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Tyr Svenson Tyr Svenson ist männlich
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Gerade wegen seiner Verwundung achtete der deutsche Agent darauf, die Zügel nicht schleifen zu lassen. Einige in seiner Einheit waren nie ganz glücklich mit seinem Stil gewesen. Einmal, bei ihrem ersten Aufenthalt in Sky Haven, vor einer Ewigkeit, hatte er Happy zusammenschlagen müssen. Und der Neue – El Toro – hatte genau die hohe Meinung von sich selber, die man bei so einem Callsign erwarten konnte.
Es war besser, wenn erst gar kein Zweifel daran aufkam, wer hier das Kommando hatte. Andernfalls konnte die Einsatzfähigkeit leiden, oder sogar Blut fließen. Auf Piratenschiffen kam das nicht eben selten vor. Und momentan konnten sie sich das einfach nicht leisten. Nach den Verlusten der letzten Wochen – ob durch Gefechte oder Weggang – waren sie zwar wieder auf Sollstärke, aber es würde noch dauern, bis die beiden Staffeln auch als eine EINHEIT agieren würden, dessen war sich von Stahlheim nur zu bewusst. Und ausgerechnet jetzt musste er für den Flugbetrieb ausfallen!
Von Stahlheim gefielen die Ersatzleute nicht unbedingt. El Toro schien der Meinung zu sein, an Bord der NORTH STAR eine Legende werden, oder wenigstens mit solchen fliegen zu können. Ob solche Ideale den Zusammenprall mit der brutalen Wirklichkeit überleben würden, das blieb abzuwarten – wenn erst einmal Japan, Russland und vielleicht auch noch das Commonwealth ernsthaft die Jagd auf die NORTH STAR eröffneten…

Und was Shaker vom Cat Pack anging…
Ihre Kompetenz und Erfahrung war die eine Sache. Aber ausgerechnet sie auf die Jagd nach Jerome mitzunehmen, war in von Stahlheims Augen mehr als riskant. Was, wenn ihr Hass sie überwältigte? Grund genug dafür hatte Sharon. Aber Ernst von Stahlheim war der Meinung, dass schon EIN Pilot an Bord, der die Vernichtung der LEVIATHAN vielleicht über die Gesamtstrategie und das Überleben der Anderen zu stellen bereit war, mehr als genug war. Und das war im ungünstigsten Fall der Commander. Marquardt brauchte nicht noch jemand in seiner Staffel, der ihn anspornte und seinen Hass zusätzlich schürte, ob nun bewusst oder unbewusst. Natürlich wollte auch von Stahlheim die Vernichtung der LEVIATHAN – aber das war eine kalte, immer noch in den Grenzen der Rationalität verharrende Entschlossenheit. Ob Sharon und Marquardt sich soweit im Zaum hatten, blieb abzuwarten.
Und was war, wenn Sharon sich als nicht stark genug erwies? Das, was sie durchgemacht hatte, hätte andere Menschen zerbrochen, zu erbarmungswürdigen Wracks degradiert. Sharon nicht, sie hatte sich gefangen. Scheinbar. Aber erst im Einsatz gegen die LEVIATHAN würde sich letztendlich zeigen, ob sie tatsächlich immer noch die Stärke besaß, sich ihren Peinigern zu stellen. Oder ob ihre Stärke und Entschlossenheit nur eine Fassade war, eine Maske, die die Risse und Bruchstellen in ihrer Seele verbarg.
Und wenn sich ausgerechnet im Einsatz zeigen sollte, dass sie sich selber überschätzt hatte… Dann konnte es sehr gut sein, dass nicht nur sie für diese Erkenntnis mit ihrem Leben bezahlen würde. Sie blieb ein Risiko.

*******

Sharon war sich der Bedenken Steels zwar nicht direkt bewusst, doch ahnte sie manches.
Immer wieder ertappte sie hoch gewachsenen Staffelführer dabei, wie er ihr einen undeutbaren Blick zuwarf. Dann straffte sie sich unwillkürlich, und biss die Zähne zusammen. Seine Zweifel waren nichts Neues für sie. Nur wenige Menschen in der Mannschaft akzeptierten sie vorbehaltlos. Die Reaktionen waren sehr verschieden, aber kaum einmal begegnete ihr jemand unbefangen – oder war bereit, sie wirklich als PERSON zu akzeptieren. Es gab zu viele Leute an Bord und auch am Boden, die ihr Schicksal kannten, oder es zumindest zu erahnen glaubten. Ihre Reaktionen waren verschiedenartig, aber oft nur schwer zu ertragen.
Am Schlimmsten waren die Männer, die sie mit einem gewissen…Begierde anzusehen schienen. Männer, die wussten, was man ihr angetan hatten, oder darüber spekulierten. Und die dieses Wissen, diese Gedanken erregten. Sie fühlte sich beschmutzt, gedemütigt, wenn sie solche Blicke zu fühlen glaubte.
Eine andere übliche Reaktion war Mitleid. Aber damit konnte sie nicht viel besser umgehen. Manchmal hasste sie diese mitleidigen Blicke fast noch mehr, denn diese Leute schienen sie abgehakt und aufgegeben zu haben. Für sie war Sharon nur noch ein Opfer – zerbrochen, missbraucht, für immer verstümmelt. Kein richtiger Mensch mehr.
Manchmal, in gewissen Augenblicken, träumte sie davon, in die gierig starrenden Gesichter, in die anzüglich grinsenden Visagen, in die mitleidigen Mienen zu schlagen, die starren Masken mit ihren Fäusten zu zerschlagen. Aber sie wusste, das konnte sich das nicht leisten. Denn da gab es eben noch Leute wie Steel. Zwar verschwendete er seine Zeit nicht mit perversen Gedankenspielchen darüber, was man ihr alles angetan hatte. Und wenn er Mitleid empfand, dann verbarg er es ziemlich gut. Wenn doch einmal seine kalten, graublauen Augen kurz einen etwas weicheren Ausdruck annahmen, dann höchstens für einen Augenblick. Und sie war sich sicher, dass er nur auf einen einzigen Ausraster, einen Fehler lauerte. Er wollte ganz offensichtlich nicht, dass sie schon wieder an den Steuerknüppel eines Kampffliegers kam. Und wenn sie sich als schwach erwies, dann würde er sie ohne Zögern zum Teufel schicken. Er würde kein Auge zudrücken. Armstrong würde auf seinen Staffelchef hören. Der Commander würde sie zwar nicht von Bord jagen, aber er würde ihr dann ganz bestimmt keine Brigand mehr anvertrauen. Also musste sie stark sein. Ihre Wut ebenso hinunter schlucken, wie ihre Verzweiflung. Und die Albträume in ihrem Herzen verschließen, die sie immer noch Nacht für Nacht heimsuchten. Sie würde nicht zerbrechen. Denn sie wollte ihre Rache. Ganz besonders in der Dunkelheit der Nacht, war das Versprechen der Vergeltung alles, was sie noch am Leben zu halten schien.
Deshalb war sie sich unsicher, was sie von Armstrongs Plänen halten sollte. Sie sehnte den Tag der Rache herbei, fieberte ihm entgegen. Und hatte doch gleichzeitig Angst davor. Vielleicht konnte sie die Zeit in Dixie nutzen, um sich besser in den Griff zu bekommen, sich vorzubereiten für die endgültige Abrechnung. Aber was war, wenn sie stattdessen einen Rückschlag erlitt?

*********

Marquardts Idee, sich erst einmal für einen Monat in Dixie abzuducken, die Mannschaften zu schulen, und den Angriff auf die LEVIATHAN vorzubereiten, weckte auch in von Stahlheim gemischte Gefühle. Sie konnten die Zeit gebrauchen, um die Zusammenarbeit der Rotten und Staffeln noch zu verbessern, sich mit den neuen Maschinen und auch den neuen Nitro-Boostern vertraut zu machen. Aber andererseits…Er hatte immer noch seine Zweifel. Sie hatten zu viele Leute verärgert. Einige ihrer Feinde würden nicht einfach abwarten, bis Marquardt wieder aus seinem Versteck auftauchte. Und ihre Feinde würden auch nicht vergessen. Außerdem fiel es von Stahlheim schwer zu glauben, dass Marquardt einen ganzen Monat würde stillhalten können. Der Mann hatte die Eigenschaft, den Ärger geradezu anzuziehen. Ein verlassenes Flugfeld in Dixie war, zumindest nach Steels instinktiver Einschätzung, nicht einmal annähernd abgelegen genug, um diesen ‚Marqardt-Faktor’ zu negieren.
‚Wenn der Mann den Atlantik überqueren wollte, würde er todsicher das Schiff nehmen, das auf eine Treibmine aus dem letzten Krieg läuft.’
Außerdem brachte diese Verzögerung von Stahlheim unter Zugzwang. Er musste bald Bericht erstatten, und um neue Instruktionen nachsuchen. Er hatte ohnehin schon zu lange damit gewartet. Noch mehr als ein paar weitere Tage wäre mehr als unverantwortlich gewesen. Das war einer der Gründe, warum er wollte, dass Elisabeth die NORTH STAR verließ. Nicht der wichtigste, aber auch nicht zu vernachlässigen. Er brauchte eine zuverlässige Botin, die unauffällig und sicher Kontakt mit der Zentrale aufnehmen konnte.

Aus verschiedenen Gründen wollte er bei der Vernichtung der LEVIATHAN dabei sein. Aber er bezweifelte, dass diese Gründe von Tauten überzeugen würden.
Ja, Jerome hatte es gewagt, eine Abwehr-Agentin anzugreifen. Und vielleicht war die Gestapo immer noch hinter Marquardt her, handelte über von Stahlheims Kopf hinweg, gefährdete Operation ‚Parsifal’, hatte möglicherweise sogar die Abwehr angezapft.
Aber die Bestrafung eines Piraten und mögliche Kompetenzüberschreitungen des RSHA waren kein ausreichender Grund, einen Agenten wie von Stahlheim zu riskieren. Jedenfalls schätzte Ernst von Stahlheim so seinen Wert für die Abwehr ein.
Seine Aufgabe war es gewesen, sich in die amerikanische Kaperszene einzuschleusen, dann die abenteuerlichen Geheimoperationen des amerikanischen Diadochenstaates im Auge zu behalten, und vor allem den neuen texanischen Nitro-Booster zu beschaffen.
Inzwischen aber hatte sich die Situation gewandelt. Texas verdeckte Operationen waren nicht länger verdeckt, und Japan, Russland und das Commonwealth wussten jetzt, welches Zeppelin in ihrem Revier gewildert hatte. Und dazu kamen jene Kräfte in Texas, die bereit waren die NORTH STAR auf dem Altar der Politik zu opfern – als Beschwichtigung gegenüber den Großmächten.
Natürlich hatten sie jetzt die neue Generation der texanischen Nitro-Booster an Bord. Die Abwehr würde sich dafür interessieren, auch wenn die Verbesserungen im Vergleich zu den früheren Modellen insgesamt nur moderat zu sein schienen.
Deshalb rechnete Hauptmann Ernst Karl von Stahlheim instinktiv damit, dass Oberst von Tautens nächster Auftrag der Diebstahl des neuen Boosters gefolgt von einem schnellen Rückzug sein würde. Sollte Marquardt sich dann ruhig an Jerome versuchen, sollte die halbe Welt fortfahren, ihn zu hetzen, sollte die Gestapo ihr eigenes Spiel spielen. Von Tauten würde das egal sein. Denn dann hatte die Abwehr, was sie wollte, und ihr Agent würde nicht länger mehr riskieren, den Rachegelüsten irgendwelcher Piratenbanden oder einer Großmacht in die Quere zu geraten. Und auch Tokio würde es wahrscheinlich begrüßen, wenn die Abwehr nicht länger an Bord der NORTH STAR präsent war. Denn sollte Kiki wirklich zum japanischen Geheimdienst gehören…
Ja, von Tauten würde nicht lange brauchen, um seine Wahl zu treffen. Und was sollte von Stahlheim dann tun? Er kannte die Antwort. Er würde den Befehl befolgen.

*******

Das Dog Pack, die zweite Staffel der NORTH STAR, nach Steels Luftwaffen-Rechnung allerdings nur eine nicht sehr organisch zusammengesetzte Halbstaffel, war um ihren Befehlshaber versammelt und lauschten mehr oder weniger aufmerksam seiner Stimme: „Die meisten unserer Maschinen sind nur leicht bis mittelschwer bewaffnet. Dem werden wir Rechnung tragen müssen. Es gibt besser bewaffnete und gepanzerte Maschinen als Bloodhawk, Defender und Devastator. Dafür können wir auf überlegene Wendigkeit setzen.“
„Und was ist mit uns?“ mischte sich Happy ein. Natürlich. Ernst von Stahlheim warf ihm einen kalten Blick zu: „Dazu komme ich noch!“ blaffte er wütend. Es sollte keinen Zweifel geben, wer hier der Leitwolf war, Gipsverband oder nicht: „Wir werden uns also in Zukunft noch stärker darauf konzentrieren, unsere Zusammenarbeit zu verbessern. Mit überlegener Wendigkeit und – teilweise – überlegener Geschwindigkeit können wir den Gegner aufsplittern, aus den Flanken und von Hinten fassen. Aber nur, wenn wir unsere Vorteile auch ausnutzen. Wenn ihr also einen Abwehrkreis bilden wollt, dann knall ich euch eigenhändig ab! Diese Taktik hilft ohnehin nicht viel.
Was Happy und Hammer angeht, ihre Maschinen sind langsamer, aber dafür weitaus stärker bewaffnet. Im Kurvenkampf haben sie keine guten Chancen, weniger als eine Brigand. Also sollen sie sich da tunlichst raushalten. Ihr beiden müsst aneinander kleben, wie eine billige Unterhose. Tut ihr das nicht…“
„Ja ja, ich weiß. Dann machst du uns kalt.“ mischte sich Happy ein. Steels Antwort war ein ausgesprochen widerwärtiges Grinsen, das seine Augen aussparte: „Falsch, du Schwachkopf. Das besorgt schon der Gegner für mich.“ Damit war dem Piloten erst mal der Mund gestopft, und Steel fuhr fort: „Ihr werdet euch in Kurvenkämpfen so gut es geht im Hintergrund halten, bis der Gegner gebunden ist. Und dann schlagt ihr zu. Und blast die Hurensöhne in eine andere Welt, verstanden? Die meisten Piraten und auch viele Söldner denken im Nahkampf nicht über die Rottenbasis hinaus. Aber verlasst euch nicht zu sehr darauf! Wir werden das noch mehr üben. Immerhin habt ihr genug Feuerkraft und Raketen, um die meisten leichten bis mittleren Standartjäger in einem Anflug zu vernichten.
Aber nötigenfalls werden wir auch als zusätzliche Unterstützung für euch fungieren müssen. Vor allem wenn es gegen schwer gepanzerte Ziele gehen sollte – Bomber oder Zeppeline – dann sind unsere beiden Sturmjäger die Speerspitze, die auf jeden Fall durchkommen muss. Sie können auf weite Entfernung zuschlagen und beim Näher kommen noch zulegen. Und sie halten auch mehr aus. Wenn wir die LEVIATHAN angreifen, dann müssen wir sie durchbringen. Den anderen Maschinen fehlt die Feuerkraft und Standfestigkeit, alleine einen verdammten Hilfskreuzer vom Himmel zu pflücken. Auch das werden wir zusätzlich üben. Ihr seht also, wir haben noch verdammt viel vor. Und die Zeit wird knapp.“
„Wieso? Ich meine, wenn wir jetzt nach Dixie abschwirren…“ Das war El Torro, der der vierwöchigen Ruhepause offenbar mit gemischten Gefühlen entgegensah – immerhin hatte er noch keinen einzigen Einsatzflug absolvieren können.
„Ich denke, es gibt ein paar Leute, die einen anderen Zeitplan haben als wir. Und wir sind noch nicht im Süden. Sobald wir Sky Haven verlassen, sind wir Freiwild. Wenn nicht schon früher. Vielleicht bekommen wir diesen Monat. Aber bist du wirklich bereit, darauf dein Leben zu verwetten? Nein? Ich auch nicht. Also an die Arbeit!“
12.09.2020 20:12 Tyr Svenson ist offline E-Mail an Tyr Svenson senden Beiträge von Tyr Svenson suchen Nehmen Sie Tyr Svenson in Ihre Freundesliste auf
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„Guten Morgen, Ellie“, sagte Armstrong freundlich, als er das Diner betrat. Eine junge Kellnerin wandte sich um und ließ ein strahlendes Lächeln über ihr Gesicht huschen. „Commander Stone! Es ist eine Freude, Sie wiederzusehen! Ihre Aktion auf Hawaii war tagelang Stadtgespräch. Möchten Sie etwas frühstücken? Ich lade Sie ein.“
Dave setzte sich an einen freien Tisch im relativ gut besuchten Restaurant und winkte ab. „Danke, ich brauche nur Kaffee und ein wenig deine Gesellschaft, Ellie.“
Die Kellnerin holte das Gewünschte und überraschte Dave mit einem weißen Kaffeebecher, auf dem das Cat Pack-Logo zu sehen war. „Kam neulich aus Japan rüber. Cat Pack und Dog Pack und das North Star-Logo. Die Dinger verkaufen sich hier wie geschnitten Brot. Ja, die Schlitzaugen wissen, wie man Geschäfte macht.“
„Die Japaner?“ Ob das eine Form der Rache an ihm war?
Der Kaffee floss in seine Tasse und die Kellnerin setzte sich ihm gegenüber. „Was kann ich für Sie tun, Commander? Wie geht es Sharon und Tomas?“
„Den beiden geht es gut. Wusstest du, dass Sharon Pilotin ist? Ich habe sie auf eine Maschine gesetzt.“
„Oh. Sie will die LEVIATHAN, oder?“
Dave nickte ernst. Beiläufig strich seine Hand über die der jungen Kellnerin. Die lächelte dankbar und wehmütig. „Ich dachte immer, ich wäre in der Hölle gewesen. Damals in der Hütte dieser schmierigen Sklavenhändler. Aber als ich gesehen habe, wie die beiden so verdreckt und verstümmelt aus diesem… Diesem schrecklichen Loch gekrochen sind, da war ich froh und habe Gott gedankt, dass ich nicht auf der LEVIATHAN gelandet bin.“ Sie schlug die Augen nieder. Ihr ging ein kurzes Schluchzen durch die Kehle. „Entschuldigen Sie, Commander.“
„Ich habe den Anblick selbst noch nicht verdaut“, gab Armstrong zu. Er tätschelte die Rechte der jungen Frau. „Aber den beiden geht es wieder gut, Ihnen geht es wieder gut. Behandelt der Besitzer Sie anständig?“
„Sie meinen den Geschäftsführer, den der Investor eingesetzt hat?“, fragte sie mit einem Lächeln. „Er hält mich für seinen Augenstern.“
„Das ist gut zu hören. Und, leisten sie alle gute Arbeit?“
„Im Büro haben die Kellnerinnen einen Ordner eingerichtet mit allen Gerüchten und Neuigkeiten, die uns so im Laufe des Tages zu Ohren kommen. Das Diner ist gut besucht und die Gäste reden viel. Die wenigen Hinweise über die LEVIATHAN habe ich in einem separaten Ordner gesammelt. Es ist erbärmlich wenig. Und es ist nichts neues dabei.“
„Ich werde es mir dennoch ansehen.“ Armstrong stand auf und nahm seinen Kaffee mit. Sein Weg führte ihn direkt ins Büro des Geschäftsführers.
„Commander Stone! Welche Freude, Sie zu sehen“, empfing ihn der Geschäftsführer, ein älterer Mann mit schütteren Haaren. „Wir machen gerade sehr gute Geschäfte. Wenn das so weitergeht, können wir eine Filiale finanzieren.“
„Das ist gut zu hören, Gregor. Ich überlasse das Handling Ihnen. Sie haben ein besseres Händchen für Finanzen und Gastronomie als ich. Im Moment bin ich hier, um die Gerüchte einzusehen.“
„Die Bücher mit dem roten Rücken, Commander. Ich habe mir erlaubt, die LEVIATHAN-Sichtungen auf einer Karte im Anhang mit Datum einzutragen.“
„Ich danke Ihnen dafür. Ellie, würden Sie mir bitte nachschenken?“
Die junge Frau lächelte verständnisvoll. „Natürlich, Commander.“

Für einen langen Vormittag versenkte sich Armstrong in das, was die Mädchen durch die Gäste des Diners zusammengetragen hatten und in das, was der Geschäftsführer in der Karte notiert hatte. Die Daten waren unzusammenhängend, widersprüchlich, aber es kristallisierte sich auf der Karte nach und nach ein Muster heraus.
„Diese und diese Sichtungen widersprechen dem belegten Kurs der LEVIATHAN, Commander“, erklärte Gregor und markierte zwei Positionsmeldungen in Maryland und North Carolina. „Das müssen Trittbrettfahrer gewesen sein.“
„Macht uns die Arbeit nicht gerade leichter“, brummte Armstrong. Verdammt, der Kaffee war aber auch gut.
„Darf ich fragen, ob Sie demnächst wieder mal nach Alaska fliegen, Commander? Der russische Kaffee hält nicht ewig, müssen Sie wissen.“
Armstrong lachte rau. „Ich werde versuchen, etwas über meine Kontakte herschmuggeln zu lassen. Aber so bald sieht mich Alaska nicht wieder.“
Wieder warf er einen langen Blick auf die Karte. Er erkannte, wenn er die Positionsmeldungen verband, einen Zickzackkurs, der öfters die Richtung wechselte und nicht nachvollziehbare Manöver machte. Doch die generelle Richtung zeigte zuerst auf die Industrials und danach auf das Peoples Collective. Es schien wirklich so zu sein, dass Jerome und die LEVIATHAN in seine derzeitige Richtung unterwegs waren. Das kam ihm etwas früh. Er wollte derjenige sein, der den Ort und die Zeit bestimmte. Überließ er das Jerome, würde das zu einen riesigen Nachteil führen, der sie alle töten konnte.
„Machen Sie mir von den Daten hier Kopien und schicken Sie sie mir auf die NORTH STAR“, sagte er schließlich und trank seinen Kaffee aus. „Ach, und schicken Sie mir einen vollen Satz alle drei Tassen.“
„Natürlich, Commander. Und viel Glück, Commander.“
„Das werde ich brauchen“, murmelte Dave.
***
„Commander Stone!“ Der kleine Mann mit dem Übermaß an Goldzähnen im Mund kam ihm freudestrahlend entgegen. „Sie sind ja in aller Munde! Ich bin beinahe versucht, mir von Ihnen ein Autogramm geben zu lassen!“
„Rabatt wäre mir lieber, Mr. Docker“, erwiderte Dave säuerlich.
„Aber, aber. Habe ich Sie je enttäuscht, Commander?“ Der Ältere zwinkerte vertraulich und reichte Dave die Hand zu einem überraschend trockenen und festen Händedruck. „Was kann ich heute für Sie tun?“
„Neulich haben Sie mir zwei Brigand besorgt, Sie erinnern sich?“
„Natürlich. Wundervolle Maschinen. Ich habe gehört, eine ruht jetzt am Fuß der hawaiianischen Vulkankette in sechstausend Metern Tiefe?“
„Nicht ganz. Aber Sie sehen mein Dilemma. Ich brauche eine neue. Und ich brauche sie bald.“
„Wie der Zufall es will, habe ich heute ein solches Prachtstück eingekauft. Und es gehörte nicht einmal früher Blakes Aviation Security. Sie laufen also nicht Gefahr, dass Paladin Blake wieder vorbeikommt um sie Ihnen weg zu nehmen.“ Der alte Händler grinste wissend.
„Hat die Geschichte etwa auch schon die Runde gemacht?“
„Es hat Sie nur noch berühmter gemacht, Commander Stone. Der Mann, der auf Augenhöhe mit Paladin Blake verhandelt hat. So nennt man Sie in unseren Kreisen. Ihr Ruhm ist so gewaltig, dass er sogar nach Ihrem Tod noch ein, zwei Wochen in dieser Stadt anhalten wird.“
„Für Sky Haven ist das ne Menge.“ „Allerdings.“

Docker ging voran und Armstrong folgte ihm. Sie kamen schnell zu einem leicht zerschossenen Modell dessen, was ursprünglich die Fabrik als Brigand verlassen hatte. „Hier hat eine Sägerakete getroffen. Da hat sich Brandmunition durch das Heck gefräst. Und das hier, das waren Explosionsraketen. Nichts gravierendes. Mit ein paar guten Technikern ist das in einer Woche behoben. Das Wichtigste aber ist, das Ding ist mit diesen Beschädigungen fast eintausend Meilen geflogen. Diese Maschine bringt Glück, eine Menge Glück.“
Dave besah sich das lädierte Flugzeug, ging um es herum, bewegte die Klappen und warf einen Blick ins Cockpit. Die Farben wiesen auf eine Milizstaffel hin, aber der Name sagte ihm überhaupt nichts. Howling Coyotes erinnerte ihn zwar an die Howling Hounds, jene Piratenbande, die seinem Dirty Pack als erstes zum Opfer gefallen war, aber mehr gab seine Erinnerung zu diesem Fall nicht her.
„Dafür wollen Sie doch nicht etwa den vollen Preis“, sagte Armstrong staunend.
„Natürlich nicht. Ich überlasse sie Ihnen zum Vorzugspreis. Unter einer Bedingung.“ Docker grinste schief. „Erlauben Sie mir, fortan das Schiff mit Munition zu beliefern. Ich glaube, solange Ihr Stern hoch steht, kann ich damit werben, der Haus- und Magenlieferant von Armstrong zu sein.“
„Sie versuchen mir doch nicht gerade manipulierte Munition unterzuschieben, die im Gefechtsfall versagt, damit ich einen sinnlosen und qualvollen Tod sterbe?“, scherzte Armstrong.
„Ah, wie können Sie so etwas sagen? Wie können Sie es nur denken? Ich will mit Ihnen werben. Das klappt nur, solange Sie auch am Leben sind!“ Der Händler grinste breit genug, um alle seine Goldzähne zu zeigen. „Sie sind jetzt berühmt, Armstrong. Und ich will es nicht verhehlen, ich will mir eine Scheibe davon abschneiden.“
„Meinetwegen. Aber ich verlange beste Ware.“
„Die werden Sie kriegen. Sie haben einen Ruf, von dem Sie profitieren, und ich habe einen Ruf, den ich verlieren kann. Also, sind wir im Geschäft?“
Armstrong bot dem Mann die Hand an. Der Händler griff zu.
„Gekauft, Mr. Docker. Ich schicke nachher ein paar Leute herüber, um die Brigand zu überführen.“
„Es ist immer eine Freude, mit dem Helden von Hawaii Geschäfte zu machen“, stellte Docker zufrieden fest.
12.09.2020 20:13 Tyr Svenson ist offline E-Mail an Tyr Svenson senden Beiträge von Tyr Svenson suchen Nehmen Sie Tyr Svenson in Ihre Freundesliste auf
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Berlin, Albrechtsstraße, Reichssicherheitshauptamt (RSHA)

„Ist der Dicke jetzt völlig verrückt geworden?“ In der Stimme von Sturmbannführer Friedrich Hoffmann schwang zu gleichen Teilen Unglauben und Wut mit.
Er erhielt keine Antwort, und hatte auch keine erwartet. Die Frage richtete sich nicht an Hauptsturmführer Wagner, der sichtlich nervös ihm gegenüber stand, sondern an eine unsichtbare, höhere Instanz. Vielleicht an Gott, wenn Hoffmann an ihn glaubte. Oder an den Führer.
„Nicht genug, dass die Abwehr diese miese Ratte nicht liquidieren will. Das könnte – KÖNNTE – ich noch zur Not verstehen! Aber was hat der fette Schwachkopf sich da einzumischen?! Seit wann macht die Luftwaffe ihre eigene Außenpolitik? Dieser morphinsüchtige Bastard…“ und so ging es weiter. Zum Glück waren die Wände und die Zimmertür dick genug, um Hoffmanns Ausbrüche zu schlucken. Selbst im RSHA war es unüblich, Reichsmarschall Hermann Göring mit solchen Ausdrücken zu belegen. Dafür konnte auch ein SS-Mann ins Konzentrationslager kommen.
Aber das Friedrich Hoffmann momentan egal. Was zuviel war, das war zuviel.
Nicht genug, dass die versuchte Entführung Marquardts gescheitert war, dass der angeheuerte Attentäter sich offenbar lieber bei der Abwehr lieb Kind machte, Marquardt sogar dem Hexenkessel von Hawaii entkommen und auch Jerome bisher den in ihn gesetzten Erwartungen nicht gerecht geworden war.
Zu all diesen Fehlschlägen kam jetzt auch noch diese Demütigung, ein direkter Schlag ins Gesicht. Es durfte keine Rolle spielen, ob die Vorwürfe gegen Thomas Marquardt damals gerechtfertigt gewesen waren oder nicht. Denn erstens machte die Gestapo keine Fehler, und zweitens hatte sich Leutnant Marquardt spätestens mit dem Mord an zwei Gestapo-Beamten, der Fahnenflucht, und der Weitergabe einer Luftwaffenmaschine an eine fremde Macht mehrmals den Tod durch das Fallbeil verdient.
Das die Abwehr offenbar erwogen hatte, ihn in Ruhe zu lassen oder sogar als Agenten zu rekrutieren, war schon schlimm genug. Es folgte aber immerhin noch der Logik des Geheimdienstgewerbes, die Hoffmann zähneknirschend verstehen, wenn auch in diesem speziellen Fall nicht hinnehmen konnte. Man konnte sich die Werkzeuge und Bettgenossen eben nicht immer aussuchen. Immerhin benutzten RSHA und Abwehr auch Kommunisten, Sozialisten, Homosexuelle und Agenten jüdischer Herkunft – solange man sie nur auf irgendeine Art und Weise zuverlässig unter Druck setzen konnte. Auch Hoffmann machte das.
Dass die Luftwaffe aber bereit war, einem Deserteur, Mörder und Hochverräter, dessen Eltern sich im französischen Exil verkrochen hatten, vollständig zu vergeben, ihn zu befördern und auch noch eine eigene Staffel zu geben, das sprengte jeden Rahmen.
Hermann Göring mochte wie andere Parteigrößen gelegentlich nach der Devise handeln ’wer Jude ist, das bestimme ich’ – aber diesmal ging er zu weit.
Dass Marquardt auch noch SS-Mitglied werden sollte, machte Friedrich Hoffmanns Demütigung komplett. Alleine die Vorstellung, diese menschliche Ratte als ‚Kamerad’ anreden zu müssen, ließ ihm die Galle überlaufen. Gleichzeitig aber arbeitete Hoffmanns Verstand fieberhaft. Ein solches Amnestieversprechen, zu diesen traumhaften Konditionen… Ja, da musste der fette Reichsmarschall persönlich seine Hand im Spiel haben. Das überstieg die Kompetenzen jedes Luftwaffengenerals, und auch der gesamten Abwehr. Nicht einmal Canaris hätte ein solches Angebot aus eigener Macht unterbreiten können. Göring hingegen, als de facto zweiter oder dritter Mann nach dem Führer…
Was hatte Göring zu dieser Geste veranlasst? Und wo stand das RSHA? Ein solches Angebot musste auch in der Albrechtsstraße über mehrere Schreibtische gegangen sein. Am Ende sogar…Heydrich? War das möglich? Aber warum?
Nein. Der Befehlshaber des RSHA konnte doch kein Interesse an der Rückkehr eines erbärmlichen Luftwaffendeserteurs haben. Oder doch? Wenn seine Einwilligung eine Geste des Entgegenkommens war, Teil eines politischen Schachzuges…
Oder war das nicht mit dem RSHA, sondern gleich direkt mit dem Innenministerium abgestimmt worden? Das bedeutete, Himmler musste davon wissen. Der Reichsführer SS und Polizei neigte manchmal zu…merkwürdigen Anwandlungen, was in Kombination mit seinem briefträgerhaften Auftreten und dem totalen Fehlen von Charisma manchen dazu veranlasste, ihn verhängnisvoll zu unterschätzen. Nein, das ergab ja noch weniger Sinn.

Und würde Marquardt dieses Angebot annehmen? War er überhaupt in der Lage zu begreifen, was für ein Geschenk, eine nie da gewesene Geste des Entgegenkommens dieses Amnestieversprechen darstellte? Vermutlich nicht. Wahrscheinlicher war es, dass er ausschlug. Da konnte sich Hoffmann auf Marquardts geradezu gemeingefährliche Dummheit verlassen.
Obwohl in diesem Fall eine Ablehnung wohl doch nicht so dumm war. Wenn Marquardt erst einmal nach Deutschland zurückgekehrt wäre, dann wäre er immerhin für Männer wie Friedrich Hoffmann in bequemer Reichweite. Und weder Gestapo noch Abwehr würden seine Vergangenheit vergessen. Auch nach einer Amnestie würde Marquardt auf geliehene Zeit leben, eine Schachfigur im Intrigenspiel der Organisationen und Waffengattungen. Seine Kariere würde immer mit einem Makel belastet sein. An Alterschwäche würde er in dem Fall bestimmt nicht sterben, oder auch nur seine Pensionierung erleben.
Aber Marquardt würde ja ablehnen – und sich dadurch noch mehr Feinde machen. Ja, so musste er das sehen!
Aber trotz solcher Überlegungen schaffte es Sturmbannführer Hoffmann nicht, seine Verbitterung und seine Wut zu bändigen. Die Vorstellung, dass man Marquardt eine Beförderung angeboten hatte, die ihn de facto mit Hoffmanns momentanem Rang gleichziehen lassen würde, war einfach unerträglich: „Die Abwehr hatte nichts mit dieser…dieser Dummheit zu tun, richtig?!“
„Nein, Sturmbannführer. Andernfalls hätten sie das Angebot über ihren eigenen Agenten weitergeleitet, und nicht Marquardts Bruder als Boten benutzt.“
„Außer, die Abwehr wollte ihren Mann auf der NORTH STAR nicht enttarnen. Freiwillig würde die Abwehr einem nicht mal die Uhrzeit sagen! Aber ich glaube nicht, dass die Abwehr so dilettantisch gewesen wäre, das einzige verbliebene Druckmittel aus der Hand zu geben. Nachdem Marquardts Eltern nach Frankreich verschwunden sind, hatten wir nur noch seinen verdammten Bruder in der Hand. Den wir jetzt laufen lassen haben, und das für Nichts! Wenn man der Luftwaffe freie Hand lässt…“
„Und nun? Warten wir ab?“
„Ich denke nicht daran, den Kopf in den Sand zu stecken. Was wird die Abwehr machen?“
„Das wissen wir noch nicht genau. Der Funkverkehr zwischen ‚Parsifal’ und der Zentrale war in letzter Zeit etwas lückenhaft. Aber er lebt jedenfalls noch. Wir rechnen mit einem umfangreicheren Bericht in den nächsten Tagen. Wahrscheinlich wird von Tauten dann befehlen, die Operation abzubrechen. Ich würde jedenfalls…“
„Sie sind nicht von Tauten! Andererseits…wer weiß.
Hören Sie, dass darf auf keinen Fall passieren! Ich brauche diesen Agenten. Nur über ihn kann ich Marquardt im Auge behalten.“
Hoffmanns Gegenüber teilte nicht die Besessenheit seines Vorgesetzten. Aber er war auf den Sturmbannführer angewiesen, verdankte ihm seinen Eintritt in das RSHA und wusste sich außerdem in Hoffmanns Hand. Es gab da die peinliche Tatsache, dass einige Ahnenunterlagen ein wenig ‚aufgenordet’ worden waren, damit er in den Augen der SS aufnahmewürdig wurde.
„Ich verstehe, Sturmbannführer. Aber was ist, wenn wir die Abwehr nicht daran hindern können? Unser Mann bei der Abwehr ist doch nur…“
„Dann machen Sie dem schwulen Arschficker gefälligst Dampf! Quetschen Sie ihm seine Eier ein, verstanden! Erinnern Sie ihn daran, dass er genau EINEN Anruf von der Einweisung in ein KL entfernt ist! Und machen Sie ihm auch klar, welches Schicksal ihn dort erwartet! In Zukunft will ich nicht nur über jeden Funkspruch informiert sein. Wenn von Tauten einen Abbruch der Operation befiehlt…dann soll er das raus streichen. Mir egal, wie er das macht! Aber von Stahlheim wird NICHT abgezogen!“
Jetzt kamen Hauptsturmführer Wagner denn doch gewisse Bedenken: „Aber Sturmbannführer, das…“
„SIE TUN, WAS ICH SAGE!!“ Hoffmann knallte die geballte Faust auf die Tischplatte: „Das ist MEINE Operation, und ich lasse sie mir von niemandem sabotieren! Kommen Sie nicht auf die Idee, jetzt aussteigen zu wollen! Wir stecken da gemeinsam drin. Es gibt kein Zurück mehr! Verstanden?!“
„Ja, Sturmbannführer.“
„Gut. Es ist sowieso zu spät, um ein schlechtes Gewissen zu bekommen.“ Bei diesen Worten grinste Friedrich Hoffmann verzerrt. Den Begriff ‚Gewissen’ benutzte man nicht sehr häufig in der Albrechtstraße. Jedenfalls nicht im herkömmlichen Sinne: „Um die Kooperationsbereitschaft unseres Hundertfünfundsiebziger zu sichern…Nehmen Sie Untersturmführer Balck, und passen Sie unseren Freund mal bei Gelegenheit ab. Aber keine permanenten oder zu auffälligen Schäden. Erinnern Sie ihn nur noch mal daran, wer hier das Kommando hat.“
„Und wenn er sich entschließt, auszupacken? Dann sind wir…“
„Das wird er nicht. Dazu hat er zuviel Angst. Selbst wenn ihn die Sittenpolizei vom Haken lässt, seine Karriere bei der Abwehr wäre vorbei. Glauben Sie etwa, im Bendlerblock behalten sie einen schwulen Funker? Haben Sie vergessen, was mit Fritsch passiert ist?“
„Der gehörte immerhin zum Generalstab.“
„Einem Oberleutnant lassen sie das erst recht nicht durchgehen. Und die Abwehr würde niemals das Risiko eingehen, so jemanden zu behalten. Als Homo ist der Mann erpressbar…“, Friedrich Hoffmann überdachte seine letzten Worte, und grinste amüsiert: „…offensichtlich, nicht wahr? Und außerdem denkt der Idiot, dass ich im Auftrag von Heydrich arbeite. Er wird nicht mal im Traum dran denken, aufzumucken. Also bringen Sie ihn zum schwitzen!“
Nachdem Wagner den Raum verlassen hatte, lehnte sich Friedrich Hoffmann zurück und gönnte sich den Luxus, vor seinem inneren Auge eine Vision von Thomas Marquardts langsamen Tod vorbeiziehen zu lassen. Wenn diese Ratte erst einmal tot war, diese lebende Erinnerung an sein Versagen tot und begraben war, dann würde er wieder emporsteigen, so wie er es verdiente. Obersturmbannführer, Standartenführer, Oberführer…
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Tyr Svenson Tyr Svenson ist männlich
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„Ihr Entschluss steht also fest?“
Die Frau, die Armstrong gegenübersaß, lächelte kurz, und etwas spöttisch: „Tun Sie doch nicht, als würden Sie das bedauern.“
„Sie haben gute Arbeit geleistet. Sehr gute.“
„Danke. Aber darum geht es doch nicht, nicht wahr? Sie trauen mir nicht.“
Armstrong fragte sich, wie Elisabeth O’Conner das bemerkt hatte. Aber sie kam immerhin aus Sky Haven, hatte ihr Geld mit dem Verschieben fragwürdiger Waren und oft sensibler Informationen verdient. Und wenn es außerdem tatsächlich so sein sollte, dass sie irgendwelche Geheimdienstkontakte hatte…
„Wie kommen Sie denn darauf?“
„Ich habe Augen im Kopf. Und ich habe Ohren.“
„Warum sollte ich Ihnen denn nicht trauen?“
Elisabeth schnaubte recht undamenhaft. Aber sie hatte natürlich auch nie behauptet, so etwas wie eine Dame zu sein. Sie verzichtete darauf, die Frage zu beantworten, sondern fuhr einfach fort: „Was soll ich in den Südstaaten? Mit den Johnny Rebs habe ich nichts am Hut. Ich denke, ich bleibe lieber nördlich der Mason-Dixie-Line. Und Ihr Kreuzzug ist nicht der meine. Sie wollen Jerome kaltmachen. Gut. Großartig. Die Welt wird dadurch ein wenig besser werden, könnte man sagen. Aber erwarten Sie nicht, dass ich Ihnen dabei folge. Ja, auch ich habe eine Rechnung mit Jerome offen. Aber wenn ich einen Hai töten will, springe ich nicht zu ihm ins Wasser.“
„Aber Steel…“
„Machen Sie sich mal keine Sorgen. Ich werde Ihnen ihren kostbaren Vize nicht wegnehmen. Und ich kann ihm auch bestimmt nicht ausreden, dass er bei dieser idiotischen Jagd mitmacht, Kapitän Ahab. Männer und ihre idiotischen Vorstellungen!
Aber ich glaube, es wird ihn auch erleichtern, wenn ich etwas aus der Schusslinie bin. Bei Ihrer Jagd kann ich Ihnen sowieso nicht helfen. Meine Kontakte sind tot oder abgetaucht.“
„Und das ist Alles, was Sie mir sagen wollen?“
Elisabeth O’Conner zuckte unbehaglich mit den Schultern: „Was auch sonst? Sie zu bitten, auf ihn aufzupassen, hat ja wohl wenig Sinn? Also gute Jagd. Und wenn Sie schon die Fackel der Rache vor sich hertragen wollen Commander, passen Sie auf, dass Sie sich und die hinter Ihnen nicht dabei verbrennen.“
Die Worte klangen ernst, fast beschwörend, und einen Augenblick lang fühlte der Piratenführer fast so etwas wie einen kalten Schauer. Wusste sie etwa mehr als er? Aber das war Unsinn: „Sie haben eine sehr…farbige Ausdrucksweise.“
Elisabeth lächelte etwas verkniffen: „Das ist die Irin in mir.“
„Sie sollten ebenfalls aufpassen. Jerome wollte SIE. Glauben wir.“
„Denken Sie denn, dass ich das nicht weiß? Was meinen Sie denn, warum ich diesen Aufzug gewählt habe?“
Elisabeth trug eine recht gebraucht wirkende Kombination aus Technikeroverall und Uniformteilen, wirkte dadurch wie eine in letzter Zeit etwas vom Pech verfolgte Matrosin oder Wartungstechnikerin. Und ihre Haare waren nicht länger mehr feuerrot, sondern kastanienbraun. Es war tatsächlich unwahrscheinlich, dass sie jemand erkennen würde, der sie nur vom Hörensagen kannte.
„Gute Jagd, Commander.“ Ihr Handruck war fest und sicher, ebenfalls recht undamenhaft. Dann drehte sie sich um, und ging. An der Tür ließ sie Armstrongs Stimme noch einmal innehalten: „Was meine…Verdächtigungen betrifft. Ich habe Sie niemals gefragt, ob Sie tatsächlich für einen Geheimdienst arbeiten.“
Elisabeth blickte noch einmal kurz über die Schulter zurück und lächelte kurz: „Tatsächlich. Das haben Sie nicht.“

