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Zum Ende der Seite springen Chevaliers Season V
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Cattaneo
Captain


Dabei seit: 31.07.2002
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Mehr als Freunde

Unbekanntes System, Juni 3067, Militärdistrikt Benjamin, Draconis-Kombinat

Viele Männer und Frauen fanden die Schwerelosigkeit unangenehm, manche sogar beängstigend. Das hatte nicht nur damit zu tun, dass das normale Gleichgewichtssystem und die Vorstellung, was oben und unten war, ausgehebelt wurden – oder damit, dass eine unbedachte Bewegung einen sonst wohin katapultieren konnte. Vor allem aber war die Schwerelosigkeit eine Erinnerung daran, wie fremd das Medium war, in dem man sich befand – nur durch etwas Stahl getrennt vom schwarzen, unbarmherzigen Nichts des Weltraums. Andere hingegen begrüßten das Gefühl der Freiheit geradezu. Es war leicht, sich wie ein Fisch im Wasser zu fühlen, wenn man sich tatsächlich wie einer bewegen konnte, ohne an einen natürlichen oder künstlichen Erdboden gefesselt zu sein. Und das Dunkel des Alls, in dem ferne Sterne leuchteten, war der perfekte Anblick, wenn man mit den eigenen Träumen – oder auch Sorgen – allein sein wollte.
Die Frau mit dem alterslosen Gesicht und den langen schwarzen Zöpfen gehörte zu letzterer Kategorie Mensch. Ihre Uniform wies keinerlei Rangabzeichen auf, aber in ihrer Einheit kannte sie ohnehin jeder. Keiner wäre auf den Gedanken gekommen, sie herauszufordern oder zu missachten.
Sie verzichtete auf einen sichernden Griff, sondern ließ sich einfach treiben. Ihre dunklen Augen mit dem durchdringenden Blick starrten durch die Sichtluke in die Weite des Alls – dorthin, wo sich das Raumschiff befinden musste, das für das bloße Auge nicht mehr zu erkennen war, seitdem es sein Sprungsegel eingeholt hatte. Wenn die Schiffe ihre Energiekollektoren entfalteten, empfahl sich ein gesunder Sicherheitsabstand. Ihre Gedanken kreisten noch immer um dieses Schiff, wenngleich vielleicht nur, um sich von anderen Dingen abzulenken.

Das fremde Sprungschiff – ein betagtes Scout-Modell – hatte dringend benötigen Nachschub an Spezialgütern gebracht. Für den medizinischen Bedarf, aber auch Munition, Ersatzteile und auch einige andere…Verstärkung…vor allem aber Informationen. Das war auch der Grund, warum sie auf dem Weg von Naraka nach Sulafat einen Zwischenstopp eingelegt hatten. Hier gab es keine neugierigen Augen, vor Überraschungen waren sie relativ sicher. Nachdem die Übergabe arrangiert worden war, würden sich die Wege ihres Schiffes und das der Fremden trennen, und vermutlich würden sie sich nie wieder über den Weg laufen.
Es müsste eigentlich…ja, JETZT. Für einen Moment war ein Lichtblitz zu erkennen, und dann war es wieder, als wäre das andere Schiff nie hier gewesen. Bald, sehr bald würden auch sie sich auf den Weg machen und dieses System für immer verlassen.

Die Frau – von manchen die Gräfin genannt, doch hatte sie im Laufe der Jahre unterschiedliche Spitznamen geführt – fragte sich unwillkürlich, ob die Crew an Bord des anderen Schiffes und des begleitenden Landers, einem modifizierten Seeker, eigentlich wussten in welche Art von Spiel sie verwickelt waren. Wussten, was auf dem Spiel stand – viel mehr als das Leben von einer Handvoll Leute.
Die Fremden schienen sich wenig darum zu kümmern, mit wem sie sich hier getroffen, und was für Fracht sich in den Containern befand, die sie verladen hatten. Vermutlich war dies nicht das erste, nicht das zehnte Mal, dass sie so ein Rendezvousmanöver durchgeführt hatten, in einem unbewohnten System, das nur als Nummern- und Buchstabenkombination auf den Sternkarten auftauchte.
Gewiss hatte es sich bei den Männern und Frauen um professionelle Schmuggler und Schwarzhändler gehandelt, Söldner des interstellaren Frachttransits, die wenn nötig Konterbande an den planetaren und nationalen Zollbehörden vorbei schmuggelten, und für die richtige Bezahlung auch Aufständische, Terroristen und Freiheitskämpfer – als was eine bestimmte Gruppe bezeichnet wurde, war ohnehin eher eine Frage der Standpunkts anstatt objektiver Kriterien – mit Kriegsmaterial versorgten oder Personen transportierten, die ungesehen von A nach B reisen mussten, freiwillig oder nicht.
Im Grunde ähnelten sie einander, auch wenn sie selber für ein Ziel kämpfte, nicht nur für Geld. Sie verachtete Menschen, die NUR für Geld kämpften – am Ende waren sie nach ihrer Erfahrung diejenigen, die am ärmsten waren – aber sie machte sich nichts vor, was ihre eigene Rolle betraf. Sie alle waren Akteure die ins Spiel kamen, wenn ein Auftraggeber jede Spur seiner Beteiligung verwischen wollte. Wenn sie überdachte, wie die Hintermänner dieser Operation vorgingen, dann waren die Überbringer der Fracht wohl nur die letzten in einer ganzen Kette gewesen – ein interstellares Hütchenspiel, bei der es praktisch unmöglich war, den Überblick zu behalten. Nun, das konnte ihr persönlich nur Recht sein.

Sie wusste, der Sprung ihrer Nachschublieferanten war zugleich der finale Startschuss für den ,heißen‘ Teil der Mission. Ihr eigenes Schiff hatte seinen Antrieb UND die Reservebatterien aufgeladen und war bereit für den Sprung zum Ziel. Sie sah dem mit gemischten Gefühlen entgegen. Nicht, weil sie Bedenken über den Auftrag an sich hatte, aber einige der Neuigkeiten waren zumindest beunruhigend.
Die Höllenhunde schienen sich in etwa nach Plan zu verhalten. Sie hatten es leider nicht fertiggebracht, bereits auf Darius oder Numki einen Krieg vom Zaun zu brechen – wenngleich mitunter nicht viel gefehlt und sie sich ganz gewiss nicht nur Freunde gemacht hatten. Die Frau fragte sich amüsiert, ob die Söldner Com Stars eigentlich realisierten, durch wie viele Fettnäpfchen sie bereits getrampelt waren, angefangen mit ihrer bloßen Präsenz in diesem Teil des Kombinats. Aber größere Katastrophen waren bisher leider ausgeblieben. Das war bedauerlich, aber keine allzu große Überraschung. Die Höllenhunde wiesen etliche Mankos auf, aber sie waren keine Idioten.
Es gab jedoch auch keinen Hinweis, dass die Söldlinge im Begriff standen, irgendwelche gefährlichen Wahrheiten aufzudecken. Ihr nächstes Ziel stand fest, und, was sie möglicherweise ahnten, aber in seinem wahren Ausmaß unmöglich erkennen konnten, jeder ihre Schritte wurde beobachtet. Die ,Gräfin‘ wusste inzwischen bis ins Detail wie stark die Söldner waren und was die Stärken und Schwächen ihrer Einheit waren. Als Gegner waren sie durchaus ernst zu nehmen, auch wenn sie in letzter Zeit nur auf Pappkameraden geschossen hatten. Aber sie waren besiegbar. Vor allem, wenn man sie in einer Umgebung erwischte, in der sie sich nicht auskannten, man selber aber einen deutlichen Informationsvorteil hatte. Sulafat würde dieses Umfeld sein.

Weit beunruhigender waren jedoch Neuigkeiten, dass die Schwestereinheit der Höllenhunde, diese Chevaliers, ebenfalls auf dem Marsch war, und ihr Ziel war offenbar genau diese Raumregion. Welcher Hafer sie gestochen hatte, so eine kostspielige und nüchtern betrachtet relativ sinnlose Reise aus der näheren Peripherie zu unternehmen, war unklar. Bisher gab es ja keine Anzeichen für eine ernste Krise für die Höllenhunde, die eine solche Intervention rechtfertigte. Und selbst wenn – wenn den Höllenhunden JETZT etwas zustieß, was nützten ihnen da die Chevaliers in ein paar Dutzend Lichtjahren Entfernung? Sollte dies vielleicht eine Drohung für die lokalen Häuser sein? Damit machte man sich diese natürlich erst Recht zum Feind.
Oder nahm Kurita die lokalen Angriffe vielleicht wesentlich ernster als bisher vermutet oder fürchteten einen großangelegten Angriff aus dem Dominium? Dann wäre es doch sinnvoller gewesen, lokale Truppen in Marsch zu setzen…
Keinen Moment glaubte sie die idiotische Geschichte, welche die Chevaliers durch bezahlte Schmieristen und Speichellecker verbreiten ließen und die sich langsam aber sicher entlang der HPG-Verbindungslinien verbreitete. Es musste ein Vermögen gekostet haben, diese Clips so weit zu verteilen, und doch, die Wirkung war zweifelsohne begrenzt. Schon aus dem Grund, weil die meisten Welten nicht über eigene HPG-Stationen verfügten, und die Nachrichten natürlich nicht als Prioritätsmeldungen herausgingen. Aber selbst wo sie ankamen – der Versuch, um ihre Söldnergöre von Kommandantin einen Starkult aufzubauen, war sicher von jemandem ausgeklügelt worden, der von der Kultur und Gesellschaft des Kombinats nur sehr begrenzte Ahnung hatte. Das Kombinat war nicht Solaris.
Im besten Fall wirkte diese Jara jetzt wie eine verwöhnte Aufsteigerin, die sich nicht ohne eine überdimensionierte Gefolgschaft auf die Reise machen konnte um ihr ‚Erbe‘ anzutreten. Eine Gefolgschaft wohlgemerkt, wie sie vielleicht einer Herzögin angestanden hätte, nicht aber der zweifelhaften Erbin eines zweifelhaften Grafen. Das allein wäre schon eine Geldverschwendung und eine Beleidigung aller echten Grafen gewesen. Und wer war dieser Danton denn schon in den Augen einer Familie, die dem Kombinat seit seiner Gründung diente? Er saß auf einem weitab jeder Bedeutung befindlichen Drecksklumpen von Planeten – den er nicht einmal in seiner Gänze regierte.

