorbereiten, bevor unsere Gäste kommen. Sowas mußt du mir früher sagen, Rudi sama." lächelnd verschwand sie aus dem Zimmer und ging in den ersten Stock um sich passend zu kleiden.

Haruka war gerade nach oben verschwunden als es an Tür läutete. Ich stand auf und ging zu Tür. Statt wie erwartet Anton oder Sue Min zu sehen, stand da ein Private der Chevaliers an der Tür. "Sir, ich habe eine Meldung von ihrem Vorgesetzten Hellmann. Er schickt mich um ihnen diese Dokumente zu übergeben. Wenn sie bitte auf meinem Pad den Empfang bestätigen!"
Rudi guckte den jungen Mann an, unterzeichnete mit seinem Fingerabdruck auf dem PAd und nahm einen großen versiegelten Umschlag entgegen. "Danke Private. Schönen Abend noch."
"Danke Sir, ihnen auch."
Rudi schloss die Tür, ging in sein Büro und öffnete den Umschlag, anscheinend war es etwas sehr wichtiges, ansonsten hätte Hellmann nicht einfach jemanden geschickt. Im Umschlag fand er eine kurze Notiz und einen Datenträger. Auf der Notiz stand, das es möglicherweise einen Mechpiloten samt Mech gäbe der wohl Rudis Lanze zugeteilt werden soll. Alle weiteren Informationen würde er auf dem Datenträger finden. Aber bevor Rudi sich darum kümmern konnte klingelte es wieder an der Tür. Er verstaute den Umschlag in seinem Schreibtisch, schloss die Schublade ab und ging zur Tür.
Diesmal hatte er Glück, Sue Min und Anton standen gut gekleidet und lächelnd da."Dann mal herin mit euch beiden. Hakura kommt auch gleich..."
"Hallo ihr beiden", hört man sogleich die Stimme Harukas von der Treppe.



14. April 3067 / Sprungpunkt Nadir Wayside / Landungsschiff



12. Mai 3067 / Bjarred Aufladestation / Militärdistrikt Pesht / Landungsschiff

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Wayside V, Dantonville
Nebengebäude der Metellus Kaserne Gebäude 14 : Stabs und Supporteinheiten
Erster Stock, «Büro» des Father, John O'Hierlihy
2. April 3067, 18:00 Uhr

Das Datapad vibrierte auf dem schweren, aber schlichten Eichentisch des Priesters.
Der ältere Mann sah von seiner Lektüre hoch und runzelte die Stirn. Seit er als geistiger Beistand bei den Chevaliers agierte, bekam er selten Nachrichten, Briefe oder Mails. Gemächlich bewegte er die Finger über die Seite die er gerade offen hatte und tippte dreimal auf die Seitenzahl, um sie sich zu merken. Im dunkeln Kämmerchen, welche andere sein Büro nannten, war nicht mehr sehr viel Platz, neben der Tür hing ein Bild das ihn in jüngeren Jahren zeigte, als Battlemech-Pilot. Zeiten, an die er sich mit gemischten Gefühlen erinnerte. Links und rechts an der Wand entlang waren jeweils zwei Regale aufgestellt. Die Regale unterstrichen den Kasernenlook und machten keinen Hehl daraus, dass der Pfarrer ein eifriger Leser war. Alte, ja fast antike Kriminalromane stapelten sich im ersten Regal zur Linken der Tür. Platz fand er in diesem Regal fast nicht mehr. Daneben war ein bequemer, etwas ausgesessener roter Ledersessel unter einem hölzernen Kruzifix. In diesem Sessel hielt er Sitzungen mit Mechkriegern ab, sinnierte über das Leben und verfasste auch ab und an selbst Bücher. Oft konnte er Stundenlang darin sitzen, um seinem Hobby frönen zu können: In Ruhe zu lesen, falls er keine Messe hielt.

Das kleine Tischchen daneben bot gerade genug Platz um eine Karaffe und ein Glas abzustellen. Die durchsichtige Flüssigkeit konsultierte er öfter als ihm lieb war. Wasser war zwar wichtig, aber Whiskey mochte er eigentlich etwas lieber. Links von ihm war ein weiteres Regal, welches, neben der Bibel, zahlreiche Schriftrollen und Bücher diverser Religionen beherbergte. Auf dem Tisch daneben vor dem Fenster, dessen Jalousien heruntergezogen waren, lagen Schriftstücke, Briefe und Veröffentlichungen seiner Kollegen wild herum. Den Tisch aufzuräumen müsste er mal in Angriff nehmen. Vielleicht am heutigen Nachmittag. Vielleicht, falls ihn niemand stören würde.

Im Dritten Regal sammelten sich Geschenke von Mechkriegern, oder wildfremden Leuten, denen er im Laufe der Zeit geholfen hatte; dieses Regal war am ehesten das, was man als sauber und aufgeräumt bezeichnen konnte. Er achtete peinlich genau darauf, dass die Erinnerungen nicht verblassten, trotz allem was darin zu finden war, von gerahmten Fotos über Flaschen irischen Whiskeys bis zu Messern oder antiken Taschenuhren. Ein halber Trödelladen war diese Anhäufung von Krimskrams, wie Stabsarzt Malossi, es nannte. Sie saßen sich gerne gegenüber, wenn er mal beim alten Pfarrer war. Um zu diskutieren, zu bereden und Erlebtes aufzuarbeiten. O'Hierlihy war sich bewusst, dass Andrew Malossi als Stabsarzt am meisten mit dem Leiden der Einheit verbunden wurde. Ritter Malossi wie er ihn gerne nannte, war immer zur Stelle, wenn es ums nackte Überleben eines Menschen ging. Er versicherte jedoch jedem, dass es ihm gut ging, dass die Bilder in seinem Kopf, das Grauen, welches er im Feld sah oder auf dem Operationstisch vor sich fand, beherrschbar sei, doch O'Hierlihy hatte die Schattenseiten des Krieges auch gesehen und behielt deswegen gerade Malossi gerne im Blick. Schliesslich war er der Seelsorger der Einheit.

Alle waren für ihn wichtig, vom AsTech, der die Schrauben sortierte bis hin zu Graf Danton. Gelegentlich musste er, oder besser gesagt durfte er mit den Leuten der Einheit sprechen. Manchmal unter dem Mantel der Schweigepflicht, die Beichte abnehmen oder um den Psychischen Problemen der Leute auf den Grund zu gehen. Bedächtig ordnete Father O`Hierlihy seine Gedanken. Was wollte er doch gleich nochmal? Hilfesuchend sah er sich im Raum um. Ach ja, das Data Pad. Es hatte ihn aus seinen Überlegungen gerissen.

Leicht säuerlich schloss er das Buch und legte es auf die Armlehne seines Sessels. Wer wollte ihn jetzt um diese Uhrzeit schon sprechen? Es kam ab und an vor, dass eine Stabsbesprechnung mit oder ohne ihn ablief, aber daran konnte er sich trotz seiner Vergangenheit nicht gewöhnen. Männer und Frauen die in einem stickigem Raum saßen und darüber aufgeklärt wurden, irgendwo zu kämpfen, war für ihn auch nach all den Jahren befremdlich. Das Schlimme aber an all dem war, dass die Chevaliers immer jünger wurden, oder er immer älter. Ein kleiner Seufzer entfuhr ihm, als er sich aus seinem Sessel erhob. Er richtete seine Kutte, streckte sich genüsslich und schlurfte hinüber zum Chaoten-Tisch. Das Fenster stand nur einen Spalt breit offen, um die Zufuhr von frischer Luft zu gewähren. Eine angenehm kühlende Brise erfrischte sein Büro. Muffige Gebäude konnte der alternde Pfarrer nicht ausstehen.
Das Datapad erweckte er mit einem Wisch über dessen Oberfläche zum Leben, Passwörter wie andere benutze er aus einem einfachen Grund nicht. Er würde es sowieso vergessen. Ein Lächeln zauberte ihm die Nachricht in seine sonst eher bedächtige Mimik. Von Reto Banner, einem Priester den er im Fortbildungsstudium kennen gelernt hatte. Seit Jahren unterhielten sie regen Austausch über geistliche Schriften und teilten untereinander auch Erkenntnisse aus.

Aus seiner Soutane zog er eine Bille heraus und setzte sie lose auf die Nase. Er mochte es nicht alt zu werden, aber seine Augen waren nicht mehr das, war sie einmal waren, in der Nähe. Entferntere Details erkannte er noch problemlos, nur zum Lesen brauchte er eine dieser alten Sehhilfen.
Die Nachricht war wie immer sehr sehr ausschweifend geschrieben. Das war eben Retos Stil. «Mein Lieber Freund, ich möchte mich noch einmal bei dir bedanken für deine letzte Nachricht, in der du mir deine Erfahrungen mit dem Clan Elementar der Geisterbären und deren Glauben erläutert hast. In meiner Einheit haben wir bisher nur Erfahrungen mit den Novakatzen gemacht und ich erlaube mir, dir zu einem späteren Zeitpunkt meine Erkenntnisse zukommen zu lassen. Mir ist zu Ohren gekommen, dass eure Einheit sich vergrössert und Ihr so noch einige Vakanzen habt. Dir möchte ich gerne mal, obwohl ich weiss, dass es ungewöhnlich erscheinen mag, zwei Dossiers zukommen lassen. Ein Mechkrieger und ein Elementar sind vor kurzem von einem Kontrakt gelöst worden und sind mir zusammen als eher ungewöhnliches Paar aufgefallen. Obgleich von unterschiedlicher Herkunft und Vergangenheit, mussten die beiden sich erst mal kennenlernen, und akzeptieren. Nachdem Sie die halbe Einrichtung eines Krankenzimmers zusammenschlugen und unbrauchbar machten, musste die Clannerin erst einmal beruhigt werden. Danach schienen sie sich gegenseitig gut zu ergänzen. Nach der Behandlung beider gingen sie zusammen von dannen. Deren Verwegenheit erinnerte mich an unsere früheren Zeiten. Vor längerer Zeit, zugegeben, vor sehr viel längerer Zeit.
Sie befinden sich auf dem Weg nach Wayside 5, auf mein Anraten. Bald schon sollten sie bei euch auftauchen. Ich habe mir erlaubt, ein Empfehlungsschreiben für die beiden auszustellen. Bitte sei so nett und gib die beiden Dokumente den entsprechenden Personen in deiner Einheit, die für die Rekrutierung zuständig sind. Beide haben sehr viel mitgemacht und diverse Kriege haben sie gezeichnet.

Dein Bruder in Christo, ich hoffe diese Nachricht erreicht dich wie sie mich verlässt, in guter körperlichen und Geistigen Verfassung,
Banner Reto
Seelsorgeabteilung des Campell Memorial Hospital auf Northwind»

Die beiden angehängten Dateien enthielten die Personalakten und Battlelogs der beiden in der Nachricht erwähnten Probanden.
Das kleinere File enthielt Informationen über den Mechkrieger wie es schien. Das Bild eines schneidigen jungen Schotten mit struppigem rotem Haar, welches zerzaust unter dem schottischem Glenngarry hervorschaute, war ebenso leicht ramponiert wie die Gesichtszüge des noch sehr jung wirkenden Herren. Ein blassblauer Rand um das rechte Auge zeigte, dass er kurz vor dem Fototermin eine Faust kassiert haben musste. Das gequälte Lächeln verriet, dass er auch anderswo einen Treffer abbekommen haben musste. Das Foto sprach nicht gerade für den Fotografen aber es war zumindest ein Foto. Anscheinend war seine militärische Karriere, sofern John dies beurteilen konnte, nicht grossartig auffällig. Ausbildung mit Abschluss als Vierter in Northwind, unter Colonel James D. Cochraine bei den 2nd Kearny Highlanders sechs Jahre gedient. Diplomingenieur in Chemie und Erfahrung mit Sprengstoffen. Bei einem verdeckten Einsatz wurde ihm der Mech, ein generalüberholter Jägermech, welcher offensichtlich in Familienbesitz gewesen war, sprichwörtlich unter dem Hintern weggeschossen. Vier Monate Gefangenschaft beim Clan Jadefalke. Die Flucht gelang ihm, weil eine andere Kompanie der Kearny Highlander’s eine Rettungsaktion durchführte. Zahlreiche auf Clanmechs spezialisierte Mechpiloten wurden mit Infanteristen hinter die feindlichen Linien mit Kestrel VTOLs abgesetzt, um Unruhe zu stiften. Im allgemeinen Chaos gelang es, einige Offiziere und auch ihn aus der Gefangenschaft zu befreien. Er kehrte nach Northwind zurück und kam dort für weitere vier Wochen ins Gefängnis, weil er einen ranghöheren Offizier schlug. Man sprach ihm als Entschädigung eine umgebaute Valkyrie zu, den er als Ersatz für den verlorenen Jägermech erhielt. Denn den Mech, den er dem Clan Jadefalke stahl wurde von den Highlanders für Forschungzwecke konfisziert, in gegenseitigem Einvernehmen.

Das weitaus grössere File handelte von einem weiblichen Clanelementar namens Jaqleen, viel verstand er nicht davon, aber anscheinend war sie von Ihrem Clan verbannt worden, nachdem Sie im Kampf um einen Blutnamen die «Ehrenstufe» missachtet hatte. John stutze und notierte auf einem kleinen Zettel das Wort Ehrenstufe, er würde sich bei Sergeant Rowan Geisterbär später bei Gelegenheit darüber erkundigen um was es sich da genau handeln würde. Sie wurde anscheinend vom Clan ausgeschlossen durch einen Abschwörungstetst. Auch darüber würde er sich mit Rowan Geisterbär unterhalten wollen.

John tippte etwas auf seinem Datapad herum und kramte die Nummer von Jara Fokker hervor, welche sich nach kurzem warten auch am Telefon meldete.
«Fokker hier, oh, Hallo Father, welch angenehme Überraschung, was verschafft mir die Ehre? » Jara war wohl wieder fleissig am trainieren, unregelmässige Atmung verriet, dass sie entweder, mal wieder sich im Nahkampf übte oder aber, dass er sie gerade vom Runden drehen abhielt.
«Miss Fokker, ich wollte nicht stören, aber ich habe soeben von Father Banner, der im Campell Memorial Hospital arbeitet, eine Empfehlung bekommen. Die Dateien würde ich Ihnen gerne weiterleiten. Ich kenne Father Banner schon recht lange und kann mich auf sein Urteilsvermögen verlassen. Ein Mechkrieger und eine Elementare, so scheint es, sind auf dem Weg zu unserem Planeten und wollen sich uns vielleicht anschliessen.»

***

Weit über Ihren Köpfen in der Kälte des Alls am Nadir Sprungpunkt materialisierte sich die Sultan of Mysore, ein Invader Class Sprungschiff, das im Auftrag der 2nd Kearny Highlanders flog. Der allgemeine Kanal im Schiffsinneren wurde durch ein Knacken zum Leben erweckt, «Sprung abgeschlossen, Planet Wayside Nadirsprungpunkt. » Innerlich verfluchte sich der junge Schotte. Schon wieder hatte er vergessen, dass er die Sprünge nicht ausstehen konnte. Jedes Mal musste er sich übergeben. Er wusste es, aber er musste sich ja vor dem Sprung Egg Benedict gönnen.
Und so waberten einige Bröckchen vor seinem Gesicht in die Toilettenvorrichtung des Seeker Class Transporters, der «Thirsty Thistle». Nicht viele waren auf der Toilette anzutreffen, denn das Personal hatte alle Hände voll zu tun, um die Thirsty Thistle abzukoppeln um schnellst möglich auf dem Planeten Wayside zu landen. An Bord waren unzählige Kisten, drei Mechs, Ersatzteile und ein Clan Elementar. Wie ein Alien aus einer anderen Zeit musste sich Jaqleen fühlen. Arthur hing mal wieder auf der Toilette, sie schwebte galant zu ihm rüber.

«War ein Ei schon wieder schlecht, frapos?»
«Nein Jaqleen, ich hab es dir schon einmal gesagt, ich vertrage diese vermaledeiten Sprünge nicht so gut wie andere.»
Arthur gab es auf, Jaqleen belehren zu wollen, dass ein weiblicher Elementar auf der Herrentoilette nichts zu suchen hätte. Ihm entfuhr ein kleiner Rülpser und ein saures Aufstossen machte sich bei ihm bemerkbar als er mit der rechten Hand sich am Bauch hielt. «Sorry», fügte er leise hinzu. «Warum bist du hier?»
Die Elementarin zuckte mit den Schultern, «Sie sind ziemlich schnell vor dem Sprung auf die Toilette geschwebt, da wollte ich nachsehen ob alles in Ordnung ist.»
« Du, du bist, ach, Snow, ich glaube manchmal machst du das extra, ich hab dir schon Tausendmal gesagt, dass du mich duzen sollst! Vielleicht können dir die anderen Claner von den Chevaliers das besser beibringen als ich.»
Die gross gewachsene, aber vergleichsweise schlanke Clannerin hob spöttisch eine Augenbraue. «Andere Clanner?, Muss das sein, Arthur? Was ist mit den anderen Einheiten, den Angry Eagles und der Planetaren Miliz?»
Arthur rollte genervt mit den Augen und erklärte zum gefühlten 10ten mal. «Also, Snow, noch einmal für Clan Elementar. Die Planetare Miliz besteht aus loyalen Draconiern. Einen Schotten akzeptieren die nie. Bei den Dracs gehören Söldner unter die unterste Schublade, zwischen Boden und Regal. Die Eagles haben einen Elementar Mix der dir niemals behagt, Ice Hellion, Burrock und ein paar Nova Katzen. Ich weiss ja nicht viel über die Clans, aber allen Aufzeichnungen zufolge sind die Geisterbären von Dantons Chevaliers noch am angenehmsten. Wegen deiner Vergangenheit mache ich mir keine Sorgen, sollten aber Jadefalken dabei sein, könnte die meine eher ein Problem darstellen.»


Wayside V, Dantonville
Decius-Cecilius-Metellus-Kaserne, Block 13: Stabsgebäude 1
02. April 3067, 19:30 Uhr

„Herein!“, rief die junge Eignerin der Chevaliers, froh über die Ablenkung. Auf ihrem Schreibtisch türmten sich Unterlagen jeglicher Art, durch die sie sich eigentlich durcharbeiten musste, aber irgendwie hatte sie heute darauf so gar keine Lust, die Versandbestätigung der Munitionsbestellungen musste sie, warum auch immer, gegenzeichnen. Sie hätte ihren Abend wirklich sinnvoller verbringen können, fand sie.
Nun öffnete sich zu ihrem Glück die Tür ihres Büros und Father John O’Hierlihy trat gemessenen Schrittes ein.
„Guten Abend, Father“, begrüßte sie ihn, noch bevor er etwas sagen konnte. „Was führt Sie zu mir?“
„Einen wunderschönen guten Abend, Jara“, antwortete der Geistliche lächelnd. „Hattest du schon Gelegenheit, über die Unterlagen zu schauen, die ich dir vorhin geschickt habe?“
Jara musterte den Seelsorger amüsiert. „Father, ich bin eine vielbeschäftigte Frau. Wie Hochwürden unschwer erkennen kann. Anderthalb Stunden sind nicht so wahnsinnig viel Zeit.“
„Du findest offensichtlich noch Zeit für Zerstreuung“, stellte O’Hierlihy mit einem Blick auf die Gitarre fest, die er Jara einst geschenkt hatte. „Hilft dir die Musik?“
„Ja, sehr. Es entspannt und beruhigt. Und mittlerweile bin ich auch nicht mehr völlig schlecht darin.“ Sie tippte ein wenig auf ihrem Bildschirm herum und öffnete die Unterlagen, die ihr Gegenüber ihr geschickt hatte. „Ein Mechkrieger und eine Elementar?“
„Mein guter Freund Father Banner vom C.M.Hospital hat sie wärmstens empfohlen“, beteuerte O'Hierlihy.
Jara sagte eine Weile nichts, sondern studierte die Dossiers, wobei sie gelegentlich skeptisch die Augenbrauen hob. Schliesslich löste sich ihr Blick von den Personalakten und richtete sich wieder auf den Father: „Ein Mechkrieger mit einer Vorstrafe wegen körperlicher Gewalt gegenüber einem vorgesetzten Offizier und eine Elementar mit dokumentierten Alkoholproblemen. Ihr Freund hat… interessante Vorstellungen von geeigneter Verstärkung.“
„Banner Reto ist ein Mann mit einem sehr feinen Gespür für Menschliches. Wenn er diese beiden empfiehlt, dann werden sie im Herzen gute Menschen sein. Ein jeder kann mal schwach werden in seinem Leben. Wichtig ist, dass man sich fangen kann.“
Jara winkte ab: „Wir sind keine Pfadfindertruppe, sondern eine Söldnereinheit. Und zu wählerisch dürfen wir ohnehin nicht sein. Wayside und die umliegenden Systeme sind leergefischt. Wer auch immer kämpfen möchte, ist entweder bei uns, den Eagles oder einer der Milizen untergekommen. Ausserdem hat dieser Mechkrieger Erfahrung mit Sprengstoffen, das spricht für ihn. Und eine Elementare… Nun, ich bin mir sicher, dass Rowan sich seine Leute zurechtbiegen kann. Zumindest was den Alkohol anbelangt werde ich ihn unter Umständen informieren müssen.“
Sie dachte einen Moment nach, tippte dann noch etwas auf ihrem Bildschirm herum und nickte langsam: „Wir machen es so, Father: Sie treffen sich mit den beiden und machen sich selber ein Bild von ihnen. Wenn Sie das Gefühl haben, die beiden sind integer, dann werden wir sie zu einem Bewerbungsgespräch mit Harry und mir einladen. Ich habe ihm die Dossiers gerade weitergeleitet. Und wenn das gut läuft, dann sehen wir weiter. Unsere leichteste Scoutlanze ist leider voll, aber vielleicht lässt sich irgendwas umbauen… wie dem auch sei, mehr als der übliche Mechkrieger mit Aufstiegschance zum Corporal wird für den Mechkrieger erst mal nicht drin sein. Zumindest geht aus den Unterlagen hervor dass er einen eigenen Mech hat. Da er vorher Sergeant Major war, ist es zwar eine Herabstufung, aber wie Sie wissen, kann sich das schnell ändern. Im Soldsystem ist der Sprung vom Corporal zum Master Sergeant schnell mal ausgeglichen durch die Zulagen. Beim Elementar wird es sicher schwieriger einen positiven Aspekt zu finden, da wir sie erst mal nur als PFC anwerben können. Die Schneerabenrüstung verfügt über eine Möglichkeit, im Raum eingesetzt zu werden. Na ja mal sehen was wir daraus machen können. Machen Sie den beiden also keine übergroßen Hoffnungen.“
Der Geistliche verneigte sich vor der Einheitseignerin und entgegnete in besänftigendem Ton: „Danke, Jara. Ich werde mich schnellstmöglich mit den beiden in Verbindung setzen. Ich kann ja mal abklären wie fest dieser Elementar noch am Alkohol hängt.“
Jara deutete ein Schulterzucken an: „Kein Grund zu danken. Noch habe ich niemanden eingestellt. Und wie gesagt das mit dem Alkohol, meine Güte, wenn das der einzige Makel ist. Beim Vorstellungsgespräch werden sicherlich Copycat, ich und Rowan dabei sein, sollten Sie grünes Licht geben. Die Akten scheinen sauber zu sein aber vielleicht lass ich die beiden noch vorgängig überprüfen. Sicher ist sicher. Darf ich Ihnen einen Tee anbieten, Father, denn ich denke für sämtliche Inhalte eines Flachmannes ist es für mich noch zu früh. Sonst kommt es noch vor, dass ich zu viel MG Munition bestelle.“
« Zu liebenswürdig, Jara, aber ich möchte die Eignerin der Chevaliers nicht über Gebühr beanspruchen.»

***

5 Stunden nach der Landung hatte Arthur eine Nachricht bekommen, dass sich der geistige Beistand der Einheit mit ihm und Snow treffen wollte. Nun gut. Banner hatte sie ja vorgewarnt, aber eine Bar war nicht gerade die Location für ein Bewerbungsgespräch. Auch Snow behagte das nicht und wollte erst nur in Ihrer Rüstung zu diesem Treffen. Arthur brauchte eine volle Stunde, um Jaqleen davon zu überzeugen, dass eine Clanrüstung in einem Söldnerschuppen nicht die entsprechende Kleidung war. Arthur machte sich noch im Landungsschiff bereit. Er würde vermutlich nicht die Zeit haben, eine Unterkunft zu suchen und sich dort umzuziehen. Belustigende Blicke und Spott prallten an ihm ab wie an der Panzerung eines Battlemechs, er war Schotte und verdammt stolz auf seine Herkunft. Auf dem Feldbett das ihre Kabine hatte, breitete er seinen Anzug aus, genauer gesagt seinen Kilt. Das weisse Hemd setzte sich leuchtend vom schwarzen Jackett ab. Die vier Knöpfe waren eher Zierde, denn der Anzug hatte einen sehr tiefen V Ausschnitt. An der linken Brustseite war die Brusttasche mit dem Tartan-Muster seines Clans verziert. Das Tartan-Muster wurde vom Kilt aufgegriffen und eine Art Schärpe vervollständigte das Bild.

Jaqleen schüttelte den Kopf, als Arthur sie fragte wie er aussehe. «Wie üblich, wie ein Truthahn auf dem Weg zum Metzger.» Für Jaqleen, die sich strickte weigerte ein Kleid anzuziehen, hatte Arthur auf Northwind einen schlichten Anzug mit zwei Knopfreihen gekauft. Das eisblaue Hemd mit Rüschen setze farblich die einzigen weiblichen Akzente, sofern dies bei einem 2 Meter grossen weiblichen Elementar überhaupt möglich war. Die schwarzen Bundfaltenhosen endeten in einem Paar hochglanzpolierten Kampfstiefel. Sie fand die Schuhe passend und andere wollte Sie sich nicht kaufen lassen. Der Anzug sei schon teuer genug gewesen, meinte Sie spöttisch, für die drei Anlässe die sie ihn bisher gebraucht hätte. Den Mech musste er am Raumhafen einstellen, ebenso wie die Elementarrüstung von Jaqleen, denn es war offenbar so Sitte hier, dass Mechs erst einmal in Verwahrung geführt wurden. Jaqleen behagte dies gar nicht und so musste sie zähneknirschend zusehen wie diese Spährer ihre Rüstung neben der Valkyrie von Arthur in einem Wellblechhangar einstellten, zwischen einem zerbeulten Orion und einem modernisierten Badger F Truppentransporter. Die Parkplätze waren auf dem grauen Betonboden gelb eingezeichnet worden. Die Einstellgebühren waren geradezu billig, wenn Arthur an andere Raumhäfen wie Galathea oder Outreach dachte. Im Gegensatz zu anderen Orten war diese Einstellhalle sogar überdacht und bewacht von einer privaten Sicherheitsfirma, die offensichtlich die Gunst des hiesigen Barons genoss.


Wayside V, Dantonville
Ausserhalb der Decius-Cecilius-Metellus-Kaserne,
Industriegebiet
03. April 3067, 03:15 Uhr

Dantonville Nord war als Industriegebiet noch im Entstehen. Die Straßen waren frisch geteert worden und alles was entlang der Straße erbaut worden ist, hatte noch den Geruch von frischem Baumaterial an sich. An einigen Fensterscheiben waren sogar noch die Aufkleber der Firmen zu sehen von denen die Fensterscheiben stammten. Der Angestellt der Bodencrew hatte ihnen ohne gross überlegen zu müssen den Weg gut beschreiben können. Die Bar Rocking Roughnecks V war zirca 7 Minuten zu Fuss vom Tor der Decius Cecilius Kaserne entfernt gewesen. Sie sollten von der rechten Torseite in die erste grössere Querstrasse nach rechts einbiegen in das Industriequartier, auf dieser dann vier Strassenkreuzungen abzählen und danach wieder links halten, In Richtung des Schlosses des Grafen gehen, das sehr gut sichbar sich am anderen Ende der Stadt erhob und danach die erste wieder links halten. Dort würde die Rocking Roughnecks, gegenüber eines China Fastfood Ladens gelegen sein.
Der Asia Laden, der in jeder Hinsicht das gängige Klischee erfüllte, war genau gegenüber dem gut besuchten Pub. Ein pompöses Holzbrett mit goldenem Zierrahmen und Roter Grund Goldene Chinesische Lettern prangerte über der Fassade. Durch das Schaufenster konnte man nicht hineinsehen. Lediglich eine schlichte Dekoration aus Holzzweigen und einem Bonsai war auf schwarzem Samt drapiert worden, eine aus Ton gefertigte Katze, dessen Tatze sich kontinuierlich bewegte, winkte jedem entgegen, der an der Türe verweilte. Gegenüber war die gesuchte Bar in einem Fachwerkhaus. Die schwarzen Holzbalken setzten sich farblich von dem Roten Backstein ab. Arthur musste Jaqleen von jedem Gebäude wegziehen, welches schon stand, denn sie war fasziniert von der architektonischen Vielfalt, die sich in diesem neuen Quartier bot. Steinerne Gebäude aller Epochen der Architektur versammelten sich neben gläsernen Türmen der terranischen Baukunst. Unterbrochen wurde eine Klinkerwand von Briefkästen und Telefoninstallationen, die Mehrheit jedoch waren abgesteckte Quadrate von tristem mit spärlichem Grün bewachsenen Brachland. Anscheinend war dieses Quartier gerade frisch aus dem Boden gestampft worden. Die Preise der Grundstücke waren eher unter dem Durchschnitt. Anscheinend betrieben drei größere Firmen den Verkauf der Grundstücke, denn die Werbungen auf den Tafeln suggerierten, dass die eine Firma offenbar seriöser war als die anderen beiden. Die Masten für die Telefonleitungen stützen sich an den Strassenbeleuchtungen, die kreuz und quer über die Straßen gespannt waren. Über dem Eingang mit den antiken schweren Türen prangte ein grimmiger glatzköpfiger Mensch auf einer Plakette. Wie es sich herausstellte war die Bar ein Treffpunkt für durstige und hungrige Chevaliers und in der Nähe der Kaserne, was Arthur etwas Hoffnung gab. Auf dem breiten Trottoir standen zwei Armeejeeps und ein mittlerer APC Truppenschweber ordentlich geparkt. Dies war wohl die gesuchte Bar. Vom dunklen Eingangsbereich mit schweren Vorhängen kam man in den Bereich, der einem Pub sehr nahe kam. Dunkel, düster und schäbig gehalten waren acht kreisrunde Tische, je vier zu den Seiten mit Infanteristen und Panzerfahrern der Chevaliers gefüllt. Alle unterhielten sich in gedämpfter Lautstärke. Als die beiden Probanden eintraten wurde es kurz still. Arthur hatte ein etwas beklemmendes Gefühl, dass die Infanteristen ihm nur zu gerne sein Glenngarry stutzen würden. Ein Irischstämmiger Infanterist bleckte seine Zähne und grinste ihnen entgegen, sagte aber nichts. Offenbar belustigt von Arthurs Kleidung pustete ein Panzerfahrer übertrieben fest den Schaum von seinem Bier.