Thomas David Marquardt, alias Armstrong, alias Stone sah ihr kurz hinterher. Er war aus dieser Frau nicht ganz schlau geworden, dazu war auch die Zeit zu kurz gewesen, und ihre Abwehrmechanismen zu gut. Allerdings…aus welcher Frau konnte man denn schon schlau werden?
Jetzt jedenfalls würde sie von Bord gehen, und ob nun Campbell mit seinen Verdächtigungen Recht hatte oder nicht, bald würden sie wichtigere Probleme haben. Armstrong hatte einmal kurz bei Steels betreffs Campbells Andeutungen vorgefühlt und war auf Granit gestoßen.
Der Deutschamerikaner hatte etwas verstimmt zurückgegeben, dass Elisabeth weder versucht hätte, ihm irgendwelche sensiblen Informationen zu entlocken, noch ihn für irgendeinen Geheimdienst zu rekrutieren. Im Übrigen würde es niemanden angehen, mit wem er ins Bett gehe – das müsste Armstrong doch wohl noch am Besten verstehen. Und wenn der Commander schon über Radio und Wochenschau zu verkünden geruhe, dass er ein deutscher Deserteur – und genau DER deutsche Deserteur war, dann gäbe es doch wohl genug andere Personen und Organisationen, um die man sich Sorgen machen müsste. Und so weiter. Auch wenn Steel normalerweise kein Mann der vielen Worte war, er hatte keine Probleme, seinen Standpunkt sehr nachdrücklich klar zu machen.
Nun ja, in einem vergleichbaren Fall hätte Armstrong wohl ähnlich reagiert. Und er konnte es sich momentan nicht leisten, ernsthaft mit seinem Stellvertreter aneinander zu geraten. Armstrong wusste noch immer nicht genau, wie genau er das Verhältnis zwischen Elisabeth und Steel nennen sollte. Aber der Deutschamerikaner war offenbar bereit, für sie sein Leben zu riskieren, schien ihr sehr zu trauen. Vielleicht zu sehr. Es war wohl wirklich das Beste, wenn sie von Bord kam. Ob nun Geheimdienst oder nicht, in der kurzen Zeit konnte sie kaum etwas Sicherheitsrelevantes herausgefunden haben. Sie hatte kein besonderes Interesse an den neuen Maschinen gezeigt. Und Thomas Marquardt traute seiner Menschenkenntnis immerhin so weit, um sicher zu sein, dass sie wohl auch keine Bombe oder irgendeine andere unangenehme Überraschung an Bord zurücklassen würde. Immerhin hätte das auch Steel getroffen. Und er war sich auch sicher, dass Sie etwas, das sie eine ganze Menge für den sonst so unnahbaren Piloten empfand.
Wieder einmal sehnte er sich in die Zeit zurück, als er für Cat Shannon geflogen war. Annie hatte damals noch gelebt. Die Gestapo hatte ihn aus den Augen verloren gehabt, und auch kein anderer Geheimdienst trachtete ihm nach dem Leben, oder versuchte ihn zu benutzen. Die Fronten waren klarer gewesen.
’’’’’’’’’’’’’’’’’’’’’’’’’’’’’’’’’’’’’’’’’’
Ernst von Stahlheim saß so bequem es ging auf einer momentan unbenötigten Ersatzteilkiste im Hangar der NORTH STAR. Seine Laufkrücke lehnte neben ihm an der Wand. Er musste dieses verdammte Gerät noch mindestens eine weitere Woche verwenden, aber er hatte sich davon nicht in seinem Quartier festhalten lassen. Die verbliebenen Piloten seiner Schwadron hatten schnell begriffen, dass ihr Chef ihnen auch mit einem Gipsverband die Hölle heiß machen konnte.
Als Marquardt einmal Steel unter vier Augen vorhielt, es sei wohl sein Ziel, bei den Piloten möglichst unbeliebt zu werden, hatte der Staffelführer ziemlich humorlos gegrinst: „Irgend jemand muss diesen Sauhaufen doch in Höchstform peitschen. Ist doch allemal besser, wenn ich das bin. Dann bleibst du beliebt.“
„So in der Art ‚guter-Bulle-böser-Bulle’?“
„Solange es funktioniert…“
Im Endeffekt ließ ihm Marquardt wie fast immer freie Hand. Aber heute ging es nicht darum, seinen Fliegern das Leben schwer zu machen. Momentan konzentrierte sich seine Aufmerksamkeit auf einen der Autogyros der NORTH STAR, oder vielmehr auf die Person, die gerade die Startfähigkeit der Maschine überprüfte. Er unternahm keinen Versuch, sein Interesse zu verhehlen, in dem Wissen, dass er sowieso nicht der Einzige war, der in dieselbe Richtung blickte. Allerdings unterschieden sich seine Motive etwas von denen der anderen Neugierigen im Hangar.

Zu behaupten, dass Kiki sich an Bord der NORTH STAR problemlos eingelebt hatte, traf die Situation nicht ganz richtig. Oh, die junge Asiatin fand sich binnen kürzester Zeit an Bord zurecht, fast so gut wie die meisten der alt gedienten Crew-Mitglieder, und sie schien schon nach ein paar Tagen praktisch jeden mit Namen zu kennen. Auch die Lebensumstände an Bord bereiteten ihr offenbar keine Probleme. Sie machte ihre Arbeit, und sie machte sie gut. Aber gleichzeitig schien sie, ob bewusst oder unbewusst, fähig und Willens, das Bordleben kräftig durcheinander zu wirbeln und fast jedem Mann an Bord den Schlaf zu rauben.
Es war kein Geheimnis, womit Kiki früher Geld verdient hatte, und alleine das in Kombination mit ihrem Aussehen hätte gereicht, um manchen an Bord auf dumme Gedanken kommen zu lassen. In Kombination mit ihrem unterschwellig herausfordernden Auftreten, das binnen Sekunden zwischen verführerisch, spielerisch und schüchtern wechseln konnte, war die Wirkung durchschlagend. Man merkte es sofort, wenn sie einen Raum betrat.

Ob es tatsächlich schon jemand geschafft hatte, mehr als eine flüchtige Berührung oder dergleichen zu bekommen, war ein umstrittenes Thema. Ernst von Stahlheim bezweifelte es. Kiki hatte es wahrscheinlich gar nicht nötig. Er hätte sich aber auch gewünscht, sie würde diese Mata Hari-Spielchen nicht ausgerechnet jetzt und hier veranstalten.
Wenn es ihr darum ging, jemanden wie den Commander aus der Reserve zu locken, war ihr das jedenfalls anscheinend noch nicht gelungen.
Sam, die de facto Kikis Vorgesetzte war, schien die Aktivitäten der Asiatin weitestgehend amüsiert zu beobachten. Allerdings hatte sie schon ein paar Mal einige ihrer Untergebenen ziemlich zusammengestaucht, deren Arbeit wegen dem Neuzugang an Sorgfalt vermissen ließ.

Momentan bestand Kikis „Arbeitskleidung“ aus Jeans, Overalljacke und einem kurzärmligen Hemd. An und für sich nicht gerade eine sehr verführerische Kombination. Allerdings hatte die junge Japanerin die Jacke und das Hemd unter der Brust zusammengeknotet, und beide Kleidungsstücke waren so nachlässig geknöpft, dass Steel eine Absicht dahinter vermutete. Und die Hose saß so eng und so tief, dass sich Kiki nur leicht vorzubeugen brauchte, um eine spektakuläre Wirkung zu erzielen.

„Gefällt dir, was du siehst?“
Ernst Karl von Stahlheim drehte den Kopf herum und lächelte säuerlich: „Hör mal, du bist doch nicht etwa eifersüchtig auf unsere Rose von Tokio? Ich wäre geschmeichelt.“
„Bild dir mal nur nicht zu viel ein…“ Elisabeth warf Kiki einen kurzen Blick zu und grinste dann Steel spöttisch an: „Als Technikerin verschwendet sie aber ihr Talent. Wenn sie sich in diesem Outfit fotografieren lässt, kann sie damit wahrscheinlich mehr verdienen, als ihr der Alte in einem Monat bezahlt.“
Von Stahlheim ließ seine Augen zwischen Makiko und Elisabeth hin- und herwandern. Elisabeths Kleidung war momentan rein praktisch, und eher unauffällig, wie ihre ganze Erscheinung. Außerdem war sie etwas älter als Kiki, und in ihren Augen konnte man eine Härte erkennen, die die bei der jungen Japanerin fehlte, oder verborgen blieb. Dennoch, die beiden Frauen hatten einiges gemeinsam, und zwar nicht nur die Tatsache, dass sie beide (wenn auch auf recht verschiedene Art und Weise) mehr als nur attraktiv waren. Beide wussten um ihre Wirkung, und setzten dieses Wissen auch gezielt ein, wenn auch auf unterschiedliche Art und Weise. Beide waren schlagfertig, intelligent, und Ernst von Stahlheim fand sie beide schwer einzuschätzen. Und er nahm an, dass sie BEIDE im Geheimdienstgeschäft aktiv waren. Aber während Elisabeth für die Abwehr arbeitete, und Ernst von Stahlheim sich inzwischen auf sie blind verlassen zu können glaubte, war Makikos eine andere Sache.
Er nahm an, dass sie für einen japanischen Geheimdienst arbeitete, vermutlich Marine. Aber er wusste es nicht genau. Und warum sie auf der NORTH STAR eingestiegen war, wusste er auch nicht. Das machte ihn nervös.
Und warum verhielt sie sich so…auffällig? Handelte sie nach dem alten Geheimdiensttrick, jeden etwaigen Verdacht durch ein vordergründiges, offensives und völlig nun ja unprofessionelles Auftreten auszuräumen? Suchte sie nach einem Beschützer? Dann hatte sie ihre Netze allerdings ziemlich weit ausgeworfen.
Oder wollte sie ganz einfach nur möglichst vielen Männern den Kopf verdrehen, vielleicht als eine Art von Rache? Grund genug dafür hatte sie, vermutete Ernst von Stahlheim. Und vielleicht war ihre Ausstrahlung, ihre Schönheit und ihre Körper für Kiki auch nur ein Werkzeug, das sie bedenkenlos, fast automatisch anwendete. Eigentlich hätte ihm das auch egal sein können. Aber da sie nun einmal möglicherweise mehr über ihn wusste, als gut war, und die Männer, die Kiki am ausgestreckten Arm verhungern ließ, mit ihm fliegen und die Maschinen seiner Staffel reparieren und warten würden, sah die Sache etwas anders aus. ‚Kein Wunder, dass die Piraten des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts keine Frauen an Bord ihrer Schiffe geduldet haben…’ dachte er etwas sarkastisch, und wandte sich wieder Elisabeth zu: „Reisefertig?“
„Wieso? Willst du freie Bahn mit der Frühlingsrolle haben?“
„Umwerfend komisch. Du weist ganz genau, warum ich dich von Bord haben will.“
„Und du weißt, warum ich diesen ganzen Rachefeldzug für Schwachsinn halte.“
‚Das ging ja schnell.’ Irgendwie endeten alle ihre Gespräche in letzter Zeit an diesem Punkt.
„Es muss getan werden. Das weißt du. Es ist nicht so, als ob ich da eine Wahl hätte.“
„Männer! Man hat immer eine Wahl. Du und deine…“
Ernst Karl von Stahlheim schüttelte knapp den Kopf, und warnte Elisabeth mit einer unauffälligen Handbewegung. Sie waren nicht mehr alleine.
„Reisefertig?“ erkundigte sich Kiki, während dieses halb herausfordernde, halb verheißungsvolle Lächeln um ihre Lippen spielte, dass sie so freizügig zeigte. Sie musterte Elisabeth eingehend, als wolle sie sich von der Vollständigkeit ihrer Ausrüstung überzeugen. Dann richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf Steel, und musterte ihn mindestens ebenso gründlich, obwohl das bei ihm eigentlich überflüssig war. Als sie sich wieder zu dem Autogyro umwandte, brachte sie es fertig, Steel ‚zufällig’ zu streifen. Der Deutschamerikaner verdrehte die Augen, während es um Elisabeth Lippen zuckte.
’’’’’’’’’’’’
Zehn Minuten später war der Autogyro in der Luft. Kiki flog ziemlich niedrig, und sogar Steel fand nicht viel an ihrem Stil auszusetzen. Dennoch musterte er den Himmel misstrauisch. In der letzten Zeit war er etwas dünnhäutiger geworden. Und egal wie schnell, gut gepanzert und bewaffnet ein Autogyro war, es war keine Jagdmaschine, und Kiki war auch kein Kampfpilot.
„Du willst also nicht bei dem Rachefeldzug des Commanders mitmachen?“
‚Muss das eigentlich jeder wieder aufwärmen?’ dachte Steel. Elisabeth schien sich allerdings aus der Frage nichts zu machen: „Allerdings. Wenn Stone es unbedingt mit den Psychopathen von der LEVIATHAN ausschießen muss, dann will ich möglichst weit weg sein. Solche Auf-Leben-oder-Tod-Aktionen nur für die Ehre sind nicht mein Ding.“
„Du meinst, dass ist eher eine…deutsche Sache? Und deshalb Nichts für dich?“
Kiki konnte unmöglich den Blick sehen, den Steel und Elisabeth wechselten. Die Stimme der rothaarigen Schmugglern klang immer noch unbekümmert, aber ihre Augen hatten sich unmerklich verengt: „Nachdem die Deutschen im letzten Krieg dermaßen eine auf die Schnauze bekommen haben, sind sie jetzt offenbar drauf und dran, eine Revanche einzufordern, egal was das für Konsequenzen hat. Und Stone scheint auch sehr gerne gegen die ganze restliche Welt anzutreten, nachdem er ihr ins Gesicht gespuckt hat. Wenn das ‚typisch deutsch’ ist, dann ist das wirklich nichts für mich.“
„Hmm…verstehe. Und, was hast du jetzt vor?“
„Mal sehen. Erst einmal muss ich sicher sein, dass keiner von Jeromes Bastarden hinter mir her ist. Und dann…“
„Klar, es ist wichtig, erst mal die Spuren zu verwischen. Aber du findest sicherlich bald Freunde.“
Die beiden Agenten wechselten wieder einen Blick. Offenbar hatten sie beide Kikis Worte auf die gleiche Art und Weise verstanden. Elisabeths Stimme gewann eine etwas sarkastischere Note: „Ich weiß nicht, ob ich dein…Talent habe, Freunde zu finden, Kiki.“
Die junge Asiatin drehte sich kurz um und lächelte entwaffnend: „Aber Elisabeth, ich bin mir SICHER, es gibt Menschen, die deine wahren Qualitäten kennen und zu schätzen wissen.“
„Danke für das Kompliment. Ich gebe es zurück.“
„Und was ist mit euch beiden? Ich meine…ihr seid doch zusammen, oder? Und trotzdem geht ihr jetzt getrennte Wege.“
Steels Stimme klang recht brüsk: „Die LEVIATHAN zu jagen, während der englische, der japanische, und wahrscheinlich auch der texanische Geheimdienst auf unseren Fersen sind, ist nichts wobei ich Elisabeth dabei haben möchte.“
Elisabeth warf ihm einen ziemlich ungnädigen Blick zu: „Ich entscheide immer noch selber, was ich tue und was nicht. Aber diese ganze Vendetta ist meiner Meinung nach für NIEMANDEN von uns das Richtige.“
Kiki kicherte: „Du hast den deutschen Geheimdienst vergessen, Steel. Die Nazis sind doch auch noch hinter Armstrong her. Würde mich nicht wundern, wenn irgendwelche Nazi-Agenten ihm verdammt nahe stehen.“
„Du meinst, ihm dicht auf den Fersen sind.“
„Sagt man das so? Verzeihung, mein Englisch ist wohl doch nicht so gut.“
„Dein Englisch ist perfekt.“ Langsam wurde Steel dieses Spiels überdrüssig. Allerdings galt das nicht für Kiki, die gleich darauf noch einen drauf setzte: „Na ja, ich bin sicher, ihr beide findet eine Möglichkeit, wieder miteinander in Kontakt zu treten.“
„Deine Sorge ist wirklich rührend. Und jetzt genug gequatscht. Eigentlich müssten wir bald da sein. Geh noch etwas weiter runter.“

Eine Minute später hatten sie tatsächlich den anvisierten Landeplatz erreicht – eine momentan menschenleere Landstraße, die sicherlich schon einmal bessere Tage erlebt hatte. Von Steel überwacht legte Kiki eine zwar nicht perfekte, aber akzeptable Landung hin. Während sie ihm Cockpit blieb, lud Elisabeth ihre spärlichen Besitztümer aus. Ernst von Stahlheim half ihr nicht dabei – mit seiner Krücke wäre er nur eine Behinderung gewesen. Aber er begleitete sie noch ein paar Schritte. Weit genug, dass Kiki unmöglich hören konnte, was sie besprachen: „Dieses kleine Miststück will es offensichtlich jetzt wissen. Was wirst du tun, Ernst?“
„Was soll ich schon tun? Ich kann sie ja wohl kaum über Bord schmeißen. Das wäre etwas auffällig. Also werde ich reden.“
„Pass bloß auf. Auch wenn sie zum japanischen Geheimdienst gehört…“
„Ich weiß, ich weiß.“ Ernst von Stahlheim zuckte leicht, fast wegwerfend mit den Schultern: „Wir haben die Japaner, das Commonwealth, die Russen und die Texaner auf unseren Fersen. Angeblich hat die Gestapo immer noch eine Rechnung mit dem Commander offen. Ich wette, dass inzwischen noch das ein oder andere neue Kopfgeld auf ihn ausgesetzt wurde. Kiki ist nun wirklich nicht das größte Problem, vor dem wir stehen.“
„Wie schön, dass du das auch bemerkt hast. Und warum bleibst du trotzdem an Bord?“
„Das hatten wir doch schon mal.“
„Mehrmals.“
Unwillkürlich grinste Ernst von Stahlheim: „Tja dann…Glaubst du, du kommst von hier aus gut weiter?“
„Netter Versuch, das Thema zu wechseln. Und ja, das glaube ich. Die fünf Meilen bis zu diesem Kaff schaffe ich in zwei Stunden. Die haben dort zwar kein Flugfeld, aber eine Eisenbahnstation. Zur Not habe ich auch genug Geld, um ein Auto zu mieten…“, Elisabeth ließ ihren Blick über die sich scheinbar endlos dehnende Prärie schweifen, „…oder auch ein Pferd.“
„Sei vorsichtig.“
„Das soll wohl ein Witz sein? Ich versuche immerhin nicht, mit einem verdammten Grizzly zu raufen.“
„Wie lange…“
„In vier, höchstens fünf Tagen habe ich die nächste Abwehr-Station erreicht, hoffe ich. Das heißt, in spätestens einer Woche bekommst du den nächsten Funkspruch. Die Uhrzeit kennst du.“
„Ich werde auf Empfang sein.“ Sie hatten vereinbart, dass Steels erst einmal nur mit Elisabeth Funkkontakt halten sollte, die sich direkt an die Zentrale in New York wenden würde, um neue Befehle und eine Lageanalyse für ‚Parsifal’ zu erhalten. Die Lage war unübersichtlich geworden, und solange Steel nicht sicher sein konnte, ob die Gestapo oder gar Teile der Abwehr selber jetzt ihr eigenes Spiel spielten, solange das weitere Vorgehen der Japaner in Bezug auf die NORTH STAR unklar war, wollte er lieber den Ball flach halten. Solange er an Bord des Kaperers war, trug er eine Zielmarkierung auf dem Leib, und wusste nicht, wer alles auf ihn anlegte.
„Ich weiß nicht, ob wir uns noch einmal über den Weg laufen. Das Marquardt erst einmal etwas abtauchen will, spricht für ihn. Aber ich bin mir nicht sicher, ob das etwas hilft.“
„Ich weiß. Der Commander tanzt einfach auf zu vielen Hochzeiten. Und dann hat er natürlich auch noch mich an Bord. Und Kiki.“
„Sei vorsichtig, hörst du? Wenn du dich von Jerome abknallen lässt, bring ich dich um.“
Ernst Karl von Stahlheim lachte jäh auf. Dann war es wieder einmal Zeit, Abschied zu nehmen. Irgendwie schien jedes Mal, wenn sie sich trennten, die Zukunft ungewisser zu sein.
„Elisabeth… Ich…wir sehen uns wieder. Das verspreche ich dir.“
Die Agentin verzog den Mund. Kurz funkelte ihre Augen zornig, klang ihre Stimme hart: „Ja, aber auf welcher Seite des Lebens? Verdammter Narr!“
Ein letzter Kuss, fast verzweifelt, dann trennten sich ihre Wege.
Steel blickte ihr hinterher, als sie sich mit energischen, wütenden Schritten entfernte. Aber diesmal war sie es, die sich noch einmal umdrehte und kurz winkte. Ernst Karl von Stahlheim erwiderte den Gruß, ein bitter wirkendes Lächeln auf den Lippen. Erst als Elisabeth kaum noch zu sehen war, drehte er sich um und hinkte zu der Maschine zurück.
’’’’’’’’’
Kiki hatte das Triebwerk bereits gestartet, und kaum hatte er sich ins Innere gehievt, da hob die Maschine schon ab. Die eine Hand an der Krücke, die andere an der Bordwand, erreichte Steel das Cockpit: „Ziemlicher Kavalleriestart. Hast du es eilig?“
„Du hast doch schon genug Zeit verplempert. Außerdem dachte ich, du möchtest dich jetzt gerne mal mit mir unterhalten. Ungestört.“ Kiki warf Steel ein freches Lächeln zu.
„Und worüber könnten wir uns unterhalten?“ Ernst von Stahlheims Stimme klang ausdruckslos.
„Oh…ich weiß nicht, es findet sich schon etwas. Zum Beispiel über deinen vorletzten Besuch im ‚Dragon and Sword’. Du und dieser Sorge…“
Also hatte er mit seinen Befürchtungen Recht gehabt. Bedauerlicherweise: „Was willst du?“
„Entspann dich, ich will deine Tarnung nicht auffliegen lassen. Damit wäre doch wohl keinem gedient, oder? Immerhin stecken wir unter derselben Decke.“ Sie warf ihm einen verruchten Blick zu, der allerdings keine Wirkung zu haben schien. Was sie aber nicht weiter störte.
„Was willst du?“ Es war derselbe Tonfall wie vorhin – emotionslos, fast monoton.
„Du schuldest mir etwas, verstehst du? Ich will…“
Jetzt zeigte Ernst von Stahlheim doch Nerven. War das alles? Eine simple Erpressung? Er vergaß sowohl die notwendige Zurückhaltung, wie die gebotenen Manieren: „Ist das ALLES, was du willst? Geld? Ich lass dir was auf der Kommode liegen. Das müsstest du doch gewohnt sein. Du musst nicht mal die Beine…“
Er kam nicht dazu, den Satz zu Ende zu bringen, denn plötzlich ließ Makiko die Maschine zur Seite sacken. Steel verlor den Halt, und knallte gegen die Außenluke. Einen furchtbaren Augenblick lang glaubte er, sie sei nicht richtig verriegelt, und würde unter seinem Gewicht aufspringen. Fast panisch griff er nach Halt, ließ seine Krücke fallen. Dann stabilisierte Kiki die Maschine wieder.
„Bist du verrückt geworden? Was sollte das?!“
„Ich wollte nur etwas klar stellen. Behandle mich nicht von Oben herab. Niemals mehr, verstanden?!“
„Miststück.“ Aber er hatte sich wieder unter Kontrolle: „Noch einmal. Was willst du? Wenn es kein Geld ist…“
„Es ist jedenfalls nicht nur Geld, auch wenn ich auf das Angebot vielleicht noch mal zurückkommen werde, Deutscher. Und ansonsten…lass dich doch überraschen. Ich lasse dich jedenfalls nicht auffliegen. Im Gegensatz hältst du ebenfalls den Mund, über das was du über mich zu wissen glaubst. Und wenn ich einmal Hilfe brauche…dann komme ich auf dich zurück.“
Steel krallte die Hand um die Lehne von Makikos Sitz. Noch mal würde er sich nicht von ihr überraschen lassen. Seine nächsten Worte klangen gepresst, mit einem bedrohlichen Unterton: „Und was hindert mich daran, auf…andere Art und Weise dafür zu Sorgen, dass du mich nicht verrätst?“
Kiki lachte abfällig: „Das kannst du dir sparen. Tokio dürfte nicht unbedingt erfreut darüber sein, dass ihr sie nicht über Marquardts Angriff auf die Aleuten gewarnt habt. Oder darüber, dass du immer noch an Bord bist, während sie inzwischen die Jagd auf die NORTH STAR eröffnet haben. Willst du wirklich Japan noch mehr verärgern?“
„Mir war nicht klar, dass du so wichtig für Tokio bist. Außerdem gibt es auch so etwas wie Unfälle.“ Er hatte immer noch seine Zweifel, ob Makiko wirklich in dem Maße zum japanischen Geheimdienst gehörte, wie sie andeutete.
„Bist du in der Position, es zu riskieren? Vielleicht habe ich auch gewisse…Vorkehrungen getroffen. Eine Rückversicherung für den Fall, dass ich einen Unfall habe. Und wie würdest du dann dastehen? Außerdem kann ich nützlich für dich sein. Ein zusätzliches Paar Augen und Ohren und Hände. Und nicht nur das…“ Die letzten Worte klangen fast verführerisch. Der Deutsche zog ungläubig eine Augenbraue hoch und verzog den Mund abfällig. Kiki kam seinem Kommentar zuvor, indem sie ihren Kopf zur Seite wandte und ihre Zunge kurz über seinen Handrücken gleiten ließ.
Steels Hand zuckte zurück, als hätte er sich verbrannt: „Das reicht! Ich bin nicht in der Stimmung für deine Spielchen. Such dir jemanden anderen dafür!“
Sie wusste, momentan war sie im Vorteil: „Das habe ich schon. Wusstest du schon, dass deine Nazichefs Marquardt begnadigen und mit vollen Ehren wieder aufnehmen wollten? Es war sogar die Rede von einer eigenen Staffel.“
Diesmal verriet Ernst von Stahlheims Miene und auch seine Stimme nichts: „Vielleicht.“
„Dann weißt du sicherlich auch, dass er abgelehnt hat. Ihr Deutschen seid schon ein komischer Haufen.“
Tatsächlich war Ernst Karl von Stahlheim überrascht. Von dem Angebot allerdings noch mehr, als von der Antwort. Er kannte Marquardt inzwischen gut genug. Wenn ihm das Reich die Hand hinstreckte – entgegen aller Gepflogenheiten – dann musste Marquardt natürlich auf diese Hand treten. Typisch. Oder natürlich, er hatte dem Angebot nicht getraut. Das RSHA pflegte nicht so schnell zu vergessen. Und jede Amnestie konnte widerrufen werden.
Er war überrascht, aber er würde sich das nicht ausgerechnet gegenüber einer Ex-Prostituierten und Gelegenheitsagentin anmerken lassen, die jetzt Pirat spielte.
„Das hast du von Peter, nicht wahr? Dieser dämliche Jungpimpf konnte nicht den Mund halten. Kopfkissengeflüster, was?“
„Pah! Das habe ich doch nicht nötig. Um das zu erfahren muss ich doch nicht alle Köder ins Wasser werfen. Ein kurzes Rucken an der Rute reicht völlig.“
Steel grinste sardonisch: „Peters Rute interessiert mich nun wirklich nicht.“
Kiki kicherte nur: „Haben wir eine Übereinkunft? Es ist ja nicht so, dass du groß eine Wahl hast.“
Ernst Karl von Stahlheim schüttelte knapp den Kopf: „Man hat immer eine Wahl, sagte mal jemand. Vergiss das nicht. Aber schön, wir haben vorerst eine Übereinkunft.“
„Siehst du, letztendlich bekommt doch jeder das, was er will.“
Der deutsche Agent knurrte nur irgendetwas, und ließ sich in den Copilotensitz fallen. Den Rest des Fluges schwieg er beharrlich, und starrte starr geradeaus. Immer noch wusste er nicht, ob Kiki nun wirklich japanische Geheimagentin war, eine ‚freiberufliche’ Mitarbeiterin, oder einfach nur meisterhaft bluffte. Er traute ihr alles zu. Und solange er nichts Genaues wusste, und außerdem darauf achten musste, Japan nicht zu verärgern, waren ihn die Hände gebunden. Also würde er sich zurückhalten, und Kiki ihr Spiel machen lassen. Auch wenn er nicht den geringste Ahnung hatte, welche Regeln galten. Aber das war ja nichts Neues. Marquardt schien die Probleme und die Intrigen anzuziehen, wie ein blutender Schwimmer die Haie. Und wer in seiner Nähe war, der konnte leicht mit gefressen werden. Irgendwann würde jemand dem Commander die Rechnung präsentieren wollen.

