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Zum Ende der Seite springen Hinter den feindlichen Linien - Season 7 - Zwischen Himmel und Hölle
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Tyr Svenson Tyr Svenson ist männlich
Lieutenant


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‚Kein Gott und kein Herrscher – sondern durch den Rat der Edelsten‘
Ein Motto des frühantiken Reiches von Pan‘chra


„Hoheit…?!“
„Ich bin hier, Dan.“
Dan Qau orientierte sich kurz nach der Stimme seines Vorgesetzten. Dann wusste er, wohin er seine Schritte lenken musste. ‚Schon wieder…?‘
Tatsächlich, er hatte sich nicht geirrt. Dan Qau fand Rallis Thelam in dem kleinen, überfüllt wirkenden Zimmer, das mit den Stapeln teilweise antiker Bücher und den nachlässig arrangierten Schalen, Kleinstatuetten, antiken Waffen und anderen Artefakten an das Studienzimmer eines Hobbyhistorikers erinnerte und besser zu Lisson Thelam als zu Rallis gepasst hätte, und in das sich die beiden ungleichen Cousins bei Lissons seltenen Besuchen häufig zurückzogen. Angesichts der Umstände, unter denen Dan Qau das letzte Mal dieses Zimmer betreten hatte – das war nach dem Tod von Tobarii Jockham gewesen – fühlte Dan Qau eine düstere Vorahnung in sich aufsteigen.
„Hoheit, es gibt Neuigkeiten aus dem Draned-Sektor…“
Der Prinz drehte sich nicht sofort um: „Eins nach dem anderen, mein Junge. Zuerst muss ich diese Sache hier zu Ende bringen.“
‚Diese Sache‘ schien ein Packen eng beschriebener Seiten zu sein – was schon eine Rarität an sich war, verwendete man doch heutzutage in der Regel elektronische Datenspeichersysteme, E-Papier oder zumindest Ausdrucke derselben. Wenn jemand etwas handschriftlich festhalten wollte… ‘Ich nehme nicht an, dass es sich um einen Liebesbrief handelt. Dazu wäre das vielleicht etwas umfangreich. Und ansonsten…‘ Ein Vorteil von handschriftlichen Notizen war, dass sie keine elektronischen Spuren hinterließen und damit einen Großteil der modernen Überwachungsmethoden unterliefen: „Was habt Ihr da, Hoheit?“