Die Bedienung kam den beiden entgegen und fragte ob sie etwas essen mochten oder nur etwas trinken wollten. Höflich entgegnete Arthur, dass sie hier nur etwas trinken würden. Die Dame mit dem Namensschildchen, auf dem Peggy stand, geleitete die beiden Neuankömmlinge an die Bar im hinteren Teil. Der lange mächtige schwarze Tresen setzte sich farblich vom Boden ab. Auf der linken Seite standen einige Sofas im Halbkreis gegen die Bar gerichtet. Ein Billardtisch stand im hinteren Bereich und war der einzige gut beleuchtete Punkt. Das schummrige Licht wurde von Nebelschwaden billiger Zigaretten und teurer Zigarren teilweise gestreut. Der hintere Teil der Bar war bis auf die Bar eher karg eingerichtet. Vorne hatte man Akzente gesetzt, indem man Säulen mit goldener Farbe andeutete und die Wände rot gestrichen hatte. Nach hinten allerdings wurde das Rot eher ein Schwarz, nicht, dass es mal gebrannt hätte, aber der Wirt hatte wohl eine seltsame Auffassung von Innendekoration. Die kürzliche Überarbeitung war nicht gut kaschiert worden, denn dessen Parkett am Boden war vor wenigen Wochen frisch verlegt worden. Als sich Arthur an die Bar lehnte ging das Geplapper munter weiter. Hier und da erklangen Gabeln und aufheiternde Witze aus den Reihen der Infanterie. Arthurs Gesicht entspannte sich merklich und er lächelte sogar. Ein netter Schuppen. Der Laden wirkte nur etwas abgelebt, bei genauerem Hinblick jedoch bemerkte er, dass auch hier drinnen alles neu war.

Jaqleen hingegen fühlte sich deplatziert, ja sogar regelrecht, fehl am Platz. Ihr behagte dieses Etablissement gar nicht. Es kam ihr sowieso sehr komisch vor, dass ein Priester sie beide in eine Bar bestellen würde. Das Geschenk, das Reto Banner ihnen für den Einheitspriester mitgegeben hatte, war sowieso sehr speziell. Ein Apfelbranntwein von Argoyle 3, auf Terra hätte man diesem bernsteinfarbenen Likör Calvados gesagt, und eine hölzerne Kiste mit Zigarren fand Jaqleen nicht gerade passend für einen Priester. Beim Betrachten der Getränkeliste machten beide grosse Augen, Wasser war hier wohl ein Luxus, denn ein Glas Wasser war beim Whiskey aufgeführt und kostete fast das Dreifache des Alkoholischen Getränks. Arthur bestellte sich ein «ordinary Pint» und Jaqleen entschied sich für einen Kaffeeslushie, (was immer das auch war, gut zwei Drittel von all den Getränken auf der Karte die ihr der Barkeeper mit einem Knurren hingeworfen hatte, waren für sie fremd. Und bei den Preisen für einen Tee wurde ihr fast schummrig vor Augen. Wasser war hier wohl ein seltenes Luxusgut.).

Arthurs Pint waberte auf dem Tresen. Es war sehr ungewöhnlich anzusehen für Jaqleen, der weissliche Schaum perlte von unten nach oben aus der dunkeln Brühe heraus. Kaffee kannte sie schon, aber dieses Getränk war offensichtlich kalt, denn die gläserne Aussenseite beschlug sich. Der Kaffeeslushie wäre vermutlich ähnlich ausgefallen, hätte sie die Inhaltsstoffe genauer gelesen. Eine Kugel Vanilleeis wurde in ein ungewöhnlich hohes Glas gegeben, darauf drei Tassen Espresso Kaffee und ein guter Liter Milch verdünnte die ganze Mischung. Reichlich Sahne bedeckte diese eigenwillige Kreation. Schokostreusel und eine in Zucker eingelegte Kirsche versanken in dieser weißen Masse. Da die beiden ohnehin schon 10 Minuten zu früh waren, setzten Sie sich in die erste freie Couchgruppe. Der rote Stoff war sehr gepflegt und frisch. Arthurs Kilt verhinderte, dass er sich bequem nach hinten lehnen konnte während Jaqleen’s Körpergrösse es ihr erlaubte, sich ganz nach hinten zu lehnen.
Den weißen Schaum löffelte Jaqleen schnell weg, sie würde, nahm sie sich vor, das nächste Mal den Drink ohne den weissen Schaum bestellen. Den Kaffee so abgekühlt in dieser Milch mochte sie hingegen sehr. Nur die Eiskugel war ebenfalls gewöhnungsbedürftig.

Arthurs Blick wanderte durch sein Pint in die Vergangenheit, und er fühlte sich auf einmal nicht mehr so wohl. Das Sofa erinnerte ihn an die Sitzungen, die er bei Father Banner absolvieren musste. Weil er seinem Hauptmann eine geklebt hatte. Die Memme hatte es nicht besser verdient. Keine Mechs hieß es, nicht einmal eine Garnisonseinheit hätte den Planeten in der Hand. Der Befehl war kinderleicht geschrieben gewesen. Auf dem Planeten landen, das Alte Fort einnehmen, auf der dritten Etage die Karten klauen und anschliessend das Fort sprengen. Soweit die Theorie. Leider hatte man ihm wohl vergessen mitzuteilen, dass annähernd eine Kompanie Mechs auf dem Planeten war.
Erst als Jaqleen ihm einen kräftigen Schlag auf die rechte Schulter verpasste, merkte er, dass er im Gesicht pitschnass geworden war. «Au, Snow, hey, was soll das, du ungehobelter Elementar?», herrschte er sie an. Aus dem Ärmel fischte er sich ein Taschentuch und wischte das Gröbste aus dem Gesicht, er beugte sich leicht vor und nahm einen kräftigen Schluck vom Bier. «Ich war nur kurz in Gedanken.» rechtfertigte er sich.

Ihre kristallklaren Augen lenkten seine Blicke in Richtung des Eingangs, den ein älterer Herr in gepflegtem Anzug soeben betrat. Der oft getragene, aber doch nicht abgewetzte zweireihige Anzug war in dezentem schwarzgrün gehalten. Das etwas grössere in Silber gerahmte Kreuz zeigte in Emaille die Farben Irlands. Der altmodische Herr trug eine flache Tweed-Mütze, auf dem das Emblem der Dantons Chevaliers in schwarz/weiss eingestickt wurde. Statt des Degens zeigte die Maus das christliche Kreuz.

Respektvoll grüssten die Infanteristen und Panzerfahrer den ergrauten Mann Gottes. «Das muss wohl unser Mann sein», bestätigte Arthur die fragenden Augen von Jaqleen. O'Hierlihy bahnte sich den Weg durch die Infanteristen, hier und da hielt er einen kurzen Schwatz und schüttelte einige Hände. Der Father war bei einem Grossteil der Truppe recht beliebt. Zielstrebig steuerte der Father durch die Menschengruppe zum Sofa, wo sich Jaqleen und Arthur befanden. Mit einem kleinen Stopp an der Bar, wo er sich einen Whiskey bestellte, gelangte er schliesslich zu den beiden. «Guten Abend, gestatten Sie, dass ich mich zu Ihnen setze. Unschwer zu erkennen, dass ich von den Chevaliers bin. Ich bin Father O’Hierlihy, die geistige Stütze der Einheit. Major Fokker hat mich gebeten, Sie erst einmal näher in Augenschein zu nehmen. Und ich dachte, wir können uns in einer weniger formellen Atmosphäre treffen», stellte sich Father O'Hierlihy vor.

Arthur deutete auf den freien Hocker und entgegnete: «Bitte, setzen Sie sich doch, Father. Gesellschaft in einer unbekannten Gegend ist immer willkommen»
«Falls Sie nichts gegen einen alten irischen Priester haben.»
«Aber nicht doch, Father», entgegnete Arthur, und stark hörbar schwang sein schottischer Akzent mit. «Bitte seien Sie für heute Abend unser Gast. Dürfen wir Sie zum Abendessen überreden? Ein kleiner Mitternachtssnack bei der herrschenden Wärme draussen?»
Jaqleen wusste zwar, dass englisch sprachige Sphärer gerne mal über das Wetter miteinander debattierten, aber es war ihr noch immer befremdlich zumal beide mehr und mehr ins Gälische verfielen, über etwas zu reden, was man nicht beeinflussen konnte. Die nächsten 15 Minuten lauschte sie der Konversation von Arthur und dem Father, die beiden diskutierten die verschiedenen Wetterbedingungen und deren Auswirkung auf musikalische Instrumente. Obwohl er Söldner war, bemerkte Jaqleen, dass er gar keine Waffe bei sich trug. Sie beschränkte sich darauf, die Fragen, falls der Father welche an sie hatte, zu beantworten. Zuerst war aber Small Talk dran. Da konnte Sie sich raushalten. Sie nippte an Ihrem Kaffee, bis Sie diesen zur Hälfte geleert hatte. Die sphärische Disziplin über banales zu Reden verstand sie nicht wirklich. Schliesslich sprach O'Hierlihy Sie direkt an wenn auch auf eine für Sie sehr ungewöhnliche Art und Weise: «Meine Tochter, darf ich in Erfahrung bringen, was Sie trinken?»

«Entschuldigen Sie», gab Jaqleen verdutzt als Antwort, « Sie können nicht mein Vater sein, warum nennen Sie mich denn Ihre Tochter? Sind Sie in der genetischen Datenbank meines Clans, frapos?»
Arthur wandte ihr verdutzt den Kopf zu und verdrehte die Augen.
«Oh, nein ich vergaß, verzeihen Sie einem alten Dummkopf, Sie sind nicht mit den katholischen Gepflogenheiten vertraut. Priester nennen ihre gläubigen Schäfchen im Gespräch meist mein Sohn oder meine Tochter. Eine alberne Angewohnheit von mir. Entschuldigen Sie.»
«Ich verstehe», gab Jaqleen zurück. «Der Barkeeper nennt dieses Gebräu Kaffeeslushee, ein kühlendes koffeinhaltiges Getränk mit einer Ballung aus gefrorenem, nicht näher definierbarem Milchklumpen, ich wollte kein Alkoholisches Getränk zu mir nehmen, und diese Karte war mir fremd.»
« Trinken Sie kein oder keine Alkoholische Getränke, wenn die Frage erlaubt ist?», bohrte O'Hierlihy nach.

Besorgt sah Arthur zu ihr rüber, er wusste, dass so eine Frage kommen musste, auch wenn sie von einem ungewöhnlichen Interviewer kam.
«Ich bin das, was Ihr Spährer trocken nennt, das verdanke ich Arthur, bis auf ein Bier hier und da nehme ich keine Getränke mehr zu mir, die mehr Alkohol in sich haben.» «Das freut mich sehr zu hören, Ms. Schneerabe. Ich muss gestehen, dass Major Fokker diesen Punkt in Ihrer Akte sehr ernst genommen hat. Da Sie aber Unterstützung erfuhren von Mr. Mac Lain bin ich sehr beruhigt. Was mich zu einem weiteren Punkt bringt.» Er unterbrach sich selbst, um einen grossen Schluck des Whiskeys zu sich zu nehmen. «Mr Mac Lain, ich muss Sie leider ebenfalls auf einen wunden Punkt ansprechen. In Ihrer Akte steht leider, dass Sie einen höheren Offizier geschlagen hatten. Dürfte ich erfahren warum und wie es dazu kam?»

Arthur seufzte hörbar. Father Banner hatte ihn darauf vorbereitet und auch gewarnt, dass man ihn darauf ansprechen würde. «Father, leider muss ich gestehen, ich würde es wieder machen. Ich habe meinem Kompaniekommandeur den Kiefer gebrochen, weil er uns mit falschen Informationen bezüglich der Lage des Planeten versorgt hat, auf dem wir, ein Teil der 2nd Kearny Highlanders, eine Kommandooperation mit Mechs durchführen mussten. Unsere Aufgabe bestand darin, einen Bunker der planetaren Miliz auszuräumen und sämtliche Unterlagen zu bergen. Anschliessend sollten wir den Bunker sprengen und sämtliche Beweise vernichten. Leider liefen unsere Einheit, bestehend aus 3 Mechlanzen und APC Hoover mit Pionieren in unerwartet heftigen Widerstand. Unsere Verluste bezifferten sich auf alle Mechs einige starben grausame Tode, darunter auch meine künftige Verlobte. Diejenigen, Glücklichen, die überlebten gingen in Gefangenschaft. Und der Kompaniekommandeur besass die Frechheit in seinem Bericht die Verluste als unbedeutend zu deklarieren. Da habe ich ihm nach meiner Flucht darauf angesprochen. Meine Rettung war nicht geplant gewesen ich sei nur Beifang. Da habe ich ihm eine geklebt. Dass ich so hart zugeschlagen hatte, bis der Kiefer brach war mir im ersten Augenblick nicht bewusst.»

Betretenes Schweigen senkte sich über die drei. Gewiss, es war falsch, einen Menschen zu schlagen, andererseits, wenn ¾ der Lanze vernichtet wurde war das alles andere als unbedeutend. Das erkannte auch der Father.
Nach einer gefühlten Ewigkeit nahm der Father das Gespräch wieder auf. «Sie, Ms. Schneerabe, haben Sie Ihre Rüstung noch?»
«Pos», bejahte die Clannerin in gewohnter Manier. Daraufhin verlor der Father kurz den Faden. Arthur führte das Gespräch aber weiter, indem er aufstand und dem Father einen weiteren Whiskey offerierte und einwarf, dass er seinen Jägermech beim Gefecht zwar verloren hatte, er aber nun eine modifizierte Valkyrie besass. Der Jägermech war seit dem ersten Sternenbund in Familienbesitz weitergereicht worden und auf Galathea modernisiert worden. Die Maschine hatte treue Dienste geleistet und sein Onkel sei darin gefallen. Da sein Vater diese Tradition nicht fortführen wollte, hatte sich Arthur gemeldet und den Mech geerbt. Er sei jetzt aber wie gesagt noch nicht sehr vertraut mit dem 30-Tonner und müsse sich erst mal mit dem Mech anfreunden.
Inzwischen war die Zeit schon fortgeschritten und der Father erlaubte sich ein herzhaftes Gähnen, als er den beiden eine neue Runde an Getränken auftischte. Arthur blieb bei einem Pint Guinness, er selbst gönnte sich einen Barrett Mixdrink (Jamesson Whiskey Amaretto und Galliano werden in einem Shaker im Verhältnis 4:1:1 gut geschüttelt bis der Shaker aussen anzufrieren beginnt, danach in ein Old Fasioned Glas abgesiebt und mit einem Spritzer Zitrone garniert), das wohl das am meisten georderte Getränk in dieser Bar, denn auf der Karte konnte Jaqleen einen Barrett nicht finden. Der Clannerin setzte er einen Shirley Temple vor, mit der Bemerkung, dass dieser Drink kein Alkohol enthielt. «So nebenbei bemerkt, wo gedenken Sie zu nächtigen?», fragte der Father und setzte sich zu den beiden.

Arthur und Jaqleen zuckten mit den Schultern. Darüber hatten Sie noch gar nicht nachgedacht. «Lassen wir das. Ich kümmere mich darum, ich denke ich überschreite nicht meine Kompetenzen, wenn ich Sie in die Gästeunterkunft auf dem Stützpunkt unterbringe.»
« Ehe ich es vergesse», entgegnete Arthur, «Father Banner lässt sie schön grüßen und hofft, Sie in drei Jahren auf Highland treffen zu können. Er schickt Ihnen zwei Geschenke, zum einen eine Flasche Pommeau de la Normandie von Terra, zum anderen eine 20er Kiste Montecristo Aniversario Zigarren.»
«Oh, ich bin entzückt, ganz hin und weg», entgegnete der Father als er die beiden schlicht verpackten Kistchen entgegennahm. Er strahlte dabei als ob seine Lieblingsmannschaft, Galway, beim Planetaren Hurling den Sieg davon getragen hätte. Terranischer Pommeau war hier draußen sehr rar und fast unmöglich zu beziehen. Banner hatte es irgendwie geschafft. Er müsste dringend mal mit ihm über seine Kontakte sprechen, vielleicht könnte er Banners Kontakte auch zu Gunsten der Chevaliers nutzen. Er würde das mal mit Danton besprechen, bei einer Flasche Whiskey aus Dantons Beständen, verstünde sich.

Er holte aus seiner Jackeninnentasche ein kleines schwarzes Büchlein heraus und kritzelte sich seine Gedanken auf. Als er die verstohlen fragenden Blicke von Jaqleen entdeckte, erklärte er ihr, dass er als alter Mann manchmal eine Gedächtnisstütze brauchte. «Kommen wir zum offizielleren Teil von heute Abend. Die Bedenken, die mir Major Fokker aufgetragen hatte genauer zu untersuchen, kann ich getrost negieren, Sie sind zwar nicht angestellt bei den Chevaliers aber ich kann Ihnen vielleicht schon ein Vorstellungstermin einräumen lassen für morgen, eehh, Entschuldigung für heute», berichtigte sich Father O`Hierlihy als er die Uhr an der Wand konsultierte. «Ich schau mal wer vom Stab noch wach ist. Entschuldigen Sie mich einen Augenblick.»
Langsam zog er sein Datapad hervor und suchte nach aktiven Komm-Verbindungen. Anscheinend war Corporal Michelle Laage noch wach und im Büro, also erkundigte er sich bei ihr, ob Ms. Fokker und Sergeant Rowan Geisterbär am Tage verfügbar waren für ein Interview mit den beiden Probanden. Erfreut registrierte er den Termin.

Damit die beiden am Tor zur Kaserne nicht aufgehalten würden schrieb er auch noch eine kurze Nachricht an Lt. Colonel Juliette Harris und informierte diese, dass in der Baracke 3, dem Gästehaus, zwei potenzielle neue Mitglieder des Chevaliers auf unbestimmte Zeit einzogen. Harris würde es gar nicht mögen, wenn O'Hierlihy das Wort „unbestimmt“ benutzen würde, aber was nicht absehbar war, war nun mal nicht absehbar.

__________________
Verrückt, aber noch lange kein Professor.

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Verdachtsmomente II

Ende April 3067, Sulafat, Shimatze-Verwaltungszone, Provinz Kamikawa, die Stadt Nayoro,

Der Morgen zog klar herauf, und eine frische Brise von der See hatte die Regenwolken, den lastenden Mief und Dunst der Stadt mit ihren anderthalb Millionen Einwohnern ins Landesinnere getrieben. Die junge Frau, die auf dem kleinen Balkon im fünften Stock stand und hastig eine Tasse schwarzen Kaffees durch ein Stück Würfelzucker einschlürfte, wusste, dass sie sich nicht nur wegen des Wetterumschwungs glücklich schätzen konnte. Sie wohnte in einer der besseren Wohnlagen, einer Siedlung aus sechs- bis achtstöckigen Apartmentblocks, gelegen auf einer Hügelkette. Die Häuser waren stabil, die Kanalisation im besten Zustand, Polizei und private Sicherheitskräfte präsent aber unauffällig. Hier wohnten Staatsbeamte, einheimische und außerplanetarische höher qualifizierte Fachkräfte sowie Manager mittleren Ranges der großen Biotech-Konzerne, die Sulafats Reichtum verwerteten.

Was und wer man war, ließ sich auf Sulafat oft am Wohnort ablesen. Die Elite lebte entweder in hermetisch abgeriegelten Anwesen außerhalb der Städte, oder in gut gesicherten und bestens eingerichteten Apartments in Hochhaustürmen in der Innenstand. Die Mittelschicht wohnte - wie die junge Frau - in Vororten wie diesem, mitunter auch in weitflächigen Komplexen von Einfamilienhäusern. Platz gab es auf der Welt ja genug, nur ließen sich große Gebäude viel besser und effizienter gegen die Naturgewalten sichern, die auf Sulafat ein konstantes Problem waren.
Danach kamen die Mietskasernen - meistens halbwegs stabil, oft in einem Ring um den Stadtkern gelegen. Sie waren oft in relativer Nähe der Fabriken und Docks angeordnet, in der die Bewohner arbeiteten. Strom- und Fernwärmeversorgung funktionierten hier meistens, außer bei wirklich heftigen Stürmen, und die Polizei und Nachbarschaftswachen sorgten dafür, dass sich die Kriminalität in einem erträglichen Rahmen hielt. Hier wohnte, wer sich noch so halbwegs akzeptabel über Wasser hielt, auch wenn man keine größeren Reserven hatte. Ladenbesitzer, Handwerker, Vorarbeiter und dergleichen, Leute, die zumeist eine mehrjährige Schulbildung oder Berufsausbildung hinter sich hatten.
Und dann gab es noch die weiträumigen Viertel der Leute, die Pech gehabt hatten - oder schon seit Generationen ,unten' feststeckten, mit wenig Hoffnung, sich in dieser oder einer kommenden Generation emporzuarbeiten. Erntehelfer, ungelerntes Personal in den Fabriken und Docks, Gelegenheitsarbeiter, und all die halb- und illegalen Gestalten, die zu jeder Gesellschaft gehörten. Hier gab es normalerweise nicht einmal Schilder mit Straßennamen. Die Bewohner konnten sie sowieso nicht lesen, da sie - wie viele Einwohner des Kombinats - Analphabeten waren. Diejenigen, die lesen konnten, gingen nicht in diese Gegenden, jedenfalls gaben sie das nicht gerne zu.
Sulafats neue Herren hatten einigen der Einwohner der Unterschichtviertel einen Ausweg offeriert. Haus Odaga unterhielt eine Anzahl öffentlicher Schulen. Es waren bei weitem nicht genügend für alle Kinder oder Erwachsenen, und die vermittelten Inhalte legten auf Patriotismus und Gehorsam großen Wert. Doch so mancher hatte sich so für eine bessere Arbeit oder Aufstiegschancen im Staatsdienst qualifizieren können. Haus Shimatze folgte einem geringfügig anderen Pfad und erlaubte den örtlichen akzeptierten Glaubensgemeinschaften, Schulen unter strikter staatlicher Aufsicht zu unterhalten, behielt es sich aber ebenfalls vor, den Rahm unter den Abgängern für die Beamtenschaft und Streitkräfte abzuschöpfen.
Aber man hatte trotz aller Fortschritte oft das Gefühl, auf jeden, der erfolgreich eine Chance auf Aufstieg ergriff, kamen zehn oder mehr, die es nicht schafften. Die Gesellschaft des Kombinats war nun einmal nicht sehr durchlässig, und nicht einmal aufgeklärte Herrscher wie die neuen Herren Sulafats wollten oder konnten daran wirklich etwas ändern.
Die Elendsviertel - meist heruntergekommene Mehrstöcker, viel öfter aber einstöckige Gebäude aus Fertigmaterialien - lagen traditionell in den schlechtesten Gegenden. Dort, wo der Rauch der Fabriken schwer in der Luft lag und Boden und Wasser vergiftete, oder in der Nähe des Flusses und der größeren Kanäle. Alle großen Städte Sulafats lagen an der Küste, stets im Mündungsbereich eines Flusses - denn Wasserwege spielten für die Ausbeutung des Binnenlandes eine große Rolle. Und Kanäle und Seitenarme erleichtern den Transport großer Materialmengen in den Städten. Bei den Wetterkapriolen Sulafats freilich drohten in unregelmäßigen Abständen Überschwemmungen und Sturmfluten. Die Armenviertel waren es dann auch, die als erste versanken. Deshalb meinte "nahe am Wasser gebaut" auf Sulafat auch etwas anderes, als auf anderen Welten. Hier stand es für "unsichere Investition" oder "eine riskante Situation". Kriminalität, Krankheiten und Fehlernährung sowie sporadische Gefechte zwischen Terroristen und den Sicherheitskräften verkürzte das Leben der Bewohner erheblich, die Kindersterblichkeit war besonders hoch. Und manche Kinder, vor allem die, die früh verwaist wurden, erwartete ein Schicksal, dass etliche als schlimmer als den Tod bezeichnet hätten.

Liv Solberg, so hieß die junge Frau, hatte inzwischen ihr Frühstück beendet, bestehend aus einem aufgebackenem Fladenbrot mit geräuchertem Lamm sowie einer Schale mit magerem Frischkäse, angereichert mit Mus aus einer einheimischen Pflanze. Die Versorgung mit pflanzlichen Lebensmitteln gehörte zu den Dingen, die auf Sulafat noch am besten funktionierte. Wenige Minuten später war sie schon unterwegs zu ihrem Arbeitsplatz.
Wie schon der Name und ihr Speiseplan verriet, stammte sie von rasalhagischen Siedlern ab, obwohl unter ihren Vorfahren auch Vertreter anderer Ethnien waren. Sie war hochgewachsen, von kräftiger Statur, mit einem schmalen Gesicht, weißblonden mittellangen Haaren und blassblauen Augen. In der im Vergleich zu vielen anderen Kombinatswelten sehr gemischten Bevölkerung Sulafats fiel sie auf der Straße nicht sonderlich auf.
Die Art und Weise, mit der sie zur Arbeit auf dem Hiromichi Shinohara Raumflughafen reiste, DEM Hauptein- und Ausfalltor für kommerziellen und zivilen Raum- und Luftverkehr aus Sulafat, wäre einigen Besuchern von einem anderen Planeten hingegen schon etwas merkwürdig erschienen. Sie nahm nicht etwa ein Bodenfahrzeug oder einen Schweber, ob im Privatbesitz, als Taxi oder öffentliches Verkehrsmittel. Auch keine Schienenbahn, oder vielleicht ein Wassertaxi. Nein, Liv Solberg ÜBERQUERTE die tiefer liegenden schlechteren Viertel wortwörtlich - in einer Seilbahngondel. Diese Art des Transportes hatte unbestreitbar ihre Vorteile. Der Straßenverkehr in Nayoro krankte etwas an den zahlreichen Brücken, die immer wieder geöffnet werden mussten, um größere Schiffe durchzulassen, und stets als Nadelöhr für den Verkehr fungierten. Und wenn schlechtes Wetter herrschte, soffen etliche Straßenverbindungen regelmäßig ab. Eine U-Bahn ließ sich wegen der hohen Bodenfeuchtigkeit und regelmäßigen katastrophalen Regenfällen nur schwer realisieren. Die Schienenwege schließlich hatten nicht den besten Ruf, was Gewaltkriminalität anging. Die Seilbahn funktionierte nur bei schweren Stürmen nicht, und die Gondeln waren rund um die Uhr videoüberwacht. Allerdings kostete die Fahrt auch ein Mehrfaches eines Straßenbahntickets. Dafür sparte die Seilbahn Stationen in den ärmeren Vierteln fast völlig aus. Mit gut 60 km/h Reisegeschwindigkeit und einer Transportkapazität von etwas mehr als 8.000 Personen pro Stunde und Strecke war sie eher etwas für die gehobene Mittelschicht.

Jedenfalls hatte es unstreitbar seine Vorteile, auf diese Art und Weise zu reisen. Allein der Ausblick an einem klaren Tag wie diesem war unbezahlbar - das Gewimmel der Straßen, weit unter ihr, startende Luftfahrzeuge an ihrem Ziel, die man schon von weitem sah, die tiefblaue See, wie sie gegen das Ufer brandete, und schließlich die ein- und auslaufenden Schiffe. All das ergab ein beeindruckendes Panorama. Nicht nur Fischerboote und Transportschiffe oder die Vergnügungsjachten der kleinen Oberschicht waren zu erkennen. Mit etwas Glück konnte man auch einen Blick auf Sulafats Seestreitkräfte erhaschen, die in Nayoro einen Stützpunkt unterhielten. Liv war im Laufe der Zeit gewissermaßen zu einer richtigen Expertin geworden, wenn es darum ging, Kriegsschiffe zu identifizieren. Ein Mädchen brauchte eben ein Hobby...

Die Flotte der planetaren Streitkräfte setzte vor allem drei Schiffstypen zusammen und war wie die gesamten Streitkräfte relativ gleichmäßig zwischen den beiden Protektoratshäusern aufgeteilt.
Da waren zunächst die Manazuro-Tragflächenboote, ein recht häufiger Anblick, denn sie standen permanent im Einsatz. Der Name bedeutete Kranich, und die 25-Tonnen-Schiffe konnten mit einer Höchstgeschwindigkeit von über 85 Knoten tatsächlich förmlich über das Wasser fliegen. Bewaffnet mit Maschinengewehren und entweder zwei LSR 5er- oder einer Blitz-KSR 4er-Lafette waren sie in der Lage, zusätzlich zur Crew einen kleinen Trupp Infanterie mitzuführen. Versehen mit einer moderaten Panzerung, übernahmen sie zumeist Patrouillenaufgaben.
Ihre größeren, behäbigen Brüder, die Tsunami-Kanonenboote, waren Verwandte der bekannten Kriegsschiffe vom Typ Monitor. Sie führten entweder zwei überschwere Kanonen oder vier schwere Langstreckenraketenwerfer in einem drehbaren Gefechtsturm, dazu kamen zwei Blitz KSR-2 zur Nahbereichsabwehr. In der Sulafat-Variante waren sie hochseetauglich, verfügten über ausfahrbare Ballastkiele und Ausleger zur Stabilisierung und konnten ebenfalls Marineinfanteristen befördern. Schiffe diesen Typs wurden für explizite Kampfeinsätze verwendet, denn mit knapp 30 Knoten waren sie für "blinde" Patrouillefahrten etwas langsam. Flachgängig und schwer gepanzert, kontrollierten sie die Flussläufe wie die besiedelten Inseln im flachen Meer von Sulafat - keine Rebellengruppe hatte eine Chance gegen zwei oder mehr dieser 75-Tonnen-Kolosse.

Am eindrucksvollsten, und leider nur selten zu sehen, waren die legendenumwitterten Shinyo, was soviel wie Seebeben bedeutete. Ein Laie hätte diese auf Sulafat entwickelten und hergestellten U-Boote, schlanke Haie, die über wie unter Wasser knapp 30 Knoten erreichen konnten, für Verwandte der von Haus Davion entworfenen Neptun-Klasse gehalten, obwohl sie tatsächlich einiges älter waren. Wie ihre jüngeren Verwandten verfügten sie über einem kombinierten Diesel- und Wasserstoffperoxid-Antrieb und konnten in Tiefen von über 200 Metern operieren. Bei ihrer Einführung gegen Ende des Ersten Nachfolgekrieges hatten sie jedoch eine ganz andere Aufgabe als die Neptuns gehabt. Während diese vor allem unterseeische Kommando-/Kommunikations-Zentralen vor feindlichen Battlemechs schützen sollten, hatte Haus Imagawa die auch für den Export gedachten Unterseeboote von Anfang an für den strategischen Einsatz konstruiert.
Das Hauptproblem bei einer planetaren Invasion war stets, dass der Angreifer Startbahnen für Luft/Raumjäger im Normalfall in den ersten Stunden einer Invasion ausschaltete. Die Verteidiger mussten meist mit feindlicher Luftüberlegenheit fertig werden, was Gegenangriffe deutlich erschwerte. Das schloss die zu dieser Zeit noch intensiv eingesetzten Massenvernichtungswaffen ein, deren Trägersysteme oft ebenfalls schnell ausgeschaltet wurden, zumindest jenseits rein taktischer Einheiten. Die Shinyo waren eine mögliche Antwort, um ein mobiles Zweitschlagspotential zu bewahren, auch wenn der Gegner die Luftherrschaft behauptete.