***

Peter hatte Kiki abholen wollen, aber es war Steel, der als Erster ausstieg. Der Staffelführer des Dog Pack schien nicht gerade bester Laune zu sein.
„Wie war der Flug?“
Steel warf dem Bruder des Commanders nur einen eisigen Blick zu, der Peter merkwürdig vertraut vorkam. Stirnrunzelnd sah er dem Deutschamerikaner hinterher, der sich wortlos entfernte, wobei der Fuß der Krücke wütend auf den Hangarboden hämmerte.
„Ich wusste ja gar nicht, dass Steel dein Typ ist.“ Fast lautlos war Kiki aufgetaucht.
„Was ist denn mit dem los?“
„Trennungsschmerz? Oder vielleicht hat er ja erfahren, dass ich schon vergeben bin…“
Peter verbannte Steel aus seinen Gedanken. Momentan gab es wirklich Wichtigeres, als einem merkwürdigen Deja vu-Gefühl nachzugehen. Es würde ihm schon noch wieder einfallen.
12.09.2020 20:17 Tyr Svenson ist offline E-Mail an Tyr Svenson senden Beiträge von Tyr Svenson suchen Nehmen Sie Tyr Svenson in Ihre Freundesliste auf
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„Armstrong, hast du ne Minute?“
Fragend zog der Commander der NORTH STAR eine Augenbraue hoch. „Du willst doch nur wieder was von meinem Kaffee, gib es zu, Ernst.“
„Auch. Aber ich wollte dir unseren neuen Mann vorstellen. Sie können reinkommen, Slicer.“
Hinter Steel betrat ein schlanker, schwarzhaariger Mann unbestimmten Alters das Büro des Commanders. Die Züge waren noreuropäsch, die Hautfarbe hell, und die Augen fast grau. Er machte einen kühlen, nahezu unterkühlten Eindruck.
„Das ist Marik Bachman. Er wird dir gefallen, er ist auch ein Kraut.“
„Bessarabien-Deutscher“, verbesserte Bachman mit tonloser Stimme. „Das ist ein bisschen was anderes.“
Armstrong, der die Diskussionen über Abstammung, Herkunft und Integration der Deutschen in aller Welt zur Genüge kannte, beschloss auf diesem Thema nicht herum zu reiten.
„Nehmen Sie Platz, Slicer. Ein interessantes Callsign. Wer hat Sie ausgesucht?“
„Stick war ganz begeistert von ihm“, sagte Steel schnell. „Er sagte, wenn er die Ruhe von Slicer hätte, wären er und Klutz unschlagbar.“
In der Tat war Ausgeglichenheit, ein gewisser Gleichmut und unbeeinflussbare Präzision essentiell für einen Heckschützen. Sie mussten eiskalt ihre Ziele ins Auge fassen und außerdem jederzeit damit rechnen, von einer Garbe zersiebt zu werden – ohne wie ein Pilot wenigstens die Chance zu haben, auszuweichen.
„Und was führt Sie zum Dirty Pack, Mr. Bachman?“
Der schlanke Mann grinste dünn. „Ich habe gehört, Sie zahlen gut. Selbst wenn es mal mit den Prisen nicht so klappt.“
„Immerhin, der Mann ist Realist. Wie kommen Sie mit Ihrer Pilotin klar?“
„Shaker und ich werden keine Probleme miteinander haben, Sir. Wir verstehen einander.“
Armstrong fixierte den Mann aus halb geschlossenen Augen. Steel hielt sich dankenswerterweise nun zurück und überließ die Entscheidung seinem Commander.
Obwohl, Steel hätte sicherlich so etwas gesagt wie: Lass ihn selbst entscheiden, wie lang sein Strick sein soll.
„Willkommen an Bord, Slicer. Sind Sie fit?“
„Ich bin ausgeschlafen, Sir.“
„Gut. Dann gehen Sie sofort mit Shaker rauf. Steel, schick Toro und Hammer mit rauf. Einer kriegt Übungsmunition, der andere wird voll aufmunitioniert. Der Himmel ist zu gefährlich für eine Dirty Pack-Maschine ohne bewaffneten Begleitschutz.“
Steel nickte zustimmend.
„Gut. Dann an die Arbeit, meine Herren“, schloss Armstrong. Er stand auf und reichte dem neuen Bordschützen die Hand. „Auf eine gute Jagd.“
***
Die Flugzeit, die dem Dirty Pack in Sky Haven blieb, war denkbar gering. Die NORTH STAR brach bereits in den frühen Morgenstunden des Folgetags auf; das Cat Pack flog Geleitschutz, während sich der Zeppelin durch die Passage die Rockys hinabquälte.
Hätte man ihn gefragt, er hätte es nicht zugegeben. Aber Armstrong war nervös. Er rechnete jede Sekunde mit einem feigen Angriff aus dem Hinterhalt, aus der Sonne, irgend eine Schandtat gegen ihn, ausgeführt oder befohlen oder beides von Michael Jerome. Immerhin – dies war Sky Haven. Jedermann, der hier her kam und die Flugsicherheit nicht beeinträchtigte und die Fähigkeit mitbrachte zu überleben konnte hier tun und lassen was immer er wollte.
Das schloss Mord, Raub und Vergewaltigung mit ein. Außer dem Faustrecht gab es nur noch Karl Regen als Gesetz in der Stadt, und der Bürgermeister hielt sich vornehm aus allem raus.
Armstrong rechnete mit allem: Bestochene MG-Schützen in den geheimen Nestern, eine Sprengladung, die zur rechten Zeit ein paar hundert Tonnen Gestein auf die NORTH warf, eine Kampfgruppe Hoplits, die man vor allem in Gelände nicht unterschätzen durfte, in dem Geschwindigkeit ein Nachteil war, einfach alles.
Aber es schien gut zu gehen. Sie brachten den Parcours hinter sich, ohne auf große Schwierigkeiten zu stoßen. Zwar begegnete ihnen auf halber Strecke ein eintreffender Zeppelin, aber dies stellte Blue nicht wirklich vor ein Hindernis. Und der Zeppelin hatte besseres zu tun als sich mit dem Dirty Pack anzulegen.
Als nach vier Stunden Flug die Schichten getauscht wurden und das Dog Pack raus ging, landete Armstrong direkt im Hangar, anstatt an den Haken zu gehen. Er hätte einfach nicht mehr die Geduld zum vermeintlich leichteren Manöver aufgebracht und für ihn war die Navigation in der Luft, das spüren der leichtesten Veränderungen unter seinen Flügeln wie atmen. Für ihn war direktes landen einfach leichter. Vielleicht einer der Gründe, die seinen Nymbus begründet hatten.
Die nächsten vier Stunden verbrachte er mit starrem Blick an die Decke auf seiner Koje, bevor er für die letzte Schicht erneut mit dem Cat Pack rausging.
Als die sechs Maschinen in der beginnenden Dämmerung rein geholt wurden, atmete er erleichtert auf. An diesem Tag war nichts passiert. Nun hatte er Hoffnung, ohne größere weitere Probleme bis nach Dixie zu kommen und die beiden Staffeln zu einer Einheit zu schmieden.
Die Hauptarbeit dabei würde er Steel überlassen. Das war genau die richtige Beschäftigungstherapie für den Industrial, jetzt wo seine Freundin wieder von Bord gegangen war. Ein dünnes schmunzeln huschte über Armstrongs Gesicht.
12.09.2020 20:18 Tyr Svenson ist offline E-Mail an Tyr Svenson senden Beiträge von Tyr Svenson suchen Nehmen Sie Tyr Svenson in Ihre Freundesliste auf
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Michael Jerome sah sich unter den Anwesenden um. Er sah jedem in die Augen, lang und tief. Fast alle sahen nach wenigen Sekunden fort. Der einzige, der seinem Blick stand hielt war Ross Conway, der Chef der zweiten Staffel. Jerome beließ es bei einem kurzen Blick, denn er wusste, dass dieser Mann vor allen anderen nicht aufgeben würde. Dieses Verhalten hätte den Piloten normalerweise zu einem Todeskandidaten an Bord gemacht, aber der Mann gehorchte ihm ohne Fragen zu stellen. Und was noch wichtiger war, er brauchte Conway und seine überlegenen Flugkünste. Noch.
Dafür war er auch bereit, den kühlen Piloten die meisten seiner Vorlieben ausleben zu lassen. Und davon hatte Conway eine ganze Menge. Abgesehen von einer kruden, selbst in Jeromes Augen verrückten Form von Loyalität war es vor allem das, was Conway auf der LEVIATHAN hielt. Nirgends sonst konnte er kriegen was er wollte. Wann er es wollte, wo er es wollte. Das war Macht. Macht, die Jerome über ihn hatte.
Dann ging sein Blick zu Richter. Der steife Industrial – Gerüchte wollten besagen, er wäre ein desertierter deutscher Marine-Offizier, und sein effektives Gehabe mochte Reminiszenz dazu sein – erwiderte seinen Blick von vorne herein nicht. Aber er zeigte durch Schweigen und den starren, disziplinierten Blick seinen Respekt vor Jerome. Und das gefiel ihm, ebenso wie die gute Arbeit die Felix bei der Führung des Zeppelins zeigte. Sollte sich jemals die Nötigkeit ergeben, diesen Mann los zu werden, stand bereits mit Sorrokow, einem desertierten russischen Zeppelinoffizier, der Nächste in der Reihe an. Ein höherer Rang bedeutete an Bord der LEVIATHAN nicht nur mehr Geld. Er bedeutete auch mehr Frauen, mehr Macht und mehr Freiheiten. Sollten Sorrokow die Privilegien, die er jetzt bereits genoss, jemals langweilen, würde er sich um seinen direkten Vorgesetzten kümmern, um dessen Privilegien zu übernehmen. Es war ein fressen und gefressen werden. Nur die Stärksten überlebten an Bord der LEVIATHAN. Und er war der allerstärkste von ihnen. Das war das Gesetz.
„Ross“, sagte Jerome mit Bedacht, „wir rücken aus. Hast du etwas schönes für uns gefunden?“
„Eine Frachtzigarre, nur zwanzig Klicks entfernt. Sie eignet sich hervorragend. Kein Begleitschutz.“
Jerome sah seinen Enteroffizier an. „Keine Überlebenden.“
Ahiga Stoneface nickte dazu. Mehr brauchte der Piratenführer seinem gefährlichsten Mann nicht zu sagen. Er hatte verstanden und würde an Bord des Frachters niemanden überleben lassen. Nicht einmal den Küchenjungen.
Jerome sah wieder ins Rund. „Ausführung.“
12.09.2020 20:19 Tyr Svenson ist offline E-Mail an Tyr Svenson senden Beiträge von Tyr Svenson suchen Nehmen Sie Tyr Svenson in Ihre Freundesliste auf
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Wenn mal die Wahl zwischen dem Teufel und dem Beelzebub hatte, dann konnte man sich drehen und wenden wie man wollte – irgendwie griff man immer in die Scheiße. Um nach Dixie zu kommen, genauer gesagt French Louisiana, einem teils französisch annektierten Ministaat an der Mündung des Missisippi, musste die NORTH entweder durch Texas, durch das People´s Collective, oder außen rum. Sprich, durch Arixo nach Mexiko und nach einem anstrengenden Gewaltmarsch über die Karibik nach Louisiana.
Man konnte es drehen und wenden wie man wollte, alle Alternativen waren Bullshit.
Die Texaner waren offiziell dazu angehalten, die Deserteure zu hassen und zu jagen, wo immer sie sie trafen.
Das People´s Collective hatte auch Grund, auf die NORTH und das Dirty Pack sauer zu sein, immerhin hatte Armstrong ihren Verbündeten über Alaska ordentlich Zunder gegeben und Schätze im Wert von mehreren zehntausend Dollar abgejagt, einmal ganz davon abgesehen, dass sie zwei volle Staffeln in den Bach gejagt hatten.
Und die Route über Mexiko erforderte eine Route durch Arixo, durch das Indianergebiet. Und die Apachen und anderen Anasazi-Stämme waren nicht dafür bekannt, besonders duldsam zu sein. Ihre Luftmiliz war kaltblütig, grausam und erschreckend effektiv. Alles in allem begann sich Armstrong schon deshalb zu ärgern, überhaupt eine so auffällige Markierung am Schiff angebracht zu haben. Das gehighlighte Sternbild auf beiden Seiten der Zigarre würde wohl wirklich bald als Zielscheibe verwendet werden.
Und dank des zweifelhaften Ruhms, den das Dirty Pack und vor allem ihr Anführer der Air Action Weekly verdankte, würden sie zwangsläufig auf ein paar Asse treffen. Vor allem aber für jene, die sich dafür hielten und die gerne selbst ein Ass zu Boden geschickt hätten.
Nun, damals war es Dave richtig erschienen mit den Wölfen zu heulen. Die Welt war bereits komplett gegen sie, nirgends hatte es etwas zu gewinnen gegeben, und so hatte er wenigstens bestimmen wollen, WAS über ihn und seine Crew geschrieben wurde.
Ernst Stahl hatte es trotzdem nicht verstanden.

Letztendlich hatte sich Armstrong für die Strecke über das Collective entschieden, mit einem herrlich weiten Abstand zu Texas. Er hatte keine Lust herauszufinden wie groß und vor allem wie fix der Einfluss von Dick Campbell wirklich war, um seinem Beinahe-Schwiegersohn den Hals zu retten.

Diese und ähnliche Gedanken gingen ihm durch den Kopf, während er aus der offenen Hangarklappe hinaus starrte.
Jemand drückte ihm etwas heißes in den Nacken, und nach einem Moment des Entsetzens identifizierte er den Geruch von Kaffee.
Er wandte sich um und nahm Dusk eine der Tassen ab. „Danke, Melissa.“
Melissa The Dusk Vandersen nahm einen Schluck aus ihrer Tasse. „Gern geschehen. Woran denkst du, Armstrong?“
„Ist das ein Frauentick? Zu fragen, woran die Männer denken? Oder könnt ihr es einfach nicht ertragen, dass wir mal auch nichts tun?“
„Hm. Ja, und nein. Aber wenn ich ehrlich bin hat es mich interessiert, weil du so merkwürdig geguckt hast.“
„Merkwürdig?“
„Merkwürdig.“
„Hm. Liegt vielleicht an alten Erinnerungen. Ich bin mal mit Whittaker in ein Gefecht geraten, damals, als ich noch mit Cat geflogen bin. Er hat das Ass des Collective effektvoll zu Boden geschickt. Eine reife Leistung für den alten Iren.“
„Was? Nicht du hast ihn abgeschossen? Jetzt bin ich aber enttäuscht“, neckte sie ihn.
„Ich war damals Cats Flügelmann. Und dem Kerl den Rücken freizuhalten, während er sich auf seinen Gegner stürzt wie ein Bluthund, ist ein Vollzeitjob.“
„Ah, verstehe. Kenne ich. Ich bin ja schon lange genug deine Flügelfrau.“ Sie zwinkerte ihm über den Rand der Tasse hinweg an.
„Bitte keine Tiefschläge, ja? Ich bin gerade nicht in der Stimmung für sowas.“
„Nimmst du dir irgendwas zu Herzen?“
„Nur mein verkorkstes Leben. Ausgestoßen aus der Luftwaffe, über die Welt geirrt, nun vom Rest der Erde gejagt, kann es denn noch schlimmer kommen? Und euch ziehe ich alle noch da mit rein.“
„Es ist ja nicht so als würdest du uns zwingen“, konterte Dusk.
„Noch schlimmer. Aber wenn ich in den Untergang fliege, dann fliegt ihr alle mit. Und das bereitet mir Probleme, verstehst du?“
„Das sollte es auch. Das macht dich vorsichtig, du überlegst länger. Und dadurch leben wir länger.“ Sie lächelte verschmitzt. „Außerdem hast du nicht alles falsch gemacht. Denk dran, du hast eine der besten Staffeln in Texas geführt… Captain.“
Armstrong schmunzelte kurz als er seinen offiziellen militärischen texanischen Rang hörte. „Und ich habe eine kleine Schwester einigermaßen groß gezogen.“
„Siehst du, das sind doch schon mal ne Menge Dinge auf der Haben-Seite. Und dein kleiner Bruder ist ja nun auch noch da. Er und Max sind ungefähr gleich alt, oder?“
Armstrong zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung wie alt Maxine ist. Sie weiß es selber nicht. Vielleicht achtzehn, vielleicht älter, vielleicht jünger. Ich habe einen Geburtstag für sie festgelegt, und sie war glücklich damit. Eventuell sollte ich mal in Arixo einfallen um nachzusehen, ob es irgendwo Unterlagen zu ihrer Geburt gibt.“
„Wieso gleich einfallen?“, tadelte Dusk. „Versuch es doch erstmal mit einer höflichen Bitte.“
„Die Postverbindungen funktionieren auch gerade so gut“, erwiderte Armstrong mit beißendem Spott.
„Zugegeben. Also, wann fallen wir in Arixo ein und machen auch noch die letzte Fraktion in diesem Land sauer auf uns?“
„Bald“, erwiderte Armstrong mit einem Schmunzeln. „Bald, wenn wir mit der LEVIATHAN fertig sind.“
Dusk wandt sich ein wenig unwohl hin und her. „Ich bin mir nicht ganz sicher ob…“
„Wir werden nicht alleine vorgehen. Ich habe meine Pläne. Ich habe meine Beziehungen. Und bis dahin… Du wirst alles in Louisiana sehen.“ Nachdenklich nahm Armstrong einen Schluck Kaffee. Eine wirklich schöne Sorte.
In diese wirklich schöne Idylle krachte der Hangarlautsprecher. „Commander auf die Brücke!“
Armstrong seufzte ergeben und verließ seinen Beobachtungsplatz. Dusk folgte ihm wie selbstverständlich.
„Was gibt es denn, Zacharias?“
„Wir empfangen einen Notruf von einem Frachter, der NÜRNBERG. Ein Industrialfrachtzeppelin auf dem Weg nach Pacifica. Kein Begleitschutz. Wie es ausschaut werden sie von zwei Devastator, zwei Bloodhawk und einer Zigarre bedrängt. Noch können sie die Gauner abhalten, aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie kapitulieren müssen. Der Notruf ist offen und an jedermann.“ Zacharias Winter hob eine Augenbraue. „Soll ich den Captain wecken?“
„Nein, lassen Sie das, Zacharias. Blue hat den Schlaf nötig. Dog Pack bleibt auf Sicherung und das Cat Pack geht raus. Mit unseren sechs Maschinen sollten wir keinerlei Probleme haben, vier gegnerische Flieger vom Frachtzeppelin abzudrängen.“
„Ja, Sir. Soll ich den Notruf erwidern?“
„Nein, noch nicht. Ich übernehme die Verhandlungen selbst. Aber Steel soll mit Flügelmann auf Höhe steigen und das Kampfgebiet observieren. Wie sieht der Wetterbericht für die Region aus?“
„Leichter Wind aus Nordwest, Nieselregen, Bewölkung ab zweitausend Meter. Wolkendecke ist unregelmäßig. Kumulus, keine Gewitterwolken.“
„Gut. Er soll ein Auge auf die Wolken haben. Wäre nicht das erste Mal, dass sich jemand wie ein Genie fühlt weil er sich in den Wolken versteckt. Wir kennen das ja.“
„Verstanden, Sir.“
Armstrong nickte und winkte Dusk mit sich. „Es gibt was zu spielen, Melissa.“
„Wurde ja auch allerhöchste Zeit“, brummte sie.
***
Man sagte, alte Hasen könnten Unheil daran spüren, wie sich ihre Eier anfühlten. Oder ihre Nippel, wenn man von Frauen sprach.
Man sagte, wenn ein Pilot da oben war, in den unendlichen tiefblauen Weiten des Himmels, registrierte er jeden Windhauch, jeden Luftzug und jede kleine Druckveränderung, was ihm erlaubte genau zu sagen, wie sich sein Hintermann gerade verhielt.
Und man sagte auch, dass ein wirklich guter Pilot auf den Luftströmungen zu reiten verstand, ihr Bewusstsein erkannte und sich daran orientierte.
Alles Bullshit.
Aber man sagte auch, dass einem im Kampf das Adrenalin in den Kopf schoss, und das dadurch das normale, folgerichtige Denken eingeschränkt wurde.
Das war richtig.

Armstrong führte das Dog Pack in den Kampf. Vorneweg seine Rotte, danach kam Rainmakers Wing, und hintenan erst Klutz mit seinen Brigands.
„Also, Klutz und Shaker bleiben hinten und sehen zu, dass die Zigarre keinen Unsinn macht. Ansonsten haltet uns den Rücken frei, falls diese Clowns noch irgendeine Überraschung in Petto haben. Mein Wing und Rainmakers Wing greifen direkt an. Alles klar?“
„Verstanden!“
Armstrong grinste dünn. So schlecht war die Zusammenarbeit ja nun auch nicht.
Er wechselte den Funkkanal. „Achtung, NÜRNBERG, Achtung! Hier spricht Dave Stone vom Dirty Pack. Wir kommen Ihnen gegen die Piraten zu Hilfe, für unschlagbare zwanzig Prozent Ihrer Waren und Ihrer Kasse.“
„Zw-zwanzig Prozent? Ich frage mich gerade wer hier der Pirat ist!“
„Wenn man Sie entert, NÜRNBERG, verlieren Sie alles. Und ich bin kein Wohlfahrtsunternehmen. Also entscheiden Sie sich. Für unschlagbare fünfundzwanzig Prozent putzen wir Ihnen den Abschaum vom Himmel.“
„Fünfundzwanzig? Eben waren es doch noch zwanzig Prozent!“
„Und es wird noch teurer werden, je länger Sie versuchen, mit mir zu spielen. Also?“
„In Ordnung, für fünfundzwanzig Prozent und unserer Waren! Und jetzt kommen Sie uns helfen, Dirty Pack!“
Armstrong unterdrückte ein auflachen. Er hatte nur seinen Namen genannt, aber der Funker der NÜRNBERG hatte es mit dem Dirty Pack in Verbindung gebracht. Sie waren berühmt. Scheiße, berühmt.
„Okay, NÜRNBERG, erzählen Sie mir mehr über die Angreifer. Und sagen Sie Ihren MG-Gondeln, dass sie nicht auf uns schießen sollen.“
„Die Angreifer sind die Howling Hounds. Normalerweise wagen sie sich nicht an Beute die sich wehren kann, aber…“
„Haut ab, ihr Wichser! Diese Beute gehört den Hounds, und zwar nur den Hounds! Geht nen Schwanz lutschen, oder wir treten euch in den Arsch!“
„So“, brummte Armstrong wütend. Sein Finger näherte sich dem Boosterknopf, um schneller bei der Schlacht zu sein.
„Armstrong, interner Kanal!“, klang Rooks Stimme auf.
Irritiert über die Dreistigkeit, ihm beinahe schon einen Befehl zu erteilen reagierte Armstrong automatisch und ging auf die Staffelfrequenz. „Was gibt es, Rook?“
„Sir, das sind nicht die Howling Hounds! Die gibt es nämlich nicht mehr! Ich war selbst dabei, als wir sie vernichtet haben, und wir haben garantiert nicht genügend übersehen, um eine Zigarre oder sogar vier Flieger zu bemannen!“
„Dann ist das eben eine Bande, die sich auch Howling Hounds nennt und… Moment mal, sich nach so einer Verlierertruppe zu benennen nützt überhaupt nichts! Kein Ruf, auf dem sie reiten können, kein Panikvorschuss beim Gegner, nichts! Außer…“ Armstrong beäugte den Zeppelin und die vier ihn umkreisenden Flieger genauer. Eigentlich hätte sich zumindest eine Rotte lösen müssen, um sie abzufangen, wenn… Ja, wenn die Typen da drüben ihr Geschäft verstanden. So aber wirkte es wie… Wirkte es wie…
„EINE FALLE! BOOSTER!“ Armstrong riss seine Mühle nach links in die Kehre, auf der anderen Seite vollführte Dusk die Kehre nach rechts. Hinter ihm wurde das Manöver rottenweise wiederholt.
Als die Nase seiner Fury wieder auf die NORTH zeigte drückte Armstrong den Booster-Knopf. Sofort machte die Maschine einen harten Satz nach vorne.
„Slicer hier, Sir. Sieht so aus als hätten Sie Recht. Sowohl die NÜRNBERG als auch die zweite Zigarre schleusen weitere Flieger aus.“
„Das beruhigt mich jetzt“, knurrte Armstrong. „NORTH STAR, NORTH STAR, es ist eine Falle! Ich wiederhole, es ist eine Falle! Achtet auf Piloten aus der Sonne oder aus den Wolken! Ich wiederhole, achtet auf Piloten aus der Sonne oder aus den Wolken! Winter, verschwinden Sie sofort in der Wolkenbank!“
„Jawohl, Sir!“
„Rocket hier! Verdammt irgendetwas schießt auf mich!“
„Dreh ab, Rocket! Von oben tropft Scheiße auf dich runter! Zwei, drei, vier… Von Norden kommen noch mal drei! Nein, es sind vier! Acht insgesamt! NORTH STAR, NORTH STAR, ich melde acht angreifende Flugzeuge!“
Die Beschleunigungsphase mit dem Booster ebbte ab. Sie hatten ein Stück der Strecke zurück zur NORTH zurückgelegt. Es reichte aus, um Details zu erkennen.
„Ruhig bleiben, Pete! Max und Steel kommen gleich raus zu euch.“
„Ich BIN ruhig, großer Bruder! Aber leider sind das meine Gegner nicht! Hammer, Toro, passt auf! Die wollen Raketen schießen!“
Armstrong war versucht wieder auf den Button für den Booster zu drücken, aber er wusste nicht, wie der Motor dieses Gewaltmanöver vertragen würde.
„Ich möchte Sie nicht beunruhigen, Armstrong, aber eine der Maschinen, die aus den Zeppelinen gekrochen ist, ist eine blutrot bemalte Bloodhawk. Und soweit ich das mit meinem Feldstecher erkennen kann, hat der Knabe eine Menge Abschusszeichen“, meldete Slicer mit fast emotionsloser Stimme.
„Ein Blitz! Verdammt, ich kann nichts sehen! Toro, bist du in Ordnung?“
„Ich habe rechtzeitig weggesehen, si. Rocks Warnung kam rechtzeitig. Iche sehe dich, Hammer! Fliege weiter geradeaus, ich gebe dir Deckung, bisse du wieder sehen kannst!“
„Durchhalten! Max und Steel kommen gerade raus!“, klang Winters Stimme auf.
„Wenigstens ist Jerome da hinten und nicht bei unserer Zigarre“, brummte Armstrong böse.
„Jerome? Meinst du wirklich die blutrote Blood gehört diesem Bastard?“
„Ja! Und er hat uns eine raffinierte Falle gestellt! Ohne Rook und sein gutes Gedächtnis wären wir jetzt zwischen zwei Zigarren eingekeilt und würde acht gegen sechs kämpfen! Zweiter Booster auf mein Kommando! Winter wie sieht es mit dem Steigflug aus?“
„Schlecht, Sir! Wir haben eine MG-Gondel verloren und eine Antriebsgondel hat Treffer schlucken müssen! Wir steigen, aber nur sehr langsam!“
„Verdammt, Toro, du hast einen am Heck!“
„Gleich, Rock! Zuerst musse ich dene Gringo erwischen, derr Hammer rrösten will!“
„TORO!“
„Hab ihn fast! Hab ihn! Hab ihn! Hammer, du bis…“ Die Transmission endete in einer phonetischen Kakophonie.
„TORO! Verdammt, sie haben Toro erwischt! Ihr Schweine!“
„Ruhig bleiben, Rock! Bleib bei deinem Flügelmann und drück die Angreifer von der Zigarre fort!“, klang Steels Stimme auf. „Max, bleib an meinem Flügel! Wir müssen den Antrieb beschützen!“
„Booster auf meinen Befehl! Ein schneller Durchmarsch, dann einschwenken und einzelne Ziele bekämpfen! Wir müssen die NORTH frei kriegen! Gegen zwei Zigarren und fünfzehn Maschinen haben wir kaum eine Chance!“
„Nanu? Woher kommen deine weisen Gedanken, Armstrong?“, spottete Ernst. „Ich sehe keinen Fallschirm, da wo Toro runter ist. Ich hätte nie gedacht, dass ich mich darüber mal erleichtert sein würde.“
Armstrong schloss für ein paar Sekunden die Augen. Ja, er auch nicht. Denn kein Fallschirm bedeutete, dass Toro nicht hatte aussteigen können. Die Chancen, ihn mit den Hoplits der NORTH aufzusammeln war in dieser Situation mehr als gering. Dafür wuchs die Wahrscheinlichkeit, von der LEVIATHAN aufgegabelt zu werden. Und das war ein Schicksal, dass er niemandem wünschte.
„Booster JETZT!“ Die sechs Maschinen des Cat Packs machten einen enormen Satz nach vorne und ließen die acht Verfolgermaschinen wieder ein Stück hinter sich. Nicht einmal die schlanken Feindmaschinen konnten da mithalten. Aber irgendwann würden sie aufholen. Und dann…

„Ich habe was getroffen! Ich habe irgendwas getroffen! Es fällt vom Himmel wie ein Stein und… Hammer, was ist das?“
„Ruhig, Pete! Du hast einen Hoplit erwischt. Der war wahrscheinlich vollgestopft mit Entersoldaten. Wie hast du das denn geschafft?“
„Ich weiß nicht. Ich habe diesen Schatten durch die Wolken gesehen, und da kamen ja auch die anderen Flieger her und…“
„Funkdisziplin! Konzentriert euch auf die Abwehr!“, blaffte Armstrong.
„Mayday! Die MG-Gondeln am Heck wurden ausgeschaltet! Sie nehmen wieder die Antriebsgondeln unter Feuer! Da, die beiden Avenger drehen zu einem neuen Angriff ein!“
„Steel, an meine Flanke!“, blaffte Armstrong. „Max und Dusk, ihr steigt zusammen über die Zigarre!“
Während Armstrong auf den Zeppelin zuraste, passte sich der Industrial seinem Kurs an. Dabei manövrierte er geschickt genug, um einigermaßen den gleichen Kurs und Geschwindigkeit von Armstrong zu haben, als die Feindrotte gerade ihren Angriffskurs eingenommen hatte. Ob sie die Gefahr ignorierten? Ob sie niemand warnte? Oder war es etwas anderes? Verließen sie sich darauf, dass sie gewonnen hatten, sobald die NORTH nicht mehr fliehen konnte? Jedenfalls rasten die Fury und die Bloodhawk auf sie zu, ohne dass die beiden schweren Maschinen auf den Angriff reagierten.
„Booster?“, knurrte Steel.
„Kurzer Schub.“
Beide Maschinen des Dirty Packs machten einen Satz nach vorne und bekamen die Flieger in eine wunderbare Schussentfernung. Bedingt durch ihre Flugrichtung würden sie nicht mehr zurückschießen können. Ein Umstand, den Armstrong gnadenlos ausnutzte, als er beide 30er, die 40er und das einzelne 70er Geschütz abfeuerte. Der Feuerstrom aus Panzerbrechern, abgelöst von Explosivegeschossen, fegte über die vordere Avenger hinweg. Neben ihm eröffnete Steel mit seinen leichteren Waffen das Feuer und setzte noch eine Explosivrakete hinterher.
Nun reagierten die beiden Maschinen, drehten ab. Steels Gegner hatte dabei weniger Glück und geriet in die Flugbahn der Rakete. Sie explodierte direkt über den Tanks und riss Panzerung fort. Das war noch nicht so schlimm, aber ein paar Kugeln des letzten Buntfeuerschuss aus Magnesiumkugeln schmorten am Rumpf der Maschine und wurden bei dem darauf folgenden Ausweichmanöver auf den blanken Flügel geschleudert. Als die Maschine schon beachtlich viel Tiefe gewonnen hatte, explodierte der Flügel und der Pilot musste aussteigen.
„Ich will Sie nicht beunruhigen, Boss, aber in drei, vier Minuten sind die anderen acht Vögel hier“, meldete Slicer mit seiner ruhigen Stimme.
„Blue?“
„Bin wieder auf Posten! Habe hier alles in Griff. Aber ich brauche fünf Minuten, bis wir in den Wolken einschweben können! Halt sie uns so lange vom Hals, Armstrong, okay?“
„Will sehen was ich tun kann! Steel, bist du dabei?“
„Was denn sonst? Wie ist der Plan?“
„Cat Pack und Dog Pack verteidigen die NORTH, bis sie in den Wolken ist! Wir fliegen den neuen vier Rotten entgegen und halten sie auf!“
„Willst du dir die rote Bloodhawk holen?“, spottete der Deutsche. „Nein. Die Warhawk und die Kestrel. Das sind die Maschinen, die den Antriebsgondeln wirklich gefährlich werden können.“
„Nur wir beide, Armstrong?“
„Wir sind die beiden besten, oder? Wenn das jemand überlebt, dann wir.“
„Ihr scheiß Krauts und euer scheiß Heldentod!“
„Heißt das, du bist dabei?“, fragte Armstrong.
„Um einmal zu erleben, dass du total auf dem Holzweg bist und den Fehler deines Lebens machst? Natürlich!“
Armstrong atmete auf. Sie mussten nicht viel tun, nur die beiden schweren Maschinen etwas reduzieren. Wenn weitere Jäger auf sie einschwenkten, umso besser. Es musste nur zwei, vielleicht drei Minuten dauern, dann konnten sie auch in den Wolken verschwinden. Armstrong war froh, dass Steel an seiner Seite blieb. Aber das war wohl eher dem Nitrobooster geschuldet, weniger den fliegerischen Fähigkeiten des Deutschen.
„Danke“, flüsterte Dave Stone. Sein Finger glitt zum Boosterknopf.
„NORTH STAR, NORTH STAR. Hier ist die People´s Collective Air Militia. Können wir Ihnen zur Hand gehen, gegen eine kleine Spende für die Hilfebedürftigen in diesem schönen Land? Sagen wir im Gegenwert von eintausend Dollar?“, klang eine dunkle Männerstimme auf.
„Für eintausend Dollar?“, rief Armstrong überrascht.
„Das ist ein einmalig günstiger Preis, um Ihnen den Arsch zu retten. Und ich kann sehen, wie sehr er Ihnen auf Grundeis geht. Und das alles kostet Sie nur Zwölfhundert Dollar!“
„Okay, Okay, wir können Ihre Hilfe gebrauchen! Ich nehme an! Von wo kommen Sie, Air Militia?“
„Von oben natürlich“, erklärte die gleiche Stimme. Kurz darauf brachen sechs Maschinen vom für die Militia so typischen Defenders aus den Wolken hervor. Damit stand es auf einen Schlag siebzehn gegen vierzehn.
„Sie haben doch nichts dagegen, wenn wir Ihnen persönlich zur Hand gehen, Armstrong?“
„Nein, bedienen Sie sich nur. Mit wem habe ich die Ehre?“
„Aber, aber, Armstrong, Sie haben doch die letzten beiden Jahre meine Stimme nicht vergessen. Ich bin Aaron Whittaker. Nennen Sie mich Easter.“
In die angreifende Formation der LEVIATHAN-Flieger kam nun ebenso Bewegung wie in jene, die den Zeppelin umschwärmten.
„Es scheint als würden sie abdrehen. Das war Rettung in letzter Sekunde. Danke, Easter.“
„Oh, es war ja für einen guten Zweck, oder? Und, Armstrong, seien Sie froh, dass ich nicht nachtragend bin. Auch wenn Sie nicht Shannon sind, ich habe Sie nicht vergessen.“
„Ja, Sir“, murmelte Dave als Antwort. Und wenn er ehrlich war, reichlich kleinlaut.
12.09.2020 20:20 Tyr Svenson ist offline E-Mail an Tyr Svenson senden Beiträge von Tyr Svenson suchen Nehmen Sie Tyr Svenson in Ihre Freundesliste auf
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Das Luftschiff war kaum auf dem Landefeld der Air Militia niedergegangen, kaum am Landebaum und an den Bodenhalterungen vertäut, als auch schon eine wahre Flut an Feuerwehrleuten, Sanitätern und weiterem Hilfspersonal mit der Bergung der Opfer begann.
Inmitten dieses wohl organisierten Chaos stand Dave Stone und gab seinen eigenen Leuten Anweisungen. Derweil war Doktor Arthur Mertens, beide Arme bis zu den Ellenbögen mit Blut bedeckt dabei und gab bei der Verlegung der Schwerverletzten, soweit sie denn schon geborgen hatten werden können, Anweisungen für die weitere Behandlung.
Zwei der zerstörten Gondeln konnten nur von außen betreten werden, für ihre Besatzungen rechnete Armstrong mit dem Schlimmsten. Auch das Technikerkommando, das ausgestiegen war, um eine Notreparatur am Backbordpropellor vorzunehmen, hatte nicht wirklich viele Chancen gehabt. Dann hatte einer von Jeromes Leuten auch noch in den Hangar geschossen, die Transportgondel unter dem Heliumkörper war unter Feuer genommen worden, und, und, und… In einigen Ecken schmorten noch immer Magnesiumkugeln vor sich hin und Armstrong musste Gott danken, dass diese Salve nicht aus Explosivgeschossen bestanden hatte und diese Dinger überdies nicht im Holz der Hangardecke steckten.
Nach nur wenigen Minuten lichtete sich das Deck wieder. Das erste primär Ziel der Helfer der People´s Collective Air Militia war erreicht worden. Nun ging es an die Bergung der Toten und die Vorbereitung der Reparaturen.
Endlich konnte sich Doktor Merten einigen Leichtverletzten zuwenden, die bisher nur notdürftig hatten versorgt werden können.
Mit aller Macht versuchte Dave die Tränen zurückzuhalten, aber er konnte fühlen, wie die ersten Tränen seine Wangen hinab liefen. „Wie schlimm ist es?“, fragte er Jeff Daynes, der gerade auf ihn zukam.
„Vier Mann auf den MG-Gondeln sind tot, weitere drei lebensgefährlich verletzt. Die Air Militia sammelt für uns Toro und sein Flugzeugwrack ein. Außerdem hat es acht der vierzehn Techniker erwischt, die zur Antriebsgondel wollten. Die anderen sechs sind zum Teil schwer verletzt.“ Blues Stimme stockte. „Sam ist darunter, Dave. Sie lebt, aber wie es aussieht hat sie ne Menge Blut verloren. Steckschuss im Oberkörper, soweit ich Doc Merten richtig verstanden habe.“
Armstrong schluckte heftig. „Weiter.“
„Es hat außerdem Besatzungsmitglieder und Marines erwischt. Die Gesamtzahl unserer Toten beläuft sich damit auf einundzwanzig, die unserer Schwerverletzten auf neunzehn. Dazu kommen elf Leichtverletzte. Du kannst wirklich sagen, Jerome hat uns mächtig in den Arsch getreten.
Heilige Scheiße, ich glaube da kommt Whittaker. Soll ich gehen oder bleiben?“
„Geh lieber.“
„Hast einen gut bei mir.“ Mit diesen Worten verschwand Jeff hin zur Brücke.
Wieder schluckte Armstrong heftig. Sam, warum ausgerechnet Sam? Wieso war sie da selbst raus? Natürlich kannte er die Antwort. Weil sie nichts von ihren Leuten verlangte, was sie nicht selbst zu tun bereit war.
„Armstrong, nehme ich an.“
Der hagere Pilot reichte Stone die Rechte.
Ohne zu zögern griff der Deutsche zu. „Easter. Es ist mir eine Freude, Sie persönlich kennen zu lernen. Auch wenn es unter ungünstigen Umständen der Fall ist.“
„Das können Sie laut sagen, Armstrong. Sie haben ganz schön Prügel bezogen.“
„Es war die…“
„LEVIATHAN, ich weiß. Ich habe bereits alles arlamiert was fliegen kann. Auch wenn wir sie nicht erwischen, so will ich doch, dass dieser Teufel aus meinem Luftraum verschwindet und nie wiederkehrt. Was haben Sie getan, um sich General Jeromes Zorn zu zu ziehen, Armstrong?“
„Ich… Er hat vor anderthalb Jahren ein Passagierschiff als brennende Fackel vom Himmel stürzen lassen. Meine Verlobte war an Bord.“ Verstohlen wischte er sich die Augen aus. Erst Annie, zu einer Zeit zu der er ihr hatte unmöglich helfen können. Und jetzt vielleicht Sam. Wie grausam konnte das Schicksal noch sein? Wieso wurde er so schwer geprüft? Wütend ballte er die Hände zu Fäusten. Nun war er umso entschlossener, diesem Dämon das Handwerk zu legen, und wenn es ihn jeden Greenbuck und jeden Cent kostete, den er besaß. „Als ich dann texanischer Freibeuter wurde, habe ich wohl etwas zu laut nach Spuren der LEVIATHAN und Jeromes gesucht. Meine Leute und seine Leute sind in Sky Haven aneinander geraten. Meine haben gewonnen.“ Nun, das war zwar so nicht wirklich korrekt, aber es reduzierte eine seitenlange Geschichte auf die Kernaussage.
„Verstehe. Und da dieser Bastard etwas gegen die Rolle als Gejagter hat, wollte er sich zum Jäger aufschwingen und hat den Spieß umgedreht. Er hat einen harmlosen Holzfrachter meiner Nation geentert, die Besatzung umbringen und aus dem Zeppelin werfen lassen und dann ein kleines Schauspiel für Sie inszeniert. Auf das Sie prompt reingefallen sind.“
Böse sah Whittaker den größeren Deutschen an. „Aber ich wäre wohl selbst drauf reingefallen. Immerhin ging es hier um die Rettung von Menschenleben. Und Jerome hat Ihren Charakter mittlerweile wohl schon gut einstudiert. Lassen Sie sich das ein Warnung sein, Armstrong.“
„Ja. Sicher. Das uns einundzwanzig Tote“, erwiderte er tonlos.
„Wie hat er sich verraten? Wie konnten Sie die Enden der Schere offen halten, Armstrong?“
„Er hat sich die falsche Einheit ausgesucht, die diesen Überfall angeblich ausführte. Die Howling Hounds haben wir bereits vor fast einem Jahr nahezu ausgelöscht“, erklärte Dave und verschwieg ein paar wichtige Details, Rook und seine Rache betreffend. „Wie konnten Sie so schnell hier sein, Easter?“
Whittaker verzog seine Miene zu einem wilden Grinsen. „Oh, ich war schon den ganzen Tag in Ihrer Nähe, Armstrong. Ich konnte ja nicht wissen, was ein ehemaliger Spießgeselle von diesem miesen kleinen Piraten Cat Shannon in meiner schönen Nation will, also habe ich Sie mit einer Staffel meiner Leute begleitet. Die Rettung der NÜRNBERG wollte ich Ihnen schon ganz überlassen und mich wieder zurückziehen, da Sie anscheinend mehr Ehre im Leib haben als dieser schmierige Ire. Dann schnappte die Falle der LEVIATHAN zu und ich sah mich genötigt einzugreifen.“ Fordernd hielt er eine Hand auf. „Ich akzeptiere Cash.“
Das brachte Armstrong zum schmunzeln. „Ich würde gerne alles auf einen Schlag bezahlen. Die Reparaturen, die medizinischen Kosten, Ihren Bonus.“
„Oh, natürlich, das können wir alles machen. Natürlich bin ich da einverstanden. Sie wollen die NORTH also hier reparieren und nicht in Sky Haven?“
„Auf dem Weg nach Sky könnte er mir erneut auflauern. Nein, ich denke hier ist es sicherer. Unter dem Schutz der Air Militia.“
„Die jeder unbescholtene Bürger dieses großen und schönen Landes in Anspruch nehmen kann“, betonte Whittaker. „Und auch jene Bürger anderer Nationen, der sich nichts gegen die Bürger dieser Nation zuschulden kommen lässt. Das schließt Sie mit ein, Armstrong. Über Ihre Zeit bei Shannon sehe ich mal großzügig hinweg.“
„Dafür bin ich dankbar, Sir. Aber Cat ist kein so schlechter Mensch.“
„Das mag sein“, brummte Whittaker. „Aber erlauben Sie einem alten Piloten einfach mal, dass er Ressentiments gegenüber jenen fühlt, die ihn schon mal abgeschossen haben. Ich würde nichts lieber tun, als diesen Gefallen zurückzugeben. Na, wenigstens brüstet er sich nicht damit.“
Dave senkte den Blick.
„Wenigstens brüstet er sich nicht laut damit“, schränkte Whittaker ein. „Aber ich werde ihm nicht vergeben, dass er sich von Charlene Steele hat abschießen lassen. Ein Mann, der mich vom Himmel holt wird doch gegen eine Hollywood-Schauläuferin nicht den Kürzeren ziehen. Armstrong, wenn Sie den Burschen das nächst Mal sehen, richten Sie ihm aus, dass ich von einem Luftsieg gegen Miss Steele lesen will. Sonst verstoße ich doch noch gegen meine Gewohnheiten und komme ihn holen.“
Ein dünnes grinsen huschte über Armstrongs Züge. „Ich werde es ausrichten, Sir.“
Väterlich legte Whittaker einen Arm um die Schultern des größeren Deutschen. „Wie ich das so sehe, wurden Ihre Flieger nicht so hart getroffen, oder? Ein Verlust in zwei Staffeln, und das in einer solchen Schlacht ist doch positiv.“
„Zwei Verluste. Einer meiner Piloten hat ne Kugel im Arm. Und mein zweiter Staffelchef trägt noch immer Gibsbein.“
„Und fliegt trotzdem“, monierte Whittaker, „wie es sich für einen Mann gehört, der Flugbenzin statt Blut in den Adern hat. Wie dem auch sei, Armstrong, haben Sie nicht Lust, ein wenig von den Reparaturkosten und den Liegegebühren in Naturalien abzuzahlen? So wie ich das sehe, werden Sie ein bis zwei Wochen hier festsitzen.“
„Naturalien, Easter?“
„Fliegen Sie in dieser Zeit für mich, Armstrong. Zuerst helfen Sie mir, die LEVIATHAN entweder zu stellen oder zu verjagen. Und danach helfen Sie mir bei ein paar Grenzproblemen, okay?“
„Zwei Wochen?“
„Nur solange wie Sie bleiben müssen, versprochen. Es ist außerdem nicht gut für einen Piloten, wenn er zu lange am Boden bleiben muss. Sprit und Munition geht auf die Air Militia. Und Ihre Leute müssen Sie sowieso bezahlen, egal ob sie am Boden sind oder fliegen.“
„Warum meine Leute? Warum das Dirty Pack?“
„Erstens weil Sie hier sind. Und zweitens weil unsere russischen Brüder in Alaska voll des Lobes über Ihren wundervollen Booster waren. Keine Sorge, ich werde weder die in Ihren Maschinen noch den in el Toros Wrack klauen. Das würde der Politik der Brüderlichkeit und der Gerechtigkeit widersprechen, unter dem das People´s Collective regiert wird, widersprechen. Aber benutzen will ich sie, so lange ich kann.“
Armstrong dachte nach. Zwei Wochen würden reichen, um die NORTH wieder flugfähig zu machen. In dieser Zeit konnten ein paar Flugeinsätze nichts schaden. Und Steel konnte seinen Fuß schonen, so gut es ging. Wenn er die Staffeln mischte und eine stets auf der NORTH ließ, machte das Sinn und half dem Training seiner Leute. Außerdem würde er die Gelegenheit nutzen können, um ein paar Telegramme durch das Land zu jagen. „Einverstanden, Easter. Ich bin Ihr Mann.“
Jovial klopfte der Elite-Pilot des Collective dem Deutschen auf die Schulter. „Ich wusste, dass Sie ja sagen würden.“ Sein Lächeln wurde düster. „Na, dann lassen Sie uns mal das Logo der Air Militia auf Ihren Maschinen anbringen, solange Sie auf mein Wort fliegen.
Dave versteifte sich. Aha, die Sache hatte also wirklich einen Haken.
***
Steel sah den Deutschen ernst an, brummte unwillig und humpelte dann an ihm vorbei. Schließlich kam er zurück, baute sich vor Dave auf und rief wütend: „Bist du jetzt zufrieden? Bist du jetzt endlich zufrieden? War es das und kehrt die Vernunft in deinen Schädel zurück? Wir hätten alles verlieren können, wirklich alles! Jeden einzelnen Mann, jede einzelne Frau! Und deine Scheiß Rache hättest du an den nächsten Superheldentrottel vererben müssen, weil du jetzt ziemlich genau sehr tot oder ziemlich nahe dran wärst!“ Wütend schnaubte Steel aus.
„Ernst, ich brauche dich“, erwiderte Armstrong mit fast tonloser Stimme. „Erzähl mir nicht, du wärst auf diese Falle nicht reingefallen.“
„Natürlich wäre ich da auch drauf reingefallen. Aber ich hätte vielleicht nicht gleich den rettenden Engel gespielt um dem bedrohten Zeppelin zu Hilfe zu eilen, ohne mehr Fakten zu kennen! Dies ist kein Krieg, in dem beide Seiten klar erkennbare Bemalungen haben! Du hast es dir in den Kopf gesetzt, gegen einen Psychopathen anzutreten, der keine Regeln kennt, der keine Gnade gewährt und der ohne jede Reue tötet! Außerdem hat er dich auf dem Kieker, und das hat einundzwanzig unserer Leute das Leben gekostet! Und wer weiß, wer von den Schwerverletzten die Nacht überleben wird! Ob Sam die Nacht überleben wird! Oh Gott, ich glaube nicht, dass es ausgerechnet sie erwischt hat! Liegt irgendein Fluch auf dir, der all die Frauen tötet, die dir zu nahe kommen? Egal! Was ich sagen will ist: Ist die LEVIATHAN wirklich wert, alles zu riskieren, was du hier hast? Die Leben der anderen? So viele sind über Hawaii gefallen, und heute wären es noch mehr geworden, und alles nur, weil du einen Massenmörder und seine psychotische Bande jagst, weil sie vielleicht den Zeppelin mit deiner Freundin an Bord vom Himmel geholt haben! Ist es das alles wert?“
„Es geht nicht mehr darum, dass Jerome Annie getötet hat“, erwiderte Dave tonlos. „Darum geht es schon nicht mehr, seit ich die NORTH habe.“
„Und was ist dann bitte mit deiner Rachenummer, die Elisabeth beinahe das Leben gekostet hat?“
„Das wirfst du mir vor? Sie hat nicht auf meine Rechnung gearbeitet, als sie der LEVIATHAN und Jerome zu nahe gekommen ist“, erinnerte Armstrong ernst.
„Zugegeben“, erwiderte Steel murrend.
„Ich will keine Rache mehr, Ernst. Ich will auch keine Gerechtigkeit. Und der Ruhm ist mir auch egal.“
„Was willst du dann, wenn nicht einen besonders schön leuchtenden Stern auf deinen Vogel malen, der für diesen Bastard Jerome steht?“
„Leben, Ernst. Ich will leben.“ Langsam wandte sich Armstrong ab und schritt die Rampe des Hangars hinab.
„Also gut, Dave“, rief Steel ihm hinterher. „Vielleicht steckt ja doch ein Funken Vernunft in dir!“
„Vielleicht“, murmelte Armstrong bei sich.
***
Als er das Krankenhaus betrat, überraschte Armstrong die Sauberkeit und die Ordnung. Er hatte ein Provinzkrankenhaus erwartet, dreckig, überfüllt und veraltet. Dies hier aber war ein hochmodernes Center.
Es schien, dass das Collective eine Menge Geld in die Sozialbereiche steckte, und damit in seine Bürger.
Armstrong passierte die Notaufnahme und kam zur Auskunft. Sofort wandte sich eine Schwester mit freundlichem Lächeln um. „Oh. Sie sind sicherlich Commander Stone. Wollen Sie Ihre Leute besuchen?“
„Richtig. Wo finde ich sie?“
„Einige sind noch im OP, aber die meisten haben schon Zimmer zugeteilt bekommen. Wir kriegen wohl alle durch, wenn ich den Chefarzt richtig verstanden habe.“
Armstrong atmete auf. Immerhin. Nach diesem Schlachtfest war das die erste gute Nachricht.
„Ich schreibe Ihnen mal die Namen und die Zimmer auf. Lassen Sie sich Zeit. Wir haben kein Besuchszeitlimit.“
„Danke, Miss.“