Die ,Gräfin‘ dünkte sich selbst über Standesdünkel weitestgehend erhaben – viele Kuritaner ihrer sozialen Schicht waren dies jedoch keineswegs. Schon Fokkers Herkunft war geradezu abstoßend, war doch bereits ihr Vater Söldner gewesen. Sie hatte nicht einen Tropfen Kuritaner-Blut in sich. Gerade indem man mit ihrer Zeit bei den Wölfen hausieren ging, rieb man den echten Adligen – die Claner und Söldner mehrheitlich und aus verständlichen Gründen hassten – unter die Nase, dass Jara viel mehr Clanerin war, als eine echte Kuritanerin von edler Herkunft. Sie im Kimono abzubilden änderte daran nicht viel. Respekt vor einer fremden Kultur war zweifellos eine noble Sache und wurde goutiert, nur gehörte man deshalb noch lange nicht dazu. Besonders, wenn man nicht wirklich von besagter Oberschicht dazu eingeladen worden war – oder wenn man viel zu schnell viel zu weit aufgestiegen war. Wie es ein der ,Gräfin‘ sehr nahestehender Mensch vor langer Zeit ausgedrückt hatte – nur an ihn zu denken bereitete Schmerz: ,Du kannst ein Schwein auch golden anpinseln, es bleibt nun einmal ein Schwein.‘
Wesentlich wahrscheinlicher war, dass die kuritanischen Adligen und Militärs – eine geistig wie genetisch inzestuöse Bande von paranoiden, ehrpusseligen Kriegsgurgeln, die sie nun einmal waren – auf den ersten Blick erkannten, dass hinter der Geschichte von der Erbin auf Reisen mehr steckte als eine Kavalierstour als Imponiergehabe. Sie spannen und konterten Intrigen mit der gleichen Selbstverständlichkeit, mit der andere Menschen atmeten. Und da sie so paranoid waren, würden sie vermutlich einkalkulieren, dass die Charade ihnen aus finsteren Motiven Sand in die Augen streuen sollte.
Vielleicht hätte man beim einfachen Volk punkten können, und bei Aufsteigern, die sich selber nach oben gearbeitet hatten. Aber die Meinung des Volkes war im Kombinat von weit geringerer Bedeutung als in den Vereinigten Sonnen oder dem Lyranischen Commonwealth. Und Aufsteiger hatten es meist an sich, dass sie noch bessere Samurai sein wollten, als die gebürtigen Angehörigen des Kriegeradels.

Die Chevaliers kamen nicht so schnell voran, wie sie sich das vermutlich vorgestellt hatten, doch konnte ihre Reise nur verzögert, nicht gestoppt werden. Und bisher waren nur Nadelstiche erfolgt, keine echten Angriffe. Sie wusste nicht, ob jemand demnächst zu drastischeren Maßnahmen greifen würde. Die Hoffnung starb bekanntlich zuletzt, aber sich darauf zu verlassen wäre töricht gewesen. Irgendwann WÜRDEN die Söldner eintreffen. Sie musste zusehen, dass sie ihre eigenen Pläne bis dahin umgesetzt hatte, und einen Sicherheitsabstand wahren konnte.
Alles, was sie über die Chevaliers wusste, riet zur Vorsicht, wenngleich nicht zur Panik. Ihre Führungsspitze war eine Mischung aus solide ausgebildeten Veteranen und vergleichsweise jungen Offizieren – wenngleich etliche von Brillanz weit entfernt sein mochten. Zu viele der Söldner waren viel zu schnell viel zu weit im Rang aufgestiegen, hatten bisher nur in Scharmützeln gekämpft, nicht in echten Kriegen. Aber sie waren keine kompletten Idioten.
Natürlich musste man von den Geschichten über die Heldentaten der Einheit vieles als Übertreibung wegstreichen, aber sie hatte auch verlässliche Analysen und Detailangaben über die Einsätze der Truppe. Die Chevaliers-Piloten waren gut, einige sogar exzellent, wenngleich es der Einheit ganz offensichtlich an Geschlossenheit mangelte. Sie war zu schnell expandiert, um einen echten Korpsgeist aufzubauen und die Zusammenarbeit zu perfektionieren – immerhin hatten sie vor rund drei Jahren als gemischtes Bataillon angefangen und stellten jetzt zusammen mit den Höllenhunden eine verstärkte Brigade dar. Keine Einheit wuchs so schnell – bei einer erheblichen Fluktuation durch Blutverlust und andere Gründe – ohne dass es im Gebälk knirschte.
Und doch, und doch – sie waren gerade obszön gut ausgerüstet, ausgestattet mit einem Sammelsurium an modernen Maschinen, vielfach auch Clantech, darunter schwere und überschwere Modelle, die ihr Roster…wie hatte ihr Vize es doch genannt?...ach ja ,wie der feuchte Traum jedes Beschaffungs- oder Einsatzoffiziers mit Potenzproblemen‘ erscheinen ließ. Trotz des ernsten Themas hatte er damit in der Besprechung des Kommandostabs die Lacher auf seiner Seite gehabt. Aber das Gelächter hatte einen bitteren Unterton – in einem direkten Schlagabtausch waren die Chevaliers nur sehr schwer zu besiegen. Und von ihren Leuten vermutlich gar nicht.
Nun, die Chevaliers waren momentan noch weit, WEIT weg – und die Innere Sphäre war groß. Die ,Gräfin‘ zweifelte nicht daran, dass sie sich, sollte ihr Plan Erfolg haben, den bleibenden Hass der Söldnereinheit – und der überlebenden Höllenhunde – zuziehen würde. Aber das beunruhigte sie nicht sonderlich, denn sie wusste, nach ihren Fersen schnappten noch ganz andere Kiefer. Sie waren DENEN bisher immer ein Stück voraus geblieben, da würde es, Vor- und Weitsicht vorausgesetzt, auch diesmal gut gehen.
Allerdings…zweifellos hatten sich das viele eingeredet, bevor sie dann doch zur Strecke gebracht worden waren. Sie kannte genug Beispiele. Irgendwann war jede Glückssträhne einmal zu Ende, und sie hatte ihr Glück nun wahrlich zur Genüge strapaziert. Nicht, dass sie nicht auch schmerzhafte Verluste hatte hinnehmen müssen…

Es war nicht so, dass keinen Ausweg gab, wenn sie denn wollte. Das alles hinter sich lassen, diesen schier endlosen Kampf für ein Vermächtnis, das viel zu groß für einen Sterblichen erschien. Nicht mehr durch Blut waten müssen, sei es der eigenen Leute, des Gegners oder Unbeteiligter. Endlich nicht mehr jeden Morgen voll Bitterkeit aufstehen wegen dem was verloren war, voll Hass auf jene, die daran Schuld hatten, jede Minute darauf verwenden, um zu ändern, was vielleicht nicht mehr geändert werden konnte – als Spielfigur in einer Partie, in der sie nicht über den Rand des Bretts sehen konnte und nur halb verstand, was die Hand bezweckte, die sie mal hier-, mal dorthin schob.
Aber aufgeben bedeutete, eine Niederlage einzugestehen, und das war nicht ihre Art. Es hätte bedeutet, dass alle Verluste umsonst gewesen wären. Also verdrängte, wie so oft, den Gedanken an einen ganz speziellen Datenträger, der ganz hinten in ihrem Safe schlummerte.

Sie bewegte sich durch die verwaisten Gänge des Raumschiffs mit einer Eleganz, die von langjähriger Übung zeugte. Mal packte ihr Arm zu, stieß sie sich mit einem kräftigen Tritt ab, drehte sich um sich selbst, um ihren Kurz zu korrigieren. Mit traumwandlerischer Sicherheit fand sie sich zurecht, obwohl miteinander verbundene Sprung- und Landungsschiffe einen verwirrenden Irrgarten bilden konnten.
Die ganze Atmosphäre erinnerte eher an den Anfang eines Sci-Fi-Horrorstreifens – die spärliche Beleuchtung, kein Mensch auf den Gängen, obwohl es Anzeichen für eine kürzliche Nutzung gab. In diesem Fall gab es freilich eine harmlose Erklärung – wie es Brauch war, hatte man alle Mitglieder der Einheit einschließlich der Schiffscrews im Gravdeck des Sprungschiffes versammelt. Im Moment war dies der einzige Ort an Bord, der normale Schwerkraft aufwies. Um die Lebenserhaltung nicht zu überlasten war der Zugang eigentlich reglementiert – die Crews von Landungs- und Sprungschiffen sowie die Passagiere teilten sich einen strikten Schichtplan. Neben den obligatorischen Übungseinheiten war nicht viel Platz für Freizeit, aber die Gräfin hatte ihren Untergebenen gewisse Spielräume zugestanden. Wenn man so lange im Weltraum unterwegs war wie ihre Einheit, war etwas Flexibilität ratsam, um die Moral aufrechtzuerhalten. Dabei war eine halbe Stunde Aufenthalt zu beliebter Uhrzeit – etwa am Nachmittag – so viel wert wie eine Dreiviertelstunde ganz früh am Morgen, oder eine Stunde wenn es an Bord Mitternacht war.
Doch jetzt, kurz bevor viele der Männer und Frauen Abschied voneinander nehmen mussten – wer wusste schon, ob nicht für immer? – war es Brauch, dass ein gemeinsamer Appell stattfand. Er wurde durch ein gemeinsames Essen ergänzt. Wer wünschte, konnte zudem seinen Frieden mit höheren Mächten machen. Die Gräfin folgte natürlich den animistischen Glaubensvorstellungen, nach denen sie erzogen worden war. Aber in der Einheit, die sich aus Männern und Frauen aus unzähligen Systemen zusammensetzte, herrschte Religionsfreiheit – was solche Gruppen wie die Kirche vom Einen Stern und das Unvollendete Buch einschloss.

