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Zum Ende der Seite springen Hinter den feindlichen Linien - Season 7 - Zwischen Himmel und Hölle
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Tyr Svenson Tyr Svenson ist männlich
Lieutenant


Dabei seit: 06.10.2015
Beiträge: 428
Herkunft: Jena, Thüringen

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„Nimm vor des Märzen Idus dich in Acht“
Shakespeare, „Julius Cäsar“


Anwesen der Taran-Familie in Pan’chra

Yelak Taran zog das Dreeh einen Fußbreit aus der Scheide und musterte kurz die über das Metall huschenden Lichtreflexionen. Er prüfte nicht die Schärfe der Klinge. Er kannte diese Waffe, pflegte und schärfte sie regelmäßig. ‚Unwahrscheinlich, dass ich mich heute DARAUF werde verlassen müssen, aber wer weiß…‘ Er wollte auf alles vorbereitet sein.
Die auf seinem Bett liegende Laserpistole und die leichte Panzerweste mochten vielleicht nicht den Status und die emotionale Bedeutung des Dreehs haben, doch dafür war es deutlich wahrscheinlicher, dass er sie brauchen würde. Alles war bereit…

Ein Klopfen unterbrach seine Gedanken. Der junge Akarii runzelte die Stirn, während er eine Decke über die Waffen warf. Seine Eltern hatten sich schon für die Nacht zurückgezogen und den Bediensteten hatte er gesagt, dass er nicht gestört werden wollte: „Was ist?“
Zu seiner Überraschung war es der Kommandant der Taran-Wachtruppen, begleitet von einem seiner Offiziere: „Euer Vater wünscht euch zu sprechen.“
„Was will er jetzt noch?“
Der im Dienst der Familie alt gewordene Soldat zuckte mit den Schultern: „Ich gehe davon aus, dass es um Politik geht. Tut es das nicht immer in den letzten Tagen?“
Yelak lag eine bissige Antwort auf der Zunge. Nach seiner Meinung hatte der Lord von Haus Taran sich eher zu wenig der Politik gewidmet – jedenfalls wenn es darum ging, das Richtige zu tun. Aber mit dergleichen konnte er wohl kaum punkten. Manchmal war es ziemlich lästig, der jüngste Sohn eines Adelshauses zu sein, vor allem wenn sein Vater im Adelsrat war und sein Erbe – und Yelaks älterer Bruder – immerhin einen ganzen Raumsektor kontrollierte und laut der imperialen Propaganda den Menschen das Fürchten lehrte.

Wenige Augenblicke stand er im Arbeitszimmer seines Vaters: „Da bist du ja. Es gibt Neuigkeiten aus dem Palast. Tobarii Jockham ist tot…“, der alte Akarii hielt kurz inne und musterte seinen Sohn: „…aber das weißt du natürlich schon.“
Yelak Taran hatte Mühe, seine Überraschung zu verbergen. Der entsprechende Anruf war erst vor zehn Minuten eingegangen und der Grund, warum Yelak die Waffen hervorgeholt hatte, die schon seit einigen Wochen für diesen Augenblick bereit lagen.
„Darf ich erfahren, wo mein Zweitgeborener in dieser Situation und zu dieser Stunde hin will?“
„Mich mit ein paar Freunden betrinken. Dann muss ich wenigstens nicht nüchtern miterleben, wie sich die Allecars im Palast breitmachen.“
„Spar dir deine selbstgerechte Entrüstung. Die Allecars sind fast so alt wie unser eigenes Haus! Zusammen haben wir das Imperium groß gemacht…“
„Und Xias den Blutigen gestürzt, ICH WEISS! Diese Geschichte musste ich mir oft genug anhören. Und vor welchem furchtbaren Schicksal haben die Allecars das Imperium heute bewahrt?“
„Wovor wollten du und deine Freunde das Imperium bewahren? Oh ja, ich weiß Bescheid über eure dilettantischen Pläne. Glaubt ihr ernsthaft, mit großen Worten, ein paar jungen Heißspornen und leichten Waffen könnt ihr Haus Allecar stürzen? Oder euch gegen die kaiserliche Garde durchsetzen?!“
„Die Garde…“
„Beschützt die kaiserliche Familie. Die GANZE kaiserliche Familie. Was auch den biologischen Vater des künftigen Imperators einschließt. Sie ergreift nicht Partei. Jedenfalls nicht für euch. Ein paar einfache Gardisten und niedrigrangige Offiziere unter euch Möchtegern-Verschwören werden daran nichts ändern.“
„Woher…“
„Ich weiß es eben. Was dir beweisen sollte, wie schlecht vorbereitet ihr tatsächlich seid. Hat euch das Scheitern beim letzten Mal nicht gereicht, als ihr ausgerechnet Prinz Jor herausfordern musstet? Viele unserer talentiertesten jungen Männer und Frauen, die Hoffnung unserer Streitkräfte, wurden damals degradiert oder endeten in einem zweitrangigen Front- oder Kolonialkommando, während wir sie doch viel dringender auf Pan’chra und in den Führungsstäben und Flottenkommandos gebraucht hätten. Mokas…“
„‘Kas wurde Militärbefehlshaber eines ganzen Militärbezirks.“
„Nach JAHREN und nachdem alle Alternativkandidaten tot waren oder gemeutert hatten! Und um seine Degradierung oder den Ausschluss aus den Streitkräften zu verhindern, mussten ich und die Familie seiner Verlobten vorher so ziemlich jeden politischen Gefallen einfordern, den Haus Taran und Haus Koo hatten. AUCH bei den Allecars!“
Yelak Taran kam ein furchtbarer Verdacht: „Hast du deshalb im Adelsrat…“
„Ich habe mich für eine möglichst friedliche Lösung dieses ganzen…Debakels eingesetzt, weil ich nicht will, dass auch mein zweiter Sohn in einem Quasi-Exil endet. Oder gleich vor einem Erschießungskommando! Er – und ein paar hundert andere junge Narren, die sich für unbesiegbar halten.“
„Ich diene dem Reich. Nicht, weil man mich bezahlt oder weil ein Herrscher es mir befielt. Sondern weil ich es WILL.“
„Was?“
„Sagte das nicht der Ahn unseres Hauses, als er sich mit einer Schar Gebirgskrieger in den Dienst der ersten Dynastie stellte? Mokas und ich haben diese Worte so oft gehört, dass wir sie im Schlaf aufsagen konnten.“
„Ich habe euch nicht großgezogen, damit ihr euer Leben für irgendein luftiges Ideal wegwerft! Ihr habt eine Verantwortung gegenüber eurer Familie! Deren Zukunft du mit derartigen Dummheiten gefährdest – SCHON WIEDER. Ich verstehe euch sowieso nicht. Hattest du so eine hohe Meinung von Tobarii Jockham, dass du unbedingt seinen Tod rächen willst? Der nebenbei bemerkt besser war, als ich es erwartet hätte. Er ist sehr…ehrenvoll gestorben.“
„Tobarii? Tobarii war ein Narr und ein halber Verräter. Kaum besser als Dero mit seinem widerlichen Seid-nett-zu-den-Menschen. Aber wenigstens kannte er seinen Platz und hat nicht versucht, den Thron zu usurpieren. Ich…WIR…tun das für das IMPERIUM.“

Mit Verspätung erkannte Yelak an dem grimmigen Nicken seines Vaters, dass er mit seinen Worten offenbar die Befürchtungen des Taran-Lords bestätigt hatte: „Das musste ich wohl noch einmal von dir persönlich hören. Aber noch bin ich der Lord dieses Hauses.“
„Was…“
„Ich habe ein paar Tage Urlaub für dich beantragt und diesem Antrag wurde stattgegeben. Im Admiralitätsstab wirst du also vorerst nicht benötigt. Du wirst das Anwesen nicht verlassen. Nicht heute, nicht morgen – solange, bis du mich davon überzeugt hast, dass du dein Leben nicht in dem sinnlosen Versuch wegwirfst, einen Palastputsch gegen die Allecars zu initiieren. Und das auch noch ohne eine schlagkräftige Streitmacht oder einen Thronprätendenten!“
„Rallis oder Navarr…“
„Rallis wird bei einem solchen Selbstmordkommando niemals mitmachen. Nicht, wenn er weder die Garde noch die regulären Streitkräfte hinter sich weiß. Dafür ist er zu klug.“
„Woher willst du das wissen? Welche unfassbare Weisheit verleiht dir…“
„Weil ich mit ihm geredet habe.
Und was Navarr angeht…nun, du wirst schon bald sehen, dass er für eure Pläne nicht zur Verfügung steht. Wofür das Imperium dankbar sein kann! Es sind nicht mehr so viele Prinzen übrig, dass wir derart verschwenderisch mit ihnen sein können.“
„Du kannst mich nicht einfach auf mein Zimmer schicken. Ich bin kein Kind mehr!“
„Dann handele gefälligst auch nicht wie eines! Also – wirst du jetzt gehen, oder muss ich dich von unseren Wachen abführen lassen? Und falls du irgendwelche Dummheiten machen willst – dein kleines Waffenlager habe ich bereits beiseite räumen lassen.“
Yelak unterdrückte den kurzen Drang, seinen eigenen Vater zu schlagen. Und dennoch… „Glaubst du wirklich, dass du irgendetwas änderst, wenn du mich einsperrst? Die Allecars…“
„Wenn du Glück hast, werden sie nicht einmal BEMERKEN, was heute Nacht beinahe passiert wäre. Glaubst du etwa, ich wäre der einzige Vater, der sein Kind nicht an dessen eigene Torheit und ein hohles Ideal verlieren will?“
„Was…“
„Das wirst du bald genug erfahren.“
‚Irgendjemand muss uns verraten haben. Wenn das stimmt…‘ Mit einmal fühlte sich Yelak, als alle Kraft und Energie seinen Körper verlassen. Er wollte fluchen, um sich schlagen, etwas tun – aber das einzige was ihm blieb war ohnmächtige Wut.
„Wir MÜSSEN handeln! Egal wie gering die Chancen für einen Erfolg sind. Wie sollen wir uns sonst künftig noch im Spiegel ansehen?! Jemand muss sich den Allecars entgegenstellen! Selbst wenn wir ohne jede Chance wären, so muss es dennoch versucht werden! Das Imperium…“
„Das Imperium hat schon ganz andere Dinge überstanden. Solange unsere Streitkräfte einig sind, solange der Adelsrat sich nicht zerfleischt…ist es eigentlich fast zweitrangig, wer auf dem Thron sitzt. Das werden auch die Allecars begreifen, wenn sie es nicht schon wissen. Was auch immer Meliac will, was auch immer Dero antreibt – wobei ich meine Zweifel habe, dass es bei beiden dasselbe ist – sie brauchen Verbündete. Und das ist unsere Chance. Eine Chance, dass das Haus Taran sich einmal mehr als einer der Pfeiler beweist, auf denen das Imperium ruht. Dein Bruder ist von einem exilierten Admiral zum Hoffnungsträger des Reiches geworden. Der sich zudem auch noch bald mit dem Haus Koo verbinden wird und den eine alte Freundschaft mit dem Vater des künftigen Imperators verbindet. Und auf meine Stimme hört man im Adelsrat.“
„Mein Bruder? Das einzige was ich weiß ist, dass man ihn auf eine Selbstmordmission geschickt hat. Und dass er jetzt mit einer zusammengeschossenen Flotte einen Sektor sichern und verteidigen soll, in dem es von Rebellen und Putschisten wimmelt und der von den Menschen eingekreist ist!“
„Du bist nicht mehr auf dem Laufenden, mein Sohn. Offenbar hat die Flotte Großes mit ihm vor. Und du kannst ein Teil davon sein. Wenn du es schaffst, dich nicht umbringen zu lassen…“

***

Residenz der Allecars

Es hätte für Lord Meliac Allecar ein Tag des ungetrübten Triumphs sein müssen. Sein Sohn hatte erneut die in ihn gestellten Erwartungen erfüllt und Tobarii Jockham im Zweikampf niedergestreckt. Nicht, dass Meliac Zweifel am Ausgang des Duells gehabt hätte. Aber insgeheim hatte er bis zuletzt gefürchtet, dass der Kriegsminister sich irgendwie herauswinden oder einen erfahreneren Kämpfer in den Kampfkreis schicken würde. Doch letztendlich hatte Tobarii seiner gekränkten Ehre und offensichtlichen Selbstüberschätzung den Vorzug vor Vernunft und Selbsterhaltung gegeben. Und alles hatte sich so entwickelt, wie Lord Allecar es vorausgeplant hatte. Fast alles.

Er hatte nicht damit gerechnet, dass Tobarii tatsächlich in der Lage sein würde, Dero zu verletzen. Das war eine unangenehme Überraschung gewesen. Kurz hatte Meliac Allecar gefühlt, wie die kalten Finger der Angst nach seinem Herz griffen, als er sich vergegenwärtigte, was er alles hätte verlieren können. Doch inzwischen hatte er sich zu der Erkenntnis durchgerungen, dass diese Verletzung sogar etwas Gutes hatte. Sie schützte Dero vor dem Vorwurf, einen kampfuntauglichen Halbzivilisten niedergemäht zu haben. Vergossenes Eigenblut untermauerte Deros durch Tobariis Tod erhobenen Anspruch auf die Vaterschaft des künftigen Imperators. ‚Und vielleicht wird Deros Verletzung auch Linai etwas milder stimmen. Immerhin HAT sie ihn geliebt. Was mehr sein könnte, als sie mit Tobarii verband. Oder es bietet ihr zumindest einen Vorwand so zu tun, ohne ihr Gefolge und einige eher wertekonservative Adelshäuser zu brüskieren.‘

Es gingen bereits die ersten Glückwünsche anderer Adelshäuser ein – auch von etlichen, die sich vorher bedeckt gehalten, einen anderen Thronprätendenten unterstützt oder sogar für Tobarii Jockham Partei ergriffen hatten. Meliac Allecar würde die damit verbundenen Angebote zur Zusammenarbeit huldvoll annehmen – zumindest in den meisten Fällen. ‚Es könnte sich auch lohnen, bei einigen in einem eher zweifelhaften Ansehen stehenden Adelshäusern wählerisch zu sein.‘ Wenn sie keine nützlichen Ressourcen oder Verbindungen mitbrachten.

Alle Warnungen vor einer drohende Einheitsfront des Adels oder gar einem von einem der anderen Thronprätendenten initiierten Militärputsch hatten sich als unbegründet erwiesen. Und dennoch…

Eine Reihe großer Adelshäuser war offensichtlich entschlossen, weiterhin Distanz, ja sogar offene Feindschaft zu den Allecars zu demonstrieren. Die Otranos, die Nellans…und nachdem Großerzogin Zuunis Schützling sich dazu hergegeben hatte, für Tobarii Jockham den Sekundanten zu spielen, musste Meliac mit der Möglichkeit rechnen, auch die Großherzogin und ihre weitreichenden Verbindungen zum Feind zu haben.
Wie Linai Thelam darauf regieren würde, dass ihr ehemaliger Geliebter ihren Ehemann umgebracht hatte, und wohin sie diejenigen Häuser führen würde, die ihr weiterhin die Treue hielten oder aus dem nun quasi verwaisten Tobraii-Lager zu ihr wechseln würden, war noch völlig ungewiss.

Und dann waren da natürlich noch die anderen Thronprätendenten.
Lisson Thelam war noch am harmlosesten, aufgrund seiner wenig martialischen Natur und fehlenden Machtbasis maximal als Marionette irgendeiner Parteiung gefährlich. Immerhin konnte er schon erwachsene Töchter vorweisen. Das legte nicht nur nahe, dass er auch einen Thronfolger zeugen konnte, seine Töchter waren auch ein wertvolles Unterpfand für Bündnisse, die immer noch häufig durch Heiraten zwischen den Adelshäusern besiegelt wurden. Lord Allecar hatte deshalb Maßnahmen ergriffen, um den Historiker im Auge zu behalten und genau so etwas zu verhindern.
Kerrak Thelam diente seit etlichen Monaten unter Admiralin Rian in der Flotte, weitab von Pan’chra und seinen politischen Grabenkämpfen. Damit war er jedoch nur scheinbar aus dem Spiel. Denn falls sich das Flottenoberkommando oder auch nur Admiralin Rian entschließen sollten, dass die Marine eine aktivere Rolle in der Innenpolitik übernehmen müsse…
Rallis Thelam hatte das Potential und auch das Format, sich als mehr als nur ein Ärgernis zu erweisen. Es war unmöglich abzusehen, was er als nächstes tun würde. Leicht konnte er zu einem Sammelpunkt jener reformorientierten Kräfte im Adel und den Streitkräften werden, denen die von Meliacs Sohn etwas unbesonnen angestoßene Versöhnungspolitik mit dem Menschen zu weit ging, oder – weitaus zahlreicher – die aus höchst eigennützigen Gründen dem Aufstieg der Allecars feindlich gegenüberstanden. Bestens vernetzt und extrem vorsichtig, bot der füllige Akarii-Prinz mit dem Ruf eines Schwerenöters und amüsanten Sarkastikers ein schwieriges Ziel. ‚Zumindest vorerst hätte ich ihn lieber als Verbündeten denn als Gegner.‘ Meliac hatte da auch schon etwas in die Wege geleitet, dennoch… ‘Bleibt abzuwarten, ob er sich einfangen lässt.‘
Und Navarr Thelam...
Jung, gutaussehend, Flottenkadett mit hervorragenden Anlagen. Nicht so weltfremd wie Lisson, nicht so arrogant wie Karrek. Genau die Figur, für die sich der Pöbel und auch viele Mitglieder des Adelsrates erwärmen könnten. Schon mehr als halb in Rallis Lager und damit doppelt gefährlich und zudem im Augenblick inmitten einer Manöverkampfgruppe, die nicht nur genug Schlagpotential für einen Militärputsch hatte, sondern mit Marschall Parin als ‚Berater‘ auch jemanden, dem Meliac so eine Tollkühnheit zutraute. Und der…

„Sie haben sie AUS DEN AUGEN VERLOREN?! Man verliert doch nicht einfach einen imperialen Marschall und einen Thronfolger aus den Augen!“
Der abgekanzelte Armee-Major war zweifellos froh über die Entfernung, die zwischen ihm und dem Unwillen von Lord Allecar lagen: „Verzeiht, aber als die gesamte Manövergruppe in Alarmbereitschaft versetzt wurde, dachte ich…“
„Sie sollen nicht denken, sondern Parin und Navarr im Auge behalten. Schlimm genug, dass sich dieser junge Narr von Rallis hat einwickeln lassen. Wenn ihn jetzt auch noch einer dieser verfluchten Frondeure unter die Fittiche nimmt…“

Nicht, dass Meliac Allecar die vor einigen Jahren spektakulär gescheiterten Offiziersverschwörer aus Prinzip verabscheute. Im Gegenteil, er konnte ihre Abneigung gegen Jor nachvollziehen. Und ohne den misslungenen Sturz des Kronprinzen, die anschließenden Säuberungen und alle damit verbundenen Nachbeben und politischen Verwerfungen wäre es Haus Allecar vermutlich sehr viel schwerer gefallen, nach der Macht zu greifen. Nur leider waren die ehemaligen Verschwörer überwiegend in anderen politischen Lagern zu finden und leisteten sich den Luxus, Haus Allecars legitimen Machtanspruch als Angriff auf die Interessen des Imperiums und Dero Allecars Versöhnungsoffensive gegenüber der Konföderation als zumindest ehrenrührig, übertrieben oder geschmacklos zu verurteilen.
Und wie Rallis waren die meist jungen Offiziere und Adlige, die behaupteten ihre Loyalität für ein modernes, starkes Imperium vor die Treue zu einer einzelnen Person zu stellen, gut vernetzt. Trotz Frontversetzungen, Degradierungen, Beförderungssperren und Entlassungen schienen der Fronde deshalb wie einem Ungeheuer aus den alten Sagen auch nach ihrer Niederlage gegen Jor immer wieder neue Köpfe und Arme zu wachsen.

„Etwa anderthalb Stunden nach dem Duell traf hier ein Militärshuttle ein. Offiziell mit Versorgungsgütern aus einer nahelegenden Basis. Laut den Radaraufzeichnungen aber aus der Hauptstadt….“ ‚Vermutlich wussten sie, dass der Funkverkehr abgehört wurde.‘ „…und fast sofort nach der Ankunft wurde Großalarm gegeben. Ich dachte, Parin mobilisiert…“
„Was habe ich Ihnen über das Denken gesagt?!“
„Verzeiht, mein Lord. Kurz zuvor führte die Kommandozentrale der Manövergruppe zudem eine längere Kommunikation mit einer Station, die zum Armeeoberkommando gehört. Angeblich neue Übungsbefehle…“, ‚Was bedeutet das nun? Ein Zufall oder eine weitere Partei die im Spiel mitmischt?, „…und tatsächlich wurden alle bereits aufgestellten Manöverpläne annulliert. Die neu angesetzten Alarmübungen beinhalteten zahlreiche weit verstreute Luftlandungen, Langstreckenflüge und simulierte Luftangriffe auf Bodenziele, über den Bereich der Manöverzone Gorlan-Vier hinaus. Als ich feststellte, dass sowohl Marschall Parin als auch Navarr Thelam anscheinend das Lager verlassen hatten, war deshalb unmöglich zu verifizieren, ob und wie sie dies getan hatten.
Ich habe versucht, weitere Informationen zu sammeln. Marschall Parin war nur als Berater hier…“
„Aber sicher doch!“
„Deshalb unterstand er nicht direkt dem Kommando der Manöverleitung. Es scheint aber, als sei er vom Generalsstab einberufen worden. Allerdings konnte ich auch das noch nicht bestätigen.“
„Das lassen Sie mal meine Sorge sein!“ Meliac Allecar mäßigte seine Stimme etwas. Immerhin bedeutete das Verschwinden der beiden, dass sie sich NICHT zusammen mit mehreren tausend Soldaten in Richtung Pan’chra in Bewegung setzten: „Was ist mit Navarr?“
„Es gibt eine Weisung, dass er mit zwei Kompanien Rekruten und Luftlandetruppen auf einen Langstrecken-Survival-Einsatz geschickt wurde, unter absoluter Funkstille...“
„Wie passend. Mit welchem Ziel?“
„Die nördliche Gebirgskette von Karrg’anat…“
„Sie wollen mich wohl für dumm verkaufen?! Wollen Sie sagen, dass man Navarr unter Ihren Augen auf einen anderen KONTINENT verfrachtet hat? Und Sie haben nicht mehr als eine Gebirgsregion?! Das sind ein paar tausend Quadratmeilen!“

Karrg’anat, das ‚Heim der Drachen‘, war der kleinste Kontinent von Akar. Weitab von anderen Landmassen, war er erst in der Moderne entdeckt worden und immer noch kaum erschlossen. Eine Zeitlang hatte der rohstoffarme Kontinent für das vermeintlich wohlwollende Imperium als Abladeort für renitente Eingeborenen-Stämme gedient, die sich dem Vormarsch der Zivilisation entgegenstellten und denen man die Möglichkeit geben wollte, ihr traditionelles Leben zu führen, statt sie zu unterwerfen oder einfach auszurotten. Inzwischen wurde die ‚Große Deportation‘ eher kritisch gesehen. Die vielfach sehr lebensfeindliche Wildnis jenseits der wenigen Küstenstädte beherbergte einige der gefährlichsten Raubtiere Akars. Vermutlich war das einer der Gründe, warum imperiale Spezialeinheiten und Gardetruppen Karrg’anat gerne für Überlebensübungen nutzten und die dorthin deportierten Nomaden als besonders gute Rekruten für die Armee galten.