Armstrong faltete den Zettel auf und fand Sams Namen gleich an erster Stelle.
Als er ihr Zimmer betrat, wurde gerade ein Blutspender von der Verbindung mit ihr entfernt. Ein Arzt klopfte ihr aufmunternd auf den Kopf. „So, Miss Rogers, nun versuchen Sie zu schlafen. Alles was Sie jetzt noch tun müssen ist gesund werden.“
„Danke, Doktor.
Der Mediziner wandte sich ab, musterte Dave für einen Moment kritisch und sagte dann: „Zehn Minuten, Commander. Meine Patientin braucht jetzt viel Ruhe. Umso schneller wird sie gesund.“
„Verstehe.“
Die beiden passierten sich in der Tür, und Dave schloss sie hinter sich. Mit scheuem Blick ging er zu dem Bett und setzte sich auf die Kante. „Hey.“ Er schloss seine Hände um ihre Rechte.
„Hallo, Dave.“
„Was machst du nur immer für Sachen, Mädchen?“
Verlegen sah sie zur Seite. „Es war ein Notfall. Und ich bin der beste Mechaniker der NORTH, oder? Außerdem war es nur ein Steckschuss. Die Kugel ist längst draußen. Da, auf dem Nachttisch, da liegt sie.“
„Du könntest jetzt tot sein“, mahnte Dave.
„Aber ich bin es nicht.“
„Acht deiner Leute sind es. Und du bist nur so knapp dran vorbeigeschliddert, die neunte zu sein.“
„Was denn? Darfst nur du dein Leben für alles und jeden riskieren? Außerdem habe ich es doch geschafft, oder?“
Armstrong führte ihre Hand zu seinen Lippen und küsste sie. Seine Tränen fielen auf ihren Arm herab. „Gott sei Dank, dass du es geschafft hast. Ich weiß nicht, was ich… Was ich…“
„Aber, aber. Echte Helden weinen doch nicht“, sagte sie mit leisem Spott in der Stimme. Sie griff nach Armstrongs Kragen und zog ihn zu sich herab. „Sie küssen stattdessen das Mädchen, oder?“
Ihre Lippen trafen sich zu einem intensiven Kuss.

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Nicht mehr als sieben bis zehn Meter trennten den mit Höchstgeschwindigkeit fliehenden Autogyro vom Erdboden. Dann sackte die Maschine noch weiter ab, und verschwand förmlich in einer Schlucht, die aus der Luft nicht einmal breit genug erschien, um einen Geier aufzunehmen. Während der Pilot des Kampftransporters ein wenig die Geschwindigkeit drosselte, ließ er seine Maschine den Windungen der Schlucht folgen. Von Oben war der in graubrauner Tarnfarbe gestrichene Autogyro jetzt praktisch unsichtbar geworden.
„Gut.“ Ahiga Stoneface machte seinem Namen alle Ehre. In dem breiten, harten Gesicht war weder Wut über den gescheiterten Angriff noch Erleichterung über ihr Entkommen zu erkennen. Der andere Transporter hatte weniger Glück gehabt. Er war abgestürzt wie ein Stein. Unwahrscheinlich, dass jemand an Bord überlebt hatte. Keine Zeit, das zu überprüfen. Und das bedeutete, die LEVIATHAN hatte mit einem Schlag praktisch fünfzig Prozent ihrer Angriffstransporter, einen erfahrenen Piloten und zehn Kämpfer verloren.
Ahiga war das Schicksal der Männer eigentlich gleichgültig. An Bord der LEVIATHAN gab es niemanden, der ihm wirklich etwas bedeutete. Aber diese Verluste waren nicht einfach zu ersetzen. Und er war nicht bereit, eine Niederlage hinzunehmen. Diese Schlappe musste bei Gelegenheit ausgetilgt werden. Fast hätte Stoneface gegrinst. Jerome würde das auf keinen Fall hinnehmen.
„Weiter runter.“ Der stämmige Indianer flüsterte nur, aber der Pilot gehorchte prompt. Ahiga war fast genauso gefürchtet wie Kapitän Jerome. Einige mochten ihn sogar noch mehr fürchten. Dafür gab es zwei Gründe. Zum einen zeigte Ahiga so gut wie nie eine Gefühlsregung. Jerome handelte oft völlig irrational, aber wenigstens konnte man ihm ansehen, wenn er mal wieder auf Blut aus war. Ahigas Gesicht aber war immer das gleiche – ob er seine Waffen säuberte, schlief, aß, oder mit einer sogar manchen Piraten verstörenden Kaltblütigkeit einen Gefangenen langsam zu Tode folterte. Außerdem war er Indianer. Viele seiner ‚Kameraden’ waren mit Geschichten über die Kriegszüge der Komantschen, Sioux und Apachen groß geworden. Hollywood zeigte die ‚Wilden’ als blutdürstige Wilde von geradezu phantastischer Grausamkeit. Ahiga hatte wenig getan, diese Vorurteile zu zerstreuen, im Gegenteil.
„In zwanzig Minuten setzt du einen Richtspruch an die LEVIATHAN ab. Wir lassen uns aufsammeln.“ Das sollte eigentlich reichen, um sicherzugehen, dass sich niemand an sie gehängt hatte, um die Position ihres Zeppelins auszukundschaften. „In Bodennähe bleiben. Wenn sie uns abfangen, dann setzt du uns ab.“
Er wollte nicht wie die anderen Marines wie eine Tontaube vom Himmel geputzt werden. Lieber nahm er es zu Fuß mit den Verfolgern und der Wildnis auf.
„Wir ziehen uns zurück, Stoneface.“
„Der Kapitän? Höchstens zeitweilig.“ Der Indianer wandte den Kopf zurück. Dorthin, wo die angeschossene, aber unbesiegte NORTH STAR sein musste. Es war noch nicht vorbei. Und das nächste Mal würde es keine Rettung in letzter Minute geben.

********

Als der Autogyro endlich im Hangar des Piratenzeppelins aufsetzte, musterte der Kommandeur der Entertruppen aufmerksam die Reihen der gelandeten Jagdmaschinen. Zusammen mit den Maschinen, die gerade in der Luft waren…
Offenbar hatten sie einschließlich des Autogyro zwei oder drei Maschinen eingebüßt. Er hatte mit mehr gerechnet. Entweder Jerome war diesmal etwas überlegter als sonst vorgegangen, oder der Gegner war nicht allzu enthusiastisch bei der Verfolgung gewesen.
Aber irgendetwas stimmte hier nicht. Ahiga fühlte es. Die Luft schmeckte…nach unvergossenem Blut. Jerome war offensichtlich auf dem Kriegspfad. Es würde Ärger geben.
Instinktiv überprüfte der Indianer noch einmal seine Waffen, bevor er den Autogyro verließ. Im Gegensatz zu seinen Untergebenen, die meistens Schnellfeuerwaffen, Militärkarabiner und Pistolen bevorzugten, bestand Ahigas Bewaffnung aus einer Winchester und einem Revolver, beides halbautomatische Ableger der Waffentypen, mit denen die Weißen ihren Völkermord an seinen Vorfahren verübt hatten. Beide Waffen verwendeten die gleiche Munition, und er hatte von Kind auf gelernt, mit ihnen umzugehen. Außerdem hielt er wenig von der amerikanischen Sitte, die Luft mit so vielen Kugeln zu füllen, dass schließlich irgendeine zufällig das Ziel traf.
Ein Blick reichte, um ihm zu zeigen, woran er war. Offenbar waren sowohl Conway als auch Jerome davongekommen. Richter und Sorrokow waren dazu gestoßen, und offenbar über den Verlauf des Gefechtes nicht eben erfreut. Oder darüber, was Jerome jetzt gerade sagte: „NIEMALS! Niemals! Ich werde nicht den Schwanz einkneifen, und vor ein paar beschissenen Rothäuten und diesen texanischen Rinderfickern davon laufen!“
„Aber gegen NORTH STAR und PCAM gemeinsam haben wir keine Chance. Wir hatten Glück, dass wir so glimpflich davon gekommen sind…“
„Sie haben uns nicht verfolgt, weil sie Angst hatten, sage ich! ANGST!! Sie wussten ganz genau, dass sie in ihrem eigenen Blut ersoffen wären, wenn sie mich gestellt hätten! Und ich kneife nicht vor denen, die mich fürchten!“
Und jetzt beging Sorrokow einen Fehler: „Das bringt doch alles nichts! Das ist Selbstmord! Wir sollten zusehen, dass wir uns andere Jagdgründe suchen. Ich scheiße auf Marquardt! Soll er uns doch suchen, bis er schwarz wird! Wozu müssen wir ihn überhaupt jagen? Das ist es nicht wert, das wir uns mit der PCAM anlegen! Wozu?“ Im nächsten Augenblick schrie er auf, als Jerome ihm seine Faust schwungvoll, ohne Übergang, in den Leib rammte, sich dann leicht zur Seite drehte, und den wankenden Piratenoffizier gegen das linke Kniegelenk trat. Sorrokow ging zu Boden.
„Hast du noch irgendwelche Fragen, Arschloch? Bildest du dir vielleicht ein, das Zeug zum Captain zu haben? Nicht? Na also.
Es gibt nur einen Captain auf der LEVIATHAN. Nur einen Gott und nur einen Teufel. Und das bin ich!“
Sorrokow wollte sich aufrappeln, tastete nach seiner Pistolentasche – und sah dann, dass Jerome schon längst eine Waffe gezogen hatte und auf den Kopf des Russen zielte. Und neben Jerome stand Stoneface, dessen dunkles, hartes Gesicht in seiner Regungslosigkeit genauso bedrohlich wirkte, wie die Mündung einer Schusswaffe. Also blieb Sorrokow wo er war, und hielt seine Hände weit weg von seinem Waffengurt.
Jerome grinste zynisch: „Dachte ich mir doch. Richter – fürs erste ziehen wir uns ein Stück zurück. Nur so weit, dass wir nicht zufällig über diese Arschlöcher stolpern. Befehl an die Außensicherung – was ihren Weg kreuzt, und sei es auch nur ein verdammter Spielzeugdrachen, das wird abgeknallt! Keiner darf wissen, wohin wir fliegen. Denn wir hauen nicht ab, wir bleiben in der Gegend. Marquart ist ein Windhund, ein Streuner. Er wird nicht lange auf einem Fleck bleiben. Außerdem…bei seinem Ego ist er unfähig, längere Zeit den Juniorpartner zu spielen. Mit der PCAM und Whittaker spielt er aber nur die zweite Geige im Orchester. Er wird bald die Lust verlieren, und weiterziehen. Er kann nicht mal furzen, ohne es der ganzen Welt mitzuteilen. Also werden wir uns problemlos an ihn hängen können – und dann werden wir zuschlagen. Keine Spielchen diesmal, keine verdammte Vorstellung. Noch mal lass ich ihn nicht entkommen. Diesmal gehen wir mit ALLEM ran. Auch mit der LEVIATHAN! Richter, du gibst Feuerschutz für unsere Entertruppen. Ich will diesen Zeppelin! Ich will diese Bastarde! Und ich werde sie bekommen! Niemand wird mich daran hindern, sie in meine Hände zu bekommen! Glück hat von denen nur der, der dann schon krepiert ist!“
„Die LEVIATHAN?! Und was, wenn die PCAM dann wieder anrückt? Oder Armstrong die Oberhand gewinnt? Wir würden ALLES verlieren! Das ist Wahnsinn! Da mache ich nicht mit!“
„Was?“ Jerome wirkte ein paar Augenblicke regelrecht aus dem Konzept gebracht. Er starrte seinen dritten Offizier an, als wären Sorrokow Hörner gewachsen: „Du hast was gesagt?“
Der Russe schluckte, stammelte: „Das ist doch…Ich meine, was haben wir…“
Jeromes Stimme war leise, nur ein Flüstern. Aber der ehemalige zaristische Offizer erbleichte bei dem Klang: „Verschwinde. Aus meinen Augen. Oder ich reiße dir eigenhändig das Herz aus dem Leib.“
Sorrokow kam mühsam auf die Beine, und hastete aus dem Hangar, offenbar überrascht davon, nicht sofort niedergeschlagen oder über den Haufen geknallt zu werden.
Jerome spuckte aus: „Schwächling! Für so etwas gibt es keinen Platz hier. Scheiß drauf.
Conway – du gehst raus, und verstärkst unsere Außenpatrouille. Für die nächsten zwölf Stunden fliegen wir mit doppelter Sicherung, und wenn ich diese Schlappschwänze dafür an ihre Sitze ketten muss. Richter, du hast deine Befehle. Bring uns auf fünftausend Meter. Ich will mehr Raum zum Manövrieren haben.
Ahiga – du bleibst hier. Es gibt mal wieder was zu tun für dich, Rothaut.“

**********
Sechs Stunden später

Erst jetzt fand Jerome die Zeit und die Muße, dem Hangar wieder einen Besuch abzustatten und sich von der Befolgung seines Befehls zu überzeugen. Er war recht vage geblieben…. Doch seine Erwartungen wurden nicht enttäuscht. Etwas abseits der wartenden Kampfmaschinen sah er eine einzelne Gestalt mit gekreuzten Beinen am Boden sitzen. Es war Stoneface, der die Augen geschlossen hielt, die Arme vor der Brust gekreuzt. Trotzdem das Gesicht des Indianers so reglos wie immer war, schien er jetzt auf irgendetwas zu lauschen. Und über dem Indianer…
Sorrokow war nackt. Offenbar hatte er sich versucht zu wehren, denn Gesicht, Arme und Körper waren mit einer ganzen Anzahl von Platzwunden und Prellungen überzogen. Die Hände waren ihm auf den Rücken gebunden. Ahiga hatte ihn unter die Hangardecke hängen lassen. Natürlich nicht an seinem Hals, das wäre zu einfach und zu barmherzig gewesen. Stattdessen hatte der Indianer zwei an Stahlseilen befestigte Metallhaken durch die Brustmuskulatur des Russen getrieben, und ihn daran aufgehängt.
Ein gequältes Wimmern entrang sich Sorrokows zerbissenen, blutigen Lippen. Jerome lachte jäh auf: „Willst du immer noch von Bord?!“ Dann stieß er den Russen an, so dass der Körper anfing zu pendeln, was den Druck auf die Haken offenbar erhöhte, denn das Wimmern des ehemaligen Offiziers steigerte sich zu einer Serie schriller Schmerzenschreie.
Ein paar Minuten gönnte sich Jerome dieses Vergnügen, doch dann rief er sich zur Ordnung. Das hier war zuallererst eine Botschaft an die Mannschaft gewesen, und inzwischen hatte wohl auch der Letzte an Bord sie begriffen.
„He, Stoneface! Wie lange könnte ich ihn dort hängen lassen?“
Ahiga öffnete die Augen nicht, aber er hatte seinen Captain gehört: „Einen Tag, sogar zwei. Wenn er stark genug ist. Ein Krieger…“
„Das ist kein ‚Krieger’ du blutiger Heide. Es ist nur ein mieser Feigling. Er wollte unbedingt von Bord. Das kann er haben. Kümmere dich darum!“
Ahiga nickte knapp, doch irgendwie enttäuscht. Aber ohne ein weiteres Wort stand er auf und wandte sich den Stahlseilen zu. Ein paar Sekunden später knallte der sich nur noch schwach bewegende Sorrokow ungebremst auf den harten Hangarboden. Seine Fingernägel kratzten über das Metall, als Ahiga ihn an der Ferse packte, und zur offenen Hangartür zerrte.
19.09.2020 16:12 Tyr Svenson ist offline E-Mail an Tyr Svenson senden Beiträge von Tyr Svenson suchen Nehmen Sie Tyr Svenson in Ihre Freundesliste auf
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LEVIATHAN

Kapitän Jerome hasste das Warten. Das war eine seiner wenigen Schwächen. Der Angriff, die Aktion, lag ihm viel näher, als das geduldige Lauern auf die Beute. Doch in diesem Fall hätte ein direkter Angriff wahrscheinlich verheerende Folgen gehabt. Und das Warten brachte ihn anscheinend auch nicht weiter. David Marquardt, der verdammte, deutsche Hurensohn, war offensichtlich nicht bereit, sich von der PCAM zu trennen. Langsam wurde Jeromes Mannschaft unruhig. Sie hatten keine Beute machen können und auch keine Gefangenen, mit denen sich seine Männer ablenken konnten. Außerdem hatte Jerome befohlen, mit den momentan an Bord befindlichen Gefangenen ‚pfleglich’ umzugehen, weil er sie vielleicht noch brauchen würde.
Langeweile, Hitze und das immer eintöniger werdende Essen sorgten für schlechte Stimmung. Er konnte schließlich nicht die halbe Mannschaft erschießen und totschlagen, um den Rest unter Kontrolle zu halten. Oder vielmehr, er konnte es zwar tun, aber das hätte ihn zu sehr geschwächt. Das konnte er sich nicht leisten, wenn er Marquardt vernichten wollte. Und darauf zu verzichten, das kam für ihn nicht in Frage.
Aber zum Glück hatte er neben einem gradlinigen Angriff und der unerträglichen Untätigkeit noch eine dritte Möglichkeit, die sich zwischen den beiden anderen Optionen bewegte. Es war Zeit für den nächsten Schritt. Keinen direkten Angriff, keine Offensive – noch nicht. Zeit für eine Finte, einen Angriff auf die Herzen und Hirne des Gegners. Außerdem brauchte Jerome Informationen über den Gegner. Seine Agenten und Geschäftspartner in Sky Haven hatten in letzter Zeit einige Rückschläge hinnehmen müssen, und hielten sich erst einmal bedeckt. Außerdem konnten Funksprüche abgehört und angepeilt werden, das wusste Jerome aus seiner Zeit bei der Fremdenlegion.
Nein, auf die paar überlebenden Ratten in Sky Haven und an anderer Stelle, die auf seiner Lohnliste standen, konnte sich Jerome nicht verlassen. Aber das machte nichts. Er hatte den richtigen Mann für diese Aufgabe…

*******

Ahiga hörte schweigend zu, während Jerome ihm seine Aufgabe erklärte. Der stämmige Indianer mit dem steinernen Gesicht schien nicht überrascht, aber das war er ja eigentlich nie.
Jerome fragte nicht, ob Ahiga den Auftrag übernehmen würde. Eine Weigerung kam gar nicht in Frage, auch nicht für Ahiga. Es wäre sein Todesurteil gewesen. Das Nicken des Indianers war deshalb eher Bestätigung, als Zustimmung.
„Also, was brauchst du dazu, Stoneface? Wie viele Männer? Wie viel Zeit?“
„Vier Tage. Keine Männer, ich alleine. Aber Conway fliegt den Gyro.“
„Conway? Warum ausgerechnet unseren Arschficker?“
„Guter Pilot.“
„Na ja, von mir aus. Aber sieh zu, dass es wirklich nur vier Tage sind, verstanden?! Wann kannst du los?“
„Halbe Stunde.“
„Na dann mach schon!“ Jerome machte eine jähe Handbewegung, als würde er einen Hund wegscheuchen. Der Indianer erhob sich, und verließ schweigend die Kabine. Jerome sah ihm kurz hinterher, und fluchte über die Hitze. Also würde er weiter warten müssen. Und hoffen, dass seine Finte die gegnerische Deckung unterlaufen würde. Er gab sich selber noch höchstens eine Woche, bevor er das nächste Mal einen seiner Piraten würde töten müssen, um den Rest der Meute ruhig zu halten. Wenn sie nichts zu tun hatten…

***************

Conway versuchte erst gar nicht, mit Ahiga ins Gespräch zu kommen. Er wusste, er hätte nur einsilbige Antworten bekommen, wenn überhaupt. Außerdem hatten er und der Indianer sich nichts zu sagen. Der Pilot konzentrierte sich lieber auf die Aufgabe, den Autogyro kaum fünf Schritte über Bodenniveau zu halten. Gelenkt von seinen kundigen Händen, flog der schwere Transporter wie eine Kunstflugmaschine. Auch als sich die Abenddämmerung zur Nacht verdunkelte, zog Conway den Steuerknüppel nicht an, und verringerte auch nicht die Geschwindigkeit. Das einzige Licht, das ihm den Weg wies, war das schwache, kalte Leuchten von Mond und Sternen. Conway wusste, außer ihm hätte höchstens noch Jerome diesen Flug machen können. Die anderen Piraten mochten fähige, oder sogar gute Piloten sein – Nachflüge und vor allem das Navigieren unter diesen Umständen war nicht ihre Stärke. In dieser kargen Landschaft gab es keine Flüsse, denen man folgen konnte. Straßen und Pisten, die als Orientierung hätten dienen können, mieden sie. Zur Orientierung blieben ihm also nur Landschaftsformationen, eine alte topographische Army-Karte aus der Zeit vor dem Zusammenbruch der USA, und die Instrumente seiner Maschine.
Dennoch tauchte ihr Ziel, eine niedrige, zerklüftete Hügelkette, fast auf die Minute genau vor ihnen auf. Automatisch verringerte Conway die Geschwindigkeit, bis die Maschine fast auf der Stelle schwebte, und ging noch tiefer. In etwa zwei Meter Höhe spürte er hinter sich eine leichte Bewegung, und ein kurzes Schwanken der Maschine. Das war alles. Sofort zog der Pilot die Maschine wieder etwas nach Oben, und ging auf Heimatkurs. In zwei Tagen würde er hierher zurückkommen und Ahiga abholen.
Oder auch nicht. Aber er bezweifelte insgeheim, dass es da unten jemand gab, der Stoneface aufhalten konnte.

*******

Der Indianer verschwendete keinen Blick zurück zu der sich entfernenden Maschine. Reglos, lautlos kauerte er am Boden, während er in die Nacht lauschte. Ein paar Minuten, die Motorengeräusche des Autogyro waren längst zu einem leiser werdenden Summen reduziert worden, dann kam plötzlich wieder Leben in den geduckt verharrenden Körper. Ahiga wusste, im Umkreis von zwei Dutzend Kilometern gab es keine Menschenseele, und es existierte kein Tier in dieser Wüste, das er fürchtete. Dennoch bewegte er sich zwar zielstrebig, aber dennoch vorsichtig, achtete darauf, dass er sich nicht als Silhouette vor dem Nachthimmel abhob. Seine Füße, die in weichen Lederschuhen steckten, machten auf dem steinigen Boden nicht mehr Geräusche als ein Windhauch. Er hatte ein Ziel. Er war auf der Jagd.

***

Etwa fünfzehn Stunden später

Der Milizflughafen war kurz nach dem Auseinanderbrechen der USA angelegt worden. Zuerst als zivile Anlage konzipiert, und für wesentlich kleinere und primitivere Maschinen gedacht, war er mehrmals umgebaut worden. Jetzt umfasste er mehrere Landebahnen, mehr als ein gutes Dutzend Gebäude, und sogar Flugabwehrstellungen, die allerdings kaum bestückt waren. Richtige Flak waren in der Anschaffung, Wartung und Bedienung ziemlich teuer und ziemlich anspruchsvoll. Momentan streckten nur ein paar alte .303er und .50er Maschinengewehre und zwei veraltete Siebenunddreißig-Millimeter-Flak ihre Rohre in den Himmel.
Zwei Kompanien Infanterie bildeten die Garnison, und waren auch mit der Sicherung des Geländes betraut. Das bedeutete, dass immer mindestens fünfzig Mann auf Posten waren. Allerdings war das immer noch nicht genug, um eine flächendeckende Überwachung zu gewährleisten. Das Areal war einfach zu groß. Dementsprechend konzentrierten sich die Soldaten auf die strategischen Schwachpunkte – die Tore, die Hangars, die Munitions- und Treibstofflager. Der Rest des Geländes und der Stacheldrahtzaun wurden durch gelegentliche Zwei-Mann-Patrouillen gesichert.
Das war alles. Gegen Piraten und Diebe reichte das sicherlich. In den Augen Ernst von Stahlheims war es allerdings nicht genug. Es gab keine Splittergräben oder Bunker, keine Feuerstellungen.
Sollten anstatt von Jerome und seinen Totschlägern RICHTIGE Soldaten auftauchen – Japan zum Beispiel ein paar Militärzeppeline aus Hollywood herüberschicken, dann würde es hässlich werden. Aber er hielt den Mund. Kein Grund, ausgerechnet Aaron Whittaker zu sagen, was er zu tun, und was er zu lassen hatte.
Der deutsche Agent betrat einen der riesigen Luftschiffhangars, in dem die NORTH STAR untergebracht war. Der Hangar bestand zum größten Teil aus Wellblech. Es war drückend heiß, obwohl sich der Tag bereits dem Ende entgegenneigte. Und obwohl diese Temperaturen für die Jahreszeit normal, sogar fast unterdurchschnittlich waren. Von Stahlheim fuhr sich über die Stirn. Das kurze, rotblonde Haar klebte förmlich an seiner Kopfhaut: „Verdammtes Land. Verdammte Hitze…“ dann wurde seine Stimme laut, schnitt durch die stickige, abgestandene Hangarluft: „MAX!“ Er hätte sich auch auf die Suche nach der Chefmechanikerin machen können, aber dazu fehlte ihm momentan ehrlich gesagt die Energie.
„Was ist denn?“ Die kleingewachsene, Pilotin wirkte auch nicht so frisch und energisch wie üblich, kam aber mit der Hitze weitaus besser klar, als der hoch gewachsene Deutsche. Ein Vorteil ihrer teils italienischen, teils indianischen Vorfahren, pflegte sie zu sagen.
Die trockene, flimmernde Wüstenhitze machte dem deutschen Agenten fast noch mehr zu schaffen, als das Wetter in Hawaii. Zu allem Überfluss erinnerte es von Stahlheim an den spanischen Sommer. An einen ganz bestimmten Sommer, den er am liebsten vergessen hätte. Damals war er zum ersten Mal abgeschossen worden.
„Ist Kiki hier?“
Die Frage reichte, um auf Maxines Lippen so etwas wie ein maliziöses Lächeln aufblitzen zu lassen: „Was willst du denn von unserer hübschesten Transportpilotin?“
„Nicht das, was du denkst. Und von ihr will ich gar nichts. Ich suche Peter.“
„Den habe ich nicht gesehen. Und Kiki hat Freigang, glaube ich. Was ist, bist du eifersüchtig? Auf welchen von beiden, frage ich mich…“
Steel reagierte auf die Flachserei mit einem Blick, der es beinahe geschafft hätte, die Lufttemperatur in dem überhitzten Hangar um ein paar Grad zu reduzieren: „Sams Leute haben es endlich geschafft, Peters Maschine wieder zum Laufen zu bringen. Verdammte Hitze. Ich will nicht, dass der Junge einrostet. Also soll er gefälligst fliegen, statt hinter ‚Miss Makiko’ herzuhecheln.“
„Lass ihn doch. Warst du niemals neunzehn?“ Sie blickte in die kalten graublauen Augen des Staffelführers, „Vermutlich nicht. Und ich dachte, nach der Geschichte mit deiner kleinen Rothaarigen…“
„Das geht dich verdammt noch mal nichts an. Außerdem bin ich Staffelchef. Ich darf das. Peter ist ein verdammter Jungspund, der kaum richtig Pulver gerochen hat. Und was ihn und Kiki angeht…
Wenn der Idiot unbedingt seine Unschuld verlieren will, könnte er sich sicherlich eine schlechtere Gelegenheit aussuchen. Falls er jemals zum Schuss kommt. Jedenfalls kann ich keinen Piloten mit Liebeskummer gebrauchen, wenn Kiki nur sein verdammtes Herz an die Wand ihrer Kabine nageln will. Falls dort überhaupt noch Platz ist. Ich brauche Männer, die mit dem KOPF denken und fliegen!“
„Vielleicht sind sie im ‚Lightning Pub’.“

**

Dieses Etablissement war vielleicht eine halbe Meile außerhalb des Flughafens gelegen, und hielt auch tunlichst etwas Abstand zu den übrigen Häusern. Keiner wusste, wieso der stämmige Ire, der den Pub betrieb, hier zwischen Mormonen und Indianern hängen geblieben war. Der Flughafen sicherte ihm ein gewisses Auskommen. Denn bei den Mormonen fanden weder Milizionäre noch Frachtzeppelinmannschaften die Vergnügungen, nach denen es ihnen verlangte. Auf dem Flughafen selber duldeten die Milizoffiziere aus gutem Grund keine Bar. Im ‚Lightning Pub’ war das Bier und der Whiskey bezahlbar, und Gerüchten nach, verdienten sich einige der Bediensteten auf sehr persönliche Art und Weise etwas dazu. Die Milizoffiziere waren zufrieden, dass ihre Männer Dampf ablassen konnten, und die Mormonen war es Recht, dass die ‚Heiden’ sie in Ruhe ließen und nicht bei respektableren Mitgliedern der Gemeinde randalierten. Seinen Namen hatte der Pub davon, dass er in der Vergangenheit nach einem Blitzschlag einmal fast vollständig ausgebrannt war. Bei seiner Neueinrichtung war der Pub das erste ‚Privatgebäude’ in dieser Gegend mit einem Blitzableiter gewesen. Irgendein Witzbold hatte das Metallrohr vor ein paar Jahren tatsächlich so verbogen, das es an einen Blitz erinnerte. Jedes Mal, wenn Steel das Wahrzeichen des Pubs sah, spielte ein äußerst bösartiges Lächeln um seine Lippen. David oder Peter Marquardt hätten vielleicht gewusst, was den Staffelführer so erheiterte, aber bisher war es keinem der beiden aufgefallen.