Der Übergang von dem Bereich der Schwerelosigkeit zum rotierenden Gravdeck des Sprungschiffs war etwas heikel, vor allem für jene, die wenig Übung hatten. Je kleiner das Gravdeck war – und mit 65 Meter Durchmesser gehörte das Deck eines Invasor-Schiffes zu den kleinsten die es gab – desto schneller musste es rotieren, um eine erdähnliche Gravitation zu erzeugen. Aber die ,Gräfin‘ kannte sich nicht nur in den luftigen Höhen der Führungsschicht aus – oder konnte nötigenfalls auch eine Kehle durchschneiden – sie hatte auch in jahrelanger Praxis gelernt, wie man sich in der Schwerlosigkeit zurechtfand. Im genau richtigen Moment erwischte sie die Griffpunkte und zog sich in den Gang des Gravdecks. Sobald die Schwerkraft spürbar wurde, rollte sie sich elegant ab und kam mit einer flüssigen Bewegung auf die Beine. Für einen Moment sammelte sie sich. Abschied zu nehmen war ihr in den letzten Jahren zur Gewohnheit geworden, aber in dem Maße, in dem immer weniger vertraute Gesichter übrig blieben, fiel es ihr immer schwerer. Doch sie wusste, was sie ihrer Mission und ihren Leuten schuldig war. Also atmete sie tief durch und ging dann, stolz aufgerichtet und ohne eine Miene zu verziehen, zu den Türen, hinter denen ihre Soldaten auf sie warteten…

***

Drei Stunden darauf

Die letzten Messen waren gelesen, das letzte Glas geleert, das letzte Hurra verklungen. Die Einheit bereitete sich auf den nächsten, entscheidenden Schritt vor. Bald würde der Sprung nach Sulafat erfolgen. Doch die ,Gräfin‘ hatte sich entschlossen, bis zum letzten Moment, der zehn-Minuten-Sprungwarnung, zu warten, ehe sie sich auf ihre Station begab. Es stand außer Frage, dass sie dann auf Posten sein musste – schließlich hatten sie nur das Wort ihrer schattenhaften Auftraggeber, dass sie nicht erwartet würden. Aber angesichts dessen, dass sie die Offiziere und Soldaten, die ihr (zumeist) blind vertrauten, in ein ungewissen Schicksal vorausschickte, während sie fürs erste in relativer Sicherheit zurückblieb, wollte sie sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, so viel Zeit mit ihnen zu verbringen wie möglich. Sie hatte eine komplette Runde durch das Landungsschiff gedreht, das als erstes auf Sulafat aufsetzen würde.
Im Moment lehnte sie an einem Gefechtsfahrzeug im Haupthangar. Entgegen dem, was manche Laien erwartet hätten, herrschte hier kurz vor dem Gefechtssprung keine emsige Betriebsamkeit. Vielmehr war jedes Stück Fracht schon vor langer Zeit verstaut und gesichert – und diese Sicherung nicht nur ein- oder zweimal, nein drei- bis vierfach überprüft worden. Die Reise versprach heikel zu werden. Um einer Entdeckung zu entgehen, hatte man einen ausgeklügelten Flugplan erarbeitet, der auch noch in einem relativ engen Zeitfenster absolviert werden musste. Man würde sich Lücken in der Überwachung und die Ortungsschatten der fünf kleineren Monde – dazu kamen noch mehrere mondähnliche Himmelskörper – zunutze machen, die Sulafat umkreisten. Doch dies bedeutete, dass der Lander mehrfach bis an die Grenze seiner zulässigen Beschleunigung von 2,5 g würde gehen müssen, um loszuspurten oder abzubremsen, andererseits aber auch Pausen ohne jede Beschleunigung einlegen würde, um nicht aufzufallen. Das war für Piloten, Fracht und Passagiere eine echte Herausforderung. Glücklicherweise hatten sie alle schon einige Übung mit solchen Manövern.

Der Hangar war praktisch verwaist, sah man von einigen Infanteristen in Gefechtspanzern und Techs in Exoskeletten ab, die im Fall eines Frachtunfalls noch die besten Chancen hatten, etwas auszurichten. Vielfach konnten die Stiefel magnetisiert werden, was selbst in der Schwerelosigkeit soliden Halt garantierte.
Die gesicherten Fahrzeuge boten einen beeindruckenden Anblick – die drohenden Geschützmündungen, die massiven Raketenbatterien, die Energiewaffen… Zwar fehlten die prahlerischen Abschussmarkieren und Verbandsabzeichen, die viele Einheiten verwendeten, und auch die markanten Farbmuster vieler Haustruppen. Die Fahrzeuge waren vielmehr alle in dunklen Dschungeltarnfarben gehalten, die ihnen ein fast gespenstisches Aussehen gaben – insbesondere, wenn man die ebenfalls getarnten Gefechtspanzerinfanteristen bedachte, die sich zwischen ihnen bewegten. Im Nachbarhangar sah es nicht anders aus. Gewiss, ein Skeptiker hätte eingewandt, die Fahrzeuge der Einheit waren zumeist nur 50 Tonnen schwer, oft deutlich leichter, und keineswegs durch die Bank weg modernstes Material. Eine Ausnahme war der 75-Tonnen-Alptraum, den Lupus persönlich steuerte. Aber gegen die überschweren Monster der Höllenhunde, ihre Jäger – nicht zu vergessen die lokalen Kurita-Einheiten – schien das wenig, zu wenig. Dennoch atmete die Atmosphäre Zuversicht, strahlten die getarnten Panzer, Mechs und Gefechtspanzer Entschlossenheit und Drohung aus.

Die Kommandeurin der Infanteristen hatte ihren Helm abgenommen und flachste mit der ,Gräfin‘. Violint war – natürlich – eine wahre Hünin. Wenn man das harte, dunkelhäutige Gesicht mit den Spuren vergangener Kämpfe, den kalten, schwarzen Augen betrachtete, hätte wohl niemand vermutet, dass sie ausgezeichnet Geige spielte – daher der Spitzname. Sie war für eine Frau ihres Ranges jung und doch würde sie an Bord des Landers den Posten der stellvertretenden Kommandeurin übernehmen. Aber sie besaß einiges an Erfahrung, hatte gegen Gefechtspanzer, Panzer und Mechs auf mehr als einem Dutzend Welten gekämpft.
Das Gespräch der beiden Frauen drehte sich nicht um den kommenden Einsatz, stattdessen witzelten sie über die Eigenheiten anderer Offiziere – Gleichrangige und Untergebene. Wenn man so lange Zeit miteinander verbrachte, kannte man irgendwann so ziemlich alle Macken und Spleens.

Mit einem Mal wurde das Gesicht der jüngeren Offizierin ernst. Ihre Stimmung und die gesamte Atmosphäre schienen gleichsam deutlich abzukühlen. ,Gräfin‘ brauchte sich gar nicht umzudrehen, um den Grund zu erkennen.
Lupus hatte sich beinahe lautlos genähert. Wie die ,Gräfin‘ und Violint trug er keine Abzeichen, aber wie ihnen machte man ihm selbstverständlich Platz – und er erwartete offenbar, dass seine Befehle ausgeführt wurden.
Violint zog eine Grimasse. Sie und Lupus waren noch nie Freunde gewesen. Das mochte ursprünglich Abneigung gegen seinen Hintergrund gewesen sein, aber es hatte sich nicht wirklich gebessert, als sie sich im Laufe der Zeit von der Kompetenz des Einheits-XO überzeugen konnte. Lupus‘ kaltherzige Art, seine erbarmungslose Unbeirrtheit und Fanatismus, die Befehle, die er gab und nur zu oft auch selber umsetzte, gingen ihr gegen den Strich. Nicht, dass Violint die Ziele der Einheit ablehnte – sie wäre nicht hier, wäre dem so gewesen. Aber es gab Abstufungen darin, wie weit jemand zu gehen bereit war.
Eigentlich wäre es ja logisch gewesen, wenn sie mit der Kommandeurin aus denselben Gründen gehadert hätte – doch es war bekannt, dass Lupus und Sekretärin oft diejenigen waren, die für bestimmte…Aspekte zuständig waren. Es war denn auch bei der letzten Einsatzbesprechung der Vizekommandeur gewesen, der die Richtlinien verkündet hatte, wegen denen Violint und er mal wieder über Kreuz waren. Befehle, die erst einmal nur den Offizieren mitgeteilt wurden: „Mannschaftsdienstgrade und Unteroffiziere der Höllenhunde sind nach Möglichkeit unverzüglich von Offiziersrängen zu trennen. Wir müssen sie bereits unter Gefechtsbedingungen erstmalig verhören – Rang, Name, persönlicher Hintergrund und dergleichen. Weitere Verhöre – die natürlich erst in gesicherter Umgebung durchzuführen sind – sollen intensiv sein. Aber wir werden niemanden foltern oder misshandeln, es sei denn Gräfin, Sekretärin oder ich sanktionieren dies.“ Lupus gehörte offenbar nicht zu der Sorte Mensch, die ihre Zuflucht in Euphemismen wie „drängendem“ oder „verschärftem“ Verhör suchten. Wie Sekretärin war er niemand, der Folter für ein Allheilmittel hielt. Aber unter bestimmten Umständen schreckte er auch nicht davor und Schlimmeren zurück. Seine…Ehrlichkeit…machte die Sache natürlich nicht besser, rieb eher jeden, der mit ihm zusammenarbeitete, die unschönen Aspekte unter die Nase.
„Die Gefangenen werden möglichst korrekt behandelt und versorgt – eventuell brauchen wir sie noch als Tauschobjekte, oder um abgeschnittenen Feinden eine Kapitulation schmackhaft zu machen.“ Lupus betonte dies aus gutem Grund. Die Soldaten der Einheit hatten sich im Laufe der Zeit angewöhnt, mit Gefangenen nicht eben rücksichtsvoll zu verfahren. Die Kommandeure bemühten sich, Brutalität wie ein präzises Werkzeug einzusetzen, aber so perfekt funktionierte dies nun einmal nicht.
„Die Gefangenen sind natürlich weiter zu evaluieren – wer hat wichtige Verwandte, wer verfügt über Spezialwissen… Solche Gefangenen werden wir strikt abzusondern und isolieren. Wir werden sie mitnehmen, wenn wir Sulafat verlassen. Die anderen bleiben im Dschungel. Mit einer Kugel im Hinterkopf. Ohne Ausnahme. Diese Details werden aber erst auf Anweisung von ,Gräfin‘ oder mir an die niederen Dienstgrade weitergegeben, wenn sich absehen lässt, wie sich die Lage entwickelt.“
Lupus hatte nicht einmal die Stimme erhoben, und doch jede Diskussion im Keim erstickt, als er fortfuhr: „Unsere Auftraggeber sind da eindeutig. Die Höllenhunde sind – wie die Chevaliers – dezgra, vogelfrei, unberührbar, suchen Sie es sich aus, wie Sie es nennen wollen. Auf diesen Abschaum ist aus gutem Grund ein Kopfgeld ausgelobt. Aber das WARUM hat uns ohnehin nicht zu kümmern – wir müssen nur die Belohnung einstreichen. Die Dezimierung der Höllenhunde…“ Bei dem Wort ,Dezimierung‘ hatte er spöttisch gegrinst: „soll eine deutliche Botschaft sein. Das heißt, wenn wir wollen, dann können wir sie auch gerne entlang einer Straße ans Kreuz schlagen.“ Haritsuke wurde in Kombinat eigentlich nicht mehr praktiziert, aber die Betonung lag auf ,eigentlich‘. „Ob die Botschaft auch wie gewünscht verstanden wird – wer weiß? Aber wir werden dafür Sorge tragen, dass sie klar und laut genug formuliert ist.“
Das entscheidende Argument war natürlich der Wille der Hintermänner gewesen. Die Einheit war auf Rückendeckung angewiesen. Aber Lupus hatte offenbar wenig Ermutigung benötigt, denn wie er dozierte: „Menschliche Behandlung des Gegners speist sich gemeinhin aus zwei Motiven. Einmal Respekt vor ihm oder ihr als menschliches Wesen. Das können wir hier wohl ausschließen. Die Höllenhunde und Chevaliers haben in den Augen von genug Leuten den Tod und Schlimmeres verdient, aus gutem Grund. Sie sind Abschaum der übelsten Sorte – wie Sie alle wissen. Was den zweiten Grund angeht – die Rettung des eigenen Lebens für den Fall einer Gefangennahme… Ich muss wohl niemanden daran erinnern, was uns im Fall der Ergreifung blüht. Auf UNSERE Köpfe sind auch Preise ausgesetzt. Vorzugsweise ohne den Rest, wohlgemerkt.“