„Vermutlich SOLLTEN Sie diese Informationen finden. Sie und jeder andere, der Navarr hinterherspürt.“ ‚Es sei denn, sie denken wirklich, dass Navarr in der Wildnis sicherer ist als beispielsweise in Pan‘chra.‘ Was gar nicht einmal unplausibel war.
„Und was ist mit Navarrs Leibwächtern? Sind die ebenfalls ‚verschwunden‘?!“ Eigentlich wurde jedes Mitglied der kaiserlichen Familie durch die Kaiserliche Garde beschützt.
„Wie Sie wissen gelten für Familienmitglieder, die in den Streitkräften dienen, besondere Richtlinien, um den Dienst nicht unnötig zu behindern und eine unangemessene Bevorzugung zu vermeiden. Zumindest solange sie keine Kommandofunktion haben – und keine unmittelbare Lebensgefahr besteht – setzt die Garde auf einen eher unauffälligen Schutz aus der Ferne.“ Meliac Allecar schürzte abfällig die Lippen. Er hielt das vor allem für Theater. ‚Als ob ein Thelam je ein ‚einfacher‘ Soldat oder Kadett sein könnte.‘
„Anscheinend gab es da Verwirrung, was eine angeordnete Ablösung der für den Schutz Navarrs abgestellten Gardisten anging…“
Allecar fragte sich, wer dahintersteckte. Die Fronde? Rallis? Linai? Oder der Kommandeur der Garde höchstpersönlich? Die Kaiserliche Garde…

Das Fenster des Zimmers ging auf einen Innenhof hinaus, aber dennoch wusste Lord Meliac Allecar, was vor seinem Anwesen vor sich ging – so als würde er es mit eigenen Augen sehen. Vor wenigen Stunden, kurz nachdem ihn die erhoffte Nachricht von Tobarii Jockhams Ableben erreicht hatte, war eine gepanzerte Kolonne der Garde vorgefahren. Beinahe hätte es ein Blutbad geben. Auch wenn die Wachtruppen der Allecars zahlenmäßig überlegen, gut ausgerüstet und ausgebildet waren, hätten sie in einem Kampf mit der kaiserlichen Garde vermutlich nicht viel mehr tun können, als mit Ehre zu sterben. Selbst wenn sie die Einheit aufgerieben hätten, die Vergeltung wäre ebenso unvermeidlich wie gnadenlos gewesen.
Aber die Gardisten hatten nicht angegriffen. Nach einer knappen Mitteilung, dass sie Ruhe und Ordnung gewährleisten und die Familie des biologischen Vaters des künftigen Kaisers beschützen würden, hatten sie stattdessen einen Sperrposten errichtet und das Gelände um die Residenz gesichert. Meliac Allecar hatte seine hochgradig nervösen Wachtruppen beruhigt und angewiesen, den Gardisten bei Gelegenheit heiße Getränke und Essen zu bringen.
Aber er war kein Narr. Das Auftauchen der Garde konnte man auch anders interpretieren. Als wenig dezenten Hinweis auf die Macht der Gardetruppen. Als Warnung an jene, die dem Haus Allecar Gefolgschaft schwören wollten. Als Mahnung an Meliac selber, dass er unter Beobachtung stand. Der Kommandant der Allear-Wachtruppen hatte Meliacs Verdacht bestätigt, dass die meisten der Gardetruppen zwar das Anwesen nach außen sicherten – mindestens ein Drittel aber die Gebäude und Wacheinheiten der Residenz im Auge behielt. Außerdem hatten sie eine Rundumverteidigung eingerichtet – der ‚Schutz‘ konnte sehr schnell zu einer Blockade oder gar Belagerung werden. ‚Und Panzerfahrzeuge können in mehr als nur eine Richtung schießen...‘

***

Zur gleichen Zeit, unweit entfernt

Sergeant Len von der Kaiserlichen Garde hob in einer routinierten, tausendfach geübten Bewegung die Hand und signalisierte dem nähernden Fahrzeug, anzuhalten. Er war nicht alarmiert - der leicht gepanzerte Wagen trug die Insignien der Garde - aber es galt die Regeln zu beachten. Während er nähertrat musterte er die Insassen – ein junger Leutnant, ein etwa gleichaltriger Soldat sowie eine kampferfahren wirkende Unteroffizierin – und salutierte flüchtig: „Lieutenant?“
„Wir haben eine Nachricht für Lord Allecar.“
Len schürzte die Lippen. Ihm missfiel das undurchsichtige Spiel, auf das sich die Kaiserliche Garde hatte einlassen müssen. Wer war nun Freund und wer Feind? Er bevorzugte klare Fronten und eindeutige Befehle. Doch heute war nichts mehr eindeutig und die Fronten fließend und undurchsichtig. ‚Im Vergleich dazu war der Krieg auf T’rr eine einfache Sache.‘ Dort hatte man sich noch darauf verlassen können, dass zumindest alle AKARII auf derselben Seite standen: „„Ihre Autorisation?“
„Na…natürlich.“ Der Lieutenant aktivierte sein Komm und hielt es Len entgegen. Eine eigentlich überflüssige Geste. Der Sergeant wartete, bis sich die beiden Geräte synchronisierten, überprüfte den Code – und hielt inne: „Es gibt da eine kleine Unstimmigkeit, Lieutenant…“, er wandte sich halb zu seinen Kameraden um: „Ich muss…“
Der Strahl eines Handlasers erwischte Len zwischen Halsansatz und Schulter – vermutlich ließ ein schlechtes Gewissen oder Nervosität die Hand des Schützen zittern und einen eigentlich todsicheren Schuss verreißen. Während Len zurückstolperte, beschleunigte das von Lieutenant Renik befehligte Fahrzeug, schrammte mit einem widerlich hohen, metallischen Kreischen an dem quer zur Fahrbahn stehenden Schützenpanzer vorbei und schoss auf den Haupteingang des Allecar-Anwesens zu. Die eben noch scheinbar entspannt auf dem Rücksitz sitzende Unteroffizierin beugte sich aus dem Seitenfenster und eröffnete das Feuer auf die Alleacar-Gardisten, die das Haupttor bewachten und kalt erwischt wurden. Der neben Renik befindliche Soldat tastete wesentlich weniger kaltblütig nach einem zwischen seinen Füßen platzierten Rucksack, während er gleichzeitig versuchte, seinen Handlaser zu ziehen. Seine Nervosität mochte damit zusammenhängen, dass sich in dem Rucksack mehrere Sprengladungen befanden, jede stark genug um ein gepanzertes Fahrzeug oder eine schwere Sicherheitstür zu knacken.

Renik fixierte das immer näherkommende Metalltor, während er lautlos fluchte. Alles war schiefgegangen! Nach seinem vergeblichen Besuch bei Marschall Parin und Prinz Navarr hatte er an dem für den Angriff auf das Allecar-Anwesen vereinbarten Treffpunkt vergeblich auf die vereinbarte Verstärkung gewartet. Seine Kontakte hatten entweder nicht geantwortet oder verwirrende Informationen darüber geliefert, ob sich Dero UND Meliac Allecar auf dem Anwesen ihrer Familie aufhielten. Die angelaufene Abriegelung des Palastviertels und der Zufahrtsstraßen, die die Verschwörer doch eigentlich für sich hatten nutzen wollen, war zu einem ernsten Hindernis geworden, als Renik feststellte, dass weder er noch die Verschwörer in den Reihen der Garde, die er hatte erreichen können, Zugriff auf die neuesten Autorisierungscodes und die geänderten Passwörter hatten. All das hatte in Renik einen bösen Verdacht gweckt, der noch verstärkt wurde, als einer der Verbindungsmänner zu Rallis Thelam die Warnung geschickt hatte, dass sie sofort untertauchen sollten – und dann mit gutem Beispiel voranging. Er hatte schon vorher registriert, dass die ‚alten Männer‘ die Sache als hoffnungslos ansahen, aber dass nun…
So war ihm am Ende nur noch eines geblieben – ein tollkühner Versuch, zumindest Lord Meliac auszuschalten, um ein Signal zu setzen. Wenn Meliac Allecar starb oder zumindest verwundet wurde, wenn die Garde und die Allecar-Truppen das Feuer aufeinander eröffneten…dann konnte sich das Blatt immer noch wenden.

„Sobald wir durchs Tor sind – Zugangstür sprengen! Dann…“ Renik sah nicht, wie der Turm des hinter ihnen stehenden Schützenpanzers herumschwenkte, während sich die Mündung der Strahlenkanone wie ein suchendes Auge senkte.

***

Meliac Allecar hielt inne, als ein ferner Alarmruf durch seine Gedanken schnitt, abrupt durch aufflackerndes Kleinwaffenfeuer abgeschnitten, in den sich wenige Augenblicke später das charakteristische Fauchen eines schweren Schnellfeuerlasers mischte: „Was zum…“
Die Tür des Zimmers folg auf und drei von Meliacs Gardisten stürzten ins Zimmer. Während eine Soldatin mit angelegtem Lasergewehr am Fenster in Stellung ging, riss ihr breitschultriger Kamerad Lord Allecar von seinem Stuhl und schob in hinter sich in Richtung Tür, dieweil der dritte Soldat den Gang sicherte: „Sie müssen weg.“
„Ziel ist unversehrt und auf dem Weg in den Bunker.“ Wie die meisten Residenzen hatte auch das Allecar-Anwesen nicht nur mehrere sichere Räume, sondern auch einen unterirdischen Luftschutzbunker, der Angriffen mit den meisten konventionellen Waffen sowie biologischen und chemischen Kampfstoffen widerstehen konnte – sogar einem Nahtreffer mit einem taktischen Atomsprengkopf.
„Weg frei. Wiederhole, Weg frei. Zusätzliche Kräfte treffen ein in…“
„Stopp!“ Zum Glück gehorchte der Gardist. Lord Allecar hätte nur ungern den ebenso würde- wie chancenlosen Versuch unternommen, seinen ‚Beschützer‘ zu stoppen: „Was bei den Höllen ist los?!“
„Es gab einen Vorfall beim Haupttor. Angreifer mit automatischen Waffen.“
„Am Haupttor? Greift die Garde an?“
„Wir wissen nicht…“
„Natürlich ist es nicht die Garde. Dann wären Sie längst durchgebrochen. Nein. Also werde ich mich nicht verkriechen.“
„Mein Lord, bis die Lage geklärt ist…“
„Ich habe Ihre Bedenken zur Kenntnis genommen. Nehmen Sie meine Befehle zur Kenntnis.“
Der Soldat musterte seinen Lord ein paar Augenblicke: „Sucht wenigstens einen geschützten Raum auf, mein Lord. Bis die Lage geklärt ist.“
Meliac Allecar überlegte kurz. Er wusste die professionelle Besorgnis seiner Leibgarde durchaus zu schätzen, und es empfahl sich, ihnen zu signalisieren, dass er ihre Sorge auch ernst nahm. In einem der Schutzräume war Meliac zumindest vor Angreifern mit Kleinwaffen und leichten Sprengsätzen sicher. Außerdem gab es dort eine autarke Luftversorgung für zwölf Stunden, eine gesicherte, redundant funktionierende Kommunikationseinrichtung sowie Wasser und Lebensmittel: „Meinetwegen. Aber ich will umgehend informiert werden, sobald die Lage geklärt ist. Und ich will wissen, dass es meinem Sohn gut geht. Und noch etwas – NIEMAND schießt auf die kaiserliche Garde, es sei denn, Sie dringen in das Haupthaus ein. Und selbst dann Feuererlaubnis nur nach meiner ausdrücklichen Genehmigung. Geben Sie das weiter!“
„Selbstverständlich mein Lord. Wenn Ihr mir folgen würdet…“

Vor dem Haupttor des Anwesens war das kurze aber heftige Feuergefecht inzwischen vorbei. ‚Nicht, dass da ein Zweifel bestanden hätte.‘ dachte Lieutenant Ajanni, Kommandantin der zur Bewachung des Allecar-Anwesenden abgestellten Gardeeinheit. Doch sie fühlte keine Genugtuung.
Die drei Angreifer in den Uniformen der Kaiserlichen Garde waren tot, wie ihr leichtgepanzertes Fahrzeug von zahllosen Treffern durchsiebt.
„Die Allecars wollen wissen, was verdammt noch mal eigentlich los ist. Ihre Worte.“
Ajanni wandte ihren Blick von den verbrannten Leichen der Angreifer ab: „Sagen Sie ihnen, es hat ein Missverständnis gegeben. Die Lage ist unter Kontrolle.“
„Ein MISSVERSTÄNDNISS?! Wir haben einen Schwerverwundeten, zwei Allecar-Gardisten sind tot, ein dritter überlebt vielleicht nicht die Nacht! Die Angreifer waren Mitglieder der Garde! Und ich soll ihm sagen, dass – was?! Dass diese drei Arschlöcher sich verfahren haben und das falsche Anwesen stürmen wollten?!“
„Na und?! Wir haben einen toten Kriegsminister und Gardisten, die auf ihre Kameraden schießen, nur weil ein paar Adlige nicht im eigenen Bett schlafen können! Also sagen Sie den Allecars, was sie wollen! Aber wir werden das Ansehen der Garde nicht durch den Dreck ziehen, nur damit ausgerechnet Meliac Allecar und sein Söhnchen besser schlafen können!“
„Dero Allecar ist…“
„Ich weiß, was er ist. Und auch, was er NICHT ist. Ich habe für ihn auf meine Brüder und Schwestern geschossen!“
Ihr Ausbruch schien an dem steinernen Gesicht ihres Stellvertreters abzuprallen. Dennoch waren seine nächsten Worte leiser: „Das weiß ich. Ich habe es auch getan. Und ich würde es wieder tun. Sergeant Len ist auch unser Bruder – und dennoch haben die Angreifer ihn niedergeschossen. Und wenn Gardisten sich anmaßen, darüber zu entscheiden, welche Mitglieder der kaiserlichen Familie es verdienen zu leben und welche sterben sollen…“
„Die Allecars…“, Ajanni schluckte herunter, was sie hatte sagen wollen. Wie auch den Hinweis darauf, dass die Garde mehr als einmal noch viel weiter gegangen war als diese drei Narren.
„Das Oberkommando wird wissen wollen, was passiert ist.“
„Und das soll es auch erfahren. Aber das geht nur die Garde etwas an. Niemanden sonst.“
„Und…das hier?“ Die Handbewegung ihres Untergebenen umfasst das zerschossene Fahrzeug, die zugedeckten Leichname und verstreuten Waffen.
„Räumt das weg. Wir wollen doch nicht, dass LORD Allecar sieht, wer die Rechnung für seinen Ehrgeiz bezahlt.“
Während Ajannis Stellvertreter sich entfernte, kehrte der Blick der Gardeoffizierin zu der Rettungsdecke zurück, die den Leichnam des Anführers der Attentäter verbarg. Leutnant Renik war in ihrem Alter gewesen. ‚Warum, du Idiot? Warum? War es das wert? Dass Garde jetzt auf Garde schießt?!‘ Natürlich erhielt sie keine Antwort. Die Toten blieben stumm.

Dieser Beitrag wurde 1 mal editiert, zum letzten Mal von Tyr Svenson: 22.07.2017 18:53.

22.07.2017 16:42 Tyr Svenson ist offline E-Mail an Tyr Svenson senden Beiträge von Tyr Svenson suchen Nehmen Sie Tyr Svenson in Ihre Freundesliste auf
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"Aber Brutus ist ein ehrenhafter Mann!"
Shakespeare, "Julius Cäsar"


Anwesen von Prinz Rallis Thelam,

„Wie lange wollt Ihr euren…Gast warten lassen?“ Dan Qaus Stimme klang etwas unsicher. Vermutlich erinnerte er sich an die erste Reaktion des Thronprätendenten, als er Gilat Allecar angekündigt hatte, eine Nichte von Lord Meliac Allecar. Rallis, der eben erfahren hatte, wie das Duell zwischen Dero und Linais Ehemann ausgegangen war, hatte einige recht farbige Wörter bezüglich der Herkunft und Sexualgewohnheiten von Lord Meliac, seinem Sohn und den Angehörigen von Haus Allecar generell gebraucht. Und hinzugefügt, dass Meliac sehr gut daran getan hätte, keinen männlichen Vertreter seines Hauses zu schicken. Denn in diesem Fall wäre Rallis doch sehr versucht gewesen, den Boten einfach zu Lord Allecar zurückzuschicken. Natürlich mit seinem Kopf in einem separaten Behälter.
Inzwischen hatte sich der Prinz und Thronprätendent allerdings beruhigt. Er schürzte lediglich kurz die Lippen: „Ich WILL sie warten lassen, bis Dero Allecar an Altersschwäche eingegangen ist. Aber da es leider nicht darum geht, was ich will, gib mir noch zwanzig Minuten. Damit bleibe ich noch gerade im Rahmen dessen, was als höflich gelten kann. Auch wenn ich Wichtigeres zu tun habe, als mich mit dieser Bande von Emporkömmlingen abzugeben. Gibt es irgendetwas Neues?“
Er brauchte nicht genauer zu werden. Dan Qau wusste, was sein Lehrmeister und Arbeitgeber meinte und spannte sich unwillkürlich an: „Offenbar wird die Nacht ruhig bleiben. Abgesehen von dem Zwischenfall beim Anwesen der Allecars…“
„Was für eine sinnlose, vergebliche Verschwendung.“ In Rallis Thelams Stimme schwang echtes Bedauern mit. Allerdings war sich Dan Qau ziemlich sicher, was Rallis wirklich bedauerte: „Aber wir müssen uns wohl damit zufriedengeben, dass das große Blutvergießen verhindert werden konnte.“

Dan Qau wusste noch immer nicht, was es gewesen war, dass Rallis Entschluss herbeigeführt hatte. Waren es die Treffen mit Vertretern der Admiralität und des Generalstabes gewesen? Das gestrige Gespräch mit dem Kommandeur der Kaiserlichen Garde? Oder die vertrauliche Zusammenkunft des Prinzen mit dem Kanzler, die Dan Qau mit großem Widerwillen arrangiert hatte – bedeutete es doch, dass er Boten zwischen den beiden Menschen spielen musste, die er am meisten zu enttäuschen fürchtete – seinen Onkel und seinen Dienstherren. Hatte Rallis am Ende Angst vor der eigenen Courage bekommen, als er erkannte, wie weit die Putschpläne der Offiziersfrondeure und heißblütigen Jungadligen auch durch Rallis heimliche Unterstützung und gegen die Allecars, Kriegsminister Jockham und gleichzeitig auch die eher reaktionär und expansionistisch gestimmten Teile des Adelsrates gerichteten Intrigen gediehen waren? Hatte er nie vorgehabt, es so weit kommen zu lassen? Hatte das alles nur dem Ziel gedient, das Entstehen einer Drohkulisse zu inszenieren, um Rallis Weg nach Oben zu ebnen?

Falls das der Plan des Prinzen gewesen war, so war er gescheitert. Und in den letzten zwei Dutzend Stunden hatten Rallis, Dan und zahllose andere Akarii, die längst nicht alle zu den Gefolgsleuten des Thronprätendenten gehörten, alles in ihrer Macht stehende unternommen, damit der geplante Putsch nicht stattfand – ohne jedoch die jungen Möchtegernrebellen ans Messer zu liefern. Dass das irgendwie zumindest halbwegs funktioniert hatte, lag paradoxerweise auch daran, dass die Offiziersfronde und die gegen den Aufstieg der Allecars aufbegehrenden jungen Adligen so viele Sympathisanten und Verbindungen hatten. Das Netzwerk aus gegenseitigen Verpflichtungen und Freundschaften, alten Bündnissen und Allianzen, das das gesamte Imperium und seine Führungsinstanzen durchzog und das im Verlauf der Jahrtausende immer komplexer und dichter geworden war, hatte es den angehenden Putschisten erlaubt, ihre Planungen gefährlich weit voranzutreiben, gleichzeitig zumindest Teile ihrer Planungen durchsickern lassen – jedoch auch sichergestellt, dass selbst viele derjenigen, die einen Putsch kategorisch ablehnten, nicht daran interessiert waren, zu viel Blut zu vergießen. Immerhin konnte es sehr leicht das eines Verwandten oder zukünftigen oder früheren Verbündeten sein…
Das bedeutete natürlich nicht, dass das alles nur ein Spiel war – schon immer war der Kampf der Häuser mit Gewalt verbunden gewesen. Aber die gegenseitigen Abhängigkeiten hatten sich zumindest in den letzten paar hundert Jahren zu einer informellen Kontrollinstanz dafür entwickelt, dass ein gewisses Maß gehalten wurde. Was ein Grund war, warum sich der imperiale Adel noch nicht gegenseitig ausgerottet hatte und Familien wie die Thelams, die Tarans und die Allecars trotz aller Umstürze, Intrigen und politischen Wirrungen ihre Herkunft bis in die Akarii-Antike zurückverfolgen konnten.
Mochten auch in den letzten paar hundert Jahren immer wieder adlige Verschwörer (oder die Ziele der nämlichen Verschwörungen) ermordet, hingerichtet oder verbannt worden sein – das waren Machtmittel, die mit Bedacht eingesetzt worden waren. Ein ganzes Haus zum Untergang zu verdammen, blutige Säuberungen abrollen zu lassen, wie sie in der Geschichte der Menschheit üblich waren – all das hatte es früher gegeben, doch galten derartige Maßnahmen und ihre langfristigen Folgen im Imperium inzwischen immer mehr als ein warnendes Beispiel.
Denn viele, die es beim Einsatz der ihnen zur Verfügung stehenden Gewalt an Augenmaß missen ließen – wie etwa Imperator Xias der Blutige und andere legendäre Tyrannen – hatten am Ende erkennen müssen, dass sich das im Überfluss vergossene Blut gegen sie wandte.
Allerdings war sich Dan Qau sich nicht sicher, ob diese ungeschriebenen Regeln immer noch galten. Die Jahrzehnte der Aufrüstung und des Klingenrasselns, die Abschottung gegenüber den benachbarten Reichen, wachsende Spannungen und Revolten in den kaiserlichen Provinzen und vor allem der immer erbitterter geführte Krieg gegen die menschliche Sternenrepublik hatten eine Generation großwerden lassen, denen die in den letzten Jahrhunderten etablierten Regeln immer weniger galten. Die entweder bereit waren, diese umzustoßen – oder die sich von einer älteren, blutigeren Vergangenheit inspirieren ließen. Die wachsende Popularität der Duellkultur war ein Indiz dafür, wie auch die Renaissance des in den Streitkräften nie ganz aus der Mode gekommenen Glaubens an die grausamen Götter der Sternenleere.

Und deshalb beschränkte sich Dans Antwort auf Rallis Thelams Äußerung, dass man ein Blutvergießen verhindert hätte, auf ein knappes „Vorerst…“.
Sein Dienstherr überrasche ihn mit einem jähen Auflachen: „Mein lieber Dan, du entwickelst dich ja zu einem echten Zyniker. Was gibt es Neues von Parin und seiner…Begleitung?“
„Sie dürften den Planeten bereits verlassen haben…in diesem Augenblick, ja. Bisher verläuft alles planmäßig. Wenigstens dieses eine Mal.“
„Gut. Die Zeit spielt dabei eine entscheidende Rolle. Die Allecars mögen de facto die Position des Prinzessgemahls einnehmen, aber wenigstens gibt ihnen das keine direkte Kontrolle über die Streitkräfte. Zumindest vorerst nicht. Also nur noch ein wenig Zeit…und die Allecars werden da nicht mehr eingreifen können, selbst WENN sie es schaffen sollten, sich das nun vakante Kriegsministerium zu sichern. Wenn sie es nicht riskieren wollen, die Armeeführung gegen sich zu mobilisieren. Und DAS können sie sich nicht leisten. Noch lange nicht. Im Militär hat Dero ja nun wirklich wenig Bewunderer.
Und deshalb…wird es Zeit, dass ich mich unserer ungebetenen Besucherin widme.“
„Wollt Ihr sie hier empfangen?“ Dan Qau sah sich in dem kleinen und ziemlich überfüllt wirkenden Zimmer um, dass ihn mit den Stapeln teilweise antiker Bücher und den nachlässig arrangierten Schalen, Kleinstatueten, antiken Waffen und anderen Artefakten eher an das Studienzimmer eines Hobbyhistorikers erinnerte und seiner Meinung nach besser zu Lisson als zu Rallis passte. Aber vielleicht war das der Grund – bei dessen seltenen Besuchen zogen sich die beiden Cousins meist in dieses Zimmer zurück. Was allerdings die Frage offenließ, warum Rallis sich ausgerechnet JETZT hier verkrochen hatte.
„Du hast natürlich Recht, das geht nicht. Nein, auch nicht in einem der Audienzräume – das würde dem Ganzen eine etwas zu offizielle Note geben. Außerdem würde Gilat dort damit rechnen, dass ihre Worte aufgezeichnet werden.“
„Davon wird sie sowieso ausgehen.“
„Mal sehen. Bring sie in einen der Innenhöfe.“
„Aber es stürmt immer noch.“
Rallis Thelam seufzte leicht gereizt, während er eine etwas protzige Brosche an dem Kragen seiner Robe befestigte: „Natürlich. Dann denkt sie vielleicht, dass Donner und Regen etwaige Aufzeichnungsgeräte behindern. Und ja, wir wollen natürlich nicht, dass sie nass wird. Also führe sie zum Dritten Hof, der hat einen Säulengang.“

Als Rallis das Zimmer verließ, riskierte Dan Qau einen raschen Blick auf die neben dem Holoschirm des Kommunikators verstreut lagen. Er konnte nicht alle Titel lesen, denn sein Alt-Heklar war ziemlich eingerostet. ‚Die Kinder der Schwarzen Woge‘ – er hatte keine Ahnung, was damit gemeint war. ‚Söhne Dur’dashars und Töchter Kara’ra’Karrgs‘ – das hatte etwas mit zwei der ältesten Göttern zu tun, die immer noch verehrt wurden.
Dass Rallis Thelam, der nach Dan Qaus Einschätzung an nichts und niemand glaubte, es für nötig hielt, sich mit derartig esoterischen Dingen zu beschäftigen, war etwas beunruhigend. Und die letzten Bücher, dessen Titel er lesen konnte…‘Der Prinz und die Cha’kal‘ und ‚Krieger ohne Gesicht‘.

Nun, DAS ergab Sinn, auch wenn er Dan Qau ganz und gar nicht gefiel. Die Cha’kal waren eine Eliteformation, die noch exklusiver als die Kaiserliche Garde war. Weder die Namen noch die Herkunft – nicht einmal die Zahl – ihrer Mitglieder waren bekannt. Die meisten Schätzungen gingen von nicht mehr als eintausend Männern und Frauen aus – mit einem Budget, das für mehrere Armeedivisionen und Großkampfschiffe gereicht hätte. Die Cha’kal unterstanden der direkten Kontrolle des Imperators. Sie kamen bei Missionen zum Einsatz, die für die Garde und die ‚normalen‘ Spezialeinheiten zu heikel waren. Wozu auch Attentate, Anschläge und politischer Terror gehörten. Und das war eigentlich auch schon alles, was halbwegs sicher bekannt war.
Weniger validen Gerüchten zufolge hatten die Cha’kal mehr als einmal einem in ihren Augen ‚unwürdigen‘ Imperator ihre Unterstützung verweigert oder entzogen – was in der Regel sein baldiges Ableben nach sich gezogen hatte. Selbst ‚glaubhafte‘ Vermutungen über ihre Ausrüstung und Rekrutierung drehten sich um zu gnadenlosen Killern trainierten Waisenkinder, genetische und kybernetische Modifikationen sowie Waffen, die für die regulären Streitkräfte noch Jahre von der Einsatzreife entfernt waren. Aber immerhin gingen diese Vermutungen davon aus, dass die Cha’kal Akarii – oder zumindest sterblich waren. Phantasievollere Quellen sprachen von einem ‚inneren Zirkel der Cha‘kal‘, der weder das eine noch das andere war, und zogen Linien zu den dämonischen Sagengestalten der Akarii-Antike, die der Einheit ihren Namen gegeben hatten.
In gewisser Hinsicht fast genauso fantastisch waren jene Zweifler, die meinten, die Cha‘kal seien in Wahrheit nur ein imaginäres Schreckgespenst, eine Schimäre der imperialen Propaganda, um Feinde und Dissidenten einzuschüchtern.
Dan Qau unterdrückte ein Zusammenzucken. Für einen Augenblick hatte er das Gefühl gehabt, dass er in dem leeren Raum nicht alleine war. Hastig drehte er sich um und eilte seinem Dienstherren hinterher.