Jetzt drehte sich Rallis Thelam um, ein geisterhaftes Lächeln auf den Lippen: „Das, mein lieber Qau, ist das verbale Äquivalent zu einer Nuklearmine.“
„Ich verstehe nicht ganz…“
„Das macht nichts. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob selbst die Verfasser dieses kleinen Traktats über dessen Sprengkraft im Klaren sind.
Du weißt, dass einige im Adelsrat meinen, dass der Rat mehr Macht erhalten und öfter zusammentreten – vielleicht sogar in Permanenz tagen sollte.“
Dan Qau warf einen Blick auf die neben dem Schriftstück liegenden aufgeschlagenen Bücher – anscheinend eine Sammlung antiker Reden – während er versuchte zu ergründen versuchte, was der Prinz diesmal von ihm wollte: „Ich hörte davon…“
„Nun einige…Idealisten sind offenbar der Meinung, dass man sich nicht mit der Welt der Sterblichen begnügen, sondern gleich die Tore des Himmels stürmen sollte.“
Irgendwoher kam Dan diese Formulierung bekannt vor. Dennoch…: „Hoheit, es ist schon spät.“
„Hm? Ich verstehe, dann will ich es dir mal etwas leichter machen.“ Der Prinz lächelte kurz:
„Im Prinzip ist es ganz einfach. Du weißt wahrscheinlich, dass auf Akar – im Gegensatz zu dem, was manche gerne behaupten – die kaiserliche Herrschaft keineswegs schon immer die einzige Regierungsform war. Nicht einmal im Herzen des Imperiums.“
„Ihr meint das erste Reich von Pan‘chra? Aber das war in der frühen Eisenzeit – vor tausenden von Jahren…“
„Aber es ist nicht in Vergessenheit geraten, dass damals ein Rat der Edlen für 300 Jahre die Geschicke des Reiches lenkte. Und es waren nicht die schlechtesten Jahre. Damals wurde der Grundstock für die spätere Größe von Pan’chra gelegt. Und selbst nachdem man sich dann in Pan’chra für die Herrschaft eines Einzelnen entschied, behielt der Adelsrat noch eine ganze Weile seinen Einfluss.
Weißt du, dass Tanis Katall, der als einer der größten antiken Rhetoriker gilt, fast dreißig Jahre seines Lebens dem Kampf gegen die Herrschaft eines Einzelnen über Pan’chra widmete? Zu seinem und zu unserem Glück war der erste Imperator von Pan’chra klug genug, ihn nicht zu ermorden, sondern schickte ihn ins Exil. Sonst wäre er natürlich nie in der Lage gewesen, seine und die Reden seiner Gegner aufzuschreiben und damit den bleibenden Ruf seines Hauses zu begründen.
Auch wenn der Adelrat seitdem viel von seiner Macht eingebüßt hat, gibt genug Adlige, die sich mehr oder wenig heimlich wünschen, die Uhr zurückzudrehen – oder sich bei ihren Visionen der Zukunft doch sehr stark an unserer Vergangenheit orientieren. Das ist das Schöne an der Geschichte. Sie bietet Argumente für JEDEN.“
„Aber derartige Ambitionen sind doch kein Geheimnis. Sogar ich weiß, dass viele Ratsmitglieder unzufrieden damit sind, immer nur beim Tod eines Imperators zusammengerufen zu werden. Ich verstehe nicht…“
„Weil du nicht weißt, wie weit diese kleine Kopfgeburt hier geht. Wenn das bekannt würde – also an Stelle der Autoren würde ich zumindest die MÖGLICHKEIT in Betracht ziehen, dass sie damit die Verschickung ins Exil riskieren. Oder in ein Irrenhaus. Oder gleich vor die Läufe eines Erschießungspeloton. Falls wir nicht wieder die Tradition zum Leben erwecken, dass Hochverräter mit der blanken Klinge gerichtet werden.“
Dan Qau wusste, dass Rallis manchmal zu sehr farbigen Metaphern neigte. Dennoch…: „Findet Ihr nicht, dass ihr da etwas übertreibt, Hoheit?“
„Hör dir das erst mal an, Dan. Und dann sage mir, ob ich Recht habe.
Laut dieser Gedankenskizze soll der Adelsrat künftig ständig tagen und zudem von etwas mehr als 500 auf 600 Mitglieder vergrößert werden.“
„Das ist nicht besonders unerwartet oder revolutionär…“
„Du solltest noch etwas mit deinem Urteil warten. Der Adelsrat soll zukünftig jeder Entscheidung bezüglich der Thronfolge zustimmen und hat, wenn die Thronfolge strittig ist – also etwa eine direkte Thronnachfolge nicht mehr möglich – die Entscheidungsgewalt. Jeder Imperator muss bei seiner Thronbesteigung die Zustimmung des Adelsrates haben, auch wenn dieser ihn zuvor als Thronnachfolger akzeptiert hat. UND der Adelsrat kann alternative Kandidaten für die Thronfolge vorschlagen. Sogar WENN es direkte Nachkommen des herrschenden Imperators gibt.“
Dan Qau fühlte, wie sein Hals trocken wurde: „Aber…“
„Warte, warte, es geht noch weiter. Natürlich ist es auch in der Hand des Adelsrates eventuelle Regenten, Vormunde minderjähriger Thronfolger und sogar die Kanzler und Ministerposten zu bestätigen. Er kann im zivilen Bereich Gesetze einbringen und muss sie bestätigen, wie auch das Militärbudgets – und ja, auch in der Frage von Krieg und Frieden muss der Rat gefragt werden.“
„Aber dann ist der Imperator ja nur noch eine repräsentative Figur! Er hat ja fast nur noch ein…Vorschlagsrecht! Kein Imperator würde dem jemals zustimmen!“
„Wir haben momentan nun einmal keinen Imperator. Und noch nicht einmal einen richtigen Regenten. Nur einen ungeborenen Imperator mit höchst…spannender Herkunft, eine Prinzessregentin mit einem genau deshalb etwas beschädigten Ruf und den überambitionierten Erzeuger des besagten Embryo-Imperators. UND wir haben einen Krieg, den wir zu verlieren scheinen.
Und all das haben wir Jor zu verdanken. Ich kann es fast verstehen, warum unsere Freunde hier auf die Idee kommen, dass der Imperator und seine Politik stärker kontrolliert werden muss. FAST.“
Außerdem soll es neben dem Adelsrat noch eine weitere, sehr viel größere Kammer, deren Mitglieder – man höre und staune – GEWÄHLT werden sollen. Gewissermaßen eine…Volksversammlung, mit Repräsentanten von jedem Planeten des Imperiums. Allerdings hat dieses Haus vor allem eine beobachtende und beratende Funktion. Aber immerhin, es hat ein aufschiebendes Zustimmungsrecht für zivile Gesetze, die es übrigens auch selber einbringen kann.“
„Nun, das klingt eigentlich nicht so extrem…“
„Ich hatte vergessen zu erwähnen, dass angedacht ist, die Vertreter der Planeten aus der jeweiligen Bevölkerungsmehrheit zu rekrutieren.“
„WAS?!“
„Du hast mich richtig verstanden.“
„In der gesamten Geschichte des Imperiums…“
„Du vergisst die Nalori, denen wir eine Reihe von Privilegien gewährt haben. Deren Fürstentochter wurde sogar in die Kaiserfamilie adoptiert. Und da du vorhin schon den Draned-Sektor erwähnst…du weißt, dass inzwischen in der Kolonialverwaltung und selbst im Militär immer mehr für eine Flexibilisierung im Umgang mit unterworfen Völkern plädieren. Ganz einfach, weil wir es uns nicht mehr leisten können, so viele unserer Ressourcen für die Unterdrückung von Aufständen und die Kontrolle rebellischer Untertanen zu verschwenden, die wir viel besser für den Krieg gegen die Menschen nutzen könnten. Wenn die T’rr im Austausch für einige Privilegien statt gegen uns FÜR das Imperium kämpfen würden…“
„Das ist doch etwas völlig anderes! Und da Ihr schon die die Nalori erwähnt...das hat Jor I. de facto den Thron gekostet hat und legte die Herrschaft in die Hand von Regenten.“
„Sehr FÄHIGEN Regenten, deren Herrschaft dem Reich einige gute Jahrzehnte bescherte. Hmm…, wenn das keine interessante Analogie ist. Und damit meine ich nicht nur die Namen der kaiserlichen Prinzen, die damals und in der Gegenwart eine so prominente Rolle spielten.“
„Und was wollt Ihr nun tun?“ In Wirklichkeit war sich Dan Qau sich nicht sicher, ob er das wirklich wissen wollte. Sein Vorgesetzter und Mentor hatte ihn in den letzten Monaten schon mehr als einmal unangenehm überrascht.
„Jedenfalls nicht das, was du befürchtest, Dan. Du kannst dich entspannen. Ich bin immer noch ein Thelam. Selbst wenn ich niemals selber den Thron innehaben sollte, bin ich nicht gewillt, ein Privileg aufzugeben, das seit Jahrhunderten im Besitz unseres Haus war.
Und ich bin auch nicht lebensmüde. Wer auch immer sich an die Spitze dieser Initiative setzen würde, der hat sein Todesurteil oder seinen Exilerlass bereits unterzeichnet.
Selbst WENN die in diesem Entwurf skizzierte Machtfülle des Adelsrates für manches Haus verlocken klingen mag…und obwohl die Idee einer ‚Volksversammlung‘ einigen hoffnungslos versponnen Idealisten aus dem Reformerlager gefallen könnte…geht dieser Plan doch weit über das hinaus, was möglichst ist. Traditionalisten, Expansionisten und selbst die Offiziersfronde, die momentan nun wirklich nicht wählerisch sein kann, würden mich kaltlächelnd erdolchen, wenn sie meinen sollten, ich würde dieses…Projekt anführen, initiieren oder auch nur ernsthaft unterstützen.“