Auf Maxines Vermutung hin nickte Steel nur knapp mit dem Kopf und wandte sich zum Gehen.
„Warte, wo willst du denn hin?“
„Na wohin wohl. Das war das letzte Mal, dass der Junge einen Ausflug macht, ohne sich abzumelden. Den kaufe ich mir.“
„Nun aber mal langsam. Das ist doch hier keine Militärzigarre. Findest du nicht, du übertreibst etwas?“
„Ich sage Sam auch nicht, wie sie ihren Laden am Laufen hält, oder wie sie die Maschinen der STAR wartet. Das letzte Mal, als unser toller Chef die Posten verteilt hat, standest du außerdem unter meinem Kommando, oder etwa nicht? Bloß weil du jetzt Sams Leuten bei der Wartung hilfst, hat sich daran noch nichts geändert. Der Bursche soll gar nicht erst auf die Idee kommen, dass er als Marquardts kleiner Bruder hier eine Sonderbehandlung zu erwarten hat.“
Max war sich sicher, dass Kiki mit einem wütenden Steel fertig werden würde. Peter allerdings…
Um den jungen Piloten, der ihr in der kurzen Zeit bereits ans Herz gewachsen war, vor einem Donnerwetter zu bewahren, schloss sie zu Steel auf: „Es geht dir doch gar nicht um Peter, oder?“
Der hoch gewachsene Deutschamerikaner warf ihr einen düsteren Blick zu: „Sag mal, meint ihr Weiber eigentlich alle zu wissen, was in irgend einem verdammten Kerl vor sich geht?“
„WIR denken eben mit dem Kopf.“
„Es gibt doch sicherlich irgendeine verfluchte Maschine, an der du ein paar Schrauben festzuziehen hast.“
„Für heute sind wir fast fertig. Die brauchen mich nicht mehr. Da die Miliz uns ein paar Techs zu Unterstützung gegeben hat, sind wir bald wieder voll flug- und einsatzfähig.“
„Ja, nur dass wir verdammt noch mal nirgendwo hinfliegen werden.“
„Darum geht es hier, nicht war?“
Steel fluchte halblaut: „Das Ganze hier bringt einfach Nichts. Die LEVIATHAN hat sich anscheinend in Luft aufgelöst. Egal wie weit wir fliegen, wir finden Nichts. Und wir sitzen inzwischen hier auf einem verdammten Präsentierteller. Es gibt ja auch noch andere, die hinter uns her sind. Nichts mit dem ‚Verkriechen in Dixie’. Falls das was helfen würde.“
„Bisher ist doch Alles gut gegangen.“
Der Deutschamerikaner lachte rau: „Das erinnert mich an den Mann, der aus dem zehnten Stock gesprungen ist. Beim sechsten Stock sagt er: ‚Bisher lief es ja ganz gut.’“

**

Weder Maxine noch von Stahlheim wussten, dass sie beobachtet wurden. Und selbst wenn sie es geahnt hätten, sie hätten den Späher niemals sehen können. Ahiga Stoneface hatte sich noch vor dem Morgengrauen auf die Lauer gelegt. In der Deckung einer Geröllformation hatte er sich eingegraben. Sein Kopf war durch ein schmutzigbraunes Tuch und die Zweige einer ‚Wüstenhexe’, einer verdorrten Strauchpflanze, getarnt. Auch auf fünf Schritte Entfernung war er praktisch unsichtbar. Sein Wasserschlauch und auch sein Gewehr waren durch die Umwickelung mit graubraunen Stoffstreifen kaum von dem Geröll- und Sandboden zu unterscheiden. Der Indianer achtete außerdem darauf, dass kein Sonnenstrahl sich in den Linsen seines Fernohrs spiegelte. Er war praktisch eins geworden mit der Wüstenlandschaft. Auf eine Art und Weise, wie es die Anglos es niemals begreifen würden. Deshalb würde er siegen.
In der Nacht hatte er das Flugfeld von Außen erkundet, und hier den optimalen Beobachtungsposten gefunden. Einen Teil seiner Aufgabe hatte er bereits erfüllt. Jerome würde mit der Antwort allerdings nicht sehr zufrieden sein. Nach Ahigas Meinung war ein Angriff auf dieses Flugfeld hoffnungslos, wenn nicht noch mindestens zwei weitere Piratenzeppeline mit von der Partie waren. Aber selbst die meisten Piraten wollten mit der LEVIATHAN nichts zu tun haben. Und außerdem gab es hier keine Beute, außer dem Kopfgeld für Armstrong und seine Leute. Aber die würde Jerome nicht hergeben wollen. Also fiel der direkte Angriff weg.

Was den anderen Teil seines Auftrages anging… Das Paar, das gerade den Flughafen verließ, zog für kurze Zeit seine Aufmerksamkeit auf sich. Die Frau würde relativ leicht zu brechen sein, aber sie war zumindest ein Halbblut. Darin lag wenig Vergnügen für Ahiga. Der Mann sah viel versprechender aus, aber andererseits konnte es sich als zeitaufwendig erweisen, ihn zum Reden zu bringen. Normalerweise hätte er diese Herausforderung begrüßt, aber er hatte nicht unbegrenzt Zeit. Vor allem aber waren sie zu zweit. Einer der Beiden würde vielleicht schreien können, und er würde auf jeden Fall einen töten müssen. Aber was sollte er dann mit der Leiche tun? Nein, er würde sich ein anderes Opfer suchen.
Eine winzige Bewegung, damit er dem Mann und der Frau noch ein wenig länger mit den Augen folgen konnte. In Ahigas Gesicht zuckte es kurz, fast hätte er kurz gelächelt: ‚Ich schenke dir das Leben, Halbschwester. Und du wirst es niemals wissen.’
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John Rollins hasste dieses Land. Am Tag brütend heiß, nachts eiskalt. Nur Mormonen, Indianer, Klapperschlangen, Geröll und Sand. Seitdem die Halbblut-Chica von dem rotblonden Luftjockey abgeschleppt worden war, hatte er endgültig jedes Interesse an den Maschinen der NORTH STAR verloren. Es war schließlich kein Zeppelin der Miliz. Dennoch arbeitete er lustlos weiter, bis der Chief endlich ‚Feierabend’ verkündete. Die Techs verstreuten sich. Einige dachten nur daran, Essen zu fassen und sich dann aufs Ohr zu hauen, anderen hingegen stand der Sinn noch nach einem kleinen Abenteuer.
Als Rollins sich auf den Weg zum ‚Lightning’ machte, war die Nacht bereits hereingebrochen. Er war alleine, denn er hatte kaum echte Freunde unter den anderen Techs. Die anderen verstanden einfach nicht, dass jemand, der L.A. und San Francisco gesehen hatte, dieses Drecksnest und den Dienst bei der Miliz hassen musste. Und hübsche Frauen gab es für ihn auch nicht bei der PCAM, oder sie waren bereits vergeben. Vielleicht würde er im Pub mehr Glück haben. Ein paar Greenbucks hatte er in der Tasche.

**

Abgesehen von dem leisen Scharren und Kratzen der sich verschiebenden Kiesel und Sandkörner verursachte Ahiga kein Geräusch, als er sich aus seinem Versteck erhob. Die Lautlosigkeit und Plötzlichkeit dieses Vorgangs hatte eine verstörende Wirkung. Ein Beobachter hätte glauben können, ein Geist oder ein Untoter würde sich aus seinem Wüstengras erheben. Dem Beobachter wären vielleicht auch die unnatürlich weit geöffnet wirkenden Augen des Indianers aufgefallen, die kein Problem mit der nächtlichen Dunkelheit zu haben schienen, und die merkwürdig flachen Atemzüge. Aber es gab keinen Beobachter.
Ein paar Sekunden geschah nicht viel. Langsam, methodisch, wie in Zeitlupe, streckte der Apache seine von dem langen Warten teilweise eingeschlafenen Glieder, bis er zufrieden war mit dem Zusammenspiel seiner Muskeln und Sehnen. Dann, immer darauf bedacht, sich nicht vor dem Horizont abzuheben, machte er sich auf den Weg. Schnell, sicher, und völlig geräuschlos. Er kannte den Weg, hatte ihn in der letzten Nacht erkundet.

**

John Rollins hielt kurz inne, drehte suchend den Kopf. Hatte er etwas gehört? Aber da war nichts, nur das Ferne Heulen eines Kojoten, und – wesentlich näher und viel versprechender – einige Musikfetzen, die vom ‚Lightnings Pub’ herüberwehten.
Der Tech setzte seinen Weg fort, doch nach nur einem halben Dutzend Schritte stoppte ihn ein leises, aber in der Nacht weithin vernehmliches Geräusch. Es war von Rechts gekommen, und wesentlich lauter gewesen als vorher. Erst jetzt registrierte Rollins, wie menschenleer der staubige Fußweg vor ihm war, und kurz beschlich ihn ein ungutes Gefühl. Aber immer noch sah er nichts, was groß genug oder nahe genug gewesen wäre, um eine Bedrohung für ihn darzustellen. Vermutlich war es nur eine Maus, eine Ratte, oder ein Kojote, die zwischen den Geröllformationen unterwegs war. Rollins spuckte angewidert aus, und wandte sich wieder um, Richtung ‚Lightning Pub’. Er hatte nicht…
Die huschende Bewegung bemerkte er zu spät. Es blieb keine Zeit mehr, um nach einer Waffe zu greifen, oder zu schreien. Irgendetwas explodierte vor Rollins Gesicht, und schleuderte ihn in eine Dunkelheit, die dunkler war, als die Nacht.

**

Als er wieder zu sich kam, lag er mit unnatürlich zurück gekrümmtem Rücken am Boden. Sein Schädel brummte. Der ganze Körper schmerzte. Rollins hörte ein leises Knacken oder Prasseln, während schwaches, gelblich-rötliches Licht durch seine halbgeschlossen Lieder stach. Ein irgendwie beunruhigender, stechender Geruch nach Kräutern…und etwas anderem lag in der Luft. Mühsam, unter Schmerzen, öffnete Rollins die Augen. Er lag in einer kleinen Höhle, oder unter einem Felsvorsprung. Neben seinem Körper brannte ein kleines Feuer.
Und er war an Händen und Füßen gefesselt.
Als er sich dieser Tatsache bewusst wurde, schoss die Furcht wie eine Flamme durch seinen Leib. Vergeblich versuchte er sich aufzurichten. Ein straff gespannter Strick verband hinter seinem Rücken Fuß- und Handfesseln, und verurteilte jeden seiner Befreiungsversuche zum Scheitern.
Erst jetzt bemerkte Rollins, dass er nicht alleine war. Ihm traten fast die Augen aus dem Kopf, als sein Gehirn endlich realisierte, was er da sah. Auf der anderen Seite des Feuers kniete ein Mann am Boden. Er mochte nicht übermäßig groß sein, wirkte aber so kompakt wie eine Steinmauer. Das blauschwarze Haar, das breite Gesicht und die dunkle Haut verrieten die indianische Herkunft. Der Mann war nackt bis auf ein Lendentuch. Trotz der Kälte der Nacht schien er nicht zu frieren. Plötzlich, als hätte er Rollins entsetzten und verständnislosen Blick gespürt, öffnete der Indianer die Augen. Diese Augen…irgendetwas stimmte mit ihnen nicht.
„Glaubst du an die Hölle, Anglo?“ Es war nur ein Flüstern, leise, wie ein Lufthauch, aber Rollins spürte, wie ihn ein kalter Schauer packte, wie die Angst seine Kehle zuschnürte. Und er sah das lange Messer mit dem Sägezahnrücken, dass der Indianer fast zärtlich in der rechten Hand wiegte.
„NEIN!“ Aber niemand war da, der ihm helfen würde. Niemand hörte ihn, außer dem Indianer, der sich jetzt erhob, und zu Rollins herabbeugte. Die Flammen des kleinen Feuers spiegelten sich seinen dunklen, kalten Augen. Und so leise er auch sprach, Rollins verstand jedes einzelne Wort: „Das ist deine Hölle, Anglo…“

**

Am nächsten Tag, etwa zur Mittagszeit

„Einer der Miliz-Techs ist verschwunden.“ Marquardts Stimme klang eher beiläufig. Er hatte momentan genug, worum er sich kümmern musste, und was ihm den Schlaf rauben konnte.
Steel schnaubte abfällig: „Vielleicht schläft er seinen Rausch aus. Zuviel Feuerwasser. Oder er ist losgezogen, um Wakan-Tanka zu suchen.“
Maxine rollte mit den Augen: „Der Mann ist Amerikaner.“
„Dann hat er vielleicht `ne Puppe abgeschleppt. Irgendeines von den mormonischen Babygirls möchte vielleicht unbedingt eine Frau werden.“
Jetzt war Maxine doch überrascht. So rüde drückte sich Steel sonst eigentlich nicht aus: „Leidest du unter Hormonstau?“
„Hör mal, du kleine…“
„Das reicht jetzt ihr Beiden!“ Die Stimme des Commanders unterbrach den sich anbahnenden Streit: „Steel, was zur Hölle ist los mit dir?!“
Der Deutschamerikaner zuckte mit den Schultern: „Du meinst, abgesehen davon, dass wir hier wie auf dem Präsentierteller sitzen? Nur darauf zu warten scheinen, dass irgendjemand über uns hereinstürzt, wie ein zusammenbrechendes Gebäude? Dass sich die LEVIATHAN in Luft aufgelöst hat?
Ich weiß nicht…Irgendetwas stimmt nicht. Es…liegt in der Luft.“ Das war ebenso beunruhigend wie vage. Steel vertraute nur selten auf Ahnungen.
Maxine hatte ein paar Mal dasselbe Gefühl gehabt. Gestern Abend zum Beispiel, und es war seitdem nicht besser geworden: „Glaubst du, der Typ will sich eine goldene Nase verdienen, indem er uns verkauft?“
Steel schüttelte den Kopf: „Er weiß nicht viel, was er den Kopfgeldjägern, Jerome oder von mir aus auch Japan anbieten könnte. Ich meine, unsere Anwesenheit hier ist ja nicht gerade ein Geheimnis. Leider.“
David Marquardt traf eine Entscheidung: „Wir halten einfach weiter die Augen offen. In ein paar Tagen ist die STAR wieder voll einsatzfähig. Wenn wir bis dahin Nichts von der LEVIATHAN gesehen oder gehört haben…sehen wir weiter.“
„Deine Beerdigung. Ich muss jetzt los, ein paar hundert Quadratmeilen leeren Wüstenhimmel durchkreuzen.“ Steel drehte sich um, und stapfte grußlos davon.
Maxine sah ihm kopfschüttelnd hinterher: „…Wakan-Tanka suchen. Er kann ja richtig witzig werden.“
Marquardt zuckte mit den Schultern: „Die letzten Tage…waren wohl nicht gerade leicht für ihn.“
Maxine musterte ihren ‚Adoptivbruder’, und ihre Stimme wurde weicher: „Nicht nur für ihn.“

**

Doch ironischerweise war es letztendlich Steel, der den verschwundenen Tech entdeckte, als er gegen Abend von seinem Patrouillenflug zurückkehrte.
Da Marquardt immer noch in der Luft war, waren es Steel, Captain Gallagher, und Maxine, die zusammen mit zwei Soldaten und einem Lieutenant der Miliz in einem dadurch ziemlich überfüllten Jeep aufbrachen. Steel war dabei, weil er den Weg zumindest aus der Luft kannte. Gallagher suchte nach einer Möglichkeit, sich abzulenken – für ihre Marines gab es hier wenig zu tun. Und Max…Sie wusste selber nicht genau, warum sie hatte mitkommen wollen.
Der junge, offenbar spanischstämmige Lieutenant fuhr in einem geradezu halsbrecherisch wirkenden Tempo, vielleicht um sich vor Max und Norah zu produzieren. Aber immerhin kamen sie an, ohne dass er den Wagen zu Schrott fuhr.
Die Fahrt dauerte etwa eine halbe Stunde, da Steel mehrmals ‚Halt’ befehlen musste, um sich zu orientieren. Dennoch verstand er es, zumindest nach Norah Gallaghers stummer Analyse, geradezu verdächtig gut, sich zu orientieren und einen Punkt in der eintönigen Geröll- und Sandlandschaft zu finden, den er nur aus der Luft und nur ein paar Sekunden lang gesehen hatte.

Irgendwann war Schluss, kam der Wagen einfach nicht weiter. Die letzten paar hundert Meter mussten sie zu Fuß zurücklegen. Jetzt allerdings boten die dünnen Rauchschwaden, die in den Himmel stiegen, einen zuverlässigen Wegweiser. Wie auch die aufgeregt hin- und her flatternden Geier. Zwei Schüsse des Lieutenants, in die Luft abgefeuert, vertrieben die hässlichen Vögel. Maxine fühlte, wie sich in ihrem Magen ein unangenehmes Gefühl breitmachte. Wenn die Geier…
Die Gesichter von Gallagher und Stahl wirkten angespannt. Diese beiden mochten wissen, was für ein Anblick sie erwarten musste. Und sie waren nicht gerade froh darüber.
Dann hatten sie ihr Ziel erreicht.

Überraschend war, dass die Geier sich offenbar nicht nahe heran getraut hatten. Irgendetwas hatte sie zurückgehalten. Vielleicht das noch immer glimmende Feuer, das einen erstickenden, stechenden Geruch verbreitete.
Die Geier hatten den Körper des Mannes, der lang ausgestreckt auf dem Bauch lag, nicht angerührt. Hier hatte etwas anderes gewütet, als die Krallen, Schnäbel und Fänge der Aasfresser. Der Mann war nackt. Ein dunkles Band oder Halstuch war anscheinend um seinen Hals geschlungen worden. Jeromes Markenzeichen.
Der Rücken, die Arme und die Beine des Unglücklichen waren übersäht von zahllosen grausamen, blutverkrusteten Wunden, die sich von der weißlichen, aufgedunsenen Haut deutlich abhoben. Irgendetwas…war mit dem Kopf und den Füßen des Mannes geschehen. Aber Maxine war zu weit weg, als dass sie hätte sehen können, was da nicht stimmte. Und auf keinen Fall wollte sie näher herangehen.
Ihr graute bereits jetzt vor der Rückfahrt. Warum war sie nur mitgekommen?
Vorsichtig näherte sich Steel der Leiche. Selbst er, der sich normalerweise vor wenig fürchtete, wirkte auf einmal etwas zögerlich. Langsam beugte er sich näher zu dem Körper hinab. Im selben Augenblick schien das dunkle Tuch, das um den Hals des Toten gewickelt worden war sich zu bewegen…Wellen zu schlagen. Ein trockenes Rasseln ertönte, und Steel prallte zurück: „EINE SCHLANGE!“
Ein einzelner Schuss peitschte durch die Luft, und dann sah Maxine, wie sich der Körper einer großen Klapperschlange neben dem Leichnam im Todeskampf wand. Das Reptil war von der Kugel fast zweigeteilt worden. Gallagher senkte die schwere Armeepistole, steckte sie aber nicht weg. Sie warf Steel ein schräges Grinsen zu, das der etwas fahrig erwiderte. Maxine sah, wie einer der Soldaten, der entweder Mestize oder reinblütiger Indianer war, seinem Kameraden irgendetwas zuflüsterte. Der junge Mann atmete unnatürlich schnell, keuchend – als wäre er eine Meile gerannt. Kurz hatte sie das Gefühl, dass es da etwas gab, was sie wissen, was sie VERSTEHEN müsse, etwas das genau vor ihren Füssen lag, und dennoch so wenig greifbar war, wie der Rauch des Feuers. Das Feuer…

„Ist das dieser Rollins?“ Steels Stimme klang kratzig. Der Lieutenant zuckte mit den Schultern, flüsterte heiser etwas auf Spanisch. Maxine war zu weit weg, um es zu verstehen. Aber sie verstand Steels Antwort: „Dann werden wir ihn eben umdrehen müssen. Gibt es Freiwillige?
Na was für eine Überraschung.“
„Dann lass es eben mich machen.“ Doch auch Gallaghers Stimme klang etwas gepresst. Steel zögerte kurz, und schüttelte dann den Kopf: „Du gibst mir Feuerschutz. Könnte ja sein, dass sich da noch eines von den Viechern versteckt…“
Die Marineinfanteristin nickte knapp. Steel zögerte noch einmal. Spuckte aus: „Ich hasse dieses Land.“ Dann packte er den Toten an der Schulter, und wälzte ihn auf den Rücken.

Maxine war etwa fünf Schritte entfernt gewesen. Aber das war nicht weit genug, als dass sie nicht hätte erkennen können, was mit John Rollins geschehen war. Was sie sah, das brannte sich in ihren Verstand ein wie Säure. Sie taumelte, fand sich plötzlich auf den Knien wieder, und übergab sich hustend. Am Rande ihres Verstandes hörte sie Gallaghers Flüche, den keuchenden Atem von Steel, der offenbar auch gegen seinen Brechreiz kämpfen musste.
Und dann, mit grausamer Klarheit, begriff sie. Und jetzt fürchtete sie sich wirklich.
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Aaron ‚Easter’ Whittaker war kein Mann, der leicht zu überraschen war. Er war auch kein Mann, der zu Wutanfällen neigte. Und dennoch bebte der PCAM-Offizier jetzt förmlich vor Wut – und vor Schock. Seine Stimme war purer Stahl, den man mit Benzin übergossen und angezündet hatte: „Man hat ihn also gefoltert. Mit Schlägen, mit dem Messer, mit Feuer. Und dann…dann hat man Rollins die Zunge und die Ohren abgeschnitten, ihn kastriert, die Augen ausgestochen, und die Haut von den Füßen abgezogen. Und dann hat man ihn skalpiert. Und dabei hat er noch gelebt. ER HAT IMMER NOCH GELEBT!“
Niemand fühlte sich bemüßigt, etwas zu sagen. Mit wutverzerrtem Gesicht fuhr Whittaker fort: „Das war Jerome! Er muss es gewesen sein! Er spuckt mir ins Gesicht! Er lacht mich aus! DIESER VERDAMMTE PIRAT LACHT MICH AUS!!
Aber wie verdammt…Wie ist er hierher gekommen? Wir haben Rollins nur ein paar Meilen vom Flughafen entfernt gefunden. Wie kann das sein? Wie können sie einen meiner Männer entführen, ihn zu Tode foltern, und dann über Bord werfen, ohne dass wir auch nur den verdammten Schattenriss der LEVIATHAN sichten?!“ Whittaker wandte sich den Piloten unter den Anwesenden zu, egal ob Milizionäre oder Piraten: „VIELLEICHT KANN MIR DAS MAL JEMAND ERKLÄREN?!“
Doch es war Doktor Mertens, der das Schweigen brach. Auch wenn der junge Arzt angesichts des Tobens des PCAM-Kommandeurs sichtlich eingeschüchtert war: „Ich…ich glaube nicht, dass es so geschehen ist. Der Körper…wir haben ihn untersucht. Er…weißt keine Verwundungen auf, die auf einen Sturz aus großer Höhe hindeuten. Er wurde…hingelegt. Auch das Feuer…“
Whittaker schnitt dem jungen Mann mit einer jähen Handbewegung das Wort ab: „Also ein Kommandotrupp. Verdammt, wir sind zu nachlässig gewesen! Von heute an werden die Wachen verdoppelt! Ich will Patrouillen innerhalb und außerhalb der Basis. Ausgangsperre. Captain Gallagher, jetzt werden wir ihre Marines brauchen.
Und ich will diese Schweine haben! ICH WILL SIE HABEN! Wir stellen einen Stoßtrupp zusammen – Hunde, Fährtensucher. Wir werden sie jagen, und wir werden sie zur Strecke bringen…“
Der Milizlieutenant öffnete den Mund, um etwas zu sagen, schloss ihn aber sofort, als Whittakers Blick ihn förmlich aufspießte: „Was ist? Haben Sie etwas dagegen? Falls Sie mir sagen wollen, dass Jerome diese Hurensöhne bereits wieder aufgesammelt hat – das Risiko gehe ich ein!“
„Nein Sir…aber, es gibt keine Spuren.“
„WAS? Sie meinen, Sie haben sie nicht finden können? Da muss eben ein Fachmann ran! Und Jagdhunde…“
„Sir…Private Esteban, er ist Jäger. Und er sagt…da sind keine Spuren, Gar nichts. Nur der Tote und dieses Feuer. Und Rollins…ist nicht dort getötet worden. Dort hat man ihn eben nur…abgelegt.“
Witthaker schnaubte wütend: „Pah! Was wollen Sie mir da weismachen. Es MUSS Spuren geben….“ Er zögerte kurz, „Was wollen Sie mir eigentlich damit sagen? Auch Jerome ist nicht so gut, dass er keine Spuren hinterlässt.“
Maxine spürte, wie ihr Steel einen unauffälligen Rippenstoß gab. Das war ihr Stichwort. Ernst Stahl hatte ihr erst nicht glauben wollen, dann aber doch zugestimmt, dass sie ihren Verdacht offen legen müsse: „Sir…Ich bin mir nicht sicher, ob das Jerome war. Jedenfalls nicht er selbst.“
„Was? Was erzählen Sie da für einen Schwachsinn? Werden Sie gefälligst deutlicher!“
Maxine musste sich räuspern. Entweder sie begriffen, was sie gesehen hatte, oder sie würden sie für verrückt halten. Sie war sich nicht mal sicher, ob ihr ‚Bruder’ ihr folgen konnte. Es war keine Zeit mehr gewesen, ihm von ihrem Verdacht zu berichten: „Die…Folter, ja das sieht aus wie Jerome. Vermutlich haben sie Rollins verhört. Aber das…Andere, die Verstümmelungen. Das war nicht einfach…Das hatte ein Ziel.“
Aaron Whittaker musterte die junge Halbindianerin düster: „Erklären Sie das.“
„Das war…eine Botschaft an uns.“
„Soweit war ich auch schon. Er will uns kirre machen, Angst verbreiten. Das weiß ich doch längst!“
„Nein Sir, das war es nicht. Nicht nur. Ihr Tech sollte nicht einfach nur zu Tode gefoltert werden. Wer das auch war, er wollte Rollins…vernichten. Ihn auslöschen. Nicht nur in dieser Welt, sondern auch in der anderen.“
Aaron Whittaker wurde laut: „Ich habe NICHT DIE ZEIT FÜR DIESEN…“ Bevor David Marquardt oder Jeff Daines für Maxine in die Bresche springen konnten, schaltete sich Steel ein: „Sie sollten Max zu Ende reden lassen.“

Der PCAM-Kommandeur zögerte kurz, und Maxine nutzte die Chance, um hastig fortzufahren: „Was man Rollins angetan hat, das sind sind typische Verstümmelungen aus den Indianerkriegen. Seine Zunge, seine Ohren, die Augen…er sollte stumm, blind und taub ins Jenseits gehen. Dass man ihm die Haut von den Füßen gezogen hat…er wird seinen Weg nicht finden können. Und die anderen Verstümmelungen, die Kastration, das Skalpieren – ihm wurde alles genommen, was Macht hat.“
„Was wollen Sie mir damit sagen? Dass Jerome einen Indianer unter seinen Leuten hat? Das ist wohl kaum so ungewöhnlich…“
„Da ist noch mehr…Das Feuer, ich habe es untersucht. Ich kenne nicht alle der Kräuter, die dort verbrannt wurden. Aber ich kenne genug. Die Schlange…Klapperschlangen verhalten sich nicht so. Und da waren keine Spuren!“
„Was jetzt?! Was wollen Sie mir sagen?! Das Geronimos Geist aus der Sierra Madre herabgestiegen ist, und sich ausgerechnet dieses Kaff ausgesucht hat, um seinen Feldzug wieder aufzunehmen?! Dann ist er aber weit weg von zu Hause!“ Whittaker lachte jäh auf. Ein hartes, wütendes Lachen, dass sofort abbrach, als er sah, welcher Ausdruck auf den Gesichtern Maxines und des jungen PCAM-Lieutenants lag.
Maxine fuhr fort, und hätte am liebsten die Augen geschlossen. Aber es musste gesagt werden: „Vielleicht nicht gerade das. Ich glaube eher, dass es ein brujo war. Ein Zauberer. Oder zumindest jemand, der von einem ausgebildet wurde. Und wenn das der Fall ist…“
Whittaker winkte ab: „Das ist ja alles schön und gut, aber ich sehe nicht ein, was dieser Indio-Hokuspokus mit…“ Er verstummte. Ein beachtlicher Teil seiner Soldaten hatten indianisches Blut. Und viele andere hatten spanische oder mexikanische Vorfahren, waren in einer Kultur aufgewachsen, die in einer seltsamen, spannungsgeladenen Beziehung zu der Kultur der Indianer stand. Viele Bräuche waren im Laufe der Zeit auch bei den ‚Weißen’ üblich geworden: „Ich verstehe. Und wer…könnte noch zu dieser Schlussfolgerung kommen? Dass das nicht nur Jeromes Art und Weise ist, mit den Mittelfinger zu zeigen, sondern dass es ein Zauberer, oder ein verdammter Geist war?!“
Maxine schluckte. Die Antwort würde Whittaker nicht gefallen: „Jeder Indianer. Jeder, der auch nur einen Tropfen indianisches Blut in den Adern hat, oder der die Geschichten kennt. Und das sind viele.“
„Ach Scheiße.“ Und dazu war nichts mehr zu sagen. Doch im Nachhinein fragte sich Maxine Ciavati unbehaglich, ob sie nicht ihre Befürchtungen hätte klarer darstellen müssen. Denn zumindest ihr ging es nicht nur darum, ob jemand wegen eines alten Aberglaubens verunsichert oder demoralisiert wurde. Es ging darum, dass in Jeromes Mannschaft ein Brujo war, der seine Kräfte gegen sie einsetzen würde. Aber das hätte sie Steel niemals erzählen können. Nicht einmal Jeff oder David. Auch sie würden es nicht verstehen können, auch wenn sie sie liebten.

Etwas hatte sich verändert an diesem Tag. Sie spürte es an den Blicken, die manche der Milizionäre ihnen zuwarfen. Es waren nicht nur Indianer. Selbst einige der Mormonen schienen plötzlich…verändert. Als sie David und Steel davon erzählte, war es überraschenderweise der Deutschamerikaner, der sie als erster verstand: „Sie haben Angst. Sie denken, dass etwas Böses geweckt wurde, und jetzt ist es auf der Jagd. Und wir haben es hierher gelockt. Es ist wegen uns gekommen. Ich glaube, wir sind hier nicht mehr sehr beliebt.“
Vielleicht hatte er doch etwas von dem verstanden, was Maxine den Schlaf raubte.

**

Jeromes war nicht sehr froh über das, was ihm Ahiga Stoneface an Informationen mitteilen konnte. Ein direkter Angriff fiel also weg, die ‚Befragung’ des PCAM-Techs hatte das noch einmal klar gemacht. Leider hatte der Mann nicht zur Mannschaft der NORTH STAR gehört, und deshalb konnte er nur wenig über die Stärken und Schwächen der Kaperer sagen. Immerhin, sie wussten jetzt, wie viele Maschinen Armstrong noch hatte, welche Schäden sein Zeppelin bei der Luftschlacht erlitten hatte. Dazu kamen ein paar Beschreibungen zu seinen Offizieren, und einiges an Kantinenklatsch. Das war nicht viel.

Aber die wortknappe aber sehr präzise Beschreibung Ahigas, was er mit dem Gefangenen angestellt hatte, heiterte Jerome wieder auf. Der Indianer hatte ihn nicht enttäuscht. Diese Idee war…fast brillant zu nennen. Er hätte nicht erwartet, dass Ahiga so einfallsreich sein könnte. Irgendwann würde er den Indianer vielleicht töten müssen, bevor der zu einer Gefahr für Jeromes Einzigartigkeit wurde.
Doch bis dahin…genoss er Ahigas Leistung wie ein Hundebesitzer, dessen Tiere ein besonders schwieriges Kunststück gelernt hatten.
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Es gab einige Dinge zwischen Himmel und Erde, die mit Naturwissenschaften nicht erklärt werden konnten.
Oder besser gesagt, es gab Disziplinen, die so alt wie die Menschheit waren, für die aber noch keine Definition gefunden worden war. Eine dieser Disziplinen war der Schamanismus, der vor allem bei den Urvölkern weit verbreitet war. Weiße Menschen hielten ihn für Humbug und Scharlatanerie, im günstigsten Fall für Menschenverdummung. Sie glaubten lieber an einen Newton, einen Watts und vielleicht, wenn sie genügend von Physik verstanden, an den jungen Einstein und die Allgemeine Relativitätstheorie.
Dabei übersahen sie stets, dass das Fachwissen der Schamanen gerade auf dem Gebiet der Botanik überwältigend war. Und wenn dieser Aspekt schon so großartig war, warum dann den anderen rundweg ablehnen?
Die Anazasi-Völker des Mittleren Westens der ehemaligen U.S.A., die nach dem Zerfall ihre eigenen Nationen gegründet hatten, waren ein gutes Beispiel für lebendigen Schamanismus. Zwar gründeten auch sie Städte, Finanzzentren, bauten Firmen auf und trieben Handel, ja, stellten sogar aktive und brandgefährliche Luftmilizen in diesem halb zerstörten Land. Dennoch hatten viele das Wissen ihrer Vorfahren nicht vergessen. Im Gegenteil. Drei Jahrhunderte der Unterdrückung durch die vermeintlich überlegene weiße Rasse hatten das alte Wissen nicht zerstören können.
Einiges von diesem Wissen war verboten, wenngleich jeder Indianer zumindest einen Hauch von Ahnung hatte, was es war, wenn er es sah. So auch in diesem Fall, als die schrecklich zerstümmelte Leiche des armen Technikers aus der Wüste zurückgebracht worden war.

Dave kannte sich nicht besonders gut aus, um die Zeichen so zu deuten wie seine kleine Schwester Max, von den vielen Bedeutungen der rituellen Handlungen, die an dem noch lebenden Mann vorgenommen worden waren, hatte er keinerlei Ahnung. Aber er wusste, ja wusste aus eigener Erfahrung, dass ein tieferer Sinn dahinter steckte. Selbst die alten Ägypter nahmen eher den Tod in Kauf als den Verlust auch nur eines einzigen Zahns, der ihnen im Jenseits dann fehlen würde. Ein unglaublicher Makel, der ihnen die Ewigkeit gründlich vermiest hätte.
Aber Dave sah sehr gut zwei Dinge, als er den Toten betrachtete. Erstens, hier war ein Indianer am Werk gewesen. Das bedeutete, dass der Bastard Jerome mindestens einen indianischen Krieger in seinen Reihen hatte. Zweitens, der Mann war ein Läufer. Max sprach von einem Magier, oder auch einem Zauberer, aber Dave kannte diese Menschen nur unter diesem Namen.
Die Läufer. Menschen, die ihre menschliche Seite aufgegeben hatten und sich bereitwillig den Dämonen in dieser Welt preis gegeben hatten. Es war ihre Art, andere zu beherrschen, Macht über sie auszuüben. Und das bis über den Tod hinaus.
„Doktor.“
Der junge deutsche Arzt aus Kanada sah auf, als sein Boss ihn ansprach.
„Sir?“
„Bereuen Sie es manchmal? Mit mir gegangen zu sein? So viel Leid und Blut gesehen zu haben?“
„Oh, bereut habe ich schon vieles in meinem Leben, Boss. Auf die NORTH zu kommen gehört nicht unbedingt dazu. Natürlich habe ich schon mehr gesehen, als ich in meiner kleinen Praxis jemals erlebt hätte. Aber das bedeutet auch, dass ich nun eine Erfahrung habe, die ich niemals erreicht hätte, wenn ich in meiner Provinzstadt geblieben wäre.“ Der Mann lächelte dünn. „Ich sehe das Ganze praktisch.“
„Und es stört Sie nicht, dass Sie derjenige sein könnten, der dort liegt?“, hakte Dave nach.
Ein wenig unsicher sah der Arzt auf die Leiche. „Mit meinem Tod habe ich bereits gerechnet, seit ich auf die NORTH STAR gekommen bin. Aber ich habe ihn nicht ernsthaft einkalkuliert, wenn ich ehrlich bin. Vor allem so einen Tod, erwarte ich eigentlich nicht.“
„Hm“, machte Dave. Und wieder: „Hm.“
„Bedrückt Sie etwas, Boss?“
„Tun Sie mir einen Gefallen. Legen Sie die Leiche auf Eis. Machen Sie das den Milizärzten plausibel, ja? Es gibt da etwas, was ich gerne tun würde. Ach, und untersuchen Sie den Leichnam.“
„Untersuchen? Gibt es etwas Bestimmtes, wonach ich Ausschau halten soll?“
Dave wandte sich abrupt ab. „Untersuchen Sie die Körperöffnungen und die Schnitte in der Haut. Sollten Sie dabei etwas finden, eine Holzperle oder etwas ähnliches, verbrennen Sie es sofort.“
„Eine Holzperle? Warum eine Holzperle? Wollen Sie mir das erklären, Boss?“
„Nein. Sie würden mir sowieso nicht glauben.“
„Ich bin ein aufgeschlossener Mensch.“
Armstrong sah den Arzt ernst an. „Mit der Holzperle übt der Mann, der das getan hat, Macht über ihn aus. Wahrscheinlich bis über den Tod hinaus. Also suchen Sie nach dem Ding und vernichten Sie es.“
Skeptisch sah der Kanadier den Deutschen an, dann nickte er. „Ja, Sir.“

***

Bei der Flugbesprechung für den nächsten Tag war Whittaker erstaunlich einsilbig, schaffte es aber dennoch, keine Fragen offen zu lassen. Es war offensichtlich, dass ihm die Tatsache zu schaffen machte, dass sein Techniker vom Gelände weg entführt worden war.
„Armstrong, Sie und Dusk fliegen Patrouille an der Südgrenze und...“
„Steel und Max werden das übernehmen, Sir. Meine Maschine macht Schwierigkeiten. Die Kompression ist unstimmig. Das kann während des Fluges tödlich enden.“
„So?“ Misstrauisch sah Whittaker den Deutschen an. Dann nickte er. „Wer fliegt schon gerne mit einer fehlerhaften Maschine. Sind die Reparaturen morgen beendet?“
„Eventuell“, erwiderte Dave ernst.
„Gut, dann sind die Rollen ja verteilt. Guten Flug und gute Jagd. Armstrong, Sie bleiben noch.“
Der Besprechungsraum leerte sich, bis der Anführer der Peoples Collective Air Militia und der Chef der NORTH STAR alleine waren.

