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Zum Ende der Seite springen Hinter den feindlichen Linien - Season 7 - Zwischen Himmel und Hölle
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Tyr Svenson Tyr Svenson ist männlich
Lieutenant


Dabei seit: 06.10.2015
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Herkunft: Jena, Thüringen

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„Nimm vor des Märzen Idus dich in Acht“
Shakespeare, „Julius Cäsar“


Anwesen der Taran-Familie in Pan’chra

Yelak Taran zog das Dreeh einen Fußbreit aus der Scheide und musterte kurz die über das Metall huschenden Lichtreflexionen. Er prüfte nicht die Schärfe der Klinge. Er kannte diese Waffe, pflegte und schärfte sie regelmäßig. ‚Unwahrscheinlich, dass ich mich heute DARAUF werde verlassen müssen, aber wer weiß…‘ Er wollte auf alles vorbereitet sein.
Die auf seinem Bett liegende Laserpistole und die leichte Panzerweste mochten vielleicht nicht den Status und die emotionale Bedeutung des Dreehs haben, doch dafür war es deutlich wahrscheinlicher, dass er sie brauchen würde. Alles war bereit…

Ein Klopfen unterbrach seine Gedanken. Der junge Akarii runzelte die Stirn, während er eine Decke über die Waffen warf. Seine Eltern hatten sich schon für die Nacht zurückgezogen und den Bediensteten hatte er gesagt, dass er nicht gestört werden wollte: „Was ist?“
Zu seiner Überraschung war es der Kommandant der Taran-Wachtruppen, begleitet von einem seiner Offiziere: „Euer Vater wünscht euch zu sprechen.“
„Was will er jetzt noch?“
Der im Dienst der Familie alt gewordene Soldat zuckte mit den Schultern: „Ich gehe davon aus, dass es um Politik geht. Tut es das nicht immer in den letzten Tagen?“
Yelak lag eine bissige Antwort auf der Zunge. Nach seiner Meinung hatte der Lord von Haus Taran sich eher zu wenig der Politik gewidmet – jedenfalls wenn es darum ging, das Richtige zu tun. Aber mit dergleichen konnte er wohl kaum punkten. Manchmal war es ziemlich lästig, der jüngste Sohn eines Adelshauses zu sein, vor allem wenn sein Vater im Adelsrat war und sein Erbe – und Yelaks älterer Bruder – immerhin einen ganzen Raumsektor kontrollierte und laut der imperialen Propaganda den Menschen das Fürchten lehrte.

Wenige Augenblicke stand er im Arbeitszimmer seines Vaters: „Da bist du ja. Es gibt Neuigkeiten aus dem Palast. Tobarii Jockham ist tot…“, der alte Akarii hielt kurz inne und musterte seinen Sohn: „…aber das weißt du natürlich schon.“
Yelak Taran hatte Mühe, seine Überraschung zu verbergen. Der entsprechende Anruf war erst vor zehn Minuten eingegangen und der Grund, warum Yelak die Waffen hervorgeholt hatte, die schon seit einigen Wochen für diesen Augenblick bereit lagen.
„Darf ich erfahren, wo mein Zweitgeborener in dieser Situation und zu dieser Stunde hin will?“
„Mich mit ein paar Freunden betrinken. Dann muss ich wenigstens nicht nüchtern miterleben, wie sich die Allecars im Palast breitmachen.“
„Spar dir deine selbstgerechte Entrüstung. Die Allecars sind fast so alt wie unser eigenes Haus! Zusammen haben wir das Imperium groß gemacht…“
„Und Xias den Blutigen gestürzt, ICH WEISS! Diese Geschichte musste ich mir oft genug anhören. Und vor welchem furchtbaren Schicksal haben die Allecars das Imperium heute bewahrt?“
„Wovor wollten du und deine Freunde das Imperium bewahren? Oh ja, ich weiß Bescheid über eure dilettantischen Pläne. Glaubt ihr ernsthaft, mit großen Worten, ein paar jungen Heißspornen und leichten Waffen könnt ihr Haus Allecar stürzen? Oder euch gegen die kaiserliche Garde durchsetzen?!“
„Die Garde…“
„Beschützt die kaiserliche Familie. Die GANZE kaiserliche Familie. Was auch den biologischen Vater des künftigen Imperators einschließt. Sie ergreift nicht Partei. Jedenfalls nicht für euch. Ein paar einfache Gardisten und niedrigrangige Offiziere unter euch Möchtegern-Verschwören werden daran nichts ändern.“
„Woher…“
„Ich weiß es eben. Was dir beweisen sollte, wie schlecht vorbereitet ihr tatsächlich seid. Hat euch das Scheitern beim letzten Mal nicht gereicht, als ihr ausgerechnet Prinz Jor herausfordern musstet? Viele unserer talentiertesten jungen Männer und Frauen, die Hoffnung unserer Streitkräfte, wurden damals degradiert oder endeten in einem zweitrangigen Front- oder Kolonialkommando, während wir sie doch viel dringender auf Pan’chra und in den Führungsstäben und Flottenkommandos gebraucht hätten. Mokas…“
„‘Kas wurde Militärbefehlshaber eines ganzen Militärbezirks.“
„Nach JAHREN und nachdem alle Alternativkandidaten tot waren oder gemeutert hatten! Und um seine Degradierung oder den Ausschluss aus den Streitkräften zu verhindern, mussten ich und die Familie seiner Verlobten vorher so ziemlich jeden politischen Gefallen einfordern, den Haus Taran und Haus Koo hatten. AUCH bei den Allecars!“
Yelak Taran kam ein furchtbarer Verdacht: „Hast du deshalb im Adelsrat…“
„Ich habe mich für eine möglichst friedliche Lösung dieses ganzen…Debakels eingesetzt, weil ich nicht will, dass auch mein zweiter Sohn in einem Quasi-Exil endet. Oder gleich vor einem Erschießungskommando! Er – und ein paar hundert andere junge Narren, die sich für unbesiegbar halten.“
„Ich diene dem Reich. Nicht, weil man mich bezahlt oder weil ein Herrscher es mir befielt. Sondern weil ich es WILL.“
„Was?“
„Sagte das nicht der Ahn unseres Hauses, als er sich mit einer Schar Gebirgskrieger in den Dienst der ersten Dynastie stellte? Mokas und ich haben diese Worte so oft gehört, dass wir sie im Schlaf aufsagen konnten.“
„Ich habe euch nicht großgezogen, damit ihr euer Leben für irgendein luftiges Ideal wegwerft! Ihr habt eine Verantwortung gegenüber eurer Familie! Deren Zukunft du mit derartigen Dummheiten gefährdest – SCHON WIEDER. Ich verstehe euch sowieso nicht. Hattest du so eine hohe Meinung von Tobarii Jockham, dass du unbedingt seinen Tod rächen willst? Der nebenbei bemerkt besser war, als ich es erwartet hätte. Er ist sehr…ehrenvoll gestorben.“
„Tobarii? Tobarii war ein Narr und ein halber Verräter. Kaum besser als Dero mit seinem widerlichen Seid-nett-zu-den-Menschen. Aber wenigstens kannte er seinen Platz und hat nicht versucht, den Thron zu usurpieren. Ich…WIR…tun das für das IMPERIUM.“

Mit Verspätung erkannte Yelak an dem grimmigen Nicken seines Vaters, dass er mit seinen Worten offenbar die Befürchtungen des Taran-Lords bestätigt hatte: „Das musste ich wohl noch einmal von dir persönlich hören. Aber noch bin ich der Lord dieses Hauses.“
„Was…“
„Ich habe ein paar Tage Urlaub für dich beantragt und diesem Antrag wurde stattgegeben. Im Admiralitätsstab wirst du also vorerst nicht benötigt. Du wirst das Anwesen nicht verlassen. Nicht heute, nicht morgen – solange, bis du mich davon überzeugt hast, dass du dein Leben nicht in dem sinnlosen Versuch wegwirfst, einen Palastputsch gegen die Allecars zu initiieren. Und das auch noch ohne eine schlagkräftige Streitmacht oder einen Thronprätendenten!“
„Rallis oder Navarr…“
„Rallis wird bei einem solchen Selbstmordkommando niemals mitmachen. Nicht, wenn er weder die Garde noch die regulären Streitkräfte hinter sich weiß. Dafür ist er zu klug.“
„Woher willst du das wissen? Welche unfassbare Weisheit verleiht dir…“
„Weil ich mit ihm geredet habe.
Und was Navarr angeht…nun, du wirst schon bald sehen, dass er für eure Pläne nicht zur Verfügung steht. Wofür das Imperium dankbar sein kann! Es sind nicht mehr so viele Prinzen übrig, dass wir derart verschwenderisch mit ihnen sein können.“
„Du kannst mich nicht einfach auf mein Zimmer schicken. Ich bin kein Kind mehr!“
„Dann handele gefälligst auch nicht wie eines! Also – wirst du jetzt gehen, oder muss ich dich von unseren Wachen abführen lassen? Und falls du irgendwelche Dummheiten machen willst – dein kleines Waffenlager habe ich bereits beiseite räumen lassen.“
Yelak unterdrückte den kurzen Drang, seinen eigenen Vater zu schlagen. Und dennoch… „Glaubst du wirklich, dass du irgendetwas änderst, wenn du mich einsperrst? Die Allecars…“
„Wenn du Glück hast, werden sie nicht einmal BEMERKEN, was heute Nacht beinahe passiert wäre. Glaubst du etwa, ich wäre der einzige Vater, der sein Kind nicht an dessen eigene Torheit und ein hohles Ideal verlieren will?“
„Was…“
„Das wirst du bald genug erfahren.“
‚Irgendjemand muss uns verraten haben. Wenn das stimmt…‘ Mit einmal fühlte sich Yelak, als alle Kraft und Energie seinen Körper verlassen. Er wollte fluchen, um sich schlagen, etwas tun – aber das einzige was ihm blieb war ohnmächtige Wut.
„Wir MÜSSEN handeln! Egal wie gering die Chancen für einen Erfolg sind. Wie sollen wir uns sonst künftig noch im Spiegel ansehen?! Jemand muss sich den Allecars entgegenstellen! Selbst wenn wir ohne jede Chance wären, so muss es dennoch versucht werden! Das Imperium…“
„Das Imperium hat schon ganz andere Dinge überstanden. Solange unsere Streitkräfte einig sind, solange der Adelsrat sich nicht zerfleischt…ist es eigentlich fast zweitrangig, wer auf dem Thron sitzt. Das werden auch die Allecars begreifen, wenn sie es nicht schon wissen. Was auch immer Meliac will, was auch immer Dero antreibt – wobei ich meine Zweifel habe, dass es bei beiden dasselbe ist – sie brauchen Verbündete. Und das ist unsere Chance. Eine Chance, dass das Haus Taran sich einmal mehr als einer der Pfeiler beweist, auf denen das Imperium ruht. Dein Bruder ist von einem exilierten Admiral zum Hoffnungsträger des Reiches geworden. Der sich zudem auch noch bald mit dem Haus Koo verbinden wird und den eine alte Freundschaft mit dem Vater des künftigen Imperators verbindet. Und auf meine Stimme hört man im Adelsrat.“
„Mein Bruder? Das einzige was ich weiß ist, dass man ihn auf eine Selbstmordmission geschickt hat. Und dass er jetzt mit einer zusammengeschossenen Flotte einen Sektor sichern und verteidigen soll, in dem es von Rebellen und Putschisten wimmelt und der von den Menschen eingekreist ist!“
„Du bist nicht mehr auf dem Laufenden, mein Sohn. Offenbar hat die Flotte Großes mit ihm vor. Und du kannst ein Teil davon sein. Wenn du es schaffst, dich nicht umbringen zu lassen…“

***

Residenz der Allecars

Es hätte für Lord Meliac Allecar ein Tag des ungetrübten Triumphs sein müssen. Sein Sohn hatte erneut die in ihn gestellten Erwartungen erfüllt und Tobarii Jockham im Zweikampf niedergestreckt. Nicht, dass Meliac Zweifel am Ausgang des Duells gehabt hätte. Aber insgeheim hatte er bis zuletzt gefürchtet, dass der Kriegsminister sich irgendwie herauswinden oder einen erfahreneren Kämpfer in den Kampfkreis schicken würde. Doch letztendlich hatte Tobarii seiner gekränkten Ehre und offensichtlichen Selbstüberschätzung den Vorzug vor Vernunft und Selbsterhaltung gegeben. Und alles hatte sich so entwickelt, wie Lord Allecar es vorausgeplant hatte. Fast alles.