Dan Qau atmete erleichtert auf, runzelte dann allerdings die Stirn: „Ihr habt gesagt, was Ihr NICHT tun werdet. Aber was WOLLT Ihr tun?“
„Zuerst einmal nicht viel. Aber ich frage mich…was würden die Allecars tun oder denken, wenn sie von dieser kleinen Denkschrift erfahren?“
‚Sie werden es als direkten Angriff gegen ihre Ambitionen verstehen. Zumindest Meliac Allecar. Sein Sohn Dero…schwierig. Er hat manchmal wirklich merkwürdige Ideen unterstützt oder durchgedrückt.‘ Dan Qau warf dem Prinzen einen misstrauischen Blick zu: ‚Ich frage mich…ist es ein Zufall, dass du dieses Schriftstück gerade jetzt in die Hände bekommst? Oder ist es nicht etwas zu günstig, dass dir das Schicksal ausgerechnet jetzt ein weiteres Werkzeug in die Hand gibt, mit dem du die Allecars verunsichern kannst?‘ Allerdings wusste er, dass er auf diese Frage keine Antwort erhalten würde. Und in dem breiten, zu einem leichten sardonischen Lächeln verzogenen Gesicht des Prinzen konnte er nicht mehr herauslesen, als aus einem Blick in einen blinden Spiegel.
„Aber du erwähntest den Draned-Sektor. Was gibt es Neues? Hat dieser junge Taran-Admiral, statt seinem Ruf nach Akar zu folgen, eine T’rr-Prinzessin geheiratet und sich zum Imperator des Draned-Sektors ausrufen lassen?“

Diese zugegebenermaßen absurde Idee schaffte es sogar, Dan Qau zum Grinsen zu bringen: „Nein. Er ist auf dem Weg hierher zurück. Aber vor seinem Weggang hat er nicht nur die politischen Kontakte mit den rebellischen T’rr intensiviert sondern offenbar auch mehrere geheimdienstliche Operationen gegen die Separatisten initiieren lassen. Sollten das Früchte tragen, werden die neuen Kommandeure des Draned-Sektors eine sehr viel günstigere Ausgangslage vorfinden als bisher. Und angesichts Ihres Interesses für den Draned-Sektors und für Prinz Navarr Thelam, der ja ebenfalls dorthin unterwegs ist…“
13.05.2018 17:45 Tyr Svenson ist offline E-Mail an Tyr Svenson senden Beiträge von Tyr Svenson suchen Nehmen Sie Tyr Svenson in Ihre Freundesliste auf
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‚Pack die Leute bei den Eiern und ihre Herzen und Gedanken werden dir folgen.‘
Sprichwort der US-Streitkräfte in Vietnam – und vermutlich einer der Gründe, warum sie den Krieg verloren.


„Madame Präsident, John Tyler ist hier.“
„Schicken Sie ihn rein.“
Tyler war ein aufsteigender Stern in der republikanischen Behörde für Information, dem Federal Republic Information Service (FRIS). Er hatte sich als Journalist und PR-Experte einen Ruf erworben, auch wegen seiner Bereitschaft, Risiken einzugehen und unangenehme und gefährliche Aufträge zu übernehmen, unter anderem auf der aufständischen Provinzwelt Pandora. Dann hatte er sich in der für die Konföderation verantwortlichen Abteilung bewährt – auch wenn das inzwischen nicht mehr unbedingt als Empfehlung gelten konnte – und besaß gute Kontakte zu Militär und Außenministerium. Allerdings galt er aber ob seines ätzenden Humors und hohen Ansprüchen als nicht immer einfach. Eine Einschätzung, die Birmingham nachvollziehen konnte, da sie in den letzten Monaten viel Zeit mit ihm verbracht hatte. Denn Tyler, der führende Kopf der für Terra selber zuständigen FRIS-Abteilung, war einer ihrer inoffiziellen Wahlkampfberater. Und an DIESER Front waren in der letzten Zeit genauso viele Siege zu vermelden gewesen, wie an der Front im Weltraum…