Die Boote verfügten zusätzlich anders als ihre Verwandten über ausgeklügelte Sensoren, die es sogar erlaubten, in Tauchfahrt autonome Sonar- und andere Sensorstationen abzuwerfen und ihr Input aus sicherer Entfernung passiv auszuwerten. So konnten sie auch recht effektiv zur Seeraumüberwachung eingesetzt werden. Dazu kam genug Platz für einen kleinen Kommandotrupp Marinesoldaten, die Guerillaaktionen zu initiieren vermochten. Die Bewaffnung bestand aus einem 20er LSR-Torpedowerfer zum Angriff auf Schiffsziele, versehen mit reichlich Munition. Dazu kam ein Arrow-IV Raketenwerfer mit 15 Geschossen. Das U-Boot konnte binnen zwei Minuten auftauchen, ein halbes Dutzend Marschflugkörper abfeuern und wieder in der Tiefe des Meeres verschwinden - um das selbe Spiel Stunden oder Tage später ganz woanders zu wiederholen. Was die Schiffe noch gefährlicher machte war der Umstand, dass ihre Marschflugkörper auch ABC-waffentauglich waren. So lange sie einsatzbereit blieben, gab es für feindliche Truppen in Küstennähe keine wirkliche Sicherheit vor einem vernichtenden Angriff. Um die Einsatzdauer zu verbessern, sah die Imagawa-Gefechtsdoktrin vor, für die U-Boote geheime Operationsbasen zu schaffen, und zusätzlich jeweils drei Gefechts-U-Boote durch ein Versorgungstauchboot zu ergänzen. Diese verfügten zwar nur über eine auf einem Turm platzierte 10er Torpedo-LSR-Lafette und einen konventionelle Blitz-KSR-4 oder KSR-6-Werfer für den Überwassereinsatz, beide mit geringem Munitionsvorrat. Aber die Schiffe konnten 20 Tonnen Fracht mitführen, genügend Material, um ihre Schwesterschiffe aufzumunitionieren - und nötigenfalls auch einen Zug Infanterie in den Einsatz bringen. Eine planetare Verteidigungsstreitmacht sollte üblicherweise aus mindestens neun Kampf- und drei Versorgungsbooten bestehen und war im Stande, jeden planetaren Angriff deutlich zu erschweren.
Der technische Verfall im Zuge der Nachfolgekriege hatte die U-Boot-Flotte der Imagawa verkümmern lassen, ohne dass jemals - glücklicherweise - für Sulafat der Ernstfall eingetreten war. Die Modelle waren zudem anders als gehofft nie ein echter Exportschlager geworden. Die Militärdoktrin des Kombinats war eher auf Angriff als Verteidigung ausgerichtet, und irgendwann gab es weder einsatzbereite Arrow-IV-Raketenwerfer, geschweige denn ausreichend verfügbare ABC-Sprengköpfe, deren Einsatz zudem zunehmend abgelehnt wurde. Man hatte auf den auf Sulafat und einigen anderen Welten noch vorhandenen U-Booten die Arrow-IV durch zwei konventionelle LSR-15 ersetzt, die immerhin gewisse Wirkung gegen Landziele versprachen, doch damit konnten die Boote nicht viel mehr tun als Feuerüberfälle auf sehr küstennahe Ziele auszuführen. Sinnvoll auf einer Welt wie Sulafat, wo alle wichtigen Siedlungen und die meisten Transportwege in Wassernähe lagen, aber der Effekt für das Kampfgeschehen war doch recht begrenzt.
Erst die technische Renaissance der letzten Jahre hatte die Unterseeboote wieder aufgewertet und ihnen zu alter Kampfkraft verholfen. Die augenblickliche Stärke der Flotte auf Sulafat - vier Kampf- und wohl auch ein Versorgungsboot - war zwar weit entfernt von alter Herrlichkeit, aber eine Drohung für jeden Invasor. Vor allem, da es hartnäckige und niemals bestätigte, aber auch nicht aufrichtig dementierte Gerüchte gab, Haus Imagawa habe über all die Jahre ein paar alte und sehr spezielle Marschflugkörper einsatzbereit gehalten, die inzwischen unter seinen Erben aufgeteilt worden wären...

Liv hatte inzwischen ihr Ziel erreicht. Von der Seilbahnstation brachte sie eine kurze Fahrt mit einem Zubringershuttle zum Sicherheitsbereich des Raumflughafens.
In ihrem Wohnblock war sie als gute Mieterin bekannt. Sie machte nie Lärm, war höflich und hilfsbereit - fütterte die Katze einer Nachbarin, brachte einem schon gebrechlichem Pensionär den Müll heraus oder half auch einmal bei der Kinderbetreuung einer Familie im Erdgeschoss. All diese Menschen wussten, dass die junge Frau als IT-Expertin für die Verwaltung arbeitete, wie ja die meisten Einwohner der Siedlung im Sold der Shimatze standen, die Nayoro und die ganze Provinz regierten. Was sie NICHT wussten war, dass alles eine Lüge war. Liv Solberg war Gunsho des KeihMkyoku, des Polizeibüros. Auf einer Welt wie Sulafat hielt man so einen Beruf besser geheim, auch vor anderen Menschen, die für die Regierung arbeiteten. Die versprengten Terroristengruppen waren seit Jahren stark geschwächt, doch verschwunden waren sie nicht. Und sie kannten keinen Pardon mit jenen, die sie als Verräter sahen. Es hatte in den letzten Jahren immer mal wieder Mordanschläge gegeben, und etliche davon waren nur möglich gewesen, weil die Aufständischen Spione in Regierungsorganisationen oder Wohnsiedlungen wie die in der Liv wohnte eingeschleust hatten.
Liv war keine Anfängerin, und sie war auf einer Welt aufgewachsen, die sich in latentem Ausnahmezustand befand. Sie erinnerte sich noch an den großen Aufstand - damals war sie noch ein Kind gewesen - und auch an die blutigen Monate und Jahre, die folgten. Sie hatte sich für eine Seite entschieden und hatte nach der Ausbildung auf der Polizeiakademie zwei Jahre Streifendienst geschoben. Was mehr als einmal beinhaltet hatte, in schwerer Panzerung und mit Tränengas, Schild und Schockstock oder Sonarschocker Demonstranten auseinander zu treiben, wenn etwa die Werftarbeiter wieder einmal streikten. Sie hatte nach einer weiterführende Ausbildung auf Numki zwei weitere Jahre in der Kriminalabteilung von Nayoro gearbeitet. Danach hatte man sie in die ,Fremdenverkehrabteilung' auf dem Hiromichi Shinohara Raumflughafen versetzt, dem wichtigsten in Shimatze-Gebiet. Manche hätten das sicher als Abstieg betrachtet, auch wenn sie die zweite Geige in ihrer Schicht spielte. Aber das waren in Livs Augen entweder Idealisten oder Adrenalinjunkies. Sie wurde gut bezahlt, hatte geregelte Arbeitszeiten und die Gefahr, in die Luft gesprengt oder erschossen zu werden war zwar vorhanden, aber überschaubar. Verbrechen aufklären mochte gut für das Ego sein und war in intellektueller Hinsicht mitunter herausfordernd. Viele Kriminelle waren freilich unerfreulich dumme und simple Gestalten, und ihre Taten ebenso erbärmlich wie ihr psychologischer Hintergrund. Ob ein leitender Angestellter einer medizinischen Forschungseinrichtung seinen untreuen Liebhaber erschoss oder ein analphabetischer Erntehelfer seine achtjährige Tochter zu Tode prügelte, das war ja nun wirklich kein großer Unterschied. Gier, ob nach Geld, macht oder der Befriedigung anderer Gelüste sowie mangelnde Selbstbeherrschung erklärten die Mehrzahl aller Verbrechen, und irgendwann schlug einem das wirklich auf den Magen.

Auf ihrem jetzigen Posten trug sie eine hohe Verantwortung, wie Tai-i Yasua Tajima, ihr unmittelbarer Vorgesetzter, nie müde wurde zu betonen. Es ging dabei zum einen darum, wer nach Sulafat ein- oder ausreiste. Die Überprüfung der Passagiere war nichts, was man unterschätzen durfte. Manchmal versuchten gesuchte Kriminelle - ob ihre Verbrechen politischer Natur waren oder nicht - die Welt zu verlassen. Und es war mitunter vorgekommen, dass Wirtschaftsspione oder Unruhestifter von anderen Welten Sulafat einen Besuch abgestattet hatten.
Vor allem aber ging es um das, was Reisende dabei mit sich führten, und zwar in beide Richtungen. Eine Welt, die wertvolle und dabei oft leicht zu transportierende Produkte herstellte wie Sulafat mit seiner Biotech- und Pharmazieindustrie, hatte konstante Probleme mit Schmuggel. Sowohl materiellem als auch dem von Wissen. Gerade kürzlich war ein größerer Schmugglerring ausgehoben worden, auch wenn ein Großteil des Ausfuhr über andere Raumflughäfen gelaufen war. Livs ehemaligen Kollegen von der Kriminalabteilung - wie auch die Verhörspezialisten - machten immer noch Überstunden, um dieses Übel und seine lokalen Triebe in Nayoro bei der Wurzel auszureißen. Und alle heruntergefallenen Früchte zu zertrampeln. Und die umliegende Erde zu verbrennen. Und Salz auf das Areal zu säen, auf dem dieses Unkraut gewuchert war, und...
Der andauernde Guerillakrieg im Hinterland bedeutete wiederum, dass es genug Leute gab, die im Gegenzug Überpreise für eingeführtes Militärmaterial zahlten. Sprengstoff, Waffen, Nachtsichtgeräte, Körperpanzer...die Liste war endlos.
Die Waffengesetzte auf Sulafat waren denn auch seit jeher drakonisch, und das war ein Punkt, an dem die neuen Herrscher nichts geändert hatten. Um Sprengstoff, militärtaugliche Sensoren und Panzerung oder auch nur eine Waffe zu besitzen - angefangen von einer simplen Pistole - waren nachvollziehbare und überzeugende Gründe von Nöten und eine umfassende Überprüfung zu bestehen. Und selbst danach musste man in unregelmäßigen aber geringen Abständen Rapport erstatten, und jeder Verlust war unverzüglich anzuzeigen. Angesichts der recht gefährlichen Fauna und beachtlichen Kriminalitätsrate in den Randgebieten und Slums war das Waffenverbot alles andere als populär, aber die Gerichte gewährten keinen Pardon bei Übertretungen. Einzige Konzession war eine recht laxe Gesetzgebung was archaische Projektilwaffen wie Bögen und Armbrüste, Nahkampfwaffen unterhalb von Vibroklingen und Monodraht und nichttödliche Schusswaffen mit geringer Reichweite wie Schreckschuss- und Reizgaspistolen und dergleichen oder Pfefferspray in einer großen Variantenbreite betraf.

Binnen kürzester Zeit nach ihrer Ankunft hatte sich Liv von einer harmlosen Zivilistin in eine unterschwellig drohende Erscheinung verwandelt, was natürlich voll beabsichtigt war. Die Uniform der "zivilen" Polizei in ihrem olivgrünen Farbton war für sich bedrohlich genug, denn der darunter getragene Körperpanzer ließ Liv einiges kräftiger erscheinen, also sie ohnehin schon war. Dass sie neben einem Sonarschocker und einem Betäubungsschlagstock offen eine Nambu-Pistole trug, unterstrich die nur dürftig verdeckte Drohung auf einer Welt wie Sulafat mit ihren strengen Waffengesetzen noch.
Doch wirklich gefürchtet waren auf Sulafat weniger die zivilen Polizisten als vor allem die Angehörige der Kempeitai. Die Kempei kamen oft an Brennpunkten zum Einsatz, bei der Jagd auf schwer bewaffnete Banditen und Terroristen, und eine kleine Abteilung war auch auf dem Raumhafen stationiert, auch wenn sie im normalen Betrieb wenig Präsenz zeigten. Sie waren durch die Bank weg gründlich ausgebildet, gut bezahlt und nach Leistung und Loyalität ausgewählt und befördert. Kempei trugen neben Schockern und Pistolen stets auch eine Langwaffe, meistens ein Gewehr, eine Schrotflinte, einen Nadler oder ein weitreichendes Lasergewehr. Salvenwaffen waren bei ihnen selten - wenn sie schossen, dann nicht um den Gegner in Deckung zu zwingen, sondern gezielt, um zu töten. Haus Odaga und Shimatze hatten die gesetzlichen Regeln wann genau der Feuerwaffeneinsatz legitim war verschärft und die Kempeitai zugunsten der "zivilen" Polizei personell und in Bezug auf ihre Kompetenzen etwas geschwächt. Aber sie hatten dem Tiger nicht die Zähne gezogen, ihn nur an eine etwas kürzere, festere Leine gelegt. Und wenn er losgelassen wurde...

Livs Hauptaufgabe war die Aufsicht über die startenden und landenden Landungsschiffe, weniger der konventionelle planetare Luftverkehr. Das brachte besondere Herausforderungen mit sich. Da die wenigsten Welten kontinuierlich von Sprungschiffen angeflogen wurden, gab es oft recht wenig zu tun, außer Fracht für künftige Transporte in Lagerhallen zu schaffen - und sicherzugehen, dass nicht irgendjemand etwas nach der Erstüberprüfung hineinschmuggelte, sei es Konterbande oder eine Bombe. Richtig kritisch wurde es, wenn dann doch mal ein Sprungschiff das Sulafat-System erreichte, was im Schnitt etwa zwei bis dreimal die Woche passierte, manchmal kam auch mehr als eines gleichzeitig an. Dann konnte es schon mal passieren, dass drei, vier, hin und wieder auch sechs Landungsschiffe, jedes deutlich größer als ein ausgewachsenes Hochhaus, abgefertigt werden mussten, ihre Be- und Entladung beaufsichtigt. Wenigstens konnte man sich immer schon im Voraus darauf einstellen, was kam, denn die Transitzeit zwischen Sprungpunkt und Planeten verhinderte unliebsame Überraschungen, zumindest was die Zahl und Typ der Schiffe anging.
Für heute waren immerhin drei Landungsschiffe angemeldet, alles Frachter vom Maultier-Typ. Das bedeutete eine Menge Arbeit, denn obwohl Gründlichkeit vorging, wollte man ja den Betrieb nicht zu lange aufhalten. Sulafat profitierte erheblich vom Handel mit anderen Systemen, auch wenn es in Bezug auf Lebensmittel, Wasser und die meisten grundlegenden Industriegüter weitestgehend unabhängig war. Damit die Durchsuchung nicht zu lange dauerte, musste man drei Teams bilden, die die Neuankömmlinge gründlich mit Scannern von oben bis unten durchsuchten. Es war üblich, die Zusammensetzung der Team in unregelmäßigen Abständen zu ändern, damit sich keine Seilschaften herausbildeten, die durch Gruppenzwang leichter zu korrumpieren waren oder sich blind auf die Fähigkeiten des anderen verließen.
Die Fracht würde nach dem Ausladen gesondert durch parallele Schleusen laufen, auf denen man sie nach Sprengstoffen und anderer Konterbande scannen würde. Wenigstens gab es in einer Hinsicht Entwarnung - nur einer der Lander war partiell für den Personentransport umgerüstet worden. Passagiere und ihr Handgepäck zu überprüfen war immer mit zusätzlichem Aufwand verbunden. Liv kannte den Frachter, die Hakudo Maru. Sie war gewissermaßen ein alter Bekannter und verkehrte seit vielen Jahren zwischen Sulafat, Numki, Darius, Arkab und Baldur. Ihr Name - gewählt nach der Gottheit, welche die Menschen auf den japanischen Inseln einst gelehrt hatte, Schiffe zu bauen - war vielleicht etwas hochtrabend gewählt, aber Raumfahrer waren nun einmal ein abergläubisches - und zu Aufschneiderei neigendes - Völkchen...
Es war ein beeindruckender Anblick, als die drei nahezu identischen Kugelraumer in dichter Folge mit gerade ausreichend Sicherheitsabstand zueinander durch die Atmosphäre rasten. Dieser relativ enge Verbandsflug kam nicht von ungefähr, denn die letzten Zwischenfälle im Grenzgebiet zwischen dem Kombinat und den Müllgeburt-Besatzern hatten die Nervosität der zweifellos Kapitäne erhöht. Auch auf Sulafat herrschte erhöhte Alarmbereitschaft. Es war nicht zu übersehen, dass sich die planetare Luftabwehr wie die Bodentruppen und die Marine für mögliche Angriffe vorbereiteten. Landungsschiffe - besonders so vergleichsweise leicht bewaffnete wie die Maultier-Klasse - waren nun einmal lohnende Ziele.
Langsam senkten sich die Schiffe auf die vom Feuer zahlloser Landungen und Starts geschwärzten Landeflächen. Sie hatten kaum aufgesetzt, da schwärmten Livs Untergebene bereits aus.

anderthalb Stunden später

Die Polizeiunteroffizierin hatte ein höfliches Lächeln aufgesetzt - nicht ganz passend zu ihrem martialischem Auftreten - während sie die Kontrolle der Befragung der Passagiere der Hakudo Maru zu Ende brachte. Bisher war alles gut gelaufen. Keine Streitereien mit Crews, denen die Abfertigung zu langsam ging, keine technischen Probleme und - soweit sie das feststellen konnte - auch keine bemerkenswerten Funde von Konterbande. Einige private Waffen waren registriert und eingezogen worden, falls der Besitzer nicht gute Gründe nennen und hohe Gebühren bezahlen konnte. Liv selber war mit ihrer Arbeit ebenfalls beinahe fertig.
Im Moment überprüfte sie gerade zwei Reisende. Die Frau, die offenbar das Sagen hatte, war eine recht auffällige Erscheinung. Sie trug maßgeschneiderte wenn auch dezente Geschäftskleidung. Mittelgroß, mit grauen Augen, fiel einem besonders ihr flammend rotes Haar ins Auge, dass sie in Zöpfe geflochten und hochgesteckt trug. Sie trat selbstsicher auf, während ihr Begleiter, ein stämmiger und gut durchtrainierter, kleingewachsener Mann mit nachlässiger Rasur und kahlgeschorenen Kopf, offenkundig so etwas wie ihr Bodyguard war. Er hatte anstandslos einen Handlaser abgeliefert, trug aber weiterhin seinen Set Ablativ/Ballistikpanzerung und war mit einem Betäubungsschlagstock und einem Crowdbuster bewaffnet.
"Doktor Jelena Oparina aus der Konföderation Capella, Seuchenexpertin vom Planeten Victoria...und Alexej Jegorow, Sian, Personenschützer. Sie sind hier, um Forschungsmaterial für die Forschung beziehungsweise Testmedikamente für die Adaption an Krankheiten auf capellanische Welten zu erwerben."
Die Frau nickte knapp. Sie trat nicht arrogant auf, war sich offenbar ihres Wertes bewusst. Sie sprach Englisch mit einem nicht zu überhörbaren kehligen Akzent, modulierte die Worte aber sehr sorgfältig: "Wie Sie meiner Akkreditierung entnehmen können, ist mein Besuch von meiner wie ihrer Regierung genehmigt. Da Ihr Planet leider für ansteckende Krankheiten bekannt ist, scheint er uns ein guter Ausgangspunkt für Forschungen. Die Zusammenarbeit mit dem Magistrat hat die Konföderation..." Sie lächelte schwach: "Verzeihen Sie, Officer, meine Begeisterung geht etwas mit mir durch. Wir leben in aufregenden Zeiten, und ich bin stolz, meinen Beitrag zu leisten."
Liv ging ein paar Routinefragen mit der Doktorin durch. Wie lange würden sie voraussichtlich bleiben, was waren genau ihre Absichten, wie viel Geld führten sie mit sich... Das selbe Spielchen mit ihrem Begleiter war wesentlich mühseliger - er antwortete zwar, ließ sich aber jedes Wort aus der Nase ziehen. Doch irgend etwas an den beiden irritierte Liv.

Es war nicht ihr Anliegen. Sulafat war in der Tat wenn schon nicht ein Magnet, so doch ein gern besuchtes Ziel für Personen mit ähnlichem Anliegen. Der Planet war niemals vom Feuer der Nachfolgekriege verbrannt worden wie so viele andere Welten. Da bereits zu Sternenbundzeiten die einheimischen Rohstoffe zumindest teilweise vor Ort verarbeitet und genutzt worden waren, waren Chemie, Pharmazie, Biotechnologie und Medizin erstaunlich hoch entwickelt für eine Welt dieser Größe. Der springende Punkt war freilich, dass man sich diese Produkte und die Dienste erst einmal leisten können musste. Deshalb kamen mitunter Besucher aus weit entfernten Teilen der FIS, ja mitunter sogar noch darüber hinaus. Liv dachte heute noch mit stillem Vergnügen an den Besuch einer Delegation des Magistrats Canopus. Es war schwer zu sagen gewesen, wer bei der Visite dieser freigeistigen und vielleicht ein wenig hedonistischen und selbstbewussten "Amazonen" den größeren Kulturschock erlebt hatte - die matriarchalisch erzogenen Peripheriebewohnerinnen oder die leicht xenophoben und an männliche Führungsrollen gewöhnten kuritanischen Ärzte und Manager. Sulafat war jedenfalls für einen Arzt, namentlich für einen Seuchenspezialisten, eine Reise wert. Er musste nur aufpassen, dass er nicht selber zum Wirt für seiner Textobjekte wurde.
Allerdings hatten Außenwelter meisten genug Geld oder Unterstützung. Wer dazu nicht in der Lage war - und das galt für die die meisten Einwohner - litt oft schwer unter all den Krankheiten und Parasiten, die die Welt zu bieten hatte. Jedem Neuankömmling stand für eine überschaubare Summe eine grundlegende Basisversorgung zur Verfügung. Diese lieferte Antibiotika und Virostatika beziehungsweise eine Impfung gegen einige weit verbreitete Krankheiten. Das bot einen halbwegs verlässlichen grundlegenden Schutz für einen Aufenthalt in den Städten. Doch je länger man auf Sulafat blieb, und je weiter man sich ins Hinterland oder die schlechteren Viertel vorwagte, desto wahrscheinlicher war es, dass man sich einen Parasiten oder Erreger einfing, gegen den das Basispaket nichts half. Und auch ohne eine Reise in Risikogebiete konnte man sich mit etwas Pech eine gefährliche Infektion oder hartnäckige Parasiten einhandeln. VIP's, Staatsbeamte und reiche Besucher konnten natürlich maßgeschneiderte Erweiterungen des Basispaketes erhalten oder kaufen, doch wer nicht im Auftrag der Shimatze oder Odaga handelte, musste dazu tief in die Tasche greifen. Liv war nicht überrascht zu erfahren, dass die Ärztin sich vorsorglich schon vor ihrer Ankunft mit einem Deluxe-Paket versorgt hatte, wie sie auf Schiffen die Sulafat anflogen verkauft wurden, auch dies zum Wohle des einheimischen Säckels. Sogar der Bodyguard hatte eine umfassende Ausstattung erhalten.

Nein, was sie irritierte, war etwas anderes. Und eine kleine Weile später, als sie mit ihrem Kommandanten sprach, konnte sie ihren Bedenken auch einen Namen geben. Sie hatte die beiden unter einem Vorwand zu warten gebeten - glücklicherweise waren die gesetzlichen Bestimmungen auf Sulafat so flexibel, dass man eine Ein- wie Ausreise je nach Wunsch fast beliebig abkürzen wie in die Länge ziehen konnte.
Tai-i Yasua Tajima war ein grauhaariger hagerer Mann, hochgewachsen, mit einer Brille, die ihn vielleicht etwas schusselig hätte erscheinen lassen - aber den Fehler machten nur die bedauernswerten Kreaturen, die ihn nicht kannten. Er war in Ehren ergraut, hatte erst den Imagawa und dann den neuen Herren gedient. Er hatte es vom einfachem Rekruten bis zum hochdekorierten Offizier gebracht, eine Leistung, die in der hierarchischen Gesellschaft des Kombinats nicht vielen glückte. Glücklicherweise hatte er auf dieser Ochsentour gelernt, Untergebene nicht nur als Fußabstreifer und Dienstboten zu behandeln, sondern sich ihre Ideen anzuhören. Und seine Geduld war legendär: "Die Papiere unserer Gäste sind in Ordnung, sie haben keine Konterbande bei sich - jedenfalls keine, die sie nicht angemeldet haben. Ihre Handfeuerwaffe haben sie anstandslos in Obhut der Polizei gegeben, sie führen nicht mehr Geld in kuritanischer oder Com-Star-Währung oder ausländischen Valuta mit, als angegeben und nötig...also was stört Sie?"
Liv trommelte nervös mit den Fingern, während sie ihre Gedanken ordnete: "Mir ist etwas aufgefallen, als ich mit ihnen gesprochen habe. Sie sprechen beide Englisch, aber mit einem Akzent."
"Das ist nicht ungewöhnlich. Englisch ist ja nicht die Amtssprache der Konföderation. Bei dem Namen und der Herkunft vermute ich, dass sie russische Vorfahren haben, und das ist trotz der Grenzverschiebungen unserer Freunde nichts ungewöhnliches. Auch wenn der Kanzler gerne so tut, als hätten die Vorfahren seiner Untertanen ALLE diesseits der Großen Mauer gelebt." Die Konföderation Capella genoss im Kombinat einen deutlich besseren Ruf als etwa Steiner oder Davion, nicht zuletzt weil man im Vierten Nachfolgekrieg zusammengearbeitet hatte und keine gemeinsame Grenze besaß, folglich auch so gut wie nie aneinander geraten war.
"Natürlich. Mir ist nur aufgefallen...sie haben den gleichen Akzent. Und ich meine, GANZ GENAU den gleichen. Ist das nicht ungewöhnlich für Leute, die aus ganz unterschiedlichen Gesellschaftsschichten kommen, und von weit entfernten Planeten der Konföderation? Akzente bilden sich heraus durch den Einfluss anderer Idiome, wie viele Menschen auf einem Planeten welche Sprache sprechen und wie sehr dass ihre Aussprache prägt, wie bestimmte Buchstaben lokal betont werden. Das merkt man schon hier auf Sulafat. Die Leute in einer Region mit stärkeren skandinavischen Wurzeln reden anders als die in einer die, sagen wir, arabisch oder südostasisch geprägt wurde, auch wenn sie die GLEICHE Sprache sprechen. Die beiden aber klingen, als hätten sie den selben Lehrer gehabt. Die Konföderation ist nicht so sozial...wohl geordnet...wie unsere geliebte Heimat, aber ein egalitäres Chaos ist sie auch nicht."

Der Tai-i schien sich das Gehörte durch den Kopf gehen zu lassen: "Interessanter Punkt. Aber wessen verdächtigen Sie die beiden? Natürlich ist Industriespionage immer ein Problem, aber Doktor Oparina soll eigentlich keinen Zugang zu Bereichen und Informationen bekommen, die ohnehin für den Vertrieb gedacht sind. Und wenn es Hochstapler wären, die einige unser Ärzte übers Ohr hauen wollen, es wäre schwer, das zu beweisen."
"Ja. Ich dachte nur...das mag jetzt furchtbar paranoid klingen...aber wir wissen doch, dass die dreckigen Müllgeburten nicht wenige Personen mit russischen Vorfahren in ihren Reihen haben. Ihr verdammte HEIMATWELT hat einen russischen Namen. Und wir wissen, dass der Clanabschaum im Moment sehr gut geplante Überfälle im Distrikt durchführt, gerade gegen die Welten unserer Schutzmächte. Überfälle, die Vorausplanung und vor allem Erkundung brauchen. Könnte es sein, dass die zwei damit etwas zu tun haben, und vielleicht einen Angriff auf Sulafat vorbereiten wollen? Eine unserer Biotechanlagen wäre ein lohnendes Ziel."
Ihr Vorgesetzter kicherte: "Ich habe ja meine Zweifel, dass ein Claner das Wort Seuchenkontrolle auch nur buchstabieren kann. Dass die Müllgeburten spionieren steht außer Zweifel, aber sie gehen dabei bisher nicht sonderlich raffiniert vor. Ich glaube nicht, dass wir eine Weiterentwicklung ausgerechnet auf unserer doch eher unwichtigen Welt erleben. Vor allem, um erfolgreich als Wissenschaftlerin durchzugehen, muss man eine sein. Sie wissen ja, wie sehr die Krieger der Claner ihre nichtkämpfenden Mitglieder verachten. Glauben Sie, die würden so jemanden auf eine Spionagemission schicken, oder sich mit derart niederem Wissen verseuchen? Das ist, als wenn man einen Mechkrieger im Garten buddeln lässt."
Liv lachte schallend: "Wenn es für den rausgeschmissenen Prinzen der Vereinigten Sonnen gut genug ist..." Das brachte ihr einen säuerlichen Blick ein. Prinz Victor gehörte im Kombinat nicht wirklich zu geschätzten Personen, wozu schon die Umstände seiner Zeugung beitrugen. Niemand hatte vergessen, dass die Hochzeit seiner Eltern der Auftakt zum Überfall auf das Kombinat und die Konföderation gewesen war. Und viele Kuritaner verabscheuten den Prinzen wegen der abstoßenden, wenn auch absolut unglaubwürdigen Gerüchte, die ihn mit der verblichenen Omi Kurita in Verbindung brachten.
"Sehr witzig. Aber Spaß beiseite, es KLINGT unwahrscheinlich..."
Liv senkte den Blick, hob ihn aber gleich wieder, als ihr Vorgesetzter fortfuhr: "Doch unwahrscheinlich ist nicht gleichbedeutend mit unmöglich. Ich denke, es kann nicht schaden, genauer hinzuschauen. Ich werde weiter oben Meldung machen, damit man die Unterlagen der beiden genauer unter die Lupe nimmt. Sie müssen ihre Besuch ja vorbereitet haben. Und wenn es in der Kommunikation, in den Anträgen und dergleichen einen Hinweis gibt...

Noch einmal eine Stunde später

Mit einem unterdrückten Seufzer blickte Liv dem sich entfernenden Shuttlebus hinterher. Sie hatte das Gefühl, dass sie sich zur Närrin gemacht hatte. Die Antwort auf die Anfrage ihres Vorgesetzten war relativ zügig gekommen, und sie war eindeutig ausgefallen. Der Tai-i hatte es sich nicht nehmen lassen, sowohl den Kempeitai als auch die Tokko zu benachrichtigen, aber beide Stellen hatten übereinstimmend geantwortet - was an und für sich schon bemerkenswert war. Offenkundig waren die beide Capellaner schon vor ihrer Ankunft gründlich überprüft worden. Der Kommunikationsverkehr und die Unterlagen zu ihrem Besuch hatten auch bei einem zweiten, dritten und vierten Blick keinen Grund zu Beanstandung gegeben, und so war die Anweisung gekommen, sie einreisen zu lassen. Vermutlich hatte ihr Besuch einigen wirtschaftlichen Wert, und die Polizei von Sulafat war gehalten, dem Treiben der Biotechkonzerne möglichst nicht in die Quere zu kommen.
Der einzige Trost war, dass Tai-i Tajima sich vor sie gestellt hatte - und die Capellaner hatten sich nicht bewert, dass man sie hatte warten lassen. Ja, ihr Vorgesetzter hatte sie sogar - wenngleich zurückhaltend - gelobt. Es sei besser, auf Nummer sicher zu gehen. Lieber fünfmal Ärger riskieren, als einmal die falsche Person oder die falsche Fracht hinein- oder herauszulassen, waren seine Worte gewesen.
Mit diesem tröstlichen Gedanken hakte die junge Polizistin die Sache ab. Es gab ohnehin genug zu tun. Die drei Landungsschiffe mussten natürlich wieder beladen werden, und das bedeutete mindestens einen, wenn nicht zwei Tage angestrengte Arbeit. Und dann standen ja schon die nächsten Landungen an...