Falls Gilat Allecar, die ein paar Jahre jünger als Dero war, über den Ort des Gesprächs überrascht war, überspielte sie das gut. Ebenso wie die Tatsache, dass der Thronprätendent sie nur knapp wenn auch höflich grüßte, und dann seinen Blick wieder in die Mitte des Innenhofes wandte, auf die von immergrünen Gewächsen halb verdeckte Statue eines sitzenden Akarii in antiken Gewändern. Angesichts der Tatsache, dass Gilat – jung, weiblich, attraktiv und nach allem was Dan Qau wusste auch nicht dumm – eigentlich in Rallis Beuteschema passte, war das eine kleine Überraschung. Allerdings war der Thronprätendent in den letzten zwanzig Stunden damit beschäftigt gewesen, ein Blutvergießen zu verhindern. Und hatte realisieren müssen, dass die auch von ihm selber angestoßenen Intrigen auf die fast schlimmstmögliche Art und Weise aufgegangen waren. Das reichte vermutlich aus, um auch das lebhafteste Libido zu zügeln.

„Erkennen Sie ihn, Gilat?“
„Ich bin nicht ganz sicher, Hoheit…“
„Imperator Clodus hätte sich bestimmt nie träumen lassen, dass er von einem Gelegenheitshistoriker und Freizeitgelehrten zu einem der besten Kaiser in einer sehr…turbulenten Zeit aufsteigen würde. Und dass nur, weil er als einziger Thronprätendent einen Putschversuch überlebte…“
Dan Quaus Meinung nach war das vielleicht doch schon etwas zu vordergründig. ‚Oder willst du jetzt darauf hinweisen, dass du einen neuen Spieler ins Rennen bringen willst?‘
Nach der Art und Weise, wie Gilat Allecar den Prinzen von der Seite musterte, hatte sie die Anspielung verstanden. Zumal Rallis auch noch nachlegte: „Und hätte Clodus bei seiner Familienpolitik und den Entscheidungen des Herzens dieselbe Weisheit bewiesen wie als Herrscher und Historiker, er wäre vielleicht in die Geschichte eingegangen als einer der wahrhaft Großen. Aber so werden all seine Weisheit und seine Leistungen verdunkelt durch den Bürgerkrieg, der nach seinem Tod ausbrach und der Xias den Blutigen auf den Thron brachte.“
„Das alles mag für Historiker gewiss faszinierend sein, aber vielleicht wollt Ihr euch doch eher der Gegenwart zuwenden, um die Zukunft zu gestalten.“ Die Stimme der jungen Adligen klang etwas angespannt. Offenbar fühlte sie sich recht unwohl und war nicht in der Stimmung für Rallis' Spielchen.
„Ich denke ja, dass wir der Geschichte gedenken sollten. GERADE wenn wir die Zukunft gestalten wollen. Wir riskieren sonst, die Vergangenheit zu wiederholen…“
„Lord Meliac Allecar wendet sich an Euch in eurer Funktion als ältester der unmittelbaren Angehörigen unserer geliebten Prinzessin…“, Rallis reagierte auf die Einleitung mit einem Laut der verdächtig nach einem ungnädigen Schnaufen klang. Und sogar Dan Qau war der Meinung, dass die Allecars etwas dick auftrugen. ‚Dass Linai so vielgeliebt ist, ist ja wohl das eigentliche Problem.‘
„Lord Allecar ist sich sehr wohl bewusst, dass zwischen seinem Haus und euch eine gewisse…Missstimmung besteht. Ich bin hier, weil ich Euch versichern soll, dass dies niemals in seiner Absicht lag. Oder in der seines Sohnes.“
„Hm. Und warum will keiner von ihnen mir das persönlich mitteilen?“
„Dero Allecar ist verwundet. Und Lord Allecar…lässt Euch ausrichten, dass er euch auch als Gegner zu sehr achtet, um persönlich uneingeladen hier zu erscheinen.“ Dan Qau zuckte leicht zusammen, als Rallis Thelam jäh auflachte. Vermutlich hatte Gilat – oder ihr Onkel – auf genauso eine Reaktion gehofft. Allerdings war Rallis Belustigung nur kurzlebig: „Lord Allecar muss wissen, dass er nach seinen Tun beurteilt wird. Irgendwann können Worte da nichts mehr ändern.“
„Worte können genauso machtvoll sein wie Taten. Und tiefere Wunden schlagen als eine Klinge. Wie Ihr nur zu gut wisst, Hoheit.“
„Sind das ebenfalls Meliac Allecars Worte? Oder Eure eigenen, Gilat?“
„Das spielt keine Rolle. Hier und heute bin ich die Stimme des Hauses Allecar.“
Dan Qau biss sich auf die Lippen. Irgendwie hatte er das Gefühl, diese Sätze schon einmal gehört zu haben. Das Hin und Her, die Richtung in die das Gespräch steuerte, erinnerte ihn an eine der alten Historienbücher, die er als Junge gelesen hatte. Und meist hatten die in einem großen Blutvergießen geendet.
„Und was will die Stimme des Hauses Allecars mir ausrichten? Eine Warnung? Eine Drohung?“, kurz schien Rallis Thelams Maske aus sarkastischer Abgeklärtheit zu verrutschen: „Ich bin ein Mitglied des Hauses Thelam. Ich habe keine Angst. Nicht vor dem Haus Allecar und auch nicht vor einer noch so großen Anzahl Opportunisten, die sich heute oder morgen plötzlich dessen Gefolgsleute nennen. Meine Vorfahren haben das Imperium groß gemacht. Wir haben die Akarii zu den Sternen geführt! Und wir werden auch noch in tausend Jahren regieren!“
„Und nichts anderes will Haus Allecar. Wir sind bereit, all unsere Macht, unseren Reichtum und unser Können in den Dienst des künftigen Imperators zu stellen, um zu garantieren, dass die Herrschaft des Hauses Thelams anhält. Und um diese Herrschaft zu sichern und zu erhalten, bis sie in die Hände von Prinzessin Linais ungeborenem Sohn gelegt werden kann, müssen wir uns zusammenschließen und alle vergangenen Kränkungen vergessen. Stabilität und Sicherheit haben jetzt Vorrang.“
„Die niemals derart in Zweifel stehen würden, wenn Haus Allecar gegenüber dem Prinzessgemahl nicht auf derart…spektakuläre Art und Weise seinen Anspruch durchgesetzt hätte.“
„Umso mehr braucht jetzt das Reich eine stabile, verlässliche und breite Führung, die im Interesse seines künftigen Herrschers handelt. Und um diese zu garantieren ist Haus Allecar bereit, Euch einmal mehr die Hand entgegenzustrecken.
Alle…Spannungen der letzten Wochen und Monate, alle Bestrebungen unseres Hauses zielten niemals gegen das Haus Thelam oder gegen Euch. Sondern sollten nur garantieren, dass die Herrschaft des künftigen Imperators nicht auf einer Lüge gegründet ist. Und dass er von der Familie seines WAHREN Vaters unterstützt wird. In Übereinstimmung mit den Traditionen des Reiches und der Götter.“
Rallis Thelam schnaubte kurz: „Lasst die Götter aus dem Spiel. Ihr seid zu jung, als dass ich euch das abnehmen würde. Wenn Meliac und sein Sohn den Griff nach der Macht ausgerechnet DAMIT legitimieren wollen, sollten sie zumindest den Anstand haben, dieses…Schmierentheater gegenüber denjenigen zu unterlassen, die es besser wissen.“
Nach Dan Qaus Meinung hielt sich Gilat Allecar recht gut, dafür dass ihre Mission mehr und mehr zu scheitern drohte. Offenbar war sie noch immer nicht gewillt, aufzugeben: „Lord Meliac Allecar ist sich dessen bewusst, dass die berechtigten Ambitionen seines Hauses euch und andere Mitglieder der Thelams verärgert haben…“
„Seine ‚berechtigten‘ Ambitionen haben bereits das Leben des Prinzessgemahls gekostet. Vergebt mir, wenn ich nun etwas misstrauisch bin und mich frage, wer vielleicht noch neben Tobarii Jockham auf der Liste steht. Gerade in meiner Funktion als eines der Familienoberhäupter des Hauses Thelam habe ich eine Verpflichtung für die…Unversehrtheit der Leben und der Ehre meiner Verwandten und Gefolgsleute.“

Das war nach Dan Qaus Meinung etwas unverschämt. Immerhin hatte Rallis in den letzten Monaten alle Hebel in Bewegung gesetzt, um das Beziehungsdreieck Tobarii-Dero-Linai gegeneinander auszuspielen und sein eigenes politisches Ranking auf ihre Kosten auszubauen. Und auch gegenüber männlichen Angehörigen des Hauses Thelams war sich Rallis keiner Intrige zu schade gewesen, wovon der inzwischen verstorbene Jor und Karrek ein Lied hätten singen können. Aber ob Gilat Allecar dies wusste oder nicht, sie würde es nie ansprechen.

„Die letzten Monate haben zu dem ein oder anderen…Missverständnis geführt. Und auch Euer Verhalten war nicht immer das freundschaftlichste.“
„Hm. Vielleicht hatte ich ja so eine Ahnung wohin das alles führen könnte. Dero und Tobarii hingegen…eine Zeitlang schienen die beiden dieselbe Meinung zu teilen, was unsere Politik gegenüber den Menschen angeht. Aber das hat ja nicht so lange vorgehalten.“
‚Weil sie eben nicht nur Ansichten geteilt haben.‘ ergänzte Dan Qau in Gedanken. Aber nicht einmal Rallis war so unhöflich, das auszusprechen.
„Haus Allecar ist weiterhin zuversichtlich, Euch von seinen guten Absichten überzeugen zu können.“
„Das sollte vor allem auch von seinem künftigen Verhalten und Taten abhängen, findet Ihr nicht, Gilat Allecar? Worte können mächtig sein, und sie können verletzen – aber sie sind auch sehr billig.“
„Und einen ersten Schritt dazu möchte ich heute machen. Indem ich im Namen meines Onkels Meliac Allecar und meines Cousins Dero Allecar bei euch um die Hand eurer Cousine anhalte.“ Und damit schaffte Gilat Allecar etwas, dass im allgemeinen nur sehr wenigen gelang. Für ein paar Herzschläge war Rallis Thelam sprachlos. Und dem dann hervorgestoßenen „Was?!“ mangelte es ebenfalls an der oft boshaften Eloquenz, für die Rallis berühmt war.
„Wie erwähnt – Ihr seid der älteste männliche Angehörige von Prinzessin Linai. Und deshalb verlangt es die Tradition, dass ein solches Ersuchen zuerst an euch gerichtet wird.“
„Ich habe schon einmal gesagt, dass ich Meliacs…Interpretation unserer Traditionen nicht allzu viel abgewinnen kann. Und zweifellos habt weder Ihr noch euer Onkel vergessen, dass ich erst vor wenigen Wochen im Adelsform auf…traditionelle Art und Weise deutlich gemacht habe, was ich von Deros Anspruch halte.“

Auch Dan Qau erinnerte sich noch sehr gut an die Szene, als sein Dienstherr mit einer seit der Antike üblichen Geste der Verachtung Meliac Allecar als einen Frevler und Verräter am Imperium geziehen, damit eine bereits am Rande des Chaos stehende Sitzung des Adelsforums gesprengt und ein Drittel oder mehr der Tagenden zum Auszug angestiftet hatte.

„Und genau deswegen will das Haus Allecar darauf verzichten, diese Fehde fortzusetzen. Statt uns im Kampf gegeneinander aufzureiben wäre es so viel sinnvoller, gemeinsam an der Gestaltung der Zukunft zu arbeiten. Zumal so sichergestellt werden könnte, dass nicht andere, weniger…würdevolle Gewinn daraus ziehen und vielleicht Posten und Würden übernehmen, die Mitgliedern des Hauses Thelam gebühren.“
Auch Dan Qau erkannte diese Worte als das was sie waren. Ein Köder – aber auch eine Drohung. Die allerdings Rallis Thelam nicht allzu sehr die Ruhe zu rauben schienen: „Wenn ich meine Meinung jetzt ändern würde, nur weil die Würfel des Schicksals nicht so gefallen sind, wie es vielleicht erwartet wurde…damit würde ich meiner Familie wenig Ehre machen.“
„Heißt das, Ihr werdet…“
„Das heißt, ich nehme das Ersuchen von Haus Allecar zur Kenntnis. Ich werde es sogar an meine Cousine weitergeben, sobald sie ihre Trauer beendet hat. Aber erwartet nicht, dass ihr in mir einen Fürsprecher habt. Dafür ist zu viel geschehen. Oder zu wenig. Alles weitere…muss die Zeit erweisen.“
„Ihr meint…“
Wieder ließ Rallis seine junge Gegenüber nicht ausreden: „Richtet Meliac Allecar genau diese Worte aus. Er kann sich gerne seinen eigenen Reim daraus machen. Und erinnert Ihn noch einmal daran, dass ich ein Mitglied des Hauses Thelam bin. Und was das bedeutet. Wir dienen dem Imperator. Niemanden sonst. Und mit weniger werde ich mich nicht zufrieden geben.
Dan, unsere bezaubernde Besucherin muss gehen. Geleite sie zum Haupttor und stelle sicher, dass sie gut durch den Kontrollposten gelangt. Ich habe gehört, dass es da heute schon ein…Missverständnis gegeben hat.“ Gilat Allecars leicht verwirrter Miene nach hatte sie noch nichts von dem gescheiterten Anschlag auf das Anwesen ihrer Familie gehört. Sie schien wenig glücklich, einfach weggeschickt zu werden. Aber da Rallis Thelam sich wieder der Statue von Imperator Clodus zugewandt hatte, kam Dan Qau in den Genuss ihres bemerkenswert willensstarken Blickes. Er seufzte innerlich. Diesmal hatte Rallis legendärer Charme offensichtlich versorgt: „Wenn Ihr mir bitte folgen würdet…“

Als er nach einer knappen Viertelstunde zurückkehrte, fand er seinen Dienstherren immer noch an derselben Stelle vor: „Hoheit?“
„Clodus Vermächtnis sind seine Bettangelegenheiten zum Verhängnis geworden. Seine Gelehrtheit hat ihm da wenig geholfen. Ich frage mich, ob er das jetzt lustig finden oder über unsere Dummheit weinen würde.“
Der ‚weinende Imperator‘ war eine häufig verwendete Figur in traditionellen Akarii-Dramen, die dem Untergang einer Dynastie oder einer Armee eine persönlichere Note verleihen sollte.
„Verzeiht Hoheit, aber Ihr wart ziemlich…direkt. Und fast unhöflich.“
„Findest du? Ich denke ja, dass ich mich sehr zurückgehalten habe. Aber ich hatte schon immer eine Schwäche für ein hübsches Gesicht. Und mit den Allecars muss man direkt sprechen. Vor allem, wenn sie glauben auf der Siegerstraße zu sein.“
„Ich glaube nicht, dass Gilat Allecar das so sehen wird.“
„Nun, mit dieser verpassten Chance werde ich wohl leben müssen. Hm…ich frage mich, ob mir Meliac Allecar mit Absicht eine seiner unverheirateten Nichten geschickt hat. Oder…“, der Thronprätendent grinste flüchtig, „…vielleicht hat er ja auch an dich gedacht.“
„Mich?“
„Mach dich nicht unbedeutender als du bist. Immerhin kommst du aus der Familie des Kanzlers. Und das macht dich zu einer guten Partie.“
„Statt über meine Chancen auf dem Heiratsmarkt zu spekulieren…“, Dan Qau holte kurz Luft: „Könnte Ihr mir nicht lieber verraten, warum Ihr so…brüsk wart? Ich behaupte nicht, dass ich das Spiel schon perfekt beherrsche, aber für mich klang es so, als würde Allecar euch seine Zusammenarbeit anbieten. Und einen Posten.“
„Und wie großzügig Meliac doch mit der Macht ist, die er sich anzueignen im Begriff ist. Und das soll ich durch meine Zustimmung legitimieren? Nein. Nicht so schnell. Du musst das verstehen, Dan. Ich habe Meliac Allecar ins Gesicht gespuckt und den halben Adelsrat gegen ihn mobilisiert. Wenn ich jetzt die Seiten wechsele – wie stehe ich denn dann da?
All jene, die sich gegen den halben Putsch der Allecars verschworen haben – oder es zumindest gerne getan hätten - würden mich als einen ganzen Verräter ansehen. Alles was ich in den letzten Jahren aufgebaut habe wäre wertlos. Und was würde das für ein Signal für all jene sein, die jetzt noch unentschieden sind oder schwanken? Binnen kürzester Zeit stünde ich ziemlich alleine und verlassen da, während das Lager der Allecars immer weiter wachsen würde. Bald wäre ich nicht viel mehr als ein…Anhängsel. Ein Aushängeschild. Ohne echte Macht oder Druckmittel. Nein. Wenn ich es auch nur erwägen will, mich dem Allecar-Lager anzuschließen, dann aus einer stärkeren Position. Und für mehr als nur ein paar vage Worte.“
„Aber so riskiert Ihr es, dass die Allecars sich woanders Unterstützung suchen.“
Rallis Thelam schnaubte verächtlich: „Na, das möchte ich mal sehen. Wen von den alten Häusern haben sie denn auf ihrer Seite? Die Zuuni? Ganz gewiss nicht. Die Taran? Da erwartet sie möglicherweise noch die ein oder andere Überraschung. Und ansonsten…werden sie bald bemerken, dass sie vielleicht eine Schlacht gewonnen haben, aber nicht den Krieg. Und dass sie sich in ein Gewässer gewagt haben, in dem auch noch ganz andere Raubfische schwimmen. Und dann sind da noch die Flotte, die Armee und die Garden. Glaub mir, Dan, es ist noch lange nicht vorbei. Es hat gerade erst angefangen…“
29.08.2017 18:44 Tyr Svenson ist offline E-Mail an Tyr Svenson senden Beiträge von Tyr Svenson suchen Nehmen Sie Tyr Svenson in Ihre Freundesliste auf
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TRS Columbia
Sterntor-System

„Wir haben die Umlaufbahn verlassen und das Gravitationsfeld von Masters verlassen“, meldete der Rudergänger
„Maschinen ein Drittel voraus“, befahl Commander Charles Stacy, „Kurs zwo-null-acht.“
Der Rudergänger wiederholte die Befehle und führte sie dabei sofort aus.
„Signaloffizier, Funkspruch an Kampfverband: Eskortpositionen einnehmen.“
Auch der Signaloffizier gab den ihm gegebenen Befehl wieder.
Es war eine alte Navytratdition, die Befehle zu wiederholen. Es war wichtig, dass der Offizier der den Befehl ausgegeben hatte wusste, dass er verstanden worden war.
Redundanz beherrschte die Marine im Weltall noch mehr als in den blauen Ozeanen der menschlichen Heimatwelt.
Als Stacy auf den Kartentisch blickte kam er nicht umhin den Mund zu verziehen. Die Eskorte für die Columbia war geradezu schwach. Ein schwerer Kreuzer, dazu ein leichter und zwei Flak-kreuzer. Sechs Zerstörer und vier Fregatten.
Die Schlacht von Sterntor hatte ihren Tribut gefordert und der Einsatz der Columbia hatte nicht die Priorität um eine Battlegroup aus mehreren Schwadronen zu bilden.
Doch auch in seiner Welt als Kreuzerfahrer war ein Flottenträger eigentlich zu wertvoll als dass man bei seiner Verteidigung halbe Sachen machte.
Ihn erreichte die Meldung, dass die FORCAP gestartet worden war und zwei weitere Symbole erschienen auf dem Kartentisch, die als Falcons der grünen Schwadron markiert wurden.
Zumindest war der CAG unter all seinem Gehabe Profi genug, den Dienstbetrieb ordentlich organisiert zu bekommen.
Staffords neueste Eskapade war ihm natürlich auch zu Ohren gekommen. Vor einigen Mannschaften hatte dieser freimütig seine Meinung über Stacy kundgetan. Nicht das Charles Stacy nicht darüber stehen würde, was dieser Provinz-Pilot über ihn dachte aber Kommandooffiziere sollten zumindest einen gewissen Grad an Professionellen Zusammenhalt besitzen. Gut, vielleicht war es wirklich mal an der Zeit etwas aufzutauen und den Stock aus den Arsch zu ziehen, wie Stafford postuliert hatte. Nun vielleicht mit einem kleinen Scherz und Charles Stacy wusste schon ganz genau, auf wessen Kosten dieser gehen würde.


Es gab Orte an Bord eines Flottenträgers, den ein Admiral so gut wie nie betrat. Das Hangardeck, wo die Jäger, Jagdbomber, Bomber und Shuttles geparkt oder repariert wurden war ganz eindeutig einer dieser Orte.
In der Reparaturbucht stand ein riesiger Crusader-Bomber; vor im Ausgebreitet zwei Revolvermagazine für unterschiedliche Bestückung.
„Admiral and Gentlemen“, begann Trisha McGill, „dies ist mein kleines Privatprojekt, dass ich während des Landurlaubs auf Seafort begonnen habe.“
„Sie basteln in ihrer Freizeit an Waffensystemen herum?“ Jules Stafford klang hauptsächlich amüsiert und nur ein klein wenig tadelnd.
„Das ist korrekt, ich bin Raumfahrtingenieurin und endlich mal wieder etwas zu kreieren, nachdem ich ansonsten dafür bezahlt werde Dinge in die Luft zu jagen war tatsächlich nötig und zumindest für mich sehr entspannend.“
„Dürfen wir uns jetzt vielleicht auch noch ihr Poesiealbum angucken, bevor sie zum Punkt kommen?“ schnappte Commander Decker. Der Projektleiter für die Arrow-Test wirkte mehr als nur verstimmt.
„Das ist nicht nötig, Sir“, Irons deutete auf eines der Revolvermagazine, „hierbei handelt es sich um einen von zwei Prototypen, der dazu gedacht ist, die Crusader mit acht Phoenix Langstrecken Raumkampfraketen zu bestücken, statt der üblichen sechs Maverick Anti-Schiff-Rakteten. Einige Meiner Piloten und ich, sowie etwas Unterstützungspersonal der Harponeers haben die Magazine entwickelt, gebaut und die entsprechende Software programmiert.
Die Umsetzung im Simulator hat uns zwar vor einige Hürden gestellt, doch nachdem diese behoben waren, konnten wir fünfundzwanzig Gefechtseinsätze simulieren, von denen zwanzig ein Erfolg waren, drei nur gemischte Ergebnisse lieferte und zwei als Reinfall gelten müssen.“
Während Admiral Girad fragend die Augenbraue hob verschränkte Stafford die Arme vor der Brust: „Definieren sie bitte Erfolg, Irons.“
„Wir haben die Fehlerquote auf hundert beim Abschuss von Phönix Raketen bei der älteren Phantom genommen, sowie die Fehlzündungsquote von Mavericks beim Abschuss aus einem Trommelmagazin und das ganze dann mit drei Multipliziert.“
„Darf ich fragen, warum sie diese Quote noch multipliziert haben“, Deckers Tonlage war von Verärgert zu vage interessiert gewandert.
„Nun, da die Fehlerquote bei Mavericks von einer Crusader abgefeuert bei weniger als 0,5 auf hundert Raketen kommt und bei Phantomen auf zwei von hundert, erschien es mir etwas vermessen bei einem neuen Waffensystem eine Fehlerquote von zwo Komma fünf oder gar eins Komme zwo fünf anzupeilen.
Und wie sie wissen, wenn es mehr als acht Fehlzündungen auf hundert abgefeuerte Raketen gibt, wird ein Waffensystem von der Navy nicht in Dienst genommen.
Die ersten fünf Tests haben wir mit nur einem Vogel vorgenommen und es kam leider zu katastrophalen Ergebnissen bei den ersten beiden Tests. Test drei bis fünf waren nicht im Ansatz bei unter acht Fehlern aber wenigstens hat der Simulator uns nicht gesagt, dass wir uns selbst in die Luft gejagt haben.“
„Auf welche Anzahl von Fehlschüssen sind sie gekommen, Commander?“ Girad nahm das neue Trommelmagazin in Augenschein.
„Auf knapp elf von hundert, Ma‘am.“
„Bei wie vielen Testschüssen“, hakte Decker nach, „zweitausendfünfhundert?“
„Nicht ganz so viele, wie gesagt, die ersten fünf Durchgänge waren quasi nur zum Fehler finden da. Wir haben eintausenddreihundert simulierte Abschüsse. Davon zwölf in einer Gefechtssimulation.“
„Wie war die Fehlerquote in der Gefechtssimulation“, wollte Stafford wissen.
„Eine Rakete hat nicht gezündet, Boss. Dafür haben die Leitsysteme der abgefeuerten Raketen gut mit dem Zielsystem der Crusader zusammengearbeitet.“
„Also wäre jetzt der nächste Schritt für einen Feldtest“, stellte Girad fest.
„Richtig, Admiral und dafür brauche ich die nötigen Genehmigungen.“
Girad war Stafford einen fragenden Blick zu. Dieser warf wiederum einen Blick auf das Datapad, dass Irons zu beginn der Besprechung ausgehändigt hatte.
„Commander Decker“, begann der CAG, „könnten sie sich vielleicht die Zeit nehmen und die Zahlen und Daten von Commander McGill gegenprüfen?“
Dieser blickte den CAG kurz ungläubig an, ehe sich ein arrogantes Grinsen auf seine Lippen stahl: „Ich? Wieso fragen sie da ausgerechnet mich?“
„Sie sind der Experte von der Waffenentwicklung und da sie mit den Tests für die Arrows beauftragt wurden, dürfte dies doch eigentlich exakt ihr Spezialgebiet sein.“
„Das stimmt schon aber meine Zeit ist leider auch begrenzt, so interessant ich die vorgebrachten Zahlen auch finde...“
„Ich kann auch Chief Dodson die Daten durchgehen lassen, doch der Verfügt sicherlich nicht über die gleiche Expertise wie sie, Commander“, Stafford zuckte mit den Schultern.
„Außerdem hätte dessen Name nicht so viel Gewicht, wenn die Pläne beim Technologieausschuss der Navy eingereicht würden, wie ihrer“, setzte Irons nach.
„Na gut“, lenkte Decker ein, „ich werde mir ihre Daten als Nachtlektüre mitnehmen, Commander.“
„Danke.“
„Nachdem das geklärt wäre“, Stafford warf Decker das Datapad zu, „sollte Commander Decker die Daten bestätigen und für belastbar halten, erhalten sie von mir die Genehmigung, dass zwei ihrer Besatzungen, einen Waffentest unter Realbedingungen durchführen dürfen.“
Irons starrte ihren Geschwaderführer durchdringend an: „Zwei meiner Besatzungen?“
„Das sagte ich gerade.“
„Gut, dann werde ich schon mal nach Freiwilligen fragen.“ Irons wandte sich an Girad und nickte ihr zu: „Admiral.“
„Commander.“

Girad blickte der davoneilenden Kommandeurin der schweren Bomber der Angry Angels hinterher: „Ich nehme an, sie hat ihren Test bestanden, Cowboy.“
„Das hat sie, Ma‘am.“
„Welchen Test“, verlangte Decker zu wissen.
„Sie hat nicht darauf bestanden, den Feldtest selbst vorzunehmen. Das bedeutet, dass sie ihren eigenen Zahlen und Programmierungen soweit vertraut, dass sie andere damit hinaus schickt.“
Der Entwickler schnaufte amüsiert: „Ist das nicht genau ihr Job, Soldaten in den Kampf zu schicken.“
Sowohl Girad als auch Stafford drehten sich zu ihn um und besonders der Blick der Admiralin war nicht gerade angenehm.
„Ich bin Soldat wie sie beide“, herrschte schließlich Decker los, „ich bin es leid mit diesem Blick bedacht zu werden.“
„Wenn ich mit ihren Fähigkeiten gesegnet wäre“, antwortete Stafford, während Girad weiterhin schwieg, „würde ich wahrscheinlich wie sie auch im Hinterland meinen Teil beitragen, der wenn die Arrows funktionieren unschätzbar ist. Aber ihre Arbeit hat sich vor einem Aspekt des Kommandierens bewahrt, den man sich nicht theoretisch aneignen kann.
Wenn man Briefe an die Hinterbliebenen schreiben muss, überlegt man sich ganz genau, welchen Risiken man seine Untergebenen aussetzt. Und viele der besten Offiziere, die ich kennen lernen durfte und von denen ich lernen durfte waren bereit hohe persönliche Risiken einzugehen, Risiken über die sie mehr als einmal nachgedacht haben, wenn man diese jemand anderen aufbürdet.“
Decker sah aus wie jemand, der drauf und dran war auf durchzug zu stellen.
„Naja, vielleicht haben sie diesen Blödsinn schon tausend mal gehört“, lenkte Jules ein, „was halten sie davon, wenn ich ihnen zum Dank einen im Kasino ausgebe.“
„Dank, wofür?“
„Dafür, dass sie sich die Mühe machen, Irons Entwicklung zu prüfen.“
„Na, ich hoffe, ihr Kasino hat einen anständigen Vodka.“
„Das kann ich nicht versprechen.“
Die beiden Commander verabschiedeten sich von Admiral Girad. Die entschieden hatte, sich etwas mehr für die im Hangar stehende Crusader zu interessieren, statt Decker für seinen Ausbruch zusammenzustutzen.