„Madame Präsident, wollen Sie zuerst die gute oder die schlechte Nachricht hören?“
Eine solche Begrüßung war typisch für Tyler: „Nehmen Sie schon Platz, Tyler. Und da Sie fragen – fangen Sie mit der guten Nachricht an.“
„Es sind sogar zwei: Zum einen brauchen wir uns wohl keine Sorgen mehr zu machen, dass uns jemand die Wegnahme der konföderierten Schiffe übelnimmt. Nach der letzter Glanzleistung der CC schreien die meisten Leute nach Blut und Vergeltung. Und sehen die Beschlagnahmung als kluge Voraussicht, da die CC sich so offensichtlich den Imperialen andient und die ihnen bei ihrem Angriff offenbar Schützenhilfe geleistet haben. Cochrane und Okamba sind dabei, Judas Ischariot und Benedict Arnold Konkurrenz auf der Beliebtheitsskala zu machen. Schade, dass Girad sich bei Sterntor hat ausmanövrieren lassen. Ansonsten könnten wir sie jetzt für so ziemlich jeden Posten einsetzen.
Und Sie führen immer noch in den Umfragen. Wenn auch nur knapp.“
Birmingham musterte ihren Gegenüber skeptisch: „Und was ist die schlechte Nachricht?“
„Zumindest der zweite Teil könnte sich sehr schnell ändern. Und dann können wir auch aus Teil Eins keinen Vorteil mehr ziehen.“
„Ich höre. Was haben die Republikaner vor? Machen sie wegen der letzten Misserfolge mobil?“
„Wenigsten können wir hier die Dinge beim Namen nennen. Ich dachte schon, dass irgendjemand auf die Idee kommt, den charmanten Terminus ‚Frontverkürzung‘ zu reaktivieren…“
Birmingham bezweifelte, dass viele Leute die Anspielung verstanden hätten. Sie wusste natürlich, was Tyler damit meinte.
„Leider sind die Republikaner nicht so dumm, direkt gegen das Militär vorzugehen und ihm Versagen vorzuwerfen. Das kommt in Kriegszeiten selten gut an – und vor allem können Soldaten ja schließlich auch wählen. Aber rechnen Sie lieber damit, dass in nächster Zukunft die Einrichtung eines Untersuchungsausschusses gefordert wird, der überprüfen soll, inwieweit ‚die politischen Vorgaben und die Rüstungs- und Beschaffungspolitik der Regierung zu einer Überdehnung der Frontlinien und Sicherungsverbände, zu falschen taktischen Entscheidungen sowie einer kritischen Unterversorgung der Streitkräfte geführt haben.‘ Also, ob die bösen Politiker mal wieder unseren Helden in Blau, Grün und Grau den sicheren Sieg gekostet haben.“
„Das wird gut ankommen.“
„Ich will ja nicht sagen, dass ich Sie gewarnt habe…“
„Aber Sie haben mich gewarnt.“
„Das zieht nun einmal. Bei Zivilisten UND Soldaten. Irgendjemand MUSS für die Rückschläge verantwortlich sein. Wenn man dann auf die politische Führung zeigt, ist das allemal bequemer, als die Schuld bei der unbefriedigenden Performance der eigenen Streitkräfte oder – viel schlimmer noch – bei den Fähigkeiten des Gegners zu suchen. Vor allem da das Problem in dem Fall sehr viel schwieriger zu beseitigen ist. Da ist es doch angenehmer zu glauben, dass es reicht, ein halbes Dutzend Leute auszutauschen, ohne deren Versagen man natürlich längst schon gesiegt hätte. Diese Strategie war schon uralt, als das Wort ‚Dolchstoßlegende‘ erfunden wurde…“, Tyler hielt kurz inne, konnte sich aber eine letzte Spitze nicht verkneifen: „Auch wenn man früher meist damit gewartet hat, bis der Krieg zu Ende war und die abgehalfterten Generäle ihre Memoiren über ‚Verlorene Siege‘ zu schreiben begannen.“
„Ihr Streifzug durch die menschliche Psyche und Geschichte ist ja faszinierend, aber haben Sie auch eine Idee, was wir dagegen tun können?“
„Abgesehen davon, ein paar ECHTE Siege vorzuweisen? Das wird schwierig. Noch vor ein paar Monaten hätte ich geraten, es mit einer diplomatischen Offensive gegenüber der Konföderation zu versuchen, aber das Ei haben die Konföderierten in die Pfanne gehauen. Momentan hätten Sie vermutlich größere Chancen, Ihre Umfragewerte mit einer MILITÄRISCHEN Offensive in diese Richtung zu verbessern.“
„Ich fange doch nicht noch einen Krieg an, weil meine Beliebtheit in den Keller rutscht. Mir reicht der Konflikt, den wir momentan am Hals haben.“
„Sie wären zwar nicht der Erste, der so etwas versucht, aber ich applaudiere Ihnen zu ihrem Altruismus. Allerdings gewinnt man damit keine Wahlen.
Was Sie auf keinen Fall tun sollten, ist, nach einem Sündenbock in den Streitkräften zu suchen. Girad hat für ihr fragwürdiges Patt bei Sterntor viel Kritik eingefahren, aber wie gesagt – auf einmal ist ihre Flottenwegnahme wieder ein Pluspunkt. Wenn wir sie jetzt wegen Sterntor aufs Korn nehmen, könnte das als Beschwichtigungsgeste in Richtung CC verstanden werden. Und so etwas ist momentan nicht populär. E gibt ohnehin bereits Gerüchte, dass die Konföderierten ihren letzten Stunt nur durchziehen konnten, weil es eine Art ‚Gentleman Agreement‘ zwischen Noltze und Okamba gab.“
„Das ist doch Schwachsinn. Dafür ist doch wohl etwas zu viel Blut geflossen.“
„Natürlich. Aber es wird dennoch geglaubt.
Und falls Ihnen jemand rät, deshalb an Noltze ein Exempel zu statuieren – verzichten Sie dankend. Zum einen würde das auch als Suche nach einem Sündenbock gedeutet werden. Und wäre möglicherweise genau das, was die Republikaner brauchen, um einen Keil zwischen Sie und die Streitkräfte zu treiben. Außerdem haben wir ganz einfach nicht mehr so viele fähige Admiräle, dass wir derart verschwenderisch mit ihnen umgehen können.“
„Sie meine also, ich soll stattdessen die imperiale Karte spielen.“
„Zumindest was DIESE Schlappe angeht. Betonen wir die Bedrohung, die Ilis darstellt. Und dass Noltze verantwortungsvoll gehandelt hat, als sie unnötige Verluste vermied, um ihre Streitkräfte schlagkräftig und einsatzbereit zu halten und ein zweites Sterntor zu verhindern.“
„Und was, wenn Ilis ‚Vorstoß‘ auch nicht viel mehr ist, als eine gewaltiges Ablenkungsmanöver für die neuesten Lieblingslakaien des Imperiums? So ähnlich wie die Sterntor-Offensive, die uns von der Hauptoffensive der Akarii ablenken sollte.“
„Für ein Ablenkungsmanöver war das ein wenig kostspielig.“
„Auch für uns. Es ist schon schwer genug, Sterntor als Patt zu verkaufen, geschweige denn als Sieg. Unsere Bevölkerung ist inzwischen Besseres gewöhnt.“
„Ach, der vergängliche Rausch der Siege…“

Die Präsidentin verkniff sich ein Augenrollen. DIESES Thema hatte schon öfters auf der Tagungsordnung gestanden. Allerdings war in diesem Fall das Wissen um die Ursache des Problems nicht viel wert – solange die nötigen Siege ausblieben. Und da sah es momentan schlecht aus.
Die ‚Große Armada‘ – der Name war inzwischen auf beiden Seiten der Front gebräuchlich – würde in absehbarer Zeit kaum zu umfassenden Offensivoperationen in der Lage sein. Und auch an anderen Fronten wie etwa dem Peshten-Konkordat sah es momentan nach Stillstand und Abnützungskrieg aus. Und diese Art von Krieg war noch nie populär gewesen. Falls Ilis tatsächlich so klug war, auf seiner Seite der Frontlinie zu bleiben, konnte er – nach Girad –womöglich eine weitere TSN-Admiralin ‚abschießen‘, ohne auch nur ein Geschütz auf sie abzufeuern. Wenn er allerdings ein ähnliches ‚Mit-dem-Kopf-durch-die-Wand‘-Manöver vorhatte, wie bei Hannover, dann würde er schon noch lernen, dass die TSN nicht so leicht einknickte wie die Konföderierten…
Falls er sich tatsächlich zurückzog, war es vielleicht an der Zeit, zu alternativen Strategien zu greifen. Vor kurzem war dem Flottenoberkommando eine Initiative vorgelegt worden, die möglicherweise dazu beitragen konnte, das Imperium mit begrenzten Mitteln unter Druck zu setzen und vor allem neue Siegesnachrichten zu produzieren. Der Lingchi-Plan zielte auf das Hinterland der Imperialen, das durch schnelle Vorstöße kleinerer Trägerverbände verheert werden sollte, die sich gegenseitig Deckung gaben.
Auch wenn einige der Vorschläge des ‚Todes durch tausend Schnitte‘ – etwa der Einsatz von Biowaffen gegen Acker- und Viehwirtschaft – vielfach abgelehnt wurden, politisch kaum durchsetzbar und technologisch nur schwer umsetzbar waren, hatte die Idee von konzentrierten Schlägen gegen industrielle und infrastrukturelle Knotenpunkte ausgewählter Akarii-Planeten viele Befürworter. Zwar wurde die Wirkung und Effizienz solcher Angriffe sehr kontrovers beurteilt – schon um Vergeltungsschlägen des Feindes zu entgehen, würden die Angriffs- und Deckungsverbände selten länger als ein bis zwei Tage über einem feindlichen Planeten verbleiben können – war auch der potentielle politische Gewinn verführerisch. Und zwar beim Gegner und an der terranischer Heimatfront. Aber das würde sie nicht mit ihrem Wahlkampfberater besprechen.