„Hören Sie, Armstrong, ich mache Ihnen keinen Vorwurf. Als ich mich mit Michael Jerome angelegt habe, da habe ich das bewusst getan. Kein anständiger Pilot auf dieser Welt sollte einer teuflischen Existenz wie diesem Hund erlauben zu leben. Und es war mein Fehler, ihn sauer zu machen und meine Leute nicht zu beschützen. Die arme Sau in der Pathologie bezahlt den Preis für meinen Fehler.
Es wäre natürlich ein Leichtes, seinen Tod der NORTH anzukreiden. Aber letztendlich war ich es, der Sie und Ihre Piraten angeheuert hat, also bin ich in jedem Fall verantwortlich. Und wie ich schon sagte, Jerome gehört ausgelöscht.“
„Danke, Sir. Es beruhigt mich, dass Sie die Geschichte so sehen. Allerdings wäre der Indianer niemals auf dieses Flugfeld gekommen, wenn die NORTH nicht hier gewesen wäre.“
„Vielleicht nicht in dieser Woche. Aber irgendwann sicherlich“, wiegelte Whittaker ab. „Jerome ist der Feind aller Menschen, und damit bin ich sein natürlicher Gegner. Was ich sagen will, Sie sind in Ihrem Kampf nicht allein, Armstrong. Da draußen kann ich Ihnen nicht helfen, aber über meinem Gebiet gehe ich Ihnen jederzeit zur Hand.“
„Danke, Sir.“
„So, und jetzt erklären Sie mir mal, was der Quatsch mit der Dekompression soll, Dave“, sagte der Milizchef fest und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Sie haben Bluthunde erwähnt, Sir. Sind die verfügbar?“
„Bluthunde? Haben Sie nicht selbst gesagt, dass der Mistkerl, der meinen Mann verstümmelt hat, längst auf und davon ist?“
„Es geht mir nicht um den Läufer, Sir. Noch nicht.“
„Läufer?“
„Nur ein Wort. Es geht mir um etwas anderes. Ich weiß nicht ob Sie es verstehen würden, deshalb würde ich die Sache gerne darauf beschränken, dass Sie mir ein paar gute Spürhunde und einige gute Hundeführer zur Verfügung stellen. Ich rechne nicht mit einem Kampf, aber mit einer schwierigen Suche.“
„Was hoffen Sie zu finden, mein Junge?“
„Den Stolz eines Mannes.“
Die beiden maßen sich mit einem langen Blick. Dann endlich nickte der Ältere. „Also gut. Sie kriegen Ihre Bluthunde. Außerdem gebe ich Ihnen meinen besten Hundeführer mit. Earl Digging Bear hat der Polizei und der Miliz mit seinen Hunden schon große Dienste erwiesen.“
„Ich danke Ihnen, Sir.“

***

„Boss?“, rief Doktor Mertens quer über den halben Platz. Beinahe wäre der Mann gelaufen, aber die bunte Mischung aus Hunden, unter ihnen ein paar nicht mehr ganz so reinrassige deutsche Schäferhunde, hielten ihn davon ab, die Tiere nervös zu machen.
Dave wechselte einen Blick mit dem Hundeführer und seinen beiden Söhnen. Sie zerrten die Hunde näher an sich heran.
„Was gibt es denn, Doc?“
„Sie hatten Recht. Ich habe eine Holzperle gefunden. Sie steckte unter einem Hautschnitt im Rücken, tief unter einen Muskel geschoben. Ursprünglich hatte ich die leichte Erhebung für eine Verspannung gehalten.“ Der Mann präsentierte die schmucklose kleine Kugel.
Übergangslos begannen die Hunde zu kläffen, einige zogen den Schwanz ein und begannen zu winseln. Die Hundeführer hatten alle Mühe, die Tiere im Griff zu behalten.
„Gute Arbeit, Arthur. Jetzt verbrennen Sie sie.“
Der Kanadier, sichtlich geschockt von der Reaktion der Tiere, nickte. „J-ja, Sir.“

Als der Arzt außer Hörweite war, kam Earl Digging Bear mit dem Leithund zu dem Deutschen. „Wonach suchen wir, Sir?“
„Nach der Macht und dem Stolz eines Mannes.“ Er zog ein blutiges Tuch aus seiner Tasche. „Das ist die Fährte. Stellen Sie sich auf ein bis zwei Tage Suche ein, vielleicht drei.“
„Gut. Sie begleiten uns?“
„Ich begleite Sie.“
„Wir wären schneller ohne Sie.“
„Ich begleite Sie.“
„Wie Sie wünschen, Sir.“

***

Einen kleinen Teilsieg hatte Dave errungen, und etwas von der Macht gebrochen, die der Läufer über den Techniker gehabt hatte. Bewusst vermied der Deutsche, sich den Namen des Mannes sagen zu lassen, teils aus Aberglaube, teils, weil er niemandem Macht über sich gewähren wollte. Mit der Perle war auch ein Teil der Präsenz des Zauberers erloschen, zumindest wenn die Schamanen Recht hatten.
Was die andere Sache anging, der Läufer war sicherlich schon längst wieder auf der LEVIATHAN. Aber hatte er sich wirklich mit den Fetischen belastet, die er dem Opfer abgenommen hatte? Dave setzte auf nein, und das war der Grund seiner Expedition.
Zuerst suchten sie mit alten Militärwagen den Fundort der Leiche auf. Hier ließen sie die Hunde am Tuch mit dem Blut des Mannes schnuppern. Die Nase eines Hundes war hundertmal feiner als die eines Menschen, und diese Tiere waren darauf trainiert, einer noch so dünnen Blutspur zu folgen. Selbst nach Wochen würden sie die Fährte wieder finden.
Es dauerte einige Zeit, aber endlich schienen die Tiere eine Spur gefunden zu haben.
Während sie den Hunden nachgingen, nahm Earl den großen Deutschen beiseite. „Sie scheinen einiges zu wissen, Sir. Darf ich fragen, woher das kommt?“
Armstrong lächelte dünn. „Ich hatte in meinem Leben das zweifelhafte Vergnügen, schon mit einigen wirklich bösen Menschen zusammen zu treffen. Und ich hatte die Freude, auf wirklich gute Menschen zu treffen, die große Macht und großes Wissen hatte. Das war in Siam so, das war in China so. Mit ihrer Hilfe konnte ich die Macht brechen, die ein indischer Yogi über mich erlangt hatte, aus Gründen, über die ich nicht reden möchte.
Hier in Amerika bin ich einem indianischen Schamanen begegnet, dem ich aus einer... leidigen Misere geholfen hatte. Aus Dank half er mir, die letzten Schatten des Yogi aus meinem Ich zu lösen. Und er hat mir zu einer Vision verholfen, in der ich mein Totem sah.“
Armstrong lächelte dünn. „Das sind Dinge, die ich einem normalen Menschen unmöglich erzählen kann, ohne dass ich für verrückt gehalten werde.“
Der Indianer grinste breit. „Entschuldigen Sie, dass ich nicht normal bin, Sir. Und, welches ist Ihr Totem?“
Für einen Moment schien Dave in weite Fernen zu sehen. „Mein Totem ist der Wolf. Ein Adler wäre mir lieber gewesen, aber man muss halt nehmen was man kriegen kann.“
Der Ältere schmunzelte. „Der Wolf ist ein starkes Tier. Ein Gemeinschaftstier. Ein Überlebenskünstler. Und er ist der Bruder des roten Mannes. Sie haben ein gutes Totem, Sir.“
Armstrong lächelte dünn und kehrte mit seinem Blick in die Gegenwart zurück. „Und Ihr Totem ist wohl der Bär.“
„Wie haben Sie das nur erraten können?“, erwiderte der Mann trocken.

***

Die Suche erstreckte sich bis weit über den Nachmittag hinaus. Immer wieder verloren die Hunde die Spur, und die Hundeführer mussten weite Kreise laufen, um sie wieder zu finden. Schließlich brach die frühe Nacht herein, und die Männer bauten ein kleines Lager auf und fütterten die Tiere.
Als die vier Männer um das Feuer herum lagen, während rund um sie die Tiere ruhten, gähnten oder leise hechelten, brutzelte über dem Feuer ein einfaches Gericht aus weißen Bohnen und Fleisch im Topf.
Armstrong goss sich noch einmal Kaffee ein. Sie hatten die Spur fünfmal verloren, geradeso als wäre der Läufer mit seiner Last mehrere hundert Meter gesprungen. Das war natürlich unmöglich, aber wenn die Hunde der Fährte folgten, entdeckte Armstrongs vom langen Kampf im unendlichen Blau geschärftes Auge keine Spuren. Keine Fußabdrücke, keine abgebrochenen Zweige, keine Schleifspuren im Sand. Dabei ging seit Tagen kaum Wind, und geregnet hatte es auch nicht.
„Rauchen Sie, Sir?“, fragte Earl Digging Bear. Richard und Kennard, seine beiden Söhne, sahen dabei aufmerksam auf.
„Ich bin Nichtraucher, auch wenn man das bei einem Piloten kaum glauben kann. Ich weiß, es gehört zum Klischee“, erwiderte Armstrong grinsend.
„Etwas Kautabak vielleicht?“
„Nein, danke, ich prieme auch nicht. Aber vielleicht kann ich Ihnen etwas von mir anbieten.“ Der Pilot angelte einen Blechflachmann aus seiner Jacke, öffnete ihn und nahm einen kurzen Schluck. „Scotch. Möchten Sie?“
„Eigentlich trinke ich ja keinen Schnaps“, sagte der große Indianer amüsiert, nahm ebenfalls einen Schluck und reichte sie Kennard weiter. Der gab sie Richard, und schon begann die zweite Runde, bis der Schnaps leer war.
„Gutes Zeug. Bestimmt zehn Jahre alt“, stellte Kennard fest.
„Zwölf. Ein Lowland. Die sind eigentlich nicht so überragend, aber dieser hat ein gutes Aroma.“
„Hm. Ich bevorzuge einen ordentlichen Highspire, oder was nettes Torfiges von der Isle of Skye“, schloss der Indianer grinsend. „Aber man kriegt das hier nur sehr selten.“
„Sie kennen sich mit Scotch aus, Kennard?“
„Was denn, was denn? Denkt der weiße Mann etwa, dass der rote Mann sich mit Feuerwasser nur sinnlos betrinken kann? Ich war in Washington D.C. auf dem College. Da kriegt man guten Scotch wesentlich einfacher.“
„Entschuldigen Sie. Ich wollte nicht suggerieren, dass ich Sie nicht für fähig halte, einen Scotch zu erkennen.“
„Ich habe eben viele verborgene Talente“, scherzte der Mann.
„Schlafen wir. Der Tag morgen wird lang und wir werden schnell sein müssen“, schloss Earl.
Die anderen nickten und krochen unter ihre Decken. In der Ferne heulte ein einsamer Wolf, was die Hunde kurz aufschreckte.

***

Der nächste Tag war so wie Earl Digging Bear versprochen hatte. Sie mussten schnell sein, und sie suchten eine lange Zeit. Doch diesmal endete die Spur endgültig im Nirgendwo. Dave schätzte, dass sie nicht mehr als achtzehn Kilometer von der Basis entfernt waren. Sie sahen die Milizmaschinen und das Dirty Pack öfters über ihre Position hinweg fliegen und grüßend mit den Flügeln wackeln. Das war in seinen Augen der maximale Radius, den der Läufer gegangen sein konnte, um seinen Ritus zu vollziehen. Aber stimmte die Richtung? Und wenn ja, sollte er befehlen, die ganze Gegend umzugraben?
Seit über einer Stunde gingen Kennard und Richard mit den Hunden in immer größeren Kreisen um ihre Position herum, doch die Hunde nahmen die Fährte nicht mehr auf. Es war, als suchten sie einen verdammten Geist. Und so unwahrscheinlich war der Gedanke auch nicht.
„Ich mache Kaffee“, sagte Earl schließlich, suchte Feuerholz und setzte die robuste Stahlkanne in deren Mitte. „Setzen Sie sich, Armstrong.“
Der Pilot nahm am Feuer Platz und überlegte sich ihre Optionen. Wenn dies der Endpunkt der Fährte war, konnte dann das, was er suchte, im nahen Umkreis sein? Würde es sich lohnen, Verstärkung zu suchen und jeden Stein umzudrehen und unter jedem Busch zu graben?
Armstrong war so in Gedanken vertieft, dass er den Becher von Earl entgegen nahm und einen tiefen Schluck der heißen Flüssigkeit tat, ohne es richtig zu realisieren.
Der Kaffee war heiß und verbrannte ihm die Zunge, aber auch das spürte er nicht wirklich.
Einer Eingebung folgend erhob er sich, sah sich suchend um. In der Ferne entdeckte er einen Wolf. Das Tier hatte ein wunderschönes grauweißes Fell und starrte ihn aus der Ferne mit klaren Augen an. Dann wandte er sich um und lief ein paar Meter, nur um stehen zu bleiben und sich wieder nach Armstrong umzusehen. Er folgte dem Tier.
Der Wolf wiederholte das Spiel und führte Armstrong tiefer ins Dickicht hinein. Vor einer natürlichen kleinen Höhle blieb er stehen und begann im Erdreich zu graben. Armstrong eilte hinzu, griff in die Erde und...
...spürte, wie zwei starke Hände ihn hochrissen.
„Nicht ins Feuer fassen, Sir“, klang Earls besorgte Stimme auf.
Dave starrte den Indianer verständnislos an, blinzelte und sah auf das Feuer, vor dem er saß. Wieder heulte in der Ferne ein Wolf, und das war der Moment, in dem Dave begriff. „Was war im Kaffee, Earl?“
„Nichts Gefährliches. Aber der Wolf begleitet uns nun schon seit zwei Tagen“, sagte der Hundeführer und legte in diese wenigen Worte eine Aussage und einen Anspruch auf Wahrheit, dass Dave innerlich erschauderte.
„Rufen Sie Kennard, Richard und die Hunde zusammen, Earl.“
„Geben wir auf?“
„Ja, wir geben auf. Aber vorher möchte ich mir noch eine bestimmte Ecke ansehen.“
Dave kam auf die Beine. Das ging erstaunlich gut. Dann setzte er sich in jene Richtung in Bewegung, in der er den Wolf gesehen hatte. Er blieb oftmals stehen, um sich zu orientieren, aber schließlich fand er die kleine Höhle wieder. Er stürzte auf die Knie und begann mit bloßen Händen zu graben, bis Earl mit einem Klappspaten kam und diese Arbeit übernahm.
Dabei kam ein Ledertuch zutage, das einen penetranten Geruch verströmte. Der alte Indianer öffnete es und nickte dann ernst. „Unsere Suche war erfolgreich. Den Skalp hat er mitgenommen, aber den Rest hat er hier vergraben.“ Er sah sich um und entdeckte schließlich eine Stelle, an der frisch gegraben worden war. „Hier hat er ein Feuer gemacht. Die Reste hat er dort vergraben. Und dort muss er über die Steine gelaufen sein, bis da hinten, knapp bevor die Hunde die Spur verloren haben. Ein sehr fähiger Krieger.“
„Er ist ein Läufer“, erwiderte Armstrong mit Abscheu in der Stimme. „Und ich werde ihn zur Strecke bringen.“
„Aber zuerst sollten wir das hier seinem Eigentümer zurückbringen.“ Andächtig wickelte der Indianer das Leder in Paraffin ein und steckte es in seine Taschen. Kurz darauf riefen sie den Wagen und kehrten mit der Meute zum Stützpunkt zurück.

***

Drei Tage später waren die Reparaturen an der NORTH STAR abgeschlossen. Die schwere Stimmung, die sich über den Flughafen gelegt hatte, war ein wenig gelichtet worden, seit dem Toten ein Großteil seiner Körperteile zurückgegeben worden waren. Obwohl Whittaker es nicht wusste, viele seiner Männer verehrten ihn für zwei Dinge: Die Suche erlaubt zu haben und den Toten nicht sofort zu begraben.
Als der große Zeppelin aus dem Hangar geflogen wurde, beobachteten Steel und Armstrong das Manöver. Neben ihnen stand Whittaker. „Nun, zusammenfassend kann man sagen, dass Sie mir mehr Freude als Ärger eingebracht haben, Armstrong, Steel.“
„Was habe ich denn bitte damit zu tun?“, erwiderte der Deutschamerikaner pikiert. „Für Heldentaten und Ärger im Allgemeinen ist mein Boss zuständig.“
„Oh, ich denke schon, dass Sie zwei zusammen überhaupt erst den Boss dieses Piratenhaufens ergeben“, erwiderte der ältere Pilot mit einem Lächeln. „Sie waren mir in den letzten beiden Wochen eine große Hilfe. Das werde ich unter gut vermerken. Solange sie zwei also die Finger von unseren Frachtzeppelinen lassen, dürfen sie mein Territorium jederzeit überfliegen, Armstrong, Steel.“
Der große Mann reichte beiden die Hand.
„Es war mir ein Vergnügen, Easter.“
„Nehmen Sie es mir nicht übel, Easter, aber ich bin froh, wenn wir von dieser Zielscheibe runter kommen, ohne das etwas ernsthaftes passiert. Es war schon schlimm genug“, brummte Steel missmutig, ergriff aber ebenfalls die Hand des Piloten.
„Im alten Rom, so hieß es, wurde bei der Parade für einen siegreichen Feldherrn ein Zwerg in seinen Kampfwagen gesetzt. Und während die Menge jubelte, flüsterte der Zwerg auf ihn ein und sagte ihm, dass weltlicher Ruhm vergänglich war“, sagte Whittaker mit einem Anflug von einem Lächeln.
„Ich bin wohl etwas groß, um dieser Zwerg zu sein!“, schnappte Steel mürrisch.
Armstrong lachte und legte eine Hand auf die Schulter des Industrial. „Nimm nicht immer alles so bitterernst, Steel. Wir sehen uns, Easter.“
„Ich hoffe, nicht allzubald“, erwiderte der Miliz-Offizier nachdenklich, während Dave seinen Staffelchef in Richtung Zeppelin drückte.

An Bord sah Dave ein wundervoll vertrautes Bild. Aus dem Motorblock seiner Maschine ragte etwas hervor, was man nur als wohlgeformten Hintern mit entsprechenden langen Beinen beschreiben konnte. Was wiederum bedeutete, dass der Rest, Oberkörper und Kopf, extrem tief im Motor der Fury steckten. Die melodische Stimme, die dazu fluchte, ließ auch keine Zweifel offen. Sam war wieder an der Arbeit.
Steel hob abwehrend die Arme. „Ich gehe jetzt zu meiner Mühle und fliege ForCap, okay? Der Rest geht mich nichts an.“
Seufzend ging Armstrong weiter. Er klopfte leicht gegen seine Maschine.
„Moment!“, erklang es zur Antwort.
Mühselig bugsierte sich der Frauenkörper wieder heraus. Als Sam ihn anlächelte, tat sie es mit dem glücklichen Lächeln eines Mädchen, das endlich das lang ersehnte Puppenhaus bekommen hatte. Natürlich war ihr hübsches Gesicht bereits ölverschmiert.
„Bist du glücklich?“, fragte Dave mit einem Schmunzeln.
„Was für eine Frage, natürlich bin ich glücklich. Endlich darf ich wieder Motoren schrauben.“ Die Technikerin setzte sich und rutschte über den Flügel von Daves Maschine bis in seine Arme. „Und du kannst nichts mehr an mir abbrechen.“
„Das beruhigt mich ungemein“, sagte der Commander der NORTH und gab seiner Technikerin einen sanften Kuss.
„Also bitte! Es gibt hier Leute, die müssen arbeiten! Hast du keine eigene Kabine, Thomas?“
Dave unterbrach den Kuss und sah zur Seite, wo sein spöttisch dreinblickender kleiner Bruder stand. „Ich muss wohl mal mit Steel reden. Wenn du noch soviel Energie hast, um mich zu ärgern, dann nimmt er dich nicht hart genug ran, Pete.“
Der junge Flieger wurde blass. „Noch härter?“
Dave lachte, gab seiner Freundin – ja, seiner Freundin – noch einen kurzen Kuss und löste sich dann von ihr. Danach griff er nach Petes Kragen und zog ihn hinter sich her. „Wenn was ist, ich bin auf der Brücke.“
Damit war die NORTH STAR auf dem Weg nach French Louisiana.

Es geschah nicht besonders selten, dass an Bord der NORTH STAR während der Nacht keine Positionslichter eingeschaltet waren; auch war es nicht selten, dass die Besatzung angehalten war, möglichst kein Streulicht zu zu lassen. Vor allem im Moment, wo sie den Atem von Jerome im Nacken spürten, war die Crew bei dieser Anordnung besonders eifrig.
Aber es war doch eher selten, dass sich ein Großteil der Mannschaft bei absoluter Finsternis in einer leeren Ecke des Hangars versammelte, um eine Lampe herum saß und gebannt lauschte, wie Armstrong eine Geschichte erzählte.
„Ich dachte, das wäre das Abenteuer meines Lebens gewesen, nachdem William und ich den Grafen auf einer Wegekreuzung gepfählt hatten. Ich dachte wirklich, dazu konnte es keine Steigerung mehr geben, nachdem ich wahrhaftig mit einem Vampir gekämpft hatte...“ Armstrong sah düster in die Runde und erspähte in der Halbdunkelheit erwartungsvolle, gespannte Gesichter. Summa Sumarum hörten ihm hier wohl dreißig Crewmitglieder zu und fieberten gespannt mit.
„Ich sollte mich geirrt haben. Es war vier Wochen später, William und ich gingen jeder unserer Wege. Er meldete sich in Bukarest in der englischen Botschaft wieder zum Rapport. Natürlich hat er mir angeboten, zu bleiben, mich als Agenten anwerben zu lassen und somit die GESTAPO aus meinem Nacken zu vertreiben. Aber dann hätte ich nicht mehr fliegen können. Darüber hinaus hätte ich meinen neuen Freund gefährdet, der mit mir gerade so dem grausigen Schicksal des Untodes entkommen war...“
Wieder eine effektvolle Pause. Doktor Mertens spannte sich an und starrte gebannt auf den Erzähler. Max lehnte sich noch ein wenig mehr an Blue. Nur Steel machte ein Gesicht, als wüsste er, dass das Flugdeck sich jede Sekunde öffnen und ihn verschlingen würde.
„Unsere Wege trennten sich. Ich reiste über das Schwarze Meer nach Armenien ein, natürlich illegal. Über Umwege gelangte ich nach Persien, und dort gelang es mir nach einigen wirklich verrückten Abenteuern, mich nach Indien einzuschiffen. Dort hatte ich eine Zeitlang ein ruhiges Leben. Dank William galt ich einige Zeit als Informant des Geheimdienstes und konnte einen Gang runter schalten, wenn auch nicht für lange. Ich... Nein, das würde zu weit führen. Begriffe wie Chakra, Yogi, Fakir würden euch nicht viel sagen, und es tut auch nicht viel zur Sache, wenngleich ich nur knapp mit dem Leben davon gekommen bin. Jedenfalls arbeitete ich als Kurierpilot für den englischen Geheimdienst, und nach einem Botenflug nach Singapur setzte ich meinen Weg durch Siam fort.
Schließlich und endlich gelangte ich nach Südchina, genauer gesagt in die mächtige Distrikthauptstadt Kanton, nur einen Katzensprung von Hong Kong entfernt, meinem Ticket in die freie Welt. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass ich nach meinem Erlebnis mit dem Grafen jemals wieder auf Vampire und andere Untote treffen würde, aber das Schicksal meinte es nicht gut mit mir. Einige von euch wissen, dass ich eine Zeitlang Frachtmaschinen für die Flying Tigers geflogen habe, die amerikanische Freiwilligeneinheit, die über der Mandschurei gegen Japan fliegt. Jedenfalls ist die Unterstützung aus der Heimat nicht sehr kontinuierlich und selten wirklich ausreichend. Deshalb behelfen sich die Flying Tigers selbst, indem sie älteres Gerät auf dem Schwarzmarkt verkaufen, Frachtflüge unternehmen und Opium für die Tommies von Hong Kong nach Kanton schieben. Der Zweck heiligt die Mittel, sagte mein damaliger Kommandeur immer. Aber ich denke, irgendwie hatte er Unrecht. Jedenfalls, es war kurz nach einem meiner Flüge nach Kanton, als ich jemandem auf die Füße trat, den ich besser niemals auch nur in Rufweite näher hätte kommen dürfen. Der alte Ma, so hieß der Knabe, war nicht nur ein wohlhabender, örtlicher Kaufmann, den sogar die Europäer hofierten, nein, der alte Knabe war Oberhaupt der örtlichen Triaden. Die Triaden sind eine Organisation von Verbrechern, welche die chinesische Unterwelt fest in der Hand halten, und dies sicherlich schon seit zweitausend Jahren. Ein entsprechendes Wissen und eine entsprechende Macht hatte sich unter dem alten Ma angesammelt. Es hieß, sogar die Japaner würden ihn fürchten. Ich weiß nicht warum, ich weiß nicht wie, aber eine der Lieferungen, die ich seiner Firma gebracht habe, muss unzureichend gewesen sein. Und wenn man schlechte Nachrichten bringt, muss man als Bote eigentlich immer dran glauben.“
Wieder sah er in die Runde und schloss beide Hände zusammen, um ihr Zittern zu unterdrücken. „Ich schwöre, so wie ich hier gerade sitze, so etwas habe ich noch nie erlebt.
Ich war ganz normal wie immer mit ein paar Dollars in der Tasche in einem Gasthaus eingekehrt, das mein englisch verstehen konnte, als diese riesigen Chinesen eintraten. Und ich meine riesig. Sie waren breitschultrig, muskelbepackt, und ihre Gesichter waren unter beschrifteten Tüchern verborgen, die von ihren Hüten herab hingen. Auf diesen Tüchern waren chinesische Schriftzeichen befestigt, und egal was dort stand, es muss etlichen anderen Gästen eine Heidenangst gemacht haben.
Ich war damals noch nicht ganz so schlau wie heute – hör auf zu grinsen, Ernst – und hatte auch gerade eine kleine Derringer gekauft und in einem Holster unter dem linken Ärmel verstaut. Ich fühlte mich einigermaßen sicher und beschloss, nicht sofort stiften zu gehen.
Ein kleiner Mann in einer dieser typischen Mandarin-Uniformen begleitete die Riesen. Er hatte diesen typischen dünnen chinesischen Schnurrbart, und seine kleinen Schweinsäuglein glitzerten mich überheblich an.
Mister Ma wünsche mich zu sprechen, sagte er in radegebrechtem englisch zu mir. Nun, meins war damals auch noch nicht besonders gut.
Ich langte zu meiner Derringer und fragte was passieren würde, wenn ich mich weigerte.
Dann würde er mich zwingen, antwortete der kleine Mann.
Also sagte ich, dass ich mich weigern würde, denn ich war mir keiner Schuld bewusst.
Schon sprangen auf ein Zeichen von ihm zwei der Riesen vor und versuchten mich zu packen. Ich sprang auf, tat einen Satz nach hinten und hatte schon die Derringer gezogen. Ehrlich, ich feuerte alles was drin war auf den linken Riesen ab, mitten in die Kehle, ich sah die Kugeln einschlagen, aber der Bursche ging einfach weiter!
Dann zog ich meinen alten Colt und feuerte ihm mitten ins Gesicht, aber selbst das stoppte ihn nicht. Und all die Zeit floss nicht ein Tropfen Blut, das schwöre ich! Eine eisenharte Rechte griff nach meiner Kehle und hob mich hoch, und das mit einer Kraft, die geradezu gespenstisch war. Der Druck auf meine Kehle wurde immer stärker, ich drohte das Bewusstsein zu verlieren und schlug wild um mich, aber alles was ich erwischte war das Tuch vor seinem Gesicht. Es fiel ab, und ich STARRTE IN LEERE AUGENHÖHLEN!“
Ein Laut des Entsetzens ging durch die Menge, ein oder zwei schrien sogar erschrocken auf.
„Junge, Junge, mit deiner Phantasie solltest du nicht Pirat sondern Autor werden“, brummte Steel und grinste dünn. „Du hast also tatsächlich mit chinesischen Zombies gekämpft. Und du hast nicht gewonnen?“
Indigniert zog Armstrong beide Augenbrauen hoch. „Gegen Untote? Ist das dein Ernst?“
„Ach, komm, immerhin haben sie gegen den einmalige, phantastischen, furiosen David Stone gekämpft. Hast du ihnen nicht die Hölle heiß gemacht, alle Zombies getötet, den alten Ma besiegt und wurdest als Held gefeiert?“
„Nein“, erwiderte Dave trocken. „Ich wurde zwischen einem ganzen Haufen dieser Zombies eingekerkert, bis meine Vorgesetzten den Verlust von Herrn Ma beglichen hatten. Danach durfte ich wieder gehen, und ich hatte dabei letztendlich mehr Glück als Verstand. Weißt du wie das ist, in einem dunklen Kellerloch zu hausen, ohne zu wissen wie spät es ist, mit einer Talglampe als einzigem Licht, während ein Dutzend riesiger, schweigsamer Kerle um dich herum stehen, sich nie bewegen und nie einen Ton sagen? Wenigstens haben sie nicht nach Verwesung gerochen. Immerhin.“
„Du warst nicht der Held?“ Steel grinste dünn. „Wie langweilig.“
„Wie man es nimmt. Von dieser Erinnerung zehre ich immer noch. Danach hatte ich übrigens nichts eiligeres vor, als zurück nach Hong Kong zu düsen, ein Schiff zu nehmen und so viel Distanz wie möglich zu Eurasien aufzubauen. Vampire in Europa, Zombies in China, die Alte Welt konnte mir wirklich langsam gestohlen bleiben. Tja, und jetzt bin ich hier, habe ne eigene Zigarre und einen eigenen Staffelchef.“
Ernst Stahl hustete verlegen. „Lass dir das mal nicht zu Kopf steigen, ja?“
Die Anwesenden lachten.
Armstrong erhob sich. „Entschuldigt mich jetzt, bitte. Es ist schon spät und ich muss mit dem ersten Sonnenstrahl zur ForCap raus. Aber wenn einer von euch noch eine spannende Geschichte weiß...“

Langsam ging er durch die schwach beleuchteten Gänge des Zeppelins. Die Größenverhältnisse waren zwar gigantisch, aber der angeflanschte Nutzbereich verschwindend klein. Dementsprechend pferchten sie sich auf kleinem Raum zusammen, der zudem zu einem Großteil vom Hangar und von den Frachträumen vereinnahmt wurde. Dave konnte von Glück sagen, dass er sowohl eine Kabine als auch ein Büro hatte.
In seiner Kabine angekommen öffnete er eine Schublade der Kommode. Dann zog er ein Pergament mit chinesischen Schriftzeichen hervor. Letztendlich war niemand wirklich das, was er auf dem ersten Blick zu sein schien, ging es Dave durch den Kopf, bevor er das Pergament wieder in die Schublade steckte und sich schlafen legte.
19.09.2020 16:15 Tyr Svenson ist offline E-Mail an Tyr Svenson senden Beiträge von Tyr Svenson suchen Nehmen Sie Tyr Svenson in Ihre Freundesliste auf
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Nach einer Woche Schleichfahrt erreichte die NORTH STAR das anvisierte Trainingsgelände nahe der schönen Stadt des leichten Lebens, New Orleans. Nachdem sie ihre Reparaturen im People´s Collective beendet hatten, sah Whittaker keinen Grund mehr, die beiden Staffeln der Freibeuter weiterhin in Anspruch zu nehmen. Vielleicht war er auch einfach nur froh, Armstrong und seine Bande wieder los zu sein. Die Episode mit dem toten Techniker lag sicherlich nicht nur ihm schwer im Magen, und nicht wenige verbanden dieses Ereignis mit Jerome, und damit automatisch mit dem Dirty Pack. Dementsprechend war es kein besonders herzzerreißender Abschied, auch wenn sich hier und da in den beiden Wochen doch ein paar Bekanntschaften herausgebildet hatten.
Aber das lag hinter ihnen.
Aus Sicherheitsgründen waren sie Tag und Nacht marschiert; nachts zudem unter absoluter Verdunklung. Bereits einmal waren sie unmotiviert in der Dunkelheit angegriffen worden. Es musste nicht einmal Michael Jerome sein, und man musste kein Genie sein, um das zu erkennen.
Des Weiteren ließ Armstrong das Schiff ein paar Umwege fliegen, um die Texas-Grenze so weit wie möglich zu meiden. Das Ergebnis war eben diese eine Woche gewesen.

Das Flugfeld lag weitab der Stadt. Mit dem Flugzeug rüber zu fliegen schien zeitsparender zu sein als einen Jeep zu benutzen. Ansonsten erwartete sie ein voll ausgerüstetes und hoch frequentiertes Flugfeld, in dem über fünf Zeppeline entweder in den Hallen oder an den Landebäumen ruhten.
Der Flughafen war auf einer ehemaligen Plantage errichtet worden, die während der Prohibition billig zu haben gewesen war. Dementsprechend war das Gelände gut entwässert und für Starts und Landungen besten geeignet. Auch ansonsten bot das Flugfeld alles, was auch jedes andere größere Feld irgendwo in den ehemaligen U.S.A. bot. Auf diesem Flugfeld nahmen Bedienstetenwohungen, Kasernen, Einkaufsmärkte und Gebäude diverser Vergnügen jedoch schon die Ausnahme einer kleinen Stadt ein.
Armstrong grinste schief, als sie am frühen Morgen an einem Landebaum festmachten. Die Sonne stieg hier immer recht fix in den Himmel und würde das, was von Scheinwerfern kaum enthüllt wurde, bald der Finsternis entreißen. Für viele seiner Leute würde sich eine Überraschung ereignen. Leider hatte Armstrong zu diesem Zeitpunkt noch absolut keine Idee, dass dieser Tag auch für ihn eine Überraschung bereit hielt.
Die Zigarre war vertäut, die Heckklappe öffnete sich und die wachsamen Marines wollten sich gerade bis auf die Stammwache wieder zurückziehen, als ein Mann die Rampe hoch geschossen kam. Sofort gingen die Marines in Anschlag, aber anscheinend hatte der Fremde nicht vor, eine Waffe zu ziehen. Die brauchte er allerdings auch nicht, wenn man den Ausdruck in seinen Augen betrachtete. „Sie sind Armstrong.“ Das war keine Frage gewesen, sondern eine Feststellung. Und der Mann ließ auch keine Zweifel daran, dass dies kein Gespräch war. „Bringen Sie mich in Ihr Büro.“
Normalerweise hätte Dave jeden anderen, der nicht Nathan Zachary oder Paladin Blake hieß und ihn so behandelte postwendend raus werfen lassen. Aber etwas im Gesicht dieses Mannes ließ ihn die grausame Wahrheit ahnen. Er beschwichtigte die Marines mit einer Geste und deutete dann tiefer in den hell erleuchteten Hangar. „Folgen Sie mir.“
„Chef. Willst du eine Wache mitnehmen?“, klang die Stimme von Captain Gallagher herüber, die diese Szene misstrauisch musterte.
„Nein. Aber sag Johnny Bescheid. Kaffee und Frühstück für zwei in zehn Minuten.“
Armstrong ging voran und brauchte sich nicht umzusehen, um zu wissen, dass der andere ihm folgte. Bevor er sein Büro betrat, pfiff er Winter heran. „Ich bin vorerst für niemanden zu sprechen. Sorgen Sie dafür, dass alles was vom Flughafen kommt bei Blue oder Steel landet, bis ich etwas anderes sage.“
Der stellvertretende Chef der Schiffsführung nickte. „Wird gemacht, Boss.“
Einladend öffnete Dave Stone die Tür zu seinem Büro und ließ den anderen vor.
Er war ungefähr fünfzig Jahre, aber das jugendliche Feuer in seinen Augen, das tiefe schwarz seiner Haare und der gepflegte Oberlippenbart gaben ihm beinahe das Aussehen eines Zwanzigjährigen. Eines sehr draufgängerischen Zwanzigjährigen.
Der Mann nahm Platz. „Wie ist er gestorben?“
Armstrong seufzte tief. Ohne Umschweife direkt auf den Punkt. Warum hatte er nichts anderes von diesem Mann erwartet?
„Ich kann meinem Brief keine Details hinzu fügen. Ich kann nur wiederholen was ich geschrieben habe. Er kam einem Kameraden zu Hilfe, vernachlässigte seine eigene Deckung und wurde abgeschossen. Es tut mir Leid um ihn. Er war ein guter, viel versprechender Pilot. Er war sehr beliebt an Bord.“
Die Hände seines Gegenübers krampften. „Er starb, als er einen Kameraden verteidigte? Wo waren Sie in diesem Moment, Armstrong? Wo war sein Flügelleader?“
„Es war sein Flügelleader, der bedroht wurde. Und ich befand mich dabei in den Kampf um meine Zigarre einzugreifen. Ich war zu weit weg, als es geschah. Ich...“
Der Mann musterte Armstrong düster. „War er zu unerfahren? Hat er Fehler begangen?“
„Wenn er einen Fehler begangen hat, dann den, sich vor seinem Tod noch einen Abschuss zu holen. Er hat Hammer damit das Leben gerettet, und ich hoffe, das war es wert.“
Langsam, beinahe andächtig öffnete der Mann seine Jacke und zog eine schwere Armeepistole hervor. Er legte sie entsichert auf den Tisch. „Als ich auf dieses Flugfeld kam, war ich drauf und dran, mit der Pistole in der Hand bis in dieses Büro zu stürmen und Sie für den Tod meines Sohnes Juanito zu erschießen, Armstrong.“
„Und ich hätte es Ihnen nicht einmal verdenken können.“
Der schwarzhaarige Mann wirkte auf einmal alt, schrecklich alt. „Sie haben meinen Sohn verloren, Armstrong. Er hat Ihnen vertraut. Er hat die Geschichten über Sie gehört und wollte sich Ihnen anschließen. Er hätte in die mexikanische Armee gehen können und hätte dort sicherlich Karriere gemacht. Aber er wollte lieber mit Armstrong fliegen. Und wie wir sehen war es sein Tod.“
Dave nickte zu diesen Worten. Was hätte er auch sonst sagen oder tun sollen? Der Mann ihm gegenüber hatte ja Recht.
„Aber ich habe mich rechtzeitig besonnen. Wenn ich Sie töte, dann erwische ich nicht den, der meinen Juanito abgeschossen hat, nur den, der ihn angeführt hat. Und das hätte ein Fehler sein können. Ich will mit seinem Flügelleader sprechen.“
„Natürlich, Don Alejandro. Ich lasse ihn sofort kommen.“
Just in diesem Moment öffnete sich die Tür und Johnny trug ein Tablett mit Frühstück herein. „Hammer soll kommen. Sofort.“
Der junge Japaner stellte das Tablett irritiert ab, eilte aber gehorsam wieder hinaus. „Rock auch.“
„Rock?“, fragte der Mexikaner interessiert. „Sie sind in einer Dreierrotte geflogen mit Hammer als Leader. Ich dachte mir, Sie möchten vielleicht beide befragen.“
„Gut mitgedacht, Armstrong. Vielleicht stimmen ein paar der Gerüchte über Sie ja doch.“
Als die beiden Piloten eintraten, erhob sich Armstrong. „Setzt euch. Jungs, ich möchte euch jemanden vorstellen. Dies hier ist Coronel Don Alejandro Pedro Garcia y Montego von der mexikanischen Luftwaffe. Sein Callsign ist El Toro.“
Die beiden Männer begriffen, begriffen mit der Sicherheit eines Mannes, der zwei Tonnen Stahl auf sich herabfallen sah. „Juans Vater?“, brachte Armstrongs Bruder mit erstickender Stimme hervor.
Armstrong antwortete nicht. Wozu auch? Für eine endlose halbe Stunde, in der er dem Coronel Kaffee einschenkte, überließ er seine beiden Jungs den Fängen des erfahrenen Piloten und Anführers.
Dann endlich erhob er sich und legte Hammer eine Hand auf den Kopf. „Ich vergebe Ihnen, Clancy Montjar.“
Bei diesen Worten füllten sich die Augen des jungen Piloten mit Tränen. Er schluchzte leise und versuchte die Tränen zurück zu halten, aber es ging nicht. Wie ein Häufchen Elend saß er auf seinem Stuhl und weinte, bis die Augen und sein Gesicht tiefrot waren. „Wir waren Freunde“, hauchte er schließlich, als er wieder Luft bekam. „Ich wollte ihn mit nach Hause nehmen, ihn meiner Schwester vorstellen und...“ Wieder wurde er von einem Weinkrampf geschüttelt.
Armstrong hatte das schon lange kommen gesehen. Dies war der erste Pilot, der unter Hammers Kommando gefallen war, aber er war noch nicht zusammengebrochen. Der Texaner hatte beachtlich lange ausgehalten. Aber es war nur eine Frage der Zeit gewesen. Notfalls hätte Happy sich den Bengel geschnappt, hätte ihn betrunken gemacht und dann hätte er sich schon ausgeheult. Das Schlimme daran war, dass die beiden wirklich Freunde geworden waren. Sonst hätte Toro auch kaum sein Leben riskiert, um Hammers zu retten.
„Sie haben gute Leute“, sinnierte der Coronel. „Vor meinem inneren Auge sehe ich die Schlacht vor mir. Sie haben einen taktischen Fehler begangen, der meinem Sohn das Leben gekostet hat. Aber angesichts dieser Übermacht sind die Verluste erstaunlich gering.“
„Das habe ich Easter zu verdanken, Sir.“
„Easter? Lebt der alte Halunke Aaron etwa immer noch und spielt den Don Quichote?“ Ein müdes Lächeln umspielte die Mundwinkel des Don. „Ich bin sicher, Sie hätten Ihre Leute auch alleine aus der Scheiße gerissen, Armstrong. Sie sind eben so ein Mensch.“
„Danke für das Kompliment, Toro. Und was tun wir jetzt?“
„Na, was sollten wir schon tun? Sie schicken Ihre beiden Jungs raus zum fliegen, und wir beide überlegen uns, wie wir Jeromes Besessenheit gegen ihn ausnutzen können. Das heißt, wenn Sie einen Veteranen an Bord gebrauchen können.“
Armstrong schluckte hart. „Ich kann Ihnen nicht versprechen, dass Sie ausgerechnet den Piloten erwischen, der Ihren Sohn abgeschossen hat. Es war eine Peacemaker, aber ich konnte die Abzeichen nicht erkennen.“
„Ich habe nicht vor, mich mit einem Abschuss zufrieden zu geben. Ich will sie alle runterholen. Ich will diesen Höllenpfuhl ausräuchern. Ich will es beenden. Für meinen Juanito, damit er in Frieden ruhen kann. Er wollte Ihnen helfen, genau das zu tun, und jetzt werde ich an seine Stelle treten.“ Um die Lippen des Mexikaners spielte ein spöttischer Zug. „Und keine Sorge, Armstrong, ich liebe das Leben zu sehr, um mich in die LEVIATHAN zu bohren. Immerhin warten noch drei Söhne, vier Töchter und mittlerweile sieben Enkel auf meine Rückkehr, von meiner süßen Carlita ganz zu schweigen. Also, Armstrong, bin ich an Bord?“
Dave grinste schief. Er erhob sich und bedeutete dem Mexikaner, ihm zu folgen.
Sie gingen in den Hangar und von dort traten sie auf das Landefeld hinaus.
Armstrong machte eine alles umfassende Bewegung. „Suchen Sie sich Ihre Einheit aus, Toro. Ich bezahle.“
Der Mexikaner runzelte irritiert die Stirn. „Heißt das etwa, dass...“
„Ein paar von ihnen, ja. Und nicht jeder wird an der Mission teilnehmen. Aber ich werde einen Teufel tun, und mich Jerome noch einmal mit nur einer Zigarre und in Unterzahl zu stellen.“ Armstrong ballte beide Hände zu Fäusten. „Bei unserer nächsten Begegnung wird einer sterben. Und ich habe nicht vor, es zu sein.“
19.09.2020 16:16 Tyr Svenson ist offline E-Mail an Tyr Svenson senden Beiträge von Tyr Svenson suchen Nehmen Sie Tyr Svenson in Ihre Freundesliste auf
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Einige Kilometer vor der Küste von Hawaii

Jenseits des Grabes gab es wenig, das so dunkel war wie der nächtliche Ozean, wenn eine Wolkendecke die Sterne und den Mond verbarg. Aber der kleine Fischkutter, der selbst bei dem leichten Seegang heftig stampfte, zog dennoch unbeirrt seine Bahn, einem unsichtbaren Ziel entgegen.
Außer der vierköpfigen Besatzung befanden sich noch vier weitere Männer an Bord, womit das Boot bereits ziemlich überfüllt schien. Und obwohl der Laderaum der KIKA leer war, waren nicht die Fangründe rings um Hawaii das Ziel.
Hiroshi Shimada lehnte an der Bordwand. Der hoch gewachsene, hagere Gewerkschaftsführer glich die Bewegungen des Bootes erstaunlich mühelos aus. In der Dunkelheit blieb sein Gesicht verborgen, doch für ein paar Augenblicke lag so etwas wie ein Lächeln auf seinen Lippen. In seiner Kindheit hatte er davon geträumt, Seemann zu werden – wie wahrscheinlich viele Jungen seines Alters. Manche Leute fürchteten sich vor dem Meer und seinen Geschöpfen, doch Shimada wusste es besser. Gefährlicher als jeder Sturm war das Spiel der Großmächte und Geheimdienste. Und der Mensch grausamer als jeder Hai. Er schloss sich da selbst nicht aus. Schlagartig verhärteten sich Shimadas Gesichtszüge, und sein Körper spannte sich. Ein kurzer Blick auf die Uhr an seinem Handgelenk, deren Ziffern schwach leuchteten. Es war Zeit.