Violint war viel zu klug, zu erfahren und durch eine zu harte Schule gegangen, um nicht die Logik zu erkennen. Aber sie hatte nur sehr unwillig nachgegeben.
Lupus hatte die Arme hinter dem Rücken verschränkt, während er die beiden Frauen musterte. Die Beine waren durchgedrückt, die Hacken der Kampfstiefel gegeneinander gepresst, der Rücken bolzengrade. Er neigte leicht den Kopf und grüßte Violint distanziert, aber nicht feindselig. Für die ,Gräfin‘ hatte er natürlich eine tiefere Verbeugung – wobei er sich solche verräterischen Verhaltensweisen im Einsatz selbstverständlich versagte: „Ich bringe Sie zum Schott, Kommandeurin.“ Eine nicht sehr subtile Erinnerung, dass es Zeit war, sich auf den Sprung vorzubereiten.
Violint setzte mit einer geradezu wütenden energischen Bewegung ihren Helm wieder auf und stolzierte wortlos zurück zu ihren Untergebenen – ohne den Gruß zu erwidern. Die ,Gräfin‘ versuchte nicht einmal, sich ein Grinsen zu verkneifen. Angesichts der besonderen Situation wählte sie eine persönliche Anrede: „Hast du gar keine Angst, dass sie dich in den Ring der Gleichen fordert?“
Ihr Untergebener schnaubte: „Nicht, dass sie mich nicht in einem echten Zweikampf besiegen könnte – aber dazu ist sie zu klug. Was soll das dann bringen? Sie kann ja wohl kaum selber den Einsatz führen – soweit ist sie nicht. Noch nicht. Von Sparringskämpfen mit ihr sollte ich aber in der Tat besser absehen.“
„Die Mutter deiner Kinder wird sie jedenfalls mit Sicherheit nicht.“
Lupus zuckte zusammen – weniger angesichts des doch recht derben Scherzes, als vielmehr aus Überraschung. Gerade von seiner Kommandeurin hätte er eine solche Bemerkung nicht erwartet. Er ging aber auf den Ton ein: „Allerdings. Wohl eher die Frau, die jene hypothetischen Kinder zu Halbwaisen machen würde.“ Das brachte ihm ein Lachen ein.
„Aber wir müssen ja keine Freunde sein – das werden wir vermutlich auch nicht mehr in diesem Leben. Oder im nächsten. Wir sind mehr als das. Wir sind Kameraden. Sie weiß, wie wichtig ich im Moment bin. Nicht unersetzlich – das sind nur Sie – aber doch von Bedeutung. Respekt vor den Fähigkeiten ist etwas Solideres als Sympathie. Und das Wohl ihrer Untergebenen bedeutet ihr nun einmal mehr als die Abneigung gegen mich.“
Die ,Gräfin‘ kicherte: „Na, dann frage ich mich aber doch, was du eigentlich in mir siehst. Eine Freundin? Oder ,mehr als das‘?“ Doch ihr Untergebener gab keine Antwort.

Ein paar Schritte Weges gingen sie schweigend, bis sie den Schott erreicht hatten. Dort blieb Lupus stehen: „Ich gehe davon aus, dass das kein Lebewohl für immer wird.“ Seine Stimme klang nüchtern – immerhin war er Veteran: „Aber falls doch, falls es zum Äußersten kommt, denkt daran, dass Ihr nicht nur für uns eine Verantwortung tragt, sondern für die ganze Einheit. Der beste Kommandeur weiß nicht nur, wann er seine Soldaten in den Kampf zu führen hat. Sondern auch, wann er sie zurücklassen muss.“
Die ,Gräfin‘ starrte ihn einen Moment wortlos an. Es war nicht ganz klar, welche Gefühle in ihrer Miene aufblitzen. Frustration, Verachtung, Wut? Dann lächelte sie freudlos: „Glaubst du nicht, du hast dich etwas zu sehr damit abgefunden, dass uns dieser Auftrag das Leben kosten kann? Wenn man irgendetwas als sicher oder fast sicher ansieht – dann unternimmt man vielleicht nicht genug, um es zu verhindern. Ich habe dich nicht für so jemanden gehalten.“ Der Offizier neigte leicht den Kopf: „Das bin ich auch nicht. Jedenfalls noch nicht. Ich habe mit diesem Leben noch einiges vor – namentlich das von ein paar Leuten vorzeitig zu beenden. Aber ich habe es erlebt, wie gute Kommandeure – gerade gute Kommandeure – zu viel geopfert haben, weil sie meinten, sie wären es einer Handvoll Soldaten schuldig, die irgendwo auf verlorenem Posten standen. Diese Regung ist verständlich, aber wir können uns solche Gesten einfach nicht leisten. Wir wussten alle von Anfang an, worauf wir uns einlassen. Mitgefühl mit den eigenen Soldaten ist gut. Aber als Kommandeur muss man sie nötigenfalls auch sehenden Auges opfern.“
Die ,Gräfin‘ schüttelte traurig den Kopf: „Du kennst doch die Geschichte meiner Leute. Wir sind mehrheitlich die Nachfahren derer, die weggerannt sind, die sich ergeben haben. Deren Gesicht gründlich in den Dreck getreten wurde. Aber wessen Namen, denkst du wohl, nennen wir noch heute mit Ehrfurcht in Liedern und Gedichten? Nicht die derer, die den für sie sicheren Weg wählten.“
Der Offizier dachte einen Moment darüber nach: „Das kann ich verstehen. Nicht aus eigener Erfahrung, aber ich kann zumindest versuchen, es mir vorzustellen. Aber denkt daran – Ihr habt eine Verpflichtung, die über jene uns gegenüber hinausgeht. Den Lebenden gegenüber, nicht den Toten. Denen, die hier bei euch bleiben, und noch mehr. Euer Weg ist noch nicht zu Ende. Ihr habt Menschen, die euch lieben und die euch brauchen.“
Was auch immer seine Vorgesetzte auch darauf hätte erwidern können, das Heulen der Sprungwarnung unterbrach das Gespräch. Lupus straffte sich und salutierte zackig. Kurz darauf schloss sich die massive Stahltür.
Der Sprung nach Sulafat konnte stattfinden.

***

Fünf Tage darauf, Odaga-Shimatze-Grenzgebiet, Hinterland von Sulafat

Der Kugelraumer hatte eine aufreibende Reise hinter sich. Er hatte den Sensorstationen der lokalen Truppen ausweichen müssen, und beim Eintritt in die Atmosphäre hatte derselbe Tropensturm, der ihm Deckung bot, zugleich die Fähigkeiten der Piloten bis zum letzten gefordert. Aber sie waren sicher an ihrem Ziel angekommen. Es war ein Krater, geschlagen vor vielen Jahren von einem Asteroiden – der sich auf den ersten Blick in nichts von den anderen Tälern und Schluchten im hügeligen Dschungel unterschied. Aber was eben aus der Luft NICHT zu erkennen war – der Boden war hier fest genug, um eine Landung zu erlauben, eine Rarität in dieser Region. Der Dschungel war zudem dicht genug um Deckung zu bieten – abgesehen davon, dass das Kratergestein Sensoren störte – aber nicht so dicht, dass er eine Bewegung der Gefechtsfahrzeuge unmöglich gemacht hätte.
Wer nicht beste Insiderinformationen hatte, dem blieben für sichere Landungen im Dschungel nur die Behelfslandefelder der Erntecamps, und sogar die waren für schwere Landungsschiffe nicht geeignet. Aber diese Besucher verfügten über das nötige Detailwissen.
In nicht zu weiter Entfernung gab es einen Zugang zum lokalen Flusssystem, was ganz neue Optionen eröffnete. Die starken Regenfälle, die wenn schon nicht täglich, so doch mehrfach die Woche zu erwarten waren, versprachen ausreichend Wassernachschub – wenn man vorsichtig genug war und das kostbare aber gefährliche Nass gründlich reinigte. Glücklicherweise waren diese Besucher bestens auf die Eigenheiten Sulafats vorbereitet.