„Gibt es etwas Neues von Nkuma?“
Tyler hatte auch in dieser Hinsicht Recht behalten. Inzwischen war Patrice Nkuma als Präsidentschaftskandidat der Republikaner bestätigt worden, was die heiße Phase des Wahlkampfs eingeleitet hatte. Der ehemalige Marines-General, der den von Admiral Tarans Raid schwer verwüsteten Planeten Masters im Senat vertrat, hatte sowohl im Militär als auch in der Wirtschaft Rückhalt und war genau der vermeintliche ‚Fels in der Brandung‘, den so mancher jetzt herbeisehnen mochte.
„Abgesehen davon, dass er den erwähnten Untersuchungsausschuss unterstützen aber ihm nicht beitreten wird? Offensichtlich wollen die Republikaner die ‚ich-stehe-über-den-Niederungen-der-Politik‘-Karte spielen. Zumindest offiziell. Was in Kriegszeiten nicht das dümmste ist, vor allem wenn sie sich einen überparteilichen Anstrich geben wollen. Rechnen Sie aber lieber damit, dass mehr als ein Dirty-Tricks-Team nach Dreck über Sie und die Mitglieder Ihres Kabinetts gräbt. Auch wenn Nkuma sich offiziell solcher Methoden enthalten will, werden sie nicht darauf verzichten wollen.“
„Natürlich. Halten Sie mich für naiv? Wir machen es ja genauso.“
„Wenn es allerdings zu einem direkten Schlagabtausch kommt, sollten Sie Nkuma besser nicht unterschätzen. Er ist ein Marines. Er weiß, wie man schmutzig kämpft.
Die Republikaner haben außerdem ihr neues Verteidigungsprogramm fast fertig. Der Name ist von geradezu bestrickender Bescheidenheit – VICTORY-Programm.“
„Und wie will Nkuma den Krieg gewinnen?“
„Mal abgesehen davon, dass er ein Unterstützer des Lingchi-Programms ist…“
„Das überrascht mich nicht. Immerhin wurde dieser Plan als Reaktion auf den Angriff der Akarii auf Master entwickelt.“
„Nun vor allem will er mehr von allem, würde ich sagen. Mehr Soldaten, Schiffe, Kanonen. Leider habe ich noch nicht die Einzelheiten herausfinden können, aber…“
„Dann habe ich Ihnen ja diesmal etwas voraus.“
„Es besteht wohl nicht die Aussicht, dass er aus alter Loyalität die Marines zuungunsten der Army und Navy bevorzugt?“
„Leider nicht, auch wenn sich die Marines über zehn Angriffsschiffe der Normandy-Klasse plus mindestens zwei neue Divisionen und eine entsprechende Anzahl Unterstützungseinheiten freuen können.
Aber die Navy soll mindestens acht neue Flottenträger und die doppelte Anzahl leichter Träger der CAVOUR-Klasse erhalten, die ja ohnehin in absehbarer Zeit die MAJESTIC-Klasse ersetzen sollen. Dazu kommen die entsprechende Anzahl leichterer Begleitschiffe, schwere Kommandokreuzer der NIKOLEI KUSNEZOW-Klasse, mindestens ein Dutzend Eskortträger der VIRKANT-Klasse um unsere alten STRIKE und CARRACK zu ersetzen, die an die Nationalgarden, die Peshten und sogar einige der größeren Transportfirmen gehen…“
John Tyler schnaubte abfällig: „Ich verstehe nur die Hälfte von dem, was Sie sagen, aber ich nehme mal an, für die Rüstungsindustrie und unser Militär klingt das alles unheimlich aufregend. Wissen die Republikaner auch, wie sie das bezahlen wollen? Ganz abgesehen von den Kosten für den Bau der Schiffe sprechen wir immerhin von – wie viel…mehreren hunderttausend Mann?!“
„Das haben Sie ganz gut geschätzt, Tyler. Aber sein Sie doch nicht naiv. Was die Republikaner JETZT versprechen um Stimmen zu gewinnen, und was sie dann später in Auftrag geben, sind zwei völlig verschiedene Dinge.“
„Wir werden doch aber wohl fragen dürfen, wie sie dieses ganze Eisen finanzieren?“
„Natürlich werden wir das. Und wie Sie sich denken werden, wird die Antwort nicht ‚durch Steuererhöhungen‘ sein.
Die Republikaner wollen die Industrie nicht verschrecken. Aber dadurch können wir vielleicht wenigstens auf all jene rechnen, denen die Gewinnmargen der Rüstungsindustrie vielleicht doch etwas zu fantastisch sind.“
„Das Thema sollten wir besser nicht übertreiben. Sonst denken die Menschen noch, Sie wollen den Neokommunismus einführen.“
„Halten Sie mich für eine Idiotin?“
„Für eine Idiotin würde ich nicht arbeiten.“
„Ich wäre ja geschmeichelt über ihre uneigennützige Hilfe, wenn ich nicht wüsste, wie Nkuma einen Teil seiner Geschenke für die Rüstungswirtschaft und unsere Streitkräfte bezahlen will. Oder es zumindest den Leuten weismachen will. Und Sie wissen es auch.“
Es war ein kleiner, seltener Triumph für Birmingham, ihren zynischen Walkampfberater und Propagandaexperten in Verlegenheit gebracht zu haben.
„Seinen Sie nicht so geknickt, Tyler. Sie wissen doch, dass niemand unsere Informationsabteilung mag. Nicht mal die anderen Ministerien – und ganz bestimmt nicht die Opposition. Die denken doch sowieso, dass Sie mir nur die Wiederwahl sichern sollen.“
„Eine völlig abwegige Idee.“ Offenbar hatte sich Tyler bereits wieder gefangen.
„Und unsere republikanischen Betonköpfe verstehen sowieso nicht, warum wir Geld dafür ausgeben sollten, um unseren Verbündeten, den neutralen Sternenreichen oder gar unseren Gegnern unsere Motive und Ziele zu erklären.“
„Auch wenn ich nachvollziehen kann, dass das Geld das wir in die Konföderation gesteckt haben momentan wie ziemlich zum Fenster herausgeworfen wirkt, ist das doch Schwachsinn! Was glauben die denn, wie viel Geld wir bekommen? Das Gesamtbudget des FRIS reicht vermutlich nicht einmal, um einen einzigen Flottenträger zu bauen.“
„Jetzt sind Sie es, die naiv klingen. Es geht doch hier nicht um Zahlen.
Außerdem wollen die Republikaner die gesamte Kulturpolitik zusammenstreichen, nicht nur den FRIS.“
„Es wird trotzdem nicht einmal annähernd reichen. Und da sie wie gesagt ganz bestimmt keine Steuererhöhungen ankündigen wollen…“
„Nun zum Gutteil soll vor allem das Imperium für unsere Aufrüstung bezahlen.“
„Also weiter Schulden machen, in der Hoffnung, dass wir diese nach dem Sieg erstattet bekommen.“
„Im Wesentlichen, ja. Sie wissen, wie beliebt derartige Forderungen sind. Viele Menschen…“
„Viele Menschen glauben auch noch an GOTT. Deshalb holen wir noch lange nicht die Heilige Lanze aus dem Museum, um sie bei unserer nächsten Offensive vor uns herzutragen.
Die Rüstung noch stärker auf Pump zu finanzieren, ist die beste Garantie, auf eine allgemeine Wirtschaftskrise hinzuarbeiten. Die nur mit VIEL Glück erst dann eintritt, wenn wir den Krieg bereits gewonnen haben. Ansonsten…“
„Sie brauchen mir keine Nachhilfe in Ökonomie zu geben. Aber Sie wissen doch selber, dass wir mit weiteren Steuererhöhungen die Wahlen verlieren werden. Einige Mitglieder der Friedensbewegung haben ja ihr Lieblingsprojekt von einer ‚Besteuerung der Kriegsgewinnler‘ und einem Art Kriegskommunismus…“
„Aber das ist ungefähr so realistisch wie die klassenloses Gesellschaft. Doch da wir schon von der Friedensbewegung reden…wenigstens dürften wir sie jetzt sicher haben. Denn denen wird klar sein, dass die ‚Lasst-den-Feind-nach-dem-Sieg-bezahlen‘-Attitüde der Republikaner jeden Verhandlungsfrieden obsolet macht.“
„Bleibt nur die Frage, ob das reicht…“