Es waren nur ein paar Schritte bis zum Steuerhaus, in dem sich momentan zwei Männer der Besatzung und auch zwei von Shimadas Begleitern aufhielten. Diese zuckten unwillkürlich zusammen, als sie ihren Kommandeur eintreten sahen, und wechselten einen unbehaglichen Blick. Diese beiden Männer wussten, was jetzt geschehen würde. Und es gefiel ihnen nicht. Nun, es gefiel auch Shimada nicht, dennoch würde, musste es sein.
„Kapitän?“
Der Angesprochene, ein breitschultriger Halbpolynesier, grinste kurz: „Wir machen gute Fahrt, trotz der kabbeligen See. Wir werden in einer Stunde da sein.“
Shimada schüttelte knapp den Kopf, während seine Hand unauffällig in die Jackentasche glitt: „Es gibt eine kleine Änderung. Der Treffpunkt wurde verlegt. Steuern Sie fünfzehn Grad, Fahrstrecke sieben Seemeilen.“
Der Kapitän hatte möglicherweise noch nie eine Schule von innen gesehen, aber er war nicht dumm. An Bord gab es kein Funkgerät, nicht einmal einen Funk-Telegrafen. Egal was Shimada jetzt sagte, die Kursänderung musste schon beschlossene Sache gewesen sein, als die KIKA ihren Hafen verließ.
„Warum…diese Änderung?“ Die Augen des Kapitäns schweiften kurz ab, zu Shimadas Begleitern, und er registrierte ihre Anspannung.
Der Gewerkschaftsführer hingegen konzentrierte sich völlig auf den Stellvertreter des Kapitäns, einen stämmigen Asiaten. Der sichtlich blasser geworden war. Shimadas Stimme war ruhig, aber es schwang ein gefährlicher Unterton mit: „Fragen Sie doch ihren Freund Heizo, Kapitän.
Fragen Sie ihn, warum er sich unbedingt mit einem Söldnerlieutenant treffen musste, der für die reichen gajin die Drecksarbeit macht. Fragen Sie ihn, warum er dafür Geld bekommen hat. Und was uns bei dem Treffpunkt erwartet hätte.“
Heizos Hände bewegten sich – unklar, ob er protestieren, oder aber nach dem Messer in seinem Gürtel greifen wollte – aber er hatte keine Chance. Im nächsten Augenblick hatten ihn die beiden Gewerkschaftler bereits gepackt, und Shimada rammte ihm die geballte Faust in den Leib. Trotz der Hände, die ihn festhielten, ließ der Schlag Heizo nach vorne kippen. Doch da hatte Schimada den Unglücklichen bereits am Haarschopf gepackt, riss seinen Kopf nach oben, und schlug noch einmal, zweimal zu. Der letzte Hieb war so wuchtig, dass Heizos Kopf aus Shimadas Griff gerissen wurde, und der Gewerkschaftsführer nur noch ein Haarbüschel in der Hand hielt.
Shimada starrte auf den halb im Griff seiner Leute zusammen gesunkenen Mann. Dann kniete er sich hin, näherte sein Gesicht dem zerschlagenen Antlitz von Heizo. Seine Stimme blieb leise: „Was hätte uns erwartet? Ein Schnellboot der Küstenwache? Oder ein paar Söldner, die uns zusammenschießen sollten?“
Heizo hob mühsam seinen Kopf. Irgendwoher fand er die Kraft, Hiroshi Shimada anzuspucken. Der zuckte nur kurz zusammen: „Warum, verdammt? Ging es dir nur um Geld? Warum hast du uns verraten? Was haben sie dir noch geboten?“
Heizos Stimme klang undeutlich, Blut rann über seine Lippen: „Du kannst mich mal. Ich schulde dir nichts, Bluthund. Was bist du denn anderes, als eine Hure, Shimada?! Meinen Bruder hat die Polizei vor drei Jahren totgeschlagen, weil er genug davon hatte, dass die Weißen alle Preise diktieren und auf uns spucken. Meine Schwester geht auf den Strich, um zu überleben. Und du hetzt uns ins Feuer für den Scheißkönig, für die Reichen, die Texaner…Und für den verdammten Tenno! Du bist eine Marionette Tokios. Über UNSEREN Rücken willst du nach Oben steigen! Für dich sind wir doch nicht mehr, als Waffen! Schlachtvieh. Werkzeuge. Wer ist hier der Verräter?! Wer hat uns wirklich verkauft?!“
„Wer steckt dahinter? Für wen arbeitest du?“
Diesmal antwortete der Fischer nicht. Shimada schüttelte den Kopf: „Du willst nicht antworten? Du wirst noch reden, glaub mir.“ Fast klang er bedauernd. Ruckartig stand er auf, wischte sich über das Gesicht: „Schafft ihn in den Laderaum.“

Wenige Augenblicke später waren der Kapitän und Shimada alleine. Der Polynesier wirkte wie vor den Kopf gestoßen, und den Blicken nach, die er dem Gewerkschaftsführer zuwarf, rechnete er anscheinend damit, als nächster weggeschleppt zu werden. Nervös leckte sich der Kapitän über die Lippen. Seine Stimme wirkte jetzt kratzig, heiser: „Was…was haben Sie jetzt vor?“
„Was wohl. Du weißt, welche Strafe auf Verrat steht. Es gibt keine Ausnahme. Keine Entschuldigung.“
Der Kapitän glaubte aus dieser Antwort eine Drohung oder Anschuldigung herauszuhören, die sich gegen ihn selber richtete. Seine Stimme überschlug sich fast: „Davon…Ich HABE ES NICHT GEWUSST!!“
Shimada lächelte freudlos: „Wenn ich etwas anderes glauben würde, dann würde ich dich nicht am Ruder lassen.“ Dann drehte er sich abrupt um, und verließ das Steuerhaus.
Erst jetzt traute sich der Kapitän, wieder normal zu atmen, lockerten sich die schweißgetränkten Hände, die er um das Steuerruder gekrampft hatte. Die dumpfen Laute, die aus dem Laderaum drangen, versuchte er zu überhören.

**

Etwa zwanzig Minuten später öffnete sich die Luke des Laderaums. Hiroshi Shimada kletterte als erster ins Freie, atmete gierig die kalte, salzgeschwängerte Meeresluft ein. Schweigend sah er zu, wie seine drei Untergebenen einen reglosen Körper durch die Luke hievten und zur Reling schleiften. Ein knappes Nicken Shimadas, und Heizo ging über Bord.
Sie hatten nicht mehr viel aus ihm herausbekommen können. Entweder, und Shimada hielt das am wahrscheinlichsten, Heizo hatte nicht viel über die Auftraggeber des Hinterhaltes gewusst, oder er war standhafter als erwartet. Nicht einmal die detaillierten Drohungen, was man alles mit seiner Schwester machen würde, hatten ihn zum Reden bewegt. Vielleicht war er zu diesem Zeitpunkt schon zu weit hinüber, oder er sah ihren ‚Beruf’ als untilgbare Schande an. Letztendlich war es gleichgültig, und auch wenn Shimada skrupellos war, so tief war er noch nicht gesunken, dass er den Drohungen würde Taten folgen lassen.
Wenigstens hatte Heizo auch nicht viel über die Aktivitäten von Shimadas Organisation an seine anonym bleibenden Geldgeber weitergeben können, abgesehen von dem ursprünglich geplanten Ort der Übergabe. Natürlich konnte er auch verraten haben, von wem Shimada mit Geld und Waffen versorgt wurde. Aber das war wohl schon lange nicht mehr so geheim, wie es sein sollte. Wenn Heizo von einem Geheimdienst des Commonwealth bezahlt wurde, dann wussten die ohnehin schon von Shimadas Verbindungen nach Japan. Heizo hatte allerdings gedacht, Shimada würde sich am avisierten Punkt nur mit einem Trampdampfer treffen wollen. Durch den Verrat war hoffentlich kein allzu großer Schaden entstanden. Aber auf jeden Fall genug, um Heizos Tod zu fordern. Ein Dolchstich hatte sein Leben beendet.

Etwas an der Art und Weise, wie Hiroshi Shimada dastand, veranlasste seine Leute, ihn lieber alleine zu lassen. Der Gewerkschaftsführer starrte nun wieder stumm in die Dunkelheit. Dorthin, wo der Leichnam hinter dem nur mit langsamer Fahrt laufenden Boot zurückblieb. Shimada wusste nicht, ob er sich das einbildete, doch kurz er glaubte zu sehen, wie sich nahe bei dem treibenden Toten etwas unter der Oberfläche bewegte, ein torpedoförmiger Körper durch das Wasser schnitt, eine dunkle Schwanzflosse die Wellen peitschte. Hiroshi Shimada presste die Lippen zusammen. Zwar würde Heizo nicht mehr spüren, was mit seinem Körper geschah, aber das hatte Shimada jetzt nicht sehen wollen.
Heizo war ein Verräter gewesen, sein Tod deshalb unvermeidlich. Und es wäre sinnlos gewesen, ihn bis zur Rückkehr in den Hafen am Leben zu lassen oder seinen Leichnam zurückzubringen. In über Bord zu werfen war allemal die sicherste Methode. Selbst wenn jemand den Körper sichtete, oder das was die Haie davon übrig ließen, eine Identifizierung würde schwierig sein. Und bis dahin würden sie natürlich schon längst über alle Berge sein.
Vielleicht würden Gerüchte über Heizos Schicksal die Runde machen. In denen würde der Verräter vermutlich noch am Leben gewesen sein, als man ihn ins Wasser warf. Früher hatte Shimada solche Übertreibungen und Schauergeschichten geschickt als psychologische Waffe genutzt. Er hatte sie sogar genossen. Aber jetzt fragte er sich unwillkürlich, wer diese Gerüchte noch hören würde. Ob auch Shoean…
‚Idiot. Fang nicht an, dir Illusionen zu machen. Du bist ein Mörder, ein Spion, ein Agent. Es ist zu spät, um Reue zu empfinden, viel zu spät. Und selbst wenn, was wäre das schon wert?!’
Mit einem kurz in ihm aufsteigenden Gefühl des Ekels starrte er auf seine Hände, glaubte eingetrocknete Blutspritzer auf der Haut zu spüren. Er unterdrückte den Impuls, sich über die Reling zu beugen, und seine Hände in eine der gegen die Bordwand schlagenden Wellen zu tauchen. ‚Das Blut kannst du nicht einfach mit Meerwasser abwaschen. Du wirst immer wissen, dass es da ist. Akzeptiere das. Und sie weiß es auch. Deshalb hat sie Angst vor dir, du Narr!’
Wie weit war es jetzt schon mit ihm gekommen, dass er sich mit sich selber stritt? Es stimmte, Gefühle waren eine Schwäche. Besonders diese Gefühle. Und doch konnte er sie nicht einfach aus seinem Herzen herausreißen. Es wäre zu schmerzhaft gewesen.
Ruckartig wandte der den Kopf ab, blickte nun voraus. Aber seinen Gedanken konnte er nicht befehlen, sich so einfach abzuwenden.

Eine weitere Stunde war vergangen. Keiner der Anderen hatte sich in seine Nähe gewagt, und das war Shimada auch Recht so. Das letzte, was er momentan um sich haben wollte, waren andere Menschen. Jetzt aber hörte er, wie die alte Maschine der KIKA verstummte, spürte wie der Kapitän Fahrt wegnahm. Sie waren am Ziel ihrer Fahrt. Hoffentlich würde das Ergebnis dieser Nacht einen Mord wert sein.
Ein paar Sekunden später stand Shimada neben dem Kapitän, der einen gewöhnlichen Signalstrahler in der Hand hielt: „Kapitän – fangen Sie an. Dreimal Lang – Dreimal Lang – Zweimal Kurz – Einmal Lang.“
„Jawohl“. Der Kapitän setzte den Strahler in Betrieb, und drehte seinen Kopf suchend hin und her. Ohne Zweifel wartete er darauf, dass er die Maschine eines Frachters hören konnte, oder dass er die Funken sah, die aus dem Schornstein flogen. Shimada hätte fast gelächelt. Auch der Kapitän wusste nicht, auf wen Shimada wirklich wartete.
Der Polynesier ließ beinahe die Signalleuchte fallen, als aus der Dunkelheit auf einmal eine Antwort aufblinkte, dicht über der Wasseroberfläche. Langsam, fast lautlos schob sich ein monströser Schatten auf die KIKA zu.
In der Dunkelheit wirkte der Rumpf des Unterseebootes I-5 riesig. Die schwere Bordkanone und der Kommandoturm erschienen unheimlich verzerrt, verwandelten die Kampfmaschine in ein buckliges Seeungeheuer, mit einem einzelnen blinkenden Auge. Besonders surreal wirkte die fast vollständige Lautlosigkeit der Annäherung – der japanische Kapitän benutzte offenbar momentan die Elektromotoren.
Shimada registrierte ohne Überraschung, dass das Bordgeschütz besetzt, zwei Maschinengewehre auf der Brücke aufgebaut, und die Besatzung mit Pistolen und einigen Karabinern bewaffnet war. Der Kapitän von I-5 wollte offenbar kein Risiko eingehen. Sicherlich waren auch alle Torpedorohre bestückt und schussfertig. Mit leistungsfähigen Zeiss-Nachtfernrohren bestückte Wachposten suchten pausenlos den Horizont ab.

Dann trennten nur noch drei, vier Meter die beiden Fahrzeuge. Im Vergleich zu dem fast einhundert Meter langen und neun Meter breiten U-Boot wirkte die KIKA wie einer der hässlichen, gedrungenen Schiffshalterfische, der sich vorsichtig einem gigantischen Hai näherte.
Kaum hatte der Fischkutter festgemacht, da öffneten die japanische Matrosen auch schon die beiden druckfesten rechts und links vom Kommandoturm befindlichen Röhren. Normalerweise dazu bestimmt, ein Seeflugzeug aufzunehmen, dienten sie jetzt als provisorischer Stauraum. Die Übernahme der schweren Kisten vollzog sich schnell und fast lautlos. Die japanischen Matrosen und auch Shimadas Männer wussten, dies war der riskanteste Teil der ganzen Aktion. Jetzt waren sie unbeweglich und verwundbar.
Der Gewerkschaftsführer beteiligte sich nicht an den Arbeiten. Nicht, dass er körperliche Anstrengungen scheute, doch es gab Wichtigeres für ihn zu tun.
Ein japanischer Bootsmann empfing Shimada mit einem knappen, militärisch wirkenden Gruß an Deck von I-5. Durch die enge Luke im Kommandoturm gelangten die beiden Männer über eine schmale Leiter in das Innere des Unterseeboots.
Die Einrichtung des Kriegsschiffes war mehr als spartanisch. Auf den Booten anderer Seestreitkräfte mochte jeder Matrose eine eigene Koje haben, gab es mehrere Toiletten, eine gut ausgestattete Küche. Die japanischen U-Bootfahrer hingegen mussten in wenigen Hängematten oder auf dem Boden schlafen. Sie bekamen ein Essen, bei dem die Matrosen westlicher Staaten gemeutert hätten. Selbst jetzt in der Nacht herrschte in dem Boot eine schwer erträgliche, schwülwarme Atmosphäre, tropfte Kondenswasser von den Armaturen. Für jemanden, der unvorbereitet die Stahlröhre betrat, musste die übel riechende Mischung aus Abgasen, Öl- und Dieseldämpfen, menschlichen Ausscheidungen und Essensgeruch wie ein Schlag ins Gesicht und vor allem auf den Magen wirken. Auch Shimada stockte kurz, überwand sich dann aber, was der Bootsmann mit einem kaum merklichen, amüsierten Verziehen der Mundwinkel quittierte.

Fregattenkapitän Tanigaki war nach den in den Streitkräften der Aufgehenden Sonne üblicherweise geltenden Vorschriften skandalös gekleidet. Eine hochgekrempelte, ausgeblichene Uniformhose und eine fleckige, nachlässig geknöpfte Marinebluse ließen den unrasierten, ungewaschenen U-Bootfahrer wie einen Piraten wirken. Der U-Bootfahrer musterte den Gewerkschaftsführer prüfend, nickte grüßend, und kam dann sofort zur Sache: „Wegen dem geänderten Treffpunkt…Hat es Probleme gegeben?“
Shimada unterdrückte erneut den Drang, seine Hände abzuwischen: „Keine, die wir nicht bereinigen konnten.“
Tanigaki zog fragend eine Augenbraue hoch. Als sein Gegenüber keine Anstalten machte, weiter zu reden, hakte er nach: „Gab es ein Sicherheitsleck?“
„Jetzt nicht mehr.“
„Verstehe“
‚Das bezweifle ich.’ Aber Shimada verkniff sich diese Antwort.
„Wollen Sie, das wir uns das einmal…näher ansehen?“
Das kam denn doch überraschend für den Gewerkschaftschef: „Ich dachte, ihre Anwesenheit hier sollte unbemerkt bleiben?“
„Ich könnte mich dort umsehen, ohne dass wir bemerkt werden. Immerhin ist das hier ein U-Boot. Und wenn Sie wollen, dass wir in Aktion treten... Es würde keine Zeugen geben. Keinen.“
Ein paar Augenblicke fühlte sich Shimada wirklich in Versuchung geführt. Die Vorstellung, dass I-5 wie aus dem Nichts über diejenigen herfallen würde, die ihn hatten töten wollen, war verlockend. Vielleicht würde er nach einem derartigen Sieg ja sogar Heizos Ende vergessen können…
Doch nein, das Risiko war zu groß. Außerdem wollte er nicht zu tief in der Schuld der japanischen Streitkräfte stehen. Falls das Angebot überhaupt ernst gemeint war: „Ich glaube nicht, dass das ratsam ist. Wir wissen nicht wer und wie viele dort lauern. Und selbst die Überreste eines Kampfes könnten Ihre Anwesenheit verraten.“
„Wie Sie wollen. Mir wurde gesagt, dass Sie etwas für mich haben.“
Das hätte Shimada beinahe vergessen. Er griff unter seine Jacke, und holte eine dicke, sorgfältig in Ölpapier gewickelte Mappe hervor, dazu noch zwei in Metallschachteln verpackte Filmrollen. Dieses Material war vermutlich vom japanischen Geheimdienst als zu sensibel oder speziell eingestuft worden, um es über Funk oder durch die üblichen Kuriere weiterzuleiten. Worum es sich genau handelte, wusste Shimada nicht, und das ärgerte ihn etwas: „Ich hoffe, Tokio ist zufrieden. Und Ihre Ladung?“
Tanigaki grinste wölfisch: „Hauptsächlich Gewehre, dazu sechs Maschinengewehre. Und Munition. Amerikanisches Material zum Großteil, das wir in China erbeutet haben. Außerdem militärischer Sprengstoff, Zünder, Handgranaten. Und als besonderes Geschenk zwei leichte Werfer.“
Shimada war überrascht. Bisher war Japan nicht so großzügig gewesen, hatten sich die Gewerkschaften vor allem aus hawaiianischen Quellen bewaffnen müssen – Quellen, aus denen vielfach auch die Yakuza und die bewaffneten Banden der Fabrikbesitzer und Großgrundbesitzer schöpften. Geld war nicht so sehr das Problem gewesen, seitdem Shimada sich mit dem japanischen Geheimdienst und der japanischen Gemeinde arrangiert hatte. Waffen hingegen…
„Das ist mehr als großzügig. Ich wusste nicht, dass wir Tokio so viel wert sind.“
„Immerhin haben Ihre Leute mehr als deutlich bewiesen, dass sie auch zu kämpfen verstehen. Das wissen wir zu schätzen. Außerdem…gibt es einige Veränderungen, über die ich Sie informieren soll.“
‚Und die werden mir möglicherweise nicht gefallen. Die Waffen sind dann wohl eine Art Entschädigung’. „Ich habe meinen Leuten klar gemacht, dass wir momentan Ruhe halten müssen und auf etwaige Provokationen der Commonwealth-Agenten und ihrer Handlanger mit Vorsicht reagieren sollen.“
„Das ist gut, aber das reicht nicht. Ich soll Ihnen ausrichten, dass die Politik Tokios momentan auf eine Verständigung mit Hawaii, eine Intensivierung der politischen und ökonomischen Kontakte und eine verstärkte wirtschaftliche Durchdringung setzt. Sie würden wissen, was das bedeutet.“
‚Allerdings. Offenbar sollen wir der japanischen Gemeinde Schützenhilfe dabei geben, beim Wiederaufbau ihre wirtschaftliche Stellung auszubauen und dabei auch ihren politischen Einfluss zu vergrößern. Sie wollen ganz bestimmt nicht, dass meine Leute irgendwie quer schießen.’ „Ich verstehe.“
„Ich soll Ihnen weiter ausrichten, dass Tokio beabsichtigt, Kamehamea einige sehr umfangreiche Hilfsangebote zu unterbreiten. Zum einen werden das wirtschaftliche Abkommen sein. Doch das ist erst der Anfang. Die gescheiterte Invasion hat die Verletzbarkeit Hawaiis gegenüber militärischer Aggressionen deutlich gezeigt. In einer Woche wird deshalb der japanische Botschafter dem König eine Garantieerklärung der japanischen Regierung anbieten, dass Tokio jede militärische Bedrohung Hawaiis als eine Gefährdung seiner eigenen Interessen auffassen wird.“ Die Stimme Tanigakis hatte bei den letzten Worten einen leicht sardonischen Ton angenommen. Shimada lächelte freudlos. Solche ‚Garantieerklärungen’ konnte man so oder so verstehen: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass Texas davon besonders begeistert sein wird.“
„Ich soll Ihnen weiterhin sagen, dass Tokio vorerst beabsichtigt, auch gegenüber den Cowboys eher auf diplomatische Mittel zu setzen. Es ist sinnvoller, die wirtschaftlichen Interessen einvernehmlich zu fixieren. Wir brauchen Texas – aber ich denke, sie brauchen uns noch viel mehr, wenn sich weiter wie eine echte Großmacht benehmen wollen. Deshalb sollen sie auch wenn möglich Konflikte mit texanischen Unternehmen vermeiden.“
„Will Tokio mir völlig die Hände binden? Meine Leute wollen annehmbare Arbeitsbedingungen und Löhne. Und die kann ich nicht nur mit Worten erzielen. So funktioniert die Wirtschaft nicht. Wir werden auch weiter streiken.“
„Tokio will nicht, dass es zu gewaltsamen Zusammenstößen kommt. Oder dass sie wieder anfangen, Maschinen zu sabotieren.“

Es überraschte Shimada nicht sonderlich, dass der japanische Geheimdienst darüber Bescheid wusste, mit welchen Mitteln er seinen Kampf führte. Das sie aber auch Fregattenkapitän Tanigaki entsprechend informiert hatten, das war eine Überraschung. Und sagte einiges über die Position des U-Boot-Kapitäns aus. Es war wohl nicht das erste mal, dass er in diesem Gewerbe aktiv war. Shimada fragte sich allerdings auch, ob die von Tokio geplante ‚Interessenabstimmung’ mit Texas wirklich so funktionieren würde, wie geplant. Im japanischen Heimatland und mehr noch in den Streitkräften hatten viele Männer eine recht…japanische Sicht auf die wirtschaftlichen Steuermöglichkeiten des Staates und verstanden nicht viel von den chaotischen ‚Gesetzmäßigkeiten’ der kapitalistischen Raubtiergesellschaft.

Währenddessen fuhr Tanigaki ungerührt fort: „Zusätzlich zu den wirtschaftlichen und politischen Maßnahmen wird Botschafter Watanabe König Kamehamea unsere Unterstützung bei der Erhöhung der Verteidigungsbereitschaft der Inseln anbieten.“
„Und was beinhaltet dieses Angebot genau? Falls Sie mir das sagen können.“
Zu Shimadas Überraschung konnte Tanigkai das tatsächlich. Der Gewerkschaftsführer fühlte langsam ein ungutes Gefühl in sich aufsteigen. Normalerweise war Tokio nie so mitteilsam.
„Das Angebot umfasst zuerst einmal zwei alte Zerstörer der MOMI-Klasse und vier ehemalige chinesische Küsten-Torpedoboote, praktisch zum Schrottwert.“
„Tokio will Hawaii eine eigene Marine geben? Ich dachte…“
„Die Torpedoboote sind nur klein – 270 BRT, achtundzwanzig Knoten, zwei Sechsundsiebzig-Millimeter-Kanonen und zwei Torpedorohre. Die MOMI sind schon etwas ernstzunehmender, auch wenn sie nach modernen Richtlinien wohl nur als Fregatten oder leichte Hochsee-Torpedoboote eingestuft würden. 850 BRT, bis zu sechsunddreißig Knoten, drei Zwölf-Zentimeter-Geschütze, vier Torpedorohre. Aber sie können den meisten australischen Zerstörern immerhin hinhaltenden Widerstand leisten. Doch gegen unsere modernen Einheiten hätte Hawaii immer noch keine Chance. Und wir bieten Kamehamea die Option, später noch zwei weitere MOMI-Zerstörer zu ähnlichen Konditionen zu erwerben.“
„Das wäre schon eine richtige Marine. Wie groß ist die Besatzung eines dieser Zerstörer?“
Tanigaki lächelte kalt: „Sie haben Recht. Jeder der Zerstörer benötigt eine Besatzung von einhundertzehn, und die Torpedoboote je vierzig Mann. Insgesamt bräuchte Hawaii für diese acht Schiffe also sechshundert Matrosen. Die natürlich entsprechend ausgebildet werden müssen. Die japanische Regierung wird deshalb auch die Entsendung von Instrukteuren und Ausbildern anbieten.“
„Und was bieten Sie Kamehamea noch an?“
„Zwei Batterien Siebzig-Millimeter-Feldgeschütze. Ebenfalls mit Ausbildern.“
„Und Sie fürchten nicht, dass diese Geschütze und diese Schiffe einmal japanische Soldaten und Schiffe anvisieren werden?“
Tanigaki schüttelte den Kopf: „Seien Sie realistisch. Wenn es dem Göttlichen Tenno gefallen sollte, das Banner der Aufgehenden Sonne über Hawaii aufpflanzen zu lassen, dann würden unsere Streitkräfte nicht nur mit einer Brigade, ein paar Zerstörern und drei Zeppelin angreifen. Dann würden wir eine Armada entsenden. Schlachtschiffe, Flugzeugträger, Kreuzer, Zerstörerflottillen, ein halbes Dutzend Marineluftschiffe und ein oder zwei komplette Divisionen Bodentruppen. Ein paar MOMI-Zerstörer, Torpedo- und Kanonboote und ein Dutzend leichter Feldgeschütze könnten uns ebenso wenig stoppen, wie ein Sommerregen.“

„Aber mich könnten sie stoppen. Meine Männer. Seit Jahren hat der japanische Geheimdienst die ‚Schwarzen Zellen’ aufgebaut und geholfen, meine Gewerkschaftler zu bewaffnen. Ich dachte immer, dass wir irgendwann auch einmal zum Einsatz kommen würden – GEGEN den König. Und vor allem gegen die verdammten Kapitalisten. Es war schon schwer genug, meine Leute für den König gegen die ANZAC in die Schlacht zu schicken. Und gekämpft haben sie nur, weil sie damit auch ihre Heimat und ihre Familien verteidigten. Und jetzt soll ich ihnen klar machen, dass sie sich auf Dauer still verhalten sollen? Und wenn diese diplomatische Offensive scheitert, die Tokio da vorschwebt, soll ich sie dann wieder auf einen möglichen Kampf einschwören? Und sie gegen Kanonen vorschicken?“
In Tanigskis Gesicht zuckte es kurz, und Shimada hakte sofort nach: „Oder geht es hier um noch mehr als um Kanonen?“
Der japanische Kapitän klang nicht unbedingt glücklich: „Teil unserer Militärhilfe soll auch eine Kompanie TK-Tanketten sein. Das sind leichte Kleinpanzer, drei Tonnen schwer, zwölf Millimeter gepanzert, 40 km/h, ein leichtes Maschinengewehr.“
Hiroshi Shimada musste sich zusammenreißen, um nicht loszubrüllen. Tanigaki war nur der Überbringer dieser Botschaft. Es wäre sinnlos, ihn anzuschreien, und vielleicht würde er den Mann irgendwann noch einmal brauchen: „Und wie soll ich DAS meinen Leuten klar machen? Soll ich sie im Ernstfall gegen Kampfmaschinen hetzen? Ihr Glück, dass die meisten nichts über meine Beziehungen zum japanischen Geheimdienst wissen. Dann wäre das noch schwerer zu erklären. Mit zwei leichten Mörsern ist das nicht einmal annähernd ausgeglichen!“
Tanigaki nickte leicht: „Ich werde das weitergeben. Wir werden versuchen, das entstandene Ungleichgewicht entsprechend zu kompensieren. Aber deswegen soll ich Sie ja auch im Voraus informieren. Wir wollen nicht, dass Sie den Eindruck gewinnen, dass wir nun auf…ein anderes Pferd setzen.“
„Ihr Wort bedeutet mir viel.“ Shimada klang leicht sardonisch. Selbst wenn er dem Kapitän trauen könnte, Tanigaki war eben nur Bote. Aber der Gewerkschaftschef konnte nicht viel machen. Was der japanische Geheimdienst und mehr noch die japanische Führung machte, das entzog sich seiner Kontrolle. Die Macht, die er zur Verfügung hatte, machte ihn auf Hawaii zu einem wichtigen politischen Faktor. Aber die japanischen Generäle konnte er mit seinen vielleicht knapp tausend Kämpfern wenig beeindrucken. Sie benutzten ihn, wussten um seinen Wert. Aber im Zweifelsfall würden sie wahrscheinlich keine Sekunde zögern, eben doch auf ein ‚anderes Pferd’ zu setzen. Und dann wäre auch die letzte Hoffnung Shimadas, für seine Männer und für seine Ziele auch in einem von Japan dominierten Hawaii etwas zu erreichen, hinfällig.
„Das ist also das Zuckerbrot für Kamehamea. Und was ist die Peitsche?“
Tanigaki zögerte, vielleicht weil ihm diese Redensart unbekannt war, doch dann antwortete er: „In knapp drei Monaten wird die japanische Marine in der Nähe von Midway ein groß angelegtes Flottenmanöver durchführen. Die Operation läuft unter dem Namen ‚Tsushima Vierzig‘. Dabei werden die Flugzeugträger AKAGI und ZUIKAKU, die Schlachtschiffe und Schlachtkreuzer HIEI, KIRISHIMA und KONGO, sowie die Kreuzer AOBA, NACHI, HAGURO, JINTSU und NAKA zum Einsatz kommen, dazu zwei Zerstörer-Flotillen, vier Flotten-U-Boote und vier Marine-Luftschiffe.
Es ist geplant, dass die KIRISHIMA, die AOBA und die HAGURO bei dieser Gelegenheit für ein paar Tage in Pearl City vor Anker gehen.“
„Da Kamehamea wenigstens kein Idiot ist, wird er sich ausrechnen können, was Tokio ihm damit klar machen will.“
Tanigaki grinste fast raubtierhaft: „Ja, nicht wahr? Ich halte nicht viel von den Großkampfschiffen, aber mit ihrer Selbstauflösung haben die USA uns gerade im Ostpazifik einen großen Gefallen getan.“
Shimada schnaubte: „Ich bin sicher, zu dieser Erkenntnis sind inzwischen auch verschiedene amerikanische Politiker gekommen. Und dieses Manöver…ist das nur ein Muskelspiel, oder bereitet Yamamoto den Griff nach Wake, Midway und den anderen Inseln zwischen Hawaii und den Philippinen vor?“
Tanigaki musterte den Gewerkschaftsführer wachsam: „Das weiß ich nicht, und ich rate Ihnen, nicht zu laut über die Zukunft zu spekulieren.“ Er zögerte kurz, und Shimada hatte den Eindruck, dass der Fregattenkapitän nach den richtigen Worten suchte: „Wir haben noch einen Auftrag für Sie. Sie haben im Hafen eine größere Handlungsfreiheit als unser eigener Geheimdienst. Also ist es nur logisch, dass Sie das übernehmen. Wir wollen, dass Sie zwei Kisten übernehmen – sie werden wohl gerade verladen - und sie in die Ladung von zwei bestimmten Schiffen schmuggeln, bevor diese ablegen.“
„Sind das Bomben? Müssen meine Leute vorsichtig sein?“
„Es besteht keine Explosionsgefahr, aber sie müssen trotzdem vorsichtig sein. Der Inhalt ist zerbrechlich.“
„Und wie heißen die Schiffe?“
„MC KINLEY und VIRGINIA. Zielort…ist Manila.“
Shimadas Lippen verzogen sich zu einem bösartigen Lächeln: „Tatsächlich? Das passt ja. Das Marinemanöver…und dann soll ich auch noch zwei Frachtschiffe verminen oder manipulieren, deren Ziel die Philippinen sind. Aber wahrscheinlich ist das nur ein Zufall, nicht wahr?“
Fregattenkapitän Tanigaki gab keine Antwort. Aber er begann zu begreifen, warum der japanische Geheimdienst Shimada bezahlte und mit Waffen versorgte, obwohl er Kommunist war.