Der gigantische 75-Tonner war die erste Maschine, die das Landungsschiff verließ. Es war Präzisionsarbeit gefordert – Seeker waren einfach nicht als Transporter für so schwere Maschinen konzipiert worden. Aber Lupus steuerte seine Kampfmaschine mit ebenso viel Geschick wie Erfahrung. In seinem Tarnanstrich wirkte der Mech wie ein wütender, auf Zerstörung sinnender Waldgeist. Ein Eindruck, der durch die montierten Ghillie-Netze noch verstärkt wurde. Ihm folgte die anderen Mechs, Gefechtsfahrzeuge, gepanzerte Infanterie, Artillerie – die Soldaten und Maschinen allesamt in Tarnuniformen und -anstrich. Es gab kein Durcheinander, keine Unsicherheit, jeder Griff schien zu sitzen. Noch war kein Schuss gefallen, doch die Schlacht von Sulafat hatte bereits begonnen. Und der Wald von Birnam marschierte, um am Dunsinane-Hügel zu kämpfen.

Ende
28.02.2019 07:18 Cattaneo ist offline E-Mail an Cattaneo senden Beiträge von Cattaneo suchen Nehmen Sie Cattaneo in Ihre Freundesliste auf
Marlin
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(Ergänzungen durch Cattaneo)

Training

Kellerebene in der Geheimunterkunft


Beasts harte Stimme hallte durch den Übungsraum, gefolgt von Schlaggeräuschen. In einer Ecke hingen Sandsäcke verschiedener Größe und es stand sogar ein Makiwara bereit, der Großteil des Kellerraumes war mit Tatami ausgelegt. "Härter!".
Die junge Frau mit Decknamen Kitsune schlug wieder zwei Mal in die Pratzen, die er ihr hinhielt. Er veränderte die Stellung, sie schlug zwei Haken hinein, so fest sie konnte. Ihr Atem ging schwer, seit einer Dreiviertelstunde war sie jetzt bereits hier unter seiner Anleitung und übte grundlegende Schläge und Tritte Er nahm die Pratzen herunter, veränderte wieder seine Fußstellung und bellte: "Tritt rechts!". Ihren Tritt gegen seinen Oberschenkel fing er im Thai-Stil mit seinem Bein auf, das er dabei einfach anhob. Wieder ein Ruf: "Uppercut!".

Er hielt die Pratzen entsprechend. Die beiden Aufwärtshaken waren für ihre Begriffe stark, seine Reaktion war nicht vorhanden. Er hetzte sie immer weiter, ließ sie Gegenangriffen ausweichen und weitere Tritte und Schläge ausführen, bis sie nur noch nach Luft schnappte. Mit dem Wort: "Pause", ließ er von ihr ab. Kitsune war sich bewußt, dass sie im Nahkampf deutlich benachteiligt war.

Aber laut Zwerg, mit dem sie sich gut verstand, war Training mit Beast das Beste, was einem passieren konnte, wenn man seinen Trainingsstand zu verbessern hatte. Eigentlich war es egal, was man mit ihm trainierte. Kitsune würde Zwerg nicht widersprechen, aber Beasts Art war ihr rätselhaft und störte sie. Dazu kam, dass es einige Punkte gab, bei denen sie unterschiedlicher Ansichten waren. Seine tierliebe Ader war einer dieser Punkte. Kitsune war gewiss keine Sadistin, aber sie betrachtete Tiere in erster Linie als Werkzeuge – das musste sie auch, angesichts ihrer Aufgabe. Sie machte aus ihnen Waffen, oder Werkzeuge um „Waffen“ herzustellen. Doch Werkzeuge und Waffen zerbrachen mitunter oder mussten geopfert werden – etwas, das Beast nicht so leicht fiel, wie man angesichts seiner langen Einsatzerfahrung vermutet hätte.

Natürlich wusste sie von seiner Besonderheit, nur konnte sie es auf der persönlichen Ebene nicht sehr gut ausblenden. Sie hielt ihm zugute, dass er sich nie negativ über ihre Aufgaben geäußert hatte. Es sprach für seine Professionalität. Nachdem sie viel und tief geatmet und ein wenig Wasser getrunken hatte, rief Beast sie wieder zu sich. Er war in der Rolle eines Sportlehrers auf diese Welt gekommen und hatte daher einiges an entsprechender Ausrüstung dabei, genau wie das Übungsmesser, das er ihr jetzt reichte. Sie hatte noch nie zuvor als Einsatzagentin undercover gearbeitet, und obwohl man sie sorgfältig vorbereitet hatte, machte sie dieser Teil der Arbeit noch immer nervös.

"Nach dieser Einheit machen wir für zwei Stunden Pause, später Sparring." Sie verkniff sich ein Lächeln, es würde etwas zu Essen geben und Beast würde sich eine Sendung ansehen, "Kyungs Küchenjagd", in der ein Koch von vermutlich koreanischer Abstammung Sulafats Flora und Fauna vor der Kamera kommentierte, sie einfing oder sammelte und entsprechend zubereitete. Je nachdem.

Er bereitete nicht alles zu. Einige Folgen bestanden schon aus panischer Flucht vor besonders fiesen Sulafater Einwohnern, einmal auch vor einer Pflanze, die sowohl giftig als auch hochallergen war. Unnötig zu sagen, dass die meisten Episoden nur am Rande des Dschungels spielten, beziehungsweise an der Küste. Es war eine sehr beliebte Sendung auf Sulafat, einerseits für arme Leute, um mehr billige Nahrungsquellen zu erschließen – die sie freilich nur auf einer der kommunalen Bildschirme verfolgen konnten, über die auch die Nachrichten unters Volk gebracht wurden – und andererseits für Wohlhabendere, weil es äußerst unterhaltsam war. Manche dieser Gerichte schafften es bis in die wenigen teureren Küchen der Städte. Kyung-sans Kochkunst war gehobenes Niveau und seine Sprüche humorvoll und manchmal todesverachtend. Kitsune hatte auch schon mehrere Folgen gesehen und fand sie faszinierend.

Trotzdem fand sie den Gedanken daran, dass ein Kommandosoldat wie Beast eine Kochsendung verfolgte irgendwie... komisch. Beast rief sie in die Gegenwart zurück: "Greife mich mit dem Messer an um mich kampfunfähig zu machen. Versuche das so schnell wie möglich, ich versuche, zu überleben. Ich werde Treffer ansagen." Sie nickte zur Bestätigung und beide gingen in Kampfhaltung. Ihre ersten Versuche waren eher zaghaft, so dass Beast sie immer wieder ermuntern musste. Er blieb so lange außerhalb ihrer Reichweite, bis er plötzlich zupackte und andeutungsweise entwaffnete. Wie immer sah sie keinerlei Reaktionen auf seinem Gesicht, außer seiner Konzentration. Spott hätte ihm bisher ruhig zustehen können. Nach dem sechsten ernsthaft ausgeführten und misslungenen Versuch rief er Zwerg nach unten.

Andere hielten oben Wache um die Bewohner des Hauses vor unangenehmen Überraschungen zu bewahren. Beast stellte sachlich fest: "Du brauchst mehr Motivation. Zwerg," rief er dem eintretenden Kommando zu: "Kitsune benötigt zumindest verbale Aufmunterung, kannst du das übernehmen?" Der gedrungene Mann nickte verstehend und machte sich übergangslos ans Werk: "Kitsune-san, stell dir vor, der Typ ist einer der Söldner, dein Team ist tot oder verletzt und das ist deine Chance zu entkommen! Aufstellung, Konzentration. Sobald er die Chance hat, wird er dich ausschalten, also stich ihn ab! Los!" Es half etwas. Kitsunes Bewegungen gingen jetzt entschlossener, ihre Stellung war tiefer, sie versuchte, ihr Training übernehmen zu lassen. Da! "Schnitt, Unterarm, Hand." rief Beast aus, als er sie wieder entwaffnete. Ein Treffer, aber nicht genug.

Zwerg höhnte: "Das war gar nichts, Kitti!", spottete er.
"Ein Söldnerelementar tötet dich mit einem Schlag, versuch ihn zu stechen, so ein Gekitzel merkt er gar nicht!" Langsam wurde sie wütend, nicht so sehr auf Zwerg, sondern eher auf sich und Beast. Wieso konnte sie nicht an ihn herankommen? Wieder griff sie an. Beast war zu schnell, fixierte ihr Handgelenk mit seiner rechten Hand, glitt wie eine Schlange hinter sie und strich mit zwei Fingern seiner Linken über ihre Kehle, eine Andeutung, dass er sie ausgeschaltet hätte. Er raunte ihr zu, während Zwerg sie weiter anfeuerte: "Konzentration, setze alles auf einen Angriff! Atme ruhig!" lauter rief er in die Runde: "Schnitt, Hand." Kitsune versuchte, tiefer und ruhiger zu atmen. Kampf war nicht ihre Spezialität, im Gegensatz zu den beiden Soldaten, aber sie hatte selbstverständlich ebenfalls eine gute Ausbildung zur Selbstverteidigung genossen.

Gegen Beast schien das alles jedoch nichts zu nützen. "Nochmal!", bellte Beast. Zwerg war bereits verstummt. Nach ihrer zutreffenden Einschätzung war Beast ihr in allem überlegen: Kraft, Reichweite, Schnelligkeit. Sie musste also an den Rand seiner Reichweite und dann unvorhergesehen agieren, und vor allem ihm keine Initiative überlassen. Bisher war sie sehr konservativ vorgegangen. Das würde sich jetzt ändern. Sie variierte jetzt nicht nur seitwärts, sondern auch nach oben.