In das kurze Schweigen schrillte der Signalton des Tisch-Kommunikators. Die Präsidentin warf einen Blick auf den Anrufer, signalisierte ihrem Gast zu schweigen, aktivierte das Gerät und lauschte einige Augenblicke. Es arbeitete in ihrem Gesicht, doch Tyler war sich nicht ganz sicher, was er von den Emotionen halten sollte, die in rascher Folge über Biminghams Gesicht huschten: Überraschung, Nervosität, Erwartung?
„Und das ist sicher?“ fragte sie den unsichtbaren Anrufer um dann fortzufahren: „Gut. Sagen Sie, ich bin in Kürze bei ihnen.“
„Madame Präsident…“
„Offensichtlich müssen wir unser Gespräch über die anstehenden Wahlen etwas nach hinten schieben. Wie es aussieht hat Ilis wohl doch nicht vor, uns nur an der Nase herumzuführen. Es gibt Neuigkeiten von der Front…“
13.05.2018 17:46 Tyr Svenson ist offline E-Mail an Tyr Svenson senden Beiträge von Tyr Svenson suchen Nehmen Sie Tyr Svenson in Ihre Freundesliste auf
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Einige Wochen früher, Peshten-Raum

Die Shuttles flogen mit offenen Seitentüren und kamen viel zu tief rein, sodass eines die Wipfel der niedrigen Bäume streifte. Der Pilot schaffte es mit knapper Mühe, die Maschine zu stabilisieren. Immer noch gefährlich hin und her schwankend sank es über einen kleinen Lichtung auf eine Höhe von knapp drei Metern herab und gepanzerte Soldaten booteten hastig aus, während schwenkbare Schnellfeuerlaser Deckungsfeuer gaben. Ein Unteroffizier stieß einen zögernden Soldaten kurzerhand aus der Luke, sodass dieser fast unkontrolliert auf dem Boden aufschlug. Allerdings blieb er nicht lange liegen, weil eine Soldatin ihn hochzerrte und voranstieß in das Chaos aus Schreien und Laserblitzen.
Es war ein Inferno aus Schreien, Licht und Dreck. Männer und Frauen – Peshten, T’rr, Akarii, Menschen und Mitglieder anderer Rassen – stolperten über den aufgerissenen Boden während ihnen aus kaum sichtbaren Deckungslöchern und Gräben Sperrfeuer entgegenschlug. Eine Peshten-Soldatin bekam einen Treffer in das Helmvisier und ging schreiend zu Boden, während eine menschliche Kameradin eine Granate aus dem Unterlaufwerfer ihrer Waffe in die Schützenstellung feuerte und sie zum Schweigen brachte. Eine Kette aus Explosionen überschüttete die Vorrückenden mit Dreck, Steinen und Holzsplittern.
Als einer der Verteidiger die Nerven verlor, vor den vorrückenden Angreifern zu flüchten versuchte und um ein Weniges zu langsam aus seinem Schützenloch kam, rannte ihn ein an der Spitze der Sturmkolonne befindlicher T’rr einfach über den Haufen und fällte ihn mit einem brutalen Kolbenhieb gegen den Kopf.