Gintalaviertel unweit des imperialen Palast
Die ewige Stadt von Pan'chra, Akar

Kern Ramal blickte hinaus auf dem Hinterhof. Das Haus war einst eine Kaserne gewesen, dann war es zu einer Stadtvilla für ein auf dem Land ansässiges Adelshaus umgebaut worden und vor dreißig Jahren zu einem Wohnhaus mit großzügigen Apartments für die jüngeren Sprösslinge reicher und adliger Familien.
Natürlich besaß seine Gastgeberin ein Penthouse hier und die luxuriösen Möbel und Bilder zeugten von einer Pracht, die einem Mitglied der imperialen Familie würdig waren.
Jassia Thelam war die jüngste Tochter von Prinz Lisson Thelam und nach allem, was die Gesellschaft wusste eine brave und gehorsame Tochter, gut nicht gerade ihrem Vater gegenüber, so doch ihrer ältesten Schwester Diaara.
„So nachdenklich?“
Der Duft ihres Parfums, von Schweiß und von frischen Bettlaken wehte mit ihrer Stimme herüber.
„Ich frage mich immer noch, was uns glauben gemacht hat, dass Tobarii in der Lage sein könnte Dero zu schlagen.“
„Nun, meine Cousine, Deine Schwester und auch Cousine, wenn man genau darüber nachdenkt, was der alte Eliak so getrieben hat, war schon immer sehr von ihren eigenen Ideen überzeugt“, Jassia kicherte, „ist sie sehr in Panik geraten, als sie hörte, dass ihr hmm, geliebter Ehemann auf dem Feld der Ehre geblieben ist?“
„Das kannst Du Dir gar nicht vorstellen.“
„Dann erhelle mich“, verlangte sie zu wissen.
Kern drehte sich um und beobachtete seine Gastgeberin einen Augenblick. Jassia war kleiner als Linai und jünger, deutlich zarter gebaut, ein Erbe ihrer Mutter. Dennoch war da eine gewisse Ähnlichkeit, die über das familiäre hinausging.
Persönlicher stolz und Erhabenheit.
„Sie hat mich gebeten, ja geradezu angebettelt, sie auf der Stelle zu Heiraten und Dero umzubringen.“
„Du hast abgelehnt, nehme ich an.“
„Ich habe sie geschlagen.“
Jassia öffnete den Mund und schloss in wieder. Schüttelte den Kopf: „Du hast was?“
„Ich habe ihr eine Backpfeife verpasst und ihr gesagt, wenn sie einen vernünftigeren Plan hat, solle sie sich bei mir melden.“
„Und wie hat sie reagiert?“
„Zuerst hat so ähnlich wie du eben“, Kern stieß sich von der Fensterbank ab und ging in Richtung der Küche, „dann hat sie mich rausgeworfen und mir gedroht, sollte ich mich nochmal sehen lassen, würde sie mir den Kopf abschlagen lassen. Dann hat sie geweint.“
„Hm, sie hat wirklich nicht damit gerechnet, dass Tobarii getötet werden könnte. Glaubt sie etwas, dass Dero sich einfach in Tobariis Klinge stürzen würde, damit ihr Plan aufgeht?“
„Du hättest Tobarii sehen sollen, er hat gut gekämpft, wirklich gut.“
„Er hat verloren.“
Kern setzte Wasser auf und suchte Tee heraus: „Ich sagte ja, Du hättest ihn sehen sollen.“
Sie ging hinüber ins Wohnzimmer und aktivierte den Monitor, der im Couchtisch eingelassen war um die neuesten Nachrichten zu sehen, stellte aber sofort auf lautlos: „Er ist gestorben und plötzlich respektierst du ihn?“
„Ja, ich glaube schon.“
„Und wenn er gewonnen hätte, würdest Du ihn dann ebenfalls respektieren?“
„Nein, wohl nicht. Dann würde ich seinen Erfolg vielleicht mit Glück relativieren.“
„Männer“, kommentierte Jassia, „aber wie dem auch sei, die Allecars verlieren keine Zeit. Meliac hat eine seiner Nichten zu meinem Onkel Rallis geschickt und für Dero um Linais Hand angehalten, damit der zukünftige Imperator nicht als Bastard zur Welt kommt.“
„Zu Rallis? Nicht zu Deinem Vater?“
„Nun, zum einen sind wir nur eine Cadet-Branch des Hauses Thelam und Rallis entstammt der Hauptlinie. Und Diaara hätte keinen lebenden Allecar zu unserem Vater vorgelassen und Du weißt so gut wie ich, weil Du es von mir weißt, das in Hause Lisson Thelam nichts ohne Diaaras wissen geschieht.“
„So wirklich gar nichts?“
„Gar nichts. Guck nicht so erschrocken, meine Schwester kann Dich gut leiden und Vater, naja Vater ist nicht umsonst bei Eliak in Ungnade gefallen.“
„Und was wird Dein Onkel machen?“
„Den Preis hochtreiben und gerade noch rechtzeitig mit den Allecars gemeinsame Sache machen, wenn es in seinem Interesse ist, das Linais Sohn Imperator wird. Andererseits kann man Linai jetzt ganz einfach vom politischen Tisch verbannen, indem man jegwelche Hochzeitspläne sabotiert. Wenn Dero vor einer Hochzeit einen Unfall hat...“
„Und was dann? Wieder zwischen vier Prinzen wählen, von denen einer nicht will, einer alt einer jung und der vierte zu sehr Jor ist?“
„Ich dachte Du warst ein so guter Freund von Jor.“
„Das macht mich noch lange nicht blind“, herrschte Kern sie an, „er ist leider nicht der Prinz geworden, der er bestimmt war zu sein. Man hat ihn klein gehalten, klein geredet und ihm nicht das gelehrt, was nötig war und hätte man auf ihn und Kerrak gehört, hätte man sich dem terranischen Problem viel früher gestellt.“
Jassai verdrehte die Augen, sorgte aber dafür das Kern dies nicht sah: „Diaara könnte ja auch endlich mal heiraten und dann könnte man ihren Ehemann auf den Sternenthron hiefen. Wenn dieser Taran-Bursche nicht so weit weg geschickt worden wäre und er nicht so schrecklich verlobt wäre...“
„Hast Du sonst noch Ideen meine Liebe?“
„Oh, da wäre noch dieser schüchterne junge Admiral, den Großadmiral Rian dem Kriegsministerium überstellt hat.“
„Den würde deine Schwester mit Schuppen und Kamm verspeisen“, dennoch konnte Kern nicht anders als bei dieser Idee herzhaft zu lachen.

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5th Syrtis Fusiliers - Pillage and looting since first succession war


17.09.2017 01:13 Cunningham ist offline E-Mail an Cunningham senden Homepage von Cunningham Beiträge von Cunningham suchen Nehmen Sie Cunningham in Ihre Freundesliste auf
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„Eine Armee ist ein Wesen mit tausend Herzen und zehntausend Gliedmaßen. Aber sie kann immer nur einen Kopf haben.“
Der antike Akarii-General Gorlan Rikata


T’rr, Draned-Militärsektor

Die Rikata-Kampfgruppe war zurückgekehrt. Auf den lange Zeit fast verwaisten Werft- und Andockplätzen der Raumstationen, die den für undurchdringliche Dschungel, eines der kriegerischsten und rebellischsten Völker des Imperiums sowie eine gewöhnungsbedürftige Küche bekannten Planeten umkreisten, drängten sich zahllose Kreuzer, Zerstörer und andere Einheiten. Obwohl viele der Schiffe beschädigt waren und die Flotte bei ihrem waghalsigen Vorstoß auf das Territorium der Terranischen Republik hohe Verluste erlitten hatte – nicht zuletzt einen der unersetzlichen Flottenträger – stellte sie immer noch eine furchteinflößende Streitmacht dar. Mit genug Feuerkraft, um einen Planeten in eine unbewohnbare Wüste zu verwandeln. Und diese Feuerkraft gehorchte – genauso wie die zehntausenden Männer und Frauen an Bord der Kriegsschiffe – den Befehlen eines einzelnen Mannes.

Admiral Zweiter Klasse Mokas Taran stand in einem der Besprechungsräume des Flottenträgers KAHAL und starrte auf die blaugrüne Oberfläche des Planeten T’rr – ein in den Jahren seines Quasi-Exils im Draned-Sektor vertraut gewordener Anblick. In solchen Augenblicken kam es ihm manchmal so vor, als wäre die Zeit, bevor er die Verantwortung für den ganzen Raumsektor und eine komplette imperiale Kampfgruppe übernommen hatte, trotz aller Verbitterung und Frustration die bessere gewesen. Die Bürden des Oberkommandos…
„Admiral? Die anderen sind eingetroffen.“
Taran drehte sich zu Captain Thera Los um: „Sie sollen eintreten. Und bevor Sie sich zu uns gesellen…überzeugen Sie sich, dass wir nicht gestört werden.“
Die attraktive Offizierin, die inzwischen gelernt hatte mit ihrer Rolle als Stabschefin, Adjutantin und Beraterin umzugehen, nickte knapp: „Die Bordsicherheit ist informiert. Alle Überwachungs- und Aufzeichnungsgeräte werden abgeschaltet, Abschirmmaßnahmen sind eingeleitet. Ich überprüfe das noch einmal.“ Was nicht bedeutete, dass sie oder Taran der Sicherheitsabteilung die Kompetenz absprachen. Es ging vielmehr darum, die Wächter zu bewachen. Eine traurige Konsequenz der Sezessionen im Draned-Sektor und dem auf der Hauptwelt ausgebrochenen politischen Machtkampf.

Der Admiral musterte die eintretenden Kapitäne. Inzwischen kannte er jeden von ihnen gut. Etliche hätten längst ebenfalls in den Admiralsrang erhoben werden sollen oder übernahmen Aufgaben, die jenseits ihres Dienstranges lagen. Aber dass der Draned-Sektor zeitweilig fast völlig vom Restimperium abgeschnitten worden war, seine Rolle als ‚Abladeort‘ für renitente Offiziere und das durch diverse Separationsversuche nicht eben gestiegene Ansehen der im Sektor stationierten Streitkräfte hatten viele Beförderungen blockiert. Weshalb Taran noch immer der ranghöchste Flottenoffizier im ganzen Sektor war. Zumindest der letzte, der am Leben und loyal gegenüber dem Imperium war. Nun ja, zumindest hinreichend loyal…

Zuerst kam Kapitän Wor Matir, Kommandant von Tarans Flagschiff KAHAL. Der zynische und leicht aufbrausende Offizier hatte ein nicht immer reibungsfreies Verhältnis zu Taran, aber beide hatten gelernt, miteinander auszukommen.
Kapitänin Zanni befehligte den Flugdeckkreuzer KALLEH. Trotz ihrer Jugend hatte sie bereits mehrfach Erfahrung im Kampf mit der TSN sammeln können. Ihre Leistungen im Verlauf der letzten Kampagne hatten ihr Talent erneut bewiesen. Taran hatte sich in den letzten Schlachten auf sie verlassen können.
Kapitän Ka’wal stand auf einem anderen Blatt. Zwar war er ebenfalls jung, ehrgeizig und talentiert, entstammte jedoch im Gegensatz zu Zanni dem Hochadel. Seine Herkunft und die Beziehungen seiner Familie hatten ihm den Weg in die Flotte geebnet und rasche Beförderungen garantiert. Das wäre kein Problem gewesen – Taran hatte auf einen ähnlichen Karrierevorteil aufgebaut. Aber Ka’wal war ein glühender Anhänger des verstorbenen Kronprinzen Jor. Das hatte ihm nicht nur Freunde verschafft und sein Verhältnis zu Taran – der keinerlei Hehl aus seiner Abneigung gegenüber Jor machte – war bestenfalls angespannt. Seitdem er als Kommandeur einer Kreuzer-Division zur Rikata-Kampfgruppe gestoßen war, hatte es immer wieder Ärger gegeben, was im Verlauf der jüngsten Gefechte nicht besser geworden war.
Kapitän Gelek fungierte als Koordinator der nachrangigen Einheiten und dirigierte die Außensicherung der Flotte. Der hagere, nicht mehr junge Offizier war ein Traditionalist, aber zu routiniert und abgeklärt, um sich in die politischen Streitigkeiten einzumischen, die in den Streitkräften in den letzten Jahren immer größere Kreise gezogen hatten.
Vorcas war der älteste der Anwesenden und eigentlich schon vor zehn Jahren in den Ruhestand getreten, bevor der Krieg mit den Menschen seine Reaktivierung erzwungen hatte. Ähnlich wie Taran hielt der alte Offizier nicht viel von dem verstorbenen Kronprinzen, hatte aber eine Beteiligung an der Offiziersfronde gegen Jor Thelam vermieden. In Tarans Abwesenheit Interimskommandant der imperialen Raumstreitkräfte im Draned-Sektor, hatte er einige wenig glückliche Operationen gegen die lokale Separatistenbewegung initiiert, sich ansonsten aber auf den Ausbau der Kriegswirtschaft und die Verbesserung der Verteidigungsbereitschaft konzentriert. Angesichts der knappen Ressourcen waren seine Möglichkeiten und Resultate allerdings auch in diesem Bereich begrenzt geblieben. Man sah dem alternden Krieger seine Jahre an.
Der letzte Teilnehmer der Runde, der sich über eine Fernverbindung zuschaltete, war nur ein paar Jahre jünger als Vorcas und wirkte älter als dieser. In dem ausgezehrt wirkendem Gesicht von Colar Ras, dem Generalgouverneur des Draned-Sektors, hatten die Krisen der letzten Zeit Spuren hinterlassen. Als ranghöchster Zivilbeamter im gesamten Sektor war Colar Ras theoretisch Taran gleichgestellt, jedoch keine starke Persönlichkeit. Lange vor Ausbruch des Krieges war der alte Mann wegen irgendeinem politischen Fauxpas auf diesen wichtigen aber peripheren Posten abgeschoben worden. Es war ihm nie gelungen, die Gouverneure und Standortkommandeure mit fester Hand zu regieren, was möglicherweise den Separationsbestrebungen und Aufständen im Draned-Sektor den Weg geebnet hatte. Um seine Gesundheit stand es nicht zum Besten. Scharfsichtige Beobachter meinten, dass er zu oft in die Erinnerungen an eine bessere Zeit abzugleiten drohte.
Und dann war da natürlich Captain Thera Los. Früher Angehörige von Jors Stab, war sie von diesem aus nicht ganz eindeutigen Gründen an Bord der KAHAL abgeschoben worden, was schon einmal eine gute Basis für ihre Zusammenarbeit mit Taran geworden war. Skrupellos – Gerüchten zufolge verdankte sie ihre Kariere auch dem kaltblütigen Ausnutzen ihrer persönlichen Reize – aber talentiert, intelligent und mit einem Gespür für politische Schachzüge, war sie für Taran zu einer wertvollen Verbündeten geworden, der er vertrauen konnte. Zumindest bisher.

Taran wurde sich bewusst, dass er das Unvermeidliche nur hinauszögerte. ‚Zeit, reinen Wein einzuschenken.‘ Unwillkürlich straffte er sich: „Es gibt Neuigkeiten von Pan’chra. Binnen kurzem werden alle Angehörigen der Flotte davon erfahren. Allerdings halte ich es für angemessen, die Neuigkeiten erst einmal in einer…kleineren Runde zu besprechen.“ Ein Blick ringsum zeigte ihm, dass etliche zumindest ahnten, worum es ging. ‚Keinen Sinn, weiter darum herum zu reden.‘
Taran holte kurz Luft: „Ich muss Sie über den Tod des Kriegsministers informieren. Lord Tobarii Jockham fiel bei einem Duell mit Sonderbotschafter Dero Allecar…“, es gab wirklich keine Möglichkeit, das besser zu verpacken, dennoch verzog Taran kurz den Mund als hätte er auf eine saure Frucht gebissen, „…der ihn bezüglich der Vaterschaftsfrage des künftigen Imperators herausgefordert hatte. Das Duell verlief ehrenhaft und entsprach allen Traditionen und geltenden Richtlinien. Damit ist der Anspruch des Hauses Allecars auf die Vaterschaft des ungeborenen Sohnes von Prinzessin Linai formell bestätigt und für rechtens befunden. Die kaiserliche Garde wie auch die regulären Streitkräfte stellen sicher, dass Ruhe und Ordnung aufrecht erhalten bleiben. Alle Garnisons- und operativen Verbände sowie die zivilen Verwaltungsorgane sind aufgerufen, diesem Beispiel zu folgen. Unsere Aufgabe bleibt dieselbe. Das Reich beschützen und jeden Schaden von seinen Grenzen abzuhalten.“