Drei Stunden darauf, Außenbezirke von Nayoro

Die Frau, die als Jelena Oparina nach Sulafat eingereist war, hatte in der Vergangenheit schon etliche andere Namen geführt. Langsam wurde es schwer, alle im Kopf zu behalten. Der Name, mit dem man sie im letzten Jahr zumeist angesprochen hatte - Kitsune - war gewisslich nicht der, auf den sie bei ihrer Geburt getauft worden war. Nun, wenn sie ehrlich war, sie mochte ihn trotzdem, einfach weil er ein gewisses...Flair hatte.
Sie erlaubte sich erst in dem Moment ein vorsichtiges Aufatmen, als sich die Tür des "sicheren Hauses" hinter ihr schloss. Andererseits, das Aufatmen konnte sich natürlich auch auf die feuchte, dezent nach Fäulnis riechende Luft beziehen, die ihr vom ersten Moment auf diesem Planeten in die Nase gestiegen war. Die hatte aber auch einen Vorteil, denn sie lieferte zusammen mit den grassierenden Infektionskrankheiten eine gute Ausrede, im Freien zumeist eine simple Gesichtsmaske zu tragen, die es schwer machte, jemanden zu identifizieren. Noch ein paar Veränderungen an der Kleidung und etwas Haar- und Hauttönung...und niemand würde sie wiedererkennen, wenn sie das nächste Mal auf der Straße unterwegs war.
Ihr neues Zuhause war ein etwas heruntergekommenes aber geräumiges Apartment mit angeschlossenem Büro über einer offenkundig geschlossenen Werkstatt. Wenn erst alle da waren, würde es etwas eng werden, aber daran war sie gewöhnt.
Es hatte in den letzten Stunden Momente gegeben, vor allem gleich nach der Landung, da hatte sie geargwöhnt, etwas würde richtig, RICHTIG schief gehen. Diese blonde, hochgewachsene Zolloffizierin mit ihren kritischen Augen hatte ihr gar nicht gefallen, und dass die Erlaubnis zur Einreise erst mit einiger Verzögerung erteilt wurde, hatte sämtliche Alarmglocken schrillen lassen. Doch glücklicherweise hatten sich ihre Befürchtungen dann doch nicht bewahrheitet. Sie und Zwerg hatten nach dem Verlassen des Raumflughafens wie Schießhunde aufgepasst, ob man ihnen eine "Klette angehängt" hatte, hatten das ganze Spektrum zum Aufspüren und anschließenden Abschütteln eines Beschattungsteams durchgespielt, mehrfach das Transportmittel gewechselt und sogar unauffällig die Ausrüstung und Kleidung auf Wanzen und Sender überprüft - beruhigender weise ohne Ergebnis.
Ein wenig nervös war sie dennoch, auch wenn Gefahr für Leib und Leben nichts neues für sie war. Aber auch wenn sie selber seit Jahren im Metier der Nachrichtendienste tätig war, planetare Infiltration gehörte nicht zu ihren üblichen Aufgaben. Sie war aus ganz anderen Gründen für diese Mission, diese Truppe ausgewählt worden. Sie war Ärztin, Psychologin - keine ausgebildete Einsatzagentin. Es war eine angenehme Überraschung gewesen, mit wie viel Wertschätzung man ihr dennoch bei ihrer neuen Einheit begegnete. Das hatte sie in der Vergangenheit auch ganz anders erlebt. Sie hatte eine Weile gebraucht um zu kapieren, dass gerade der XO der Kampfgruppe ein ganz spezifisches Interesse an ihr hatte, das über ihre normale Arbeit hinausging. Bedauerlicherweise konnte er sehr überzeugend sein, wenn er es darauf anlegte. Aber irgendwie hatten sie sich alle kompromittiert, nur einige eben deutlich mehr als andere.
Nun ja, und nun war sie hier, wieder einmal mit einer Aufgabe, die nun rein gar nicht ihrer üblichen Jobbeschreibung entsprach. Aber wenn sie etwas gelernt hatte, dann sich anzupassen.

Sie fing einen Blick ihres Begleiters auf, der eine Runde durch das Gebäude gedreht hatte. Kitsune ging davon aus, dass die anderen Mitglieder der Gruppe - die in den nächsten Tagen zu ihnen stoßen würden - ein ähnliches Ritual absolvieren würden. In diesem Metier nahm man nichts für gegeben hin und überprüfte alles doppelt und dreifach, gleichgültig ob die eigenen Kollegen dies bereits getan hatten. Fehler konnten tödlich sein. Dies galt um so mehr, da vermutlich NIEMAND im Einsatzteam wusste, wer ihr gegenwärtiges Nest eigentlich vorbereitet hatte. Agenten waren von Natur aus misstrauisch - aber manchmal musste man eben seinen Befehlen folgen.
Sogar mit ihrer begrenzten Erfahrung als verdeckt operierende Agentin war Kitsune klar, dass die Operationsbasis mit sehr viel Sorgfalt und Verstand ausgesucht worden war. Es war nicht sicher, dass sie tatsächlich hier in der Stadt arbeiten würden, und es mochte noch ein Problem werden, wenn sie Teile der Ausrüstung verlagern mussten, aber sie besaßen in jedem Fall eine gut ausgebaute Zentrale.
Das Gebäude stach optisch nicht hervor. Es war stabil und geräumig, wenn auch nicht sonderlich wohnlich, was die Gefahr von Schäden durch Umwelteinflüsse minimierte. Die Gegend war nicht die beste, aber kein völliger Slum - eben eine Ecke, wo jeder sich um seine eigenen Probleme kümmerte. Kitsune hatte in den umliegenden Straßen keine Gangzeichen gesehen, was bedeutete, dass die Gefahr einer Schutzgelderpressung oder eines gezielten Überfalls durch die örtliche kriminelle Szene vermutlich überschaubar war. Man durfte nur nicht nachlässig werden...
Als ehemalige Werkstatt verfügte das Gebäude über Sonnenkollektoren und einen Dieselgenerator, die auch in Notfällen Strom lieferten - alles gebrauchtes, älteres Material, das nicht auffiel, aber offenbar gut in Schuss gehalten wurde. Neben dem Eingang gab es nach hinten einen vermüllten Hof, der als Notausgang genutzt werden konnte. Links und rechts lagen spärlich genutzte Lagerhäuser, so dass man auch nicht mit neugierigen Nachbarn zu rechnen hatte. Und man hatte ihr mitgeteilt, dass es einen Zugang zur Kanalisation gab, der für äußerste Notfälle einen Ausweg bot. Wenn es nicht gerade Strippen regnete, denn dann ersoff man wahrscheinlich wie eine Ratte. Mehr noch, das Gebäude verfügte über eine Anzahl gut getarnte Miniaturkameras mit Ausblick in alle Richtungen, die eine ungesehene Annäherung praktisch unmöglich machten. Eine leistungsfähige Funkanlage stand zur Verfügung, ebenso wie eine kleine aber gut sortierte medizinische Station. Ein robuster Computer enthielt zweifellos umfangreiches Kartenmaterial und Hintergrundinformationen zu Sulafat - den Städten, vermutlich sogar zu einzelnen Gebäuden, die als wahrscheinliche Ziele galten. Und schließlich gab es einige Fahrzeuge - zwei viersitzige zivile Jeeps und drei zweisitzige Jetschlitten. Nichts von all der Hardware war neu, aber alles schien zu funktionieren. Wovon ihr Team sich in den nächsten Tagen natürlich sicherheitshalber selbst überzeugen würde-

Dazu kam ein breites Spektrum an mobilen Hilfsmitteln für die Operation. Es gab einen größeren Bargeldvorrat in kuritanischen Münzen und Scheinen, eine reichhaltige Sammlung einheimischer Kleidung, Kletter- und Einbruchswerkzeug, Kommunikations-, Überwachungs- und Spionageausrüstung...
Und Waffen, eine Menge Waffen. Zunächst legale - Klingen, Stöcke und Schockwaffen, Tränengaswaffen, sogar zwei Armbrüste. Dann eine gut sortierte Sammlung verdeckt zu tragender Miniatur-Handfeuerwaffen - Hold-Out-Pistolen, Laser, Nadler und dergleichen mehr. "Richtige" Waffen gab es vergleichsweise wenige. Das hatte auch gute Gründe, denn dergleichen konnte man auf Sulafat nur mit großer Vorsicht transportieren. Es war klar, dass ihre Einheit hier Unterstützung hatte, welcher Art auch immer diese war. Aber wenn sie mit einer nicht lizensierten Pistole in eine Polizeikontrolle liefen, waren sie zweifellos in GROßEN Schwierigkeiten.
Aber immerhin gab es einige Automatik- und Laserpistolen, allesamt für Kommandoeinsätze modifiziert, ähnlich wie zwei Maschinenpistolen und zwei leichte Laserkarabiner. Und schließlich zwei massive Schrotflinten und zwei weitreichende Präzisionsjagdgewehre sowie ein einzelner Granatwerfer. Reichlich Munition und Energiezellen rundeten das Arsenal ab. Und auch hier galt, dass die Waffen sämtlich nicht neu, aber in gutem Zustand waren.
War all dies schon ausreichend, um jedes Terroristenherz höher schlagen zu lassen, so bildete der Rest der Ausrüstung gewissermaßen das Sahnehäubchen. In Sachen Sprengstoffe war nun wirklich kaum ein Wunsch offen gelassen worden, zumindest wenn man nicht von einer 50-Kilo-Autobombe träumte. Aber mit dieser Ausstattung würden sie sich so eine selber basteln können, falls nötig.
Da lagen Micro-, Mini- und Standartgranaten und ein breites Spektrum an selbstgebastelten oder militärischen Sprengsätzen, von der leichten Splittersprengladung bis hin zu zwei ausgewachsenen Panzerminen, ergänzt durch einige spezielle...Geschenke...die offenbar direkt für Kitsune zusammengestellt worden waren. Wer immer die Wunschliste zusammengestellt und abgearbeitet hatte, er oder sie meinte es offenbar ernst.
Die Agentin musste ein Grinsen unterdrücken, als sie sah, wie ihr Begleiter die Ausrüstung musterte. Er hatte zweifellos schon mit besserem, neuerem Material gearbeitet, aber die Sorgfalt mit der diese Sammlung zusammengestellt war, schien selbst ihn halbwegs zufrieden zu stellen. Es blieb nur zu hoffen, dass dies auch für den Rest des Team zutraf. Sobald sie ankamen - hoffentlich ging bei ihnen ebenfalls alles glatt - würde die eigentliche Arbeit beginnen. Kitsune wusste noch nicht, wann genau und wo genau sie zuschlagen würden. Aber sie hatte ein ziemlich gutes Gefühl, dass ihre Ziele sie nicht würden kommen sehen, bis es viel zu spät war.

Ende

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Thorsten Kerensky
Colonel


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Wayside V, Dantonville
Decius-Cecilius-Metellus-Kaserne, Block 13: Büro der Einheitseignerin
03. April 3067, 10:50 Uhr

Jara sah auf, als Harrison Copeland ihr Büro betrat. Natürlich durch die Tür, die nur die allerwenigsten Besucher benutzten, weil sie direkt vom Korridor in den Raum führte und nicht vom Vorzimmer abging. Copeland hatte sich dadurch den Smalltalk mit ihrer Adjutantin erspart – und die Gelegenheit schon ein Getränk zu bekommen. Sie warf ihm ein freundliches Lächeln zu. „Harry, wie wunderschön, dass du die Zeit gefunden hast. Kaffee oder Tee?“
Der kommandierende Offizier der Chevaliers ließ sich von der guten Laune anstecken und erwiderte das Lächeln: „Tee, danke. Einen schwarzen, wenn es geht, aber nicht zu stark. Ich habe schon meine Tagesration Kaffee getrunken.“
Während Jara nach ihrer Adjutantin und Vorzimmerdame rief, wandte Copeland sich an den zweiten Chevalier, der mit seinem massigen Körper einen der Sessel in der bequemen Sitzgruppe mehr als nur ausfüllte. Sergeant Rowan Geisterbär war lange genug bei der Söldnereinheit, um erstens sitzen zu bleiben und zweitens nur einen mäßig korrekten Salut anzudeuten: „Guten Morgen, Colonel Copeland, Sir.“
„Guten Morgen, Sergeant. Ich sehe, sie trinken ebenfalls Tee? Ich hätte ja etwas Stärkeres erwartet.“
Der Elementar zuckte mit den Schultern, eine bei ihm recht beeindruckende Geste: „Nichts für ungut, aber Corporal Laage kocht einen exzellenten Tee. Und ich kann wenigstens so tun, als würde ich mich gesund ernähren.“
Eben jene Michelle Laage betrat das Büro und salutierte von ihrem höchsten Vorgesetzten. „Guten Morgen, Sir. Ma’am, was kann ich für sie tun?“
„Sie können dem Colonel einen schwarzen Tee bringen. Einen milden. Oh… und sie wurden für ihren Tee gerade eben gelobt. Zurecht, wie ich finde. Sie können sich also nach eigenem Ermessen geehrt fühlen.“
„Danke, Ma’am.“
„Danken Sie dem Sergeant“, zwinkerte Jara. „Wenn Sie dem Colonel seinen Tee gebracht haben, dann schließen Sie doch bitte die Verbindungstür hinter sich und sehen Sie nach, ob unsere Bewerber schon warten.“
„Natürlich, Ma’am. Soll ich sie schon reinschicken?“
„Noch nicht. Warten Sie damit bitte bis… fünf Minuten nach elf.“
Der Corporal nickte und verschwand im angrenzenden Vorzimmer, um den Tee aufzubrühen.
„Wollen wir gleich mit Verspätung beginnen?“, fragte Copeland irritiert.
„Halte ich für sinnvoll. Hast du dir die Akten angesehen?“
„Nur überflogen“, gab der ranghöchste Offizier der Einheit zu.
„Die beiden sind von einem ganz speziellen Kaliber. Ich bin mit Sergeant Rowan übereingekommen, dass wir ruhig von Anfang an klar machen sollten, wo hier die Musik spielt. Aber lies die beiden Abschnitte zum ‚bisherigen Lebenswandel‘ ruhig nochmal kurz durch. Darüber sollten wir vorher sprechen.“
„Das klingt ja ominös“, kommentierte Copeland, nahm aber sein DataPad in die Hand und begann zu lesen.
Nachdem er damit fertig war, sein Tee mittlerweile dampfend vor ihm stand und Corporal Laage die Tür hinter sich geschlossen hatte, waren Rowan, Jara und er alleine mit den Unterlagen.
„Zuerst einmal“, meldete Copeland sich zu Wort, „der Tee ist tatsächlich sehr gut. Deine Adjutantin versteht ihr Handwerk.“
„Bei dir ist der Kaffee besser“, gab Jara zu, „aber ansonsten hast du Recht. Laage war auch heute Nacht um… wann genau? Vier Uhr?... noch wach und hat die Unterlagen weitergeleitet. Ich habe sie gelobt und ihr heute früheren Dienstschluss befohlen, um den Schlaf nachzuholen.“
„Und das von dir“, grinste Copeland. „Welche Ironie.“
„Die Zeiten ändern sich…“
„… und wir ändern uns mit ihnen.“, vervollständigte Copeland. „Aber zum eigentlichen Thema: Das ist schon harter Tobak. Ein tätlicher Angriff auf einen vorgesetzten Offizier. Alkoholismus. Keine ganz leichten Dinge. Auch wenn wir schon ganz andere Sachen hier gesehen haben.“
„Aus meiner Sicht ist es recht einfach“, meldete Rowan sich zu Wort. „Wenn die Elementare trocken ist, dann kann ich sie sehr gut gebrauchen. Es ist für mich nicht einfach, fähiges Personal zu erhalten, solange in der IS noch keine Elementare gezüchtet werden. Wenn sie aber ein Alkoholproblem hat, dann habe ich keinen Platz für sie.“
„Ganz oder gar nicht?“, hakte Copeland nach.
„So ist es“, bestätigte der erfahrene Unteroffizier. „Meine Gruppe ist zu klein. Ich muss mich auf jedes Mitglied zu einhundert Prozent verlassen können.“
„Und der Mechkrieger?“, wandte der Kommandeur sich an Jara.
„Der Father hat mit ihm gesprochen und meint, sein Fehlverhalten hätte einen starken emotionalen Grund gehabt und dass es seiner Einschätzung nach eine einmalige Sache gewesen sei. Ich bin nicht so überzeugt. Fakt ist, wir brauchen noch Mechkrieger, gerade welche für unsere leichteren Lanzen. Ich gehe aber lieber unterbesetzt raus als mit Leuten, denen ich nicht so richtig trauen kann.“
„Germaine hat selbst Jack Ryan eine Chance gegeben und es hat funktioniert“, gab Copeland zu bedenken.
Jaras Gesichtsausdruck verfinsterte sich merklich. „Ich habe Ryan einmal beinahe erschossen und ein anderes Mal zusammengeschlagen, um ihn auf die richtige Größe zu stutzen. Ich bin zwar grundsätzlich bereit, das erneut zu tun, aber ich würde mir das lieber ersparen. Außerdem bin ich nicht Germaine und muss hier eine eigene Entscheidung treffen.
Dazu kommt, dass wir in Mikos alter Lanze zwar Platz, aber noch keinen ernannten Lanzenführer haben und Teuteburg mir im Führungsstil zu kumpelhaft ist. Ich weiß in beiden Fällen nicht, ob das eine gute Situation ist, um einen möglichen Querulanten unter Kontrolle zu haben.
Klar, ich könnte im Zweifel eine der Lanzen in meine Kompanie holen oder Matthew darum bitten, sich die Zusatzarbeit zu machen und ein Auge auf einen neuen Mechkrieger zu haben, aber ich glaube nicht, dass wir uns damit einen Gefallen tun.“
Copeland nickte bedächtig: „Ich verstehe. Was ist dein Vorschlag?“
„Klare Ansage in beiden Fällen und schauen, wie sie reagieren. Und dann müssen wir im Zweifel bereit sein, Grenzen auch durchzusetzen.“
Für einen Moment war es ruhig, während die drei Chevaliers kurz überlegten, ob sie mit dieser Lösung leben konnten oder vielleicht eine bessere anzubieten hätten. Jara, die ihre Arme vor der Brust verschränkt hatte, sah entschlossen aus, unnachgiebig zu bleiben. Rowan hatte sich in Gegenwart der beiden Offiziere zurückgehalten, aber in seinem Bereich auch deutlich gemacht, dass er vermutlich voll auf Jaras Linie lag. Und Copeland, nachdenklich, schien sich zu fragen, ob so viel clanartiges Denken, so viel Dickschädeligkeit für die Chevaliers ein Fluch oder ein Segen sein würden.
Schließlich nickte er aber: „Deine Entscheidung. Dann können wir ja…“
Es klopfte laut und deutlich an der Bürotür, dreimal hintereinander. Die drei Chevaliers warfen sich einen letzten Blick zu und setzten sich mit ihren Tassen an den Besprechungstisch. Eine deutlich kleinere Version als in Copelands Büro, aber immer noch ausreichend für bis zu zehn Personen und mehr als genug für drei Chevaliers und zwei Bewerber.
„Dann können wir ja anfangen“, vollendete Copeland seinen Satz.
Jara nickte und stand auf, um selber zur Tür zu gehen. Sie hatte sich spontan entschieden, sich zuerst einen direkten, persönlichen Eindruck von den beiden Neuen zu holen, sie quasi aus nächster Nähe zu beschnuppern. Außerdem hoffte sie, dass das im Ansatz unorthodoxe Verhalten wenigstens für etwas zusätzliche Verunsicherung sorgen würde. Mit einem ruhigen Lächeln öffnete sie die Tür.
Vor ihr stand ein hagerer Mann, vielleicht fünf bis zehn Jahre älter als sie, mit zerzaustem rotblondem Haar und musterte sie mit einer Mischung aus Überraschung, Neugier und schnellem Begreifen, als er ihre Dienstgradabzeichen, ihre langen Haare und dann ihr Namensschild miteinander in Übereinstimmung brachte, mit seinem Wissen aus dem Einheitsdossier abglich und erkannte, wen er vor sich hatte.
Etwa einen halben Meter hinter ihm stand eine Frau, die Jara vom Alter her ähnlich einschätzte und die sie sich körperlich beeindruckender vorgestellt hatte. Mit zwei Metern Körperhöhe war sie für eine Elementare relativ klein und sie wirkte nur mittelmäßig gut trainiert. Hellblaue Augen funkelten misstrauisch aus einem ansonsten ausdruckslosen Gesicht, das von schulterlangem weißem Haar eingerahmt war. Jara vermutete, dass sie die Infanteristin in ihrem jetzigen Zustand im Zweikampf besiegen könnte, erahnte aber auch ihr brachliegendes Potenzial.
„Einen schönen guten Morgen“, begrüßte sie die beiden Wartenden und gab den Weg in den Raum frei.
Als Arthur Mac Laine, der rotblonde Mechkrieger, eintrat, gab sie ihm die Hand und glaubte, einen leichten Alkoholgeruch wahrzunehmen. Der Father hatte ihr natürlich erzählt, wann und wo er die beiden letzte Nacht getroffen hatte. Mac Laine wirkte dennoch wach und aufmerksam, als er die Begrüßung mit breitem schottischen Akzent erwiderte.
Zu Jaras angenehmer Überraschung nahm sie den Geruch nur bei ihm war und nicht bei der nach ihm eintretenden Elementare, die einen festen Händedruck hatte, ohne dabei Jaras Hand zu zerdrücken.
„Bitte, setzen sie sich“, bot Jara mit einer Geste zur Sitzgruppe an und stellte vor, während Rowan und Copeland sich erhoben, um den beiden potenziellen Neuzugängen ebenfalls die Hand zu schütteln: „Colonel Harrison Copeland, kommandierender Offizier der Dantons Chevaliers; Sergeant Rowan Geisterbär, Befehlshaber unserer Gefechtsrüstungsabteilung. Mein Name ist Major Jara Fokker, ich bin die Eigentümerin der Einheit.“
Sie hatte den Tisch umrundet und sich wieder auf ihren Platz gesetzt. Während sie auf ihrem DataPad die Personaldossiers aufrief, behielt sie ihr höfliches Lächeln aufrecht: „Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten? Wir sind hier zum Glück ganz gut sortiert.“
„Nein, danke“, antwortete der Mechkrieger und schien routinemäßig für beide zu sprechen. „Wir haben in Ihrer Kantine ein gutes Frühstück und ausreichend Getränke erhalten. Ihre Einheit hat sich uns gegenüber sehr gastfreundlich gezeigt. Dafür möchten wir uns hier schon einmal bedanken. Der Tee, den die Kantine aufsetzt ist wirklich ausgezeichnet.“
„Gern geschehen“, winkte Jara ab. „Dann können wir ja gleich zur Sache kommen.“
Sie konnte sehen und spüren, wie Mac Laine und seine Begleiterin sich anspannten, als die sowieso schon stressige Situation ins unangenehme zu drehen schien.
„Wir haben ihre Dossiers gelesen“, eröffnete Jara. „Ich muss aber zugeben, dass wir nicht so wirklich viel Zeit dafür hatten und ein paar Fragen offengeblieben sind.
„Mister Mac Laine, ich fange mal mit Ihnen an. Sie sind Weltraumgeborener, genau wie ich. Das finde ich sympathisch.“ Sie registrierte den Hoffnungsschimmer in seinem Blick. „Ausbildung in der Chemie, später auf eigenen Wunsch Mechkrieger geworden. Familientradition. Kann ich als Motivation nachvollziehen, ich stamme ebenfalls aus einer Söldnerfamilie. Solide Leistungen als Mechkrieger, Erfahrungen mit Guerilla Taktiken, natürlich exzellenter Umgang mit Sprengstoffen. Den könnten Sie unseren Pionieren zur Verfügung stellen, die würden sich sicher über etwas tiefere Kenntnisse zu chemischen Kampfmitteln freuen. Als Katholik und Dudelsackspieler hätten Sie bei uns ganz gute Möglichkeiten, Anschluss zu finden, als Kampfsportler sowieso. Was trainieren Sie?“
„Alles, was sich anbietet“, antwortete der Mechkrieger, offensichtlich froh, bisher nur positive Dinge gehört zu haben. Auch wenn er ahnen musste, dass da noch mehr kommen würde.
„Aikido, Muay Thai oder Capoeira?“, bot ihm Jara drei sehr unterschiedliche Kampfstile an.
„Ja“, grinste Mac Laine. „Ich lege mich da wirklich nicht fest. Seit einiger Zeit haben es mir die alten Kung Fu-Stile angetan, aber ganz grundsätzlich eher Schläge als Tritte.“
Das Grinsen verschwand von seinem Gesicht, als ihm klar wurde, welche Vorlage er gegeben hatte.
„In Ihrer Akte steht“, fuhr Jara mit nun emotionsloser und kalter Stimme fort, „dass Sie einen vorgesetzten Offizier krankenhausreif geschlagen haben. Das ist kein leichter Vorwurf. Und es ist natürlich unnötig darauf hinzuweisen, dass so ein Akteneintrag nicht unbedingt für Sie spricht. Mir ist aber aufgefallen, dass Ihre Akte in dem Punkt recht einseitig erscheint. Möchte Sie uns dazu Ihre Version erzählen?“
Mac Laine nickte und erzählte in kurzen Sätzen und beschränkt auf das Nötigste, wie er durch unzureichende Aufklärung in Gefangenschaft geraten war, seine Verlobte verloren hatte und ihm der zuständige Offizier nach seiner Befreiung ins Gesicht gesagt hatte, dass er in den Plänen der Einheit keine Rolle gespielt hatte. Als er mit dem Erzählen fertig war, schien er beinahe erleichtert, das Thema aus seiner Sicht hinter sich gebracht zu haben.
Copeland mischte sich nun zum ersten Mal in das Gespräch ein: „Hat Ihr Angriff auf Ihren vorgesetzten Offizier denn geholfen?“
„Natürlich nicht“, gab er zu. „Das war eine blöde und unüberlegte Sache. Wut, Enttäuschung… keine großartige Kombination. Hat niemanden von meiner Lanze zurückgeholt und hat nichts gebracht, außer meine Akte zu versauen. Geholfen hat viel Sport und mein Glaube. So gut es eben geht. Aber die Toten sind tot geblieben und ersetzen konnte die auch niemand, Sir.“
Jara versuchte, ein Gefühl dafür zu bekommen, ob Mac Laine das Gesagte ernst meinte und ob das Risiko bestand, dass er wieder die Kontrolle verlor. Sie war ja nicht grundsätzlich unempfänglich für seine Situation. Sie konnte die hilflose Wut verstehen, sie verstand auch den Ansatz der Verhaltenstherapie durch Sport. Aber reichte ihr Verständnis, ihre Empathie aus, um darauf zu vertrauen, dass der Mechkrieger in einer Stresssituation diesmal besser reagieren würde?
Sie entschied sich, das Thema zu vertagen und wechselte wieder zu weniger problematischen Fragen: „Hier steht, Sie haben einen eigenen Mech im Gepäck. Eine Valkyrie, modifiziert. Davor hatten Sie aber mittelschwere Maschinen. Fühlen Sie sich wohl auf einem Scout-Mech?“
„Ich muss mich da noch eingewöhnen“, gab Mac Laine zu. „Ich habe die Maschine bisher nur einmal in einen Einsatz geführt und da hätte man eigentlich keinen Mech gebraucht. Ich muss die Raketenwerfer noch besser beherrschen lernen, komme mit der Geschwindigkeit und Wendigkeit aber schon gut zurecht. Noch bringe ich auf dem leichten Mech nicht ganz die Leistung, die ich gerne bringen würde. Aber aus emotionalen Gründen würde ich nur sehr ungern tauschen. Und mit etwas Übung werde ich gute Leistungen liefern.“
„Wunderbar.“ Sie blickte zu Copeland und Rowan: „Habt ihr noch Fragen?“
Da die beiden den Kopf schüttelten, wandte Jara sich an die Elementare: „Jaqleen von den Schneeraben. Zum Kampf um den Blutnamen Lankenau angetreten, danach abgeschworen.“ Die Clanerin zuckte unter den Worten regelrecht zusammen, was vollkommen Jaras Verständnis der Clankultur entsprach. „Danach schafften Sie es weiter in die Innere Sphäre als der Rest der Clans und hatten ein Zwischenspiel im Sicherheitsgewerbe auf Northwind. Erst als Türsteherin und dann als Leibwächterin für Mister Mac Laine. Das liest sich recht interessant. Ich habe allerdings von ihrem Gewerbe nur rudimentäre Ahnung, deswegen überlasse ich die Fragen unserem Sergeant Rowan.“
Jara lehnte sich zurück, um Jaqleens Mimik besser beurteilen zu können, aber auch, um beide Bewerber im Blick zu haben. Sie hoffte, etwas über das Verhältnis der beiden rausfinden zu können.
Rowan Geisterbär übernahm indes das Gespräch und fiel – Jara nahm an bewusst – in das Clan-Idiom: „Du hast Erfahrung im Gefechtsabwurf, frapos?“
„Pos. Im Gegensatz zu den meisten Clans trainieren die Schneeraben nicht nur den kombinierten Einsatz von Mechs und Elementaren, sondern auch unser Zusammenspiel mit Luftstreitkräften.“
„Du hast um einen Blutnamen gekämpft. Hättest du ihn gewonnen?“
„Natürlich. Ich hätte mich nicht aufhalten lassen“, antwortete die Frau ohne zu Zögern und ohne ein Anzeichen, dass sie ihre eigenen Worte nicht glauben könnte.
Rowan zeigte sich unbeeindruckt. Wer zum Kampf um einen Blutnamen antrat, war sich immer sicher, ihn auch zu gewinnen. „Würdest du mich im Zweikampf besiegen können, franeg?“
„Neg“, gab sie zu. „Ich bin noch nicht wieder in der Form, in der ich damals war.“
„Weil du trinkst, frapos?“
Die Frage schnitt durch den Raum wie ein Schwert. Jara war nicht überrascht, dass in Mac Laines Augen mehr Trotz und Wut über diese offene Unterstellung aufblitzte als in denen der Clanerin.
„Ich trinke nicht mehr. Zu bestimmten Gelegenheit gönne ich mir ein oder zwei Flaschen Bier, aber mehr nicht.“
Rowan schien nicht überzeugt, wechselte aber dennoch das Thema: „Kannst du dich den Gepflogenheiten einer Söldnereinheit unterordnen?“
„Pos. Ich bin lange genug in der Inneren Sphäre, um zu wissen, wie ich mich zu verhalten habe.“
Der Chef der Elementare nickte: „Gut, ich habe keine weiteren Fragen.“
Jara übernahm an der Stelle wieder die Führungsrolle und bat die beiden Bewerber, einen Moment draußen zu warten. Nach einer kurzen Beratung mit Copeland und Rowan wurden sie aber fast umgehend wieder hereingebeten.
Die Chefin der Chevaliers sah die möglichen Neuzugänge einen langen Augenblick lang ernst an, dann begann sie: „Wie Sie sich vorstellen können, stehen Ihre militärischen Qualifikationen für uns außer Frage. Ob wir Sie anheuern oder nicht hängt nicht an dem, was Sie mit Ihrem jeweiligen Waffensystem können oder nicht. Die Knackpunkte sind natürlich andere.“
„In meinen Augen“, übernahm Rowan Geisterbär, „gibt es bei Alkoholismus keinen Mittelweg. Wer einmal getrunken hat, der hört damit entweder vollständig auf oder nicht. Diese Einheit hat eine traurige Vielzahl an Erfahrungen mit Alkoholismus gemacht. Ich lege Wert darauf, dass das in meiner Teileinheit nicht um sich greift.“
Copeland fuhr fort: „Im Gegensatz zu den meisten Söldnereinheiten sind die Chevaliers sehr straff organisiert und tragen ein hohes moralisches Selbstbild vor sich her. Ein tätlicher Angriff auf einen Offizier ist keine Lappalie, kein Kavaliersdelikt, über den wir hinwegsehen können oder wollen.“
Für einen Moment beobachtete Jara, wie sich die Enttäuschung in den Gesichtern von Mac Laine und seiner Begleiterin ausbreitete, auch wenn sie sich bemühten, sich nichts anmerken zu lassen. Sie hoffte, ihre Einschätzung war die richtige gewesen. Was nun folgte, war ihre Verantwortung und ihre ganz alleine.
„Nachdem das gesagt ist“, ergriff sie schließlich das Wort, „kann ich Ihnen folgendes anbieten:
„Jaqleen von den Schneeraben, ich würde Sie als Private First Class einstellen und unserer Gefechtsrüstungsabteilung zuweisen. Aber unter zwei Bedingungen. Erstens verpflichten Sie sich, ab sofort keinen Tropfen Alkohol mehr anzurühren. Kein Schluck Bier, kein Glas Sekt, nichts. Zweitens gehen Sie zu Oberstabsarzt Helen Summers. Die Dame ist ausgebildete Psychologin und wird Sie solange therapeutisch begleiten, bis sie der Meinung ist, dass Sie austherapiert sind. Für Ihre körperliche Verfassung wird Sergeant Rowan schon sorgen, aber Ihr Seelenheil vertrauen Sie unserem medizinischen Stab an.
Mister Mac Laine, Ihnen stelle ich frei, sich entweder ebenfalls bei OSA Summers zu melden oder aber regelmäßig bei Father O’Hierlihy vorstellig zu werden. Colonel Copeland würde Sie der Lanze von Sergeant Major Rudi Teuteburg zuteilen, einem erfahrenen Unteroffizier. Sie beginnen dort als ebenfalls als PFC, haben aber die gleichen – guten – Aufstiegschancen wie alle anderen Chevaliers. Die Körperverletzung halten wir in Ihrer Akte unter Verschluss, um Ihnen einen Neustart zu ermöglichen. Sollte mir aber auch nur das leiseste Gerücht zu Ohren kommen, dass Sie etwas ähnliches auch nur versucht haben, dann kümmere ich mich höchstpersönlich um Sie. Ich hoffe, dass war deutlich genug.“
Jara atmete kurz durch und erlaubte sich dann doch ein Lächeln: „Das ist das Angebot. Wenn Sie mit den Konditionen leben können, dann sind Sie bei den Chevaliers willkommen. Sie haben vierundzwanzig Stunden Zeit, sich zu entscheiden. Morgen um Elfhundert erwarte ich Ihre Antwort.“

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19.09.2017 01:41 Thorsten Kerensky ist offline E-Mail an Thorsten Kerensky senden Homepage von Thorsten Kerensky Beiträge von Thorsten Kerensky suchen Nehmen Sie Thorsten Kerensky in Ihre Freundesliste auf
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Zwei Stunden später saßen Arthur und Jaqleen zur Krisenbesprechung in der Gästeunterkunft. Bedächtig blickte Arthur aus dem Fenster und sah in Richtung des Sportplatzes. Einige Chevaliers zogen anscheinend ausgedehnte Joggingrunden. Er glaubte sogar, Copeland gesehen zu haben, zumindest glaubte Arthur, dass es Copeland war. Die Statur hatte in etwa auf ihn gepasst und er kam auch aus dem Gebäude rausgelaufen, nach der Besprechung schien es angebracht zu sein.