Er hatte nicht damit gerechnet, dass Tobarii tatsächlich in der Lage sein würde, Dero zu verletzen. Das war eine unangenehme Überraschung gewesen. Kurz hatte Meliac Allecar gefühlt, wie die kalten Finger der Angst nach seinem Herz griffen, als er sich vergegenwärtigte, was er alles hätte verlieren können. Doch inzwischen hatte er sich zu der Erkenntnis durchgerungen, dass diese Verletzung sogar etwas Gutes hatte. Sie schützte Dero vor dem Vorwurf, einen kampfuntauglichen Halbzivilisten niedergemäht zu haben. Vergossenes Eigenblut untermauerte Deros durch Tobariis Tod erhobenen Anspruch auf die Vaterschaft des künftigen Imperators. ‚Und vielleicht wird Deros Verletzung auch Linai etwas milder stimmen. Immerhin HAT sie ihn geliebt. Was mehr sein könnte, als sie mit Tobarii verband. Oder es bietet ihr zumindest einen Vorwand so zu tun, ohne ihr Gefolge und einige eher wertekonservative Adelshäuser zu brüskieren.‘

Es gingen bereits die ersten Glückwünsche anderer Adelshäuser ein – auch von etlichen, die sich vorher bedeckt gehalten, einen anderen Thronprätendenten unterstützt oder sogar für Tobarii Jockham Partei ergriffen hatten. Meliac Allecar würde die damit verbundenen Angebote zur Zusammenarbeit huldvoll annehmen – zumindest in den meisten Fällen. ‚Es könnte sich auch lohnen, bei einigen in einem eher zweifelhaften Ansehen stehenden Adelshäusern wählerisch zu sein.‘ Wenn sie keine nützlichen Ressourcen oder Verbindungen mitbrachten.

Alle Warnungen vor einer drohende Einheitsfront des Adels oder gar einem von einem der anderen Thronprätendenten initiierten Militärputsch hatten sich als unbegründet erwiesen. Und dennoch…

Eine Reihe großer Adelshäuser war offensichtlich entschlossen, weiterhin Distanz, ja sogar offene Feindschaft zu den Allecars zu demonstrieren. Die Otranos, die Nellans…und nachdem Großerzogin Zuunis Schützling sich dazu hergegeben hatte, für Tobarii Jockham den Sekundanten zu spielen, musste Meliac mit der Möglichkeit rechnen, auch die Großherzogin und ihre weitreichenden Verbindungen zum Feind zu haben.
Wie Linai Thelam darauf regieren würde, dass ihr ehemaliger Geliebter ihren Ehemann umgebracht hatte, und wohin sie diejenigen Häuser führen würde, die ihr weiterhin die Treue hielten oder aus dem nun quasi verwaisten Tobraii-Lager zu ihr wechseln würden, war noch völlig ungewiss.

Und dann waren da natürlich noch die anderen Thronprätendenten.
Lisson Thelam war noch am harmlosesten, aufgrund seiner wenig martialischen Natur und fehlenden Machtbasis maximal als Marionette irgendeiner Parteiung gefährlich. Immerhin konnte er schon erwachsene Töchter vorweisen. Das legte nicht nur nahe, dass er auch einen Thronfolger zeugen konnte, seine Töchter waren auch ein wertvolles Unterpfand für Bündnisse, die immer noch häufig durch Heiraten zwischen den Adelshäusern besiegelt wurden. Lord Allecar hatte deshalb Maßnahmen ergriffen, um den Historiker im Auge zu behalten und genau so etwas zu verhindern.
Kerrak Thelam diente seit etlichen Monaten unter Admiralin Rian in der Flotte, weitab von Pan’chra und seinen politischen Grabenkämpfen. Damit war er jedoch nur scheinbar aus dem Spiel. Denn falls sich das Flottenoberkommando oder auch nur Admiralin Rian entschließen sollten, dass die Marine eine aktivere Rolle in der Innenpolitik übernehmen müsse…
Rallis Thelam hatte das Potential und auch das Format, sich als mehr als nur ein Ärgernis zu erweisen. Es war unmöglich abzusehen, was er als nächstes tun würde. Leicht konnte er zu einem Sammelpunkt jener reformorientierten Kräfte im Adel und den Streitkräften werden, denen die von Meliacs Sohn etwas unbesonnen angestoßene Versöhnungspolitik mit dem Menschen zu weit ging, oder – weitaus zahlreicher – die aus höchst eigennützigen Gründen dem Aufstieg der Allecars feindlich gegenüberstanden. Bestens vernetzt und extrem vorsichtig, bot der füllige Akarii-Prinz mit dem Ruf eines Schwerenöters und amüsanten Sarkastikers ein schwieriges Ziel. ‚Zumindest vorerst hätte ich ihn lieber als Verbündeten denn als Gegner.‘ Meliac hatte da auch schon etwas in die Wege geleitet, dennoch… ‘Bleibt abzuwarten, ob er sich einfangen lässt.‘
Und Navarr Thelam...
Jung, gutaussehend, Flottenkadett mit hervorragenden Anlagen. Nicht so weltfremd wie Lisson, nicht so arrogant wie Karrek. Genau die Figur, für die sich der Pöbel und auch viele Mitglieder des Adelsrates erwärmen könnten. Schon mehr als halb in Rallis Lager und damit doppelt gefährlich und zudem im Augenblick inmitten einer Manöverkampfgruppe, die nicht nur genug Schlagpotential für einen Militärputsch hatte, sondern mit Marschall Parin als ‚Berater‘ auch jemanden, dem Meliac so eine Tollkühnheit zutraute. Und der…

„Sie haben sie AUS DEN AUGEN VERLOREN?! Man verliert doch nicht einfach einen imperialen Marschall und einen Thronfolger aus den Augen!“
Der abgekanzelte Armee-Major war zweifellos froh über die Entfernung, die zwischen ihm und dem Unwillen von Lord Allecar lagen: „Verzeiht, aber als die gesamte Manövergruppe in Alarmbereitschaft versetzt wurde, dachte ich…“
„Sie sollen nicht denken, sondern Parin und Navarr im Auge behalten. Schlimm genug, dass sich dieser junge Narr von Rallis hat einwickeln lassen. Wenn ihn jetzt auch noch einer dieser verfluchten Frondeure unter die Fittiche nimmt…“

Nicht, dass Meliac Allecar die vor einigen Jahren spektakulär gescheiterten Offiziersverschwörer aus Prinzip verabscheute. Im Gegenteil, er konnte ihre Abneigung gegen Jor nachvollziehen. Und ohne den misslungenen Sturz des Kronprinzen, die anschließenden Säuberungen und alle damit verbundenen Nachbeben und politischen Verwerfungen wäre es Haus Allecar vermutlich sehr viel schwerer gefallen, nach der Macht zu greifen. Nur leider waren die ehemaligen Verschwörer überwiegend in anderen politischen Lagern zu finden und leisteten sich den Luxus, Haus Allecars legitimen Machtanspruch als Angriff auf die Interessen des Imperiums und Dero Allecars Versöhnungsoffensive gegenüber der Konföderation als zumindest ehrenrührig, übertrieben oder geschmacklos zu verurteilen.
Und wie Rallis waren die meist jungen Offiziere und Adlige, die behaupteten ihre Loyalität für ein modernes, starkes Imperium vor die Treue zu einer einzelnen Person zu stellen, gut vernetzt. Trotz Frontversetzungen, Degradierungen, Beförderungssperren und Entlassungen schienen der Fronde deshalb wie einem Ungeheuer aus den alten Sagen auch nach ihrer Niederlage gegen Jor immer wieder neue Köpfe und Arme zu wachsen.

„Etwa anderthalb Stunden nach dem Duell traf hier ein Militärshuttle ein. Offiziell mit Versorgungsgütern aus einer nahelegenden Basis. Laut den Radaraufzeichnungen aber aus der Hauptstadt….“ ‚Vermutlich wussten sie, dass der Funkverkehr abgehört wurde.‘ „…und fast sofort nach der Ankunft wurde Großalarm gegeben. Ich dachte, Parin mobilisiert…“
„Was habe ich Ihnen über das Denken gesagt?!“
„Verzeiht, mein Lord. Kurz zuvor führte die Kommandozentrale der Manövergruppe zudem eine längere Kommunikation mit einer Station, die zum Armeeoberkommando gehört. Angeblich neue Übungsbefehle…“, ‚Was bedeutet das nun? Ein Zufall oder eine weitere Partei die im Spiel mitmischt?, „…und tatsächlich wurden alle bereits aufgestellten Manöverpläne annulliert. Die neu angesetzten Alarmübungen beinhalteten zahlreiche weit verstreute Luftlandungen, Langstreckenflüge und simulierte Luftangriffe auf Bodenziele, über den Bereich der Manöverzone Gorlan-Vier hinaus. Als ich feststellte, dass sowohl Marschall Parin als auch Navarr Thelam anscheinend das Lager verlassen hatten, war deshalb unmöglich zu verifizieren, ob und wie sie dies getan hatten.
Ich habe versucht, weitere Informationen zu sammeln. Marschall Parin war nur als Berater hier…“
„Aber sicher doch!“
„Deshalb unterstand er nicht direkt dem Kommando der Manöverleitung. Es scheint aber, als sei er vom Generalsstab einberufen worden. Allerdings konnte ich auch das noch nicht bestätigen.“
„Das lassen Sie mal meine Sorge sein!“ Meliac Allecar mäßigte seine Stimme etwas. Immerhin bedeutete das Verschwinden der beiden, dass sie sich NICHT zusammen mit mehreren tausend Soldaten in Richtung Pan’chra in Bewegung setzten: „Was ist mit Navarr?“
„Es gibt eine Weisung, dass er mit zwei Kompanien Rekruten und Luftlandetruppen auf einen Langstrecken-Survival-Einsatz geschickt wurde, unter absoluter Funkstille...“
„Wie passend. Mit welchem Ziel?“
„Die nördliche Gebirgskette von Karrg’anat…“
„Sie wollen mich wohl für dumm verkaufen?! Wollen Sie sagen, dass man Navarr unter Ihren Augen auf einen anderen KONTINENT verfrachtet hat? Und Sie haben nicht mehr als eine Gebirgsregion?! Das sind ein paar tausend Quadratmeilen!“

Karrg’anat, das ‚Heim der Drachen‘, war der kleinste Kontinent von Akar. Weitab von anderen Landmassen, war er erst in der Moderne entdeckt worden und immer noch kaum erschlossen. Eine Zeitlang hatte der rohstoffarme Kontinent für das vermeintlich wohlwollende Imperium als Abladeort für renitente Eingeborenen-Stämme gedient, die sich dem Vormarsch der Zivilisation entgegenstellten und denen man die Möglichkeit geben wollte, ihr traditionelles Leben zu führen, statt sie zu unterwerfen oder einfach auszurotten. Inzwischen wurde die ‚Große Deportation‘ eher kritisch gesehen. Die vielfach sehr lebensfeindliche Wildnis jenseits der wenigen Küstenstädte beherbergte einige der gefährlichsten Raubtiere Akars. Vermutlich war das einer der Gründe, warum imperiale Spezialeinheiten und Gardetruppen Karrg’anat gerne für Überlebensübungen nutzten und die dorthin deportierten Nomaden als besonders gute Rekruten für die Armee galten.