Ein paar Herzschläge herrschte Schweigen. Außer Taran hatten nur Thera Los und der Generalgouverneur von dem Ausgang des Duells gewusst – und was ihn anging, so hatte Taran schon Aufgebahrte gesehen, die einen lebendigeren Eindruck machten. Seine übrigen Untergebenen hingegen…
Matir eröffnete mit einer Obszönität, von der Taran nur hoffen konnte, dass sie nicht an Prinzessin Linais Adresse gerichtet war, hätte dies doch den Tatbestand der Majestätsbeleidigung erfüllt. Vorcas war nur ein wenig langsamer und äußerte sich wesentlich ausführlicher mit Redewendungen, wie sie nur altgediente Soldaten kannten. Gelek und Zanni blieben stumm, wobei der Ältere einfach nur geschockt wirkte, während um den Mund der jungen Flugdeckkreuzer-Kommandeurin kurz ein zynisch-verächtliches Lächeln spielte, als hätte diese Nachricht irgendeine Erwartung erfüllt. Und Ka’wal…in seiner Stimme lag pures Gift: „Was für eine Groteske. Ist in diesem Fall vielleicht ein Glückwunsch angebracht, ADMIRAL?!“
‚Das musste ja kommen…‘ „Wie Sie vielleicht noch wissen, war ich während dieser…Ereignisse damit beschäftigt, die Kampfgruppe im Einsatz zu leiten. Ich hatte wohl kaum die Zeit, ein Duell zwischen Kriegsminister Jockham und dem Sonderbotschafter einzufädeln.“
„Der Ihr alter Freund ist, nicht wahr?“
„Ich habe Sonderbotschafter Allecar gut gekannt. Vor vielen Jahren. Seitdem hatte ich noch ein paar Mal mit ihm zu tun, zuletzt in seiner Funktion als Botschafter in der Konföderation. Wenn damit Ihr Interesse befriedigt ist, können wir uns Wichtigerem zuwenden.“
„Oh nein, so einfach geht das nicht! Wie konnte die Kaiserfamilie nur so tief sinken? Wie konnte Prinzessin Linai sich derart entehren?! Prinz Jor war der einzige…“
„Ist das das einzige, was Sie umtreibt?“, Kapitän Matir hatte nach seiner anfänglichen Überraschung offensichtlich rasch wieder zu seinem üblichen Naturell gefunden: „Dann hat Dero Allecar eben unter Beweis gestellt, dass er das kann, wozu Tobarii nicht in der Lage war. Na und? Ehre oder nicht. Wichtiger ist nur, was das für uns bedeutet.“
„Aber Prinz Jor hätte niemals…“
„Prinz Jor IST TOT!“, schaltete sich Taran wieder ein: „Ebenso wie der Kriegsminister. Unsere Aufgabe ist es nicht, uns das Maul über Ereignisse in der Palaststadt zu zerreißen, sondern die Grenzen des Imperiums zu verteidigen!“
„Verteidigen? Mit Was?!“ überraschenderweise war es Generalgouverneur Ras, der jetzt das Wort ergriff, einen gehetzten Ausdruck in den Augen: „Während man sich Pan’chra um den leeren Thron prügelt, wer wird den Draned-Sektor schützen, wenn die Menschen angreifen oder die Verräter in unseren Reihen weitere Stücke aus dem Imperium herausreißen wollen?“
‚Noch vor wenigen Monaten wolltest du, dass das von mir verhängte Kriegsrecht aufgehoben wird, weil eben diese Gefahr angeblich nicht mehr bestand.‘ „Wer den Draned-Sektor schützen wird? Diese Flotte. Was auch immer in Pan’chra geschieht, die Flotten und Armeen der Grenzprovinzen erfüllen ihre Pflicht. So wie es immer schon war. Im Übrigen überschätzen Sie die Separatisten. Sie haben nicht die Stärke, um in die Offensive zu gehen. Sonst hätten sie angegriffen, während die Kampfgruppe abwesend war.“, antwortete Taran und spürte den irrationalen Drang zu lachen. Tatsächlich, die Geschichte des Imperiums schien sich in Kreisen zu bewegen. Was das allerdings für sein Schicksal bedeuten mochte…
Vorcas schüttelte den Kopf: „Da mögen Sie recht haben, aber das wird nicht reichen. Wir sind zu schwach, den Sektor gegen einen möglichen Angriff der Republik zu sichern, gleichzeitig gegen die Separatisten in die Offensive zu gehen und unsere rebellischen Nicht-Akarii-Untertanen unter Kontrolle zu halten.“
„Die Menschen haben ebenfalls hohe Verluste erlitten. Zum ersten Mal seit Jahren mussten sie ihre Front zurücknehmen. Ihr Blick wird auf die Hauptkampflinie gerichtet sein. Dort wird ihr nächster großer Schlag erfolgen. Uns…wird man vergessen.“
„Sie werden vielleicht keine Invasionsstreitmacht schicken. Aber schon ein paar leichte Träger oder Kreuzerverbände könnten schwerste Schäden anrichten. Den Separatisten und den Rebellen Aufwind verschaffen. Und der Republik einige dringend benötigte Siege verschaffen.
Die T’rr mögen dank unserer…diplomatischen Initiativen momentan etwas zurückhaltender agieren. Aber wenn sie und unsere übrigen rebellischen Untertanen Schwäche spüren, wenn sie sehen, dass das imperiale Zentrum mit sich selber beschäftigt ist, während die Glatthäute unsere Welten verheeren und die Separatisten weiterhin unbehelligt imperiales Recht und Autorität mit Füßen treten…dann werden sie zuschlagen. Und dann werden alle bisherigen Aufstände nicht viel mehr als Vorspiel sein.“
„Pan’chra hat uns nicht vergessen.“ Taran sah den Zweifel in den Gesichtern seiner Untergebenen. Ka’wal lachte hämisch auf: „Was denn? Wird Ihr Allecar-‚Freund‘ auf den Sternenwinden herangeritten kommen und die T’rr und Separatisten in Freunde verwandeln? Wird dann das Blutvergießen der letzten Jahre auch nur ein ‚Missverständnis‘ sein, in das uns die böse Republik gelockt hat?! Oh, ich sehe es schon! Gleich nachdem Dero Feldherrin Ranas, Prinz Taku und die 15. Karrg aus den Nebeln der Zeit herausgeführt und aus der Hand der Lebendigen Götter die Krone des ewigen Throns erhalten hat! Ein bescheidener Plan! Kaum einer, für den er die Hilfe gewöhnlicher Sterblicher benötigt!“
„Und was ist, wenn ich Ihnen sage, dass in diesem Augenblick Schiffe und Truppen zusammengezogen werden, um wieder eine dauerhafte Brücke zum Rest des Imperiums zu schlagen und unsere Kampfgruppe auf alte Stärke zu bringen? Ich rede von je einem schweren und leichten Träger, einem halben Dutzend Kreuzer und fast 30 Zerstörern, Fregatten, Korvetten und Hilfsschiffen. Dazu Bodentruppen und schweres Gerät – und ja, auch die Autorität und die Mannschaften um mit unseren rebellischen Kolonialvölkern zu verhandeln. Und die Verräter in unseren eigenen Reihen zu bestrafen.“
Das nahm Ka‘wal etwas den Wind aus den Segeln, aber er gab noch nicht auf: „Dann würde ich sagen, dass es sich offenbar auszahlt mit dem…“, er schluckte das Wort herunter, das ihm auf der Zunge lag, „…dem ‚Begleiter‘ der Prinzessin randaliert zu haben. Oder wollen die Allecars einfach nur IHR Imperium wieder etwas ausweiten? Sich einen sicheren Hafen schaffen, falls der Griff nach der Macht scheitern sollte?“
„Bei den Göttern, Ka’wal – es reicht!“ in Captain Matirs Stimme schwang Verdruss, aber auch eine Spur Spot mit. Und die Autorität von mehreren Jahrzehnten Flottendienst: „Der Admiral hat Recht. Prinz Jor ist tot. Es ist sinnlos, wenn Sie DIESE Schlacht immer wieder von neuem schlagen wollen. Davon wird niemand lebendig.“
„Aber es würde mich schon interessieren, was für Befehle mit der Verstärkung bekommen.“, schaltete sich Zanni ein: „Heißt das, wir werden uns endlich die Meuterer vornehmen? Mit diesen Schiffen hätten wir wieder die Schlagkraft, in einer Blitzaktion die meisten der abgefallenen Akarii-Welten zurückzuerobern.“
„Und ein Blutbad am Boden riskieren?“ Generalgouverneur Ras schüttelte den Kopf: „Warum sollen Akarii auf Akarii schießen, wenn gleichzeitig die Menschen an unseren Grenzen stehen und die T’rr den Aufstand proben.“
Taran schüttelte den Kopf: „Neben der Bedrohung durch die Menschen sind die Separatisten das größte Problem – wenn auch nicht militärisch. Und eines, bei dem jede Verhandlungslösung verheerende Folgen hätte, wenn sie nicht auf eine bedingungslose Kapitulation hinausläuft. Denn es geht hier vor allem auch um das Vorbild, dass die Meuterer geben. Das Imperium wird zusammengehalten durch die Loyalität und Stärke der Streitkräfte und Verwaltung. Brechen diese Pfeiler weg, dann fällt das Imperium. Die T’rr mögen eine größere militärische Schlagkraft haben…“
„Und was ist, wenn das Beispiel der T’rr Schule macht? Wenn weitere unterworfene Völker auf die Idee kommen, sich mit Waffengewalt Sonderrechte oder gar die Unabhängigkeit erkämpfen zu können?!“, konterte Ka’wal: „Diese Schwäche kann uns allen noch teuer zu stehen bekommen!“ Tatsächlich waren die T'rr nicht die einzigen, die mit Waffengewalt für die Unabhängigkeit oder zumindest weitergehende Autonomierechte kämpften, auch wenn keiner der anderen Aufstände auch nur ansatzweise die Wucht der T’rr-Revolte entwickelt hatte.
Bevor Taran etwas erwidern konnte, ergriff Vorcas das Wort. Als Interimsbefehlshaber des Draned-Sektors war er dafür verantwortlich gewesen, Tarans Politik der vorsichtigen Deeskalation des T’rr-Aufstandes und der Anbahnung erster Verhandlungskontakte in die Wege zu leiten: „Die T’rr waren schon immer ein Sonderfall. Ich glaube nicht, dass noch mehr von ihren Nachbarn diesem Beispiel folgen wollen. Dazu haben sie einen viel zu hohen Preis gezahlt. Und nur wenige der von uns unterworfenen Völker haben dieselbe…spezielle Einstellung bezüglich des Wertes des eigenen Lebens. Auf jeden Fall nicht diejenigen, die den T’rr während ihrer Expansivphase unter die Stiefel geraten sind. Ich denke, etlichen der anderen Kolonialvölker wird es vor allem darum gehen, dass wir sie vor den T’rr beschützen. Während deren Einsatz als Hilfstruppen haben sich die T’rr einen…ganz besonderen Ruf erworben. Außerdem wäre es nicht das erste Mal, dass unterworfene Völker Privilegien zugesprochen werden.“
„Üblicherweise als eine vom Sieger gewährte Gnade. Nicht als eine Belohnung für Rebellen.“
Zanni winkte ab: „Wir leben nicht mehr in der guten alten Zeit. Mir persönlich ist es ja egal, wie in Pan’chra gerade duelliert und intrigiert wird. Aber sogar Sie sollten mitbekommen haben, Ka’wal, dass die Zeichen auf Reform stehen. Gerade in der Kolonialpolitik. Die Zivilverwaltung ist ohnehin schon seit langem unzufrieden damit, wie viel des Kolonialbudgets in die militärische Aufstandsbekämpfung fließt. Und selbst in der Flotte und der Armee…“
„Ich wusste ja nicht, dass Sie auch zu den Friedensengeln gehören. Oder hängen Sie Ihr Banner einfach immer nach dem Wind der gerade weht?!“
„Sie können mich mal, Ka’wal. Bloß weil Sie mit einem goldenen Löffel im…Mund geboren wurden, müssen Sie sich nicht immer wie ein Arschloch benehmen! Ich habe es ganz einfach satt, T’rr zu jagen, während die Grenzen des Imperiums brennen. Vor allem, wenn wir besagte T’rr auch gegen die Menschen schicken könnten. Ich weiß zwar nicht, wie Linais Position in dieser Sache ist…“, das sorgte für böse oder amüsierte Blicke, denn die junge Kapitänin hatte ein Wort gebraucht, dass auch eine sexuelle Konnotation haben konnte, „…aber sowohl Jockham als auch Dero standen dahinter. Sogar etwas zu sehr, würde ich sagen. Aber das bedeutet, es wird sich nichts ändern, egal wer die Strippen zieht.
Deshalb würde mich interessieren, welche Order Sie bezüglich der Verhandlungen bekommen haben, Admiral.“
‚Jetzt also das.‘ Taran holte Luft. Der nächste Teil seiner Instruktionen verunsicherte ihn mehr als nur ein wenig: „Ich werde diese Verhandlungen nicht koordinieren. Mit der Verstärkung wird auch das neue Oberkommando für den Draned-Sektor eintreffen.“
Auf Ka’wals Gesicht erblühte ein regelrecht bösartiges Grinsen. Bei den anderen…es tröstete Taran etwas, in mehr als einem Antlitz Bedauern zu sehen. ‚Zeit, Ka’wals Hoffnungen etwas zu dämpfen‘: „Was meine Person angeht, so soll ich mich dem Flottenoberkommando zur Verfügung stellen. Doch hält man es für besser, die Verhandlungen mit den T’rr in Hände zu legen, die in den letzten Jahren nicht in die Bekämpfung der Aufständischen involviert waren. Und die gleichzeitig demonstrieren, wie viel Bedeutung das Imperium dem Draned-Sektor zumisst. Das Kommando über die Kampfgruppe übernimmt Admiral Kjani Rau.“
„Sie schicken uns Gibit?“ Matir lachte jäh auf: „Will man uns belohnen oder ihn bestrafen?“

Kjani Rau hatte als Kommandeur einer schlagkräftigen Kampfgruppe von Flugdeckkreuzern, Kreuzern und Zerstörern die Republik das Fürchten gelernt und dem terranischen Nachschub schwere Schläge versetzt. Sein flexibler, unorthodoxer Verstand und aggressiver Kampfgeist sowie die Fähigkeit, den Gegner – Gerüchten zufolge aber auch die eigenen Untergeben und das Akarii-Oberkommando – zu überraschen und zu verwirren, hatten ihm seinen Spitznamen eingebracht, der auf eine Art Kobold, boshaften Geist oder Halbgott der Akarii-Mythologie zurückging. Für einige Zeit hatte der Admiral fast die einzige Hoffnung des Imperiums verkörpert. Seine Leistungen hatten ihm eine Beförderung und hohe Belobigungen eingebracht.
Doch es war nie mehr daraus geworden, und vor einiger Zeit war Kjani auf einen vergleichsweise unwichtigen Posten abgeschoben worden. Es gab unterschiedliche Ansichten, woran das liegen mochte. Manche meinten, es läge an seiner Herkunft, denn Kjani war von niedriger Herkunft und stammte von einer eher unzivilisierten Peripheriewelt des Imperiums.
Nach einigen Theorien hatte Kjani Raus Popularität Jors Eifersucht oder Misstrauen geweckt, obwohl er sich im Gegensatz zu anderen vielversprechenden Offizieren nicht an der gegen Kronprinz Jor gerichteten Verschwörung beteiligt hatte – wie auch Raus Milde gegenüber unterlegenen Feinden. Andere meinten, dass sehr gut entwickelte Ego des Admirals, der einem Bonmot eines Akarii-Prinzen zufolge sich zwar nicht ohne Grund aber ohne Ende seiner Taten zu rühmen pflegte, hätte eine Rolle gespielt. Oder die Tatsache, dass der mehrmals verheiratete Kjani mit seinen zahlreichen Affären und Duellen gerade bei eher traditionell eingestellten Offizieren und Adligen keinen guten Ruf genoss. Seine persönliche Freundschaft mit Admiral Hahdas Gren, der kurz nach Jors Tod aus immer noch umstrittenen Motiven Kanzler Gor ermordet hatte, hatte vermutlich zusätzlich dazu beigetragen, dass sich auch in den letzten Monaten kein neuer Posten für Rau gefunden hatte. Doch offensichtlich war es damit vorbei…

„Auf jeden Fall heißt das wohl, dass die Verhandlungen mit den T’rr weitergehen sollen. Ansonsten hätten sie vermutlich einen Feuerkopf wie Admiralin Ras geschickt.“ Vorcas warf dem Generalgouverneur des Draned-Sektors einen kurzen Blick zu, aber der blieb stumm, obwohl die Admiralin eine entfernte Verwandte von Colar Ras war. Vorcas fuhr fort: „Oder sie hätten vielleicht sogar Admiral Morello Hagun hierher abgeschoben. Er glaubt doch tatsächlich noch immer, dass der Sieg auf Manticore alleine sein Verdienst ist.“ Das war in der Flotte ein offenes Geheimnis und Anlass für etliche bissige Bemerkungen gewesen. Vor allem aufgrund der hohen Verluste bei Manticore und der jüngsten Performance Haguns bei der Doppelschlacht von Karrashin.
„Nachdem er den Vorstoß der Manticore-Flotte spektakulär von einem quasi sicheren Sieg in ein blutiges Patt verwandelt hat? Wohl kaum.“ warf Zanni ein: „Vielleicht ist es ja auch ein Signal an die Separatisten. Da Kjani ja sogar gegenüber den MENSCHEN Gnade zeigt, sollen sie sich vielleicht auch Hoffnungen machen…“
Taran presste kurz die Lippen zusammen. Er hatte kein Geheimnis daraus gemacht, dass für ihn die rebellierenden Akarii nicht viel mehr als lebende Leichen waren, deren Todesurteil nur noch nicht vollstreckt worden waren: „Außerdem schicken Sie Marschall Parin.“
Ka’wal schnaubte abfällig: „Noch einer ihrer Frondeure! Denn wenn der Draned-Sektor etwas braucht, dann sind es noch mehr gefallene Helden. Die ihre Haltbarkeit bereits überschritten haben.“

Marschall Parin hatte in seiner langen Dienstzeit mehr Planeten befriedet und Aufstände niedergeschlagen, als viele Offiziere aufzählen konnten. Doch obwohl er einer der am höchsten dekorierten Armeeoffiziere war, hatte er im Krieg gegen die Terraner kein Feldkommando erhalten, sondern war im Generalsstab und der Ausbildung verblieben. Vielleicht lag es an seinem Alter – doch weit mehr glaubten, dass es an seiner Kritik gegen den seiner Meinung nach zu riskanten und überhastet begonnenen Krieg lag. Oder weil er Prinz Jor genauso wenig ausstehen konnte, wie dieser ihn. Fast folgerichtig hatte sich Parin an der sich nach den ersten großen Niederlagen formierenden Offiziersverschwörung gegen Jor beteiligt, war bei deren Scheitern in den Ruhestand genötigt worden und hatte erst nach dem Tod des Thronfolgers wieder eine aktivere Rolle zu spielen begonnen.

„Was kümmert mich das!“ schnappte der Generalgouverneur ungewöhnlich energisch, wurde aber von Admiral Taran unterbrochen: „Parins Erfahrung und Prestige bei den Bodentruppen wird uns sehr zupass kommen, um die planetare Verteidigungsfähigkeit des Draned-Sektors zu erhöhen. Und er weiß, wie man mit Rebellen umgeht und einen Planeten sichert.“
„Wenn er nicht gerade selber meutert!“ ätzte Ka’wal: „Und glauben Sie wirklich, dass die T’rr begeistert sein werden, einen alten Kolonialkrieger vorgesetzt zu bekommen?“
Der Admiral drehte sich halb zu seiner Stabschefin um: „Los, Sie können Ihren Kameraden doch sicherlich von seinen Sorgen befreien.“
Thera Los räusperte sich kurz: „Wie Sie vielleicht wissen hat die…heiße Phase der jüngsten T’rr-Rebellion vor zehn Jahren begonnen. Davor gab es für mehrere Jahrzehnte nur vergleichsweise überschaubare Kampfhandlungen, die zudem zu einem großen Teil von loyalen T’rr ausgefochten worden.“
„Ein Widerspruch an sich!“ schnaubte Generalgouverneur Ras, wurde aber ignoriert. Auch weil dieser Spruch schon fast so alt war wie die Herrschaft des Imperiums über die renitenten T’rr.
„Marschall Parin war vor allem auf anderen Schauplätzen eingesetzt. Wobei er – auch bei etlichen Einsätzen im Draned-Sektor - regelmäßig T’rr-Hilfstruppen befehligte und ein recht gutes Verhältnis zu ihnen entwickelte.“ Thera Los überlegte kurz, ob sie auch noch erwähnen sollte, dass Parin angeblich bei Ausbruch der neuen T’rr-Revolte für ein….geschmeidigeres Vorgehen argumentiert hatte, was ein weiterer Grund dafür gewesen war, dass seine Kariere aus dem Takt geriet. Sie konnte es sich allerdings nicht verkneifen hinzuzufügen: „Offenbar ist er mit einer Reihe T’rr-Guerillaführer persönlich bekannt. Nämlich denjenigen, die zuvor für UNS gekämpft haben.“
„Ich war schon immer der Meinung, dass es Wahnsinn war, diesen Bestien imperiale Waffen und Training zukommen zu lassen! Jetzt bezahlen wir für diese Torheit!“ warf Colar Ras ein.
„Nur ein bisschen spät!“ spottete Vorcas: „Spielen Sie nicht im Nachhinein den Propheten! Zumindest EINIGE in dieser Runde sind alt genug um sich an die Zeit vor der Rebellion und dem Krieg zu erinnern. Und daran, wer wirklich gewarnt hat – und wer nicht.“
„Und zu guter Letzt kennt Parin auch General Ressan, den ehemaligen Kommandeur der 14. Armee-Garde, der momentan den Avon-Mond kommandiert und dem deshalb eine wichtige Rolle bei den Verhandlungen zukommen dürfte. Soviel ich weiß haben sie einige Zeit in derselben Einheit gedient. Parin hat Ressans Kariere gefördert. Als er das noch konnte.“

Der Mond, der so gewohnheitsmäßig als ‚Gefängnismond von Avon‘ bezeichnet wurde, dass sein Eigenname fast in Vergessenheit geraten war, war eine unwirtliche, halbgefrorene Felskugel, auf der Leben nur sehr schwer mehr möglich war. Dennoch – oder vielmehr genau deswegen – war der Trabant von einer gescheiterten Bergbaubasis zum zentralen Verbannungsort im Draned-Sektor mutiert, der seinem schaurig-berüchtigten Ruf alle Ehre machte.

„Bin ich der Einzige, der meint, dass Pan’chra besser nur einen Kommandeur schicken sollte, als ein Paar? Das letzte, was der Draned-Sektor oder wir brauchen, sind zwei alte Männer, die sich nicht einigen können, wer führt.“ warf Ka’wal ein.
„Die Kompetenzen sind klar verteilt und beide sollten erwachsen genug sein, um sich nicht mit irgendwelchen Status-Petitessen aufzuhalten. Es wird ohnehin genug für BEIDE zu tun geben. Im Übrigen verstehe ich Ihr Misstrauen nicht, Ka’wal…“, die Stimme des Admirals gewann einen bissigen Unterton: „Für Sie muss doch mit meiner Abberufung ein Traum wahr werden. Also freuen Sie sich – Sie haben bekommen, was Sie wollen.“
Der junge Adlige schüttelte den Kopf: „Was ich will…was ich will…“
„Nichts davon bringt uns weiter.“ schaltete sich Gelek ein: „Wir sollten uns lieber darauf konzentrieren, dass der Übergang so reibungslos und unbemerkt wie möglich vonstattengeht. Womit ich meine, dass unsere rebellischen Landsleute, die aufständischen Kolonialvölker und ganz besonders die Menschen erst von dem Wechsel erfahren, nachdem er stattgefunden hat und die Verstärkungen eingetroffen sind. Nicht, dass sie Torschlusspanik bekommen und meinen, eine günstige Gelegenheit nützen zu müssen, bevor sie vorbei ist.“
„Hm.“ Taran verkniff sich die Antwort, dass er es begrüßen würde, wenn die vom Imperium abgefallenen Akarii-Befehlshaber ihre Köpfe aus den Löchern herausstreckten, in denen sie sich eingegraben hatten. Ab er mit Wünschen gewann man keine Kriege: „Aus diesem Grund sind wir schließlich hier. Kapitän Los, was die geheimdienstliche Abschirmung angeht…“

***

Einige Stunden später

„Das ging glatter, als ich erwartet hatte.“
Thera Los blickte von dem Bildschirm auf, den sie studierte, und nickte abwesend: „Wenn Ka’wal sein Ego vergisst, Vorcas seine Verbitterung und Generalgouverneur Ras sich daran erinnert, dass wir nicht mehr in der guten alten Zeit leben – wann immer das auch gewesen sein mag – können Sie gut zusammenarbeiten.“
Admiral Taran schnaubte kurz: „Zumindest in zwei von drei Fällen gebe ich Ihnen Recht.“
Thera Los brauchte nicht zu fragen, wen Taran meinte. Sie lachte boshaft auf: „Ka’wal ist ja richtig poetisch geworden. Ich wusste gar nicht, dass er das in sich hat.“
„Der Vorteil einer klassischen Bildung.“
„Und was genau haben Sie den anderen verschwiegen?“ bohrte Thera Los nach.
„Wie bitte?“ Tarans Überraschung fehlte es etwas an Überzeugungskraft.
‚Falls du bei Hof Kariere machen willst, musst du lernen, besser zu lügen.‘: „Wenn Sie mich damit überzeugen wollen, hätten Sie weniger Zeit mit mir verbringen sollen. Übrigens glaube ich, dass auch Matir bemerkt hat, dass Sie in einigen Punkten etwas ausweichend waren. Also was wollten Sie lieber noch für sich behalten?“
„Es wäre vielleicht für die Zuversicht unserer Kapitäne nicht so gut, wenn ich lauthals verkündet hätte, dass der versprochene Leichte Träger noch nicht vollständig ausgetestet und mit einem frisch aufgestellten Geschwader bemannt ist. Diese neue Ashigaco-Klasse ist in der Theorie ja recht beeindruckend - knapp 50 Kampfflieger, ein Dutzend Geschütztürme, ein halbes Dutzend Flugabwehrraketenwerfer und zwei Zwillings-Werfern für Nuklearraketen. Aber diese umgebauten Marineinfanterie-Transporter sind noch nicht im Einsatz erprobt. Bei der Fertigstellung wurde gewaltig Druck gemacht und deshalb dürften sie noch die eine oder andere Schwachstelle haben.
Und der Flottenträger…ist ein Beuteschiff, dass immer noch die Spuren seiner letzten Raumschlacht trägt und das zu führen und zu handhaben die Besatzung erst noch lernen muss. Dass sie dafür jetzt nur den Marsch und dann gleich den Einsatz haben werden…“
„Also hat sich eure Freundschaft mit Dero auf jeden Fall ausgezahlt. Das war doch eines seiner Mitbringsel von Hannover?“
„Ein Grund mehr, diese Detail gegenüber Ka’wal unerwähnt zu lassen. Er denkt doch ohnehin, dass Dero und ich einen dämonischen Plan hegen, der uns über die Leiche des vergöttlichten Jor Thelam an die Spitze des Imperiums bringen soll.“
Thera verkniff sich den Hinweis, dass Dero immerhin bereit gewesen war, für seinen Ehrgeiz den Ehemann seiner Geliebten niederzumetzeln. Und dass Taran als Mitglied der Offiziersfronde zumindest versucht hatte, Prinz Jor zu STÜRZEN: „Ich nehme mal an, dieser Beuteträger ist schlechter als ein Standartträger?“
„Nicht einmal sehr. Der Träger ist größer und schwerer als einer von unseren, aber fast so schnell und ähnlich gut gepanzert. Und mit fast vierzig Geschütztürmen, einem halben Dutzend Raketen- und vier mehrrohrigen Lenkwaffenwerfern sowie einem knapp einhundert Maschinen starken Bordgeschwader ist er erstaunlich kampfstark.“
„Das war aber nicht alles, oder?“
Der Admiral überlegte kurz und zuckte dann mit den Schultern: „Ich hätte es Ihnen sowieso mitgeteilt, auch wenn es für die strategische Besprechung wenig Belang hat. Wir bewegen uns dabei nämlich eher im politischen Bereich. Und was das angeht, hatten wir heute schon genug Streitigkeiten…“
„Wirklich? An wem mag das wohl liegen?“, spottete Thera Los.
„Ich hielt es für sicherer, nicht zu erwähnen, wer Marschall Parin begleitet und bei möglichen Verhandlungen mit den T’rr – und vermutlich auch den Separatisten – assistieren wird.“ Taran zögerte kurz und nickte dann: „Aber das wird vielleicht einiges klarer machen. Es ist Navarr Thelam.“
Thera Los verdaute die Nachricht gut. Schneller, als Taran selber: „Ich gehe mal davon aus, dass Pan’chra WIRKLICH daran interessiert ist, dass die Verhandlungen mit den T’rr vorankommen. Ein kaiserlicher Prinz…das ist schon etwas Besonderes. UND das könnte auch eine Rolle dabei spielen, wenn Kjani und Parin sich die Separatisten vornehmen. Aufständisch oder nicht, es gibt nicht viele ex-imperiale Soldaten, die bereit sind, auf einen Prinzen zu feuern. Und dafür umso mehr, die von einem Prinzen gestütztes Amnestieangebot verlockend finden werden.“
„Hm.“, Tarans Antwort war etwas unverbindlich, vielleicht weil er daran denken musste, wie er und zahlreiche andere Offiziere sich gegen einen kaiserlichen Prinzen verschworen hatten. Auch wenn außerhalb der Fronde vermutlich niemand ahnte, wie weit die Pläne einiger Verschwörer wirklich gegangen waren…: „Aber das nicht vollkommen zu Ende gedacht. Wir wissen schließlich nicht, wer am Ende den Thron besteigen wird und wie er sich dann zu Navarr und den von ihm geschlossenen oder unterstützten Abkommen stellt. Wird er sie anerkennen? Oder werden sie für ihn nichtig sein?“
„Wenn Linais Sohn…“
„WENN er den Thron besteigt, dann werden bis dahin noch viele Jahre vergehen. Wer wird bis dahin die Kontrolle haben? Die Allecars, Linai als die Frau hinter einem leeren Thron? Einer der anderen Prinzen? Ein Regentschaftsrat?
Ich frage mich, ob Ka’wal nicht in gewisser Art und Weise Recht hat, dass der Draned-Sektor zu einem Rückzugsgebiet werden könnte. Allerdings nicht unbedingt für die Allecars. Sondern für einen Prinzen in Wartestellung. Weitab von Pan’chra, seinen Gefahren und seinen niemals schlafenden Augen – dafür mit einer Flotte, die sich eines Tages das Zünglein an der Waage erweisen könnte. Und mit einer Gelegenheit, Ansehen und Gefolgschaft zu gewinnen.“
„Das wäre aber sehr langfristig gedacht. Und wer sollte hinter diesem Masterplan stecken?“
„Das weiß ich nicht…vielleicht derselbe, der meine Rückkommandierung nach Pan’chra beauftragt hat?“
„Also denken Sie nicht, dass es die Idee der Allecars war, Sie nach Hause zu holen?“
Taran lächelte kurz: „Ich war vor langer Zeit mit Dero Allecar befreundet, aber das ist wohl kaum ein ausreichender Grund, um mich nach Hause zu beordern. Vor allem, da die Allecars wohl eher ein Interesse daran haben dürften, mich hier zu belassen und so den Draned-Sektor zu sichern. Außerdem muss mein Marschbefehl unmittelbar nach – oder vielleicht sogar VOR – dem Duell herausgegangen sein. Ich weiß nicht, wie sich Dero in den letzten Jahren verändert hat, aber SO schnell ist er nicht – und auch nicht sein Vater. Nein, das muss jemand mit großem Einfluss in der Flotte und der Armee gewesen sein. Jemand, der es angesichts der veränderten Umstände für angeraten hält, dass der Kommandant im Draned-Sektor weder ein potentieller Dero-Anhänger ist, noch ein Admiral mit vielleicht etwas zu viel kaiserlichem Blut in den Adern.“
„Sie meinen…“
„Kjani ist politisch ein Legitimist, soviel ich weiß – und von zu niedriger Herkunft, um sich Hoffnungen auf den Thron machen zu können. Wenn er einen Ehrgeiz hat, der über seinen persönlichen Ruhm, seine…Eroberungen, den Admiralsrang und VILLEICHT die Aufnahme in den Adelsstand hinausgeht, dann hat er ihn sehr gut verborgen. Und Parin…ist zu alt und hat keine Erben. Er kann vielleicht der Berater oder Mentor eines künftigen Imperators sein, doch nicht mehr.“
„Und Sie sind nicht der Meinung, dass Sie ein bisschen zu viel in einen Haufen Spekulationen, vagen Gerüchten und veralteten Informationen hineindeuten, Admiral?“
„Vielleicht. Die Frage ist nur, kann ich es mir LEISTEN, diese Möglichkeit nicht in Betracht zu ziehen?“
„Wenn jemand wirklich so viel Macht hätte – warum sitzt er dann nicht schon längst selber auf dem Thron? Keiner der Prinzen…“
„Ganz Recht. Keiner der Prinzen hat diese Macht. Jedenfalls momentan. Deshalb glaube ich auch nicht, dass einer von Ihnen dahinter steckt. Oder zumindest nicht alleine. Nein, ich glaube, dieser Schachzug wurde in der Admiralität und dem Armeeoberkommando ersonnen.“
„Ich dachte, die hätten sich auf die Linie zurückgezogen, Ruhe und Ordnung zu bewahren, dieses…Theaterstück der Allecars zu ignorieren und sich auf die unbedeutende Tatsache zu konzentrieren, dass wir einen Krieg zu führen haben.“
„Ja, so haben sie und die Kaiserliche Garde es verkündet. Aber zu behaupten, nicht an dem Streit um den Thron teilzunehmen war schon immer ein Schachzug IN diesem Spiel. Ich weiß nicht, ob eine potentielle Unruhequelle von Pan’chra – und aus dem Draned-Sektor entfernt werden soll oder ob da jemand sich eine Art…Faustpfand oder Reserve schaffen will, falls es in der Ewigen Stadt nicht nach seinen Wünschen läuft. Vielleicht geht es aber auch darum, einen einflussreichen Ex-Frondeur wie Parin etwas aus dem Zentrum der Macht zu entfernen – oder aber ihn wieder in eine Schlüsselposition zu bringen…“
‚Wohl kaum, denn da sie dich gleichzeitig nach Hause holen ist das für die Fronde nur ein Postenwechsel. Ihr seid beide Teil der Verschwörung gegen Jor gewesen.‘
„Keine dieser Fragen kann hier und heute beantwortet werden. Und sie sollten ohnehin nicht an oberster Stelle auf Ihrer Prioritätenliste stehen.“
„Mag sein. Aber eine Frage kann heute beantwortet werden. Wollen Sie mitkommen?“
Die Frage traf Captain Thera Los etwas überraschend: „Sie lassen mir die Wahl?“
„Natürlich. Schon weil ich sie nicht hatte.“ ‚Nicht, solange ich nicht die Truppen des Draned-Sektors selber in die Rebellion führe.‘