Solange Beast nicht zu dicht stand, um sie sofort zu packen, würde er verletzt werden. Sie suchte mehr Abstand, ihr Atem ging gleichmäßig, der Blick war auf Beasts Oberkörper gerichtet und nahm seine Bewegungen wahr. Er rückte ihr nach. Wieder. Und wieder. Jetzt! Sie sprang nach vorn gerade als er ihr wieder nachrückte, seine Abwehr kam zu spät, seine Hand und sein Unterarm würde zerschnitten worden sein, aber es war noch nicht vorbei. Während er jetzt schräg nach hinten auszuweichen versuchte, war sie bereits in der Abrollbewegung und riss die Messerhand hoch zwischen seine Beine. Der Kontakt war jeweils kurz aber nicht vorsichtig.

Beast rollte nach hinten ab und sackte in die Knie. "Treffer Hand, Unterarm," Kitsune setzte nach und fuhr ihm quer über den Hals. "Schnitte in beiden Oberschenkeln, Tod.", setzte er fort. "Gut gemacht. Die Beine wären vermutlich ausreichend gewesen, ohne sofortige ärztliche Intervention." Zwerg mischte sich ein: "Bedenke jedoch, dass du nur EINE Chance bekommst." Er milderte die Mahnung ab: "Solange wir dabei sind, wird dich aber niemand so unvorbereitet erwischen." Der fast viereckig wirkende Mann grinste wieder. Gegen ihn würde sie auch noch üben müssen. Sie fragte sich, ob das einfacher oder schwerer werden würde. Beast stand wieder in Bereitschaft. "Nochmal." Kitsune zog schnell Luft ein. Das würde noch ein anstrengender Tag werden.

Nach der Pause befanden sie sich wieder im Übungskeller. Beast hatte ein Muskelshirt und eine recht enganliegene kurze Hose der gleichen rötlichen Farbe an. Weniger als vorhin. Er roch praktisch nach nichts. Jedenfalls nichts, was sie wahrnehmen konnte. Hatte er in der Zwischenzeit geduscht? Es war nicht ausgeschlossen, aber ihr war nichts aufgefallen. Sie hatte sich erfrischt, etwas gegessen und sich ausgeruht und war bereit. Jetzt also Sparring, sie mit Kopfschutz und kleinen Handschuhen, mit denen sie greifen konnte, er ohne Schutz und relativ großen Handschuhen. Sie wusste, er würde sich zurückhalten. Allerdings zögerte sie doch etwas, als er ihr bedeutete, den Kopfschutz abzulegen.

Seine Muskeln waren nicht so dick wie bei Bodybuildern, dafür aber wie Schiffstaue, und vermutlich ähnlich stark. Einen Vorgeschmack hatte sie schon vorhin bekommen, als er sie mit Leichtigkeit entwaffnet hatte. Vielleicht bekam er sie ja nicht so schnell zu packen, so dass sie sich eher auf seine Schläge und Tritte konzentrieren konnte. Klar war, dass sie mehr Training brauchte.
Zwar würde sie nicht aktiv Kämpfe suchen, aber die Geschichte bewies, dass selbst Sanitäter nicht sicher waren, sie selbst als Kampfunterstützer erst Recht nicht. Sie hatte bei früheren Einsätzen mehr als einmal eine gefährliche Situation erlebt. Selbst in einer kontrollierten Umgebung konnten die Dinge aus dem Ruder laufen. Schaden konnte es ohnehin nicht, sich mit den Besten ihrer Einheit fitzuhalten. Beast stand bereits in Bereitschaft. "Du wirst versuchen, mich so schnell und effektiv auszuschalten, wie du kannst. Ich werde meine Gegenwehr nach jedem Angriff steigern, bis wir realitätsnah sind. Beginn." Sie stand jetzt bereit, und suchte nach Schwachpunkten in seiner Deckung. Da er sich noch nicht bewegte, war es leicht, ihn nach einem Seitschritt von hinten zu packen und seinen Hals zu würgen. Sofort nachdem sie ihren Würgegriff fixiert hatte, klopfte er ab. "Gut, weiter so."

Sie versuchte es erneut, musste nun aber schneller an ihn herantreten, weil er seine Stellung mitveränderte. Es gelang ihr trotzdem. So eskalierte langsam ihre Übung soweit, dass sie erst nach einigen Finten dicht an ihn herankam und erst nach Treffern gegen verschiedene Körperteile zu ihrem Würgegriff kam. Angriffe gegen sein Genital kamen schon lange nicht mehr durch und auch sein Gesicht und Hals war zu gut gedeckt. Ihr Atem ging jetzt wieder stoßweise, aber immerhin sah man auch Beast etwas Anstrengung an. Am Ende hatte sie einen Erfolg, nämlich hatte sie ihn zu Fall gebracht und ihn kampfunfähig gemacht. Realistisch war es natürlich trotzdem nicht, da er immer noch keine Angriffe auf sie durchführte.

Wie er ihr erklärte, war die Übung nur dafür gedacht gewesen, die entscheidenden Griffe zu üben. Sie würde gegen andere des Teams im Zweikampf weitermachen. Dann würde sie sich durch echte Gegenwehr arbeiten müssen. Seltsamerweise freute sie sich jetzt darauf, Beast war offenbar ein guter Lehrer.

__________________
Combined Arms Mechwarrior, hier fahre ich Epona, stampfe mit NovaCat, fliege Shiva und bin BA.
Stand-alone, ohne irgendwelche Voraussetzungen. Kostenfrei.

http://www.mechlivinglegends.net/2017-01/mechwarrior-living-legends-communi
ty-edition/
10.03.2019 19:12 Marlin ist offline E-Mail an Marlin senden Beiträge von Marlin suchen Nehmen Sie Marlin in Ihre Freundesliste auf
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„Danke, dass Sie mich so kurzfristig empfangen, Hakshaku.“ Manfred Scharnhorst verbeugte sich korrekt und zackig vor dem Grafen Odaga, wie es das Protokoll vorschrieb. Er trug die volle Ausgeh-Uniform der Chevaliers, und seine draconischen Belobigungen waren ganz oben auf seiner Ordensleiste angebracht, um seine Verdienst für das Kombinat hervor zu heben.“
Seizo Odaga nahm beides zur Kenntnis, sowohl das Kampagnenband, als auch die Verbeugung, und deutete dann auf einen freien Platz am Konferenztisch, an dem er mit seinem Sohn und einigen Beratern saß. „Sie sind willkommen, Sho-sa.“ Dies aber sagte er in einem Ton, der deutlich machte, dass er eben nicht willkommen war.
„Danke, Hakshaku.“ Scharnhorst nahm Platz, nur durch Anatoli Tanigakis Sitz vom Herrscher des Planeten Darius entfernt. Bei allem Unmut, den der Herrscher über die Höllenhunde und ihre Mission empfinden musste – als Bedrohung empfand er Scharnhorst und die Höllenhunde nicht.
Scharnhorst wartete, bis das Wort wieder an ihn gerichtet wurde, ein Benehmen, das Odaga verwunderte. Er hätte erwartet, dass der Gaijin-Söldner mit seinem Anliegen gleich herausplatzte. Da er es aber nicht tat, widmete sich Seizo Odaga wieder seinen Beratern und ließ sich im Detail erklären, wie die Stipendien für die Versehrten der Überfälle ausfallen würden, wie der Genesungsstand der Verwundeten war, und wie weit der Wiederaufbau der zerstörten Siedlungen. Dies dauerte über eine halbe Stunde, in der jeder Anwesende mindestens einmal zu Wort kam, aber nicht Scharnhorst. Nach fünfunddreißig Minuten erst richtete der Herrscher sein Wort an den Söldner. „Sie haben um dieses Treffen ersucht.“
Scharnhorst nickte so tief, dass es fast schon eine Verbeugung war. „Hai, Tai-sa. Ich meine, Hakshaku.“ Der Tai-sa – Einwurf war natürlich beabsichtigt gewesen und sollten den Hausherrn als Soldaten ehren und ihn für das weichkochen, was die Höllenhunde noch mit ihm vorhatten. Manfred Scharnhorst bemühte sich nach Leibeskräften, sein bestes Pokerface aufrecht zu erhalten. Er hatte, um dieses Treffen bekommen zu können, ein paar mächtige Köder ausgestreut, und es war sein verdammtes Recht, jetzt an deren Leinen zu ziehen und die Beute einzuholen. Also arbeitete er bedächtig und langsam – auch wegen der zweifellos auf ihn gerichtete Blicke der Wächter – nach seiner Aktentasche, öffnete sie und zog eine ROM hervor. „Wie ich bei der Anfrage nach dem Termin bereits gesagt habe, möchte ich gerne einen Zwischenbericht mit Euch teilen, Hakshaku. Dieser Bericht betrifft sämtliche unserer Ermittlungen auf Darius und liefern ein Fazit. Da die Zusammenarbeit mit Euren Institutionen und speziell mit Tai-i Tanigaki aber sehr gut war, komme ich nicht umhin, zumindest die wichtigsten Fazits der Darius-Ermittlungen mit Haus Odaga schon jetzt zu teilen.“ Scharnhorst sah dem Fürsten direkt in die Augen, als er die ROM über den Tisch schob. „Dabei sind die Einzigen, die ein Anrecht auf meinen Bericht haben, der Koordinator persönlich, der Präzentor Martialum und der Khan der Geisterbären.“ Und das war auch zu einhundert Prozent richtig. Einem quasi Verdächtigen noch während der Ermittlungen etwas über diese Ermittlungen zu erzählen, war normalerweise eine Riesendummheit. Oder ein sehr großer Vertrauensbeweis.