„Vermutlich SOLLTEN Sie diese Informationen finden. Sie und jeder andere, der Navarr hinterherspürt.“ ‚Es sei denn, sie denken wirklich, dass Navarr in der Wildnis sicherer ist als beispielsweise in Pan‘chra.‘ Was gar nicht einmal unplausibel war.
„Und was ist mit Navarrs Leibwächtern? Sind die ebenfalls ‚verschwunden‘?!“ Eigentlich wurde jedes Mitglied der kaiserlichen Familie durch die Kaiserliche Garde beschützt.
„Wie Sie wissen gelten für Familienmitglieder, die in den Streitkräften dienen, besondere Richtlinien, um den Dienst nicht unnötig zu behindern und eine unangemessene Bevorzugung zu vermeiden. Zumindest solange sie keine Kommandofunktion haben – und keine unmittelbare Lebensgefahr besteht – setzt die Garde auf einen eher unauffälligen Schutz aus der Ferne.“ Meliac Allecar schürzte abfällig die Lippen. Er hielt das vor allem für Theater. ‚Als ob ein Thelam je ein ‚einfacher‘ Soldat oder Kadett sein könnte.‘
„Anscheinend gab es da Verwirrung, was eine angeordnete Ablösung der für den Schutz Navarrs abgestellten Gardisten anging…“
Allecar fragte sich, wer dahintersteckte. Die Fronde? Rallis? Linai? Oder der Kommandeur der Garde höchstpersönlich? Die Kaiserliche Garde…

Das Fenster des Zimmers ging auf einen Innenhof hinaus, aber dennoch wusste Lord Meliac Allecar, was vor seinem Anwesen vor sich ging – so als würde er es mit eigenen Augen sehen. Vor wenigen Stunden, kurz nachdem ihn die erhoffte Nachricht von Tobarii Jockhams Ableben erreicht hatte, war eine gepanzerte Kolonne der Garde vorgefahren. Beinahe hätte es ein Blutbad geben. Auch wenn die Wachtruppen der Allecars zahlenmäßig überlegen, gut ausgerüstet und ausgebildet waren, hätten sie in einem Kampf mit der kaiserlichen Garde vermutlich nicht viel mehr tun können, als mit Ehre zu sterben. Selbst wenn sie die Einheit aufgerieben hätten, die Vergeltung wäre ebenso unvermeidlich wie gnadenlos gewesen.
Aber die Gardisten hatten nicht angegriffen. Nach einer knappen Mitteilung, dass sie Ruhe und Ordnung gewährleisten und die Familie des biologischen Vaters des künftigen Kaisers beschützen würden, hatten sie stattdessen einen Sperrposten errichtet und das Gelände um die Residenz gesichert. Meliac Allecar hatte seine hochgradig nervösen Wachtruppen beruhigt und angewiesen, den Gardisten bei Gelegenheit heiße Getränke und Essen zu bringen.
Aber er war kein Narr. Das Auftauchen der Garde konnte man auch anders interpretieren. Als wenig dezenten Hinweis auf die Macht der Gardetruppen. Als Warnung an jene, die dem Haus Allecar Gefolgschaft schwören wollten. Als Mahnung an Meliac selber, dass er unter Beobachtung stand. Der Kommandant der Allear-Wachtruppen hatte Meliacs Verdacht bestätigt, dass die meisten der Gardetruppen zwar das Anwesen nach außen sicherten – mindestens ein Drittel aber die Gebäude und Wacheinheiten der Residenz im Auge behielt. Außerdem hatten sie eine Rundumverteidigung eingerichtet – der ‚Schutz‘ konnte sehr schnell zu einer Blockade oder gar Belagerung werden. ‚Und Panzerfahrzeuge können in mehr als nur eine Richtung schießen...‘

***

Zur gleichen Zeit, unweit entfernt

Sergeant Len von der Kaiserlichen Garde hob in einer routinierten, tausendfach geübten Bewegung die Hand und signalisierte dem nähernden Fahrzeug, anzuhalten. Er war nicht alarmiert - der leicht gepanzerte Wagen trug die Insignien der Garde - aber es galt die Regeln zu beachten. Während er nähertrat musterte er die Insassen – ein junger Leutnant, ein etwa gleichaltriger Soldat sowie eine kampferfahren wirkende Unteroffizierin – und salutierte flüchtig: „Lieutenant?“
„Wir haben eine Nachricht für Lord Allecar.“
Len schürzte die Lippen. Ihm missfiel das undurchsichtige Spiel, auf das sich die Kaiserliche Garde hatte einlassen müssen. Wer war nun Freund und wer Feind? Er bevorzugte klare Fronten und eindeutige Befehle. Doch heute war nichts mehr eindeutig und die Fronten fließend und undurchsichtig. ‚Im Vergleich dazu war der Krieg auf T’rr eine einfache Sache.‘ Dort hatte man sich noch darauf verlassen können, dass zumindest alle AKARII auf derselben Seite standen: „„Ihre Autorisation?“
„Na…natürlich.“ Der Lieutenant aktivierte sein Komm und hielt es Len entgegen. Eine eigentlich überflüssige Geste. Der Sergeant wartete, bis sich die beiden Geräte synchronisierten, überprüfte den Code – und hielt inne: „Es gibt da eine kleine Unstimmigkeit, Lieutenant…“, er wandte sich halb zu seinen Kameraden um: „Ich muss…“
Der Strahl eines Handlasers erwischte Len zwischen Halsansatz und Schulter – vermutlich ließ ein schlechtes Gewissen oder Nervosität die Hand des Schützen zittern und einen eigentlich todsicheren Schuss verreißen. Während Len zurückstolperte, beschleunigte das von Lieutenant Renik befehligte Fahrzeug, schrammte mit einem widerlich hohen, metallischen Kreischen an dem quer zur Fahrbahn stehenden Schützenpanzer vorbei und schoss auf den Haupteingang des Allecar-Anwesens zu. Die eben noch scheinbar entspannt auf dem Rücksitz sitzende Unteroffizierin beugte sich aus dem Seitenfenster und eröffnete das Feuer auf die Alleacar-Gardisten, die das Haupttor bewachten und kalt erwischt wurden. Der neben Renik befindliche Soldat tastete wesentlich weniger kaltblütig nach einem zwischen seinen Füßen platzierten Rucksack, während er gleichzeitig versuchte, seinen Handlaser zu ziehen. Seine Nervosität mochte damit zusammenhängen, dass sich in dem Rucksack mehrere Sprengladungen befanden, jede stark genug um ein gepanzertes Fahrzeug oder eine schwere Sicherheitstür zu knacken.

Renik fixierte das immer näherkommende Metalltor, während er lautlos fluchte. Alles war schiefgegangen! Nach seinem vergeblichen Besuch bei Marschall Parin und Prinz Navarr hatte er an dem für den Angriff auf das Allecar-Anwesen vereinbarten Treffpunkt vergeblich auf die vereinbarte Verstärkung gewartet. Seine Kontakte hatten entweder nicht geantwortet oder verwirrende Informationen darüber geliefert, ob sich Dero UND Meliac Allecar auf dem Anwesen ihrer Familie aufhielten. Die angelaufene Abriegelung des Palastviertels und der Zufahrtsstraßen, die die Verschwörer doch eigentlich für sich hatten nutzen wollen, war zu einem ernsten Hindernis geworden, als Renik feststellte, dass weder er noch die Verschwörer in den Reihen der Garde, die er hatte erreichen können, Zugriff auf die neuesten Autorisierungscodes und die geänderten Passwörter hatten. All das hatte in Renik einen bösen Verdacht gweckt, der noch verstärkt wurde, als einer der Verbindungsmänner zu Rallis Thelam die Warnung geschickt hatte, dass sie sofort untertauchen sollten – und dann mit gutem Beispiel voranging. Er hatte schon vorher registriert, dass die ‚alten Männer‘ die Sache als hoffnungslos ansahen, aber dass nun…
So war ihm am Ende nur noch eines geblieben – ein tollkühner Versuch, zumindest Lord Meliac auszuschalten, um ein Signal zu setzen. Wenn Meliac Allecar starb oder zumindest verwundet wurde, wenn die Garde und die Allecar-Truppen das Feuer aufeinander eröffneten…dann konnte sich das Blatt immer noch wenden.

„Sobald wir durchs Tor sind – Zugangstür sprengen! Dann…“ Renik sah nicht, wie der Turm des hinter ihnen stehenden Schützenpanzers herumschwenkte, während sich die Mündung der Strahlenkanone wie ein suchendes Auge senkte.