“Was meinst du, Jaqleen? Dieser Sergeant von den Elementaren, wenn er nicht so stark wäre, würde ich ihn am liebsten für seine Frechheit vermöbeln.“ Die Elementarin, saß im Schneidersitz auf einem Hocker und hielt die Augen geschlossen ein dünnes Lächeln zeichnete sich in Ihrer Mimik ab. “Mich beschäftigt etwas anderes viel mehr“, entgegnete sie gelassen.

Ohne ihre Augen zu öffnen drehte sie ihren Kopf in Arthurs Richtung. “Wie bei Kerensky willst du deinen Rücken aus dem Schussfeld der Gerüchte halten? Immer kannst du nicht vollständig bekleidet herumlaufen. Mit Techoverall in der Dusche wird es wohl nicht gehen, selbst wenn du nur ein T-Shirt trägst. Wie du anfangs es auch vor mir verstecken wolltest. Man wird dich darauf ansprechen. Die Einschnitte der Peitschen werden sehr lange noch sichtbar sein, weil diese nicht anständig behandelt wurden. Dort wo sich die Dornen sich in deinen Rücken gegraben haben sieht man die Zeichen der Ketten und deren Schnürung. Oder aber diese Major Fokker sprach von deinem Angriff auf deinen ehemaligen vorgesetzen Offizier. Das könnte auch sein. Ich fürchte aber andere Probleme, ich werde nicht so oft um dich sein können, dich selbst vor deinen chemischen Experimenten zu beschützen, mit dir zusammen zu kämpfen. Nach langer Zeit muss ich mich wieder Clannern unterordnen, ihnen vertrauen.“ Die beiden letzten Worte spie Jaqleen aus als ob sie sie vergiftet hätten.
Die Augen öffnete sie allerdings nicht, und bis auf die Mimik rührte sie auch keinen anderen Muskel. Seit einer Stunde schon verharrte Sie in dieser Position. Beide hatten diese Konzentrationsübung zusammen angefangen, doch Arthur musste diese nach 30 Minuten wieder aufgeben. Sein Rücken machte ihm ab und zu zu schaffen. Er biss sich auf die Zähne so lange er konnte, ließ sich nichts anmerken und überbot sogar seinen eigenen Durchhalterekord um weitere 5 Minuten. Es waren zwar nur 5 Minuten, aber er fühlte sich etwas stolzer als vorher. Dass sie beide so unter die Räder genommen wurden behagte ihm nicht.

“Ich mag den Sergeant von den Clannern trotz allem nicht wirklich, aber eine Anstellung ist eine Anstellung. Er mag ein erfahrener Elementar sein, Jaqleen, aber ich mag ihn nicht Und von diesem Teuteburg, ich werde aus dem Namen nicht schlau, Rudi Teuteburg hmm, komischer Name. Hoffentlich kein Lyraner, der einen Cyclops als Scout anschaut. Was die Chemie angeht, mit nur zwei, drei destruktiven Rezepten kommt man nicht sehr weit. Es ist eben nicht alles überall gleich gut vertreten. Das hatte ich dir auch schon versucht einzutrichtern. Wenn du eine Brandbombe herstellen willst, brauchst du nun mal die geeigneten Materialien, die vorhanden sind. Was nützt dir, wenn du weißt, wie man aus Benzin und Magnesium eine Bombe bastelt, wenn kein Magnesium zur Hand ist?“, grummelte Arthur und verschränkte seine Füße wieder, um die Übung zu wiederholen.

Im Mech zu sitzen war kein Problem, aber Stühle konnten ihn wirklich kaputt machen. Er setzte sich nur immer aus Höflichkeit hin, wenn ihm einer angeboten wurde. Am liebsten stand er. Aber das hätte ein schlechtes Bild von ihm gezeichnet, dessen war er sich sicher.
Nach einer Weile sprach Jaqleen, um die fast unerträgliche Stille zu brechen, um das Thema wieder aufzugreifen:
“Ich erinnere mich an unseren letzten Auftrag. Der entführte Scorpion Panzer mit modifizierten Inferno-KSR aufzulauern, damit dessen Raupen auf den Auslöser fahren, um ein Seil zu kappen, das wiederum den Brandsatz auf den Turm fallen lässt war gewagt, und wenn ich anfügen darf, nicht sehr ehrenvoll.“ Eine große Portion Entrüstung schwappte in ihrem Vorwurf mit rüber.

“Jaqleen, ich hab dir schon mal gesagt: Ob ein Kampf ehrenvoll ist oder nicht, entscheidet allein der, der gewinnt. Der andere landet immer in einer Blechkiste oder einem schwarzem Sack. Ehrenvoll ist immer eine Ansichtssache. Außerdem habe ich nur den Turm flambiert, und nicht die Ausstiegsluke hinten. Dort konnte sich die Besatzung dir wunderbar ergeben. Keine Toten, und der Panzer wurde der Firma übergeben, mit nur leichtem Panzerungsschaden.“ -

«Was ich weniger nachvollziehen kann ist die Entscheidung einer Therapeutischen Betreuung. Ich bin trocken, genügt ihr etwa mein Wort nicht, Arthur?».
Jaqleen erntete ein schlichtes Hmm als Antwort und ließ es offen, ob er nun Partei für Jaqleen oder für die künftige Einheitskommandeurin einnehmen wollte.

Er stand auf und streckte seine Beine. Ein leichtes Knacken in der rechten Kniekehle verriet ihm, dass sich die verhasste Verspannung wenigstens teilweise löste. Seufzend schlenderte er zu einem nahe stehenden Beistelltisch, auf dem eine Thermoisolierte Karaffe mit aufgebrühtem warmem Tee stand. Bedächtig goss er sich eine Tasse von diesem Früchtetee ein und vernahm einen befriedigenden süsslichen Duft, der ihm gerade in die Nase zog.
“Der Tee hat etwas beruhigendes, Jaqleen. Willst du auch eine Tasse? Der Tee ist ja weder alkoholisch noch verboten. Nur sehr teuer hier auf diesem Felsbrocken. Falls du es wünschst kann auch ich auf Alkohol verzichten. Mir macht es nichts aus und du bist wie eine groß gewachsene Schwester für mich. Dein Leid ist auch mein Leid.“ -

“Ich danke dir für deine weisen Worte, mein Freund.“ Geräuschlos erhob sich die Elementarin und streckte ihm eine leere Tasse entgegen. In Ihrer großen Hand wirkte die gläserne Tasse noch zerbrechlicher und fragiler als bei Arthur. “Warum lässt du dann niemanden an deinen Leiden teilhaben?“.

Traurigkeit und Wehmut lag in Arthurs Blick. Seine Verlobte war noch immer ein wundes Gesprächsthema, und es gelang ihm nicht immer, seine Emotionen zu unterdrücken. „Weil mein Leiden gestorben ist, und deines kuriert werden kann“, gab er leise von sich.

Die Elementarin hätte sich am liebsten selbst geohrfeigt. Schnell stellte Sie das leere Gefäß auf den Tisch und umarmte den 30 Zentimeter kleineren Mechkrieger für eine Minute. Um ihm von den trüben Gedanken loszureißen kam Ihr eine Idee. “Lass uns doch mal über das Gelände streifen. Ich brauche frische Luft. Vielleicht sehen wir den einen oder anderen, der uns über die Einheit etwas zu berichten weiß, was man nicht in den offiziellen Berichten finden würde.“

15 Minuten später waren beide geduscht und umgezogen. Jaqleen hatte eine Kampfhose mit grün-grauem Tarnmuster und ein grau beiges gemustertes Polo Hemd angezogen. Arthur zog seine TWDPAT-Uniform an (Tempered Woodland Disruptive PATtern). Und fiel in dieser Gegend eher auf als sich damit tarnen zu können. Lediglich das Namensschild und den alten Rang hatte er noch an der Uniform gelassen. Bald würde er, wenn er zur Einheit gehören wollte, wieder einen tieferen Rang einnehmen müssen. Es war einer der beiden Punkte, die ihm nach dem Vorstellungsgespräch nicht sonderlich behagten. Gewiss, man konnte argumentieren, dass ein Rang nur ein Rang war, aber der Sold war kleiner. Und je kleiner sein Sold war, umso kleiner war der Anteil, den er auf das Konto von Angela verschob. Angela Gibbins war die Patentochter seiner Verlobten. Beide Eltern hatte sie schon im Alter von 4 Jahren bei einem tragischen Verkehrsunfall verloren. Als er seine Verlobte kennen gelernt hatte, hatte er ihr versprochen, mit Ihr zusammen für das Kind finanziell aufzukommen, obwohl er das Mädchen noch nie gesehen hatte, lediglich auf einem Schnappschuss.
Nun war seine Verlobte auch tot. Damit das noch minderjährige Kind nicht in ein Heim kam, kümmerten sich die Eltern von seiner Verlobten um Angela, auf Highland in der Nähe des Memorial Hospital betrieben sie ein kleines Bed and Breakfast Hotel.

Das alte Hoheitsabzeichen hatte er bei seiner Entlassung dem Materialwart abgegeben. Es gab Mechkrieger, die sammelten die alten Abzeichen. Doch Arthur empfand, dass das bloß Ballast sei, den er nicht mit sich rumschleppen wollte. Stattdessen steckte er sich ein Notsitzblock und einen Kugelschreiber in die Oberarmtasche seines Camo-Anzuges. Es war, um die Worte von Jaqleen zu benutzen, armselig altmodisch, aber zumindest vor Hacker-Angriffen gut geschützt, wie er fand. Außerdem kostete ein Datapad viel mehr als ein Notizblock und war viel sperriger. Innerlich dankte er der übergroßen Elementarin für Ihren Drang, nach draussen zu gehen. Nach der Befreiungsaktion durch die Kearny Highlanders hatte er sich über Wochen hinweg in einer dunkeln Kammer versteckt, sich nicht mehr rasiert und auch nur das Nötigste gegessen. Gedankenverloren schritt er durch die Tür und auf die verbreiterte Straße. Die frische Luft tat wirklich gut. Er dachte an Magnesium und was er sonst noch schönes damit anstellen konnte.

Dieser Gedanke wurde jedoch jäh unterbrochen als ein Dumpfer Knall Ihn von den Füssen riss und er sich auf einer jungen Frau wiederfand. Die grünäugige Blondine war PFC first Class C.Cook. Mit einem für Sie untypischen hochrotem Kopf stammelte diese ein:
„I-I'm sorry. Hab Sie nicht gesehen!“, hastig als Entschuldigung hervor.
Sie war in etwa gleich groß wie Arthur. Für Außenstehende musste es ein echt ulkiges Bild abgeben. Wie ein Kegel, der von einer Bowling Kugel umgerissen worden war, war die junge Dame wohl in Arthur gestürmt. Selbst Jaqleen war zu weit entfernt gewesen und konnte den Zusammenstoß nicht mehr verhindern, sie stand gute drei Meter entfernt, hielt sich den Bauch und lachte laut und sehr herzhaft, wie schon lange nicht mehr. Arthur wusste nicht so recht was er sagen sollte. Ihm blieben alle Worte im Hals stecken. Nicht nur durch den Sturz, sondern auch weil er sich schon lange nicht mehr in einer solchen Situation wiedergefunden hatte. Schlussendlich erbarmte sich wohl Jaqleen der jungen Soldatin, denn Arthur war sicherlich nicht gerade der leichteste Kandidat. Mühelos zog sie ihn in die Höhe. Sie konnte es nicht lassen und kicherte noch während sie einige Worte der Entschuldigung an die jüngere Dame der Inneren Sphäre richtete.

Der PFC behilflich sammelten sie zusammen die Akten auf und ordneten diese fein säuberlich. Arthur entschuldigte sich mit den Worten, dass er es nicht absichtlich gemacht hätte und Cook entgegnete, dass sie einen Augenblick nicht auf ihren Weg geschaut hätte.
„Somit bin ich mitschuldig an dem Zusammenstoß“, entgegnete die junge Blondine. Sie hatte ein sehr hübsches, gar entwaffnendes Lächeln, und mit lieblicher Stimme stellte sie sich vor: “Entschuldigen Sie, Sir, Private First Class Caroline Cook, S2, Stab von Major Fokker.“

Erst jetzt konnte Arthur seine Maulsperre überwinden und stammelte errötet: “Freut mich, Sie kennen zu lernen, PFC Cook. Ich bin Arthur Mac Lain, 114. Earl of Lochbuie. Ehemals Sergeant Major 2nd Kearny Highlanders. Wir haben uns bei den Chevaliers beworben“, wobei Arthur beim wir auf die übergroße Elementarin zeigte. “Das ist Jaqleen Schneerabe, sie passt in ihrer Freizeit darauf auf, dass ich mich nicht verlaufe.“
Die Elementarin machte einen Schritt nach vorne und verbeugte sich etwas steif vor Caroline. „Entschuldigen Sie, ich hoffe, der Zusammenstoß hat Sie nicht beschädigt. Bei Arthurs Zerstreutheit braucht er neben einer Aufpasserin wohl eher eine Rüstung aus Kopfkissen, frapos?“ Mit sanftem Lächeln, das nicht wirklich zu einer Elementarin passen wollte, fixierte die Elementarin die junge Soldatin, um ihre Reaktionen besser herauszulesen.

Diese war ein wenig verwirrt denn beim Wort Beschädigung stutzte die hübsche Sekretärin und strich sich verlegen mit der rechten Hand eine Strähne aus dem Gesicht. “Äh, das heißt glaube ich neg, so wie ich das bei Sergeant Rowan Geisterbär gehört hatte. Neg, alles ok“, kam es aus der kleinen Soldatin herausgesprudelt. Einen kurzen Augenblick später hatte sich die Verlegenheit gelegt und Caroline fiel wieder ein, warum sie gerannt war. “Entschuldigen Sie, ich muss dringend den Bericht an Corporal Laage überbringen, Sie kann zuweilen ziemlich launisch sein, wenn die georderten Berichte nicht pünktlich auf ihrem Tisch liegen. Sergeant Villa hatte seinen Bericht im Dojo liegen gelassen, als er zur Schwimmhalle rüber ging, hatte er es bemerkt. Und er bat mich, diese an Corporal Laage zu überbringen. Sie zieht auf dem Sportplatz ihre Runden.“

Kaum hatte sie sich fertig erklärt, zerriss in einiger Entfernung eine kleinere Detonation, gefolgt von einer großen Explosion die geräuschlose Kulisse. Völlig schockiert drehten sich alle drei in die Richtung des Gebäudes, von dem aus zwei Fenstern dichter schwarzer Rauch aufstieg. “Oh mein Gott, was war das?“, kam es erschrocken von Caroline. Die Augen weit aufgerissen setzte sie hinzu: “War das eine Gasexplosion in der Küche?“.
Routiniert schüttelte Arthur den Kopf und sagte: “Nein, der Rauch ist zu dick dafür, sieht eher nach einer Kombination mit einer Flüssigkeit und explosivem Pulver aus. Gehen wir nachschauen, schnell.“

Die drei sprinteten in die Richtung der Küche. Als sie dort angekommen waren bot sich den dreien eine nicht wirklich alltägliche Küchencrew. Die weißen Schürzen sowie die Gesichter waren vom Ruß der Explosion teilweise geschwärzt, von den Kochhüten hingen Glasnudeln herunter, die wohl für das kommende Mittagessen vorgesehen waren, hustend reihten sich die Gehilfen draussen routiniert auf. Aus der Küche kam ein fluchender und wild gestikulierender Koch, seine Schürze war angekokelt und ein kleines Flämmchen deutete darauf hin, dass er dem Explosionsherd am nächsten gestanden hatte. Die Flüche, soweit man es verstehen konnte, richteten sich auf denjenigen dem die ganze Szenerie zu verdanken war, wer das auch immer war. Der Koch war eindeutig stinksauer. “Hunderttausend heulende Höllenhunde, welcher Ziegenf…ender elender Landlubber war das? Ich zieh den Kerl durch die Kloake seiner Heimatwelten, der meinen Glasnudelsalat auf dem Gewissen hat!“

Herbeigeeilte Chevaliers bildeten einen Halbkreis und warfen sich besorgte Blicke zu. Wild tuschelten einige, andere lachten sich hinter dem Mantel der Entrüstung heimlich ins Fäustchen. Denn der Anblick des tobsüchtigen Kochs war zu ulkig. Zu Caroline herübergebeugt wollte Arthur wissen, wer der tobende Koch war. Sie war die Flucherei offenbar nicht gewohnt, denn als der tobende Koch immer neue Varianten der Flüche ins Leere spie und sich immer mehr hineinsteigerte, konnte sie ihre Entrüstung nicht verheimlichen. Den Kopf zu Arthur neigend sprach sie leise: “Das ist unser stellvertretender Chefkoch Ryback.“ Sirenen heulten auf und ein Jeep und ein kleinerer Lastwagen, beladen mit MP's kamen vom Fuhrpark herüber geschossen, alle wurden vernommen und gebeten, sich bis auf Weiteres zur Verfügung zu halten. Der Corporal, der Jaqleen, Arthur und Caroline vernahm, machte nicht gerade den freundlichsten Eindruck auf die beiden Neuen und ignorierte vollkommen die Hinweise, die Arthur beisteuern wollte. Desinteressiert wiegelte der Corporal die Erklärungsversuche mit einer Handbewegung ab, als ob er mit der linken Hand in der er den Data Pad Schreiber hielt, die Aussage von Arthur wegwischen wollte. Als Arthur wieder den Willen des Corporals nicht Ruhe geben wollte, sah dieser vom Data Pad auf und herrschte Ihn an: „Ach Mann Halt die Klappe, kümmere dich um dein eigenes Gemüse, du dahergelaufener Feldbauer.“

Jaqleen stierte darauf den Corporal mit hasserfüllten Augen an. Wut und Kampfeslust loderten in ihren Augen. Beschwichtigend lenkte Arthur ein, einen Streit mit der MP wollte er nicht schon in der ersten Stunde riskieren. „Ich verstehe. Falls Sie noch Fragen an uns haben sollten, finden Sie uns in Ihrem Gästehaus, Corporal.“. Mit der linken Hand hielt er Jaqleen davon ab dem Corporal das Rückgrat zu brechen, indem er wie ein Elternteil auf Hüfthöhe mit dem ausgestreckten Zeigefinger hin und her wedelte.
Das Grunzen des Corporals deutete darauf hin an, dass die beiden entlassen waren. Caroline wurde schon vorher von der Befragung entlassen, denn als Arthur sie unter den vielen Uniformierten suchen wollte, war sie nicht auffindbar. Gemütlich schlenderten die beiden nicht zur Unterkunft zurück, sondern nahmen sich vor, das Gelände weiter zu erkunden.
Außer Hörreichweite der MP fuhr die Elementarin mit einigen wüsten Flüchen über die Engstirnigkeit aus ihrer Haut. So schnell wie Sie fluchte verstand Arthur aber nur die Hälfte und ließ es dabei bewenden. Als ihr Zorn abklang, sah er ihr ins Gesicht und fragte bedrückt: „Fertig? Vorhin hattest du dich wunderbar unter Kontrolle. Dein Yoga Training zahlt sich echt aus. Erstaunlich wie ruhig du geblieben bist vorhin, wenn man bedenkt, dass ich derjenige bin mit der Insubordination in der Akte.“

Weit im Süden sah man die Villa des Einheitsgründers. Von dort, innerhalb der Umzäunung, näherte sich eine Staub-, und Dreckwolke, dessen herannahender Umriss sich schnell als Jeep mit einem Offizier darin erwies und vom immer kleiner werdenden Abstand zeugte.
Arthur stupste mit dem Ellbogen die Elementarin an und wies in die Richtung. „Ob der was von uns will, oder ist der zu spät dran?“, fragte er verwundert seine Begleiterin. Jaqleen wusste nicht so recht was Sie darauf antworten sollte, denn der Jeep hatte bereits zu Ihnen aufgeschlossen.
Der Offizier erhob seine Stimme, stählerne Härte bewies, dass er es gewohnt war Befehle zu erteilen „Bewerber Mac Lain und Bewerberin Schneerabe, Sie haben mir umgehend zu folgen, auf Geheiß von Colonel Copeland. Ohne Wiederspruch, also einsteigen wenn ich bitten darf.“

Arthur vernahm einen leichten französischen Akzent, was sich auch bestätigte, als er auf das Namensschild lugte. Decaroux stand darauf in den üblichen lateinischen Lettern geschrieben. schnörklellos und typisch militärisch. Nicht mehr und auch nicht weniger. Viele Informationen gab der Herr aber für Arthur nicht preis, im Gegenzug jedoch fragte dieser ununterbrochen die beiden „Neulinge“ aus. Eine Frage jagte die nächste.
Über Arthur und Jaqleen fragte er wenig. Anscheinend kannte er die Personalinformationen aus den Akten, denn auch beim Anblick von Jaqleens Erscheinung, was viele stutzen ließ, ließ ihn kalt. Zumindest äußerlich ließ sich dieser Herr nichts anmerken. Die Unterhaltung verlief sehr einseitig, Herr Decaroux, besser gesagt First Leutnant Decaroux, stellte vielmehr die Fragen während sich die beiden eher darauf konzentrieren mussten die richtigen Antworten zu geben. Beim Bürokomplex angekommen, stiegen alle drei aus dem Jeep aus.

Wenn man ein Bürogebäude für Söldner kannte, dann kannte man alle. Sie sahen irgendwie alle gleich aus. Räumlichkeiten, die an die 12 Quadratmeter maßen, waren vor anderen Räumen, wer sich nicht auskannte, verlief sich gerne mal in diesem Gewusel aus Türen und Durchgängen. Die Chevaliers hatten wohl ein kleines Faible für grün, denn die Wände waren in dunklem Grün unten gehalten und im oberen Bereich in hellem grün. Die grüne Farbe erinnerte Arthur an die Jadefalken, und deshalb behagte ihm die Umgebung weniger als das Büro, in denen Sie sich vorgestellt hatten. Dessen Farbe war eher ein beruhigendes Ocker. Wobei sich Arthur sicher war, dass die Chevaliers sich nicht wirklich über den Wert zur Beruhigung des Personals gewahr waren. Ocker beruhigte das Personal. Zumindest behaupte man das auf Terra.
Decaroux klopfe an einer Türen, die nur temporär genutzt wurde, denn es gab kein Namensschild. Beim Eintreten salutierte Mr. Decaroux leger vor Colonel Copeland. Arthur fand es angemessen, etwas zackiger zu salutieren. Es war sicherlich nicht verkehrt, etwas Disziplin zu zeigen.
„Setzen Sie sich, Anwärter Mac Lain und Anwärterin Jaqleen“, befahl Copland mit kühler Stimme. „ Fürs Protokoll anwesend ist PFC Cook“, stellte Copland fest.

Unbeirrt von Mac Lains Verwunderung über die Anwesenheit der äußert hübschen und attraktiven Soldatin nahm er in der Mitte des Raumes HabAcht-Haltung an. Jaqleen fand sich vor einem Stuhl wieder und setze sich kurzerhand. „Sir ist dies ein Verhör oder eine Befragung?“, fragte Arthur Mac Lain nüchtern. Zumindest versuchte er so nüchtern wie möglich zu wirken, was ihm bei Colonel „Copycat“ Copeland auch gelang anzutäuschen, jedoch bei Jaqleen wirkte die Täuschung nicht sonderlich gut. Sie durchschaute die Unsicherheit von Arthur sofort, ließ sich aber nichts anmerken. „Es ist nur eine Befragung, Sir“ versicherte Cornel Copeland scharf. Er hasste es, wenn ein anderer den Lead, wie er es nannte, in einem Verhör übernahm. „Sie beide waren, als es in der Küche zur Explosion kam, in direkter Nähe. Ich wäre ein schlechter Kommandeur, wenn ich Ihnen nicht wenigstens ein paar Fragen stellen würde.“ Er nickte Decaroux zu. „Lieutenant Decaroux ist der Chef unserer Gegenspionage. Er hat mir bereits so etwas wie Entwarnung gegeben, also lassen Sie uns über den Vorfall reden.“

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Verrückt, aber noch lange kein Professor.