„Aufzeichnung anhalten.“ Der hoch gewachsene, muskulöse Offizier mit dem weißblonden Marines-Haarschnitt warf der ihm gegenübersitzenden Peshten einen düsteren Blick zu, der gestandene Marineinfanteristen erbleichen lassen konnte, diesmal aber keine nennenswerte Wirkung zu zeigen schien. Was möglicherweise auch an der für Menschen, T’rr und Akarii gleichermaßen verunsichernden Dreiäugigkeit der Peshten lag.
„Ich verstehe nicht ganz, was Sie für ein Problem haben, Ausbilder Schiermer.“
Der Angesprochene schnaubte kurz und abfällig: „Mein Problem ist, dass Sie aus der Ausbildung meines Regiments eine verdammte Zirkusnummer machen!“
Ausbilderin Tesh’ta schnalzte spöttisch: „Das ist nicht Ihr Regiment. Sie bilden diese Einheit nur aus. Wenn überhaupt, dann ist es MEIN Regiment.“
„Heißt das, Sie haben DAS gebilligt?“

DAS war unter anderem die Aufnahme einer scheinbar endlosen Linie von Soldaten aus einem halben Dutzend Völkern und Spezies mit verdreckten Panzerungen und Gesichtern und müden Augen, die ein getragenes Lied in einer Sprache sangen, die die meisten von ihnen nicht einmal verstanden:
Vive la Légion étrangère
Et quand défilent les képis blancs
Si leur allure n’est pas légère
Ils portent tous tête haute et fière…
Die nächste Aufnahme, das gleiche Lied und die gleichen Soldaten, diesmal marschierend.

„Wäre es zu viel verlangt gewesen, unsere neuen Soldaten ein PESHTEN-Lied singen zu lassen?“
„Angesichts der Zusammensetzung meiner Truppe, der Aufgabe, die sie übernehmen soll und der Verluste, mit denen wir rechnen müssen, dachte ich, das würde passen. Ich konnte ja nicht wissen, dass Sie eine beschissene Reality-Show daraus machen. Dann hätte ich ja nach einer Play-List der neusten Schlager fragen können.“
„Wir haben die Rechte an allen Aufnahmen der Überwachungs- und Helmkameras. Was wir damit machen, ist unsere Sache.“

Weitere Aufnahmen folgten. Einige zeigten Schiermer – sein Gesicht aus einer nicht gerade vorteilhaften Entfernung von etwa zehn Zentimetern, während er einen Soldaten anbrüllte. Mit einem Lasergewehr in der Hand bei einem Platoon am Schießstand.
Im Laufschritt neben einer Kolonne mit Marschgepäck und voller Gefechtsrüstung, die Männer und Frauen mit einem Schwall von Obszönitäten überschüttend und sie gnadenlos vorwärts treibend. Mit einem menschlichen Soldaten – allen Anschein nach zwanzig Jahre jünger und zehn Kilo Muskelmasse schwerer – beim Nahkampftraining und ihn mit einer Abfolge ebenso effektiver wie schmutziger Griffe fertigmachend…

„Finden Sie nicht, dass Sie ihren persönlichen Einsatz – sowohl verbal als auch physisch – etwas übertreiben? Sie sind kein Sergeant mehr.“
„Sie wollen, dass ich in drei Monaten aus diesen Männern und Frauen Sturmsoldaten mache. Ich weiß, sie alle haben ihre Grundausbildung hinter sich und viele verfügen ohnehin über eine militärische oder paramilitärische Vergangenheit…
Aber wenn Sie wollen, dass diese Soldaten sich einer angreifenden Akarii-Division in den Weg stellen, einen gepanzerten imperialen Angriffskeil abschneiden oder unsere Frontverbände im Fall eines feindliches Durchbruchs stabilisieren können, dann schaffe ich das nicht, wenn ich auf dem Feldherrenhügel bleibe.
Und deshalb kann ich es auch nicht gebrauchen, wenn meine Soldaten die Statisten für eine Reality-Show spielen. Das lenkt sie nur ab. Wollen Sie eine Angriffsdivision oder Kanonenfutter?“
„Lassen Sie das mal besser nicht Ihre Untergebenen hören. Die könnten sonst denken, dass sie Ihnen tatsächlich etwas bedeuten. Auch wenn das schwer zu glauben ist. Unsere Ausbildungseinheit hat eine Ausschussquote von fast fünfzig Prozent. Und ich rede hier gar nicht von den Ausfällen. Einer, der beinahe ertrunken ist, drei mit Rückgratverletzungen durch Unfälle beim Absetzen, zwei mit schweren Augenverletzungen weil sie eine leistungsgeminderte Lasersalve ins Visier kassierten – und mehr Knochenbrüche und schwere Verletzungen bei Nahkampfübungen, Manövern und Geländemärschen, als ich zählen kann.“
„Ich tue meinen Jungs und Mädchen keinen Gefallen, wenn ich sie verzärtele. Wenn Sie ihre neue Division in den Fleischwolf schicken wollen, dann verdammt noch mal mit der besten und härtesten Ausbildung, die sie bekommen kann. Sie haben mich nicht für eine Wohlfühlausbildung rekrutiert. Und den Ausschuss können Sie immer noch für Sicherungsdivisionen und die zweitrangigen Verbände verwenden. Aber ich will sie nicht bei den Ungeborenen haben.“

Dieser Name verwies auf die Peshten-Mythologie – eine schier unbesiegbare Einheit zum Leben erweckter Statuen. Ein stolzer Name für eine der neuen ‚Sturmdivisionen‘, deren Aufstellung der auf schnelle Frontdurchstöße und Bewegungskrieg zielenden Doktrin der imperialen Streitkräfte geschuldet war und sich nicht zuletzt auch bei den gleichnamigen Verbänden der Akarii bediente. Allerdings waren die Peshten-Sturmdivisionen mit etwa 10.000 Mann kleiner, aber mobiler und schneller.