***

Meliac Allecar hielt inne, als ein ferner Alarmruf durch seine Gedanken schnitt, abrupt durch aufflackerndes Kleinwaffenfeuer abgeschnitten, in den sich wenige Augenblicke später das charakteristische Fauchen eines schweren Schnellfeuerlasers mischte: „Was zum…“
Die Tür des Zimmers folg auf und drei von Meliacs Gardisten stürzten ins Zimmer. Während eine Soldatin mit angelegtem Lasergewehr am Fenster in Stellung ging, riss ihr breitschultriger Kamerad Lord Allecar von seinem Stuhl und schob in hinter sich in Richtung Tür, dieweil der dritte Soldat den Gang sicherte: „Sie müssen weg.“
„Ziel ist unversehrt und auf dem Weg in den Bunker.“ Wie die meisten Residenzen hatte auch das Allecar-Anwesen nicht nur mehrere sichere Räume, sondern auch einen unterirdischen Luftschutzbunker, der Angriffen mit den meisten konventionellen Waffen sowie biologischen und chemischen Kampfstoffen widerstehen konnte – sogar einem Nahtreffer mit einem taktischen Atomsprengkopf.
„Weg frei. Wiederhole, Weg frei. Zusätzliche Kräfte treffen ein in…“
„Stopp!“ Zum Glück gehorchte der Gardist. Lord Allecar hätte nur ungern den ebenso würde- wie chancenlosen Versuch unternommen, seinen ‚Beschützer‘ zu stoppen: „Was bei den Höllen ist los?!“
„Es gab einen Vorfall beim Haupttor. Angreifer mit automatischen Waffen.“
„Am Haupttor? Greift die Garde an?“
„Wir wissen nicht…“
„Natürlich ist es nicht die Garde. Dann wären Sie längst durchgebrochen. Nein. Also werde ich mich nicht verkriechen.“
„Mein Lord, bis die Lage geklärt ist…“
„Ich habe Ihre Bedenken zur Kenntnis genommen. Nehmen Sie meine Befehle zur Kenntnis.“
Der Soldat musterte seinen Lord ein paar Augenblicke: „Sucht wenigstens einen geschützten Raum auf, mein Lord. Bis die Lage geklärt ist.“
Meliac Allecar überlegte kurz. Er wusste die professionelle Besorgnis seiner Leibgarde durchaus zu schätzen, und es empfahl sich, ihnen zu signalisieren, dass er ihre Sorge auch ernst nahm. In einem der Schutzräume war Meliac zumindest vor Angreifern mit Kleinwaffen und leichten Sprengsätzen sicher. Außerdem gab es dort eine autarke Luftversorgung für zwölf Stunden, eine gesicherte, redundant funktionierende Kommunikationseinrichtung sowie Wasser und Lebensmittel: „Meinetwegen. Aber ich will umgehend informiert werden, sobald die Lage geklärt ist. Und ich will wissen, dass es meinem Sohn gut geht. Und noch etwas – NIEMAND schießt auf die kaiserliche Garde, es sei denn, Sie dringen in das Haupthaus ein. Und selbst dann Feuererlaubnis nur nach meiner ausdrücklichen Genehmigung. Geben Sie das weiter!“
„Selbstverständlich mein Lord. Wenn Ihr mir folgen würdet…“

Vor dem Haupttor des Anwesens war das kurze aber heftige Feuergefecht inzwischen vorbei. ‚Nicht, dass da ein Zweifel bestanden hätte.‘ dachte Lieutenant Ajanni, Kommandantin der zur Bewachung des Allecar-Anwesenden abgestellten Gardeeinheit. Doch sie fühlte keine Genugtuung.
Die drei Angreifer in den Uniformen der Kaiserlichen Garde waren tot, wie ihr leichtgepanzertes Fahrzeug von zahllosen Treffern durchsiebt.
„Die Allecars wollen wissen, was verdammt noch mal eigentlich los ist. Ihre Worte.“
Ajanni wandte ihren Blick von den verbrannten Leichen der Angreifer ab: „Sagen Sie ihnen, es hat ein Missverständnis gegeben. Die Lage ist unter Kontrolle.“
„Ein MISSVERSTÄNDNISS?! Wir haben einen Schwerverwundeten, zwei Allecar-Gardisten sind tot, ein dritter überlebt vielleicht nicht die Nacht! Die Angreifer waren Mitglieder der Garde! Und ich soll ihm sagen, dass – was?! Dass diese drei Arschlöcher sich verfahren haben und das falsche Anwesen stürmen wollten?!“
„Na und?! Wir haben einen toten Kriegsminister und Gardisten, die auf ihre Kameraden schießen, nur weil ein paar Adlige nicht im eigenen Bett schlafen können! Also sagen Sie den Allecars, was sie wollen! Aber wir werden das Ansehen der Garde nicht durch den Dreck ziehen, nur damit ausgerechnet Meliac Allecar und sein Söhnchen besser schlafen können!“
„Dero Allecar ist…“
„Ich weiß, was er ist. Und auch, was er NICHT ist. Ich habe für ihn auf meine Brüder und Schwestern geschossen!“
Ihr Ausbruch schien an dem steinernen Gesicht ihres Stellvertreters abzuprallen. Dennoch waren seine nächsten Worte leiser: „Das weiß ich. Ich habe es auch getan. Und ich würde es wieder tun. Sergeant Len ist auch unser Bruder – und dennoch haben die Angreifer ihn niedergeschossen. Und wenn Gardisten sich anmaßen, darüber zu entscheiden, welche Mitglieder der kaiserlichen Familie es verdienen zu leben und welche sterben sollen…“
„Die Allecars…“, Ajanni schluckte herunter, was sie hatte sagen wollen. Wie auch den Hinweis darauf, dass die Garde mehr als einmal noch viel weiter gegangen war als diese drei Narren.
„Das Oberkommando wird wissen wollen, was passiert ist.“
„Und das soll es auch erfahren. Aber das geht nur die Garde etwas an. Niemanden sonst.“
„Und…das hier?“ Die Handbewegung ihres Untergebenen umfasst das zerschossene Fahrzeug, die zugedeckten Leichname und verstreuten Waffen.
„Räumt das weg. Wir wollen doch nicht, dass LORD Allecar sieht, wer die Rechnung für seinen Ehrgeiz bezahlt.“
Während Ajannis Stellvertreter sich entfernte, kehrte der Blick der Gardeoffizierin zu der Rettungsdecke zurück, die den Leichnam des Anführers der Attentäter verbarg. Leutnant Renik war in ihrem Alter gewesen. ‚Warum, du Idiot? Warum? War es das wert? Dass Garde jetzt auf Garde schießt?!‘ Natürlich erhielt sie keine Antwort. Die Toten blieben stumm.

Dieser Beitrag wurde 1 mal editiert, zum letzten Mal von Tyr Svenson: 22.07.2017 18:53.

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"Aber Brutus ist ein ehrenhafter Mann!"
Shakespeare, "Julius Cäsar"


Anwesen von Prinz Rallis Thelam,

„Wie lange wollt Ihr euren…Gast warten lassen?“ Dan Qaus Stimme klang etwas unsicher. Vermutlich erinnerte er sich an die erste Reaktion des Thronprätendenten, als er Gilat Allecar angekündigt hatte, eine Nichte von Lord Meliac Allecar. Rallis, der eben erfahren hatte, wie das Duell zwischen Dero und Linais Ehemann ausgegangen war, hatte einige recht farbige Wörter bezüglich der Herkunft und Sexualgewohnheiten von Lord Meliac, seinem Sohn und den Angehörigen von Haus Allecar generell gebraucht. Und hinzugefügt, dass Meliac sehr gut daran getan hätte, keinen männlichen Vertreter seines Hauses zu schicken. Denn in diesem Fall wäre Rallis doch sehr versucht gewesen, den Boten einfach zu Lord Allecar zurückzuschicken. Natürlich mit seinem Kopf in einem separaten Behälter.
Inzwischen hatte sich der Prinz und Thronprätendent allerdings beruhigt. Er schürzte lediglich kurz die Lippen: „Ich WILL sie warten lassen, bis Dero Allecar an Altersschwäche eingegangen ist. Aber da es leider nicht darum geht, was ich will, gib mir noch zwanzig Minuten. Damit bleibe ich noch gerade im Rahmen dessen, was als höflich gelten kann. Auch wenn ich Wichtigeres zu tun habe, als mich mit dieser Bande von Emporkömmlingen abzugeben. Gibt es irgendetwas Neues?“
Er brauchte nicht genauer zu werden. Dan Qau wusste, was sein Lehrmeister und Arbeitgeber meinte und spannte sich unwillkürlich an: „Offenbar wird die Nacht ruhig bleiben. Abgesehen von dem Zwischenfall beim Anwesen der Allecars…“
„Was für eine sinnlose, vergebliche Verschwendung.“ In Rallis Thelams Stimme schwang echtes Bedauern mit. Allerdings war sich Dan Qau ziemlich sicher, was Rallis wirklich bedauerte: „Aber wir müssen uns wohl damit zufriedengeben, dass das große Blutvergießen verhindert werden konnte.“

Dan Qau wusste noch immer nicht, was es gewesen war, dass Rallis Entschluss herbeigeführt hatte. Waren es die Treffen mit Vertretern der Admiralität und des Generalstabes gewesen? Das gestrige Gespräch mit dem Kommandeur der Kaiserlichen Garde? Oder die vertrauliche Zusammenkunft des Prinzen mit dem Kanzler, die Dan Qau mit großem Widerwillen arrangiert hatte – bedeutete es doch, dass er Boten zwischen den beiden Menschen spielen musste, die er am meisten zu enttäuschen fürchtete – seinen Onkel und seinen Dienstherren. Hatte Rallis am Ende Angst vor der eigenen Courage bekommen, als er erkannte, wie weit die Putschpläne der Offiziersfrondeure und heißblütigen Jungadligen auch durch Rallis heimliche Unterstützung und gegen die Allecars, Kriegsminister Jockham und gleichzeitig auch die eher reaktionär und expansionistisch gestimmten Teile des Adelsrates gerichteten Intrigen gediehen waren? Hatte er nie vorgehabt, es so weit kommen zu lassen? Hatte das alles nur dem Ziel gedient, das Entstehen einer Drohkulisse zu inszenieren, um Rallis Weg nach Oben zu ebnen?