Für einen kurzen, verrückten Augenblick hatte Admiral Mokas Taran tatsächlich mit dem Gedanken gespielt, als er sich gefragt hatte, ob seine Abberufung ihn nicht auf den direkten Weg vor ein Erschießungskommando oder in die Klinge eines Assassinen führen mochte. Aber er würde diesen Schritt nicht gehen – und das nicht nur, weil er bezweifelte, dass die Männer und Frauen unter seinem Kommando bereit sein würden, ihm geschlossen auf diesem Weg zu folgen. ‚Als man mich ins Exil schickte, habe ich der Admiralität mein zerbrochenes Ehrenschwert zurückgeschickt. Ob sie mir nun ein neues in die Hand drücken oder mich mit der geborstenen Klinge ausweiden wollen – ich werde ihnen ganz gewiss nicht das Vergnügen bereiten, Angst zu zeigen. Falls du mich sehen kannst, Jor, wo immer du auch bist – ich spucke auf dein Grab!‘
„Ich kann jemanden gebrauchen, auf den ich mich verlassen kann – gerade in der Admiralität und in der ewigen Stadt. Aber wenn Sie Ihre Zukunft eher im Draned-Sektor sehen…“

Kapitänin Thera nahm sich die Zeit, den Gedanken weiterzuverfolgen. Die letzten Monate als Stabschefin und Adjutantin des Admirals konnten ihrer Kariere zweifellos nutzen und dazu beitragen, aus dem Tief herauszukommen, in das sie die Versetzung durch Prinz Jor geschossen hatte. Wenn Sie im Draned-Sektor blieb, würde ihre Kariere vermutlich in den üblichen Bahnen verlaufen. Mit ein wenig Glück würde sie relativ bald zum Zweiten, dann zum Ersten Offizier eines Trägers oder Kreuzers aufsteigen und dann – oder vielleicht über den Umweg eines Zerstörerkommandos – ihr eigenes Großkampfschiff bekommen. Einige Jahre später könnte sie dann zum Admiral Zweiter Klasse aufsteigen. Vielleicht. Es wäre wahrscheinlich ein langsamer aber sicherer Aufstieg, zumal wenn der Draned-Sektor weiterhin fernab von der Hauptkampflinie des Krieges verbleiben würde. Die Möglichkeiten, ihre Kariere voranzutreiben, würden begrenzt sein. Nicht, dass sie zögern würde, auch in Zukunft auf mehr als nur ihr Können und ihre Fähigkeiten zu setzen. Sie hatte auch schon früher ihr Aussehen und ihren Körper eingesetzt. Aber Kjani Rau hatte den Ruf eines Mannes, der ihr in diesem Spiel wahrscheinlich gewachsen war. Parin war ein Armeeoffizier, dessen Leidenschaft alleine dem Imperium, den Streitkräften und seiner persönlichen Vorstellung von Pflicht und Ehre galt – Rivalen, gegen die man nur schwer bestehen konnte.
Und der dritte in diesem Bund…
Navar Thelam war zwar von kaiserlichem Blut, hatte aber noch nicht einmal seine Ausbildung an der Akademie beendet. Zudem war er etliche Jahre jünger als Thera und jede Frau, die ein Auge auf diese kostbare Beute geworfen hatte, würde ihre Rivalinnen mit einem Knüppel wegprügeln müssen. Und außerdem…‘Ich habe erst einmal genug von Thelam-Prinzen. Das letzte Mal hat mir das eine Verschickung ins Quasi-Exil eingebracht.‘

Tarans Angebot hingegen…
Sie war sich immer noch nicht ganz sicher, wie sie ihre Beziehung zu dem Admiral beschreiben sollte. Es war kein Verhältnis auf Augenhöhe, aber es war dennoch eine angenehme Abwechslung, in erster Linie für Ihre Fähigkeiten geschätzt zu werden. Gewiss, der Admiral benutzte sie auch als Resonanzkörper für seine philosophischen Anwandlungen, die für einen kommandierenden Offizier vielleicht manchmal etwas zu ambivalent und melancholisch waren. Er hörte sich zweifellos gerne reden und einige seiner religiös angehauchten Grübeleien waren ihr entweder zu hoch oder zu versponnen. Aber sie hatte schon Schlimmeres hingenommen um voranzukommen. Und wenigstens war er auch bereit, Kritik hinzunehmen.
Und – nicht zuletzt durch die geteilte Todesgefahr, die gemeinsame Abneigung für den verstorbenen Prinz Jor und die aufreibende Aufgabe, eine Flotte zu führen und zu kommandieren, hatte sich zwischen ihnen ein Vertrauensverhältnis gebildet. Taran war ein paar Jahre älter und stand im Rang über Thera. Trotzdem sah sie in ihm manchmal fast so etwas wie einen älteren – wenn auch nicht unbedingt klügeren – Bruder. Auch wenn sie sich natürlich hütete, das laut zu sagen. Ebenso wie der Admiral niemals deutlicher geäußert hatte, wie er ihr Verhältnis interpretierte. Aber natürlich sagte das Angebot, ihn nach Pan’chra zu begleiten, ebenfalls Einiges aus.
Wenn der Ruf in die Heimat wirklich die Aufnahme in die höheren Ränge der Admiralität bedeutete, dann hatte Taran die Chance auf einen rasanten Aufstieg. Auch wenn er das selber vielleicht nicht so einschätzte, Thera Los attestierte dem jungen Mann eine bemerkenswerte Fähigkeit, auf die Füße zu fallen. Sie wusste, er war an der Planung der Manticore- und Rau-Offensive beteiligt gewesen. Nachdem er wegen seiner Beteiligung an der Offiziersverschwörung gegen Prinz Jor in den Draned-Sektor verbannt worden war, hatte er es verstanden, das durch die vorrückenden Terraner, diverse Rebellionen und dann durch Prinz Jors Tod entstandene Machtvakuum zu nutzen, um die Kontrolle über den ganzen Sektor zu übernehmen. Er hatte aus den dezimierten Überresten mehrerer Trägerkampfgruppen und der lokalen Garnisonsflotten eine kampfstarke Flotte geformt, diese auf eine von manchen als fast selbstmörderisch eingeschätzte Mission geführt und – gegen einige der erfahrensten menschlichen Kommandeure und Einheiten – immerhin ein achtbares Patt erzielt, dass die imperiale Propaganda als einen Sieg verkaufen konnte. Er hatte sogar einen Großteil der ihm unterstellten Schiffe wieder nach Hause gebracht. Und gleichzeitig hatte er, die politischen Veränderungen auf Pan’chra ausnutzend, die Weichen für eine grundlegende Revision der Kolonialpolitik im Draned-Sektor gestellt – mit einer potentiellen Langzeitwirkung, die noch nicht einmal abzuschätzen war.
Als Protegé des verstorbenen aber immer noch hoch angesehenen Großadmirals Nahil Koo und künftiger angeheirateter Verwandter der Koo-Familie verfügte er über gute Kontakte – vor allem, wenn man das Ansehen und das Patronage- und Bündnis-Netzwerk der Taran-Familie selber mit einbezog. Wenn er nun auf seinen Leistungen und Beziehungen aufbauen konnte, war ihm die nächste Beförderung fast sicher – und ein prestigeträchtiger Posten, entweder in der Admiralität oder an der Front. Und Sie würde mit ihm aufsteigen können…
Allerdings galt das alles natürlich nur, wenn Tarans ‚Abberufung zur Admiralität‘ nicht nur ein Vorwand war. Die durch seine frühere Tätigkeit in der Admiralität, die Beteiligung an der Offiziersverschwörung, die Übernahme des Draned-Sektors, Führung der Kampfgruppe und die angestoßenen Verhandlungen mit den T’rr bewiesene Selbstständigkeit und Ambitionen konnten sich allzu leicht auch als eine gefährliche Hypothek erweisen – GANZ BESONDERS wenn man den Einfluss der Tarans und das in ihren Adern fließende kaiserliche Blut bedachte. Wenn eine Fraktion – und Thera Los war nicht bereit, die Allecars da auszunehmen, auch wenn der Admiral und der junge Dero Allecar früher einmal gemeinsam die Umgebung des Palastviertels unsicher gemacht hatten – zu der Ansicht kam, dass Tarans Ambitionen, Fähigkeiten und politischen Ressourcen zu gefährlich werden konnten…
Dann konnte der ‚Ruf in die Heimat‘ sich schnell in eine Fanfare verwandeln, die Tarans Degradierung, Verbannung oder gar seinen Tod verkündete. Und Thera Los würde höchstwahrscheinlich mit ihm fallen. Das hatte es alles schon gegeben. Was dem Admiral natürlich bewusst sein musste, den sonst hätte er sie vermutlich nicht vor die Wahl gestellt.

All diese Gedanken schossen der jungen Akarii-Offizierin durch den Kopf. Und dennoch vergingen nur wenige Herzschläge, bis Sie den Kopf hob und ihre Lippen sich zu einem leichten, fast spöttischen Lächeln verzogen: „Sie haben Glück, dass ich nur mit leichtem Gepäck an Bord gekommen bin. Geben Sie mir ein paar Stunden und ich bin bereit zur Abreise.“ Sie überlegte kurz: „Auch wenn das Ka’wal möglicherweise gleich doppelt das Herz brechen wird. Ich hatte immer schon den Eindruck, dass er mich etwas zu häufig ansieht.“
Der Admiral erwiderte das Lächeln, auch wenn darin auch ein wenig Nervosität und Anspannung liegen mochte: „Dann ist es also beschlossene Sache. Ob nun Aufstieg und Ruhm oder Schande und Untergang – unser Schicksal entscheidet sich auf Pan’chra, in der ewigen Stadt. Und noch etwas Kapitän Los…ich glaube, ich könnte mir keine bessere Gesellschaft auf diesem Weg wünschen.“
21.09.2017 18:56 Tyr Svenson ist offline E-Mail an Tyr Svenson senden Beiträge von Tyr Svenson suchen Nehmen Sie Tyr Svenson in Ihre Freundesliste auf
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„Dies sind die härtesten Lehrmeister für einen jungen Geist: der Krieg, das Exil – und der Verrat.“
Der antike Akarii-General Gorlan Rikata


Es war nicht das erste Mal, dass er die Oberfläche von Akar aus dem Orbit betrachtete und die grün-blaue Kugel des Heimatplaneten kleiner und kleiner werden sah. Denn natürlich hatte es in seiner Kindheit und Jugend Flüge zu den verschiedenen Raum- und planetaren Stationen des Sonnensystems gegeben. Mehrere Sommer hatte er auf der ‚Blumenwelt‘ Damar Zwei oder anderen Planeten verbracht, auf der seine Familie Anwesen besaßen. Und in den letzten zwei Jahren waren etliche Tage oder gar Wochen dauernde Raumeinsätze Bestandteil seiner Ausbildung gewesen. Aber dennoch war es heute etwas anderes. Denn diesmal wusste er nicht, wann er seinen Fuß wieder auf den Erdboden Akars setzen würde. Was ihn dann erwartete – und ob dieser Tag überhaupt kommen würde.
„Hoheit. Die anderen warten.“
Prinz Navar Thelam drehte sich um und nickte dem wenige Jahre älteren Offizier zu: „Es ist gut. Ich komme.“ Während er Dical Katall durch die schmucklosen Gänge des Infanterietransporters folgte, fragte sich der junge Prinz, ob er das Richtige tat oder im Begriff war, einen kolossalen Fehler zu begehen. In den letzten paar Stunden war viel passiert…

Die Eröffnung, dass er als Marschall Parins - Adjutant? Schüler? – diesem in den Draned-Sektor folgen sollte, war überraschend gekommen. Zumal er bereits halb erwartet, halb befürchtet und vielleicht, nur vielleicht auch heimlich ein ganz kleines bisschen erhofft hatte, dass Marschall Parin, Prinz Rallis – oder wer weiß sonst – mit der Aufforderung an ihn herantreten würde, dass er an der Spitze einer Streitmacht nach Pan’chra vorrücken solle, um den Thron für sich einzufordern. Doch dieses Hirngespinst – dass dadurch nicht weniger beunruhigend wurde, dass er offensichtlich nicht der einzige gewesen war, der es gehegt hatte – hatte sich verflüchtigt wie ein Albtraum der vergangen Nacht. Und wie dieser hatte er nicht viel mehr hinterlassen als einen schlechten Nachgeschmack und quälende Gedanken.
Doch die Admiralität, der Generalstab, die Kaiserliche Garde und deshalb offensichtlich auch sein Cousin Rallis und Marschall Parin hatten anders entschieden. Es war ernüchternd gewesen, wie schnell sich die Situation geändert hatte – und wie sehr er von den Entscheidungen anderer, älterer Männer und Frauen abhängig war. Gegen die Entscheidung, ihn mit Parin in Richtung Peripherie zu schicken, hatte Navarr nicht ernsthaft Einspruch erheben können, wenn er es nicht wie ein trotziger Halbwüchsiger wirken wollte. Zumal er sehr wohl begriff, welche Motive hinter dieser Entscheidung standen. Dero Allecars Duellsieg – und die zumindest stillschweigende Billigung oder Akzeptanz des Anspruchs Allecars durch die Streitkräfte und die Kaiserliche Garde – hatten Pan’chra mit einmal zu einem sehr viel gefährlicheren Pflaster für ihn gemacht.
Dass er nicht der Einzige war, der sich dieser bitteren Erkenntnis stellen musste, machte die Sache nur unwesentlich besser. An Bord des Transporters hatte er eine Reihe anderer junger Kadetten, Offiziere und Adlige getroffen, denen es offenbar ähnlich ergangen war. Wie Navarr waren sie im Verlauf der letzten Nacht in Richtung Draned-Sektor abgeschoben worden – einige anscheinend noch nicht einmal mit einer Begründung.
Einer von ihnen war Commander Dical Katall, Spross eines seit der Antike für seine Redner und Dichter bekannten Hauses, dessen Familienoberhaupt erst kürzlich im Adelsforum mit einer Brandrede gegen Lord Meliac Allecar bewiesen hatte, dass das alte Feuer noch immer brannte. Dical hatte sich rasch als einer der Anführer in dem zusammengewürfelten Haufen junger Akarii erwiesen. Ob es nun an der Überzeugungskraft seiner Familie lag oder an der in dem jungen Offizier brodelnden Energie, die freilich vor kurzem einen ordentlichen Dämpfer erfahren haben musste. Und der vermutlich auch deshalb bereit gewesen war, auf Navarrs Worte zu hören. Und er war nicht der Einzige…

Als sie beide den einfach eingerichteten Besprechungsraum betraten, der angesichts der Anzahl der hier Versammelten etwas überfüllt wirkte, kreuzte sich Navarrs Blick mit dem von Maran Otrano, die ihm mit einem unmerklichen Lächeln kurz zunickte. Dass die junge Adlige und Kadettin einer Kolonialwelt-Militärakademie, die Navarr auf einer von Rallis Thelams Festen kennengelernt hatte – vor einer halben Ewigkeit, als Tobarii Jockham noch lebte und mit Dero Allecar an einem Strang zu ziehen schien – ebenfalls Marschall Parins Transporter beigeordert wurde, war eine angenehme Überraschung für Navarr gewesen. Die gelegentlichen Treffen mit ihr waren in den letzten Wochen eine der wenigen Gelegenheiten gewesen, das Spiel um den Thron zu vergessen. Denn obwohl die Otranos ein altes Haus waren und sowohl zu der mächtigen Großherzogin Zuuni als auch zu Haus Thelam Beziehungen unterhielten, schien Otrano selber relativ wenig von dem Tanz zu halten, dass andere Adelshäuser um die Thronprätendenten aufführten und begegnete Navarr mit einem erfrischenden Mangel an Ehrerbietung und Berechnung. Und es waren auch die Gespräche mit ihr gewesen, die ihn in dem Entschluss bestärkt hatten, den er jetzt im Begriff war umzusetzen.

„Danke, dass ihr meiner Einladung gefolgt seid, auch wenn die Küche nicht mit einem Empfang bei Hofe mithalten kann.“ Navarr wies auf die auf dem Tisch verteilten Wasserflaschen und den Teller mit graubraunen Rationsplätzchen, die offensichtlich die Überbleibsel von abgelaufenen Feldrationen waren. Er hoffte, dass sein Grinsen nicht so künstlich wirkte, wie es sich für ihn anfühlte. Aber das hier und da aufflackernde Lachen schien anzudeuten, dass der kümmerliche Scherz zumindest bei einigen ankam.
Allerdings nicht bei allen: „Es ist ja nicht so, als ob wir groß Alternativen hätten, HOHEIT. Zumal wir unter absoluter Funk- und Kontaktsperre fliegen. Woran oder an wem mag das wohl liegen, frage ich mich?!“
Navarr ärgerte sich, dass er den Nachnamen des breitschultrigen, etwas massig wirkenden Offiziers vergessen hatte, dessen sarkastisches Naturell er schon kennengelernt hatte. Er wusste nur, dass Mengar ein fähiger Fechter war und von Dero Allecar nicht viel hielt, obwohl er auch für die Traditionalisten und konservativen Kräfte am Hofe nur Geringschätzung zu empfinden schien. Dumm war er jedenfalls nicht, denn vermutlich sollte die verordnete Funkstille tatsächlich verhindern, dass Navarrs Anwesenheit bekannt wurde. Was ein interessantes Licht auf die Befürchtungen derjenigen warf, die sie alle auf dieses Schiff verbracht hatten. Ansonsten war Mengar offensichtlich ein guter Bekannter von Dical. Und dieser war es auch, der ihm jetzt Konter gab: „Komm schon, Mengar. Dann musst du dich halt bei deinen…Freizeit-Trids auf die beschränken, die du abgespeichert hast. Und ich will hören, was der Prinz zu sagen hat.“
„Wir alle haben es uns nicht ausgesucht, hier zu sein. Wir sind hier, weil andere für uns entschieden haben.“
„Sogar Ihr?“ kam es von weiter hinten.
„Ganz besonders ich.“
„So weit ist es also mit der Macht der Thelams…“, spottete Mengar, verkniff sich aber auf einen warnenden Blick seines Freundes das, was er noch hinzufügen wollte. Wahrscheinlich irgendetwas anzügliches bezüglich Prinzessin Linai und Dero Allecar, vermutete Navarr. Hoffentlich beherrschte sich Mengar auch in Zukunft. Ihn fordern zu müssen würde Navarr nicht unbedingt weiterhelfen. Mal abgesehen von der Frage, ob er überhaupt gewinnen konnte…
„Einige von uns sind hier, weil diejenigen die sich für klüger halten, um unsere Sicherheit fürchten und denken, dass wir an der Peripherie, zwischen Rebellen und Meuterern sicherer sein werden. Andere sind hier wegen dem, was sie getan haben, was sie tun wollten – oder dem, was sie vielleicht tun könnten.“ Er sah wie Dical und Mengar einen Blick wechselten. Und sie waren nicht die Einzigen. ‚Ja, ganz Recht. Ich weiß, dass auch Angehörige der Fronde an Bord sind.‘: „Aber was uns alle verbindet ist die Tatsache, dass wir nicht aus freiem Willen Pan’chra verlassen. Ich habe keine Angst vor dem was uns im Draned-Sektor erwartet…“, das entsprach nicht ganz den Tatsachen. Aber das konnte er natürlich nicht zugeben – genauso wenig, wie einer der anderen jungen Männer und Frauen offen über die Befürchtungen sprechen würde, die sie quälen mussten, „…aber ich bin es leid, hin und hergeschoben zu werden, wie eine Figur auf einem Spielfeld.
‚Wartet ab‘ heißt es. ‚Hört auf diejenigen, die es besser wissen.‘ ‚Eure Zeit wird kommen – aber nur wenn ihr das tut, was wir euch sagen.‘ Nun, ich möchte nicht länger warten.“
„Und was schwebt euch vor, HOHEIT?!“ Das war wieder Mengar: „Wollte Ihr das Schiff kraft der euren Vorfahren von den Göttern übertragenen Autorität übernehmen und umdrehen? Das möchte ich gerne sehen!“
„Natürlich nicht. Das wäre Meuterei und würde bedeuten, dass ich mich meiner Pflicht als Soldat und Prinz entziehen würde. Auch wenn meine Pflicht im Augenblick darin liegen mag, einen Frieden mit den rebellischen T’rr auszuhandeln. Nein, ich will nicht, dass wir das Schiff zum Umdrehen zwingen…“
„Als ob wir das könnten!“
„Aber ich will, dass wir selber über unser Schicksal bestimmen. Ich habe zu lange darauf gehört, was andere von mir wollten. Und ich glaube, euch allen geht es genauso. Wir alle wollen die Zukunft selber gestalten. Unsere…und die des Imperiums.“
„Und Ihr meint nicht, dass Ihr euch da etwas viel vorgenommen habt? Vor allem, da wir momentan alle nur Befehlsempfänger sind…“, der Sprecher, ein breit gebauter Lieutenant der Armee musterte Navarrs Kadetten-Uniform: ,…einige noch mehr als andere.“
‚Das musste ja irgendwann erwähnt werden‘: „Umso mehr ein Grund, irgendwo anzufangen. Wir alle wissen, wie das Imperium funktioniert. Leistung ist das eine. Gute Kontakte und ein Netzwerk von Verbündeten etwas anderes. Ich weiß nicht, wie weit einige von uns bereits damit waren…“, das stimmte nicht ganz, tatsächlich wusste Navarr so einiges und vermutete noch mehr, „…aber keiner von ihnen sollte die Unterstützung eines Thelam-Prinzen leichtfertig verschmähen.“
„Der gerade in die Peripherie abgeschoben wird?“ spottete eine der Kadettinnen. Wenn Navarr darauf etwas gegeben hätte, hätte er es traurig gefunden, dass die von einer konkurrierenden Akademie kommende Maran Otrano fester zu ihm stand, als viele seiner Kameraden.
„Genauso wie wir alle. Was dann ja wohl bedeutet, dass wer immer hinter uns steht, momentan NICHT die Oberhand hat.“
„Das mag ja alles sein…“, Mengar wiegte etwas spöttisch den Kopf: „Aber wollt Ihr nur darauf basierend, dass wir euch jetzt die Treue schwören? Die Planken dieser Brücke erscheinen mir dann doch etwas dünn…“
Navarr Thelam schüttelte verneinend den Kopf: „Einen Treueschwur? Nein. Eure Treue – unser alle Treue – gehört zuallererst dem Imperium. Was bei vielen auch der Grund ist, warum wir uns jetzt auf diesem Schiff befinden. Ich dachte eher an eine Art…Beistandspakt.“
Mengar beugte sich vor: „Und was genau sollte ich mir davon versprechen? Für mich und das Imperium…“