„Ihre Ausbildungsmethoden kosten uns ein Vermögen. Es gab schon Beschwerden…“
„Ich dachte, dass alle Rekruten über ihren Sold versichert sind und sie sich gegen weitere Forderungen rechtlich abgesichert haben.“
„Natürlich haben wir das. Aber wenn Sie weiter in der Geschwindigkeit Verletzungen produzieren, werden noch die Beiträge hochgesetzt.“
Der Mensch öffnete den Mund, hielt dann kurz inne und fixierte seine Vorgesetzte. Dann grinste er schwach: „Sie machen einen Witz.“
„Das es Beschwerden gab? Nein. Aber sogar die Nachschubs- und Logistikabteilung unserer Armee weiß, dass es weitaus kostspieliger wäre, wenn die Soldaten im ECHTEN Einsatz ausfallen, weil wir an der Ausbildung sparen. Also werden wir nichts an den Ausbildungsrichtlinien ändern. Aber Sie sollten sich darüber im Klaren sein, dass ihre Marines- und Fremdenlegionsmethoden nicht bei jedem auf Zustimmung stoßen. Zum Glück sind die meisten Soldaten der Ungeborenen keine Peshten.
Aber die hohen Kosten der Ausbildung war einer der Gründe, diese kleine…‚Reality-Show‘ zu produzieren. Und glauben Sie bloß nicht, dass ihre Einheit die einzige ist. Wir verkaufen das Material sogar über die Grenzen des Peshten-Raums hinaus.“
„Es geht hier aber nicht wirklich nur um Geld für Senderechte?“
„Darum geht es doch immer bei den geldgierigen Peshten, oder etwa nicht?“
„Verkaufen Sie mich nicht für dumm.“
„Sie haben natürlich Recht.“ Die Ausbilderin nickte langsam und schnalzte wieder amüsiert: „Auch wenn Sie wiederum nicht intelligent genug sind, um die wahren Beweggründe zu verstehen. Sonst würden Sie sich nicht so aufregen.“
„Ich will nicht, dass meine Jungs und Mädchen abgelenkt werden. Dass jemand anfängt, die Primaballerina zu spielen. Oder vielleicht irgendwelche irren Stunts ausprobiert, weil er vor der Kamera eine tolle Figur machen will.“
„Wer das will, ist vielleicht doch etwas zu dämlich, um für unsere Einheiten von Nutzen zu sein. Immerhin schneiden wir das Material aus tausenden von Materialstunden von Dutzenden von Einheiten zusammen. Aber was die Frage nach dem WARUM angeht…
Wir wollen unseren Bürgern, unseren Verbündeten, den Neutralen – und ja, auch unseren FEINDEN, sowohl denen im Inneren als auch denen jenseits der Grenzen des Concordats – begreiflich machen, wofür wir unser Geld ausgeben. Es geht darum, einen Eindruck von der Schlagkraft und Effizienz unserer Streitkräfte zu vermitteln. Das Verteidigungsetat des Concordats war und ist umstritten – wie auch der Einsatz von so vielen Nicht-Peshten.“
„Und Sie glauben, dass es die Leute überzeugt, wenn Sie sehen, wie ich einem Peshten-Rekruten die Knochen nummeriere?“
„Nicht in erster Linie, aber es geht da auch nicht nur um solche Aufnahmen…“

Tesh’ta tippte kurz auf das Aufnahmegerät und eine Abfolge anderer Aufnahmen war zu sehen: eine T’rr und ein Mensch, die einem geschwächten Peshten-Kameraden bei der Überquerung eines Flusses halfen, Männer und Frauen von einem halben Dutzend Rassen, die vereint um ein schwach in einer Erdmulde glimmendes Feuer saßen, während ein Akarii und eine Peshten sich auf ihren Postengang vorbereiteten…

„Das sollen die Leute auch sehen. Und es ist allemal besser, als einige andere Bilder.“

Wieder ein Tippen auf die Kontrollen. Die nun abgespielten Aufnahmen stammten anscheinend von einem Handgelenk-Gerät und waren verwackelter und weniger klar als die von hochauflösenden Überwachungs-, Gun- und Helm-Cams aufgezeichneten Bilder. Rauch und Gasschaden erschwerten die Sicht zusätzlich. Dennoch war sie klar genug, um Peshten-Sicherheitskräfte in schwerer Aufruhrbekämpfungsrüstung zu erkennen, die in einer geschlossenen Formation vorrückten, Sicherheitschilde in den Händen und mit Elektroschockern, Stun-Schlagstöcken, Gasgranaten- und Infraschallwerfern bewaffnet. Steine und Brandsätze prallten auf den Schildwall der Sicherheitskräfte.

„Das stammt aus dem Hinterland von Gamma-Eridon. Wir haben nicht nur mit einer Invasion zu kämpfen, wissen Sie.
Wir brauchen positive Bilder. Und eine Ablenkung von der Tatsache, dass wir am Rande eines Bürgerkriegs stehen.“
„Und es schadet auch nicht, wenn Sie Ihren Möchtegern-Dissidenten und heimatgeborenen Terroristen klar machen, dass das Peshten-Concordat bald über ein paar zehntausend Elite-Söldner mehr verfügt…“
Die Ausbilderin warf ihrem Untergebenen einen ausdruckslosen Blick zu: „Da wir schon bei ‚Bald‘ sind – Ihnen ist doch klar, dass dieser Ausbildungsturnus in Kürze vorbei ist.“
„Zwei Wochen noch, ich weiß.“
„Plus ein zweiwöchiges Manöver in Divisionsstärke.“
„Gut. Wir haben nicht genug Übung im Einsatz jenseits der Regimentsstärke. Meine Jungs und Mädchen könnten noch mindestens einen weiteren Monat zusätzliches Training gebrauchen…
Nein, Sie brauchen nichts zu sagen. Ich weiß, dass das unmöglich ist. Und dann…“
„Und dann Gamma Eridon. Wir haben die Akarii gestoppt. Aber das hat uns viel Blut gekostet. Die Ungeborenen werden Teil eines mobilen Korps sein, das wir hinter der Front formieren, um etwaige Vorstöße der Imperialen rasch abblocken zu können. Dafür wurden die Sturmdivisionen ja überhaupt erst entworfen.
Die Aufstellung des Korps umfasst neben den Ungeborenen noch mehrere selbständige Regimenter, die nach Gamma Eridon in Marsch gesetzt und dem Verband angegliedert werden. Dazu kommen Einheiten, die wir aus der Front herausgezogen und aufgefrischt haben.“
„Ein bisschen knapp für ein Korps. Und ich hoffe, Ihre Vorgesetzten denken daran, dass auch ihr großartiges mobiles Korps seinen Einsatz als Verband erst noch ÜBEN muss.“
„Soll das eine Bewerbung sein?“
Schiermer antwortete nicht direkt: „Also feindliche Vorstöße stoppen. Und…“
„Und wenn die Zeit gekommen ist, werden wir zum Gegenangriff übergehen.“

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