Falls das der Plan des Prinzen gewesen war, so war er gescheitert. Und in den letzten zwei Dutzend Stunden hatten Rallis, Dan und zahllose andere Akarii, die längst nicht alle zu den Gefolgsleuten des Thronprätendenten gehörten, alles in ihrer Macht stehende unternommen, damit der geplante Putsch nicht stattfand – ohne jedoch die jungen Möchtegernrebellen ans Messer zu liefern. Dass das irgendwie zumindest halbwegs funktioniert hatte, lag paradoxerweise auch daran, dass die Offiziersfronde und die gegen den Aufstieg der Allecars aufbegehrenden jungen Adligen so viele Sympathisanten und Verbindungen hatten. Das Netzwerk aus gegenseitigen Verpflichtungen und Freundschaften, alten Bündnissen und Allianzen, das das gesamte Imperium und seine Führungsinstanzen durchzog und das im Verlauf der Jahrtausende immer komplexer und dichter geworden war, hatte es den angehenden Putschisten erlaubt, ihre Planungen gefährlich weit voranzutreiben, gleichzeitig zumindest Teile ihrer Planungen durchsickern lassen – jedoch auch sichergestellt, dass selbst viele derjenigen, die einen Putsch kategorisch ablehnten, nicht daran interessiert waren, zu viel Blut zu vergießen. Immerhin konnte es sehr leicht das eines Verwandten oder zukünftigen oder früheren Verbündeten sein…
Das bedeutete natürlich nicht, dass das alles nur ein Spiel war – schon immer war der Kampf der Häuser mit Gewalt verbunden gewesen. Aber die gegenseitigen Abhängigkeiten hatten sich zumindest in den letzten paar hundert Jahren zu einer informellen Kontrollinstanz dafür entwickelt, dass ein gewisses Maß gehalten wurde. Was ein Grund war, warum sich der imperiale Adel noch nicht gegenseitig ausgerottet hatte und Familien wie die Thelams, die Tarans und die Allecars trotz aller Umstürze, Intrigen und politischen Wirrungen ihre Herkunft bis in die Akarii-Antike zurückverfolgen konnten.
Mochten auch in den letzten paar hundert Jahren immer wieder adlige Verschwörer (oder die Ziele der nämlichen Verschwörungen) ermordet, hingerichtet oder verbannt worden sein – das waren Machtmittel, die mit Bedacht eingesetzt worden waren. Ein ganzes Haus zum Untergang zu verdammen, blutige Säuberungen abrollen zu lassen, wie sie in der Geschichte der Menschheit üblich waren – all das hatte es früher gegeben, doch galten derartige Maßnahmen und ihre langfristigen Folgen im Imperium inzwischen immer mehr als ein warnendes Beispiel.
Denn viele, die es beim Einsatz der ihnen zur Verfügung stehenden Gewalt an Augenmaß missen ließen – wie etwa Imperator Xias der Blutige und andere legendäre Tyrannen – hatten am Ende erkennen müssen, dass sich das im Überfluss vergossene Blut gegen sie wandte.
Allerdings war sich Dan Qau sich nicht sicher, ob diese ungeschriebenen Regeln immer noch galten. Die Jahrzehnte der Aufrüstung und des Klingenrasselns, die Abschottung gegenüber den benachbarten Reichen, wachsende Spannungen und Revolten in den kaiserlichen Provinzen und vor allem der immer erbitterter geführte Krieg gegen die menschliche Sternenrepublik hatten eine Generation großwerden lassen, denen die in den letzten Jahrhunderten etablierten Regeln immer weniger galten. Die entweder bereit waren, diese umzustoßen – oder die sich von einer älteren, blutigeren Vergangenheit inspirieren ließen. Die wachsende Popularität der Duellkultur war ein Indiz dafür, wie auch die Renaissance des in den Streitkräften nie ganz aus der Mode gekommenen Glaubens an die grausamen Götter der Sternenleere.

Und deshalb beschränkte sich Dans Antwort auf Rallis Thelams Äußerung, dass man ein Blutvergießen verhindert hätte, auf ein knappes „Vorerst…“.
Sein Dienstherr überrasche ihn mit einem jähen Auflachen: „Mein lieber Dan, du entwickelst dich ja zu einem echten Zyniker. Was gibt es Neues von Parin und seiner…Begleitung?“
„Sie dürften den Planeten bereits verlassen haben…in diesem Augenblick, ja. Bisher verläuft alles planmäßig. Wenigstens dieses eine Mal.“
„Gut. Die Zeit spielt dabei eine entscheidende Rolle. Die Allecars mögen de facto die Position des Prinzessgemahls einnehmen, aber wenigstens gibt ihnen das keine direkte Kontrolle über die Streitkräfte. Zumindest vorerst nicht. Also nur noch ein wenig Zeit…und die Allecars werden da nicht mehr eingreifen können, selbst WENN sie es schaffen sollten, sich das nun vakante Kriegsministerium zu sichern. Wenn sie es nicht riskieren wollen, die Armeeführung gegen sich zu mobilisieren. Und DAS können sie sich nicht leisten. Noch lange nicht. Im Militär hat Dero ja nun wirklich wenig Bewunderer.
Und deshalb…wird es Zeit, dass ich mich unserer ungebetenen Besucherin widme.“
„Wollt Ihr sie hier empfangen?“ Dan Qau sah sich in dem kleinen und ziemlich überfüllt wirkenden Zimmer um, dass ihn mit den Stapeln teilweise antiker Bücher und den nachlässig arrangierten Schalen, Kleinstatueten, antiken Waffen und anderen Artefakten eher an das Studienzimmer eines Hobbyhistorikers erinnerte und seiner Meinung nach besser zu Lisson als zu Rallis passte. Aber vielleicht war das der Grund – bei dessen seltenen Besuchen zogen sich die beiden Cousins meist in dieses Zimmer zurück. Was allerdings die Frage offenließ, warum Rallis sich ausgerechnet JETZT hier verkrochen hatte.
„Du hast natürlich Recht, das geht nicht. Nein, auch nicht in einem der Audienzräume – das würde dem Ganzen eine etwas zu offizielle Note geben. Außerdem würde Gilat dort damit rechnen, dass ihre Worte aufgezeichnet werden.“
„Davon wird sie sowieso ausgehen.“
„Mal sehen. Bring sie in einen der Innenhöfe.“
„Aber es stürmt immer noch.“
Rallis Thelam seufzte leicht gereizt, während er eine etwas protzige Brosche an dem Kragen seiner Robe befestigte: „Natürlich. Dann denkt sie vielleicht, dass Donner und Regen etwaige Aufzeichnungsgeräte behindern. Und ja, wir wollen natürlich nicht, dass sie nass wird. Also führe sie zum Dritten Hof, der hat einen Säulengang.“

Als Rallis das Zimmer verließ, riskierte Dan Qau einen raschen Blick auf die neben dem Holoschirm des Kommunikators verstreut lagen. Er konnte nicht alle Titel lesen, denn sein Alt-Heklar war ziemlich eingerostet. ‚Die Kinder der Schwarzen Woge‘ – er hatte keine Ahnung, was damit gemeint war. ‚Söhne Dur’dashars und Töchter Kara’ra’Karrgs‘ – das hatte etwas mit zwei der ältesten Göttern zu tun, die immer noch verehrt wurden.
Dass Rallis Thelam, der nach Dan Qaus Einschätzung an nichts und niemand glaubte, es für nötig hielt, sich mit derartig esoterischen Dingen zu beschäftigen, war etwas beunruhigend. Und die letzten Bücher, dessen Titel er lesen konnte…‘Der Prinz und die Cha’kal‘ und ‚Krieger ohne Gesicht‘.

Nun, DAS ergab Sinn, auch wenn er Dan Qau ganz und gar nicht gefiel. Die Cha’kal waren eine Eliteformation, die noch exklusiver als die Kaiserliche Garde war. Weder die Namen noch die Herkunft – nicht einmal die Zahl – ihrer Mitglieder waren bekannt. Die meisten Schätzungen gingen von nicht mehr als eintausend Männern und Frauen aus – mit einem Budget, das für mehrere Armeedivisionen und Großkampfschiffe gereicht hätte. Die Cha’kal unterstanden der direkten Kontrolle des Imperators. Sie kamen bei Missionen zum Einsatz, die für die Garde und die ‚normalen‘ Spezialeinheiten zu heikel waren. Wozu auch Attentate, Anschläge und politischer Terror gehörten. Und das war eigentlich auch schon alles, was halbwegs sicher bekannt war.
Weniger validen Gerüchten zufolge hatten die Cha’kal mehr als einmal einem in ihren Augen ‚unwürdigen‘ Imperator ihre Unterstützung verweigert oder entzogen – was in der Regel sein baldiges Ableben nach sich gezogen hatte. Selbst ‚glaubhafte‘ Vermutungen über ihre Ausrüstung und Rekrutierung drehten sich um zu gnadenlosen Killern trainierten Waisenkinder, genetische und kybernetische Modifikationen sowie Waffen, die für die regulären Streitkräfte noch Jahre von der Einsatzreife entfernt waren. Aber immerhin gingen diese Vermutungen davon aus, dass die Cha’kal Akarii – oder zumindest sterblich waren. Phantasievollere Quellen sprachen von einem ‚inneren Zirkel der Cha‘kal‘, der weder das eine noch das andere war, und zogen Linien zu den dämonischen Sagengestalten der Akarii-Antike, die der Einheit ihren Namen gegeben hatten.
In gewisser Hinsicht fast genauso fantastisch waren jene Zweifler, die meinten, die Cha‘kal seien in Wahrheit nur ein imaginäres Schreckgespenst, eine Schimäre der imperialen Propaganda, um Feinde und Dissidenten einzuschüchtern.
Dan Qau unterdrückte ein Zusammenzucken. Für einen Augenblick hatte er das Gefühl gehabt, dass er in dem leeren Raum nicht alleine war. Hastig drehte er sich um und eilte seinem Dienstherren hinterher.

Falls Gilat Allecar, die ein paar Jahre jünger als Dero war, über den Ort des Gesprächs überrascht war, überspielte sie das gut. Ebenso wie die Tatsache, dass der Thronprätendent sie nur knapp wenn auch höflich grüßte, und dann seinen Blick wieder in die Mitte des Innenhofes wandte, auf die von immergrünen Gewächsen halb verdeckte Statue eines sitzenden Akarii in antiken Gewändern. Angesichts der Tatsache, dass Gilat – jung, weiblich, attraktiv und nach allem was Dan Qau wusste auch nicht dumm – eigentlich in Rallis Beuteschema passte, war das eine kleine Überraschung. Allerdings war der Thronprätendent in den letzten zwanzig Stunden damit beschäftigt gewesen, ein Blutvergießen zu verhindern. Und hatte realisieren müssen, dass die auch von ihm selber angestoßenen Intrigen auf die fast schlimmstmögliche Art und Weise aufgegangen waren. Das reichte vermutlich aus, um auch das lebhafteste Libido zu zügeln.