Und damit war der Grundstein gelegt, auch wenn das Hin und Her der Worte noch über eine Stunde weiterging. Aber als er eine ganze Weile später wieder an dem Aussichtsfenster stand und dorthin blickte, wo Akar nun nur noch zu erahnen war, erlaubte er sich ein Gefühl vorsichtigen Optimismus.
„Das ging ja leichter als ich dachte.“
Navarr drehte sich zu Dical Katall um, der zusammen mit Maran Otrano den Raum betrat: „Ja, ich war auch überrascht.“
„Es liegt uns im Blut.“ Maran Otrano zuckte mit den Schultern: „Wir wünschen uns alle jemanden, der unserer Treue würdig ist. Jemanden, an den wir glauben können. Einen Prinzen, der uns anführt, wie in den alten Geschichten, mit denen wir groß geworden sind.“
Kurz hatte Navarr das Gefühl, als ob eine unsichtbare Hand ihm die Luft abschnürte. Weniger wegen dem, was Maran gesagt hatte. Sondern wegen dem, was er selber mit diesen Worten verband. Und was in ihnen mitschwang. Aber bevor er etwas erwidern konnte, was für einen jungen Kadetten vermutlich viel zu pathetisch geklungen hätte, fuhr die junge Akarii fort, während sie Katall einen kurzen Seitenblick zuwarf: „Und deshalb ist unsere Enttäuschung, unser Hass und unsere Wut umso größer, wenn wir enttäuscht werden. Oder das Gefühl haben, verraten zu werden.“
Dical Katalls Miene verdüsterte sich kurz: „Wir reden jetzt nicht von unserem Freund hier, nicht wahr? Falls du auf einen anderen Prinzen anspielt der…nicht mehr unter uns ist, würde ich vorschlagen, dass du dich doch lieber um deinen eigenen Kram kümmerst.“ Ein spöttisches Grinsen huschte über sein Gesicht: „Und deinen eigenen Prinzen.“
Navarr Thelam räusperte sich: „Wie auch immer. Ich möchte euch danken. Ohne eure Hilfe hätte ich es nicht geschafft.“
Dical Katall schnaubte amüsiert: „Wir geben ein hübsches Triumvirat ab. Ein abgeschobener Prinz, die Tochter einer Grenzdynastie und ein Katall. Zweifellos wird es einst meine Aufgabe sein, unsere Geschichte der Nachwelt zu erzählen.“ Er zögert und fügte dann bissig hinzu: „Oder uns vor dem kaiserlichen Gerichtshof zu verteidigen.
Aber was Ihr heute erreicht habt, das ist nur ein Anfang. Was WIR daraus machen können, hängt nicht zuletzt von Euch ab.“ Dical Katalls Gesicht verdüsterte für einen Augenblick: „Und was das angeht, solltet Ihr Marans Worte besser nicht vergessen. Wir vergeben unsere Loyalität nicht leichtfertig. Und wenn dieses Vertrauen enttäuscht wird…“
Maran verdrehte die Augen: „Kein Wunder, dass die Mitglieder deiner Familie so leicht Freunde finden.“
Dical zuckte mit den Schultern: „Der Preis unserer Brillanz. Aber im Ernst. Ihr habt es geschafft, von Pan’chra verbannt zu werden. VERMUTLICH ohne eigenes Verschulden. Aber dieses Exil ist auch eine Chance für Euch. Seht nur zu, dass Ihr sie auch nutzt. Eine weitere wird es vermutlich nicht geben.“
Navarr musterte den etwas älteren Offizier lange: „Soll das eine Warnung sein – oder eine Drohung?“
„Warum nicht beides? Aber vermutlich eher eine Warnung. Immerhin sitze ich in demselben Boot.“
Navarrs Blick wanderte zu Maran Otrano: ‚Das tun wir alle. Und ich bete darum, dass ich in der Lage sein werde, es in einen sicheren Hafen zu lenken…'
13.10.2017 08:02 Tyr Svenson ist offline E-Mail an Tyr Svenson senden Beiträge von Tyr Svenson suchen Nehmen Sie Tyr Svenson in Ihre Freundesliste auf
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„Piraten sind Feinde der gesamten Menschheit.“
Römisches Sprichwort

Das schrille Fiepen eines Handgelenk-Komms riss Kano aus dem Halbschlaf, in dem es keinen Krieg gab. Als er noch benommen hochfuhr, bohrte sich ein Ellbogen in seine Seite und weckte ihn endgültig. Allerdings konnte das auch dem unterdrückten Fluch Kalis liegen, die sich aus dem Bett rollte und auf die Füße kam: „Khoonee narak!“
Auch wenn er ihr zustimmen wollte, aktivierte er lieber das Komm, nachdem er es im Halbdunkel gefunden hatte: „Hier Lieutenant Commander Nakakura. Was ist los? Ich habe keine Bereitschaft.“ Als Pilot und Staffelführer war er es inzwischen gewohnt, ohne sichere Ruhezeiten zu arbeiten, aber manchmal musste man eine Grenze ziehen. Wegen den von Commander Stafford durchgedrückten Sonderübungen und der nach dem Verlassen des Sterntorsystems gestrafften Patrouille-Pläne für die Angry Angels hatten sie ziemlich wenig Zeit für einander finden können. Außerdem war Kali nach der von Kano für die Roten Staffel organisierten ‚Überraschung‘ einige Zeit etwas angefressen gewesen, zumal es schon das zweite Mal war, dass sie von anderen Angry Angels bei einer Übung hinters Licht geführt worden war. Das letzte Mal war gewesen, als sie auf der DERFLINGER diente und von Raven hereingelegt worden war. Es hatte Kano einige Mühe gekostet, das wieder hinzukriegen.

Im Komm blieb ein paar Augenblicke still. Dann kam die Antwort: „Gut, dass ich Sie erwische, Nakakura. Hier ist McGill. Sie werden beim ersten Flug nach unserem Sprung in das Hellas-System dabei sein.“
„Ich dachte, eigentlich sollte …“
„Stafford wird die Einweisung übernommen. Das heißt vermutlich, dass er mitfliegt. Schließlich will er, dass wir keinen Rost ansetzen. Seine Worte, nicht meine.“ Kali, die mitlauschte, murmelte etwas, was zum Glück unverständlich blieb.
Kano presste kurz die Lippen zusammen: „Schon wieder? Er könnte etwas mehr Zeit für seine eigene Staffel gebrauchen.“ Das brachte Kano einen Schulterrempler von Kali ein. Aber Staffords Angewohnheit, regelmäßig bei anderen Staffeln mitzufliegen, kam nicht überall gut an. Manche fassten die häufigen ‚Stippvisiten‘ als Misstrauensvotum auf, vor allem wenn sie – so wie Kanos Schwarze Staffel und Aces Blaue Schwadron – besonders häufig in diesen Genuss kamen.
„Schieben Sie es auf die nuklearen Ostereier, die Ihnen Decker und seine Freunde von der Waffenerprobung beschert haben. Wenn die Butcher Bears schon unsere neueste Wunderwaffe testen dürfen, dann soll es auch klappen. Oder es liegt an der kleinen Überraschungsparty, die Ihr Dreckiges Dutzend für den Commander organisiert hat.“ McGill klang amüsiert, was sich bei ihren folgenden Worten noch verstärkte: „Und falls Sie Kali…sehen, sagen Sie ihr, dass sie ebenfalls bei der Einweisung dabei sein wird.“
Vermutlich war Kalis gemurmelter Kommentar für diese Neuigkeit auch nicht wohlwollender als das vorherige.
„Falls ich Sie sehe…“
„Das will ich doch hoffen.“ Trisha McGills Stimme gewann eine sarkastische Note: „Immerhin sprechen Sie in ihr Kommlink. Eigentlich wollte ich erst Commander Mitra anrufen und dann Sie. Danke, dass Sie mir die Zeit gespart haben.“ Und damit kappte McGill die Verbindung.

Diesmal war es Kano, der fluchte. Kalis Stimme hingegen war erstaunlich gleichmütig: „Wir sollten uns verschiedene Signaltöne zulegen.“ Sie registrierte Kanos Gesichtsausdruck und zuckte mit den Schultern: „Entspann dich, Samurai. Jeder an Bord weiß Bescheid.“
„Es zu wissen und einen Beweis geliefert zu bekommen sind zwei verschiedene Dinge. Wenn Stafford…“
„Stafford kann mich mal. Außerdem schuldet er mir was. Immerhin halte ich seine Schwadron in Topform, damit er ungestört die anderen Staffeln abklappern kann, ohne unter seinem dämlichen Cowboyhut ins Schwitzen zu geraten.“ Kali hegte einen leisen Groll gegen ihren Vorgesetzten, weil seine Präsenz ihre Hoffnungen auf das Kommando der Roten Staffel blockierte: „Und McGill ist nicht SO scharf darauf, Extrapunkte zu sammeln, dass sie zum Alten rennt.“
Kano nickte nur halb überzeugt: „Ich sollte dann wohl besser gehen…“
Kali lächelte boshaft: „Findest du nicht, dass es ein wenig spät ist, um Gewissensbisse zu…“
Sie kam nicht dazu, den Satz zu beenden, weil Kano ihren Mund mit seinen Lippen verschloss. Als sie sich voneinander lösten, waren beide außer Atem: „Also ich muss sagen…du hast ja doch etwas gelernt, Samurai.“
Diesmal war es Kano der grinste: „In mehr als einer Hinsicht. Ich hatte eine gute Lehrerin. Also zum Teufel mit Stafford, und was er von uns halten könnte.“
„Wenn deine Leute dich jetzt hören könnten, wären sie ein paar Illusionen ärmer.“
„Da die meisten ohnehin Bescheid wissen, vermutlich gar nicht so sehr.“ Kano zögerte kurz: „Aber wir sollten Stafford wohl besser dennoch keinen Vorwand liefern.“
„Du meinst, falls er seinen Blue-on-Blue kompensieren will? Tja was das angeht, gefällt mir unsere Variante sehr viel besser.“
„Du hattest zu lange mit Radio zu tun. Seine Ausdrucksweise hat abgefärbt.“
„Bah! Wenn DAS der Fall wäre, müsste ich jeden Tag mit Seife gurgeln.“ Kali warf den Kopf zurück und stolzierte in die Nasszelle. Sie musste sich nicht umdrehen, um zu wissen, dass Kano ihr mit den Augen folgte. „Na dann? Zeit, dass du einen unauffälligen Abgang machst, bevor Stafford eine Blitzrazzia einleitet?“
Falls Kano etwas auf ihre Spitze antwortete, ging es im Rauschen des Wassers unter. Vielleicht hatte er sich aber auch zu der Erkenntnis durchgerungen, dass Taten eine deutlichere Sprache sprachen als Worte, denn plötzlich spürte Kali, dass sie nicht mehr alleine in der Dusche war.
„Du hast aber schnell deine Meinung geändert. Sagtest du nicht, dass Stafford...“
„Den können die Oni holen. Außerdem…wir haben vielleicht noch ein halbe Stunde. Willst du die wirklich nutzen, um über den Alten zu reden?“
Kali sparte sich die Antwort. Stattdessen lehnte sie sich mit geschlossenen Augen zurück, in Kanos Arme.

***

Etwa eine Stunde später

Die Runde, die Kano in dem Besprechungsraum vorfand, war der erste Hinweis dafür, dass etwas Ungewöhnliches ablief. Da waren McGill, Stafford, Kali und auch noch Lilja – bei weitem zu viele Offiziere für eine gewöhnliche Patrouillen-Einsatzbesprechung. Und dann waren da noch Commander Decker, der mit den neuen Arrow-Atomraketen an Bord gekommen war – und Ross, der oberste NIC-Offizier der COLUMBIA. ‚Was wird hier gespielt?‘
Obwohl er pünktlich war, fühlte sich Decker zu einem Kommentar bemüßigt: „Beinahe nicht rechtzeitig!“
„Entspannen Sie sich Decker, sonst kriegt Ihr makelloses Postergesicht noch Falten!“ stichelte Kali und blickte demonstrativ auf ihr Handgelenk: „Und wie ich das sehe, ist Ohka genau rechtzeitig gekommen.“ Kano warf ihr einen bemüht ausdruckslosen Blick zu, während McGill plötzlich husten musste: „Genug gequatscht. Vielleicht erfahren wir jetzt endlich, worum es hier geht.“
Das galt offenbar Stafford, der den Ball weiterspielte: „Ross. Fangen Sie an.“
Der Geheimdienstoffizier erhob sich ruckartig: „Ich gehe davon aus, dass Sie alle mit den grundlegenden Informationen zum Hellas-System vertraut sind.“

Kano zumindest war es, auch wenn es nicht viel zu wissen gab. Hellas war eine weiße Sonne, die von drei Gasplaneten – Mykene, Sparta und Athen – umkreist wurde. Laut Berechnungen und Theorien hatte noch vor wenigen tausend Jahren ein vierter Gasplanet den Stern umkreist, bis dieser Himmelskörper – Ilium genannt – aus dem System herausgeschleudert und zu einem ‚Wanderplaneten‘ geworden war. Aber das war nur eine Theorie, wie auch Iliums Status als ‚Brauner Zwerg‘, was Hellas zu einem verhinderten Doppelstern-System gemacht hätte. Die politischen und militärischen Turbulenzen der letzten Jahrzehnte hatten das Zustandekommen einer Expedition verhindert, die dem (nur für Astrophysiker faszinierenden) ‚Rätsel des verschollenen Planeten‘ nachgehen konnte.
Soweit bekannt, hatte Hellas kein Leben hervorgebracht. Zwei an den Hauptsprungpunkten betriebene zivile Raumstationen – KASTOR und POLLUX – waren zwanzig Jahre die einzige Form der Besiedlung gewesen. Die Stationen dienten vor allem als Transit- und Wartungsstationen auf dem Weg von oder zum Konkordat oder der Peripherie der Republik, und als Basis für den Bergbau im Asteroidengürtel des Systems.
Die politischen Umbrüche im Konkordat kurz vor dem Akarii-Krieg und dann der Krieg selber hatten die Betreiber der Stationen in wirtschaftliche Schwierigkeiten gebracht. Ein imperialer Raid hatte das Ende des Projektes bedeutet. POLLUX war zerstört und KASTOR aufgegeben worden. Pläne, die Station als Basis für die TSN auszurüsten, waren an den Kosten gescheitert – und der Tatsache, dass der Krieg an anderen Fronten geschlagen wurde. ‚Aber das kann sich ja jetzt ändern…‘

„Wie Sie wahrscheinlich ebenfalls wissen, haben die Piratenaktivitäten seit Kriegsbeginn zugenommen, begünstigt durch die Schwächung der lokalen Garnisons- und Patrouilleneinheiten.“
„Und der Tatsache, dass beide Seiten diese Weltraumgeier für sich fliegen lassen.“ warf Commander Stafford spöttisch ein.
Ross presste kurz die Lippen zusammen: „Im Gegensatz zu den entsprechenden Aktivitäten des Imperiums sind derartige Anschuldigen gegenüber der Republik niemals verifiziert worden. Und sind nichts, was ein Offizier der TSN leichtfertig weitererzählen sollte.“ Der Geschwaderchef schnaubte nur.
„Zwar verfügen die momentan operierenden Banden nicht über eine mit den sogenannten Piraten- oder Totenkopfkriegen vergleichbare Schlagkraft und Stärke, sondern stützen sich praktisch ausschließlich auf armierte Frachter und Großraumshuttles sowie auf gestohlene, erbeutete, beziehungsweise auf dem grauen oder Schwarzmarkt erworbene Jäger. Aber für unseren Nachschub und die zivile Raumfahrt stellen sie dennoch eine ernste Gefahr dar. Außerdem sind viele Piraten auch in Aktivitäten wie Schmuggel, Menschen-, Waffen- und Drogenhandel sowie Schutzgelderpressung verwickelt. In peripheren Gebieten waren sie mehrfach in diverse Rebellionen oder Putschversuche verwickelt.
Nach einem zeitweiligen Rückgang der Piratenaktivitäten – vor allem durch den verstärkten Einsatz von Hilfskreuzern, der Aufstockung lokaler Verbände und einem von einigen Systemen und Firmen eingeführten Konvoi-System – ist die Zahl der Angriffe in den letzten Monaten erneut gestiegen. Unter anderem wegen den erneuerten Offensiven des Imperiums und vor allem der veränderten Situation in der Konföderation. Unsere Dienste gehen davon aus, dass die Akarii und ihre neuen…Freunde verstärkt Anstrengungen unternehmen, Piratenbanden zu rekrutieren und aufzurüsten. Allerdings leidet die Konföderation wohl selber unter Angriffen, da ihre Streitkräfte erheblich dezimiert wurden.“
McGill konnte sich eine sarkastische Zwischenbemerkung nicht verkneifen: „Dann war es ja zweifellos der richtige Zeitpunkt für Cockroach, einen großen Teil seiner noch verbliebenen Schiffe an die Grenze zur Republik zu verlegen.“
Ross ließ sich durch die Unterbrechung nicht aus der Ruhe bringen: „Durch die politisch instabile Situation in der Konföderation, aber auch Teilen des imperialen Raums, ist zudem der illegale Zufluss von Waffen und Ausrüstung angestiegen. Und an Mannschaften und Schiffen – überwiegend Deserteuren.“
„Ja, Piraterie passt zu unseren ehemaligen ‚Freunden‘ von der Konföderation.“ Lilja machte kein Geheimnis aus ihrer Abneigung: „Ziele angreifen, die sich nicht wehren können. Und den Schwanz einkneifen und davonrennen, wenn sie auf ECHTEN Widerstand stoßen! Zusammenarbeit mit diesem Gesindel hat ja beinahe Tradition...“
Kano erwartete halb, dass Stafford Lilja in die Parade fahren würde, aber der beschränkte sich auf ein spöttisches: „Ungeachtet Ihrer strategisch-psychologischen Expertise würde ich es vorziehen, wenn Commander Ross endlich zum Kern seines Anliegens kommen könnte.“
„Selbstverständlich behalten sowohl wir als auch das Konkordat die verschiedenen Gruppen im Auge. Unsere Geheimdienstinformationen legen nahe, dass das Hellas-System von einer Piratenbande als Versteck genutzt wird – offenbar haben sie sich auf der KASTOR-Station festgesetzt.“
„Ich dachte, die wurde bei der Räumung gesprengt?“ mischte sich Kali ein.
„Das wäre das Standardprozedere gewesen und wurde auch so gemeldet. Aber die Station wurde zivil betrieben. Ob durch bloße Inkompetenz oder in der Hoffnung, die Anlage später zu reaktivieren, offenbar verlief die…Stilllegung nachlässig. Jedenfalls scheinen genügend Anlagen und Elektronik übrig geblieben zu sein, damit die Station für die Piratenbande, die sich übrigens ‚Black Flag‘ nennt, eine attraktive Basis abgab.“
„Diese Typen sind ja so was von einfallsreich bei ihren Namen!“ witzelte Kali.
„Abgesehen von den naheliegenden Gründen hängt die Namensgebung vermutlich damit zusammen, dass etliche Mitglieder der ‚Black Flag‘ früher zur Bande des ‚Black Buccaneers‘ gehörten, sich aber vor dessen – angenommener – Vernichtung selbstständig gemacht haben.“
„Na dann haben wir ja einen Experten an Bord!“ ätzte Lilja. Cartmell, der unter von einigen immer noch als verdächtig angesehenen Umständen Gefangener des Black Bucanners gewesen war, gehörte nicht gerade zu ihren wenigen Freunden. Dann runzelte sie die Stirn: „Moment mal. War DAS der Grund, dass Joystick bei unserer letzten Übung Staffelübung durch Abwesenheit geglänzt hat? Haben Sie Angst, dass er Heimweh bekommt?!“
Kurz zuckte es um Ross Mundwinkel, der ebenfalls seine Probleme mit dem ehemaligen Bewährungspiloten gehabt hatte und für den der von einigen Piloten in Umlauf gebrachte Spitzname für Cartmell alias ‚Noname‘, alias ‚Stuntman‘, alias eben ‚Joystick‘ offenbar ein Quell der Erheiterung war: „Lieutenant Cartmell wurde noch einmal befragt, das ist richtig. Allerdings war er wie immer nicht besonders hilfreich.“
„Ich wundere mich, dass der NIC nicht schon wieder jemanden auf bloßen Verdacht hin verhaften lassen will.“ Stichelte Lilja, die damit vermutlich auf ihre zeitweilige Festnahme durch den NIC im Zuge einer etwas undurchsichtigen Geheimoperation im Medusa-System anspielte: „Sie haben wirklich so eine Art, sich beliebt zu machen.“
„Das kommt jetzt ausgerechnet von Ihnen, Lilja.“ parierte Ross.
„Könntet ihr beide das Balzen einstellen und wieder zur Sache kommen?“ schaltete sich Kali ein, was ihr ein beifälliges Nicken und Grinsen von Stafford einbrachte, sie aber einem Kreuzfeuer eisiger Missbilligung seitens Ross und Liljas aussetzte. Das ihr allerdings ziemlich gleichgültig zu sein schien.

Aber auch die Russin schaltete jetzt wieder auf ‚dienstlich‘ um: „Von wie vielen Piraten reden wir?“
„Geschätzt etwa 200 auf zwei armierten Albatros-Frachtern – der RAGE und der FURY. Und dem zum Kanonenträger umgerüsteten Merkur-Transporter LIGTHNING. Die Albatrosse sind für den Jägertransport modifiziert. Alle Schiffe verfügen über zusätzliche Geschütze und Raketenwerfer, verstärkte Panzerung und Schilde, bleiben in ihrer Gefechtsstärke aber unter der von militärisch umgerüsteten Transportern. Wir gehen, davon aus, dass die Piraten über ein halbes Dutzend Angriffsshuttles sowie knapp zwanzig Kampfflieger verfügen – überwiegend Mustang-Jäger und Intruder-Jagdbomber, aber möglicherweise auch ältere Phantome und Griphen.“
„Intruders?“ Lilja runzelte die Stirn: „Sie wollen uns jetzt aber nicht erzählen, dass diese Halsabschneider auch über nukleare Schiff-Schiff-Raketen verfügen?“
„So viel wir wissen, sind die Intruders überwiegend mit ungelenkten Salvenwerfern ähnlich unserem Hydra-System armiert. Dazu kommen die Anti-Jäger-Raketen der vorletzten Generation, aber keine schwereren Kaliber oder Langstreckenraketen.“

Da das vor einigen Jahren von der TSN eingeführte Hydra-Waffensystem im Einsatz hinter den Erwartungen zurückgeblieben war, war die TSN nicht allzu restriktiv damit umgegangen. Die Konföderation hatte eine Lizenzvariante erhalten, eine Exportvariante war für das Konkordat und andere Handelspartner der Republik entwickelt worden, und auch zivile ‚Sicherheitsfirmen‘ setzten es ein. Es war nur eine Frage der Zeit gewesen, bis das Waffensystem auf dem Schwarzmarkt angeboten wurde.
Im Gegensatz dazu stand der Umgang der TSN mit ihren Atomraketen – immerhin konnten selbst die ‚kleinen‘, kampffliegergestützten Modelle eine Großstadt vernichten. Dementsprechend streng war die Gesetzgebung und Handhabung. Diebstahl, Unterschlagung, Weitergabe oder Besitz galten als Schwerverbrechen beziehungsweise – für Bürger der Republik oder Konföderation – als Hochverrat, worauf theoretisch die Todesstrafe, zumindest aber eine lebenslängliche Gefängnisstrafe stand. Unbestätigten Gerüchten zufolge waren die Sicherheits- und Geheimdienste der Republik zudem sehr…nachdrücklich bei der Verfolgung derartiger Vergehen. Regeln oder Budgetbegrenzung gab es für die ‚Broken Arrow‘-Einheiten, wie man die Ermittlerteams nach einer alten irdischen Codebezeichnung für eine verlorengegangene Atomwaffe nannte, nicht. Angeblich schreckten TIS und NIC bei ihrer Jagd auch nicht vor Folter oder illegalen Tötungen zurück – immerhin ging es um Waffen, die millionenfachen Tod bringen konnten.
Das war die ‚Peitsche‘, die jedem drohte, der seine Hand nach Nuklearwaffen ausstreckte. Anderseits gab es auch Gerüchte, dass die Republik gleichzeitig als ‚Zuckerbrot‘ ein illegales Rückkaufprogramm unterhielt, das für Atomraketen, die von Schlachtfeldplünderern und anderen halb- und illegalen Gruppen gefunden und an die TSN zurückgegeben wurden, geradezu obszön hohe Summen zahlte.