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Ace Kaiser Ace Kaiser ist männlich
Lieutenant General


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Lieutenant Decaroux bemerkte durchaus die Erleichterung, die Arthur Mac Lain zeigte, als der Alte ihm und Jaqleen Schneerabe sagte, dass sie nicht unter Verdacht standen. Der Mann beherrschte sich zufriedenstellend gut, aber er konnte nicht verhindern, dass er die Augenlider ein wenig öffnete und die Iris ein wenig größer wurde. Das war, wie die vielen kleinen Anzeichen aus dem Gespräch, das er im Jeep mit dem Mechkrieger und der Elementare geführt hatte, Teil des Gesamtbildes. Abgesehen davon hatten sie von Anfang an nicht daran geglaubt, die beiden könnten involviert sein. Niemand flog zu ihnen raus in die Peripherie, um einen verdammten Woc mit Glasnudeln hochzujagen.
Copeland räusperte sich leicht. „Bitte, Mr. Mac Lain, Ms. Jaqleen, schildern Sie mir abwechselnd, was Sie getan haben, wie Sie die Explosion erlebt haben und was danach geschah.“
Arthur Mac Lain räusperte sich ebenfalls. Augenscheinlich, um Zeit zu schinden, die er für das Sortieren seiner Gedanken benötigte. „Nun, Sir, ich und Jaqleen haben über Ihr Angebot nachgedacht – wenn ich ehrlich bin, macht es mir leichte Magenschmerzen, lediglich als PFC anzufangen – und beschlossen, einen Spaziergang zu machen, um uns ein Bild von der Basis zu machen. Sie wissen ja selbst, dass Wayside V auf einem ganz renommierten Platz der neuen Handelsstraße zu den Clans sitzt, und das weckt Interesse. Wir haben uns also die Kaserne und die Sportanlagen angesehen, und als ich etwas zu schnell um eine Ecke ging, bin ich dann in PFC Cook gerannt, und wir sind beide zu Boden gegangen.“
Copeland warf der jungen Frau, die das Protokoll führte, einen fragenden Blick zu.
„Ja, Sir, ist so geschehen.“
„Sagen Sie mir so etwas vorher, Caroline.“
„Ja, Sir. Verstehe.“ Sie sah etwas betreten drein, vor allem, weil sie ihre eigenen Worte in das Protokoll mit aufnehmen musste.
„Weiter, bitte, Mr. Mac Lain.“
„Jaqleen war so freundlich, uns wieder aufzuhelfen, und wir waren gerade dabei, uns vorzustellen, als es zu einer Verpuffung mit anschließender Explosion kam. Dies erfolgte augenscheinlich in der Küche, aus der dann auch aus zwei Fenstern dichter, schwarzer Rauch aufstieg, was vermuten ließ, dass Öl brannte. In diesem Fall wohl Küchenöl.
Die Küchencrew kam nach und nach in verschiedenen Stadien der Verrußung aus der Küche, lediglich Mr. Ryback hatte Brandflecken auf seiner Kochjacke und auf seiner Schürze. Des weiteren waren Glasnudeln großzügig über alle Köche verteilt. Die Tatsache, dass seine Schürze an einer Ecke brannte, ließ mich vermuten, dass er der Explosion am Nächsten gewesen ist.“
„Bitte geben Sie Ihre Analyse nach dem Bericht ab, Mr. Mac Lain“, mahnte Decaroux. „Jetzt erst mal nur die Fakten.“
„Okay. Jedenfalls war Mr. Ryback herzlich am Fluchen und beschwerte sich, sich an demjenigen zu rächen, der seinen Nudelsalat auf dem Gewissen hat. Mittlerweile war eine mittelgroße Menschenmenge zusammengekommen, die sich teilweise über den Anblick zu amüsieren schien, wenngleich sie das zu kaschieren versuchte. Sir, das ist keine Schlussfolgerung, das ist Teil meiner Beobachtung.
Dann kam die MP, und wir drei, PFC Cook, Jaqleen und ich, wurden einzeln befragt. Danach wurden wir entlassen, fanden PFC Cook aber nicht mehr vor und setzten unseren Spaziergang fort, auf dem uns Lieutenant Decaroux dann aufgegabelt und hierher gebracht hat.“
„Danke, Mr. Mac Lain. Das war eine gute Zusammenfassung. Jaqleen Schneerabe, wie haben Sie die Situation erlebt?“
Die große Elementare war für einen Moment verwirrt. Sicherlich dachte sie, Mac Lain hätte alles gesagt, und damit wäre Copeland zufrieden.
„Nun, Sir, wie Arthur bereits gesagt hat, wollten wir uns umschauen und mit einigen Chevaliers reden, um uns ein besseres Bild von der Einheit zu machen. Ich folgte dabei Arthur, und, als wir um eine Ecke biegen wollten, lief er mit PFC Cook zusammen. Aufgrund ihrer Körpergröße und ihres Gewichts verglichen zu Arthur muss sie mit sehr hoher Geschwindigkeit unterwegs gewesen sein, sonst hätte ihre Masse nicht ausgereicht, um Arthur umzuwerfen. Ich gebe zu, das war ein amüsanter Anblick und ich habe gelacht, nachdem feststand, dass keinem der beiden etwas passiert ist. Danach half ich Arthur und dem PFC auf die Beine, und ich hoffte auf eine wenn auch kurze Diskussion mit ihr, denn eigentlich war PFC Cook auf der Suche nach Corporal Laage, um ihr einen wichtigen Bericht zur Ansicht zu bringen. Davon wurden wir aber durch die erste und die zweite Explosion unterbrochen, die, wie ich finde, recht laut war, aber nicht besonders viel Sprengkraft hatte. Die beiden Fenster, aus denen später der Rauch trat, waren unbeschädigt. Sie waren zuvor schon geöffnet worden. Die anderen Fenster der Küche waren intakt.
Auch ich bemerkte die Köche, die, in Verschwendung guter Rationen, mit Glasnudeln bedeckt waren, und auch mir fiel der stellvertretende Chefkoch Ryback auf, der sich mit Worten artikulierte, die bei den Schneeraben nicht einmal die Freigeborenen aussprechen würden. Zudem bezweifle ich, dass die anatomischen Besonderheiten bei der Paarung, die er beschrieben hat, so überhaupt möglich sind, ohne eine dritte Person hinzu zu ziehen. Verzeihung, ich schweife ab. Nun, danach wurden Arthur, PFC Cook und ich von einem ziemlich unhöflichen MP verhört, der sich sogar dazu herabließ, Arthur offen zu beleidigen, nur weil er einen Hinweis geben wollte. Dabei wurden wir von Private Cook getrennt. Wir setzten danach unseren Spaziergang fort, bis sich mit Lieutenant Decaroux ein fahrbarer Untersatz bot. Er stellte uns eine Menge recht allgemeiner Fragen mit einigen Schlingen drin, was ich für sehr geschickt halte. Mit unseren Antworten war er anscheinend zufrieden, denn er fuhr zu Ihnen, Sir, nicht zur MP oder gleich in den Bunker, Sir.“
„Danke, Jaqleen Schneerabe. Und, Mr. Mac Lain, was ist Ihre Schlussfolgerung?“, fragte der Colonel.
Mac Lain leckte sich nervös über die Lippen. Durfte er wirklich...? Ja, er durfte. Decaroux lächelte auffordernd.
„Hören Sie, es gab zweimal einen Rumms, und es gab die ölige Rauchwolke. Es wurde nicht viel beschädigt, aber Mr. Ryback hat augenscheinlich gebrannt, zumindest ein klein wenig. So wie ich das also sehe, war das einerseits kein Unfall. Eine explodierende Gasleitung zum Beispiel hätte eine größere Katastrophe angerichtet und ein professionellerer Brandsatz hätte Mr. Ryback wahrscheinlich getötet. Alle Köche und die Küchenhilfen waren mit Glasnudeln bedeckt. Was mich zu folgendem Schluss bringt: Das Ziel der Aktion war tatsächlich der Glasnudelsalat. Und eventuell Mr. Ryback, denn wie er sagte, war es SEIN Glasnudelsalat. Nur das wie ist mir nicht klar, denn Glasnudeln werden in kaltem Wasser aufgeweicht, nicht gekocht.“
„Ein Dummerjungenstreich?“, wollte Copeland von Decaroux wissen.
„Bei den Chevaliers gibt es keinen Dummejungenstreiche.“ Der Chef der Spionageabwehr erhob sich von seiner Position. „Aber es gibt durchaus dumme Jungen. Darf ich mir die beiden ausleihen? Entgegen seiner Akte hat Mr. Mac Lain wohl einige Erfahrungen mit Sprengstoff, und das ist interessant.“
„Äh“, machte Arthur verlegen, „ich habe mir so nach und nach hier und da was abgeguckt. Es ist nie verkehrt zu wissen, was man nicht mischen sollte, damit es nicht explodiert. Und wenn man den Jadefalken entkommen will, ist es nicht verkehrt, wiederum genau das zu wissen und auch anzuwenden, Sir.“
„Angenommen, Mr. Mac Lain. Sehen Sie und Ms. Schneerabe sich als vollkommen von jedem Verdacht befreit an. Bitte begleiten Sie den Lieutenant zurück zur Küche und helfen Sie bei den Ermittlungen. Wenn jemand hier einen Streich gespielt hat, bedeutet dies, er hätte auch eine Bombe platzieren können, die etliche Chevaliers beim Essen getötet hätte. Ich will also wissen, wie, warum und womit.“
„Ja, Sir.“ Mac Lain konnte sein Lächeln nicht unterdrücken.
„Ach, und noch etwas, Mr. Mac Lain. Ich denke, das kam so nicht richtig rüber beim Vorstellungsgespräch, aber so gut wie jeder MechKrieger fängt bei uns als PFC an. Sobald Sie sich bewährt haben, werden Sie Corporal. Und so es die Gefechtslage erfordert und Sie sich genug bewiesen haben, stehen Ihnen Verantwortung und weitere Beförderungen offen. Das kann in einer aktiven Söldnereinheit wie der unseren recht schnell gehen. Sergeant Major wäre der Rang für einen Lanzenführer. Arbeiten Sie darauf hin und zeigen Sie früh, dass Sie das Zeug dazu haben.“
Die Mundwinkel des Schotten zuckten, aber er widerstand dem Drang zu grinsen größtenteils. „Ja, Sir.“
„Na dann, schaffen Sie mir Ergebnisse, Arthur Mac Lain und Jaqleen Schneerabe.“
„Jawohl, Sir“, erwiderten sie unisono.

Decaroux ging voran, und vor dem Stabsgebäude wartete wieder der fahrbare Untersatz. Die Küche war nicht weit entfernt, aber der Geheimdienstmann hielt offensichtlich nicht viel vom Laufen. Die Gruppe der Neugierigen war nicht größer geworden, sondern kleiner. Offensichtlich waren alle in ihre Verfügungen geschickt worden, versorgt von einen Koch, der Notrationen austeilte. Nicht gerade ein schönes Mittagessen, aber besser als zu hungern.
„Und was jetzt?“, fragte Mac Lain.
Decaroux verschränkte die Arme vor der Brust. „Sagen wir es so: Ich lasse Sie von der Leine. Ihr Spielfeld, Private First Class.“
Für einen Moment schien er überrascht, dann aber ging er entschlossen voran. „Komm, Jaqleen.“
Er wandte sich kurz um und sah, dass Decaroux ihm folgte. „Wir werfen zuerst einen Blick auf die Explosion selbst. Wie Jaqleen schon gesagt hat, war sie nicht auf Zerstörung ausgelegt. Keiner der Köche war verletzt, keinem bluteten die Ohren. Aber alle hatten ihren Anteil an den Glasnudeln.“
„Soll Ryback dazu kommen?“, fragte Decaroux.
„Ich sehe ihn hier draußen nicht, und bis auf eine Brandwache ist keine Feuerwehr hier. Also wird er drinnen bei den Ermittlungen helfen. Da gehen wir ohnehin hin.“
Decaroux grinste, der Schotte war langsam nach seinem Geschmack.
Sie betraten die Küche. Einige Tische waren verrückt, ein paar Stühle umgeworfen, aber die Wände waren sauber und heile. Die Ausgabetheke war auch leicht in Unordnung geraten, aber es gab keine Hinweise auf eine irgendwie geartete Explosion.
Dann kamen sie in die eigentliche Küche. „Das war eben noch alles brandneu“, entfuhr es Charles Decaroux, als er den großen rußigen Brandfleck an der Decke sah.
Es gab nicht allzu viel zu sehen, nur eine gut geschwärzte Kochzeile an der gegenüberliegenden Wand, einiges an leichterem Kochinventar, das nicht dort war, wo es hingehörte, und natürlich genug Glasnudeln für mindestens eine Kompanie, die großzügig verteilt worden waren. Neben dem Herd, auf den jemand einen halben Feuerlöscher geleert hatte, standen Ryback und ein Mann in Hemdsärmeln, der ihn augenscheinlich befragte. „Svensson-san“, sagte Decaroux.
Der Mann wandte sich ihnen zu. Seine Augen verrieten den Mischling mindestens ebenso effizient wie sein Name. „Dies ist Torgeir Akira Svensson, ziviler Mitarbeiter in meiner Abteilung. Er war Kriminalkommissar, bevor wir ihn mit genügend Sold zu uns locken konnten.“
„So ungefähr, Sir“, erwiderte Svensson. „Und die Herrschaften sind?“
„Dies sind Arthur Mac Lain und Jaqleen Schneerabe, die sich bei uns für die Mechabteilung und die Elementare beworben haben. Wer sich für was qualifiziert, muss ich wohl nicht erzählen.“
Der Draconier lachte und bot beiden die Hand. „Natürlich nicht, Sir. Na dann willkommen in der Einheit.“
„Danke, aber wir haben noch Bedenkzeit bis morgen um Elfhundert“, entgegnete Mac Lain, aber durchaus nicht abgeneigt.
„Dann sollten Sie die richtige Entscheidung treffen, und die Chevaliers sind durchaus eine gute Entscheidung“, sagte der Ermittlungsbeamte. „Was also verschafft mir die Ehre?“
„Mr. Mac Lain und Ms. Jaqleen waren in der Nähe, als das Ding da hochging. Mr. Mac Lain hat, nachdem er von jedem Verdacht freigesprochen wurde, wie auch Ms. Schneerabe, angeboten, uns bei unseren Ermittlungen zu helfen. Zum Beispiel hat er gesagt, die Ladung sollte nicht zwangsläufig jemanden verletzen.“
„Aber meinen Nudelsalat, den hat er auf dem Gewissen, dieser verdammte Bastard!“, mischte sich Ryback wütend ein. Er stand mit Kehrblech und Besen parat, um das Dilemma höchstselbst wieder in Ordnung zu bringen, sobald die Ermittler das Szenario freigaben. Aber das würde wahrscheinlich nicht funktionieren, bevor der Chefkoch selbst auf den Plan trat. Und dann wären ein paar Antworten sicher eine gute Idee, denn die Küche war Léon heilig.
„Kommen Sie, Ryback. Ich stelle Ihnen Mr. Mac Lain und Ms. Schneerabe vor. Mr. Ryback kommt zu uns von den Husaren. Er hat eine gewisse Rekonvaleszenz hinter sich, aber er kann laut dem Meister der Küche sehr gut kochen. Und das für ein paar hundert Soldaten zugleich.“
„Ich bin nur gut organisiert, solange mir keiner dieser verdammten Amateure dazwischen pfuscht. Freut mich. Freut mich sehr. Ich hoffe, Sie sind gute Esser. Ich kann die Magerheinis nicht ausstehen, die nicht aufessen und auch noch am Essen mäkeln.“
„Oh, keine Sorge, wir SIND gute Esser“, versicherte Mac Lain hastig. Besonders bei Jaqleen gab es da keine zwei Meinungen.
Ryback grinste breit. „Für solche Leute koche ich doch gerne.“
„Sagen Sie“, begann Mac Lain unvermittelt, „als Sie Ihren Nudelsalat angerührt haben, ist Ihnen da was aufgefallen?“
„Einiges. Das hat mich schon sauer genug gemacht, aber ich dachte, ich könnte ihn noch retten.“
„Zeigen Sie uns den Topf?“
„Es ist ein Wok. Hier, unser größter. Ich wollte eine Portion fünf fünfzig Mann machen. Es ist ja Mittag.“
Mac Lain besah sich den Topf von beiden Seiten ausgiebig. „Was genau ist Ihnen denn am Salat aufgefallen, Sir?“
„Nun, er war total verpfeffert. Irgendein Verrückter hat derart viel groben schwarzen Pfeffer draufgehauen, dass er eigentlich ungenießbar war. Aber ich verschwende ungern gutes Essen, also wollte ich die Nudeln kurz aufkochen lassen und dann das Wasser abgießen. Dadurch wäre ich einen Großteil des Pfeffers wieder losgeworfen.“
„Grober Pfeffer also?“ Mac Lain grinste so breit, Decaroux hätte ihm gerne eine Lupe, eine Pfeife und eine Mütze verpasst, damit er dem legendären Sherlock Holmes ähnelte.
Jaqleen reichte ihm eine Handvoll der ruinierten Nudeln. Ohne zu zögern probierte er und spie den Bissen in den nächsten Abfallbehälter. Dann trat er an den Topf und besah sich die Decke. „Sagen Sie, Mr. Ryback, Glasnudeln werden kalt gegessen und kalt gemacht, richtig?“
„Ja, normalerweise reicht es, sie in kaltem Wasser einzuweichen, damit man sie essen kann. Aber sie werden auch gekocht serviert. Sie brauchen halt nicht lange.“
„Wie haben Sie diesen Salat zubereitet?“
„Kalt, Sir.“
„Und Sie haben sich entschlossen, sie aufzukochen, um den überschüssigen Pfeffer loszuwerden?“
„Ein klein wenig, um ihn zu lösen.“
Mac Lain nahm ein Tuch und wischte den Woc aus. Dann klopfte auf die Innenseite des Kochgeschirrs. „Sehen Sie die graue Stelle hier, Mr. Ryback?“
Decaroux und Svensson beugten sich interessiert vor. „Das ist ein Verbrennungsrückstand. Von einer Substanz, die so manipuliert wurde, dass sie bei einer gewissen Temperatur zu brennen beginnt. Ich tippe auf Magnesium. Dieses Magnesium brannte also ab, und das tat es in die Nudeln.“
„Aha. Und dann?“
„Entzündete das Magnesium den Pfeffer.“
„Es hat was gemacht?“, fragte der Koch ungläubig.
„Den Pfeffer entzündet. Ich möchte mich erklären.“
„Wir bitten darum“, sagte Decaroux grinsend.
„Der Pfeffer war kein Pfeffer. Es war eine andere Substanz. Sprengpulver, reines Schwarzpulver, irgendwas in der Art.“
„Das wäre aber nicht hochgegangen, weil ich mit Wasser aufgekocht habe.“
„Normalerweise nicht, aber was, wenn dieser Brandfleck nicht von Magnesium, sondern Magnesiumoxid stammt? Dann sprühte es Funken voller Sauerstoff, die Hitze hat den Sprengstoff getrocknet und mit dem notwendigen Sauerstoff für die Zündung versorgt, und dann ging, sagen wir, etwa ein Drittel davon hoch. Und das Ergebnis war die Riesensauerei, die wir hier sehen.“
Ryback runzelte die Stirn. „Ich gebe zu, es war nur etwa ein Drittel mit Wasser gefüllt. Einiges von dem schwarzen Zeug – dem Sprengstoff – war also nur feucht oder sogar trocken.“
„Na, dann haben wir doch schon einen Ausschluss. Also, wer nicht der Täter oder die Täter gewesen sein können“, sagte der Highlander zufrieden. „Mr. Ryback, ist es gängige Praxis, versalzenes aufzukochen, um überschüssiges Salz zu entfernen?“
„Nein, dafür kocht man eine Kartoffel mit.“
Mac Lain runzelte die Stirn. „Verzeihung, ich habe die falsche Frage gestellt. Ist es üblich, überpfefferte Glasnudeln aufzukochen, um den Pfeffer zu entfernen?“
„Nein, Sir, es war für mich ein letzter Versuch, um sie zu retten.“
„Also konnte man nicht sagen, Sie würden die verpfefferten Nudeln aufkochen?“
„Nein, definitiv nicht.“
„Dann war es schon mal kein Mitarbeiter aus der Küche. Die einzige Möglichkeit, Sie dazu zu bringen, den Wok heiß zu machen wäre es gewesen, Sie die Nudeln aufkochen zu lassen, was auf einen Koch, der Sie kennt, hingewiesen hätte. Oder aber jemand wusste nicht, dass Sie Glasnudeln kalt zubereiten und hat fest damit gerechnet, dass Sie den Wok heiß machen. Also ohne Wasser. Was wohl auch eine größere Explosion verursacht hätte, die Sie dann mindestens die Augenbrauen gekostet hätte, Mr. Ryback.“
„Hm.“ Decaroux sah Mac Lain ernst an. „Sind Sie sich da sicher?“
„Sicher, wann ist man das schon, Lieutenant? Ich sage, es ist eher unwahrscheinlich, und daher grenze ich die Köche und Hilfsköche aus.“
„Gut. Machen Sie weiter.“
Er nickte zufrieden. „Was uns zu den Tätern oder zum Täter führt. Sagen wir der Täter. Sagen Sie, Mr. Ryback, ist der Glasnudelsalat so etwas wie Ihre Erfindung? Also Ihr alleiniges Projekt?“
„Ja, Sir, ich habe ihn eingeführt.“
„Also kann man davon ausgehen, dass Sie ihn zubereiten würden.“
„Ja, ich denke schon.“
„Dann waren Sie definitiv das Ziel. Jemand streute das Sprengpulver auf die Glasnudeln und befestigte das Magnesium im Wok selbst in der Hoffnung, Sie würden die Nudeln darin garen oder braten mit der Absicht, Ihnen die ganze Portion um die Ohren fliegen zu lassen.“
„Nur um die Ohren fliegen zu lassen?“, fragte Decaroux.
Mac Lain hielt ihm die Handvoll Nudeln hin. „Nichts davon kann durch eine Explosion derart beschleunigt werden, dass es ein tödliches Geschoss wird. Was den Explosionsdruck angeht, so hätte es Mr. Ryback, wäre alles hochgegangen, sicher die Trommelfelle verletzt. Wenn Sie mich fragen, klingt das nach einer etwas kleinlichen Revanche mit durchaus gefährlichen Methoden.“
„Ah, ja. Und der Täter? Suchen wir den jetzt bei den Pionieren?“, fragte Svensson.
„Nein, ich glaube, das können wir einfacher haben. Zwei Dinge stehen unumstößlich fest. Erstens: Der Täter oder die Täter wussten, dass der Glasnudelsalat einzig Mr. Rybacks Projekt ist. Zweitens: Sie haben Zugang zu Sprengpulver und Magnesium in kleinen, unauffälligen Mengen und zumindest sehr rudimentäres Wissen, um es einzusetzen, was nicht sehr schwer ist. Ich möchte eine dritte Sache hinzufügen: Der oder die Täter haben von Kochen keine Ahnung. Sonst hätten sie bei der Präparation der Nudeln gesehen, dass sie eigentlich schon fertig, sprich eingeweicht waren.“
„Und darauf kommen Sie weil?“
„Nun, Lieutenant, Mr. Ryback sprach davon, dass er seine Nudeln retten wollte, also war der Salat schon weitestgehend fertig. Das bedeutet wiederum, dass der oder die Täter relativ kurz vor der Explosion zuschlugen. Sowohl der Magnesiumflicken als auf der vermeintliche Pfeffer müssen kurz zuvor angebracht worden sein, sonst wäre das Magnesium schon zum Frühstück hochgegangen. Daher lautet mein Fazit: Suchen Sie nicht jemanden, der von Mr. Ryback zurechtgestutzt wurde, wie es sicher seine Art ist. Suchen Sie jemanden, der in dieser Küche nichts zu suchen hatte, aber trotzdem hier war. Und das kurz vor der Explosion. Wenn sich zum Beispiel jemand als Lieferant eingeschlichen hat, als eine Person, die etwas reparieren soll, denkbar wären auch mehrere Personen. Eine beschwert sich bei Mr. Ryback, die andere manipulierte das Essen... So etwas.“
Decaroux grinste nun von einem Ohr bis zum anderen. „Ich denke, da haben wir doch eine verdammt gute Spur zu unserem Täter. Danke, Mr. Mac Lain, das war gut analysiert. Ich werde Ihnen Bescheid geben, wenn wir ihn oder sie gefasst haben. Bis dahin nehmen Sie sich doch ebenfalls Notrationen mit und essen Sie einen Happen. Bis zum Abendbrot ist die Küche wieder in Betrieb. Außer natürlich, Sie wollen Ihren Ermittlungserfolg selbst sehen.“
Mac Lain dachte kurz nach, sah Jaqleen an und schüttelte dann den Kopf. „Ich denke, wir greifen auf Ihren Vorschlag zurück, einen Happen zu essen. Danach würde ich wohl gerne die Hangars anschauen, wenn ich darf.“ „Von außen ja. Von innen erst, wenn Sie Ihre Kontrakte unterschrieben haben.“
„Verstehe, Sir. Macht ja auch Sinn. Also erst ab morgen Mittag. Wenn Sie uns dann entschuldigen würden.“ Die beiden nickten und verließen die derangierte Küche.
Decaroux sah ihnen zufrieden nach. „Also, ich habe keine Bedenken dabei, die beiden einzustellen.“
„Sicher, dass wir Mac Lain nicht in die Gegenspionage aufnehmen sollten, Charlie?“
„Jetzt noch nicht, aber wer weiß, Akira, wer weiß... Herrschaften, ich möchte dass jeder mal kurz in sich geht und mir aufschreibt, wer zwischen elf und Mittag in dieser Küche war, hier aber nichts zu suchen hatte, als welchen Gründen auch immer. Das beinhaltet auch Lebensmitteltragende hilfreiche Hände.“ Er sah Ryback an. „Und dann haben wir jemand, den Sie nach Herzenslust zusammenstauchen können.“
„Als wenn das mein Hobby wäre“, erwiderte der Koch ein wenig wirsch.
Decaroux und Svensson hüteten sich davor, zu lachen.

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26.09.2017 11:10 Ace Kaiser ist offline E-Mail an Ace Kaiser senden Beiträge von Ace Kaiser suchen Nehmen Sie Ace Kaiser in Ihre Freundesliste auf
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Verdachtsmomente III

Ende April 3067, Blue Lava Fields, Satalice, Bären-Besatzungszone

Sterncaptain Rhayla starrte verdrossen auf die Bordwand des Indra-Truppentransporters, während dieser anscheinend von einem Irren gesteuert durch ein Wirrwarr von kleinen Schluchten raste. Die übrigen Passagiere - ein Strahl Elementare in voller Montur, eine Anzahl Techniker und Angehörige anderer nichtkämpfender Kasten wirkten ebenfalls alles andere als fröhlich. Gut, bei den gigantischen Infanteristen konnte das natürlich keiner so genau sagen, mit ihren Helmen sahen sie ohnehin nicht wie Menschen aus. Aber sie wirkten angespannt, fast nervös - eine erstaunliche Regung für Männer und Frauen, die darauf gedrillt waren, Kampfgiganten von 50 und mehr Tonnen Gewicht anzuspringen und Panzerplatten mit ihren verstärkten Armen herunterzureißen, so leicht wie ein normaler Sterblicher eine Fleischfrucht schälte.
Abgesehen von ihren Mitreisenden war das Fahrzeug mit Fracht beladen, offenkundig Versorgungsgüter. Glücklicherweise war die Ladung gut gesichert, denn bei etwa 80 km/h hüpfte und schleuderte die Maschine wie wild. Bei ihrer ,Straße' handelte es sich nämlich um eine lediglich notdürftig befestigte Piste. Rhayla wusste, dass in diesem unübersichtlichen Terrain einst der Kampf getobt hatte, vor nunmehr sechzehn Jahren, als sie noch ein Kleinkind gewesen war. Clan Wolf hatte sich dabei letztendlich sowohl den Planeten als auch einen wertvollen Leibeigenen in Gestalt von Ragnar Magnusson gesichert, einem...,Prinz', einem hochrangiger Vertreter des Adels, den die Einwohner der Inneren Sphäre vergötterten. Der Mann gehörte inzwischen zu Clan Geisterbär, der Planet war ebenfalls von Rhaylas Clan übernommen worden - just nachdem die Wölfe auf Satalice eine wertvolle Produktionsstätte eingerichtet hatten. Und die Freigeburt Phelan Ward, die sich hier einen weiteren Pluspunkt auf ihrem Weg an die Spitze der Wölfe verdient hatte, war inzwischen aus der Gemeinschaft der Erben Kerenskys ausgestoßen, zusammen mit dem Rest der weichherzigen und weichhirnigen Narren, die die Frechheit besaßen, sich immer noch Clan Wolf im Exil zu nennen. Wie die Dinge sich doch ändern konnten... Eine Lektion, die auch Rhayla persönlich inzwischen bis zum Abwinken gelernt hatte.

Vor dem Hinterhalt über Rubigen, der ihren Stern förmlich ausradiert hatte, war sie ein aufsteigender Stern in den Reihen der Geisterbären gewesen. Inzwischen aber...nun ja, Sternschnuppe traf es nach Ansicht vieler wohl weit eher. Sie war um Haaresbreite an einem erneuten Positionstest vorbeigeschrammt. Letztendlich hatte wohl niemand in Clan Geisterbär ein Interesse daran gehabt, der ERINNERUNG eine neue Zeile hinzuzufügen über die jüngste Kriegerin in der Geschichte der Clans, die sich kein halbes Jahr nach ihrer Blutung bereits einem erneuten Test stellen musste. Aber man hatte sie bei der ersten sich bietenden Gelegenheit vom 332. Angriffssternhaufen zu den 2. Bären-Regulars abkommandiert. Ironischerweise hatte ein weiterer Angriff dieser mysteriösen Jägereinheit den Anlass geboten.
Die Regulars waren eine Einheit, die sich im Kampf gegen das Kombinat wie gegen rivalisierende Claner durchaus einen Namen gemacht hatte. Aber letztendlich waren sie primär doch eine Garnisonstruppe, die mehrere Welten abzudecken hatte. Nicht einmal vierzig Prozent der Ausstattung hatte die Qualität von Omnimechs oder -jägern. Der Rest waren ,konventionelle' Clanmaschinen oder gar altes Sternenbundmaterial. Die Versetzung schmerzte folglich, und insgeheim schmerzten auch die Blicke, die die Offizierin permanent in ihrem Rücken zu spüren meinte. Um so mehr, als Rhayla der Meinung war, dass sie sich eigentlich nichts vorzuwerfen hatte. Natürlich trauerte auch sie soweit es angemessen war um ihre Kameraden, die übrigen Passagiere und die Crew der SHARP CLAW. Sie war ein Kind des Geisterbären, und das bedeutete, dass man innerhalb eines Sterns besser aufeinander aufpasste, als dies bei vielen anderen Clans der Fall war. Verlust und früher Tod gehörten auch bei den Geisterbären zum Alltag eines Kriegerlebens, aber die Bären wahrten meistens einen weit engeren Zusammenhalt unterhalb den Mitgliedern einer Einheit oder Geschwisterkompanie. Doch wie dem auch sei, sie hatte trotz allem Nachgrübeln und Selbstvorwürfen kein Patentrezept gefunden, wie sie die Katastrophe über Rubigen hätte verhindern können.
Aber wenn die Clans etwas hassten, dann Versagen und Verschwendung. Sie hassten Niederlagen, vor allem wenn man nicht einmal gegen ebenbürtige Gegner kämpfte - und ebenbürtig waren wenn überhaupt nur andere Kinder Kerenskys. Irgendjemand musste also an der Schlappe durch eine Handvoll Innere-Sphäre-Banditen Schuld sein, irgendwer musste Verantwortung übernehmen. Und Rhayla war die einzige Überlebende, die greifbar war.
Sich einzugestehen, dass man von den geheimnisvollen Angreifern schon wieder übertölpelt worden war und sie einmal mehr unterschätzt hatte, stand offenkundig für ihre Vorgesetzten nicht zur Debatte. Es hatte vielleicht auch nicht gerade geholfen, dass Rhayla genau das mit sehr eindeutigen Worten...nun...,angedeutet' hatte.

,Ich sollte vielleicht angelegentlich lernen, mein vorlautes Mundwerk im Zaum zu halten.' überlegte die junge Kriegerin. Das war vielleicht nicht so GANZ clanlike, aber man musste ja nicht IMMER gegenüber Höherrangigen mit dem Kopf durch die Wand gehen, zumindest im Moment. Aber für diese Einsicht war es vielleicht etwas spät.

Sie war nach ihrer Ankunft auf Satalice in eine sehr angespannte Situation geplatzt. Irgendetwas stimmte hier ganz entschieden nicht. Bereits auf der Anreise war ihr aufgefallen, dass man zusammen mit ihr einiges an Kriegern und Material in Marsch gesetzt hatte, obwohl die Schäden und Verluste durch den letzten Angriff gering sein sollten. Zumindest hatte man das Rhayla mitgeteilt, als sie von Rubigen aufgebrochen war. Außerdem war mit einem anderen Sprung- und Landungsschiff Sterncolonel Katrina Homaovi angereist, die Kommandeurin der Regulars, ebenfalls mit einigen Truppen im Gepäck. Vielleicht nahm man die Überfälle inzwischen ja wirklich ernst. Aber das war es nicht alleine. Rhayla hatte keinen Kontakt mit den ,Alteingesessenen' gehabt, sondern man hatte sie auf einen Stern Neuzugänge beschränkt. Und schon das war eine Beleidigung, denn dabei handelte es sich durch die Bank um Freigeburten und überaltete Krieger. Sie hatte aber genug Zeit gehabt um zu bemerken, dass nicht nur die Techs sondern auch viele Krieger der übrigen Verbände in der lokalen Garnison unablässig miteinander tuschelten.
Doch das waren Gespräche, die abrupt verstummten, wenn jemand anders in die Nähe kam, wie etwa sie. Blicke wurden getauscht, in denen nicht nur Frustration und Wut lag, sondern auch...ja, in Ermangelung eines besten Wortes musste man von Angst, ja fast Panik sprechen. Aber so lange sie selber noch nicht wirklich Bestandteil der Regulars war, erfuhr sie erst einmal GAR NICHTS. Und die Blicke, die man ihr zuwarf, ließen es unwahrscheinlich erscheinen, dass eine Flasche Schnaps und andere übliche Überredungsmethoden ausreichen würden, damit jemand ihr mitteilte, was hier genau vor sich ging. Das lag wohl auch nicht zuletzt daran, dass sie im Vergleich zu den meisten Piloten und Offizieren einer anderen Generation angehörte. Die Zahl der Freigeburten oder alten Krieger in der Einheit war generell hoch, die wenigsten waren Krieger frisch aus einer wahrgeborenen Geschwisterkompanie. In der schnelllebigen und nach Kasten geordneten Gesellschaft der Clans bedeuteten einige Jahre Unterschied oder die Umstände der Geburt noch mehr als bei den Bewohnern der Inneren Sphäre. Rhayla gehörte nicht zu denen, die es besonders betonten, dass sie sich als die nächste, bessere Generation, als Angehörige einer Elite betrachteten, optimierte Zuchtergebnisse der Kriegerjahrgänge vor ihnen, aber unausgesprochen schwang dieser Gedanke immer mit.