„Erkennen Sie ihn, Gilat?“
„Ich bin nicht ganz sicher, Hoheit…“
„Imperator Clodus hätte sich bestimmt nie träumen lassen, dass er von einem Gelegenheitshistoriker und Freizeitgelehrten zu einem der besten Kaiser in einer sehr…turbulenten Zeit aufsteigen würde. Und dass nur, weil er als einziger Thronprätendent einen Putschversuch überlebte…“
Dan Quaus Meinung nach war das vielleicht doch schon etwas zu vordergründig. ‚Oder willst du jetzt darauf hinweisen, dass du einen neuen Spieler ins Rennen bringen willst?‘
Nach der Art und Weise, wie Gilat Allecar den Prinzen von der Seite musterte, hatte sie die Anspielung verstanden. Zumal Rallis auch noch nachlegte: „Und hätte Clodus bei seiner Familienpolitik und den Entscheidungen des Herzens dieselbe Weisheit bewiesen wie als Herrscher und Historiker, er wäre vielleicht in die Geschichte eingegangen als einer der wahrhaft Großen. Aber so werden all seine Weisheit und seine Leistungen verdunkelt durch den Bürgerkrieg, der nach seinem Tod ausbrach und der Xias den Blutigen auf den Thron brachte.“
„Das alles mag für Historiker gewiss faszinierend sein, aber vielleicht wollt Ihr euch doch eher der Gegenwart zuwenden, um die Zukunft zu gestalten.“ Die Stimme der jungen Adligen klang etwas angespannt. Offenbar fühlte sie sich recht unwohl und war nicht in der Stimmung für Rallis' Spielchen.
„Ich denke ja, dass wir der Geschichte gedenken sollten. GERADE wenn wir die Zukunft gestalten wollen. Wir riskieren sonst, die Vergangenheit zu wiederholen…“
„Lord Meliac Allecar wendet sich an Euch in eurer Funktion als ältester der unmittelbaren Angehörigen unserer geliebten Prinzessin…“, Rallis reagierte auf die Einleitung mit einem Laut der verdächtig nach einem ungnädigen Schnaufen klang. Und sogar Dan Qau war der Meinung, dass die Allecars etwas dick auftrugen. ‚Dass Linai so vielgeliebt ist, ist ja wohl das eigentliche Problem.‘
„Lord Allecar ist sich sehr wohl bewusst, dass zwischen seinem Haus und euch eine gewisse…Missstimmung besteht. Ich bin hier, weil ich Euch versichern soll, dass dies niemals in seiner Absicht lag. Oder in der seines Sohnes.“
„Hm. Und warum will keiner von ihnen mir das persönlich mitteilen?“
„Dero Allecar ist verwundet. Und Lord Allecar…lässt Euch ausrichten, dass er euch auch als Gegner zu sehr achtet, um persönlich uneingeladen hier zu erscheinen.“ Dan Qau zuckte leicht zusammen, als Rallis Thelam jäh auflachte. Vermutlich hatte Gilat – oder ihr Onkel – auf genauso eine Reaktion gehofft. Allerdings war Rallis Belustigung nur kurzlebig: „Lord Allecar muss wissen, dass er nach seinen Tun beurteilt wird. Irgendwann können Worte da nichts mehr ändern.“
„Worte können genauso machtvoll sein wie Taten. Und tiefere Wunden schlagen als eine Klinge. Wie Ihr nur zu gut wisst, Hoheit.“
„Sind das ebenfalls Meliac Allecars Worte? Oder Eure eigenen, Gilat?“
„Das spielt keine Rolle. Hier und heute bin ich die Stimme des Hauses Allecar.“
Dan Qau biss sich auf die Lippen. Irgendwie hatte er das Gefühl, diese Sätze schon einmal gehört zu haben. Das Hin und Her, die Richtung in die das Gespräch steuerte, erinnerte ihn an eine der alten Historienbücher, die er als Junge gelesen hatte. Und meist hatten die in einem großen Blutvergießen geendet.
„Und was will die Stimme des Hauses Allecars mir ausrichten? Eine Warnung? Eine Drohung?“, kurz schien Rallis Thelams Maske aus sarkastischer Abgeklärtheit zu verrutschen: „Ich bin ein Mitglied des Hauses Thelam. Ich habe keine Angst. Nicht vor dem Haus Allecar und auch nicht vor einer noch so großen Anzahl Opportunisten, die sich heute oder morgen plötzlich dessen Gefolgsleute nennen. Meine Vorfahren haben das Imperium groß gemacht. Wir haben die Akarii zu den Sternen geführt! Und wir werden auch noch in tausend Jahren regieren!“
„Und nichts anderes will Haus Allecar. Wir sind bereit, all unsere Macht, unseren Reichtum und unser Können in den Dienst des künftigen Imperators zu stellen, um zu garantieren, dass die Herrschaft des Hauses Thelams anhält. Und um diese Herrschaft zu sichern und zu erhalten, bis sie in die Hände von Prinzessin Linais ungeborenem Sohn gelegt werden kann, müssen wir uns zusammenschließen und alle vergangenen Kränkungen vergessen. Stabilität und Sicherheit haben jetzt Vorrang.“
„Die niemals derart in Zweifel stehen würden, wenn Haus Allecar gegenüber dem Prinzessgemahl nicht auf derart…spektakuläre Art und Weise seinen Anspruch durchgesetzt hätte.“
„Umso mehr braucht jetzt das Reich eine stabile, verlässliche und breite Führung, die im Interesse seines künftigen Herrschers handelt. Und um diese zu garantieren ist Haus Allecar bereit, Euch einmal mehr die Hand entgegenzustrecken.
Alle…Spannungen der letzten Wochen und Monate, alle Bestrebungen unseres Hauses zielten niemals gegen das Haus Thelam oder gegen Euch. Sondern sollten nur garantieren, dass die Herrschaft des künftigen Imperators nicht auf einer Lüge gegründet ist. Und dass er von der Familie seines WAHREN Vaters unterstützt wird. In Übereinstimmung mit den Traditionen des Reiches und der Götter.“
Rallis Thelam schnaubte kurz: „Lasst die Götter aus dem Spiel. Ihr seid zu jung, als dass ich euch das abnehmen würde. Wenn Meliac und sein Sohn den Griff nach der Macht ausgerechnet DAMIT legitimieren wollen, sollten sie zumindest den Anstand haben, dieses…Schmierentheater gegenüber denjenigen zu unterlassen, die es besser wissen.“
Nach Dan Qaus Meinung hielt sich Gilat Allecar recht gut, dafür dass ihre Mission mehr und mehr zu scheitern drohte. Offenbar war sie noch immer nicht gewillt, aufzugeben: „Lord Meliac Allecar ist sich dessen bewusst, dass die berechtigten Ambitionen seines Hauses euch und andere Mitglieder der Thelams verärgert haben…“
„Seine ‚berechtigten‘ Ambitionen haben bereits das Leben des Prinzessgemahls gekostet. Vergebt mir, wenn ich nun etwas misstrauisch bin und mich frage, wer vielleicht noch neben Tobarii Jockham auf der Liste steht. Gerade in meiner Funktion als eines der Familienoberhäupter des Hauses Thelam habe ich eine Verpflichtung für die…Unversehrtheit der Leben und der Ehre meiner Verwandten und Gefolgsleute.“

Das war nach Dan Qaus Meinung etwas unverschämt. Immerhin hatte Rallis in den letzten Monaten alle Hebel in Bewegung gesetzt, um das Beziehungsdreieck Tobarii-Dero-Linai gegeneinander auszuspielen und sein eigenes politisches Ranking auf ihre Kosten auszubauen. Und auch gegenüber männlichen Angehörigen des Hauses Thelams war sich Rallis keiner Intrige zu schade gewesen, wovon der inzwischen verstorbene Jor und Karrek ein Lied hätten singen können. Aber ob Gilat Allecar dies wusste oder nicht, sie würde es nie ansprechen.

„Die letzten Monate haben zu dem ein oder anderen…Missverständnis geführt. Und auch Euer Verhalten war nicht immer das freundschaftlichste.“
„Hm. Vielleicht hatte ich ja so eine Ahnung wohin das alles führen könnte. Dero und Tobarii hingegen…eine Zeitlang schienen die beiden dieselbe Meinung zu teilen, was unsere Politik gegenüber den Menschen angeht. Aber das hat ja nicht so lange vorgehalten.“
‚Weil sie eben nicht nur Ansichten geteilt haben.‘ ergänzte Dan Qau in Gedanken. Aber nicht einmal Rallis war so unhöflich, das auszusprechen.
„Haus Allecar ist weiterhin zuversichtlich, Euch von seinen guten Absichten überzeugen zu können.“
„Das sollte vor allem auch von seinem künftigen Verhalten und Taten abhängen, findet Ihr nicht, Gilat Allecar? Worte können mächtig sein, und sie können verletzen – aber sie sind auch sehr billig.“
„Und einen ersten Schritt dazu möchte ich heute machen. Indem ich im Namen meines Onkels Meliac Allecar und meines Cousins Dero Allecar bei euch um die Hand eurer Cousine anhalte.“ Und damit schaffte Gilat Allecar etwas, dass im allgemeinen nur sehr wenigen gelang. Für ein paar Herzschläge war Rallis Thelam sprachlos. Und dem dann hervorgestoßenen „Was?!“ mangelte es ebenfalls an der oft boshaften Eloquenz, für die Rallis berühmt war.
„Wie erwähnt – Ihr seid der älteste männliche Angehörige von Prinzessin Linai. Und deshalb verlangt es die Tradition, dass ein solches Ersuchen zuerst an euch gerichtet wird.“
„Ich habe schon einmal gesagt, dass ich Meliacs…Interpretation unserer Traditionen nicht allzu viel abgewinnen kann. Und zweifellos habt weder Ihr noch euer Onkel vergessen, dass ich erst vor wenigen Wochen im Adelsform auf…traditionelle Art und Weise deutlich gemacht habe, was ich von Deros Anspruch halte.“

Auch Dan Qau erinnerte sich noch sehr gut an die Szene, als sein Dienstherr mit einer seit der Antike üblichen Geste der Verachtung Meliac Allecar als einen Frevler und Verräter am Imperium geziehen, damit eine bereits am Rande des Chaos stehende Sitzung des Adelsforums gesprengt und ein Drittel oder mehr der Tagenden zum Auszug angestiftet hatte.

„Und genau deswegen will das Haus Allecar darauf verzichten, diese Fehde fortzusetzen. Statt uns im Kampf gegeneinander aufzureiben wäre es so viel sinnvoller, gemeinsam an der Gestaltung der Zukunft zu arbeiten. Zumal so sichergestellt werden könnte, dass nicht andere, weniger…würdevolle Gewinn daraus ziehen und vielleicht Posten und Würden übernehmen, die Mitgliedern des Hauses Thelam gebühren.“
Auch Dan Qau erkannte diese Worte als das was sie waren. Ein Köder – aber auch eine Drohung. Die allerdings Rallis Thelam nicht allzu sehr die Ruhe zu rauben schienen: „Wenn ich meine Meinung jetzt ändern würde, nur weil die Würfel des Schicksals nicht so gefallen sind, wie es vielleicht erwartet wurde…damit würde ich meiner Familie wenig Ehre machen.“
„Heißt das, Ihr werdet…“
„Das heißt, ich nehme das Ersuchen von Haus Allecar zur Kenntnis. Ich werde es sogar an meine Cousine weitergeben, sobald sie ihre Trauer beendet hat. Aber erwartet nicht, dass ihr in mir einen Fürsprecher habt. Dafür ist zu viel geschehen. Oder zu wenig. Alles weitere…muss die Zeit erweisen.“
„Ihr meint…“
Wieder ließ Rallis seine junge Gegenüber nicht ausreden: „Richtet Meliac Allecar genau diese Worte aus. Er kann sich gerne seinen eigenen Reim daraus machen. Und erinnert Ihn noch einmal daran, dass ich ein Mitglied des Hauses Thelam bin. Und was das bedeutet. Wir dienen dem Imperator. Niemanden sonst. Und mit weniger werde ich mich nicht zufrieden geben.
Dan, unsere bezaubernde Besucherin muss gehen. Geleite sie zum Haupttor und stelle sicher, dass sie gut durch den Kontrollposten gelangt. Ich habe gehört, dass es da heute schon ein…Missverständnis gegeben hat.“ Gilat Allecars leicht verwirrter Miene nach hatte sie noch nichts von dem gescheiterten Anschlag auf das Anwesen ihrer Familie gehört. Sie schien wenig glücklich, einfach weggeschickt zu werden. Aber da Rallis Thelam sich wieder der Statue von Imperator Clodus zugewandt hatte, kam Dan Qau in den Genuss ihres bemerkenswert willensstarken Blickes. Er seufzte innerlich. Diesmal hatte Rallis legendärer Charme offensichtlich versorgt: „Wenn Ihr mir bitte folgen würdet…“