„Der Merkur-Frachter ist offenbar mit zwei Schiffslaserbatterien armiert, was ihm eine enorme Feuerkraft und Schlagreichweite verleiht.“
„Wie sind denn PIRATEN…“, Lilja hielt inne und beantwortete ihre Frage, bevor sie sie fertig gestellt hatte: „Vermutlich Bergungsgut. Aber ist eigentlich auch egal. Eine Fregatte kann diese Blecheimer problemlos zur Hölle schicken.“
„Allerdings werden wir keine Fregatte schicken.“, schaltete sich Stafford ein: „Wir gehen davon aus, dass die Piraten erst einmal toter Mann spielen werden, wenn wir in das System springen. In der Hoffnung, dass wir sie nicht bemerken. Aber wenn wir Großkampfschiffe detachieren, werden sie versuchen sich aufzuteilen und abzusetzen, was ihnen VIELLEICHT auch gelingen könnte, wenn wir nicht einen aufwendigen Langstreckeneinsatz fliegen.
Außerdem ist KASTOR offenbar in den Asteroidengürtel gedriftet – falls die Piraten die Station nicht absichtlich dorthin geschleppt haben. Das und die Tatsache, dass die Piraten möglicherweise im Stationsreaktor spaltbares Material für einige primitive Atomminen oder sogar ein paar selbstgebaute Nuklear-Raketen gefunden haben, macht den Einsatz eines Kriegsschiffes zu einem unnötigen Risiko.“
„Deshalb sollen wir das Rattennest ausheben.“ Schaltete sich Trisha McGill ein: „Und ich nehme mal an, Schwadron Bronze soll den Job übernehmen.“
„Sie haben zumindest teilweise Recht.“, meldete sich Decker zu Wort.
Kano ahnte, was er meinte: „Sie wollen, dass wir die Arrows testen. Die Grüne und die Rote Schwadron sichern uns ab. Und die Bomber stehen bereit, falls wir es nicht schaffen.“ Decker sparte sich die Antwort.
„Genauer gesagt schicken wir nur eine Sektion von Staffel Bronce aus. Das reicht allemal, selbst wenn die Arrows versagen.“
„Was sie nicht tun werden.“ Warf Decker selbstbewusst ein.
„Ist das nicht immer noch ein bisschen Overkill? Wir schicken gut vierzig Kampfflieger los und verschwenden unsere neue Wunderwaffe auf ein paar Halsabschneider?“ Lilja klang etwas spöttisch. Sie hielt nicht unbedingt viel von Decker, der sich mit seiner Arroganz wenig Freunde gemacht hatte.
Es war Ross, der Decker zur Seite sprang: „Ich sehe das als eine gute Gelegenheit, noch einmal die Zusammenarbeit mehrere Staffeln auszutesten. Staffel Gelb und Blau übernehmen den Schutz der COLUMBIA. Und da Gold, Silber und der größte Teil von Bronze zurückbleiben, haben wir auch noch genug Schlagkraft in Reserve.“
„Warum fliegen wir nicht gleich einen Alphaschlag?“ fragte Lilja leicht sarkastisch: „Die Gelben sind gerade erst neu aufgestellt worden. Und auch die Blauen können etwas mehr Übung gebrauchen.“
„Prinzipiell haben Sie Recht, aber ich will die COLUMBIA nicht völlig entblößen. Außerdem hoffen wir, dass einen Einsatz dieser Größe zumindest für den größten Teil des Anflugs immer noch den Eindruck erwecken können, dass das nur ein Übungsflug ist. Je mehr wir losschicken, desto unwahrscheinlicher ist, dass die Piraten uns das abkaufen. Andererseits will ich aber, dass wir genug Feuerkraft haben, um den Gegner mit Leichtigkeit zu vernichten. Ein Zahlenverhältnis von Eins zu Zwei sollte das sicherstellen.“
Lilja nickte etwas widerwillig, worauf Stafford fortfuhr: „An diesem Ziel können wir die Arrows unter realen Gefechtsbedingungen testen – aber in einer Situation und Umfeld, die wir weitestgehend kontrollieren. Kein Risiko, dass die Sensordaten des ersten Testes in imperiale Hände geraten oder Gegner entkommen. Sie haben Recht, unsere Ziele sind Abschaum.“
„Und deswegen können wir sie wegsperren, bis sie schwarz werden.“, nahm Decker den Faden auf: „Kriegsgefangene werden gemäß geltenden Konventionen behandelt, haben Kontakt zu anderen POWs – und werden eines Tages vielleicht sogar ausgetauscht oder können Nachrichten nach Hause schicken.
Piraten – Mörder, Vergewaltiger, Menschen-, Waffen- und Drogenhändler – können wir in Isolationshaft halten, bis sie verfaulen. Keiner interessiert sich für sie. Wir könnten Sie durch die nächste Luftschleuse schieben und es würde kein Hahn nach ihnen krähen.“
„Charmant und eloquent wie immer, Commander.“ Kali’s Gesichtsausdruck entsprach ungefähr dem, was man für etwas reservierte, das unter einem feuchten Stein hervorgekrochen kam. Andere im Raum – etwa Ross und Lilja – schienen sehr viel weniger Probleme mit Deckers Ansichten zu haben.
„Nehmen wir Marines-Shuttles mit? Immerhin KÖNNTE es sein, dass die Piraten kapitulieren. Oder es Überlebende in Rettungskapseln gibt.“
Stafford nickte und beantwortete Liljas Frage: „Vier Sturmshuttles werden vorbereitet. Aber sie werden erst später starten. Wir wollen nicht, dass die Piraten misstrauisch werden oder unser Vormarsch verlangsamt wird.“
Decker warf Irons einen Blick zu, der nicht unbedingt wohlwollend sondern eher herausfordernd war: „Wollen Sie eigentlich auch gleich ihr neues Bomber-Spielzeug testen, für das ich mir die Nacht um die Ohren schlagen musste? Wäre doch eine nette Überraschung für unsere Möchtegern-Blackbeards, wenn ihnen die Jäger Atombomben um die Ohren hauen, und die Bomber ein paar Dutzend Langstreckenraketen.“
„Ohne das System gründlich durchzutesten und ausgiebig ‚trocken‘ und an Übungszielen auszuprobieren? Auf keinen Fall.“ Die stellvertretende Geschwaderchefin schüttelte den Kopf und bedachte den Offizier von der Waffenentwicklung mit einem spöttischen Grinsen: „Trotzdem schön zu hören, dass Sie meiner Erfindung vertrauen. Auch wenn es nicht Ihr Leben wäre, das auf dem Spiel stände.“
Decker schnaubte kurz: „Ihrer…Bastelei würde ich unbesehen nicht mal einen Test-Dummie anvertrauen. Aber ich habe es mir erlaubt, Mechanik und Software zu optimieren. Und ich und mein Team machen keine Fehler.“
Diesmal war es Stafford, der husten musste, was vermutlich etwas mit Irons Gesichtsausdruck zu tun hatte: „Nichts desto trotz, heben wir uns DIESE Premiere doch lieber für eine etwas weniger riskante Gelegenheit auf. Es ist schon spannend genug, EINE neue Erfindung zu testen.“
„Wie viele Jäger sollen mit Arrows bestückt werden?“ meldete sich Kano.
„Die Anzahl der potentiellen Ziele ist begrenzt. Außerdem möchte ich nicht alle Eier in einen Korb legen. Bestücken Sie eine Sektion mit Arrows, den Rest mit konventionellen Raketen. Die Auswahl der Piloten…“
„Liegt bei mir, Commander Decker.“ antwortete Kano ruhig aber bestimmt: „Ich kenne meine Untergebenen besser, als jede Statistik oder Bewertung es wiedergeben kann.“
Decker fixierte den jüngeren Offizier ein paar Augenblicke lang wortlos. Dann zuckte er mit den Schultern: „Es ist Ihre Verantwortung. Ich verlange aber, dass mir Ihre Entscheidung vorgelegt wird.“
„Ich…“
„Es sind MEINE Waffen. Stafford, machen Sie ihrem Untergebenen klar, dass Sie es sich nicht mit dem Waffenerprobungsamt der Flotte verscherzen wollen.“
Der Geschwaderchef schnaubte kurz: „Hören Sie, Decker…“
„Wir liefen Ihnen die Waffen, mit denen Sie siegen. Und es ist MEINE Verantwortung, dass diese Waffen effektiv getestet werden. Und wir nicht eine ganze Erprobungsserie wiederholen müssen, weil einer Ihrer Leute Mist gebaut hat.
Wollen Sie die Arrows haben? Jederzeit – aber dann habe ich da mitzureden.“
Stafford schwieg kurz, dann zuckte er mit den Schultern: „Wenn es Sie glücklich macht, kriegen Sie die Namensliste von Nakakura vorgelegt. Aber dann will ich auch eine verdammt gute Begründung haben, falls Sie jemanden ablehnen.“
„Ich werde eine gegebenenfalls nötige Begründung so halten, dass sie auch von…Fachfremden verstanden wird.“
„Kein Wunder, dass Sie nicht häufig auf Partys eingeladen werden.“ Spottete Irons, während Kali abwinkte: „Warten wir doch erst mal, ob Sie mit Ohkas Wahl einverstanden sind, bevor Sie hier auf die Brust trommeln, Decker.“

Bevor Decker das antworten konnte, was ihm anscheinend auf der Zunge lag, schaltete sich Stafford ein: „Ich gehe davon aus, dass Sie der ganzen Operation persönlich beiwohnen wollen.“
„Das ist der Sinn.“
„Und deshalb war das auch keine Frage. Wollen Sie ein Spähshuttle benutzen?“
„Zu langsam und ein zu leichtes Ziel. Ich ziehe es vor, nicht in einer Zielscheibe zu fliegen.“
Es zuckte um Kalis Mundwinkel, aber sie blieb stumm, während Decker fortfuhr: „Geben Sie mir einen Ihrer Rafales. Die sind zwar nicht optimal, aber wenn wir sie mit Sensorpods aufrüsten und die Software anpassen, sollte das gehen.“
„Sie wollen selber fliegen?“ McGill klang überrascht und nicht unbedingt erfreut.
„Wer, glauben Sie denn, testet neue Waffen, bevor wir sie dann unter Gefechtsbedingungen überprüfen lassen?“
„Ein paar Übungs- und Testflüge sind das Eine.“ warf Lilja ein: „Ein Gefechtseinsatz ist etwas völlig anderes.“
„Ihre Fürsorge ist wirklich rührend.“ Spottete Decker.
„Da machen Sie sich mal keine falschen Hoffnungen, Decker. Ich will nur nicht, dass wir permanent auf Sie aufpassen müssen. Oder schlimmer noch, dass Sie uns im falschen Augenblick vor die Rohre fliegen. Wir können keinen Blue-on-Blue gebrauchen. Stimmen Sie mir zu, Commander Stafford?“
Dessen Antwort wurde von Kalis jähem Auflachen übertönt. Lilja musterte die jüngere Pilotin konsterniert, warf dem Geschwaderchef dann einen kurzen Blick zu und errötet beinahe. Der tat ihr den Gefallen, ihre Bemerkung nicht als Anspielung darauf zu verstehen, dass er selber in einen Friendly-Fire-Vorfall verwickelt gewesen war. Irons hingegen warf sowohl Lilja als auch Kali einen höchst unheilverkündenden Blick zu, dessen Wirkung freilich ungewiss blieb.
Decker verstand diese Szene entweder nicht oder wollte sie nicht verstehen: „Ich weiß nicht, worum es geht, aber ich bin sicher, dass es unheimlich witzig ist. Aber um auf Lieutenant Commander Pawlitschenkos Frage zurückzukommen…Ich habe bereits Copiloteinsätze unter Gefechtsbedingungen absolviert. Auf Pandora. Es ging um den Test von Gefechtselektronik und Aufklärungssensoren. Und JA, dabei geriet ich auch unter Feindbeschuss.“
„Man hat einen COMMANDER der Waffenabteilung in Guerillaterritorium geschickt?“ McGill klang mehr als etwas ungläubig.
„Ich bin nicht als Commander geboren worden. Damals war ich Lieutenant.“
„Und vermutlich auch schon ein Arschloch…“ murmelte Kali Ohka zu, der sich eine Antwort sparte, während Decker in diesem arrogant-ungeduldigen Tonfall fortfuhr, den er so gut beherrschte: „Ich hoffe, das reicht als Qualifikation.“
Stafford überlegte kurz: „Selber sind Sie aber noch keine Kampfeinsätze geflogen?"
"Ich sagte doch..."
"Dann tut es mir leid. Sie können gerne in einer Rafale mitfliegen, aber sie übernehmen nicht das Steuer. So können Sie sich auf ihre Messungen konzentrieren und müssen nicht gleichzeitig auch noch darauf achten, am Leben zu bleiben."
"Hören Sie..."
"Nein, was das angeht hören SIE auf MICH. Sie sind zu wertvoll um zu riskieren, dass irgendein Weltraumgangster Sie aus dem All pustet, weil Sie gerade abgelenkt sind. Das ist mein letztes Wort."
"Darf ich Sie daran erinnern, COMMANDER, dass mein Dienstrang und mein Auftrag..."
"Und darf ich Sie daran erinnern, dass es immer noch MEIN Geschwader ist? Die Planung des Einsatzes liegt immer noch bei mir. Ebenso wie die Verantwortung für meine Piloten und die Sicherheit aller Beteiligten, Sie eingeschlossen. Wenn es Sie glücklich macht, können Sie Ihren Protest vermerken lassen."
Die übrigen Offiziere verfolgten den Schlagabtausch wie ein Ballspiel.
"Da Sie schon mit den Verantwortlichkeiten kommen, darf ich Sie daran erinnern, dass ich den Einsatz der Arrows auch aussetzen könnte?"
"Kommen Sie Decker! Wir wissen beide, dass Sie ihre Wunderwaffen unbedingt testen wollen. Und eine solche Gelegenheit finden wir nicht noch einmal bevor wir den Peshten-Raum erreichen. Wollen Sie diese Chance verstreichen lassen?"
der Waffenoffizier schwieg einige Sekunden lang, während Ego und Professionalität miteinander rangen. Dann nickte er wiederwillig: "Also gut. Aber ich kann nur hoffen, dass ihr Pilot auch wirklich etwas drauf hat, denn ich will den Lenkwaffeneinsatz aus nächster Nähe beobachten."
"Meine Leute sind Profis." antwortete McGill knapp: "Sie sagen, wohin sie wollen, und wir bringen sie sicher hin. Und auch wieder zurück."
Stafford nickte kurz: "Da das nun geklärt ist kommen wir zu den taktischen Details des Einsatzes…“

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„Wer weder sich selbst noch den Feind kennt, der wird niemals siegen. Wer sich selbst oder seinen Feind kennt, der wird manchmal siegen. Wer aber sich selbst und den Feind kennt, der wird immer siegen.“
Der antike Akarii-General Gorlan Rikata

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Im Hangar des republikanischen Flottenträgers COLUMBIA bereiteten sich die Piloten der ANGRY ANGELS auf die Schlacht vor. Kampfflieger wurden betankt, mit Raketen, Zusatztanks und Marschflugkörpern bestückt und ein letztes Mal auf Herz und Nieren geprüft. Besondere Aufmerksamkeit erfuhren die acht Arrow-Atomraketen, die eine Sektion Nighthawks der Schwarzen Staffel in die kommende Schlacht tragen sollte. Commander Decker, der binnen kürzester Zeit den Ruf eines sprichwörtlichen Schmerz im Steiß erworben hatte, überwachte die Wartung und den Ladeprozess seiner ‚Schmuckstücke‘ mit Argusaugen und sparte nicht mit zwar nicht unbegründeten aber meist unwillkommenen Anweisungen. Einer der Gründe, warum Kano einen gewissen Abstand hielt. Langsam hatte er genug von dem Mann, auch wenn er nicht bestreiten konnte, dass er sein Handwerk verstand und ihm der Erfolg seiner Mission am Herzen lag. Wenn Decker nur auch ein Mindestmaß an Geduld und Verbindlichkeit mitgebracht hätte…
Der zweite Grund für Kanos selbstgewählten Abstand zu Commander Decker war allerdings ein bisschen egoistisch. Er nahm es ihm übel, dass er ausgerechnet Kano von der Liste der vier Arrow-Träger gestrichen hatte. Oh, er hatte dafür Gründe genannt – dass Kano als Kommandeur der Staffel sich auf die Koordinierung der Einheit konzentrieren solle, dass seine Ergebnisse beim Raketeneinsatz meistens nur mittelmäßig waren, und dass Decker einen Piloten wie Kano lieber als zusätzlichen Geleitschutz denn als Marschflugkörper-Träger sehen würde. Kanos Gegenargument, dass er immerhin schon zwei (erfolgreiche) Einsätze mit einem Jagdbomber geflogen hatte, hatte Decker natürlich nicht gelten lassen.

Also hatte Kano wohl oder übel noch einmal umdirigieren müssen. Die vier Piloten, die nun die Arrows tragen sollten, waren Phoenix, Bunny, La Reine und Huntress.
Die ersten drei waren ohnehin Kanos erste Wahl gewesen. Phoenix hatte als ehemaliger Marineskorps-Pilot bereits Erfahrung mit Kampffliegereinsätzen, wenn auch in der Regel nur gegen Bodenziele. Wie Bunny prädestinierten ihn zudem seine ruhige, überlegte Flugweise für den Einsatz, der angesichts der langen Aufschaltzeit der Flugkörper und der durch sie bedingten schwerfälligeren Flugweise Kaltblütigkeit und viel Erfahrung verlangte. La Reine war zwar ein Feuerkopf, aber inzwischen eine der erfahrensten Pilotinnen der Staffel, die besonders für ihre ruhige Hand bekannt war. Und was Kanos ‚Ersatzfrau‘ und Stellvertreterin Huntress anging…
Sie flog aggressiv aber immer beherrscht, mit schnellen Reflexen, sicherem Auge und einer hervorragenden Intuition. Dass sie und La Reine nicht gut miteinander auskamen, war bedauerlich, aber Kano hoffte, dass sie das auch bei diesem Einsatz beiseitelegen konnten.

Im Hangar herrschte die übliche Mischung aus Angst, Nervosität und Erwartung, die die meisten Piloten vor einem Kampfeinsatz verspürten. Was ungewöhnlich war, war der zuversichtliche, bei manchen fast aufgekratzte Unterton. Immerhin ging es diesmal gegen einen klar unterlegenen Feind, der weder technologisch noch an Zahl eine Chance haben würde. Eine angenehme Abwechslung zu vielen Schlachten mit den Akarii. Und deshalb fühlte Kano auch einen ungewöhnlichen Unterton in der im Hangar herrschenden Stimmung. Heute war da eine fast übermütige Zuversicht.
Vielleicht war das auch einer der Gründe gewesen, warum Stafford diesen Einsatz so schnell und umstandslos abgenickt hatte. Ein einfacher Sieg würde viele Niederlagen und blutige Patts der jüngsten Vergangenheit vergessen machen. ‚Solange wir jetzt oder in der Zukunft dadurch nicht ZU übermütig werden.‘ Kano nahm sich vor, die Männer und Frauen in seiner Staffel noch einmal daran zu erinnern, dass jeder Gegner – auch wenn es nur Piraten waren – ernstgenommen werden musste.
Offenbar war er allerdings nicht der einzige im Hangar, der sich nicht von der Aussicht auf einen leichten Sieg mitreißen ließ, denn Kano sah, dass Decker nach der Bestückung der ARROWS-Marschflugkörper den Weg zu ‚seiner‘ Maschine gefunden hatte – eine der Rafales der Bronze-Staffel, deren elektronische Aufrüstung nach Deckers Vorgaben vor einer halben Stunde abgeschlossen worden war. Der Commander stand neben der Leiter, die zum Cockpit führte und war seinen Gesten zufolge offenbar damit beschäftigt, Ace die Leviten zu lesen. Kurz zuckte es um Kanos Mundwinkel: ‚Besser er als ich.‘ Es war eine angenehme Abwechslung, wenn Decker seinen ‚Charme‘ auf jemand anderen konzentrierte.

Kano fuhr unwillkürlich zusammen, als ihn jemand anrempelte. Es überraschte ihn allerdings nicht, dass es Kali war, der es gelungen war, ihn zu überraschen: „Du lässt nach, Samurai.“
„Du kennst mich einfach zu gut.“
Sie grinste kurz: „Das möchte ich doch wohl hoffen. Falls du es nicht nur im biblischen Sinne meinst…“
Kano verdrehte kurz die Augen: „Nicht gerade DAS Buch, nach dem ich mein Leben ausrichte. Du übrigens auch nicht.“
Übergangslos wurde sie ernst: „Eine Menge Jungs und Mädchen auf der Skalpjagd, heute.“
„Dir ist es also auch schon aufgefallen.“
„Wir werden wohl ein bisschen aufpassen müssen, dass niemand zu übermütig wird.“ Sie warf verstohlen Decker und dann auch noch dem Geschwaderchef einen Blick zu: „Und ich meine NIEMAND.“ Kano kommentierte das nicht, er wusste, dass Kali wie viele der Angry Angels-Veteranen immer noch leichte Vorurteile gegenüber Stafford hegte. ‚Vielleicht bessert sich das ja, wenn er sich bei seiner ersten Kampfmission in unserem Geschwader bewährt.‘ Kano sah aus den Blickwinkel, wie Lilja die Piloten ihrer Staffel um sich versammelt hatte und ihnen mit energischen Gesten letzte Anweisungen gab. ‚Offenbar sind wir nicht die einzigen, die das nicht auf die leichte Schulter nehmen.‘ „Wir werden einfach ein waches Auge auf die Hitzköpfe haben müssen. Und immerhin, wir sind dem Gegner weit überlegen.“
„Sagt der Geheimdienst. Und wir wissen ja alle, dass der sich noch NIE geirrt hat.“
„Gutes Argument.“
Kano berührte ihn kurz an der Schulter – vermutlich die intimste Art der Berührung, die für die verklemmten Richtlinien der TSN gerade noch statthaft war: „Aber es ist ein verdammt gutes Gefühl, wieder bei der Truppe zu sein. Zusammen zu fliegen.“ Kano wusste, dass sie jetzt nicht nur die Angry Angels meinte. Er lächelte und erwiderte die Geste: „Wir sehen uns dann am Boden.“
„Wir sehen uns am Boden.“
In diesem täuschend banalen Satz lag sehr viel mehr als die Worte aussagen. Denn es schwang auch ein ‚Bleib am Leben.‘ und die Bitte ‚Komm zu mir zurück…‘ mit. Das wussten sie beide – und deshalb gab es auch nichts mehr zu sagen.

Wenige Minuten später war es Kano, der seine Untergebene um sich versammelte: „Unsere Aufgabe kennen Sie ja bereits. Hier noch ein paar Einzelheiten. Dodson hat darauf bestanden, dass die Arrows-Maschinen als letzte starten.“
La Reine schnaubte nur und Huntress grinste spöttisch: „Noch jemand, den unser Freund vom Waffenerprobungsamt auf die lange Liste seiner ‚persönlichen Freunde‘ geschickt hat? Decker sollte echt lernen, dass er so seine Tanzkarte niemals vollbekommt.“
„Um diese Anspielung zu verstehen fehlt mir vermutlich Ihre Erziehung.“ Bemerkte Kano lakonisch: „Es geht darum, dass der Hangar dann leer ist. Sollte es Probleme beim Start geben, hält das nicht die anderen Einheiten auf, die notfalls auch den Einsatz alleine durchziehen können. Und sollten die Probleme…ernsthafter sein, dann ist es gut, wenn der Hangar so leer wie möglich ist.“ Bei einigen der Veteranen verdüsterten sich kurz die Gesichter. Vermutlich erinnerten sie sich wie Kano daran erinnerten wie ein ein Unfall – der tödliche Zusammenstoß zwischen Monty und Renegade oder in einem anderen Fall eine durch Sabotage zur Explosion gebrachte Rumkampfrakete – einen kompletten Hangar lahmgelegt und zahlreiche Tote und Verletzte gefordert hatten. Falls allerdings eine der Arrows explodieren sollten…
‚Das könnte den halben Träger auseinanderreißen.‘ Unter diesen Gesichtspunkten betrachtet verstand er sowohl Dodson Bedenken als auch Deckers nervige Kontrollsucht. Aber das lag nicht in ihren Händen – und Kano war froh darüber: „Sobald wir alle Draußen sind, Flug in offener Formation. Da wir keinen direkten Kurs fliegen, sollten Sie sich auf einen längeren Einsatz gefasst machen.“
„Was ist eigentlich mit Sturm- oder Bergungsshuttles? Werden wir die Station erobern und durchsuchen, oder einfach in die Luft jagen? Und Immerhin KÖNNTE es beim Gegner auch Überlebende…“ Marat sprach es nicht aus, aber Kano vermutete, dass es ihm nicht nur darum ging, ausgestiegene PIRATEN aufzusammeln.
„Wenn wir Shuttles mitnehmen, würde uns dies sehr verlangsamen und den Gegner vermutlich frühzeitig vorwarnen. Immerhin sollen sie glauben, dass wir nur eine Übung fliegen – und dabei sind nur selten Shuttles dabei. Die Shuttles werden mit Zeitverzögerung starten und uns auf direktem Weg folgen. Dann wird es für die Piraten zu spät sein, um noch zu flüchten.“
„Und Sie glauben wirklich, dass diese Halsabschneider auf unsere Scharade reinfallen?“ Sugar machte kein Geheimnis aus ihrer Skepsis.
„Das ist der Plan. Und falls sie es nicht tun…“, Kano überraschte sich und seine Untergebenen mit einem grimmigen Lächeln: „Haben wir Befehl, die Bomber zurückzulassen und ohne sie auf die Jagd zu gehen. Dann liegt es also ganz und gar bei uns, die Schiffe zu stellen und zu vernichten. Das heißt, wir jagen sie, bis wir sie haben. Wenn es sein muss bis zum Sprungpunkt. Ich möchte den Frachter sehen, der uns entkommen kann.“
„Falls Sie sich nicht aufteilen oder im Asteroidenfeld verstecken.“ warf Phoenix ein.
Huntress winkte ab, ausnahmsweise derselben Meinung wie ihr Vorgesetzter: „Den Frachter möchte ich sehen, der uns entkommen oder vor uns verbergen kann. Das sind keine Akarii-Kriegsraumer oder auf Heimlichkeit gebaute Aufklärungseinheiten. Wir reden hier von total veralteten, überladenen und vermutlich seit Jahren nicht mehr richtig gewarteten Frachtern, die eine deutlichere Spur hinterlassen als ein wrackgeschossener Akarii-Träger.“
Tatsächlich war sich Kano da nicht so ganz sicher. Eine erfahrene Crew und ein fähiger Kapitän konnten einen leichten Frachter tatsächlich in einem Asteroidenfeld verbergen – wenn sie genug Zeit hatten. Aber die würden die Piraten nicht haben. Außerdem war ihm etwas anderes wichtiger: „Ich weiß Ihre Zuversicht zu schätzen, Lieutenant. Aber vergessen Sie nicht – vergessen Sie alle nicht – dass wir diesen Gegner nicht unterschätzen sollten, auch wenn er unterlegen ist. Rechnen wir mit heftigem Widerstand. Die Piraten wissen, was sie erwartet und entsprechend verbissen werden sie kämpfen. Passen Sie auf ihre Kameraden auf, seien Sie wachsam – und kommen Sie alle heil wieder zurück. Viel Glück.“
Kaum zwanzig Minuten später schleuderten die Katapulte der COLUMBIA Kanos Raumjäger ins All.

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