Odaga griff nach der Disk, ohne den Augenkontakt zu verlieren, und reichte sie dann seinem Sohn. „Fassen Sie es für mich zusammen, Sho-sa.“
Scharnhorst nickte erneut. „Odaga-Hakshaku, nach meinem Standpunkt und dem der ISA aus gesehen kommen wir zu dem vorläufigen Schluss, von dem wir nicht ausgehen, dass er sich ändern wird, dass Haus Odaga weder die Einheit ausgerüstet hat und unterhält, die das Geisterbärendominion angreift, noch dass es sich bei den Kämpfen mit der zweiten Einheit, der Bodeneinheit, um eine False Flag-Operation handelt.“ Ein zynisches Lächeln spielte um Scharnhorsts Mundwinkel. „Verstehen Sie mich nicht falsch, Odaga-Hakshaku, ich traue Ihnen durchaus all das zu: Dass Sie eine ganze Kompanie ausrüsten und in den Kampf gegen multiple Ziele schicken können, ohne dass die Kosten auch nur ansatzweise in Ihren Büchern auftauchen; dass Sie kaltblütig genug sind, um auf Ihre eigenen Leute zu schießen, wenn es dem Haus, dem Planeten oder dem Koordinator nützt; und ich bezweifle nicht, dass es einem erfahrenen und gestandenen Soldaten wie Euch an der nötigen Kaltblütigkeit fehlt, das zu tun, was getan werden muss, wenn es getan werden muss. Ihr seid zu lange im Geschäft, um sich von Gefühlen leiten zu lassen, wenn kalte Logik gefragt ist.“
„Ich bedanke mich für das große Kompliment“, sagte Odaga barsch. „Was also verschafft mir die Erkenntnis, dass ich nicht auf meine eigenen Schutzbefohlenen habe feuern lassen? Die Höhe des Schadenswertes?“
„Ich denke nicht, dass das Euch abschrecken würde, Odaga-Hakshaku, wenn der Nutzen nur groß genug wäre. Ihr seid es durch und durch gewöhnt, auch komplexe und schwierige Entscheidungen zu treffen. Nein, es gibt andere Gründe, warum wir Euch nicht verdächtigen, den Angriff auf Eure eigene Welt befohlen zu haben.“
„Ich denke, wir haben das jetzt alle kapiert, Manfred“, sagte Anatoli mit Schärfe in der Stimme.
„Also gut. Ich will nur klarstellen, dass ich nicht eine Sekunde daran glaube, dass Haus Odaga zimperlich oder gar weich ist. Jedenfalls muss ich weiter ausholen, um mich zu erklären.“
„Dann tun Sie das“, sagte der Graf, allerdings in einem wesentlich gefälligeren Ton als zu Anfang.

Manfred zog weitere Unterlagen aus der Tasche und verteilte sie auf dem Tisch. „Wie Sie alle wissen, gab es auf Darius diverse Angriffe durch eine Bodeneinheit, auf Numki allerdings nur einen, und der wurde auch noch abgewiesen, weil eine erratische Flugpatrouille die Mechs auf Angriffskurs auf eine Fabrik abfing und bombardierte, wodurch der Einsatz abgebrochen wurde.“
„Verdächtigen Sie Haus Shimatze, der Financier dieser Angreifer zu sein?“, fragte einer der Berater.
„Im Prinzip ist die Liste derjenigen, die ich verdächtige, relativ lang. Der Schwarze Drache, die Yakuza, eine rebellische Geisterbärenfraktion, die Schwarzkaste, ein anderer Clan, der davon profitieren will, wenn die Bären mit einem neuen Krieg abgelenkt sind, Blakes Wort, eine erratische Söldnereinheit, die von einem unbekannten Financier bezahlt wird, damit sie macht, was sie hier macht, zu einem Zweck, den ich durchaus vermute, und, ja, dazu gehört auch Haus Shimatze, und bis vor kurzem auch Haus Odaga. Und da kratzen wir noch nicht mal an der Operation der Boden/Luft-Einheit, die die Geisterbären aufstachelt.“
„Was machen Sie dann noch hier? Fliegen Sie zurück nach Numki und verhaften Sie das größenwahnsinnige Mädchen!“, forderte der gleiche Berater, der Scharnhorst nicht vorgestellt worden war.
Der lächelte matt. „Es ist ein Verdacht, kein stichhaltiger Beweis. Nicht einmal für die ISA reicht das aus, um Haus Shimatze zu beschuldigen. Und ehrlich gesagt, ist Haus Shimatze nicht mein Hauptverdächtiger. Warum das so ist, will ich weiter ausführen.“
Als alle Anwesenden erwartungsvoll schwiegen, fuhr der Major fort. „Wie ich schon sagte, gab es nur einen Angriff auf Numki, und dieser wurde zufällig entdeckt und rechtzeitig gestoppt, während auf Darius ein drei Angriffe durchgeführt wurden, die teilweise große Schäden angerichtet haben. Dazu kommt auch noch, dass auf Numki die zweifellos vorhandenen Informanten und Helfershelfer der geheimnisvollen Truppe nicht aufgedeckt wurden, während es Haus Shimatze gelang, einen Händler zu stellen, der augenscheinlich Material und Personen auf den Planeten geschleust hat. Besagter Händler wurde extrahiert, und in seinem Besitz wurden mehrere wertvolle Perlen gefunden, die nur auf Sulafat entstehen. Sie stellten ein nicht gerade kleines Vermögen dar, und Haus Shimatze geht davon aus, dass sie vom Planeten geschmuggelt wurden. Untersuchungen an der Numki-Akademie in den Biolabors haben eindeutig festgestellt, dass vier der Perlen aus Odaga-Gebieten kommen, beziehungsweise dort entstanden sind und an den Behörden vorbei geschmuggelt wurden.“ Als der Berater aufbrausen wollte, beschwichtigte Scharnhorst ihn mit beiden Händen. „Fünf der Perlen aber kamen aus Shimatze-Gebiet. Die chemische Zusammensetzung, die Isotopenverteilung und viele andere Feinheiten haben das eindeutig ergeben.
Ich muss weiter ausholen und wiederholen, was Sie alle hier schon wissen: Sulafat ist das größte natürliche Biolabor des Sektors. Bis auf wenige urbane Regionen ist der Planet ein Ozean und ein Dschungel. Er fließt geradezu über von Biostoffen und anderen Schätzen, die weiterverarbeitet werden können und im ganzen Distrikt reißenden Absatz finden. Diese Biostoffe werden seit Jahrhunderten im Dschungel und in den Meeren auf Kosten der Arbeiter und dies auch mit erheblichen Risiken geerntet, vorverarbeitet und vom Planeten geschafft. Die ursprünglichen Herrscher schaufelten sich damit das eigene Grab, indem sie durch die unzumutbaren Arbeitsbedingungen einen Aufstand provozierten, der die gesamte Herrscherfamilie und einen großen Teil der planetaren Elite davon wischte und eine anarchistische Zersplitterung des Planeten erbrachte, oder wie es auch oft genannt wurde, die Zeit der Stadt-Staaten, da jede Stadt ihre eigene Regierung bekam, die den Anspruch vertrat, für die ganze Welt zu sprechen. Das Ergebnis war ein Tohuwabohu, Kämpfe, und eine weitere Verschlechterung der Situation der Arbeiter. Daraufhin wurden Odaga und Shimatze als nächste Nachbarn damit beauftragt, die Ordnung auf Sulafat wieder herzustellen, und was noch wichtiger war, den Fluss der Bioprodukte wieder aufzunehmen. Dies gelang, und seither teilen sich Shimatze und Odaga den Planeten zu je fünfzig Prozent. Den Planeten, die Versorgung der Bevölkerung und auch dessen Verteidigung.
Ein Teil des alten Militärs und auch der Rebellen haben den Planeten verlassen, ein Teil schloss sich nach einigen Säuberungen der Ränge einem der beiden Häuser an, der Rest ging als Partisanen in den Dschungel, wo sie nicht ohne Weiteres ausgehoben werden können. Aus dieser Position führen einige dieser Einheiten einen Guerilla-Krieg gegen beide Häuser. Soweit richtig?“
„Sie haben Ihre Hausaufgaben zweifellos gemacht, Sho-sa“, lobte Odaga. Er kommentierte natürlich nicht, dass dies lediglich die offizielle Version der Ereignisse war: „Und weiter?“
„Wie ich schon erwähnte, deuten die Perlen bereits auf Sulafat hin. Aber es gab auch einen Zwischenfall bei den Höllenhunden, Sulafat betreffend. Wir bekamen einen gepanschten Impfstoff der A-Serie gegen die gängigsten Aerosolkrankheiten auf Sulafat, die wir über normale Wege gekauft haben.“
„Gepanscht bedeutet was?“, hakte Anatoli nach.
„Es war ein verkapselter Erreger integriert, der mitgeimpft worden wäre; die Kapsel hätte sich einige Tage nach der Impfung aufgelöst und einen Virus freigesetzt, der meine Einheit mit einem hochansteckenden, hämmorrhagen Fieber infiziert hätte, und das bei etwa acht Prozent Letalität.“
Nach dieser Eröffnung sprachen alle Anwesenden zugleich, aber der Hausherr schlug auf den Tisch, und alle verstummten. „Wie sind Sie dahinter gekommen?“
„Nun, Odaga-Hakshaku, wir bekamen einen Tipp der ISA. Die ISA versorgte uns auch mit einem nicht gepanschten Impfstoff, den ich aber trotzdem auf ähnliche Spielereien untersuchen ließ.“
„Das ist eine wichtige Information. Das hätten Sie uns sagen müssen, Sho-sa“, sagte Odaga bedächtig.
„Nun, ich hielt es bis dato für eine Sabotage aus einer anderen Richtung. Fakt ist, dass uns eine potente und gefährliche Partei auf dem Kieker hat, und ich vermute nicht zu Unrecht, dass es Blakes Wort ist, mit denen wir schon mal Auge in Auge standen, und denen wir eines blau gehauen haben. Erst im Nachhinein ergibt eine andere Interpretation auch Sinn. Nämlich die, dass unsere Arbeit auf Sulafat behindert werden soll. Und das ist der Punkt: Ich denke, bei der ganzen Sache hier geht es tatsächlich um Sulafat. Und um einen sehr potenten Geldgeber unbekannter Seite, der ein Vermögen investiert, um die Dinge am Laufen zu halten. Wir alle wissen, was allein eine Lanze Mechs an Unterhaltungskosten verursacht. Hier haben wir es mit ClanTech und auch noch einem Lander zu tun, von den Einheiten, die die Geisterbären ärgern, ganz zu schweigen. Und wir wollen auch nicht die Observationsteams vergessen, die zweifellos vor jedem Angriff ausgeschickt wurden. Die ganze Operation ist auf einem Niveau, das durchaus mit der ISA mithalten kann. Die Frage ist nur: Wer finanziert die Geschichte?“
„Haus Shimatze!“, sagte der Berater scharf. „Das Mädchen will den ganzen Planeten Sulafat für sich! Deshalb versucht sie, uns zu schwächen!“
Anatoli schüttelte den Kopf: „Unwahrscheinlich. Die Shimatze müssen bereits kämpfen, um nur das zu behalten, was sie im Moment besitzen. Sie wissen, wie angreifbar sie im Moment sind. Es ist wesentlich wahrscheinlicher, dass Clan Geisterbär – oder ein Teil davon – hinter den Angriffen steckt.
„Möglich. Aber nicht die einzigen Erklärungen“, sagte Scharnhorst. „Bisher gingen wir davon aus, dass es in jemandes Interesse wäre, den Krieg zwischen Kombinat und Geisterbären wieder aufflammen zu lassen. Der Gedanke ist noch nicht vom Tisch, gerade und weil bei der Eroberung Sulafats eine Jägereinheit keinen Sinn macht, die Bären jagt.“
„Das klingt schlüssig. Sagen Sie mir, Sho-sa, warum Sie ausschließen, dass dies mein Plan ist, dass es meine Einheit ist“, forderte der Graf.
„Seite sieben“, sagte Scharnhorst und öffnete eine der Akten, die er verteilt hatte. „Die Liste der zerstörten Gebäude und Güter.“
„Bekannt“, sagte der Berater barsch.
Anatoli Tanigaki las die Seite mit kräftiger Denkerfalte auf der Stirn, bevor ihm die Erleuchtung kam. „Aber das ist dünn, Manfred, ganz, ganz dünn.“
„Ich bevorzuge die Bezeichnung: Unauffällig.“
Graf Odaga brummte unwillig. Anatoli beeilte sich zu sagen: „Die vernichteten Fabriken und Waren, Odaga-sama. Auch die erbeuteten Waren. Insgesamt genommen sieht es so aus, als hätte es der Feind auf Hightech abgesehen und vornehmlich dieses geraubt. Aber etwa ein Drittel der Einrichtungen, die vernichtet wurden, haben unsere Einheiten auf Sulafat mit Nachschub und Waffen versorgt.“
„Das ist uns nicht selbst aufgefallen?“, fragte der Graf.
Einer der Berater sagte: „Bisher war Darius in unserem Fokus, weil diese Welt angegriffen wurde, und nicht Sulafat. Es ist, wie Tanigaki-kun sagt: Etwas dünn.“
„Aber nichts, was wir ignorieren sollten. Was also, schlagen Sie vor, was ich tun soll, Scharnhorst-dono? Haus Shimatze angreifen?“ Er klang freilich nicht unbedingt so, als meinte er es ernst.
Scharnhorst registrierte die veränderte Anrede mit unbewegter Miene, wenngleich ihm ein leichtes Zucken im rechten Mundwinkel entkam. „Nein, Odaga-Hakshaku. Wie ich schon sagte, haben wir keine Beweise gegen Haus Shimatze. Es gibt auch so viel zu viele mögliche Verdächtige, denn Sulafat ist ein Preis, den sich viele planetare Herrscher sichern würden wollen, und nicht nur die. Ich bin sicher, dass der Schwarze Drache auch involviert ist, und dann ist da auch noch Blakes Wort, in dem sich die fanatischen ComStar-Exilanten konzentrieren. Zweifellos hat Blakes Wort nicht nur den Größenwahn, sondern auch die Kontakte, um hier, fünfhundert Lichtjahre von ihrer Basisentfernt, einen solchen Einsatz zu planen und durchzuziehen. Und dann sind da noch die Gerüchte.“
„Gerüchte?“
„Gerüchte über einen Überlebenden der Herrscherfamilie, der von einem entfernten Verwandten finanziert wird“, sagte Scharnhorst. „Und der sein Lehen zurückhaben möchte, aber nicht kann, solange das Dekret des Koordinators besteht, dass Sulafat je zur Hälfte an Haus Shimatze und Haus Odaga geht. Betrachtet man die Geschehnisse in diesem Kontext, macht plötzlich vieles Sinn, sogar die Provokationen auf dem Geisterbärengebiet. Eine Bären-Einheit, die über die Grenze kommen würde, würde sowohl gegen Shimatze als auch gegen Odaga kämpfen und den Planet schutzlos zurücklassen. Bis beide Welten Militär gemustert haben, und das in einer Zeit, in der die Welten selbst angegriffen werden, um Sulafat nach den Geisterbären wieder zu sichern, kann eine dritte Partei kommen und Tatsachen schaffen. Im Anbetracht der nahezu gespenstischen Geheimhaltung, die wir hier erleben, halte ich im Moment diese Variante tatsächlich für die Wahrscheinlichste.
Ich habe dem Dossier einige Namen hinzugefügt von möglichen Erben und ihren möglichen Protektoren, die sich insgeheim um Sulafat bemühen, den größten Bioschatz im ganzen Distrikt.“
„Und Haus Shimatze...“
„Haus Shimatze hat es geschafft, einen Teil der Angreiferstrukturen aufzudecken und zu vernichten, bevor der Feind sich erst richtig um Numki kümmern konnte. Reines Glück also, und mehr, als Darius hatte.“
„Das ist Ihr Schluss, Scharnhorst-tono?“, fragte der Graf.
„Das sind alles nur Zwischenergebnisse, Odaga-Hakshaku. Die Höllenhunde sind noch lange nicht am Ende ihrer Ermittlungen angekommen. Wo wir uns aber ziemlich sicher sind, dass ist, dass sich der ganze Ärger letztendlich um Sulafat dreht. Also werden wir jetzt nach Sulafat fliegen, auf die Büsche klopfen und schauen, welche Schlangen hervor gekrochen kommen.“
„Was das sein könnte, was der unbekannte Angreifer will.“, wandte Anatoli ein.
„Das ist möglich, aber wir werden dafür bezahlt, dass wir Risiken eingehen, Tanigaki-tono“, sagte Scharnhorst.
Seizo Odaga griff nach einem Fächer, der neben ihm auf dem Tisch stand und entfaltete ihn. Dadurch wurde der Kombinatsdrache sichtbar. „Anatoli, du gehst mit.“
„Was?“
„Du und deine Lanze, Ihr begleitet die Höllenhunde. Außerdem werde ich Ihrer Einheit auf unserer Hälfte des Planeten eine Unterkunft auf meine Kosten zur Verfügung stellen, Scharnhorst-tono. Ich bin dankbar für Ihre Offenheit, und ich bin sehr interessiert an der Auflösung. Sehen Sie dies als mein Entgegenkommen, auch um Ihren Eindruck zu bestätigen, dass Haus Odaga sich nicht selbst angegriffen hat. Außerdem sichere ich Ihnen so viel Unterstützung des Hauses zu, wie mir möglich ist, ohne dem Vorwurf ausgesetzt zu sein, ich würde versuchen, Sie zu korrumpieren, Doitsu-jin Yohei.“
Scharnhorst verbeugte sich bei diesen Worten leicht. Das konnte alles, aber auch nichts bedeuten. „Ich nehme dankbar an.“
„Wenn alles gesagt ist, können Sie gehen. Ich erwarte, alsbald Ihren Abflugtermin zu erfahren, Scharnhorst-tono.“
„Sobald dieser vorliegt, werde ich Ihr Büro sofort informieren. Entschuldigen Sie mich, Odaga-Hakshaku.“