Als er nach einer knappen Viertelstunde zurückkehrte, fand er seinen Dienstherren immer noch an derselben Stelle vor: „Hoheit?“
„Clodus Vermächtnis sind seine Bettangelegenheiten zum Verhängnis geworden. Seine Gelehrtheit hat ihm da wenig geholfen. Ich frage mich, ob er das jetzt lustig finden oder über unsere Dummheit weinen würde.“
Der ‚weinende Imperator‘ war eine häufig verwendete Figur in traditionellen Akarii-Dramen, die dem Untergang einer Dynastie oder einer Armee eine persönlichere Note verleihen sollte.
„Verzeiht Hoheit, aber Ihr wart ziemlich…direkt. Und fast unhöflich.“
„Findest du? Ich denke ja, dass ich mich sehr zurückgehalten habe. Aber ich hatte schon immer eine Schwäche für ein hübsches Gesicht. Und mit den Allecars muss man direkt sprechen. Vor allem, wenn sie glauben auf der Siegerstraße zu sein.“
„Ich glaube nicht, dass Gilat Allecar das so sehen wird.“
„Nun, mit dieser verpassten Chance werde ich wohl leben müssen. Hm…ich frage mich, ob mir Meliac Allecar mit Absicht eine seiner unverheirateten Nichten geschickt hat. Oder…“, der Thronprätendent grinste flüchtig, „…vielleicht hat er ja auch an dich gedacht.“
„Mich?“
„Mach dich nicht unbedeutender als du bist. Immerhin kommst du aus der Familie des Kanzlers. Und das macht dich zu einer guten Partie.“
„Statt über meine Chancen auf dem Heiratsmarkt zu spekulieren…“, Dan Qau holte kurz Luft: „Könnte Ihr mir nicht lieber verraten, warum Ihr so…brüsk wart? Ich behaupte nicht, dass ich das Spiel schon perfekt beherrsche, aber für mich klang es so, als würde Allecar euch seine Zusammenarbeit anbieten. Und einen Posten.“
„Und wie großzügig Meliac doch mit der Macht ist, die er sich anzueignen im Begriff ist. Und das soll ich durch meine Zustimmung legitimieren? Nein. Nicht so schnell. Du musst das verstehen, Dan. Ich habe Meliac Allecar ins Gesicht gespuckt und den halben Adelsrat gegen ihn mobilisiert. Wenn ich jetzt die Seiten wechsele – wie stehe ich denn dann da?
All jene, die sich gegen den halben Putsch der Allecars verschworen haben – oder es zumindest gerne getan hätten - würden mich als einen ganzen Verräter ansehen. Alles was ich in den letzten Jahren aufgebaut habe wäre wertlos. Und was würde das für ein Signal für all jene sein, die jetzt noch unentschieden sind oder schwanken? Binnen kürzester Zeit stünde ich ziemlich alleine und verlassen da, während das Lager der Allecars immer weiter wachsen würde. Bald wäre ich nicht viel mehr als ein…Anhängsel. Ein Aushängeschild. Ohne echte Macht oder Druckmittel. Nein. Wenn ich es auch nur erwägen will, mich dem Allecar-Lager anzuschließen, dann aus einer stärkeren Position. Und für mehr als nur ein paar vage Worte.“
„Aber so riskiert Ihr es, dass die Allecars sich woanders Unterstützung suchen.“
Rallis Thelam schnaubte verächtlich: „Na, das möchte ich mal sehen. Wen von den alten Häusern haben sie denn auf ihrer Seite? Die Zuuni? Ganz gewiss nicht. Die Taran? Da erwartet sie möglicherweise noch die ein oder andere Überraschung. Und ansonsten…werden sie bald bemerken, dass sie vielleicht eine Schlacht gewonnen haben, aber nicht den Krieg. Und dass sie sich in ein Gewässer gewagt haben, in dem auch noch ganz andere Raubfische schwimmen. Und dann sind da noch die Flotte, die Armee und die Garden. Glaub mir, Dan, es ist noch lange nicht vorbei. Es hat gerade erst angefangen…“
29.08.2017 18:44 Tyr Svenson ist offline E-Mail an Tyr Svenson senden Beiträge von Tyr Svenson suchen Nehmen Sie Tyr Svenson in Ihre Freundesliste auf
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TRS Columbia
Sterntor-System

„Wir haben die Umlaufbahn verlassen und das Gravitationsfeld von Masters verlassen“, meldete der Rudergänger
„Maschinen ein Drittel voraus“, befahl Commander Charles Stacy, „Kurs zwo-null-acht.“
Der Rudergänger wiederholte die Befehle und führte sie dabei sofort aus.
„Signaloffizier, Funkspruch an Kampfverband: Eskortpositionen einnehmen.“
Auch der Signaloffizier gab den ihm gegebenen Befehl wieder.
Es war eine alte Navytratdition, die Befehle zu wiederholen. Es war wichtig, dass der Offizier der den Befehl ausgegeben hatte wusste, dass er verstanden worden war.
Redundanz beherrschte die Marine im Weltall noch mehr als in den blauen Ozeanen der menschlichen Heimatwelt.
Als Stacy auf den Kartentisch blickte kam er nicht umhin den Mund zu verziehen. Die Eskorte für die Columbia war geradezu schwach. Ein schwerer Kreuzer, dazu ein leichter und zwei Flak-kreuzer. Sechs Zerstörer und vier Fregatten.
Die Schlacht von Sterntor hatte ihren Tribut gefordert und der Einsatz der Columbia hatte nicht die Priorität um eine Battlegroup aus mehreren Schwadronen zu bilden.
Doch auch in seiner Welt als Kreuzerfahrer war ein Flottenträger eigentlich zu wertvoll als dass man bei seiner Verteidigung halbe Sachen machte.
Ihn erreichte die Meldung, dass die FORCAP gestartet worden war und zwei weitere Symbole erschienen auf dem Kartentisch, die als Falcons der grünen Schwadron markiert wurden.
Zumindest war der CAG unter all seinem Gehabe Profi genug, den Dienstbetrieb ordentlich organisiert zu bekommen.
Staffords neueste Eskapade war ihm natürlich auch zu Ohren gekommen. Vor einigen Mannschaften hatte dieser freimütig seine Meinung über Stacy kundgetan. Nicht das Charles Stacy nicht darüber stehen würde, was dieser Provinz-Pilot über ihn dachte aber Kommandooffiziere sollten zumindest einen gewissen Grad an Professionellen Zusammenhalt besitzen. Gut, vielleicht war es wirklich mal an der Zeit etwas aufzutauen und den Stock aus den Arsch zu ziehen, wie Stafford postuliert hatte. Nun vielleicht mit einem kleinen Scherz und Charles Stacy wusste schon ganz genau, auf wessen Kosten dieser gehen würde.


Es gab Orte an Bord eines Flottenträgers, den ein Admiral so gut wie nie betrat. Das Hangardeck, wo die Jäger, Jagdbomber, Bomber und Shuttles geparkt oder repariert wurden war ganz eindeutig einer dieser Orte.
In der Reparaturbucht stand ein riesiger Crusader-Bomber; vor im Ausgebreitet zwei Revolvermagazine für unterschiedliche Bestückung.
„Admiral and Gentlemen“, begann Trisha McGill, „dies ist mein kleines Privatprojekt, dass ich während des Landurlaubs auf Seafort begonnen habe.“
„Sie basteln in ihrer Freizeit an Waffensystemen herum?“ Jules Stafford klang hauptsächlich amüsiert und nur ein klein wenig tadelnd.
„Das ist korrekt, ich bin Raumfahrtingenieurin und endlich mal wieder etwas zu kreieren, nachdem ich ansonsten dafür bezahlt werde Dinge in die Luft zu jagen war tatsächlich nötig und zumindest für mich sehr entspannend.“
„Dürfen wir uns jetzt vielleicht auch noch ihr Poesiealbum angucken, bevor sie zum Punkt kommen?“ schnappte Commander Decker. Der Projektleiter für die Arrow-Test wirkte mehr als nur verstimmt.
„Das ist nicht nötig, Sir“, Irons deutete auf eines der Revolvermagazine, „hierbei handelt es sich um einen von zwei Prototypen, der dazu gedacht ist, die Crusader mit acht Phoenix Langstrecken Raumkampfraketen zu bestücken, statt der üblichen sechs Maverick Anti-Schiff-Rakteten. Einige Meiner Piloten und ich, sowie etwas Unterstützungspersonal der Harponeers haben die Magazine entwickelt, gebaut und die entsprechende Software programmiert.
Die Umsetzung im Simulator hat uns zwar vor einige Hürden gestellt, doch nachdem diese behoben waren, konnten wir fünfundzwanzig Gefechtseinsätze simulieren, von denen zwanzig ein Erfolg waren, drei nur gemischte Ergebnisse lieferte und zwei als Reinfall gelten müssen.“
Während Admiral Girad fragend die Augenbraue hob verschränkte Stafford die Arme vor der Brust: „Definieren sie bitte Erfolg, Irons.“
„Wir haben die Fehlerquote auf hundert beim Abschuss von Phönix Raketen bei der älteren Phantom genommen, sowie die Fehlzündungsquote von Mavericks beim Abschuss aus einem Trommelmagazin und das ganze dann mit drei Multipliziert.“
„Darf ich fragen, warum sie diese Quote noch multipliziert haben“, Deckers Tonlage war von Verärgert zu vage interessiert gewandert.
„Nun, da die Fehlerquote bei Mavericks von einer Crusader abgefeuert bei weniger als 0,5 auf hundert Raketen kommt und bei Phantomen auf zwei von hundert, erschien es mir etwas vermessen bei einem neuen Waffensystem eine Fehlerquote von zwo Komma fünf oder gar eins Komme zwo fünf anzupeilen.
Und wie sie wissen, wenn es mehr als acht Fehlzündungen auf hundert abgefeuerte Raketen gibt, wird ein Waffensystem von der Navy nicht in Dienst genommen.
Die ersten fünf Tests haben wir mit nur einem Vogel vorgenommen und es kam leider zu katastrophalen Ergebnissen bei den ersten beiden Tests. Test drei bis fünf waren nicht im Ansatz bei unter acht Fehlern aber wenigstens hat der Simulator uns nicht gesagt, dass wir uns selbst in die Luft gejagt haben.“
„Auf welche Anzahl von Fehlschüssen sind sie gekommen, Commander?“ Girad nahm das neue Trommelmagazin in Augenschein.
„Auf knapp elf von hundert, Ma‘am.“
„Bei wie vielen Testschüssen“, hakte Decker nach, „zweitausendfünfhundert?“
„Nicht ganz so viele, wie gesagt, die ersten fünf Durchgänge waren quasi nur zum Fehler finden da. Wir haben eintausenddreihundert simulierte Abschüsse. Davon zwölf in einer Gefechtssimulation.“
„Wie war die Fehlerquote in der Gefechtssimulation“, wollte Stafford wissen.
„Eine Rakete hat nicht gezündet, Boss. Dafür haben die Leitsysteme der abgefeuerten Raketen gut mit dem Zielsystem der Crusader zusammengearbeitet.“
„Also wäre jetzt der nächste Schritt für einen Feldtest“, stellte Girad fest.
„Richtig, Admiral und dafür brauche ich die nötigen Genehmigungen.“
Girad war Stafford einen fragenden Blick zu. Dieser warf wiederum einen Blick auf das Datapad, dass Irons zu beginn der Besprechung ausgehändigt hatte.
„Commander Decker“, begann der CAG, „könnten sie sich vielleicht die Zeit nehmen und die Zahlen und Daten von Commander McGill gegenprüfen?“
Dieser blickte den CAG kurz ungläubig an, ehe sich ein arrogantes Grinsen auf seine Lippen stahl: „Ich? Wieso fragen sie da ausgerechnet mich?“
„Sie sind der Experte von der Waffenentwicklung und da sie mit den Tests für die Arrows beauftragt wurden, dürfte dies doch eigentlich exakt ihr Spezialgebiet sein.“
„Das stimmt schon aber meine Zeit ist leider auch begrenzt, so interessant ich die vorgebrachten Zahlen auch finde...“
„Ich kann auch Chief Dodson die Daten durchgehen lassen, doch der Verfügt sicherlich nicht über die gleiche Expertise wie sie, Commander“, Stafford zuckte mit den Schultern.
„Außerdem hätte dessen Name nicht so viel Gewicht, wenn die Pläne beim Technologieausschuss der Navy eingereicht würden, wie ihrer“, setzte Irons nach.
„Na gut“, lenkte Decker ein, „ich werde mir ihre Daten als Nachtlektüre mitnehmen, Commander.“
„Danke.“
„Nachdem das geklärt wäre“, Stafford warf Decker das Datapad zu, „sollte Commander Decker die Daten bestätigen und für belastbar halten, erhalten sie von mir die Genehmigung, dass zwei ihrer Besatzungen, einen Waffentest unter Realbedingungen durchführen dürfen.“
Irons starrte ihren Geschwaderführer durchdringend an: „Zwei meiner Besatzungen?“
„Das sagte ich gerade.“
„Gut, dann werde ich schon mal nach Freiwilligen fragen.“ Irons wandte sich an Girad und nickte ihr zu: „Admiral.“
„Commander.“