Darüber hinaus gab es offenkundig erhebliche Spannungen zwischen dem Befehlshaber des lokalen Luft-Raumjäger-Sterns, Sterncaptain Eric Devon, und dem Kommandeur der Bodentruppen, Novacaptain Andrew Vong. Spannungen, die sich auch auf die Soldaten auswirkten. ,Ein Glück, dass wir unsere Piloten nicht als so zerbrechliche Kreaturen gezüchtet haben wir andere Clans.' sinnierte Rhayla. So waren die Chancen bei den unweigerlichen Zusammenstößen wenigstens ausgeglichen...
Der Vorwurf gegenüber Devon lautete, dass er den feindlichen Angriff nicht nur nicht unterbunden, sondern die Schuldigen auch noch hatte entkommen lassen. Rhayla fragte sich nur, warum Vong einen Angriff mit anscheinend geringen Personal- und Materialverlusten als so eine Kränkung betrachtete - es hatte andere Stützpunkte in der Vergangenheit weit härter getroffen. Der Novacaptain aber schien permanent kurz vor einer Explosion zu stehen. Dummerweise hatte sie sich in der Diskussion auf die Seite des Luft-Raum-Piloten geschlagen, zum Teil impulsiv und zum Teil weil sie so ein Gefühl hatte, dass ein Zuviel an Wagemut gegen diesen Gegner riskanter sein konnte, als Vorsicht. Wer konnte das besser beurteilen als sie?
Kurz und gut, ein Wort hatte das andere gegeben. Sie und Vong wären beinahe aufeinander losgegangen, hätte der Sterncolonel nicht eingegriffen. Vielleicht war dieser Zusammenstoß der Auslöser, wegen dem man sie nun Kerensky mochte wissen wohin beorderte. Man hatte ihr nur gesagt, es sei wichtig, und sie solle mit NIEMANDEM darüber reden.
Reflexartig überprüfte die Kriegerin die Impulslaserpistole, die sie an ihrer Hüfte trug. Wenn es etwas gab, was die Clans in der Inneren Sphäre gelernt haben sollten, dann dass es Sicherheit so gut wie niemals gab. Diejenigen Freigeburten, die den Kampf gegen die neuen Herren fortsetzen, waren selten mehr als eine verschwindende Minderheit in der Masse der Bevölkerung, aber das galt auch für die Claner. Allein EINER der am dichtesten besiedelten Planeten der Inneren Sphäre wie etwa Luthien, Tharkad, Sian oder New Avalon beherbergte ein Mehrfaches der Bevölkerung aller Clans zusammengenommen. Selbst auf Trondheim, einer Welt im Geisterbärendominium gab es mehr als anderthalb mal so viele Menschen wie alle Claner zusammen, und nur ein Bruchteil der Claner waren Krieger.
Selbst wenn man Solahma-Einheiten und lokale Verbündete dazurechnete, war dies ein Gedanke, der irgendwie beunruhigend war.

Mit einem brutalen Bremsmanöver, das Rhayla beinahe gegen die gegenüberliegende Wand geschleuderte hätte - im letzten Moment schoss ihre Hand vor und packte einen der Handgriffe - kam der MTW zum Stehen. Die junge Kriegerin wälzte in Gedanken einige Schimpfwörter und Slangausdrücke, die ein Juwel der Clanerziehung wie sie eigentlich nicht kennen sollte.
Als sich die Luke öffnete, ließ Rhayla es sich nicht nehmen, die erste beim Verlassen des Fahrzeugs zu sein. Das mochte die Elementare vielleicht etwas ärgern, aber sie war einfach zu neugierig. Der Anblick, der sich ihr bot, wirkte ziemlich beeindruckend.
Vor ihr ragte ein gigantischer Bunker auf, der sich an die Steilwand schmiegt, groß genug um vermutlich einen kompletten Trinärstern Mechs und Unterstützungstruppen aufzunehmen. Zugleich war die Anlage geschickt farblich an die Umgebung angepasst. Offenbar hatte man sogar die Flanken - und sicher auch die Decke - farblich so gestaltet, dass sie wie zerklüftetes Vulkangestein aussahen, so dass ein schneller Blick im Überflug das Gebäude unmöglich erkennen konnte. Wohl auch deshalb war die Piste die hierher führte nicht wirklich befestigt und planiert - sonst hätte man ja auch gleich einen riesigen Wegweiser auf dem höchsten Gipfel platzieren können. In den schmalen Schluchten, die dazu von starken Temperaturschwankungen, Gas-, Wasserdampf- und Rauchausbrüchen, Magnetanomalien und dergleichen mehr geprägt waren, hatten die Sensoren von Helikoptern und Jägern sicher ebenfalls ihre Probleme, und vielleicht war der Tarnanstrich des Gebäudes sogar so gestaltet, dass er dem Radar eine unregelmäßige Fläche vorgaukelte. Zweifellos wurde die Anlage durch ein Geothermalkraftwerk mit Energie versorgt, falls man nicht gleich einen stationären Fusionsreaktor errichtet hatte. Es handelte sich hierbei ohne Frage um eine geheime Reservebasis, angelegt für den Fall, dass die primären Stützpunkte von Satalice nicht mehr sicher waren. Vielleicht stammte die Anlage noch aus den Seiten der Wolf-Besatzung, oder Rhaylas Leute hatten sie errichtet, kurz nachdem sie die Welt übernommen hatten.

Die Neuankömmlinge wurden erwartet. Vor dem gigantischen Tor des Hangars stand eine Frau in einem Schutzanzug. Sie war unbewaffnet, und ihr Anzug wies keine Rangabzeichen auf, der Helm ruhte in ihrer Armbeuge. Auf der feuchten Oberfläche hatte sich bereits Flugasche angesammelt.
Das rotbraune, lange Haar war zu einem Knoten zusammengebunden, und die grauen Augen in dem ernsten Gesicht wirkten gelassen, doch Anzeichen von Erschöpfung waren unübersehbar. Rhayla kannte die Frau - sie war mit ihr von Rubigen nach Satalice geflogen, hatte sich aber nicht mit anderen Passagieren gemein gemacht. Sie hatten nur ein paar kurze Gespräche geführt. Jetzt sah die Frau, die vielleicht zehn Jahre älter als die junge Clankriegerin war, so aus, als hätte sie in der guten Woche seit ihrer Ankunft kaum eine Stunde Schlaf gehabt. Aber sie hielt sich aufrecht. Beeindruckend für eine Frau, die nicht einmal eine Kriegerin war, sondern zur Wissenschaftskaste gehörte. Vielleicht lag es daran, dass sie Teil des eugenischen Wissenschaftlerkorps der Geisterbären war, der wohl prestigeträchtigsten Untergruppe, und irgend einer Forschungsstation vorstand, über die niemand etwas wissen durfte. Sie kommandierte sicher normalerweise dutzende Wissenschaftler und Angehörige anderer Kasten, und selbst Krieger taten gut daran, sie nicht zu unterschätzen. Tatsächlich folgten Rhaylas Begleiter, sogar die Elementare, ohne Widerspruch den knappen Anweisungen. Während die Soldaten den Transporter entluden - merkwürdig, wäre es nicht praktischer gleich in den Bunker zu fahren und dort mit der Arbeit zu beginnen? - verteilten sich die Techniker und Wissenschaftler in kleinen Gruppen.
"Sterncaptain Rhayla." die Wissenschaftlerin neigte den Kopf, respektvoll, aber nicht unterwürfig.
Rhayla erwiderte die Geste: "Wissenschaftlerin Lydia..." dann besann sich und fügte hinzu: "Haeckel."

Sie hatte noch immer ein Problem damit, jemand mit einem zweiten Namen anzureden, wenn der- oder diejenige kein Blutnamensträger war. Sie wusste, dass die Wissenschaftlerkaste ganz eigene Bräuche hatte. Viele erhielten für ihre Leistungen die...,Familiennamen' - primitive Vorläufer des Blutsnamens, den man früher jede Person einer Blutlinie verliehen hatte, ohne ihn sich verdienen zu müssen, ein Brauch, der in der Inneren Sphäre noch immer gepflegt wurde - von großen Wissenschaftlern der Geschichte. Zumindest hatte diese Lydia ihr das so erklärt, als sie Rhaylas Unbehagen während des Fluges von Rubigen nach Satalice bemerkte. Es gab Krieger, die diesen Brauch nicht nur ablehnten, sondern sogar für eine Beleidigung der Clantradition hielten. Rhayla war nicht so strikt, aber der Name wollte ihr noch immer nicht recht über die Lippen.
Lydia hatte ihr erzählt, der ursprüngliche Träger des Namens sei ein berühmter Naturforscher, aber auch Mediziner und Philosoph gewesen, der unter anderem Dinge wie die Ausmerzung der Schwachen und Untauglichen, die gezielte Züchtung ebenso wie die Dominanz der Starken als Prinzipien menschlicher Gesellschaft angedacht und propagiert hatte. All dies Elemente, die von anderen Vordenkern der Clangesellschaft später aufgenommen und zum Teil umgesetzt worden waren. Lydias Stimme hatte bei diesen Ausführungen bemerkenswert trocken und nüchtern geklungen, so als wolle sie nicht verraten, was sie wirklich über ihren Namensgeber und seine Ideologie dachte. Aber Wissenschaftler waren eben ein Fall für sich, vielleicht deutete Rhayla da auch zuviel hinein. Manche Menschen gerieten eben über ein Reagenzglas ins Schwärmen, konnten aber der erregenden Eleganz eines Faustkampfes wenig abgewinnen. Woher sollte also sie wissen, was im Kopf der anderen Frau vor sich ging?
Sie alle waren Kinder Kerenskys, aber in mancher Hinsicht waren die Unterschiede ernorm. Es hieß zum Beispiel, dass die Wissenschaftler Umgang mit ihren ‚Kollegen‘ unter den Einwohnern der Inneren Sphäre hatten, ja sogar Wissen austauschten, manchmal sogar über den Rahmen des Erlaubten hinaus. Zudem erzählte man, dass sie wie andere Angehörige der Nichtkämpfenden Kasten sich nicht nur mit Freigeburten der Inneren Sphäre paarten - das taten auch viele Krieger - sondern in einigen Fällen sogar mit ihnen fortpflanzten. Lydia selbst war angesichts ihres Alters sicher als Freigeburt im Clanraum auf die Welt gekommen, hatte sich aber möglicherweise sogar selber der schmutzigen Prozedur unterzogen, ein Kind oder gar mehr als eines zu gebären. Bei diesem Gedanken war Rhayla nicht wenig stolz, dass sie sich von ihrem reflexartigen Unbehagen und leichtem Ekel nichts anmerken ließ. Die anderen Kasten, die Freigeburt-Krieger und die Bewohner der Inneren Sphäre konnten ja schließlich nichts für ihre barbarischen Gebräuche, und Rhayla hatte weder vor sie mit der Nase darauf zu stoßen, noch ihnen die Lebensart der Krieger einzubläuen.

Die Miene der Wissenschaftlerin wirkte ernst, ja geradezu grimmig entschlossen, als sie die junge Kriegerin musterte. Der Sterncaptain fühlte mehr als nur ein leichtes Unbehagen. Was auch immer der Grund, aus dem man sie zu dieser offenkundig geheimen Anlage gebracht hatte, er würde ihr ganz bestimmt nicht gefallen.
"Das wird dir vermutlich etwas schwer fallen, Sterncaptain, aber ich muss dich bitten, meinen Anweisungen für den Moment strikt zu folgen. Es ist wichtig - überlebenswichtig - dass du dich genau an das hältst, was ich dir sage."
Andere Krieger hätten vielleicht, ja mit Sicherheit aufbegehrt, wenn man ihnen dergleichen an den Kopf geknallt hätte. Rhayla aber nickte nur knapp. Auf ihrem eigenen Gebiet kannten sich die Nichtkämpfenden Kasten so gut aus wie die Krieger auf ihrem, und es war ratsam, das nicht zu vergessen.
Sie folgte Lydia, die den Bunker durch einen Seiteneingang betrat. Es gab noch einen zweiten Eingang, und dort hatte man offenbar so etwas wie eine Schleuse aufgebaut. Lydia führte Rhayla eine gewundene Treppe nach oben, vielleicht fünfzehn oder Meter - bis unter das dicke Dach des Bunkers. Dort erhielt Rhayla in einem kleinen Warteraum, vielleicht eine frühere Wachstube, eine Gesichtsmaske und Handschuhe. Sie und Lydia überprüften Sitz und Funktion der Schutzausrüstung, denn auch die Wissenschaftlerin legte ihren Helm wieder an - ihr Gesicht war durch die Kunststoffscheibe gut zu erkennen und ihre Stimme konnte Rhayla auch verstehen. Die Clankriegern hatte mit solchen Geräten schon Erfahrungen gemacht, etwa wenn nach einem Unfall giftige Chemikalien ausgetreten waren.
"Wir sollten eigentlich sicher sein, aber du darfst die Maske und die Handschuhe trotzdem auf keinen Fall ausziehen. Weiche nicht von meiner Seite, und nimm dich auch in Acht, dass nichts von deiner Ausrüstung beschädigt wird."
Die Kriegerin schnaubte: "Könntest du mir vielleicht erst einmal sagen, Doktor, worum es eigentlich geht? Das klingt ja alles sehr bedrohlich, aber mir wäre doch wohler, wenn ich weiß woran ich bin - auch wenn ich nicht darauf schießen kann." Damit spielte sie darauf an, dass sie die Meinung vieler Angehöriger niederer Kasten über die Krieger kannte.

Lydia musterte ihr Gegenüber einen Moment: "Soll ich dir die ausführliche Version erzählen, oder die Kurzfassung?"
Rhayla fragte sich für einen Moment, ob das alles hier ein Stück weit auch ein Test war: "Die lange Version, aber bitte so, dass ich sie verstehe. Im Umgang mit Gefahrengut und medizinischen Dingen habe ich eine Grundausbildung absolviert, aber nicht viel mehr."
Die Wissenschaftlerin nickte: "Gut." Das mochte sich auf Rhaylas Ausbildung beziehen oder ihre - für eine Kriegerin nicht eben selbstverständliche - Bereitschaft, sich belehren zu lassen.
"Wie du weist hat eine Einheit FIS-Jäger - vier Hellcat, um genau zu sein - vor inzwischen drei Wochen einen Luftangriff gegen Ziele auf Satalice durchgeführt. Eine Kommunikationseinrichtung für die planetare und interplanetare Koordination wurde beträchtlich beschädigt, ein großes Nachschubsdepot erhielt eine Reihe Volltreffer, dazu kamen Nahtreffer bei einem kleineren Vorratslager. Die materiellen Schäden waren erheblich, aber die personellen Verluste gering, da es bei allen Einrichtungen Schutzräume gab." Rhayla nickte. Das war die Geschichte, die sie gehört hatte. Sie hatte ein sehr übles Gefühl, wie das jetzt weiterging...
"Natürlich wurden sofort Kräfte losgeschickt, um mit den Aufräum- und Löscharbeiten zu beginnen. Man traf die üblichen Vorsichtsmaßnahmen, denn die Piloten der Inneren Sphäre werfen gerne Minen- und Zeitzünderbomben. Die Regulars haben neben mehr als zwei Dutzend Technikern und Arbeitern je einen Stern Mechs und Elementare abkommandiert, zur Sicherung vor möglichen Angriffen einheimischer Guerillakämpfer, aber auch damit sie bei den schweren Arbeiten helfen. Einige Blindgänger und Streubomben wurden geborgen und entschärft, dann hat man sie zur Überprüfung an ein paar Experten übergeben. Die Clanswacht wie auch unser Clan ist daran interessiert, alles über die Herkunft der Kampfmittel - Nummern, chemische Zusammensetzung, Alter und Zustand - zu erfahren, damit wir endlich eingrenzen können, wer hinter den Angriffen steckt."
Rhayla straffte sich. Wenn sie etwas wollte, dann Rache für ihre toten Kameraden nehmen: "Haben wir etwas über die Angreifer herausgefunden?"
Lydia schien zu lächeln, aber es war sicher kein frohes Lächeln. Es wirkte müde, erschöpft, ja geradezu resigniert: "Allerdings. Und sehr viel mehr, als man sich das hätte ausmalen können..." Sie schauderte.
"Die chemischen Signaturen, die Metalllegierungen, die Zünder, all das sprach für älteres draconisches Material. Nichts Spezifisches, die üblichen Modelle wie die VSDK und lokalen Haustruppen und Milizen sie einsetzen, und tausende Tonnen davon pro Jahr herstellen. Die Zahl der Blindgänger war sehr hoch, bei einigen Bomben war der Sprengstoff auch nicht explodiert, vielleicht weil er überaltert war."
Sie setzte sich, offenbar würde die Erklärung noch eine Weile andauern: "Etwa eine Woche nach dem Angriff gab es eine Anzahl von Ausfällen unter den Elementaren, Piloten, Technikern und Arbeitern, die vor Ort im Einsatz gewesen waren oder die Anzüge und Mechs gewartet hatten. Männer und Frauen klagten über Gliederschmerzen, sie hatten stark erhöhte Temperaturen. Das ist wie du vielleicht weißt bis heute nichts ungewöhnliches, seitdem wir in großer Zahl in der Inneren Sphäre präsent sind. Ich gehe davon aus, dass du noch nichts vom ,kolumbischen Austausch' gehört hast? Der Ausdruck bezieht sich auf ein Phänomen während der Geschichte der alten Erde, noch vor der Erfindung von Dampfmaschine und Verbrennungsmotor. Als das erste Mal seit vielleicht zehntausend Jahren ein bis dahin relativ abgeschiedener Doppelkontinent regelmäßigen und intensiven Kontakt mit der übrigen Welt aufnahm, führte das nicht nur zum Austausch von Pflanzen und Technologie - wobei auch das teilweise katastrophale Folgen für die Ureinwohner hatte, da sie der Technik der Neuankömmlinge wenig entgegenzusetzen hatten."
Rhayla grinste schief, womit sie ihr Unbehagen überspielen wollte: "Wie die Innere Sphäre uns, frapos?"
Lydias Stimme klang ausgesprochen spröde: "Vielleicht. Die Eroberung wurde übrigens oft doch noch einiges kostspieliger als die Angreifer gedacht hatten, und dauerte teilweise Jahrhunderte - obwohl die Einwohner noch deutlich unterlegener waren als die Sphärenbewohner uns. Letztlich wurden sie besiegt, aber ich würde mit Rückschlüssen vorsichtig sein." Rhayla ignorierte diesen Defätismus großmütig.
"Aber wie gesagt, das war nicht die eigentliche Tragik. Noch verheerender wirkte sich aus, dass die Menschen in den bis dahin getrennten Weltteilen nicht auf die Krankheiten des anderen Erdteils eingestellt waren. Ihre Medizin war damals noch sehr primitiv und ihre Körper fast vollkommen wehrlos gegen neue Krankheitserreger. Am schlimmsten traf es die Menschen im neuentdeckten Doppelkontinent, wo in vielen Gegenden ein Großteil der Bevölkerung in mehreren aufeinander folgenden Krankheitswellen ausgelöscht wurde."

Die Stimme der Wissenschaftlerin nahm jetzt einen etwas dozierenden Tonfall an: "Wie du weißt, ist unsere Technologie der Inneren Sphäre bei weitem voraus, weil wir nie unter den mörderischen Nachfolgekriegen zu leiden hatten. Geleitet vom Weg den uns Kerensky wies, haben wir unsere technischen und auch medizinischen Fähigkeiten vervollkommnet, während die Innere Sphäre teilweise in die Barbarei zurücksank. Wir haben viele Krankheiten ausgelöscht, die hier überlebt haben. Das heißt natürlich auch, dass wir gegen sie - insbesondere, wenn sie sich im Laufe der Zeit veränderten, mutierten - nicht mehr so gut angepasst waren. Natürlich sind die Auswirkungen nicht annähernd so schlimm wie auf Terra, da nur wenige Jahrhunderte getrennter Entwicklung zwischen uns liegen. Deshalb kam es nach dem ersten intensiveren Kontakt zwar zu einigen ernsthaften Epidemien. Es reichte manchmal, dass wir mit einem infizierten Menschen oder Gegenstand in Berührung kamen, und die Krankheit konnte sich recht schnell verbreiten - doch unsere Ärzte konnten das so gut wie immer schnell unter Kontrolle bekommen. Deshalb haben die Mediziner auch diesmal sofort Maßnahmen ergriffen."
Rhayla hob ihre Hände - die in Schutzhandschuhen steckten - vor ihr von einer Atemmaske verborgenes Gesicht: "Ich denke, ich muss keine Wissenschaftlerin sein, um zu erraten, dass es hier NICHT so funktioniert hat."
Ihr Gegenüber schüttelte den Kopf. In ihrer Stimme schwang fast so etwas wie Grauen: "Sehr richtig, Sterncaptain. Aber ich fürchte, du hast keine Ahnung, wovon wir hier wirklich sprechen. Komm mit."
Sie stieß die Tür auf und betrat einen Gang, der zum Hangarinneren offen war. Die riesige Halle war voller großer...Zelte?, ja, Kuppeln aus durchsichtigem, dickem Kunststoff - eine schier endlose Reihe davon. Und in den Kuppeln...Betten, nicht etwa ein paar, nein Dutzende, eine endlose Reihe, weit mehr als man ohne weiteres zählen konnte. Elementare in Gefechtspanzern und ungepanzerte Menschen in Schutzanzügen bewegten sich dort, Dutzende von ihnen.
Lydia sprach weiter, während sie Rhayla den Gang entlang führte: "Die Infektionen griffen rasend schnell um sich - wohl auch, weil die Erreger schon ansteckend waren, bevor die ersten wirklichen Symptome auftraten. Zehn Tage nach dem Angriff war nahezu JEDES Mitglied der vor Ort oder bei der Wartung der Einsatzmittel eingeteilten Technikercrews, jeder Elementar und jeder Mechkrieger erkrankt - und auch die Wissenschaftler, die an den Bomben gearbeitet haben. Mehr als sechzig Männer und Frauen. Und das Schlimme war - die üblichen Antibiotika und Breitband-Virusstatika zeigten praktisch keine Wirkung! Das war der Punkt, an dem man mich auf Rubigen konsultierte. Ich bin zwar vor allem Eugenikexpertin, aber ich habe mich auch mit den Problemen aufgrund der langen Trennung von Clanern und Inneren Sphäre befasst, und in der Vergangenheit einige kleinere Ausbrüche ansteckender Krankheiten bekämpft. Ich habe die üblichen Gegenmaßnahmen vorgeschlagen - aber es war vielfach schon zu spät. Zu dem Zeitpunkt zeigten sich nämlich bereits bei den Angehörigen der benachbarten Sterne, Technikern, die mit den an den bombardierten Einrichtungen eingesetzten Kräften zu tun hatten, ja sogar eine Anzahl unserer Meditechs ebenfalls erste Symptome. Ebenso bei einigen Einheimischen, die für Regulars arbeiteten oder mit ihnen...engeren Kontakt hatten. Und bald auch bei ihren Familien. Die örtlichen Mediziner haben bis zur vollständigen Erschöpfung darum gekämpft, eine weitere Ausbreitung zu unterbinden, obwohl keiner von ihnen bisher eine Krankheit erlebt hatte, die sich so schnell, so aggressiv verbreitete. Ich kann nur sagen, dass ich vor ihrem Einsatz größten Respekt habe."
Sie schüttelte leicht den Kopf, und ihre Miene verdüsterte sich noch mehr: "Aber während sie das noch taten, begann sich der Zustand der Kranken immer weiter zu verschlechtern, mit einer Geschwindigkeit, die erschreckend war. Das waren nicht mehr nur Gliederschmerzen und hohes Fieber - binnen weniger Tage bluteten die Infizierten aus allen Körperöffnungen, Organe begannen zu versagen. Andere wiesen Geschwüre auf, es kam zur Bildung von Lungenödemen...Ich will das nicht weiter ausführen, aber am dreizehnten Tag nach dem Angriff, nicht einmal eine Woche nachdem die ersten deutlichen Symptome aufgetreten waren, gab es den ersten Toten."

Rhayla starrte nach unten, auf die lange Reihe von Betten. Sie hatte Krankheiten nie wirklich kennengelernt, abgesehen von einigen leichten Infektionen während Langstrecken-Überlebensmärschen während ihrer Ausbildung. Krankheit war für einen Claner nichts, das zu seiner Realität gehörte - da war es schon wahrscheinlicher, dass man vom Blitz erschlagen wurde. Die Medizin des Clans sorgte dafür, dass man sich keine Sorgen machen musste. deshalb hörte sie die Worte der Wissenschaftlerin, aber sie hatte das vage Gefühl, dass sie ihre Bedeutung nicht wirklich erfassen konnte. Der Unterton in Lydias Worten ließ sie aber das Schlimmste befürchten: "Wie viele haben wir verloren?" fragte sie. Ihre Stimme klang gepresst.
Die ältere Frau hob ihre Hände, in einer fast hilflosen Geste: "Von den Erstinfizierten starben ACHTZIG Prozent, die meisten binnen weniger Tage! Sogar dort wo die Behandlung anzuschlagen schien, wo wir uns schon Hoffnungen machten, kam es oft zu tödlichen Komplikationen. Wir nennen das eine Herxheimer-Reaktion. Selbst wenn unsere Antibiotika wirkten, stießen die getöteten Krankheitserreger oft Giftstoffe aus, die für die geschwächten Körper einfach nicht mehr zu bewältigen waren." Sie schauderte. Und Rhayla, die normalerweise nichts von Menschen hielt, die solche Emotionen zeigten, musste an sich halten, um es ihr nicht gleich zu tun. Die Frau gehörte zwar nicht zu ihrem Stern oder ihrer Geschko, aber am liebsten hätte sie ihr tröstend den Arm um die Schulter gelegt. Sie musste die Hölle durchgemacht haben. Aber sie wusste nicht, wie Lydia das aufnehmen würde, viele Claner lehnten solche Gefühlsduseleien ab.

Die Wissenschaftlerin atmete mehrfach tief durch, dann schien sie sich wieder etwas gefasst zu haben: "Wenigstens gelang es, die weitere Ausbreitung durch strikte Quarantänemaßnahmen zu stoppen. Insgesamt hatten wir mehr als 200 Infektionen. Bei den Sekundär- und Tertiärinfektionen, denen, die sich bei bereits Erkrankten angesteckt haben, während wir bei den ersten Krankheitsfällen schon mit Gegenmaßnahmen begannen, hatten wir etwas bessere Chancen bei der Behandlung. Wir haben aus unseren Misserfolgen gelernt und haben uns vor allem auf die Symptome konzentriert. Wirksame Antibiotika und Virustatika waren so schnell ohnehin nicht zu beschaffen. Natürlich haben wir mit der Arbeit daran begonnen, aber so etwas braucht Monate, manchmal Jahre. Immerhin haben wir schrittweise die Sterblichkeit auf vierzig bis sechzig Prozent drücken können, je nach Zeitpunkt der Infektion und Gesundheitszustand. Aber alles in allem sind bisher..." ihr Gesicht nahm einen geistesabwesenden Ausdruck an, als lese sie von einem unsichtbaren Bildschirm ab, und ihre Stimme klang schrecklich emotionslos: "...elf Mechkrieger, 43 Elementare und 58...nein 59 Mitglieder der nichtkämpfenden Kaste verstorben. Darunter viele gute Ärzte und Waffenspezialisten, erfahrene Techniker...Und tot sind auch 17 Einheimische. Ich gehe zudem davon aus, dass viele der Überlebenden sich sogar mit Hilfe unserer fortgeschrittenen Medizin niemals vollständig erholen werden." Rhayla schnappte erschrocken nach Luft und musste husten, weil der Mundschutz ihr den Atem nahm. In der ersten Welle der Claninvasion hatte man manchmal eine große Stadt, eine Region, ja halben PLANETEN mit weniger Verlusten erobert. Die Krankheiten hatten effektiv zwei Trinärsterne ausradiert. Jetzt verstand sie auch, woher die Angst bei den ‚alteingesessenen‘ Truppen kam, warum sie so wenige von denen gesehen hatte - und warum die Offiziere kurz davor standen, sich an die Gurgel zu gehen. Warum die Kommandeurin der Regulars höchstpersönlich angereist war. Die Verluste hatten die örtliche Garnison auf einen Bruchteil ihrer üblichen Stärke reduziert - und machte Satalice damit extrem verwundbar für Angriffe von rivalisierenden Clanern, von Soldaten der Inneren Sphäre - ja sogar für lokale Aufstandsversuche.