Soviel Tanigaki wusste, befanden sich in den Kisten leistungsfähige Sender, die spezielle Peilsignale abstrahlen würden, außerhalb der üblichen Funkfrequenzen. Sie in der endlosen Wasserwüste des Pazifiks aufzuspüren, sollte so relativ einfach möglich sein. Irgendwo zwischen Hawaii und den Philippinen würden die beiden Schiffe dann…verschwinden. Die Operation hatte zwei Ziele. Zum einen wollte man dieses Peilsystem im praktischen Einsatz erproben. Und zum anderen war wohl beabsichtigt, durch diverse ‚Piratenüberfälle’ den Druck auf die ohnehin durch Banditen und Aufständische bedrängte spanische Kolonialverwaltung erhöhen. Dass Shimada das allerdings erkannt hatte...: „Bereitet Ihnen das irgendwelche Schwierigkeiten?“
„Und was ist, wenn das der Fall wäre?! Natürlich werde ich ihre Höllenmaschinen übernehmen. Aber ich möchte informiert werden, wenn die Admiralität einen Krieg anfängt. Die Philippinen anzugreifen, ist etwas anderes, als ein paar ehemals amerikanische Korallenatolle zu besetzen.“
„Auch das werde ich weiterleiten.“ Und das war natürlich alles, was Shimada von Tanigaki erwarten konnte. Es war sowieso ungewöhnlich, dass man ihm so viele Informationen zukommen ließ. Vermutlich war Tokio nur deshalb so großzügig, weil man ihm beweisen wollte, dass man ihn weiter brauchte. Und ihn für die Aufrüstung der hawaiianischen Streitkräfte ‚entschädigen’ wollte. Kein sehr ausgewogener Tausch.

Sich hastig nähernde Schritte und ein kräftiges Klopfen gegen die Bordwand unterbrachen das Gespräch. Es war der Bootsmann, der Shimada auch an Bord von I-5 gebracht hatte: „Die Übernahme ist abgeschlossen. Das Boot ist tauchklar, Kapitän.“
Tanigaki nickte knapp, und wandte sich dann wieder dem Gewerkschaftsführer zu: „Shimada…“
„Ich verstehe. Ich werde sehen, wie ich Tokios Wünschen entsprechen kann. Aber Sie machen mir es nicht einfach. Wenn Polizei und Militär aufgerüstet werden…könnten meine Gegner, und auch der König zu dem Schluss kommen, sie seien jetzt stark genug, um meine Organisation ausschalten zu können.
Ich hoffe, Tokio erwartet nicht, dass ich das dann auch widerstandslos hinnehme.“
„Niemand will Ihnen das Recht zur Verteidigung absprechen. Aber seien Sie vorsichtig, und handeln Sie besonnen.“
Shimada zuckte spöttisch mit den Schultern: „Tue ich das nicht immer?“ Aber jetzt war nicht die Zeit für weitere Wortgeplänkel. Der Gewerkschaftler verneigte sich knapp: „Ich habe ihre Botschaft verstanden. Ihnen wünsche ich eine sichere Heimkehr.“
Tanigaki erwiderte den Gruß: „Leben Sie wohl. Sie werden Erfolg haben.“
‚Ja, das mag so sein. Aber für wen wird dieser Erfolg wirklich bestimmt sein? Für mich, für… Oder ausschließlich für Tokio?’

Nur zwei Minuten später verschwand das japanische U-Boot wieder fast geräuschlos in der Dunkelheit, aus der es aufgetaucht war. Auch an Bord der KIKA herrschte Schweigen. Obwohl die Männer an Bord gewusst, oder zumindest geahnt hatten, wer Shimadas Verbündete waren, diese Begegnung war eine neue Erfahrung für sie gewesen. Ein Kriegsschiff war eben etwas anderes, als ein Tramp-Kapitän, der sich durch die Lieferung einiger ominöser Kisten ein Zubrot verdiente, oder ein japanischer Handelsoffizier, der so seiner Pflicht gegenüber dem Vaterland nachkommen wollte.
Gut möglich, dass einige seiner Leute mit diesem Bündnis nicht glücklich waren. Aber so kurz nach Heizos Tod wagte natürlich keiner, Kritik zu äußeren. Shimada fragte sich dennoch unbehaglich, ob noch jemand in dem kleinen Kreis der Eingeweihten angefangen hatte zu zweifeln, oder gar erwog zum Verräter zu werden. Er hasste es, den eigenen Leuten misstrauen, oder sie gar töten zu müssen. Aber er hatte es getan, und er würde es auch wieder tun.
Das Bündnis mit Tokio sicherte seiner Organisation Waffen, Geld, Informationen, und über die japanische Gemeinschaft auch politische Einflussmöglichkeiten. Bot ihm die Chance, sich in den Augen derer zu bewähren, die ihn einstmals verachtet, verfolgt und aus seiner Heimat vertrieben hatten. Für all dies wäre er auch bereit gewesen, mit dem Teufel der gajin zu paktieren.

Mit Tokios Segen hatte er dem König geholfen seinen Thron zu behalten, obwohl er bis dahin seine Aufgabe immer darin gesehen hatte, letztendlich Kamehameas Sturz vorzubereiten. Sollten jetzt Shimadas Gewerkschaften, die japanische Gemeinde, der Geheimdienst und sogar die Schwarzen Zellen zu Garanten von Kamehameas Herrschaft werden, solange der bereit war, Tokios Interessen zu entsprechen? Oder würde in ein paar Monaten die politische Lage wieder kippen? Würden dann er, seine Männer und japanische Invasionstruppen gegen die Waffen kämpfen, die jetzt von Japan geliefert werden sollten?
Zu allem Überfluss verlangte Tokio auch noch seine Unterstützung, um die japanische Expansion auf den Philippinen vorzubereiten, kaum dass ein pazifischer Krieg mit knapper Not verhindert worden war.
Und was ihn persönlich anging… Von einem Paria war er zum Verteidiger Hawaiis und zeitweiligen Polizeioffizier geworden, nur um gleich darauf wieder als Mörder gejagt zu werden.
Und er hatte es gleich zweimal geschafft, sich in die falsche Frau zu vergucken. Kiki hatte sich abgesetzt, sobald sich ihr eine Chance zu einem Neuanfang bot, bei dem sie nicht jemanden zu Dank verpflichtet sein musste. Das passte zu ihr, und ihrem Willen, keiner Menschenseele gegenüber verantwortlich zu sein.
Und Shoean…war in mehr als einer Hinsicht noch unpassender, als Makiko. Nicht zuletzt deswegen, weil immer noch Fumios Tod zwischen ihnen stand und stehen würde. Was sie für ihn empfand…
Wusste Sie es selber?
Er wusste nicht, ob er lachen oder verzweifeln sollte. Und er sehnte sich nach ihr.
Doch wenn er sie ansah, dann glaubte er manchmal, in einen Spiegel zu blicken. Er sah sich, sah was aus ihm geworden war. Und es gefiel ihm nicht. Aber eine Umkehr, ein Abweichen von diesem Pfad, stand außer Frage.
Der Ehre eines Samurai würde er niemals in dem notwendigen Maße entsprechen können. Also blieb ihm nur die Pflicht. Und die würde er erfüllen. Bis zum Tod.
19.09.2020 16:17 Tyr Svenson ist offline E-Mail an Tyr Svenson senden Beiträge von Tyr Svenson suchen Nehmen Sie Tyr Svenson in Ihre Freundesliste auf
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Ernst von Stahlheim musterte das geschäftige Treiben auf dem Flughafen, der die Ausmaße und die Bevölkerung einer kleinen Stadt hatte: ‚Also das versteht Marquardt unter ‚abtauchen’.’
Vielleicht war er zu kritisch oder übervorsichtig, doch er hatte eigentlich auf ein etwas…unauffälligeres Ambiente gehofft. Gewiss, auf dem Weg nach Französisch-Louisiana hatte der Commander der NORTH STAR geradezu bewundernswerte Vorsicht bewiesen. Aber wenn Ernst sich dieses Treiben hier ansah, und mit einberechnete, dass es nur ein paar (von vielen in Anspruch genommene) Flugminuten bis New Orleans waren, dann kamen ihm doch Zweifel an der Klugheit dieses Arrangement.
‚Die einzige Methode, mit der wir unsere Anwesenheit schneller hätten bekannt machen können, wäre ein direkter Angriff auf New Orleans gewesen. Oder Inserate in allen Tageszeitungen.’ Binnen weniger Tage oder vielleicht auch nur Stunden musste jeder Kopfjäger, jeder Pirat und jeder Geheimdienstmann im Umkreis von mindestens einhundert Meilen von ihrer Anwesenheit erfahren haben. ‚Es sei denn, er lebt unter einem verdammten Stein.’ Marquardt war offenbar WIRKLICH nicht dazu in der Lage, etwas konspirativ anzugehen. Ernst von Stahlheim sollte es aufgeben, ihm da etwas beibringen zu wollen. Deshalb hatte er auch weitestgehend seinen Mund gehalten.
Von Stahlheims schweigende Missbilligung speiste sich allerdings nicht nur aus seinen Geheimdienstinstinkten. Die Monate des Doppelspiels zeigten ihre Spuren. Seine Nerven waren bis zum Zerreißen gespannt, und der Druck wuchs noch. Der erwartete Befehl zum Abbruch seiner Mission war ausgeblieben. In dem letzten Funkspruch, das von einer fast schon brüskierenden Knappheit gewesen war, hatte Berlin vielmehr befohlen: ‚Stellung halten - Keine Kontakte mit lokalen Agenten, auch nicht zur Informationsgewinnung - Funkkontakte nur noch auf Aufforderung und zur Berichterstattung.’ Das war alles gewesen, seine Fragen waren unbeantwortet worden. Was hatte von Tauten vor? Was war so wichtig an seiner Position, dass er nicht abgezogen werden konnte? Ewig konnte er hier nicht bleiben, Irgendwann würde entweder seine nur für einen begrenzten Zeitraum angelegte Tarnung löchrig werden, oder Marquardt von seiner Vergangenheit und seinen Sünden eingeholt werden. Und dann wäre es besser, wenn Ernst von Stahlheim nicht mehr an Bord der NORTH STAR war.
Und kein Funkspruch von Elisabeth, seitdem sie das Zeppelin verlassen hatte. Und das war jetzt schon einen Monat her.

Es war kein Geräusch, das Ernst von Stahlheim alarmierte. Vielmehr war es ein Gefühl, ein durch die Jahre im Geheimdienst geschärfter Sinn.
Noch bevor der Mann in dem unauffälligen Leinenanzug, der scheinbar gelangweilt an der Wand gelehnt hatte, sich bewegen konnte, berührte die Hand des deutschen Agenten de Kolben seiner italienischen Automatik-Pistole. Doch dann drehte er langsam den Kopf, presste kurz die Lippen zusammen, und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Sehr vernünftig.“ Der Mann in dem Leinenanzug mochte vielleicht Mitte Dreißig sein. Das Auffälligste an seinem völlig nichts sagenden Gesicht war der sorgfältig gestutzte Schnurrbart. ‚Aber der kommt und geht vermutlich auch, wie gerade angebracht.’ Auch die Stimme des Mannes war recht unauffällig, abgesehen von einem leichten französischen Akzent.
Alles andere als unauffällig waren die beiden Männer, die sich Stahlheim von hinten genähert hatten. Ihre hellen Uniformen, die korrekt sitzenden Käppis, die locker in der Armbeuge getragenen Maschinenpistolen, die schnellen und doch gleichzeitig selbstsicheren, fast arroganten Bewegungen…
Legionäre. Keine Rekruten, sondern Veteranen.
Der größere der beiden überragte sogar von Stahlheim um ein paar Zentimeter, und war deutlich breiter gebaut. Das kantige, slawische Gesicht wurde dominiert von zwei wachsamen, kalten, blauen Augen. Sein Kamerad war deutlich schlanker, und hatte den dunklen Teint, die schwarzen Augen und Haare eines Südeuropäers. Das scharf geschnittene Gesicht mit den schmalen Lippen schien nicht geschaffen für ein Lächeln. Da die beiden aus einer kleinen Seitenstraße gekommen waren, musste diese ganze Sache eine abgekartete Aktion gewesen sein. Ernst von Stahlheim hätte ja seinem Gegenüber gerne für diese sauber aufgezogene Aktion gratuliert, wenn er nicht selber das Ziel gewesen wäre.
Der deutsche Agent kalkulierte seine Chancen, und verwarf die Option einer gewaltsamen Konfrontation. Mit einem der beiden wäre er vielleicht fertig geworden. Aber nicht mit beiden. Erst recht nicht mit einem Laufgips. Also würde er erst einmal aufs Reden setzen: „Wer Ihre zwei Freunde sind, kann ich mir denken. Und da Sie mir so zielsicher aufgelauert haben, wissen Sie auch, wer ich bin. Damit sind sie im Vorteil. Also wer sind Sie, und was wollen Sie von mir.“
“Lieutenant Michael Jeanpierre, Officier de Renseignements, 2e Etranger.»
“Warum dann im Zivil ?“
„Vielleicht bin ich momentan nicht im Dienst. Kommen Sie mit.“
„Bin ich verhaftet?“
„Nur, wenn Sie nicht freiwillig mitkommen wollen. Und keine Angst, ihre Waffe dürfen Sie behalten.“ Was blieb ihm da anderes übrig, als zu folgen? Vielleicht hielt er Marquardts Fähigkeiten im konspirativen für unterentwickelt. Aber es wäre wohl kaum besser gewesen, auf offener Straße mit drei Legionären Streit anzufangen. Vor allem, da er dabei den kürzeren ziehen würde. Falls jemand von den Zivilisten, Mannschaftsmitgliedern und Leuten vom Bodenpersonal seine ‚Einladung’ bemerkte, so schien doch keiner bereit zu sein, sich einzumischen. Von der Mannschaft der NORTH STAR war momentan keiner in der Nähe. Das war vielleicht auch gut so, denn manch einer wäre vielleicht so dumm gewesen, den Helden spielen zu wollen. Und das hätte dann bedeutet, dass es bald einen toten Helden mehr gegeben hätte.
Ungefähr einhundert Meter weiter wartete ein Jeep. Er durfte sich neben Jeanpierre nach Vorne setzen, während die beiden Soldaten hinten einstiegen.
„Woher kommt Ihre Wunde? Eine Kampfverletzung?“
„Nur eine Mahnung, nicht den Helden zu spielen.“

Der Lieutenant fuhr schnell aber sicher. Offenbar war er nicht zum Reden aufgelegt, und seine beiden Untergebenen taten es ihm nach. Also schwieg auch von Stahlheim. Er hatte genug, worüber er nachdenken konnte.
Warum hatte man ihn abgefangen? Weil er Marquardts Stellvertreter war? Oder aber…
Und was hatten die Franzosen mit ihm vor? Sie hatten zwar nicht so einen Furcht erregenden Ruf wie der NKVD, aber sie galten als wesentlich kompetenter als die meist stümperhaften Abwehrdienste der amerikanischen Diadochenstaaten. Und im Gegensatz zu den Briten hielten sie sich nicht mit Gentlemanmanieren und Fair Play auf. Wenn sie etwas von ihm wollten, dann würden sie es nötigenfalls aus ihm herausfoltern.
Aber in dem Fall hätten sie ihm wahrscheinlich die Waffen abgenommen.
Wollte sie ihn vielleicht anwerben? Nein, in diesem Fall hätten sie einen unauffälligeren Weg gefunden, ihn abzupassen und einzuschüchtern, als dieser Überfall auf offener Straße.

Etwa zwanzig Minuten später erreichten sie ihr Ziel. Einen Militärposten.
Das hier war nicht nur eine Kaserne für irgendwelche Paramilitärs oder Wochenendmilizen. Die weiträumige Anlage wurde durch Stacheldraht, ‚Tschechenigel’ und Sandsackstellen gesichert, an jeder Ecke des Geländes standen ein Wachturm und darunter ein geduckter MG-Bunker. Es gab sogar eine Landebahn und Flugabwehrstellungen. Während sich ein unbehagliches Gefühl in von Stahlheims Magen breit machte, huschten seine Augen über die abgeprotzten leichten Feldgeschütze, die Granatwerfer, und die gepanzerten Fahrzeuge.
Legionäre wurden auf dem Exerzierplatz und der Sturmbahn gedrillt. Nach von Stahlheims Schätzung war hier wahrscheinlich mindestens ein halbes Regiment stationiert.
„Wenn Sie uns nahe legen wollen, keinen Ärger mit Frankreich anzufangen, dann haben Sie mich überzeugt. Ich habe genug gesehen.“
Lieutenant Jeanpierre lächelte knapp und humorlos: „Nein, das haben Sie nicht. Der Colonel will Sie sehen.“
„Hören Sie, vielleicht verwechseln Sie mich. Ich bin nicht…“
„Wir haben Sie nicht verwechselt.“
Ernst von Stahlheim fluchte lautlos ‚Immer wenn die Gefahr besteht, dass ich auch anfange zu glauben, ich hätte alles im Griff…dann kommt so etwas!’
Der Jeep hielt außerhalb der Anlage, in einer kleinen Senke. Ernst von Stahlheim registrierte den sandigen Boden, die Reihe niedriger Pfähle, und die wartende Reihe Soldaten. Zwölf Mann standen Gewehr bei Fuß, neben ihnen ein junger Sous-Lieutenant, der gerade den Sitz seiner weißen Handschuhe überprüfte. Sein bartloses Gesicht unter dem akkurat sitzenden Käppi wirkte wie erstarrt. Ein halbes Dutzend weiter Soldaten, darunter ein Caporal, standen etwas abseits. Die Szenerie wirkte für Ernst von Stahlheim verhängnisvoll vertraut. Er konnte ein Zusammenzucken unterdrücken, aber kurz flackerte in den Augen des Deutschen etwas, was seinem ‚Kollegen’ vom französischen Abwehrdienst nicht entgangen war: „Auch Ihnen entgeht nicht viel, nicht war? Das ist gut, der Colonel hasst Dummköpfe.“
„Und wo ist ihr Colonel?“
„Haben Sie es eilig?“ Jeanpierre blickte viel sagend zu den wartenden Soldanten und grinste boshaft: „Wenn Sie bitte aussteigen würden?“

Ein paar Minuten geschah nichts. Ernst von Stahlheim wartete, die Hände locker vor der Brust gekreuzt, während Jeanpierre eine Zigarette rauchte.
Dann näherten sich zwei weitere Fahrzeuge - ein Jeep, und ein geschlossener Kastenwagen.
Der Colonel war eingetroffen. Der klein gewachsene, schlanke Offizier bewegte sich sehr gewandt. Aber zwei Finger an seiner linken Hand fehlten, und auf der linken Gesichtshälfte zog sich eine lange Narbe vom Haaransatz bis zum etwas schief wirkenden Kinn. Eine schwarze Klappe verbarg das linke Auge. Ernst von Stahlheim war sich sicher, mit diesem Mann war nicht zu spaßen: „Ich bin Colonel Faucon. Sie sind der Stellvertreter von Stone?“ Die Stimme des Colonels klang rau, etwas dumpf, vermutlich eine Folge seiner Verletzung. Dennoch verstand ihn Ernst von Stahlheim. Er verstand ihn verdammt gut: „Ich befehlige die zweite Staffel. Aber das Zeppelin untersteht Jeff Daines. Wenn der Kapitän ausfällt, würde wahrscheinlich er…“
„Machen Sie sich nicht kleiner, als Sie sind. Sie haben sich einen Ruf gemacht. Genauso wie ihr Commander. Jeff Daines…hat nicht diesen Ruf.“
„Danke.“
„Ich sage das nicht, um Ihrer verdammten Eitelkeit zu schmeicheln, Söldner!“ Der Colonel zögerte kurz, dann fuhr er fort: „Sind Sie Deutscher?“
„Meine Eltern waren Baltendeutsche.“
„Ich mag keine Boches.“
‚Und ich glaube, ich weiß warum.’ Faucons Verwundung stammte vermutlich von einem geschliffenen Klappspaten. Der Hieb hatte zwei Finger amputiert, war dann wahrscheinlich am Rand des Stahlhelms abgeglitten und hatte immer noch genug Wucht gehabt, um die linke Gesichtshälfte zu verwüsten. Ernst von Stahlheim glaubte ungefähr zu wissen, wer, wo und wann Faucon diese Wunde zugefügt haben mochte. Irgendein inzwischen wahrscheinlich toter Landser, zwischen 1914 und 1918, irgendwo zwischen der flandrischen Küste und der Schweizer Grenze.
Der Colonel drehte sich um, gab dem wartenden Caporal einen herrischen Wink, sprach dann aber weiter: „Egal. Wie ich sagte, Ihr Commander hat einen gewissen Ruf. Ich weiß nicht genau, was er hier will. Und ich bin nicht so dumm anzunehmen, dass Sie oder auch Stone mir die Wahrheit über ihre Pläne sagen werden.“

Inzwischen hatten der Caporal und die fünf Soldaten bei ihm den Kastenwagen erreicht. Sie rissen die Türen auf. Zwei der Soldaten kletterten hinein. Ein paar Augenblicke später wurde ein Mann ins Freie gestoßen, dann noch einer, und zuletzt ein dritter. Je zwei Soldaten packten einen der Delinquenten, und zogen ihn in Richtung der Pfähle. Den drei Männern waren die Hände auf den Rücken gefesselt worden, und da sie auch Fußfesseln trugen, konnten sie höchstens kleine Schritte machen. Ihre Augen waren verbunden. Zwei von ihnen stolperten scheinbar willenlos vorwärts, vielleicht apathisch vor Angst, oder Schicksalsergeben. Der dritte allerdings…
Dieser Mann wehrte sich verzweifelt gegen die Hände der Soldaten, grub seine Hacken in den Sand, warf den Körper hin und her. Seine Stimme überschlug sich: „ICH WILL NICHT! NEIN! IHR VERDAMMTEN SCHWEINE! LASST MICH LOS! ICH WILL NICHT!!“ Schließlich schlug ihm einer der Soldaten brutal ins Gesicht, gefolgt von einem Ellbogenstoß in den Magen. Colonel Faucon schnalzte missbilligend mit der Zunge, blieb aber stumm. Die drei Männer wurden an die Pfähle gebunden.
„Was ist mit diesen Männern?“ Ernst von Stahlheims Stimme war rau. Wie immer, wenn er angespannt war, wurde sein deutscher Akzent deutlicher.
Colonel Faucon lächelte humorlos: „Sie sind zum Erschießen hier.“
„Was haben Sie verbrochen?“ Aber Ernst von Stahlheim kannte die Antwort schon.
„Es sind Piraten.“
„Warum…warum ist das Sache des Militärs?“
Der Colonel antwortete nicht, dafür sprang Lieutenant Jeanpierre ein: „Bei der letzten öffentlichen Hinrichtung gab es eine Panik. Eine Frau wurde zu Tode gequetscht. Seitdem finden die Exekutionen unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Und Delinquenten, die Angehörige der Streitkräfte angegriffen haben, werden an die Militärgerichtsbarkeit überantwortet.“
Jetzt schaltete sich Colonel Faucon wieder in das Gespräch ein: „Ihre Bande hat sich ziemlich viele Feinde gemacht. Besonders ihr Commander. Einer dieser Feinde ist das Commonwealth, unser alter Verbündeter aus dem Großen Krieg.
Und dann sind da noch Japan, Texas, und die Russen, wenn wir richtig informiert sind. Und natürlich das ausgelobte Kopfgeld. Außerdem ist ihr Commander auch noch auf einem persönlichen Rachefeldzug. Gibt es etwas, was ich vergessen habe?“
‚Sie haben die Abwehr und das RSHA vergessen.’ Aber das sagte er natürlich nicht. Und Faucon erwartete auch keine Antwort, sondern fuhr einfach fort: „Ich habe nichts dagegen, dass Jerome sein überfälliges Ende findet. Aber ich habe so meine Zweifel, ob Sie dazu das geeignete Mittel sind. Und ganz bestimmt will ich nicht, dass zwei verdammte Freibeuter in meinem Territorium ihre idiotische Privatfehde austragen. Sie und ihr Commander haben die Erlaubnis, sich hier aufzuhalten. Ich habe keine Handhabe, Sie dorthin zu schicken, wo Sie hingehören. Sie können hier ihre Schäden reparieren, Vorräte und Nachschub übernehmen, und üben. Sie können sogar Kopfjäger, Söldner und Kaperer anheuern, die verrückt genug sind, um sich Ihnen anzuschließen. Ich kann Sie nicht daran hindern. Sie haben volle Bewegungsfreiheit und die garantierten Rechte eines Gastes von Französisch-Louisiana.“
Inzwischen waren die drei Männer an den Pfählen festgebunden worden. Die Soldaten, die sie bewacht hatten, zogen sich zurück. Der Sous-Lieutenant presste die Hände an die Seite, stampfte einmal auf, und drehte sich zackig zu Colonel Faucon um. Der nickte knapp. Der Sous-Lieutenant drehte sich wieder zu seinen Leuten: „Attention!“ Die zwölf Soldaten präsentierten das Gewehr. Ein weiterer Befehl, und sie legten an. Einer der drei Delinquenten schien inzwischen bewusstlos zu sein. Ein anderer verhielt sich sehr ruhig, doch sein keuchender Atem verriet ihn. Der dritte stöhnte, und wand sich in dem vergeblichen Versuch, freizukommen. Die Fesseln saßen zu fest.
„Keine letzten Worte? Keine letzte Gnade?“ Jetzt klang Ernst von Stahlheims Stimme ruhig, was Jeanpierre mit einem fast anerkennenden Blick quittierte.
Colonel Faucon schüttelte knapp den Kopf: „Dazu hatten sie bereits vor Gericht Gelegenheit genug. Einen Priester wollten sie nicht. Und Gnade…Es ist schon zuviel, dass man sie wie Soldaten erschießt. Man sollte sie ganz einfach totschlagen.“ Dann blickte er den Sous-Lieutenant an, und nickte knapp.
Ein scharfer Befehl, und die Salve peitschte über den Exekutionsplatz. Die drei zum Tode verurteilten sackten in ihren Fesseln zusammen. Der Sous-Lieutenant rang sichtlich mit sich, doch dann straffte sich der junge Mann, zog seinen Dienstrevolver, und näherte sich den Verurteilten.

Colonel Faucon drehte sich zu von Stahlheim um: „Wie gesagt, Sie und ihr Commander haben volle Bewegungsfreiheit. Wir werden Sie nicht behindern.
Aber wenn Sie ein französisches Schiff, eine Siedlung, einen verdammten Bauernhof angreifen... Wenn auch nur ein Bürger Französisch-Louisianas durch ihre Hände stirbt oder ernsthaft zu Schaden kommt…
Dann garantiere ich Ihnen, dass jeder Mann an Bord ihres Luftschiffs, der nicht bereits im Kampf gefallen ist, vor ein Erschießungskommando kommt. Sagen Sie das Ihrem Commander.“
„Jeder?“
„Natürlich keine Frauen oder Kinder. Die kommen nur ins Gefängnis. Für was halten Sie uns denn – für Barbaren?!“
Der Sous-Lieutenant beugte sich über einen der der Männer, hielt kurz inne, lauschte. Dann hob er die Pistole und jagte dem Delinquenten eine Kugel durch den Kopf.
19.09.2020 16:20 Tyr Svenson ist offline E-Mail an Tyr Svenson senden Beiträge von Tyr Svenson suchen Nehmen Sie Tyr Svenson in Ihre Freundesliste auf
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Eigentlich hatte Peter heute Abend mit Kiki ausgehen wollen. Aber die zierliche Japanerin hatte ihn versetzt. Nicht zum ersten Mal. Manchmal fragte er sich, ob sie damit ein bestimmtes Ziel verfolgte.
Einmal hatte er all seinen Mut zusammengenommen, und sie direkt gefragt. Sie hatte geheimnisvoll gelächelt und verkündet, dass er wahrscheinlich an dem Tag das Interesse an ihr verlieren würde, da sie ihn nicht mehr überraschen könnte. Und dabei hatte sie ihn so angesehen, dass er alle weiteren Fragen vergessen hatte.
Dieser Blick und ihr Lächeln waren jeden Verdruss wert.

Aber für Heute bedeuteten Kikis Launen, dass er sich ein wenig fühlte, wie bestellt und nicht abgeholt. Er war noch nicht häufig sitzen gelassen worden. Was hatte Kiki noch dazu gesagt? ‚Eine wichtige Lektion für deine Entwicklung, Kleiner.’ Trotzdem eigentlich sie mehr als einen Kopf kleiner und wohl auch kaum älter war als er, betonte sie immer wieder, dass sie in vielen Dingen weitaus mehr vom Leben wusste, als er es tat.

Also hatte er alleine einen Stadtbummel gemacht. Das Nachtleben von New Orleans war bunt, aber nicht von dieser wilden Aggressivität, die Sky Haven auszeichnete. Dafür konnte man hier allerdings auch nicht an jeder Hausecke überfallen, vergewaltigt und ermordet werden – nicht immer in dieser Reihenfolge.

Im Nachhinein wusste er später selber nicht, warum er die Bar betreten hatte. Dieses Etablissement rangierte ohne Zweifel ziemlich weit unten. Die Kneipe wirkte ziemlich heruntergekommen und verdreckt. Die Kundschaft sah so aus, als wären hier mindestens ein paar dutzende Jahre Zuchthaus versammelt. Und vermutlich eine hübsche Sammlung Geschlechtskrankheiten. Der junge Pilot fühlte sich gemustert und als potentielle Beute eingeschätzt. Aber er war nicht betrunken, und er war bewaffnet. Das Interesse ließ schnell nach.

Und dann sah er Steel. Der Staffelführer saß alleine, vor sich eine halbvolle Schnapsflasche und ein leeres Glas. Und daneben lag, wie um das Stillleben abzurunden, die automatische Pistole des Deutschamerikaners. Seinem Gesichtsausdruck nach war Steel in der richtigen Stimmung, um einen Mord zu begehen. Eine fast greifbare, düstere Aura schien ihn zu umgeben. Er schien nicht interessiert an Gesellschaft, und selbst der hier anwesende Abschaum respektierte diesen Wunsch. Allerdings war der Staffelführer nach Peters Meinung selbst in besseren Zeiten kein sehr geselliger Saufgenosse.
Er hatte sich gerade zum Gehen gewandt, als ihn Steels Stimme innehalten ließ: „Marquardt.“
Peter drehte sich um. Steel deutete auf den Stuhl neben ihm. Dann drehte er sich zur Theke um: „Noch ein Glas, verdammt!“
Als sich Peter setzte, stand auch schon ein leeres Glas vor ihm, in das Steel eine reichliche Menge Whiskey schüttete, und die Flasche dann mit einem Knall absetzte: „Austrinken. Das ist ein Befehl.“
Anschließend füllte der Staffelführer beide Gläser wieder nach. Auch wenn er schon eine ziemliche Menge intus haben musste, war seine Hand immer noch sicher. Und seine Stimme klar, auch wenn sein deutscher Akzent deutlicher geworden war: „Und, haben sich noch weitere Wahnsinnige für Amstrongs Kreuzzug gefunden?“
„Ein paar…“
„Na wunderbar! Narren und Lebensmüde, daran hat es noch nie gemangelt, in diesem Scheißland!“
„Was hast du für ein Problem? Was musst du eigentlich dauernd meckern?!“
Steels kalte graue Augen bohrten sich förmlich in Peter. Seine Stimme war leise, aber voller beißender Wut: „Was weißt du schon, du dämlicher Hosenscheißer?! Noch keinen Mann getötet und kein Mädchen flachgelegt, aber den großen Krieger spielen!
Ist dir eigentlich klar, dass dein bescheuerter Bruder dabei ist, uns auf dem schnellsten Weg in die Hölle zu sprengen?!
Er verscheißt es sich mit dem Commonwealth, den Russen, den Japanern und dem größten Teil von Texas. Er spuckt dem Reich ins Gesicht und zieht gleichzeitig auch noch seine Privatfehde auf! Hast du diesen armen Arsch gesehen, den Jeromes zahmer Indianer in die Finger bekommen hat?! DAS erwartet euch!
Und die Franzmänner lauern nur darauf, euch alle vor ein Erschießungskommando zu zerren! Weißt du wenigstens, was das bedeutet? Man bindet dich an einen Pfahl, dann schreit ein Lieutenant ‚Feuer!’ und sie jagen dir ein halbes Dutzend Kugeln in den Leib. Aber keine Angst, du hast ganz gute Chancen, nicht sofort zu krepieren. Also schießt dir der Offizier zur Sicherheit noch eine Kugel in den Kopf. Kontrollschuss.
Und jetzt sag mir, wo liegt da die Ehre? Wo?!
Und du und dieser ganze Haufen Idioten trampelt begeistert hinter eurem Rattenfänger her, und wisst nicht einmal, wohin!“
„Du bist doch auch noch dabei! Warum haust du nicht einfach ab, wenn du Angst hast?!“

Eine verschwommene Bewegung, und dann hatte Steel den jungen Piloten an der Kehle gepackt, und halb über den Tisch zu sich heran gerissen. Peter versuchte, den eisernen Griff an seiner Kehle zu brechen, aber vergeblich. Genauso gut hätte er versuchen können, eine Metallstange mit bloßen Händen zu verbiegen.

Dann, unvermittelt, ließ Steel ihn wieder los: „Ich habe keine Angst, du HJ-Pimpf! Hast du mich verstanden?! Und meine Gründe gehen dich einen Scheißdreck an! Bloß weil ich im Gegensatz zu euch Schwachköpfen sehenden Auges in den Untergang marschiere, muss mir das noch lange nicht gefallen!
Zuerst waren es noch Freiwillige. Und jetzt muss Armstrong schon Kopfgeldjäger, Deserteure und Piraten anheuern, um seinen Kreuzzug fortzuführen! Noch ein paar Monate, und niemand kann uns und Jerome noch auseinander halten!“
„Das ist doch Schwachsinn!“
„Du weißt GAR NICHTS! Wenn du zu lange in den Abgrund starrst…starrt der Abgrund zurück. Und am Ende erkennst du, dass du zu dem geworden bist, was du vernichten wolltest.“
„Ich habe keine Ahnung, wovon du redest.“
„Du glücklicher Idiot. Du wirst schon noch dahinter kommen. Falls du nicht vorher abkratzt! Hast du eigentlich schon mal jemanden ins Gesicht blicken müssen, während du ihn kalt machst?! Sehen, wie das Leben ganz langsam aus den Augen rinnt? Der Blick bleibt haften…
Und wofür? Für irgendwelche idiotischen politischen Intrigen?! Für die Großmachtphantasien von ein paar Ölbaronen?! Für Rache, für Ehre? Was geht mich der ganze Scheiß hier eigentlich an? Ihr seid doch alle komplett wahnsinnig!“
Es fiel Peter gar nicht auf, dass Steel jetzt ins Deutsche gewechselt war: „Dein verdammter Bruder wandelt als Kreuzritter über dem Wasser, ohne zu bedenken, was sein Tun für andere bedeutet! Ich weiß nicht mehr, wer noch Freund ist, und wer Feind! Und was ich hier soll! Was meine verdammte Pflicht ist! Irgendwann ist in diesem ganzen Wahnsinn der Sinn verloren gegangen! Ich sehe die Gesichter der Toten…immer wieder, und es ist immer noch nicht vorbei!
Das alles ist nicht mein Kampf! Er war es nie…“

Der Staffelführer stürzte den nächsten Drink hinunter. Und füllte das Glas sofort wieder nach.
„Hör mal, Steel…“ Eine jähe Handbewegung schnitt Peter das Wort ab. Steel funkelte ihn wütend an: „Du sollst zuhören, verdammt!
Wenn du nur einen Funken Verstand hast, dann hältst du dich von Typen wie deinem Bruder und mir fern. Egal, was er behauptet, was er selber glaubt – Marquardt lebt für den Tod. Darauf läuft es am Ende hinaus, wenn man die Lügen und die Illusionen beiseite lässt. Genauso wie ich. Wir haben etwas aufs Podest gehoben, was größer sein soll als unser erbärmliches Leben, und dafür sind wir bereit alles zu opfern. ALLES.
Bei Marquardt ist es die Rache, und sein selbstmörderischer Wahn, bei jeder verdammten Gelegenheit den Ritter in der weißen Rüstung spielen zu müssen. Er kann gar nicht anders. Und ich…
Spielt keine Rolle.
Das Beste, was du tun kannst, ist Rennen. So schnell und so weit wie du kannst. Noch bist du ein unbeschriebenes Blatt. Noch ist es der Gestapo, dem NKVD, GRU, MI-6, den japanischen Diensten und den beschissenen Texas Rangern vermutlich egal, was du tust. Du bist nicht wichtig, du glücklicher Idiot. Du kannst immer noch aussteigen.
Also hau ab. Und wenn du so scharf auf sie bist, dann nimmst du eben Kiki mit.“ Der Staffelführer blickte auf, und registrierte Peters Gesichtsausdruck: „Du willst nicht? Dachte ich mir irgendwie. Warum solltest du vernünftiger sein, als dein verdammter Bruder.
Und was Kiki angeht…die würde wohl sowieso kaum mitkommen.“ Der Deutschamerikaner grinste hässlich: „Noch jemand, von dem du keine Ahnung hast.“
„Wie meinst du das? Was ist mit ihr?! Außerdem, warum soll es falsch sein, Ideale zu haben? Auch wenn ich nicht sehen kann, was du darüber wissen solltest.“
Das hässliche Lächeln blieb: „Du weißt gar nichts, Quex. Aber es ist auch besser so. Ansonsten hätte dir schon längst jemand das Lächeln des Berbers gezeichnet.“ Steel fuhr mit dem Daumen über seine Kehle, um zu verdeutlichen, was er meinte.
„Du bist total betrunken.“
„Natürlich bin ich betrunken! Würde ich sonst meine Zeit mit dir verschwenden? Genauso gut könnte ich gegen eine Wand quatschen…
Du hast echt keine Ahnung, wovon ich rede?“
„Kein bisschen.“
„Wie schön für dich. Und jetzt schieß in den Wind. Hast du verstanden…DU SOLLST ABHAUEN!“ Mit einer schnellen Handbewegung fegte Steel die Gläser vom Tisch. Peter war instinktiv aufgesprungen. Es widerstrebte ihm, Steel in diesem Zustand alleine zu lassen. Aber als nächstes würde der ihm vermutlich ernsthaft an die Gurgel gehen. Und wie das ausgehen würde… Er kannte Steel noch nicht lange. Aber er wusste, dass der Mann schon mehrfach getötet hatte – mit der Pistole, mit dem Messer, mit bloßen Händen.
Das Beste war, wenn er erst einmal den Rückzug antrat, und später jemand schickte, der ein Auge auf Steel hatte. ‚Am besten mit ein paar Marines als Rückendeckung.’
Außerdem war der junge Pilot ehrlich geschockt, den Führer des Dog Pack in so einem Zustand zu erleben. Selbst seine üblichen düsteren Anwandlungen hatten Peter nicht auf solch eine selbst zerstörerische Wut vorbereitet.

Steel schien seinen Rückzug nicht zu bemerken. Stattdessen starrte er auf die Waffe, die auf dem Tisch lag. Dann griff er nach der umgefallenen Schnapsflasche. Ein kleiner Rest Whiskey war übrig geblieben. Als der Deutsche diesmal die Flasche hob, zitterte seine Hand: „Sieg Heil.“
Dann setzte er die Flasche an die Lippen und trank.


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19.09.2020 16:20 Tyr Svenson ist offline E-Mail an Tyr Svenson senden Beiträge von Tyr Svenson suchen Nehmen Sie Tyr Svenson in Ihre Freundesliste auf
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