Girad blickte der davoneilenden Kommandeurin der schweren Bomber der Angry Angels hinterher: „Ich nehme an, sie hat ihren Test bestanden, Cowboy.“
„Das hat sie, Ma‘am.“
„Welchen Test“, verlangte Decker zu wissen.
„Sie hat nicht darauf bestanden, den Feldtest selbst vorzunehmen. Das bedeutet, dass sie ihren eigenen Zahlen und Programmierungen soweit vertraut, dass sie andere damit hinaus schickt.“
Der Entwickler schnaufte amüsiert: „Ist das nicht genau ihr Job, Soldaten in den Kampf zu schicken.“
Sowohl Girad als auch Stafford drehten sich zu ihn um und besonders der Blick der Admiralin war nicht gerade angenehm.
„Ich bin Soldat wie sie beide“, herrschte schließlich Decker los, „ich bin es leid mit diesem Blick bedacht zu werden.“
„Wenn ich mit ihren Fähigkeiten gesegnet wäre“, antwortete Stafford, während Girad weiterhin schwieg, „würde ich wahrscheinlich wie sie auch im Hinterland meinen Teil beitragen, der wenn die Arrows funktionieren unschätzbar ist. Aber ihre Arbeit hat sich vor einem Aspekt des Kommandierens bewahrt, den man sich nicht theoretisch aneignen kann.
Wenn man Briefe an die Hinterbliebenen schreiben muss, überlegt man sich ganz genau, welchen Risiken man seine Untergebenen aussetzt. Und viele der besten Offiziere, die ich kennen lernen durfte und von denen ich lernen durfte waren bereit hohe persönliche Risiken einzugehen, Risiken über die sie mehr als einmal nachgedacht haben, wenn man diese jemand anderen aufbürdet.“
Decker sah aus wie jemand, der drauf und dran war auf durchzug zu stellen.
„Naja, vielleicht haben sie diesen Blödsinn schon tausend mal gehört“, lenkte Jules ein, „was halten sie davon, wenn ich ihnen zum Dank einen im Kasino ausgebe.“
„Dank, wofür?“
„Dafür, dass sie sich die Mühe machen, Irons Entwicklung zu prüfen.“
„Na, ich hoffe, ihr Kasino hat einen anständigen Vodka.“
„Das kann ich nicht versprechen.“
Die beiden Commander verabschiedeten sich von Admiral Girad. Die entschieden hatte, sich etwas mehr für die im Hangar stehende Crusader zu interessieren, statt Decker für seinen Ausbruch zusammenzustutzen.


Gintalaviertel unweit des imperialen Palast
Die ewige Stadt von Pan'chra, Akar

Kern Ramal blickte hinaus auf dem Hinterhof. Das Haus war einst eine Kaserne gewesen, dann war es zu einer Stadtvilla für ein auf dem Land ansässiges Adelshaus umgebaut worden und vor dreißig Jahren zu einem Wohnhaus mit großzügigen Apartments für die jüngeren Sprösslinge reicher und adliger Familien.
Natürlich besaß seine Gastgeberin ein Penthouse hier und die luxuriösen Möbel und Bilder zeugten von einer Pracht, die einem Mitglied der imperialen Familie würdig waren.
Jassia Thelam war die jüngste Tochter von Prinz Lisson Thelam und nach allem, was die Gesellschaft wusste eine brave und gehorsame Tochter, gut nicht gerade ihrem Vater gegenüber, so doch ihrer ältesten Schwester Diaara.
„So nachdenklich?“
Der Duft ihres Parfums, von Schweiß und von frischen Bettlaken wehte mit ihrer Stimme herüber.
„Ich frage mich immer noch, was uns glauben gemacht hat, dass Tobarii in der Lage sein könnte Dero zu schlagen.“
„Nun, meine Cousine, Deine Schwester und auch Cousine, wenn man genau darüber nachdenkt, was der alte Eliak so getrieben hat, war schon immer sehr von ihren eigenen Ideen überzeugt“, Jassia kicherte, „ist sie sehr in Panik geraten, als sie hörte, dass ihr hmm, geliebter Ehemann auf dem Feld der Ehre geblieben ist?“
„Das kannst Du Dir gar nicht vorstellen.“
„Dann erhelle mich“, verlangte sie zu wissen.
Kern drehte sich um und beobachtete seine Gastgeberin einen Augenblick. Jassia war kleiner als Linai und jünger, deutlich zarter gebaut, ein Erbe ihrer Mutter. Dennoch war da eine gewisse Ähnlichkeit, die über das familiäre hinausging.
Persönlicher stolz und Erhabenheit.
„Sie hat mich gebeten, ja geradezu angebettelt, sie auf der Stelle zu Heiraten und Dero umzubringen.“
„Du hast abgelehnt, nehme ich an.“
„Ich habe sie geschlagen.“
Jassia öffnete den Mund und schloss in wieder. Schüttelte den Kopf: „Du hast was?“
„Ich habe ihr eine Backpfeife verpasst und ihr gesagt, wenn sie einen vernünftigeren Plan hat, solle sie sich bei mir melden.“
„Und wie hat sie reagiert?“
„Zuerst hat so ähnlich wie du eben“, Kern stieß sich von der Fensterbank ab und ging in Richtung der Küche, „dann hat sie mich rausgeworfen und mir gedroht, sollte ich mich nochmal sehen lassen, würde sie mir den Kopf abschlagen lassen. Dann hat sie geweint.“
„Hm, sie hat wirklich nicht damit gerechnet, dass Tobarii getötet werden könnte. Glaubt sie etwas, dass Dero sich einfach in Tobariis Klinge stürzen würde, damit ihr Plan aufgeht?“
„Du hättest Tobarii sehen sollen, er hat gut gekämpft, wirklich gut.“
„Er hat verloren.“
Kern setzte Wasser auf und suchte Tee heraus: „Ich sagte ja, Du hättest ihn sehen sollen.“
Sie ging hinüber ins Wohnzimmer und aktivierte den Monitor, der im Couchtisch eingelassen war um die neuesten Nachrichten zu sehen, stellte aber sofort auf lautlos: „Er ist gestorben und plötzlich respektierst du ihn?“
„Ja, ich glaube schon.“
„Und wenn er gewonnen hätte, würdest Du ihn dann ebenfalls respektieren?“
„Nein, wohl nicht. Dann würde ich seinen Erfolg vielleicht mit Glück relativieren.“
„Männer“, kommentierte Jassia, „aber wie dem auch sei, die Allecars verlieren keine Zeit. Meliac hat eine seiner Nichten zu meinem Onkel Rallis geschickt und für Dero um Linais Hand angehalten, damit der zukünftige Imperator nicht als Bastard zur Welt kommt.“
„Zu Rallis? Nicht zu Deinem Vater?“
„Nun, zum einen sind wir nur eine Cadet-Branch des Hauses Thelam und Rallis entstammt der Hauptlinie. Und Diaara hätte keinen lebenden Allecar zu unserem Vater vorgelassen und Du weißt so gut wie ich, weil Du es von mir weißt, das in Hause Lisson Thelam nichts ohne Diaaras wissen geschieht.“
„So wirklich gar nichts?“
„Gar nichts. Guck nicht so erschrocken, meine Schwester kann Dich gut leiden und Vater, naja Vater ist nicht umsonst bei Eliak in Ungnade gefallen.“
„Und was wird Dein Onkel machen?“
„Den Preis hochtreiben und gerade noch rechtzeitig mit den Allecars gemeinsame Sache machen, wenn es in seinem Interesse ist, das Linais Sohn Imperator wird. Andererseits kann man Linai jetzt ganz einfach vom politischen Tisch verbannen, indem man jegwelche Hochzeitspläne sabotiert. Wenn Dero vor einer Hochzeit einen Unfall hat...“
„Und was dann? Wieder zwischen vier Prinzen wählen, von denen einer nicht will, einer alt einer jung und der vierte zu sehr Jor ist?“
„Ich dachte Du warst ein so guter Freund von Jor.“
„Das macht mich noch lange nicht blind“, herrschte Kern sie an, „er ist leider nicht der Prinz geworden, der er bestimmt war zu sein. Man hat ihn klein gehalten, klein geredet und ihm nicht das gelehrt, was nötig war und hätte man auf ihn und Kerrak gehört, hätte man sich dem terranischen Problem viel früher gestellt.“
Jassai verdrehte die Augen, sorgte aber dafür das Kern dies nicht sah: „Diaara könnte ja auch endlich mal heiraten und dann könnte man ihren Ehemann auf den Sternenthron hiefen. Wenn dieser Taran-Bursche nicht so weit weg geschickt worden wäre und er nicht so schrecklich verlobt wäre...“
„Hast Du sonst noch Ideen meine Liebe?“
„Oh, da wäre noch dieser schüchterne junge Admiral, den Großadmiral Rian dem Kriegsministerium überstellt hat.“
„Den würde deine Schwester mit Schuppen und Kamm verspeisen“, dennoch konnte Kern nicht anders als bei dieser Idee herzhaft zu lachen.

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5th Syrtis Fusiliers - Pillage and looting since first succession war


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