"Und du willst mir sagen, dass das passierte, weil sich ein feindlicher Bombenwart nicht die Hände gewaschen hat oder weil unsere Panzeranzüge ein paar Grasflecken abbekommen haben?"
Lydia schnaubte: "Ganz bestimmt nicht. Das war nur unsere erste Theorie. Aber wir mussten erkennen, dass wir falsch lagen, vollkommen falsch. Diese ,Blindgänger', die Fehlzündungen - das waren nicht etwa mangelhaft gewartete Bomben. Unser Gegner hatte die Sprengkörper so präpariert, dass sie die bombardierten Einrichtungen flächendeckend mit Krankheitserregern verseucht haben!"
Rhayla knurrte wütend. Sie hatte gehört, dass die Soldaten der Inneren Sphäre heimtückisch sein konnten. Aber mit solch einer Hinterlist hatte sie nicht gerechnet. Sie musste sich sehr viel Mühe geben um nicht gleich lauthals loszupoltern, während die Wissenschaftlerin fortfuhr.
"Sie kannten unser Vorgehen genau - und sie wussten offenbar auch, dass wir gegen diese Krankheiten keine geeigneten Gegenmittel hatten. Es war einmal ein hoch ansteckendes und gefährliches hämorrhagisches Fieber. Eines, das wir noch nicht kannten, weil es bei uns - auch auf den von uns kontrollierten Welten der Inneren Sphäre - nicht vorkommt. Deshalb hatten wir auch niemanden dagegen geimpft, hatten keine wirksamen Medikamente. Und damit nicht genug, haben sie noch einen zweiten Erreger verbreitet. Vermutlich in der Hoffnung, dass es so zu Doppelinfektionen kommt, vor allem aber damit eine genaue Diagnose kaum zu erstellen ist. Leider waren sie damit zunächst nur zu erfolgreich. Es handelt sich um ein Bakterium, das antiken terranischen Pesterregern ähnelt, aber in einer sehr hohen Zahl von Fällen direkt die Lungen angreift."
Sie schüttelte den Kopf, und klang fast fasziniert: "Das ist nichts, was man mal eben so in einem Erdbunker ersinnt und umsetzt. Da muss jemand mit viel Erfahrung sehr lange und sehr genau unsere medizinischen Möglichkeiten und Protokolle studiert haben, muss geplant und gearbeitet haben, über Monate, vielleicht noch länger. Er muss sich ganz bestimmte, für seinen Zweck optimale Krankheiten ausgesucht und die Erreger beschafft haben, musste geeignete Trägermedien entwickeln - die Bomben modifizieren, aber auch das eigentliche Übertragungsmedium. Biowaffen halten sich nicht ewig, das ist garantiert kein Restbestand aus dem Ersten oder Zweiten Nachfolgekrieg. Sie haben teils mit Aerosol gearbeitet, vielleicht auch zum Teil mit einer geruchs- und farblosen Nährflüssigkeit. Und all das, ohne sich selbst zu infizieren. Mehr noch, an dem Bakterium wurde offenbar ,gearbeitet'. Sie haben es nicht genetisch modifiziert - was darauf hindeutet, dass ihre Möglichkeiten offenbar doch beschränkt sind, wenn auch nicht ihre Kreativität und Einfallsreichtum. Aber ich glaube, sie haben eine große Zahl von Proben des Erregers parallel gezielt erst kleinen, dann steigenden Dosen unserer Antibiotika ausgesetzt, die jeweils überlebenden Erreger isoliert und weiterexperimentiert. Bis sie schließlich Bakterien zu ihrer Verfügung hatten, die gegen unsere Medikamente weitestgehend immun waren."

Sterncaptain Rhayla reichte es: "Doktor, wenn du weiter so redest als würdest du diese dreckigen, von einer Surat-Freigeburt geworfenen Dezgra..." die Worte schienen bei weitem noch zu schwach, aber in Ermangelung eines Besseren griff sie darauf zurück: "…bewundern, schmeiß' ich dich über die Brüstung!" Es sprach Bände, dass die junge Kriegerin, sonst eher kein Freund solcher Drohungen, so weit ging - und dabei sogar nicht ganz auf sprachliche Sauberkeit achtete.
Lydia aber blieb gelassen. Nachdem sie sie mehr als eine Woche eine potentiell tödliche Infektion riskiert hatte, war eine zornbebende gute zwanzigjährige Kriegerin vermutlich eine eher vernachlässigbare Bedrohung.
"Sterncaptain, ich bin nicht weniger...erbittert als du. Aber ich muss den Gegner nach seinen Fähigkeiten beurteilen, nicht nach meinen Emotionen. So wie ich es bei einer Krankheit halte - ich betrachte ihre Symptome und ihre Eigenschaften. Dann kann ich sie bekämpfen, oder ihr zumindest begegnen ohne Fehler zu machen. Gerade DU solltest wissen, dass man diesen Feind offenbar nicht unterschätzen darf."
Der Sterncaptain funkelte ihr Gegenüber weiterhin wütend an, aber es lag kein echtes Feuer in ihrem Blick - es stimmte ja. Sie drehte sich schließlich weg und starrte düster hinab in den Hangar, wo die Erkrankten litten, und wo andere Claner ihr Leben riskierten, um ihnen zu helfen. Eine Szene zog unwillkürlich ihre Aufmerksamkeit auf sich.
Zwei gepanzerte Elementare waren neben eines der Betten getreten, auf dem ein kranker Gefechtspanzer-Infanterist lag. Selbst aus dieser Entfernung konnte Rhayla erkennen, dass der Hüne nur noch der Schatten eines Menschen war. Er war auf schon fast groteske Weise abgemagert, der Bettbezug blutbefeckt. Die Rippen traten hervor als wären sie gemeißelt. Die Gepanzerten begannen, den Kranken von den Kanülen und Schläuchen zu befreien, die ihn mit den medizinischen Geräten verbanden. Rhayla drehte sich zu Lydia um, die mit vor der Brust verschränkten Armen an der Brustwehr des ,Balkons' stand: "Was...passiert da."
Die Wissenschaftlerin wirkte sehr, sehr müde - und sehr traurig: "Sieh selbst. Ich kann das nicht mehr sehen. Ich will nicht mal mehr daran denken."
Die Elementare halfen ihrem Kameraden auf. Er schwankte, Blut rann den gigantischen Körper herab. Für einen Moment ließen sie ihn los. Der Mann stand schwankend da, die Arme zur Seite ausgestreckt, um Balance zu halten. Dann salutierte er mühsam. Im nächsten Moment ließ einer der Gepanzerten den rechten Arm mit einer peitschenden Bewegung gegen das Genick seines kranken Kameraden krachen. Das dumpfe Knacken, mit dem dessen Genick brach, schien durch den ganzen Hangar zu hallen. Dann sackte der Kranke zusammen, schlug lang hin, mit dem Gesicht zum Boden. Er hatte es vorgezogen, von seinen Kameraden getötet zu werden, aufrecht zu sterben, als an der Krankheit zugrunde zu gehen. Seine Kameraden wickelten ihn sorgfältig in eine Plane, und trugen ihn weg.
Rhayla musste sich abwenden. Ihre Stimme klang tonlos: "44 Elementare." Dann straffte sie sich: "Aber warum musstest du mir das alles zeigen? Ich habe schon so genug Gründe, diese Surats von Kampffliegern zu hassen, anstacheln muss man mich wirklich nicht!" Sie hätte es natürlich nicht zugegeben, aber die junge Kriegerin war sich sicher, dass das was sie heute gesehen hatte, sie bis in ihre Träume verfolgen würde,
Lydia hob den Kopf und starrte die Offizierin an. Mit einem Mal schien die Müdigkeit von ihr abzufallen: "Zum einen wollte ich, dass du wirklich erkennst, mit was für einem Gegner wir es zu tun haben - und das begreift man am besten, wenn man es sieht. Vor allem aber darf ich dir das folgende nur von Angesicht zu Angesicht sage..." Sie holte tief Luft: "Wir haben die Krankheiten nicht nur untersucht, um sie behandeln zu können. Wir wissen inzwischen, wer dahinter steckt. Und wir wissen auch, woher er kommt!"

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Auf dem Rückweg von der Küche zur Gästebehausung grübelte Arthur bedächtig erneut über die ganze Sache, die Chevaliers, der Küchenstreich. Irgendetwas passte hier nicht zusammen. Woher das Magnesium kam konnte er sich halbwegs zusammenreimen. Aber das Schwarzpulver, es war hier draußen. Ein Pionier würde einen solch gravierenden Fehler nicht begehen. Vor allem, was das ganze bezwecken sollte. Das Mittagessen? Wenn es so gut war wie das Frühstück, hatten es die Leute mit einer Küchencrew zu tun, die jede Hauseinheit haben wollte. Selbst Liao würde einen Planeten hergeben, gut, Liao würde den Planeten unter Protektion stellen wollen, aber die Aktion verhinderte nur, dass alle das reguläre Mittagessen bekamen, stattdessen kaute man die Notrationen, die Beliebtheit des „Täters“ wie Decaroux ihn nannte, stieg vermutlich nicht gerade mit dieser Aktion.
Der Magnesium Flicken war zirka 2.5 x 2.5 Zentimeter groß gewesen.

Für eine tödliche Ladung viel zu klein. Abrupt stoppte Arthur seinen müßigen Gang und zog sein schwarzes Büchlein hervor. Jaqleen konnte locker mitlesen, was sich Arthur notierte, da sie viel größer war als Arthur. Aber sie sah nur mit einem Auge hin. Aus der Ferne kam eine bekannte Person auf die beiden zugeeilt. Wäre Arthur weitergegangen, wäre er vermutlich ein zweites Mal mit der herannahende Person zusammengerauscht und wäre wieder mit ihr zu Boden gegangen. So wie Jaqleen Arthur kannte, hätte ihm das aber nicht viel ausgemacht. Nur seltsam, dass er das erste Mal nicht gleich etwas gesagt hatte. Manchmal verstand Jaqleen die Menschen der Inneren Sphäre doch nicht. Wenn er sich paaren wollte, warum hatte er es ihr dann nicht gesagt? Um Arthur, eine Vorwarnzeit zu geben und sich wieder auf das Hier und Jetzt konzentrieren zu können, stupste sie ihn kurzerhand an und rief der entgegenkommenden Person zu: „PFC Cook, welch Freude, Sie erneut zu sehen.“

Obwohl Sie gerannt war schien Caroline sehr sportlich zu sein, denn Sie machte nicht einmal den Anschein, als ob sie außer Puste gekommen wäre. „Ich war gerade im Vorzimmer der Chefin. Corporal Laage hat Ihre Verträge vorbereitet und lässt ausrichten, dass Sie morgen um 11 Uhr zur Unterschrift bei ihr vorbeikommen können. Sie wissen ja, wo ihr Büro ist. Das ist der Raum, in dem Sie sich vorhin zum Bewerbungsgespräch angemeldet haben.“

„Herzlichen Dank, Ms. Cook. Wenn Sie schon mal hier sind, dürfte ich Sie fragen, wer bei Ihnen die Bestellungen für Verbrauchsmaterialien, Munition und Küchenbedarf tätigt?“, erkundigte sich Arthur. Er begann Caroline zu mögen, sie hatte ein bezauberndes entwaffnendes Lächeln. Ihre lieblichen Rundungen hatte er ja schon früher mitbekommen.
Sie räusperte sich und fuhr etwas steifer fort „Da Sie von Colonel Copeland berechtigt wurden, in dieser Sache zu schnüffeln, werde ich mich kooperativ zeigen, aber ich verpfeife keine Kameraden, das möchte ich gerne vorausschicken. Auch wenn ich Stabsdienst leiste, bin ich in erster Linie Soldat.“

„Aber, aber, Miss Cook“, tadelte Arthur die junge Soldatin und schaffte es, sie zu beruhigen. Feuer schien Sie ja zu haben. „Ich möchte doch lediglich einer Spur nachgehen und die Leute interviewen. Ich bin nicht hier um Vorwürfe in den Raum zu stellen.“
Etwas misstrauisch antwortete sie schließlich sehr zögerlich: „ Im Stabsbereich 3 unter der Leitung von Captain Jessica Stuart arbeiten für militärische Güter Lieutenant Cohen, für nicht militärische Güter Lieutenant Bata zusammen mit Sergeant Major Alegria als Quartiermeisterin. Alle haben noch jeweils eine gewisse Anzahl an Unteroffizieren und Mannschaften zur Hand.“

Mit gütigem Lächeln versuchte Arthur etwas menschliche Wärme in seine Stimme zu legen und dankte PFC Cook von Herzen. Er notierte sich die Namen und deren Rang. „Jaqleen? Würde es dir etwas ausmachen wenn wir unser Mittagessen ausfallen ließen und Decaroux weiter unter die Arme greifen?“

Die große Elementarin sah ihn schief an, musterte ihn kurz und sagte schließlich knapp: „Pos, die Rationen sind noch verschweißt, vielleicht brauchen wie diese später mal noch.“
Sie verabschiedeten sich von Caroline freundschaftlich, und beinahe sah es so aus, als ob Arthur ihr etwas länger die Hand gab als es nötig war. Jaqleen entschied sich jedoch, vorerst nichts dazu zu sagen. Arthur war, soweit sie ihn schon kannte, etwas dünnhäutig in dieser Angelegenheit.

In etwas schnellerem Schritt gingen sie wieder in Richtung Küche, der Jeep von Lt. Decaroux stand noch davor, ein gutes Zeichen, dass der Leutnant noch drin war. Arthur erspähte Decaroux, wie er unter einem geborstenen Fenster mit einer Pinzette einige Scherben in eine Tüte packte. Wohl zur Beweissicherung. Dieser wandte sich um, als er Schritte hinter sich vernahm und grinste bis über beide Ohren. „Haben Sie Blut geleckt, oder finden Sie Ihre Unterkunft nicht mehr, Mac Lain?“
Verdutzt blieb die Elementarin stehen. „Diesmal bremste PFC Cook in entsprechender Entfernung ab. Es kam zu keinem Aufprall.“
Mac Lain musste schmunzeln, diese alte terranische Metapher hatte er ihr noch nie beigebracht. Etwas amüsiert musste auch Decaroux feststellen dass die Elementarin diese Redewendung falsch interpretierte.

„Äh, nein Sir,“ begann Arthur nach einer Weile, „ Ich habe lediglich ein paar Zahlen jongliert. Ausgehend von der Verwüstung und Verrußung sowie der Schilderung von Koch Ryback müssten etwa 80 Gramm Magnesiumoxid im Spiel gewesen sein und etwa 100-125 Gramm des Schwarzpulvers. Ich würde gerne in Ihrem Beisein zwei Offizieren einige Fragen stellen. Oder deren Mitarbeitern. Auch würde ich anraten, beim Munitionsbunker einen Clan Elementar Kontroll-Posten einzurichten, falls Sie das nicht bereits schon gemacht haben. Außerdem müssten Sie einen Fehlbestand im Schwarzpulver kontrollieren, ich würde dazu einen Pionier-Offizier und eine präzise Küchenwaage zu Rate ziehen.“
„Möchten Sie Jaqleen für diesen Posten vorschlagen, Mac Lain?“, unterbrach Decaroux ihn und verengte dabei die Augen.
„Nein, denn sie trägt Ihre Comicmaus nicht, noch nicht, Sie müssten Sergeant Geisterbär um einen Elementar bitten für die Dauer der Untersuchung“, warf Arthur ein.
„Bei den Fragen nehmen wir am besten die Offiziersmesse. Wen benötigen Sie zu sprechen, Mac Lain?“, wollte Decaroux wissen.

Arthur kramte sein Notizbuch hervor und begann zu erklären, dass er Lt. Cohen mit den letzten Bestellungen von Sprengstoffen aller Art und Lt. Bata mit Reparaturanträgen bräuchte, um die Bestellungen und Anträge mit den bereits zuvor in der Küche geäußerten Thesen stützen zu können. Als Arthur mit seinen Ausführungen schloss, wollte er gehen, doch Decaroux hielt ihn am Arm fest und schaute ihm eindringlich in die Augen. „Ich zähle auf Sie, Mac Lain. Ich kann Ihnen nicht befehlen, den verdammten Vertrag zu unterschreiben, doch ich hoffe doch sehr, dass bald die Comicmaus hier zu sehen ist. Habe ich mich klar ausgedrückt?“
„Sie haben Sich klar und deutlich erklärt, Lieutenant, und ja, von meiner Seite her, ich werde morgen Elf-Einhundert den Vertrag mit Freuden unterschreiben. Außerdem werde ich noch weiter gehen. Ich werde mit den Pionieren mein Wissen teilen. Denn seit langem fühle ich mich wieder wohl in meiner Haut.“

Decaroux wirkte zufrieden. Mit den Worten „Guter Mann“ ließ er ihn ziehen, denn er wusste, dass beide nun von den Chevaliers überzeugt waren. Beide waren gut zu gebrauchen. Formbar und Willens den Chevaliers in künftige Abenteuer zu stürzen.

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Verrückt, aber noch lange kein Professor.
01.10.2017 08:44 doctor who swiss ist offline E-Mail an doctor who swiss senden Beiträge von doctor who swiss suchen Nehmen Sie doctor who swiss in Ihre Freundesliste auf
Marlin
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Ende April 3067, Draconis-Kombinat, Naraka

Unterkünfte:

„Hey' ich verstehe das nicht, ich kann's nicht.“ Spike war zu erschöpft um zu schimpfen oder gar handgreiflich zu werden, aber ihr Ton wurde unnachgiebig genug. „Ich habe keine Zeit für deine Kindereien, mach' es ab! Ich bin auch nicht in der Stimmung zu streiten, ich muss weiterlernen. Es ist meine Chance wieder einen Mech zu steuern! Also los!“

Nach einigen Sekunden setzte Ermhard die Maschine wieder an und begann, ihr bisher so gepflegtes stacheliges blondes Haar abzurasieren. Sie war schon wieder mit ihrem Datenblock beschäftigt und schnaubte nur, als sie ihn wiederholt schniefen hörte.

Es dauerte länger als nötig, aber irgendwann, nachdem sie wieder mehr über die Dschungelvegetation des Zielplaneten erfahren hatte, war er fertig.

Ein paar prüfende Blicke genügten, nichts würde sie jetzt mehr beim Steuern eines Mechs behindern, jedenfalls nichts von ihrer Seite. Neben ihrem normalerweise übermenschlichen Lernprogramm hatte sie jedoch wieder viel mehr praktisch zu üben als bisher.

Die Blicke und einige Worte von ihren Lanzenkameraden machten klar, dass sie von ihrer Vorgeschichte wussten. Natürlich, die Einheit war klein, und Dinge sprachen sich herum. Das würde Spike jedoch nicht abhalten, denn seit sie ihren Auftrag von Lupus erhalten hatte, in deutlichen Worten, war sie in einem Zustand von Vorfreude, Anspannung und Konzentration.

Seit der Akademie hatte sie nicht mehr so fokussiert gelernt und geübt. Sie hatte alle möglichen sinnvollen Konfigurationen geprüft, viele davon würde die Einheit wohl nicht benötigen oder vielleicht auch nicht bereitstellen können; die verschiedenen Klimazonen ausgemacht, Gesteins- bzw. Untergrundfestigkeiten nach Einsatzorten unterschieden und natürlich sich mit den Umständen des Dschungels vertraut gemacht. Dann kam das bisher wichtigste: Einige Simulationen und Möglichkeiten wie die verschiedenen wahrscheinlichen Konfigurationen für die Theaterlanze wirken konnten. Für die weitere Einheit fehlten ihr Zeit und Fähigkeiten, dies taktisch, geschweige denn strategisch zu prüfen. Das konnte sie einfach nicht.

Sie musste jedenfalls die Maschine so gut und effizient steuern lernen, wie es nur möglich war. Natürlich auch, wie sie sich im Kampf verhielt und wie viel sie von einzelnen Waffentypen vertrug. Die meisten schweren Waffen waren dabei sehr schnell abgehandelt,

daher legte sie mehr Wert auf Beweglichkeit. Ihre Maschine war nun einmal primär ein Scoutmech. Unter den richtigen Umständen konnte auch ein schlecht gepanzerter Mech stark wirken. Nicht so wie schwere Maschinen, natürlich, die einfach draufhämmerten, eher wie ein Attentäter aus dem Hinterhalt. Dies würde sie auch vor Lupus vertreten, denn eine Clanmaschine sinnlos zu verlieren dürfte auch nicht in seinem Interesse sein. Ihr Tod hingegen war ihm vermutlich nicht so wichtig.

Sie war immer noch nicht dahintergestiegen, warum die Gräfin nach seinen Worten für sie eingetreten war. Aber sie war ihr extrem dankbar für diese Chance und würde alles tun, damit diese Frau und ihre Einheit weitermachen konnte.

Trotz der kurzen Zeit, die sie zur Verfügung hatte, war sie auf einem guten Weg und zuversichtlich, den Mech führen zu dürfen. Neben den ersten Testläufen im echten Sprinter hatte sie auch schon verschiedenste Tests im Simulator gemacht, um die Konfigurationen, die sie für am besten hielt auszuprobieren. Die Grenzen der Variationen waren natürlich in den Vorräten der Einheit gegeben und in den begrenzten Umrüstmöglichkeiten im Einsatz, aber es gab einige Optionen, die eine gute Balance zwischen den Anforderungen der Theaterlanze im Allgemeinen und den spezifischen Einsatzbedingungen des Zielplaneten darstellten. Nicht der unwichtigste Punkt war der, dass sie Spikes Stärken hervorheben konnten und ihre Schwächen nivellierten. Dazu hatte sie einen Algorithmus entwickelt, mit Hilfe des dem Sprinter zugeteilten Techs, der verschiedenste Verfremdungen der Fußflansche mit den möglichen Konfigurationen abglich und die Änderungen im Bodendruck und der Balance darstellte. Dies war für einen dermaßen schnellen und beweglichen Mech und seinen Piloten überlebenswichtig. So konnte sie auch im Simulator besser testen, was auf sie zu kam. Falls sie den Einsatz bekam, nein: wenn. Spike hatte sich verboten, zu Zweifeln und sich vollständig der Mission verschrieben.

Es war schwierig genug: ihr Ruf war der Theaterlanze nicht verborgen geblieben und besonders die Lanzenführerin und die beiden jüngeren Piloten darin waren ihr nicht wohlgesonnen. Starschina, der älteste Pilot, sah sie eher mit Gleichmut. Der Widerwillen von Black Flagg und Namid war immerhin offen, also würde Spike damit umgehen können. Den Kontakt zu Koslowski hatte sie auf ein Minimum beschränkt. Er war ihr nicht egal, aber derzeit eine zu große Belastung. Falls sie den Einsatz überlebte, würde sie vielleicht zu ihm zurückkehren, er war ja kein schlechter Mann. Aber nicht mehr entrechtet zu sein, wog so ziemlich alles auf, was möglich war. Sie hätte einige sehr hässliche Dinge für ein eigenes Cockpit getan. Seit sie ihre Energien auf ein Ziel konzentrieren konnte, hatte sie sich

allerdings auch viel besser im Griff. Hierfür allein war sie der Gräfin schon sehr dankbar. Die kurzen Ausflüge zur Übung hatten sie nur in ihrem Entschluss gestärkt. Natürlich lief noch nicht alles rund und in einigen Fällen wäre sie fast in Unfälle verwickelt worden. Teils durch ihre mangelnde Erfahrung in dem kleinen Cockpit, teils durch gewagte Manöver von Black Flagg. Sie war sich nicht sicher, aber falls ihre Vermutung stimmte, spielte der Pilot ein gefährliches Spiel, wenn er einige davon provoziert hatte. Bei Spikes Ruf und ihrem Stand bei Lupus wäre es leicht genug, ihr dieses Versagen anzuhängen. Früher hätte Spike versucht, diese Angelegenheit mit Gewalt zu lösen, das kam jetzt nicht mehr in Frage. Sie wollte dieses Cockpit, sie brauchte es. Wenn sie nun die zwei Wochen diese Belastungen aushalten müsste, würde sie es tun.

Spike strich nachdenklich über ihre millimeterkurzen Haare. Die verschiedenen Umgebungen des Zielplaneten hatten ihre Datenspeicher schon ordentlich gefüllt. Lupus würde zufrieden sein. Vielleicht nicht mit ihrer Art einen Mech im Gefecht zu führen, aber mit der, wie sie die Einheit darin unterstützen konnte. Als Multiplikator einer Operation war ein gut konfigurierter Scoutmech viel wichtiger als in einem Kampf. Natürlich hatte sie Waffen an Bord, jedoch würden diese gegen schwerere Gegner als leichte Panzer nicht viel ausrichten. Die letzte Echtübung hatte gezeigt, dass Infanterie und ihre Begleitung schwere Verluste einstecken würden, wenn Spike sie früh genug entdecken konnte. Hier waren der schwere APC und die ihn umlagernden OPFOR-Darsteller jedoch auch im deutlichen Nachteil gewesen, weil Spike die Gegend gut kannte. Auf dem Zielplaneten würde das anders sein, so dass große Vorsicht vonnöten war. Blieb der Trost, dass der voraussichtliche Gegner den Planeten ebenfalls nicht wirklich kennen sollte.

Trotzdem waren diese Übungsabschüsse ein Quell des Stolzes für sie gewesen, vor allem weil ihr Mech nach dem Massaker noch voll einsatzfähig gewesen wäre. Die Lanzenkameraden hatten bestenfalls gleichmütig mit den Schultern gezuckt, als sie ihr Vorgehen besprochen hatte. Sei's drum. Sie würden lernen müssen, ihr zu Vertrauen und ihre Fähigkeiten anzunehmen. Und falls Black Flagg sie weiter zu behindern versuchte, würde sie wie jede gute Soldatin Meldung machen müssen. Sofern die direkte Vorgesetzte nicht reagierte, dann eben der Nachsthöhere. Niemand würde sie von ihrem Ziel abbringen! An die Arbeit, jetzt die verschiedenen Konfigurationen und ihre Schwerpunktverteilung in Wassertiefen bis zu 6 Meter...


Naraka, etwa zur selben Zeit


Kotzi war unzufrieden. Selbst seine Kameraden waren erstaunt, dass er so schlecht drauf war wie lange nicht. Einige spotteten schon, dass es ja nicht mit einer Frau zu tun hatte, sondern mit Spike. Sie würden sich hüten, so etwas vor ihr zu sagen, aber Kotzi war zumindest bisher nicht darauf angesprungen, weil er wusste, was er an ihr hatte und weil diese Sprüche durch Neid ausgelöst wurden, jedenfalls sagte er sich das. Nicht jeder in der Einheit hatte einen Partner - wobei allerdings manche spotteten, niemand sei besser als Spike.

Trotzdem war es schwer ohne sie. Wenn er daran dachte, dass sie im Einsatz draufgehen könnte... Immerhin hatte sie schon gezeigt, was sie konnte, als sie eine halbe gemischte Lanze im Übungsgefecht vernichtet hatte. Er war stolz auf sie gewesen und froh, dass er nicht dabei gewesen war. Es würden jedoch noch zwei Übungen folgen, denen er zugeteilt war. Ob es dann anders lief? Gedankenverloren nippte er an seinem Drink und kratzte sich an seinem Bart. Er entschloss sich, sein Bestes zu geben; würde sie versagen, käme sie zu ihm zurück, wenn sie ihren Mech erhielt, wusste er, sie würde glücklich sein und der Einheit sehr helfen können zu überleben, damit auch ihm. Und irgendwann konnten sie vielleicht unbeschwert.. Ach, er dachte zu weit voraus. Vielleicht kam ja alles anders und der nächste Einsatz würde ihr aller Grab werden. Die Stimmung in der Einheit war nicht gerade so, dass man sich zuviel Hoffnungen auf einen ruhigen Lebensabend machen konnte.

Jedenfalls hatte er in den Übungen keine Chance sie selbst in einem schnellen Schweber allein zu stellen. Sie würden sich sehr anstrengen müssen und Glück brauchen um Spike erfolgreich jagen zu können, mit der gesamten Theaterlanze würde es nochmals schwerer, nicht nur Kanonenfutter zu werden, oder obsolet zu sein. Das war das überwiegende Los der konventionellen Truppen, aber es gab häufig auch andere Resultate. Vielleicht das nächste Mal. Er stand von seiner Koje auf und spazierte zu seinem Vorgesetzten. "Hey, Boss, ich habe zur Übung mal ein paar Fragen..."

Vielleicht konnten sie ja eine Überraschung vorbereiten..

Dadif hatte jetzt Routine darin, die häufiger ausfahrenden und später zurückkehrenden Einheiten abzufertigen. Er würde auch noch zu den Übungen kommandiert werden, aber war bisher nicht begeistert von der Aussicht. Kampf in Gruppen- oder Zuggröße hatte er bestenfalls in Theorie gelernt. Andere Fußtruppen waren bereits mit wenig ermutigenden Ergebnissen draußen gewesen. Warum sollte es mit ihm anders sein? Allerdings hatte jede Maschine auch ihre Schwächen, theoretisch natürlich und abhängig von allen Umständen. Aber mit bestenfalls Raketenwerfern war die Chance gering, einen Mech mehr als nur zu

ärgern. Nicht, dass der direkte Angriff auf Mechs zu den Hauptaufgaben gehörte, für die man sie trainierte. Die Kommandeure schienen eher darauf zu setzen, ihre Infanterie für Unterstützungsaufgaben einzusetzen - in den Kampf gegen gepanzerte Gegner sollten sie vor allem aus dem Hinterhalt oder aus Distanz eingreifen. Aber es wurden auch direkte Gefechte simuliert, denn dass Pläne selten so aufgingen wie gehofft war geradezu eine Binsenweisheit.

Er würde sehen, was passierte; wenn es soweit war, konnte auch er den Unterschied ausmachen. An den echten bevorstehenden Einsatz mochte er jedenfalls nicht denken. Wenn die Schulungsinformationen stimmten, war der Planet weit gefährlicher als irgendein Feind. Blieb zu hoffen, dass der Gegner das ebenfalls auf die harte Tour herausfinden musste.


Sulafat, Shimatze-Verwaltungszone, Provinz Kamikawa, die Stadt Nayoro

Im Unterschlupf, zwei Tage nach der Ankunft


Die Gräfin war eine große und mächtige Frau. Wie sonst hätte sie es auf diesem Planeten geschafft, Unterstützung dieser Art zu organisieren, wenn nicht durch ihren Einfluss und loyale Gefolgsleute? Zwerg fühlte sich an alte terranische Mythen erinnert, wo Edelfrauen den Anker um wichtige und gefährliche Unternehmungen bildeten, aber das währte nur kurz. An seinem Job war nicht viel Edles, auch wenn viele dies mit Patriotismus oder Ehre verbrämten. Er war nur ehrlich zu sich und seinen zukünftigen Opfern. Aber er verurteilte die anderen nicht. Er konnte das hier am Besten und war stolz darauf. Seitdem er sich zur Einheit durchgeschlagen hatte, galt ihr seine Loyalität, denn den Verrat seiner damaligen Einheit würde er nicht tolerieren, wie diese seine Flucht nicht hinnahmen. Wer auf diesem Planeten als sein Ziel galt, hatte mit ihrer eigentlichen Mission wahrscheinlich nicht viel zu tun, aber wenn die Gräfin dies so wollte, war es für ihn Motivation genug.

Die Einschleusung war jedoch für ihn immer das psychologisch schwierigste, auch diesmal. Diese Beamtin hatte einen guten Riecher gehabt und er wog kurz ab, ob er sie vielleicht vor der Ankunft der anderen beseitigen sollte. Aber auch hier währte der Gedanke nur kurz. Es war ein zu hohes Risiko für ihre Basis hier und mochte den Fokus wieder auf sie als kürzlich Gelandete legen, abgesehen von den Möglichkeiten, dies an sich durchzuführen, denn die Dracs waren keine Narren.

So wenig Aufmerksamkeit wie möglich zu erregen war jetzt die Aufgabe. Als Fremdweltler war das schwer genug. Glücklicherweise war die Bevölkerung auf Sulafat ethnisch und linguistisch sehr heterogen, und es gab es einiges an Außenweltlern, die hier für einige Wochen oder Monate arbeiteten.

Er sah weiter Nachrichten; in der nächsten Zeit würden sie auch Lebensmittel kaufen müssen..

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Combined Arms Mechwarrior, hier fahre ich Panzer, stampfe mit Mechs und fliege VTOLs

http://www.mechlivinglegends.net/2017-01/mechwarrior-living-legends-communi
ty-edition/

Jetzt mit Xerxes und Avar. smile

Dieser Beitrag wurde 1 mal editiert, zum letzten Mal von Marlin: 07.10.2017 21:47.

07.10.2017 21:46 Marlin ist offline E-Mail an Marlin senden Beiträge von Marlin suchen Nehmen Sie Marlin in Ihre Freundesliste auf
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