Manfred Scharnhorst verließ das Besprechungszimmer. „Manfred!“
Er wandte sich um, als Anatoli ihm folgte. „Ja?“
„Für wie wahrscheinlich halten Sie die Theorie mit dem Erben, der seine Dynastie wieder aufleben lassen will?“
„Sulafat ist sehr wertvoll, richtig? Ein Großteil der Wiederaufbaumaßnahmen des Darius-Militärs wurde mit den Gewinnen aus den Bioverkäufen finanziert. Ich denke, es gibt eine Menge Personen, die Ansprüche auf diese Welt haben, und ebenso viele, die sie einfach nur besitzen wollen. Und es gibt genügend Menschen in der Inneren Sphäre, die bereit sind, über Leichen zu gehen. Das habe ich schon mit eigenen Augen gesehen.“
„Das sehe ich ein. Sie sind sich aber dessen gewahr, dass nicht wenige Gerüchte diesen ominösen Erben bei den Geisterbären vermuten? Oder das Com Star einen neuen Herrscher benutzen könnte, um Zugeständnisse zu erzielen? Haben Sie das in Betracht gezogen? Dass sie von Com Star oder den Bären nur als Marionetten benutzt werden?“
„Generell schließe ich nichts aus, wenngleich es nicht die Art der Bären ist, jemanden zu unterstützen, der sich nicht selbst bewiesen hat, nur weil er am richtigen Ort geboren ist. Glauben Sie mir, ich unterschätze die Rolle der Geisterbären keineswegs. Umso dankbarer bin ich, dass Sie dabei sein werden, wenn wir nach Sulafat gehen, Anatoli.“ Tanigaki schnaubte leise. „Was meine Lanze angeht, kann ich Ihnen nicht versichern, dass ich die Höllenhunde unterstützen kann. Die Interessen des Hauses...“
Scharnhorst lachte kurz auf. „Anatoli, Sie haben uns bereits mehrere Male geholfen, als es für uns dicke kam. Ich weiß das sehr zu schätzen, und glauben Sie mir, die Höllenhunde vergessen nichts, vor allem aber nicht Leute, denen sie dankbar sein müssen. Mir ist klar, dass für Sie zuerst das Haus kommt, dann der Planet, danach der Koordinator, und irgendwann später, viel später erst ein Haufen Gaijins, die sich als Söldner betätigen. Aber wenn ich mir einer Sache sicher bin, dann, dass Sie ein anständiger Soldat sind, der immer bemüht ist, die Menschen zu beschützen und der daher immer das Richtige zu tun versucht.Also, auf gute Zusammenarbeit.“ Er reichte Tanigaki die Hand, und dieser schlug ein. „Es schadet vermutlich nicht und könnte meiner Lanze weitere Erfahrungen bringen“, schloss Anatoli. Allerdings hatte er seine Zweifel und auch seine Prioritäten ernst gemeint. Scharnhorst wusste das.

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